Pestizide: Gift vom Acker - Robin Wood

robinwood

Pestizide: Gift vom Acker - Robin Wood

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tropenwald

Gift

vom

Acker

Foto: Daniel Beltra/Greenpeace

Nr. 114/3.12


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In Argentinien, in den USA und wie hier auf dem Bild in

Brasilien werden gentechnisch veränderte Sojabohnen mit

dramatisch hohen Mengen an Pestiztiden gespritzt, die als

Hauptwirkstoff Glyphosat enthalten. Anschließend lassen sich

Rückstände dieses Gifts im Pflanzengewebe nachweisen. Jahr

für Jahr werden Millionen Tonnen Soja als Futtermittel in die

EU exportiert. Jetzt soll auch in der EU der Anbau von Gen-Soja

genehmigt werden.

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Foto: Kurt Bouda/pixelio.de

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Nr. 114/3.12


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Raps und Mais auf dem Acker, so weit das Auge reicht,

hat Hochkonjunktur in Deutschland. Die konventionelle

Landwirtschaft gefährdet dramatisch die Artenvielfalt.

Damit kein anderes Pflänzchen in diesen Monokulturen

hochkommen kann, wird massiv zur Giftspritze gegriffen.

Verseuchte Gewässer und Pestizide im Urin sind das

Ergebnis.

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Die „gute fachliche Praxis“ in der bundesdeutschen Landwirtschaft

lässt zu, das massenhaft so genannte Pflanzenschutzmittel

auf die Äcker gespritzt werden. Es sind Giftstoffe (Pestizide),

sie dienen der Vernichtung von Unkraut (Herbizide) oder schützen

vor Fraßinsekten (Insektizide). Gleichzeitig schädigen sie

zahlreiche andere Lebewesen auf den Feldern. Die Artenvielfalt

schrumpft und der Boden verliert seine Fähigkeit, organische

Substanzen abzubauen und das Wasser zu reinigen. Ein Teil

der giftigen Stoffe landet irgendwann in unserem Trinkwasser

– oder, wenn die Pflanzen sie aufnehmen, in unserer Nahrung.

Besonders gefährdet sind die BäuerInnen, die regelmäßig mit

den giftigen Stoffen hantieren. Aber auch wer in der Nähe von

pestizidbehandelten Feldern lebt, bekommt mit dem Wind die

Giftfracht ab. Und nicht nur die Nachbarn, auch alle anderen ,

die weit entfernt wohnen, sind durch Schadstoffe in Nahrungsmitteln

gefährdet. Zwar finden regelmäßig Kontrollen unserer

Lebensmittel statt, aber die Fülle der Wirkstoffe, die Vielfalt

Vom Winde verweht...

Pestizid-Abdrift kann uns alle betreffen. Über Abdrift gelangt

der feine Sprühnebel auf Obst und Gemüse in Nachbarflächen,

auf Spielflächen von Kindern und auf Anbauflächen

angrenzender Bio-Betriebe. Immer wieder melden sich betroffene

Menschen bei PAN Germany, dem Pestizid Aktions-

Netzwerk in Hamburg, und berichten über gesundheitliche

Beeinträchtigungen und über Schäden an ihren Pflanzen.

Den Bundesbehörden fehlt es nach eigenen Angaben an

verlässlich dokumentierten Fällen, den Betroffenen fehlt es

an Hilfestellung und einer Anlaufstelle, der sie ihre Erlebnisse

schildern können. Deshalb hat PAN einen einfachen Meldebogen

online gestellt, mit dem Betroffene ihren Abdrift-Fall

schildern können. PAN will diese Angaben dazu nutzen, um

auf das Problem der Pestizid-Abdrift aufmerksam zu machen

und Maßnahmen zum Schutz von Betroffenen und der Umwelt

vor Pestizid-Abdrift auf politischer Ebene einzufordern.

http://www.pan-germany.org/download/PAN_Meldebogen_

Pestizid-Abdrift.pdf

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

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unserer Lebensmittel und deren unterschiedliche Produktionsorte

sind zu groß, um einen sicheren Schutz zu gewährleisten.

Da zudem an den Kontrollen gespart wird, kommt es immer

wieder zu erhöhten Pestizidrückständen und Grenzwertüberschreitungen

in unseren Lebensmitteln. Auch über den Umweg

des Tierfutters können Pestizide in unsere Nahrung gelangen. In

Amerika werden besonders Sojabohnen mit dramatisch hohen

Mengen des Unkrautvernichtungsmittels Roundup gespritzt.

Da Unkräuter im Laufe der Jahre resistent werden, muss immer

mehr und immer öfter gespritzt werden. Die Soja-Pflanzen

sind genetisch so verändert, dass sie gegen Roundup, mit dem

Wirkstoff Glyphosat, unempfindlich sind. Jetzt ist es aber so

weit, dass sich - entgegen der Beteuerungen der Herstellen

- Rückstände des Gifts im Pflanzengewebe nachweisen lassen.

Allerdings ist der analytische Nachweis schwierig, denn Glyphosat

hat eine ähnliche Struktur wie Aminosäuren, die ja natürlicherweise

vorkommen.

Glyphosat galt lange als ungefährlich für Menschen und Tiere,

da es in der Pflanze ein Enzym blockiert, das bei Tieren nicht

vorkommt. Das erwies sich jedoch als großer Irrtum. Inzwischen

weiß man, dass Glyphosat bei allen bisher untersuchten Tierarten

und auch beim Menschen die Embryonalentwicklung stört

und zu Missbildungen führt. Gelangt es durch Abschwemmen

in ein Gewässer, sterben die sich dort entwickelnden Kaulquappen,

Insektenlarven und anderen Kleintiere ab.

Kein Leben mehr im Boden

In der Bundesrepublik wird das Totalherbizid Roundup mittlerweile

in der konventionellen Landwirtschaft fast flächendeckend

eingesetzt. Jährlich kommen etwa 5.000 Tonnen

auf die Äcker. Dazu kommen andere Pestizide, ebenfalls in

riesigen Mengen. Welche Folgen das haben kann, zeigt ein

Beispiel aus der Uckermark: In Stabeshöhe bei Boitzenburg

erstattete im Juni 2011 eine empörte Bürgerin Anzeige gegen

die fortschreitende Umweltverseuchung durch den exzessiven

Anbau von Mais in Monokultur (1). Sybilla Keitel lebt in dem

idyllischen Dörfchen und beobachtete, wie in den letzten Jahren

Pestizide in der Landwirtschaft belasten uns alle


die Artenvielfalt in ihrer Umgebung dramatisch schwand. Den

Anfang dieser Entwicklung markiert für sie der Bau zahlreicher

Biogasanlagen. Um sie zu „füttern“, wurden auf den Äckern

rund um ihr Dorf die lokalen Feldfrüchte Roggen, Weizen und

Gerste durch riesige Mais- und Rapsäcker ersetzt und mit Herbiziden

flächendeckend behandelt. Sybilla Keitel beklagt, dass

alle Maisäcker jedes Jahr mit Roundup und andere Substanzen

regelrecht totgespritzt würden. „In diesen Äckern ist kein

Regenwurm und auch sonst kein Bodenlebewesen mehr zu

finden!“ Sie wandte sich mit dem Problem an die zuständigen

Behörden – ohne Gehör zu finden. Da riss ihr der Geduldsfaden

und sie ließ Wasserproben eines kleinen Teichs mitten in den

Monokulturen von einem Berliner Labor untersuchen. Das alarmierende

Ergebnis: In der Wasserprobe wurden bis auf einen

Stoff alle Grenzwerte für Pestizide im Trinkwasser dramatisch

überschritten. Der Wert für Glyphosat war mehr als doppelt

so hoch, das ebenfalls giftige Abbauprodukt AMPA überschritt

den Grenzwert um das 17-fache. Ein weiteres Herbizid,

Terbuthylazin, lag in 120-facher und zwei weitere Herbizide in

60-facher Konzentration vor. Sogar das inzwischen verbotene

Simazin wurde nachgewiesen.

Der Landwirt, der das betroffene Gebiet bewirtschaftet, hatte

bis zur Beprobung vier Jahre in Folge Mais in Monokultur

angebaut. Nach Bekanntwerden der dramatischen Belastung

erhielt er von den Behörden lediglich die Auflage, um den

kleinen Teich einen Grünstreifen von drei Metern Breite anzulegen,

der von ihm nicht bearbeitet und gespritzt werden darf.

Eine lächerliche Maßnahme angesichts der drohenden Gefahr

durch die verharmlosend als Pflanzenschutzmittel bezeichneten

Giftstoffe. Eine rechtliche Handhabe gegen diese Umweltsauerei

gibt es kaum, sie wäre auch für eine einzelne Bürgerin

wie Sybilla Keitel zu teuer. Das Problem ist eine mangelhafte

Gesetzgebung.

Augen auf beim Brötchenkauf

Anfang Juli 2012 meldete das Umweltinstitut München, ein

unabhängiges Institut zur Erforschung von Umweltbelastungen,

dass jetzt im Sommer das frisch geerntete Getreide hohe

Mengen an Pestiziden enthalten würde. Der Grund ist eine

Gesetzeslücke für ein als Sikkation bezeichnetes Verfahren: Um

das Getreide zum gewünschten Termin reif werden zu lassen

und das Getreidefeld für die Ernte von allen Unkräutern zu

befreien, spritzen die Landwirte nur wenige Tage vor der Ernte

Mittel mit Glyphosat auf die Felder. Nach Angaben des Umweltinstituts

würde eine Kontrolle des Getreides auf Giftrückstände

so gut wie gar nicht stattfinden: Zwischen 2002 und 2010

wurden insgesamt nur 42 Proben untersucht. Das Umweltinstitut

fordert Futtermittelhersteller, Mühlen und Bäcker auf, sich

bei ihren Lieferanten für eine giftfreie Erzeugung einzusetzen.

Die VerbraucherInnen sollten beim Einkauf verlangen, dass Brot

und Brötchen nur aus Getreide stammen, das keine Vorernte-

Spritzung erhalten hat. Noch sicherer ist es allerdings, wenn die

KonsumentInnen auf ökologisch erzeugte Lebensmittel umsteigen,

bei denen von vornherein auf den Einsatz synthetischer

Giftstoffe verzichtet wird.

Monika Krüger von der Uni Leipzig erforscht eine sichere

Methode zum Nachweis von Glyphosat. Auf der Suche nach ei-

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Giftiges Glyphosat auf dem Teller

Glyphosat ist der Hauptwirkstoff des weltweit am häufigsten

eingesetzten Herbizids, bekannt unter dem Namen Roundup

von Monsanto. Seit 1996 wird glyphosatresistente Gensoja

in großen Mengen in Europa als Futtermittel eingesetzt. Über

Eier, Milch und Fleisch gelangt Glyphosat auf unsere Teller,

ebenso wie der in Glyphosat-Mischungen enthaltene Zusatzstoff

POEA sowie das Abbauprodukt AMPA. Letztere sind

giftiger als Glyphosat selbst. Studien belegen gravierende gesundheitliche

Risiken schon bei geringsten Konzentrationen.

Nachgewiesen ist die Schädigung der Embryonalentwicklung.

Besonders besorgniserregend sind Hinweise auf eine hormonelle

Wirkung. Auch Krebs, Zelltod, Fruchtbarkeitsstörungen,

Schädigung des Erbguts, des Immunsystems, der Leber und

des Nervensystems zählen zu den möglichen Folgen. Das

Umweltinstitut München fordert den Verkauf glyphosathaltiger

Pflanzengifte an Privatpersonen und den Einsatz dieser

Gifte in der Landwirtschaft zu verbieten. Außerdem soll der

Import genmanipulierter und anderer mit dem Gift behan-

Foto:

delter

Christian

Lebens-

Offer

und Futtermittel sofort gestoppt werden. Das

Sikkationsverfahren muss verboten werden. Über 40.000

besorgte Bürgerinnen und Bürger haben sich bereits an der

Protestaktion des Umweltinstituts München e.V. beteiligt.

Machen Sie mit!

http://umweltinstitut.org/roundup_verbieten

ner Nullprobe wählte sie eine Berliner Bevölkerungsgruppe aus,

die nachweislich keinen direkten Kontakt zur Landwirtschaft

und Glyphosatpräparaten hatte. Von den Angestellten, JournalistInnen

und AnwältInnen aus Berlin wurden im Dezember vergangenen

Jahres Urinproben untersucht. Das Erschreckende: In

allen Proben wurde Glyphosat nachgewiesen. Die Werte lagen

um das 5- bis 20-fache über dem Grenzwert von Trinkwasser.

Die Analysenergebnisse wurden inzwischen unabhängig mit einer

zweiten Methode bestätigt. Anja Sobczak, Landwirtschaftsreferentin

beim Münchener Umweltinstitut, ist überzeugt, dass

die Kontamination nur durch Lebensmittel erfolgt sein kann.

Offensichtlich reichert sich das Glyphosat in der Nahrungskette

an und wird nicht so rasch abgebaut (2). Jetzt untersucht die

Universität Leipzig die Glyphosatkonzentration im Urin von 100

weiteren Probanden. Diese führen gleichzeitig Protokoll über

ihre Ernährung während der Untersuchung. Die Proben werden

anschließend von zwei Laboren mit drei unterschiedlichen Methoden

analysiert, um belastbare Ergebnisse zu erhalten. (3)

Es wird klar, dass die „gute fachliche Praxis“ in der Landwirtschaft

absolut ungenügend ist, um gesunde Lebensmittel

zu produzieren und den Schutz von Mensch und Umwelt zu

gewährleisten.

Christiane Weitzel, Schwedt

1) www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/pestizide/

gefahr_fuer_die_natur, 2) http://verseuchtefelder.wordpress.

com, 3) Unabhängige Bauernstimme, Nr. 353, März 2012,

Glyphosat – unser täglich Gift? Jana Werner, Bionachrichten 3,

Juni/Juli 2012

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Vorsicht, Giftmischer!

Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die gegen Unkrautvernichtungsmittel immun gemacht wurden,

werden auf riesigen Flächen in Nord- und Südamerika angebaut. Jetzt hat sich die Europäische

Lebensmittelbehörde EFSA dafür ausgesprochen, solche Pflanzen auch in Europa anzubauen.

Herbizidtolerante Pflanzen, speziell

Sojabohnen, machen weltweit den

größten Anteil gentechnisch veränderter

Pflanzen aus. Diese Pflanzen können mit

speziellen Unkrautvernichtungsmitteln,

sogenannten Komplementärherbiziden,

gespritzt werden, ohne dabei selbst

Schaden zu nehmen. Aber als Folge finden

sich Rückstände dieser Spritzmittel

auch im Pflanzengewebe.

Speziell Roundup-Ready(RR)-Soja der

Firma Monsanto, die gegenüber dem

Einsatz von Glyphosat unempfindlich

gemacht wurde, wird großflächig in

Argentinien, den USA und Brasilien

angebaut. Von dort werden Jahr für Jahr

Millionen Tonnen vor allem als Futtermittel

in die EU exportiert. Jetzt hat sich

die Europäische Lebensmittelbehörde

EFSA erstmals auch für den Anbau der

Bohnen in der EU ausgesprochen. Nach

einem aktuellen Rechtsgutachten würde

eine Zulassung aber gegen geltendes

EU- Recht verstoßen.

Die Zahl der Monarchfalter hat in den

USA drastisch abgenommen, weil die

Futterpflanzen ihrer Raupen auf den

Gentech-Feldern nicht überleben können

Foto: Cathy Brinkmann/pixelio.de

Nr. 114/3.12

WissenschaftlerInnen warnen schon seit

Jahren vor zunehmenden Risiken für

Mensch und Umwelt, die dadurch verursacht

werden, dass Spritzmittel wie Glyphosat

immer häufiger und besonders

intensiv bei gentechnisch veränderten

Pflanzen eingesetzt werden. Im Juni

2012 hat die Europäische Lebensmittelbehörde

EFSA trotzdem erstmals grünes

Licht für den Anbau von ‚Gen-Soja‘ in

der EU gegeben. Bisher durfte dieses

lediglich importiert werden. Nach Einschätzung

der EFSA bedeutet der Anbau

dieses Soja zwar eine Gefährdung der

biologischen Vielfalt – das Risiko könne

man aber durch geeignete Management

Maßnahmen in den Griff bekommen.

Dass die Realität in Ländern wie den

USA, Argentinien und Brasilien, die Gen-

Soja anbauen, das Gegenteil beweist,

lässt die Behörde außer Acht. So hat

in den USA beispielsweise die Zahl der

Monarchfalter drastisch abgenommen,

weil die Futterpflanzen ihrer Raupen auf

den Gentech-Feldern nicht überleben

können. Dafür breiten sich immer mehr

herbizidresistente Unkräuter aus, wodurch

der Spritzmittelverbrauch weiter

ansteigt. Die EU-Behörde hat sich auch

für den Anbau von gentechnisch verändertem

Mais ausgesprochen, der gegen

Glyphosat tolerant gemacht wurde. In

den nächsten Monaten müssen jetzt die

Mitgliedsländer und die EU-Kommission

darüber entscheiden, ob der Anbau dieser

Pflanzen tatsächlich genehmigt wird.

Gensoja: Zwei Risiken

kombiniert

Aus der Sicht der VerbraucherInnen werden

in Produkten wie der RR Soja zwei

Risikofaktoren kombiniert: Die Gentechnik

und der Einsatz von Pestiziden. Das

bereitet erhebliche Probleme bei der Risikobewertung.

Die Europäische Lebensmittelbehörde

bewertet diese Risiken

grundsätzlich getrennt. Die Gentechnik-

experten der Behörde gehen vielmehr

davon aus, dass der Anbau herbizidtoleranter

Pflanzen gar kein spezielles Risiko

darstellen würde und dass die bisherige

Pestizidbewertung ausreiche. Das ist

aber nicht richtig:

> Anders als bei sonstigen Pestizidbelastungen

sind die Rückstände der Komplementärspritzmittel

in den jeweiligen

Lebens- bzw. Futtermittel zu finden. Sie

werden zum unvermeidbaren Bestandteil

der Nahrungskette, wenn diese Produkte

verwendet werden.

> Die Komplementärherbizide werden

auch in sogenannten Stacked Events

eingesetzt. Das sind Pflanzen, in denen

mehrere Genkonstrukte miteinander

kombiniert werden. Oft handelt es

sich dabei um eine Kombination von

(unter Umständen mehreren) Herbizidtoleranzen.

Diese Kombinationen sind

bei gentechnisch veränderten Pflanzen

einzigartig und führen zu einer ganz spezifischen

Belastung der Nahrungskette.

Mögliche Wechselwirkungen müssen

deswegen im Rahmen der Risikobewertung

ausreichend geprüft werden.

Diese Fragen werden bei der Prüfung

durch die EFSA ausgeblendet, weil das

Gentechnik Panel eben nichts mit der

Bewertung der Pestizide zu tun hat.

Die Trennung der Zuständigkeit der

einzelnen Gremien ist wichtiger als die

Sicherheit der VerbraucherInnen. Diese

amtlich vorgesehene Schizophrenie geht

noch weiter: Weil Pestizidbewertung

und Gentechnik zwei getrennte Prüfverfahren

sind, werden für die Zulassung

von Gen-Soja und Co auch keine Daten

über deren aktuelle Rückstandsbelastung

verlangt. Es ist bekannt, dass die

Pflanzen in den Anbauländern Argentinien,

Brasilien und den USA massiv mit

Glyphosat besprüht werden, weil immer

mehr Unkrautarten Resistenzen gebildet

haben. Es gibt aber aus den letzten zehn

Jahren kaum Daten über die Belastung

der gentechnisch veränderten Roundup


Ready Soja mit Pestizidrückständen,

obwohl von dieser jährlich Millionen von

Tonnen nach Europa importiert werden.

Das Fehlen der Daten ist kein Geheimnis.

So schreibt zum Beispiel sogar Gijs

Kleter, langjähriges Mitglied des EFSA

Gentechnik Gremiums, in einer wissenschaftlichen

Publikation aus dem

Jahr 2011: „(…) es wäre interessant,

die offiziell zulässigen Höchstmengen

mit den Belastungen zu vergleichen,

die tatsächlich auf dem Feld und in den

kommerziell produzierten Lebensmitteln

gemessen werden. Offensichtlich

werden bei den relevanten Herbiziden

nach den Rückstandskontrollplänen

der zentralen Behörden und auch nach

denen der einzelnen Länder in der EU,

den USA und Kanada keine Messungen

durchgeführt.“

Gesundheitsgefahr: Gen-Soja

plus Herbizid

Ob und in welchem Ausmaß die Verwendung

von Roundup-Ready-Sojabohnen

in der Nahrungskette die Gesundheit tatsächlich

schädigt, ist schwer zu beurteilen,

weil es bislang kein Monitoring der

Auswirkungen auf die Gesundheit gibt.

Dieses ist in der EU zwar für gentechnisch

veränderte Pflanzen vorgeschrieben.

Nach Interpretation der Industrie

und der EU Kommission muss ein Monitoring

nur in ganz besonderen Fällen zur

Anwendung kommen. Die permanente

Belastung der Nahrungskette mit Glyphosat

oder Bt-Toxinen fällt bisher nicht

unter diese Kategorie, obwohl bekannt

ist, dass sich das Glyphosat sogar im Blut

der VerbraucherInnen finden lässt.

So schrieb die EFSA 2011 auf eine Anfrage

der Kommission zu einer Untersuchung

aus Kanada: „Aus der Perspektive

der Gesundheit der Verbraucher ist das

(…) beobachtete Auftreten von Glyphosat

(…) im Blut von nicht schwangeren

Frauen und (…) bei schwangeren Frauen

und in der Nabelschnur nicht unerwartet.

Es ist bekannt, dass Pestizide im Allgemeinen

gut aus dem Darm absorbiert

werden und dass die Belastung durch die

untersuchten Herbizide durch die Aufnahme

von Lebensmitteln plausibel ist.“

Testbiotech ist der Auffassung, dass

die genannten Fragen bei der Risikobe-

wertung der gentechnisch veränderten

Pflanzen geprüft werden müssen. Nach

einer Zulassung muss zudem ein Monitoring

gesundheitlicher Risiken durchgeführt

werden, das die Rückstände der

Herbizide und deren möglichen Wechselwirkungen

berücksichtigt. Nachdem die

EU Kommission diese Auffassung von

Testbiotech mehrfach zurückgewiesen

hatte, legte der Verein jetzt mit einem

Rechtsgutachten nach.

Dieses Gutachten von Professor Ludwig

Krämer kommt zum Ergebnis, dass die

derzeitige Zulassungspraxis tatsächlich

gegen das EU-Recht verstößt, wenn die

Rückstände des Spritzmittels bei der

Risikobewertung nicht berücksichtigt

wurden. Auch das Monitoring gesundheitlicher

Auswirkungen dieser Rückstände

muss in jedem Fall durchgeführt

werden. Obwohl die relevanten EU-Gesetze

wie die EU-Richtlinie 2001/18 und

die Verordnung 1829/2003 bereits seit

über zehn Jahren in Kraft sind und schon

45 Varianten gentechnisch veränderter

Pflanzen zur Verwendung in Lebens- und

Futtermitteln zugelassen wurden, gibt es

bislang kein System, mit dem mögliche

gesundheitlichen Auswirkungen identifiziert

werden könnten.

Ludwig Krämer war bis 2004 Beamter

der EU-Kommission (Generaldirektion

Umwelt) und ist derzeit für die Organisationen

Client Earth tätig. In seinem

Gutachten hebt er vier Punkte besonders

hervor:

> Das derzeitige Fehlen eines Monitorings

möglicher gesundheitlicher Auswirkungen

von gentechnisch veränderten

Pflanzen nach der Marktzulassung steht

im Widerspruch zur bestehenden Gesetzgebung

in der EU.

> Mögliche gesundheitliche Auswirkungen

von gentechnisch veränderten

Pflanzen müssen selbst dann kontrolliert

werden, wenn es unwahrscheinlich ist,

dass derartige Effekte auftreten.

> Die EU-Gesetzgebung soll dafür

sorgen, jegliche negativen gesundheitlichen

Auswirkungen durch gentechnisch

veränderte Pflanzen zu vermeiden.

> Deswegen muss bei der Risikobewertung

sichergestellt werden, dass auch die

kumulativen Effekte durch Rückstände

von Herbiziden berücksichtigt werden.

Falls die Monitoringauflagen diese

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Rückstände von Herbiziden im Gewebe

gentechnisch veränderter Pflanzen

können die Gesundheit gefährden. Die

Lebensmittelbehörde der EU interessiert

das offensichtlich nicht

kumulativen Effekte nicht berücksichtigt,

muss die Marktzulassung erneut überarbeitet

werden.

Testbiotech hat das Gutachten auch an

die EU Kommission und die ExpertInnen

der Mitgliedsländer verschickt und auf

die anstehenden Zulassungen verwiesen.

Testbiotech geht davon aus, dass weitere

Zulassungen nach der derzeitigen Praxis

ein Verstoß gegen EU Recht wären.

Sollte diese Zulassungspraxis aber fortgeführt

werden, müssen sich über kurz

oder lang die Gerichte mit der Thematik

befassen.

Christoph Then, Testbiotech München,

befasst sich mit der Folgenabschätzung

im Bereich der Biotechnologie

www.testbiotech.org

Überarbeitete Version eines Artikels aus

dem Agrarinfo 181 der BUKO Agrarkoordination,

April/Mai 2012

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