Grünstromprivileg, quo vadis? - Naturstrom

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Grünstromprivileg, quo vadis? - Naturstrom

ISSN 1869-3997

Nr.2 April 2012 www.e21.info

ener|gate Verlag

AUSZUG

Grünstromprivileg, quo vadis?

Foto: juwi


e21.thema Marktintegration erneuerbarer Energien

GRÜNSTROMPRIVILEG, QUO VADIS?

Mit der Anfang 2012 in Kraft getretenen Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG)

hat die Bundesregierung das sogenannte Grünstromprivileg stark beschnitten. Während sich

Grünstromlieferanten zuvor komplett von der EEG-Umlage befreien lassen konnten, ist die

Umlagebefreiung zum Jahresbeginn auf zwei Cent/kWh gedeckelt worden. Hinzu kommen

neue Aufl agen bezüglich des Anteils fl ukturierender Energien wie Wind- und Solarenergie.

Dabei hat dieses Vermarktungsinstrument aus Sicht von Ökostromhändlern deutliche Vorteile

gegenüber dem Marktprämienmodell.

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e21 - energie für morgen 2.12


VON OLIVER HUMMEL – NATURSTROM AG, DÜSSELDORF

Ökostrom ist nicht erst seit Fukushima dem Status

eines Nischenprodukts entwachsen. Ende 2010, also

noch vor der Atomkatastrophe in Japan, bezogen nach

Angaben der Bundesnetzagentur 3,7 Millionen Haushalte

und immerhin 0,8 Millionen Gewerbebetriebe

grünen Strom. Neuere Zahlen liegen nicht vor, die Zahl

der Ökostromkunden dürfte aber deutlich gewachsen

sein. Die allermeisten Tarife basieren jedoch auf

Herkunftsnachweisen wie dem Zertifi zierungssystem

RECS, dabei schließen die Stromhändler Direktverträge

mit Großwasserkraftbetreibern in den Alpenländern

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oder Norwegen. Ökostrom aus dezentralen deutschen

Anlagen, der direkt an Endkunden vermarktet wird?

Leider vielerorts Fehlanzeige.

Einer der Gründe hierfür ist, dass mit dem sogenannten

Grünstromprivileg eine sinnvolle und erprobte Form

der Direktvermarktung im Zuge der letzten EEG-Novelle

radikal beschnitten wurde. Dabei war ein begrenzter

Anpassungsbedarf unter allen Beteiligten unbestritten.

Denn durch die deutliche Erhöhung der EEG-Umlage

von 2010 auf 2011 war eine

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Foto: IBC Solar

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e21.thema Marktintegration erneuerbarer Energien

Nach der jüngsten EEG-Novelle erhalten große Solarparks mit mehr als 10 MW Leistung keine staatliche Förderung mehr.

Die Betreiber müssen den Strom nun selbst vermarkten.

Direktvermarktung für EEG-Anlagen mit einer Vergütung

von bis zu 9,5 Cent interessant geworden.

Die Folge: Während zum Ende des Jahres 2010 den Übertragungsnetzbetreibern

im Mittel 69 MW Windenergie

für die Direktvermarktung gemeldet wurden, stieg die

über das Grünstromprivileg gehandelte Windleistung

bis zum Juni 2011 auf durchschnittlich 918 MW an. Mitnahmeeffekte

seitens der Anlagenbetreiber, die anstelle

von 6,2 Cent pro kWh Windstrom plötzlich bis zu

9 Cent einstreichen konnten, waren angesichts des von

den Händlern hart umkämpften Markts programmiert.

Die kreative Weitervermarktung des Windstroms im

Großhandel tat ihr Übriges: Fernab der Realität wurden

Windbänder gehandelt, die mit der unsteten Erzeugung

der gepoolten Windparks nichts mehr gemein hatten.

Das ursprüngliche Ziel des Vermarktungsmodells, händlerseitig

die Systemintegration marktnaher erneuerbarer

Energien zu fördern, wurde damit unterlaufen.

Anforderungen gestiegen

Mit Überarbeitung des Grünstromprivilegs hat der Gesetzgeber

die unerwünschten Großhandelspraktiken

zwar wirkungsvoll unterbunden. Gleichzeitig wurde

das Modell aber dermaßen anspruchsvoll und ökonomisch

unattraktiv gestaltet, dass unter den gegebenen

Bedingungen wohl bestenfalls inhaltlich getriebene Unternehmen

wie Naturstrom an dieser Vermarktungsoption

festhalten – sofern sie in den Vorjahren ausreichend

Know-how und Kontakte aufbauen konnten. Aus Händlersicht

ökonomisch unattraktiv ist das Modell derzeit

vor allem aufgrund der auf zwei Cent gedeckelten Umlagenbefreiung.

Die Differenz zur vollen Höhe der EEG-

Umlage muss der Händler tragen, aktuell also 1,59 Cent.

Hinzu kommt, dass die vermiedenen Netzentgelte nicht

mehr geltend gemacht werden können – eine weitere

Einbuße in Höhe von rund 0,5 Cent.

Aber auch in inhaltlicher Hinsicht hat sich einiges geändert:

Denn die Händler müssen nun nicht nur 50 Prozent

des vermarkteten Stroms aus EEG-Anlagen beziehen, 20

Prozent sollen außerdem aus fl uktuierenden Quellen

wie Fotovoltaik oder Windenergie stammen. Beide Quoten

müssen über das Jahr gesehen und in acht von zwölf

Monaten erfüllt werden. Die monatliche Betrachtungsweise

der Quoten stellt sehr hohe Anforderungen an das

Risikomanagement der Händler – und bedeutet eine zu-

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sätzliche Kostenbelastung, denn der Puffer überschüssigen

EEG-Stroms muss nun deutlich größer ausfallen.

Werden die Quoten zwar über das Jahr gesehen erfüllt,

aber in fünf Monaten verpasst, muss für das komplette

Jahr die volle EEG-Umlage nachgezahlt werden.

Interesse der Anlagenbetreiber nimmt ab

Das Resultat der zahlreichen Verschärfungen: Nach einem

sehr dynamischen Jahr 2011 wird das Grünstromprivileg

in diesem Jahr wieder auf das Ausgangsniveau der

Jahre 2009 und 2010 zurückgestutzt. Auch für die kommenden

Jahre ist nur ein relativ moderater Anstieg der

gehandelten Strommengen zu erwarten. Das Leipziger

Energieinstitut rechnet in seinem Gutachten für die Übertragungsnetzbetreiber

mit 1,4 bis 1,7 Mrd. kWh über das

Grünstromprivileg gehandelten Windstroms in diesem

Jahr. 2013 sollen es dann je nach Szenario immerhin bis

zu 2,3 Mrd. kWh und bis 2016 bis zu 4,5 Mrd. kWh sein.

Unter den herrschenden Bedingungen sind diese Prognosen

schon ziemlich optimistisch. Denn selbst wenn durch

die fortlaufende Degression der EEG-Vergütung in den

kommenden Jahren zusätzliche Erzeugungskapazitäten

für die Direktvermarktung interessant werden, müssen

sich erst einmal Händler fi nden, die sich angesichts geringer

Gewinnaussichten auf das Modell einlassen und die

nötige Nachfrage nach Grünstrom mitbringen.

Ein zusätzlicher Impuls könnte zwar von der Leipziger

Strombörse kommen. Denn klettern dort auf lange Sicht

die Preise, steigt auch der Kurs des Grünstromprivilegs.

Ob allerdings wie aus der Vergangenheit bekannt steigende

Rohstoffpreise auch den Börsenstrompreis treiben

werden, bleibt abzuwarten. Denn schon heute dämpft

der Merit-Order-Effekt durch den Ausbau der Erneuerbaren

Energien deutlich die Kosten und lässt auch die altbekannte

Differenz zwischen Peak und Base am Spotmarkt

immer weiter zusammenschmelzen. Diese Tendenz wird

sich in Zukunft noch verstärken, falls einerseits die Fotovoltaikbranche

den Dauerbeschuss aus dem Regierungslager

verkraftet und andererseits die Ausbauziele für

Onshore-Windenergie erreicht werden.

Grünstromprivileg fördert bedarfsgerechtes

Angebot

Mittelfristiges Ziel muss es sein, über eine Nachjustierung

der gesetzlichen Rahmenbedingungen das

Grünstromprivileg wieder attraktiv zu machen. Eine Anhebung

des Deckels von aktuell maximal 2,0 Cent auf

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2,5 Cent der EEG-Umlage würde die wirtschaftliche Attraktivität

verbessern, ohne zu nennenswerten Mitnahmeeffekten

zu führen. Im Gegenzug könnten die Händler

verpfl ichtet werden, auch den Anteil ihres Stroms,

der nicht aus EEG-Anlagen stammt, aus regenerativen

Quellen zu beziehen. Dadurch wäre gewährleistet, dass

das Vermarktungsmodell nicht zur Gewinnoptimierung,

sondern zur Erstellung qualitativ hochwertiger und

sinnvoller Ökostromprodukte genutzt wird.

Gegenüber der optionalen Marktprämie in ihrer derzeitigen

für Windenergie und Fotovoltaik sehr attraktiven

Ausgestaltung bietet das Grünstromprivileg erheblich

weitergehende Anreize zur Systemintegration der erneuerbaren

Energien. Da für die Erfüllung der Quoten nur

noch Strommengen angerechnet werden können, die in

Viertelstundenintervallen gemessen unter dem Lastgang

der belieferten Kunden liegen und somit nicht über deren

Strombedarf hinausgehen, zwingt das Grünstromprivileg

die Händler dazu, sich mit dem Ausgleich fl uktuierender

Windenergie durch regelbare erneuerbare Energien und

anders als im Marktprämienmodell auch mit der Steuerung

der Stromnachfrage der Kunden zu beschäftigen.

Dadurch wird das energiewirtschaftliche Ziel angestrebt,

Erzeugung und Nachfrage optimal aufeinander abzustimmen.

Das Grünstromprivileg bietet den Anreiz, mit Pilotprojekten

diesen wichtigen Weg für die Energiewende zu

ebnen. Es bleibt zu hoffen, dass der Gesetzgeber diese

Form der Direktvermarktung wieder so attraktiv gestaltet,

dass neben Naturstrom auch andere Ökostromhändler

Ihre privaten Endkunden mit Ökostrom aus dezentralen

deutschen Anlagen versorgen können.

Kontakt

Oliver Hummel

Vorstand

Naturstrom AG

mail: hummel@naturstrom.de

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