Interview zum Thema Komplementärberatung Martin Hillebrand ...
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<strong>Interview</strong> <strong>zum</strong> <strong>Thema</strong> <strong>Komplementärberatung</strong><br />
<strong>Martin</strong> <strong>Hillebrand</strong>, Königswieser & Network, Wien<br />
Augsburg, den 31.8.2007<br />
Wozu brauchen Unternehmen Beratung?<br />
Organisationen nehmen aus den unterschiedlichsten Gründen eine Beratung in<br />
Anspruch. Wenden sie sich an einen systemischen Berater, so sind die<br />
Organisationen meist auf der Suche nach neuen Perspektiven und Möglichkeiten.<br />
Die Fachberatung wird hingegen eher bei inhaltlichem Know-how konsultiert. Für<br />
beide Fälle gilt jedoch: Das Unternehmen sucht Rat in einer als unsicher<br />
empfundenen Situation. Eine neuere Entwicklung ist zudem, dass sich<br />
Organisationen auch externe Beratungsunterstützung in der Personal- und<br />
Unternehmensentwicklung wünschen – dies ist ein eigener, großer Bereich in der<br />
Organisationsberatung.<br />
Was sind heute und in Zukunft die wichtigsten Erwartungen bezüglich<br />
Beratung von Klientenseite?<br />
Es gibt zwei große Themen, die gesellschaftlich und damit auch für Organisationen<br />
relevant sind: Die Sehnsucht nach Integration und die Reduktion von Komplexität.<br />
Berater müssen auf diese Themen vorbereitet und in der Lage sein, die Zukunft<br />
mitzugestalten. Voraussetzung hierfür ist wiederum, dass sie eben auch das<br />
Business verstehen.<br />
Wenn wir die beiden Pole, einerseits die Expertenberatung auf der anderen<br />
Seite die systemische Prozessberatung, betrachten, wo liegen die Potenziale<br />
und Grenzen dieser Ansätze?<br />
Ich glaube, der größte Nutzen der Fachberatung für die Kunden liegt im Know-how-<br />
Transfer und der Kompetenzerweiterung, mit denen externe Marktkenntnisse dazu<br />
gewonnen werden können. Das Risiko ist, in eine Benchmark-Situation zu kommen<br />
und letztlich nur genau so gut zu sein wie die anderen.
Die große Stärke der Prozessberater ist es, einen unabhängigen Außenblick in die<br />
Organisationen zu tragen und den Fokus glaubwürdig auf Sinndimensionen zu<br />
lenken. Der Nachteil der systemischen Berater ist, dass sie das Image haben, sehr<br />
weich und geschäftsfremd zu sein. Sollte sich der systemische Ansatz in den<br />
nächsten zehn Jahren nicht ändern, glaube ich persönlich nicht, dass systemische<br />
Beratung noch einen Marktzuwachs haben wird – sie wird ein Nischenmarkt sein.<br />
Heute schätzt man den Anteil der Prozessberatung im deutschsprachigen<br />
Raum auf ca. 3 bis 4 %. Wie wird sich der Beratungsmarkt diesbezüglich in den<br />
nächsten 10 Jahren verhalten?<br />
Ich glaube, wir werden noch unterschiedlichere Formen der Beratung erleben. Reine<br />
systemische Beratung wird in zehn Jahren vermutlich einen Anteil von zwei Prozent<br />
ausmachen, Tendenz stagnierend oder abnehmend. Die Strategieberatung wird<br />
meiner Meinung nach weiterhin ein großes Marktsegment sein. Spannend ist, dass<br />
neue Formen der Beratung an Platz gewinnen werden. Meine Schätzung wäre, dass<br />
die <strong>Komplementärberatung</strong> oder andere Beratungsformen, die Rudi Wimmer und<br />
Reinhart Nagel inzwischen den «Dritten Weg» nennen, in zehn Jahren sogar etwa<br />
20 Prozent betragen werden. Mir ist bewusst, dass dies eine mutige Aussage ist,<br />
aber gleichzeitig ist diese Einschätzung auch die Vision von Königswieser & Network<br />
– durchaus mit dem Anspruch auf Realisierung.<br />
Königswieser & Network hat sich heute als starke Marke im Nischenmarkt der<br />
systemischen Beratung positioniert. Sind Ihre Anstrengungen zur Integration<br />
von Fach- und Prozessberatung nicht auch gefährlich, da diese<br />
möglicherweise zu einer Verwässerung der Marke führen können?<br />
Ja, dieses Risiko besteht. Ich persönlich denke, dass Königswieser & Network in den<br />
nächsten fünf bis zehn Jahren die Wiesen auf dem systemischen Feld gemäht und<br />
dort lustvolle Prozesse erlebt hat. Unsere Aufgabe ist es aber auch, sich<br />
weiterzuentwickeln und zu verändern. Sonst würden wir auch an der Realität von<br />
Organisationen vorbeispielen. Wir sind verrückt genug, dieses Pioniertum<br />
einzugehen und damit auch verrückt genug, im Zweifel damit zu scheitern. Ich fände<br />
es bitterer, zehn Jahre stehen zu bleiben und dann einzusacken, als mit einer Idee<br />
zu scheitern, an die man geglaubt hat. Mir fällt in unserem Gespräch gerade auf,<br />
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dass dies auch eine spannende Haltungsfrage ist. Es geht ja darum, was ich<br />
bewahre und was ich verändere, also Veränderungsdimensionen und<br />
Weiterentwicklung. Ich glaube, da hat sich die systemische Organisationsberatung in<br />
den letzten fünf Jahren wenig weiterentwickelt. Dennoch: Trotz einer gewissen<br />
Stagnation gibt es in der systemischen Beraterszene auch Köpfe, die mit- und<br />
weiterdenken – Wimmer, Fatzer oder Sutrich sind nur einige dieser Menschen, die<br />
auf demselben Themenfeld tätig sind. Was ich außerdem spannend finde ist, dass<br />
uns der Begriff <strong>Komplementärberatung</strong>, den wir geprägt haben, immer häufiger<br />
begegnet. Das zeigt, dass wir <strong>zum</strong>indest im systemischen Markt bereits eine Wirkung<br />
haben. Und es gärt: Wir mussten uns schon häufig den Vorwurf anhören, neuen<br />
Wein in alten Schläuchen zu verkaufen, nur um eine neue Marke zu prägen. Ich finde<br />
auch die Kritik von Kollegen spannend, die sagen: „Das machen wir schon seit zehn<br />
Jahren.“ Denn wenn sie dies tatsächlich seit zehn Jahren machen, dann machen sie<br />
keine systemische Beratung. Warum? Die Grundhaltung in der systemischen<br />
Beratung ist, dass in einer Organisation alles Wissen vorhanden ist – als Berater<br />
muss ich also kein eigenes Wissen hinzugeben. Dies ist der primäre Unterschied, der<br />
in der komplementären Beratung als Kompensationsmechanismus existiert.<br />
Gunthard Weber hat einmal gesagt, die paradoxe Intervention wäre eine Befreiung,<br />
weil endlich einmal gesagt werden dürfe, was wirklich gedacht würde. So kommt mir<br />
auch die <strong>Komplementärberatung</strong> vor: Sie ist Befreiung für viele Berater, die endlich<br />
das zeigen dürfen, was sie an Fach-Know-how besitzen. Bei der<br />
<strong>Komplementärberatung</strong> gibt es aber auch eine besondere Sorgsamkeit. Gunthard<br />
Weber sagt: „Es kann nicht sein, dass es nur um die Befreiungsdimension geht,<br />
sondern auch um das, was die Intervention bewirkt“. Und so geht es bei der<br />
<strong>Komplementärberatung</strong> nicht darum, das eigene Wissen in den Vordergrund zu<br />
stellen, sondern im Sinne von Kompensation nur das zu tun, was für die Organisation<br />
gut ist.<br />
Wenn ich Sie richtig verstehe, sehen Sie <strong>Komplementärberatung</strong> als<br />
Möglichkeit, sich aus den Fesseln der eigenen Paradigmen zu befreien?<br />
Ich habe nicht den Eindruck, dass wir in verkrusteten Prometheusbetten liegen und<br />
eine Befreiung brauchen. Ich glaube, es geht um eine Weiterentwicklung, aber schon<br />
auch darum, Zwänge aufzulösen. Und schließlich gibt es auch lustvolle Dinge, wie<br />
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eispielsweise sich über fachliche Themen auszutauschen, ohne die<br />
Kommunikation darüber zurückzuhalten. Und neben vielerlei Weiterentwicklung und<br />
Veränderung haben wir auch eine ganz klare Bewahrungstendenz: Unsere<br />
systemische Haltung. Dies ist unsere Basis und diese werden wir – so glaube ich –<br />
nicht verändern.<br />
Auf meiner Suche nach Fallstudien, bin ich auf wenig Erfolgsgeschichten<br />
gestoßen. Vielmehr zeugen viele Berichte von ungenügender Abstimmung<br />
oder gar massiven Konflikten.<br />
Es ist eine sehr schwierige Frage, was in der Beratung überhaupt ein Arbeitserfolg<br />
ist. Ich würde auch gerne einen Benchmark zwischen systemischen Projekten und<br />
reinen Fachprojekten haben. Ich schätze sehr, dass Kollegen wie Wimmer, Nagel,<br />
Fatzer, Moldasch oder Sutrich in der Vergangenheit auf diese Schwierigkeiten<br />
aufmerksam gemacht haben. Wenn ich mir Medien wie ZOE für die Systemiker oder<br />
die Financial Times-Beilage für die Fachberater anschaue, sind da nur<br />
Erfolgsgeschichten, die erzählt werden – das finde ich schade. Von Selvini Palazzoli<br />
haben wir gelernt, dass wir gerade aus Fehlern lernen. Von daher wäre mein Blick<br />
auf die Lage nicht so pessimistisch. Ich glaube, der Konflikt zwischen Fach- und<br />
Prozessberatern ist natürlich schon ein schwieriger. Wir bewegen uns in einem<br />
Transformationsprozess, wo wir mit sehr starken Kräften und sehr starken Identitäten<br />
arbeiten. Berater selber haben ja etwas hoch Narzisstisches und in beiden Lagern<br />
gibt es starke Werte, Haltungen, „Glaubenssätze“ und „Glaubensgemeinschaften“.<br />
Das macht die Konflikte schon sehr scharf und pointiert. Spannend finde ich, dass<br />
diese Konflikte im Themenbereich Strategie hingegen gar nicht so groß sind. Die<br />
Ansätze von Wimmer/Nagel, Mintzberg, Schulte-Derne oder auch der unsere liegen<br />
hier nicht so weit auseinander.<br />
Weshalb ist die Verständigung im Strategiebereich einfacher?<br />
Ich glaube, weil der Blick auf unterschiedliche Umwelten von allen Seiten eingeübter<br />
ist. Multiperspektivität und Realitätskonstruktion haben in der Zukunft eine<br />
gemeinsame Logik. Und auch bei der Erarbeitung kann man sich leichter gemeinsam<br />
finden. Für die Themen Entwicklung und Zukunft ist dies vielleicht einfacher als für<br />
Themen wie Kultur oder Operations, die einen stärkeren Rückwärtsblick verlangen.<br />
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Während die Expertenberatung primär die Verantwortung für die Inhalte und<br />
Resultate zu übernehmen proklamiert, fokussiert die systemische Beratung auf<br />
die Prozessgestaltung und -kontrolle. Wie geht dies mit dem<br />
Erfolgsversprechen einher, welches Sie Ihren Klienten abgeben?<br />
Ich glaube nicht, dass Fachberater tatsächlich die Verantwortung für das<br />
Projektergebnis in dieser Schärfe übernehmen. Es entspricht <strong>zum</strong>indest nicht meiner<br />
Erfahrung, dass sie Verantwortung über einen längeren Zeitraum übernehmen,<br />
beispielsweise über drei Jahre auf einem Asset von 15 Prozent Kosteneinsparung.<br />
Die Einzigen, die im Moment sehr aggressiv auf dem deutschsprachigen Markt<br />
unterwegs sind, sind Dröge & Company. Spannenderweise sind sie, <strong>zum</strong>indest was<br />
ich aus der Branche höre, im Moment eher mit Schwierigkeiten konfrontiert. Und dies<br />
in einer Zeit, wo <strong>zum</strong>indest im bundesrepublikanischen Markt wieder von Visionen<br />
und Zukunft die Rede ist. Viele machen momentan nur noch Light-<br />
Prozessoptimierungen. Von daher glaube ich nicht, dass Fachberater letztendlich die<br />
Verantwortung für das Projektergebnis übernehmen. Auch nicht, dass die Systemiker<br />
diese Ergebnisse in der Organisationsberatung haben, wie es in der Theorie<br />
beschrieben wird. Wenn ich nämlich vor der Beratung das Versprechen abgebe, das<br />
Führungskultur danach anders wird, habe ich auch dafür zu sorgen. Wir arbeiten mit<br />
einem Zielkorridor. Die Frage ist: „Was sind die Ziele, wie messen und controllen wir<br />
diese?“ Diese Logik habe ich schon. Die Logik, dass wir für den Erfolg jeder<br />
Organisation, die wir begleiten, verantwortlich sind, habe ich jedoch nicht. Als wir<br />
<strong>zum</strong> Spaß in einem Jahr alle Companys übereinandergelegt haben, für die wir<br />
arbeiten, haben wir einen durchschnittlichen Anstieg ihrer Aktien von 25 Prozenten<br />
festgestellt. Ich glaube aber nicht, dass wir alleine dafür verantwortlich waren. Da<br />
wäre ich sehr vorsichtig, was Ursache- und Wirkungsketten angeht.<br />
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Beratungsprojekte und wie stellen Sie die<br />
Nachhaltigkeit sicher?<br />
Es gibt zwei Dimensionen, auf die man achten muss. Wir haben vereinbarte<br />
Projektziele, die sich in der Auftragsklärung niederschlagen, die wir dokumentiert<br />
haben und hinterher mit dem Kunden anschauen. Die sind jedoch nicht so weich, wie<br />
man den Systemikern nachsagt. Da gibt es Themen, die man durchaus mit<br />
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messbaren Kriterien hinterlegen kann, z.B. die Zufriedenheit der Führungskräfte oder<br />
der Grad der Umsetzung einer Strategie. Und da haben wir teilweise bessere<br />
Kriterien als Horvath & Partner im Bereich Potenziale oder Mitarbeiter, die ja eher als<br />
„Hardcore“-Berater gelten. Wenn ich höre, dass sich die Potenziale erhöht haben,<br />
wenn das Weiterbildungsbudget von 15 auf 18 Millionen Euro gestiegen ist, dann<br />
denke ich: „Großartig, das kriege ich mit meinem Beraterbudget auch hin.“ Das<br />
Budget um drei Millionen Euro zu erhöhen, ist nicht wirklich das, was ich verändert<br />
habe in der Organisation. Wenn in unseren Zielen steht, dass es darum geht, die<br />
Gesprächsbereitschaft zwischen Mitarbeitern und Führungskräften wieder<br />
herzustellen, dann zeigt sich dies beispielsweise in unseren Dialogforen. Selbst die<br />
World Health Organization (WHO) hat ja mal so hübsch gesagt: „Die weichen<br />
Faktoren sind die harten Faktoren.“ Diese sind oft schwerer nachhaltig zu bewegen,<br />
als kurzfristig den EBIT einer Organisation zu verändern. Den Gewinn einer<br />
Company kann ich eben so gestalten und messen, wie ich eine<br />
Führungskräfteentwicklung gestalten und messen kann.<br />
Wenn wir von <strong>Komplementärberatung</strong> sprechen, geht es dann um eine<br />
Methodik, eine neue Beratungsform oder der Nahtstelle, wo sich Experten- und<br />
Prozessberatung abstimmen?<br />
Für uns geht es um einen Innovationsschub. Es geht um eine Methodik und eine<br />
Haltungsänderung und das beinhaltet eine neue Marktpositionierung. Für uns heißt<br />
<strong>Komplementärberatung</strong> das Zusammenspiel von Fach- und Prozessberatung, was<br />
mehr ist als eine punktuelle Übergabe. Es hat etwas Gemeinschaftliches oder in<br />
Anführungsstrichen auch „harmonischeres“, „holistischeres“ als den momentanen<br />
Status Quo in der Zusammenarbeit zwischen Fach- und Prozessberatung, die ja<br />
eher sequentiell als parallel funktioniert. Das rein Parallele ist jedoch nicht der<br />
Mehrwert. Es geht darum, aus Fach- und Prozessberatung etwas Neues zu<br />
schöpfen, was im Lewinschen oder Wertheimerischen Sinne mehr als die Summe<br />
der Einzelteile ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht um Markenaufbau,<br />
Positionierung und Methodenentwicklung geht. Das heißt jedoch auch, dass es um<br />
Weiterentwicklung von Berateridentität geht. Im Vordergrund steht aber der Mehrwert<br />
für den Kunden.<br />
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Wenn man auf methodischer Ebene die Organisation größerer<br />
<strong>Komplementärberatung</strong>sprozesse anschaut, sind es dann die Expertenberater,<br />
die Prozessberater oder Dritte, welchen einen derartigen Prozess am besten<br />
führen?<br />
Ich glaube, es geht darum, für unterschiedliche Themen unterschiedliche Personen<br />
im Lead zu haben. Es kann natürlich auch Fachberatungsthemen geben, wo nur<br />
Fachberater im Einsatz sind. Hierfür sind wir die falsche Adresse, da wir nicht so<br />
viele Fachberater haben und vom Markt her für Fachberatungsthemen nicht<br />
angefragt werden. Aus diesem Grunde haben bei uns die systemischen Berater<br />
meist den Lead – aber nicht aus Arroganz! Wir generieren mit unserem Namen bzw.<br />
mit der Positionierung unserer Marke eher systemische Anfragen. Es würde uns<br />
jedoch freuen, wenn uns mal jemand beispielsweise für ein Personalthema anfragen<br />
würde. Bei uns ist also sehr oft der Systemiker in der Führungsrolle, dies muss<br />
jedoch nicht die Grundlogik sein. Wir hoffen, dass wir in zehn Jahren die Hälfte der<br />
Anfragen auf der Fachberatungsseite haben. Dies wäre der wünschenswerte Weg.<br />
Und wir waren auch an Kooperationen beteiligt, in denen wir nicht die Führung<br />
hatten.<br />
Was für Erfahrungen haben Sie damit gemacht?<br />
Das Schwierigste war, dass wir in einem konkreten Fall als „Wunderwaffe“<br />
mitgenommen worden sind, welche alle Probleme lösen sollte, die die Fachberater<br />
nicht lösen konnten. In so einem Fall muss man sehr sorgsam sein. Ich denke, man<br />
braucht im Projekt eine Anfangssituation, in der man nicht aus Not ins Boot geholt<br />
wird. Die Frage ist, wann wir „Systemiker“ die Fachberater einbeziehen. Wenn ich in<br />
Not bin oder in einer Situation, wo ich sage: Na großartig, jetzt können wir<br />
gemeinsam gestalten. Dies ist der elementare Unterschied. Ich brauche eine<br />
Situation, in der ich kollektiv gemeinsam etwas entwickeln kann.<br />
Heute treffe ich Manager, die sich mittlerweilen in systemischen<br />
Organisationsaufstellungen tummeln. Kann man von einer neuen<br />
Managergeneration sprechen?<br />
Wenn ich es differenziert betrachte, würde ich mir das Top-Management und die<br />
Leute um die 40 Jahre anschauen. Ich glaube, das Top-Management fühlt sich<br />
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teilweise alleine und sehr verlassen. Jemand sagte mir in diesem Zusammenhang:<br />
„Ich dachte, wenn ich Vorstand werde könne ich die Karre lenken, aber das Einzige<br />
was ich mache, ist auf Schienen zu fahren und Kohlen aus dem Tender in den Ofen<br />
zu schaufeln.“ Es existiert also eine Illusion, auf der Vorderbühne des Top-<br />
Managements wirklich etwas zu gestalten. Da gibt es große Dilemmata und<br />
Schwierigkeiten, die auch mit Abstumpfungstendenzen im Top-Management<br />
einhergehen. Das <strong>Interview</strong> von Thomas Sattelberger, inzwischen Arbeitsdirektor der<br />
Deutschen Telekom, in „Essenzen der systemischen Organisationsberatung“ von<br />
Roswita Königswieser ist ja ein Paradebeispiel dafür, wie einer der erfolgreichsten<br />
Personalmanager der Bundesrepublik hingeführt wird zu seinen eigenen Wurzeln.<br />
Auf der Ebene der Nachwuchsführungskräfte beobachte ich, dass wir Leute mit einer<br />
gewissen Härte haben, die auf der anderen Seite auch ein systemisches Interesse<br />
haben. Ich erlebe, dass einige von ihnen sagen: „Na ja, ich schlage mich eher auf die<br />
Seite der harten Entscheidungen und zieh das finanzwirtschaftlich durch“ und auf der<br />
anderen Seite, dass sich hochbegabte Führungskräfte fragen: „Wie lange tue ich mir<br />
den Scheiss noch an?“ Ich habe bei einem großen Flugzeugbauer eine Situation<br />
erlebt, wo einer der Mitarbeiter gesagt hat: „Worum soll ich Führungskraft werden,<br />
wenn ich als Konstrukteur in den nächsten Jahre einen sicheren Job haben werde<br />
und das tun kann, was ich gerne mache?“ „Wenn ich Führungskraft werde, kann ich<br />
mir angucken, wie Führungskräfte in den letzten zehn Jahren behandelt worden sind<br />
und dann weiß ich, ich arbeite doppelt so viel, kriege 30 Prozent mehr Gehalt, bin<br />
jedoch insgesamt 40 Prozent unzufriedener.“ Ich würde den jungen Managern die<br />
Sehnsucht nach Langfristigkeit nicht absprechen, sondern sehe an dieser Stelle eher<br />
nüchternen Pragmatismus, immer gepaart mit der Frage: „Will ich das oder mache<br />
ich etwas anderes?“ Ich glaube, der Wirklichkeitsrahmen dieser Jungen ist ein<br />
anderer als derjenige der Alten. Da sehe ich einige, die einfach aufhören. Die haben<br />
sich beispielsweise ein Hotel gekauft oder machen etwas Verrücktes. Sie nutzen<br />
pointierter den eigenen Möglichkeitsraum und sind deshalb ein Stück weit<br />
unabhängiger.<br />
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Vertritt die systemische Organisationsberatung einen höheren oder anderen<br />
ethischen Anspruch als wir den aus der klassischen Expertenberatung<br />
kennen?<br />
Ich finde den Begriff „ethischer Anspruch“ schwierig zu definieren. Wenn ich eher auf<br />
den moralischen Anspruch schaue, mit all der Schwere, die dies möglicherweise<br />
mitbringt, würde ich ja sagen. Wenn ich mir anschaue, was die Kollegen aus der<br />
Fachberatung an Herzblut da reinbringen, würde ich verneinen. Wenn ethisch<br />
handeln heißt, für etwas einzustehen, an was ich glaube, dann würde ich sagen,<br />
dass die systemische Organisationsberatung und die klassische Fachberatung<br />
keinen unterschiedlichen Anspruch haben.<br />
Was heißt dies bezogen auf den Umgang mit Menschen?<br />
Peter Leukhardt, heute bei der Commerzbank, früher bei McKinsey, hat einmal zu<br />
mir gesagt: „Herr <strong>Hillebrand</strong>, Sie möchten gerne der Therapeut der Vorstände<br />
werden, wir würden gerne der Freund der Vorstände werden.“ Da ist die spannende<br />
Frage, was ethisch besser ist. Wenn ich Freund sein will, finde ich dies ethisch<br />
genauso sauber und anständig wie, wenn ich der Therapeut sein will. McKinsey als<br />
„Speerspitze der Beratung“ hat genauso Weltverbesserungstendenzen wie wir.<br />
Damit meine ich, das Beste für ihre Organisation und für diese Leute zu tun. Es sind<br />
beides Glaubensgemeinschaften, in denen um etwas gestritten wird, obschon die<br />
Erscheinungsform und die Ausprägung gänzlich verschieden sind. Ich glaube, dass<br />
sehr viele der Kollegen aus der Fachberatung mit sehr viel Herzblut dabei sind.<br />
Stellen Sie sich vor, Sie würden morgen in einem großen Veränderungsprojekt<br />
Hand in Hand und mit großer Selbstverständlichkeit mit Fachberatern<br />
zusammenarbeiten. Welche Hürden wären gefallen?<br />
Ich glaube, es wäre gelungen, etwas Neues zu kreieren jenseits dessen, was man<br />
als „Heimat“ bezeichnen würde. Es würde keine Diskussionen geben, welches der<br />
bessere Weg ist. Es gäbe Wertschätzung, eine neue Heimat und man könnte sagen:<br />
„Dies ist gemeinsam unseres“.<br />
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