Zeitschrift für deutsche Philologie

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Zeitschrift für deutsche Philologie

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ZEITSCHRIFT

FÜR

DEUTSCHE PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN

VON

Dr. ERNST HOPFNER und Dr. JULIUS ZACHER

PROVINZIALSCHULRAT IN KOBLENZ PROF. A. D. UNIVERSITÄT ZU HALLE

SECHSTER BAND

HALLE

VEKLAG DEE BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES

1875


Sc/, £

\


YEKZEICHNIS DER BISHERIGEN MITARBEITER.

Prof. dr. Arthur Amelung in

Freiburg, f

Prof. dr. G. Andresen in Bonn.

Prof. dr. Aug. Ans c nütz in

Halle, f

Gymnasiallehrer dr. A. Arndt in

Frankfurt a. 0.

Director prof. dr. J. Amol dt in

Gumbinnen.

Gymnasiallehrer dr. Richard Arnoldt

in Elbing.

Professor Bauer in Freiburg i. B.

Subrector dr. F. Bech in Zeitz.

Oberlehrer dr. E. Bernhardt in

Erfurt.

Schulrat dr. H. E. Bezzenberger

in Merseburg.

Dr. A. Bezzenberger, privatdocent

in Göttingen.

Prof. dr. A. Boretius in Halle.

Director dr. Ludw. Bossler in

Bischweiler.

Realschullehrer dr. Boxberge r in

Erfurt.

Dr. J. Brakelmann in Paris, f

Prof. dr. H. Brandes in Leipzig.

Franz Branky, lehrer an der

k. k. lehrerausbildungsanstalt in

Wien.

Dr. W. Braune, privatdocent in

Leipzig.

Prof. dr. Sophus Bugge inChri-

stiania.

Prof. dr. W. Crecelius in Elber-

feld.

Prof. dr. Berthold Delbrück

in Jena.

Gymnasiallehrer

Magdeburg.

Dr. Dittmar in

Dr. B. Döring in Dresden.

Oberlehrer Friedr. Drosihn in

Neustettin, f

Gymnasiallehrer dr. Osk. Erdmann

in Königsberg.

Geh. Staats -Archivar dr. E. Fried-

1 ä n d e r in Berlin.

Dr. Hugo Gering in Halle.

Professor dr. Ge. Gerland in

Strassburg.

Oberlehrer dr. Gombert in Gross-

Strehlitz.

Redakteur H. Gradl in Eger.

Dr. Justus Grion, director des

lyceums in Verona.

Oberlehrer dr. Haag in Berlin.

Pfarrer dr. Th. Hansen in Lunden

i. Dithmarschen.

Gymnasiallehrer Dr. Ignaz Harczyk

in Breslau.

Director prof. dr. W. Hertz berg

in Bremen.

Prof. dr. Moriz Heyne in Basel.

Dr. Karl Hildebrand, privatdocent

in Halle, f

Prof. dr. Rud. Hildebrand in

Leipzig.

Prof. Val. Hintner in Wien.

Dr. S. Hirzel, buchhändler in

Leipzig.

Schulrat dr. Ernst Höpfner in

Koblenz.

Dr. R. Holt heuer in Delitzsch.

Prof. dr. A. Hueber in Innsbruck.

Oberlehrer dr. Oskar Ja nicke

in Berlin, f

Dr. E. Jessen in Kopenhagen.

Dr. F. Jonas in Arolsen.

Dr. Friedr. Kein z, k. Staatsbibliothek

- secretär in München.

Prof. dr. Ad albert von Keller

in Tübingen.

Buchhändler Alb. Kirchhoff in

Leipzig.

Gymnasiallehrer dr. Karl Kinzel

in Berlin.

Prof. dr. C. Fr. Koch in Eisenach.f

Gymnasiallehrer dr. A r t u r K ö h -

ler in Dresden, f


IV

Bibliothekar dr. Rei n hold Köhler

in Weimar.

Dr. Kugen Kölbing, privatdo-

cent in Breslau.

Director prof. dr. Adalbert Kuhn

in Berlin.

Prof. dr. Ernst Kuhn in Heidel-

berg.

Geh. reg. r. prof. dr. Heinrich

Leo in Halle.

Staatsrat dr. Leverkus in Olden-

burg. |

Prof. dr. Felix Liebrecht in

Lüttich.

Director dr. Lothholz in Stargard.

Oberlehrer dr. Aug. Lübben in

Oldenburg.

Prof. dr. J. Mähly in Basel.

Prof. dr. Ernst Martin in Prag.

Prof. dr. Konrad Maurer in

München.

Dr. Elard Hugo Meyer, lehrer

an der handelsschule in Bremen.

Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat.

Prof. dr. Theodor Möbius in

Kiel.

Dr. Herrn. Müller, custos in

Greifswald.

Prof. dr. G. H. F. Nesselmann

in Königsberg.

Oberlehrer dr. J. Opel in Halle.

Pastor Otte in Fröhden.

Prof. dr. H. Palm in Breslau.

Prof. dr. H. Paul in Freiburg.

Gymnasiallehrer dr. R. Peiper in

Breslau.

Director dr. C. Redlich in Ham-

burg.

Prof. dr. Karl Regel in Gotha.

Dr. AI. Reifferscheid, privatdoc.

in Bonn.

Dr. Max Rieger in Darmstadt.

Prof. dr. Ernst Ludw. Rochholz

in Aarau.

VERZEICHNIS DER MITARBEITER

Prof. dr. Heinr. Rücker t in Bres-

lau, f

Dr. 0. Rüdiger in Hamburg.

Beruh. Schädel in Bonn.

Staatsrat dr. A. v. Schief n er in

Petersburg.

Prof. dr. A. S c h o e n b a c h in Graz.

Prof. dr. Richard Schröder in

Würzburg.

Gymnasiallehrer dr. J. W. Schulte

in Sagan.

Prof. dr. Schweizer Sidler in

Zürich.

Dr. jur. G. Sello in Potsdam.

Prof. dr. E. Sievers in Jena.

Prof. di -

. E. Steinmeyer in Strass-

burg.

Prof. dr. A. Stern in Bern.

Gymnasiallehrer dr. B. Suphan

in Berlin.

Gymnasiallehrer dr.

Wesel.

R. Thiele in

Prof. dr. Ludwig Tobler in

Zürich.

Prof. dr. S. Vögel in in Zürich, f

Prof. dr. Wilhelm Wackernagel

in Basel, f

Gymnasiallehrer dr. Wegener in

Zeitz.

Prof. dr. Karl Weinhold in Kiel.

Franz Wieser in Innsbruck.

Dr. E. Wilken, privatdocent in

Göttingen.

Oberlehrer dr. E. Wörner in St.

Afra bei Meissen.

F. W o e s t e in Iserlohn.

Dr. R, W ü 1 c k e r ,

Leipzig.

privatdocent in

Prof. dr. Julius Zacher in Halle.

Prof. dr. J. V. Z i n g e r 1 e in Inns-

bruck.

Prof. dr. J. Zupitza in Wien.


INHALT.

Zwei parallelstellen aus Vulfila und Tatian. Von Hugo Gering .... 1

Beinhart Fuchs im kanzleibriefsteller. Von J. Zacher 3

Über zwei tirolische handschriften. Von J. V. Zingerle.

I. Altes Passional ]3

IL Sant Oswalt 377

Zu Walther von der Vogelweide. Von H. E. Bezzenberger 33

Der schlegel. Von Alexander Eeiff er scheid 38

Der faden um die rosengärten. Von A. Bezzenberger 42

Die Bigischen „Gelehrten Beiträge" und Herders anteil an denselben. Von

Bernhard Suphan 45

Beiträge aus dem niederdeutschen. Von F. Woeste . . . . 84. 207. 341. 470

Mitteldeutscher fiebersegen aus dem zwölften Jahrhundert. Von Karl Eegel 94

Bruchstücke einer handschrift des jüngeren Titurel. Von Bernh. Schädel . 127

Der humor im deutschen recht. Von F. Liebrecht 137

Über das passionsspiel bei St Stephan in Wien. Von A. Schönbach . . 146

Die Ortsnamen des kreises Weissenburg im Elsass. Von L. Bossler . 153. 329

Besprechungsformeln und notfeuer. Von G. Sello 159

Herders theologische erstlingsschrift. Von Bernhard Suphan 165

Zwei briefe Fr. A. Wolfs. Von Lothholz 204

Zur kritik Boners. Von A. Schönbach 251

Die Merseburger glossen. Von H. E. Bezzenberger 291

Sagen vom Jochgrimm. Von J. V. Zingerle 301

Zur erklärung von Lessings Nathan. Von Boxberger und J. Zacher . . 304

Zum runenalphabet. Von Max Bieger 330

Die Ortsnamen im Unter -Elsass. Von L. Bossler . . . 404

Das alter des Schwabenspiegels. Von B. Schröder 418

Erzählungen aus dem Spieghel der leien. Von Alexander Beiff erscheid 422

Ein mitteldeutscher liebesbrief. Von FedorBech 443

Zur erklärung Otfrids. IL Von 0. Erdmann 446

Drei briefe von Goethe an J. G? Steinhäuser. Von S. Hirzel 449

Mit äl zusammengesetzte Wörter. Von A. Lübben . . . . , . . . . 454

Fragmente der predigten Bertholds von Begensburg. Von W. Gern oll . . 466

Vermischtes:

Arthur Amelung. Nekrolog. Von E. Martin . . 99

Gustav Homeyer. Nekrolog. Von A. Boretius 217

Lycealzeugnis Jacob Grimms. Von Alexander Beiff erscheid .... 103

Die manuscripta germanica der Universitätsbibliothek zu Greifswald. Mitgeteilt

von H. Müller 104

Bericht über die Verhandlungen der germanisch - romanischen section der

XXIX. philologenversamlung zu Innsbruck. Von A. Hueber . . . . 222

seite


VI INHALT

Bericht über die erste jahresversamlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung

zu Hamburg am 19. und 20. mai 1875. Von 0. Rüdiger . . 471

Zu Erdmanns reccnsion der ausgäbe der Murbacher h) innen. Von E. Sievers :t7."»

Aufruf zur errichtung eines Waltherdenkmals in Bozen 229

Einladung zur philologenversamlung in Rostock 376

Litteratur:

P. Piper, Über den gebrauch des dativs imUlfilas, Ilcliand und Otfrid; angez.

von 0. Erdmann 120

A. Moller, Über den instrumentalis im Heliand und das homerische suffix tpi.

angez. von demselben 123

A. Arndt, Versuch einer Zusammenstellung der altsächsischen declination,

conjugation und der wichtigsten regeln der synt. ; angez. von demselben 125

W. Begemann, Das schwache praeteritum der germanischen sprachen. Derselbe,

zur bedeutung des schw. praet. der germ. sprachen; angez. von

B. Delbrück 230

A. Bezzenberger, Über die A -reihe der gotischen spräche; angez. von

E. Bernhardt 232

Die Murbacher hymnen herausg. von E. Sievers; angez. von 0. Erdmann . 236

0. Erdmann, Untersuchungen über die syntax Otfrids; angez. von L. Tobler 243

Jos. Haupt, Über bruder Philipps Marienleben; Derselbe, über das mittel-

deutsche Buch der väter; Derselbe, Über das mitteldeutsche Buch der

märterer; Derselbe, Über das mitteldeutsche Arzneibuch des meister Bar-

tolomaeus; Derselbe, Beiträge zur litteratur der deutschen mystiker;

angez. von Anton Schönbach 248

W. D. Whitney, Vorlesungen über die principien der vergl. Sprachforschung,

bearb. von J. Jolly; angez. von A. Bezzenberger 344

J. H alber tsma, Lexicon Frisicum ; angez. von A. Lübben 347

W. Herbst, J. H. Voss, 2. band; angez. von Redlich 350

Briefe von und an Bürger, herausgeg. von A. Strodtmann; angez. von

demselben 355

W. Wackernagel, Kleinere Schriften. Derselbe, Poetik, rhetorik und Stilistik

; angez von L. Tobler • 367

M. Heyne, Kleine altsächsische und niederfränkische grammatik; angez. von

Arndt 477

A. Skladny, Über das gotische passiv; angez. von 0. Bernhardt . . . 483

E. Eckardt, Über die syntax des relativpronomene; angez. von demselben 484

K. Schirm er, Über den gebrauch des Optativs im gotischen; angez. von

demselben 485

Ludwig Schmidt, Des minncsängers Hartmann von Aue stand, heimat und

geschlecht; angez. von K. Kinzel 485

Register von Konrad Zacher 489


ZWEI PARALLELSTELLEN AUS VULFILA UND

TATIAN.

Gelegentlich einer vergleichung der bibelübersetzung des Vulfila

mit der alid. e v angelienharmonie (dem sog. Tatian) bin ieli auf zwei

stellen gestossen, an welchen die deutschen Übersetzer beide von dem

ihnen vorliegenden originale abweichen und mit einander eine höchst

auffallende Übereinstimmung zeigen. Die erste stelle ist Joh. 3,4:

Vulfila: hvaiva mahts ist manna gabairan alpeis visands? ibai

mag in vamba aipeins seinaisos aftra galeipan jag gabairaidau? Ttiog

övvazai av&Qcorcog yevvrjd-rjvao ysqcov wv ; [ti) dvvctTai elg rrjv xoiliav rfjg

{.ajtQog ctvTov devreqov eiosl&eiv xal yevvri&rjvm;

Tatian (119, 2): vvuo mag ther man giboran uuerdan, thanne

alt ist? vvuo mag her in sinero muoter uuambün abur ingangan

inti uuerde giboran? — quomodo potest Jwmo nasci, cum senex sit?

numquid potest in ventrem matris suae iterato introire et nasci?

Der grund, weshalb der Gote von dem griechischen text abwich,

ist leicht zu erkennen und bereits mehrfach richtig angegeben worden

(vgl. Grimm, gr. IV, 59*; Köhler, in Bartschs germ. stud. I, 95).

Entweder muste nämlich Vulf. die schon einmal gebrauchte construc-

tion {mahts ist c. inf.) widerholen , was offenbar den satz sehr eintönig

und schleppend gemacht hätte, oder er muste den gr. inf. pass. durch

got.part. praet. mit vairpan widergeben, eine Umschreibung, die dem

Goten ungeläufig gewesen zu sein scheint und nur selten (in Verbin-

dung mit einem praeterito - praesens nur einmal, Luc. 9, 22) vorkomt.

So zog er es also vor, aus dem zweiten inf. einen -selbständigen satz

zu bilden. — Anders steht die sache bei Tatian. Dem ahd. Übersetzer

ist die Verbindung des part. praet. mit uuerdan etwas ganz gewöhn-

liches (sie findet sich 14, 2. 25, 1. 85, 4. 95, 4. 5. 108, 7. 119,

2. 4. — dicht vor und hinter unserer stelle — 134, 8. 166, 3. 2i8, 4)

und ebenso oft komt auch part. praet. mit uuesan an stelle lat.

inf. pass. vor (60, 3. 90, 4. 97, 3. 4. 112, 2, 141, 4. 6. 145, 1. 4.

4, 12). Auch in dem gleichzeitigen Heliand sind beide construetionen

belegt: part. praet. mit werdan 617. 621. 1309. 1394. 2139. 2177.

3200. 3636. 3980. 4762. 5858, mit ivesan nur dreimal: 261. 1318.

ZEIX8CHE. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 1


3320 (die citate nach der ausgäbe von Heyne). Ebenso findet sich die

construction bei rsidor (uuerdan :'>. L8. 21, 32. 27, 20. 31, .".. 28.

im;

33, L8. 19. 35, .".l. uuesan nur 33, L3; die eitate nach Weinhold),

Notker (Gff. VI, 163) , Otfrid, 1 den Monseer glossen etc. Es ist also

anzunehmen, dass den Übersetzer nicht stilistische bedenken zu der

änderung der construction veranlassten. Vielmehr scheint der gedanke,

dass das geboren werden erst eine folge der rückkehr in den mütter-

lichen leib sei, die einfache coordinierung der Infinitive, wie sie im lat.

originale vorlag, verhindert zu haben. Entweder ist nun inti wurde

giboran geradezu als consecutivsatz aufzufassen und inti als denselben

einleitende partikel anzusehen, 2 oder inti ist einfache conjunction und

der opt. ist gebraucht, „weil das zweite ereignis als eine auf der grund-

lage des ersten beruhende ausfuhrung und also durch dasselbe bedingt

erscheint" (Erdmann, otfr. synt. § 05). Welcher von beiden erklürun-

gen man den vorzug einzuräumen habe, lasse ich dahingestellt. Natür-

lich ist die stelle aus Vulf. , wenn man auch annimt, dass die änderung

hauptsächlich aus stilistischen gründen erfolgt ist, auf gleiche weise zu

erklären: jedesfalls ein interessantes beispiel von der gleichen auffas-

sungsweise zweier germanischer zeitlich durch mehrere Jahrhunderte von

einander getrenter Übersetzer.

Eine zweite höchst interessante parallelstelle findet sich Job. 11. 1 1

Vulfila: jäh urrann sa daujja gdbundans hdnduns jäh fotuns

faskjam jäh vlits is auralja bibundans: — /.cd iipjhd-ev 6 ved-vrptüiQ

dtd&uivog rag xeioag /.cd zoig noöag xsiqiaig, /.cd tj oifug atroü aoi-

daotcp TteQiededsTO.

Tatian (135, 26): inti sliumo framgieng fhie dar wuas tot, gibun-

ta/n hanton inti fuozin mit strengin inti sin annuni mit sueizduohu

gibuntan: — et statim prodiit qui fuerat mortuus, ligatus pedes ei

manus institis, et facies illius sudario erat ligaia.

Der grund, weshalb beide Übersetzer hier änderten, kann kaum

zweifelhaft sein. Die coordination der sätzo , wie sie in den grundtex-

ten vorlag, beizubehalten, hinderte sie die richtige einsiebt, dass der

mit /.cd resp. et angefügte, höchsl schleppende nachsatz, ebenso wie

1) Doch belegt Erdmann (unters, über die synt. der si>r. Otfrids, p. 224)

nur sin mit dem part. praet. an 2 stellen: II. ."». 20. III, 14, 38.

2) Vgl. E. Kölbing, zs. f. d. ph. IV, 347 fg. Die dort zusammengestellten

beispiele lassen .sich noch durch eins ans Tat. vermehren, welches vielleicht gerade

für unsere stelle zur vergleichung herangezogen werden kirnte : unter ist it . troh-

iin, inti ih güoubu in man? quis est, domine, u>t eredam in cum? 133.1. Die

Verschiedenheit des modus in beiden beispielen ist durchaus irrelevant.

:


ZWEI PARALL.ELSTELLEN AUS VÜLPILA UND TATIAN 3

der vorhergehende parücipiale, nur eine nebenbestiinmung der haupt-

handlung enthalte, also auch wie dieser subordiniert werden müsse.

So setzten sie also das verbum finitum in das part. um , wodurch die

construction offenbar concinner und logisch richtiger wurde : gabimdans,

bibundans; gibuntan, gibuntan stehen zum hauptsatze in dem gleichen

Verhältnis. Auffallend scheint nur, dass trotzdem beide Übersetzer den

nominativ des Originals beibehielten (denn sin annuzi ist wol, wie auch

Sievers im glossar zum Tatian ansetzt, ebenso gut nom. wie vlits).

Jedoch ist wenigstens der got. nom. leicht erklärbar. Man weiss, wie

genau Vulf. sich dem originale anschliesst und nicht gern irgend ein

wort desselben, sei es auch nur das kleine afoov, unübersetzt lässt:

wollte er aber dies amov beibehalten, so muste auch der nom. stehen

bleiben; man kann nicht sagen: er kam heraus, den köpf desselben mit

einem schweisstuch umwunden. Überdies ist nom. absol. in der goti-

schen bibel noch an einer andern stelle belegt: Marc. 6, 21. Genaue

Übersetzung ist also: er kam heraus, indem er gebunden war an bän-

den und füssen mit binden, und indem sein haupt mit einem schweiss-

tuch umbuntlen war. — Wie steht es nun im ahd.? sin annim kann

nom. und acc. sein. Im ersteren falle wäre also auch hier nom. abs.

anzunehmen: dieser ist freilich im ahd. selten (Grimm, gr. IV, 900

belegt nur zwei beispiele), ebenso selten ist aber auch der acc. der

sache bei dem part. praet. der verba Meiden, binden usw. (Grimm,

gr. IV, 645) und die sonstige Übereinstimmung mit der got. stelle spricht

entschieden für den ersteren casus. — Schliesslich mache ich noch

auf die interessante tatsache aufmerksam, dass auch Luther in gleicher

Aveise übersetzt: der verstorbene kam heraus, gebunden mit grabtüchern

an füssen und händen und sein angesicht verhüllet mit einem schweiss-

tuch. Ob hier nom. oder acc. vorliegt, wage ich nicht zu entscheiden.

HALLE, JULI 1874. HUGO GEKING.

RELNHART FUCHS IM KANZLEIBRIEFSTELLER

Die beiden hier im abdrucke folgenden lateinischen musterbriefe

des löwen an den hasen und esel, und des hasen antwort, sind im jähre

1824 aus einer handschrift zu Palermo und einer anderen zu Wolfen-

büttel erwähnt worden von Pertz , im Archive der gesellschaft für ältere

deutsche geschichtskunde 5, 374 und 387, in einem „Petri de Vinea

epistolae" überschriebenen berichte über 32 dahin einschlägige für die

Monumenta Germaniae historica untersuchte handschriften. Zehn jähre

1*


4 J. ZACHER

später hat J. Grimm in seinem „Beinhart Fuchs" s. CCV. die betreffen-

den angaben aus jenem berichte (

l


REINHART FUCHS IM KANZLEIBRIEFSTELLER

Über diese handschrift, welche mit der des forsten von Fitalia in keinem

näheren verwantschaftsverhältnisse zu stehen scheint, berichtet

Pertz, auf grund einer Untersuchung des bibliothekars Ebert, im Archive

der gesellschaft für ältere deutsche geschichtskunde 5, 386 fg.: „Die

bandschrift besteht aus 136 [139] blättern, führt die inschrift Iste

liber continet capita diversarum epistolarum papalium imperialium et

aliarum et inter ceteras sunt plures super dissensione paparum et

Frederici ac successorum suorum, quae imperiales editae creduntur

per Petrum de Vineis secretarium Imperialem et etiam continet plura

alia. Die ganze samlung von kaiserlichen, päbstlichen, übungs- und

vertraulichen schreiben ist ohne allen plan durcheinander geworfen, ja

es kommen dazwischen genug bezugslose gedichte und selbst eine epi-

stola leonis regis animalium mit vor, die in den Sagenkreis des Rei-

neke Fuchs gehört." Diese epistola leonis und die dazu gehörige ant-

wort stehen auf blatt 92 B bis 93 a . Abschrift derselben verdanke ich

der gute des herrn prof. E. Steinmeyer.

3) Die handschrift der k. k. Universitätsbibliothek in Prag, III.

G. 3. mbr. in quart (= P). Höfler scheint die handschrift noch ins

13. Jahrhundert zu setzen ; Wattenbach setzt sie in den anfang des vierzehnten.

Höfler gibt keine beschreibung der handschrift, aus der man

eine deutliche Vorstellung von ihrem inhalte gewinnen könte , und drückt

sich so aus , als ob sie nur die summa dietaminis des Dominicus Do-

minici enthielte. Wattenbach dagegen bietet eine ausführliche und auf

das einzelne eingehende inhaltsangabe. Darnach bildet den anfang der

handschrift ein Liber de amore et dilectioiie Dei et proximi et aliarum

rerum, et de forma vite, von Albertanus causidicus Brixiensis de ora

S. Agate. Dann folgt fol. 52. summa dietaminis mag. Dominici Yspani.

Hinter dieser, fol. 67, „fangen auch andere briefe an," von

denen Wattenbach, bis fol. 105 der handschrift, eine lange reihe auf-

zählt, darunter auf fol. 95 verso: „Hex leo fortissimus animalium asino

et lepori u etc. Der brief des löwen gehört mithin nicht zu der

summa des Dominicus , wie auch der herausgeber dieser summa, Ludw.

Kockinger (Quellen zur bayerischen und deutschen geschichte. Neun-

ter band, zweite abteilung. München 1864. s. 517 — 592), jener bei-

den briefe nicht gedenkt. Auch würden sie wol wenig zu dem übrigen

inhalte der wahrscheinlich in den achtziger jähren des dreizehnten

Jahrhunderts abgefassten summa des aus der portugiesischen stadt

Viseu stammenden Dominicus Dominici passen. Denn diese, die den

titel führt: summa dietaminis seeundum quod notarii episcoporum et

archiepiscoporum debeant notarie officium exercere, ist, nach Rockinger

s. 517, „eine ohne zweifei auf der pyrenäischen halbinsel entstandene


.1. ZA< HEB

und speciell für die in den erzbischöflichen und bischöflichen kanzleien

verwendeten individuell angelegte mustersamlung."

4) Die handschrifl der königlichen und aniversitätabrbliothek zu

Breslau I. Q. 102. mbr. (= B) ist bereits, auf grund des von

dr. Friedrich angefertigten Breslauer handschriftenkataloges, kurz

beschrieben, unter envähnung der beiden briete des löwen und des

hasen, im Archive der gesellschaft für ältere deutsche geschichtskunde.

Hannover 1858. 11, 701. Genauere auskunft, und abschritt der bei-

den briete, verdanke ich der gute des herru gynmasiallehrers dr. Pei-

per in Breslau. — Die handschrift enthält zu anfange eine lange reihe

lateinischer theologischer tractate und gedichte. — Dann folgt fol.

i.,r,''— i79 a

, gut geschrieben, Excepta de summa artis dictandi, etwa

zur hälfte bestehend aus schlesischen stücken, von denen datierung

und namen der aussteller sich nachweisen lassen. Mit ziemlicher Sicher-

heit ergibt sich, dass das buch um die mitte des 14. Jahrhunderts für

das kloster Heinrichau in Schlesien verfasst worden ist, dem es auch bis

zu dessen aufhebung angehört hat. In einer grösseren anzahl von formein

wird auf dies kloster rücksicht genommen , und auch die übrigen schle-

sischen Cisterzienserklöster werden erwähnt. In dieser summa dictandi,

gegen deren ende, auf fol. 178 b und 179 a

,

stehen auch die beiden briefe,

des löwen und des hasen, hinter denen nur noch vier andere stücke

folgen, von welchen die beiden letzten zwei vor 1335 lallende briefe

des herzogs Heinrich von Schlesien sind, an pabst Johann XXII. und

an den könig von Jerusalem und Sicilieu. — Weiter folgen widerum

lateinische gedichte bis bl. 185 \ — Dann, von ganz anderer hand,

summa magistri Dominici de orte notariatus. — Dahinter endlich

fol. 196 a— 211 b

, von rascher band, zwei andere artes dictandi.

Aus dieser handschriftenbeschreibung folgt unmittelbar, dass kein

grund vorliegt, den Italiener Petrus de Vinea oder den Portugiese!.

Dominicas Dominici für Verfasser der briefe des löwen und hasen zu

halten, oder hieraus einen schluss auf die bekantschaft der Italiener

lässt sich nicht

oder Spanier mit der tiersage zu ziehen. 1 Auch

ii Der axeipreste de Sita, in der zweites hafte dea 11. Jahrhunderts, bie-

tet /war, ausser den von Grimm (Beinharl Fuchs s. CCIV fg.) erwähnten and mit

unserer tiersage ni.Jit zusammenhängenden fabeln, in copla 740- -753 „noch ein

besonderes charakteristisches bruchstück aus der extravagante de lupo pedente,

welches die ackerteilung des wolfes für die Widder and die begebenheil des wolfes

mit der >;ni enthält, die sonsl nirgends vorkommen als im Reinardus und im Reuart

(Grimm s. I 'X('llI)." Aber Ferdinand Wolf, der auf diese stelle des axeipreste de

Bita aufmerksam gemacht hat (Haupt and Eonmann, altdeutsche blätter i. 51

bemerkt auch sogleich dazu: „Es ist möglich, dass der er/.priester diese und andere


REINHART FUCHS IM KANZLEIBRIEFSTELLER 7

erkennen , ob die beiden briefe ursprünglich einer bestirnten ars dictandi

(einem briefsteiler) eines bestirnten Verfassers angehört haben mögen,

denn in allen vier handschriften , in denen sie bis jetzt nachgewiesen

sind, scheinen sie ohne planmässige absieht in solche samlungen aufgenommen

zu sein, die unabhängig von einander aus sehr verschieden-

artigen bestandteilen zusammengestellt worden sind. Überhaupt vermag

ich den briefen selbst und ihrer bis jetzt mir bekanten Überlieferung

einen sicheren und fruchtbaren anhält für die ermittelung des Verfas-

sers und der zeit und des ortes der entstehung nicht abzugewinnen.

Auffallend ist freilich, dass sie bis nach Unteritalien gedrungen, und

dort zu anfange des vierzehnten Jahrhunderts in der handschrift des

fürsten von Fitalia unter stücke eingereiht worden sind, die sich auf

fuchsfabeln nicht unmittelbar aus den zum kreise des Eeinardus und Isengrimus

gehörigen gedichten, sondern aus einem Ysopet mit den extravaganten, die auch

Grimm s. CLXXXVII noch während des 14. Jahrhunderts in Frankreich entstanden

glaubt, geschöpft hat. Grade dieser dichter war mit der französischen litteratur

genau bekant, und dieselbe fabel findet sich, genau nach der lateinischen extra-

vagante, in einer der Steinböwelschen ganz ähnlichen, im 1(3. und 17. Jahrhundert

öfters unter dem titel „La vida y fabulas del clarissimo y sabio fabulador Ysopo"

gedruckten spanischen fabelsamlung , in der ausgäbe En Anvers, en casa de Juan

Steelsio, o. j. 12° bl. 76 a fg."

Der berühmte franciscanerEamon Lull (EaimundusLullus, geb. 1235, gest. 1315)

hat, neben vielen anderen werken, auch ein sehr umfängliches „Libre de maravelles"

in catalanischer spräche verfasst, dessen siebentes buch ,,de les besties" eine art tier-

epos in prosa enthält , welches Konrad Hofmann neuerdings aufgefunden , herausge-

geben, und mit einer deutschen analyse begleitet bat (Abhandlungen der philosoph.-

philolog. Classe d. kgl. bayer. Akad. d. Wissensch. Bd. 12. München 1871. 4°. s. 171

— 240). Es ist dies aber eine samluug kleiner erzäblungen, welche zusammen-

gehalten werden durch den rahmen einer anderen erzählung, worin berichtet wird,

wie und mit welchem erfolge der fuchs sich in den rat des königes eingeschlichen

habe. Das ganze hat einen lehrhaften zweck, wie auch im schlusssatze ausdrück-

Felix

einem könige brachte, damit er aus der art, wie die tiere handeln, abnehmen

lich angegeben wird : „ Hiermit ist das buch von den tieren beendigt , welches

möchte , in welcher weise ein könig regieren , und sich vor bösem rate und falschen

menschen hüten solle." — Wie die damals ziemlich beliebte form der rahmen er-

zählung wahrscheinlich auf orientalischem vorbilde beruht, so stammen auch die

hier angeführten geschichten, wie es scheint, aus orientalischer quelle, zunächst

wol aus dem Arabischen , dessen Lull ja vollkommen mächtig war. Es ist nichts

darin, war unmittelbar an unsere einheimische tiersage erinnerte. Nur für den

fuchs braucht Lull, statt der gewönlichen spanischen benennungen zorra oder raposa,

die namensform Kenart oder Rrenart , und zwar als femininum : Na Erenart. Doch

ist daraus kein schluss auf wirkliche unmittelbare bekantschaft mit unserer tier-

sage zu ziehen; denn die deutsche benennung Beinhart hatte sich nicht nur in der

form renard über Frankreich, sondern in der form ranart auch noch weiter über

den nordosten von Spanien verbreitet. (Diez , etym. wörterb. d. roman. sprachen.

3.a. Bonn 1870. 2, 413.)


J. ZACHEB

Sicilien beziehen; doch weiss ich aus diesem umstände am bo weniger

eine förderliche Bchlussfolgerung ahzuleiten, als die samlung, nach

Pertzens ansdrücklicher angäbe, auch briefe ohne geschichtliche bedeu-

tung enthält, und als grade die ganze von no. 110 bis 117 reichende

grnppe, innerhalb deren diese beiden briefe stehen, nach den kurzen

angaben auf b. ."'7:; [g. des arehives zu schliessen, nur briefe dieser unge-

schichtlichen, bezugslosen gattung, blosse übungshriefe , zu enthalten

scheint. Aus dem namen der villa, wo die heimkehrenden gesanten ihr

aachtquartier nicht nehmen wollten, weil sie von dem klagegeschrei der

durch den ruchs geschädigten hühner erfüllt war, würde sieli vielleicht

ein (ingerzeig entnehmen lassen, wenn er sicher und richtig überliefert

wäre. Aber die namensformen Neoych in der Breslauer, Xemodi in

der Wolfenhüttier handschrift, fallen leider beide unter den verdacht

der venlerbnis. Doch erinnern sie an den mesire Costant Desnoes im

Renart, den vilain, dem der fuchs einen bahn geraubt hatte, welcher

ihm aber wider abgejagt wurde. Jacob Grimm (Reinhart s. CXLV) hat

bei diesem Desnoes an la Noe, lesNoes, einen alten ort in der Cham-

pagne, gedacht.

Da der brief des hasen bis jetzt meines wissens überhaupt noch

nicht veröffentlicht ist, während er den widerholt gedruckten des löwen

doch an bedeutung bei weitem übertrifft, schien es mir nicht überflüs-

sig, beide briefe zusammen herauszugeben, zumal das mir zugängliche

handschriftliche material die herstellung eines genügenden textes ermög-

lichte.

Über den inhalt beider briefe äussert sich hcrr professor Martin,

dem ich sie handschriftlich mitgeteilt hatte, und der auf grund seiner

sehr ausgedehnten handschriftlichen forschungen über die tiersage das

competenteste urteil fällen kann: „die epistola und das rescriptum

sind schwerlich direct aus einer bearbeitung der tiersage entnommen.

Wenigstens ist mir keine bekant, welche alle in den beiden briefeu

berührten umstände enthielte. Einzeln aber finden sich die meisten

züge in den verschiedenen |

lateinischen, niederländischen, deutschen

und französischen] gedichten wider." Der Verfasser hat diese einzel-

nen züge geschickt und mit natürlicher begahung für das komische und

humoristische zu einem ansprechenden ganzen gestaltet , dessen lateini-

scher stil klassische studien durchhlicken lässt. Neben ausdrücken des

pandektenlateins linden sich reminiscenzen aus den dichtem der Augu-

ixlien zeit. So erinnern die horrenda Menala des zweiten briefes an

Ovid, Metam. 1, 216:


REINHART FUCHS IM KANZLEIBRIEFSTELLER 9

Maenala transieram latebris horrenda ferarum.

Des esels warnung vor den liospitia, quae introrsum habent vestigia,

retrorsum mala hat ihr vorbild in den horazischen versen, Epist. 1,1, 73:

Olim quod völpes aegroto canta leoni

Respondit, referam: Quia me vestigia tcrrent

Omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum-;

und die nutzanwendung am Schlüsse ist wörtlich entnommen aus Ovid

Eemedia amoris 91

:

Principiis obsta. sero medicina paratur,

Cum mala per longas convaliiere moras.

Diese briefe geben ein beredtes Zeugnis von dem kräftigen leben

und der Verbreitung der tiersage. Sie scheinen aber wol das einzige

beispiel von Verwendung eines aus deutscher volkssage geschöpften Stof-

fes zu einem briefmuster des lateinischen kanzleistiles jener art zu sein,

welche die damaligen briefsteiler zum kanzleigebrauche darboten, die

unter der benennung summa (oder ars) dictaminis (oder dictandi) oder

unter ähnlichen titeln allgemein verbreitet und beliebt waren, und sich

teils aus gesammelten wirklichen und für mustergiltig erachteten, teils

aus solchen briefen zusammensetzten, die eigens zu dem zwecke gemacht

worden waren , für vorkommende fälle als vorbild oder anhält zu die-

nen, und die man etwa als Übungsbriefe bezeichnen kann. — Zwei

andere von Haupt in seinen altdeutschen blättern 1

, 3 fgg. aus einer

Wiener handschrift des 15. Jahrhunderts veröffentlichte lateinische briefe,

des hahnes an den fuchs nebst des fuchses antwort, lassen nur den

hahn das Schicksal der hühner beklagen, von den menschen geschlach-

tet und verzehrt zu werden, und den fuchs dagegen den rat erteilen,

aus der gesellschaft der menschen in die freiheit des waldes zurückzu-

kehren. Sie haben also aus dem inhalte der tiersage nichts entnom-

men, und rühren an diese nur durch den namen des hahnes, Canta-

clerier, oder Cantaclerius. Für diese letztgenanten beiden briefe ver-

mutet Haupt italienischen Ursprung, den die meisten stücke jener Wie-

ner handschrift entschieden zeigen.

EPISTOLA LEONIS AD AS1NUM ET LEPOREM UT CITENT VULPEM AI)

PRESENCIAM SUAM. 1

Rex leo fortissimus animalium asino et lepori fidelibus suis gra-

tiam suam et bonam uoluntatem. Cum omne genus ferarum et omnis

1) Mandat leo Kex animalium Asino et lepori, fidelibus suis, ut citent per-

sonaliter peremptorie uulpem, quod pro sibi obiectis septimo kal. Aprilis coram ipso

se debeat presentare gallis et gallmis legitime responaura. W.


)

In .). BACHEB

bestiarum fcerrestrium multitudo, 3

ditionis - subsint 8 inperio 4

et obediant, 5

uulpecula contumai inuenituv, W. 2) omuis generis W. -'ii excellenti W. 4) Asinus et Lepus sui humi-

les et deuoti B. 5) omni /.'. fehlt W. •!) commendatione B. recommendatione

se ipsius W. 7) ad vest. ped. ose. fehlt W. 8) osculo W. 9) prosequendum W.

10) nostri W. 11) tarditate qualibet W. 12) Bpelunca II'. 13) prorupta W.

1 1 minime B. 15) orrenda W. 16) nee fehlt W. 17) adeunda teris W.

18) rcuerentie W.


REINHAßT FUCHS IM KANZLEIBRIEFSTELLER 11

ad 19 locum tarn arcluum 20 ascendere nequiremus, cum 21 alterum nostrum

grauitas, 22 alterum uero 23 timor opprimeret, 24 fiduin amicum nostrum

et fidelem socium, 25 dominum 26 caprum barbatum, senem et circum-

spectum in Omnibus , sursum rogauimus ascensurum. Qui non moleste

ferens nostrarum precum instantiam, 27 ascendit ad locum, et ipsi uul-

pecule 28 egrotare similanti 29 aduentum nostrum et causam 30 exposuit.

qui uix obtinuit, ut ipsa nobis ex illa supereminenti specula 31 loque-

retur, nedum ad 32 nos uellet descendere mandatum regium susceptura.

per quandam tarnen rimulam 33 emisso capite cucullato, 3i prorumpens

in uerba, quod non esset ad curiam citanda, 35 exceptiones duplices

allegauit: 36 primo enim, se graui dicebat infirmitate 3

7

teneri; secundo,

quod 38 redieus 39 ad cor suum pro multis maleficiis dudum 40 commis-

sis 41 religionis susceperat 42 habitum, deo celi et non regi ferarum de

cetero respousura. et ideo, reclusa 43 in heremo, et 44 contemplationi 45

dedita, redire 46 nullatenus uitam 47 disposuit 4S ad actiuam. Et uolens

instanter ostendere, se esse 49 mutatam de uitio ad 50 uirtutem, me uer-

bis lenibus demulcere temptabat, 51 ut ad ipsam 52 ascenderem, 53 sibi

reconciliandus, 54 propter multa mala, que mibi 55 fecerat, et multas

persecutiones et innumerabiles, quas 56 multotiens irrogarat; qui, sani-

ori utens consilio, fraudulentam reconciliationis 57 gratiam euitaui. 58

Nobis tarnen uolentibus plenius 59 de ipsius infirmitate cognoscere, fra-

ter Asinus, cuius sensus in omni 60 parte mediane theoricus noscitur, 61

ipsius urinam sibi petiit presentari. 62 qua presentata nullius infirmita-

tis signa cognouit, sed potius erant sinthomata sanitatis. Denique

attendentes fi3 quod nil 64 pronciebamus ibidem, inde discessimus, et

diuertimus ad uillam nemodi, 65

que non multum distabat abinde, 66

ibidem pernoctare credentes. Sed tot erant ibi lamenta, tot ploratus

19) Et cum (ad fehlt) W. 20) altum W. 21) quia W. 22) premebat

grauitas W. 23) uero] uel reliquum B. 24) opprimeret fehlt W. 25) sociumque

fidelem W. 26) dominum fehlt W. 27) instantia B. 28) uulpi W.

29) fingenti W. 30) nostri causam aduentus W. 31) ut ex illa supereminenti

b a

specula nobis B. 32) nedum quod ad W. 33) que per quandam rimulam W.

31) cugullato B. 35) quod citanda non erat ad curiam W. 36) appellauit B.

37) primo quod dicebat se in infirmitate B. 38) quia B. 39) reddiens F.

40) dudum F. malefitiis multum B. 41) pro m. m. d. c. fehlt W. 42) susce-

pit B. 43) retrusa BF. 44) et fehlt BF. 45) uite contemplatiue B. 46) red-

dire F. 47) uitam fehlt BF. 48) proposuerat F. 49) inmo cum multa instan-

tia uolens se ostendere B. 50) in W. 51) fratrem leporem demulcebat B.

52) ad ipsam fehlt W. 53) ascenderet B. 54) reconciliandus eidem W.

55) mi W. fratri lepori B. 56) fecerat et m. p. et inn. quas fehlt B. 57) recon-

siliationis W. 58) euitauit B. 59) Nos tarnen uolentes (plenius fehlt) B. 60) in

prima W. 61) noscebatur W. inuenitur theoricus B. 62) assignari B.

63) actendentes B. 64) non B. 65) neoych B. 66) abinde fehlt B.


LS J. ZACHEU. KK1NHAKT PÜOHS IM KA.NZI.I'IBHIEl'STELLER

et ululatus, 67 que 68 galli ei galline promebanl de 68

perditis tilüs et

lilialuis, (pius uulpea ipsa uorauerat, 70 quod ab ipso loco declinauimus,

cum leta triatibua neu oonoordent. Et cum tranaitum 71 haberemua per

quedam deuia luatra, ecce 78 frater Lupus placido uultu aobia occunit,

uolena trahere nos 78

recusauit, stillans mihi 75

in domum suam; quod frater asinus penituf

in auribus hoc seeretum, illa esse fugienda

hospitia, 78 que introrsum habent uestigia, retrorsnm nulhi, 77

latronibua habitata. 79

ferifi

NTocte uero superueniente iam nos reqiüescere oportebat; et ecce

camerariua domine uulpia nobis occurrit, qui, conducens nos in 80 hos-

pitium 81 suum, gallinas, pullos, unseres, columbas, 82 omniaque genera

penuatorum mense 83 apposuit 84

et famem nostram multis delicii-

terminauit. Sed, procn dolor! ad primum galli cantum ecce clamor

(actus est. Venit enim für et latro, lupus cum complicibus suis, et

hostia pulaauit. 86 Quo percepto vix per posticum ego euasi; 87 sed 88

socius meus asinus, utpote 89 grauis et tardus ad fngam, lupinia fauei-

bus preda remansit et esca. Que 90 regie maiestati duxi presentibus

intimandum; nam ex 91

illa t'uga ita confracta suut ossa mea, 92 quod

ad pedes celsitudinis uestre personaliter uenire nequiui tot pericula rela-

turus. Attendat 93 ergo, si placet, prouidentia uestra regia 94 sui regni

pericula, antequam erescant in inmensum; 95 sumatis 96 gladium ad uin-

dictam. multa enim ultioni debentur in regno uestro; que si non fde-

rint in breui tempore resecata. ita dilatabitur iniquitas et crescet mali-

tia, quod nulla poterit succurrere medicina, iuxta illud:

Principiis obsta. sero medicina paratur,

I 'um mala per longas inualuere moras.

Quodsi liest ris nuntiis et legati.s fcalia facta sunt, quin aliis peiora haut

uestre magnih'centic 97 uon est aliquatenus dubitandum. Dat. 98

BALLE. J. ZACHER.

67) toi ullulatus tot ploratus W. 68) quos W. 69) de fehlt B. 70) aorar

rat B. 71) transsitum W. 7l') ecce fehlt B. 7:5) nos trahere W. 74) peni-

tus fehlt /-'.

i nii

stillans W. 76) hospitia fehlt B. illa sunt hospicia fugi-

enda W. 77) qne apertnm habenl introitam non egreBsnm W. 78) foris B.

7'.'i fer. latr. hab. fehlt II'. 80) ad B. 31) hospidum W. 82) colnmbos II'.

gallinas. pullos. gallos. columbas. anseres /•'. 83) mense fehlt W. 84) aposuitTP'.

delitiis J:. B6) propulsauil IC. factus est, uenit enim für ei latro. Lupus

c-iiin compl. suis hostia pulsauit /•'. 87) ego lepus euasi />'. per hostium vix

euasi W. 38 d fehlt II'. 89) azinus utpute II'. 90) Quod W. 91) in B.

92) omnia ossa mea W. 93) Äctendal /.'. 94) regia prouidencia (vestra fehlt) W,

95) in inmensa W. 96) sum : al mit raswr hinter va II'. '.'7) uiagnificencie W

98) fehlt B


ÜBER ZWEI TIKOLISOHE HANDSCHRIFTEN.

I.

ALTES PASSIONAL.

In der fürstbischöflicheu Seminarbibliothek zu Brixen

befindet sich eine handschrift, papier, 237 folioblätter, doppel-

spaltig, die spalte zu 38 — 40 zeilen. Das am oberen rande nicht voll-

ständige erste blatt begint:

wie man d

von den lieben gotes chint, die hie nach geschriben sint.

Petrus von christo waz erweit

vnd nicht allain auch gezelt usw.

Unter der geschmackvollen roten und schwarzen initiale steht von der-

selben band „Jorge von Gufedaun" mit dessen wappen. Dieser herr

ist aber urkundlich nachgewiesen a. 1380. 1398. 1404. Unsere hand-

schrift gehört somit dem ende des vierzehnten oder dem beginne des

fünfzehnten Jahrhunderts an , ist sorgfältig und reinlich geschrieben.

Die initialen und Überschriften sind rot. Bl. 1— 142 c

13

enthält der

Apostel Buch aus dem Passionale. Ich gebe als probe den anfang

(Hahn 155, 64).

Petrus von christo waz erweit

vnd nicht allain auch gezelt,

daz er war ain apostel gots.

nach dem willen seins gepots

5 ist im vor in allen

die er an gevallen,

daz er sei fürst unter in.

sein hailig minnender sin

waz vor in genug haiz,

10 da von er statichleich sich flaiz,

wa si sulten wandern, -

daz er vor die andern

Christum fragte sere vil.

an dem iungisten zil,

15 Do Christ mi seinen iungern saz

vnd sagte in offenleichen daz,

Wa sein Verräter war,

do forschte in vmb die mär


14

ZI.N..1III

Der ein ae, der \il gül

20 waz in Bulhem müt,

Als die hailigen haben! vor geseit,

het er gewist die poshait,

Wie iudas phlag vmbiagen,

er liot in selb erslagen.

(Hahn 156) 25 Durch daz waz er im verholen.

Die sluszel wurden im entpholhen

zu lies himela porten etc.

Die verse in einer figure (Hahn 172, 72) bis wol nach willen an ein

stat (11. 174, 13) fehlen, da ein blatt ausgerissen ist.

Bl. 15'' Xu merchet hie pei

Bl. 28 b

daz leiden sand Pauli (rot. Hahn 180 a

Hie nach schreib ich nie

von dem guten sand Andre (rot. Hahn 200")

Bl. 36" Von dem merern sand Jacob,

Nach den versen:

lis hie sein leben vnd sein lob. (rot. Hahn 2 1l >r

imde lebte liepeleichen seit

wol gesunt mange zeit,

womit bei Hahn (226, 7G) die legende dieses heiligen abschliesst, gibt

unsere handschrift noch folgende auf St. Jakob bezügliche erzählungen:

Dem geleich geschach ein dinch

ez was zeimal ein iungelinch,

der mit schöner andaht

(Bl. 46*) an die gewonheit was prahl,

5 Daz er in tugentleichor art

sunt Jacobes petvart

ze wandern dick pflach.

zemal die selbe zeit gelach,

Daz er da hin wolde,

1 Dur svntieiche fleck,

er ergriff an den werk

Mit andern pilgreinen hin,

Die auch trug ir williger sin

:

)

)


Bl. 46 h

ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 15

Die strazz, die im was gelegen.

20 do si chamen vnderwegen

Vnd in ein stat wurden praht,

da si rvten vber naht

Gewonleich an der pet vart,

da chom der alte hellewart,

25 Der tiefel, der mit listen

sich schuf in den fristen

In die gestaltnüzze,

als ob ez vil gewisse

Jacob der pot wäre.

30 der vil vngewäre

zu dem iungeling sprach,

do er in lieplich an sach.

„Eya," sprach er, „pin ich dir lieplich bechant?"

„nein," sprach iener sa zehant.

35 Sprach der tiefel: „so wil ich

sein wol vnderweisen dich.

Ich pin ez Jacob der gut,

den du mit rainem müt

Ze haus dick suchest.

40 wenne auch du des geruchest,

Daz du mein frewnt seist, so wil ich

dar an immer fleizzen mich,

Wie ich dich ze frevnde hab,

wan du mir pist ein lieber chnab.

45 Des ich gedenchen sal an dir.

nv hast du dich ein teil gen mir

Vnd gegen got vergezzen,

dein hertz ist besezzen

Mit der svnden vngemach,

50 der dir an der stat geschach.

Ditz soldest du gepeichtet haben,

e du dich auz hest erhaben

als ein miner pilgereim,

und wizz, datz der sünden sleim,

55 Die du mit dir her hast praht,

benimet dir gar die andaht

vnd verderbet dein vart,

si ist dir, als daz nie gewart,

Vnnütz vnd hilfe los."


L6 ZOH3RBLS

60 mit der red er in verchos,

Daz si au einander Bähen nilit.

von »Irr srllini geschürt

Der pilgerein vil serc erschrach.

die red er also hoch wach,

65 Daz er nv ze haus wohl varn

vnd mit der peiht sich bewarn (?)

Vnd von newes wider chomen.

als er daz het an sich genomen

Vnd den willen geviench,

70 der tiefel aber zu im giench

Als saut Jacob gestalt.

„tu hin," sprach er, „wan du nilil salt

Bl. 46 ° Solhem willen volgen mit.

73 solben |

ez ist ein torohter sit.

75 Ob du durch daz ze land will.

ist daz dich sein niht bevilt,

Do sag ich dir die warheit:

die svnd vnd daz grozz leit,

Daran sich swachet dein leben,

80 wirt dir nimmer vergeben,

Du pringest dich in not.

wild du durch mich slahen tot

Vnd ein marterer wesen,

so pist du ewigcleichen genesen,

85 Wan ich dir gar ein hilf pin."

der pilgereim vil auf den sin

Torieich, als die toren tvnt,

uan er sich gäntzlich verstvnt

D' warheit, da mit im was gelogen.

90 sein tvmmer sin war! gepogen.

Der sich niht eben vor sach,

-.in selbes swert er durch sich stach

Vnd lag dar abe tot.

do deu grimige nott,

95 Si Hüben diepleicb algemain,

Wan si vorhten alle,

mir hs.

daz man von disem valle

In iht laides täte.


Bl. 46 a

ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 17

von solhen vngeräte

100 Ersclirach do leut vil genug.

dar nach do man ze grab in trüg

Vnd in prallte zu der gruben,

die levt do entsuben

Vil wunderleicher dinge

105 an disem iungelinge,

Wan er stvnt auf vnd genas,

so daz im nihtes nibt enwas,

Darab er mobt wesen chranch.

mit aller freud er auf sprancb

110 Vnd sprach zu den levten:

„durch got lat eu bedeuten,

Wie mit mir ist geworben;

daz ich was erstorben,

Daz schuf des tiefeis unfuch,

115 wan ich durch seinen rat mich sluch,

Der mir was ein volleist.

manig swartz übel geist

Mich beten vnder sich begriffen.

mein trost was gar zesliffen,

120 Wan si mich trawricleichz phat

begunden füren zu der stat,

Do ich in moht niht enphliehen.

die weil si mich so hin ziehen

Mit ir schall harte groß,

125 da chom sand Jacob,

Durch den ich hie valle.

von laitleichem schalle

Wold er mich do losen.

„eija," sprach er, „ir posen,

130 Ir valschen lugnäre,

daz ir mit valscher lere

Meinen frevnt habet betrogen

vnd woldet in nv haben g'ezogen

In die helle so hin dan.

135 ein ander weg sol drabe gan,

Daz er niht chvmet in ewren tamph."

si heten maniger hande camph

Vmme mich da vnder in.

ze iungest chomen wir fri hin

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 2


18

XIN


ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 19

Wan im ein reicher chauffmau

Bl. 47 b Da vor allez sein leben phlag.

180 daz die lieb im nahen lag,

Die er zu Jacobe trug.

des maute er in genug

Mit manges gelubdes gift

vnd pat sich lazzen auz d . . stift,

185 Dar inne er leitleich was behaft.

da twanch der grozzen tilgende chraft

Jacobum den zwelfpoten,

daz er von allem laides chnoten

Vnd von den veinden pösen

190 den frevnt wolde lösen.

Er chom an zuchtleichen siten

zu im in den turn hin mitten,

Da er lag mit swäre.

des turnes hütäre

195 Wachten algemeine.

do nam jacob der reine

Den chaufman, der nach im trat.

er praht in auf an die stat,

Da er des turnes veste

200 allerhöhest weste,

da im hilfe erzeigte.

der turn sich also neigte,

Daz der chauffman von der stat

gemächleich zu der erden trat.

205 Er hiez in fliehen. Do floch er.

die wahtär rieffen wol her.

Der chaufman ist worden frei.

alle die da waren pei,

si ließen pei im her vnd dar

210 vnd wurden sein doch niht gewar,

Wan er vnsihtig was.

Bl. 47 c

180 lag] tag hs.

alsus der gut man genas

Vnd chom froleich herabe.

vnbeschatzet was sein habe,

215 Wan in der zwelfpot gut

het ane schaden wol behüt.


2(J

ZHHJEBL«

Drei rittor wurden des [nein,

daz si wolden gemein

Sich auf die petvart bewarn

220 vnd als arm leut varn

Hintz sand Jacobe.

ir gelüb was darobe,

Daz si pei einander beliben.

ditz wart ze end getriben,

225 als von in vor was begert.

igleicber nam ein pfert.

Daz er ze hilfe im wolde.

als die edeln holde

Nach gewönleichem siten

230 ein teil des weges hin geriten,

Do giench ein frawe auf dem wege,

die mit swärleicher pflege

Ir chost in irm sack trug,

die ritter wurden do genug

235 Gepeten vnd vil ser,

daz si durch gotes er

Vnd durch Jacobes willen

ir leit wolden stillen

Vnd fürten ir fürbaz den sack.

240 ir einen disev pet erwack,

Wan si Jacoben nante,

mit willen er gewaute

Vnd nam ir säckel auf sein pfert.

die weil er alsus fürwert

245 Reit, do sach er ein man,

dem verseit was sein gan

Durch siechtum, den er leit.

der ritter wart auf in beweit,

Als in betwanch sein petvart.

(Bl. 47 d

) 250 in vil tugentleicher art

HÄb er den siechen auf sein pfert.

der ritterleich helt vil wert

Nam den stab vnd den sack,

durch rehter tugende beiach

255 Giench er mit binden na.

si chamen churtzleichen alda,

Da si sich nider wolden lan.


ZWEI TIEOLISCHE HSS. I. TASSIONAL 21

deu fraw vnd der siech man

Namen sack vnd stap,

260 ir igleich im alda gap

Mit gütleicher stimme don

manig reich gotes Ion.

Nv was der ritter auf dem wege

von der sunnen heizzer pflege

265 Erhitzet also sere,

daz er in clagender lere

Unmazzen ser nider lag.

so hert sein die seuche pflag,

Daz im gelag die zunge.

270 mit frevndes manunge

Die zwen in gutleichen paten,

daz er im liez raten

Zu der sei mit der peiht.

„ez mag ergan vil leiht,"

275 Sprachen si, „daz du geleist

und dein leben auf geist,

In dem man dich e sach."

d' siech sweig durch vngemach,

So daz er innen drein tagen

280 nie moht ein wort zu in sagen,

Des ir iegcleich erschrach.

do ez cham an den vierden tag

Die zwen in grozzem leide

nach seiner hinscheide

(Bl. 48 a

) 285 Stunden vnd sahen.

es began der sieche vahen

Eine chraft, die seuch in floch.

mit seuftzen er do wort zoch

Vnd sprach alsus: „nv seit mit lobe,

290 got vnd sand Jacobe

Genad ewigcleich sei geseit,

wan ich ein vngefiigez leit

Mit im wol pin vber chumen.

wizzet, daz ich han vernumen

295 Swaz ir sprächet ie zu mir.

alles meines hertzen gir

Wold ez gern han volpraht,

wan ich genüg han erdaht.


•J.2

ZINGERLE

Daz ich ze reht peihten aal.

300 nu waren da her auf meinen val

Vnmazzen vil tiefel ehumen,

die mir heten vnderdrumen

Die chel vnd die verstricket,

ich was vil nach ersticket

305 Vnd mohte niht gesprechen.

als ich wold vnderprechen

Mein sünd vnd mich entleihten,

so liezzen si niht peihten

Mich, als ich begerte.

310 die sorg an mir werte,

Untz Jacob der gute cham

vnd in die lenken hant nam

Der frawen sack für einen schilt,

mein leit was mit im bezilt,

315 AVan er mir vollen trost gap.

Bl. 18 b

er nam des chranken mannes stap

In die hant als ein swert.

der himelische chemphe Avert

Nach den vbeln geisten slug,

320 die ir fluht also vertrug,

daz ir niht ist pei mir.

nu pringet mir, daz ist mein gir

Den priester, lat mich peihten

vnd dar ab entleihten,

325 Wes ich ze leitleichem schaden

in dem hertzen pin verladen.

Schaffet auch mir das himelprot,

daz mit gewalt leides not

Von mir gar vertreibe;

330 wan ich niht lange beleihe

In disem chranchen leben,

daz mir von got ist geben."

Ditz geschach, als er sprach,

wan er mit peiht entzwei prach,

335 Swar an er sich gepunden sach,

338 nam] wan hs.

des er sich dort müst schämen.

Unsers herren leichnamen

nam er in tilgen tleicher art.


ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 23

Alsus wart er wol bewart

340 auf des todes hervart.

Daran druckte sein gepein.

do sprach er zu der zweier ein,

Die mit im auz hüben sich:

„durch got, gevert, höre mich,

345 Waz ich zu dir hie wil sprechen:

du solt dich pald entprechen

Von deinem herren, dem du pist

mit dienste hie ze aller frist.

Tust du des niht, gelaub ez mir,

350 ez erget vil vbel dir

Vnd auch gar in churtzen tagen

so wurdest du iamercleichen erslagen

Vnd mit immerwerendem clagen

hin ze der helle getragen.

355 Do von tu dich turnes abe

vnd begiench dich deiner habe.

(Bl. 48°) Gib deinem herren deinen schilt,

ob du niht ersterben wilt

Mit iämerleicher volleist."

360 hie mit gab er auf den geist

Vnd für mit sant Jacobe.

im waren die geverten obe,

Vntz er wart begraben da.

do si chomen heim dar na,

365 Der ritter sein geferte

sich des niht enwerte,

Als im das was bevoln.

man sach in gut von hofe holen,

Als er da vor dick pflag.

370 der rat im vnnahen lag,

Den im riet sein geselle.

Des wart sein ungefelle

Deis war iämercleich genug.

ein gewonheit in vor trug,

375 Daz er mit schuste auf einen stach,

den man gegen im reiten sach.

Der was auch ein manhafter ritter,

ein glevende pitter

Neigte er an rehter mazze


zutobblb

.'{so nach ritterleioher sa/ze.

Also geleichs er in traf.

daz im wart sein leben Blaf.

Sus lag er tot mit iamiTcheit,

als im do vor was gesi'it.

5 Kalixtus ein pabst hat geseit

von einem man in reinieheit.

Ze sand Jacob auf der vart

so iämer

Datz er het nihtesniht.

390 seiner schäm zuphliht

Bl. 48 a

Hiez in niht petein gan.

er was ein guter bände man,

Des beleih er sus verirret,

er was also verwirret

395 Von den, den er was erchant,

daz im nieman pat die hant,

Des er getröstet wurde,

in diser leiden pürde,

Deu mit hunger auf in lief,

400 viel er uider vnd entslief

Des weges pei einem paume.

do dauhte in in dem träume,

Wie sant Jacob chäme.

der gotes pot genäme

405 Gab im ze ezzen genug,

deu zeit sich also hin trug,

Vntz er auz dem slaffe cham.

vil fröleich er do vernam

Waz im sein herr hilf pot.

410 er sach ein underaschen prot

Alda ze seinem liaubte ligen.

seines leides er wart verzigen,

Wan er daz prot zerte,

daz in auch vollich nerte

415 Des wegs funfzehen tage.

mit im er chom auz aller clage

Heim zu seinen fründen.

mau horte in darnach chvnden,

Die er in zwein malen az


ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 25

420 sein prot vnd dar nach fttrpaz,

des andern tages sa zehant

sein prot er in dem sack vani

Des erpot er sich mit lobe

got vnd sand Jacobe,

425 Wan er getrewlich wart

Bl. 49 a

gespeiset auf derselben vart.

Der selb pabest hat geseit

ein mär in rehter warheit,

Daz einem ritter geschach,

430 den man durch got wandern sach

In sant iacobes vart.

vereinet er in dem hertzen wart,

Daz er auf der selben stat

anders nihtes niht enpat,

435 Wan daz er vngevangen belibe,

ob seiner veinde ieman tribe

Auf in vbel mit gewalt,

in der vänchnvsse chlobe.

Der pat er sant Jacobe.

440 hiemit er auch ze haus schiet.

Darnach im auch sein vart geriet

in einem schiffe vber mer.

Daz was sunder starch wer

wegriffen von den beiden.

445 si begvnden vnderscheiden

Den raup, als in was bedaht.

der ritter wart ze marchte praht

Vnd verchauft als ein pawr.

in vber giench vil leider schauer

450 An grozzem vngeräte.

idoch was pei im stäte

Deu chraft von der petvart.

als er besvnder sere wart

Mit cheten vnd mit slozzen,

455 so schrei er vnverdrozzen

An Jacoben durch gemach.

hie mit gar von im prach

Swamit er was gevangen.

so chom er auz gegangen


26 Z1NGERLK

Bl. 49 c

460 Vml moht niht von dannen chomen.

131. 49* er wart wider ie genomen

Vnd verehauft fürpaz.

also lang traib sich daz,

Daz er ze dreizehen maln wart

465 verchanffet auf dirr vart

Vnd wart ie also dick los.

ze hingest einer in erchos,

Der in mit chauffe an sich nara.

do er heim ze haus cham,

470 Er leit auf in zwivaltig cheten.

do si in sus gevestent heten

Vnd er an Jacoben schrei,

die cheten prachen all entzwei,

Daz er Avart ledig vnd frei.

475 sant Jacob was im pei,

Der im erschein vnd zu im sprach:

„guter mensch, do man dich sach,

Daz du war hin getreten

zu mir vnd saldest poten

480 Vme der armen sei heil,

do ieschte du ein chranchen teil,

Daz dem leib an gehöret,

hie von so wart zerstöret

Dein er vnd dein gelucke

485 vnd leit auf deinem rücke

Ditz vngemach hie vnd dort,

dein pet ist daran wol erhört,

Daz dich nieman chan besmiden,

got enchünne dich befriden

490 Nach deiner girde gepot.

seit aber nv der gut got

Mer gibet, dan man in pit,

so sei daz fürwart dein sit:

Als du iht piten wilt durch heil,

-495 daz du gedenchest der sei teil.

Got hat mich zu dir gesant,

daz ich dich für alzehant

Wider heim ze deinen steten."

do nam der ritter von der cheten

500 In die hant ein stücke,


Bl. 49 d

ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 27

auf daz er sein gelücke

Den frevnden molite weisen.

er trug mit im daz eisen

Vnd gieng durch purch vnd durch stat,

505 vnd swer im indert widertrat

Vnd wolt in vahen auf vnheil,

so zeigte er im daz cheten teil,

Da mit er an die fluht in twanch.

sein weg nas dick vil lanch

510 Durch die wiltnüsse preit,

da im nach gewonheit

Wider für vil tiere.

die fluhen vil schiere,

Als si daz cheten stuck ersan.

515 Der ritter chom sus heim gegan

Vnd danchte dem guten gote,

des heiliger zwelfpote

In het gutleich getrost

vnd von gevanchnuß erlöst.

520 Nach christes gepurt al für war

zwei hundert vnd aht vnd dreizzig iar

Des abent sant Jacobes,

der pilleich vol ist alles lobes

Mit got in seiner ewicheit,

525 do wart auf tötleichez leit

Wegriffen ein iungelinch

Durch ainer hande pose dinch,

Des man in wärleich schuldig vant.

er het reiff chorn verprant

530 Vnd gemachet vnbederbe

auf sein selbes erbe,

Daz im von banden was bechomen

vnd niht mit rehte genomen.

Des räch er seinen zorn.

535 dem verprant was sein chorn

Von grozzem vnmüte cham,

daz er mit dem hals nam

Den iungelinch durch die schuld.

in prinnender vngeduld

540 Wart er für geriht praht.


•JS

ZINT.ERLE

do man sieb het wol bedaht

Nach rehtem vnheile,

do ward im ze teile,

Da/ man in sleit'te auf daz velt.

545 Da solt im werden widergelt

Mit vn werde seiner posheit,

wan er daz cliorn het an geleit,

Damit sich der mensch ernert.

des sold auch er vnerwert

550 Mit dem fewr swinden.

do man in wolde piuden

Hinden zu dem pferde

vnd sleiffen auf der erde,

Do rief der halb tot man

555 sant Jacoben an,

Des tag sold morgen wesen.

„herre, ob ich nv mag genesen,"

Sprach er, „ich will immer nie

vor svnden hüten paz dan e

560 Vnd will auch zu dir wallen."

man pant in vor in allen

An die phert da hinden.

Bl. 50 a

die wurden von den chinden

Hin getriben für die stat.

565 des volches vil nach im trat

556 Des] der hs.

Durch wunder, daz an im geschach,

wan man gesunt in sleiffen sach

Vber manigen scharphen stein,

daz nindert ein wund erschein

570 In allem seinem leben,

auch giengen da beneben,

Die in toten solden.

die selben nilit enwolden

An die wunder schawen.

575 si dahten: „ot verhawen,

Sein leben daz war vnerlost."

do wart bereit ein michel rost,

In den man in gepunden warf,

swie die flamme was vil scharf,

580 Noch was sein craft an in erwant,


ZWEI TIROLISCHE IISS. I. PASSIONAL '29

Deu hitz löste ot im die paut,

Da mit er was gepunden.

so lebhaft si in fluiden

In dem gesvnd hin vnd dar,

585 daz im ninder einich har

In dem leib was verschart.

mit vil grozzer zuvart

Hup sich daz leut allez her.

peide ir will vnd ir ger

590 Was, daz man in liez gan.

peide weip vnd man

Danchten gotes gute,

der in der grozzen glüte

Durch des zwelfpoten willen

595 niht lie disen villen,

Der nach hilf an in rief.

Der iungelinch von dannen lief

Vnd leiste seinen weg zehant.

Bl. 50 b

nv still wir immer sein gemant,

600 Daz wir den heiligen Jacobum

piten fleizzigcleichen darum,

Daz er mit seinem gepete

ze got liepleich für vns trete,

Wan er ein nützer pot ist.

605 gelobet seist du Jesu Christ.

Bl. 61 d

Bl. 72 b

Da nach mag man wol lesen,

wie sand Johannes ewangelist leben ist gewesen (rot)

In hochgelobter pote

geminnet svnderlich von gote etc. (Hahn 226 b

)

Das leben sand thomas,

der ain gut gesell was. (rot. Hahn 244 b

)

Ditz ist der mynner Jacob,

der volget tagleich gots gepot. (rot. Hahn 260 b

).

Der Bericht von der Zerstörung Jerusalems (Hahn 267, 8 — 278, 73)

fehlt in unserer handschrift, denn unmittelbar auf die verse:

. vnd

da mit er wold erwaichen

Iren falschhaften sin

pringen zu der puez hin


30

folg! Bl. 76°:

Bl. 7;» ft

7.1M.1-.KI.I.

Hie merchel ane spot

Philippum den zwelfpoi (rot.)

Phil i pp o a der herre gui etc.

Hie nach ich geschriben hau

von Bartholome dem rainen man (rot. Halm 282*.)

Bl. 87 a Matheiis ain ewangelist

Bl. 92 b

vnd ain apostel pei Jesu Christ (rot. Halm 295 b .)

Furpas merchet da/.

von Symon vnd Judas, (rot. Hahn 302 b .)

151. 98° Mathias der zwelfpote,

der au/, erweit waz von gote (rot. Hahn S^*.)

Bl. 105'' Von sand Barnabas,

der auch gots langer was. (rot. Hahn 321 b

.)

Bl. 106" Nu rede wir von sand Lucas,

der ain hailig ewangelist was. (rot. Hahn 324*.)

Die bei Halm 325, 87 fehlende Zeile lautet:

den guten sand Lucam.

Bl. 107 b Von sand Marco

Bl. 112 c

Bl. 120 b

lis aucli also. (rot. Hahn 32G a

.)

Hie merchet den nachgengel

von sand Michel dem ert/.engel. (rot. Hahn 334*.)

Von Johann i gots tauffer

vnd von seim erweiten vorläufiger, (rot. Halm 345''.)

Nach diesem abschnitte folgt Bl. 135" unter der roten aufschrift:

Nu chund ich hie dar ob

\nser lieben frawen lob

und ander gut ding me.

Ditz sint laudes Marie

Marien lob, das bei Hahn 145 — 1 •">

I steht Mit diesem lobe

schliesst Bl. 141° der das Passioual enthaltende teil unserer handschrift

ab. Der /weite teil der handschrift. Bl. 142 — 237. enthält ein asce-

tisches werk iu prosa von anderer band:

Bl. 142 a : Swer an geistleichen tilgenden sich üben wil vnd vol-

chomen sein wil. der sol sich maistail zwair dim* Heizen. Das erst ist

'o


ZWEI TIROLISCHE HSS. I. PASSIONAL 31

stete gewonhait haben , aintweder das er pete oder gotleiehe schrift hör

oder selb lese. Swer petet, der raunt mit gote. Swer gotleiehe schrift

höret oder list, mit dem ratet got etc.

Schluss Bl. 237 d : Es lag ain gute chlosterfrawe an irem end.

Do paten sei die frawen, das si in saite von irem leben. Si sprach:

„Do vbt ich mich an vier tugenden. Die erst tugent was, das ich ain

miltes hertz het ze geben, wenn ich nicht het ze geben mit der band,

so gab ich mit dem hertzen. Die ander tugent was : wer mich petrubte,

dem reichte ich etleichen dinst oder liebe , das ich nicht getan bete

des selben tages, ob er mich nicht bete petrubet. Die dritte tugent

was, das ich ain iglichen menschen als lieb het als mich selben. Die

vierd tugent was, das ich niemant chlagt mein lait, wan got allain,

vnd wart zehant auff der stat getröstet, vnd mit den vier tugenden

erwarff ich vmb gote, das ich in het als dicke, als ich wolte."

Nu walt des got: chom noch geluck vnd ain gut jar, so wart es

nie arg.

Zum Schlüsse gebe ich, um das Verhältnis unserer handschrift

zur Heidelberger no. 352 zu veranschaulichen, die abweichenden lesarten

aus dem abschnitte vom h. Matheus.

Hahn 295, 66. im in] mit. 67. reicbleich. 69. er ain ew. 70. apo-

stel. 71. in auch besunder aus 1. 79. imäe fehlt. 81. enstat. 83. er so o.

296, 3. pilleich. 4. gotes pote. 7. hintz morenlande. 11. volch hin an.

14. ain laider. 15. von den sein heilig. 16. unfreuntleich was. 17. wann.

18. wart weiten. 19. ouch felüt. 24. e fehlt. 28. da fehlt. 30. irem

sinne. 33. irem gaukchel mueten. 42. secht fehlt, selb. 43. tump-

leicher. 45. falschleichem spote. 46. wolden. 51. waz. 53. Vadaber.

54. was hauptstat übers. 57. vil fehlt. 65. gutleich. 66. do fehlt.

68. dautunge. 70. wundert. 71. warumb. 82. allem volche. 88. ende-

haftem. 90. wann. 91. von |

mitewist.

92. teufelhaftiger. 93. ditz.

95. iegleichen. 96. ezotwar. 297, 3. laitleich. 20. innen. 21. resch-

leich. 24. waz wunders hie w. 25. zauberären. 26. trachen.

27. fewr | spewen. 28. muwen. 29. irem. 30. ist. 31. sihet. 33. wann

40. lieffen. 43. überwunden. 45. gantzleich. 50. habet gephlegen.

51. in. 53. ewr. 55. ew was aus g. 57. ich es. 58. euch an g.

60. ew. 61. ir e h. 63. ewr. 64. michel. 65. wann. 66. ain grosses.

70. wann. 75. daz nieman ir seit schade. 78. den fehlt. 87. manige

reicheit. 88. es] ist. 89. edlem. 90. ouch fehlt. 91. ewichleiches.

298, 2. ze. 5, chlagender. 7. wann. 9. iegleicher. 11. ritter. 15. hin

fehlt. 16. da] daz. 17. die leich. 18. wes des iegleicher gephlag.

19. chunigs. 20. all. 21. warn. 22. wider fehlt. 24. secht fehlt.


32 ZINOKRLE. ZWEI HBOLISCHB HS*, i. PABSIOHAL

25. ainen. 28. war. 30. ainen. 31. dar inne. 33. dem. 34. alze.

35. wann |

ze

|

chomen.

36. den glauben, ll. rar den. 42. chunig.

46. /«'haut. 49. wann. 50. da fehlt. 51. chunig. 52. wann ea Bich

geraget liet. 57. iesa. 58. mir baldc fehlt. 61. in der |

pild

ist cho-

men. 62 ditz vernomen. G;>. ze hauffe. 64. des si Bchiere. 66. chu-

nig. 67. Lobleich Bchreib. 68. vertreib. 71. opter maniger. 75. hoch.

78. sulher irrebeit. 80. lieben prüder. 82. ze |

woldet,

83. plinden

willes. 88. ew. 89. ew. 90. ew. 91. oueb fehlt. 2i>9, 3. do fehlt.

4. si sieb. 5, ainen schonen. 8. weichte. 9. wol dreissig jar. 11. tet.

12. und becharte. 15. sant er der. 16. wann. 20. iegleicher. 21. an-

dächtiger. 25. ain schon und. 27. weit. 28. an] mit. 33. in chausch.

36. reiniebeit. 37. Innen. 41. und er mit. 42. man fehlt. 43. des

ist | zam.

44. wann |

tail

sich beseiten nam. 47. arbentleicher. 51. er

wol bewiste also. 55. wann. 58. ze. 59. Epigenia. GS. ze. 69. ze

dem chloster chomen. 72. an] mit. 7G. vil guten. 79. wann |

zu

ir.

82. 83. fehlt. 84. do fehlt. 87. ze himel. 88. der weit sich verwegen.

89. gar fehlt. 91. in. 92. tugent. 94. do fehlt. 300, 1. endebaftem.

:;. wa. 5. ouch fehlt. 9. und gedachte. 13. das mach. 16. umbe.

18. sprach er zu. 19. bedeute. 20. höret lieben. 23. ew. 25. euch

selb verstan. 28. da fehlt. 36. ey. 40. ist gegeben über 1. 41. in.

42. tatest. 43. dar zu vil u. 46. veruntrewest. 47. falsch irrebeit.

50. und waz. 52. secht fehlt. 53. in so harte dranch. 54. ouch fehlt.

GO. daz man si mochte. 61. hertichleiche. G4. wann. 70. er sprach:

waz ir leiden. 72. vur] durch. — ew. 74. ir euch nimmer. 75. wann. —

in srut. 79. lasse. 82. beleih. 84. da fehlt. 85. versturzen sein 1.

86. wann. 87. ze ainem. 91. messe. 94. ouch fehlt. 301, 3. ze.

5. new. 12. da fehlt. 14. er tot vor in g. IG. der. 17. ze himeL

19. edel. 20. ze. 23. daz er in was e. 24. rew. 25. an. 27. ze.

28. ze. 29. tot fehlt. 32. iegleicher abe. 34. si Hessen sich chaume st.

37. tot was geslagen. 11. zehant. 47. wann. 51. ie fehlt. 52. zepre-

chen. 5:3. paid chloster. 54. eliam beneben. 58. fewr. 59. umb und

umb dran g. Gl. schriren jamerleich ze. G4. des wurden si harte fro.

65. lies. G7. prinnenden. GS. er in bot. G9. gen dem fewr mit.

sich. 73. des fewers daz man

7u. prinnen. 71. wann es. 72. iedoch |

fügen sach. 77. enpran. 81. im helfe tun. 83. danne. 84. diser.

8G. do fehlt. 87. verdrukehet. 88. entzukehet. 89. lieh". 94. beleih.

9G. freidich. 302, 1. unflatich. 2. niemer envant. 4. ertznei. 5. bes-

sern. 6. senftenuß. 7. seuche. 8. secht fehlt, sein. 9. seuche.

10. seins. 12. und für bin do nach. 13. das es sich gefugt het. 18. het.

23. daz selb. 24. nu. 29. wann |

da

zu. 35. christenleichem. 3G. vil

•rh/t. 41. beliben. 42. und unglaub. 43. wann. 46. statichleich.

I


TL E. BEZZENBERGER , ZU WALTHER V. D. VOGELWEIDE 33

48. ditz hielt. - - alls. 49. auf. 50. selb tun. 57. ewangelist. 58. ma-

theus vor got. 61. es. 64. beehantnus. 65. mitewist. 66. des sei

gelobt.

INNSBRUCK. IGNAZ ZINGERLE.

ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE.

1) Ich hän gemerket von der Seine uns an die Muore,

von dem Pfade- unz an die Traben erkenne ich al ir fuore.

L. 31, 13. Wihn. 83, 1. P. 118. W. u. R. 5, 10.

In dieser stelle ist Seine die allgemein beglaubigte lesart, wes-

halb auch die herausgeber keinen anstoss daran genommen, die erklä-

rer aber verschiedene wege zur deutung eingeschlagen haben. Wacker-

nagel zu Simrocks Übersetzung (Berlin 1835) 2, 175 erregt die fran-

zösische Seine kein bedenken, und er fragt nur, wie Walther dahin

gelangt sei, ob 1198, als kaiser Philipp und Philipp August von Frank-

reich ein bündnis schlössen, oder 1213, als kaiser Otto eine gesant-

schaft an den könig von Frankreich schickte. Auch scheine es auf

eine Überlieferung von einem aufenthalte Walthers am Pariser hofe zu

deuten, dass der Verfasser des Wartburgkrieges ihn die milde des königs

von Frankreich preisen lasse. Bis zur Trave möchte er bei gelegenheit

der fehden gekommen sein, die Otto gegen seinen Schwager Waldemar

IL von Dänemark führte. Pfeiffer, welcher aus dieser stelle nur

schliesst, Walther habe auf seinen Wanderungen die grenzen des deut-

schen reiches überschritten, wenn man auch nicht wisse, wann und bei

welcher gelegenheit er nach Frankreich gekommen wäre, meint, viel-

leicht sei Seine nichts als ein Verderbnis für Rhie , das sich leicht

daraus erkläre, dass die quelle dieses spruchs eine österreichische hand-

schrift war, die Reine statt Rine schrieb. In diesem falle gäben, wie

auch an sich wahrscheinlich sei, die flussnamen nur eine Umschreibung

des deutschen reichs, wie sie bei Walther sowol (56, 14 L.) als bei

anderen dichtem vorkomme. Dass Walther alle diese flüsse wirklich

gesehen habe, sei dann nicht einmal nötig. Dass Walther mit den flussnamen

eine allgemeine bezeichnung der reichsgrenzen geben wolte, ist

wol ausser zweifei, eben deshalb aber auch Wilmanns erklärung nicht

annehmbar, welcher nicht an die Seine in Frankreich denkt, sondern

die Sein (richtiger Sain, gewöhnlich Sayn) annimt, einen nebenfiuss

oder vielmehr ein flüsschen (häufig als bach bezeichnet), welches in

südwestlichem lauf zwischen Neuwied und Ehrenbreitenstein, also auf

dem rechten Rheinufer in den Rhein mündet. Es ist wirklich schwer

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 3


34 H. E. BEZZEXBERGER

zu begreifen, dass Walther dieses Aussehen als westgrenze gewählt

liaben solte.

Allerdings wird von der Seine, einem rein französischen Müsse,

der zu dem im spruehe ausgesprochenen gedanken nicht passt, abzu-

sehen sein; aber ein blick auf die karte zeigt, dass wol kein anderer

fluss gemeint sein könne als die Saöne (Söne), auf die man wol nur

deshalb nicht gekommen ist, weil man zu viel respect vor dem hand-

schriftlichen Seine hatte. Die Saöne, Caesars Arar, mlat. Sat/ou«,

Saitcona, Saugonna, in den Vogesen entspringend, fliesst in anfangs

westlich -südlicher, dann rein südlicher richtung, bis sie sich mit dem

Rhone vereinigt, und bildete im 13. Jahrhundert, nachdem sie von der

grenze Lothringens den palatinatus Burgundiae durchströmt hat, von

da, wo der Doubs sich mit ihr vereinigt, die grenze zwischen dem deut-

schen Burgund und Frankreich. Innerhalb dieses gebiets aber ist Bisanz

(Besancon), wo oft genug deutsche reichstage gehalten wurden, an deren

einem (1201) Walther gegenwärtig gewesen sein mag. Eine reise nach

Paris ist dann nicht nötig, und wir erhalten eine gute parallele zur

Mut. Auch finde ich bei Rudolf v. Rotenburg (MSH. I. 74a) die Söne

in ähnlicher weise als grenzbestimmung: von Tröie uns üf die Söne

(: schöne). Auch graphisch steht dieser Veränderung nicht viel im

wege, und so mag wol der Vorschlag erlaubt sein, zu lesen:

Ich hän gemerket von der Söne an: die Muore.

2) S-ivd man da:, spürt, e$ Mrt sin hant, und vovri ein swalwen

zagel L. 29, 14. Pf. 146, 10. Wi. 84, 100. W. u. R. 44, 4.

Simrock übersetzt: „wenn man das merkt, so schüttelts sich

und wird ein schwalbenzagel," und in den anmerkungen heisst es: „so

wie man dem argen treiben eines solchen doppelzüngigen auf die spur

komt, so wendet er die hand nach gauklers art (wobei auf den sprach

genuoije herren sint gcücli den gougelceren verwiesen wird) und zeigt

etwas ganz unschuldiges und gleichgiltiges. " Vielleicht aber sei

W. Grimms erklärung vorzuziehen „so hebt das ungeheuer die hand,

kehrt sie aufwärts und macht einen Schwalbenschwanz, d. 1). der böse

schwört, dass er nichts böses im Schilde führe." Tu der Volkssprache

heisse nämlich noch jetzt einen Schwalbenschwanz machen so viel als

die beiden finger ausstrecken, einen cid schwören.

Über diese erklärung, gegen welche sogleich einzuwenden ist, dass

nicht der volks-, sondern der gaunersprache dieser figürliche ausdruck

eigen ist, sind wir wesentlich noch nicht hinaus gekommen. Lachmann

und Wilmanns haben sie in den anmerkungen aulgenommen. Nur


ZU WALTHER V. D. VOGELWEIDE 35

Pfeiffer hat bedenken gegen beide erklärungen, für die Verstellung sei

Schwalbenschwanz ein sonderbarer im nachweislicher ausdruck, und wenn

der böse einmal erkant sei, könne beteuerung kaum noch etwas from-

men. Die einzige Pariser handschrift biete keine gewähr für die rich-

tige Überlieferung des Spruchs, und änderungsvorschläge würden erlaubt

sein; Bech vermute eins wolves zagel , Pfeiffer aber möchte lesen ez,

rert sin hüt u. w. e. scorpenzagel , wenn man nemlich seine doppelzün-

gigkeit merke , es sich also in seiner wahren gestalt erkant sehe,

werfe es seine haut (hülle) von sich und zeige sich in seiner wahren

scorpionsgestalt.

Beide änderungen und erklärungen erscheinen zu gezwungen.

Einer änderung aber bedarf es nicht, wenn nur swalwenzagel richtig

gedeutet wird, und diese deutung ergibt sich aus dem zusammenhange,

der klar vorliegt. Unser vers schliesst die Schilderung des heuchlers,

hinter dessen freundlichkeit sich untreue und bosheit verbirgt: komt

man ihm aber auf die spur , so kehrt er die band und weist einen Schwal-

benschwanz , dieser muss also eine fmgergeberde sein , aber gewis nicht

aufrecken der schwurfinger, da der schwur des erkanten bösewichts

keinen glauben findet, sondern jene, deren sich der so viel in geber-

den sprechende Italiener häufiger als jeder anderen und in der mannig-

faltigsten bedeutung bedient : die geballte band mit ausgestrecktem und

gespreiztem zeige- und kleinem finger, wodurch die figur des Schwal-

benschwanzes entsteht, und die auch, um böses abzuwenden, allgemein

als amulet getragen wird; vgl. Andrea de Jorio La mimica degli anti-

chi investigato nel gestire napolitano. Napoli. 1832. Bei dem damals

so regen verkehr mit Italien und Italienern konte diese geste, welche

sie gli ficht nennen, einem die feigen weisen, Walther nicht unbekant

sein, und die Übersetzung von gli ficht durch swalwenzagel wäre eine

glückliche. In unserer stelle würde sie etwa sagen „geh zum teufel,"

denn gerade als geste der Verhöhnung und Verwünschung wird sie gern

gebraucht. Der sinn wäre also: komt man der untreue des falschen

auf die spur, so kehrt er die band und macht die geberde der Verwün-

schung, d. h. er verwünscht und verspottet einen.

Es fragt sich nur noch, ob bei dieser erklärung wirf gelesen

werden dürfe. Ich glaube es zwar, da attraction angenommen werden

darf; aber lieber möchte ich an v. 6 des Spruchs „er lizct usw." an-

knüpfen, da das ganze sich doch auf den bösen mann, v. 4, bezieht

und lesen: „er leert sin hant und ivtst ein sivalwenzagel ," eine geringe

änderung, die graphisch ganz gerechtfertigt ist, jede Schwierigkeit hebt

und den gedanken abrundet.

3*


86 H. E. BEZX KR

3) nü Ure et$ m sin swa/rse% buoch, da$ nur der hellemör

hat gegeben, und ü$ im lest U siniu ror.

L. 33, 7. Pf. 111, 7. Wi. 83, 17. W. u. K. 31, 7.

Hier teile ich zunächst die bedenken J. Grimms, in Seebodes

kvit. bibl. 1828 s. 35 b

, gegen die conj. lere und lese, die nicht in den

Zusammenhang passen, da der pabst nicht erst zu lernen braucht, was

er bereits verübt hat, noch der dichter wünschen kann, dass jener es

lerne. Die beiden verse enthalten vielmehr den grund von den beiden

ersten zeilen des Spruchs: „ir sit verleitet usw." Sagt ihr, fährt Wal-

ther fort, der pabst habe St. Peters Schlüssel, so sagt auch, warum er

'Jessen lehre (Act. 8, 20) aus der bibel tilge, sie nicht befolge. Dass

man gottes gäbe nicht kaufe oder verkaufe, das ist uns schon bei der

taufe verboten (Freid. 16, 6. gotes Ucham Wvte unde touf die sint erhü-

bet äne kouf). Hiernach erfordert der gedankengang notwendig einen

gegensatz, der aber mit einer satirischen ermahnnng zu schwach aus-

gedrückt wird, und es muss eine bestirnte tatsache entgegengestellt

werden, das verbum im indicativ stehen. Diesen bieten auch die hand-

schriften , leretz C, leret A, leset AC, und liegt kein triftiger grund zu

dem nach Lachmann von allen herausgeben! angenommenen ler et:., und

les et vor.

Indessen damit allein ist der dunklen stelle noch nicht geholfen.

J. Grimm a. a. o. sagt: „dass ror den bekanten truncus in ecclesia,

auf welchen Lachmann gedeutet hatte, bedeuten soll, ist mir schon

darum zweifelhaft, weil dieser sonst überall stoc genant wird; könte

nicht röhr lesen aus unserm Sprichwort „wer im röhr sitzt, hat gut

pfeifen schneiden" erklärung empfangen? man erhielte einen sinn,

wenn man änderte ic. im lesent si nü ror, aus der erfindung des höl-

lischen buches schneiden sie nun pfeifen; soll aber siniu bleiben, so

dürfte Uset stehen und auf den pabst bezogen werden." Anders

W. Grimm in Gott. gel. anz. 1827. st. 204: 㟤 im (dem zauberbuche)

leset shiiu ror, ir kardenäle, i/r dicket usw. Aus diesem schwarzen

buche müsst ihr, kardenäle, lesen, d. h. des pabstes briefe erklären."

Die erklärung von ror durch schritt sei freilich nur Vermutung. "Wal-

ther brauche das ungewöhnliche wort, die zaubercharaktere damit anzuzeigen.

Vielleicht wäre auch besser „und ü$ im Ust er svniu rör. u

Dagegen Wiggert (Scherflein 1, 32): „so aber (wie jetzt die Sachen

stehen) unterweist ihn (leret in), den pflichtvergessenen pabst, sein

schwarzes buch, das ihm die hülle gegeben hat, damit er daraus seine

halme (ähren) lese (les et, vielleicht aber les er), seine ernte tue, sei-

nen schnitt mache, oder (mit bezug auf »las bild des folgenden verses)

damit er daraus sein stroh oder röhr zum dachdecken sainle." Wie


ZU WALTHER V. D. VOGELWETDE 37

viel auch hiergegen einzuwenden ist, so ist doch Wiggerts erklärung

der beiden letzten vv. des Spruchs, die Lachmann zum teil in die anmer-

kung aufgenommen hat, ganz zutreffend; s. u.

Auf einen andern weg führt Wackernagel, indem er sich mit

Simrocks Übersetzung: „nun lehrt es ihn'sein schwarzes buch, das ihm

der höllenmohr gegeben hat: er liest daraus sein hohles röhr" und mit

der erklärung von rör durch truncus nicht einverstanden erklärt und

meint, vielleicht sei bimset zu lesen, nämlich: mit seinen pfeifen zum

tanze aufspielt.

Nach allen bis jetzt gemachten erklärungsversuchen — Wilmans

gibt nichts neues — bleibt, glaube ich, nichts anders übrig, als Wacker-

nagels Vorschlag anzunehmen und bimst er zu lesen; nur ist rör anders

zu nehmen , mehr in dem sinne Pfeiffers als rohrpfeifen, mit denen man

leichtgläubigen etwas vorpfeift, die locktöne, die zur betörung leicht-

gläubiger aus dem höllischen zauberbuche gelernt werden. Wir haben

hier die sprichwörtlich vielfach gewante sentenz Catos: „fistula dulce

eanit, volucrem dum decipit auceps." Der pabst ist's, welcher ver-

leitet und mit des teufeis stricken seitet (fesselt), nicht mit Worten der

heiligen schrift, sondern mit süssen locktönen; siniu rör sind also des

pabstes incantamenta , die die christenweit betörenden zauberlieder, die

in Rom ersonnenen falschen lehren, die auf bereicherung und macht-

erweiterung der curie zielen. Damit wird die beziehung auf Simon den

zauberer Act. 8, 18 fgg. vollständig. Allerdings ist bimst nicht hand-

schriftlich, allein diese änderung ist wol die einzige, die sich genau

genug an das handschriftliche anschliesst; in les et ist nun einmal mit

beziehung auf siniu rör kein sinn zu bringen.

Demnach wäre zu lesen:

nü lert ez, (oder leretz,) in sin swarzez, buocfi, daz, ime der hellemör

hat gegeben, und uz, im bimst er siniu rör.

Hieran knüpft sich dann (vgl. Wiggert), indem der dichter die

kardinale den verführten deutschen bischöfen und geistlichen gegenüber-

stellt, die rüge, jene deckten nur den eigenen chor (mit beziehung

darauf, dass bei kirchenbauten vor allem der chor fertig gestellt wurde),

sorgten nur für sich selbst, aber für die wahre kirche (unser alter

fröne) und das wol der gemeine sorgten sie nicht, sondern Hessen sie

unter der üblen traufe stehen.

MEESEBUEG. H. E. BEZZENBEEGEE.


38

DER SCHLEGEL.

Im 2. teile der ..Statistischen und topographischen Beschreibung

des Burggraftums Nürnberg, unterhalb dos Gebürgs" von Joh. Beruh.

Fischer, Markgräflich brandenbarg -anspachischem geheimen Kanzlisten,

Anspach, bey dem Verfasser 1787, fand ich s. 201 fgg. folgende oach-

richt

:

„Kühnhard, ein gut gebauter Weiler, nur eine halbe Stunde vom

Pfarrdorf Mosbach gelegen. Hier tritt man eine sonderbare altherkömm-

liche Gewohnheit an. Mitten im Weiler steht eine sehr hohe Tanne oder

Halmenbaum. An diesem hängt ein zimlich groser, aus einem Stück

geschnitzter Schlegel, an welchem 5 Mann zu lieben haben. Hat nun

ein Weib mit ihrem Mann Uneinigkeit, und rauft oder schlägt sie sel-

bigen, so wird augenblicklich der Schlegel herabgenommen und dem

Mann an die Hausthüre gehängt. Dieser mus alsdenn um deßen Wiederwegnahme

bey dem Bauernmeister ansuchen, und sobald dies bewil-

ligt ist und von der Gemeinde geschieht, mit solcher in das Wirths-

haus gehen, dort einen Gulden und 15 Kreuzer erlegen, und dies Geld

mit vertrinken helfen. Will er nicht mittrinken, so wird er noch meh-

rers gestraft. Verunehrt er aber gar den Schlegel selbst, so hat er die

ganze Gemeinde beleidigt und er setzt sich sogar dadurch einer amt-

lichen Strafe aus. Über diese Gewohnheit hält die Gemeinde zu Kühnhard

so stark , daß hierinnen kein Bruder den andern verschont. Wahr-

scheinlich nur deswegen, weil es dabey zu trinken giebt. Doch hat

dieser Schlegel auch noch einen andern Nutzen. Fällt im Winter star-

ker Schnee, so nimmt die Gemeinde selbigen herab, schleift ihn durch

2 oder 1 Ochsen nach Mosbach, und bricht sich dadurch an den Kir-

chentagen die Bahn."

Zu „ Hahnenbaum " fügt er die anmerkung:

„Diese Bäume, welche man in den meisten anspachischen Dör-

fern antritt, werden an der Kirchweihe geputzt und der gewöhnliche

Kirchweihplan um selbige aufgeführt. Bey der ersten Kirchweih wird

mehreuteils um den Preis eines Lammes, bei der Nachkirclnudh aber

um einen Hahn getanzt. Daher der Name Hahnenbaum."

Diese „sonderbare altherkömliche gewonheit" verdient eine nähere

betrachtung. AVichtig ist es zunächst, dass der schlegel mitten im

weiler an dem bäume aufbewahrt wird, um den herum die gemeinde

ihr fest feiert. Lässt sich nun ein mann von seinem weihe schlagen,

dann wird der schlegel abgenommen und dem maime an die haustüre

gehängt: weil er das entsetzliche erduldet hat, ist er und sein ganzes

haus verfemt. Der mann darf selbst den schlegel nicht wegnehmen,


REIPFERSCHEID , DER SCHLEGEL 39

noch weniger darf er ihn verunehren , will er nicht die ganze gemeinde

beleidigen. Bei dem ältesten der gemeinde muss er um wegnähme des

schlegels, um entsühnung seines hauses anhalten. Nimt die gemeinde

sein gesuch an, dann muss er an einer entsühnungsfeier teilnehmen,

deren kosten er zu tragen hat. — Wir sehen, alles deutet auf einen

rechtsgebrauch von hohem alter, der gegen das ende des vorigen Jahr-

hunderts in der genanten gegend noch in streng verpflichtender gel-

tung war.

Für unsere auffassung ist es befremdend, dass der geschlagene

mann und^ nicht etwa das zanksüchtige weib gestraft werden soll.

Unsere vorfahren dachten aber anders, wie sich dies in andern hierhin

gehörenden rechtsgebräuchen * deutlich zeigt.

In einigen gegenden Deutschlands war es noch bis gegen ende des

vorigen Jahrhunderts sitte, dass, wenn ein mann von seinem weibe

geschlagen worden war, die nachbarschaft sich versammelte und dem

ehepaar das haus über dem köpfe abdeckte. „Die entehrung ihres

nachbarn war den markgenossen so unerträglich, dass sie ihn nicht

mehr unter sich dulden konten und ihm sein haus zu gründe richteten,

welches symbolisch durch die abtragung des daches geschah." 2 Wenn

der mann sich mit seinen nachbarn abfand und verglich , dann zogen

sie wider ab, ohne Verletzung des hauses. Besonders streng sind die

Blankenburger stat. vom jähre 1549: hat der mann sich von seiner

frau schlagen lassen , so soll er „ des rathes beide stadtknechte mit

wüllen gewand kleiden, 3 oder, da ers nicht vermag, mit gefängnis

gestraft und ihm hierüber das dach auf seinem hause abgehoben wer-

den." — Eine bestimmung des Benker heidenr. berührt sich mit einem

zuge in dem von mir oben mitgeteilten rechtsaltertume : „(der man)

soll nemen en pandt bi sich enes goldgüldens werde und nemen twee

siner näheren bi sik und vertrinken dasselvige pandt." Die vorherge-

henden bestimmungen dieses rechtes („he sali en ledder an dat huis

setten und mähen en hohl durch den dak und dan sin huis to pah-

lai") lassen den sühnecharakter des trinkens mit den zwei nachbaren

deutlich hervortreten.

1) Vgl. Grimm EA. 723 fg. , 722.

2) Grimm a. a. o. 724.

3) In den Teichler stat. heisst es blos: „er soll den rathsdiener kleiden." Aber

auch hier wird das kleiden ursprünglich ein kleiden mit wollen gewand gewesen

sein. Diese bestimmungen sind offenbar milderungen späterer zeit: früher muste

der geschlagene mann selbst die entehrende kleidung tragen, „wollen" gehen,

vielleicht auch barfuss. „Wollen und barfuss" ist die gewöhnliche bestimmung,

vgl. Grimm a. a. o. 712, und in der histörie van S. Reinolt in dieser Zeitschrift

V. 3, 275 „ivullen incl barvöisr'


10 KKU i I a8( SEID

In andern rechtsgebräuchen i-t eine spätere auffassung unver-

kenbar. So moste 'eine Brau, die ihren mann geschlagen hatte, rück-

wärts auf einem esel reiten; war «In- mann ..in offener fehde von ihr


DER SCHLEGEL 41

hütlins, da macht er ein gethön mit den rechenpfenigen, als het er vil

geltz hei im, da es morgens ward, da gab er innen das meß wider,

vnd mit fortel hat er ein pfenning stecken lassen in einem spalt, der

hing fand in, fragt den alten was er mit gethon het. Er sprach ich

hab noch ein klein gelt behalten in einem trog, für mein sei, dz vbe-

rig sollen ir auch haben, wan ir mir trüwlieh thün, vnd mich wol-

halten; da sie daz |

horten,

waren sie fro, gaben im die kammer wider,

satzten in an iren tisch, bekleiten in wol, hofften groß gut zu vberkummen;

da der alt man an dem hinziehen lag, giengen sie vber den

trog, da runden sie nichts darin, dan stein vnd sand, vnd ein kolben,

da waz ein zedel an, da stünt in engelischer sprach: Mit disem kolben

sol man alle die schlahen, die iren kindeu geben, das sie darnach man-

gel müssen leiden."

Bei Konrad von Ammenhausen im schachzabelbuch heisst es ganz

allgemein: man solle mit dem kolben totschlagen, die andere förderten

und sich selbst säumten.

An dem briflin alsus stunt:

„ich Johan von Canacia tuon kund,

das ich ze selgerete hinder mir km

disen kolben, das man da mit sol slan

ze todc alle, die tuont so tosrlich,

das sie ander Hut furdernt und sument sich

seider und hine geben das sie haut,

und si danne peflen gant."

Vgl. W. Wackernagel in Kurz und Weissenbachs beitragen I. 372.

Grimm führte a. a. o. die keule zurück auf den heiligen hammer

des gottes (Donar). Ihm stimte Simrock a. a. o. 233 bei. Aber

W. Wackernagel sagt a. a. o. : „der schlegel bei Rüdiger, der kolbe

bei Konrad ist schwerlich mit Grimm H. Z. 5. 72 auf den heiligen

hammer des donnergottes , sondern einfach auf die keule auszudeuten

mit welcher man im heidentume sich der abgelebten und unnütz gewor-

denen eitern entledigte , vgl. H. Schreibers taschenb. f. geschichte 5. 286."

Unser rechtsaltertum scheint dagegen für die identität des Schle-

gels mit dem heiligen hammer des gottes zu sprechen: der schlegel

wurde an das haus des mannes, der sich von seinem weibe hatte schla-

gen lassen, gehängt, um anzudeuten, dass das haus und seine bewoh-

ner dem gotte verfallen seien, der früher durch seinen hammer das

brautpaar geweiht hatte, vgl. Weinhold, die deutschen frauen in dem

mittelalter, 257.

BONN. AL. REIFFEESCHEID.


DEE FADEN UM DIE ROSENGÄRTEN.

Es Lsi bereite öfters die ansieht ausgesprochen, dass unter den in

mittelalterlichen Bagen erscheinenden rosengärten das totenreich zu verstehen

sei. Da wir wie ich aus dieser Zeitschr. IV. 240 sehe —

anächsl eine ausführliche arbeit über die rosengärten von K. H. Meyer

zu erwarten haben, bo kann ich mir eine aufzählung aller der momente,

auf welche Bich jene ansieht stützt, ersparen. Die richtigkeit derselben

voraussetzend, erlaube ich mir, kurz einen zug zu besprechen, der

mehreren der betreffenden sagen gemein ist. Das gedieht vom könig

Laurin erzähll i

v.

66):

in tiroleschen landen

hat e$ — [daz getwerc Laurin] — im erzogen »arte

i im ii ros< ngurtoi;

il'iy diu müre sohle sin,

du.:, ist ein vadem sidin.

Ähnlich bei>>t es im gedieht vom grossen rosengärten (ed. W. Grimm

v. L65):

sie [Krimhüt] — löget einen onger >nit rösen teil beldeit,

der ist einer mUe lang und einer halben breit;

dar 'im im git ein mi


A. BEZZENBERGER , DER FADEN UM DIE ROSENGÄRTEN 43

dem bände Gleipnir (Simrock, Myth. s. 116) oder mit den in dänischen

Volksliedern von den beiden zum festmachen benutzten süketraad (Grimm

DRA. s. 184) in irgend einem inneren zusammenhange stehe, ist noch

viel weniger anzunehmen. Die letzteren vertreten vermutlich die not-

oder sieghemden, gewissennassen als pars pro ioto, ersetzen jedoch

vielleicht, da sie um den heim gebunden wurden, die darauf in früherer

zeit als zauber getragenen schlangen (Grimm, D. Myth. s. 652). Kurz, es

findet sich auf germanischem boden nichts, mit dem sich jene Vorstel-

lung vermitteln Hesse; sie scheint uralt zu sein und steht, wie ich

glaube, in Verbindung mit einem brauch der Parsis, auf den Grimm

(DRA. s. 188) bereits aufmerksam gemacht hat, Die Parsis, welche

wegen der heiligkeit des feuers und der erde ihre toten weder verbrennen,

noch begraben dürfen, bringen sie auf eine art von gebäude —

Dakhma genant — damit sie dort von den vögeln und fleischfressenden

tieren verzehrt werden. Anquetil gibt einen ausführlichen bericht über

die erbauung der dakhmas (vgl. Spiegel, Übersetzung des Avesta II.

XXXV) in dem für uns nur das wichtig ist, dass man dieselben mit

einer schnür umzieht, die aus 100 fäden von gold oder baumwolle

besteht. „Diese fäden bedeuten — sagt Anquetil — dass der grund

des dakhma, ja das ganze gebäude in freier luft aufgehangen ist, ohne

die erde zu berühren." Demnach dienten jene fäden dazu, den unrei-

nen dakhma von der erde symbolisch zu sondern, damit sie durch ihn

nicht unrein werde. Ich weiss nicht, ob jene deutung den ansichten

der Parsen entspricht; auch wenn das der fall ist, kann sie doch nicht

alt sein, da sie den anschauungen des Avesta widerspricht , nach denen

die erde, auf der die dakhmas stehen, unrein ist (vgl. Vend. VII. 49 W.).

Sie ist ferner, wenn sie die entstehung jenes brauches erklären will,

unrichtig. Hätten nämlich jene fäden ursprünglich die ihnen von Anque-

til zugeschriebene bedeutung, so würde man sie nicht aus gold oder

baumwolle, d. h. einem reinen, der guten Schöpfung Hörmezds ange-

hörigen , sondern aus einem unreinen stoff, etwa seide verfertigt haben.

Dass dieser unterschied zwischen seide und baumwolle gemacht wurde,

erfahren wir aus dem Mainyö-i-khard ,

wo

es ausdrücklich heisst

(XVI. 64 der ed. by E. W. West): „Was die kleidung betrifft, welche

die menschen tragen, so ist seide gut für den körper, und baumwolle

für die seele , deshalb , weil seide von einem khervaster — einem unrei-

nen, schädlichen tier — komt, aber die nahrung der baumwolle komt

vom wasser und ihr Wachstum von der erde, und zum besten der seele

heisst sie gross, und gut und wertvoller." Das gold ist als metall

selbstverständlich rein. Man könte nun annehmen, dass das unreine,

als das abnorme durch das reine begrenzt werden müsse, allein nach


U \ i.i v/1 M;l |:>.| l; . DBB

I

AI>KN IM DIE BOSKNGARTKN

den religiösen ansichten der Parsia steht das anreine dem reinen vollkommen

berechtig! gegenüber, da Hörmezd and Aharman einen ver-

brae schlössen, nach welchem die existenz des Letzteren und Beiner

abelen Bchöpfung auf 9 >

jähre

gesichert wurde (Mainyd-i-khard

\'I1I. id. Demnach hätten die Parsen gewiss nicht etwas reines

gewählt, am die brennung des anreinen von dem reinen anzudeuten.

Änquetils behauptung ist also zurückzuweisen; nun aber tritt die frage

nahe, wie die auffällige erscheinung zu erklären sei, dass der anreine

dakhma gerade mit faden von gold oder baumwolle umgeben wurde.

\mi einfachsten geschieht dies durch die annähme eines uralten brau-

ches, die begräbnisstätten mit einem kostbaren laden zu umgehen; so

mag die Verwendung eines fadens von gold, oder auch einer aus gold-

fäden bestehenden schnür vorzoroastrisch sein — wenn auch im Avesta

nicht erwähnt , in späterer zeit, als sich die Vorstellungen von der

-uten und bösen Schöpfung festgesetzt hatten, ergab sich die Vertre-

tung desselben durch einen baumwollenfaden naturgemäss. Ist das

richtig, so dürfen wir den die rosengärteu umgebenden faden damit

anbedenklich in Zusammenhang bringen. In Deutsehland mag jener

brauch schon frühzeitig geschwunden sein, und die sage übertrug den

ursprünglich das uralt einhegenden faden auf das ganze totenreich.

Weitere combinat innen will ich nicht wagen; mit dem kosti, der hei-

ligen Bchnur, mit welcher der in den religiösen verband aufzunehmende

bei den Parsis umgürtet wird, kann jene die dakhmas umgebende

schnür aus verschiedenen gründen nichts zu tun haben.

Zufällig ist die oben nachgewiesene Übereinstimmung gewis nicht;

dagegen Bpricht «lie einstweilen noch unerklärliche, aber unbestreitbare

'•wui verwantschafl germanischer und persischer mythen und sagen, die

ich demnächst ausführlich darlegen zu können hoffe.

MERSEBURG, 24. DEC. 1873. ADALBERT BEZZENBERGEB


DIE RIGISCHEN „GELEHRTEN BEITRÄGE" UND

HERDERS ANTEIL AN DENSELBEN.

Es galt um die mitte des vorigen Jahrhunderts den gelehrten in

den grösseren, sogar in manchen mittelstädten unseres Vaterlandes für

eine ehrensache, den bedarf an geistiger nahrung, den ihre gebildeten

oder nach bildung strebenden mitbürger hatten, aus eigenen mittein

zu bestreiten. Solche auf nutzen und ehre der Vaterstadt gerichteten

bemühungen waren des beifalls der bürgerschaft sicher, welche in

ererbtem mistrauen gegen alles, das von aussen kam, sich mit behagen

an dem genügen liess, was daheim erzeugt auf den geschmack seines

engen leserkreises, auf den am orte üblichen ton völlig eingieng. Den

eifer , ja die eifersucht , mit der stadt und landschaft ihre eigentümlich-

keiten zu wahren bestrebt waren, muss man sich vergegenwärtigen,

um die fülle der örtlichen Wochenschriften zu begreifen, die in dem

angegebenen Zeiträume zur weit gekommen, auf den namen der geburts-

stadt, bisweilen auch mit sonderbaren beinamen getauft, selten über

den heimischen boden hinaus bekant, ein längeres oder kürzeres dasein

gefristet haben. Gefristet nicht blos durch die treufleissige arbeit namen-

loser gelehrter, denen die Zufriedenheit eines kleinen publicums ausrei-

chenden lohn gewähren durfte ; auch mancher treffliche und berühmte

hat es nicht verschmäht, an so bescheidenem orte seine gäbe nieder-

zulegen. Und solche abseits geborgene Wertstücke sind es eben, die

den litteratürfreund noch manchmal zu jenen verstaubten und verges-

senen denkmälern gelehrter kleinstaater ei hinziehen.

Zu den vergessenen Schriften dieser art wird man die „ Gelehrten

Beiträge zu den Rigischen Anzeigen" unbedenklich rechnen dürfen;

fast für verloren haben sie ausserhalb der landschaft, für welche sie

einst geschrieben -sind, gegolten. Dass mir zwei exemplare derselben

(wahrscheinlich die einzigen erhaltenen) bekant geworden sind, danke

ich der freundlichen nachweisung des um die litterargeschichte der Ost-

seeprovinzen hochverdienten herrn dr. Beise, die benutzung des Rigen-

ser exemplars ist mir durch das bereitwillige entgegenkommen des ober-

bibliothekars herrn dr. Berkholz zu Riga ermöglicht worden. Es ist

nicht allein der aus der seltenen Zeitschrift gewonnene Zuwachs zu Her-

ders Schriften, um dessen willen ich den genanten gelehrten zu dank

verpflichtet bin; denn als ein zeugnis von dem litteraturzustande Rigas

zu einer zeit, da in Livland ein lebhafter anteil an dem geistigen leben

Deutschlands erwacht, verdienen die beitrage im ganzen beachtung,

45


\,\

SCPHAN

UII ich auch mit den mitteilungen , zu denen ich sie hier

benutze, nichts nnverdienstliches zu leisten.

Die .. Rigischen Anzeigen" wurden im henmonat des Jahres 1763

von Abraham Winkler, einem rechtsgelehrten aus Leipzig, gegründet;

rad and geburtsort lassen vermuten, dass der begrönder ein verwan-

ter jenes Leipziger professors gewesen, dessen philosophisches collegium

dem jungen Goethe nicht so gut munden wollte, als die kräpfeln des

Euckerb&ckers am Thomasplane. Das bleibe dahingestellt; unseres Wink-

lers anzeigen erwarben sich ein dankbares publikum und bestanden nach

dem bald erfolgten tode des mannes als ein wöchentliches intelligenz-

blatt mit amtlichem Charakter fort. Unter der masse des geschäft-

lichen fes bringen sie hin und wider bei anlass kirchlicher oder poli-

tische! feste ein poetisches stück. So hat hier (1765. St. XXVII) die

ode auf die „throngelangungKatharinens" eine stelle gefunden, die Her-

der 1 am tage Beiner öffentlichen einführung (27. brachmonats) als collabora-

Hier i

in dem hörsaale der domscliule als schluss seiner rede vorgetragen hat.

17»;.').

St. LIV) veröffentlicht auch ein poet, der sich H-d 1

unterzeichnet, ein gedieht „Auf die feierliche Einweihung des neuen

Rathhauses," das mit seinen wörtlichen anklängen an Herders Rigenser

gedichte zeugnis von dessen einfluss auf das jüngere geschlecht ablegt:

denn ohne zweifel ist es ein mitglied der familie Heidevogel, das sich

von Herder ermutigt mit seinem gesange hervorwagt, jener gastfreund-

lichen familie. auf deren landsitz (irafenheide a der erholung pflegend,

Herder „sein leben neu verjüngt empfand."

Zu diesen anzeigen erschien alle vierzehn tage ein „gelehrt

beiblati . meisl nicht über anderthalb bogen in quarto stark. "Winkler hat

wahrscheinlich auch dieses unternehmen angeregt; nachweislich aber

liai das meiste verdienst um den bestand desselben Johann Gottfried

Arndt, conrector des lyceums in Riga, gehabt, *ein gelehrter, dermitsei-

h In dem Torberichte wird der dichter mit entstellten] namen Härder genant.

Daher steht in den Könij chen Zeitungen, welche gedieht and einleitang (di

etwu abgeändert) ans dem Rigenser blatte entnehme]}, der name wider falsch Här-

der geschrieben, wunderlich genug, da doch der dichter den Königsbergischen Zeitun-

gen als mitarbeiter nahe genng Btand. Aus dem originaldrucke ist eine berich-

tigung des textes m entnehmen. Hier, and also auch im Kom^berger narlidnu-kc.

tantet die seile 22: Vota Eismeer Ins zn uns; von China Ms zum Beli Im der

rulgata liest man nach einer willkürlichen änderung des herausgebers: „vom Lena

bis zum Belt."

2) In der ausgäbe der gedichte U S I7. I. L29) ist in der Überschrift des

gedichte „Grafenheide" der besitzer des Landgutes in einen „Schreivogel" verwandelt.

Die berichtigung rühr! von dr. Berkholz her (vgl. Erinnerungen aus dem

Leben B L820. 1

,

116).


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 47

ner „Livländischen Chronik" einen ehrenvollen platz unter den geschicht-

schreibern des landes behauptet. 1 - Er

hat nach dem Zeugnisse des

zuverlässigen Gadebusch (Livländische Bibliothek, Riga 1777. I, 13)

„die meisten beitrage geliefert, besorget, erbeten." Seinen tod überlebte

die Zeitschrift nur um einige monate; sie schloss mit dem XXV. stücke

des Jahrganges 67.

Als im jähre 1764 die Königsberger ihre „Gelehrten und Poli-

tischen Zeitungen" gegründet hatten, fand es ein mitarbeiter der Rigi-

schen Beiträge angebracht, die bemühungen der gelehrten seiner „nor-

dischen Provinz" dem geachteteren ostpreussischen leserkreise bekant

zu machen. Es ist sehr walirscheinlich der aus Kants, Hamanns und

Herders lebensbeschreibungen bekante Lindner, welcher in vier stücken

der Königsbergschen Zeitungen von 1764 (39. 40. 87. 88) einen auszug

aus dem ersten jahrgange und der ersten hälfte des zweiten liefert.

Eine fortsetzung ist nicht erfolgt, und eben dies berechtigt uns auf

Lindner zu schliessen, der im frühjahre 1765 Riga verliess und in seine

preussische heimat zurückkehrte. „Ob gleich Schiffe und Handel den

vornehmsten Flor Rigas ausmachen, so lebe man doch auch für die

Wissenschaften und den guten Geschmack darinnen." Nach dieser beschei-

denen einführung lässt sich der einsender über inhalt und absieht der

Zeitschrift aus. „Zum Nutzen des Publici und des kleinen Zirkels von

Liebhabern der Gelehrsamkeit sowol als besonders der Geschichte des

Landes werde das Journalwerk unterhalten. Man richte in den G. B.

sein Hauptaugenmerk auf Liefland, seine Einwohner, Produkten u.dgl.,

doch versage man auch nicht dem, was sonst zum Unterricht oder zur

Belustigung dienen könne, nach seinem Werth, den Zutritt." Ander-

wärts stand meist das religiös - moralische oder das aesthetisch- kriti-

sche im Vordergründe, hier herschte das historisch - praktische vor.

Man wird, um sich den unterschied zu erklären, an ein urteil denken,

das Herder noch ein vierteljahrhundert nach der periode, die wir

betrachten , über Riga abgab : „ Der Kaufmann gibt den Ton an , und

der Gelehrte bequemt sich dem Kaufmanne"; auch wird man sich der

personen des begründers und des an der herausgäbe am meisten betei-

ligten gelehrten erinnern: denn der historiker wie der rechtsgelehrte

geht dem theologischen und noch mehr dem, was nach schönen Wissen-

schaften schmeckt, gern aus dem wege.

Knapp also ist der räum dem theologischen, und besonders dem

dogmatischen zugemessen. „Man wurde bald müde, ihn zu lesen,"

s. 1. 186

1) Gadebusch, Abhandlung von Livländischen Geschichtschreibern (Eigal772)


.-ITIIW

bemerkt


DIE BIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 49

digen mögen, in dieser nachbarsch aft ganz stattlich darstellen. Ausser

ihnen ist für die litteraturgeschichte nur eins von Wichtigkeit, das im

VII. stücke des Jahrgangs 1768 ('s. 50— 60) steht: „Der Versöbnungstod

Jesu Christi, besungen von einem Jünglinge in Dorpat, J. M. ß. L.," des

damals fünfzehnjährigen Eeinhold Lenz zuerst veröffentlichtes gedieht.

Dasselbe fand trotz seiner ungeschickten hexameter und seines überspan-

ten ausdrucks gute aufnähme. „ Man machte diesen Jüngling zum andern

Klopstock," bemerkt Gadebusch; „als er aber (1769) mit seinen Land-

plagen an das licht trat, belehrten ihn die offenherzigen kunstrichter

eines andern."

Hat das schöne und angenehm erdichtete nur ein kümmerliches

Wachstum auf dem schmalen raine zwischen dem nutzbaren und unter-

haltenden, so ist wenigstens das feld der geschichte reichlich angebaut.

Hat auch hieran der geschmack der leser einigen anteil? Den bürger,

der durch seine betriebsamkeit an die wirkliche gegenwart gewiesen

ist, erfreut es, zu wissen, was in früherer zeit an den orten getrieben

ist, die er jetzt mit seiner tätigkeit erfüllt. So werden auch den

Rigensern die zahlreichen mitteilungen willkommen gewesen sein, die

sich über alle perioden der landesgeschichte bis auf die zeit Peters des

Grossen und Katharinas erstrecken. Die behandlung freilich ist für den

laien nicht ansprechend, und zumal bei den oft eingerückten Urkunden

hatten die gelehrten nur sich selber im äuge.

Statt einer Übersicht des inhaltes ist es lohnender eine nachricht

von einigen „beiträgern" zu geben und von dem, was ihnen mit Sicher-

heit zugesprochen werden kann.

Die ältesten zustände der provinz fanden einen bearbeiter an

Johann Jakob Härder, der in den sechziger jähren pastor zu Sunzel im

rigischen kreise war, zu anfange der siebziger als director an das

lyceum zu Riga berufen wurde, und somit die stelle erhielt, auf welche

Herder bei seinem abgange von Riga die sicherste anwartschaft gehabt,

die aber, als sie ihm im april 1771 wirklich angetragen wurde, seinen

ansprächen nicht mehr zusagte. Der namensverwante gelehrte rückte

also ein, und dieser erhielt in den nächsten jähren bei ruhigem zuwar-

ten auch eine höhere geistliche stelle, ohne welche Herder das schul-

rectorat nicht hatte antreten wollen. So floss vielleicht bei den harten

urteilen über diesen mann, die uns in Herders briefwechsel mit seinem

Rigenser freunde und Verleger Hartknoch begegnen (Von und an Her-

der II, 23. 24. 43) einige persönliche misstimmung mit ein.

So fern sich aber auch Herder dem manne fühlte, dessen name

und äussere Schicksale uns zu einer Zusammenstellung mit ihm auffor-

dern, so sind sie doch in ihrer schriftstellerei beide bis zur verwech-

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. VI. BD. 4


BTJPHAX

ing einander nahe gerückt. Diese bemerknng gill nicht jeneT unbe-

deutenden namensvertauschung , deren wir oben (s. 16 anm. l) im vor-

beigehen gedachten. Die im jähre 1768 in Eartknochs verlag erschie-

nene „Philosophie der Geschichte des verstorbenen Hrn. A.btea Bazin,

ans dem Französischen übersetzl imd mit Anmerkungen begleitet," eine

arbeil Härders, isl öfters Herder zugeschrieben worden. Georg Müller

hat in den „Erinnerungen" (I, 100 anm.) den irtum berichtigt; aber

damit war er nicht aus der Avelt geschallt, und so konte es kommen,

dass Heinrieb Kurz in seiner Geschichte der deutschen Literatur

III. 649a) der vielgetadelten vulgata von Herders "Werken auch daraus

einen Vorwurf gemacht hat, „dass sie diese zum teil hedeuteuden anmer-

knngen nicht mitgeteilt hat." Auch Herder ist ein gegner jener Vol-

tairischen schritt, die er in Riga studiert hat, 1

aber in anderem sinne

als Härder: dieser hat es als theologe hauptsächlich mit dem Veräch-

ter


DIE RIGISCHEN BEITEÄGE UND HERDER 51

er das rätsei vom mohnkopf einfach unter die lettischen setzt, während

dort Härder dasselbe nebst einem zweiten 1 als ein gemeinsames gut des

preussischen und des lettischen Stammes in beiden sprachen und mit

deutscher Übersetzung anführt. In dieser abhandlung, als deren ver-

dienst der Verfasser hervorhebt, zuerst in Livland die spräche für die

culturgeschichte verwertet zu haben, fand Herder ferner die idiotismen

in ihrem werte anerkant, auf die er selbst dann in der ersten samlung

der Fragmente mit nachdruck hinwies. „Wenn man in einer Sprache

dergleichen Eedensarten und schildernde Worte findet , so muss die Hand-

lung oder der Begriff, die durch dergleichen Worte ausgedruckt werden,

dem Volk in dieser Sprache eigen sein, wenigstens muss man daraus

auf eine unter ihnen eigne Gewohnheit und Sitte oder Begriff schliessen

können."

Härder bescheidet sich dabei, eine anregung gegeben zu haben,

und will eine gründlichere behandlung demjenigen überlassen, „der

eine starke innere Känntniss des Genies der lettischen Sprache besitze "

er „zweifelt nicht, dass viele Stärke genug bey sich fühlen werden,

weiter zu kommen, als er selbst sich getraue": aufforderung genug

für ein genie wie Herder, den der trieb , die seele des volks in allen

ihren äusserungen zu beobachten , innig beherschte. Wirklich sehen wir

diesen bald nach der ankunft in Riga angeregt , die lettische spräche zu

lernen. Er meldet seinen vorsatz bald, im anfange des Jahres 1765,

dem älteren Königsberger freunde, der die nachricht beifällig aufnimt.

(Lb. 1,2, 90.) Indessen blieb es über jähr und tag bei dem Vorsätze.

Die ausführung kündigt sich dann in einem ebenfalls an Hamann gerich-

teten briefe an. „ Aus Verzweiflung hab' ich das Lettische auch ange-

fangen seit Ostern (1766); wir werden uns also die Stenderschen Fabeln 2

überhören können." (Lb. I, 2, 133.) Zu einem genauen und sichern

Verständnis freilich konte ein solches erholungsstudium nicht führen;

aber soviel hatte der jüngling doch von dem genie der spräche erobert,

dass ihm die meisterhaften Übersetzungen lettischer lieder gelangen,

welche wir in den Volksliedern finden. Seine neigung für die liebliche

spräche kam auch in jenen für die entwickelung unserer litteratur hoch

bedeutenden gesprächen zum ausdruck, die er in Strassburg mit dem

empfänglichsten und edelsten seiner dichterischen freunde führte. 3

Sprache.

1) Entnommen aus Matthaei Praetorii Nachricht von der alten Preussischen

2) Lettische Fabeln und Erzählungen. Mitau 1766- „ Stender hat sich vor-

gesetzt, den "Witz und die Sitten der Letten dadurch zu bilden." Gadebusch, Livl.

Bibl. III, 206.

3) Schoell, Briefe und Aufsätze von Goethe aus den Jahren 1766 — 86. s. 122.

4*

;


»L l'IIA '.

Kehren wir aber zu Härder and seiner abhandlang zurück, die

für Herder höchst wahrscheinlich die brücke zur bekantschaft mit dem

Lettischen gewesen ist, so lernen wir den livländer geistlichen in der-

selben auch wegen seiner toleranten and humanen denkungsart achten,

[ndem er die erwähnten proben von der lettischen volkspoesie gibt,

koml es ihm besonders auch darauf an, menschliche teilnähme für das

Landvolk der heimischen gegend zu erwecken. A.us den rätseln, sagt

er, möge man darauf schliessen, was man aus einem muntern Lettischen

knaben machen könte, wenn man ihn wo! erzöge. Er ereifert sich über

die härte vieler deutscher pächter und grundbesitzer , „die den armen

Bauern bis zum Vieh heruntersetzen"; daseinheimische Iandvolk achtel

er „wegen seiner edlen Hantierung" weit höher als alle die deutschen

landsleute, die als abenteurer hereingekommen seien, „sich eine Per-

rficke und einen Degen gekauft haben, und nun sich Kungs (her,.

nennen lassen." Und noch von anderer seite will er die eingebornen

gegen willkürliche behandlung schützen. Ihn betrübt es, dass zelotische

amtsgenossen die alten segenssprüche und Zauberformeln verfolgen, die

das volk ulme ein bewastsein ihres Zusammenhanges mit dem alten

heidentume als ein erbstück der väterzeiten liebe. Er verwirft andrer-

den oberflächlichen Unterricht in der christlichen religion, der über

ein einprägen der symbolischen formein nicht hinausgehe. Die abstrac-

ten begriffe derselben allegorisiere Bich das volk in seine sinlichen vor-

Uungen, zumal wenn sie ihm in ungeschickter Übersetzung zugebracht

seien; su denke es bei dem werte geist an wannen dampf, bei dem

attribute allwissend an einen überaus schlauen gott.

Wie nahe berührt sich in dieser humanen Zuneigung für das

„volk" in allen seinen eigenheiten Herder mit dem Verfasser des cul-

turhistorischen aufsatzes. I bei die läge des Leibeigenes bauernstandes

nachzudenken ward jener bald durch eigene aiischaiiuiig an^ere^t, L)ie

Leibeigenenfrage beschäftigte während seines Rigenser lebens den Land-

tag der Livländischen ritterschaft, 1

es wirkte mancher von den herren

in edlem eifer darauf hin, die hörigen von dem auf ihnen lastenden

drucke zu befreien, so der milde freiherr von Budberg, Herders edler

freund.-' Solchen veranlassungen und der ihnen benennenden natür-

lichen liebe Herders zu der mit ersten klasse entsprangen betrachtungen

li Jegöt von Sivera, Bumanität und Nationalität. Berlin 1869. s. 10 fg.

•_' Herders Leben bild I, 2, 41. K. 6. Sonntag, Woldomar Dietrich Frei-

herr von Bndberg, in der Livona. (Ein histor.-poet. Taschenbuch für die deutsch-

ru88. Ostseeprovinzen. Riga und Dorpat L812 b. 1 f>f» -164. (Das buch

i i mir

durch herrn Döring in Bfitan ans der bibliothek des Kurländischen Museums zuge-

kommi n.


DIE EIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 53

wie die über die ausstattung der bauern mit freiem grundbesitz , von

welcher sich eine skizze unter seinen handschriften gefunden hat.

Noch einmal finden wir in den Eigischen Beiträgen Härder als

einen freundlichen beobachter des niederen volks, und widerum hat die-

ser aufsatz dazu gedient, ihm ein denkmal in den Schriften seines berühm-

ten doppelgängers zu bereiten. In jenem höchst anziehenden kleinen

aufsatze „Das Land der Seelen" — zuerst erschienen in den Zerstreu-

ten Blättern VI, 95 fgg. — erzählt Herder, um die vorstellungeil der

baltisch - nordischen Völker von dem zustande nach dem tode zu veran-

schaulichen, die geschichte eines livländischen bauermädchens (s. 132),

die in der Verzückung eines traumhaften zustandes sich mit dem jen-

seits in Verbindung geglaubt, ihrer idee nachhängend beharrlich speise

und trank verschmäht habe imd so ein opfer dieses wahns geworden

sei. Die geschichte hat Herder aus den E. Beiträgen (1763 St. 21.

Geschichte eines wahnsinnigen Bauermägdchcns) , und Härder eben ist

es, der sie dort vorgetragen und zu ihrer erklärung aufgefordert hat.

Zu den beiträgem im historischen fache gehört ferner Friederich

Konrad Gadebusch, den wir wegen seiner litterarhistorischen arbeiten

schon widerholt als gewährsmann genant haben. Hier jedoch werden

wir nicht auf seine beitrage zur landesgeschichte achten, sondern auf

eine höchst schätzbare arbeit, die ins lexicalische gebiet gehört. Sein

eigentum sind die „Zusätze zu Johann Leonhard Frischens Deutschem

Wörterbuch," die als zwölf lieferungen ebenso viele stücke der Zeit-

schrift vom jahrgange 1763 bis 1767 einnehmen. 1 Als die hälfte der-

selben erschienen war, schrieb Herder in der ersten samlung der Frag-

mente (s. 50): „Eine fleissige Seele in Liefland hat einen Anhang zu

Frischens Wörterbuch, aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften,

Litteraturbriefen, Lessings, Uz und dergleichen Schriften gemacht; aus

dem ich, weil er doch zu gut ist, um in einem Winkel ohne Anwen-

dung zu vermodern , wenn er vollendet seyn wird , einen Auszug liefern

werde." Er hat den entschluss nicht ausgeführt, und desto sicherer

ist das Schicksal eingetroffen, welches er der redlichen arbeit prophe-

zeit hat. Woldemar von Gutzeit, in der vorrede zu seinem Wörter-

schatz der Deutschen Sprache Livlands (Eiga 1864. s. VII) ist der ein-

zige, der das andenken an die leistung des gelehrten Dorpater bürger-

meisters erneuert ; wir möchten diesem eine bescheidene stelle in einer

der vorreden von Grimms Wörterbuch gönnen, die ja sonst jedes red-

liche verdienst dankbar verzeichnen. Eine solche stelle verdient er

1) 1763. St. XIV. 1764. St. IV. XI. XV. 1765. St. VI. VIU. 1766. St. XVII.

XXI. XXVI. 1767. St. IX. XV. XXIV.


SUPTIAN

nicht blos boi historischer Bchätzung — denn wer hat neben Lessing

in der periode zwischen Frisch und Adelung zu Lexicalischen zwecken

ammelt wie er? — seine arbeil hat ausserdem, bo viel

auch von den einzelnen ergebnissen veraltet sein mag, einen unverjähr-

baren wert. Wie dankbar sind wir Lessing dafür, dass er uns dann

und wann bei einem worte angibt, wann es in seiner jetzigen form

oder in einem neuen ahme schriftgebräuchlich geworden ist. (iade-

buscha samlung lesen wir jetzt ganz in diesem gesichtspunkte. ..Ich

habe Beit einigen Jahren, meldet er im vorbericht, bey dem Lesen der

deutschen Bücher last beständig das Frischische W. B. zur Hand genom-

men, um dem darinn befindlichen Mangel abzuhelfen. Was ich in dem-

selben nichi fand, zeichnete ich an." Das meiste aber was Gadebusch

in dieser weise durchgearbeitet hat, besteht in den schönwissenschaft-

lichen und geschichtlichen Schriften, die seit 1741 erschienen sind.

Manche gedichtsamlung und besonders ein gut teil der breiten prosa-

litteratur jener zeit hat er durchgemustert, die auch der sorgfältige

samler heute höchstens gelegentlich berücksichtigen kann, und diese

verschollenen Schriften enthalten für den. der der geschickte des wort-

gebrauchs nachspürt , nicht selten ebenso wichtige beläge als die schrif-

teu, die sich länger im leben der litteratur behauptet haben. Von den

bedeutenden Bchriftstellern vermissen wir autfälliger weise Klopstock.

Gadebusch isl ein anhänger der Gottschedischen schule, und bei Klop-

icks poesie ward dem mich fernen gelehrten nicht wol; aber damit ist

die ausschliessung des Messiassängers doch nicht genügend erklärt,

heim die schritten der Schweizer und ihrer freunde sind sorgfältig

benutzt, wir finden [selin, Wieland u. a. : freilich ist ihren sprach-

neuerungen manche bedenkliche nute angehängt, wie die: „wer unsere

reiche Muttersprache also vermehret, der verunstaltet sie." überhaupt

isl Gadebusch ein abgesagter feind aller der Heuerlingen, die durch

„nachäffung" fremder sprachen, besonders der französischen entstanden

sind; 1 ebenso streng ist er gegen Lateinische eindringlinge.* Dagegen

nebt er mit freude gute alte Wörter wider eingeführt. Nicht selten

sind bei ihm bemerkungen, wie die, mit der er das wort staunen

begleitet „Dieses Zeitwort war nach Prischens Zeugnis nicht mehr im

Gebrauche. Allein Herr von Malier hat wider angefangen sich dessel-

ben zu bedienen; dem viele andere gefolgt sind ..." und nach einer

heit i

li Et verwirft /.. b. das zu seiner zeil aufkommende wort Stimmenmehr-

pluralite dea raffiragi

2) Sehr eifrig ergehl er tiefa gegen 'li.' „unmässigen Liebhaber der lateini-

schen Brocken" bei gelegenheit des Wortes inventarinm, wofür er mit Frisch

fundbuch, oder mit Logau fundregißter Bagen will.


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 55

reihe von beispielen aus Lessing, Cronegk, Wieland, Karschin (die es

mit Vorliebe braucht) : „ so leicht können veraltete Wörter erneuret wer-

den, wenn ein bestätigter Dichter sie wider gäng und gäbe macht."

Ähnlich bei hülle (vgl. enthüllen), schwall u. a. Auch ausser-

halb der litteratur, in der Umgangs- und geschäftssprache findet er

bemerkenswerten Sprachgebrauch. So weiss er bei dem worte einschub

anzugeben, dass es in der amtssprache der preussischen armee üblich

sei. Besonders erfreulich aber ist die Sorgfalt, mit der er auf Provin-

zialismen achtet. Eine ziemliche anzahl führt er aus seiner neuen heimat

, andere aus seinem vaterlande Pommern und aus Preussen an , wo

er sich mehrere jähre aufgehalten hat. Über diese freisinnigkeit des

alten Gottschedianers wundern wir uns weniger, wenn wir erfahren,

dass er auf dem Hamburger gymnasium ein schüler Eicheys, Verfassers

des Hamburger Idiotikons, gewesen ist. Als ein liebhaber des kern-

haften deutschen bewährt sich Gadebusch ferner durch seine genaue

bekantschaft mit der spräche Luthers; manches, was er aus Luthers

Schriften zusammengetragen hat, ist erst durch das Diezische Wörter-

buch entbehrlich geworden. 1

Mit den zwölf lieferungen waren die lexicalischen arbeiten des

rüstigen mannes nicht abgeschlossen. Bei einem nochmaligen abdrucke,

meldet er in seiner Livländischen Bibliothek (I, 16. 389), könten die

beitrage noch einmal so stark werden. Wenige jähre nachher regte ihn

das neu erschienene Adelungsche Wörterbuch zu einer zweiten reihe

von beitragen an. Er fieng an, sie in Gottlieb Schlegels Vermischten

Aufsätzen und Urtheilen, im ersten stücke des zweiten bandes (1780)

zu veröffentlichen; aber das dort gedruckte geht nur bis zum buch-

staben C. Das übrige material blieb , wahrscheinlich ungeordnet,

in seinem nachlasse; es ist nach W. v. Gutzeits angäbe verloren

gegangen. 2

1) Als probe seiner gelehrsamkeit und zur vergleickung mit Diez stehe hier

der artikel Peldstift. Gadebusch weist das wort nach in Luthers Erklärung zu

Matth. 24, 26: „Die Wüsten aber sind die Wahlfahrten und Feldstifte." . . . „Frisch

hat feldsiech und Feldsucht, leprosus, lepra. Wie? wenn Feldstift so viel

wäre, als ein Pesthof oder Lazaret; welche Gebäude gemeiniglich vor den Städten

auf dem Felde angetroffeu werden." Gadebusch hat das richtige getroffen. Siehe

Baur, Hessische Urkunden II, 375: „infirmis in hospitali ad eorum solaeium 1

maream. Item leprosis in campo 1 fertonem" ; legat aus d. j. 1285.

2) In Beises Nachträgen und Fortsetzungen zu v. Eecke und Napierskys Livl.

Schriftstellerlexicon (Mitau 1859. s. 205) findet sich allerdings , im anschlusse an das

hauptwerk (II, 3— 8) ein nachweis über den verbleib des nachlasses; von Gutzeits

angäbe aber ist jüngeren datums , und der letztere gelehrte hat wahrscheinlich nach-

suchungen nach den papieren, die für ihn nicht unwichtig waren, angestellt.


HAN

Einige angaben über die persönlichkeil unseres Lexikographen dür-

fen mm \\"1 hier Ihre stelle finden. Gadebuscb Btamt von der hei-

matsinsel Ernst Moritz Arndts. Aus den oachrichten, die er ans von

Beinen Lebensschicksalen gibt, Lernen wir ihn als einen arbeitseligen,

rtig emporstrebenden, Widerwärtigkeiten durch sein onbeogsami

Widersacher durch Bein selbstbewnstes wesen bezwingenden mann kennen.

Ein jähr » nachdem er sich häuslich in Dorpat niedergelassen, verlor

er durch eine fenersbrnnst, die sein haus zerstörte, sein vermögen, .-eine

bibliothek; „er bedanrete nichts so sehr als seine deutsche Reichshisto-

rie, woran er aber zwanzig Jahre gearbeitet, und die er bis an Leopolds

Tod vollendet hatte."

Mit Eerders anerkennenden werten haben wir die nachrichten

über Gadebusch eingeleitet; mit einorn hinweise auf die förderung, die

Berder durch -las gelehrte wirken des mannes erfahren hat, seien sie

schlössen. Nächst Lessings Wörterbuch über Logaus spräche, 1

auch Gadebusch als die einzige verdienstliche arbeit auf diesem gebiete

lobt, sind es die nachtrage zu Frisch, welche Herder zu einem auf-

merksamen beobachter des Wortschatzes der muttersprache gemacht

haben. Wir finden unter Herders handschriften den anfang eines aus-

ZUges aus frisch, der ebenso wie ein solcher aus Wächter in der zeit

des aut'enthaltes in Riga entstanden ist. Gadebuschs ansichten von dem

werte der alten wörter sind von Herder angenommen und vertieft, die

achtung, die jener vor den provincialismen und idiotismen hat, wird

bei diesem zu schützender Vorliebe. Gadebuschs entschiedenes urteil

über den Vorzug des deutschen vor dem französischen, sein spotl über

4 '

die verkehrte und nutzlose tätigkeil der „deutschen gesellschaften

kehrt in dem ersten teile der Fragmente wider.

Amh von der neigung zur politischen geschiente, die wir bei den

jischen Beiträgen! und so besonders bei onserm Gadebusch stark ent-

wickelt finden. Behen wir Herder beeinllusst. In Königsberg hatte er

sich anter Kants Leitung der geschiente der „menschheit" (humanität)

gewant, den planzu einer „Geschichte des menschlichen Verstandes

gemacht Jetzt erfaa i

er

das

auch die politische seite. „Ich habe," eröff-

net er im jähre L768 Beinern freunde Scheffner, „im Ernst lange den

danken gehabt, einen historischen Versuch über das 15. und 16. Jahr-

1 Aus

dem Wörterbliche, wie aus den „Vorberichte von der Sprache dea

igau" hal Herder Bich in Königsberg einen anszng angelegt, der in einem Beiner

Btndienhefte erhalten ist.

2) Ein handschriftliche! entwurt unt-r dieser \\\>>\^ lnii't zeig! uns wahr-

scheinlich den ersten versuch, mit dem sieh der jüngling an seine aufgäbe ge-

s\ hat.


DIE BIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 57

hundert zu machen — es ist das wichtigste seculum und die Quelle der

neuern Geschichte/' (Lb. 1,2, 361.) Auf die vaterländische geschiente

insbesondere hat er sein augenmerk gerichtet. Mit treffender schärfe

redet er im dritten teile der Kritischen Wälder (s. 156 — 171) von dem

gesichtspunkte, in dem eine reichshistorie sich halten müsse. Nicht

eine kaiserhistorie mit Charakterbildern der regenten soll dieselbe sein,

sondern eine darstellung des processes, wie die einzelnen glieder des

grossen körpers sich zur Selbständigkeit herausbilden, um schliesslich

als Staaten für sich zu bestehen. „Hauptgesichtspunkt der deutschen

Geschichte ist, dass man diese allmähliche Schöpfung zum heutigen

Staatskörper bei jeder Progression der Umbildung merke, genau aus

4 '

Urkunden anmerke, auszeichne.

Der zug zum nationalen ist in dieser geschichtlichen wie in jener

sprachlichen x beschäftigung Livländischer gelehrter unverkenbar. Auf

einem so ausgesetzten posten hielten gelehrte und bürger an der deut-

schen art treuer fest, als an vielen orten im mutterlande. Ähnliches

streben zeigt sich, den gleichen Ursachen entspringend, in Ostpreussen,

das damals eine insel im slawischen meere, den Leipzigern wie den

Berlinern ein „verschrieenes Böotien" war. So ist es kein zufall,

wenn eben der fähigste und feurigste aus dieser nordischen schaar als-

bald die losung „von deutscher art und kunst" erschallen lässt und zu

einer widergeburt der litteratur in nationalem sinne aufruft.

Diesen jüngling aber in den jähren, die sein weitreichendes wir-

ken vorbereiten, als einen mitarbeiter an dem bescheidenen werke des

provinzialen intelligenzblattes aufzuzeigen, ist der zweck der weiteren

darstellung.

Herders erster beitrag tritt uns zu unserer Verwunderung schon

im XXIV. stücke des Jahrgangs 1764 entgegen. Er steht daselbst

(s. 185 — 190) unter dem titel: Ueber den Fleiss in mehreren

gelehrten Sprachen. Dieser aufsatz sieht nämlich einer schulrede,

die in Herders Lebensbild (I, 2, 151 — 162) unter den briefen und

arbeiten des Jahres 1766 abgedruckt ist, so ähnlich, als nur ein Zwil-

ling dem andern. Es zeigt sich bei näherer vergleichung, dass jener

eine Überarbeitung der rede ist, und dass beide ebenso zu einander

gehören, wie die halbvollendete abhandlung von der Grazie des Lehrers

(Lb. I, 2, 63— 75) zu der oben erwähnten ersten Rigenser schulrede

(ebenda s. 42— 63). Nur hält sich bei dem ersten paare die über-

1) Neben Gadebuscb nennen wir Hupel mit seinem Idiotikon der deutseben

Spracbe in Lief- und Estland und Gustav von Bergmann, Sammlung livländiscber

Provinzialwörter (Salisburg 1785).


MCHAN

arbeitung weil mehr an der Oberfläche, erstrecH sich wenig auf die

ansbildnng der gedanken, gar nicht auf die anordnung. Die zahlrei-

chen änderungen des ausdrucke aber und die dem gegenstände weil

angemessenere herabstimroung des fcones der rede zu dem der abhandlung

verleihen der in den „Beiträgen" vorliegenden gestall einen entschie-

denen vorzug vor der im Lebensbilde nach der (nachmals verloren

gegangenen) handschritl gebotenen. Die datierung der letzteren beruht

also auf einem irrtume des herausgebers , der seine ansetzung selbst

nicht für sicher ausgibt und bemerkt, dass die rede ihren schriftzügen

nach elier früher als später geschrieben scheine.

Wie aber konte diese arbeit schon so früh in die Beiträge ein-

gerückt, werden, da der Verfasser selbst kaum in Riga eingetroffen war?

Das stück XXIV der Zeitschrift ist in der ersten hälfte des december

erschienen , Herder erst am 22. november aus Königsberg abgereist,

am 7. december privatim als collahorator in die domschule eingeführt.

(Lb. I, 1, 322. Erinnerungen I, 85). Wie hätte nun während der unruhe

und unmusse der ersten tage die zeitungsarbeit entstehen können V

Die zu gründe liegende rede muss der Königsbergischen Schulpraxis

angehören; sollte aber nicht auch die Umarbeitung noch in den alten

Verhältnissen vorgenommen sein?

Die aussieht , von dem Königsberger Priedericianum , der in pedan-

tisch-theologischem sinne geleiteten anstalt an die Eigische schule über-

zugehen, eröffnete sich Herder im october 1764. In dem briefwechsel,

der sich mit Lindner. dem rector der domschule, anspann, suchte Her-

der seine kentnisse und Fähigkeiten in das günstigste licht zu stellen,

wie denn auch Hamann das seinige tat, „den liebenswürdigen Jüngling

mit etwas triefenden äugen." dem rector, seinem alten freunde, ange-

legentlich zu empfehlen.

1 „Inder

latinität ," meldet Herder, „habe er

grossseeunda , in der mathematik seeunda, auch im französischen eine

klasse gehabt." In der erwiderung hat Lindner jedenfalls proben sei-

ner Fähigkeiten gewünscht. Dem nächsten briefe wurden also etliche

Schriftstücke beigeschlossen; ihnen gelten die werte (s. 319): „In der

Ei] schicke das erste, das beste; das eine ist eine Rede, die ich hier

habe deklamieren lassen: das zweite eine Schulmaterie; das übrige

ich hoffe, man wird die Nachsicht beweisen, mich hieraus einigeiniassen

beurtheilen, nicht alter messen zu wollen." Nun, eine schulniaterie ist

ja unsere abhandlung im eigentlichsten sinne; und die actusrede, die

als ein zeugnis der fähigkeil, latein in oberen classen zu lehren, mit-

gieng, ist wahrscheinlich dank dieser sendung, ebenfalls unter Herders

1) Lebensbild 1,1, 310 fgg. Hamanns Schriften 3, 302.


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER

papieren erhalten geblieben, wenigstens so lange, bis sie im Lebens-

bilde (I, 284 — 295) zum abdruck kam. Der herausgeber, der sie

dort „eine von Herder auf dem Friedericianum gehaltene rede" betitelt,

hat sie unmöglich durchgelesen; sonst hätte er ohnfehlbar bemerkt,

dass der redende iuvenis ein schüler ist. Eine wunderliche latinität

ist es, die Herder damals gelehrt oder wenigstens geduldet hat; und

dass ihm dieser lateinische geist auf schulen so übel behagt hat, wie

es die harten äusserungen im dritten teile der Fragmente kundgeben,

mögen wir ihm nicht verdenken.

Es kann nach dieser darlegung wol nicht mehr fraglich bleiben,

wann und wo die erste in den Beiträgen gedruckte arbeit Herders in

ihrer letzten form entstanden ist. So wie wir sie dort finden, ist sie

anfang octobers 1764 mit benutzung einer älteren arbeit rasch nieder-

geschrieben.

Die schulmaterie füllt aber das stück der Kigischen Beiträge

nicht; auf den drei letzten Seiten steht „Der Charakter des Menschen-

feindes, aus den Königsbergschen Zeitungen." Dass Herder ein mit-

arbeitet dieser „Gelehrten und Politischen Zeitungen" in den ersten

jähren ihres bestehens gewesen, ist nun durch die auf sorgfältiger for-

schung beruhenden aufsätze Hayms (s. s. 50 anm. 1) auch in weiterem kreise

bekant geworden. Es lässt sich zwar nur eine reihe von recensionen 1

und eine kleine anzahl von gedichten mit voller Sicherheit als sein

anteil ermitteln, dagegen keiner von den Originalaufsätzen in dieser

zeitung; indessen ist Hayms Vermutung, dass auch unter diesen stücken

manches ihm zugehören mag, nicht ohne grund, und wir werden zu

ihrer bestätigung im weiteren verlaufe einige tatsachen anführen , welche

die beschäftigung Herders mit ähnlichen Stoffen beweisen. Sollte es

nun blosser zufall sein, dass jener „Charakter," der einzige aus den

Königsbergischen Zeitungen, überhaupt aus einer auswärtigen Zeitschrift

aufgenommene aufsatz , mit der Herderischen abhandlung in einem stücke

zusammen steht? Oder ist dieser populär - psychologische versuch

etwas von dem „ übrigen ," das die Sendung an Lindner enthielt ? Soviel

wenigstens lassen die gedankenstriehe , lässt die entgegenStellung und

das bescheidene abbrechen erraten; dass dieses „übrige" nichts sch.ul-

mässiges war, und so wäre es wol das nächste an etwas belletristisches

zu denken. Eine solche freiere arbeit vorzulegen hatte ja Herder vol-

len grund , da er als „ ein lehrer des schönen und weltmässigen " beson-

1) Mit ausnähme von zwei recensionen, die im Jahrgänge 1767 stehen und

die chiffre Hr haben, sind sämtliche arbeiten Herders unbezeichnet. Der „Menschenfeind"

ist mit der sonst nirgends in den Zeitungen wider gebrauchten note B

unterschrieben.

59


du -i rii.w

ders die Übungen im deutschen stil an der neuen austali leiten sollte.

(Lb. I. -'. 15.) Sehr wo! würde zu der Vermutung 1 Btimmen, dass der

„Charakter" in dem 71. stücke der Königsbergischen Zeitungen steht, «las

am 5. october erschienen ist; denn der briet' an Lindner trägt das

datum des n;. oefcober.

Die Wahrscheinlichkeit lässt sicli noch einen schritt weiter trei-

ben. Jene nummer der Etigischen Beiträge wurde ächon am 19. decem-

ber an Hamann geschickt; dieser, der dieselbe mit dem ersten (nicht

mehr vorhandenen) briefe seines jungen freundes erst am 7. Januar des

nächsten Jahres erhalten hatte, erwidert mit bezug auf die sendung:

„Für Mitteilung Ihres eingerückten Stücks statte Ihnen meinen Dank ab,

und nehme an der guten Aufnahme Ihrer Erstlinge allen freundschaft-

lichen Antheil." (Lb. I, 2, 7.) Wer sich an den Wortlaut dieser brief-

Btelle hält, dürfte in dem ersten satze das ganze Stück (XXIV) der

Beiträge mit seinem doppelten inhalte bezeichnet, im zweiten oben-

drein die mehrheit der aufeätze verbürgt finden. Allein das Messe mit

der genauigkeit mißbrauch treiben. Ein stück wird, neben jenem der

zeit eigenen redegebrauche, auch ein einzelner aufsatz, Avie ein einzel-

nes gedieht benannt. So schreibt Hamann (a.a.O. s. 33): „Mit Ihrem

Gesang auf die Asche Königsbergs bin ich gar nicht zufrieden gewesen,

aber neue Stink (gemeint ist der Altarsgesang: der Opferpriester)

ist mehr naeli meinem Geschmack." Von der aufnähme der erstlinge

kann aber Ilamann eben so wol im liinblick auf die zu erwartende wei-

tere täidgkeit seines Schützlings reden.

Die historischen beweismittel verhelfen uns also nicht zur Sicher-

heit, und eine, versucha, durch betrachtung des stils ein festeres ergebnis

zu erlangen, dürfen wir uns nicht entschlagen. „Selten wird man

zum Menschenfeinde geboren," heisst es nach den ersten einleitenden

zeil. -n. „Weit gefehlt, dass wir von der Natur Regungen des Hnsses

empfangen Bollten, bo treten wir vielmehr mit einem Keime geselliger

hiebe in die Welt. Nach und nach schiesst dieser Keim höher auf; unsre

dürfhisse vermehren sein Wachsthum." Zum Schlüsse heisst es von

dem geschilderten Charakter: ..Kr liebt zuweilen, und liebt heftiger,

als jemand .... Die Natur behauptet stets ihre Rechte über alle ihre

Wesen; sie weiss sie gültig zu machen, sobald es ihr gefällt; die mensch-

li (Nachträglich) B< wird diese Vermutung durch den amtlichen

l'-richt des reotors an den Rigensei magistrat. „Der Rector hätte 'li


DIE BIGISCHEN BEITRAGE UND HEBDER 61

liehen Vorurteile vermögen nichts wider sie." Wie anfang und schluss,

so läuft die ganze darstellung zumeist in schlichten, knappen, oft anti-

thetisch gebildeten Sätzen dahin; bildlicher ausdruck ist nicht vermie-

den, aber er hält sich, wie in den gegebenen proben, in bescheidenen

schranken. Es fehlen die starken eigentümlichkeiten des Herderischen

stils, welche die grossen arbeiten und so manche kleinere aus der

Eigenser periode auszeichnen: im satzbau der rhetorische wurf, die

leidenschaftliche bewegung; im ausdrucke des einzelnen die bildliche

fülle und kraft , welche das metaphorische nicht blos als ein aufgestreu-

tes schmuckwerk verwendet, sondern es oft als ein organisches glied

aufnimt, durch das sich der gedanke weiter treibt oder spielt. Dieser

einem phantasievollen , jugendlich feurigen Schriftsteller natürliche, von

Herder überdies nach theoretischer Überzeugung 1 und mit bewuster

absieht ausgebildete stil ist es, an dem sich uns die anonymen Her-

derischen stücke zu erkennen geben; Übereinstimmung der bilder und

vergleichungen , die widerkehr derselben allusionen ermöglicht es oft,

die Überweisung mit einleuchtenden belegen zu rechtfertigen; eine genü-

gende zahl solcher parallelen darf für einen vollgültigen ersatz eines

historischen beweises angesehen werden.

Unser „Menschenfeind" lässt sich keine stelle abgewinnen, an

der man das mittel der vergleichung erproben könte. Verstärkt also

wird die Wahrscheinlichkeit durch die .stilbetrachtung keineswegs; aber

vielleicht geschwächt — aufgehoben? Auch dies nicht.

Dem genaueren beobachter entgeht es nicht, dass Herder seinen

charakteristischen stil nicht in allen seinen arbeiten beibehält; ja dass

er die gäbe besitzt, sicli desselben zu entäussern. Ein herabsteigen

von dem „stil der Fragmente" findet Haym mit recht in den meisten

Königsbergischen recensionen. Weit auffälliger ist die abweichung in

den Eigenser predigten

;

2 diese geben das beste zeugnis von „ der glück-

lichen Leichtigkeit , sich zu bequemen und seine Gegenstände zu behan-

deln," die Hamann 3 an dem Jünglinge Herder rühmt. Hier ist es die

rücksicht auf das publikum, welche zum verlassen des „hohen Stils"

getrieben hat; in den recensionen gewahren wir öfters die elastische

1) „Von Jugend auf dünkte es mich, dass sich die Prose viel mehrern Schmuck

des Wort- und Periodenbaues erlauben dürfe , als die Poesie." Zerstreute Blätter III,

Vorrede s. VIII fg. (1787).

2) Dabei blieb diesen predigten immer noch so viel von dem eigentümlichen

Herderischen colorit, dass die gegner sie als „ein Geklingel von schönen Worten —

eine Kette von Gleichnissen, Bildern und Anspielungen" verschreien konten. Wie

sohr dieser Vorwurf übertrieben ist , beweisen die übergebliebenen reden.

3) Hamanns Schriften 3, 302.


SUPH.W

natnr des Jünglings, die v lern Frisch gelesenen eindrücke aufnimt

uii,i diese in ton und haltung des berichtes widergibt. h ihn diese

dithyrambensamlung mit ihrem feuer „angeglüht/ 4

jener philosophische

tractai mit Beinen geschwollenen paragraphen angegähnt, oh die fülle

des Inhalts an einem historischen, geographischen werke Beine lern-

begier in rollern masse beschäftigt hat, merken wir dem tone der lit-

berarischen beriefcterstattung leicht an. Einen dritten grund der stil-

abweichnngen können wir endlich namhaft machen, der sieh zunächst

an Herders i tischen prodnetionen deutlich nachweisen lässt.

Des ihm natürlich eigenen poetischen stiles ist sich Herder wol

bewust. Er bezeichnet ihn selbst als den „hohen stil," und die gedichte,

die sieh in demselben halten, mit den erzeugnissen der noch rohen,

zur Schönheit nicht durchgedrungenen ältesten periode der dichtend

il.li. [, 2, 179). Und so findet er in jener frühen zeit allerdings für

die begeisternng, die andacht, allenfalls auch für die grimmige ironie

ihn rechten ton; oft freilich überspannt er ihn. Aber neben gedienten

dieser art enthalten seine poesiehefte eine beträchtliche zahl von ver-

suchen in allerlei leichten gattungen: nachahmungen Gerstenher

l'/ens, Gleims, die ihm, wenn sie nicht seine handschrift beglaubigte,

niemand zugeschrieben halten würde, Es sind poetische exercitien, ent-

sprungen ans der absieht, sich in der technik der von der mode begün-

stigten dichtungen zu befestigen und geschmeidigkeit in mannigfaltigem

ansdrncke zu erwerben.

Hat Herder solche Studien auch in der prosa gemacht? Dass

sieh beweise dafür finden, haben wir sehen angedeutet (s. 59). Etliche

aufgaben zu „Charakteren," zu moralischen erzählungen hat er sich

teilt; nur von einer der letzteren sind einige /eilen des anfan

erhalten.

1

ll.it er etwas davon ausgeführt, so ist es jedenfalls ebenso

in dem tone der modestücke geschehen, wie beispielshalber unter jenen

poetischen Btudien die idylle: Der Baum,- eine Schäfergeschichte von

Daphnis und Daphne, in der form von Gerstenbergs Tändeleien geschrie-

ben ist

1) Wo wohnel das Glück? Nach einem verdrüsslichen Tage warf ich mich

lnüde von Geschäften j siech am Körper und voll Gram in der Serie wälzt.' ich mich

in meinem Schlafstuhl umher, der Schlaf ftohe meine Angenlieder, und ich war in

den Traum v.m Gedanken versenkt: Unglücklicher? Wo wohnt das Glück auf der

Erde? hast du j'- eine Person gefunden, die völlig glücklich, die jeden Tag glück-

lichwäre, die nie klagte? II. ist du je eil ben, dessen Loos .... (hrichl

chriehen sp 1766.

U) Der uli--i „iirift nach sollt« eine Folge von 3. Idyllen" sein, (vgl,

(Erinn. I, 84.} Erhalten ist in dem Königsherger hefte nur der bruuillou der ersten.


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 63

Wahrscheinlich ist es, dass von den stücken dieser art etliches

in den Königsbergischen zeitnngen gedruckt ist, besonders von den poe-

sien. Alles dieses wird sich auch dem sorgfältigsten forscher entzie-

hen; nur das ipse feci in irgend einem briefe, oder die erhaltene hand-

schrift kann uns zum funde verhelfen.

Für unsern „Menschenfeind" fehlt von der letzteren seite jede

gewähr; die sachlichen gründe haben aber höchstens zur Wahrschein-

lichkeit geführt. Zu der aufnähme desselben unter die werke Herders

werden wir uns also nach den gründen gewissenhafter kritik nicht ent-

schliessen können. Als ein allgemeineres ergebnis der erwägungen, in

die wir dieses Stückes halber eintreten musten, stellen wir jedoch den

kritischen grundsatz auf, dass — soweit es sich um die arbeiten der

ersten schriftstellerjahre Herders handelt — einem sachlichen beweis-

mittel gegenüber die abweichung des stils zur einspräche nicht berechtigt.

Fahren wir in der musterung der „Beiträge" fort, so treffen wir

schon in der ersten nummer des Jahrgangs 1765 auf eine arbeit Her-

ders, den Lobgesang am Neujahrsfeste. Wir kennen denselben

aus dem abdrucke in den „Erinnerungen" (I, 117 fgg.), der, von

besonderheiten der Schreibung abgesehen, an zwei stellen von dem ori-

ginale abweicht, am stärksten darin, dass er die neunte strophe aus-

lässt. Der dichter besingt die Segnungen der herschaft Katharinens und

den besuch, den sie im verflossenen jähre Riga abgestattet.

Wir ....

(8) sahn Sie, deren Scepter

Allmächtig Eiga hält:

(9) So schwebt am Allmachtsscepter Gottes

Der Erde Tropfen; und Ihr Kaiserthron

Auf den er Sie uns gab zur Landesmutter

In Gnaden, nicht im Zorn.

Diese strophe fehlt; die letzte zeile der vorangehenden lautet: „Mit

Weisheit Riga hält." Beide änderungen rühren nachweislich von der

willkür des herausgebers her.

Auf das gedieht folgt im ersten stücke , s. 4 — 6 , ein moralischer

aufsatz: „Aussichten über das alte und neue Jahr," und das

stück schliesst (s. 7. 8) mit einem scherzhaften gedichte: Wünsche,

die sich reimen, zu welchem der aufsatz mit seiner schlussweudung

überleitet. Widerum werden wir durch eine stelle eines Hamannischen

briefes angewiesen, auf die nachbarschaft der Herderischen arbeit auf-

merksam zu achten. In einem verloren gegangenen briefe muss Her-

der diesem von seinem neujahrsbeitrage gemeldet haben. Erst in Mitau


aber, wohin Hamann mitte juni 17»;.") ftbergesiedelt , and wo er von

nun alt anderthalb jähre lang seinem jungen freunde ziemlich nah.'

irückl war, liai er den Jahrgang der Zeitschrift zur hand genommen.

„Ihr N"eujahrsstück im Intelligenzwerk," schreibt er nun. am

30. juni (Lb. I. -. 90) •

„habe

ich hier ersl zu Behen bekommen und

bitte mir Bolchea aus, wie auch alles übrige, woran Sir einigen Antheil

mommen, weil ich jetzt sehr geneigt bin, dasjenige vorzuziehen, das

Sie vielleicht nicht der Mühe werth halten, mir zu communiciren."

Dass diesmal unter dem Neujahrsstück die ganze nummer verstan-

den werden muss, darüber lässt uns die beschaffenheit des mittleren

aufsatzea nicht in zweifei. Dieser ist ganz in Herder- geist und ton

geschrieben.

„Man durchlaufe mit mir," heisst es darin, „ die Schreibtafel des

vorigen Jahres; nicht aberComtoir- und ökonomische Rechnungen , noch

Journale; sondern da ich als Mensch rede, das Buch der meusch-

liclifii Handlungen" — eine Wendung, die Herder, dem schüler

Rousseaus, in jener zeit überaus geläufig ist. „Ich stehe in Gedanken

vor dem Altar der Zeit, derjenigen Göttin, die mit der legyptischen

[sls, war und ist, und seyn wird." Dieselbe anspielung linden wir in

einem etwa zwei jähre späteren aufsatze Herders: „ich stehe vor dem

guten Geschmack, wie vor dem Altare der Isis, die da war usw."

(Lli. I. :;. L, 341.) Aber diese spätere stelle dürfte man als eine

reminiscenz aus der Leetüre des Nfeujahrsaufsatzes ausgehen wenn

nicht das ganze bild von dem altare der zeit, so ausgemalt wie es

in diesem aufsatze steht, an eine noch frühere arbeil Berders bestirnt

anklänge. In dem bruchstücke eines lehrgedichtes aber zeit und ewig-

keit, an dem sich Herder wahrscheinlich zu anfange der universitäts-

zeit, wo nicht schon in Mehrungen versucht hat, heisst es:

Zwei Haufen fluchen heul (?) dorl bei der Zeit Altare

Dem war die Zeit zu kurz und dem zu lang im Jahre.

Der Thor, der es verschlief und jetzt zu späl erwacht,

Zu spät ihm nachgefleht (es hört und flieht und lacht)

Wiegt fluchend sieh zum Traum usw.

Ähnlich Folgt in den „Aussichten" dem angeführten Batze dieser:

„Ich höre ein Murren ober die Kürze der Zeit, und bemerke darunter

diejenigen blos, die vormals über dieLänge der Zeit jähneten." Wört-

liches zusammenstimmen zeigt reiner die stelle: .,l T m die Zeit aufs

beste anzuwenden, muss ich auch einen Theil davon wegzuwerfen wissen:

und die Kunst, zu verschwenden gehört nothwendig in die

Ökonomie eines Reichen, der sich Vergnügen erwuchern will" —


,

DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 65

mit dem satze einer, wie unten nachgewiesen werden wird (s. 68 a. 1),

im jähre 1765 geschriebenen abhandlung (Lb. I, 3, 1, 240) , wo den

Worten: „lasst uns drei Viertheile unsrer Gelehrsamkeit über Bord

werfen" der gleiche schlussgedanke sich anreiht, nur dass es hier

heisst: „eines Reichen, der nicht zu satt und arm (?) seyn

will." Keinenfalls jünger als der Neujahrsaufsatz ist das prosaische

stück „der Redner Gottes," in welchem Herder sein ideal eines

Predigers ausmalt. Dort heisst es: „Statt über die Frage: wel-

ches ist ein glückliches Jahr? zu grübeln, soll der heutige Tag lieber

ein Fest von Entschlüssen seyn"; und hier von dem Schlüsse der pre-

digt: „dieser Augenblick soll ein Fest von Entschlüssen seyn." (Lb. I,

2, 86.) Bis auf kleine grammatische eigentümlichkeiten finden wir in

den „Aussichten" Herders stil wider; auch in diesem aufsatze zum

beispiel die härte in beziehung eines Substantivs auf das folgende verbum

mittels einer präposition

]

die in Herders Rigenser Schriften öfters

vorkommt.

Erwerben wir aber diesen aufsatz als Herderisches gut, so müs-

sen wir auch das folgende gedieht mit in den kauf nehmen. „0 es

ist lächerlich," schliesst der aufsatz, „Wünsche auf der langen Bahn

zu schieben; sie sind meistens alle ohne prophetische Salbung,

beynahe alle unpassend und ungereimt, beynahe alle bis zum Lachen

schön. In diesem gesichtspunkt lese man, statt der Neujahrs wünsche

des Nachtwächters von Ternate 2 die folgenden Neujahrs-

reime: Ridentcm dicere verum — — quis vetat?" Das gedieht, auf

welches solcher gestalt nicht blos hingewiesen, sondern auf dessen —

wenn man so sagen darf — pointe schon bezug genommen wird, muss

eine zugäbe aus der poesiemappe des neujahrsmoralisten sein , eine

zugäbe, die wir ihm gern erlassen möchten. Um jeden preis möchte

er witzig sein. Er hat den Logau fleissig gelesen, 3 und dieser hilft

1) „ein Luftbaumeister in leeren Hoffnungen werden." Ganz ebenso „der

Gelehrte in fremden Sprachen " im XXIV. stück des j. 1764. „eine Hofmeisterin

in Komplimenten" (fragment einer abhandlung, mitte 1765. Lb. 1 , 2, 67). „Ein

Weiser über die Kindheit der Zeiten" (einer, der über die ältesten zeiten philoso-

phiert) Fragm. II ausg. s. 161. „Ein Montesquieu über den Geist der Wissenschaf-

ten " (ein autor, der wie ein M. über den geist der wiss. schreibt; handschrift-

lich, 1766).

2) Für eine erklärung dieser mir dunkeln anspielung würde ich dankbar sein.

3) Aus Logau ist das motto des ersten Kritischen Wäldchens ; aus demselben

das auf G. Jacobi und audere liebesdichter gemünzte citat in den (von Haym

zuerst wider veröffentlichten) „Gefundenen Blättern aus den neuesten deutschen

Litteraturannalen von 1773": „thaten nichts als lieblich liebeln usw. (Lessing 5, 185).

Eine reminiscenz aus Logau (5, 214 No. 59) steht in einem Rigenser aufsatze; da

ZE1TSCHR. F. DEUTSCHE PHILO!,. BD. VI. 5


-,., SUPHAN

ihm nun mit einem einfalle auf den weg. Hören wir zunächst diesen

(Lessing 6, L45. Lachm.) Mit


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 67

zog sich au ihm eine völlige Umwandlung: aus dem Stubengelehrten

wurde ein praktischer mann . der patriotischen sinnes ein „mitarbeite!*"

zum gemeinen nutzen zu sein trachtete. Aus solch freudiger teilnähme

am bürgerlichen leben ist schon die abhandlung entsprungen, die Her-

der zur feier der beziehung des neuen gerichtshauses verfasst hat.

Denn während bei dieser gelegenheit der fachgelehrte sich bemühte,

etwas „über die würde der städte durch rathäuser" 1 und von den rat-

häusern der alten zusammenzustellen, tat Herder einen griff in das

volle leben der gegenwart mit seiner frage: Haben wir noch jetzt

das Publikum und Vaterland der Alten? 2 Das andenken des

tages der beziehung, an dem die ganze bürgerschaft in ihrem statt-

lichen wolhaben, ein wolgegliedertes ganzes, sich hervorgetan, und

jenes früheren in aller munde lebenden, da die kaiserin selbst jenes

haus eingeweiht hat, setzt ihn in freudig stolze aufregung. „Wer ist

ein Patriot, der hiebei kalt bleibet? — Nein! ein jeder, dem das Blut

eines Bürgers nicht blos seine Zuuge durchströmet, sondern auch sein

Herz erwärmet: wer ein Glied unserer Stadt nicht blos imGenuss, son-

dern auch im Gefühl, und in Thaten ist: nimmt Th eil hieran: und kann

er nichts mehr, so freuet er sich mit. — Ja so stolz ein Spar-

taner auf den Stein war, den er zum Bau eines Tempels dazu trug: so

stolz dünket er sich bei dieser patriotischen Freude." Nicht blos worte

Avill er säen; sein zweck ist, das herdfeuer des städtischen gemeingei-

stes zu der höheren flamme der Vaterlandsliebe anzufachen. Der ein-

zelne mann, die einzelne bürgerschaft hat die bedeutung, welche nur

in den alten freistaaten ihnen eigen gewesen ist, eingebüsst: so fühle

man denn mannes - und bürgerwert durch opferfreudiges wirken für die

ehre und macht des grossen Vaterlandes. Gewiss waren begeisterte

worte, wie sie diese abhandlung und ihr schlussgedicht durchhallen,

den bürgern der Dünastadt ein neuer „silberton."

Aber auch jenen beschränkteren Patriotismus, der an dem stetigen

gedeihen des wolstandes in der eigenen stadt sein genüge findet, 3 lernte

1) Thema des vom rector Schlegel verfassten l'estprogramms der domschule.

2) Den originaldruck dieser sehr seltenen abhandlung besitze ich als ein

geschenk des herrn dr. Buchholtz zu Riga.

3) „Man muss allerdings in Verfassungen der Art gelebt und sie liebgewonnen

haben , um auch die kleinen , versteckten Züge , die das Gemähide eigentlich

beleben , zu schätzen und zu bemerken." Mit diesen Worten eines bisher als Her-

derisch nicht nachgewiesenen kleinen aufsatzes (Teutscher Merkur 1780. IV, 81—84)

hat Herder zum ersten male öffentlich seine treue anhänglichkeit an die stadt Riga

und seine achtung vor ihrer Verfassung und ihrem gemeingeiste bezeugt. (Anzeige

der Schrift: „Blatt zur Chronik von Riga mit angezeigten Urkunden. Der stil und

die Unterschrift H lassen Herder unschwer als den Verfasser erkennen).

5*


SUPHAX

U.M. Irr in dem anserlesenen kreise Beiner Rigischen gönner nnd freunde

wertschätzen. Ein andenken voll inniger Verehrung weiht er ihnen und

bea lers einen der würdigsten unter ihnen in den Briefen zu Beför-

derung der Humanität (6, 138 — 199); in einem auszöge ans einer

patriotischen schrill dieses mannes stellt er die bestrebungen '1er gesell-

Bchafl dar, deren lebendiges glied er selbst gewesen war. Uesinnnn-

gen . wie die in diesem kreise gehegten, legten ihm die glicht auf, zur

aufklärung und Veredelung seiner mitbürger beizutragen. WaT ihm

doch schon in den akademischen jähren bei der leetüre Rousseaus der

name volk liebenswert und ehrwürdig geworden. Auf das ernstlichste

beschäftigte er sich nun mit der frage, welche bildung dem volke not

tue. Ein zeugnis dieses eifers ist uns die im Lebensbilde (I, 3, 1,

•j( >7 — 253) veröffentlichte abhandlung, welche die frage zu lösen sucht:

„Wie kann die Philosophie mit der Menschheit (humanität) und Politik

versöhnt werden, so dass sie ihr auch wirklich dient?" Der plan zu

dieser arbeit und versuche der ausföhrung sind schon in Königsberg ent-

standen; in der form, wie sie uns vorliegt, ist sie im ersten jähre der

Kigenser zeit niedergeschrieben. 1

Folgendes sind die hauptsätze dieser abhandlung. Die philosophie

muss sich, wenn sie nicht einzig den fachgelehrten nützen will, von

den sternen zu den menschen herablassen; ihr abstractes wesen ist für

die gesellschaft unbrauchbar, sogar schädlich. Statt der logik tut eine

Philosophie des gesunden nien-rhenverstandes not, statt der moralphilo-

1) Die Preisfrage, als deren beantwortung die arbeii si


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 69

sophie wirke die predigt und öffentliche politische belehrung, statt der

ästhetik gebe man eine anleitung zu schönem denken, zu geschmack-

vollem ausdrucke. „ Ich muss zu dem Volke in seiner Sprache , in sei-

ner Denkart, in seiner Sphäre reden; seine Sprache sind Sachen und

nicht Worte; seine Denkart lebhaft und nicht deutlich; gewiss, nicht

beweisend; seine Sphäre wirklicher Nutzen im Geschäfte ... aber (oder?)

lebhaftes Vergnügen. — Siehe! was ich leisten muss, um was

ich will, gesagt zu haben: und das meiste zum Glück Aussichten,

die mir schon längst Lieblingsplane waren!"

(s. 235 fg.) Zu praktischen vorschlagen übergehend macht Herder einen

unterschied zwischen zwei Massen der bildungsfähigen. Die eine, „den

gemeinen Manu," muss die philosophie blos zu handelnden maschinen

bilden; der anderen — er nent sie „das feinere Volk aus Büchern" —

kann der weltweise schon einen ton zum denken angeben, ohne sie

doch in seine zunft aufzunehmen. Jener erstere teil soll das mark der

philosophie zu schmecken bekommen und zum nahrungssafte verdauen,

ohne dass er es je erkent. „Lege ihm statt Worte eine Menge Handlungen

vor, statt zu lesen, lass ihn sehen, anstatt dass du seinen Kopf

bilden wolltest, so lass ihn sich selbst bilden und bewahre ihn nur,

dass er sich nicht misbildet." In der zweiten klasse unterscheidet Her-

der wider „ das Frauenzimmer " und „die edleren Mannspersonen." Die

abschnitte, welche sich auf die bildung dieser beziehen, sind blos skiz-

ziert; eine vortreffliche ausführung des capitels von weiblicher bildung

ist verbunden mit dem über populäre Schriften gegeben im dritten teile

der Fragmente (1767. s. 50— 65); als verkündiger einer gesunden, aller

pedanterie entwachsenen Volksbildung schaut hier der Verfasser weit

über die schranken seines Zeitalters hinaus. Über die bildung der höhe-

ren gesellschaft gibt der entwarf nur andeutungen, Vorläufer des gros-

sen planes zur Umgestaltung des Rigischen lyceums, den Herder auf

seiner seereise niedergeschrieben hat. Schon in der skizze aber erken-

nen wir, dass Herder eine geschichte der „menschheit" für eins der

wesentlichsten mittel dieser vornehmsten classe der „uuphilosophen"

ansieht.

Die philosophie — so dürfen wir nun den iuhalt der abhandlung

zusammenfassen — ist als Wissenschaft dem volke höchst entbehrlich,

nicht im mindesten aber der philosoph. Nur sei er — und hier vernehmen

Avir den schüler Kants - von der rechten art: ein philosoph,

der „die Zergliederung der Producte unsres Geistes, es mögen Irr-

tümer oder Wahrheiten sein," zu seinem hauptwerke macht, (s. 210.)

Der jüngling , der diese abhandlung als das programm seiner eige-

nen schriftstellerischen tätigkeit ansah, konte sich unmöglich von der


TU il.YN

arbeit an dem „intelligenzwerke" der beimischen gelehrten ausschlies-

irh mit recht mutmassen; and eine bestätigung dieser

annähme bieten Herders studienhefte. Denn als beweise von dem wider-

holten entschlösse zn einer regen nnd nachhaltigen teilnähme an den

Beiträgen dürfen uns ein paar reihen von aufgaben gelten, die sich

Herder hier zusammengestellt hat.

Zuerst finden wir auf einer seite folgende themen perzeichnet:

(1) Betrachtang über die Findelhäuser und ihre Moralitö.

(3)

Betrachtung aber die urteile der Schönheiten.

(-1) Betrachtung aber den Fortgang der Gelehrsamkeit inDeutsch-

land — in Russland.

(5) Sind heute zu Tage noch Zeiten, da grosse Revolutionen aus

Kleinigkeiten entstehen können.

Warum der Kaiser Peter keine Epopee erhalten können; wäre

nicht noch ein bessrer Biograph als V(oltaire zu wünschen).

(7) Von neuen Entdeckungen in der Natur.

(8) Probe: wie viel schon die [Petersburger] Akademie der Wissenschaften

geleistet habe — aus den Kommentar.

einer Frauen-

(9) (10) Vorschläge zu einer Kaufmannsbibliothek : —

zimmerbibliothek.

(11) Ob unter den Deutschen noch Originale von Dichtern seya weiden.

(12) Geschichte der schönen Wissenschaften in Liefland — nach Hang

in den Littor. Br. (d. h. nach der in den Litteratui brieten \ I

Br. 227 -230 von Abbt recensierten schritt Hangs Über den

Zustand der seh. W. in Schwaben).

(13) Das Leben eines Kaufmanns: Bericht nach dem Protocolle eines

unsichtbaren.

(.14) Eerr Jost, ein Schulpedant (ein Charakterbild nach Hagedorn;

vgl Lb. I, 2j i

(15) (16) Versuch einer Erzälung nach Tristr. Schandy, dem Mon-

tagne.

(17) Vom Despotismus und Libertinismus im Umgänge.

(18) Dass es heut zu Tage nicht mehr Freunde gebe.

Diese reihe mag um die mitte des Jahres 1765 aufgestellt sein;

die /weite trägl das datum: d. 21. August (1766) und die Überschrift:

Plane. Sie isi mit mehreren fehlem abgedruckt im Lebensbilde [, 3, I

s. XYI1 fg. liier sollen nur die mutmasslichen beitrüge zu der Zeit-

schrift (mit beriehtigung) widerholt werden:

1. Wie weit sich der Geschmack der Völker verändert. In die

Gel. Beitr.

Y


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 71

3. Über die Fehler der hiesigen Theatr. Gesellschaft in Tragoedien. 1

7. Über das Trauerspiel Freygeist: Moralische und Aesthetische

Betrachtung. S. Beurtheil. des Sal(omo). 2

8. Plan einer Boccazischen Geschichte zwischen Imma und Egin-

hard. — nach Baile.

Unter dieser zweiten reihe steht als nummer 1 einer dritten, die

nicht über diesen ansatz hinaus gekommen ist:

Aus Shakesp. Joh(annisnachts) Tr(aum): Spielt ein Gott, wie Puck

mit unsern Wünschen — Leidenschaften, kleinen Aergernissen —

Sind Landplagen, Strafen ein Spiel vor ihn: — hat er Mitleid —

Fraglich ist es, ob mehr als eine von diesen aufgaben zur ausführung

gekommen ist. Jene oben angeführte moralische erzählung: Wo wohnet

das Glück? die wir wol auch in diesen kreis ziehen dürfen, 3 ist

nach einem flüchtigen versuche an der einleitung fallen gelassen, und

besser wird es den meisten der hier verzeichneten themen nicht ergan-

gen sein. In entwürfen nimmer müde, an „aussiebten" erstaunlich

reich, freute sich der jugendliche Schriftsteller an der fülle seiner plane,

unbekümmert um das wann? und wie? der ausführung. Mitten unter

erholungen und Zerstreuungen werden solche plane ihm lebendig. Er

wohnt der aufführung von vier theaterstücken bei. „Es ist leicht zu

erachten , dass mein Projektfach in der Seele dabei nicht leer geblieben,

sondern dass für 4 Ort ich eine Kritik über das Schlegelsche und Crü-

gersche Lustspiel, eine Umbildung des Trauerspiels, und ein ganzes Nach-

spiel im Kopfe habe." (Lb. I, 2, 138 fg.) Dieser wunderbar gährende

zustand ist es, den Herder „dem schutzgeiste seiner autorschaft," dem

erprobten Königsberger freunde, in dem bekentnisse schildert: „Meine

Studien sind zweige, die durch ein ungewitter mit einmal ausgetrieben

worden . . . Aber

wissen Sie auch, dass ich noch nicht im alter der

reife, sondern der blute bin? Eine jede hält eine ganze frucht in sich,

aber viele fallen freilich auf die erde Stellen Sie sich meine pein

vor, die ich haben muss; um einen gedanken auszubilden, zehn jüngere

zu verlieren." (october 1766. Lb. I, 2, 179.)

1) Vgl. Lb. I, 2, 192. (Herder an Scheffuer, october 1766).

2) Gemeint ist die beurteilung des Klopstockiscben Salonio in der Biblio-

thek der schönen Wissenschaften XII St. 2

zu treten, anerkennt., (Eönigsb. Zeitt. 1765. St. 94).

, welche Herder , ohne Klopstock zu nahe

3) Auf einem sonst unbeschriebenen quartblatte steht in form des titeis einer

für den druck fertigen abhandlung die aufgäbe: Was hat die Welt, um das

Verdienst zu belohnen? Man muss annehmen, dass wenigstens ein teil die-

ser abhandlung in der reinschrift fertig gewesen ist. Zu derselben wird Herder

durch seinen lieblingaschriftsteller Thomas Abbt angeregt worden sein.


7j

SU-HAN

Nur eine von den verzeichneten aufgaben hal eine, wenn gleich

halb reife, ansbildung erhalten. Es \s\ die zweite in der ersten reihe,

bestirnter als erste in der /weiten Berie widerholt. „Ich arbeite"

melde! Herder fünf wochen nach 'lern termi ler widerholten anfzeich-

oung jenes themas an Scheflher (Lb. I, 2, 195) an einer Abhandlung:

„Ober die Veränderung des Geschmacks und der Grundsätze bei Nationen

blos durch die Zeitfolge," und hal ine bereits eingerückt in die

genannte Beiträge ... Die jetzige wird mir schwerer, weil sie mehr

in die Geschichte läuft." Die breit angelegte nebenarbeit blieb stecken,

da das erste grössere werk, mit dem Herder vor der nation erscheinen

wollte, Beine kraft vollauf in anspruch nahm; es wird von derselben

kaum viel mehr zu stände gekommen sein, als die beiden fragmente,

die im Lebensbilde I, 3, 1, 187 — 199. 199- 204 mitgeteilt sind.

deren erstes als ein einleitendes capitel die Verschiedenheit der geschmack —

urteile Überhaupi behandelt, während das zweite schon der eigentlich

geschichtlichen frage näher tritt.

Die eine, bereits eingerückte abhandlung bezeichnet Her-

der in der angeführten briefstelle durch angäbe des titeis: „Ist die

Schönheit des Körpers ein Bote von der Schönheit der

Seele?" Sie füllt das zehnte stück des Jahrgangs 1766. (S. 77 — 88.)

Schon im zwölften stücke (s. 97 — 108) schliesst sich der zweite beitrag

dieses Jahres an: Die Ausgiessung des Geistes. Eine Pfingst-

kantate. Dieselbe steht in der glättern form, welche sie bei einer

späteren Überarbeitung erhalten hat. in der Sammlung der Gedichte

Herders iiM7. II. •_'.">''. -262). Bei der ersten Veröffentlichung aber

m die dichtung ausgestattet mit einer „Vorläufigen Abhandlung, die

den Gesichtspunkt da/u bestimmet." Auf beide beitrage beziehen sich

die briete Herders an Hamann (Lb. I, 2, 150) und an Scheffner

(194 fg

Hiermit ist die aulzählung der Herderisehen -ducke geschlossen.

Es lässt sieh nach durchprüfung sämtlicher beitrage der zwei Letzten

Jahrgänge mit bestimtheü versichern, dass keiner ausser den zwei

beglaubigten aus Herders feder geflossen ist. Vermuten könte man Beine

Verfasserschaft höchstens bei den zwei stücken ,\i'< letzten Jahrgangs,

ilie sich auf die Katharineiscbe Gesetzgebung beziehen. Das erste der-

selben (St. Will. B. III. I 12) ist eine mit geschichtlicher reflexion und

patriotischer wärme geschriebene vorrede zu einer Übersetzung der von

Katharina eigenhändig verfassten Instruction Pur die zu entwerfung eines

neuen gesetzbuches berufenen abgeordneten (s. 143 159); die zweite

(St. XXD eine in gleichem Binne geschriebene einleitung zu einem mit

benutzung von d'Alemberts arbeit in der Bncyclopödie angefertigten


DIE EIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 73

„ Grundriss " von Montesquieus Esprit des Lois (s. 170—176), des Wer-

kes, dem Katharina als gesetzgeberiu vorzügliche aufmerksamkeit wid-

mete. Wir kennen Herders begeisterung für das grossartige gesetz-

geberische wirken der kaiserin 1 und den eifer, mit dem er jede hierauf

bezügliche erscheinung aufnahm (Lb. 1,2, 241. 316); indessen beweise

hierfür in jenen beiden artikeln zu finden, müssen wir aufgeben. Zei-

gen schon die einleitungen bei mancher kleinen ähnlichkeit mit Herders

stil 2 viel zu wenig von der gewantheit des Verfassers der Fragmente,

so liegen vollends die steifen Übersetzungsstücke fernab von seiner kunst.

Eher dürfte uns jene beobachtete ähnlichkeit dazu berechtigen , in dem

Verfasser einen aus dem kreise der bewunderer und schüler Herders zu

suchen.

Die ausbeute an Herderischen arbeiten ist also an zahl nicht eben

beträchtlich : drei gedichte , von denen zwei schon bekant waren ; vier

prosaaufsätze , und auch von diesen lag einer, wenn schon in unzuläng-

licher gestalt , bereits vor. Als zugäbe wären die fragmente eines fünf-

ten für das intellio-enzwerk bestirnten aufsatzes zu betrachten. 3 Aber

CT

das gewonnene reicht aus, ans eine Vorstellung von der art der publi-

cistischen schriftstellerei Herders zu geben.

Herder hat — wie ein blick auf die reihen der unausgeführten

themen lehrt ein glückliches Verständnis für das, was den gebildeten

laien interessiert. Die meisten aufgaben sind mit verständiger erwä-

guug der fähigkeiten und neigungen eines publikums von durchschnitts-

bildung gewählt, und auch im ausdrucke sucht er den bedürfnissen

und dem geschmacke seiner leser genüge zu tun. Der kaufmann ist es

besonders, auf dessen denkweise er bis zum bildlichen und gleichnis-

artigen eingeht. Nicht minder bedenkt er den andern teil seiner leser,

das frauenzimmer ; ja er liebt es, sich an diese mit geziemend ehr-

samen Verbeugungen zu wenden. Besondere liebhabereien seines publi-

1) Jegör von Sivers, Humanität und Nationalität, s. 6 fg.

2) St. XVUI (Überschrift: Vox Populi Vox Dei): .,Welch ein grosser tief

nachgedachter Plan! So giebt der Schöpfer den moralischen Kräften in der Welt

zugleich Freiheit und Pachtung, zu einem grossen allgemeinen Zweck zu wirken." —

St. XXI : ,,in der Encyclopedie — in diesem Ocean der Wissenschaften"; vgl. Her-

der im vierten Kritischen Wäldchen (msc.) : „Homes Grundsätze sind ein Ocean von

Bemerkungen und Phaenomenen." Pragm. I (zweite Samml.) 274: „ein Ocean von

Betrachtungen."

3) Die unvollendete abliandlung über die Grazie in der Schule sollte, wie

ihre ganze anläge zeigt, selbständig erscheinen, wie die über Publikum und Vater-

land, kann also lajer nicht mitgezählt werden.


,1

SUPHAH

kum-. wie den tnusikaliscliea dilottantismus, 1

lässl er -nicht ausser acht,

wo sie Bich nutzbar erweisen, um das interesse für das dargebotene zu

erhöhen.

Die anordnung seines Vortrages isl ganz darauf berechnet, einen

leser von gutem gesundem menschenverstande zu sachgemässer reflexion

anzuleiten, oder vielmehr einen solchen auf 'lern ihm natürlichen wege

des uachdenkens zu begleiten und in der richte zu halten. Eine all-

gemein angenommene maxime, ein Sprichwort dient als ausgangspunkt;

dasselbe wird ausgedeutet, der zergliederte inhalt erweist sieh weiteren

nachdenkens wert. Gilt es dabei eine tatsache des geistigen Lebens zu

erklären, so werden des lesers eigene erfahrungen heraufgerufen; es

dräng! sich herzu, was auserlesene geister verwichener Zeiten über den

gleichen fall geurteilt: soll eine erscheinung des äusseren lebens anschau-

lich werden, bo wird der gesichtskreis möglichst weit gezogen, fremder

Völker Bitte und braueb neben das heimische und bekante gestellt. Vergleichend

und abwägend verständigt man sich über das rechte. Nun

wird dasselbe in das praktische leben verpflanzt. Wie soll das bewährte

dem bürgerlichen, dem häuslichen kreise zu gute kommen V Wie soll

man es vor allem bei dem werke der erziehung nützen?- Was vor

dem verstände gerechtfertigt ist, wird schliessslich , wo es angeht, auch

dm] gemüte „menschlich" nahe gebracht: die altvorderen haben es

geübt und erprobt, den weiden kern in der anspruchslosen hülle einer

Lebensrege] auf die nachkommen vererbt.

Diese höchsl natürliche entwicklungsarl hat Herder für alle zeit

in Beinen populären Lehrvorträgen beibehalten. Derselbe laden zieht Bich

durch die abhandlung von körper- und seelenschönheit wie -- um eins

der spätesten beispiele zugeben,— durch den in den Hören

1—21. Ww. /.. Ph. u. Gr. VIII, 9 i

Eigenen Schicksal.

erschienenen

(i7'.i.">. III,

aufsatz vom

Vmi der Wirksamkeit und dem Verdienste einer populären landschaftlichen

zeitschrifl hatte Herder einen Indien begriff. Aber kaum

eine von den damaligen Wochenschriften - es ist der Hypochondrist, 8—

i der

;

. durch

L) „Da der feine musikalische Geschmack überhaupl an nnserm Orte blüht,"

vorberichl der pfingsteantate , „so würde ich mich Freuen, wenn ich eben

G Llen, auch erbauen könnte." „Sollte Ihr Genie zur Musik" erin-

nert Hamann Bchon im mai 17»'..") — „für Riga nicht brauchbarer seyn als Ihre

arcl che Muse? Concerte pflegen sonst dorl ein Schlüssel zum Umgänge

zu seyn." Lb. t, 2, 33). Vgl. Herders Reise nach [talien b. 34.

2) Dieselbe paedagogische richtung schlagen die Rigenset predigten mit Vor-

liebe ein. Lebensbild I. 2, 166, Ww. z. R. d Th. IX. 211.

3) Als eine solche „Provinzialwochenschrifi in hohem Verstände" ha1 Herder

spät re Beiträge zu den Oanabrücker Intelligenzblättern gerühmt und schon


DIE RIGISCHEN BEITEÄGE UND HERDER 75

war den ansprächen , die er an eine solche stellte , gewachsen. „ Der

gemeine Mann ," erklärt er sich darüber an einer schon erwähnten stelle

der Fragmente — „ liest wenig , und noch weniger ist für ihn geschrie-

ben. Dies Wochenblatt soll für ihn geschrieben sein? — Unmöglich!

denn es ist voll Bücherwitz, voll gelehrter Gründlichkeit, in einer

Sprache, die die Büchermotten verstehen mögen, aber nicht er, der

statt Büchern unter Menschen wandelt , sie mögen seyn , von was Stande

sie wollen. Der Mensch, Der Mann, Die Frau, Der Gesel-

lige, und wie der Leser weiter will, ist vor dem Pulte geschrieben,

und hat nicht die Sprache in seiner Gewalt, die jeder Leser sich von

der Zunge gerissen glaubt, in der er seine Worte und mit ihnen seine

Ideen wiederfindet." Wie zwecklos und verfehlt musten ihm, da er

dieses schrieb, die versuche der heimischen gelehrten erscheinen, die

selbst wo sie sich zum küchen-abc herabliessen, sich ihrer wissen-

schaftlichen gravität nicht entäussern konten! Denen es doch die

höchste befriedigung schaffte, ihren gelehrten hausrat überall aufzuwei-

sen. Er dagegen hatte die hauptsache früh erfasst, dass nicht der

hausbackene, alltägliche gegenständ, sondern gang und form der dar-

stellung den populären Schriftsteller mache. Was konte aber nunmehr

ihn reizen , an einer kleinen Zeitschrift von gelehrten für gelehrte anteil

zu haben!

Bei der gelehrten zunft hatte der feurige und neuerungssüchtige

köpf ohnehin wenig freunde, und so muste ihm auf die dauer seine

Verbindung mit diesem kreise mancherlei kränkung und verdruss brin-

gen. Einer der angesehensten zunftgenossea war Gottlieb Schlegel, der

nach Lindners abgang rector der domschule geworden war, ein Landsmann

Herders. Das freundschaftliche Verhältnis, das sich zwischen

diesem und dem um fünf jähre älteren vorgesetzten anfänglich zu gestalten

schien (Lebensb. I, 2, 61. 89), löste sieh bald, da einer in dem

andern einen gefährlichen rivalen zu erkennen vermeinte. Der riss

wurde unheilbar, und noch in der Bückeburger zeit gedenkt Herder des

mannes, der ihm nachstrebend gleichfalls eine weite bildungsreise unternommen

hatte, mit herber Verachtung. (Von und an Herder 2, 23.)

Schlegel dachte nicht gering von seinen fähigkeiten zu den schönen

Wissenschaften und hielt denn auch mit proben in den „Beiträgen"

nicht zurück. Eine ostercantate von ihm erschien in der fastenzeit des

jahres 1766. Sie fand beifall und man hielt Herder für den dichter —

kränkung genug für diesen, der in dem gedichte ein elendes machwerk

ehe sie gesammelt waren , dem jungen Goethe empfohlen. (Wahrheit und Dichtung,

Buch XIII , gegen das ende.) Noch in den Briefen zu Beförderung der Humanität

(IV, 171 fg.) erwähnt er sie in diesem sinne.


M 11IAN

sah. Eine eigene Leistung sollte ihn von dem schmählichen verdachte

reinigen. Er Bchrieb seine pfingstcantate and versah sie mit der einlei-

tung, welche „insonderheit gegen die Schlegelsche cantate gerichtet

sein sollte." „Jetzl muste ich es doch zeigen," meldet er in hellem

eifer seinem Hamann (Lb. I. 2, 150), „wie ich glaube, dass eine Can-

aussehen solL"

Ohne die« ene bekentnis würden wir die polemische absieht

ilrs vorwortee schwerlich erraten. Kammler, der meister unter den

cantatendichtern , erhall ein widerwärtiges gegenbild in dem — wegen

seiner Theokritöbersetzung von Lessing verhöhnten Lieberkühn, über

dessen pfingstcantate strenges gericht gehalten wird: „ seine Sprache


einwirken konte, 1

zu benutzen, hinweg.

DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 77

fiel vollends jeder antrieb, die Zeitschrift als organ

Als die frühesten und auf lange zeit einzigen proben der Schrift-

stellern für das grössere gebildete publikum wären die besprochenen

arbeiten neben den hauptwerken der ersten periode an und für sich

merkwürdig; ihres eigentümlichen inhalts wegen sind aber drei besonders

zu beachten; wir meinen die abhancllungen vom Studium frem-

der sprachen, von der Schönheit und von der cantate.

Die erste von den dreien verkündigt am frühesten einen gruncl-

satz, dem Herder einen nicht geringen einfiuss auf die bildung seines

stils eingeräumt hat. Er betont, dass die stilfertigkeit durch den

Umgang mit vorzüglichen geistern des ausländes mannigfach gewint.

„Mit dem deutschen Fleisse," ruft er sich deshalb zu, „suche ich die

gründliche englische Laune, den Witz der Franzosen und das Schim-

mernde Italiens zu verbinden." Hier berührt er nun die möglichkeit,

die muttersprache mit hilfe der ausgebildeten fremden sprachen zu ver-

vollkomnen. „Wenn wir unsere Muttersprache auf der Zunge behalten,

so werden wir desto tiefer in den Unterschied jeder Sprache eindringen.

Hier werden wir Lücken , dort Überfluss — hier Reichtum , dort eine

Wüste erblicken : und die Armuth der einen mit den Schätzen der

andern bereichern können." Wie fruchtbar diese früh gewonnene ein-

sieht für die gestaltung der Herderischen spräche geworden ist, zeigt

sich uns aller orten in den Schriften der ersten periode. Eigentümlich-

keiten des satzbaues und einzelne charakteristische Wendungen sehen

wir bald um der nachdrücklichen kürze, 2

bald um der lebhaftigkeit 3

1) Schon in dem anfsatze über nutzbarmachung der philosophie nent Herder

den prediger einen philosophen , der die grösste Wirkung auf das volk übe. (Lb. I,

3, 1, 246).

2) Zur umgehung breiteren ausdrucks die dem englischen nachgebildeten par-

tieipia praesentis mit negativer vorsilbe (unermüdend, Lb. I, 3,2, 278, schon vor-

her von Klopstock gebraucht, Messias, II. ausg. I. s. 96 ; unbemerkend, ebenda

s. 226. unerröthend, Krit. Wald. II, 158. So noch in späten Schriften: untheil-

nehmend, Herders Reise nach Italien s. 247; vgl. das comparativische „unmitthei-

lender" bei Voss in der Übersetzung des Shaftesbury II, 173; ungaffend, Adrastea

VI, 40, undenkend, ebenda 272. Substantivierung des inflnitivs statt des üblichen

subjeetsatzes : „mein naebbarn mit den Litteraturbriefen (denn so muss in der

vorrede der IL ausgäbe der Fragmente statt meinen naebbarn gelesen werden)

wie viy neighbounng with. Nach französischem muster der oben erwähnte harte

gebrauch der praepositionen nach (verbalen) Substantiven: „die umarmung Hektors

an seinen Astyanax" Krit Wald. I, 44; „die Gaben der Venus an Paris" Lb. I,

3, 1, 299; „ein Landstreicher nach fremdem Ruhm" (msc.) usw.

3) So statt der schwerfälligen concessiven periodenbildung die Übertragung

von let it be „lass es sein, dass . . ." ; das den Franzosen, besonders Rousseau


SOTHAS

willen ang dem Englischen, häufiger ans dem Französischen entlehnt;

hier widerholl denn der Bchriftsteller auch die empfehlung dieses mit-

tels, die zur -''lehrten spräche erstarrte muttersprache zu dem aus-

drucke der munteren conversation /ai belehen. „Schreib, als oh du

hörest," 1

boII des Schriftstellers oherstes gesetz sein; diese fertigkeil

soll durch nachahmung der sprachen gesteigert werden, welche den ton

des lebendigen Umganges treuer bewahrt halten. So klingt uns am

Bchlusse 8 der ersten Bamlung der Fragmente jene frühe behauptung

sacligemässer und durchgebildeter entgegen: „Unsre Sprache kann

unstreitig von vielen andern was lernen, in denen sich dies und jeneB

besser ausdrücken lässt: von der Griechischen die Einfalt und "Winde

des Ausdrucks, von der Lateinischen die Nettigkeit des mittlem Stils,

von der Englischen die kurze Fülle, von der Französischen die muntre

Lebhaftigkeit, und von der Italienischen ein sanftes Malerische." Wie

sehr alter Herder in ausübung dieses grundsatzes einem auf die besten der

ichzeitigen Schriftsteller gleich mächtig wirkenden zuge folgte, dessen

war er sieh wol bewust. Verteidigungsweise äussert er sich darüber

in einem gegen Heinze, als den Wortführer der puristen, gerichteten

capitel des (ungedruckten) Zweiten Stückes vom Torso (über Thomas

Abbt): ,, Uebersetzen und Lesen bildet unsre Sprache so unvermerkt

nach einer andern, dass ich .... kaum die französischen "Wendungen in

Abbt. den Litteraturbriefen und den besten neuem Schriften aufzählen

wollte. Hier entschuldige man die Menschliche Seele, die nichts ohne

Worte denken kann, die sieh so gern wahrgenommene Sachen mit ihren

Zeichen eindrückt, hei welcher die Form und das Vehikulum so gern

mit dem inliegenden Gedanken wiederkommt. Auch hier schlage sieh

ein jeder an die Brust: ..ich bin ein Mensch."

Einen aufschluss auf seiten des sprachlichen, formellen gewährt

uns also der erste aufsatz; der /weite fesselt uns ganz durch seinen

hlichen Inhalt. Er gibt uns einen beleg für das, was Herder unter

abgelernte ironische adieu! „Wenn so etwas auf mich wirken müsse — Lebe

wohl Theater] bo bin ich in der Lazarethstube." Krit. W. I, 64. Bin gleiches bei-

l'i'l Fragm. I. 40, and im IV Krit. \V. (msc): „Isl der Hauptgegenstand :il>. >

dunkles Gefühl, lebe wohl! Philosophie! wir sind im Lande dunkler Schwärmereien."

Französische arl der Inversion zeig! Bich in zahlreichen fragesätzen. „Diese sinn-

lich deutlichen [deen, sollen sie blos im Grundrisse seyn?" Lb. [,3,2, 135.

Nach dem französischen soit-il gebildet tsl das mit Vorliebe angewante ..s


DIE BIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 79

seiner „menschlichen philosophie" verstand; ja er ist aus dieser frü-

heren zeit die einzige selbständige probe dieser psychologie über und

für die gesellschaft.

Angeregt durch Piatos Phaedrus und wahrscheinlich durch seinen

damaligen lieblingsphilosophen Shaftesbury , der am Schlüsse der „Mora-

listen" die einheit des schönen und guten verfechtend den satz auf-

stellt: „in der schonen Form lieben wir die Schönheit der Absicht und

des Geistes" 1

wirft Herder die frage auf, die das thema der abhand-

lung bildet. Den kern des „platonischen Märchens" von der einsiede-

lung der schönen und der hässlichen seelen in den ihnen angemessenen

menschlichen leiberu denkt er in dem satze enthalten, dass „in dem

Leibe unserer Mutter so wohl die Bildung unseres Körpers , als Geistes

ihre Form bekommt." Ohne sich auf die fragen einzulassen: „ob

unsere Seele mit dem Körper zugleich . . . sich fortpflanze und wie ein

Theil in den andern wirke ," sucht er empirisch den nachweis zu führen,

wie die „Menschenpflanze" bei allen und besonders den seelischen zu-

ständen der mutter in die innigste mitleidenschaft gezogen wird, wie

Unregelmässigkeit und Schwachheit der leibesbildung hauptsächlich von

jenen zuständen der mutter herrührt. Schwachheit und stärke des kör-

pers sind aber, im naturstande wenigstens, zeugen von den gleichen

eigenschaften der seele. Auch in anbetracht der Schönheit stehen seele

und körper in einem Verhältnis der Wechselwirkung, so lange die natur

ungestört waltet. Versetzt man aber die frage auf den boden der moder-

nen gesellschaft, so wendet sich das interesse an dem menschlich

schönen einseitig dem geschlechte zu, dem die gesellschaftssprache

unbedingt das prädicat schön beilegt. Nach den graden der empfin-

dung des schönen , die je nach der bildungsstufe den verschiedenen klas-

sen der männlichen gesellschaft einwohnt , lassen sich grade der Schön-

heit unterscheiden, und bei jedem dieser grade ist das Verhältnis des

äusseren zum inneren im einzelnen zu bestimmen. Der niedrigste

geschmack lässt sich an der blossen völligkeit genügen und findet die

Schönheit hauptsächlich in der färbe. So wenig aber das colorit an

sich die Schönheit ausmacht, so wenig hat es ein recht, ein böte der

geistigen Schönheit zu sein. Der feinere geschmack erhebt sich zu der

empfindung der regelmässigkeit, und „diese kann in so fern ein guter

Bote sein, dass sie einen eben so regelmässigen Geist verspricht."

„Die dritte und höchste Stufe der Schönheit ist der geistige Reiz, die

belebende Grazie, und diese hat das grösste Recht wahrscheinlich

1) Shaftesbury, Philosophische Werke. Aus dem Engl, übersetzt (von Hölty

und Voss). Leipzig 1776— 1779. II, 503.


m eil w

\,.r sich, eben den Beiz des Geistes anzukündigen." Mehr als wahr-

scheinlich isl das kenzeichen keinenfalls; denn einerseits kann der mensch

im zustande der gesellschaftlichen cultui mangels die -rinn- seele von

früh auf anhafteten, durch bearheitung Beines innern beseitigen, wäh-

rend die äussere bildung unverändert bleibt; andererseits verursacht

dieselbe cultui häutig auch eine verbildung der seele, nehen welcher

-ich äussere wolgestalt erhält. „In seiner Einschränkung würde also

unser Problem heissen: Die Schönheii des Körpers (Regelmässigkeit und

Grace) isl ein wahrscheinlicher, aber nicht untrüglicher Bote von der

Schönheil der Seele, wenn diese nicht wirkliche Grösse und moralische

Güte, sondern nur eine leichte und fühlbare Anlage da/u bedeutet."

Als praktisches resultal bilden einige lebensregeln den schluss.

Gewarnl wird voi dem ..immer trüglichen Schlüsse aus dem Gesichte

auf da- Herz," wie vor dem meist trüglichen „auf die wirkliche Geschick-

lichkeit, Grösse und Stärke des Geistes." „Aber von natürlicher Fähig-

keit ... von einer natürlichen Empfindbarkeit ... von der Art der Erzie-

hung und von dem. was man gern sein will, davon kann die Mine

zeigen, kurz von dem Charakter der Seele, wenn ich das Wort Charak-

ter nur in dem Leichten französischen Sinne nehme."

In der analytischen, empirischen methode ist der schüler Kants

unverkenbar; und ebenso ist für die wähl dergattung, in welche dieser

philosophische versuch gehört, Kants vorbild und anweisung von bestimmendem

einfluss gewesen. In dieser gattung hat Herder seinen lehrer

am höchsten geschätzt, am besten verstanden und gewürdigt. ..Kant"

— rühmt er ihn im vierten Kritischen Wäldchen (Lb. I. ;;. 2, 186)

..ganz ein gesellschaftlicher Beobachter, ganz der gebildete Philosoph,

nimmt in seiner Abhandlung vom Schönen und Erhabenen, auch inson-

derheit die bildsame Natur dr* Menschen, die gesellschaftliche Seite

ansrer Natur in ihren feinsten Farben und Schattierungen zum Felde

-einer Beobachtung. Das Grosse and Schöne an Menschen und mensch-

lichen Charakteren, und Temperamenten und Geschlechtertrieben und

'rügenden und endlich Nationalcharakteren: das ist seine Welt, wo er

bis auf die feinsten Nuancen fein bemerkt . bis auf die verborgensten

Triebfedern fein zergliedert, und bis zu manchem kleinen Eigensinn,

fein bestimm! ganz ein Philosoph des Erhabenen und Schönen der

Humanität! und in dieser menschlichen Philosophie ein Shaftesbury

Deutschlands." Und gerade an die im eingange genante ..kleine Schrill

\nii sm reichem Inhalte," auf welche Bich diese Lobende Charakteristik

hauptsächlich stützt, lehnt sich der Herderische aufsatz völlig an. Sie

enthält die grundzöge, die bauptgedanken desselben; bis auf einzelne

l bachtungen

und beispiele erstreckt sich die entlehnung Herder lul


DIB BJGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 81

eleu dritten abschnitt 1 für seine abhandlung fast zu sehülermässig aus-

genutzt. Aus diesem entnimt er mit geringer und nicht eben geschick-

ter abänderung die Stufenleiter in der empfindung des schönen; und

nur daraus, dass Kant in diesem abschnitte die beiden geschlechter

als das erhabene und schöne einander gegenüberstellt, erklärt sich der

auffällige sprung, mit dem Herder vom schönen auf das schöne geschlecht

gerät. Des einzelnen abgeborgten findet sich nicht wenig

:

2 so ist fast

wörtlich übernommen die stelle (s. 165 a. a. o.), die dem manne die

hochachtung, dem weibe die liebe als ziel des strebens bezeichnet.

Auch aus den übrigen abschnitten ist einiges aufgenommen. Und unser

aufsatz ist es nicht allein, der sich aus dieser schritt bereichert hat;

in dem hauptsächlich ausgebeuteten dritten abschnitte finden wir ideen

über frauenbildung , auf denen Herders oben (s. 69) besprochene darstel-

lung beruht. Wenn aber trotz dieser auffälligen abhängigkeit Kants

name in dem aufsatze nirgend erscheint, so lässt sich dies wol nur

aus der absieht des Verfassers, seine person zu maskieren, erklären.

Als Herders eigentum stellt sich besonders der physiognomische

bestandteil des aufsatzes dar. Wir sehen den jungen Schriftsteller in

behutsamer weise zu der Wissenschaft oder halbwissenschaft Stellung

nehmen, die in dem nächsten Jahrzehnt anspruchsvoll auftreten sollte.

In dieser späteren zeit hat ihr Herder, wie sein briefwechsel mit Lava-

ter, seine beisteuer zu dessen Physiognomischen Fragmenten , seine ein-

gehende besprechung dieses werkes 3 beweist, lebhafte teilnähme zuge-

want; aber als eine trügliche kirnst, wie er sie früh erkant hat, hat er

sie auch in ihrer blütezeit betrachtet. Dem Schwindel der gesichtsaus-

spürerei hat er sich zu keiner zeit ergeben; die gesunden grundsätze,

die ihn davor bewahrten, sind gerade in den der Lavaterschen Phy-

siognomik gleichzeitigen schritten: „Plastik" und „Vom Erkennen und

Empfinden der menschlichen Seele" ausgesprochen.

In dem dritten aufsatze , der einleitung zur pfingsteantate , bequemt

sich Herder zunächst dem geschmacke seines publikums und nimt die

richtung auf das erbauliche. Zum Schlüsse aber kann er sich nicht

versagen , „ einige seiner Leser gleichsam auf die Seite zu führen und

ihnen einen andern Gesichtspunkt anzuweisen. 1 ' Dem

s. 251 - 266.

auserlesenen ästhe-

1) Kants Werke in chronolog. Eeihenfolge, herausgegeben v. Hartenstein II,

2) So die beobachtung über das Urbild, nach dem sich die Schönheitsurteile

formen; das urteil über die absolute geistige Unfähigkeit der Neger (s. 276).

3) Lemgoiscbe Auserlesene Bibliothek der neuesten Deutsclien Litteratur IX,

191—208 (über den „ersten Versuch"). X, 335—365 („zweiter Versuch"). Beide

recensionen fehlen in der vulgata der Sämtlichen Werke.

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 6


82

n mW

tischen cirkel brftgl ot seine gedanken von wesen and würde der ean-

bate vor. „Wie -ehr haben Griechen und Römer ihre mythologische

Fabeln durch Dichtkunst and Musik verbrämt, und wir bleiben nach,

da unsere heilige Religion uns die prächtigsten Sujets, die wunderbar-

sten und rührendsten Begebenheiten mit so hellen Farben Bebildert,

dass Poesie und Tonkunst nur von ferne stehen, zitternd nachahmen

und ihre Versuche zn den Füssen der Offenbarung legen müssen." Die

Bprache, die zum Bchlusse wol nicht absichtslos au Khipstocks worte

anklingt, hat doch nichts gesucht feierliches. Kino liebevolle erinne-

rung au eigene versuche in der heiligen poesie gibt ihr diesen schwung.

Den erhabensten, feurigsten ton hatte Herder in seinen früheren reli-

giösen gedichten anzustimmen gewagt, „christliche Dithyramben, trun-

kene Gesänge einer heiligen Religionsbegeisterung" schallen wollen. Ein

gedieht dieser art, den „Ostergesang," hat er in den Königsbergischen

Zeitungen (1764. St. 24) veröffentlicht; ein zweites, „Taufgesang der

ersten Christen am Ostertage" befindet sich fast vollendet unter seinen

papieren. Jenes, eine lyrische dichtung in Pindarischer strophenform,

feiert den sieo- des auferstandenen in einem wunderlich geformten und

geworfenen ausdrucke; der Taufgesang, der diesem' im parenthyrsus

durchaus nichts nachgibt, hat ein dramatisches dement: der gesang

begleitet die unter neophyten, diakonen und bischof verteilte handlung

der taufe, des liebesmahls, der weihung. Dramatisch und dialogisch

angelegt ist aber besonders ein drittes heiliges poem, die gleichfalls

in den Königsbergischen Zeitungen (1764. St. •_>:;! erschienene pa>


DIE RIGISCHEN BEITRÄGE UND HERDER 83

und Choräle diese Empfindung der Brust darauf zu einen vollen Be-

känntniss des Mundes erlieben können : so wird . . . das Ganze einer

Cantate, wo alle diese Stücke durch Symmetrie und Eurythmie zusam-

mengesezt sind, doch gewiss ein poetisches Genie fodern . . . das so wohl

den Pinsel des Malers, als die Sprache der Empfindung, so gut den

Wohlklang der Dichtkunst, als der Musik in seiner Gewalt haben muss."

Ein besonderer wert wird der cantate darin beigemessen, dass in ihr die

malerische und empfindungs volle poesie einen bund mit der musik ein-

geht. Wer sich daran erinnert, dass Herder sich auch durch den Lao-

koon die schildernde poesie nicht rauben Hess, den wird nicht befrem-

den, dieselbe begrülidung in dem späteren briefe an Scheffner wieder-

zufinden, wo an der cantate gerühmt wird, dass in ihr die Samenkörner

der rührenden und malerischen dichtkunst liegen. (Lb. I, 2, 194 fg.)

Beachtet man, wie an dieser stelle die hauptsätze der abhandlung fast

wörtlich widerholt, und dann zu betrachtimgen über die grenz- und

näherungslinien der künste überhaupt erweitert werden , so gewahrt man

leicht, dass Herder bei der dichtungsart . die ihm vordem ein inniges

religiöses gefühl wert gemacht hatte, nun nicht minder gern wegen

seiner kunstphilosophischen Überzeugung verweilte. Die cantate ist eine

von Herders lieblingsdichtungen geblieben, 1 auch nachdem nach folge-

rechter Weiterbildung des princips das musikalische drama in der theo-

rie ihre stelle eingenommen hatte.

Es Messe den faden zu weit spinnen , wenn wir bei dieser gele-

genheit über Herders cantatendichtung mehr als andeutungen geben

wolten. Der wert der hier zuerst bekant gemachten stücke liegt ja,

soweit sie nicht einen völlig neuen stoff bieten , darin , dass sie uns

seine forschungen und die fruchte seines wirkens im entstehen und

organischen heranwachsen darstellen. Kehren wir von seinen reifsten

leistungen zu den Ursprüngen seiner schriftstellerei zurück, so empfan-

gen wir von ihnen den gleichen eiudruck, den Goethe bei der rück-

erinnerung an die Strassburger gespräche Herders mit den worteu wider-

gibt: „Alles, was Herder nachher allmählich ausgeführt hat, wird hier

im Keime angedeutet."

BEELIN, JUNI 1874. B. SUPHAN.

1) Von deutscher Art und Kunst s. 117 fg. Adrastea III, 320 fg.

:*


v{ W.I.STE

lU.ITl; IGE M S DEM NIEDERDEUTSCHEN.

Misdeder.

Sündenf. (Schoenem.) 3214: „unde alse ein middi der vorstot"

Ohne frage war in misdeder (missetäter) zu bessern; vgl. Seib. qu. II.

306: „hangen se ock an de bome gelyck mysdederen."

K lül 011.

Sündenf. i*»77. L578i „dre hörne de eh hebbe in äussern klute-n."

Glossar; „Muten, sack/' Klüten, wie ags. r//'/. n.. engl, clout, ist

Lappen. Das heutige Limit, Munter verbau sieb dazn, wie mund zu

alts. müth, ags. wifcd, engl, mouth, oder wie »wwd in osmMwd v.w mini

in müdspclli. Der grundbegriff: ..etwas zusammengedrücktes, zusam-

mengeballtes" ergibl 8ich ans der vergleichung des heutigen ///>/'. /./>'-

/< // , in. ( mnd.

//''/ 1 mit

holl. Mont, Monier.

Doged.

Sündenf. 258: .J'irlxti-* dat sin tl < gode (:bogede). il

gode" nmss dogede (folgenden) gelesen werden.

Vorseflven.

Für ..l:in-,n verschieben, verdrängen, Verstössen, beute verschüven.

Es durfte also im glossar kein „vorscoven, betrügen" dafür angesetzt

werden.

Warwordich.

Sündenf. 3654: „Her vader, wärwodich schnitt gy wesen." Ein

„wartoodich gerecht, unerbittlich" gibl es Dicht. Ohne traut- ist

dafür wärwordich (wahr in seinen werten) anzusetzen.

Poden.

Sündenf. 1104: „or (ihrer) scal sih hir nein rner ütfoden."

Glossar: „utföden, ausruhen." Es war tit foden zu schreiben, üt gehörl

zu hir; also „hieraus," d. i. ans dem paradiese. Sik foden. heute:

sih faüen oder sik faien, ist: sieh füttern, sich nähren.

Yiiloeiie, i ii t uns.

Mehr. I. _'7t>: „ghy hehben wal gelwirt, wat Johannes ran der

Lyppe daer yutoem sachte vom kojapen tho Immen:- Glossar: ..zu

euch." ffofifm. Bndl. 13: „iutuns, iuyttuns, immerzu." Beide

deutunger sind falsch. Yutoene, iutuns bedeuten jetzt oder jetzt

eben mnd. jeto, ieto, ioto, ietto. Ms sind unorganische Verlänge-

rungen von /'"/". woraus mnd. und ueundd. itsont, itsunt, itsunds her-

vorgegangen sind; vgl. mhd. ieeont.


BEITEÄGE aus dem niedekdeutschen 85

Bat - juucvrowen.

Seib. Westf. Urk. 765: „baet juncvroiven." Glossar: „ bitt

oder kranzjungfern bei hochzeiten." Das kann es nicht heissen. Baet

steht für bäte (hilfe); also hilfsJungfrauen.

Bole.

Seib. urk. 877: „unse here unde bole van Minden." Glossar:

„unser herr und haupt." Bole = buole bezeichnet hier den anverwanten

(oheim oder vetter); vgl. mhd. buole.

Boneyden.

Seib. urk. 511: „boneyden deme sypen de van dem Scharpen-

berg her äff kommet. 11

Glossar: boneyden, beneben." Es ist = bene-

dcn, unterhalb. Bo- für be- (vgl. Gr. gr. I 3 257) ist in südwestf.

Urkunden häufig. Eine Iserlohner von 1448: „boneden der drenke" =

unterhalb der tränke; eine andere von 1384, „bouen ind bencden (unten)

in deme lande; eine Hemersche von 1520; „dar boneden" = unter-

halb dieser stelle.

Vewede.

Seib. urk. 585: „bewede." Glossar: „beiweide, halbweide auf

waldemeinen." Es ist verlesen für vewede, Viehweide, wofür in einer

Iserlohner Urk. von 1336: vöivede: „white de stad van Lon zal desse

lüoldemeyne hebben tho erer vowede. Beiläufig: Ein ohof (mutter-

schafehof) hat wol nie existiert, vermutlich aber ein vöhof = vehof (Vieh-

hof), oder ein üthof.

Droteghen.

Seib. urk. 604 no. 3: „weret dl zo dat de vrent den man droteghen

tuolden mit der iuncuroiven." Im glossar keine erklärung. Wir

verstehen: Wäre es der fall, dass die anverwanten überdruss zwischen

dem manne und der Jungfrau hervorrufen wollten. Droteghen enen mid,

einem etwas verleiden, wird aus einem adj. drotech, drüssig, überdrüs-

sig , geflossen sein , gibt es ja ein mhd. dries = überdruss.

Loden.

Seib. urk. 720: ,,dat ick echte und vrygh geboren sy und so ge-

lodet, dat ich de burschopp van Sassendorpe van rechte eyge.' (

-

Ebenda

938: ,,dat he echt recht ond so gelodet sy." Glossar: „geloedet 938

von leumund so beschaffen." So gelodet bedeutet so gewachsen,

h. 1. von solcher herkunft; vgl. M. beitr. I. 227: „in stede der doiden

andere levende gelik wo de doiden gelodiIget gewest deputert und

gesatz mögen werden." Hulj. hllothan, crescere, pullulare.


Ȇ WOiSTE

Kiiime-quaite.

Seil), urk. 604 qo. 26: „des seil dey wynman en I" dem hneyghte

senden ene kunne-quar !

<

." Glossar: ,, kciintliclics, «1. h. bekanntes,

gebräuchliches mass, /.. 1». wein." Kunne ist probe, wie mhd. Lnum

ii explorare. Also kunne-quarti ein quart zur probe.

Vurreydersehe.

Seil», urk. 853: „vurey der sehe." Nicht erklärt. Es wird

vür-reydersche (feueranmacherin, heizerin) sein. Nach diesem aus-

drucke erklärt sich in 904 (bd. III. 10): „heymliche veyredi rie."

„Verräterei" (Liliencr. volksl. III, 329, s 4 : de uorrederie), wir das

glossar deutet, wird es nicht sein, weil unmittelbar verraif folgt. Es

ist verderbt oder verlesen aus vuirrederie, brandstiftung, mordbrand.

Luckel.

Seih. urk. 899: ,, hechele Gerlach.^ Glossar: „Luckele 899

Ludwig." Luclcd, von liick (heute lück) = luiMk abgeleitet, bedeutet

klein. Darnach ist auch der ortsname Luckelen Seil// asm zu ver-

stehen.

Nugen.

Seib. urk. 617: „wdlde dai (sc. aide recht) we dm wollboren luden

nugen min- breken, dai solle ivy borgere emme helpen keren nha alle

unser macht." Glossar: „nugen, bestreiten, verneinen." Unter Vor-

aussetzung, dass richtig gelesen sei. deno es wäre ein bügen denkbar.

bemerken wir: Nügen oder breken ist hd. biegen oder brechen. Wo

im ags. der Btamm mit v auslautet, findet sich im südwestf. oft g;

z. b. sävan: säggen, saigen; mävan: mäggen, maigen. So ist nügen

= ags. cneövan {fleetere\ Am abfalle des anlautenden c darf mau Bich

nicht stossen, vgl. unsere nückel, näcken gegenüber ags. cnucl und

engl, knacker (töter). Für uns wenigstens ist nugen ein unicum, daher

vermuten wir bügt n.

Seib. urk. 604: }J plegeide. (i

Plegsede.

Glossar: „gebräuchliche zeit." Zide

ist sitte; eine Urkunde des Syberger archivs s. 9 bat sidde, f. (sitte).

Vlegeide ist pflegsitte, gewohnheit; vgl. Kalme Dortm. urk. II. b. 116:

„vnd hyr genck ouer ordel und recht alee to Dorpmunde eyn reicht is

vnd eyn pleghsede." Ludolf v. Suthen, reisebuch (v. d II. Germ.

VI. 66) schrieb: plegsede.

Foden.

Seib. urk. 719 uo. 32 (s. ii h: „des gdycken {ein sai) nummant

keifte bome weden, de dem andern schedelich syn" u. s. w. Euer isl

weden für voeden (ernähren, ziehen) gelesen.


BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 87

Seilen.

Zu Seib. urk. 765 (seite 477 anmerk.) wird glossiert: „zalen, zelde

765 verzapfen, verzapfte." 8 steht oft für s. Es ist seilen, verkau-

fen, was im rand. auch sonst vorkomt; z. b. Scheller shigtbök 170:

seilen, seller (Verkäufer), Flos (Bruns) 236: sold (verkauf) ; h albnieder d.

fragm. (v. d. H.Germ. X s. 175): „iz ne leset nemane hopen ofte seilen"

(verkaufen).

Vischerye.

Seib. urk. 755 : „wischerye dat ivaldemeyne is. u Glossar: wiese,

wiesegrund." Ein nd. ivischcrye (wiese) gibt es so wenig, wie ein hd.

wieserei! Es ist bekant, dass w häufig für v geschrieben steht, viel-

leicht manchmal in folge mundfauler ausspräche. Wischerye an unse-

rer stelle ist also f ischerei, die zur ivcddemeyne gehören konte. Nachher

liefert dieselbe Urkunde wische für vische: „vnse hoff wische

(fische) ivel ivy tho vorn dar ut hebn." Soll hier etwa wiese = heu

gemeint sein!!

Yingeren.

Seib. urk. 765 no. 2: „vingercn scho." Glossar: „handschuh."

Man hätte also wol statt handschuh — fingerschuh gesagt ! ! Es heisst

hier: fingering, schuhe. RA. s. 577 wird aus dem Ssp. der pl. vingeme

angeführt.

Vorspan.

Seib. urk. 540 artik. 60: „vorspan." Glossar: „gesponnenes."

Es ist ahd. furspan, mhd. vürspan, brustspange , die das gewand zusam-

menhält. Vgl. der seien troist 8 ; bort Christi 423. RA. s. 578.

Ift.

Sündenf. 390: „unde ist gy ö7c sin ivandels fry. u

man ift (wenu).

Begraden.

Für ist lese

Seib. westf. urk. zeigen das wort in folgenden stellen:

714: „wir geloyuen —

700: „darweder nit dun noch begaden" ;

dar tveder nyet zu doen of zu begaden" ; 805: „vortme sullcn ivir

dem Greuen — sicherUchcn iveruen ind heg ade n dat huys in der

dranegassen zu Coelne. 11

Glossar: „beginnen."

Wallraf Wb. urk. von 1391: „sie (die pächter) sullen mir dat

geilde zur zyt begaden." Erklärt: erstatten.

Fahne Dortm. I s. 188 (no. 162): „vort sal ich — tuschen hir

vnd Paschen begaden vnd ant worden van Wescele — dat hey den

vredelosschap nider geschlagen hebbe."


V, .1

Lud. von Suthen (v. d. II. Germ. VI b. 56): „doaUi ding wol fan

, ,, forsated teeren und begaded, do let d< formunder des orden


BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN

s. 591): „Do nu im fredc fho syn verhopeden dey van Soest, hoggen

sey werUken op eyncn oest" = sie hofften vergebens. Ost = uost

ist ags. ost, heutiges südwestf. aust, auch naust, m. = astknoten,

Hawen.

Liliencr. III. 329, 28 6 : „de haive henund binde ein gtid foder!"

Der herausg. : „der eile hin und." Aber hawen heisst nicht eilen.

Hawen (hauen) ist hier mähen; auf das mähen folgt das einbinden des

gemähten futters ins grastuch (graseläken, dregeläken).

Brost.

Liliencr. III. 110: „dat was orem budel ein heimlike streff

(: lost)." Der herausg. will lesen : „ des was on or budel e. h. trost." Das

gäbe einen guten sinn, ist aber gleichwol abzuweisen. Woher die les-

art streff? Ein abschreibe! fand in seinem exemplare brost, was er

nicht kante, weil bei ihm dafür borst, horste oder boest gesagt wurde.

Den sinn der stelle aus dem zusammenhange ratend, schrieb er straffe

oder straff (strafe), woraus weiter streff verderbt ward. Das ursprüng-

liche brost oder broste, f. bedeutete bruch, dann brüchte, also geld-

strafe. Wie so häufig ward das r versetzt und es entstanden borst, bör-

ste, ja boest. Beisp.: Fahne Dortm. III. s. 50 (no. 144): „so brekt he

ene mark dem gerichte dat Jiet ein börste (brüchte). Ebenda s. 40

(no. 59): „welch man boede ein tuicli to voren vor gerichte, worde hei

des tuiges bor stich, (brüehtig) de clage en mach he nit ande{f)seden. u

Ebenda s. 36 (no. 18): „dat were eine brocke van einer marck und

hedde gebrocken ene boest dem gerichtet Dazu eine alte glosse, die

nach no. 144 erklären will: „Item eine boest dat is ein marck." Aber

mit nichten; boest heisst brüchte. Das wort bedeutet auch bruch in

erdborste, f. (erdbruch, erdspalte), urk. des arch. Heiner von 1520.

Die heutige Volkssprache verwendet das masc. b ihr st; z. b. dat glas het

cn bürst; en wolkcnbürst (wolkenbrach).

Stege.

Liliencr. III. 329, 21 4 " ö : „ein ider sehe wol to, dat de wulf nicht

dorch den siegen bite." Der herausg.: „es wird das hd. stige: steige,

gitter, verschlag gemeint sein: dass der wolf das gitter vor dem schaf-

stall nicht durchbeisse." Aber hier steht nicht „den stegen durchbeis-

sen, u sondern „durch den stegen beissen." Sicher ist also etwas gat-

terförmiges gemeint. Stege bedeutet ags. (stige, f.), engl, (sty) und

soviel nachweislich mnd. (stege) immer nur schweinepferch, wiewol

es natürlich eben so gut einen schafpferch bezeichnen könte. Unser

wort steht auch in Selb. Qu. I. 106 ; daselbst in einem Arnsberger Weis-

89


WH.

t um yon c. 1350: „ioan men dey swyn in dal eykeren driuet, so saü

in uwdiker marh nicht dan (nur) eyn siege wesen. Ebenda 8. 115:

..,/,// man unssr gncdigen heren buchen swyn (küchenschweine) eyne

stege machen sal in du Herbremen." Das worl schein! als«» mase.

und femin., st. und bw. Der gemeinte pferch im walde muss durch

eine ait „sliggentün" (gatter) gebildet worden sein, in der weise, wie

unsere kleinschäfer denselben heute statt der hürden anwenden.

Sadeinvort.

Liliencr. III. 329, 4 6 : „de hebben einen sadenwert man vor-

lorn." Trotz des sadclprein (330,57) kann sich der Schreiber unse-

rer stelle etwas bei sadenwert gedacht haben. Man ist nur, wie 329,

! : 396,

L5 7 ; 398, 28 2

; 398, 44 5 . Sadenwert kann heissen: einen

rasen wert = sehr wenig wert; vgl. altfries. sätha, soden, rasen. Man

vgl. auch: helling wert = eiuen heller wert,

; die

Mille.

Liliencr. 111. 331, 7 3 : „de muH ix dar gebunden." Wir billi-

vom herausg. für 7 6 vorgeschlagene änderung von gefunden in

gesunden, nichi aber die von muH in munk (mönch). Sinn der stelle:

Das maul, welches prahlte, sein haus solle vor gewalt bewahrt bleiben,

isl da gestopft; vgl. Büdwestf. müh, f., berg. mull, f. und n.

Lachte.

Liliencr. III. 263, 6 1 : „de bussenschutt bi der luchten lach."

Luchte, Büdwestf. lochte, ist nicht der leuchtturm seihst, sondern die

leuchte auf dem Leuchtturme, neben welche sich der schütze gelegt hatte.

De blinden.

Liliencr. III. 334, 9 6 : „im storme segen se de blinden, hinder

ihn widen mocht men s< finden" Nicht erklärt. So mag denn, bis

auf besseres, unsere deutung gelten. In einem gediente, wie das vor-

liegende, kann eine derbheU nichi auffallen. Die Braunschweiger bür-

ger, wird hier gesagt, tatl sich am stürme auf reine zu beteiligen,

stellten sich hinter die weidenbäume und sahen sich die dorl liegen-

den blinden, d. i. kothhaufen an. Wir Südwestfalen nennen derglei-

chen „blinde hasen." Wir wolleu hier gelegentlich auf ein synonymon

für diese blinden bei Shakespeare aufmerksam machen, dessen erklärung

vergeblich versuch! worden. Es ist die schelte finchegg (Troil. and

Cress. V. 1). Orte, wo Bnkeneier d. i. blinde hasen in mehrzahl vor-

handen sind, nennen wir Südwestfalen stinkfinkennester.


BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 91

Alts, koswin und kökitti.

Über kösivin (Frek. rolle) ist viel verhandelt worden ; vgl. Wigand

areh. I. erstes h. s. 100. Heyne (Kl. altnd. cienkm.) deutet „weibliches

schwein." Abgesehen davon, dass der ausdruck, so gefasst, als bezeich-

niing einer abgäbe an unbestimtheit leiden würde, wäre es auch wunderlich,

wenn man das weibliche geschlecht beim seh weine durch „kuh"

bezeichnet hätte. Ein dog-fox und cock-pigeon lässt man sich viel

eher gefallen.

Die Werd. trad. (ztschr. d. Berg, gesch. ver. VI, 62) bringen uns

nun auch ein kökitti. Da hätten wir denn, nach Heyne, ein kuhzicklein,

ein weibliches zicklein (chitzi). Aber — bis besseres gefunden wird,

verstehe man: kau seh wein und kauzicklein; kö zu Jeden, Schueren:

couwen. Es sind also junge tiere gemeint, welche nicht mehr

saugen, sondern ihr futter schon kauen. In Südwestfalen unterscheiden

wir bei jungen Schweinen Qcodden) suogkodde und speenkodde. Koswin

ist also eine speenkodde, und kökitti ein speenhittken (speenen, entwöh-

nen). Einige ähnlichkeit mit kökitti hat südwestf. fretpäst (mark, päs,

jmsus), fressjunge, was freilich jetzt den sinn von „gefrässiger junge"

angenommen hat.

Alts, saikbom.

Wie ein Werd. heberegister (Lacombl. areh. II, 256) uns lehrt,

dass die abtei zum fleischräuchern (rökelen) eine Vorrichtung im grossen

besass, da sie sich zwei mal zwölf plaustra rökehvide (räucherholz),

d. i. wachholder liefern Hess, so lernen wir aus derselben stelle, dass

damals noch toten- oder sargbäume in gebrauch waren; denn sank-

bome kann nur für sarkbome verlesen oder verschrieben sein.

Alts, skimo, mnd. schin.

Beide ausdrücke, welche an den betreffenden stellen zur Übertra-

gung von adumbrare und obumbrare dienen, sind misverstanden worden.

Skimo im Helj . 279 (Heyne) , nicht skimo , ist schatten,

scheme (prov. 27, 9). Dies folgt nicht allein aus dem contexte, son-

dern auch ans den formen späterer mundarten. Das wort erhielt sich

als schimme (Kil. schimme j. scheme, umbra), schim (holl.) und sclädm

(südwestf. , Altena). Durch imm und i&m sollte kurzes i gewahrt werden.

Schin steht bei Ludolf (reisebuch c. 7): „dar lie besworken wart

mit ener lacht linde mit eme schine, dat me ene nicht mer en sach."

Misverstand des schin wird Kosegarten verführt haben, lucht als „leuchte,

licht

"

x zu fassen. Aber in unserm reisebuche ist lucht sonst luft

1) Lucht bedeutet allerdings in nd. mundart auch licht, fenster (Richey);

lampe (Lyra), überdies iu Brera. chron. söller, kornboden, wie engl. loft.


92 wce

1). c. 15), and was wichtiger ist: wo wirklich licht oder lampe aus-

zudrücken war. da Btehen auch dies.' Wörter; vgl. c. 24. Man deate

daher lucht durch lut't. Natürlich ist eine dunkle und verdunkelnde

aeint, die wir heute s/rar/,- nennen würden; vgl. et is en swark

wölk) an der lucht; et lidt en swark (dicker nebel) op der wh

Eine lucht, durch welche besworken wird, kann eben nur ein swark

sein. Schin, wol zu trennen von sc%« (s bei Lac. arch. II, 250: „ad decimam XXX tilas frumenti"

liat bei Eeyne keine aufnähme gefunden. 77/V/ (zeile) ist stiege-. Mine

Urkunde des Syberger arch. s. 36 hat: „dat sey de thilen recht sett&n

sollen, damit dey thender dat sine daroan recht Jcrege." Zur bezeich-

nung einer stiege, d. h. 20 garben, ist das wort noch heute an der unte-

ren Leime gebräuchlich. Ümtilen bedeutet: die garbenstiege Hinsetzen.

Alts, kotto.

In Lac. arch. II, 230 komt cottus vor, ebenda (J4 cliozzo. Letz-

teres deutet Lac. mit einem ? durch „schürze." Heyne setzt cottus

unter cot (rock). Beide irren. Cottus ist latinisiertes Icotto "der Jcoto

(ahd. chozo) und entspricht süddeutschem &ote< (decke). Wir haben

uns den Jcotto von wolle (fries) zu denken. Er hatte nach Lac. arch.

II, 230 den wert von 20 m. avenae oder 10 m. 3iliginis. Kindl. münst.

beitr. II s. L20: „et unum cottum Uli ulnarum tarn in longitudim

quam in latitudine." Das war doch sicher eine decke.

Hfwestf. meehthilde sumer.

An die heute in Südwest i'alen gebräuchlichen namen für fliegen-

den sommer: Jcobbesen-fgme und laiwe-frauen-sudmer (fil de la Vierge,

vgl. den anziehenden aufsatz in Matinees de Timothöe Trimm p. 145)

dürfte sich ein mwestf. meehthilde sumer reihen lassen, da in Seib.

westf. urk. no. 665 (bd. II, 286) ein »Gobeliwus de Rodenberg dictus

Meehthilde sumer 11 erwähnt wird. J)a nun ferner Mechthildis = Mette,

wie Seib. urk. uo. 703 (vgl. mit der bezüglichen deutschen urk.) lehrt,

so werden auch die nds. namen der sommerfäden : metten, mettJcen som-

mer i

Kiche;*

162) auf Mathilde führen, und nicht. wieMannhardt (Germ,

mythen 638) meint, nach iieten zu verstehen sein. Mine mytb.

Mechthildis erscheint in den bair. mechthildenkränzen , welche Wolf

(beitr. 73. 177) auf die frühlingsgöttin Ostara bezieht. Jene Spinnfaden,

welche sieb im frühlinge zeigen, mögen für unsern landmann eine ahn-


BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN 93

liehe bedeutsamkeit gehabt haben , wie sie es nach Linne für den schwe-

dischen hatten, als zeichen nämlich, dass die zeit der aussaat gekommen

sei.

Mnd. tidelöse, nilid. zitlöse.

Sowol in mhd. als in mnd. Schriftstücken (z. b. lob der frauen,

van d. 11000 megeden , Anseimus boieh) wird eine blume dieses namens

als bild der Maria und anderer h. trauen verwendet. Müller im mhd. wb.

3,915 gibt weiter keine bedeutung, als zeitlose. Es ist aber unwahr-

scheinlich, dass in den bezeichneten fällen die schädliche Wiesenblume,

nackte hure (Colchicum autumnale) gemeint sei. Wie durfte diese mit

lilie , rose und viole in gesellschaft gebracht werden ! Wahrscheinlich ist

die narcisse gemeint. In nd. mundarten komt tidlöse zwar für herbst-

zeitlose vor, wird aber beim volke meist nur für narcisse gebraucht:

Altm. zittlos, weisse narcisse. Danneil.

Nds. tidloseken, gelbe narcisse. Schanibach.

Ostfr. tierlöse , gelbe narcisse. Stürenburg.

Nordwests Nach Jüngst (westf. flora) ist die bauerschaft Tic losen

Standort der gelben narcisse, wird also von dieser den namen

tragen.

Südwestf. zu Werl": mite tiUöse, weisse narcisse; tillöse narcisse;

zu Unna: tillöse, gelbe narcisse; bei Iserlohn : pillöse, gelbe nar-

cisse.

Berg, tillöse, gelbe narcisse; bei Solingen, wo sie wild wächst:

österblöme.

Nl. Kil.: tijdloose, narcissus; die gelbe auch sporckelbloeme; ausserdem

tijdloose auch Colchicum.

Der gemeine mann weiss in der regel, dass tidlöse, tillöse, pillösc

die narcisse bezeichnet, während ihm für die herbstzeitlose meist der

name fehlt. Wahrscheinlich ist die gelbe narcisse von jeher in Deutsch-

land einheimisch , da sie nicht allein einer bauerschaft den namen gege-

ben hat, sondern auch an stellen vorkomt, wo sie schwerlich verwildert

sein kann. Sie wird von alters her den namen tulelöse geführt haben,

als eine vor und ausser der rechten blumenzeit blühende , weshalb die-

ser name hin und wider auch auf ancmmic nemorosa, primula veris

und bcllis perennis fallen konte. Erst die einführung der weissen nar-

cisse in unsere gärten brachte den namen gelbe narcisse. Colchicum

autumnale erhielt die namen herbst- oder wiesenzeitlose, wie die diffe-

renzierung vermuten lässt, erst später, aber ebenfalls, weil sie ausser

der rechten blumenzeit blüht. Auch die ansieht, sie sei in Virgils

„nee sera comantem narcissum" gemeint, mag dazu beigetragen haben,

sie dem namen nach den narcissen anzureihen. Vgl. Dasyp. s. v. nar-


w i

i

i \ i - DSM N 1

1


' i > i i; i ' i i

:

u- : ...//' Jcraui so dii apothecker narcyssen nennen: ettichi meynen

es sey zeitlossen" ebenso die alten kräuterbb. bei der zeitlose.

.Mann liir -inir.

Patronymica sind früh und häufig in Westfalen zu hofnamen gewor-

den. Bin rechl altes beispiel ist Bekemenninc im Werd. heberegister

(Ztschr. d. berg. g. \. II. 308). MTltteilenswerl dürfte die erscheinung

sein, dass in den letzten Jahrhunderten das -ing solcher namen ofl mit

-mann vertauscht ward. Ein hof im amte Menden, der im 15. Jahrhun-

dert urkundlich Neckinck hiess, fahrt heute, auch auf karten, den

namen Neckmann. In der hellwegischen parochie Asseln gab es sonst

zahlreiche hof- und hausnamen mit -ing. Jetzt halten sie dafür -mann.

Es ist, als ob man den sinn des -ing noch herausgefühlt, aber, um des

familienwechsels auf höfen willen, unpassend gefunden und mit dem

angemesseneren -mann vertauscht habe.

rsERLOHN. i\ wgeste.

(Wird fortgesetzt.)

MITTELDEUTSCHER FIEBERSEGEN ATS DKM ZWÖLF-

TEN JAHRHUNDERT.

In der schönen foliohandschrift der herzoglichen bibliothek zu

Gotha, welche auf 414 wol erhaltenen pergamentblättern grösten for-

mats zuerst das alte und neue testament in lateinischer spräche und

dann ooch eine längere reihe kleinerer homiletischer, dogmatischer und

historischer stücke von verschiedenen Verfassern, ehent'alls nur latei-

nisch, enthält (Membr. nr. 1, Biblia Latina aus der mitte des 11. jahrh.,

vgl. Friedrich Jacobs Beiträge II, 11), hat herr bibliothekar Aldenho-

vcii mitten zwischen dem durchaus Lateinischen texte in einer etwas

verschiedenen, aber wenig jüngeren band einen deutschen abschnitt ent-

deckt, welcher ohne Zweifel der Veröffentlichung wert ist. Offenbar hat

der spätere Schreiber den ihm lebhaft am hei/en liegenden gegenständ

in dem prachtvollen, mil ganz anderen dingen angefüllten Codex, der

ihm fertig und abgeschlossen vorlag, nicht nur Oberhaupt anbringen,

sondern ihn demselben vielmehr untrennbar einverleiben wollen-, denn

Btatt ihn als etwas dem Inhalte


REGEL, MITTELDEUTSCHER PIEBERSEGEN 95

auch, damit keinem leser des buclies der erste teil seiner aufzeichnung

entgehen möchte, zuletzt wider mit den worten: Quere oetauam com-

memorationem sanetarum reliauiarum et inuenies primam partem huius

benedictionis auf den anfang des von ihm in die handschrift eingeschmug-

gelten stückes zurück verweist.

Leider ist dieser schlussteil auf dem letzten blatte des bnches,

wol durch die beim auf- und zuschlagen des schweren einbanddeckels

verursachten reibungen, an mehreren steilen so stark abgescheuert,

dass einige Wörter bis auf geringe Überreste verschwunden sind, und

auch durch die sorgsamste anwendung von reagentien nur wenig les-

barer haben gemacht werden können; doch dürfen die mit genauer

berücksichtigung sowol der sichtbar gebliebenen buchstabenreste und des

leeren raumes in den Zeilen als auch der erfordernisse des klar vorlie-

genden Zusammenhanges gemachten ergänzungen, welche ich in eckige

klammern eingeschlossen habe, als fast ganz sicher betrachtet werden.

Nachstehend gebe ich den text dieses fiebersegens mit strenger beibe-

haltung der Schreibweise des Originals, indem ich nur einige getrente

Wörter verbunden oder zusammengeschriebene gefreut habe , wo es nötig

schien, und zur leichteren vermittelung des Verständnisses die inter-

punetion hinzugetan habe.

Contra fehres. fol. 407 a .

Iniveiz der minsche nit , dal he biden sal

durg unses heren godes wille inde des güden

sente petirs, dat men ime des Juden büze du,

so sal der giner, de di büze kein, sprechin:

, Mensche, bide mich dürg unses herin godes

wille inde des güden sente petirs, dat ich

dir des riden büze du!' Tunc rogabit, — so

sed he sprechin: ,ganc in godes namen inde

des güden sente petirs! du hes des Riden

büze van den worden, di ich sprechen sal:

des haue starken geloue, so hilf dit dir! inde

enkeine andere erzedie iudü herzu me, noch

encheiner hande spise, di einich kirstin minsche

eizen mach, di ensaltü nit scJmwen!'

Nu willen ich bit helfin unses heren des fol. 414 d .

heiligen kirstes inde sente [marien] inde sente

yscb[eten] inde sente annen inde sente [iohane]

inde des güden sente petirs inde aller godes


i:i i.i i

heiligen [bu~cn] Henriche [aide] JlUdegunde

des Ridden indi aller siner boset

siden in kirstes namen! amen! amen!

Sfanjfde indt wale gebar [sente ysebet] sente

sanfde inde wale gebar .ruh

[iohanne] , —

[anne] sente [niarijen, sanfde inde walt gebar

sente [marie unsen] here[n den] heiligen [kirste] —

,

Also sanfdt inde also wale geflage den minjschen

) [der Eidde] inde alle sine böse siden! In

kirstes namen! amen! amen!* Herena saltu

sprechin dru paternoster bit drin venijn inde

ihn mit murin bit drin venijn.

Die von mir bei dieser abscbrift eingeführten Veränderungen

beschränken sich auf die Verbindung des in der handschrifl getrent

geschriebenen in ir.i:. en keine, in du, en cheiner, en saltü, pater

noster, aue maria und auf die fcrennung des in der handschrifl; verbun-

denen herengodes, heringodes. Von den ergänzungen ist. eigentlich nur

geflase] (derelinquat) ganz willkürlich nach dem sinn ohne allen anhält

an einen buchstabenrest geraten.

Dass die spräche des kleinen denkmals mitteldeutsch ist, das

bedarf keines beweises, sondern ergibl sich unmittelbar aus dem was

Franz Pfeiffer (Binl. z. Nicol. v. Jerosch. p. LY1 fgg.), Reinhold Bech-

stein (Binl. /. Evangelienbuch des Matthias v. Beheim p. LTX fgg.) und

Ernst Wülcker (Beobachtungen auf dem gebiete der vocalschwächung

im Mittelbinnendeutschen) aber die md. lauteigentümlichkeiten gelehri

haben; besondere beachtung scheint nur zu verdienen, dass einesteils

die graphische Vorliebe der md. Schreiber für ü in unserem Fiebersegen

äich verhältnismässig reichlich betätigt (u statt md. ü, mhd. uo in

buze, du faciat, faciam, güden, ?ü; ü statt md. mhd. ü in du tu,

siilln. ensaltü, nü; — u statt md. ü } mhd. iu in schüwen horrere,

dru tres; — " statt md. mhd. u in dürg per), andernteils dass auch

iml. erscheinungen wie der Wechsel des e mit ei (in eisen edere), der

eintritt des inlautenden v für b (in haue habeas), der abfall des / in

der •_'. sg. praes. (in du hes habes, habebis) und die unorganische anfu-

gung von ii. in an eine verbalform (in willen ich volo) in unserem

denkmal ihre belege finden. Auffallend und vielleicht nur Schreibfehler

ist der mangel des / der 3. pers. sg. praes. in hilf (juvat , juvabit) und

erinnerl an «las ebenfalls vereinzelte schrif (scriptura) bei Bechstein

Einl. p. LXVIII. Noch anstössiger in dem sonst rein mitteldeutschen

Schriftstück Bind die darin auftretenden Bpecifisch niederdeutschen Cor-


MITTELDEUTSCHER PIETSERSEGEN 97

men dat (quod), de (qui), he (is), dit (hoc), minsche (homo), geloue

(fides), welche auf der nähe des abfassungsortes au der niederdeutschen

Sprachgrenze oder auch auf der nd. herkunft des Schreibers beruhen

mögen.

In bezug auf den sinn und inhalt unseres segens muss zunächst

bemerkt werden , dass die beiden namen Henriche aide Hildegunde wol

nur beliebig und schematisch in die beschwörungsformel eingesetzt sind,

damit an ihre stelle bei deren anwendung im concreten fall der wirk-

liche name der zu heilenden (männlichen oder weiblichen) person tre-

ten sollte, wie auch das auffallende zeichen Y mitten im text nichts

weiter als die allgemeine stellvertretende bezeichnung des hier speciell

einzufügenden personennamens zu enthalten scheint. Dann ist hervor-

zuheben, dass der dem Fiebersegen ursprünglich zu gründe liegende

heidnische glaubenskern fast bis zur völligen unerkenbarkeit von der

gewöhnlichen christlichen formelhülle umkleidet ist, was sich nicht nur

in der widerholten anrufung der helfenden kraft gottes und seiner hei-

ligen zeigt, sondern namentlich in der gestaltung der eigentlichen

beschwörungsformel: denn ebenso wie in dem nd. blutsegen des Goth.

arzneibuchs das stillstehen des Jordans unter dem rutenschlag der

Jungfrau Maria als symbolischer zauberbann für den stillstand des strömenden

blutes gebraucht ist (myn vrouive sunte maria, de sloch ene

roden in de hülighen Jordanen, — de Jordane entstund: cdso de Jordane

entstund , so entsta du , blot ! nü vnde jummermere , in den namen

des vaders vnde des sones vnde des liilgen geistes. Amen. s. mein

osterprogr. von 1872 über das mnd. Gothaer Arz. B. p. 2), ebenso wird

hier der heilige Vorgang der drei leichten und glücklichen geburten —

des täufers Johannes, der Jungfrau Maria und unseres heilands selbst —

als ein wunderkräftiges symbol für das leichte und glückliche ausschei-

den des fiebers aus dem körper des leidenden benutzt. Aber es ist

doch hierbei nicht zu verkennen, dass sich schon in dieser geheimnisvollen

vergleichung des ausscheidenden fieberübels mit dem aus dem

mutterleibe ans licht tretenden lebendigen kinde die alte Vorstellung

von dem riten als einem persönlichen wesen deutlich ausspricht, welche

sowohl in der herkunft dieses wortes von ahd. ridan, rulon tremere

(Grff. 2, 475. 476. Schmell. bair. Wb. 3, 54. 165. Zarncke Mhd.

Wb. 2 1

,

698 a

), als auch in den mhd. wie noch volkstümlich mit dem

ritten häufig verbundenen prädicaten des schüttelns, stossens und erstossens

(s. meine Ruhlaer Mundart p. 136. 137 und Diefenb. goth. Wb.

1, 410) ihre sichere bestätigung findet.

Nicht minder klar drückt sich diese ursprüngliche anschauung von

dem fieber als von einem den kranken schüttelnden und quälenden

ZEIT8CHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. VI. BD. 7


v.l., .Mirn'.r.i'Ki i m HKU kieukrsf.'.k.v

dämonischen unhold auch in der unserem md. Fiebersegen eigenen Ver-

bindung des Ridden inde aller siner böser siden, der Ii


ARTHUR AMELUM.

Am 6. april d. j. starb Arthur Amelung zu Montreux an der Schwindsucht.

Kurz vor dem 'ausbrach der krankheit, die ihn so rasch hinwegraffen sollte, war

er zum professor der deutschen spräche und litteratur an der Universität Freiburg

ernant worden. Dem unterzeichneten möge es als dem Vorgänger Amelungs in die-

ser Stellung und als seinem freunde gestattet sein , über das leben und die wissen-

schaftliche tätigkeit des verstorbenen zu berichten. Über Amelungs lebensgang

und Charakter hat ein freund und schwager des verstorbenen folgendes gütigst

mitgeteilt.

„Amelungs familie stamt aus dem Braunschweigischen. Sein urgrossvater,

der die noch bestehende glashütte zu Grünenplan 1773 gepachtet hatte, wanderte

1794 in Lievland ein und gründete 8 nieilen von Dorpat die Spiegelfabrik Katha-

rina mit der dazu gehörigen glashütte Lisette. Ihn begleiteten etwa 40 deutsche

arbeiter, deren nachkommen noch jetzt den grundstock der colonie bilden. Der

grossvater und vater Amelungs hatten dies geschäft fortgeführt, als Arthur am

15./27. juli 1840 zu Katharina als das fünfte von acht geschwistern geboren wurde.

Vater und mutter starben früh und ein onkel führte das geschäft fort. Mit 10 jäh-

ren kam Arthur aus dem väterlichen hause in die lievländische erziehungsanstalt zu

Werro, im jähre 1856 in die zu Fellin. Der aufenthalt in dieser schule ist für

seine spätere richtung vielfach bestimmend gewesen; denn schon hier wante sich

sein interesse ganz vorzugsweise der deutschen litteratur zu, ja er trieb, angeregt

durch den lehrer Job. Meyer aus Schaffhausen, in den letzten Schuljahren selbst

ahd. , mhd. , gotisch und altfranzösisch. Musikalische und namentlich kunstgeschicht-

liche studien (für die er eine feine begabung besass, wie er denn auch ein recht

geschickter landschaftszeichner war) liefen nebenher, seine spätere vielseitige und

feinsinnige weise auch hierin vorbildend.

Als er 1861 die schule verliess, trat an ihn die aufforderung heran, sich für

das väterliche geschäft vorzubereiten, da von zwei älteren brüdern der eine unheil-

bar krank, der andere gestorben war. So studierte er denn nach seiner immatricu-

lation auf der Dorpater Universität im januar 1862 zunächst chemie. Aber trotz-

dem, dass ihn dies Studium wenig anzog, so währte es doch noch einige zeit, ehe

er sich berechtigt glaubte, dem wünsche der familie entgegen zu handeln und den

gedanken an die leitung der Spiegelfabrik aufzugeben , die seitdem ein jüngerer

bruder des verstorbenen übernommen hat.

Wesentlich eine folge dieses entschlusses , der seiner gewissenhaften und

treuen natur sehr schwer geworden ist, war seine Übersiedelung nach Berlin im

october 1863. Hier gewann Müllenhoff, dem Amelung eine warme Verehrung und

treue gesinnung bis zu seinem tode bewahrt hat, einen über das ganze spätere

leben entscheidenden einfluss auf seine studien. Im april 1868 promovierte er in

Halle und lebte seitdem abwechselnd in Petersburg, Katharina und Dorpat, mit

den arbeiten an seinem Ortnit usw. beschäftigt, bis er sich im october 1871 in Dor-

pat habilitierte, wo er sich vorher noch den grad eines magisters hatte erwerben

müssen. In Dorpat docierte er bis zum december 1872. Im frühjahre 1873, am

23. februar, langte er in Breslau an.

Dies sind die umrisse seines äusseren lebens, wie es sich aus reichlichen und

glücklichen Verhältnissen zu einem immer arbcitsvolleren und einsameren dasein

bewegt hat. Der schreiber dieser Zeilen ist diesen weg seit Amelungs aufnähme

7*

99


]IM( M AKT IN

in . .

1 i - Felliner

schule schritt für schritt mit ihm gegangen and darf daher auch

davon reden, wie Bein innerliches leben sich vertiefte. Anf der schule and in den

ersten Dorpater oniversitätsjahren ein fröhlicher, harmloser kamerad, ein treuer

freund, ein vielseitiger feiner und klarer tropf, blieh er dem ernst der arheil and

des Lebens im wesentlichen noch lern, obgleich er Btets eine mehr innerliche, Btille

aatur war. Der entschluBs der entscheidung zwischen dem väterlichen fabrikbesitze

and der mühevollen Laufbahn eines _: . I. li rt -ii war die erste schwere aufgäbe, die

ihm das Leben brachte. Wie er «liese gelöst hat, völlig and interesselos den nöti-

guugen Beiner idealgesinten natur folgend, so hat er stets gehandelt, so rein and

edel war er Btets, uns allen das muster einer lianuuiiischen seele. Fas1 nie störte

rieh bei ihm das gleichgewichl zwischen treuer und eifriger arbeil und feinsinnigem

genusse, in jähren, wo das leiten anderer hastig hin und her zu schwanken pfli

In Beiner seele sah es fast stets so gleichmässig und reinlich aus, wie in Beinen

manuscripten , bo ruhig und heiter, wie in seinen brieten, «leren köstlichen humor

niemand fremdes dem stillen gelehrten zugetraut hätte.

\\Vr es weiss, was die wähl einer academischen Laufbahn in den germanisti-

schen fächern für Russland, was eine privatdocentur für einen fremden in Deutsch-

Land bedeutet, wird auch in diesen entschliessungen Amelungs die energischen

antriebe einer idealen natur herausfühlen, um so mehr, wenn er den verstorbenen

genug gekaut hat, um zu wissen, dass ruhmsueht in dieser überbescheidenen , last

scheu sieh abschliessenden seele keine rolle spielte.

In Dorpat hatte er sich trotz seiner aussichtslosen Stellung wenigst ins gesell-

schaftlich wol gefühlt; in Breslau kam zu manchen schweren schicksalsschlägen

noch seine Vereinsamung hinzu, die einen dunklen schatten über seine seele warf.

Je weniger er sieh in grösseren kreisen frei bewegen mochte, desto Lebhafter war

bei ihm das bedürfnis an eng befreundete gemüter rieh anzulehnen, namentlich in

einer Bchweren und arbeitsvollen zeit; und solche zu gewinnen ist ihm in Breslau

leider erst zu Bpät gelungen. Stetes unwolsein und mit ihm sorgen am die zukunft

kamen endlich hinzu, um diese sonst so harmonische seele in eine tiefe Verstimmung

hinab zu drücken, aus welcher sie auch die freudenbotschaft der berufung

nur vorübergehend erheben konte.

Schliesslich darf des besten wol auch nocli uedaelit werden, dass sieh in

amelung mit den jähren immer mehr ein tiefgehendes philosophisches inten

herausbildete, das ja auch in seinem aufsatz über Darwin und die Sprachwissen-

schaft, mehr aber wohl aus seiner Dorpater antrittsvorlesung herausblickt: die weite

des omblicks, die consequenz i\'^ denkens, welche sieh in dem Inhalte sowol, als

in dem klar gegliederten aufbau und der ruhigen, feinsinnig anmutigen form ver-

raten, sind dieselben eigenschaften , die seine freunde in wissenschaftlichem disput

so oft an ihm zu bewundern gelegenheit hatten. Und dass er seinen auf philoso-

phischem werfe gewonnenen Überzeugungen bis zu den letzten schweren stunden

getreu blieb, dafür möge zum beweis dienen, dass er den beistand eines geist-

lichen, der ihm in .Montreux zwei tage vor seinem tode zugeführt wurde, allerdings

mit ausdrücken der achtung für dessen Überzeugungen, die er indessen nicht zu

teilen vermöge, zurückwies.

Arthur Amelungs grab befindet sich auf 'lern herrlichen Friedhof von Clären,.

von dessen höhe man weil herab blickl auf den blauen Genfersee und die ewigen

berge über ihm. Eine cypresse und eine marmortafel mit seinem namen bezeichnen

die statte, wo er zur ruhe gegangen." —


A. AMELTJNG 101

Soweit die dem unterzeichneten zugegangenen mitteilungen. Er hat zunächst

hinzuzufügen , dass seine bekantschaft mit Amelung mit dem jähre 1864 begonnen

hat. Beide bildeten mit J. Zupitza und einigen anderen schülern Müllenhoffs ein

germanistisches kränzchen , welches durch gemeinsame cursorische lecture und durch

fröhliches Zusammensein nach der arbeit gewiss allen teilnehmern förderlich und

erfreulich gewesen ist. Auch hier zeigte sich Amelungs liebenswürdige natur in

unvergesslicher weise. Später ward dieser verkehr durch die räumliche Trennung

unterbrochen, bis im vergangenen frühjahre Amelungs berufung nach Freiburg wider

zu einem lebhaften briefwechsel und zu einem — freilich von traurigen ahnungen

erfüllten — widersehn in Freiburg führte.

Aus Amelungs briefen ist zunächst nachzutragen , dass er in Dorpat während

dreier semester Nibelungen, Minnesangs Frühling und deutsche grammatik las und

gleichzeitig in jedem semester praktische Übungen abhielt in got., ahd. Interpreta-

tion und in bearbeitung mhd. texte mit einleitendem Vortrag über metrik. In Bres-

lau las Amelung während des sommersemesters über Minnesangs Frühling, im Win-

tersemester über ags. und leitete got. , ahd. Übungen.

Amelungs litterarische arbeiten sind sämtlich im jähre 1871 erschienen. Er

beteiligte sich 1) an dem von Müllenhoff veranstalteten Heldenbuche durch die aus-

gäbe des Ortnit und des Wolfdietrichs A (Bd. III und IV. Berlin 1871 und 1873),

woran sich der von 0. Jänicke — welcher ihm im tode vorangegangen ist — bearbeitete

Wolfdietrich B und C anschloss. Selbständig veröffentlichte Amelung

2) „Die Bildung der tempusstämme durch vocalsteigerung im deutschen, eine

sprachgeschichtliche Untersuchung (Berlin 1871)." 3) Die Dorpater magisterdisser-

tation 1871 enthielt „Beiträge zur deutschen metrik"; sie liegt in dieser Zeitschrift

vor [in Band III, Halle 1871]. 4) Die am 16. october 1871 gehaltene antrittsvor-

lesung (Dorpat 1871) handelte „Über das Verhältnis der philologie zu den übrigen

historischen Wissenschaften." Endlich 5) brachte die Baltische monatsschrift bd. II.

s. 137 — 169 einen aufsatz über die Darwinsche theorie und die Sprachwissenschaft.

Es ist zu erwarten, ilass in dem nachlasse Amelungs sich noch einiges zur Ver-

öffentlichung reif vorfinden wird, namentlich weitere forschungen über die vocal-

steigerung im Deutschen.

Von den unter nr. 1— 3 genanten arbeiten ist anzunehmen, dass sie in den

händen der fachgenossen sich befinden, die mit den einschlägigen fragen beschäftigt

sind. Dagegen dürfte es wol gerechtfertigt erscheinen , wenn die unter nr. 4)

und 5) aufgezählten , in Dorpat erschienenen abhandlungen wenigstens in ihrem

kerne hier berührt werden. Am Schlüsse des letztgenanten aufsatzes sagt Amelung

(s. 167) : ,, Blicken wir jetzt noch einmal auf alle , die hier erörterten hergänge

zurück , so ist denn doch die analogie zwischen der entstehung der sprachver-

schiedenheiten und der der organischen arten eiue sehr oberflächliche und äusser-

liche. Nicht nur, dass die sprachen und die Organismen an sich durchaus hetero-

gene, unvergleichbare objecte sind, (hier handelt es sich um eigentliche gegen-

stände, materielle körper, lebendige individuen, dort um eine abstracte tätigkeit,

einen blossen process, eine reihe zeitlich auseinanderliegender hergänge, vgl. s. 144):

auch die allgemeinen Ursachen, durch welche hie und dort die fortschreitende

Veränderung und die Spaltung in gesonderte arten bewirkt wird, sind gänzlich

verschiedene. Wie dort alles auf der physischen abstammung beruht, so hier alles

auf dem socialen verkehr und geistigen austausch. Das reale band, welches ver-

wante sprachen mit einander verknüpft , liegt nicht in dem physiologischen begriff

der Vererbung , sondern in dem historischen begriff der Überlieferung, einem begriff,


li'_' KABTQI . A. AMELl'KO

der überhaupt nur auf geistigem gebiete anwendung finden kann ... Man darf

sich durch solche bildliche ausdrücke wie abstammung, verwantschaft, descendenz,

ivachstum, altern and aussterben der sprachen nicht irre leiten lassen; die realen

hergange, die damit bezeichnet werden, haben mii den betreffenden physiologischen

bergängen schlechterdings gar nichts gemein als den Damen. Bs isl ein irrtom,

zu glauben, dass ^1 i< - entwickelnng

der spräche auf wesentlich anderen grundlag

beruhe, als die entwickelnng jedes anderen cultnrzweiges , and der unterschied isl

nur relativ, wenn der grosse cntwicklungsprocess i!


LYCEALZEÜGNIS JACOB GRIMMS.

Eine copie des lycealzeugnisses Jacob Grimms, angeblich eine Übersetzung

des lateinischen Originals, befindet sich im besitze des fräuleins Dorothea Hassenpflug,

einer nichte Grimms. Mein hochgeschätzter freund, herr hauptmann

Anton Walter von Waltheim in Hannover hatte die grosse freundlichkeit,

diese copie für mich abzuschreiben.

Die copie scheint mir nicht direct aus dem lateinischen übersetzt zu sein,

sondern auf eine deutsche vorläge hinzuweisen , denn nur so lässt sich die lücke

nach „Wissenschaften" erklären. Vor „und" stand höchst wahrscheinlich wider

„Wissenschaften," das äuge des Schreibers irrte von dem ersten auf das zweite und

er Hess so das zwischen beiden stehende ganz aus.

Vielleicht glückt es noch, das original aufzufinden, einstweilen genüge die

mitteilung der vorhandenen abschrift.

Über den rector des Kasseler lyceums , prof. Richter , ist die Selbstbiographie

J. Grimms kl. sehr. I. 3 zu vergleichen.

BONN. AL. REIFFERSCHEID.

L. B. S.

Das lob herrlicher geistesgaben und eines unaufhaltsamen fleisses verdient

der edle Jüngling J. L. C. Grimm.

Er befleissigte sich so eifrig der schönen künste und Wissenschaften nach dem unter-

richte, den er in diesem lyceum empfieng, dass er nicht nur seine natürlichen gei-

stesvorziige und talente bewies, sondern auch seinen eifer und eine edle lobens-

werte begierde ihn zu' nähren und durch eigne Sorgfalt zu vervollkommnen und aus-

zubilden zeigte. Durch diese rühmlichen eigenschaften bewirkte er, dass er in

allem, was hier vorgetragen, schnelle, ausgezeichnete fortschritte machte und sich

die kenntnisse der lateinischen spräche und der griechischen , wie auch der im

menschlichen leben so nötigen und zur ehre gereichenden Wissenschaften

und wichtigen Studien fortzuschreiten, so darf

man die hoffnung hegen , dass ihm dieses vorhaben glücklich und zu seinem rühme

gelingen werde.

Möchte er nur einst freudig erfahren, dass diese hoffnung sicher und gewiss

und nicht eitel gewesen sei. Dies ist mein wünsch.

Geschrieben

kässel, 13. mabz 1802. Karl Ludwig Richter,

Rector und Professor des Lyceums.

103


UM iif.rrmaän MÜLLER

DIE MANUSCRIPTA GERMANICA DEB KÖNIGLICHEN UNIVER-

SITÄTSBIBLIOTHEK XI Gl; Kl FS WALD.

MIIi.KTKlI.T DURCH DR. II KKK.M ANN MILLER.

Der vorrat an bandschriften in der königliches oniversitäts-bibliothek zu

Greifswald beträgt der zahl nach 791. Diese gesamtzahl ist in neun klassen verteilt,

in Bfannsoripta Bornssica, Pomeranica, Italica, Francica, Batava,

Orientalia, Latina, Germanica, Theologica. Innerhalb dieser einzelnen

abteiluugen ergibt sieb folgender bestand:

1) Mss. Borussica 18 [12 in folio, 6 in quarto].

2) Mss. Pomeranica 453 [310 in folio, 138 in quarto, 5 in oetavo].

3) Mss. Italica 2 [1 in folio, 1 in quarto].

4) Mss. Francica 5 [4 in quarto, 1 in oetavo].

5) Mss. Batava 3 [1 in folio, 2 in quarto].

6) Mss. Orientalia 21 [8 in folio, 4 in quarto, 9 in oetavo].

7) Mss. Latina 91 [19 in folio, 61 in quarto, 11 in oetavo].

8) Mss. Germanica 122 [73 in folio, 45 in quarto, 4 in oetavo].

9) Mss. Theologica 76 [24 in folio, 44 in quarto, 8 in oetavo].

Wenn ganz naturgemäss in der universitäts-bibliothek von Greifswald, der stadt.

welche den brennpunkt des geistigen lebens der provinz Pommern bildet, die Manu-

scripta Pomeranica nicht allein numerisch den hauptbestand der handschriften ausmachen

und deren zahl reichhaltiger ist, als die der übrigen acht klassen zusammen,

sondern auch rücksichtlich des inneren wertes bedeutend überwiegen , so findet

sieh doch auch in jeder einzelnen der übrigen klassen gar manches wichtige, interes-

sante , oder einzige stück , welches in weiteren kreisen bekant und einer benutzung

zu wissenschaftliehen , gelehrten zwecken erschlossen zu werden wol verdient.

Der tendenz und der richtung dieser Zeitschrift gemäss, muss eine derartige mit-

teilung sich auf die klasse der Manu scripta Germanica beschränken Durch

eine einsieht des Verzeichnisses selbst, eine kentnisnahme von dem inhalt der handschriften,

bei denen man sich nicht durch die titel irre führen lasse, wird man

sich leicht darüber klar werden, in welchem sinne die bezeichnung Mss. Germanica

gebraucht ist, die erklärnng und den Bchlüssel dazu linden, mit welchem recht die

einzelnen Codices unter diese rubrik subsummiert sind.

MANUSCEIPTA GERMANICA.

In folio.

1. Papier in folio, 18 Mütter, saec. XVIII, von Joh. Boettiehcrs band geschrie-

ben; — enthält: ßitterrechl des herzogtums Bremen, anfang, enthal-

tend die bestimmungen erzbischofa Heinrich a. 1577, febr. 22. nebst edicten des-

selben vom jähre 1580, deebr. 9, und edicten erzbischofa I Ihristoph a. 15.")*;, sowie

eine Urkunde könig Christians IV von Dänemark, betreffend die wähl eines eoad-

jutors für das höchst it t

.

2. Tapier in folio 524 blätter, von mehreren bänden saec. Will geschrie-

ben; — darin: Ritterrechl des berzogtums Bremen, enthaltend die Pri-

vilegien der Bremischen ritterschafl von der zeit erzbischofs Heinrich [1577, febr. 22]

bis ende des 17. Jahrhunderts.


MANUSCRIPTA GERMANICA ZU GREIFSWALD 105

3 — 4. Papier in folio, zwei bände zu 136 und 140 blättern, von Joh. Boettichers

hand in den jähren 1724 und 1725 geschrieben; — darin: Joh. Bötticher,

reise -protokolle und rechnungen, betreffend seine reise durch Deutschland vom märz

1724 bis mai 1725, zum zwecke einer collecte für den wideraufbau der im letzten

kriege eingeäscherten kirchen in der stadt Wolgast. — Band I. Beise vom märz

bis ende december 1724 [136 blätter]. Band IL Beise vom 1. januar bis 7. mai 1725

[140 blätter, von welchen jedoch bll. 52 — 140 nicht beschrieben sind].

5. Papier in folio , 71 blätter , von zwei bänden saec. XVII geschrieben ; —

darin: Dat Lubesche recht, in niederdeutscher spräche; — dahinter von ande-

rer hand saec. XVII bl. 69 — 71: Rechtsentscheidungen nach Lübischem rechte.

6. Papier in folio, 129 blätter, vom bürgermeister Albrecht Wustrauwe

zu Alt - Brandenburg um 1443 und 1453 geschrieben, in zwei columnen , in nieder-

deutscher spräche. Früherer besitzer der prof. der rechte in Greifswald dr. Schilde-

ner; enthält:

1) Bl. 1 — 98: Vermehrter S achsenspiegel, sächsische distinctionen in

6 büchern, davon buchl, capp. 48 — 58 doppelt vorhanden [fol. 28 col. 2

a. f. - fol. 35 l col. 1. med.]

2) Bl. 99 — 128: Richtsteig landrechts, in 49 capiteln, mit der vorrede

und dem epilog.

3) Bl. 128 1 col. 1 — col. 2 med. Verfahren gegen Friedensbrecher.

4) Bl. 128 1 col. 2 m. — Bl. 129 col. 2. Zwei Magdeburger Schöffen -

sprüche.

Auf bl. 129 col. 2 med. die notiz über den Schreiber der handschrift; bl. 129 * von

anderer hand beschrieben. Vergl. die beschreibung dieser handschrift bei Homeyer,

Die deutschen Rechtsbücher des Mittelalters und ihre Handschriften. Berlin, 1856

p. 102. no. 284, wo aber irrig angegeben wird, dass fol. 28 — 35 die capitel 60— 87

des Sachsenspiegels doppelt vorhanden seien.

7. Papier in folio, 17 blätter vom jähre 1678; — darin: Project der neu

revidierten Statuten der stadt Zittau.

8. Papier in folio, 19 blätter, saec. XVIII; — darin: Erblicher traditions-

recess zwischen kaiser Ferdinand U und dem kurfürsten Johann Georg von Sach-

sen, betreffend die abtretung der Ober- und Nieder - Lausitz an Sachsen, d.d. Praga,

den 30. mai 1635, ratificiert zu Görlitz den 14/24. april 1636.

9. Papier in folio, 17 blätter, saec. XVIII; — darin: 1) bl. 1 — 11: Novel-

lae Novellarum über die erneuerte Königlich Böhmische Landes - Ordnung und publi-

cirte Novellen (v. j. 1641 — 1654) aus bemeldeten Königreichs Landtafel zusammen-

getragen. — 2) bl. 12 — 17: Ein Singspiel. — Latein, brief könig Karls II von

England an Christian V von Dänemark, d. d. Whitehall a. 1675. octbr. 5. — Satyra

Batava, edita a. 1670. (Carmen Latinum.)

10. Papier in folio, 20 blätter von verschiedenen bänden saec. XVIII; —

darin: Samlung politischer satyren und beitrage zur geschichte des 17. Jahrhun-

derts, nämlich: 1) bl. 1 — 2: Dialogus zwischen dem papste, dem kaiser, prinz

Eugen, einem italienischen hauswirte und einem deutschen Soldaten. — Deutsches

gedieht a. 1780. — Satyre auf den papst. — Blatt 3 unbeschrieben. — 2) bl. 4:

Das baierische vater unser. — Spottgedicht auf den kurfürsten. — 3) bl. 5 — 7:

Verzeichnis von medaillen. — 4) bl. 8 — 9 : Nachricht von dem Balle , welchen die

europäischen Potentaten auf dem grossen Saale Deutschlands in diesem Carneval


lil'J

HERRMANN mCLLER

gehalten haben. Anno 1742. 6) bl. 1" 18: Spottgedicht« auf den prinzen von

Wales Stettin. 1708. Spottgedicht auf die Zusammenkunft der drei könige in

! tsdam

a. 1709. 7 Kl. 11: Französisches and lateinisches gedieht auf Karl II

\.pii Spanien and « i i «

- uiederlage der Rassen am - Pruth. bl, 15 l'i: Satire

au!' Mecklenburg in oiederdeatsoher spräche. — '.») bl. 17: Prognostikon einer bai-

ichen nonne, «reiche kaiser Karl VII noch bei lebzeiten Karls VI die nachfolge

im reiche prophezeit hatte. — 1") bl. 18: Gedanken aber den marsch der Franzo-

sen ins reich a. 1742 — Gedicht. — 11) bl. 19 20: Die glückliche wähl <

aeaen Bcholzen im dorfe Eermannsdorf a. 1742.

11. Papier in folio, 8 blätter Baec. XVII ex. und Will; enthält: Extrad

aus Herzog Magnus, brnder Friedrichs II von Dänemark, Verzichtbrief auf

seinen anteil in den herzogtümern Schleswig -Holstein, d. d. 1559, august 29 und

andere dahin gehörige doenmente. - Vidimierte abschrift d. d. 1680. oetbr. 1'.'.

12. Papier in folio, ."> blätter, saec. XVII; darin: Fürstlich Dithmarsisehe

Constitution, wonach die professio bonorum und in catastrum redactio in Norder-Dith-

marschen soll verrichtet werden. Unterzeichnet: Friedrich, d.d. schloss Boltörf d< n

20. joni 1638. (Copie.)

13. Papier in folio, ü'.' blätter, saec. XVIII: darin: Constitutiones Zittaviensinm.

Enthalt das stadtrecht, die Ordnung und polizeiVorschriften, welche vom

magistrat für die stadt erlassen worden sind, s. d.

14. Papier in folio, 6 blätter, saec. XVIII; - darin: Wahn' bedentung des

Verhängnisses der baldigen und zukünftigen ohne einer letzten Zeit. 1700. — Ent-

hält Prophezeiungen über die geschichte der jähre 1700— 1875.

15. Papier in folio, 33 blätter, saec. XVIII; darin: Kaisers Ferdinandi

Newe Münzordnung. Sampt Valuirung der Gulden und silberin Müntzen und daranff

erfolgtem Kayserlichen Edict, zu Augspurg alles im Jahr 1559 auffgericht und

blossen.

16. Papier in folio, 5 blätter, saec. XVQI; — darin: Das älteste und echte

Lieffländische Ritter- und Land-recht, wie solches weyland Bischoff Albrecht

zum Ersten zu Riga mit Rath Meister Volquini and seines Ordens, auch Bewilligung

seines Adels and anderer Zugezogenen, auffgesetzet und publicixel worden ist, ombs

Jahr n. Chr. Geb. 1228.

17. Papier in folio, 130 blätter, von 2 händen saec. XVIII geschrieben:

darin: 1) bl. 1 — 65: Liefländisches ritterrecht. Buch 1 — 3. — 2) bl. 66—

abschnitte aus .lem Lieflän-

69 1 "»

: Bauerreoht. — 3) bl. O'.t ' 1 1 ' : Weitere

dischen rechte — 1

4) bl. 116 ex. — 130: Samlung rechtlicher und polizeilicher

Verordnungen aus der Liefländischen gesetzsamlung.

18. Papier in folio , 82 blätter saec. XVIII: darin: l)bl.l — 62: Der

königl. Btadi Riga gerichtsordnung und statuta de a. 1680. Buch 1 - 6.

2) bl. 63 -82: Samlung königl. Schwedischer plakate und Verordnungen für Lief-

land, ans den jähren 1631 . 1681 .

1682,

1684.

19. Papier in folio, 16 blätter, saec XVIII; darin: Caspar Schütz, Kvirt-

zer und gründlicher Berichl von Erbfällen, wie es damit im Lande Preussen nach

Magdeburgischera , Sächsischem und Culmisehem Rechte iVe\ und Gewohnheil gehal-

ten wird; und sonderlich (ras desfalls der Königl. Stadt Dantzig Rechtsgebrauch isl

Dantzig, 1576.

'20. Papier in folio, 21 Mütter, saec. XVIII: — darin: Recess zwischen hür-

germeister und rat und der bürgerschafl zu Lübeck, vollzogen am »i. Januar 1669.


MANUSCRIPTA GERMANICA ZU GRELFSWALD 107

21. Papier in Mio, 138 blätter, saec. XVIII; — darin: Joh. Rhode, erz-

bischof von Bremen, Registrum bonorum et jurium ecclesiae Bremensis. In nie-

derdeutscher spräche; geht bis 1506.

22. Papier in folio, 8 biätter, saec. XVIII; — darin: Species Facti wegen

der Chur-Braunschweigisch- Lüneburgischen Differenzen mit dem Dom-Capitul in

Hildesheim. Anno -1711.

23. Papier in folio, 24 blätter, saec. XVIII ex.; — darin: 1) bl. 1—18:

Inhalt der fünf bücher lehen- recht in der Wiecke und im Stichte von Oesell, nach

capiteln aufgezahlt. — 2) bl. 19 — 24: Gerichtliche Ordnung der Gehaten Gerichts

Stichtischer Rechte .... aus gemeinen Stichtischen landläufigen Rechten kürzlich

begriffen und ausgezogen.

24. Papier in folio, 25 blätter, saec. XVII ex.; — darin: Über das Chur-

Brandenburgsche Ceremoniale. teil 1. 2. 3. 1686.

25. Papier in folio, 19 blätter, saec. XVII ex.; — darin: Demüthige Suppli-

cations - Schrifft Churfürstl. Pfältzischer Gemahlin Charlotte , von wegen ihres Gemahls,

Churfürstens in der Pfaltz (Karl Ludwig) aussgesetzter Ehepflichtung , sub praetextu

denegatae cohabitationis , an Ihro Kayserl. Majestät (Leopold I) abgelassen. Hei-

delberg 1661 , juli 26. Nebst briefen der kurfürstin an ihren gemahl und der cor-

respondenz des letztern mit seiner maitresse, Maria Susanna von Degenfeld.

26. Papier in folio, 21 blätter, saec. XVH; — darin: Cartell etzlicher rit-

terlicher Exercitien , so auf Anordnung Seiner Churfürstl. Durchlaucht, Herrn Chri-

stian, Hertzogs zu Sachsen, zur Feier der Entbindung seiner Gemahlin Sophie, gebor-

nen Markgräfin zu Brandenburg, am 5., 7. und 8. Juni 16... auf dem Schloss-

platze zu [Meissen] gehalten werden sollen. — Mit detail - bestimmungen über die

einzelnen furniere und einem Verzeichnis der Siegespreise.

27. Papier in folio, 24 blätter, saec. XVII; — darin: Ceremoniell für die

feierliche bestattung des kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg in Berlin,

am 12. september 1688.

28. Papier in folio, 5 blätter, saec. XIX; — darin: Über den herzog von

Mantua (f 25. september 1637) und herzog Victor Amadeus von Savoyen; (f

7. octo-

ber 1637). Beschreibung des todes des letztern und beurteilung der bedeutung bei-

der für Italien. — Bruchstück einer italienischen geschichte oder Übersetzung eines

solchen.

29. Papier in folio, 10 blätter, saec. XVIII ex.; — darin: Reichs - Matricul

de anno 1598.

30. Papier in folio, 7 blätter, saec. XVIH; — darin: Abschiedt dess Regens-

burgischen Collegial- Tages, anno 1630, novbr. 12.

31. Papier in folio, 10 blätter, saec. XVII ex.; — darin: Reinssburgisches

[Regensburgisches] Reichstags -Frotocollum, im Fürstenrath gehalten. Sessio 1—20.

(1640, sept. 18/8. — octbr. 15/25.)

32. Papier in folio, 3 blätter, saec. XVH; — darin: Urkundliche Relation

dessen, was mit einem Chur- Brandenburgischen Gesandten an den Grafen, General

Tilly, in einem vertraulichen Gespräch vorgegangen, am 15., 16. und 17. Febr. 1629.

33. Papier in folio , 14 blätter , saec. XVIII ; —

Reichstages, d. d. Augsburg a. 1677. juni 21.

darin : Münz

- edict des

34. Papier in folio, saec. XVIH; — darin: Die Churfürstl. Brandenburgischen.

in dem Fürstenrathe auf gegenwärtigem Reichstage wegen Magdeburgs abgelegten


108 HERKMANN Mi F.LER

.. vindizirl von den beschwerlichen and anerfindlichen Aaflagen, womit diesel-

ben in dem Österreichischen roto beleget werden sollen. Anno 1682.

;{•"). Papier in folio, I blätter, saec. XIX; — darin: Convention wegen eva-

coierung Cataloniens, and des iraffenstillstandea in Italien. i, hli>ssen zu rtn-.-ht

den 14. lniir/. L713. (Dentache Übersetzung.)

Barden.

:'»


MANUSCRIPTA GERMANICA ZU GREIFSWALD 109

Mayer, betreffs widerbesetzung der pfarre zum Alten Walde, d. d. Stade 1C96,

märz 30. (Original.) — 6) bl. 22 — 23: Eingabe der Hamburger geistlichen an

senat und bürgerschaft in kirchenangelegenheiten , d. d. 1697, april 27. (Concept

mit zusatzen von J. F. Mayers band.) — 7) bl. 24: Schreiben derselben wegen

widerbesetzung der pfarre zu St. Nicolai, d. d. 1697, mai 10. — 8) bl. 25— 26:

Extract des protocolles der sitzung der Hamburger kirchspiel-herren und zuraten,

d. d. 1698, mai 1. — 9) bl. 27— 28: Extract des sitzungs - protocolles derselben

Corporation, d. d. 1701, august 31. 10) bl. 29—42: Leges et constitutiones

Gymnasii Hamburgensis, erlassen von bürgermeister und rat, d. d. 1652,

Januar 2. (8 bl.) Einliegend 2) eine ältere abschrift derselben gesetze, von cap. 11,

§5 an, bis zum Schlüsse, von einer band saec. XVII. [5 bl.] — 11) bl. 43 -44:

Copia eines Schreibens des Hamburger Senates an das fürstliche stifts-consistorium

zu Quedlinburg, d. d. 1698, august 3. [2 bl.] s. XVIII. — 12) bl. 45 — 46: Joh.

Friedr. Mayer, Verordnung über den privat - Unterricht zu Hamburg, namens der

behörden erlassen, s. d. [Concept von Mayers hand.J — 13) bl. 47 — 54: Verein-

barung der deutschen Schulmeister im St. Jacobi - kirchspiel zu Hamburg. Anno 1698.

(8 bl. saec. XVIII. 4°.) — 14) bl. 55— 58: Namen der jetzigen Schulmeister im

St. Jacobi- kirchspiel. — 15) bl. 59 — 60: Bittschrift mehrerer lehrer zu St. Johann

um eine gratification , d. d. 1699, decbr. 20. (original.) - 16) bl. 61 — 62: Bestal-

lung für den director der deutschen schule, Heinr. Meissner, d. d. 1688, decbr. 20.

41. Papier in Mio , 1 blatt, saec. XVIII; • - enthält: Ordnung und form des

Juden- eides.

42. Papier in folio , 18 blätter , saec. XVIII ; —

darin : Kussische geschichte

vom regierungsantritte Wassilje Iwanowitschs (1521) bis zum jähre 1654, mit appen-

dix. Der Verfasser nicht genant und nicht zu ermitteln. Bl. 18 leer.

43. Papier in folio , 14 blätter, saec. XVII. med.; — darin: Wismaria, empo-

rium auctuin et augendum; Confectum a. 1665, mens. Julio. (Wismariae.) Enthält

Vorschläge zur hebung des hafenplatzes Wismar; gleichzeitige copie mit correctu-

ren des Verfassers.

44. Papier in folio, 24 blätter, saec. XVIII; — darin: 1) bl. 1-12: Testament

des Rostocker bürgermeisters Matthaeus Liebherr, d. d. Rostock 1690,

novbr. 1. — 2) bl. 13 — 24: Testament der eheleute Georg Radau (prof. jur. Ro-

stock. , später domprobst und stadtsyndicus in Lübeck) und seiner gattin Catharina,

geborn. Siebrand, d. d. Rostock a. 1676, febr. 8. Nebst codicill d. d. Lübeck, auf

dem Domprobstei a. 1698, märz 3.

45. Papier in folio , 14 blätter, saec. XVIII;— darin: Schulordnung der stadt

Lindau am Bodensee , mitgeteilt a. 1725, m. Jan., von dem dortigen rector an Joh.

Boetticher bei seiner anwesenheit daselbst.

46. Papier in folio, 6 blätter, saec. XVHI; — darin: Instruktion und Ordnung

für die Herren Rectorem und Praeceptores des evangel. Gymnasiums bei St. Anna

in Augspurg. (Augspurg, Joh. Ulrich Schönigk. 1634. 4 U .) NB. Copie des

druckes.

47. Papier in folio, 15 blätter, saec. XVIII ine; — darin: 1) bl. 5 — 11:

Erlasse königs Christian V von Dänemark und herzogs Friedrich von Schles-

wig-Holstein, über das kirchen- und Schulwesen des landes a. 1696 — 1701. (4 originale

und 2 copieen ) — 2) bl. 12— 15: Zwei eingaben des rectors Dan. Hartnack

zu Schleswig, an herzog Friedrich, betreffend seine Stellung, d. d. 1701, mai 1

und 1701 s. d. (Origg.)


jj (

-) HERRMANN Mil.I.KR

|s. Papier in folio, L6blätter, von zwei verschiedenen bänden, Baec. Will:

— darin: 1) bl. L— 9: Joh. Christ. Raohwitz, (rector der Btadtschule zu Kiel).

Christlicher Vorberichl and wohlgemeinte Ermahnung, was sowol die Eltern,

als auch die Kinder in Acht zu nehmen haben. — 2) bl. lu— L2: Gründ-

licher Berieht von den Müntzen , wie selbige von 200 Jahren her von Zeit zu Zeil

tdegen and gegolten. (Von Joh. Chx. Bachwitz.) — 3) bl. 13 16 v. a. h.:

Kielsche Bchnl-Gravamina.

4

49. Papier in folio, 10 blätter, saec. Will: darin: Actenstücke, betref-

fend die Kieler Bchnlangelegenheiten , nämlich: n bl. 1 -2: Promemoria

4) bl. 5 : Eingabe des collabo-

rators Bachwitz an das consistorium wegen der privatisten (= privatschulen). —

5) bl. 7 1»»: liittschritt tlessclben an den herzog wegen aut'hebung der privat-

schuleu . s. d. — Bl. 1) bl. 21 22: Eingabe derselben an könig Karl XII. d. d. Stade

L701, febr. 7. — 11) bl. 'S.\ — 24: Eingabe derselben an oberkirchenral Mayer,

d. (1. Stade 1701, novhr. ;•. —

12) bl. 25 26: Extract aus einem sitzungsproto-

colle der regiernng zn St. nie vom 30. novbr. 1706, in sachen des pastors Blende,

d. d. Stade 1706, deebr. 11. (2 bl. in I".) 13) bl. 27 — 42: urteil des tribu-

nals zu Wismar in Bachen des Buperintendenten Gerhard Meyer zu Bremen, Klä-

gers, gegen den dortigen pastor primarius am dorne, Ulrich Mende, verklagten,

d. d. Wismar 1708, febr. 29. I

Abschrift.

L6 bl.)

51. Papier in folio, 69 blätter, saec. Will: -

darin: Collectanea einiger

von Koenigen und Forsten denen bey ihren Söffen residirenden Abgesandten, und

dieser wiederum!) jenen, wie auch der Abgesandten unter sich selbst, gegebenen

scharfsinnigen, theils ernsthafften, theils ironischen, theils grossraüthigen , theils

zweiffelhafften , Antworten und Reparties, mit andern darunter lauffenden anmuthigen

Begebenheiten. (Von einem dieser gesandten verfasst.)

52. Papier in folio, 165 blätter, saecXVH; - darin: 1; bl. 2— 127: Des

fürstentnms Esthland rittet- und land- recht, buchl— VI, nebst register; dahin-


MÄNUSCRIPTA GERMANICA ZU GREIFSWALD 111

ter 2 leere blätter. (Blatt 1 der vorrede fehlt.) — 2) bl. 1 — 38 v. a. h.: Sara-

lung gerichtlicher erkentnisse aus dem bereiche des Ehstländischen landrechtes.

53. Papier in folio, 301 blätter, von zwei verschiedenen bänden a. 1632 und

saec. XVII med.; — enthält: 1) bl. 1—296: Leben des heil. Benedict von Nursia

und der heiligen männer und trauen des ordens in niederdeutscher spräche. Am

Schlüsse: „Uhtgenomen van vellen perickelen dar de ehrwirdige Doctor Helynan-

dus, de van den Orden S. Benedicti was, in dem Kloster Frigidi Montis ser velle

van geschreven hefft Anno Domini 1632." Dahinter bl. 296 1 das inhaltsver-

zeichnis des ganzen Werkes. — 2) bl. 1 — 5 v. a. h. saec. XVII med.: Des heiligen

beichtigers Aegidii leben. Hochdeutsch.

54 — 54 a . Papier in folio, 2 bände von 247 und 212 blättern, von drei ver-

schiedenen bänden saec. XVII; — darin: Eeimarus Kock, pastor zu St. Peter,

Cbronika der kayserlichen Stadt Lübeck. — Thl. I, enthaltend buch 1 — 6, Ge-

schichte der jähre 980—1437; das jähr 1438 am ende fehlt. — Thl. II, enthaltend

buch 1 — 2, Geschichte der jähre 1439— 1499, von zwei verschiedenen händen

geschrieben. — (Tbl. III, die jähre 1500 — 1549 umfassend, fehlt.) — Die vorste-

hende abschritt gehört zur 2. klasse der handschriften ; cf. Grautoff, Lübeckische

Chroniken I, vorrede p. 38.

55. Papier in folio, 279 blätter, saec. XVIII; — darin: 1) bl. 1— 161 *:

Eeimarus Kock, Chronika der Kayserlichen Stadt Lübeck. — Thl. I. buch 1 — 6:

Die jähre 980 — 1437 enthaltend, abschritt der vorhergehenden handschrift; bl. 162

— 164 sind nicht beschrieben, bl. 165 enthält ein weiteres excerpt aus Kocks Chronik.

— 2) bl. 166 — 1 174 v. a. h. a. 1738: Henrici Kerckring, cons. Lubec

Verzeichniss von denen Adels - Familien der Zwickel - Gesellschaft in Lübeck. (Lübeck)

1689. 4 U — . Excerpt aus diesem drucke, geschrieben a. 1738; — bl. 175 und 176

unbeschrieben. — 3) bl. 177 — 242 * v. a. h. : Register über R. Kocks Lübeckische

Chronicka. (Reinschrift.) — Bl. 243— 247 nicht beschrieben. — 4) bl. 248— 279

v. ders. h. : Dasselbe register. (Concept.)

56. 57. Papier in folio, zwei bände zu 351 und 359 blättern, saec. XVIII,

in niederdeutscher spräche; — darin: (Johann Renner) Chronika der stadt Bre-

men. — Mit aktenstücken. — Bd. I. Enthält buch 1 — 3, Die geschichte von der

ältesten zeit bis zum tode des 43. erzbischofs, Johann Rohde (1511, decbr. 4.). —

Bd. IL Enthält die fortsetzung von erzbischof Christoph (1512) bis zum jähre 1585;

dahinter späterer zusatz: „Anno 1583 hat de Raht zu Bremen" bis zur zweiten

beerdigung erzbischofs Heinrich a. 1647 zu Bremervörde. Dahinter v. a. h. Aus-

zug aus einem protokolle von 1640, juni 2, mit einer notiz über den kirchlichen

glauben des erzbischofs. — Die chronik schliesst im originale auf bl. 358 * mit

dem jähre 1583, in welchem der Verfasser starb; alles übrige ist späterer zusatz.

Das original dieser noch nicht gedruckten chronik befindet sich in der stadt

bibliothek in Bremen; abschritten davon sind sehr verbreitet.

58. Papier in folio , 14 blätter , von mehreren händen saec. XVII und XVIII

geschrieben; — darin: 1) bl. 1: Epistola Andr. Helvigii ad amicum de aera Indic-

tionum, d. d. Strathburgi, e museo nostro , a. 1640, decbr. 8. — 2) bl. 2— 3:

Claud. Salmasii Testimonium, datuna Arnoldo Neumanno, d. d. Leidae 1646,

juni 5; — Ejusdem Epistola ad eundem, d. d. ibid. 1646, juli 26. — 3) bl. 4:

Monumentum Cardinalis et Ducis Richelii, ab Armando Joh. Plesseo Cardinali

compositum. (Ist die lateinische grabschrift des cardinals Du Plessis auf Riche-

lieu.) — 4) bl. 5 — 6: Gespräch zwischen prinz Eugen von Savoyen und dem duc

— -


1 12 HBBBM \nn Mi il. KK

de Villeroy. Gedruckl zu Crei ia. (Aus dem Französischen.) 5) bl. 7

Brief der königin Henriette Maria von England an ihren geraahl Karl I. d, d.

Haag LG42, octbr. 8 6) bl. 9— 10: de Wolter, Relation de l'etai de la mala-

die de fen S. Majeste" Imperiale, d. d. Munic, le -I janvier 17I.">. 7) bl ll

12: Sidonia Hedwig Zäunemann, poetische zeilen auf die zn Erfurt am 21. octo-

ber entstandene and 22. october 1 7 : ; < ; noch fortwährende feuersbrunst. 8) bl. L3

1 1 : Recepta

wider den stein.

:»'.». Papier in folio, BU blätter, saec. XV III; darin: Mecklenburgi-

sche chronik, buch 1 — 7 v inem angenanten Verfasser. Begint mit den

Herulern und Wenden nnd Bchliessl mit «Irr Vermahlung berzogs Sigismund August

von Mecklenburg mit Anna .Maria, tochter herzogs Bogislav von Pommern a. L593.

60. Papier in folio, 192 blätter, von mehreren bänden, saec. Will;-- darin:

lj bl. 1 — 314: Mag. Bernhardi Latomi Wismaricns. Mekelnburgisches Geaealo-Chronicon,

teil 1 3 bis 1609, novbr. 1. (cf. bl. 88 ine.) — Die vorreden

zu teil 1 and 2 sind datiert Neu -Brandenburg 1610, märz and mai 1. —

2) bl. 1—3:5 v. ders. b.: Joh. Frid. Chemnitii, Icti Mecklenburg. Epitome

genealogico-historica Ducum Principunn e Mecklenburgensium. Kurt /.er

genealogischer und historischer Begriff aller fürstlichen und lurtzoglichen Personen

des durchlauchtigsten bauses Mecklenburg, bis a. 2654. I) hl. 1 -45 v. a. h.:

Nicol. Marßcalci Thurii, Geschichte des fürstlichen Hauses Mecklenburg,

buch 1 — f> in verseil. Buch 5 (hl. 43 — Ah) handelt von den Wenden und Vandalen.

— 5) hl. 1 — 47 v. a. h. : Fratris Lamberti Slagghert, Chronik des

S. Clara-klosters zu Ribhenitz in Mecklenburg, von a. 1210 bis h">78; —

bl. 41 47 enthält nach dem Schlüsse der chronik die Verzeichnisse der zum kloster

gehörenden kirchen, besitzungen, dann die predigt -texte für das ganze kirchenjabr,

die nameu sämtlicher seit der Stiftung im kloster gewesenen nonnen, der äbtissin-

ii. n, beichtväter, der woltäter desklosters, nach Städten geordnet, des in der Sakri-

stei aufbewahrten Schatzes an kleinodien, die nameu der verstorbenen nonnen, end-

lich ein Verzeichnis der .sämtlichen bistümer und kloster in Mecklenburg. — In

niederdeutscher spräche verfasst.

61. Papier in folio, 278 blätter, von verschiedenen bänden saec. XY11 es.

und Will geschrieben; - darin: 1) bl. 2 — IG saec. XA11I: Ritter-Recht, das

ist: Des Bremischen Adels landläufige Gebräuche und Satzungen in Erb- und

andern Fällen, dem Bremischen Domkapitel a. i">77 am 22. Decbr. von Erzbischof

Heinrieb confirmiret und bestätiget. — 2) bl. 17 25 v. ders. h.: Constitution

des erzbischofs Heinrich wegen wucherischer contracte im Herzogtum Bremen,

d. d. schloss Bremervörde, den 9. december 1580. — 3) bl. 26 47 v. a. h.: Bal-

dahlscher landtags- recess, abgeschlossen /.wischen den deputirten des herzogtums

Bremen und den COmmissarien der Schwedischen regierung, d. d. Bremen, den

3o. j im i 1651, mit der forme! des huldigungs-eides an königin Christine am

Schlüsse. — 4) bl. 48- 52 von ders. h. : Bestätigung

der special- Privilegien der

Bremischen ritterschaff durch königin Christina, d. d. Stockholm, den 5. juli

1651. — 5) bl. 53— 57 v. a. b.: Bestätigung der General- Privilegien der Bremi-

schen stände durch dieselbe, d. d. ibidem den 7. juli 1651. 6) bl. 58 278 V.

verschied, bänden: Acta der grossen Königlich Schwedischen Haupt- Commission zu

Bremen und Verden a. 1688 I6i»3. (2H actenstücke zur geschichte der Herzog-

tümer Bremen und Verden, i


MANUSCRDPTA GERMANICA ZU GREIFSWALD 113

63. Papier in folio, 166 blätter vom jähre 1557, 1559 und 1565; — darin:

1) bl. 1 — 165: Hamburgische chronik, teil 1—4, von Karl dem Grossen bis

auf Karl V a. 1555; — am Schlüsse: „Absolutum est hoc opus Hamburgi, a. 1557,

den 29. decbr." — 2) bl. 165 1 — 166: v. ders. band: Geschlechtstafel der herzöge

von Schleswig - Holstein , und historische notizen aus dem jähre 1559 , nebst liste

der bewilligten zulagen in den jähren 1554—1565.

64. Papier in folio , 4 blätter, saec. XVIII; — darin: Beschreibung des actus

introductionis des königl. hohen tribunals zu Wismar. Geschehen den 17. mai 1653.

65. Papier in folio, 29 blätter, v. verschied, händen saec. XVIII; — darin;

Vergleiche und recesse wegen einrichtung und Unterhaltung des königl. tribunals zu

Wismar, aus den jähren 1656 — 1721.

66. Papier in folio, 69 blätter, saec. XVIII; — darin: 1) bl. 2— 12: Ernst

Augusts, bischofs zu Osnabrück und herzogs zu Braunschweig -Lüneburg, accise -

und consumptions- Ordnung, publiciert den 20. october 1H86; der schluss fehlt; —

blatt 13 leer. — 2) bl. 14 — 34: Zoll- und accise -rollen für das herzogtum Bremen

-Verden. — 3) bl. 35— 69: Zoll- und accise - rollen , im auftrage der Schwe-

dischen regieruug aufgesetzt, d. d. Stade, den 28. märz 1690. — Bl. 54 nicht

beschrieben und hier lücke im text. — (Die im Inhaltsverzeichnisse des bandes

weiter aufgeführten fünf Schriften fehlen jetzt.)

67. Papier in folio, 32 blätter, saec. XVIII; — enthält: Beschreibung von

China, verfasst von einem daselbst lebenden missionär.

68. Papier in folio , 21 blätter , saec. XVIII med. von zwei verschiedenen

händen; — darin: 1) bl. 1—14: Allgemeiner friedens - tractat zu Aachen, den

18. octbr. 1748. — 2) bl. 15: Protest der markgrafen von Baden auf dem reichs-

tage gegen die dem kurfürsten von Braunschweig -Lüneburg im Aachener frieden

gegebene gewährleistung seiner deutschen lande mit bezug auf Lauenburg, und

gegen den desfallsigen protest des hauses Anhalt, d. d. Begensburg, den 29. juni

1749. — 3) bl. 16— 20 von Schwartzs band: A. G. Schwartz, bemerkungeu zu

den öffentlichen akademischen Vorlesungen über den Aachener definitiv- friedens -

tractat vom jähre 1748, gehalten im sommer 1749; dahinter 1 leeres blatt.

69. Papier in folio, 36 blätter, von zwei verschied, händen saec. XVIII; —

darin: 1) bl. 1 — 4: Testament der kaiserin Katharina I von Russland — der schluss

fehlt. — Abschrift nach dem zu Wien gedruckten exemplar. — 2) bl. 5 — 36

v. a. h.: Urkunden und manifeste der russischen kaiser und kaiserinnen: Anna,

Johann III, des herzogs Biron von Curland bericht über seine gefangenschaft

Urkunden der kaiserin Elisabeth; aus den jähren 1739—1747.

70. Papier in folio, 16 blätter von verschiedenen händen saec. XVII; — darin:

Turnierordnungen und gedieht auf das ringelrennen; 1601.

71. Papier in folio, 323 blätter, saec. XVIII ex.; — darin: Theodor Drewitz,

Wörterbuch der Sassisch-Niederdeutschen oder sogenanten Plattdeutschen

spräche. Ein idiotikon für Neu -Vorpommern und Rügen. Mit beson-

derer rücksicht auf etymologie und Orthographie. Band I. Von A — Ligt. Seite

193—228, 253-264, 301—303 und 310-312 fehlen.)

72. Papier in folio, 34 blätter, saec. XVII und XVLU; — darin: Urkunden

und actenstücke zur geschichte der Universität Kiel, aus dem jähre 1683—1701,

zusammen 19 actenstücke.

73. Papier in folio , 17 blätter von A. G. Schwartzs hand , saec. XVIII ;

darin: Hanse ati ca. Urkunden zur geschichte Hamburgs und der Hansa, aus den

ZEITSCHK. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 8

-

;


1 1 I III. Kit MANN MÜLLER

jähren L606 — 1618. Gesammelt von ,\. G. Schwartz. (Ist bl. 159 — 175 von

HSS.

1'.. Hinan. Polio 25

In quarto.

1. Papier in qnarto, 377 blätter, saec. XVII ex. Will med. von verschie-

denen bänden; darin: Samlung deutscher und lateinischer gelegenheit>- und

anderer gedichte verschiedener Verfasser — im ganzen 56 gedichte und Bchriften.

2. Papier in qnarto, 122 blätter, saec. XVI med.; — darin: bl. 1 — 3tj. Dal

neddersten Rechte-Boeck der Keyserlichen »Stadt Luebeck; — bl. 34

.".i. leer. Annex.: 1) bl. 1 — 69: Lübisches recht, mit register zu anfang; —

bl. 1. 9. 10. 70—74 sind nicht beschrieben. — 2) bl. 1 — 17: Wisbyer see-

recht. — Am Schlüsse: ..Ihr endiget syck dat Gohtlandsche Waterrecht . dat de

ghemeyne Koppmann unde schyppers gheordineret hebben to Wyssby, dat sick eyn

yder darna rychten mag. The endiget unde vullenbracht ys dys boeck am avende

der Hemmelvart unses herren Jesu Christi a. D. 15-41." Bl. 18 — 29 sind nicht

beschrieben.

3. Papier in quarto , 390 blätter von verschied, bänden saec. XVIII ; —

— :

darin

1) bl. 1 — 135: Mecklenburgische reimchronik , in vier büchern. verfasst

durch Nicol. Marschalck Thurius (rat herzogs Heinrich); dahinter 4 leere blätter —

2) bl. 1 — 59: Genealogia der Hertzogen von Mecklenburg. (Verfasser wahrschein-

lich Thurius.) — Dahinter 2 leere blätter. — 3) bl. 1 — 107 v. a. h.: Ver-

zeichniss etzlicher gedenckwürdiger Geschichten, zu Schwerin vorgelauffen , von

Hag. Bernhardo Hederico, Rectore scholae daselbst, trewlich zusammengebracht. —

•1) bl. 1 — 7G v.u. h. : Michael Cordesius, prediger an St. Georg zu Rostock, Chro-

nicon Parchimense, oder historische Beschreibung der Stadt Parchim im Hertzogthumb

Mecklenburg .... Mit angefügtem Stammbaume der Hertzogen von Meck-

lenburg.

ethnicismus.

4. Papier in quarto, (i blätter, saec. XVII; — darin: bl. 1 — 4: Über den

5. Papier in quarto, 355 blätter, von zwei händeD a. 1710 geschrieben; —

darin: Mag. Andreas Westphal, Anclam. Systema juris naturalis et gentium,

adornatuin ad methodnm et dispositionem jurisprudentiae naturalis et gentium

domini Buddei Phil. Prof. hac ratione, ut simnl juris naturalis et gentium

controvcr.M habeatnr ratio, omniaqne ex historia recentissima saec. XV', XVI' et

recentissimi illustrcntur et controversiarum concinnetur historia nexu accurato, sub-

junctis Bcriptis in atramque partem editis. Oryphiswaldiae, 1710, die 28 August.

(Bl. 1 — 119, L93- 228 sind von Westphals band, der rest von einem Schreiber

geschrieben.)

."

6. Papier in quarto, > T - 1 blätter, von mehreren bänden saec. XVII u. XVIII; —

darin: 1) s. 1 — 179: Fr. .Tastcri, Prof. Eloiju. Kollegium Oratorium fundamental-'

in C. J. Hübneri Quaestiones oratorias, hahitum in Gynmas. Carolin. Sedin.

a. 17ot), m. Junio. (Von Joh. Boettichers band geschrieben.) — Adnex. 1) s. 1 —

LOS: Ejusdem Observationes quacdam ac monita ad Hübneri Quaestiones orato-

rias, Sedini a. 17(IS m. .lanuario habitae, vn and. band; — dahinter: s. 109 — 112:

Praecepta brevia de conscribendis epistolis, uud andere notizen von verschiedenen

bänden. — Adnex. 2) fol. 1 — 23 v. a. b. : Rhetorica. — Adnex. 3) fol. 1 — 9 von

Joh. Boettichers band: l)e Chriis expositio. — Adnex. 4) fol. 1—54 v. a. h.

a. 1672: Dan. Sohulteti, Prof. Sedin. Dictata oratoria, a Prid. Calsovio Gry-


MANTJSCBXPTA GERMANICA ZU GEEIFSWALD 115

phisw. Palaeo - Sedini a. 1672, m. Maio excepta. — Adnex. 5) fol. 1 — 22 v. ders.

h. a. 1673: Ejus dem Dictata rhetorica ab e od ein excepta ibid. a. 1673 m. Mar-

tio. — Adnex. 6) fol. 1 — 8 von Boetticbers band: Disput, de Ebetorica praeside

Kirchmanno habita anno 1704 Febr. 7; — bl. 5 — 8 sind nicbt beschrieben. —

Adnex. 7) fol. 1 — 39 v. a. h. 1666: Frid. Dedekindi Prof. Grypb. Collegium rneta-

physicuni anno 1666 m. Septembr. habitum. (Eigentum von Paul Wigand, welcher

wahrscheinlich der Schreiber ist ) — Adnex. 8) p. 1 — 105 von Boettichers band

Job. Boetticheri Miscellanea s. Excerpta, tumultuario ordine absque titulis convenientibus

ex clarissimorum et rariorum auctorum scriptis realia. Sedini, a. 1707. —

Adnex. 9) fol. 1— 15 v. ders. hand: Excerpte und notizen.

7. Papier in quarto, 230 blätter, von verschiedenen bänden saec. XVII und

XVIII; — darin: bl. 1 — 113: Auszug aus den „ Altonaischen Novellen" a. 1681 —

1687; aus der „Europäischen fama" a. 1708 und andern Zeitschriften, von Boetti-

chers hand. — Adnex. 1) bl. 1 — 14 v. ders. h.: Designatio historiae Gallicae et

series regum. — Adnex. 2) bl. 1 — 5 v. ders. h. : Jac. Wolff, Aus Pufendorfs einleitung.

Excerpt. Stralsund, 1705. Dahinter 5 weitere blätter von ders. hand. —

Adnex. 3) bl. 1 — 11 v. a. b.: Discursus historicus exponens historiam universalem

recentiorem , maxime duorum saeculorum proxime elapsorum. Auf bl. 1 die bemerkung

von Boettichers hand: Sedini 1714, ex communicatione Burmeisteri, Pasto-

ris S. Johannis. (In deutscher spräche) — Adnex. 4) s. 1 — 43 v. a. h. : Novis-

sima Historia Sueciae. (Deutsch.) — Adnex. 5) bl. 1 — 27 v. ders. h.: Einleitung

zur neueren Polnischen geschichte; mit einem anhang: Von der Liefländischen Historie

(bl. 16— 20) und Einleitung zur neueren Moscowitischen historie. (bl. 24— 27.) —

Adnex. 6) bl. 1 — 36 v. a. h. a. 1700: Guilh. Stricker (Eector Scholae Neo-Bran-

denburgensis) Brevis et succincta in historiam tarn profanam quam sacram intro-

ductio , ab illo dictata exceptaque ab Hinrico Knoch, Loetz -Pomerano, anno 1700

octavo Kai. Julii.

8. Papier in quarto, 62 blätter, von einer hand a. 1543; — darin: 1) bl. 1-

47 r. : Historia van Herrn Job. Bandschouw , Burgermeister , und Herrn Henrick van

Haren, Rathsherr zu Wismar, welcher Gestalt desulven a. 1427, am Tage Lau-

rentii, daselbst enthövet sind, mit etlichen Spröken göttlicher Schrifft geziret. (Niederdeutsch.)

— 2) bl. 48— 62: Die Vorsöninge van Herr Job. Bandschowen und

Herr Hinrick van Haren, dat en God gnädig si. In 22 Artikeln, d. d. Wismar,

a. 1430. Dingestag vor Mittfasten, 21. März. (Ist eine öffentliche erklärung des

bischofs von Schwerin uud des rathes zu Wismar in sachen der beiden hingerich-

teten.) — Auf bl. 47 1 die Jahreszahl 1543.

9. Papier in quarto, 170 blätter, von drei verschied, händen saec. XV; —

enthält: 1) bl. 1 — 99 l : Arzneybuch, über wein und verschiedene arzneimittel,

geschrieben a. 1430, am Montage Marie. — cfr. bl. 99 x ex. — , in 117 kapiteln. —

2) bl. 100— 120 1

v. ders. h.: Gesundheitsregeln und Arzneibuch. Fragment.

— Enthält nur capitel 38, 43, 113, 114, 140—145 und capitel ohne nummern.

— 3) bl. 121 — 123 ine. v. a. h. : Von gepranten Wassern. — Bl. 124

— 158 sind nicht beschrieben. — 4) bl. 159 1— 163 1 v. a. h.: Von Edeln Gestein;

— ein gedieht auf die edelsteine; — bl. 164— 170 unbeschrieben.

10. Papier in quarto, 234 blätter, saec. XVII ine. von Job. Boettichers hand; —

darin: 1) bl. 1 — 101: Buddeus, Vorlesung über Philosophia moralis a. 1704, nach-

geschrieben von Job. Boetticher. — 2) bl. 1 — 132: Desselben Vorlesung über

Instituta moralia in 6 capiteln , von demselben nachgeschrieben.

8*

:


116

8

HHKKMANN MILLER

11. Papier in quarto, lll blatter, von Joh. Boettichers band a. 1 7 < » ; und

1719 geschrieben; darin: 1) bl. 1 L35: Andr. Westphal, Prof. Gryph., Vor-

lesung aber die gesehichte der europäischen Btaaten, a. 171:». l'i 1)1. 137- lll:

.loh. Phil. Palthenius, Prof. Gryphisw., Collegium privatum über die jetzt regie-

renden Btaaten von Europa. L706.

12. Papier in quarto,

«i blätter, Baec. Will-. - darin: Bittschrift der fran-

zösischen Protestanten an könig Ludwig XI V. um aufhebung der königl. declara-

tion vom 17. Juni 1681 in betreff der Kinder protestantischer eitern im alter von

7 jahreu. Aus dem Französischen. Hi81.

13. Papier in quarto, lii blätter, Baec. XVIII; — enthält: Vollkon ine

beschreibung dessen, was in der Dobberanschen kircbe zu Behen und zu lesen ist

14. Papier in quarto, 7 blätter, von verschied, bänden saec. XVIII; - darin:

1) hl. 1 — 2': Mazarinsches Kartenspiel, wie es der Konig von Frankreich mit dessen

Ä.dhaerenten von a. L672 bishero gespielt. (Eine satyre.) — 2) Bl. 3 I v. a.

h.: Auflösung eines Räthsels von .Matthias Lonicer gestellet. — 3) bl. 5r. v. a. h.:

In mortem Pontincis Clementis. — 4) bl. 6 —

7

1


v. Joh. Boettichers hand: Grab-

schrift Caroli von St. Denis, Ritters von St. Evremont. Stettin, L708.

15. Papier in quarto und octavo, 22 blätter, saec. .Will: - darin: Excerpta

ex chronologia curiosa sive mnemonica Schurtzfleischii, Prof. Witteherg.

IG. Papier in quarto, 2n hlätter. von mehreren händen saec. XVIII; — darin:

1

1) hl. 1—

: Andr. Westphal, Anclam. Historie von Land -Charten . a. 171D in

lireit'swald geschrieben; — dahinter: Vom Tode des Dauphin; von den Miquelete in

Spanien; Über Kaiser Josephs I Regierung. — 2) bl. 9 — 12 v. a. h.: Miscellanea,

collecta Sedini a. 1714. (Über landkarten und ihre verfertiger.) — 3) bl. 13— 18

v. a. h.: VerzeichniSB der besten Land -Charten. — 4) bl. 19— 20 V. a. h.: Excerpte

aus dem buche: „Gründlicher und ausführlicher Bericht der Course. Landkrürnmun-

.,',11. Streckungen, Einlaufe, Bänke, Gründe, sammt Klippen der ganzen Ost

von .loh. Manson, Schwedischem Steuermann." Verteutscht durch Schiller Hans

Wi t

tenburg.

Wismar 1669. l.

17. Papier in quarto, 23 blätter, saec. Will-, darin: Stammtafeln deut-

scher Fürstenhäuser, aus Eübners genealogischen tabellen.

is. Papier in quarto, 538 blätter, Baec.XVÜ, - darin: Eberhard Win-

deck von .Mainz. Chronik des Kaisers Sigismund. Am Schlüsse: Ditz pnch

ist gend worden in Eger, am Freitage nach S. Yeit.'s Tag. nacb Christi Geburt

Tausend vierhundert und in dem ein und aechtzigsten Jahre, geschrieben (von)

Ulricus Aicher. Dienei ader ercher (?) der Stat ll^.'r. mit seiner Hand, und ist

der gepurth von Kotzeug. Got helff ym mit Lib iuid die Junckfran .Maria, das er

das and mer schriben müsse, und lange bleibe gesund mit seiner schonen frawen

Barbara, des Caspar Bichter's doselba Tochter.

L9. Papier in quarto, 250 beschriebene und 36 nicht beschriebene blätter,

XVII und Will von verschied, händen; - darin: Samlung von 18 verschie-

denen schriften in französischer, deutscher und lateinischer Bprache, über erzie-

l."> hung und unterrichtswesen; nämlich: 1) bl. 1 — saec. Will: Instruction donnee

au Gouverneur du jeune Czarevitz de Moscovie, tonchant l'education de ce prin

d. d. Schlüsselburg, L703, april3. — 2) bl. 1 — 6 von Boettichers hand: VbnVor-

theileu, wie ein junger Printz, auch sonst ein junger Toliticus. in geist- und welt-

lichen Wissenschaften, wohl anzuführen und auf leichte Art gelehrt zu machen

— . 3) bl. 1—10 v. ders. n.: Detlev Marq. Friesen. Schwed. Bath, Vorschläge

'


MANÜSCRIPTA GERMANICA ZU GREIFSWALD 117

wegen erziehung der söhne des general-feldmarschalls grafen Nicol. Bielcke, d. d.

Stettin 1693, juli 7. — 4) bl. 1 — 8 v. ders. b. : Instructionen für das Studium

und die reise vornehmer junger Schweden. (1680. 1682.) — 5) bl. 1 — 8 v. a. h.

saec. XVIII: Instruction des kanzlers Esaias von Pufendorf für den söhn eines

schwedischen ministers und dessen hofmeister, s. d. — 6) bl. 1 — 65 von Boetti-

chers hand: B. C. de Jaeger, Methodus studiorum nobili maxime Germanico com-

mendanda. 1778. — Deutsch mit randbemerkungen. — 7) bl. 1 — 4 v. a.b. a. 1710:

Mag. Grube zu Greifswald, Vorschlag über den Unterricht. 1710. — 8) bl. 1—

von Boettichers hand: Verschiedene excerpte aus drucken von 1712 — 1733. —

9) bl. 1 — 36 v. a. h. saec. XVII: Zwei Schriften über den Unterricht, nämlich:

a) bl. 1 — 27: Methodus informandi; b) bl. 28— 36: Methodus habendi collegia pri-

vata. Anno 1675. — 10) bl. 1 — 14 von Job. Boettichers hand: Drei excerpte aus

gedruckten werken über Unterricht. (1680—1723.) — 11) bl. 1— 24 v. ders. h.:

Johann Joviani Pontani ad Alphonsum Calabriae ducem, De principe Liber, aus

der Edit. Aldina. Venetiis 1518. m. Junio, copiert. — 12) bl. 1—25 von ders. h.:

Drei Briefe von Joh. Caselius, Prof. Helmstad. (Abschriften aus drucken.) —

13) bl. 1 — 5 von ders. h.: B. C. von Jaeger, Reg. -Rath, Instruction und Gutach-

ten dem Schlosshauptmann von Klinckowström wegen seines Sohnes damaliger Infor-

mation gegeben. Aus dem eigenhändigen concepte Jaegers von Bötticher copiert.

a. 1730. — 14) bl. 1 — 5 v. ders. h.: Treuherzige Ermahnung eines vornehmen

Mannes (von Jaeger) an seine kinder. Aus dem concept des Verfassers abgeschrie-

ben. — 15) bl. 1 — 2 von ders. h.: Henningii Corsvant Iudicium de examine

juvenum aliquot nobilium, d. d. Lassani a. 1684, Nov. 25. — 16) bl. 1— 8 v. a. h.

saec. XVIII: Theanus, welche man eine tochter der Pythagorischen Weisheit nannte,

nachdenckliches Schreiben von Auferziehung derer Kinder. — 17) bl. 1 — 5 v. a. h.

saec. XVIII a. m. : Excerpt aus der Zeitschrift „Die Matrone" Jahrg. 1730, stück 16

vom 20. april, enthaltend 3 briefe von C. J. Spätreif, von W. J. K und

Atychis an die „Matrone" d. d. 1730, April 1, April 3 und April 6, über Erzie-

hung. — 18) bl. 1 von Boettichers hand: Excerptum aus Erasmi Francisci Kunst-

und Ritter - Spiegel ausländischer Nationen. Nürnberg, 1670. Polio.

20. Papier in quarto , 121 blätter , von Joh. Droysens hand a. 1707 geschrie-

ben; — darin: Joh. Phil. Palthenii Collegium über die izo blühende Europäische

Staaten, im Jahre 1707 gehalten.

21. Papier in quarto, 149 blätter, von Joh. Droysen in den jähren 1706 und

1708 geschrieben; — darin: Collegienhefte der Vorlesungen des Greifswalder Pro-

fessors Joh. Phil. Palthenius, nämlich: 1) bl. 1 — 56: Joh. Phil. Palthenii, Lec-

tiones in litteras, vulgo „Avisen." Excerptae a. Joh. Droysen a. 1706. — 2) bl. 1

— 93: Desselben fortsetzung vorstehender Vorlesung, gehalten 1706 septbr. 15

bis decbr. 12. Von Joh. Droysens hand a. 1708 geschrieben.

22. Papier in quarto, 361 blätter, von Joh. Boettichers und auch von ande-

rer hand geschrieben , saec. XVIII ; —

darin : Samlung litterarischer excerpte.

23. Papier in quarto, 205 blätter, von zwei bänden saec. XVIII; — enthält:

1) bl. 1 — 102 von Boettichers hand: Christian Thomasius, Wie man sich wol

bey Hoff, gelehrten und ungelehrten, auch gemeinen Leuten in Conversation und

auf Reisen klüglich aufführen soll. Abgeschrieben Sedini 1716. — Dahinter bl. 105

— 106 : Ceremoniel d'audience d'un Envoye extraordinaire. — 2) bl. 1 — 24 v. ders.

h.: Joh. Franc. Buddaei Collegium politico - morale , publice Halae habitum.

Excerptum a. 1717. m. Augusti usque ad m. octob. — 3) bl. 1 — 36 von ders. b.:

Verschiedene excerpte. — 4) bl. 1 — 39 1 v. a. h. : Ethices delineatio methodica.

7


I 18 IIF.RRMANN MI I.l.l'i:

2\. Papiei in quarto, 187 blätter, saec. WITT: darin: Joh. Boettioher,

Scholae Wolgast. Rector, Bodoeporica Beclesiastico-scholaatica, com nonnullis litterario-miscellaneis,

in Ltinere per Germaniam Bubinde coneinnata. (1724.) — Von

Min'ttifliiTs liand . dentsi b

•2-">. Papier in qnarto, 120 blätter, saec. Will: — darin: Jac. Droysen,

Collectanea miscellanea in deutscher spräche.

•2(1. Papier in qnarto, 98 Mütter, von zwei verschied, händen a. 1690 nnd

3aee. Wlil: — darin: Diarium vonArtzney-, Hauss-, Feldt-, Garten- and andern

Sachen (auch curiosen Kunststücken). Von Joh. Boettichers hand geschrieben und

später von einer hand 3. Will (bl. 21 1 p. m. — bl. 91) mit Zusätzen \ ersehen.

"27. Papier in qnarto, 78 blätter, von Joh. Boettichers hand geschrieben

a. 1715; — darin: Adnotata ad novissimum lexicon eruditorum Gennaniae (d. i.

.1. Chr. Jöchers Gelehrten - Lexicon). Lipsiae, 1715. — Deutsch.

28. Papier in quarto, 6 blätter und 2 blätter in octavo. saec. XVIII; — ent-

hält: 1) bl. 1 — 2: Succincta recensio alphabetica praecipuorum apud Pontiticios

patronorum (= Heiligenverzeichniss). Von Joh. Boettichers hand. — 2) bl. 3 — 4:

Brief eines geistlichen, B. Luther, an einen ungenannten über fälle religiöser

bekehrung. — 3) bl. 5 — ti: Promemoria, wie und wann die Milch-Kur am nütz-

lichsten zu gebrauchen?

2!>. Papier in quarto, 4 blätter, saec. XVIII ine. ; —

burgische Bang- Ordnung. Schwerin, den 25. Juli a. 1704.

darin: Fürstlich Mecklen-

30. Papier in quarto, 26 blätter, saec. XVIII; — darin: J. Caroc, Prof.

Gryphisw. Collegium historiae philosophicae, in deutscher spräche.

31. Papier in quarto , 16 blätter, saec. XVIII: — darin: Abschrift des druckes

..Von den newen Insulen unnd Landen, so itzt kurtzlichen erkunden sind, durch

den Konigk von Portugal" (in 16 kapiteln, ebenso viele briefe von Albericus Vespuccius

an Lorenzo di Medici aus dem jähre 1~>01 enthaltend). Leypzick (Wolffgang

Müller, alias Stöcklin) 1505. 4°. — (Fehlt bei Panzer.)

32. Papier in quarto, 4 blätter, a. 1670; — darin: Gründlicher und durch

eigenen Praxin gewiss befundener und ergründeter Processus Q > deutlich entworffen

von D. C. A. K und geschrieben von Johann Schütz. Theol. et Phil.

Sind. Rostochii a. 1670, m. Augusti.

33. Papier in quarto, 8 blätter, von Joh. Boettichers hand, saec. XVIII; —

darin: Ober das liebesverhältnis des herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg

und des fräulein von Graebnitz, nebst poetischen episteln beider.

34. Papier in quarto, 16 blätter, saec. XV111; — darin: 1) bl. 1 — 4: Hamburgische

Muntz- Ordnung d. d. 1622, April 8. — 2) bl. 6 — 12: Hamburgische

revidirte Gerichts -Ordnung d.d. 1632, oetbr. 5. Bl. 13— 16 sind nicht beschrieben.

35. Papier in quarto. 6 blätter, von Joh. Boettichers hand saec. XVII ex.; —

darin: Verschiedene Eicerpte, darunter aus Pufendorfs und anderer briefen.

36. Papier in quarto , 4 blätter, saec. XVI II med.; — enthält: Eine gewisse

Prophezeiung, so ein Bauer mit Namen Michael Andreas Heyndorff aus dem Für-

stenthuni Sagan in dem Dorfe Bernstadt gesaget hat anno 1730, Dec. 17.

37. Papier in quarto. 6 blätter, saec. Will: darin: Abschrift des druckes

,,Die mir erlebte grosse Wasser - Fluth , welche sich in der Christnacht bis auf die

folgende Nacht des abgewichenen 1717 Jahres begeben, viele Länder fiberschwem-

met, .... in zweyen Liedern kürtzlich beschrieben." Gedruckt in diesem Jahre 1718.


MANUSCRIPTA GEBMANICA ZTJ GREIFSWALD 119

38. Papier in quarto, 4 blätter, saec. XV11; — darin: Privilegia oder Frei-

heit der Alten. — Satyre.

39. Papier in quarto, 8 blätter, saec. XVIII; — darin: Merkwürdigkeiten

der bibliothek zu Jena.

40. Papier in quarto, 78 blätter, a. 1707; — darin: Joh. Phil. Palthenii,

Prof. Gryphisw. Collegium über die itzo blühenden Europäischen Staaten. Greifs-

wald, 1707.

beu ; —

41. Papier in quarto, 30 blätter, im jähre 1705 von Joh. Droysen geschrie-

darin: Joh. Phil. Palthenii, Annotata curiosa ad Hübneri Quaestiones

geographicas. Scripsit Joh. Droj r sen. Gryphiswaldiae , 1705, die 8 Mai. Der

schluss fehlt. — In deutscher spräche.

ben ; —

42. Papier in quarto, 150 blätter, von Joh. Droysen saec. XVIII ine. geschrie-

darin: Joh. Phil. Palthenius, Collegium über den Staat von Deutschland.

43. Papier in lang-quarto, 28 blätter, saec. XVIII; — darin: H. Stoltenauw,

Genealogische Tabellen derer Regenten in Europa.

44. Papier in quarto , 200 blätter , von A. G. Schwarzs band , saec. XVIII —

;

darin: Alb. Georg Schwarz, Sammlung zur Mecklenburgischen Lehen -Historie.

A. 407-1740.

45. Papier in quarto, 14 blätter, geschrieben a. 1655; — darin: Fundament

des Buchhaltens. Anno 1655. May 19.

In oetavo.

1. Papier in oetavo, 16 blätter, von Joh. Boettichers hand saec. XVIII; —

darin: Joh. Boetticher, Excerpta jocosa, in deutscher spräche.

2. Papier in oetavo, 189 blätter, von Joh. Boettichers hand saec. XVIII; —

darin: Joh. Boetticher, Litterarische notizen über atlanten und kartenwerke der

einzelnen länder, zusätze zu einer grösseren publication über diesen gegenständ,

von welcher s. 257 — 547 am rande citiert werden. Dahinter (bl. 183— 186) das

register.

3. Papier in oetavo , 37 blätter, von mehreren bänden saec. XVII u. XVIII; —

darin: 1) bl. 1 — 7 von zwei händen saec. XVII und XVIII: a) bl. 1—3 s. XVIII:

Vorschriften zur bäum- und frucht - eultur , zur behandlung der gemüse und andere

notizen ; — b) bl. 7 1 s. XVII : Lateinischer brief von C. E an einen freund,

s. d. — 2) Bl. 1 — 10 v. a. h. s. XVIII: Piecepte, p. 5—23 einer grösseren sam-

lung. — 3) Bl. 1 — 10 von Boettichers hand: Mittel gegen den scorbut. — 4) bl. 1

— 10 v. ders. UDd andern händen s. XVIII: Becepte.

4. Papier in oetavo, 14 blätter von Joh. Boettichers hand, saec. XVIII; —

darin: Schlüssel zu den verdeckten namen, welche in Menantes (Pseudonym für

Christ. Frid. Hunold) „Europäischen Höfen" zu finden.


120 BBDMA5S

ZUB ALTDEUTSCHEN SYNTAX.

I'. Piper) aber den Gebrauch des Dativs im Qlfilaa, Beliand and Ot-

frid. Programm der Realschule zu Altena 1874. .">0 s.

V. Moller, ober den Instrumentalis im Beliand und das homerische

Suffix '/ '. Programm des Gymnasiums zu Danzig 1874. _'! s.

\. Lrndtj Versuch einer Zusammenstellung der alts&chsischen Declination,

Conjugation und der wichtigsten Kegeln der Syntax.

Programm des Gymnasiums zu Frankfurt a/O. 1874. 24 S.

Drei mir freundlichst übersante osterprogramme dieses jahres behandeln, sich

unter einander vielfach berührend oder ergänzend, fragen der altdeutschen syntax.

In der zuerst genanten schritt beabsichtigt herr Piper eine darstellung des

gesamten dativgebrauches in den ältesten grossen quellen für drei glieder unserer

sprachfamilie. Das hervortretendste merkmal der arbeit ist die reiehhaltigkeit der

mit grossem fleisse gesammelten belege, bei denen mit ausnähme weniger ganz

gewöhnlicher fälle absolute Vollständigkeit erstrebt zu sein scheint; in dieser Voll-

ständigkeit des material8 bietet die arbeit eine ergänzung der als vorarbeiten genan-

ten Untersuchungen Grimms in der graimnatik und Köhlers (Dresden 1864 Ger-

mania XI ,

260),

so wie der nicht genanten und wie es scheint nicht gekauten i:,, ti-

schen graimnatik von v. d. Gabelentz - Lobe im zweiten teile der Ulfilasausgabe.

Die belege sind ausülfilas, lleliand und Otfrid zusammengestellt nach stamm- und

Binnverwantschaft der verba, adjeetiva und substantiva, mit denen ein dativ ver-

bunden ist, so dass eine vergleichung der drei dialekte und dadurch eine einsieht

in die entwicklung des dativgebrauches in der von ihnen umfassten zeit möglich

gemacht wird.

Freilich kann man nicht sagen, dass der Verfasser selbst das gesamn

material für diese ihm nach s. 1 vorschwebenden /wecke selbst erschöpfend verwer-

tet habe: er überlässt es vielmehr mit ausnähme weniger audeutuugen über das

allgemeinerwerden bestirnter Verbindungen oder änderungen der construetion (z. b.

s. 14 as. is mi itiml gegen ahd. acc: s. 16 possessiver dativ; s. 20 reflexiver dativ

im Heliand) dem leser, eine vergleichung der verschiedenen dialekte anzustellen und

-.ine folgerungen daraus zu ziehen. Erschwer! wird diese aufgäbe dadurch, dass

seine arbeit zum grasten teile aus eitaten besteht, die oft unvollständig angeführt

oft nur durch Stellenangabe bezeichnet werden.

Dass alle stellen ausgeschrieben wurden, war weder auf dem beschränkten

räume möglich noch für alle ganz gewöhnlichen Verbindungen wünschenswert .

wol

aber wird jeder eine grössere ausdehnung des die citate verbindenden textes wün-

schen, der das charakteristische einer jeden vom Verfasser gebildeten gruppe klar

und deutlich anzugeben und die eigentümlichen, altertümlichen und in irgendeiner

weise auffallenden belege aus der grossen menge der gewöhnlichen hervorzuheben

hat. Hier hätte meines erachtens die grammatik von Gabelentz -Lobe, die wenige

aber charakteristische and sorgfältig ausgewälte belegsteilen für jede art des

gebrauches und mit berücksichtigung des griechischen textes bietet, dem Verfasser

zunächst für da> Gotische als anhält dienen können. So scheint mir z. b. die aüf-

zählnng der merkwürdigen stellen, in denen im Gotischen ein Bächlicher instrumen-

taler dativ ohne aecusativisches objeet bei bestirnten verben steht, die wir als tran-

sitive mit einem objeetsaecusativ zu verbinden pflegen (Marc. 10, 50 afoßirpands


ZUR ALTDEUTSCHEN SYNTAX 121

vastjai seinai = einen abwurf machend mit seinem kleide für: sein kleid

abwerfend u. a.) bei Gab.-L. § 240, 3 reichhaltiger und belehrender als bei

Piper s. 28

; überraschende Übereinstimmungen bietet auch hier der slavische Instr.

Miklosich Vgl. Gramm. IV, 695 (g). 699. Mehrere altsächsische uud alle althoch-

deutschen belege aber , welche Piper an die gotischen anreiht , erscheinen bei nähe-

rer betrachtung doch schon sehr verschieden von den gotischen , da in den ersteren

— Hei. Heyne 1447 (Schindler 43, 16). 5791 (171, 17) — ein passives verbum

gebraucht ist, in den letzteren aber — Otfr. L. 30. II, 9, 85. IV, 27, 27 — über-

all ein objectsaccusativ beim verbum steht und der instrumentale dativ eine causale

oder modale bestimmung der ganzen handlung gibt. Überhaupt sondert P. nicht

wie Gab.-L. § 239, 2 die causalen instrumentale von den anderen, enger zur tätig-

keit des verbums gehörenden ab.

Die sorgfältige Untersuchung Gab.-L. §231, 2 über den persönlichen dativ

bei passiven verben hätte Piper doch wol davon abhalten können, diese stellen ein-

fach (s. 29. H) zum instrumentalen dativ zu ziehn, dem auch Hei. 1564 (47, 3) that

siu im ni werde farloran doch wol eben so wenig angehört als unser nhd. dass

sie ihm nicht verloren werde oder gehe. Mangelnde sonderung der belege

zeigt sich s. 7, wo die stelle Otfr. 1, 5, 26 fatere giboranan ebanhvigan, die

Grimm IV, 714 mit recht als ablativisch heraushebt (= aus dem vater geboren

als ein gleichewiger) bei Piper ohne bemerkung steht zwischen stellen wie

got. Luc. 2

, 11 gabaurans ist izvis (den hirten) liimma daga nasjands. Hei. 123

(4, 10) that thi kind giboran fon thinera alderu idis . . skoldi toerdan und Hei. 369

(11, 18) that im (der Maria) smia ödan ward, giboran an Bethleem, wo der

dativ nur zu ödan ward, nicht zu giboran zu construieren ist. Diese beispiele wer-

den das urteil rechtfertigen , dass man bei benutzung und Verwertung des in Pipers

arbeit gebotenen materiales der sorgfältigen nachprüfung und des nachschlagens

jeder stelle nicht überhoben ist; das letztere ist für den Heliand dadurch, dass

nach den Seitenzahlen der Schmellerschen ausgäbe citiert wird, allen erschwert,

welche diese nicht zur hand haben.

Ein wichtiger punkt bleibt noch zu besprechen. Die in neuerer zeit aus der

vergleichung der verwanten sprachen auch für die germanische syntax gewonnenen

ergebnisse, wie sie namentlich in den schritten von Delbrück schon seit längerer

zeit vorliegen (ablativ , localis , instrumentalis schon 1867 ; dativ 1868 in Kuhns

Ztschr. XVIII, 81 fgg.; vgl. die von Curtius Erläuterungen 2 s. 173, Scherer Zur

Gesch. d. deutschen Spr. s. 268 u. a. , Jolly Gesch. des Infinitiv s. 130 gegebenen

andeutungen) , hat herr Piper ganz unberücksichtigt gelassen. Eine folge davon ist

es, dass seine anordnung im grossen und kleinen sowol vom historischen als vom

allgemein sprachwissenschaftlichen Standpunkte in vielen punkten angegriffen wer-

den kann. Die functionen des indogermanischen ablativs und localis, welche nach

Delbrück auf den germanischen dativ übergegangen sind , versucht Piper nicht auszu-

sondern. Allerdings sind die meisten im altdeutschen schon durch Verbindungen

mit präpositionen ersetzt, aber es blieb doch zu untersuchen, ob nicht auf den

ablativ z. b. noch das erwähnte fatere giboranan 0. 1, 5, 26, der dativ bei verben der

trennung , im got. noch bei einfachen (Piper s. 2) , ahd. nur bei Zusammensetzungen

mit ir-, int-, die nach Piper durch diese Zusammensetzungen „zielend" geworden

sind (s 21), und einige andere fälle, auf den localis der temporale dativ (bei Piper

s. 25 ein „ursprünglich zielender"), sowie vielleicht einige adverbiale und absolute

dative zurückzuführen sind. Piper unterscheidet also nur eigentlichen dativ

und instrumentalis; aber auch in der sonderung und gliederung dieser haupt-


122 F.RDMANN

abteilungen wird man schwerlich mit ihm einverstanden Bein können. Heim eigent-

lichen dativ wird unterschieden a) der gebrauch bei „zielenden" (s. 1 fgg.) und

b) bei „zielend gedachten" verhen (s. 14 fgg.); — dieselbe Unterscheidung tritt

beim adjectivnm anf b. 22. 23: „adjeetiva, deren sielende Kraft nichl in ihnen

selbst, Bondern nur in der anffassnng des sjirechenden besteht," und beim Substan-

tiv um s. 2.'5: ..das [mit dein dat. verbundene] Bubst kann an Bich nicht zielend sein,

sondern nur sielend gedachl werden." Der Wortlaut der Unterscheidung ist nichts-

sagend, denn alle Worte und Wortverbindungen bedeuten jedesmal genau das. was

redende und hörende unter und an ihnen denken und auffassen. Was herrn Piper

bei diesem gegensatzc vorgeschwebt hat, ist nicht etwa die Unterscheidung zwischen

sinnlich wahrnehmbaren bewegungen und geistigeren beziehungen , die unter dem

bilde derselben aufgefasst werden, denn er führt in seiner abteilung a) verba bei-

der bedeutungen an, während z. b. der dat. bei ahd. quem an , werdan, swi s. 19

unter b) behandelt ist; — er will vielmehr ,

wie

er s. 14 deutlicher ausspricht,

unterscheiden zwischen dativen , die die notwendige ergänzung eines verbalbegriffes

bilden, und solchen, die nur die person oder sache darstellen, in bezie-

— hung auf welche die tätigkeit des verbs vor sich gehend

-

gedacht wird'

also

doch wol nicht notwendig, sondern nur im bestirnten einzelnen falle. Ich halte die

Unterscheidung für berechtigt, sobald mau sie nicht als eine a priori gegebene,

sondern als eine historisch entwickelte auffasst und ausspricht. Die Verbindung

mit dem dativ ist allerdings bei gewissen verben und adjeetiven wegen ihrer

bedeutung so gewöhnlich und geläufig geworden, dass wir dieselben selten ohne

ilati'- brauchen und etwas vermissen, wenn kein dativ bei ihnen steht; und der

dativ kann ferner einer durch ein beliebiges verbuni mit bestimmungen jeder art

ausgedrückten aussage frei hinzugefügt werden , um die an der ganzen handlung

irgendwie (d. h. in einer anderen , entfernteren weise als es durch den acc. bezeich-

net wird) beteiligte person auszudrücken. Diese zweite art des dativgebrauches,

mag man ihn als dat. ethicus, commodi oder anders bezeichnen, halte ich für die

frischere, originellere, und ich glaube, dass in ähnlicher freier weise der dativ

ursprünglich auch zu den ersterwähnten verben gesetzt wurde und ihnen unentbehr-

lich wurde nur dann, wenn man sich gewöhnte die bedeutung des verbums auf

eine tätigkeit zu beschränken , bei der in der regel eine solche entfernt beteiligte

person wahrgenommen wird. In dieser fassung halte ich also allerdings diese

Unterscheidung neben der erwähnten zwischen sinnlicher und übertragener bedeutung

der verba für die einzige, nach der man versuchen kann, die eigentlichen persön-

lichen dative zu gruppieren, wie sehr auch beide Unterscheidungen subjeetiv bleiben

und im einzelnen für jede sprachperiode und bei jedem beohachter verschieden aus-

fallen können. Die anwendung zur bezeichnung des sächlichen Zieles einer bewegung

ist im deutschen dativ sein- beschränkt, und die aus ihr doch wo! übertra-

gene zur bezeichnung des Zweckes einer handlung hat er ganz an Verbindungen

mit der präposition eu abgegeben. Ohne präposition ist unser dativ in höherem grade

als in irgend einer verwanten spräche der reine casus der persönlichen beziehungen

geworden, als den ihn Grimm tIV. IJS-1) ebensovvol als K. F. Decker bezeichnet,

und wird es voraussichtlich bleihen, denn ich glaube und hoffe, dass die bisweilen

gemachten versuche, ihn im falle der Ihxions- und artikellosigkeit durch ein französierendes

an zu ersetzen (..ich habe das buch an Karl gegeben!") dem

deutschen Sprachgefühl noch lange unausstehlich sein werden.

Der instrumentalis bezeichnet nach Piper s. 1. 2G fgg. „die person oder

sache, von der eine bewegnng ausgeht oder als ausgehend zu denken ist." Die


ZUR ALTDEUTSCHEN SYNTAX 123

aufstellung einer grundbedeutung für einen casus ist freilich überhaupt schwierig, 1

aber dass diese dem ablativ zukommende für die meisten Verwendungen des deut-

schen instr. sehr schlecht passt, lehrt doch wol nicht nur die auseinandersetzung

von Delbrück, sondern auch die bekante tatsache, dass die jener bedeutung fern

stehende präposition mit im verlaufe der alten deutschen spräche vor unseren

äugen mehr und mehr in die functionen dieses casus eintritt und sie noch in ihrer

jetzigen Verwendung rein und vollständig auszudrücken scheint. Dass allerdings

der altdeutsche instr. auch den indogermanischen localis und ablativ vertritt, kann

man versuchen, entweder aus einer gemeinsamen allgemeinen grundlage aller drei

casus (Scherer s. 268) herzuleiten, oder, was mir wahrscheinlicher ist, daraus, dass

in jener periode der instrumentalis (instr. - dat.) wegen seiner häufigen adverbialen

Verwendung geeignet war, auch die eigentlich von anderen ausgangspunkten ent-

wickelten localen, temporalen, modalen bestimmungen der anderen casus in sich

aufzunehmen und dem dativ zuzuführen , oder eigentlich durch ihn in das immer

ausschliesslicher diesen sächlichen und adverbialen bestimmungen zugewiesene gebiet

der präpositionsverbindungen überzuleiten. Im einzelnen bietet die besprechung des

instr., die bei Piper bedeutend kürzer ist als die des eigentlichen dativ, mir noch

gelegenheit zu folgenden bemerkungen. S. 29 G: Direct mit adj. und subst. ver-

schmolzen ist der ahd. instrumentale dativ schwerlich; er wird in allen von Piper

angeführten stellen als bestimmung des ganzen satzes zu betrachten sein. So

gehört auch der gotische dat. pl. sainaim raginam Col. 2, 14 als causale bestimmung

zum verbum afsvairbans. S. 29 H: 2. Tim. 3, 6 steht im texte gar nicht

der reine dativ, sondern präp. du lustum. S. 30 K: Die absoluten dative der Otfrid-

stellen IV, 13, 53 gisunten uns = so lange wir gesund und stark sind, V, 25, 7

gote helphante möchte ich als vereinzelte latinismen auffassen ; sonst unterscheidet

sich der gebrauch der participia im adverbialen dativ nicht von dem der adjectiva.

Herr prof. dr. Moller tritt gleich in den einleitenden worten seiner arbeit

in bezug zur vergleichenden syntax, die „mit Sicherheit und rechtem erfolge nur

dann wird vorwärtsschreiten können , wenn ununterbrochen Specialuntersuchungen

über syntaktische eigentümlichkeiten der einzelnen sprachen und ihrer hervorragend-

sten denkmäler begleitend sie unterstützen." Eine solche wird hier für den instru-

mentalis gegeben, indem alle stellendes Heliand, die eine vom dativ noch lautlich

unterschiedene instrumentalform zeigen, aufgeführt werden in einer anordnung, die

sich im allgemeinen an die Delbrücks anschliesst, im einzelnen aber durch sehr

sorgfältige Unterscheidung der eigentümlichkeiten jeder Verbindung auszeichnet.

Der instrumentalis bezeichnet demnach (allein oder mit der präposition mit

verbunden), I. als sociativer instr. eine begleitung im eigentlichen sinne, sodann

dauernde eigenschaften und vorübergehende Stimmungen der handelnden person , und

endlich äussere nebenumstände der handlung (s. 4. 5); II. als instr. im engeren

sinne das sächliche mittel oder Werkzeug einer tätigkeit, wobei sich eine formel-

hafte ausbildung im gebrauche des instr. bei bestirnten verben und von bestirnten

Substantiven zeigt (s. 5 — 7); die Ursache einer handlung; endlich das mass einer

vergleichung (s. 8). Der instrumentalis findet sich aber ferner als Vertreter des abla-

tivs bei verben der trennung, und zwar, was ein sehr beachtenswertes resultat ist,

stets ohne präposition (s. 9). Endlich steht er nach Moller als Vertreter des localis

(s. 9— 12) bei den präpositionen an, bi, te, wiäar, wid, aftar, fora, undar. Diese

1) Miklosich, Vgl. Gramm. IV, 683 geht auch für den instr. im Slavischen

von der bezeichnung des (die handlung umfassenden) raumes aus.


IlM krkmann

beispiele beschränken sich jedoch mit ausnähme von zwei kritisch nicht vollkom-

men sicheren stellen mit oti (1396. 3602) anf die sächlichen pronominalformen fctot,

(tun; und die bodentongen , auf welch''/, b. die Verbindungen mit tri, widar and

und beschränkl Bind, machen es nach meiner ansieht nicht notwendig, einen ursprüng-

lichen localis anzunehmen.

Es folgt (s. li'. 13) ein (weiter auszuführender, vgl. Arndt s. 18, 1 .">) ver-

Buch, ausgewählte dativformen solcher suhstantiva, die keine besondere tnstrumen-

talform unterscheiden, den aufgestellten gruppen deutlicher instrumentale anzurei-

hen. Zum schluss der Untersuchung (s. 14 — Jt;> werden die casus besprochen,

welche im as. für die gebrauchsweisen des absterbenden instrumentalis eintreten.

Der dati\ tritt für den eigentlichen instrumentalis häutig auch schon bei denjeni-

gen Substantiven ein, die in anderen stellen noch eine besondere instrumentalform

bewahrt haben; ebenso für die meisten fülle des „localen" Instrumentals bei Prä-

positionen, während bestirnte bedeutungen derselben (wie ahd.) noch auf die Verbindung

mit dem instr. des sächlichen pronomens beschränkt zu sein scheinen. Neben

dem adverbial- bestimmenden instr. aber findet sich zuweilen, und neben dem abla-

tivischen (ausser den präp. »/'und fon mit dat.) sehr häufig ein genetiv in ganz

ähnlichen Wendungen. Ich möchte bei gelegenheit dieser im allgemeinen schon

bekanten tatsache die von Moller nicht erörterte frage anregen, ob nicht in derart,

wie diese beiden unter sich so verschiedenen casus die Vertretung des instr. und

abl. übernommen haben, ein unterschied zu erkennen ist. Die Vertretung eines

casus durch einen andern kann entweder dadurch entstanden sein, dass durch laut-

liche Veränderungen die form des einen mit der des anderen zusammenfiel, wobei

die bedeutungen beider möglicher weise im sprachhewustsein noch lange als ver-

schiedene empfunden sein können (Moller s. 13), oder dadurch, dass der eine casus

seine hedeutung von innen heraus erweitert und den anderen verdrängt. Ich möchte

annehmen, dass der erste fall eingetreten sei beim altdeutschen dativ, dessen form

erst teilweise, dann vollständig für die des instr. (abl. loc.) eintrat, die Verwendun-

gen desselben aber nicht dauernd behielt, sondern sämtlich au priipositionsverbindungen

abgab; beim genetiv dagegen, der formell von den anderen casus stets viel

deutlicher geschieden war und dessen mannigfaltige bedeutungen doch unter einan-

der vielfache Übergänge und berührungen zeigen, ausschliesslich oder hauptsächlich

der zweite. Sowol der adverbial bestimmende als der ablativische gen. lässt

sich mit der mannigfaltigen Verwendung des partitiven gen. bei verben in Verbin-

dung bringen, wie es auch Curtius Erläuterungen s. 105 für das griechische her-

vorhebt. Ein belehrendes beispiel scheint mir das as. tholön (Arndt s. 14) zu sein.

Dieses verburn heisst ohne abhängigen casus einfach leiden, dulden; ebenso mit

objeetsacc. etwas erdulden; mit dem gen. verbunden aber entwickelt es eine Bepa-

rative bedeutung, ohne dass deshalb der genetiv ein ursprünglich ablativischer ist :

Bei. .'!.').")L' Hohles thuluilini = sie litten in bezug auf das licht = sie entbehrten

des lichtes.

Als ein aus Mullers darstellung sich ergebendes resultat hebe ich ferner her-

vor, dass auch der as. instrumentalis fast ausschliesslich sachen oder allgemein.'

abstracte begriffe bezeichnet; auch im sociativen instr. (s. li stehn nur cidlective

suhstantiva und zweimal bei der präp. mit das neutrale sahst, barn. Auch

hierdurch steht der instr. in einem klar empfundenen gegmisalze zu dem persön-

lichen dativ.

Die bedeutung der präpositionen fasst herr Molh-r doch wo! bu eng, wenn

er s. 9 sagt: „sie treten hinzu lediglich zur Verstärkung der in dem blossen


ZUR ALTDEUTSCHEN SYNTAX 125

casus schon liegenden fimction," wenn dies auch für unser mit und von vielleicht

passt; in den meisten fällen aber drückten diese partikeln doch wol eine speciali-

sierung des im blossen casus allgemein angedeuteten Verhältnisses aus und konten

daher in Verbindung mit dem casus auch zu Verwendungen kommen, die der blosse

casus nie gehabt hat oder die sogar der grundbedeutung desselben sehr fern liegen.

Grimm gramm. IV, 862: „präpositionen sollen das casuelle Verhältnis nicht nur

ersetzen, sondern auch verfeinern."

Der zweite teil der abhandlung s. 18 — 24 gibt eine Übersicht über den

gebrauch des homerischen suffixes -ipi und weist nach, dass dasselbe dieselben

functionen umfasse, wie das instrumentalsufhx in der spräche des Heliand und

auch durch dieselben casus bei seinem absterben vertreten werde; ich möchte hin-

zufügen, dass auch in der bedeutung der substantiva, an welche es tritt, sich mit

den as. instrumentalformen berührungen zeigen, und dass es namentlich nie bei

bezeichnung persönlicher einzelwesen gebraucht wird. Die sorgfältig und übersichtlich

geordneten belege werden zum teil auders erklärt, als es bei Delbrück

Abi. loc. instr. der fall ist, namentlich wird s. 20 das nach Delbrück rein dativische

(porjTorjcf.tv ('(orjyij (II. II, 363) durch eine ansprechende auffassung der bedeutung des

verbums zum ablativ gezogen; die erklärung von 'Iktütpi y.kvTÜ Ttiye«. (II. XXI,

295) komt doch auf einen annominativen gebrauch heraus, den man gewöhnlich

nur dem reinen genetiv beilegt. Wenn herr Moller aus der vergleichung den schluss

zieht, dass auch das homerische -q>i ursprünglich ausschliesslich ein instrumental-

suffix gewesen sei , so ist die möglichkeit dieser annähme zuzugeben , dagegen nach

Curtius Erläuterungen s. 68 (zu § 178 D) , Chronologie s. 257 daran zu erinnern,

dass das sskr. -bhi zur bildung mehrerer casus, die unter sich durch weitere

angefügte suffixe unterschieden werden , verwant wird , sowie dass -bi in dem (frei-

lich geschlechtslosen) dativ der lat. pronomina tibi, sibi sogar herschend geworden

ist, so dass wir die Voraussetzung Mollers (s. 18), dass dies suffix im Griechischen

einem einzigen bestirnt ausgeprägten casus ursprünglich angehört haben müsse,

nicht zugeben können. Grössere Sicherheit in diesen fragen wird nur erreicht wer-

den können, soweit es gelingt bei jeder einzelnen Wortverbindung die bedeutung,

welche sämtliche bestandteile derselben bei ihrer entstehung hatten oder haben

konten, festzustellen und dann die ausbildung und ausbreitung der fertigen Wort-

verbindung zu verfolgen. Dazu gehört, dass der allgemein vergleichenden grammatik

hineindenken und einleben in den sinn jeder stelle entgegenkomme; und

mit dem dankbaren hinweise darauf, dass auch nach dieser seite die Mollersche

abhandlung vielfache belehrung und anregung gewährt , gestatte ich mir die anzeige

derselben zu schliessen.

In der dritten abhandlung gibt herr dr. Arndt zunächst (s. 1 — 10) eine

übersichtliche darstellung der as. formenlehre, beschränkt auf die wirklich im Heliand

belegten formen. Etymologische nachweise sind nicht gegeben , auch sind die ver-

einzelten abweichungen (in der längenbezeichnung der vocale sowie in der ansetzung

seltenerer casusformen) von Heynes laut- und ilexionslehre nicht motiviert; doch

ist dankenswert namentlich für das praktische bedürfnis der lectüre die anführung

zahlreicher beispiele (mit der nhd. bedeutung) zu jedem flexionsparadigma, auch

die Zusammenstellungen über Schwankungen der flexion sowie des grammatischen

geschlechts der substantiva (s. 3).

S. 10—24 folgen bemerkungen über alle teile der syntax, natürlich nicht

alle gleich vollständig und zu einem erschöpfenden system geordnet, aber überall


126

ERDMANN, ZUR ALTDEUTSCHEN SYNTAX

bemerkenswerte eigentumlichkeiten des Sprachgebrauches hervorhebend. Aus der

casuslehrt' sind am reichhaltigsten genetiv und dativ behandelt; /war wird auch

hier weder Vollständigkeit der belege noch historische begriindung der sprach-

erscheinungen erstrebl , doch Bind die hauptsächlichen Verwendungen der casus deut-

lich gesondert und mit sorgfältig ausgewählten beispielen belegt, bei deren auf-

Buchnng das Heynesche glossai ein vorzügliches hilfsmittel war. Bei vergleiohung

der betreffenden abschnitte mit den beiden anderen ahhandlungen babe ich kein

irgendwie auffallendes beispiel derselben bei Arndt vermisst; eine ergänzung zu hei-

den bietet z. b. der präpositionslose locativ ferne = in der hülle (Hei. 2511), den

ich bei Piper vergebens gesucht habe und deu Moller nicht anfahrt, weil er schon

die dativendung hat. Auf die im as. sich zeigende freiheit in der Verbindung

eines verbums mit verschiedenen casus in wechselnder bedeutung ist häufig (z. b.

s. 14. 19) hingewiesen; s. oben über tholön.

Aus den anderen abschnitten bedarf die bemerkung (s. 20): „der artikel kann

zum Substantiv treten oder nicht, ohne wesentlichen unterschied" doch wol einge-

hender prüfung. Aus der wol am meisten fragmentarisch behandelten modus- und

Satzlehre hebe ich heraus die (auch in Heynes glossar unter that erwähnten) Verbin-

dungen von that mit dem imperativ (s. 21) in den versen 32. 70. 2993 , die sich den

von Grimm in Kuhns Ztschr. I, 144 fgg. besprochenen stellen anreihen und durch

bewahrung des modus der directen rede in lockerer satzfügung zu erklären sind;

s. 22 excipkrendes ne 8» und ne wärt je nach dem vorhergehenden tempus , wäh-

rend Otfrid ausschliesslich das erstere gebraucht; s. 23 ausgedehnten gebrauch der

partikel the nicht nur in relativsätzen jeder art, auch neben dem llectierten per-

sönlichen pronomen. sondern auch im zweiten gliede der doppelfrage, wo eine

erklärung derselben mir sehr schwierig scheint. Weshalb s. 21 (mit Heyne) die mit

der partikel wita in auffordernder bedeutung verbundenen formen 223 hiasan , 228

fragön, 3996 wonian als infinitive betrachtet werden sollen, sehe ich nicht ein,

da der auffordernde conjunetiv von Arndt unmittelbar vorher belegt ist, auch

z. b. in der letzten stelle unmittelbar vorher und nachher ohne wita die formen

3996 werniamvi .

3997

(holöicm, 3999 duan, 4000 folgön, nilätan gebraucht sind,

die doch wol einfacher als 1. pl. conj. präs. aufgefasst werden; die auslassung des

persönlichen pronomens entspricht dem imp.

Im ganzen glaube ich , dass die arbeit sowol zur einfuhrung in die leetüre

des Heliand als auch namentlich in ihrem syntaktischen teile zur vergleichung mit

dem sprachgebrauche anderer cpiellen vielen ein brauchbares und willkommenes hilfs-

mittel sein wird.

GRAUDENZ IM JULI 1874. OSKAR ERDMANN.

Halle, Bnehdraokerel des Waisenhauses.


BRUCHSTÜCKE EINER HANDSCHRIFT DES JÜNGEREN

TITUREL.

Die grossherzogliche hofbibliothek zu Darmstadt bewahrt zwei

pergament - doppelblätter einer zweispaltig geschriebenen Titurelhand-

schrift des vierzehnten Jahrhunderts, die bis jezt noch unbeachtet

geblieben sind. Um sie dem buchdeckel, auf dem sie aufgeklebt waren,

anzupassen, sind sie um ein viertel ihrer breite gekürzt worden und es

ist dadurch der verlust von spalte II b , II c

und IIP, IIP herbeigeführt,

deren jede uns sechs und eine halbe strophe gewährt haben würde und

von deren Zeilen nun nur noch die ersten oder lezten buchstaben zu

lesen sind, ausserdem ist noch von dem zweiten blatte die unterste

zeile weggeschnitten. Die höhe der blätter beträgt 21, die breite

19 centimeter. Der Schreiber, der bei den reimpunkten nicht absezte,

trente die Strophen, deren anfange durch rote initialen bezeichnet sind.

Nach dem Hahnschen drucke 1 enthalten die stücke strophe 195 — 218,

363 — 369, 381—391, 405 — 411 und 558 — 580, ausserdem aber

noch sechs und eine halbe strophe , die sich in der Heidelberger hand-

schrift nicht finden , wovon die auf str. 385 folgende die Murauer hand-

1) Den strophenzahlen der Hahnschen ausgäbe habe ich die des alten druckes

von 1477 in Klammern beigefügt, nach der in meinem besitze befindlichen Büsching-

schen abschritt desselben , welche ich schon bd. II s. 80 fgg. zu gleichem zwecke

benuzt habe.

Darnach gliedern die Darmstädter bruchstücke sich folgendermassen:

Hahn. alter druck,

str. 195 — 218 = cap. 1. Wie Tyturel der rechte herre des grales geboren ward.

str. 205 — 228. 248 — 249.

„ 362 — 369 = cap. 3. Wie Tyturel da? slosz zum grale, genant Montsalvatsch,

buwete und ein kostleiche capelle darinne. str. 381. 394 — 396.

426— 429.

„ 380—391 = cap. 3. str. 403 — 408. 440.* 409 — 413. 415.

„ 404-411 = cap. 3. str. 386— 393.

„ 557 — 570 = cap. 5. Wie Tyturel seine kinde lerte tugende und in geistliche

betiutunge des grales seite. str. 616 — 628. 638— 639.

„ 571 — 580 = cap. 6. Wie Frymutel künig im grale wart und seine zwu töchter

Tschoysiane und Hertzelaude herauz gab in die ee. str. 640 —

643. 629—634. Z.

ZBIT8CHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. VI. BD. 9


lL'S SCHÄDEL

schrift (Zeitschr. f. deutsche phil. II s. 82) als str. 440 nach der Zäh-

lung des druckes von 1477 bietet. Der Schreiber, der zwar die

vorläge in seine mitteldeutsche mundaft übertrug, hat sich, wie es

scheint, keine weiteren änderungen erlaubt, so dass die in unseren

bruchstücken erhaltenen Strophen bei weitem lesbarer sind, als die ent-

sprechenden stellen in der ausgäbe von Hahn. Der rechte wert der

Darmstädter bruchstücke wird sich aber erst feststellen lassen bei einer

Untersuchung des gesamten handschriftenmaterials des Titurel.

BONN. BERNHARD SCHÄDEL.

fol. I*

195 Der vberker kegen den vngeloubeu.

(205) mit helfehant des hohesten. begunden se de heide sus irroube.

02O6) Se waren de gesigenden. mit krefte an allen siten.

Vfi sarrazine de ligende. mit tote vfi ouch mit tefen wunden witen.

De sich mit dem toufe geben wolten.

der widersaz mit tote crist tze lobe vfi tzü ere wart v'golten.

196 Diz was sin erste herte. ich meyne des edelen hingen.

(207) yf smer selten verte. da von im engel süze gedone svngen.

Sit do her in von fugenden quam £0 nahen.

Do se in tzü dem grale beleyten vü in dar nach tzü den himele

197 Sit daz he scunferture. den heyden was gescehende.

ruchte vntphahen.

(208) j) er c iare ivng 6 gehure. vrowet sich sam der morgen sterne brehende.

Dem wachter tut deme kalter nacht belanget.

Vnd als der milte riche vrowet de de lange in noten sint v'twanget.

198 Wer titurellen sehende. was den werden süzen.

(209) |) er was im vrowde iehende. so daz her allen sorge kvnde bozen

Wes ovgen sin ovgen ie berürten.

der was de vrowde habende sam in geluckes rade hohe vürten.

199 Dona spirit' sancte. siben valt vn mere.

(210) wem g t d er e y'hancte, der hat von rechte wol kegö selten kere.

Salomone dauites kinde gelichet.

Tyturel mit selten wen h' nv mit den grale wird gerichet.

200 Ane an dem gewalte. d' wite vn ouch der breyte.

(211) Da wider so betzalte. tyturel von dusent werdicheite.

Mit ritterscaft de engelscar tzü mere.

Vn daz her lange lebende was vfi ue gewanchte an gotes ere.


DARMSTÄDTER BRÜCKST. DES J. TITUREL 129

201 Aber von siner clare. de vrowde were so gebende.

( 212 ) Iz tete der seltenbare. de bar im selten vil de wile er lebende.

Fol. I b Was der ich eyn teil von im benenne.

Vn ist daz ich mit lebene noch von gote d f

202 Von clarheit also grozer. saget dise abenture.

iar so vil bekeiie.

(213) ^qc^ gelicheit genoz er. so daz sin angesichte vrowden sture.

Gap gelich den meye wunne berende.

der allen creaturen vf d' erden vrowden vil ist werende.

203 Her vrowt alsam de svnne. tut nach kalde rifen.

(214) j r vrow(ien yber wunne. der trüren sorgen tut vil gar verslifen.

Her vrowet sam d s

von hitze in noten ist lebende.

Vn iem ein brune ein linde ist süzen luft vnde breiten scaten gebende.

204 Her vrowt sam kvninges grüzen. tut de gar v 5

herten.

(215) Yn wil in daz nv büzen. mit gerichte al nach ir durfte v'ten.

Her vrowt alsam ein heyde rieh geblomet.

tut de vrowde gerenden de gerne süleher vrowde sint gerinnet.

205 Her was eyn vrowden tzvnde. als de gesichte des blinden.

(216) wen her igt wider . . de. sus mochte man an den süzen vrowde

vinden.

We vrowet nach türste win der luter vn clare.

we vrwet amys amyen x da stete leb wont al svnder vare.

(217) We vrowt den gast eilende. mit hvnger naz vn mute.

Herberge rieh vn behende. wer im der wirt tzü denste meyen blote.

. . . h s

nicht vür williche wandelunge.

der werden angesichte ich wene dist vrowde wol vber clunge.

fol.P

206 AI sin vru begvnne. se daz vil gerne sahen.

(218) j3 e -werden wol v'sunne. daz se im alle süleher wirde iahen.

An im gebrach nicht wen ein cleyne vnsculde.

Vater müter vrohten daz her da von v'lure gotes hulte.

207 Nu was iz got doch gebende. wes solte h 5

in do tzihen.

(219) ir jgt i e y(js vü nv lebende. daz in d' hoheste geben kau vn lihen.

Vn we se des ie mer von gote vntfahent.

Ie grozer vn ie mer mit der selbe gäbe se got vürsmahent.

208 De selben sint vürkeret. vil me dan der sus tete.

(220) ob in ein torheit leret. daz h' vf henden genge vn vüze hete.

1) amys amyen mit einer dunklem dinte durchstrichen und unterpungiert.

9*


130 SCIIW'M

Vn stro alsam eyn rint vür salinen eze.

\ ii h' in stark' glot gerner dan vi' linden plumS Beze.

~ (

'' Des mocht ich vil gemezzen. dem sümeliche umt geliche.

Des hat ouch ir besezzen. vil de helle vür daz himelriche.

De got mit selte vnde ere hette berate

da mite se in eren solten \n im da mete aichl wen laster taten.

'-'^! Her kan onch se wol scenden. de im da laster betent,

An alle selten phenden. vfl nimb' dekeiner eren sich genetent.

Den got da git de sint von rehte im gebende.

Tyturel der w'de was mit gotes helfe mit gote lebende.

**^ Her lielt ouch svnd' lere. da von man sin nv urochte.

Man sol den vrowen ere. beten daz vil w'dieheit ie wrochte.

Dem werden mäne d' vrowen eren kvnde.

se wenet vil maniger eren da mite her in bzü rucke last* bunde.

212 Wer vrowen eren welle. der sol ir werde mere.

( 24 ) ir wirde h' nicht tzü velle. de rechte maze kan nicht baz geleren,

fol. I Wen al de wile daz man si lebende in iugende.

So halte sich kvsche reine so cronet h J

213 Vür daz h' kvsche brichet. sunder eliche stete.

vrowe ere ob alle tilgende.

Vn stete man irsprichet. vn in ir beid' ere wirt durchgrete.

He vn dort tzü gote vil ouch tzür werlte.

de reynicheyt v'coufet ist de man wieget tzüm hohesten gelte.

214 Secht Juden vn dar tzü hevden. dise ere habent in hüte.

" ' De cristeu gar gesceyden. sint da von daz ieman des nv mute.

We reyne se doch mit toufe sin begozzen.

vnde da so witze cleydet vnkvsche tut de blenke gar vbervlozze.

215 Sus wirt der touf gevneret. da tzü man vnde wibe.

f227) ' Ir wirde wirt v'keret. de grozeste so se was an beyder libe.

De reynicheit der sele vnde werltlicher ere.

wirt iz tzü gote versünet iz scadet an eren dannoch sere.

216 Were iz den manen ere. se solte iz doch lazen.

^ ' Dar vmbe daz imbei m're. de vrowen an werdicheit sint v'wazen.

So sprich^ wankelbolt des steten mütes.

Tete se iz we gerne ich iz tete so gan h' vrowe eren weynich gutes.

217 Wer sich kusche halte. wil der kirne tzür stete.

(248) yü go i

(| er aj g0 w£fa (

Icht he vn dort tzü beyden siteu bringe.

| az se ] e vfi ere m faft missetete.

w' sine e tzübrichet der hat ir beider ere gemachet ringe.


218 Weil als d 5

DARMSTÄDTKR BRÜCKST. DES J. T1TUREL 131

man v'keret. den müt an der minne.

[24:9) jjer jj a |. ^e smne gevneret. vil me dan ob h' kegen ir hette de sinne.

Daz h s

de keiserinne vür sich nicht wolte.

Da mite wer se geweret noch baz

l.IP

362 ner gev'ten gelmset hetten beidenthalp nicht v're.

(381)

363 Der tempel in mitten inne. het ein werk so riche.

(391) Q fe vfi ,jem ( s0^ .

faft mmne irbowet scone den tempel vberal geliche.

Wen daz de köre alle sunder altar wäre.

anders im da nicht gebrast diz werk vberal vülquam in dritzich iaren.

364 Nicht wen eyn altere. da inne was geherret.

(395) j) e köre al svnder lere. sus richeite wund J

Vür de clochus da stunde riche zimborie.

was dar an gemerret.

dar inne der heylige bilde iegeliches bref seit da sin historie.

365 Der selbe tempel riche. besvnd't wart dem grale.

( 396 ) Daz man in tageliche. da inne solte behalten tzallen male.

Vn vf vnpor irhabe in solher mazen.

daz ein sacristen. wit vn clar dar vnder was verlazen.

366 Dri was d 5

porte. nicht me svnd s

(426) rj er eyne kegen den norte. d !

wane.

De andere hette vzvart kegen occidente.

werlte daz man heizet meridiane.

de dritte kegen aquilone von dannen kvmt vns selten gut presente.

367 Ir palas vn ir dormter. stunde kege meridiane.

(427) j^yU cruceganc wol geformter. da twische lach des waren se nicht ane.

Als iz tzü der broderscefte wol horte.

gerende lobes riche tzirte wol iegeliche porte.

368 De porten waren riche. von luttern roden 1 golde

(428) Gesteinet gar ordenliche. da vf v'wiret ich ne weiz wes man se soldo.

Vntgelten lau se waren ot euch gerichet.

mit slozzen vn gespeuget daz vf erden in ne nicht wart gelichet.

369 Mit listen man do nam trachte. vor iegelicher porten.

(429) ^i der steine slachte. de lagen

bi.ir l

380 Durch daz iu allen koren de muren mit smaragd wäre gemeget vaste.

(403)

381 De louber wäre dicke. wen sich eyn luft enborte.

( 404 ) Daz man se sunder scricke. in einer süzer stimmen clinge horte.

1) roden von derselben hand über der seile nachgetragen.


L32 w ii im i

Rechte als ob sich tusent valken swungen.

iu einer scar geliche vn Beeilen groz vö* gokle an im in-lungen.

382 De reben al vbervlucket. waren mit scar der engel.

(405) ^y s q^j se warg getzneket. vz paradise vn wenne de reben gengel.

Der louber dank begunde wegende vfiren.

de engel so gebarte sani se sich lebelich kvnde rüren.

383 Der hoeste kor d' vrone. wart ie dar vzgesvndert.

(406) ]\xit aller tzirde scone. dise tzirde ist turer dan ander hundert.

Rebe vn engel dar zu was bereitet.

daz wint dar in v'holne mit listen groz vn balgen was geleitet.

384 Der music vn pervseu. beide hohe vn lise.

(407) j^ s ie von dem winthusen. d' meister da geleitet gap de wise.

Mit der pafheit gaben süz gedone.

d' engel scar geliche don svnd' wort ia was in dannoch scone.

385 Als in de tzirde riebe. so vil gab vrowdenluste.

(408) g gprachg se ai geliche. got h're vat' vn slügen sich tzür brüste.

Sit du vns v 'legen hast sulche ere.

was hastu den tzem trone. da iz ist hund't dusent valtich m'e.

(440) Tzü lobe mit sulchem rate. der tempel ist irbowen.

D' hohen trinitate. vn d 5

Vn tzu lere d* cristenheit kege himelriche.

meyde gesegent ob allen vrowe.

als sanet thomas in india den sal mit worte bvwete lobeliche.

fol.III a Ob ir ein spil nv were. doch sol al mensche kvnne.

He denken bi den mere. engel wirde vn himelsce wunne.

De mensche vn engel habe in gotes antluze.

Daz se dar nach mit sinne werben so wirt in daz spil vil nutze.

386 Ob da were icht slufte. nicht herre got enwelle.

(409) p az vn(| er erdenslufte. sich reyner diet immer velsch geselle.

Als iz etteswenne in gruftin wirt gesamet.

man sol vns an dem lichte cristen gelouben kvnde vn sin amet.

387 Cleiner vil grozer. cristalle gelich den hüten.

( 41 °) Gele var vnde rozer. baisam vasz de brünen sam se glüte.

Vf iedem köre was dri stunt tzwey gehange.

vn vzen vür den koren ie tzwei von gölte an riehen strängen.

388 Dar obe engel swebete. in clafter tzwey gemezzeu.

( 411) Als se do licht da hebeten, vn oberhalb wart mit gesichte v'gezzen.


DARMSTÄDTER BRUCHST. DES J. TITUREL 133

Der stränge we se de engel mästen halten.

biz vf an daz gewelbe. sus wart da maniger richer kost gewalte.

389 Vil engel kerze habten. vf cancellen vn vf mure.

(412) jje gewunden dort de gestabten. we se doch richer kost nam vnture.

Der se vün balseme groze richeit haten.

doch wolten se von kertze durch gute wonheit lichtes nicht geraten.

390 Vil crone rieh von gölte. da vf vil kertze luchte.

(413 ) Gehangen alse se solte. ein engel habete clafter tzwa mich duchte.

Her wolte de crone hin kegen den lüften vüren.

nemä enkvnde kesen ob se da haben golt mit riche snüren.

391 Welicher leye stimme. in dem tempel wart gehöret.

* ' Irclenchte von edelicheit d* gimme. von d* wite vn hohe wart.

61.I1T

404 wünsche gar vülvüret

(386) hejz mich (jes iemä legen ich wene den selten kvnst od' kost beroret.

'

405 Tzü iclichem gaten. dru venster an allen wenden.

' Gespinnelet vzberaten. da in gedreit daz werk das ouge penden.

Kvnde vf siner weyde kegen der svnnen.

ir dak gelich des tempels ir knope rübin groz de vaste brunnen.

406 Vf den knopen crutze. hohe snevar cristalle.

i8

-* Dem tubel tzü einer scutze. want im da gar gesaget was betalle.

Scak vn mat vürraten vil vürseunden.

daz werde houegesinde v'sigelet was vür allen houbetsvnde.

407 Vz gölte ein ar gerötet. gevüget vnde gevunket.

(389) yf y^cn cru^ze gelotet. verre sehende neman des bedunket.

Wen daz h' vlügelichen selbe swebete.

Daz cruce von der lut' gesiebt v'los da vffe her sich vnthebete.

408 Ein turn all enmitten. stunt in disen alle.

(390) yz manjg« g i^ smitten. was richeit groz von werke dar an gevallen.

Vn manich tusent clar lichter steine.

tzwier andern hohe wite vnde tzirde lach an disem eine.

409 Des enop ein licht karbunkel. was michel groz tzü loben.

(391) Wen de nacht was dunkel. daz man gesehe beide niden vn oben.

Ob in den walte de templeise verspete.

Daz se von sime glaste wisunge tzü recht 5

410 Dar tzü vil manich and'. edel stein gap sture.

(392) j) es yarwe sam ein tzander. glest d J

herb'ge beten.

da gloyet in den vure.


13t SCUW.KI.

Dem brehen gab der karbunkel hello.

Sehen gestarnen se geswigen da schein dusenl valtich gestirne mit

411 He rot da gel

(393)

gelfe.

fol.1V" was iehcnde.

557 ware m j nne V n rechte vrochte muz vns tun d 1

engel scar gesehende.

558 Da stunt ouch wo] burneren. der ivngen diet tzu leren.

(6i


56-4 Tzü clagene mich noch setzet. 1

DARMST.YDTER BRÜCKST. J)ES J. T1TDREL 13")

ein dinch mit iamers lere.

( 624 ) Daz firmitel gesetzet. noch nicht ist dem grale an kvnincliche ere.

Noch anders nemä dem ich selten gunde.

Daz ist mir iamer gebende d J

565 Tzwolf min 1

kinde. sin he von mir gesceyden.

mir vür alleme iamere get von gründe.

(625) Tzü iamers houegesinde. müz mich daz selbe nv von sculden cleide.

Daz ir deckein den gral ne solte berüren.

vn plage doch d J

566 De was richawde berende. mit höh 5

tugende se mochte ein engel wol mit ere vüre.

richer tzuchte.

(626) ich c ia g e ,jaz nicht 2 merende. sint he tzüme grale d !

5

Vn ich mit vrowden riebe w

der lebende.

Halet in paradise wen ich gote sulchen wücher w'e gebende.

567 Ich gan in wol des riches. al dort tzem paradise.

mlnen vruchte.

(627) Doch het ir iegeliches. ein kvnne groz al dar geborn tzü prise.

So w 5

iz dort also nicht gar v'einet.

Als ich he von richawden de is nach der min h'tze in iam' weynet.

568 Ob ich von mlnen grüze. ie werde trost vntfenge.

(628) Yü 0D d $ mine suze . i e selden craft an mir begenge.

»1.1V C

Wart mir ie groz von mlninchlichen wibe.

Der ist nv gar irwildet mime sechen sende clagende übe.

569 Min aller hoheste girde. de ich gewan vf

( 638 ) an himelriche mit gote ie gerde.

Vn w 1

vf erden wnnsches leben solte.

der gerde ouch nicht mere. den daz her lange mit eren lebe wolte.

570 Des was ich ie der gerende. tzü gote mit stet' girde.

(639) £) es was h' mich wol werende. daz ist mir nv v'waudelt in vnwirde.

Dar an de wisen suln wol gedenken.

neman kan vf erden lip gut wirde haben sunder crenkeu.

571 3 So w'dichlichen scone. bete mich d s

hoeste besoldet.

(640) jz wart ne küninges crone. mit also riehen seiden nie v'goldet.

Vür vntugeuden bin ich her behalten.

ey hertzelebe firmitel wan soltes du mit sulichen selte alten.

ändert.

graile.

1) setzet ist von derselben hand durch übergeschriebenes w in wetzet ver-

2) nicht von derselben hand über der zeile nachgetragen.

3) vor str. 571 in kleiner roter Schrift : Abetur we firmitel . . . wart

tzora


1">''> srn.vnF.i. , DABVBTlDTBB

BBUCH8T. des .t. titi-rei.

'72 Du kanst d' seiden sinne. kege tilgenden nicht v'lesen.

' ,,|h Durch wmler wibe mlne. müstu an dem libe scadhen kosen.

Vn anfortas ich vant iz amme grale.

ein toi doch nicht den v allen gesünt wart ich ne sit dem male.

573 Dise rede nv horte. beide ritter vfi vrowen.

I '' 1 -) Den iz ir vrowde störte. an witzen vn an truwen de v'howen.

Se winden noch hetzalt de des vnbaren.

ob selber iam' rürte so werden lep dem se iz gebunde waren.

574 Noch do h* was in crefte. her gap in iamers vreise.

Wen h' vz ritterscefte. wunde vürte vn alle de templeise.

De h 5

dicke brachte vz grozer herte.

"Wen her mit siner hohen crefte vn mit irer hilfe den gral mit wirde

werde.

(643) Der starke mit der crefte. waz nv d' swache würden.

Von alters anehefte. vn daz her ouch de craft nach ritters orde.

fol.IV d

Tzü was daz

575 AI siner clage d !

ie gab im v'lust vn richawden leit mit sorgen.

groze. wil in d' gral irgezzen.

(629) Mit vrowden vnd'stozen. he wart sin leit daz h' mit wirde setzen.

Solde den svn an sine stat nv scone.

Do h' de scrift was lesende firmutel d' sol he tragen crone.

576 Vnd daz ein irregengel. vur allem velsche were.

(630) rj e maget d* tugede ein engel. so reine so gut vn ouch so seldebere.

Daz se den gral des ersten solte rüre*.

tzü tragene w'diiicliche. daz kvnde im siner leyde vil vntfüren.

577 Do iamer he genieret. wart titurel so starke.

(631) j) es van t ft scrift gelieret. d 5

An welhem tage mä den gral were sehende.

gral w' aller diet vür dot ein arke.

de selbe woche vmme were an im dekein sterbe gescehende.

578 Vrow ebenture ir creget. vür hohe meister brechen.

^ ' Ich ne weiz ob ir vns treget. daz min h' walter kvnde spreche.

Daz huldo gotes vn got vn w'ltliche ere.

in ein scrin iclit mochte de gebet ir grales diet vn viirbaz mere.

• •7'.» So daz sc wünsch mit Lebene. haben svnd' sterben.

(63. ) y fi m ( |.

(

|. ze g e |3 ene

gra j

Tzüme grale wesen vur alle kvnincriclie.

}. r/ ] la ]je so W oldich immer g'ne werbe.

ey vrunt von blienvelde du spriches mir tzallen tzite w'liche.


LIEBRECHT, HUMOR IM DEUTSCHEN RECHT 137

580 Dv wenest mir han becrenket. vn dine witze genieret.

(634 ) Ob dir nv witze nicht wenket. so wirt diu selte dusent valt geheret.

Dan ob din houbet tzüm grale w' tragende crone.

so tu nicht wan daz gute

DER HUMOR IM DEUTSCHEN RECHT.

Vor längerer zeit schon, bei gelegeriheit von Homeyers fünfzig-

jährigem doctor -Jubiläum, hat prof. Gierke unter obigem titel (Berlin

1871) eine kleine, in mehrfacher beziehung höchst anziehende schrift

herausgegeben, die jedoch erst jetzt mir zu gesicht gekommen ist und

mir anlass zu näherer erörterung einiger einzelner punkte gibt , woraus

auch erhellen wird, dass mancher rechtsbrauch, der einen humoristi-

schen anstrich besitzt, genauer betrachtet, denselben verliert und ihn

zuweilen sogar in sein gegenteil umschlagen lässt. Gleich der erste

brauch, den ich hier besprechen will, gewährt ein solches beispiel,

indem es (s. 14 fg.) heisst:

„Sodann entstehen mancherlei besonderheiten von unverkenbar

poetischem gehalt durch die deutsche neigung dem leblosen ein gewis-

ses leben, dem gegenständlichen eine selbständige Wesenheit anzu-

dichten Hier wurzelt die uralte Satzung, dass, um die geheiligte

schwelle des hauses nicht zu entweihen, der leib des darin erschlagenen

missetäters oder des Selbstmörders durch ein loch unter der schwelle

herausgezogen werden soll." Hier handelt es sich jedoch keineswegs

von der heiligkeit der schwelle; der ursprüngliche grund dieses weit-

verbreiteten und auch ausserhalb Deutschlands sich findenden brauches

ist nämlich ein ganz anderer und beruht in der Vorstellung von der

widerkehr verstorbener, namentlich gewaltsam getöteter, 1 wenn diese

gefürchtet wird, und welche dadurch gehindert werden soll, dass man

die leichname aus der wohnstätte durch eine solche frisch gemachte

1) Diese widerkehr wird von den mit solchem tode bedrohten auch ihrerseits

oft angedroht ; so z. b. in einer neuisländischen sage , wo es sich von dem kämpfe

eines gewissen Jon mit einem ächter (geächteten, bandit, strassenräuber) auf freiem

felde handelt: „orgaäi ütüegumadr pä afarhätt, og hotaäi äff gang a aptiir og

drepa Jon, ef hann drcepi sig." (Da brüllte der ächter entsetzlich und drohte

nach seinem tode wider zu kommen und Jon totzuschlagen, wenn er ihn

totschlüge). Jon schützt sich aber gegen den widergänger durch das gewöhnliche

gleichfalls humoristisch aussehende mittel. „Jon setti höfud ütilegumanns viä

pjö honum, og Jcvaäst eetla, ad nü mundi hann elcki gdnga aptur." (Jon setzte

den abgeschlagenen köpf des ächters an den hintern desselben und sagte , er dächte,

dass er nun nicht widerkommen würde). Arnason 2, 167.


i [EBBBI ii i

Öffnung (wie /. 1». die angeführte unter der Bchwelle) fortschafft, die

mau Leicht wider zumachen kann, was bei der tür nichl der fall ist.

S. meine besprechung von Birlingers unlängsl erschienenen Sagen, Legen-

den usw. (zu no. 359) in der Zeitschrift für Ethnologie 1874 s. 7 1 (wo zu

lesen zugemachl st. gemacht). Noch will ich erwähnen, dass


HUMOR IM DEUTSCHEN RECHT 139

für immer abgestellt wurden). „No pugan la primera nit, que lo

pages pren muller, dormir ab -ella, 6 en senyal de senyoria la nit

de las bodas, apres que la muller serd colgada en lollit, pasar söbre

aquel sobre la dita midier [d. h. „Sie sollen in der ersten nacht, wo

der bauer ein weib nimt, nicht bei ihr schlafen, noch auch als zeichen

der oberherlichkeit in der hochzeitnacht, nachdem das weib sich ins

bett gelegt hat, über dieses und das besagte weib hinwegsteigen dürfen"].

Vgl. Hist. de la legisl. Tomo VI p. 67— 68. 498 u. 500; —

Helfferich, Westgothenrecht s. 408 — 414." Endlich führe ich noch

folgende stelle an aus einer besprechung der Histoire du droit

dans les Pyrenees par M. G. B. Lagreze. Paris, imprime par Vor-

dre de l'Empereur ä rimprimerie imperiale 1867 in der beilage zur

Augsb. Allgem. Zeitung vom 18. april 1868 s. 1661 fg., wo es so heisst:

„Das andere noch seltsamere Institut ist das droit du seigneur oder

jus primae noctis. Seit geraumer zeit wurde in Frankreich viel geschrie-

ben über die frage: ob dieses recht als solches jemals existiert habe.

Während Bouthors 1854 seine existenz nachzuweisen gedachte, bestritt

dieselbe Veuillot mit aller entschiedenheit in einem 467 Seiten starken

werke. Die frage kam mehr als einmal im schösse des Instituts zur

spräche. Lagreze selbst beteiligte sich an diesem streite durch eine

1855 erschienene monographie; seitdem hat er die forschungen fortge-

setzt und das ergebnis in vorliegendem werke niedergelegt. In Deutsch-

land hat ein solches recht niemals bestanden , wenn sich auch in ein-

zelnen gegenden andeutungen finden, dass es per nefas in anwendung

gebracht worden sei [man vergleiche jedoch das oben in betreff des

Westgothenrechts angeführte] ; dagegen hatte es sich in mehreren roma-

nischen ländern zu einem förmlichen rechte fixiert [vielmehr, wie wir

sehen werden, aus urältester zeit erhalten]. So übte es der adel von

Piemont unter dem namen cazzaggio aus, und obwol es im übrigen

Spanien unbekant ist, konte es erst Ferdinand der Katholische durch

gesetz vom 11. april 1468 in Catalonien mit einigen andern harten

abgaben aufheben und an ihre stelle eine geldleistung setzen. Hier war

es unter dem namen firma de esposa forzada 1 bekant. In Frankreich

war es in verschiedenen landschaften heimisch , so in Limousin , der

Bretagne und der Auvergne. Hier wurde es jedoch schon früh in geld-

leistung umgewandelt; am längsten aber erhielt es sich in seiner

ursprünglichen gestalt in Bearn und Bigorre. Noch im 17. Jahrhundert

bestand es in voller Übung, wie der Verfasser durch mehrere documente

1) Spätere erklärung des oben angeführten ferma de espoli forQat, dessen wört-

liche bedeutung dunkel ist (ferma oder firma = Unterschrift) ; lateinische Urkunden

haben dafür „ firma sponsaUtiorum coacta." So teilt mir prof. Milä iu Barcelona mit.


1 l" i.iF.nr.F.i iit

nachweist über die entstehung dieser misgeburt des mittelalterlichen

rechts kann bei dem mangel ausführlicher Urkunden nicht einmal eine

Vermutung ausgesprochen werden. [S. jedoch das hier weiter unten

folgende]. Soweit rieh überhaupt klarheit in dieses gebiet bringen lässt,

isl es dem Verfasser gelungen; mit grossem rleiss hat er alle spuren

dieses rechtsinstituts aufgesucht, das wol zu keiner zeit einer genauem

schriftlichen Fixierung sich erfreute. Damit scheint diese angelegenheit

auch für Frankreich erledigt." Diese darstellung enthält, ausser den

von mir angedeuteten, auch in der Spanien betreffenden stelle einige

ungenauigkeiten, wie die vergleichung mit dem oben aus Ferd. Wolfs

abhandlung angeführten zeigt; so galt das in rede stehende jus nicht

blos in Catalouien, sondern auch in Aragon und Galicien, und das spa-

nische malos usos bedeutet nicht „harte abgaben," sondern „schlimme

herkömlichkeiten." Wenn ferner, wie wir sehen werden, jenes jus nicht

erst in Europa und im mittelalter entstand, wenn dasselbe vielmehr

einst fast überall existierte und geübt wurde, warum sollte dies nun

nicht auch in Deutschland der fall gewesen sein? Grimm, der daran

zweifelt, führt jedoch selbst ein Züricher Weisthum (RA. 384 Anm. 2) an,

wo es heisst: „so das hochzit zergot, so sol der brütgam den meier

bi sinem wip lassen liegen die erste nacht, oder er soll sie lösen mit

5 seh. 4 pf" Er fügt freilich hinzu : „Er wird also nie verfehlt haben

diese kleine summe zu erlegen ;

" allein zur zeit der abfassung dieses

späten Weisthums war das ursprüngliche recht allerdings wol für ein

geringes ablösbar geworden , was

jedoch durchaus nichts gegen die

ursprüngliche wirkliche ausübung desselben beweist; um so weniger als

dieses jus früher nicht blos, wio wir gesehen, bei den Westgothen,

sondern auch in Holland bestand; dies erhellt aus Bayle, Dict. Crit.

s. v. Sixte IV ed. 1730. IV, 224, randglosse no. 56, wo in bezug auf

dasselbe gesagt wird: ,, Monsieur Pars, Ministre de Katwie, racontc

dans un ouvrage, inUtule Kativykse Oudheden, c'est ä dire Auf i

quites de Katwie pag. 196 que certains Seigncurs de Hollande (il

in nomine quelques uns) ont eu un semblaule privüege et que les etats

Vont aboli en leur donnant quelque argent." Also erst die general-

staaten hoben dort dieses recht gegen eine abfindungssumme auf. Aber

auch noch älter und weiter herschend, sogar bis nach Asien und Afrika

hin findet sich das in rede stehende jus; so übte es nach Soliuus c. 22

der köuig der Ebudischen inseln, nach Herod. 4, 168 der des libyschen

Stammes der Adyrmachiden (vgl. die sage von dem söhne des kepbale-

nischen königs Promuesus bei Heraclid. Pont, fragm. 31), in Arabien

masste es sich an ein alter köuig der stamme Dschadis und Thasm,

s. Caussin de Perceval, Hist. des Arabes 1, 28 fgg.. und in betreff des

-


HUMOR IM DEUTSCHEN RECHT 141

königs von Ziamba (südlich von Cochinchina in dem südöstlichen teile

der halbinsel Cambodscha) berichtet Marco Polo (buch III cap. 6 n. 360

der engl. Übersetzung von Marsden. London 1854): „In the first place

it should be noticed that in his dominions no young woman can be

given in marriage, until she has been first proved by the King. Tlwse

tvlio prove agreeable to him, he retains for some Urne, and when they

are dismissed he furnishes them ivith a sunt of money, in order that

they may be able to obtain, according to their rank in life, advanta-

geous matches. Marco Polo, in the year 1280, visited this place, at

ivhich period the hing had threehundred and twenty-six children, male

and female. Most of the former had distinguished themselves as vali-

ant soldiers." Aber auch in Indien finden sich spuren davon, dass

jenes jus einst dort herschte , wie ich aus einer stelle bei Burnes ent-

nehme, der in seiner reise nach Bokhara und Lahore (London 1834;

französ. in Bibliotheque univers. des Voyages etc. par Albert Monte-

mont vol. 37 p. 423. Paris 1835) folgendes berichtet: „A cinquante

milles environ de Tolumba [am Ravy] dans la direction de Vest, je

m'avangai de quatre milles dans Vinterieur des terres pour examiner

les ruines d'une antique cite nomme Harapa .... La tradition fixe

la chute d'Harapa ä la meme epoque que celle de Shorkote (welches

wahrscheinlich durch Alexander den Grossen zerstört wurde, Burnes

1. c. p. 419 fg.) et les indigenes ajoutent que ce fut une vengeance

divine exercee contre le gouverneur qui reclamait certain pri-

vilege lors du mariage de chaque couple et qui dans le

cours de ses sensualites se rendit coupable dHnceste" In Brasilien

beanspruchen dieses recht die priester, speciell bei den Calinos (am

untern Purus) der häuptling ; s. Bastian, Die Rechtsverhältnisse bei verschiedenen

Völkern der Erde. Berlin 1872 s. 179 (nach Spix und Mar-

tius). Fasst man nun alles bisher angeführte zusammen , so kann nicht

der mindeste zweifei darüber herschen, dass sich in dem besprochenen

uralten und überall verbreiteten rechtsgebrauch eine spur jenes Hetä-

rismus, jener errUoivog /till-ig erhalten habe, deren einstige herschaft

Bachofen in seiner erschöpfenden Untersuchung über das mutterrecht

(Stuttgart 1861) ausführlich besprochen hat. Die inhaber der

gewalt hielten, wie es scheint, länger an dem ursprünglich allgemei-

nen rechte fest, als es schon längst in den übrigen Volksschichten ver-

schwunden war. Vielleicht jedoch gehört hierher auch was Maundeville

berichtet (c. 27); „In another isle (im gebiet des Prester John), which

is fair and great, and füll of people, the custom is, that the first

night that they are married they make another man to lie by their

ivives, to have their maidenhead, for ivhich they give great hire and


Ml' i.iii.Rir iit

much thanks. And there are certain nun in every toum tlmt servi

for no other thing; and they call them cadeberie, that is to say, the

fools of despair, because they believe their occupatio)/ is a dangerous

cm .

„Der häufigste fall des scheinrechts ist die scheinbusse

Gedungene kämpen nämlich und ihre kinder erhalten als busse das

blinken eines Schildes gegen die sonne (den Utk von eme hampscilcU

jegen du sunne); spielleuten aber und allen, die sich seihst zu eigen

gegeben halten, gibt man als busse den schatten eines mannes

Leuten, die wegen unehrenhafter lebensweise oder weil sie gewinn der

ehre vorziehen, rechtlos sind, gewährt man einen blossen schein, in

in dem zugleich misachtender spott liegt; nicht mehr als ein schildes-

blinken erhält der gedungene kämpe, der um lohn sein leben einsetzt;

nicht mehr als einen mannesschatten, an dem er räche nehmen mag,

der spielmann oder wer selbst das höchste gut. die Freiheit, dahingege-

ben , weil die persönlichkeit ohne ehre nicht mehr als der schatten

vollberechtigter an der ehre vollkommener persönlichkeit ist." (S. 33fgg.)

Ganz anders jedoch erklärt diesen rechtsbrauch Kochholz, Glaube und

Brauch im Spiegel der heidnischen Vorzeit 1, 112 fgg., wo jener am

schatten genommenen scheinbusse eine ursprüngliche , für wirksam

erachtete Wesenheit beigelegt wird. Es heisst dort unter anderm: „Dem

mit seinem schatten unziemlich spielenden kinde wird von jenem eigen-

händig ins gesiebt und dem schatten des gegners wird vom unfreien

spielmann an den hals geschlagen. Dort nimt sich der schatten selbst

räche, hier wird sie an ihm genommen, in beiden fallen aber zum

Unheil des schattenwerfenden, denn diesem soll damit ans leben gegriffen

sein." —

,,Der seidene oder zwirnene faden (mit dem der Verbrecher ange-

bunden wird) bedeutet einfach das loseste nur dem schein nach bin-

dende band. Er komt auch sonst oft in ähnlicher bedeutung vor, z. b.

in der redensart, ein gut oder haus solle so hohen frieden haben, als

sei es mit seidenem faden umfangen oder umhangen; oder auch wol

Mos, es sei mit einem faden umhängen und deshalb geschützt. Denn

auch hier soll der faden nicht etwa eine besonders starke, heilige.

sei es wirkliche oder vorgestelte hegung ausdrücken ; es ist vielmehr

gemeint, der friede des grundstücks solle so stark und heilig sein, dass

die loseste, geringste umhegung, ja die blosse Vorstellung einer solchen

gegen jeden eingriff schützen solle, als wäre sie die mauer." (S. 38.)

Hierzu heisst es in der anmerkung: „Nacb den bei Grimm RA. s. 183

bis 184 gegebenen beispielen kirnte diese bedeutung zweifelhaft und

vielmehr, wie Grimm dies annimt, eine wirkliche symbolische heguug


DER HUMOR IM DEUTSCHEN RECHT 143

gebannter gnmd stücke durch einen darum gezogenen faden sein." Aller-

dings ist Grimms annähme die richtige; s. meine angaben Germa-

nia XVI, s. 224. Hierher gehört auch die \on Gierke (in derselben

anm. 129) aus dem Weistum zu Meudt angeführte stelle. Dass eine

abhegung zur erhöhung der heiligkeit und Sicherheit zuweilen auch da

in anwendung kam (in wirkliche oder gedachte) , wo sie eigentlich über-

flüssig war, erhellt aus dem beispiel ebend. aus Kaltenbäck I, 4(59

§ 14 in bezug auf ein haus.

„Scheinladung durch umkehren eines steines vor dem hause.

Grimm Weisth. I, 305." (S. 39 anm. 134.) Was hier als scheinladuug

auftritt, war ohne zweifei ursprünglich bei der wirklichen ladung in

gebrauch, dass nämlich vor dem hause ein stein umgekehrt wurde. In

der Historia Septem Infantium de Lara, aufhöre Ott. Vaenio. Antwerp.

1612 komt der eigentümliche in dem betreffenden spanischen romanzen-

cyklus (Durans Eomancero General. Madrid 1849 — 51 vol. I no. 665

bis 694) nicht erwähnte umstand vor, dass vor die tür des alten Gonzalo

täglich sieben steine gelegt werden . um ihn an die sieben durch

verrat umgekommenen söhne zu erinnern. Ob nun wol dieser wahr-

scheinlich auf alter sitte beruhende umstand mit dem oben angeführten

zusammenhängt und in demselben eine art ladung und aufforderung zur

räche enthalten ist?

„Nach einer bestimmung des Benker heidenrechts soll der mann, der

von seiner frau geschlagen wurde, aus dem hause weichen, eine leiter

ansetzen, das dach höhlen {mdken en hold durch den dach) und das

haus zupfählen usw." (S. 42.) Was ist der sinn dieser durchbrechung

des daches, nachdem der mann selbst das haus verlassen? Ich denke,

dieselbe wird vorgenommen, damit der eingesperrten frau nur dann die

möglichkeit, gleichfalls aus dem hause zu kommen, gelassen werde,

wenn sie durch das loch im dache hinauskrieche. Letzteres aber ist

eine reminiscenz des aus- und eingangs, wie er in ältester zeit statt-

fand, nämlich durch die dachöffnung oder das rauchloch, was durch

das von mir in der Zeitschr. f. Ethnographie 5. 101 fg. mitgeteilte

Bestätigung erhält. Auch ebendas. 3, 165 heisst es: „Wie die winterwohnungen

der Kamtschadaleu und die der Mandanen in Amerika, so

hatten auch diese aleutischen häuser ihren Zugang durch luken im dache,

aus denen man durch leitern niederstieg und welche zugleich als rauch-

öft'nungen ... am tage zur beleuchtung dienten." Ja, alle die zahl-

reichen hypaethraltempel des altertums weisen sicherlich auf jene ursprüngliche

bestimmung der dachöft'nungen hin , wie dies schon Grimm , Gesch.

d. d. Spr. s. 117 fg. (1. a.) erkant hat („Es sollte, seitdem man got-

teshäuser mauerte, wenigstens oben im dach ein loch für den eingang

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PH1L0I.. MD. VI. 10


1 1-1 BHBCHT

and anspann- des gottes gelassen werden"); nur da— diese Öffnung eben

nicht auf bempel beschränkt war. sondern auf die hätten der arzeit

znrückgieng und bei jenen als altehrwfirdige reminiscenz an dieselbe

beibehalten war.

Schliesslich noch will ich meine vollkommene Zustimmung zu dem

ausdrücken, was der verfasset ober das sagenhafte recht bemerkt

- 19 fg. 56), welchem nichts im lehen entspricht, so dass es daher

nicht mehr zu dem wirklichen recht zu rechnen ist. wozu namentlich

die androhung oichl ernst gemeinter grausamer strafen gehurt. Ganz

richtig nämlich fügt Gierke hinzu, dass in allen solchen fallen dem

spätem geschlecht leicht das als sagenhafter Bcherz erschien, was den

Vorvätern bitterer ernst gewesen war. Auch hei Grimm RA. 7.i (


heisst es: ..Manche strafen beruhen hloss auf dem rechtsglauben

und auf der sage; geschichtlich zu erweisen ist nicht, dass sie in

Deutschland vollstreckt wurden, wohin namentlich die unter 3. 4. :>. 7.

8. 9. 13. 18 genanten todesstrafen gehören. Ableugnen lässt 3ich frei-

lich die möglichkeit ihrer Vollstreckung im höheren .

roheren

altertum

nicht, und einzelne strafen, deren Wirklichkeit man sonst noch bezwei-

feln würde, sind nach unbestreitbaren Zeugnissen vollzogen worden."

Namentlich in betreff der no. 13 (s. 695 „Mülstein aufs haupt fallen

lassen'') glaube ich nachgewiesen zu haben (Benfey's Orient und Occid.

•_\ 269 fgg.: „Eine alte Todesstrafe"), dass dies keineswegs eine b]

..mythische strafe" war und auch bei einigen andern der genanten •

ten dürfte sich der gleiche nachweis gehen lassen.

tra-

In dem vorhergehenden habe ich mich ebenso wie Gierke auf das

deutsche recht im engern sinne beschränkt . sonst hätte sich noch man-

cher andere gebrauch herbeiziehen lassen, wie z. b. der von mir in den

GGA.1871

s. 1032 fg besprochene und auch Ztschr. f. d. Kulturgcseh. 1872

s. 376 erwähnte, wonach nicht nur in Frankreich und Italien, sondern auch

in den Niederlanden, ja wahrscheinlich auch selbst in Deutschland zah-

lungsunfähige Schuldner sieh gegen jeden persönlichen zwang schlitzen

konten, wenn sie auf 'Deutlichem markte den hintern entblössten, wobei

sie zuweilen auf eine dazu bestirnte säule stiegen. Dieser dem anschein

nach sehr humoristische rechtsbrauch geht jedoch auf einen höchst

grausamen Ursprung zurück, wie ich in Pfeiffers German. •-'. 256 wahr-

scheinlich gemacht Eine andere humoristische weise der strafe ledig

zu werden erwähnt Weinhold, Die Deutschen Frauen im Mittelalter

294 iinni. 2 nach stadtrechten des mittelalterlichen nordens, wonach

es die schuldigen von jeder strafe befreite, wenn die trau den ehebrecher

an dem sündigen glich- durch die Stadt Btrasse auf Strasse ab zog. Ich

mutmasse gar sehr, dass ursprünglich die ehebrecherin gezwungen


DER HUMOR TM DEUTSCHEN RECHT 145

wurde, eleu mitschuldigen ihres Vergehens mit eigenen händen zu entmannen.

Nicht minder humoristisch ist. was Grimm RA. 453 aus dem

englischen recht anführt. Die wittwe des verstorbenen tenant behielt

ihr frcebench (wittwengut), dum sola et casta fuerit; aber auch wenn

sie sich vergangen hatte, konte sie sich im besitz erhalten, wenn sie

auf einem schwarzen Widder rücklings vor gerieht ritt und einen

demütigenden sprach hersagte, welchen Addison angibt. 1 Das rück-

lingsreiten (jedoch auf einem esel) findet sich auch als strafe der frnuen,

die ihren mann geschlagen; Gierke s. 52. Was aber den widder

betrifft, so fällt mir ein, dass Adam Flasch, Argonautenbilder, München

1870 s. 7 fg. bildliche darstellungen einer auf einem widder

sitzenden frau auf Aphrodite bezieht. Ob also wol der englische rechts-

brauch irgendwie aus einem von den römischen legionen aus Südeuropa

nach England gebrachten brauch herstammen mag?

Ehe ich nun aber die in rede stehende arbeit Gierkes verlasse,

will ich erst noch zu den das. s. 11 anm. 28 angeführten sühnformeln

folgende formel gegen sühn - und friedensbruch hinzufügen , die den

(handschriftlichen) Cos turnen van Antwerpen cap. XXX art. 8

und 9 entnommen ist und so lautet; ,,Hoort, goede mannen, hoort wat

ich hier gehiede van mijns Ghenadichs Heeren, ende van der Stadt

weghen."

„Soo ghebiede ick liier bau ende vrede , van uwes Vaders weghen

ende uwes Moeders wegen, ran mos Broeders ende van uws Susters

wegen, van uws Ooms ende Moyens wegen, van mve Nevcn ende Nicli-

tens weghen, ende van edlen den ghenen dier van bloetx wegen aencle-

ven mögen, heb zy geboren oft. ongeboren soude mögen, worden, at s

verre den wint wayet ende den regen spreyet: So ghebiede

1) Auch Räumer (England 1, 437) erwähnt diesen rechtsbrauch und den

Spruch, welchen die unkeusche wittwe hersagen muste, während sie auf einein

schwarzen bock (d. h. Schafbock, widder), den schwauz in der band, zum näch-

sten gerichtshof ritt; er lautete, wie folgt:

,,Here I am ridiny lipon


146 -' HÖNBAI II

ich ban endi vrede, eenwer/f, anderwerff^ derdewerff, viermael over

recht, dat ghy d'een den anderen hier en boven niet en misdoei noch

doet misdoen, in woorden noch in wercken, heymelick noch openbaer-

lick , by

ii selven noch by yemanden anders, ende oft ghy hier en boven

yei misdoei oß deei misdoen, dat soucU tyn op Soeribrah enä\ Vrede-

birake , ende daer over soudemen van wegen ons G. Heeren des Her-

toghs van Bräbant , rechten oß doen rechten ghelijckmen over eenen

Suvii-hrihcr ntdi Vrede -breiter schuldich waer te rechten, neu den

ouden Lantreehte. Aende ommestaenders gedraghe ick my dat ick den

Vrede aldus ghedaen ende gheboden hebbe."

LÜTTICH. FELIX UEBRECHT.

ÜBEB DAS PASSIONSSPIEL BEI ST. STEPHAN

IN WIEN.

Mein verehrter freund Joseph Maria Wagner in Wien macht

mich gütigst aufmerksam , dass ich bei meiner Untersuchung der Marien-

klagen (Graz, november 1874) das „passionsspiel bei St. Stephan in

Wien," welches durch Albert ritter von Camesina in den Berichten

und mitteilungen des altertumsvereins zu Wien, band X (1869) s. 327

— 348 veröffentlicht wurde, übersehen habe. Der codex nr. 8227 der

k. k. hofbibliothek zu Wien, welchem v. Camesina das passionsspiel ent-

nommen hat, fährt den titel: ,, Kurze Beschreibung auf was Weise die

kais. ßesidenz und Hauptstatt Wienn in Oesterreich anfänglich zum

christlichen < Hauben

bekehrt, wie die geistliche Obrigkeit bis 1685

Item was für Kirchen. Cappel. Cluster daselbst bevindlich, alles mit

sonderbarem Fleiss aus vielen alten Archiven etc. zusammengetragen

durch Joannem Mathiam Testarelle della Massa Bohemie regis equitem

Proth tarium Apostolicum und des Hohen Thumb-Stüffts zu Wienn

Canonicum capitularem ei Seniorem." Der catalogus canonicorum ad

s. Stephanum gibt an, dass Testarella ..obiit 18. Februarii 1693 aeta-

tis 3Üae anno 57."

Die aufzeichnung Testarellas schildert zuerst die ceremonien,

welche am palmsonntag in der Stephanskirche abgehalten werden, dann

die pumpermetten am mittwoch, donnerstag und freitag der charwoche

und gibt den gesang der nach den metten um den friedhof und in der

kirche herumziehenden processionen an. Es folgt eine erzählung der

gründonnerstagsfeier, darauf die passion am charfreitag vormittag. Nach-

dem die grablegung geschildert und die frommen \erse, welche die


PASSIONSSPIEL BEI ST. STEPHAN IN WIEN 147

26 zünfte haben auf die von ihnen gespendeten kerzen (?) schreiben

lassen, aufgezählt worden sind, führt Testarella noch die dramatische

darstellung am charfreitag nachmittag genau an.

Das „Teutsche uralte Gesang" bei der erwähnten procession ent-

hält zunächst zwei lateinische Strophen, in denen Christus und Maria

angerufen werden, mit deutscher Übersetzung.

Darauf folgen — und wol als hauptteil — zwölf deutsche Stro-

phen. Jede derselben enthält vier verse , die in zwei halbverse zu drei

(vier) hebungen mit meist klingender, mitunter gereimter cäsur zer-

fallen. Die endreime sind stumpf. 1 Jeder strophe folgt: Kyrie eleison,

Christe kyrie.

Der processionsgesang soll die hauptmomente des leidens Christi

vor der kreuzigung anführen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass alle

Strophen desselben zu gleicher zeit entstanden sind. Von den letzten

fünf strophen beschäftigen sich nämlich 8— 11 ausschliesslich mit Petrus,

strophe 12 lautet:

0, du armer Judas, wie dein Vatter hiess,

Er hatt ein staubiges Hütel auff, darzu ein rostigen Spiess,

Er thet sich ritterlich wehren, er stundt wohl hinter der Thür.

Als baldt die schlacht fürüber, da tratt er wider herfür.

Diese spottverse passen nicht nur gar nicht zu den früheren strophen

vom leiden Christi, sondern stehen mit ihrer in der bezüglichen sage

nicht begründeten heiteren auffassung von Judas' vater im directen Wider-

spruche zu strophe 7, welche heisst:

du Armer Judas, wass hast du gethan,

Das du Vnssern Herrn also verrathen hast,

Darumb so mustu leiden die höllische Pein,

Lucifers geselle mustu Ewig sein. 2

Diese strophe gibt einen ganz passenden schluss des processionsgesan-

ges ab. Es gewint dadurch auch die folgende notiz Testarellas bedeu-

tung: „Von disem Uhralten gesang werden jeziger Zeit unter obgesag-

ter Procession nur die ersten 7 gesungen." So werden wir wol mit

Zuversicht die letzten fünf strophen als späteren zusatz auffassen kön-

nen. Ob nicht schon innerhalb der ersten sieben strophen eine aus-

1) Mit ausnähme von 3 3 . 4 gefangen : erhangen , welcher reim jedoch im

dialekt auch kann als stumpf gegolten haben.

2) [Es ist die übliche vierte strophe des Kirchenliedes feria quarta septiinanae

sacrae. Vgl. Schmeller ed. Frommann 1, 1203. Z.]


148 '

HÖHBA«

II

Scheidung vorzunehmen sei, lasse ich dahinge belli '

Sicher

abi

dass anter den stropheu 8 12 zuerst 8, LO, ii gesungen wurden.

Denn man vergleiche

:

K. Die Juden kommen gegangen mil einer grossen Bchaar,

Die Jünger all entrannen, St. Peter der blieb Btahn,

Er zucket wol in grimmen vndt schlug in hauffen dar,

Da gab er eim ein schwinderling' vndt traft' in an ein ohr.

und 9. Sir trungeu all den gartten zu. ein Jeder wolt hinein,

Da fielen etlicb Juden mit laithern über die Zäun.

Ks brach einer schier den balss ab, es lahlt kaum umb ein

haar,

Da kam s. Peter auch darzu, vndt sehlug ihm ab das «dir.

Diese beiden darstellungen desselben ereignisses können nicht wol nach

einander gesungen worden sein, sondern nur eine von beiden konte

verwendet werden. Ich möchte Btrophe 8 für die ältere halten.

-

\'*>n der am charfreitag vormittag

aufzuführenden passion sagt

Testarella: „Unter wehrenden Gottesdienst wird herunten in der Kir-

chen auff der Bühn, da dass Drucirix den vorigen tag darauff gestellt

wordten, von den Stewerdienern der Stadt Wienn das bittere Leyden

«»der passion vnsers lieben Herren durch die von Uhralten Zeiten hero

verfasste reymen dem Volck vorgetragen."

Das nun folgende stück wird mit unrecht ein passionsspiel genant,

wie schon v. Camesina selbst s. 342 bemerkt hat. Denn es enthält

klagen über den tod Christi, Verhandlungen des Joseph von Arimathäa

mit Pilatus und die grablegung.

Zuerst spricht prologus i7n verse. Die einleitung wird durch

eine in dm oblit hen worten abgetasste aut't'orderung zum schweigen

gebildet. Was prologus aber erzählt, unterscheidet sich von dem bei

anderen stücken gegebenen resume des leidens Christi. Ein solches

1; Es lautet :3:

Pilatus viul Bein knechte, Judas der falsche Mann.

Die haben gar vnrechte an vnsern herrn gethan.

Ks blieb nicht vngeraheu (1. angerochen), Bie worden gefangen

Pilatus war erstochen vndt Judas erhangen,

and 6, Pilatus hat unrechte an trnsern herrn gethan.

Die widerholung ist auffallend und 3 hat hauptsächlich auf das künftige Bchicksal

von Pilatus und Judas hinzuweisen. Mnu oehme hinzu anm. 1.

2) Schwinderimg— niaulschelle, wol eine gründliche, worüber einem hören und

seilen vergeht. Schneller, bair. wörterb. s II 637. [Weinhold, beitrage zu einen

Bchlesischen wörterbuche Wien 1855 b. 8!». Z.]


PASSIONSSPIEL BEI S. STEPHAN IN WIEN 149

begint erst mit vers 43. In der vorhergehenden partie wird davon

geredet, dass Christi leben von der geburt im stall bei mitternächt-

licher kälte bis zum kreuzestode nichts als leiden enthalten habe.

Daran schliessen sich die verse 39— 42:

Nun bitt ich euch durchs jüngst gericht,

halt diess nicht für ein schlechtes gedieht,

last Euchs einmahl zu hertzen gähn,

hebt also zu gedencken an.

Nach dieser sonderbaren einschaltung und ermahnung wird nun wie

in der Bordesholmer Marienklage (HZ. XIII, 288 fgg.), in der tiro-

lischen klage mit den propheten (Pichler, über das drama des mittel-

alters in Tirol s. 115 fgg.) und andern das leiden Christi rasch berich-

tet und mahnworte angeknüpft. 1 Ich glaube, dass die erste partie

spät zugesetzt worden ist.

Magdalena und die beiden ersten Marien sprechen klagen. Die

verse jeder dieser drei personen und auch die der meisten folgenden

zerfallen in zwei teile, einen der gesprochen und einen der gesagt

wird. Es hat sich in dieser differenzierung der alte unterschied der

cantat- und dicitverse lebendig erhalten. Magdalena klagt in ihrer

rede ihre frühere Sündhaftigkeit als Ursache des todes Christi an. In

ihren versen erinnert

Meine weltliche freüdt im rosengartt

bringt solchen lohn

an das „mimdi delectatio" derselben frau im Benedictbeurer osterspiel.

Ist der „rosengartt'' vielleicht mit der „auwe" zusammenzuhalten, in

welcher Magdalena mit dem Jüngling nach dem von Jos. Haupt (im

I. bände von Wagners Archiv für die geschichte der deutschen spräche

und dichtung) veröffentlichten osterspiele v. 311 fgg. sich aufhielt?

Die verse der beiden ersten Marien enthalten nur Umschreibun-

gen der die Trierer Marienklage (Fundgruben II, 260) einleitenden

allgemein bekanten worte. Maria, die mutter Christi, spricht zuerst

4 verse:

0, liebe kinder der Christenheit,

helfft mir tragen mein gross hertzen leydt,

auff klieb sich die Erdt und die stein,

dazu die gräber ins gemein.

Hier sind die schon erwähnten ersten verse der Trierer Marienklage:

auffallen.

1) Dass 97. 8 koht : spott, 125. 6 Stadt : katt gereimt wird, darf nicli!


160 3< BÖNBACH

lieben kint der kristenheit,

holfei klagen mir nun gröz herzeleit.

Mm klage ist erde unde steine

und die ganze werlde algemeine usw. 1

mit dem in meiner schrift als XI bezeichneten gemeinschaftlichen

versikel

:

diu Banne birget iren schin

al der werlt gemeine.

diu erde erbidemt, swie si lit

öf kliebent sich die steine

in gedankenlosester weise zusammengearbeitet. Für das schlechte

gedäclitnis des verlasset war ..stein" der anhaltspunkt zur Verknüpfung.

Die verse, welche Maria sagt, gehören diesem stücke an. enthalten

aber nichts merkwürdiges. Johannes spricht 10 trostverse, die nur ofl

verwendete gedanken widergeben, ohne dass man sie einer bestirnten

quelle zuweisen könte. Dagegen sind die vier von Maria gesprochenen

verse. welche folgen

:

Ihr Prawen klagt den jamer mein.

wie ist erzogen das kindte mein

mit ruthen und mit geisslen ser,

Ich weiss nicht wo Ich mich von mein lieben Kindl hin kein

nur eine aus mangelhaftem gedächtnis aufgezeichnete fassung von 41— l.">

der Münchner Marienklage (Altdeutsche blätter II. 374 fg.):

Lieb frawn, ich ehlag den schaden mein:

mir ist erezogen mein kindelein

mit wunden und mit pesemser.

wellend ich vil armew eher

von meinem lieben chinde

Auch in dem passionsspiel aus Bger (Germania 111. 284, 1 7 t-

sind diese verse erhalten. Was Maria weiter sagt, das erinnert in -einem

anfange an die klagen in dem Trierer stück 264, 27 fgg. und

268, 21 fgg., welche auch sonst vorkommen. Aber schon die nächsten

verse. die Christi heilende tätigkeil besprechen, sind wider eigenes

werk des verfasseis. Es folgi eine -eene zwischen Simon und Maria.

Simmis verse sind aeu. VW spricht sie. indem er ..das schwerdt auss-

ziehet und giebts Maria ins hertz." Das ist dieselbe action . welche

mit Mana in der Bordesholmer klage ausgeführt wird. Dort gibt die

l) Besser im Alsfelder pabsiuns^iele (ausgäbe von Grein) .">'.»ü6 fgg.

!


PASSIONSSPIEL BEI ST. STEPHAN IN WIEN 151

spielordnung Marias bewegimgen an, welche sie ausführt „cum gladio

Symeonis quem tenet beatus Johannes ante pectus ejus." Man vergleiche

noch daselbst die spielangaben vor den versen 376, 400, 421, 173. 567,

654. 690. Die antwort Marias:

Ein scharffes schwerdt mir geheizzen war

aus Simeonis munde,

Jesu Christ, da ich deiner genass.

das schneidt mich beut zur stunde.

gibt nur die von mir unter VI zusammengefassten verse wider, welche

lauten

;

ein swert mir geheizzen was

von Simeonis munde,

Jhesu Krist, do ich din genas;

daz snidet mich ze stunde.

Marias nächste acht verse umschreiben nur das eben angeführte.

Die scene der abnähme Christi vom kreuze hat der Verfasser des

vorliegenden stückes mit einer ausführlichkeit , welche sonst nur im

Alsfelder passionsspiele vorkomt, in eigenen versen bearbeitet, ja aueb

mit neuen zügeri bereichert. Zwar ist der Schutzengel, welcher zuerst

den Longmus ermahnt und dann alle sünder, hier übel hereingebracht,

um so besser ist, dass Longinus vom Pilatus abgesant wird, um nach-

zusehen,

ob Er schon gestorben sey.

Longinus sticht in die seite Christi, wird sehend und zeigt den tod

des erlösers dem Pilatus an. So steht die Longinusscene in sicherer

Verbindung mit dem ganzen. Im Alsfelder passionsspiele sendet Pilatus

den centurio und die Longinusscene bleibt unvermittelt. Auch des Pila-

tus söhn, der seinen hier ohnedies sehr mild behandelten vater zu ent-

schuldigen sucht, ist von dem Verfasser selbst hinzugetan worden.

Maria und Johannes besprechen den entschluss, der abnähme vom

kreuze beiwohnen zu wollen. Wenn auch die ersten 18 verse keines-

wegs ganz neu sind, so gehören doch die letzten 12 diesem stücke.

Joseph redet nur Maria mit der bitte an, dass ihm gestattet werde,

Christum zu begraben. Die acht verse, welche Maria antwortet, sind

höchst ungeschickt interpoliert, 1 denn in der spielangabe heisst es

sogleich: „Maria schweigt still und Johannes redet an statt Maria zu

Joseph." Johannes sagt:

1) Die beiden ersten verse dieser stelle rinden sich, an Nicodemus gerichtet,

im Alsfelder passionsspiele 6695. 6.


152 [ÖWB \< B

Josseph


PASSIONSSPIEL BEI ST. STEPHAN IN WIEN 153

Zu den folgenden vier Versen Marias vergleiche man auch v. 90

der oben erwähnten Münchner Marienklage.

72 verse werden noch am Vormittage beim heiligen grabe von

den drei Marien. Magdalena und Johannes gesprochen. Sie gehören

unserm stücke. Johannes führt Maria auf den berg Sion.

Die verse der am charfreitag nachmittag um das heilige grab

herum aufgeführten scene mahnen zwar häufig an in andern Marien-

klagen vorkommendes, sind aber selbständig. 1 Jedoch ist diese nach-

mittagsklage nur eine erweiterung der vormittagsklage; die verse, welche

Johannes 330 b vormittags spricht, hat er sehr ähnlich 337c nachmit-

tags zu sagen. Die ganze scene enthält gar keine handlung und ist

offenbar entstanden, um der Sehnsucht des volkes nach recht vieler

herzbrechenden klagen zu genügen.

Der Verfasser des Wiener Stückes — dessen entstehungszeit wol

erst in die zweite hälfte des XVI. Jahrhunderts fällt — hat ohne zwei-

fei eine der alten Marienklagen gekaut, ganz gewiss aber nicht mehr

vor sich gehabt. Dass diese alte klage der gruppe angehört hat, welche

aus den in meiner schrift als DEF bezeichneten stücken — also der

Münchner, Trierer und der ins Alsfelder passionsspiel aulgenommenen

Marienklage — besteht , ist nach den gegebenen anführungen wol sicher.

GEAZ, IM NOVEMBEK 1874. ANTON SCHÖNBACH.

1) Zu den Worten Marias beim grabe 338 c vergleiche man Fundgr. II. 260,

8 i'gg. und Alsfelder passionsspiel 5912 fgg. — Marias verse 337 c beginnen mit

einer Übersetzung des: Quis dubit capiti meo aquetm et oculis meis fontem lacrimarum?

etc. Jerem 9, 1.

DIE ORTSNAMEN DES KREISES WEISSENBURG

IM ELSASS.

Mit vollem rechte findet W. Hertz in den sagen des Elsass 1

„noch urdeutsches Volkstum." bei welchem „von verwälschung nichts

zu spüren " ist. Darum geht er in das reich der sage zurück und zeigt

uns, wie sage und geschichte im Elsass in engster Verbindung stehn,

wie „die nationale eigenart der Elsässer deutsch, kerndeutsch" ist.

Ein gleiches interesse wie die sagen bieten uns die Ortsnamen

und um so mehr, da gerade sie am meisten uns die alten formen

bewahrt haben, die ihnen von den alamannischen und fränkischen vor-

fahren unserer heutigen Elsässer gegeben worden sind.

1) Deutsche sage im Elsass. Stuttgart 1872.


154 BOSS]

Im folgenden sollen nun nur die Ortsnamen eines and /.war fasl

durchweg von Pranken bewohnten kreisea besprochen werden: hoffent-

lich kann in kürze eine bearbeitung der Ortsnamen des ganzen Elsi

nachfolgen. Bei der jetzigen arbeit mosten besonders die Traditiones

jionesque Wizzenburgenses (herausgegeben vonZeuss, Speier 1842)

berücksichtigt werden, die nicht allein eine sehr vollständige samlung

von Urkunden vom 1. mai 693 an bis zum 25. april s »>i enthalten,

enthalten, sondern auch in ihrem /weiten teile eine grosse anzahl von

Ortsnamen in der spräche des 13. Jahrhunderts bieten. Von Schöpf-

lins Alsatia illustrata wurde die bearbeitung von Ravenez (•"> bände,

Mühlhausen 1849 — 1852 1. ausserdem das Dictionnaire g£ographique,

historique et statistique von Baquol (Strassburg 1851), Schöpflins Alsa-

tia diplomatica, B. Hertzog, Edelsasser Cronik u. a. benutzt. Die

anordnung ist im grossen und ganzen die von Weigand (Oberhessische

Ortsnamen im Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde.

Aus den Schriften des historischen Vereins für das Grossherzogthum Hes-

sen bd. 7 s. 2 I ! - -332) eingehaltene wenn auch einige änderungeu

eintreten musten.

Nach einer ziemlich allgemeingültigen beobaehtung sind die ein-

fachen Ortsnamen im vergleich mit den zusammengesetzten nur sehr

wenige. Die auch hier vereinzelt auftretenden einfachen Ortsnamen

sind meist dative mit ursprünglichem aber schon frühe wider

weggefallenem :/'. :< v . zu

und dem artikel. Hierher gehöreu zuerst als

ursprüngliche dative des Singular:

Bühl, zu 'Irin buhelen, bühelen, bühel, zu dem massigen hügel

(and. puhil, buhil, auch puol, buoT); Rott, Rode quod vülgo dicitur

Manglotzanda Poss. W.. zu der anrodung, dem neubruche, von ahd.

daß rod. Mit dem keltischen stamm sal, deutsch Salt: Selz. im Iti-

nerarium A.ntonini (vergl. Als. 111. 1. 568) Saletio, bei Arnmian VI. 2

Saliso, bei Fredegar (7. Jahrh.) S«/iss,t. unter den Ottonen Salise,

Salso, Salisa, Celsa, oppidum Salsense (Als. ill. I. 131; Baquol 395),

Salsa 1084 und L213, dazu in den Poss. W. in pago salinense, mit-

hin zur salzstadt. Auch Sulz, villa sulcia 737, Sulsa in den Poss.

hat Beinen namen von einer nicht vor gar langer zeit noch benutzten

Salzquelle. Zu dem nämlichen stamme gehören endlich auch die am

Selzbache gelegenen orte Riedselz (ritsalse Poss.) und Stein selz.

Wörth, Werda L132, se dem werde, zu der von dem Sauerbache (der

Sauen gebildeten Insel (ahd. warid).

Bin dativ plur. lässl sich in dem kreise nicht aufweisen. Dage-

gen sind mehrere einfache Ortsnamen von personennamen gebildet, und

zwar:


ORTSNAMEN DES KREISES WEISSENBÜRG IM ELSASS 155

Hatten, Hadana villa 808, Hatana 81 G, zum Wohnsitze des

Hado oder Hatto , während Förstemann (Die deutschen Ortsnamen,

Nordhausen 1863. s. 232 fg.) hier einen eigentlichen flussnamen ver-

mutet. Ködern, Rotheren 1084, auch Rutheren, zum Wohnsitze des

Rother oder Ruther, in Oher-Rödern und Nieder -Ködern, welches

letztere einige für das von Ptolemäus im gebiete der Nemeter genante

Rufiana halten wollen. Siegen, zum Wohnsitze des Sigo (vergl. För-

stemann, altdeutsches Namenbuch I, 1086).

Endlich schliesst sich hier noch an Mothern, vielleicht Matra-

vitta in Urkunden des 8. und 9. Jahrhunderts, zum Wohnsitze an der

Moder, was aber wol auf Modern bei Buchsweiler zu beziehen ist.

Mothern im kreise Weissenburg ist dagegen „ zum Wohnsitze des Mothar

oder Mother" (Förstemann, altd. Namenb. I, 934).

Durch Zusammensetzung sind weitaus die meisten Ortsnamen

gebildet, und zwar:

1) Mit ahd. diu aha, got. ahva (entsprechend dem lateinischen

aqua): Kefenach, zu dem wasser, an welchem schoten- und hülsen-

früchte (ahd. diu chevä, mhd. keve , schote, hülse) wachsen. Hierher

gehört wol auch Lob sann, früher Lubesähe, auch Lusau und Lubesan

(1347), vielleicht zum wasser, an dem koriander (luopi, luopes)

wächst.

2) Mit ahd. der und diu pah, bah, mhd. back, kleines rliessendes

wasser: Asbach (Aschbach), ein im Elsass mehrmals vorkommender

name, Aspa-ahd, zum wasser, an dem die espe (ahd. aspa) wächst.

Birlenbach, früher Birelbach, was auf ahd. biril, korb schliessen

lässt, zum bache, an welchem korbweiden wachsen. Breinmelsbach,

zum bache, andern die brombeere (ahd. bräma) wächst. Diefenbach,

öfters im Elsass vorkommend, im 15. Jahrhundert in der Diefenbach,

zum tiefen bache. Dürrenbach, auch ein im Elsass mehrfach und

früher als Durrenbach (12. jahrh.), an dem Dürrenbach (15. jahrh.) vorkommender

Ortsname, zu dem dürftigen (ahd. durri), d. h. im sommer

austrocknenden bache. Eb erb ach, Erbenmlare 80«, mithin mit Eribo,

Erbo, nhd. erbe zusammengesetzt, zum aufenthalte des Eribo. E schleich,

zum bache, an welchem die esche, der ase, wächst. Klim-

bach, Klincbach, zum rieselnden oder rauschenden bache (vergl. ahd.

Tdingari). Laubach, zu dem mit laub überwachsenen bache. Lem-

bach, Lonmibuach 786 (von Zeuss für Laubach gehalten), Lonenbuoch,

Lonenbuacho, Loenenbach (mit Übergang des buoch in bacJi), also eigent-

lich zum Lohn- oder Lehen - buchwalde (ahd. Ion und buocha): in der

tat ist Lembach ein leben des bistums Strassburg gewesen. Über den

Übergang des lonun- , loenen- in Lern- vergl. Als. 111. III, 315. Lau-


156

Bossr-ER

berbach (Ober- and Nieder-), Lüterenbach , zum bellen bache. Salmbach,

Salhuribach 1046, Sdlenbach Poss. W., später Salembach, zum

bache, an welchem die weide (ahd. salaha, pluv. salahun, salhen)

wächst. Seebach (Nieder- und Ober-), schon sein- frühe Sebach,

/ihm bache, der sich dort seeartig (got. satvs, ahd. sco) erweitert.

Spachbach wird wo! aus aspa-aha entstanden und -bach ein späte-

rer zusatz sein, do die erklärung ..zum lärmenden (von mhd. spähen,

lärm machen) bache" zu gewagt erscheinen imiss. Steinbach (Ober-

i ; iitl Nieder-), /um Bteinigen bache. Sulzbach (Langen-), Solzbach

1369, von dem bache benant, der den ort durchfliessl und den stamm

sii/i . eine im Verhältnisse des ablauts stellende nebenform zu sali

(s. oben bei Selz) in sieh schliesst. Trimbach, Drigenbach, zu dem

orte, an welchem sieh drei (drigi \

kleine

bäche vereinigen. Winzen-

bach, Wimingas 77 1. auch Wimingen, ersi später Wimenbach 1163,

also eigentlich zum besitze des Winzo «»der Wanzo (Graff, althochd.

Sprachschatz I. 906). Dagegen ist Sundsbach eine misverstandene

form für Hunspach, in Hunonis pago, im gebiete desHuno (statt Uno,

Inno mit unorganischem h.)

3) Mit brunnen, born, bronn, aussprudelnde zu tage kommende

quelle (ahd. der prunno, brunno, mhd. brunne): Drachenbronn,

Pfaffenbronn (weil der Weissenburger abtei gehörig) und Morsbronn

(Mornsbrunnen 1219, zum brunnen des Bioring oder Mauring,

nhd. Möhring).

4)

Mit ahd. diu puruc, burc: mhd. burc, nhd. bürg, mit mauern

umschlossener ort; Kleeburg, Klea Poss. W.. entweder zu ahd. kle }

nhd. Tdee oder /n nlnl. Mei, engl, clay, thon gehörig, vergl. Pörste-

maiin. altd. Namenbuch II. (2. bearbeitung), s. 408. — Lauterburg,

\(.'> alten ortes auch

name der heutigen stadt. \Yi- :.iiiihiinj , Wittenberg 675, Sebusium

(Beat. Khen. Eier. germ. III 324), Albiburgum hei Peutinger, auch Leu-

copolis — zur bürg vom weissen aussehen. Dagegen i-l \\ alburg

keine Zusammensetzung, sondern der name der heiligen Walpurgis, der

dort in dem Hagenauer wähle idem heiligen forste) eine gegen die mitte

des 16. Jahrhunderte an das Weissenburger stifl gekommene abtei geweiht

gewesen ist.


ORTSNAMEN HKS KREISES WEISSENBÜRG IM ELSASS 157

5) Mit daz dorf, dorf: Betschdorf (Ober- und Nieder-), analog

Betschweiler am Odilienberg aus Bernhardsdorf später Bertschdorf ent-

standen und nicht, wie Scböpflin annimt, aus Biberesdorf. Dischel-

dorf, vielleicht, Disteldorf, zum dorfe, bei welchem viele disteln (ahd.

distiV) wachsen. Goersdorf, villa Gerleches, Gerlaigesvilare , Gerlaigo-

vilare, Gerlaichestorf, Gerlachestorf 8. jahrh. , zudem dorfe des Geroläli

(Gerlach) oder Gairelaig (Gerlich), s. Förstemann , altd. Namenb. I, 482.

' Kessel dorf ist vielleicht ähnlich zu erklären wie das oberhessische Kes-

selbach (Weigand a. a. o. s. 275): zum dorfe, „bei welchem der kessel

zum kochen des opferfleisches über das feuer gesetzt zu werden pflegt;''

wenn es nicht einfacher „zu dem in einem talkessel gelegenen dorfe u

ist; an den personennamen Kesil, Cheeelo ist wol nicht zu denken.

Mitschdorf, Mediovilla Tbl, Muzäinchesdorph 791, Mmzingdorf, zum

dorfe des Muzziuc. Oberdorf, Oberndorf 1332 , zu dem oberen dorfe.

Preuschdorf, Bruningesdorf 772, dann Bruoningesdorf und Briunges-

dorf, zum dorfe des Brüninc (abkömling des Bruno), nhd. Breuning,

Brüning. Vergl. Breungeshain bei Weigand a. a. o. s. 310.

6) Mit ahd. hart, wald , zusammengesetzt ist Scheibenhar d

Scheibenhart 1206, wol corrumpiert und vielleicht statt Scheidenhart,

zum gräuzwalde.

7) Mit daz heim, haus, das man bewohnt, wohnsitz, heimat:

Beinheim, Badanandovilla, Batanandovillal^h, &iiGh.Batanandovilare,

Batenandovilare , das später zu Banenheim , Bainenehain 773, Beinen-

heim, Beninheim 884 geworden ist - zu dem Wohnsitze des Badanand

oder Batanand (Förstemann, altd. Namenb. T , 199). Biblisheim,

Biberes- und Bibures - , später (1310) Bibelies, zu dem an dem Biber-

bache gelegenen wohnsitze. Forstheim, zu dem im wähle gelegenen

Wohnsitze. Hegeney, ' Aginoni villa 78G, Heckenheim 1158, zu dem

von Agino (Hagino, Hegino), dem vater des in der Urkunde vom jähr

786 (Trad. W. nr. 82) als donator genanten Engilbertus, erbauten und

nach ihm hemmten wohnsitze. Ingolsheim, Ingoldeshahe und Ingol-

desaha Poss. W., zum wohnsitze des Ingolt. Win g en = Windheim,

zu dem dem winde ausgesetzten Wohnorte.

8) Mit hoven, dem dativ plur. von der hof hof, „Inbegriff der zu

einem gute gehörigen gebäude," was auch als simplex in Hoffen, frü-

her wol auch hoeffen, vorkomt: Geiter shöfen. zu den höfen des

Giselbert (?). Oberhofen, zu den oberen höfen. Memmelshofen,

Meinmolshoven , Meimelshofen 1347, zu den höfen des Maginold oder

Meinhold. Rittershofen. Bottershoven 1227, auch Butershofen, zu

den höfen des Hruodhart oder Ruthart.

,


158

Mit nilnl hüsen, ahd. hüsun von dat hüs, ohd. hau-: Albrechtshausr

11. zu den häusern des Albrecht. Elsasshausen, Eselshusen

1422, ' wol aus Ecelishusen entstanden, zu den häusern des Azzilo oder

Ezzilo. Kui zenhausen, Chusincusi 742, KttferenÄMsew 1312, zu den

häusern des Chuzo (Förstemann, altd. Namenb. I, 317). Münchhau-

sen, Munihhusa 788, Munihhusen Poss..W., zu den häusern der

mönche." Schaffhausen, Scaphusa 782, Scafhusa, Scaphhuson 784,

Scaphhusa 788, nach Förstemann, altd. Namenb. II, 1296 fg., zu den

Vorrats- oder lagerhäusern , was auch auf die läge am Rheine passt.

'- KK

10) Mit ahd. loh, lucus, wald: Hölschloch, Hddenslug, Hei-

lensloch, zum walde des Heribold. Lampertsloch, zum wähle des

Lampold oder Lampert.

11) Namen mit stat, stadt: Altenstadt oder Altstadt, .:/ dero

Altunstat, Aldenstatj noch jetzt heim volke „in der Altstadt," zu der

allen Ortschaft, im gegensatze zum neueren Weissenburg, dessen namen

Altenstadt früher trug, wie aus einer Urkunde des 8. Jahrhunderts her-

vorgeht, in welcher das monasterium Wiseriburg neben dem castrum

Wüenburg genant wird (Trad. W. nr. 152). Letzteres, sowie auch das

Nithardi historiarum lib. III c. 5 genante Wi$$ünburg 3 kann sich aber

nur auf Altenstadt beziehen, auch beweist eine Urkunde vom jähre 77.">

(Trad. \Y. nr. 108), dass das kloster Weissenburg in Altenstädter gemar-

kung (in marca urenvilare) erbaut worden ist. Altenstadt heisst in

einer Urkunde Heinrichs VII. aus dem jähre 1311 und auch sonst Otters

vetus viüa, nach Schöpflin (Als. ill. I, 583) ist es das römische Con-

cordia; übrigens ist es wenigstens zweifelhaft, ob der ort römischen

Ursprungs ist: die dort in gräbern des 17. und 18. Jahrhunderts gefun-

denen römischen münzen sind nicht als beweis für jene behauptung

anzunehmen. — Gunstett, vielleicht zur kampfstätte (ahd. gund).

L2) Mii daß tat, thal : Schleithal,

nach der analogie von

Schleifeld in Oberhessen (Weigand a.a.O. s. 287 fg.), zu dem an einem

sanften abhänge gelegenen thale. Matt st all. im 16. Jahrhundert

Matstal, zum wiesenthal (ahd. mato, mhd. mate, nhd. matte wiese).

13) Mit dem vora lateinischen villa hergeleiteten vilare, ahd. wilari,

ioiler,


SELLO, BESPRECHÜNGSFORMELN 159

nennamen zusammengesetzt: Fröschweiler, Froschelm 820 , Frösch-

wilre 1406, nach Förstemann (die deutschen Ortsnamen s. 147) aus

Frosincheini hervorgegangen, zum Wohnsitze der Frotsindis. Hermersweiler,

Hermannsweiler, zum Wohnsitze des Hermann. Hochwei-

le r, Hohenwilari 8. jahrh., Hochweiler 1521. Kröttweiler (auch

Grepern) ist wol eine arg corrumpierte form für Gretweiler. Leutersw

eil er (auch Leitersweiler) liutereswüari 1356, zum Wohnsitze des

Leuthard. Merkweiler, Margbergavillare 769 , später Merchweiler,

zum wohnsitze der Marcberg (Förstemann, altd. Namenb. I, 913). Merz-

weiler, Morezunwilare und Morisaniviler 968, 1 zum wohnsitze des

Morizo, Gen. Morizun. Reimersweiler, Mmemvilare , villaRemoni,

zum wohnsitze des Ragimar, Reginmar, Rainmar, nhd. Reimer. Retschweiler,

Retersweiler 1391, zum wohnsitze des Retere, Rathar. Schwab-

weiler, Suäbwilare, 13. Jahrhundert, zum wohnsitze des Suabo, nhd.

Schwab.

WEISSENBURG I. E. IM MÄRZ 1873. DR. LUDWIG BOSSLER.

1) Am 16. november 968 übergab Kaiser Otto I. seiner gemalin Adelheid

fünf königliche Schlösser im Elsass, darunter auch M.

BESPRECHUNGSFORMELN UND NOTFEUER.

Aus den im original in meinem besitze befindlichen acten über

einen zu Wittenburg in Mecklenburg im märz/april 1689 abgehandelten

hexenprocess entnehme ich folgende besprechungsformeln:

I. Dit Hövet Vei hefft sick Verfangen

Unse H. Christus ist gehangen,

Sobalt alse Unse H. Christus ist vom Hangen Kahmen,

sobalt schall dem Hövet Vei dat Verfangen Vergahn.

Im Nahmen des Vaders, des Sähns und des Hillgen Geistes.

In zeile 3 und 4 lässt sich der reim leicht durch umstellen der

Schlussworte herstellen.

Vgl. Kuhn und Schwarz, nordd. sagen s. 450, no. 383. Kuhn,

mark, sagen s. 388.

IL Dat Hövet Vei hefft sich Verfangen

Im Water undt im Winde.

Vgl. Kuhn und Schwarz, nordd. sagen s. 450, no. 384.

ZEIT8CHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. VI. BD. 11


160

iao

III. Gegen das mal auf dem äuge bei vidi and menschen:

Drey Janfern lepen gerade, gerade, gerade.

Dei eine lep dat graß Uth der Erde,

üei Ander lep dat lofl" vani Böhm,

Dei Drüdde lep dat Mahl vam oge

Im Nahmen usw.

vgl. Kuhn und Schwarz, nordd. sagen s. 441 no. 331, s. 442 no. 333.

Ad. AYuttke, der deutsche volksaberglaube, 2. bearb. s. 160.

IV. "Wider das Unbenämbt oder Heyl. Ding.

Die Glocken sindt woll geklungen

Dem Hill igen Dinge ist woll gelungen.

Du schast nicht Ecken,

Du schast nicht strecken,

Du schast nicht kellen,

Du schast nicht schwellen,

Du schast still stahn,

Asset Marien Ehren Ahten hefffc gähn.

Im Nahmen usw.

vgl. K. Russ, bilder aus der volksheilmittelkunde. Unsere zeit bd. 18,

s. 711 :

Ich höre eine glocke klingen

Und alle heiligen singen,

Und ein heiliges gebet lesen,

Du sollst vom ro tl auf genesen.

AVuttke a. a. o. s. 161 von der rose. Vgl. Grimm, Deutsches wörterb.

2, 1164. 10. Frischbier, Hexenspruch und Zauberbann (in der prov.

l'reussen). Berlin 1870 s. 82 fgg.

V. Christus hielt off seine Handt,

Damit Stille Ick für und Brandt.

Im Nahmen usw.

Wenn die inouisitin diese worte gesprochen, so hätte sie dabei

„gepustet."

vgl. Wuttke a. a. o. s. 161.

VI. Den huck hätte sie folgender massen gestillt:

Sie nehme einen Keßelhaken, so ufn fear beide hengende, in

die handt, ließ den Ahten darüber gehen undt .Tapete darüber

undt sagte:


Jode, Joduth

BESPKECHUNGSi'OßMELN 161

Ick kan den Kehtelhaken nicht upschluken.

Im Nahmen usw.

Ausdrücklich wird bemerkt, dass sie niemals „amen" dabei gesagt

habe. (Vgl. Alb. Höfer, bienensegen aus Pommern. Germ. I, 109.)

„Wenn das Zäpfchen angeschwollen ist und dadurch, grösser

geworden, die hintere zunge berührt, so sagt man, die hucke, d. i.

das Zäpfchen, ist herabgefallen. Die hucke muss wider aufgezogen

werden , was gewöhnlich mit einem löffelstiel geschieht , den man gegen

das Zäpfchen drückt" usw. Frischbier a. a. o. s. 65.

Wenn eine hexe einer andern ihre künste mitteilen will, so nimt

sie einen weissen stock von der Strasse beim zäune, tut ihn ihr in die

band und sagt, sie sollte „an den witten stock griepen undt gott vor-

iahten."

Der teufel erscheint als ein „glatter kerl," schwarz gekleidet, mit

einem krähenfuss und schwarzem hut.

Drei- oder viermal hat inquisitin mit dem teufel gebuhlt, und

ist es darnach wie ein schwarzer vogel in gestalt einer krähe von ihr

gekommen und fortgeflogen.

milchen.

Inquisitin kann mittels eines „senckels" aus einem „Ständer"

Hierzu füge ich eine stelle aus Hieronymus Bocks kräuter-

buch, fol. 404 der ausgäbe von 1587, Strassburg, über das notfeuer,

welche in Grimms mythologie wenigstens nicht steht:

Und darmit ich der Nerrischen superstition unnd mißbreuch einer

gedencke, so haben etliche der Teutschen, sonderlich im Waßgaw,

ein solchen glauben und zuuersicht, so bald ein Vihe sterben einher

feit, vermöge dasselbig durch kein ander mittel abgeschafft werden, es

werde dann ein Notfewr angezogen, das bringen sie auß dürrem

Eichen holtz, mit großem not gezwang einer stangen zu wegen, die-

selbig muß man auff dem dürren Eichen holtz mit gewalt wie ein

schleiffstein herumber treiben, und ist solche stang auff beiden seitten

der understen höltzer mit ketten angebunden, das sie keins wegs mag.

weichen , unnd so man gemelte gebundene stang ein zeit lang mit arbeit

umbtreibet, so kompt nach "viler bewegung erstmals ein grosse hitz,

nach der hitz folget ein Kauch, und nach dem Kauch enttzündet sich

das Notfewr, das empfahet man mit andacht und grosser reverentz inn

Zunder unnd anders.

11*


162

SKi.ut

Auff solch gezwungen Notfewr seind etliche dungfrawen blosses

leibe, mit etlichen Ceremonien ordiniert uml bestellet, tragen blosse

Schwerter inn ihren händen, darzü sprechen sie ihre reimen unnd sprüch,

als bald darnach wfirt ein grosses Fewr angezündet mit vilem holtz,

zu stund treibet man das Vihe mit ernst und andacht durch das errun-

gen Notfewr, guter hoffnuug und Zuversicht der Unfall unnd Vihe ster-

ben soll dardurch gewendet werden, und wie diß Volck glaubet, also

geschichts etwann.

Man muß aber vorhin, ehe das Notfewr gemachet ist, alle andere

Fewr im Dorff und Flecken, als untüchtig unnd schädlich, mit Was-

ser außleschen, unnd so jemands diß gebot uberfüre, der würt hart

gebüsset.

POTSDAM. DR. G. SELLO.

ZUR DEUTSCHEN HELDENSAGE.

1. Möllenhoff, Zeugnisse und excurse XXX, 10 (Haupts zeitschr.

12, 379) gibt aus Jacob Ayrers historischem processus iuris, 1656,

interessante Zeugnisse zum Hürnen -Siegfriedslied. Es sei mir gestattet,

aus der ausgäbe Frankfurt a/M. 1604 fol. einige kleine ergänzungen und

Varianten mitzuteilen.

S. 331 spricht Belial in der versamlung der teufel: „dergleichen

wollen wir den riesen Küpe ran, welcher mit dem Hürnen Sew-

fried dergleichen sachen gehabt, zum zeugen benennen."

S. 342 (1656 s. 538): „so hat der rieß Kuperan dem ritter Sieg-

fried, könig Sigmunds in Niderland söhn, für den Schlüssel, welchen

er zu Crain gehalten" (Verunstaltung des namens, die einigermassen

zu Nie. Olahus Kreinheiltz, Grimm, HS. 2. aurl. 307 stimt), „deÄ

kniiigs Leibrechts tochter am Rhein in gefüngnuß gehabt, unwarliaff-

ter weiß verläugnet, und darnach zum andermal ein falschen eydt dar-

wider geschworen und sich darmit meineydig gemacht und sich selbsten

berühmbt" (scheint mir mit rücksicht auf Hi'un. Seyfr. 113 passender

als 1656 „beraubt"), „daß er nicht zeug sein könne."

Nicht uninteressant ist auch s. 362: „Letzter zeug der rieß

Kuperan, der ein ungläubiger heyd, epicurer, tyrann und todtschläger

ist, antwort zu dem andern gemeinen fragstück, er hat) sich mit essen

und trinken entehrt. Und bey dem sechsten fragstück, er sey darumb


ZUR DEUTSCHEN HELDENSAGE 163

ein ritter und kriegsmann, daß er die leut erschlagen wöll, hab ihr

viel erschlagen und hab auch selbsten einen solchen lohn empfangen."

2. Erwähnenswert scheint es mir auch, was Hermann Conring

de origine iuris Germania cap. XXX (Jena 1720 s. 180) vom Verfasser

des Ssp. erzählt:

„Aliis dicitur Epko: nonnullis etiam Eccardus audit, crediturque

is esse fidus Eccardus qui in proverbium apud Germanos abiit,

quod tarnen nihil habet simile vero."

Ich habe diese stelle noch nicht erwähnt gefunden, und kann es

hierbei nicht unterlassen, meine Verwunderung auszusprechen, dass

K. Bartsch in seinem vortrage „Die deutsche treue in sage und poesie

1867" den in die altgermanische sage eingedrungenen geist des Christen-

tums besonders in der gestalt des vor dem Venusberge sitzenden treuen

Eckart erkennen will, welcher eine typische figur für das Verhältnis

der treue gegen den nebenmenschen geworden sei. Eckhart am Venus-

berg und als Vorgänger der wilden jagd findet sich erst spät und lokal

beschränkt ('?), und durch sein warnertum erscheint der beiname des

„getreuen" wenig motiviert; tritt er doch viel eher auf als ehrwürdiger

herold, der vor dem zuge der göttin oder der unholde einherschreitet,

profanum vulgus arcens, und allerdings in dieser seiner tätigkeit auch

aufmerksam machend auf die folgen neugierigen fürwitzes. Den schö-

nen beinamen, der ihn bis heut unvergessen gemacht hat, und den wir

schon im jähre 1041 finden (fidelissimus fidelis noster Eccardus), den

ihm das Kosengartenlied, Alphart, Biterolf beilegen, hat er sich einzig

als Harlungentrost erworben. Nur schade, dass wir verhältnismässig

so wenig von ihm wissen, und dass die tat, welche seine treue erst

im schönsten lichte erscheinen lässt, die räche an Ermenrich oder

Sibich, uns so mangelhaft in der prosaischen vorrede zum alten hel-

denbuch, im lied von der Kabenschlacht , und von Agricola überlie-

fert ist.

3. Bei dem citat aus Luther (Grimm HS. no. 146) ist es mir

nie recht ersichtlich gewesen, warum darin eine anspielung auf den

L aurin gefunden werden soll; mir scheint es viel natürlicher, dabei

an den Sigenot zu denken, wobei der zwerg, welcher die demut

bezeichnen soll, meines erachtens eine viel entsprechendere Stellung

erhält.

4. Zu den citaten aus Fischart (Grimm HS. no. 150) vermag

ich eine kleine nachlese zu geben, leider nur nach Scheibles abdrücken:

„Bechtungisch messerwerfen." Gargantua, nach der aus-

gäbe von 1617 s. 327. — „Bedörfen kein brustfleck, denn sie haben


L64 SELLO, Zl'R DK! i

3CHBÜ HKLDKNSAi.i:

die Ranch Elß zuvor daran." Aller praktik großmatter , nach der aus-

gäbe von 1623 s. 609. — „Ach ihr Dannheuserische, Sachsenheimi-

sche trew Eckart dauren mich." a. a. o. s. 614. — „Weist nicht den

Hildenbrandischen spruch:

Wer sich an alte kessel reibt,

der empfahet gern den ram."

(Casp. v. d. Roen, v. d. Hagen, heldenbuch 1825 s. 220 s. 14. Unland,

volksl. no. 132 v. 13.) a. a. o. s. 131.

5. Zu Rollenhagens Froschmeuseler:

„Denn der ursach halben haben auch die alten Deutschen des

Dietrichs von Bern, des alten Hildebrandes taten gereymet,

welchen die historien Celtam Brennum, das ist den held Brenner nen-

nen." Vorrede: dem günstigen leser (1595 sign, Bjj c 1683 s. 8.)

Von der maus Stückeldieb heisst es:

„Sah auß gleich als der wilde mann,

der mit Bernern zu streiten kam."

III, 2, c. 2 (1683 s. 586.)

6. Bücher und Schriften Philippi Theophrasti Bombast von

Hohenheim, Paracelsi genant. Basel 1589. 4°. 2 teile.

„Nuhn ist nicht minder, es ist etwas daran: dann wie die unhol-

den ihr bulsehafft haben auf dem H ö b e r g

und erlangen von den geistern künst, damit sie umbgondt, also haben

, und da zusammen kommen

auch die mann ein Höberg, den sie Venusberg heißen (ist aber

nicht der Venusberg, vonn dem das Carnüffel spilen stehet). Da sie

dergleichen zusammen kommen , und der teufel in einer frawen gestalt,

zu einer frawen wirdt, der ihn auch solche Charakter anzeigt und für-

helt mit ihren ceremoniis." I. s. 324.

7. Grimm, D. WB. ad vocem biermärte sagt, Christ. Weise

schriebe biermeethe und citiert die drei erznarren nach der ausgäbe von

1704. Die ausgäbe Leipz. 1688 s. 109 hat: biermehrte, ebenso in

den „Drei klügsten leuten" Leipz. 1684 s. 51.

NEUES PALAIS BEI POTSDAM. DK. JOE. GEOBG SELLO.


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT.

Die ostermesse des Jahres 1766, rühmlichen andenkens in der

geschiente unserer litteratur — Agathon, Laokoon , und, wenn auch

verfrüht, Herders Fragmente stehen auf ihren Tafeln — hat zwei kleine

theologische Schriften auf den markt gebracht, um die sich bis heute

niemand hat kümmern mögen. „Schrift- und vernunftmässige Erläu-

terung der Lehre von der Heiligen Dreyfaltigkeit " betitelt sich die eine;

die andere, ihr widerpart, „Nachricht von einem neuen Erläuterer der

H. Dreieinigkeit." Nach dem herkommen und dasein dieses feindlichen

geschwisters erkundigungen anzustellen durfte ich mir deswegen nicht

erlassen , weil an der letzteren schrift der name Herders überlieferungs-

mässig haftet. Von zwei Rigischen Freunden meiner arbeit , dem stadt-

bibliothekar dr. Berkholz und dem dr. Buehholtz, treulich unterstützt,

bin ich nach langwierigem suchen beider stücke habhaft worden; jenen

freunden danke ich es, dass ich die Untersuchung habe durchführen

können, deren ergebnisse ich hier vorlege.

Beide Schriften tragen auf dem titelblatte ausser der angäbe des

inhalts nur die Jahreszahl; aber wir gehen schwerlich fehl, indem wir

Kur- oder Livland als ihre heimat, Mitau oder Riga als druckort

bezeichnen. In Riga haben sich die nach meinem wissen einzigen exem-

plare erhalten : die „Erläuterung" ist, zusammengebunden mit einer in

Hamburg 1763 gedruckten erbauungsschrift und mit einem theologischen

traetat von Gottlieb Schlegel, 1783 zu Riga in Hartknochs verlag

erschienen , laut einer alten einzeichnung ex dono bibliopolae in die dor-

tige stadtbibliothek gekommen. Der Rigische buchhändler kann nur

der auf dem titel der dritten genante Friedrich Hartknoch sein. Frei-

lich findet meine Vermutung über die örtliche herkunft keine Unter-

stützung an Gadebuschs „Livländischer Bibliothek/' die weder die

„Erläuterung" noch die „Nachricht" unter die heimischen Schriften auf-

nimt; um so bestirnter aber weist nach den baltischen provinzen der

bericht Goldbecks, der in seinen „Litterarischen Nachrichten von Preu-

ssen" (Berlin, 1781, I s. 163) die „Nachricht" unter Herders Schrif-

ten anführt, als den Verfasser der „Erläuterung" aber G. F. Stender


166 BUPHAS

anzugeben weiss, jenen durch seine verdienstliche Lettische grammatik

bekant gewordenen Kurländischen prediger.

Auf Goldbecks gewährleistung hin bat dann die „Nachricht" in

allen umfänglicheren Verzeichnissen der Herderischen Schriften eine

stelle gefunden, zuletzt in Goedekes grundriss (s. 058). Eine angäbe

jedoch, die wenigstens von äusserlicher bekantschaft zeugte, rindet man

nur bei Iieise in den Nachträgen und Fortsetzungen zum Schriftsteller-

lexicon von Keckes und Napierskys (I, 253); den inhalt gekaut und

genutzt hat einzig der anonyme Verfasser von „Herders Dogmatik"

(1804), eiues in forschung und darsteUung unverächtlichen , doch wenig

bekant gewordenen buches. Wenn nun hier von einem mit Herders

theologischen arbeiten wol vertrauten gelehrten die schritt unbedenk-

lich anerkant, eine lange stelle (s. 30— 32) daraus als beleg entnommen

wird (s. 230 fgg.), so befremdet es andererseits, dass Georg Müller,

der die herausgäbe der theologischen werke Herders übernommen

hatte und in dem gleichen jähre 1805 damit begann, aus der gesamt-

ausgabe das büchleiii ausgeschlossen hat , ohne sich irgend über gründe,

die ihn geleitet haben könteu, zu erklären. Die frage nach, der authen-

ticität ist offen gelassen, wir sehen uns nach den mittein um, sie auf

sicherer grundlage zu erledigen.

Bei der Goldbeckischen notiz fühlen wir diesen sicheren boden

nicht unter uns. Der bibliograph, und wäre er auch so gewissenhaft,

wie unser Goldbock, übernimt für seine nachweisungen anonymer

schriftsteiler keine unbedingte Verantwortung. Es mögen sich dieselben

in vielen fällen auf mitteilutigen des autors, des Verlegers, auf Zuträ-

gerei gut unterrichteter, schlecht verschlossener freunde stützen; den-

noch bleiben fälle genug, wo das blosse gerücht, oder gar nur das

meinen und tasten des historikers auf den namen geführt hat. Wahr-

scheinlich ist es in unserem falle, dass der berichterstatter aus zuver-

lässiger quelle schöpft; denn unter denen, „die ihm durch mitteilung

einiger nachrichten förderlich gewesen," führt Goldbeck neben dem

diakonus Trescho, dem unholden beschützer Herders in seinen letzten

Schuljahren, mehrere männer an, mit denen Herder während seines aka-

demischen lebens nachweislich in verkehr gestanden hat, einem ver-

kehr, der mit einigen auch nach der entfernung aus Königsberg nicht

ganz abgebrochen wurde. Die biographischen angaben zwar bis zum

jähre 1768, die anscheinend Trescho geliefert hat, sind im einzelnen

nicht genau; über die schriftstellerischen leistungen seines berühmten

landsmaunes aber, selbst ihre journalistischen anfange, bringt Gold-

beck die zuverlässigsten angaben, zu denen ihm nur ein nahe einge-

weihter behilflich gewesen sein kann. Dürfen wir ihm also auch nicht


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 167

unbedingt glauben schenken, so wäre es doch widerum unverzeihlich,

der spur, auf die er uns weist, nicht nachzugehen. Wir verlieren sie

nicht aus den äugen, wenn wir, den termin des erscheinens beider

schriftchen näher zu ermitteln, unsere Untersuchung von vorn auf-

nehmen.

Als „fertig gewordene Schriften" führt der messkatalog die bei-

den dreieinigkeitsschriften und ebenso die „Zwey Fragmente über die

deutsche Litteratur, als Beyträge zu den Briefen, die neueste Litteratur

betreffend. 8. Eiga bei J. Fr. Hartknoch" auf. Die ankiindigung ist

spätestens im laufe des april an die redaction des katalogs eingeschickt,

und noch früher also müssen sich sowol die anonymen dogmatischen

schriftchen als die Herderischen Fragmente druckfertig in den bänden

des Verlegers befunden haben; andernfalls wären sie in die serie der

„Schriften, welche künftig herauskommen sollen," verwiesen worden.

Unzweifelhaft verhält es sich also mit den Fragmenten. Mitte

märz, spätestens den 20., des Jahres 1766 schickt Herder an Hamann,

der sich damals in Mitau aufhielt, drei manuscripte. „Ändern Sie

darin nach Belieben, lesen Sie sie als mein erstgeborner Kunstrichter,

und schreiben Sie mir Ihre Meinung sonder Arglist, Kückhalt, Fehd,

Gefährde und Schonen." (Herders Lebensbild I, 2, 127.) Schon am

24. erwidert Hamann (ebenda s. 128 fgg.), dass er in Hartknochs buch-

laden — der damals noch in Mitau war — die manuscripte abgelegt

habe. „Ohne einen sorgfältigen und gelehrten Corrector wird es um

den Druck schlecht aussehen." Der druck stand folglich unmittelbar

bevor; das beweisen zudem auch die nächsten Zeilen, in denen Hamann

mit bezug auf eine lücke, die er entdeckt zu haben meint, hinzusetzt:

„Sorgen Sie dafür, dass es (das fehlende wort) durch Hartknoch ein-

gesetzt wird." Aus des Verlegers hand sollte das manuscript ungesäumt

in die druckerei geliefert werden; darum „hat Hamann auch nichts

darin geändert, als etwa ein zweimal geschriebenes Wort ausgestrichen,"

und darum vertraut er zwei sachliche bemerkungen, die er nötig findet,

lieber dem briefe an. Glücklich für uns: denn diese bemerkungen, die

eine über den sinn des Wortes xalög xäyad-og, die andere auf die

geschichte des dithyrambus bezüglich , gehören unverkenbar zur zwei-

ten samlung der Fragmente (s. 280 fgg. 305 fg.). 1

1) Hamann teilt die wichtige stelle aus dem Herodot (I, 23) über Arion,

den erfinder des dithyramben mit. „Sie müssen hiebei wissen, liebster Freund,

dass ich den Herodot für keinen Fabelschreiber mehr halte." Herder hatte, unbe-

kant mit jener stelle und unzuverlässigem nachrichten folgend, einen älteren

Ursprung des dithyramben utd Theben als heimat der Bakchischen dichtung ange-


10* Sl eil AN

Den eindruck, den er bei leetflre des ganzen empfangen, gibt

Hamann in dem tone warmer anerkennung und mit der genugtuung

wider, die der lehrer über die wolgeratene erstlingsleistung seines schü-

Ler8 empfindet „Mit der Ordnung, dem Reichthum, der Schönheit des

Entwurfs sowohl, als der Ausführung bin ich im Ganzen zufrie-

den." Dies urteil über das ganze beweist, dass die erste samluug sich

ebenfalls bei dem anvertrauten befunden hat; zu dieser hatte aber

Hamann einzelne bemerkungen deswegen nicht zu machen, da er bei

einem besuche in Riga zu anfange des februar ausreichende gelegenheit

zu mündlicher erörterung gefunden hatte (Lb. 13 2), und die von dem

autor angenommenen Verbesserungen schon der noch in demselben

monate vorgenommenen „gänzlichen Umschmelzung" dieses ersten teiles

(s. 110. 123 a. a. o.) zu gut gekommen waren.

Wir kennen somit das erste wie das zweite mannscript. Öolte

nun unter dem dritten einfach die dritte samlnng der Fragmente ver-

borgen sein? Unmöglich; denn diese wurde erst im mai ernstlich in

angriff genommen. „Gegenwärtig/' meldet ein brief aus dieser zeit,

„arbeite ich am 3. Fragment, nachdem der Messkatalog wieder etwas

den Funken meiner Autorschaft angefacht." (S. 139 a. a. o.) Ein

stück von massigem umfange muss es doch aber gewesen sein, dieses

dritte manuscript; wie hätte es sonst neben jenen beiden selbständig

aufgeführt werden dürfen? Sollte nicht aber eben darum der zum rich-

ter berufene freund wenigstens mit einem worte darauf zu sprechen

kommen? Wir mustern den Hamannischen brief noch einmal. Einen

sehr vergnügten abend und nachmittag habe er bei der leetüre gehabt —

aber doch habe die zeit für das angenehme geschäft nicht ausgereicht.

Darauf folgen die mitgeteilten urteile und bemerkungen . sämtlich den

Fragmenten gewidmet: selbst die den corrector betreifende besorgnis

wird nur bei einem blicke auf die zahlreichen griechischen stellen, mit

denen Herder gerade dieses buch verbrämt hat, verständlich. 1

Dommen. Die erhaltene belehrung nötigte zu einem einscbiebsel, dessen fugen sich

noch sehr wol erkennen lassen. ,, Er mag nun in Thebe oder dem wollüstigen

Korinth von einem oder dem andern erfanden Beyn: gong, es war noch eine

Zeit, da sich die Delphine von dem Arion, dem angegebenen Erfinder, bezaubern

Hessen." Die angeklebte anmerkung: „wie Herodot anführt, den ich für mehr als

Fabelschreiber halte," widerholt einfach die worte des lehrmeisters.

1) Hamanns Warnung war begründet genug. Die griechischen citate sind

durch die ungeheuerlichsten drucksündeu entstellt, /um teil anverständlich geworden;

keine auffälliger, als die stelle aus Proklus über den dithvrambus (s. 309). „Die

Druckfehler" — sagt die der dritten samlnng angehängte Nachschrift — inson-

derheit in den griechischen Stellen, wird der Leser dem Verfasser nicht anrechnen,

Die


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTL1NGSSCHRIPT 169

kritischen bemerkungen und ratschlage sind anscheinend abgetan, der

briefsteiler wendet sich einer persönlichen angelegenheit zu : „Herr prof.

Lindner schreibt , dass meine Engländer (es sind die gedruckten gemeint)

schon hier seyn müssen; noch habe aber nichts erhalten" — da fällt

ihm ein, dass er seiner censorpflicht noch nicht volles genüge getan,

und er holt das versäumte nach: „Ihre Widerlegung des St. habe am

flüchtigsten durchlaufen müssen ; bin aber auch damit zufrieden" —

kurz und gut, so wie es die auf die neige gehende seite oder geduld

hat erlauben wollen. Dies „bin aber auch damit zufrieden," welches

das vordere „bin im ganzen zufrieden" recht geflissentlich wider auf-

nimt, worauf kann es gehen, als ebenfalls auf ein eigenes ganze, auf

das manuscript numero 3 ? Dafür spricht der Wortlaut , dafür die selb-

ständige Stellung der sentenz, und — um allen zweifei zu entfernen,

an die Fragmente kann bei diesem nachtrage einfach deswegen nicht

gedacht werden, weil dort von vorn bis hinten kein widerlegter St.

aufgetrieben werden kann.

In Goldbecks fusstapfen sind wir also wider eingetreten, denn

es hiesse den schatten des bescheidenen mannes beleidigen, wolten wir

uns seine auskunft über den Verfasser der Erläuterung jetzt nicht, wenig-

stens versuchsweise, zu nutze machen. Behält sie doch ihren wert,

wieviel man auch ihr wahres gewicht herabsetzen mag. Mag sie ihren

inhalt einem blossen in gelehrten kreisen gehenden gerüchte verdanken;

dieses gerächt, jedenfalls sofort nach Veröffentlichung des büchleins

ausgekommen, wäre von Hamann oder Herder aufgegriffen, und so bei

jener erwähnten mündlichen Verhandlung Stenders name mit der erläu-

terungsschrift in Verbindung gebracht.

Aber eine Vermutung, und wäre sie noch so annehmbar, bleibt

es doch immer; eine Vermutung, die nach einem einblick in die Nach-

richt von manchem Herderkenner für höchst fragwürdig erklärt werden

könte. Besser aber können wir uns auf diesem wege unseres fanges

nicht versichern. Die rechte hat sich an ihrer historischen handhabe

müde gearbeitet; die linke, die gern nach handschriftlicher beglaubigung

greifen möchte, greift in das leere. Die beute droht zu entglei-

ten. Was bleibt zu tun ? Was jener tat , der sein beuteschiff nicht

fahren lassen wolte. Man beisst sich auf gut philologisch am rande

fest; und will die schärfe versagen, so hilft am ende die Zähigkeit aus.

Aus der genauen betrachtung der form muss sich die Überzeugung

von dem Herderischen besitzrecht an der Nachricht ergeben, wenn

der 200 Meilen von seinem Druckort [Leipzig] entfernt lebt. Sie machen meine

Anführungen in diesem Theil sparsamer usw."


170 Sl I'ÜAN

anders er ihr Verfasser ist. Denn ein stärkerer beweis liegt in der

Übereinstimmung der form, als in der des Inhalts. Dieser kann und

braucht, in erzeugnissen eines rastlosen kopfes besonders, nicht durch-

weg mit dem übrigen im einklange zu sein. Die formbetrachtung aber

ergibt eine untrügliche gewissheit , wenn sie gelingt. Sie gelingt, wenn

der nachweis erbracht wird, dass ein Schriftwerk so viele und so volle

Übereinstimmung mit den übrigen, in deren kreis es gehören soll, kurz,

dass es so viel familienähnlichkeit besitzt, dass des bildners hand unver-

kenbar bleibt.

Zahlreicher und augenfälliger müssen die berührungen sein, wo

das erzeugnis eines schriftstelles vorliegt, der rasch und mehrerlei

neben einander zu arbeiten pflegt, und ein solcher ist Herder, wenig-

stens in der periode seiner entwicklung. Von seinem zwanzigsten jähre

an sehen wir ihn in einem überaus fruchtbaren schaffen begriffen.

Ausser den Fragmenten beschäftigen ihn in den beiden ersten Kigenser

jahren mehrere grosse aufgaben. Die eine ist die früher besprochene

abhandlung über den nutzen der philosophic für das volk, von der ein

grosser teil ausgeführt vorliegt. Zwei andere lässt Herder als „künf-

tig erscheinend" schon zur ostermesse des Jahres 1766 ankündigen:

„Hey träge zur Geschichte des lyrischen Gesanges" und „Vergleichung

der griechischen und französischen Tragoediensehreiber. Aus dem Fran-

zösischen und mit Anmerkungen für das deutsche Theater." Auch von

diesen arbeiten ist, wie von der erstgenanten, zu jener zeit nichts ans

licht gekommen ; was aber hiervon und von minder ausgebildeten andern

entwürfen später im Lebensbilde vorgelegt ist, komt an umfang den

beiden ersten teilen der Fragmente mindestens gleich. Neben dem selb-

ständigen schallen regt sich, besonders lebhaft im jähre 1765, die lust

am recensieren. Solch geniale fülle ist wahrlich staunenswert; freilich

zeigt sie auch eine sehr bedenkliche kehrseite. Gegen das ende der

Kigenser periode erhebt Hamann einmal mit schonungsloser strenge sei-

nen warnruf wider die Überreizung der produetivität, in der Herder

sich vermesse, „vier und vielleicht fünf Werke auf ein mal anzufangen

und die Fortsetzung davon zu versprechen." „Kann man bei einer sol-

chen Zerstreuung sammeln? verdauen und con amore arbeiten? Sind nicht

Mattigkeiten, Nachlässigkeiten. Widersprüche, Wiederholungen und so viel

andere Menschlichkeiten unvermeidlich?" (Lb. I, 2, 428 fg.). Von seinem

genius gewarnt, hat Herder sich vor der einen gefahr, sich selbst aus-

zuschreiben und zu widerholen gehütet; der anderen, der einförmigkeit

des ausdrucks, häufiger Verwendung dergleichen stilmittel, ist er nicht

ebenso geschickt ausgewichen. Dies zeigt sich indessen nicht so auf-

fällig bei einer wechselsweisen betrachtung der drei hauptwerke jener


ÜEßDERS THEOJLOGISCfiE ERSTLING SSCHRIEtf 171

periode, der Fragmente, des Torso und der Kritischen Wälder, als bei

einem zusammenhalten dieser ersteren mit der masse der kleineren, der

unausgebildeten Schriften ; oft empfängt man den eindruck , als habe der

junge autor an diesen erst die feder geprobt. Und allerdings hatte

solch nebenläufiges Schriftstellern in Herders äugen fast nur den wert

einer zeitweiligen Übung; keineswegs gewillt jene „hingeeilten stücke,"

recensionen, kleine aufsätze, später als die seinen in anspruch zu neh-

men, Hess er sie demselben zwecke dienen wie die grösseren essays,

die er im pulte behielt. Was im einzelnen trefflich geraten , gleichsam

typisch vollkommen erschien, zog sich aus den Vorläufern in die haupt-

werke bald mit, bald ohne absieht hinüber, und Herder, der sich in

Riga gar ängstlich vor einer „predigerfalte" hütete, drückte sich, ohne

es zu merken, bald autorfalten ein, die ihn oft zu eigenem verwundern

für freund und feind kentlich machten.

Diese falten , in die sein stil sich gewöhnte , die gleichen Wen-

dungen, auf die er unwillkürlich verfällt, bedeutsame worte, die, einmal

glücklich gefunden, sich bei erster bester gelegenheit wider her-

vordrängen, diese bieten sich uns zu gehilfen an, die autorschaft Her-

ders nachzuweisen. Je grösser der zusammenfluss aller dieser merkmale,

desto festeren fuss hat der erweis; denn einzelne, selbst die über-

raschendsten ähnlichkeiten, geben, besonders in den Schriften jener zeit,

durchaus kein genügendes beweismittel ab, da absonderliche ausdrücke

am leichtesten aus einem buche ins andere wandern, und die augen-

fälligsten häufig aus der gemeinsamen quelle eines englischen oder

französischen modeautors den verschiedensten Schriftstellern in die feder

geflossen sind.

Durch die menge des übereinstimmenden im wortgebrauche, nicht

minder aber bei vergleichung von grösseren satzganzen durch den glei-

chen tenor derselben, gibt sich nun die Nachricht als eine arbeit Her-

ders zu erkennen.

Das büchlein hat, das titelblatt abgerechnet, dreissig Seiten; die

seite trägt ohngefähr soviel text, als eine seite in der Originalausgabe

der Fragmente. Sechs seifen (7 — 12), mit einem fast wörtlichen aus-

zuge aus der kritisierten schrift angefüllt, fallen nicht unter die gesetze

des Herderischen stils. Von den übrigen vier und zwanzig ist keine,

an der man nicht Herders griffel erkennen müste. Bald ist es ein satz-

gepräge, eine längere wendung, bald ein metaphorischer ausdruck, eine

anspielung, bald ein eigen geformtes wort, welches an seine sprach-

werkstatt gemahnt. Bequemer, und gewiss unterhaltender wäre es,

von seite zu seite mit einem „Siehe!" und „Vergleiche!" zu blättern;

um zu einem unanfechtbaren urteile über eine grössere schrift, wie die


172

M IHAN-

vorliegende es ist, zu gelangen, finde ich es rätlicher, die gleichen

ersclieinungen zu gruppieren.

Herders prosa, die spräche der aesthetischen , Avie der geseliiclits-

philosophischen abhandlungen jener jähre, hat durchweg den beweglich-

sten eharakter. „Räumig geschürzt" schreitet die red*' vorwärts, in kur-

zen, leicht zu übersehenden Sätzen, von periodischer gliederung mög-

lichst frei gehalten. Hat ein schritt zu weit ausgeholt, so wird mit

leichtem Seiten- oder rücksprungo liegen gebliebenes nachgebracht; 1 am

liebsten wird aber der einmal angeschlagene tritt ganze strecken hin

eingehalten. Wie viel auch hieran „angeborne muuterkeit," lebens-

alter des Schriftstellers anteil haben mag: dieser stil steht in einem so

grellen gegensatze zu den Observanzen des Zeitalters, dass er nicht aus

willkür, sondern nur aus bewuster ausübung eines klar erkanten gruud-

gesetzes hervorgegangen sein kann. Ein Schriftsteller, der so früh die

spräche zum gegenstände der Untersuchung gewählt, über die mängel

der muttersprache und ihre Verbesserung nachgesonnen hatte, und

zu der erkentnis gekommen war, „das Deutsche sei noch in der Zeit der

Bildung begriffen," 2 wie hätte der nicht in seinem eigenen vortrage die

1) Fragm., II. ausg. s. 94: „So wenig unser Deutsch an Inversionen leidet;

so wenig sind noch alle in Gang gebracht, die in den Formen desselben liegen.

Wenn die Geschichte, der Dialog, die Prose des Umganges, und die Poesie, jedes

seine eigensinnigste Wendungen nutzen, und ganz zwanglos brauclien wird: wie

manches wird alsdenn ans Tageslicht kommen, das jetzt im Schoos der Nacht

begraben liegt?" Die glücklichste gewantheit im gebrauch neuer Inversionen muss

selbst Klotz in seinen recensionen bewundernd anerkennen. Hier nur ein beispiel.

„Dass wir doch also ja nicht inathematische und physische Akustiken für das hal-

ten, was wir suchen: können diese Erfahrungen und Berechnungen enthalten, die

für uns sind — wohl! und ohne diese müssen wir nie Bchliessen; aber auch gewiss

es nicht bei ihnen bewenden lassen usw. (IV Krit. Wäldch. Lb. I, 3, 2, 3G3.) Ein

anderes: Fragm. II, 3. Saml. s. 7.

2) Mit gleicher stärke als in den Fragmenten bricht diese ansieht noch zu

einer zeit hervor, da Herders grundsätze schon längst allgemeine geltung erlangt

und die segenvollste und tiefgreifendste Wirkung hervorgebracht hatten. „Wir

verstümmeln die Sprache" — erklärt er im IV. teile der Theologischen Briefe, 2. ausg.

s. 378 (i. j. 1786), „schreiben Kraftlos oder geziert; kurz das reine ächte Deutsch,

das nnsre Vorfahren schrieben, ehe so viele fremde Sprachen in Deutschland

bekannt waren, hat sich in der neuesten Zeit ziemlich verlohren. Es wird sich

wiederfinden und vielleicht aus unserm Verderbniss eine reiche, schönere Sprache

hervorgehen; warten Sie also und üben sich in der Stille." Und von derselben

Überzeugung ist er noch im anfange des neuen Jahrhunderts durchdrungen; ihr ist

der grundgedanke zu den „Briefen, den Charakter der Deutschen Sprache betref-

fend," entsprungen, die nach Herders tode im letzten bände der Adrastea erschie-

nen. (VI, 176 — 208. vgl. 221—228) Wie sie auch in seine schulrcden eingang

gefunden hat, das höre man von Philipp Wackernagel rühmen. (Der Unterricht in

der Muttersprache s. 108.)


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLlNGSSCHRIPf 173

mittel erproben sollen, durch die eine eingewurzelte Vorbildung besei-

tigt , verlorene tücbtigkeit zurückerobert , alte erstarrung in ein frisch-

rollendes leben aufgelöst werden konte? Das gröste hindernis einer

lebensvollen entfaltung erkante aber Herder in der herschaft der latei-

nischen periodenform, die von ihrer alten bürg, der gelehrten litteratur

aus, allmählich fast die ganze büchersprache unter ihre botmässigkeit

gebracht hatte und die Unterjochung der gesprochenen spräche zu voll-

bringen drohte. Eine schwere gefahr, das sah er zum ersten male

deutlich, lag für die nationallitteratur darin, dass der mann von ein-

facher bildung, sobald er ein buch zur hand nähme, sich erst seiner

denkart entwöhnen, und es lernen solte, durch ein künstlich verworre-

nes gitterwerk ein ganzes bild zu seben. Er fühlte es, dass durch das

fremdartige der form der lebendige anteil am inhalte erstickt werden,

und dass schliesslich, wenn diese abstossung sich vollzogen habe, die

Schriftsprache selbst, vom lebendigen gedanken abgesondert, in einer

leeren formgerechtigkeit erstarren müsse. 1 Dem war nur vorzubeugen

durch ein entschlossenes zurückgreifen auf die gesprochene spräche.

„Sprache des Lebens und der Bücher mehr zu verbinden/' lautet das

recept in der kürzesten form, wie sie eine seiner randbemerkungen im

handexemplar der Fragmente bietet. „Ton der weit werde herrschend

in allen Schriften der Bildung, die ich hier von Gelehrsamkeit unter-

scheide," befiehlt dann die zweite ausgäbe (I, 145), und in diesem sinne

ist der glückwunsch ausgebracht: „Wohl den Schriftstellern unter uns,

die da schreiben, als ob sie hören." (74.) Dies ist es, worin nach seinem

urteil die Franzosen seinen Deutschen weit voraus waren. „Die

Franzosen schreiben immer lieber für ein Publikum und schönes Publikum,

wenn der Deutsche für Studierstuben und Katheder schrieb: man

sah bei ihnen die Bücher immer mehr für schriftliche Gespräche , für

Unterredungen im schönen Ton an," sagt schon die erste ausgäbe tref-

fend (I, 173), während die zweite die tatsache verzeichnet, dass

„unsere Sprache durch die Übersetzung der französischen Prose, die

immer schreibt, als ob sie spräche, merklich viel angenommen hat."

(115.) 2 Und die seinige hat dies nicht zum mindesten getan.

Herder hat sich in die discursorische redeweise der Franzosen so

eingelebt, dass sie vornehmlich seinen drei ersten kritischen Schriften

1) Fragmente, III. samml. s. 5—86. Den schärfsten spott giesst er über die

akademischen periodenkräuseler aus in der II. ausg. der I. samlung, s. 118 fg.

Wissenschaftlich begründet hat er seine ansiebt von der Unverträglichkeit der latei-

nischen periode mit der natur des deutschen satzes im (ungedruckten) Zweiten

stück des Torso, cap. 7.

2) Vgl. Fragm. II (3) s. 30.


174

Hl'l'HAN

das gepr&ge verliehen hat. „Discours" überschreibt er einen abschnitt

der Fragmente, dieselbe benennung komt den meisten capiteln mit dein

gleichen rechte zu. In den ersten beiden jähren seines akademischen

lebens hat Herder täglich mehrere stunden der Rousseaulectüre gewid-

met; 1 Rousseau gehört noch ende 176G unter seine tägliche leetüre

(Lb. I, 2, 193); begreiflich also ist es, dass unter den Zeilen gar oft

die formen Rousseauscher satzgebilde durchscheinen. Um so leichter

aber lebte sich der junge Schriftsteller in diese art des Vortrags ein,

da ihn sein beruf in unausgesetzter mündlicher Übung erhielt. Ihm

— er war ein vorzüglicher katechet — gedieh der mündliche ausdruck

immer geschmeidiger, und die klare und lebhafte rede ward zur natur-

als dem lehrer der reiferen Jugend, bald auch als geistlichem reduer,

notwendigkeit. Es ist ein bekentnis eigenster erfahrung, das Herder

schon im ersten teile der Fragmente ablegt (138): oft rühre die dunkel-

heit von einer Stubengelehrsamkeit her , die durch den mündlichen Vortrag

nicht habe lebendig werden können; denn durch diesen werde man

deutlich, man lerne den besten gesichtspunkt , fasslich zu sein, bemer-

ken. „So lerne es der Lehrer in dem Kreise seiner Zuhörer, wenn er

sie nicht als Maschinen behandeln will: so trete der Gelehrte in die

grosse Welt , um sich seiner Kathedersprache zu entwöhnen."

Der discours, die sophistische form im besten sinne, hat bei Her-

der, wie bei Rousseau, seinem vorbilde, leicht erkennbare eigentümlieh-

keiten. Die geringste berührung hat er mit der dialogischen form,

einer gattung, deren unterhaltenden reiz und anregende kraft Herder

früh und spät anerkant, zu deren anbau nach dem muster der alten

er dringend aufgemuntert hat, 2 die ihm selbst aber, so oft er sich auch

an ihr versucht, nicht sonderlich geglückt ist. Im discours ist und

bleibt es ein einziger redeführer, der es versteht, sich zum mittel-

punkte der Unterhaltung zu machen, und, um im mittelpunkte sich zu

behaupten, sichs angelegen sein lässt, den leser, oder vielmehr hörer

immerfort in atem zu erhalten, sei es durch fragen, die er an ihn

1) In seinem ältesten arbeitshefte , das von Mohrungen auf die akademie mitgezogen

ist, steht der arbeitsplan, an den er sich im ersten Semester gebunden

na t. 7 — 8 Rousseau. 8 — 9 Praeparat. im Fr(anz.) und Ode. 3 — 4 Histor. 5—6

Handlungsfach. 6 — 7 Spazz. gehen. 7 — 8 Bibliothek. 9 — 10 Theol. 10 — 11

Rousseau. (Die Verwendung der zeit von 5 — 6 Dachmittags beweist, dass Eerdei

eine zeit lang ernstlich den Vorsatz gehabt hat, in Kantors buchladen einzutreten,

wo sein freund Hartknoch handlungsgehilfe war. Die „Bibliothek," in der er von

7_g arbeiten will, kann kaum eine andere sein, als das Btattliche bticherlager

Kanters. Von S* v. — 3 n. wurden die collegia gehört).

2) Fragm. I, 80. Briefe, das Studium d. Theol. betr., I. auBg. 4, 281 fg.

Vom Geist der Ebr. Poesie I, s. XI. Gott, (I. ausg. 1787.) s. VI. s. 250 fg.


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 175

richtet, oder in dessen namen aufwirft, sei es durch anspräche und

aufforderung zu gemeinsamer prüfung und gedankenarbeit. Wenn der

dialogist diegedanken, die er entwickeln will , vor seinem leser in rede

und Widerrede mehrerer gleichberechtigter parteien nach und nach her-

vorwachsen lässt, legt der discoureur — man erlaube, dass ich das

wort hier in einem stilistischen sinne gebrauche — die gedanken fertig

und frisch, wie er sie ausgedacht hat, in eigner person vor; den schein

der frische und Unmittelbarkeit aber sucht er vor allem auch darin zu

wahren, dass er seine denkoperationen ausdrücklich ankündigt, und die

empfindungen, welche sein nachdenken begleiten, einfliessen lässt.

Wo wir nur in den Jugendschriften Herders blättern, klingt das

eigentümliche dieser form hervor. Daher eben komt es, dass sich der

leiseleser bei ihm unbehaglich und choquiert fühlt; nur der, der seinen

rat annimt: „lies, als ob du hörest!" (Fragm. T, 2. ausg. s. 277.

II, 3. saml. s. 67.) sich mit ihm befreunden lernt.

Nicht selten entspinnen sich bei ihm zwischenspielartig ausätze

zur dialogischen form; aber sie dienen nur zur notwendigsten abwech-

selung, bleiben in den engen schranken weniger fragen und noch kür-

zerer antworten, und weichen gar bald einem „Katechismus von Fra-

gen," auf die zu antworten dem gegenredner bald die lust ausgehen

muss. l

Die person des autors drängt sich hervor. Wunderlich genug ist

den alltagsköpfen unter den Zeitgenossen dabei zu mut gewesen. Klotz

findet in diesem hervortreten eine unverzeihliche Unverschämtheit. Und

allerdings, der acteur tut des guten bisweilen zu viel. „Ich denke, ich

überlege, ich besinne mich, ich zweifele, ich sehe zu" klingt es aller

orten. Häufig sind die erklärungen darüber, wie ein gedanke, eine Vor-

stellung den redenden gemütlich berührt hat; ja bis in nerven und fibern

hinein möchte er uns seinen zustand beschreiben. „Ich walle auf,"

bei einer entdeckung erhebender art — „ich schlage die Augen nieder

und will lieber denken" (msc.), 2 wo eine grossartige behauptung eines

andern aufstösst — „weh! so schmerzt mir mein Ohr!" nach einer

reihe übelgeformter ausdrücke (IV. Krit. Wäldch. a.a.O. 421) — „meine

Hand ermüdet mir," hinter einer citierten inhaltleeren, breiten stelle

(ebenda 299) — „Mich macht die Hypothese unruhig" (msc). Er

1) Fragm. I. s. 59 fg. 359. II, 3. saml. 27 fg. 69 fg. IV. Krit. Wäldch.

(Lb. a. a. o. 415); eine probe aus den handschriften (1767): „Die Geschichte der

Wissenschaft, Kunst und Weisheit: wo fängt sie für uns an? in Griechenland. Hier

bricht für unsre Welt die Morgenrüthe der Litteratur hervor usw."

2) Die aus dem manuscript gegebenen stellen gehören meist der Umarbeitung

der zweiten Fragmentensammlung an.

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI. 12


170 81 1H AN

„erröthet," er „verfärbt sich vor sieh Belbst," wo man den Binn seiner

weite zu verdrehen Bucht. Sehr häufig aber komi ihn das zittern an.

Ihm wird bange vor den machtsätzen des Laokoon: „Ich zittre vor

dem Blutbade, das diese Siitze unter alten und neuen Poeten anrich-

ten müssen" (Krit. W. I. 227). So ist es ihm öfter vor tief einschnei-

denden behauptungen

, die durch eine mächtige autorität gedeckt wer-

den, nicht geheuer. Winkelmann hat vier Perioden, vier stile in der

entwicklung der kunst angesetzt nach dem Grundsätze: „Die Wissen-

schaft geht in der kunst der Schönheit voraus." „Ich zittre für der

Nachahmung dieser Stilarten ." ruft Herder entgegen „als Zeitfolgen

der Natur betrachtet: Winkelmann selbst, ist in manche üble Parallele

der Kunst und Wissenschaft gefallen" (rnsc.). 1 Auch vor einem gros-

sen plane, dessen ausfuhrung trotz der Unzulänglichkeit der mittel nicht

länger verschoben werden darf, wie etwa einer archaeologie des Orients,

steht er mit bangen: „Muss ich bloss aus den Quellen der Griechen

schöpfen, so zeichne ich auf mein Werk mit zitternder Hand: Geschichte

des Altertums, wie sie uns durch die Griechen überbracht ist. u

Liest

man all diese bekentnisse in der frauenhaft zierlichen, ebenmässigen

handschrift, so kann man sich der Vorstellung von einer fast weiblichen

Ziererei oder koketterie kaum erwehren.

Ebenso gemütlich, ja leidenschaftlich teilnehmend stellt er sich

seinen leser vor. „Nun, lieber Leser, halte dir den Kopf!" rät er

ihm, da er ihm den wüst einer verkehrten und verzwickten erklärung

hat vorlegen müssen. Anreden werden nirgends gespart. Cberschwäng-

lich reich gespickt ist mit ihnen das Vierte Wäldchen, aus dem ich

etliche beispiele auslese. Bald sind sie allgemeiner art : .. Ich bin die

Capitel nur durchflogen; Leser! danke es mir, dass ich nicht weiter

kann" (518), bald auf einzelne Massen der leser gemünzt ..Lehrlinge

der Wissenschaft ! so schläft eure Seele ein ... Fahret also eine Zeit-

lang fort, in diesem ruhigen Schlafe Worte anderer in euch zu träumen

.... fahret fort, in kurzer Zeit wünsche ich euch Glück zu eurer

erstarrenden, schlaffen Seele." (303.) „Du lerntest alles aus Büchern,

wohl gar aus Wörterbüchern: schlafender Jüngling, sind die Worte,

die du da liesest die lebenden Sachen, die du sehen solltest?"

(304). „Menschen eines spätem ganz veränderten Geschlechts! nehmet

das Gefühl eurer Urväter zurück, und ihr werdet, eine weit nähere.

natürlichere Quelle der Musik finden." (395. vgl. 359). ..Schall isi

1) „Wenigstens mag ich nicht mit Eeinze hinschreiben: , Die Griechischen

Arten zu reden sind erst mit dem Verfall des Lateins in die Prose oder Beredsam-

keit gekommen, und sind ein Thei] solches Verfalls.' Meine Hand zittert, da ich

dies nachschreibe ... Torso, II. Stück, cap. 8. (msc.)


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 177

nur Zusammensetzung ... Schüler des Wohllauts, weissest du damit

auch das kleinste etwas vom sinnlichen Moment eines Tones?' 4

(388).

So bannt der autor den leser in seinen kreis, beredet ihn, gemeinsame

sache mit ihm zu machen. Nun muntert er ihn an zur mitarbeit; wie

Rousseau mit seinem voyons! so er mit dem anruf: „Wir wollen

sehen," 1 öfter „lasst uns sehen."

Ganz und gar trägt nun diesen Charakter des discours unsere

„ Nachricht." Auch hier tritt der Schriftsteller sofort als redendes sub-

ject hervor; 2 hier wie in den Fragmenten drängt sich beim ausdruck

unwilliger Verwunderung sogar die interjection ein. 3 Hier wie dort die

appellation an den leser. „ Er (der kritisierte Erläuterer) siehet Aehn-

lichkeit! armer Leser, wenn du sie nicht siehest usw." Auch die Über-

tragung des voyons! (s. 5. 23.) fehlt nicht. Das rhetorische mittel fer-

ner, die einen gedanken begleitende Stimmung mit auszusprechen, wird

auch in der Nachricht angewant. Der Erläuterer hat eine widersinnige

auslegung der stelle Psalm 2, 7 gewagt. Der kritiker verwirft sie:

„So hat doch alsdenn die Auslegung: ,du bist mein Sohn , heute habe

ich dich zum Könige eingesezzt': ungleich mehr scheinbaren Zusam-

menhang, als diese; ja in der Angst will ich lieber sagen: David

rede blos von sich als einem Könige Gottes." Einer aufdringlichen

falschen meinung mit einem angstentschlusse aus dem wege zu gehen,

ist ein auskunftsmittel, das Herder sich gern bereit hält (Fragm. II,

3. samml. 163 fg.); sogar denselben wunderlichen Schnörkel, mit dem

dies hier in der Nachricht geschieht, finden wir von dem Fragmenti-

sten nachgezeichnet. Dieser stutzt vor dem machtspruch Lessings:

..Homer ward eben so wenig von allen Griechen verstanden als Klop-

stock von allen Deutschen." Dass Homers dichtung weit tiefer von

der natioualbildung eingesogen worden, als Klopstocks poesie in das

bewustsein seines volkes übergegangen sei, gilt ihm für unanfechtbar.

Er erinnert sich der stelle in des Isokrates Panegyrikus , die im Homer

1) Fragm. I. (2. samml.) 355. „Wir wollen diese zwei Ursachen sehen!" u. s. f.

2) S. 13. Bei eröffnung der Untersuchung-: „Ich sehe zuerst nach der Beträcht-

lichkeit der neuen Erklärung, und hedaure, dass es dem Verfasser nicht beliebt,

seinem Titel genauer nachzukommen . . . Nun aber wird uns in einer so wichtigen

Sache die Erläuterung, blos, als eine Hypothese vorgelegt usw."

3) Das französische ciel! und ganz wie dieses angewant, Nachr. 14: „Nun

Himmel! so kann man ja viele Erklärungsarten aus sich spinnen, und weben."

Ygl. Fragm. II (3. samml.) 308. „Himmel! was sieht der Mann alles?" 304.

„Mein Gott! wo hat der Mann das alles her?" Vgl. s. 28 „Wie denn? Grosser

Gott! als eine Politische, als eine Galante, als eine Beimreiche Sprache suchte man

sie zu bilden." 131: „lieber Gott!" 145: „Gottlob!" Selbst das familiäre „ Mein !

wird versucht. (Msc.)

12*

"


17s I

PHAK

ilu.s grundbuch der nationalen erziehnng anerkent. *,Wo wird nun in

unsern Schulen unser Homer in diesem Zweck gelesen? Das Geschien-

enen vom alten Bomei weiss ein Knabe wohl aua Beinen historiis selec-

tis, dass Alcibiades jenem Schulmeister eine Ohrfeige gab, der aicW

den Homer in der Schule hatte: .... Dies Geschichtchen hal nun wohl

ein Knabe gelesen, aber Deutsche Homere? Viel eher, sage ich, in

der Angst, den Griechischen selbst." (1. 283.)

I ii solch erregtem tone hält sich das ganze 3chriftchen. Euer eine

probe aus dem letzten abschnitte. Der Erläuterer hat es seiner methode

nachgerühmt, dass sie ..manchen vernünftigen Juden dahin gebracht,

die Dreieinigkeit zuzügeben." Die „Nachricht" entwickelt die sätze,

mit denen die Juden ihr verbleiben beim monotheismus stützen. Sie

müsten, führl sie aus. mit der dreieinigkeil zugleich die ganze lehre

vom erlöser, von unserer heilsordnung ... in den kreis ihres Systems

aufnehmen. „In diesen Gesichtspunkten muss man ihnen die Dreieinig-

keit erläutern. Aber unser Verfasser V zuerst! erläutert er die Lehre

seiner Dreieinigkeit aus dem A. Testamente, auf welches die Juden

doch ihre hartnäckigte Einheit bauen? Nichts! denn der Spruch,

Sprüchw. 8, 22 wird ja schon von den Juden selbst so ausgeleget usw.

Und alle angezogne Örter des N. T. sind ja rar Christen oft schwan-

kend-, wie sollten sie denn für Juden treffend seyn?"

Nicht minder als der bau der rede im ganzen stimt die form der

sätze zur Herderischen Stilistik. Gern verwandelt Herder die Verbin-

dung eines subjeet- und eines prädicatsatzes in das hypothetische Satz-

gefüge. „Wenn jene Fruchtbringende Gesellschaft der Katze und dem

Schorsteine neue Namen geben wollte: so war sie amKopfe krank....

Aber wenn Halle aber Künste und Handwerke eine neue Sprache redet ...

wenn er die Geschichte der Thiere nicht wie ein Lehrer der einfäl-

tigen Natur uns erzählet... so ist das ein schöner Schriftsteller von

Geschmack." (Fragm. II. s. 55 Ig.) An dem letzten satzpaare zeigl

es ich deutlich, dass die Umwandlung der regelrechten form nur der

neiiheit und abwechslung halber beliebt worden ist. Dnd gerade von

dieser art linden sich nicht wenige beispiele. Oft ist dem so des nach-

sat/.es ein bekräftigendes ja angereiht. „Die alten Lacedaemonier war-

fen ihre schwachen Kinder weg .... Sie tliateu ohne Zweifel auch

schon politisch unrecht; aber mau kann ihren Fehler doch aus ihrer

kriegerischen Verfassung wenigstens erklären ....: wenn aber in

ttnsern BChwachen /eilen Wegelin ihre Stärke nachzuahmen sucht, und

Rousseau sich nicht sehr abgeneigt bezeigl gegen diese Kinderprüfung;

o ist ja die Vergleichung unleidlich." (Über die Schönheit des Kör-

pers und der Seide. Kigische Beiträge L766, Stück X s. so. ) „Gess-


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 179

ner ist hierinn (in Küchen - und Landschaftsstücken) noch vortreflich,

und mischt diese Schilderungen nur ein ; aber wenn seine Nachfolger

mittelmässige Schilderungen zum Hauptwerk ... machen; so weicht

dies ja ganz von den Alten ah." Die gleiche satzgestalt liebt der Ver-

fasser der Nachricht. Der Erläuterer hat definiert: „Eine Person ist ein

Unterschied in Gott." Jener setzt hinzu: „Gut! auch nach unsrer Lehre

findet sich dies bei der Person; aber wenn der göttliche Geist, sein

Bild, und seine Kraft, als Unterschiede neben einander gesezt wer-

den : so ist dies ja Unsinn." (S. 26.)

Nicht einzelne worte bloss bekunden die leidenschaftliche Schroff-

heit des kritikers; auch in einer bestirnten satzform spricht sie sich

aus. Ich meine die peremtorische form des Widerspruchs, die darin

gipfelt, dass die disjunctive form, in der das urteil vorgetragen

wird , scheinbar eine wähl gestattet , die schneidige fassung des zweiten

gliedes aber zu schleuniger gutheissung des ersten satzes nötigt. So

in der Königsberger recension von Duschs Briefen zur Bildung des

Geschmacks (Königsb. Zeitungen 1766 St. 6, 20 Jenner): „Er (Dusch)

fordert vom Lehrdichter, wie er meynt, grosse Talente, weil es bey

dem Lehrgedicht alles aufs Kolorit ankommt. Nun denn! so ist Titian

dem Raphael gleich, oder er sagt nichts zur Sache." Fast bis zum

Widersinn verwegen wird diese waffe gehandhabt. Im vierten der Kri-

tischen Wäldchen (359) steht folgender satz: „Menschen, die inniges

Gefühl für die Musik haben, ihr werdet meiner Erfahrung beistimmen,

oder ihr seyd gar nicht zum Gefühl derselben geschaffen." So nun

heisst es auch in der „Nachricht" (s. 25): „Seine (des Erläuterers)

göttliche Personen, sind ja keine Personen; es sind, so sehr er sich

verhüllt, bloss Beziehungen Gottes auf die Welt, oder er spricht ein

Non-sens." 1

Wir glauben bei vergleichung dieser satzgebilde die eigentüm-

lichen geleise und krümmen der Herderischen diction unter uns zu fühlen ;

als auffällige merkzeichen kommen uns auf dieser Wanderung aber etliche

formelhafte Wendungen zu statten. Folgen wir ihnen, so führt uns der

weg direct in die Vorratskammern der gedankenfabrik unseres sprach-

neuerers. Denn an solche vorratsstätten müssen wir doch unwillkür-

lich bei der beobachtung denken, dass ihm für bestirnte fälle etliches

material handlich zugerichtet stets bereit liegt. Zu diesem material

gehören die interessanten Wendungen. Alltägliche gedanken, die nicht

1) Non-seus ist eins von Herders lieblingsworten. Gewöhnlich der nonsens;

aber auch das neutrum findet sich. Krit. Wähl. II, 177: „Das ganze Non-

sense dieses Hauptstücks " 227: „so hat mein Commentator ein Non - sense gesagt."

In umlauf gesetzt haben den ausdruck aber schon die Litteraturbriefe.


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oder bloa angedeutel werden konten, sollen

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wenigstens nicht in trivialer form auftreten lodiaclitungen wie > l

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Vorschreiben, versprechen ist Leicht; aufs ausfuhren kommt es an —

Massiges aussenwerk ist im leben wie im schreiben vom übel —

1 Kim strittige

sache wird durch blosses behaupten nichl erledigt

machen in ihrer knechtsgestalt keinen sonderlichen eindruck. A.ber

stecke den wicht in einen anekdotenrock , so präsentiert er sich ganz

leidlich. Das erste von den angeführten urteilen stutzt Herder durch

die Plutarchische anekdote von den zwei baumeistern in Sparta auf:

der erste nimt den mund voll von dem was er leisten will; der zweite

spricht: alles, was du gesagt hast, will ich tun. (Rigische Antritts-

rede, 1765: Lb. I, 2, 59. Fragm. II, 203). * Noch geläufiger ist ihm

die Umschreibung des zweiten erfahrungssatzes durch das Sokratische

apophthegma: „Wie vieles kann ich entbehren!" und stehend wird

hierbei aus der panegyris mit gemütlicher weitermalung der form,

wie die anekdote bei Diogenes Laertius II, 25 erzählt steht, der echt-

deutsche „Jahrmarkt." Vielleicht stamt die liebhaberei, die Herder

für die schnurre hegt, aus Kants collegium; denn. auch dieser lässt sie

1) Dieselbe anekdote, in gleichem sinne, wie an der stelle der Fragmente

angewant, findet sieh in der recension von Honies Grundsätzen der Critik, die im

X. stück des I.jahrgangs (1761) der Königsbergischen Zeitungen enthalten ist. Diese

recension , eines der besten stücke der zeitung, hat denn auch hauptsächlich wegen

dieser auffälligen parallele Haym für Herder in ansprach genommen. (Im Neuen

Reich 1874 s. 418.) Ich gestehe, dass ich vor viertehalb jähren, als ich anfieng

die ..Zeitungen" nach Herderischem gut zu durchgraben, ebenfalls geglaubt habe,

diesen fund für mich einheimsen zu können; zugleich aber, dass ich seit jähr und

tag denselben als unrechtmässigen besitz ausgeschieden habe. Mein verehrter mit-

forscher komt zu dem resultate: „Ich wüsste, was den Geist der Recension anlangt,

ausser Herder etwa nur Kant .selbst, der sie geschrieben haben könnte." Nach

meinem dafürhalten sind die namen der beiden koryphaeen entschieden umzustel-

len, sodann aber ist die elausel hinzuzufügen: ,,was aber die form betrifft, wort-

form, grammatische und stilistische form, so hat sie Herder schwerlich geschrie-

ben." Mein urteil kirnte ich hier in der kürze nicht hinlänglich begründen. Ich

bleibe also bei der auffälligen einzelheit stehen und bemerke nur: 1) die anekdote

hat in den .. Zeitungen" einen nebenzng, der sieh an beiden stellen bei Herder

nicht findet, während doch dieser sonst höchstens in kürze oder ausmalung variiert;

2) gemeinsames bild- und putzwerk findet sich in den Kantischen sehriften der

60ei Jahre und Herders Jugendschriften nicht wenig. Einiges führe ich in diesem

aufsatze gelegentlich an. Hier will ich nur daran erinnern, dass Herder für seine

zwecke wenigstens ein dutzend mal den alten Proteus allusionsartig parodiert. Auch

Kint braucht ihn in diesem sinne Bhaftesburj (Übers, von Voss II, lö.'ii und

Boussean waren vorangegangen aber wider charakteristisch für beide ist es. dass

Kant ihn blos in der form der vergleichung citiert, Herder in der reinen ruetapher.

Kants WW. in chronol. R. P. II, 279. Herders Lb. I, 3, 1, 208. I, 2, 153.

I 3,2, 275. Krit. Wald. 111, 176.

:


als redeputz gern mit unterlaufen. 1

HEBDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGS SCHRIFT 181

Sicher ist es, dass das spiel mit

dieser geschiente bei Herder so alt ist, als die Verehrung für seinen

lehrer Kant. In einem lehrgedichte „Der Mensch," an dem schon im

jähre 1762 von Herder versuche gemacht worden sind, finden wir —

es sind Bruchstücke davon in dem ältesten arbeitshefte Herders vor-

handen — die zeilen:

die Welt, der Zeitvertreib, die Ehren,

Gelehrtheit, wirf sie fort! „Wie viel kann ich entbehren!"

Dieses gedieht ist es, von dem Herder (Lb. I, 2, 290) bekent: „Mein

philosophisches Lehrgedicht an Kant war das Aufstossen eines von

Kousseauschen Schriften überladenen Magens." In einem kleinen etwa

gleichzeitigen Sinngedichte drängt sich die lebensweisheit des „Gymno-

sophen" in denselben sprach zusammen. (Lb. I, 1, 186.) Aus dersel-

ben zeit stamt ein anderes Sinngedicht, welches Herder „aus der alten

Mappe" seinem freunde Claudius für den Wandsbecker Bothen spendete:

Leben der Götter und Weisen.

Warum die Götter selig leben?

Sie brauchen nicht und können geben!

Einst (Ein?) Sokrates im bunten Trödel spricht:

Was alles darf ich nicht.

(Gedichte I, 199. Eedlich, Die poet. Beitr. zum W. B. s. 43.)

Mit besonderem behagen wird aber das jahrmarktsbild in die prosadar-

stellung eingewebt; bald dient es dazu, das nutzlose der philosophie

für das bürgerliche leben (Lb. I, 3, 1, 240), bald um die künsteleien

der päclagogen (a. a. o. I, 2, 66. J. 1765), bald den formelkram der

schuloratorie und logik bei seite zu schieben (Fragm. II, 48. J. 1767),

allerwärts fast mit gleichen Worten. „Unsere meisten Erziehungsplane

wollen schimmern; man lieset sie durch, und glaubt durch einen Kin-

derjahrmarkt zugehen, wo Spielzeug von beiden Seiten glänzt; nur ein

Weiser sagt wie Sokrates (Seneka an dieser stelle ist Schreibfehler):

Wie viel kann ich entbehren." „Hier (bei der dürren, unfruchtbaren

barbarei der schullogik) haben einige neuere Weltweise mit Recht gesagt,

wie Sokrates, da er durch den Jahrmarkt voll Volks ging, zu seinem

1) Träume eines CTcistersehers (WW. hg. von Hartenstein II , 377) : „Wenn

die Wissenschaft ihren Kreis durchlaufen hat, so gelangt sie natürlicher Weise zu

dem Punkte eines bescheidenen Mistrauens und sagt, unwillig über sich selbst:

Wie viel Dinge gibt es doch, die ich nicht einsehe! Aber die durch Erfahrung

gereifte Vernunft, welche zur Weisheit wird, spricht in dem Munde des Sokrates

mitten unter den Waaren eines Jahrmarkts, mit heiterer Seele: wie viel Dinge gibt

es doch, die ich alle nicht brauche,"


1 i 82

Begleiter: Freund, wie viel können wir entbehren!" Dnd wunderbar,

wie unverlöschlich die züge dieses bildes bleiben. In der letzten der

classiscb vollendeten theologischen Schriften (1798), stellt es noch eben

so frisch, dies mal zur abwehr des formelwesens , der unnützen grübe-

le] der dogmatiker. ..Als S. durch einen Jahrmarkt voll Spielwerks

ging, Bprach er zu seinem Freunde: Wie viel, mein Freund, können

wir entbehren?" (WW. z. R. u. Th. 18, 200.) Dasselbe bild ist dem

Verfasser der Nachricht, geläufig. Den ., Zweiten Abschnitt (der die

neue Erklärung mit den gewöhnlichen Bestimmungen vergleicht |" eröff-

net er mit folgendem satze: „Bei jedem neuen fragt ein guter Haus-

wirth: Kann ichs brauchen? und muss er gar etwas von dem. was er

besi/.zt. und etwas grössers aufopfern: so sagt er, wie 8., da er durch

den Jahrmarkt ging: O wie viel kann ich entbehren."

Widerum nimt der Nachrichtgeber gleichen schritt mit Herder

am Schlüsse dieses abschuitts. „Warum lässt sich nicht der Verfasser

ein. auf unsere. Behauptungen zu antworten, und die seinigen zu bewei-

sen? Behauptet er ohne zu beweisen, so könnte es ja sein Gegentheil

auch thun, und denn hiesse es: ich sage Ja! jener Nein! ihr Roemer,

wem glaubt ihr?" Schon früher habe ich darauf aufmerksam gemacht.

dass die Vorführung der beiden grammatischen kampfhähne Aemiliu:

Scaurus und Valerius und der darauf ausgespielte fragende trumpf zu

Herders rhetorischen kunststückchen gehört. Die beiden beispielstellen,

welche ich damals angeführt habe, liegen auch der zeit nach sehr nahe:

die eine in der recension von Kants Träumen eines Geistersehers stamt

aus dem februar 1766; die zweite steht in der zweiten samlung der

Fragmente.

i .\ n

Das anspielungsunwesen , das sich nach zeitüblicher weise in Her-

ders Jugendschriften breit macht, zieht hauptsächlich aus den nlten

klassikern seine nahrung i

Plutarch

und Lucian sind die reichsten quel-

len); auch die stellenden begleitwitze der augeführten art sind zumeisl

aus dem alten kalender. Aber auch die neueren, besonders die eng-

lischen humoristen und Satiriker, Sterne, Fielding, noch öfter Butler

und Swift, erleiden, um die magerkeit des Deutschen anzufrischen,

starke aderlässe.

Wie sehr Herder sich in den grimmigen humor des irischen

dechanten eingelebt hal , weiss jeder aus Goethes Selbstbiographie. In

der Bückeburger einsamkeit schien er sich sogar zu einem deutschen

doppelgänger Swifts ausbilden zu wollen, die bekantschaft mit ihm war

aber viel älteren datums. Schon in Riga gehörte Swift zu Herders

vertrauten und lieblingsautoren. Eine auspielung auf ihn drängt sich

schon in die abhandlung „Der liedner Gottes" (1764. ö). In der echten


HEBDEBS THEOLOGISCHE EBSTLINGSSCBIFT 183

kanzelrede , heisst es da, herrscht „kein steifer Anstand, wie in der

Tonne jenes sehr ehrwürdigen Dechaiiten" (Lb. I, 2, 79). J Es kann

uns also auch in der „Nachricht" der spott nicht entgehen, mit dem

die unart, bibelstellen ohne rücksicht auf ihren ursprünglichen Zusammenhang

zu verwenden, gezüchtigt wird. „Auf die Art, wie der Ver-

fasser durch Akkommodationen beweiset , die nur beinahe wahr sind

könnte ich mit leichter Mühe aus dem Werkchen, über das ich schreibe,

eine chymische Untersuchung herausbringen, wenn ich so ein Florile-

gium von seinen Ausdrücken sammlete, als Bruder Peter in Swifts

Märchen von der Tonne mit den Buchstaben in seines Vaters Testament

für billig fand."

Aber Herder, den sein „patriotischer eifer" nie ruhen Hess, der,

ein kind aus dem volke, zu den füssen einer biedern mutter gesessen

hatte , die das schönste geschick im erzählen alter geschienten besass 2 —

lj Zu dem Märchen von der Tonne hat Herder in seinen späteren jähren

„ein Gegenstück" (vielmehr eine fortsetzung) „Das Märchen vom Spiegel" geschrie-

ben , dessen herausgäbe von Johannes v. Müller aus falscher scheu hintertrieben,

jetzt um so zeitgemässer erscheint. Eine bewundernde Zuneigung, gehoben durch

inniges mitleid, erhielt Herder dem freunde seiner aufstrebenden mannesjahre;

worte aus dem innersten seines herzens hat er ihm in der Adrastea (1 , 298 — 345)

gewidmet.

2) Man gönne mir , hier einen trocknen kränz zum andenken der guten frau

aufzuhängen , der Herder selbst ein zart rührendes erinnerungslied geweiht hat.

(Lb. I, 1, 237. vgl. lerstr. Bl. III, 3.) In der vorrede, die er zu Liebeskinds

Palmblättern geschrieben (s. XVIII fg.), rühmt es Herder mit herzlich einfachen

Worten seiner mutter nach, wie lieblich und eindrucksvoll schlichte erzählungen

von ihren lippen geflossen seien. Es ist zwar ein biblischer stoff, den er dort als

beispiel anführt, doch ein von Geliert in seiner manier paraphrasierter. Gewiss

hat sie auch Gellerts fabeln dem söhne eingeprägt. Denn gerade deswegen feiert

er ja in den Fragmenten (I, 2. Samml. 287) Geliert als eine art von deutschem

Homer, weil seine fabeln und erzählungen den weg zu dem herzen der einfachsten

leute gefunden haben. Noch eine einzelne trockne blute darf ich vielleicht ein-

flechten. In der anzeige von Anton Trinius Zugabe zu seinem Freydenker -Lexicon

lässt unserem Herder das misbehagrn an der kritiklos zusammengewürfelten masse

von namen das kraftwort entschlüpfen: „alles kommt hier zusammen, was sich

kaum auf der Kürschnerstange zusammen findet " (Königsb. Zeitt. 1765 st. 93).

Vielleicht eine redensart aus dem munde seiner mutter, der geweckten und „gesprä-

chigen" frau (Lb. I, 1, 31), der tochter des Mohruuger huf- und Waffenschmieds,

wobei dem recensenten das kleine rauchwaaren - magazin vor äugen gestanden hat,

in dem die fusssäcke und kappen , die pelzstiefel und mäntel der krethi und plethi

von Mohrungen während des sommers vor mottenfrass bewahrt wurden. In Her-

ders sinne wenigstens ist es genmtmasst,, wenn man solche einfach kräftigen aus-

drücke als mütterliche mitgift erklärt. Achtet er doch die spöttisch gemeinte ety-

mologie : „Muttersprache d. i. eine Sprache der Mütter, der Weiber und Ungelehr-

ten" im ernste für das schönste lob der angeborenen rede. Fragmente II (3) 27;

;


184 suj-i'

• i konte

.-ich nicht mü der ausbeute aus fremdem lande befriedigen.

Satte er doch früh wenigstens einen bäum auf heimischem boden

kennen gelernt, der Beinern unverwöhnten geschmacke genüge brachte:

der bäum knorrig, die fruchte echte holzbirnen, doch „edelhart" und

und. Er versuchte es, auch dem verwöhnten gaumen gelehrter Zeit-

en ein gericht davon aufzutragen. Mosern „niedliche Abhandlung"

Harlekin, oder Verteidigung des Groteske-Komischen

hatte ihm köstlich behagl (Fragm. I, 157), und durch diese feine und

gelungene schutzrede für das volkstümlich possenhafte fühlte er sich

wo! zuerst ermutigt, diesem gesunden elemente auch Beinerseits räum in

der litteratur, selbsl in der höheren prosa zu schaffen. Durch ihn, und

vielleicht zuerst durch ihn komt Eulenspiegel wider in gute gesell'schaft.

Ki lässt ihn sogar auf dem katheder des gelahrten akademikers platz

nehmen. „Ein Lehrer der schönen Künste und Wissenschaften," spot-

tet er im vierten der Kritischen Wälder (s. 518,), ..ist Riedel eben so

wenig als Eulenspiegel ein Maler: er kleckt uns eine Menge Begriffe

hin, ohne Richtigkeit, ohne Kenntnis, ohne Ordnung, ohne Fruchtbar-

keit." Eulenspiegel als maier steht bei ihm in besonderer gunst, und

an ihm erlustigt er sich denn auch in jener oben gekenzeichneten

manier anekdotenhafter einkleidung. Er sieht z. b. in den beweisen, in

den ausfährungen eines gegners nichts von dem. was dieser hineingelegt

zu haben vermeint. ,, Himmel/ -

ruft er schalkisch, ..was sieht der

Mann alles? Ich bin doch auch, sagte jenes naive Mädchen bei Eulen-

spiegels Malerei, die kein unächtes Kind sehen sollte, ich bin doch

auch kein Hurenkind, und sehe nichts!" So in dem schlusswort iU-v

Fragmente (II, 308) den anklagen entgegen, die wider Klopsto<

schwärmerische prosa im Nordischen Aufseher von Lessiug erhoben

waren. Eben so wenig verschmäht aber auch der theologische kritiker

den ungekämmten gesellen. Sein gegner hat die erläuterung zuerst

als hypotbese vorgetragen; darauf die Übereinstimmung derselben mit

ler Bibel durch sogenante aecommodationen zu erweisen versucht. ..Er

siehet Ähnlichkeit! armer Leser, wenn du sie nicht siebest: so mag es

dir gelien wie jenen ehrlichen Leuten, die das Bild nicht sehen konnten.

was Eulenspiegel mahlte: es waren unächte Kinder." (S. 16).

Deutlich genug ruft uns von dieser seite die „Nachricht" den

namen ihres Verfassers entgegen. Wir suchen einen zweiten gesichts-

punkt, indem wir den bildlichen ausdruck. soviel die schritt davon ent-

hält . ins äuge fassen. Bin unverkennbares bedürfnis Herders isl es,

vgl. I. 2. ausg. B. 20. Philipp Wackernagel, Der Unterricht in der Mutter-

sprache s. 105.


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 185

gedanken und bild zu gatten ; diesem triebe verdankt sein stil ein gut

teil seiner eigentümlichkeit. Nicht die „ frühlingslebenspracht " freilich

schiesst ihm aus mütterlichem boclen auf, die in den ädern des dich-

terjttnglings zu Frankfurt und Wetzlar schwoll. Wenn dieser „sich

immer uneigentlich ausdrückt und niemals eigentlich ausdrücken kann," 1

so waltet in ihm die macht seiner vollen dichtematur; Herder aber

war poetisch befähigt , kein poet. Ein poetisches ganzes zu schaffen,

dazu fehlte ihm, wie er klagt, „das Kunde, die Wohlgestalt ;

ii2 und der

saft, der den weg zum stamme nicht findet, schiesst notwendig in die

nebenzweige; daher denn wirklich manchmal ein üppig verwachsenes

Strauchwerk von bildern, nicht selten am unrechten orte bei ihm

wuchert. Aber auch dies einzelne als solches hat selten Goethische

Währung. Es fehlt unserm Herder die macht der phantasie, die mit

der sinnlichen gegenwart göttergleich schaltet und waltet. Gegen die

überfiiessende menge des historisch- bildlichen erscheint bei ihm der

kreis des der unmittelbaren anschauung entnommenen sehr eng. Hierin

bleibt er noch der söhn des Zeitalters, über das er hinausstrebt. Und

in jenem engeren kreise gelingt es ihm viel seltener die erscheinungen

der natur sich dienstbar zu machen, als das treiben und handeln des

menschen darzustellen. Bei Goethe ist — um in Herderischer spräche

zu reden — das bilden und bildern natur, bei Herder oft nur nachahmung

(der Engländer vorzüglich) und eine zur zweiten natur gewor-

dene gewohnheit.

Manches naturbild, das er, in karger und unschöner weit auf-

gewachsen, früh in seine anschauung aufgenommen hat, gebraucht er

mit einer treue, die gar eintönig wirkt. Ein solches ist der sich auf-

schwingende vogel. Auf einen dichter, mit dem er selbst mehr ver-

wantschaft hat, als er ahnt, geht sein epigramm im Wandsbecker

Bothen (1774 no. 21 Ged, I, 194. vgl. s. 181):

Was schwingest du mit Adlersblick

Des Strauses schweren Flügel?

Sieh deinen Leib! er sinkt zurück

Zum niedern Erdehügel usw.

Auf dies bild stossen wir in der prosa der Königsbergisch -Bigischen

periode sehr häufig. Flügel der einbildungskraft, 3

1) Goethe und Werther s. 35.

flügel einer dich-

2) Aus Herders Nachlass I. 322. II, 122. 143. III. 56. 76. Er empfand

es als einen mangel seiner bildung, dass er nicht genügend im zeichnen unterrich-

tet worden war. Erinnerungen III, 206. Lb. I, 2, 33. Hamanns Sehr. V, 285.

3) „Es kann dies Buch (Mallet, Gesch. von Dännemark) eine Rüstkammer

eines neuen Deutschen Genies seyn, das sich auf den Flügeln der celtischen Ein-


186

berischen Schwärmerei '

finden

wir «

sri'ii\.\

I « n i mehrmalt Leasing hatte in

den Litteraturbriefen der FTorazischen ode Bügel gegeben (WW, Lachm.

; , 15); Herder verleiW sie mit absichtlicher nachzeichnung des Les-

singschen bildea dem Klopstockischen hexameter (Pragm.II, 320). Er

stattel aber sogar ideen mi1 Bügeln aus. „So wie ein Algebraist, wenn

er auf den Flugein seiner Ldeen sich ins Unendliche setzt, ganz Gedanke

wird," sagl er in einer spätestens 1 7r»r> geschriebenen theologischen

arbeil (Lb. I, 2, 81), und in den Fragmenten d. 145) will er dem

bilde, welches „die Muse der Winkelmannischen Schriften" darstellen

soll, „die Flügel hoher Ideen" geben. Die „Nachricht" aber umklei-

de! mit dem gleichen bilde selbst gedankenwesen , die sich gegen jeg-

liche verbildlichung 3träuben. Die philosophische erklärungsmethode,

heisst es daselbst, „findet in den 3 Personen Gottes die 3 Verhältnisse

riiit's Wesens zu der Creatur Daher ist violleicht auch die Pla-

tonische Dreieinigkeit entstanden, weil man diesen 3 abgezognen [abstrac-

ten] Verhältnissen freilich die Flügel einer hohen Einbildung hat geben

können. 1.

Von den menschlichen beschäftigungen dürfte wol die des bau-

gewerks am meisten zu erreichung bildlicher anschaulichkeit von unse-

rem autor herangezogen sein; liegt doch ohnehin wegen der notwen-

digen analogien jedem gelehrten schriftsteiler der gebrauch nahe. So

wäre denn also höchstens an nebenstrichen eines so allgemeinen bildes

die hand des einzelnen zu erkennen. Vom herbeischaffen des materials

bis zur krönung des gebäudes mit dem

und von der grundlegung an 2

kränze 8 finden wir bei Herder den bau dargestellt. Der Verfasser der

Nachricht ist ebenso mit diesen bilden) vertraut. Als erste methode,

die dreieinigkeit zu erläutern, empfiehlt er die kirchlich orthodoxe (s. "1 ).

„Diese Erklärungsart sollte keinen Eifer gegen sich erwecken ....;

wenigstens kann sie, wenn sie treu ist. Baugeräthe liefern, und

sollte der Gräber auch nicht eben den besten Gebrauch machen, oder

die beste Erklärung treffen : so hat er es ausgegraben; und hat drüber

geraten: ein andrer erkläre und baue. Ich wünsche dieser Arbeit noch

bildungskraft in neue Welten erhebt," (Königsb. recension.) Ebenso in dem auf-

satze: „Ist Schönheit »los Körpers usw." Rig. Beiträge L766. X. b, L88.

1) Königsb. Gel. u. Pol. Zeit*. 1767 st. 66 in der recension der Hamburgi-

schen Unterhaltungen.

2) I);is merkwürdige gleicbnis von den „Grundsteinen der Erkenntnis,"

Fragm. II (3) 51. 111 iel sicherlich eine BrucW der eifrigen leetüre des Montaigne,

ans «lein vorher (s. :i4) «1er bildliehe ausdruck angefahrt ist: ,,1 asere Seele bauet

(im Lernen) Stockwerke über einander."

3) Rig. Beitr. 1764 st. XXIV a 187. Fragm. 1. (2. Samml.) 186. 189 (wo

..krönen" widerherzustellen ist) 378. II (3) 133. 148.


viel Hände in unseren Tagen." ]

HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINÜSSCHRIFT 187

Hiergegen stelle ich ein seitenbild aus

dem ersten teile der Fragmente. Hier ist die rede von dem originalen

Schriftsteller, der die idiotismen seiner muttersprache zu nutzen Aveiss.

„Das kühne Genie gräbt in 2 die Eingeweide der Sprache, wie in Berg-

klüfte, um Gold zu finden. Und betriegt es sich auch manchmal mit

seinen Goldklumpen: der Sprachenphilosoph probire und läutere es:

wenigstens gab es Gelegenheit zu chymischen Versuchen. Möchten sich

nur viele finden , die (die Sprache) als Gräber ... durchsuchten."

Allerdings ein bild aus einer andern sphaere, aus der des bergmauns

und scheidekünstlers, aber ein zusammengesetztes, wie das vorangehende,

und zusammengesetzt nach derselben Ordnung, mit denselben kleinen

nebenzügen, so dass in diesem betracht es mich dünkt, ich sehe den

abdruck ein und desselben petschafts, nur hier in rotem, dort in gelbem

wachs. Und diese nebenzüge kommen bei wörtlich ähnlicheren

gleiehnissen noch öfter zum Vorschein. Ich denke hier an solche stel-

len, wie die in der einleitung der Fragmente, wo von aesthetisch -kri-

tischen Schriftstellern verlangt wird, sie sollten „einem Sulzer fertiges

Baugerüst 3 zu seiner allgemeinen Aesthetik liefern." (S. 16.)

Wenden wir uns vom kunsthandwerk zur kuust, so gehen wir an

Eulenspiegels Staffelei vorüber, um vor einem nicht minder grotesken

bilde zu verweilen. Einen schriftsteiler, der eine misratene leistung

mit dem anspruche , die idee erreicht zu haben , vorträgt , stellt Herder

1) „Die Alterthümer der Griechen und Roemer, die ... so viele gelehrte

Hände beschäftigen;" Recension von Mallets Gesch. v. Dann. ; Königsb. Gr. u.

P. Zeitt. 1765 st. 64.

2) Nachricht s. 15: „Wenn ein Michaelis in der Geschichte der Ebräischen,

ein Semmler in der Geschichte der Hellenistischen und Kirchen

Sprache gräbt."

3) Mancher möchte hier lust verspüren, Baugerüst in Baugeräth zu

ändern. Allein Herder hat in seinem zur II. ausgäbe hergerichteten handexemplar

den ausdruck unverändert gelassen. Unter Baugerüst versteht Herder das auf-

gerichtete oder zum aufrichten fertig geschaffte balkenwerk, welches vom maurer

ausgefüllt wird. Fragm. I. (2. samml.) 250: „in seiner (Klopstocks) Epopee (ist) zu

viel Gerüst und zu wenig Gebäude." II, 168 „die Mythologie der Alten , die schon

ein gefundnes Baugerüste der Dichtkunst ist." ; vgl. II, 142. 153 fg. Handschrift-

lich (zur II. samml. der Fragm., IL ausg): „nach Regeln und Mustern ein Bau-

gerüst aufschlagen" „nicht eher ans Gerüst gedacht, als an Materialien" (Torso,

II. Stück). Briefe zweener Brüder Jesu, s. 20. Kant, in dessen bildervorrat der

bau ebenfalls eine bevorzugte Stellung hat, redet von „einem mühsam gesammelten

Baugeräthe" (1763), von „einer Ordnung der Dinge (System), die aus wenig Bau-

zeug der Erfahrung gezimmert ist." (1766.) WW. in chronol. R F. v. Hartenstein II,

110. 350. Auch das bild des „Luftbaumeisters," unter welchem der dogmatische

systemfabrikant verstanden wird, haben Kant und Herder gemeinsam. Herder:

Rig. Beitr. 1765 st. I, s. 6. Königsb. Zeitt. 1766 st. 9; Kants WW. II, 350.


[88 -i riiAN

mit spöttischer ausmalung als den Btöraper vor, der marktschreierisch

riii gemälde selbsl erklärt. „Schon Plato and Xenophon malen uns

den Sokrates verschieden; aber man muss beinahe ausspeien, wenn Wie-

land auftritt und Bagt: Seht! den Kopf des Sokrates." (Pragm. 1. 297.)

lud su hält es auch der Na.chrichtgeber. „Der Verfasser denkt sieh

zuerst, was er unter Person verstehen will ... und ruft mit einem

erfinderischen Ton: Seht! das soll es bedeuten!" (S. 14.) „Nachdem

der Verfasser sein Gemälde aus dem Kopfe entworfen, so hält ers gegen

die Bibel, und sagt: Sehet welche Aehnlichkeit!" (S. 10.)

Wir verlassen die malerwerkstatt und kehren beim Schriftsteller

selber ein, hei ihm aber nur, um ihn in der handwerksartigen tätigkeil

zu beobachten, die auf das malen der striche und punkte hinauskomt.

Die gleichnisse vom punkte und striche sind farblos und echt prosai sc! i

ihre herkunft vom gänsekiel oder notizstift vermögen sie schwer zu

verleugnen. Harmlose und bescheidene gaste sind es, die der arm-

seligste scribent sieh nicht scheut zu tische zu laden, die doch aber

auch der reichste l nimmer ganz verschmäht. Herder, der schreibselig-

sten einer, ist auch gegen die verwanten seiner schlichten Werkzeuge

freigebig genug gewesen. 2 Aber gerade weil die verwantschaft so gar

gross ist, will es nichts besagen, dass auch iu der Nachricht ein punkt-

gleichnis für erlaubt gilt. 3 Statt zu vergleichen möchte ich an dieser stelle

einespassige probe davon geben, wie Herder versucht hat, eine faden-

scheinige strichmetapher vermittels einer art von sinlicher darstellung

zu ehren zu bringen. In der volleren form, die durch marginalzusatz

hergestellt wurde, lautet die stelle, der parallele zwischen Theokrit und

Gessuer zugehörig (Pragm. 1. 2. samml. 360) so: „Je näher ich der

Natur bleiben kann, um doch diese Illusion und dies Wohlgefallen zu

erreichen; je schöner isl meine [dylle: Je mehr ich mich über sie erhe-

1) Wer erinnert sich nicht, welch feine metaphorische beziehungen Goethe

seinen „Schreibtaflein" abzugewinnen versteht. Briefe an Frau v. Stein II. 280.

Briefwechsel mit F. II. Jacobi b. 66. 67. und diese bilder widerholen sich gerade

in den achtziger jähren, also in derselben zeit, ans der wir öftere bekentnisse voq

«i.M-the bcsit/.cn. d.iss es ihm ganz anmöglich sei. an einem inhaltvollen gespräche

sich lernend oder Lehrend zn beteiligen, ohne schreibtafel oder griffe! in der band

zu führen, [taliän. Reise: Lua Venedig L2. oct. 1786. Ans Rom 28. sept. und

25. drei,,'. 1787.

2) „Die poetischen Sitten ... sind nur ein kleiner Zustrich" (msc. IL saml.

der Fragmente, zur 1. ausg.). Fragm. II, (3).

3)

."-7. 92. 102.

s. 12. „Isl die Erläuterung der gewöhnlichen Lehre der DreieinigkeH vor-

zuziehen? und isl Bie n 1

1 .- dies sind die naturlichsten Fragen, die man thun kann:

die erste isl wichtiger als die /weite, und der Mittelpunkl meiner Schrift." Am

nächsten steht der ausdruck: „Mittelpunkt der Untersuchung/' Fragm. !. 38.

;


Herders theologische erstlingsschrift 189

ben muss desto mehr verliert sie an Poetischer Idyllenschönheit —

der Mittel strich meiner Untersuchung: der Unterschied zwischen Theo-

krits und Gessners Charakter." l

Aber auch losgeschält von beruf und geschäft wird der mensch

in seinem grundsätzlichen, pflicht- und naturgemässen handeln zum

bilde verwant. Der armseligen gymnosophistik mit ihrem „Wie viel

kann ich entbehren " blieb Herder nicht länger treu, als es die arm-

seligkeit seiner Studentenjahre verlangte. In Riga lernte „der junge

abt" (abbe) die reize gemächlichen wollebens kennen, und hier gewann

er auf lebenszeit jenes vornehme wesen, das sich in spärliche, einge-

schränkte lebensart nicht schicken mag. Die pflicht und das maass

einer vornehmen Ökonomie wurden nun reiflich erwogen, und auf das

liberalste bestirnt. Nicht zufällig ist es, dass auch in die gleichnisse

jener zeit dieser zug sich gern hineinspielt. „Die Kunst zu verschwen-

den gehört nothwendig in die Oekonomie eines Reichen" (Lb. I, 3, 1,

240; Rigische Gel. Beitr. 1765 st. I); dieser satz wird zweimal mit

verschiedener metaphorischer beziehung ausgesprochen ; und so figuriert

die Ökonomie als metaphorische tilgend öfters bei unserm freunde. Auch

der anonyme theologische kritiker weiss sie zu schätzen; wir kennen

seine m einung schon: „Bei jedem neuen fragt ein guter Hauswirth" usw.

(oben s. 182); aber wahrscheinlich räuchert er der göttin ebenso meta-

phorisch als der junge abt; denn diesen zu einem sparsamen Verwalter

seiner einkünfte zu erziehen kostete seine freunde Hamann und Hartknoch

manchen kämpf. „Er spricht sehr oft von Oekonomie .... ich glaube,

der Mann ist ein Verschwender," calculiert das fräulein von Barnhelm

nicht uneben; nnd wenn wir anstatt „Verschwender" sagten „kein

Sparer," so täten wir unserm Herder so wenig unrecht, als Minna

ihrem Teilheim. Denn eine Teilheimnatur ist er in seinem ehrgefühl

wie in der hausvaterkunst : und niemand hat ihn deswegen schöner

getadelt, als sein freund Goethe, der ihm einmal treuherzig vorrückt:

„Du bist auf alle Weise zu honett." (Aus Herders Nachlass I, 99.) 2

Hiermit könten wir die „lebenden" bilder verabschieden und zu

den „verlebten" übergehen. Man erlaube es, dass ich alles bildliche,

was nach gelehrsamkeit oder lectüre schmeckt, mit diesem harten

namen bezeichne. Herders phantasie hat gar oft zur hausgenossin die

1) Vgl. Fragm. I, 2. ausg. s. 265.

2) Am 10. oct. 1788. Über diesen text hat der treue mann nächster tage

der gattin Herders einen commentar gegeben. „Jetzt ist es hohe Zeit," schreibt

diese darauf dem in Rom weilenden gernahl, „seine Eigenheit bei Seite zu setzen,

wenn wir nicht in Noth und Gram kommen wollen." (Herders Reise nach Italien

s. 127 fg.)


WO

-IIMMS

erinnernng, welche aus der weit des classischen altertums und der bibel

reichlichen 9toff zuträgt. Das antike hat er mit allen Zeitgenossen

gemein: das biblische koml durch ihn ersl recht zu ehren. Mit wärme

verficht er diesen seinen Standpunkt im Torso (Ueber Thomas Abbts

Schriften, s. 16). ..Warum soll ich es mir verbieten, dass, «renn ich

nicht l»lus für den gemeinen Verstand , Bondern mit Bildern reden will,

dass ich zu der Uuelle eile, in die meine Einbildungskraft in zarter

Kindheit getaucht wurde, aus der in das Gedächtniss meiner Leser Ströme

geleitet wurden." Eine zwei bogen lange schritt, und gar eine theolo-

gische, hätte gewiss mit Herders namen nichts zu tun, wenn ihr bibli-

sche bilder und allusionen fehlten. Aber auch hierin verleugnet die

Nachricht ihren Ursprung nicht. „Es dürften nur einige wenige Leser

sagen: er scheint neue Götter zu verkündigen ; die meisten, die da prü-

fen, werden den Kopf schütteln: ri oiv d-sXoi o artegfioloyog ovtog

eiTteiv; (s. 22). ' Eine verstecktere anspielung auf die Apostelgeschichte

als diese (17. 18) glaube ich an einer zweiten stelle zu entdecken. Es

wird da (s. 31) von der kirchlichen methode der erklärung gesagt, sie

„fodere Gelehrsamkeit, historische und SprachenkenntniSs und einen

A uslegergeist." Der ausdruck komt schon in einer etwas früheren

recension der Königsbergischen Zeitungen vor, die auch sonst sichere

merkmale von Herders Verfasserschaft trägt. 2

Tu der Apostelgeschichte

ist nachbarlich jener oben citierten stelle von einer magd die rede, die

„einen Wahrsagergeist hatte." (16, IG.) An die Apokalypse, die Her-

der zu allen Zeiten Heissig gelesen hat, erinnert der satz: „Der Verfas-

ser wird doch nicht glauben, dass er ... den Sinn des H. Johannes

entsiegelt" habe." Ins Alte Testament versetzt uns das nächste bild

(s. 17): „"Warum versteckt man sich hinter Worte, die man als Feigen-

blätter zu Schürzen der Blosse aus Noth braucht?" Es hat sich in

dieser stereotypen form bei Herder so eingenistet, dass er es schon im

jähre 17(15 bei rascher coneeption bloss noch skizziert. (Lb. I, .*>, 1,

238.) liier wird es auf die seichten philosophen angewant; mit der-

1) Vorher hatte Hamann den sprach ;ils motto verwant zu seinem sehrit't-

chen: „Die Mag] aus Mnrgenlande zu Bethlehem." WW.2, 153.

2) 17(35 st. 88. •'•


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIFT 191

selben spitze wird es widerholt in der zwei jähre später geschriebenen

abhandlung Von Baumgarteus Denkart in seinen Schriften (a. a. o. 338)

von den „schwatzhaften Erklärungen unserer neuen Weltweisen, die

sich hinter die Menge der Worte, wie hinter Feigenblätter verstecken

. . .

. ; allein hinter diesen Feigenblättern steckt wirklich Blosse ;

" und

schöner geformt stellt es sich in der umgearbeiteten ausgäbe der Frag-

mente s. 241 dar.

In loser reihe mögen noch etliche auffällige ausdrücke bildlicher

art folgen. „Die Juden sehen die Lehre von der Einigkeit Gottes für

ein Erbstück aus dem Schoos des A. Testaments an," sagt die Nach-

richt (s. 23); und in den Fragmenten (I, 2. samml. 235) soll das urteil

über unsere orientalisierenden poeten „einem unparteiischen Fremden"

anheimgestellt werden, „der den Orient kennet, ohne ihn von Jugend

auf, blos als ein Erbstück der Religion 1 zu kennen ," d. h. ohne ein

schlichter Jude zu sein. Macht die Nachricht in ihrem ersten satze

dem Zeitalter den Vorwurf, „dass die Erläuterungen der Religionswahr-

heiten beinahe zur Modekrankheit geworden," so stellt der „Vorläufige

Discours" vor der zweiten Sammlung der Fragmente die „vielen Journale''

als „die Modekrankheit unserer Zeit" blos. (s. 192.) „Die Metem-

psychosis der Begriffe," von der s. 31 die rede ist, wird uns verständ-

licher, wenn wir in den Fragmenten (I, 37) die wandelungen, die mit

den sprachen in der abfolge der Zeitalter vorgehen, „eine ganz natür-

liche Metempsychosis der Sprachen" genant, wenn wir ferner in der

„Abhandlung über die Ode" (1764. 5) ein capitel überschrieben finden:

„Über die Metempsychosis der Ode in Ansehung der Empfindung."

(Lb. I, 3, 1, 63.) Zu bildlichem zwecke erlaubt sich Herder ferner

einen willkürlichen gebrauch des fremdwortes Rhapsodie. „Meine

Beurtheilung (von Willamovs Dithyramben) ist eine Rhapsodie Pin-

darischer Stellen gewesen," sagt er in den Fragmenten (I, 2. samml.

S. 335). Nicht in der gesuchten aesthetischen bedeutung, in der Shaftes-

bury das wort modernisiert, Mendelssohn es bei uns einzubürgern ver-

sucht, noch in dem verzwickt vieldeutigen sinne, den Hamann in die

nussschale dieses wortes „hineingeheimnisst" hatte, 2 sondern der phi-

lologischen erklärung möglichst treu dient es als kunstausdruck für

eine aufreihung "„usserlich disparater elemente nach einem vom ordner

1) Mehr im eigentlichen sinne wird in der recension von Gessners Orphica

(Königsb. Zeitt. 1765. st. 71) diese letzte arbeit des gelehrten philologen „gleichsam

ein Erbstück vom Göttingschen Gessner" genant.

2) WW. II, 255 Aesthetica. In. Nuce. Eine Rhapsodie in Kabbalistischer

Prose. S. 307.

ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. VI, 13


[92

SA»

willkürlich angewanten princip. 1 Und ebenso wird es in <

1 «

r „Nachricht"

gebraucht, wo die rede ist von „einer Rhapsodie von Sprachstellen,

die alle ohngefahr das Wort Geist und Sohn, und auch nicht einmal

ohngefahr einerlei Bedentang haben." (S. 20.)

Mit den beiden letzterwähnten gelehrten floskeln, der rhapsodie

insbesondere, sind wir schon ganz und gar auf den ebneren boden des

unpoetischen ausdrucks ühergetreten. Auch hier bietet sich uns des

gemeinschaftlichen nicht wenig.

Wir erinnern uns des ungewöhnlichen worts ..der Gräber," das

wir oben in anderer gesellschaft betrachteten. Herder hat unver-

kennbar seine l'reude an solchen persönlichen Verbalsubstantiven. Er

sucht ihren gebrauch allgemeiner zu machen .

er

gehraucht einige in

einem neuen sinne, er schreckt nicht vor absonderlichen neubildungen

zurück, um den bestand zu vermehren. ..Der K'unstrichter dient der

Litteratur als Schmelzer" (Fragm. 1. 2. samml. s. 186); ..man ver-

stehe die Kunst, ein Taucher zu seyn" (ebenda 194); „ die Araber sind

Milchtrinker. Butter- und Dattelesser" (Königs!). Zeitt. ITC.:» st. 88 .

„ein ieQoepavzr;g in die heiligen Geheimnisse werden" (Lb. I, 3, _\ 2);

und sogar da, wo nicht an eine dauernde ausübung einer tätigkeit, son-

dern an eine einmalige handlung gedacht werden soll, stossen wir auf

solche auffällige umschreihung. „ Doctor Schütze ist Vorredner gewor-

den" (Königsb. Zeitt. 1765 st. 04) soll nichts weiter bedeuten, als: er

hat die vorrede des huchs geschrieben. Das wort heohachter ist zu

Herders zeit schon gebräuchlich; er selbst findet „England voll tiefsin-

niger Beobachter der Natur" (Big. Beitr. 1764 st. 1*7); aber um das

eindringliche und minutiöse besichtigen, ..des blickes scharfe sehe- aus-

zudrücken, genügt ihm das wort nicht: er wagt es. ..der Seher" xn

sagen.- In diesem sinne spricht er von einem „philologischen Seher"

(Abhandlung von der Ode; Lb. 1. .">. 1. 96), und mit diesem titel wird

in den Fragmenten Michaelis beehrt (1. 56). Die „Nachricht" (s. 15) will

Ernesti das gleiche 1


HERDERS THEOLOGISCHE F.RSTLINGSSCHRTFT 193

bei- und seher, so findet sieb noch spät in der Adrastea der Gänger x

(V, 338: „Unlustig gebet sichs mit einem Gänger, der keinen Tritt

hält"). In den drei angeführten beispielen . ist das Herderische wort

gedeckt durch gebräuchliche composita. Aber auch wo es deren nicht

gab, schafft er sich unbedenklich den ihm genehmen ausdruck. Young

erhält im vierten Kritischen Wäldchen den ehrennamen „der unsterbliche

Nachtwacher;" eine misbildung allerdings, aber doch war es vom

herausgeber nicht wolgetan, die handschrift zu corrigieren, und den

Säuger der melancholie als „unsterblichen Nachtwächter" dem geläch-

ter preiszugeben. 2

„Unbestimmende Namen gebe man den Deisten und Freyden-

kern," 3

behauptet die Nachricht (s. 26). „Unbestimmende Bezeich-

nung" sagt Herder in dem „Versuch einer Geschichte der lyrischen

Dichtkunst" (Lb. I, 3, 1, 127). In einem früheren aufsatze habe ich

nachgewiesen, dass partieipia mit negativer vorsilbe nach englischer

manier, adjeetivisch gebraucht bei Herder nicht selten sind. Ebendort

ist schon bemerkt, dass Klopstock ihm in diesem gebrauche vorangegan-

gen ist. So lesen wir im dritten und vierten gesange des Messias:

1) Der Siissler: Auch e. Philos. des Geschichte. S. 134. Behaupter: Msc.

einer Lobschrift auf Winkelmann (um 1776). Förderer: WW. Z. Ph. u. G. XV,

130 (1781).

2) In der zweiten stilperiode (der die im stürm - und drangstil verfassten

Schriften angehören) ist die Substantivierungslust im steigen. In der Übersetzung

des Briefes Jacobi (5, 4) wird das wort der Ernter zweimal (zur widergabe von

Töiv d-eQiocciTtor und tmv ilfii]narTorr) angewant, während Luther im zweiten falle

relativische Umschreibung wählt. Noch auffälliger in der Herderischen Übersetzung

des Briefes Judae, v. 19: ovtoi tlaor ol diu/Lii(Ji£ovTts: „Biese sinds: die Rottenmacher"

(Luther: diese sinds, die da Rotten machen); und ebenso v. 16: yoyyiotui,

fxtf^iptfjoiQoi „Murmler, Iinmertadeler ;" Luther umschreibt: „Diese murmeln

und klagen immerdar. " Briefe zweener Brüder Jesu in unserm Kanon. S. 34. 75.

3) Eine dem sinne nach gleiche ausstellung macht Herder an dem Freydenker-Lexikon

des Trinius in der oben angeführten Königsbergischen recension. „Man

hat ihm mit Recht vorgeworfen, dass er das Wort: Freydenker, ohne bestimmten

Plan gebraucht habe: er frage sich erst, was dieses Wort bedeute?" (1765 st. 93)

4) Der ausdruck „ Kurzsichtige und undenkende Halbgelehrte " in der Recen-

sion der Lindauer Nachrichten, Königsb. G. u. P. Zeitt. 17G4, st. 9 muste daher

auch unsere aufmerksamkeit rege machen. Wir treffen hier bildlichen ausdruck,

wie: „sich durch ein beredtes Doppelkinn von Unpartheylichkeit und Gründlichkeit

ehrwürdig machen." Zwei schriften von Wegelin werden erwähnt, die Herder in

den jahren 1765 und 66 mehrmals nent. Ein begehrlicherer Jäger würde vielleicht

dieses anonyme stück für gute beute erklären. Ich schliesse es aus; denn der satz-

bau hat nichts Herderisches. Bildlichen ausdruck mit nachahmung der englischen

humoristen anzuwenden haben die meisten Schriftsteller des Königsberger kreises,

selbst der trockene Scheffner, sich angestrengt.

13*


1"| strrnw

..mit anermüdendem Fleisse" (einen ansdruck, den Eerder von hier

entnommen haben mag); „unentscheidend zureden;" „mit unverrathendem

Auge" I! Ausgabe. 17GO. s. %. Kit. L09). „Undenkend"

gebraucht Lessing (X, 187: „ein andenkendes Leben") and Abbt, in

den Litteraturbriefen (

XIII

. 113:

„ der undenkende Haufe"). Aber Ver-

breitung hat dieser wortgebrauch durchaus nicht gefunden, und so bleibl

das an dir spitze gestellte beispiel aus der Nachricht als merkzeichen

immerhin beachtenswert.

„Machtsäzze" des Johannes nent die Nachrichl s. .'5 die

Sprüche voll tiefsinnig grossartigen Inhalts, mit denen das Johannes-

evangelium anhebt, über deren Verdeutschung Faust brütet — und Her-

der vor Goethes Faust gesonnen hat. 1 Gleicherweise heissen in den

Fragmenten oft volltönende und vielsagende Wörter, deren sinn sich Hin-

durch ein aggregat von teilbegriffen widergeben lässt, „Machtwörter"

(Fragm. 1, 36. II, 3. samml. 85. I, '2. ausg. 201). 2 Eine gleiche

bildung finden wir in einer handschriftlichen stelle (1708): .. l>as Wort

Geschichte nach seiner weitern Griechischen Bedeutung heissl Besich-

tigung, Kenntniss, Wissenschaft, und den Machtnamen verdient die

Historie."

Den ausdruck „biblisch reden" definiert die Nachricht s. 8 mit

der formel: „so deutlich reden, als die heiligen Schreiber zu ihrer Zeit."

In Herders Rigischer abschiedspredigt lautet die erklärung — zweck-

entsprechend - umständlicher: „Das ist eine biblische Predigt, die

nach den Lehren der Schrift in unserer Sprache des Lebens so deutlich,

so nachdrücklich, so eigenthümlieh für uns ist, als der Vor-

trag der Bibel zu den Zeiten war, in welchen sie geschrieben

worden" (Lb. I, 2, 469. vgl. 85).

Genug des einzelnen, und für den verwöhnten geschmack über-

genug. Vielleicht wäre ich selbst sparsamer gewesen; aber meine

absieht war es mit der reichlicheren spende nicht blos die einheit des

Verfassers zu erweisen, sondern zugleich die einheit der zeit. Denn

unmöglich würden gerade zwischen den beiden ersten teilen der Fragmente

und der Nachricht sich so viele parallelen nachweisen lassen —

1) Erläuterung.'" zum Neuen Testament aus rinn' neueröfneten morgenlän-

dischen Quelle, s. 19. (Um den menschen verständlich zu weiden) „wählte sie

(die gottheit) — das innigst begriffene , heiligste, geistigste, \\ ürksamste , tiefste

das Bild Gottes in der menschlichen .Seele, Gedanke! Wort! Wille! Tbatl

Liebe!" (Vgl. b. 19 21). Goethe bleibt bekanntlich bei der nerton Übersetzung

logos stehen.

2) Torso, stiiek II cap. 8 (msc): ..Will man nicht hinter je, le kahle Umschreibung

das Lateinische und Griechische -Machtwort hinten an setzen: so wird man

nachbleiben , nachahmen müssen. '•


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHKIFT 195

ich könte sie noch vermehren — wenn nicht die Nachricht neben und

unmittelbar nach der ersten Überarbeitung der aesthetisch- kritischen

hauptschrii't entstanden wäre. Dass das manuscript dieser letztern dem

Verleger wider abverlangt ist, und das werk eine zweite — haupt-

sächlich die anordnung des Stoffes berührende — Umarbeitung erfahren

hat , mag hier nur zur aufklärung für diejenigen bemerkt werden, denen

bekant ist, dass die Fragmente erst zur Michaelismesse ans licht gekommen

sind.

Mit berufnng auf das, was ich oben (s. 170) über das Verhältnis

des formellen und gegenständlichen Herderischer Schriften behauptet

habe, würde ich mich meiner pflicht für ledig halten, wenn nun noch

der nachweis erbracht wäre, dass die Nachricht nichts enthält, was mit

den übrigen gleichzeitigen Schriften Herders in einem abschliessenden,

unversöhnbaren gegensatze steht. Ich hoffe, mehr beweisen zu können.

Nicht erschöpfen will ich den gegenständ - das verbietet mir der rein

kritische zweck dieses aufsatzes — sondern bloss einen ergänzenden

nachtrag in den hauptzügen liefern.

In der Nachricht machen sich die religiösen, die wissenschaft-

lichen und die sittlichen maximen geltend, die uns an dem Herder der

Königsbergisch - Bigischen zeit bekant sind.

„Ein Geheimnis (der religion) kann erläutert werden, d. i. man

kann seinen Nichtwiderspruch mit der Vernunft zeigen , wenn es gleich

nicht erklärt werden kann, d. i. wenn man gleich nicht die Überein-

stimmung selbst zeigen kann." Dieses räumt die Nachricht ein (s. 29);

aber mit zornigem eifer bekämpft sie den versuch , eine „für den gemei-

nen Mann fein lesbare Erläuterung" zu verfassen. „Eine 4 neue, geist-

lichere' Erläuterung sollte billig zuerst für die Gelehrten, und für sie

zuerst allein sollte sie geschrieben werden." 1 Philosophisch, grie-

chisch, ebräisch muss sie werden, sie muss beweisen und aus der

Sprache erläutern." (S. 20.)

Verkehrt und irreleitend ist es, die arcana der philosophie dem

gemeinen manne zu verkaufen; so entschied Herder in der abhandlung

von der nutzbarmachung der philosophie: verfehlt und irreleitend, über

undurchdringliche religiöse geheimnisse vor dem volke zu vernünfteln;

1) Aus der gleichen Überzeugung verurteilt Herder die polernik der Littera-

turbriefe, die sich mit der Orthodoxie des Nordischen Aufsehers befasst. „Über-

haupt, diese orthodoxe Untersuchung, gehört sie zu liederlichen' Briefen über die

neueste Litteratur? .... und wenn auch die ganze Frage sich darauf einschränkt:

,ob diese Art, ein Geheimniss beyzubringen , anzurathen sey?' so sage ich lieber:

, darüber mögen unsre Theologen urtheilen !

' dem

so viel daran liegen." Fragm. II, 3. samml. 299 fg.

kranken Officier dörfte nicht eben


L96

iian

das ist der grundgedanke, aus dem die polemik der Nachricht ent-

springt, [sl Unduldsamkeit, ist geistlicher hochmut die innerste quelle

dieses kritischen Verfahrens? Bei einem Eerder dürfen wir dies am

letzten argwöhnen. Hören wir ihn seihst, wie er sich in einer Rigen-

Ber predigt Qber 'las anliegen äussert , in den sinn oberirdischer Geheim-

nisse einzudringen. „Zwischen Gott und den Menschen ist, was die

Gedanken und ihre Vermittelung angeht, gar kein Verhältnis, sie haben

gleichsam gar nichts Gemeinschaftliches, um sich zu verstehen. •• Gott

muss sich also in seinen Offenbarungen ganz nach der schwäche des

menschlichen Verstandes bequemen; von alle dem aber, was rein gött-

lichen wesens ist, kann der mensch keine vollkommene Vorstellung

gewinnen, weil zum Verständnis völlige wesensgleichheit gehört „Hätte

man dies bedacht, wie hätte man wohl so viele unnütze Grübeleien

darauf verwandt, Geheimnisse und was Menschen schlechthin nicht ver-

stehen können, zu erforschen?" Es ist also vergeblich, über den

Ursprung und das ende der weit, über die art der dreiein igkeit

in gott, und seiner Wirkung ausser sich, über das wesen der mensch-

lichen seelen und aller geister grübeln zu wollen. Nach diesem mass-

stabe muss man die vornehmsten Wahrheiten der christlichen religion

betrachten. „Was soll es mich hindern, ein Christ zu sein, dass ich

keine Dreieinigkeit mit meiner Vernunft begreifen kann? Kann ich ja

doch nicht einmal die Kräfte meiner Seele begreifen .... und was geht

mein Leben und meine Wohlfahrt eine Untersuchung an, die schlechterdings

nicht menschlich ist." (WW. z. R. u. Th. 10, 257 fgg.) Wer

dem volke gottes wort auslegt, der soll, „um ein würdiger Lehrer der

Menschheit zu werden, immer die Seiten wählen, die der menschlichen

Seele zunächst vorliegen ;•• so hat es Herder, wie er in seiner abschied--

predigt von sich bezeugt, in Riga selbst gehalten; und eben darum

hat er sich in seinen kanzelvorträgen vor „dunklen und subtilen Kragen,

vor unbegreiflichen Geheimnissen und geweiheten Grübeleien" gehütet.

(Lb. I, 2, 164.)

So soll denn der prediger mit verdächtig andächtig gesenktem

blicke an dem mysterium vorüberschleichen? Keineswegs ist das die

meinung des grossen theologen. „Ihnen (den gemeinen leuten) muss

man die Dreieinigkeit gewiss anders erläutern/ -

ruft er in der Nach-

richt. (S. 27.) Er erklärt sich hier nicht näher über den andern weg;

aber wenn er s. 22 entschieden für den Lutherischen lehrbegriff ein-

tritt. 1 der

in seiner festen DÜchternheit das unerklärbare als ein sol-

ches hinnimt, wenn er ferner die rationalistischen deutungsversuche als

1) Vgl. Aus Herders Nucülass U, 162 fgg. Erinn. HI, 53.


HEBDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHB1TF 197

„ gnostische Schwärmerei" samt und sonders verdamt (s. 29); so lässt

er eben nur einen weg der belehrung offen: im zusammenhange aller

christlichen glaubenslehreu die dreieinigkeit als grund und kern der-

selben dem bewustsein unabweislich nahe zu bringen. Als unentbehr-

lichen einigungspunkt aller christlichen lehre will er sie ja auch den

Juden dargestellt wissen : ,, mit ihr zugleich müssen sie die ganze Lehre

vom Erlöser, von unserer Heilsordnung und von der Oekonomie des

N. Testaments aufnehmen."

Ganz in gleichem sinne erklärt sich Herder noch im 37. der

Briefe, das Studium der Theologie betreffend (III, 182 I. ausg.): „Über

die Lehre von der Trinität , die auch in der Oekonomie der Zeiten und

Heilsordnung die drei Artikel bindet, seyn Sie kein neuessuchender

Grübler. Reden Sie mit Kindern und Alten die Sprache der Bibel,

erklären diese und zeigen den Einfluss und Zusammenhang dieser mit

allen Lehren." Auch hier hält er fest an dem unantastbaren worte der

schrift, „die so oft vom Daseyn Jesu vor der Welt spricht," und

ebenso entschieden wie in der Nachricht verwirft er „die Arianischen

und Semi -Arianischen Grübeleien" — „ein unnütz Gespinnst, weil sich

jenseit der Welt und Zeit von uns nichts mehr ergrübein lässt."

Auf diesem orthodoxen Standpunkte fest verharrend ist Herder

doch nichts weniger als ein feind derjenigen, die in ihrem gottesbegriffe

von den lehren der geoffenbarten religion grundsätzlich absehen. Nur

eine klasse gibt es unter den „Antichristen" oder „decidierten Nicht-

christen," gegen die allezeit sein eifer auflodert, es sind die seichten

religionsspötter. „0 würdet ihr, die ihr so viel witzige Einfälle gegen

Religion und Bibel auf eurer Zunge tragt, würdet ihr wahre Freiden-

ker!^ ruft er diesen in der erwähnten Rigischen predigt (10, 251) zu.

Die ernsten freidenker, die philosophisch strengen deisten nent er

immerdar mit aufrichtiger hochachtung, und nichts ist ihm widerlicher

als das zelotische gebaren, das mit absichtlicher vermengung hole

gottesleugner mit jenen zusammenstellt, die in ernstem ringen einen

anhält an der reinen Vernunftreligion gefunden haben. Ist er es doch,

der schon 1765 bei der besprechung einer solchen der kritik wie der

aufriebtigkeit baren Streitschrift, das kühne wort hinwirft: „Fährt der

Verfasser in diesem Ton fort, so wünschen wir, und können es mit

orthodoxer Hand hinschreiben : dass unsere Zeiten vor sein (Trinius)

Lexicon fruchtbar an Freydenkern seyn mögend Demgemäss erscheint

es ihm als eine eitle prahlerei, wenn der Erläuterer seineu gründen

nachrühmt (s. 5), dass er mit ihrer hilfe „die giftigsten Pfeile der

Deisten und Naturalisten zurück geprellet habe." Er, der nachgewie-

sen hat, dass diese gründe vor dem verstände nicht stich halten, gerät


198 I

phas

über die glückliche Selbsttäuschung äeines gegners in entrQstung.

„Elender Widerspruch, und du sollst wider Deisteo dienen! Wider

Leute, die die feinsten Unterschiede machen, Weltweisheit bis zu ihren

•inien Gemächern verfolgen, nichts ohne Erklärung und Beweis

annehmen, am wenigsten eine biblische und homiletische Erläuterung

verlangen, und die gnostische Schwärmerei allemal verabscheut haben.

Für diese ist der Verfasser gar kein Mann!" (S. 29.)

Wie hätte sich auch Herder seinen Shaftesbury, den feinsten aller

deisten, nehmen lassen sollen? Ihn, an den sogar der ausdruck der

angeführten stelle erinnert.' Man lese, wie er ihn, wie er Rousseau

und Montesquieu im 28. der theologischen briefe verteidigt, wie er es

hier misbilligt, den namen deist als Schimpfwort zu gebrauchen (..sind

wir denn keine Deisten?"),. die Wörterbücher und ketzerregister züch-

tigt, die einen Montesquieu und La Mettrie, einen Shaftesbury und

Chubb, Rousseau und Voltaire in buntem nebeneinander schaufüh-

ren — durchweg offenbart sieh die gleiche milde der gesinnung.

..Lasset sie ihr Werk treiben! treiben sies gut, so ists der christlichen

Religion gewiss nicht schädlich; treiben sies übel, so ist ja auch der

Schade ihr und die Religion zieht sich in ihr eignes , besseres Gebäude.

Sind sie Philosophen rechter Art: so werden sie ein Gebäude unbefeh-

det lassen, das auf Wunder und Geschichte gebaut, nicht ihr Eigen-

tlium ist." (III, 52, I. ausg.) Und denselben edeln geist atmet noch

die letzte grosse erklärung Herders über sein Verhältnis zu den freidenkern,

die er ein jähr vor seinem tode in der Adrastea (IV, 214 —

233 )

niedergelegt hat. 2

Ebenso wenig als die religiösen sind die wissenschaftlichen priu-

eipien Herders in der Nachricht zu verkennen. Der gelehrten behand-

lung der frage weist der „Beschluss" drei wege an: Die kirchliche

erklärung. die an der band einer getreuen historisch -philologischen

exege'sr die Vorstellungen der heiligen schriftsteiler erläutert; die histo-

rische, welche den spuren des dreieinigkeitsglaubens in den mytholo-

1) Moralisten (übers, von Voss) II. 22C> : Die ächten Philosophen „besuchen

die Philosophie dann und wann in ihren verborgenen Schlupfwinkeln."

L'l Zu keiner zeit ist Eerder sich hierin untreu geworden. In den Biebzigex

jähren soll er nach der landläufigen Charakteristik — ein orthodoxer eiferer

gewesen sein. So wären denn die folgenden worte ihm zur Unzeit entfahren:

„Milde Toleranz des Geistes Gottes in seinen Werkzeugen! (den Aposteln) - Milde

Duldung, du herrschest in unserer Bibel, unter so wenigen, deren Spuren wir

Behen; wirst du nie in unsrer Christenheil herrschen?" Das buchlein, in dem sie

stehen, Briete zweener Brüder Jesu (s. ;}S), ist 1775 erschienen. Allerdings schlägt

es einen eifernden ton gegen i'rcigeister (s. 54. 68) an; aber gegen welche? Gegen

die Tolaud und Bolingbroke. die religionsspötter , die Herder allezeit bekämpft bat.


HERDERS THEOLOGISCHE ERSTLINGSSCHRIET 199

gien aller bekanten Völker nachgeht; die philosophische, „ die zum Theil

1

von der historischen abhängt,"

und die in den drei personen die drei

Verhältnisse seines Avesens zu der kreatur finden will. Die letzte stellt

sich auf den boden der natürlichen, wie die erste auf den der offen-

barten religion: die mittlere gehört der exacten Wissenschaft zu. Nur

ein historisches und philosophisches genie könte sich daran wagen,

diese drei erklärungsarten zu „vergleichen" (d. h. in sich auszuglei-

chen); bei solcher „vergleichung" aber würde vielleicht der grund vie-

ler irrtiimer und der Wanderungen vieler lehrsätze ersichtlich werden.

So oft auch Herder in der folge dogmatische fragen behandelt

hat, hält er sich auf den hier vorgeschriebenen wegen. Meist ver-

einigt er die erste methode mit der zweiten — so in der Aeltesten

Urkunde, in den Erläuterungen zum N. T. — unter sämtlichen drei

gesichtspuukten betrachtet er in mehreren schritten den unsterblichkeits -

und den auferstehungsglauben , die dogmen also, die nach der weite

ihres über alle Völker und zeiten ausgedehnten horizonts der vielseitig-

sten behandlung fähig sind. Was die erste methode betrifft, so fällt

von frühester zeit an die entschiedenheit auf, mit welcher Herder die-

ser vor der anderen, bis auf seine zeit üblichen, die aus definitioneu

(hypothesen) demonstriert, den vorzug erteilt. „Zuerst halte ich, sagt

er in der Nachricht (s. 14), die Lehrart durch Hypothesen gar nicht

für die wahre theologische Methode." Es folgt die begründung des

absprechenden Urteils: „Sobald wir einen Erkenntnissgrund (d. i. die

Bibel, die Offenbarung) annehmen: so müssen wir blos aus diesem

Grunde herleiten." Daher sind ihm die meister der hermeneutik, Michae-

lis und Semmler, zugleich die begründer einer gesunden dogmatik.

„Der Weg, in den zu unserer Zeit die Theologie glücklich einschlägt,

die Dogmatik durch die Hermenevtik zu bestimmen , die letztere auszu-

breiten und zu bevestigen: dies ist ein Pfad, dem [auf dem?] unser

Glaube Vernunft- und schriftmässig sich zeigt." (15.) Mit beissendem

spotte verfolgt er noch in der Aeltesten Urkunde die dogmatiker der

Wolfischen schule; zur „Anpreisung der philologischen Methode" wird

der 29. der theologischen briefe geschrieben; aber schon wird in diesem

vor der entgegengesetzten einseitigkeit gewarnt, die „zuletzt vor lau-

ter Exegese keine Dogmatik mehr hat."

Die zweite methode aber, welche die grundzüge der tiefsten seelen-

forderungen und glaubenssätze bei allen Völkern aufzusuchen unternimt, wie

eng hängt sie mit der denkart zusammen, aus welcher alle Herderi-

schen bestrebungen ausstralen! Was ihm als ziel vorschwebte, indem er

damit begann, die naturpoesie, die sagen und märchen, die „Vorur-


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theile" 1 and Sprichwörter aller Dationen zu sammeln, 1 dasselbe machte

ihm diesen pfad der forschung reizend. Wir würden den einigenden

mittelpunkt, in dem alle diese einzelarbeiten zusammentreffen, Völkerpsychologie

nennen; Berder hat, wie nahe er auch dem namen kam

Seele des Volks," ..Seele der Nationen" wird ihm am ende der

toziger jähre die geläufigste formel 8 ), dennoch mit dem froh ange-

nommenen, engeren ausdrucke sieb begnügt: „Geschichte dea mensch-

lichen Verstandes

Schon in Königsberg hat ihm das ideal einer solchen arbeil vor

äugen gestanden, und Kant ist es, der seinen blick darauf gerichtet

hat Wie er selbst dem meister bekent, hat er sich zeitweilig, den

modewissen8chaflen zu liebe, von dem geraden wege, der dazu führte,

entfernt — seine gesamte aesthetiseh -kritische schriftstellerei verurteilt

er im unmute als eine solche abweichung — aber wenn er sich auch

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h Was sich Herder unter „Nationalvorurtheilen" vorstellt, möge folgende

stelle aus einem angedruckten stücke der Zweiten Samml. der Fragmente, II. m;

klar legen. Von einer abhandlung über kriegsgesänge verlangt er: „dasB sie unsern

Blick auf die Eigenheit hefte, die eine jede dieser Nationalphantasien, den

Gesängen verschiedner Mythologien, Sprachen