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50 Jahre Theater im Bahnhof

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5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Z E I T I M<br />

RAMPENLICHT<br />

Dokumentation<br />

zu einer besonderen<br />

Kraichgauer Bühne,<br />

gefüllt mit Texten,<br />

Bildern und Wissenswertem<br />

über viele<br />

<strong>Jahre</strong> Amateurtheater.<br />

<strong>50</strong><br />

<strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong>,<br />

Dielhe<strong>im</strong><br />

Diese Broschüre<br />

ist ein Dankeschön an<br />

unser Publikum, unsere<br />

Freunde und nicht zuletzt<br />

auch an alle, die auf der<br />

Bühne, hinter der Bühne<br />

und weit um die Bühne<br />

herum dazu beigetragen<br />

haben, dass alles<br />

so gut gelang.<br />

E I N E R E T R O S P E K T I V E


Titelbild: Willi Mann, als Pater Lorenzo in der satirischen Komödie<br />

„Es war die Lerche“ von Ephra<strong>im</strong> Kishon, 2010. Bild: Holger Segnitz, Bammental<br />

2


IMPRESSUM<br />

Herausgeber <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> e.V. , Dielhe<strong>im</strong><br />

Verantwortlich <strong>im</strong> Sinne des Presserechts Edgar Kloé<br />

Konzept, Layout, Grafik, Satz Friedrich E. Becht<br />

Recherche Edgar Kloé, Roland Laier, Arno Friedrich, Edgar Sauer, Heinz Laier<br />

Texte wenn nicht anderweitig gekennzeichnet Friedrich E. Becht<br />

Bilder Der weitaus größte Teil Friedrich E. Becht, weitere Urheber nicht bekannt.<br />

Korrektorat Judith Stier Druck Saxoprint, Dresden<br />

eMail info@theater<strong>im</strong>bahnhof.com Web www.theater<strong>im</strong>bahnhof.com<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>, Dielhe<strong>im</strong><br />

Gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst über<br />

den Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg.<br />

4


5<br />

Z E I T I M<br />

RAMPENLICHT<br />

theater<br />

<strong>im</strong> bahnhof<br />

1 9 6 3 – 2 0 1 3


5zig<br />

<strong>Jahre</strong>!!<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

6


7<br />

[Editorial]<br />

Geburtstage sind Anlass in Erinnerungen zu schwelgen, Freunde zu treffen,<br />

aber auch in die Zukunft zu blicken. Doch fortschreitendes Alter bringt es mit<br />

sich, dass Fitness und Tatendrang sich mindern. Es gibt auch Ausnahmen:<br />

unser „<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>“ zum Beispiel - in diesem Jahr ein halbes Jahrhundert<br />

jung - kommt noch ohne diese Mängel aus. Bretter, die die Welt bedeuten, haben<br />

wir nach Dielhe<strong>im</strong> geholt, viel riskiert und noch mehr erreicht. In der vorliegenden<br />

Chronik haben wir alles aufgelistet: Die Gründerjahre, den Aufschwung bis<br />

hin zum heutigen <strong>Theater</strong>betrieb. Deshalb wollen wir unseren Geburtstag angemessen<br />

feiern. Wir wollen das zusammen mit Menschen tun, die uns begleitet<br />

haben - und das waren viele. So die Initiatoren in den 60ziger <strong>Jahre</strong>n, die aus dem<br />

„Nichts“ starteten und belächelt wurden, aber auch die vielen Helfer und Förderer,<br />

die den oft verschlungenen Weg voller Opt<strong>im</strong>ismus mit uns gegangen sind.<br />

Nicht vergessen wollen wir auch den Mut den wir brauchten und der noch heute<br />

unser Angebot auszeichnet: Es wird bei uns kein „Dorfprogramm“ geboten, sondern<br />

ein interessanter Querschnitt aus Komödien, Schauspielen, Kleinkunst, Konzerten,<br />

Kinder- und Jugendtheater und Lesungen. Immer <strong>im</strong> Auge hatten wir die Finanzen.<br />

Mit Aufführungen haben wir die notwendigen Mittel eingespielt um Geld für Kostüme,<br />

Mieten und Manuskripte zu haben. Und an Fasching wurde mit originellen Bällen<br />

Zählbares in die Kassen gespült. Das alles wäre nichts, hätte es nicht Menschen<br />

gegeben, die mit viel Idealismus bei der Sache waren und noch <strong>im</strong>mer sind.<br />

Unser Jubiläum ist mehr als nur ein Geburtstag. Es ist der Beweis, dass wir etwas<br />

bewegt haben. Mit Hilfe von Gönnern und dank der guten Zusammenarbeit mit<br />

der Gemeinde Dielhe<strong>im</strong> und dem Landesverband Amateurtheater Baden Württemberg<br />

konnten wir auch große Pläne verwirklichen. So haben wir mit unserem<br />

<strong>Theater</strong>raum ein Schmuckstück geschaffen, auf das auch unsere Mitbürger Stolz<br />

sein dürfen. Lassen Sie uns also feiern, plaudern, zurück schauen und froh in die<br />

Zukunft blicken. Es wird neue, ungekannte Herausforderungen geben, an denen wir<br />

weiter wachsen können. Und betrachten wir das Geschaffene als ein Vermächtnis an<br />

unsere Jugend - frei zur eigenen Gestaltung.<br />

Edgar Kloé [Vorsitzender]


Gibt es das eigentlich, ein persönliches Lieblingsstück? Eigentlich nein - Lieblingsstücke vielleicht.<br />

Und doch, einem <strong>Theater</strong>gänger über 5 Jahrzehnte, sollte so etwas festzustellen möglich sein -<br />

auch wenn es schwerfällt. Versuchen wir es und beschränken uns auf das Amateurtheater. Nehmen<br />

wir, weil es naheliegt, das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> in Dielhe<strong>im</strong>. Und nehmen wir weiter an, wir haben<br />

alle Stücke gesehen - die eigenen Produktionen natürlich. So fokussiert, bleibt uns die Selektion als<br />

Mittel der Wahl. Wir teilen auf in Kinder- und Erwachsenenstücke, heiter und ernst, und stellen fest,<br />

wir kommen ins Schwitzen. Mit der Transpiration steigt die Inspiration, und Letztere sagt uns: Leg die<br />

Suchkriterien neu fest! Die neuen Fragen lauten dann so: Welches Stück hat am meisten berührt?<br />

Sind Szenen daraus in uns noch lebendig? Was hat beeindruckt? Und voilà, wir werden fündig!<br />

Die Freude ist groß, doch die Überraschung<br />

größer: Wie kann es sein, dass es kaum „heitere“<br />

Stücke ins innere Ranking geschafft haben? Bei<br />

mir, dem Autor dieser Zeilen, ist es so. All die gut<br />

gemachten Lustspiele und Schwänke, die einen<br />

angenehmen, gelungenen Abend bescherten,<br />

kommen in der Nachsicht kaum zum tragen.<br />

Woran liegt das? Möglicherweise ist es bei Ihnen,<br />

lieber Leser, ganz anders. Bei mir überwiegen<br />

auf jeden Fall die Stücke, die eine packende<br />

Geschichte erzählten, dramatische Wendungen<br />

hatten und bei denen der Autor die schicksalhaften<br />

Züge der Story auf einen Punkt brachte,<br />

der noch heute nachwirkt. Blieb dabei der<br />

Bezug zur Realität erhalten, dann scheint in mir<br />

etwas haften zu bleiben, was ich für mein Leben<br />

brauchen kann, was mir hilft, die Welt ein wenig<br />

Vom Lieblingsstück<br />

besser zu verstehen - um vielleicht mit diesem<br />

Wissen in meinem Leben etwas besser zurecht<br />

zu kommen. Kurz gesagt: Stoff, aus dem großee<br />

Dramen „gestrickt“ sind. Damit breche ich keine<br />

Lanze allein für das „ernste“ Schauspiel. Nicht<br />

umsonst ist das Angebot <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> breit gefächert.<br />

Auch die anderen Genres haben ihre<br />

gleiche und volle Berechtigung. Es braucht beides:<br />

Große, beindruckende Geschichten und<br />

„Geschichtchen“, die den Alltag, den Frust vergessen<br />

lassen und uns einen unbeschwerten<br />

Abend bescheren. Wenn beide Formen sich<br />

darüber hinaus an geltenden dramatischen Regeln<br />

orientieren, umso schöner und ergiebiger.<br />

Wer sich die Mühe macht, die Stücke während<br />

der <strong>50</strong> <strong>Jahre</strong> be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>, Dielhe<strong>im</strong><br />

durchzusehen, wird unter anderm eine<br />

Entdeckung machen. Er wird feststellen, wie um<br />

eine Balance gerungen wird zwischen den vermeintlichen<br />

Polen „Ernst“ und „Heiter“, mit mehr<br />

Ausschlägen mal nach der einen, mal nach der<br />

anderen Seite. Aus meiner Sicht: Weiter so! Wir<br />

haben ein aufgeschlossenes Publikum, das uns<br />

dieses Ringen wert ist. Ihr Friedrich E. Becht<br />

Ach ja, Sie wollten mein Lieblingsstück<br />

wissen: „Von Mäusen und Menschen“ von<br />

John Steinbeck, bereits 1979 gespielt auf der<br />

Bühne der Kulturhalle in Dielhe<strong>im</strong> und auf einer<br />

kleinen Tournee an Gymnasien <strong>im</strong> Umkreis.<br />

Oben links ein Szenenbild aus diesem Stück.<br />

8


9<br />

[Worte]<br />

Seit <strong>50</strong> <strong>Jahre</strong>n bildet das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> ein lebendiges Element der<br />

regionalen Kulturszene. Dabei waren gerade zu Anfang die Hindernisse<br />

groß, doch die gemeinsame Faszination für die Bühne ließ eine Gruppe<br />

junger Dielhe<strong>im</strong>er <strong>im</strong> Jahr 1963 den mutigen Schritt machen, ein eigenes<br />

Amateurtheater zu gründen. Als erstes Domizil diente eine alte Bäckerei,<br />

wo zwar ein Proberaum, aber noch kein Platz für Aufführungen zur Verfügung<br />

stand. Bessere Räumlichkeiten bot das ehemalige <strong>Bahnhof</strong>sgebäude,<br />

das von den Mitgliedern mit großem Einsatz renoviert wurde. Dort erfüllte<br />

sich auch der Wunsch nach einer eigenen Spielstätte mit dem Anbau eines<br />

<strong>Theater</strong>raums. Der Anbau liefert den Rahmen für Aufführungen unterschiedlichster<br />

Art, für die eigenen Produktionen, auch die erfolgreichen Inszenierungen<br />

der Jugendgruppen und für eine breite Vielfalt von Gastauftritten.<br />

Das anspruchsvolle Projektziel der Gründer ist aufgegangen. Sie haben<br />

bewiesen, dass mit großem Engagement, mit ihrer ansteckender Begeisterung<br />

und dem nötigen Durchhaltevermögen der Aufbau, die Etablierung<br />

und erfolgreiche Führung eines sehr lebendigen Amateurtheaters glückt.<br />

Das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> hat sich zu einem Vorzeigeobjekt für die Gemeinde<br />

Dielhe<strong>im</strong> entwickelt und hat in den zurückliegenden <strong>Jahre</strong>n mit der Durchführung<br />

von drei Kraichgauer <strong>Theater</strong>tagen und den deutsch-französischen<br />

<strong>Theater</strong>tagen schon besondere kulturelle Ereignisse nach Dielhe<strong>im</strong> geholt.<br />

Meine herzliche Gratulation zum Jubiläum verbinde ich mit der Hoffnung, dass<br />

das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> seine Vielfalt, Frische und Originalität auch weiterhin<br />

bewahren kann. Ich wünsche den Vereinsmitgliedern für die Zukunft alles Gute<br />

für Ihr <strong>Theater</strong>, weiter viel Erfolg und ein großes, begeistertes Publikum.<br />

Hans-Dieter Weis [Bürgermeister]<br />

Hans-Dieter Weis, Bürgermeister von Dielhe<strong>im</strong>,<br />

ist Schirmherr der Jubiläumsveranstaltungen<br />

5zig <strong>Jahre</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> e.V., Dielhe<strong>im</strong>


Vom Licht und dem guten Ton<br />

Es werde Licht! Dieser Satz hat bei uns <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> beileibe keine biblische D<strong>im</strong>ension,<br />

aber eine Parallele: Auch hier bliebe alles „wüst und leer“, die Bühne unbespielbar dunkel. Um alles<br />

mit Leben zu füllen, braucht es nun mal Licht, auch bei uns. Und dafür sind unsere Bühnentechniker<br />

zuständig. Sie sind es, die die Schauspieler ins rechte Licht rücken und so ganz nebenbei noch für<br />

den guten Ton sorgen. Mit moderner Bühnentechnik legen sie, weit vor der Aufführung, die Beleuchtung<br />

der einzelnen Szenen fest. Beleuchtung ist heute das falsche Wort. Immer mehr werden sie zu<br />

Light-Sound-Designern, die emotionale St<strong>im</strong>mungen für die Szenen kreieren.<br />

Die Zeiten, in denen sich das Bühnenlicht mit<br />

zwei Rampenleuchten auf „Hell“ und „Düster“<br />

reduzieren ließ, sind vorbei. Unseren Bühnentechnikern<br />

geht es heute darum, mit ausgeklügelter<br />

audiovisueller Technik das szenische<br />

Arrangement so effektvoll wie<br />

möglich zu unterstützen. Dabei sind<br />

eine ganze Reihe von unterschiedlichen<br />

Scheinwerfern, über programmierbare<br />

Regiepulte gesteuert, <strong>im</strong> Einsatz.<br />

Neben der Beleuchtung gehört<br />

effektvoller Sound ebenso dazu. Ohne<br />

Computer „geht“ da nichts mehr. Hier<br />

wird eingespielt, gesampelt, arrangiert<br />

und schließlich aus einzelnen Tracks<br />

die endgültige Audiodatei gemixt.<br />

Von dort werden die Dateien, fein<br />

säuberlich aufbereitet, auch wieder abgerufen<br />

und über die Audioanlage <strong>im</strong> Saal wiedergegeben.<br />

Gut gemacht, erzeugen sie zusammen<br />

mit dem dramatischen Geschehen tiefe Gefühle<br />

und mitreißende St<strong>im</strong>mungen bei den <strong>Theater</strong>besuchern.<br />

Unsere Techniker haben alles <strong>im</strong><br />

Griff, von der Pyrotechnik bis hin zu Schnee und<br />

Nebel. Das ist die kreative Seite der Arbeit. Die<br />

andere ist, wie so oft, schlichterer Natur, aber<br />

ebenso wichtig: Auf- und Abbau, verkabeln, bedienen,<br />

überprüfen, warten und instandhalten<br />

sind die Stichworte dazu. Die Bühnentechnik unterliegt<br />

besonderen Sicherheitsbest<strong>im</strong>mungen<br />

und gesetzlichen Vorschriften. Diese müssen<br />

penibel eingehalten werden, um niemanden<br />

zu gefährden. Auch dafür sind unsere Bühnen-<br />

techniker verantwortlich. Da ist es von großem<br />

Vorteil, wenn man, wie wir, nicht nur auf „alte<br />

Hasen“ zurückgreifen kann, die schon mehrere<br />

Jahrzehnte verantwortlich tätig sind,<br />

Die Ton und Lichtechniker Ihr Arbeitsbereich<br />

ist bei uns auf der Empore. Von dort aus<br />

steuern sie die ganze Saaltechnik, das Saallicht,<br />

das Bühnenlicht und die Toneinspielungen. Mit den<br />

Akteuren hinter der Bühne, können sie per Interkom<br />

sprachlich kommunizieren.<br />

sondern sich auch schon auf den jungen, ehrgeizigen<br />

Nachwuchs stützen kann. Die Freude<br />

am <strong>Theater</strong> und an der feinen Technik ist bei<br />

beiden Generationen vorhanden. Wie sagte<br />

schon der große <strong>Theater</strong>mann Berthold Brecht:<br />

Denn man sieht nur die <strong>im</strong> Lichte, die <strong>im</strong> Dunkeln<br />

sieht man nicht...<br />

10


11<br />

[Worte]<br />

Junge Männer, zwischen 15 und 16 <strong>Jahre</strong>n alt, legten 1963 den Grundstein<br />

zum heutigen <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>. 21 dieser „jungen Männer“, aber auch<br />

Frauen dieser Zeit, sind noch heute aktiv bzw. eng mit dem <strong>Theater</strong> verbunden.<br />

Diese personelle Kontinuität ist sehr selten, jedoch wahrscheinlich ein<br />

Grundstein für die überaus positive Entwicklung, die das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Dielhe<strong>im</strong> in den letzten <strong>50</strong> jahren genommen hat. Eine weitere Komponente zur<br />

positiven Vereinsentwicklung war sicher auch 1973 die Anmietung und der Um-<br />

und Ausbau des alten SWEG-<strong>Bahnhof</strong>s zur eigenen Produktions- und Spielstätte.<br />

Getreu dem Goethe-Zitat: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, sind<br />

die Spielpläne <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> seit der Gründung zu sehen. Fast alles ist<br />

zu finden, bis hin zu Kinderstücken und Kleinkunst. Die Anzahl der Produktionen<br />

verdient Respekt und Anerkennung, und auch die künstlerische Qualität<br />

sowie die Besucherzahlen st<strong>im</strong>men.<br />

Die Verantwortlichen haben auch die Wichtigkeit der Jugendarbeit schnell erkannt.<br />

Seit 20 <strong>Jahre</strong>n gibt es eine Kooperation mit der Musikschule Horrenberg-<br />

Dielhe<strong>im</strong>. Unter der Leitung von professionellen <strong>Theater</strong>pädagogen werden<br />

8- bis 19-Jährige an das <strong>Theater</strong>spielen herangeführt. Über 25 eigenständige,<br />

interessante Inszenierungen wurden erarbeitet und aufgeführt. Das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong> war auch mehrmals souveräner und liebevoller Gastgeber des regionalen<br />

Festivals „Kraichgauer <strong>Theater</strong>tage“, das federführend von der <strong>Theater</strong>- und Spielberatung<br />

Baden-Württemberg Heidelberg, in Kooperation mit dem Landesverband<br />

Amateurtheater Baden-Württemberg, durchgeführt wird.<br />

Das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> Dielhe<strong>im</strong> ist durch seine Vielseitigkeit, seinen umfangreichen<br />

Spielplan sowie seine professionell geführte Jugendarbeit ein Glanzlicht unter<br />

den über 600 Mitgliedsbühnen des LABW. Dass dies auch in Zukunft so bleibt<br />

und dass <strong>im</strong>mer genügend engagierte Führungskräfte und motivierte Mitwirkende<br />

zur Verfügung stehen sowie dass zahlreiche Zuschauer kommen, wünsche ich<br />

persönlich und <strong>im</strong> Namen des Präsidiums und der über 600 Mitgliedsbühnen <strong>im</strong><br />

Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg (LABW).<br />

Rolf Wenhardt [LABW Präsident]<br />

Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit,<br />

am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen<br />

die Erinnerung. (Aristoteles)


Masken bilden und Frisuren kreieren<br />

„Maskenbildnerei soll nicht bemerkt werden, sondern wirken“. Dieser Satz ist Leitspruch und Anspruch<br />

zugleich für unsere Damen von der Maske. Sie sind für den optisch st<strong>im</strong>migen, charaktervollen Auftritt<br />

der SchauspielerInnen verantwortlich. Unter ihren fachkundigen Händen werden junge Menschen<br />

zu Greisen, Männer zu Charakterköpfen, hübsche Frauen zu Monstern oder schöne Mädchen noch<br />

schöner, ganz nach Bedarf. Das alles will erlernt, gekonnt und vor jeder Aufführung geschafft sein.<br />

Dazu braucht es Akribie, Feingefühl und ein feines Händchen. Kein Wunder, dass in diesem Metier<br />

die Frauen das Sagen haben - so auch bei uns, und das schon über Jahrzehnte.<br />

In der Tat haben wir in unseren Reihen Damen,<br />

die schon über 40 <strong>Jahre</strong> die „Puderquaste<br />

schwingen“. Das ist nicht despektierlich gemeint -<br />

<strong>im</strong> Gegenteil. Wer weiß, was vor den Aufführungen<br />

geleistet werden muss, wird ihnen Respekt<br />

zollen. Oft Stunden vor der Aufführung sind sie<br />

am „werkeln“, um die DarstellerInnen <strong>im</strong> Rampenlicht<br />

optisch so passabel, wie von der Regie<br />

gewünscht, erscheinen zu lassen. Den in Abst<strong>im</strong>mung<br />

und in Proben mit der Spielleitung festgelegten<br />

Schminkplan gilt es penibel abzuarbeiten.<br />

„Eine Maske anlegen“ ist kein Schminken <strong>im</strong><br />

landläufigen Sinn, sondern erfordert Talent und<br />

eine spezielle Ausbildung. Fachseminare, Workshops<br />

und Kurse <strong>im</strong> eigenen Haus vermitteln<br />

das nötige Rüstzeug. Die Hautpflege unter Berücksichtigung<br />

unterschiedlicher Hauttypen und<br />

die Verhinderung von Infektionen stehen dabei<br />

ebenso auf dem Programm, wie die umfangreiche<br />

Material- und Werkzeugkunde. Dieses<br />

Wissen findet in der Praxis verantwortungsvoll<br />

Anwendung: Für jede Person gibt es aus hygienischen<br />

Gründen ein eigenes Set an Schminkutensilien.<br />

Auf diese Basis baut dann der kreative<br />

Teil des Schaffens auf: das „Grundieren“,<br />

das „Auszeichnen“ bis hin zum Herstellen von<br />

Bärten aus echtem Haar oder der Modelage<br />

von Nasen, Warzen, Wunden oder gar einer<br />

Vollglatze - um nur einiges zu nennen. Das alles<br />

ist echte feinfühlige Handarbeit mit künstlerischem<br />

Anspruch am „lebenden Objekt“, z.B. bei<br />

Tier- und Fantasiemasken. „Maske machen“ ist<br />

wichtig. Denn nur so werden aus DarstellerInnen<br />

auch optisch klare Charaktere. Schließlich soll<br />

der jugendliche Liebhaber auch begehrenswert<br />

erscheinen, und dem kauzigen Alten sollte man<br />

seinen Hang zum „Süffeln“ schon ansehen...<br />

Die Maskenbildnerinnen Lange bevor der<br />

Vorhang sich hebt, sind sie in Aktion. Aber auch nach<br />

dem Schlussvorhang sind sie wieder gefragt, um<br />

be<strong>im</strong> Abschminken zu helfen und um Perücken, Bärte<br />

und andere Hilfsmittel für den nächsten Einsatz zu<br />

präparieren.<br />

12


13<br />

[ ]<br />

Frühe<br />

<strong>Jahre</strong>


Das Ensemble aus dem ersten eigenverantwortlich<br />

erarbeiteten Stück „Der Bergteufel“ von 1964<br />

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D<br />

ie Welt <strong>im</strong> Kraichgau und ganz<br />

besonders <strong>im</strong> beschaulichen Dielhe<strong>im</strong><br />

war <strong>im</strong> Jahr 1963 noch „irgendwie“<br />

in Ordnung. Die drei örtlichen Gewalten:<br />

Pfarrer, Bürgermeister und „Doktor“, hatten<br />

noch richtig viel zu sagen - nicht nur auf ihrem<br />

Fachgebiet. Die politischen Entscheidungen<br />

lagen, praktischerweise und demokratisch<br />

gewählt, in mehreren Händen einer Partei.<br />

Die „Zerstreuungs- und Unterhaltungsindustrie“<br />

zeigte erste zaghafte Ansätze in Form<br />

von 13 Wirtschaften (teilweise auch mit<br />

Kegelbahnen) und, man höre und staune,<br />

einem Kino. Letzteres, sehr argwöhnisch<br />

beäugt, zeigte ein durch den örtlichen<br />

Klerus mit „Filmempfehlungen nach Alter“<br />

belegtes Programm. Und das klassische<br />

kulturelle Leben in der „aufstrebenden,<br />

14


15<br />

<strong>Theater</strong>-<br />

spiele?<br />

Wass<br />

wolle<br />

die?<br />

1963 Bislang standen<br />

auf den Dielhe<strong>im</strong>er<br />

Bühnen gestandene<br />

Mannsbilder und brave<br />

Hausfrauen in tränenreichen<br />

Stücken. Das sollte<br />

sich bald ändern. Ganz<br />

junge „Wilde“ waren<br />

zunächst äußerst zahm<br />

dabei, den „Laden“<br />

aufzumischen...<br />

Des a noch?


modernen Gemeinde“ (O-Ton der damaligen<br />

Gemeindebroschüre) mit ihren hochfliegenden<br />

Plänen (Autobahn, Lehrschw<strong>im</strong>mbecken,<br />

etc.) zeigte sich vielfältig nach außen, aber<br />

nicht ganz so vielgestaltig nach innen. Das<br />

klassisch-kulturelle Angebot für Erwachsene<br />

und Jugendliche (!) bestand aus Gesang,<br />

Blasmusik und Sport - alles verteilt auf mehrere<br />

Vereine. Und das sei nicht unterschlagen:<br />

auch aus theatralem Spiel, treffender, aus dem<br />

Laienspiel: gepflegt, ganzjährig zu kirchlichen<br />

Anlässen und zur dunklen <strong>Jahre</strong>szeit in Form<br />

von Winterfeiern. Fast jeder Verein <strong>im</strong> Ort<br />

zelebrierte geradezu diese Form der Unterhaltung<br />

zum Zwecke des eigenen finanziellen<br />

Überlebens. Die Feier war zielführend ausgerichtet<br />

und bestand meist aus wenigen, dem<br />

Vereinszweck entsprechenden Darbietungen,<br />

aus einer Tombola mit Gewinnen, die man bei<br />

den örtlichen Geschäftsleuten und Mitgliedern<br />

eingesammelt hatte, und einem großen theatralen<br />

Ereignis, einem Schau- und Rührstück<br />

mit lehrhaftem Charakter. Alles, was <strong>im</strong> Kino<br />

mit Bann belegt war, durfte auf offener Bühne<br />

gezeigt werden: hinterhältiger Mord, Lug und<br />

Trug in allen Variationen, anrührende Liebesbeziehungen,<br />

die durch Teufelsblendwerk in<br />

Gefahr gerieten und, wie durch Zauberhand,<br />

zum Guten fanden. Doch nicht nur das, auch<br />

Lustiges wurde geboten, bis die „Schwarte<br />

krachte“!<br />

Vom Laienspiel bis zum Amateurtheater<br />

ist oft ein langer Weg.<br />

Wir wählten überraschenderweise<br />

den kürzesten. Der Dielhe<strong>im</strong>er<br />

kulturellen Szene (1963) sei Dank.<br />

Denn wir erkannten schnell:<br />

Es muss etwas geschehen.<br />

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17<br />

Dies wurde zu allgemeiner Erheiterung und bis<br />

zum Schenkelklopfen der Anwesenden durch<br />

dorfweit bekannte M<strong>im</strong>en dargestellt, die<br />

auch <strong>im</strong> richtigen Leben Züge der gezeigten<br />

Charaktere glaubhaft machen konnten. Fast<br />

jede darstellerische Form gab es zu sehen.<br />

Von Mysterienspielen mit „lebendem Bild“<br />

(die Schauspieler froren die Szene ein, indem<br />

sie minutenlang unbeweglich auf der Stelle<br />

standen, um die Botschaft zu verdichten*) über<br />

Schwänke von brachialer Gewalt und tränenreiche<br />

Wald- und Forststücke spannte sich der<br />

Bogen. Bei Titeln wie „Maria Goretti“ wurde<br />

sogar eine knappe Stunde lang auf der<br />

Bühne gestorben. Einmalig und unvergessen<br />

die Resonanz: Das Stück wurde zum Dorfgespräch<br />

und die junge, schöne und schön<br />

„sterbende Schauspielerin“ zum Star der ledigen<br />

Männer. Allen Aufführungen war gemein:<br />

Sie wurden gerne gesehen, von Erwachsenen<br />

wie von Jugendlichen. Durch einen Kunstgriff<br />

ließ man auch die ganz Kleinen am Genuss<br />

teilhaben: Am Nachmittag der Premiere um<br />

14 Uhr gab es die Generalprobe vor einer<br />

„riesigen“ lärmenden Kinderschar; unter ihnen<br />

auch der Autor dieser Zeilen und einige noch<br />

heute <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> tätige Mitglieder.<br />

Dermaßen vorgeprägt, verwundert es nicht,<br />

Auch nach der Gründung des heutigen<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> gab es noch christliche<br />

Mysterienspiele zu sehen. Hier „Syra, die<br />

christliche Sklavin“, 1966, von H. Caron. Als<br />

Dank an den kath. Ortsgeistlichen, unterstützt<br />

durch SchauspielerInnen der neuformierten<br />

„Spielgruppe 63“.<br />

*Unten:<br />

Ein „Lebendes Bild“, wie oben beschrieben.


Mit Stücken wie „Versöhnung am Hubertushof“<br />

oder „Der Meisterlügner“ wurde die<br />

Laienspieltradition unter anderem Vorzeichen<br />

zunächst weitergeführt. Sehr zur Freude des<br />

Publikums und der jungen Truppe - meist auf<br />

der Pfarrsaalbühne, aber auch auf Tournee in<br />

der nahen Region.<br />

18


19<br />

Bild unten:<br />

Die<br />

jungen<br />

<strong>Theater</strong>pioniere<br />

wagten sich<br />

auch an<br />

ungewohnte<br />

Aufgaben:<br />

Hier eine<br />

unbekannte,<br />

aber mutige<br />

Person be<strong>im</strong><br />

Schminken<br />

mit dem<br />

Fettstift.<br />

Die Idee:<br />

Weitreichend,<br />

mutig und,<br />

wie alle<br />

guten Ideen,<br />

zunächst<br />

belächelt!<br />

dass diese später als junge „Männer“ mit gerade<br />

mal 16 <strong>Jahre</strong>n (ok, einer war schon 18)<br />

eine Idee hatten: Wie wäre es, selbst <strong>Theater</strong><br />

zu spielen und vielleicht berühmt zu werden?<br />

Die jungen Leute kannten sich von der Schule,<br />

vom Sport und anderen Interessen, was die<br />

Idee beflügelte. Und in einzelnen Familien der<br />

Freunde gab es auch Laienschauspieler, denen<br />

man nacheifern wollte. Bereits nach den<br />

ersten Überlegungen gab es einen Entschluss,<br />

entsprungen jungendlichem Mut und sehr<br />

weitreichend: Wir wollen <strong>Theater</strong> spielen! Unabhängig,<br />

als reine <strong>Theater</strong>gruppe! Gesagt,<br />

getan. Der Gründungsversammlung am 15.<br />

Dezember 1963 stand nichts mehr entgegen.<br />

Noch am selben Tag wurde ein Stück geplant.<br />

Dazu brauchte es „Mittäter“. Sie wurden<br />

gesucht und <strong>im</strong> erweiterten Freundeskreis<br />

schnell gefunden. Das Abenteuer Bühnenspiel<br />

begann. Und ganz Dielhe<strong>im</strong> fragte sich: Was<br />

wolle die? <strong>Theater</strong> spiele? Des a noch! Ja, sie<br />

wollten - und wie.


Hinter einem großen Werk steckt <strong>im</strong>mer eine mehr oder weniger zündende Idee. Diese gilt es zu<br />

entwickeln. Dazu wird sie „abgeklopft“, geprüft, verworfen, verglichen, geformt, geändert, angepasst,<br />

feingeschliffen, realisiert und schließlich dem staunenden Publikum präsentiert. Die Rede ist hier nicht<br />

von einer erhabenen Inszenierung, sondern vom Bühnenbild schlechthin, dem Ort einer dramatischen<br />

Handlung. Genauer gesagt handelt es sich um ein Bild, das die Zuschauer sich vom Ort des<br />

Geschehens machen sollen, oder eben auch nicht. Und genau das ist die Crux. Deshalb ist die Idee<br />

wichtig, und zwar lange bevor die erste Schraube ihren Weg durch Holz windet.<br />

Den Spielort gibt der Autor des Stückes vor. Soweit,<br />

so gut. Wie ist er aber nun beschaffen?<br />

Was zeichnet ihn aus? Diese und viele weitere<br />

Fragen verschweigt uns der Autor. Und das ist<br />

gut so, denn nur so können die Männer vom<br />

Bühnenbau kreativ werden und eine Idee, in<br />

Absprache mit der Regie, gebären, entwickeln<br />

und... (siehe oben). Die Idee hat in unserem Falle<br />

viele Väter: das Stück, die Regie, den oder die<br />

Bühnenbildner. Ideen sind Produkte mit einer<br />

kurzen Verfallzeit. Deshalb werden sie festgehalten<br />

als Skizze und als Beschreibung. Danach<br />

wechselt die Idee ihren Aggregatzustand in<br />

kurzen Intervallen: vom Skizzenblatt in den Kopf<br />

und zurück in <strong>im</strong>mer kürzeren Zeitabständen.<br />

(Dazu bitte den Bildteil beachten). Der Vorgang<br />

hält an, bis schließlich der, erst auf den zweiten<br />

Blick weise, Satz fällt: „Wenn alles st<strong>im</strong>mig<br />

ist, dann passt es auch.“ Gemeint ist: Liegt eine<br />

Einheit zwischen Autor, Bühnenbildnerei und Regie<br />

vor und ist anzunehmen, dass alle Anliegen<br />

des Stückes fehlerlos zum Besucher transportiert<br />

werden und das Ganze alle praktischen,<br />

gesetzgeberischen, sicherheitstechnischen und<br />

natürlich auch alle künstlerischen Kriterien erfüllt,<br />

dann ist es an der Zeit, Holz, Nägel, Schrauben,<br />

Farbe und Textilien zu bestellen.<br />

Was ab jetzt passiert, ist Handwerkskunst, nicht<br />

vom Allerfeinsten, da alles nicht lange gebraucht<br />

wird, aber dafür vom Haltbarsten für kurze Zeit<br />

und von besonderen Nutzen und oft mit dem<br />

bei den Erbauern beliebten Ah- und Oh-Effekt.<br />

Vom Publikum geäußert, wird dieser als „beson-<br />

Von Bildern und Bauten<br />

ders wertvoll“ eingestuft. Und wenn be<strong>im</strong> Spiel<br />

das Bühnenbild hält, was seine Optik verspricht,<br />

dann lächelt sogar die Spielleitung unauffällig.<br />

Was aber, wenn verlangt wird, den Ort zu verschweigen,<br />

bzw. die Regie es für besser erachtet,<br />

der Zuschauer möge doch bitteschön den<br />

Ort in seinem Kopf herstellen und mit eigenen<br />

Farben ausmalen? Dann und wirklich nur dann,<br />

bleibt die Bühne leer; von ein paar Requisiten<br />

abgesehen. Aber auch diesem Zustand liegt<br />

eine Idee zu Grunde, die erst einmal geboren<br />

und entwickelt werden muss.<br />

Der profane Auf- und Abbau der Kulissen ist auf<br />

der nach oben offenen Genuss-Skala für Bautenteams<br />

unten angesiedelt. Trotzdem geschieht<br />

auch das ohne Murren, dafür aber rustikal und<br />

lautstark.<br />

20


21<br />

Bühnenbilder können ganz<br />

schön aufwändig sein. Sorgfältige<br />

Planung ist deshalb unerlässlich.<br />

Ganz wichtig ist die Bildidee. Sie<br />

muss den Charakter des Stückes<br />

optisch „tragen“. Links, bei dem Stück<br />

„Die deutschen Kleinstädter“, 1999,<br />

ergänzten sich das skurille Bild und<br />

die groteske Inszenierung ideal.<br />

St<strong>im</strong>mig<br />

wirken, ohne<br />

naturalistisch<br />

zu sein, das<br />

war 2004<br />

be<strong>im</strong> Stück<br />

„Ein wahrer<br />

Held“, gefragt.<br />

Links das<br />

Szenenbild<br />

und darüber<br />

der Entwurf.


Aufbruch durch Abruch oder „Auferstanden aus Ruinen“<br />

Zugegeben, die Überschrift ist salopp formuliert, doch sie trifft den Kern: Der Weg zu den „Sternen“<br />

war mühselig, aber spannend und lohnend. Bühnenspiel ist nun mal ohne Infrastruktur nicht zu<br />

haben. Deshalb war man schon früh bestrebt, dies zu ändern. Ein ehrwürdiger Backofen musste<br />

als erster den M<strong>im</strong>en weichen, und später war ein kleiner <strong>Bahnhof</strong> Schauplatz dramatischer Veränderungen.<br />

Viel Schmutz, Schweiß und manche blutunterlaufene Finger mussten in Kauf genommen<br />

werden, um dem Bühnenspiel die notwendige Bühne zu geben und es neu auferstehen zu lassen.<br />

22


23<br />

[ ]<br />

Aufbruch


Aufbruch Sturm und Drang.<br />

Zukunftsweisende Entscheidungen. Hilfe von außen.<br />

Mut, Schweiß, Ideen und - viel Spaß.<br />

Was<br />

soll en Des?<br />

Was<br />

machen die do?<br />

24


25<br />

„Schinderhannes“, war für die noch junge<br />

„Spielgruppe“ das „Gesellenstück“. Die Vorstellung<br />

war ausverkauft und der Verein war<br />

über Nacht, in der Umgebung, in aller Munde.<br />

Der Mut hatte sich gelohnt - der Aufbruch war<br />

geschafft.<br />

Nun standen sie also da, die neuen<br />

<strong>Theater</strong>spieler, voller Tatendrang und<br />

buchstäblich mit nichts. Keine Räume,<br />

keine Kulissen, keine Kostüme, keine Texte,<br />

nur ausgerüstet mit einem Schreibblock als<br />

Protokollbuch. Und darauf stand etwas ganz<br />

Wichtiges, das Gründungsprotokoll. Schnell<br />

war klar, Drang allein genügt nicht. Doch Not<br />

macht erfinderisch und schlau. Die Cleverness<br />

bestand darin, das zu nutzen, was es bereits<br />

gab - und das war einiges. Doch wie, ohne<br />

sich preiszugeben? Dazu muss man wissen,<br />

das wichtigste, selbstauferlegte eherne Gesetz<br />

lautete unmissverständlich: selbstständig<br />

bleiben. Einige Zeit später kam ein ebenso<br />

folgenreicher Passus dazu: „Es dürfen nur aktive<br />

Mitglieder aufgenommen werden, die nicht älter<br />

sind als die derzeit vorhandenen!“ Und die<br />

„Vorhandenen“ waren jung, sehr jung sogar.<br />

Dieser Satz war nicht als Affront gegen „Ältere“<br />

gedacht. Vielmehr sollte dem eigenen Weg,<br />

„<strong>Theater</strong> zu machen“, unbeeinflusst von der örtlichen<br />

Laienspieltradition Vorrang eingeräumt<br />

werden. Auch die in nur wenigen Tagen neu<br />

hinzugekommenen Mitglieder wurden darauf


Erste Aufführungen in eigener Verantwortung. Bereits das zweite<br />

Historienstück bescherte ein ausverkauftes Haus. Über 600 Menschen<br />

wollten die Premiere in der Sport- und Kulturhalle in Dielhe<strong>im</strong> sehen.<br />

eingeschworen. Aus diesem Grund gingen die<br />

jungen „Herren“, (genauer gesagt waren es<br />

Teenager) sehr sorgsam zu Werke. Kompromisse<br />

wurden eingeplant, Etappen festgelegt und<br />

Teilverbündete gesucht. Schon kurze Zeit später<br />

wurde ein wichtiger Erfolg verbucht, einer der<br />

wichtigsten Männer <strong>im</strong> Ort, Pf. Martin Walter,<br />

(„Der Fußballpfarrer“) konnte als Sympathisant<br />

gewonnen werden. Das war bereits ein<br />

Meilenstein. Denn mit Ihm war der Zugriff auf<br />

den Pfarrsaal mit Bühne und auf einen großen<br />

Fundus an Kostümen gegeben. Die Symphatie<br />

wurde kurzerhand und klugerweise zur Allianz<br />

ausgebaut: Ihm wurde nahegelegt, die <strong>im</strong><br />

Pfarrsaal für seinen Fußballclub SG Dielhe<strong>im</strong><br />

stattfindende Weihnachtsfeier mit Laienspieleinlage<br />

doch einfach den jungen Spielwilligen zu<br />

überlassen. Er war begeistert über so viel jugendlichen<br />

Elan und stellte dafür einen Probenraum<br />

zur Verfügung. Neudeutsch ausgedrückt,<br />

war eine Win Win-Situation entstanden. Beide<br />

Parteien profitierten voneinander. Allerdings<br />

überließ er nichts dem Zufall. Stück und Inhalt<br />

unterlagen der freiwilligen Selbstkontrolle und<br />

zu den Proben war er meist anwesend. Das<br />

vorgeschlagene Stück mit Namen „Der Bergteufel“<br />

überzeugte ihn, da der Teufel <strong>im</strong> Stück<br />

vom Guten besiegt wurde. Es konnte losgehen.<br />

Jetzt galt es nur noch ein kleines Problem zu<br />

überwinden: Es gab keinen Spielleiter, geschweige<br />

denn genügend SchauspielerInnen<br />

für die 11 Rollen, inklusive der 2 Damenrollen.<br />

Nach dem Motto, wenn man will, geht alles,<br />

wurde der Spielleiter festgelegt. Best<strong>im</strong>mt wurde<br />

derjenige in der Runde, der auf die größte<br />

Erfahrung seiner seit <strong>Jahre</strong>n schauspielernden<br />

Brüder verweisen konnte. Das restliche Ensemble<br />

wurde aus dem Freundeskreis und oft unter<br />

Bitten und Betteln rekrutiert. Jetzt wurde heftig<br />

Text gelernt und geprobt in einem per Ölofen<br />

26


27<br />

überhitzten Raum, in dem es alt und nach<br />

Weihrauch roch. Nach fast einem Jahr Vorbereitung<br />

wude das Stück aufgeführt, und das mit<br />

durchschlagendem Erfolg: Das abendfüllende<br />

Stück mit seinem Sieg über Tod und Teufel<br />

rührte die Herzen und dann die Hände der<br />

Zuschauer zum fast frenetischen Applaus. Die<br />

Winterfeier selbst geriet zur Nebensache, und<br />

noch am selben Abend wurden die glücklichen<br />

Akteure für ein Gastspiel <strong>im</strong> Nachbarort<br />

Rauenberg verpflichtet. Vor Freude trunken<br />

nahmen sie an. Ein Tross spielwütiger Teenager<br />

brach kurze Zeit später, bepackt mit Kulissen,<br />

Requsiten und mit „Mann und Maus“ auf, um<br />

in Rauenberg seine Kunst zu zeigen. In einem<br />

umfunktionierten Raum mit Kegelbahn wurden<br />

zunächst die Hühner von der Bühne getrieben<br />

(kein Witz!) und alles<br />

gründlich gereinigt,<br />

um die Grundlage<br />

für einen ähnlichem<br />

Erfolg wie zuvor zu<br />

schaffen. Um diesen<br />

sicherzustellen, wurde<br />

eigens ein Musiker mit<br />

Akkordeon verpflichtet.<br />

Er musizierte laut<br />

Protokollbuch „zwischen den Pausen“. Wie wir<br />

uns das vorzustellen haben, bleibt ein historisches<br />

Gehe<strong>im</strong>nis. Doch den Teenagern auf der<br />

Bühne blieb der Erfolg auf den Fersen. Derart<br />

verwöhnt war klar, der Erfolg braucht einen<br />

Namen. Gewählt wurde der Kürze wegen<br />

„Spielgruppe 63“. Und sozusagen obendrauf<br />

gab man sich auch noch einen organisatorischen,<br />

vereinsmäßigen Halt. Ein Spielleiter mit<br />

Assistent, ein Schriftführer, 8 Beiräte und ein<br />

Vereinsdiener bildeten die Führungscrew. Und<br />

um dem Schlendrian vorzubeugen, wurde<br />

unter Strafandrohung Disziplin eingefordert. So<br />

abgefedert gerieten große, nein sehr große<br />

Ziele ins Visier. Und ganz wichtig: losgelöst von<br />

Abhängigkeiten, also alles auf eigene Faust<br />

und Verantwortung. Der Spielleiter, ein Fan<br />

„Der Bandit von Venedig“ als letztes<br />

historisches Spektakel markierte<br />

den Wendepunkt in der Stückauswahl,<br />

hin zu Komödien und bekannten<br />

Schauspielen, aber auch zeitkritischen<br />

kleineren Stücken.


Die Idee<br />

setzt sich durch!<br />

historischer Epen und von „Sandalenfilmen“,<br />

gab die Richtung vor. „Hasso, der Rebell“ hieß<br />

schließlich das monströse Werk. Das bedeutete:<br />

viele Mitspieler, Statisten, Helfer und „viel“ Technik,<br />

mit noch mehr historischen Kostümen, dafür<br />

aber, der Kosten wegen, weniger aufwändigen<br />

Kulissen. Ohne Vorkenntnisse, geschweige<br />

denn Erfahrung, wurde ein Stück auf die große<br />

Bühne der Dielhe<strong>im</strong>er Mehrzweckhalle gestellt,<br />

das von der Saalmiete bis zur letzten Requisite<br />

eigenverantwortlich über die Bühne ging und,<br />

man höre und staune, die Besucher in seinen<br />

Bann zog. Schnell wurde der Ruf: „mehr davon“<br />

unüberhörbar. Was jetzt folgte, ist für dörfliche<br />

Verhältnisse phänomenal: Ein noch aufwändigeres<br />

Stück sollte es nun sein. Mit „Schinderhannes“<br />

von Fritz Kanders, so die Idee,<br />

sollte der Durchbruch gelingen. Das Ansinnen<br />

gestaltete sich äußerst schwierig, denn die Verbindungen<br />

zur Pfarrgemeinde und den Spielmöglichkeiten<br />

dort mussten aus wirtschaftlichen<br />

Gründen beibehalten werden. Das bedeutete:<br />

zweigleisig fahren - das große Stück in der<br />

Mehrzweckhalle und die kleineren Stücke <strong>im</strong><br />

Pfarrsaal. Dass dabei die sogenannten kleinen<br />

Stücke oft abendfüllende Wald- und Forststücke<br />

waren, machte die Sache nicht einfacher.<br />

Mit jugendlichem Elan und einer mittlerweile<br />

„stattlichen“ Anzahl an Bühnenpersonal und<br />

Mitgliedern sollte alles gelingen. Und es gelang.<br />

Kurz gesagt: Die historische Handlung um<br />

28


29<br />

den Räuberhauptmann „Schinderhannes“, sehr<br />

direkt und inklusive Enthauptung auf offener<br />

Bühne dargestellt und in den Pausen mit Blasmusik<br />

verziert, übertraf alle Erwartungen. Mehr<br />

als 600 Zuschauer wollten die Premiere sehen:<br />

Die eilends herbeigeschafften Stühle reichten<br />

bei weitem nicht aus. „Schinderhannes“ wurde<br />

zum Dorfgespräch und auch die Zeitungen<br />

würdigten die Leistung der „Newcomer“. Die<br />

Erfolge der „Spielgruppe“, wie das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong> oft noch heute in der Bevölkerung genannt<br />

wird, hatten damit einen Status erreicht,<br />

der es erforderlich machte, Flagge zu zeigen.<br />

Immer öfter sah man deshalb die <strong>Theater</strong>leute<br />

bei Umzügen oder Veranstaltungen der Gemeinde.<br />

Die öffentliche Präsenz führte zu einem<br />

Mitgliederzuwachs. Der ermöglichte es „locker“,<br />

zwei Spielorte zu bedienen: Im Pfarrsaal wurden<br />

die noch <strong>im</strong>mer herzzereißenden Stücke<br />

gespielt, und zu Pf. Walters Geburtstag durfte<br />

es auch mal was Christliches sein. Und in der<br />

Schnell zeigte die „Spielgruppe 63“ öffentliche<br />

Präsenz durch Teilnahme an örtlichen<br />

Festen. Auch für die Mitglieder gab es intern<br />

Veranstaltungen wie Ausflüge und Partys.<br />

Bei den jährlichen Hauptaufführungen <strong>im</strong><br />

Spätherbst reihte sich von nun an Komödie<br />

an Komödie. Szenen aus „Kirsch und Kern“<br />

links oben, „Mein Mann der Dieb“ rechts,<br />

„Zirkus“ unten und unten rechts das Ensemble<br />

von „Der kerngesunde Kranke“.<br />

Mehrzweckhalle gingen die historischen Stücke<br />

wie „Der Bandit von Venedig“, über die Bühne;<br />

Stücke, die den guten Ruf der <strong>Theater</strong>macher<br />

festigten. Nach innen gelang es überraschend<br />

gut, trotz der vielen Arbeitseinsätze, die Mitglieder<br />

bei Laune zu halten. Schließlich waren alle<br />

noch jung, und zu feiern verstand man, ohne<br />

dafür proben zu müssen. Ausflüge, Grill-, Silvester-<br />

und unzählige andere Partys, aber auch<br />

die „Tourneeeinsätze“ festigten den Zusammenhalt.<br />

Und wo es nichts zu feiern gab, wurde<br />

ein Grund erfunden. Die sogenannte „Blinde<br />

Kindstaufe“ war ein geflügeltes Wort, um eine<br />

feierarme Zeit zu überbrücken - ein Fest ohne<br />

Kind, aber mit Feier. Das alles waren Maßnahmen,<br />

die dazu dienten, den Spaß hochzuhalten.<br />

Und wenn Sie jetzt fragen, ja, aber woher<br />

wusste die „Spielgruppe 63“, wie „<strong>Theater</strong><br />

geht“? Das ist eine gute Frage, und auf diese<br />

gibt es eine gute Antwort - <strong>im</strong> nächsten Kapitel.


Unser <strong>Theater</strong>haus, unsere Spielstätten<br />

„Die Besucher des großen Hauses werden gebeten, ihre Plätze einzunehmen!“ Wer kennt diese<br />

Ansage nicht? In ganz großen Musentempeln üblich, doch in Dielhe<strong>im</strong> nicht. Der Grund liegt nicht<br />

am fehlenden „Großen Haus“, sondern ist bautechnisch bedingt: Die Spielstätten für das <strong>Theater</strong><br />

<strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> haben getrennte Dächer. Und das ist gut so. Denn zwei <strong>Theater</strong>häuser könnten wir uns<br />

wirklich nicht leisten. Was wir aber können, ist: auf beide zurückgreifen. Und das tun wir regelmäßig,<br />

je nach Anforderung oder besser gesagt, je nach <strong>Jahre</strong>szeit:<br />

Meist <strong>im</strong> Herbst auf das „Großes Haus“, die<br />

Kulturhalle in Dielhe<strong>im</strong>, und in der übrigen Zeit<br />

auf unser „Schmuckkästchen“, das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong>. Der Name ist hier Programm, oder wie<br />

es der römische Komödiendichter Plautus (um<br />

2<strong>50</strong>–184 v. Chr.) ausgedrückt hat: Nomen est<br />

omen! Und das, obgleich er unser <strong>Theater</strong>haus<br />

noch gar nicht kannte. Aber sicher hätte er die<br />

gleiche Freude daran gehabt wie wir. Womit<br />

auch fast bewiesen wäre, dass es diesen Zustand<br />

lange Zeit nicht gab und er hart erarbeitet<br />

werden musste. Zunächst auch, je nach Blickwinkel,<br />

gegen etablierte Kulturträger oder ältere<br />

Rechte am Kulturleben. Dass dabei zum Zwecke<br />

der Schlichtung auch mal Anwälte beauftragt<br />

werden mussten, zeugt vom „Kampf“ der jungen<br />

Ideen gegen tradierte Rechte. Heute ist ein gutes<br />

Miteinander gegeben und es kann den Besuchern,<br />

aufgrund der beiden Häuser, ein breites<br />

Spektrum an Stücken und Veranstaltungen angeboten<br />

werden. Das ist nicht selbstverständlich.<br />

Deshalb geht ein großes Dankeschön an die<br />

Gemeinde Dielhe<strong>im</strong>, die uns die Kulturhalle nun<br />

schon seit mehreren Jahrzehnten zur geflissentlichen<br />

Nutzung und zur Erbauung und Freude<br />

der Zuschauer überlässt. Danke.<br />

Unsere Spielstätten Links unser<br />

Schmuckstück und ganzer Stolz, das<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> in der <strong>Bahnhof</strong>straße,<br />

und unten das „Große Haus“, die Dielhe<strong>im</strong>er<br />

Kulturhalle in der Pestalozzistr. 11<br />

30


31<br />

[ ]<br />

Die<br />

Etablierung


Die Etablierung<br />

Suche nach Raum. Engagements und Erweiterungen.<br />

Feste, Bälle, Open Air. Aus der Backstube zu größeren „Brötchen“.<br />

Vom Spieltrieb zum Spielbetrieb.<br />

Zukunft?<br />

ja bitte!<br />

Mut best<strong>im</strong>mte die ersten <strong>Jahre</strong><br />

der wild entschlossenen<br />

„<strong>Theater</strong>macher“. Vielleicht<br />

war es auch einfach der unbekümmerte,<br />

jugendliche Drang, etwas „Großes“<br />

schaffen zu wollen. Wie dem auch sei,<br />

die Fakten sprachen für die junge Truppe,<br />

denn der Erfolg be<strong>im</strong> Publikum war<br />

gegeben. Das ist bemerkenswert, waren<br />

doch die Voraussetzungen äußest dürftig:<br />

Geprobt wurde in Wohnstuben und<br />

Wirtshäusern, und Proben auf der Bühne<br />

waren erst eine Woche vor den Aufführungen<br />

möglich, da andere Vereine<br />

die Halle ebenfalls nutzten. Noch in der<br />

Nacht der Premiere musste abgebaut<br />

und am nächsten Tag die Halle gereinigt<br />

werden, um sie für den Schulsport<br />

freizugeben. Das hatte einmal sogar<br />

unerfreuliche Konsequenzen: Wenige<br />

Tage vor der Premiere fand das entsetzte<br />

<strong>Theater</strong>völkchen seine fertigen Kulissen,<br />

zerstört durch Wind und Wetter, <strong>im</strong> Freien<br />

liegend vor. Sie wurden als gefährlich<br />

32


33<br />

für Kinder eingestuft und kurzerhand ins Freie<br />

befördert. Die Antwort darauf war ein offener<br />

Brief in Form eines Flugblattes, der Ärger und<br />

eine Gerichtsverhandlung einbrachte. Dessen<br />

ungeachtet ging der Spielbetrieb weiter: Immer<br />

mehr gab es „Tourneen“ mit Stücken, wie der<br />

„Meisterlügner“, die zunächst <strong>im</strong> Pfarrsaal<br />

Premiere feierten, und <strong>im</strong> Spätherbst gab man<br />

ein aufwändiges Stück auf der großen Bühne<br />

der heutigen Kulturhalle. Der Erfolg war schwer<br />

erkauft: ohne Raum zum Proben, auch nicht<br />

für den Bau und die Lagerung der Kulissen. In<br />

allen Sälen herrschte „Bauverbot“, und nicht<br />

der kleinste Nagel durfte in den Bühnenboden<br />

versenkt werden. Es brauchte Erfindergeist und<br />

Glück, denn dieser Zustand gefährdete das<br />

<strong>Theater</strong>projekt. Das Glück kam<br />

in Gestalt einer kleinen ehemaligen<br />

Bäckerei und wurde<br />

be<strong>im</strong> Schopf gepackt: Besichtigen,<br />

Pläne schmieden, Preis<br />

verhandeln, zuschlagen. In<br />

dieser Reihenfolge kam man<br />

zum ersehnten Clubraum und<br />

einer Scheune als Lager. Die<br />

Freude war groß und legte<br />

sich schnell: Der riesige Backofen<br />

störte und musste raus.<br />

Überlegungen halfen nichts;<br />

Muskelkraft war angesagt. Das so he<strong>im</strong>elig<br />

aussehende Teil mit seiner riesigen Brotluke<br />

erwies sich als hartnäckiges Unikum. Viel<br />

Schweiß, gepaart mit einem unbeugsamen<br />

Willen, zwangen den Backofen raus und einen<br />

ansehlichen Clubraum rein. Diese Maßnahme<br />

wirke sich strukturell und personell positiv aus:<br />

Zu der inzwischen zum e.V. mutierten „Spielgruppe<br />

63“ stießen <strong>im</strong>mer mehr Mitglieder,<br />

was hochfliegenden Plänen Auftrieb verlieh.<br />

So gerüstet, wurden jetzt ganz große „Brötchen“<br />

gebacken: gesprochener Text allein<br />

auf der Bühne genügte plötzlich nicht mehr,<br />

jetzt sollten es auch Lieder sein. Das Musical<br />

„Halleluja Billy“, bescheiden als „Songstück“<br />

angekündigt, entsprach den Vorstellungen und<br />

geriet unversehens zum „Gesellenstück“ oder,<br />

besser gesagt, zum Start in eine Ära, die bis<br />

heute in ihren Grundzügen noch besteht. Den<br />

über 40 Mitwirkenden gelang es spielend,<br />

singend und tanzend und unterstützt von der<br />

6 Mann starken Band „Blue Dominos“, die<br />

Herzen der Zuschauer zu erobern. Obgleich<br />

bei den Vorbereitungen wegen der D<strong>im</strong>ensionen<br />

fast gescheitert, wurde mit „Halleluja Billy“<br />

ein Meilenstein gesetzt. Eine Einladung zu den<br />

Deutsch-Französischen-<strong>Theater</strong>tagen in Barle-Duc<br />

(Frankreich) war die Folge. Auch dort<br />

erregte die Inszenierung Aufsehen und<br />

Plakat und Szenenbilder aus Halleluja Billy, 1973<br />

wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.<br />

Ereignisreiche Tage und eine kleine Tournee<br />

schlossen sich an. Im Rückblick lässt sich<br />

feststellen, das Stück war ein Kraftakt in allen<br />

Bereichen und brachte die Mitwirkenden an<br />

die Grenze des Machbaren, auf der Bühne<br />

und in der Organisation. Gleichzeitig wurde<br />

ein deutliches Zeichen gesetzt, nach innen wie<br />

nach außen; nach innen, weil es gelang, auch<br />

mit Hilfe von Fachkräften in der Choreografie<br />

und der Musik die eigenen Grenzen weit<br />

hinauszuschieben; und nach außen, weil die


Bereits ab 1971 kamen kleine <strong>Theater</strong>formen auf die Dielhe<strong>im</strong>er Bühne. Oben „Dunkelrote Rosen“<br />

eine Persiflage. Mitte „Der Lügner“, „Die Mauer“ und unten „Picknick <strong>im</strong> Felde“.<br />

34


35<br />

vermeintliche „Schnapsidee“ einiger Jugendlicher<br />

den Kritikern offensichtlich Respekt und<br />

Achtung abnötigte. Der junge Verein begann,<br />

so etwas wie einen Spielplan aufzulegen. Der<br />

wurde nach außen nicht kommentiert, aber<br />

nach innen mit einem klaren Konzept verwirklicht.<br />

Hilfe von außen wurde nicht nur zugelassen,<br />

sondern bewusst gesucht. Schulungen,<br />

Workshops, Seminare <strong>im</strong> ganzen Spektrum<br />

der <strong>Theater</strong>arbeit wurden intensiviert und die<br />

Begegnung mit Gleichgesinnten und anderen<br />

Amateutheatern ausgebaut. Begleitet wurden<br />

diese Ideen durch Hans Bernhard, dem Leiter<br />

der Spielberatung Baden-Württemberg. Er<br />

brachte, durch intensiven Austausch mit der<br />

Führungscrew, die junge Truppe behutsam auf<br />

einen Weg, der noch heute nachwirkt. Besuche<br />

von Spieltagen, Amateurtheaterfestivals,<br />

aber auch Besuche bei befreundeten <strong>Theater</strong>n<br />

setzten eine tiefgreifende Entwicklung in<br />

Gang: Man begann, die eigene Arbeit kritisch<br />

zu hinterfragen. Die Ergebnisse dieser Reflektion<br />

zeigten sich bald in einem veränderten<br />

Spielplan. Herz-Schmerz-Stücke wurden<br />

ersetzt durch zeitgemäßere Literatur,<br />

ohne das Publikum vor den Kopf zu<br />

stoßen. Und der „alte Zopf“ Laienspiel<br />

war eigentlich schon durch „Halleluja<br />

Billy“ abgeschnitten worden. Um das Publikum<br />

nicht zu vergraulen, wurde das Projekt „Gutes<br />

Amateurtheater“ bedächtig, aber zielgerichtet<br />

angegangen. Der Spielleitung kam dabei eine<br />

große Bedeutung zu. Die damaligen Spielleiter<br />

hatten rasch erkannt, auf was es ankommt und<br />

gingen, auch in Sachen Ausbildung und <strong>im</strong><br />

Lernen mit „Augen und Ohren“, vorneweg. Folgerichtig<br />

entwickelte sich der Spielplan schnell<br />

weiter, und man begann, organisatorisch und<br />

technisch aufzurüsten. Werbung, Öffentlichkeitsarbeit,<br />

Technik, Maske, Bühnenbau bis hin zur<br />

Vorstandschaft erlebten Veränderungen, die<br />

alle das gleiche Ziel hatten: besser zu werden.<br />

Die Kommunikation über die wenigen Medien<br />

wurde prägnanter, galt es doch, das veränderte<br />

Profil deutlich zu machen: Im Frühjahr wurde<br />

versucht, kleinere Produktionen kabarettistischer-<br />

und kleinkünstlerischer Natur sowie Kammerstücke<br />

zu etablieren; wohlwissend, damit<br />

nur ein kleines Publikum zu erreichen; gedacht<br />

als „Fingerübungen“ für alle, aber auch für<br />

die <strong>im</strong> Spätjahr nicht zum Zuge gekommenen<br />

SpielerInnen. Und <strong>im</strong> Spätherbst sollte eine<br />

„große“ Aufführung folgen, die aus zeitgenössischen<br />

Stücken, Klassikern oder „gehobenen“<br />

Komödien besteht. Und so kam es auch, bis<br />

auf ganz wenige Ausnahmen. Stücke, wie<br />

John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“,<br />

Alfonso Pasos „Lasst uns Lügen erzählen“ oder<br />

auch „Arsen und Spitzehäubchen“ von Josef<br />

Kesselring standen auf dem Spielplan. Stücke<br />

die echte „Knaller“ wurden, waren nicht selten.<br />

„Spiel‘s nochmal Sam“ von Woddy Allen oder<br />

Dario Fo‘s „Zufälliger Tod eines Anarchisten“<br />

zählen dazu. (Eine komplette Auflistung finden<br />

Sie in diesem Heft) Vergessen sei auch nicht<br />

Volles Programm?<br />

Aber hall0!<br />

die kleine <strong>Theater</strong>form, die vielen Einakter von<br />

Kishon bis Valentin, von Cocteau bis Arrabal,<br />

oder das absurde „Taschentheater“; <strong>im</strong>mer<br />

fand die „Spielgruppe 63“ ihr Publikum. Viel<br />

Mut zum Risiko bedurfte es Kleinkunstfestivals<br />

mit einem Non-Stop-Tagesprogramm unter<br />

freiem H<strong>im</strong>mel auf die Beine zu stellen. Jazzer,<br />

Liedermacher, Gaukler, Sängerinnen und<br />

die Sketche der Gastgeber standen auf dem<br />

Programm. Der Kultur <strong>im</strong> ländlichen Raum<br />

zuliebe war es bereits ein Erfolg, wenn Einnahmen<br />

und Ausgaben sich ausglichen. Und wenn<br />

sich „Miese“ einstellten, schaute man darüber<br />

hinweg, weil der Bekanntheitsgrad durch diese


Aktivität geradzu nach oben schoss. Kein Wunder,<br />

denn <strong>im</strong> Rundfunk wurden Durchsagen<br />

und Interviews gesendet, und überregionale<br />

Zeitungen berichteten darüber. Bei so viel<br />

künstlerischem und organisatorischem Aufwand<br />

für Aufführungen und Veranstaltungen<br />

stellt sich natürlich die Frage: Wer zahlte das<br />

alles? Klar, die Spielgruppe! - und zwar mit<br />

jenem Geld, das anderswo eingespielt wurde.<br />

Alle waren jung und wussten deshalb genau,<br />

was die jungen Leute suchten - und lieferten,<br />

was fehlte: Musik, Tanz, Spaß! Mittlerweile<br />

auch <strong>im</strong> „<strong>Theater</strong>geschäft“ zur Erkenntnis<br />

gelangt: „Qualität bringt‘s“, entschied man sich<br />

be<strong>im</strong> musikalischen Personal auf der Showbühne<br />

bewusst <strong>im</strong>mer für die zwar Teureren, dafür<br />

aber Besten ihres Faches. Und das funktionierte<br />

hervorragend. Die ersten Versuche mit dieser<br />

Unterhaltungsform firmierten noch als „Tanz in<br />

den Mai“ oder „Frühlingsball“, doch bald stiegen<br />

die ersten richtig großen Faschingsbälle,<br />

ausgestattet mit zugkräftigem Motto, angereichert<br />

mit Showelementen und prächtiger,<br />

auf das jeweilige Motto<br />

abgest<strong>im</strong>mter Saaldeko,<br />

in den närrischen H<strong>im</strong>mel.<br />

Sie „trafen ins Schwarze“,<br />

und Erfolg reihte sich an<br />

Erfolg. Mehr als anderthalb<br />

Jahrzehnte bildeten die<br />

begeistert gefeierten Faschingsbälle das monetäre<br />

Polster für große Pläne. Der Einsatz auf der<br />

<strong>Theater</strong>bühne litt nicht darunter, <strong>im</strong> Gegenteil.<br />

Das spielerische Vermögen wurde gesteigert,<br />

auch mit willkommener Hilfe von Seiten des<br />

BDAT (Bundesverbandes deutscher Amateurtheaters),<br />

des LABW (Landesverband Amateurtheater<br />

Baden-Württemberg) und der <strong>Theater</strong>-<br />

und Spielberatung Baden-Württemberg in<br />

Heidelberg. Zu allen Institutionen wurden und<br />

werden bis heute, über die normale Verbundenheit<br />

hinaus, freudschaftliche Beziehungen<br />

gepflegt. Die anfängliche Skepsis<br />

<strong>Theater</strong><br />

<strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>!<br />

Wie bitte?<br />

in der Bevölkerung und der Gemeindeverwaltung<br />

gegenüber den „jungen Leuten“ wich<br />

langsam, aber sicher einer „kontrollierten“ Achtung.<br />

Mit der wachsenden Leistungfähigkeit kamen<br />

Aufführungen auf die Bühne, die aufhorchen<br />

ließen. Die Erfolge bei Spielbegegnungen<br />

und die Ausrichtung der Deutsch-Französischen<br />

<strong>Theater</strong>tage und die mehrmalige Ausrichtung<br />

der Kraichgauer <strong>Theater</strong>tage förderten ihrerseits<br />

den guten Ruf der Dielhe<strong>im</strong>er <strong>Theater</strong>freunde.<br />

Die heraufbrechenden gesellschaftlichen<br />

Veränderungen zeigten <strong>im</strong> <strong>Theater</strong>betrieb<br />

früh Wirkung. Die Macher<br />

der „Spielgruppe 63“ hatten<br />

Familie und berufliche<br />

Aufgaben, die zwangsläufig<br />

das Engagement<br />

einschränkten. Und ganz<br />

junge Leute stießen kaum<br />

dazu. Trotzdem gelang es <strong>im</strong>mer wieder bei<br />

den Aufführungen, die Lücken zu „stopfen“<br />

mit SpielerInnen, die erstaunlich schnell in das<br />

Ensemble integriert wurden. Klar, gab es auch<br />

oft nur kurzfristige Einsätze. Doch über die<br />

<strong>Jahre</strong> gesehen, war das Glück, MitmacherInnen<br />

zu finden, bis zum heutigen Tag erstaunlich<br />

oft präsent. An Tourneeeinsätze war nicht<br />

mehr zu denken, und die finanzielle Quelle<br />

„Fasching“ wurde beendet, ehe sie versiegte.<br />

Die Veränderungen <strong>im</strong> gesellschaftlichen<br />

Umfeld wurden zwar früh erkannt, aber etwas<br />

36


37<br />

unterschätzt, noch lief ja alles „richtig“ und gut;<br />

wenn auch mit sehr viel Aufwand verbunden.<br />

Das führte etwas später bei den „Motoren“<br />

der Gruppe zu ernsten Überlegungen und<br />

gewagten Ideen: Den Veränderungen sollte<br />

mit einer „großen Sache“ begegnet werden.<br />

Ein eigenes Haus sollte es sein, denn die<br />

Zustände in der „Backstube“ waren durch Lage<br />

und Räumlichkeiten schlicht nicht mehr hinzunehmen.<br />

Jetzt wurde gesucht, gefunden und<br />

meist wegen Unbezahlbarkeit verworfen. Die<br />

gesellschaftlichen Veränderungen bewirkten<br />

aber auch, dass die durch Dielhe<strong>im</strong> führende<br />

Nebenbahnstrecke und damit auch das kleine<br />

<strong>Bahnhof</strong>gebäude aufs „Abstellgleis“ musste. Als<br />

noch niemand ahnte, wie es mit dem Gebäude<br />

und dem Gelände weitergehen würde,<br />

spielten die <strong>Theater</strong>leute auf volles Risiko. Sie<br />

mieteten, unter den mitleidig-fragenden Blicken<br />

der Betreiberin SWEG, kurzerhand das äußerst<br />

marode <strong>Bahnhof</strong>gebäude an. Die nach außen<br />

nicht geäußerten Pläne sahen eine „Instand-<br />

Besetzung“ mit einer Totalrenovierung innen<br />

vor - aus eigener Kraft und auf eigene Kosten,<br />

versteht sich. Weiter sollten eine rasche „kulturelle<br />

Belebung“ durch kleine Veranstaltungen, ein<br />

politsches Engagement in Sachen Vorplatz und,<br />

wie so oft, auch Allianzen für die gute Idee<br />

gebildet werden - denn auch die Nachbarn<br />

waren nicht gerade entzückt. Das Gebäude,<br />

<strong>im</strong> miserablen Zustand aber in der Phantasie<br />

der Mieter einem Palast nicht unähnlich und<br />

in der Raumaufteilung ideal, wurde postwendend<br />

auf „Erhaltungswürdigkeit“ getr<strong>im</strong>mt. Das<br />

Kalkül war: „Wenn alles ganz toll aussieht, wird<br />

man uns schon nicht rausschmeißen, wenn das<br />

Gebäude an die Gemeinde verkauft wird“.<br />

Deshalb wurden rasch und schweißtreibend<br />

Kabel, sanitäre Anlagen, Treppen und Raumaufteilung<br />

unter den kritischen Augen des<br />

natürlich hauseigenen Architekten verlegt und<br />

angepasst. Das Ergebnis kann sich noch heute<br />

sehen lassen. Noch während der Arbeiten<br />

ging man den politischen Teil an, denn die<br />

Alternativen für das Areal lauteten: Abriss und<br />

Wohngebiet oder Sanierung und Parkanlage.<br />

Kaum fertig, lud man die Gemeinderäte zu<br />

Kleinkust in den nun innen sehr schmucken<br />

<strong>Bahnhof</strong> ein und natürlich auch zu Verhandlungen.<br />

Um es kurz zu machen: Mit viel Glück,<br />

Arbeit und Menschen, die für einen Park um<br />

den <strong>Bahnhof</strong> Partei ergriffen, wurde schließlich<br />

das fast Unmögliche geschafft - dank vieler<br />

...und es<br />

bewegt sich<br />

doch!<br />

Mitbürger und der Gemeinde Dielhe<strong>im</strong> gab<br />

es nun ein ausreichend großes „Clubhaus“<br />

für.. na, was wohl? - Das „<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>“.<br />

Die <strong>im</strong>mer mal wieder laut gewordenen Rufe<br />

nach einem neuen Namen, der zum theatralen<br />

Tun passt, konnte mit dem „neuen Haus“,<br />

recht schnell erhört werden. Den alten Namen<br />

gab es nur noch kurze Zeit als Anhängsel<br />

zum neuen Namen - <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>. Im<br />

Nachhinein kann festgestellt werden, mit den<br />

neuen Möglichkeiten begann auch eine neue<br />

Zeit. Alles war jetzt da, Club- und Proberaum,<br />

Kulissenlager, eine kleine Werkstatt und Platz<br />

<strong>im</strong> Keller und unterm Dach für den Fundus. Die<br />

Außenanlagen wurden von der Gemeinde<br />

als Park angelegt und das <strong>Bahnhof</strong>sgebäude<br />

fachgerecht renoviert und unter Denkmalschutz<br />

gestellt - ein existenzieller Meilenstein, ohne<br />

den es das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> wahrscheinlich<br />

nicht mehr gäbe...<br />

Bild links oben,<br />

symbolische Schlüsselübergabe<br />

für das neue <strong>Theater</strong>haus 2003.


<strong>Theater</strong> braucht Besucher. Eine Binsenweisheit, auch für uns als Amateurtheater. Schon kurz nach der<br />

Gründung haben wir deshalb entschlossen gehandelt. Zunächst kamen wir zum Publikum, indem<br />

wir für andere Vereine spielten. Eine gute Idee. Doch wir wollten unabhängig sein. Auf die Frage, wie<br />

fülle ich einen Saal mit Zuschauern, gaben wir uns eine einfache Antwort: Spiele ein volksnahes Stück<br />

und erzähle es vielen Menschen, und es wird gut werden. Und das tat es auch. Ganz so, wie es bei<br />

exotischen Neuheiten üblich ist. Im Grunde hat sich daran bis auf den heutigen Tag wenig geändert.<br />

Gut, wir sind mit unseren Fünfzig nicht mehr<br />

taufrisch und kaum mehr exotisch. Auch hat<br />

sich das gesellschaftliche Umfeld total verändert,<br />

und damit auch die Wahl der kommunikativen<br />

„Waffen“. Uns war früh bewusst, dass<br />

wir uns auf die gepflegte Mundwerbung nicht<br />

mehr verlassen konnten. Zu einflussreich waren<br />

schnell die fl<strong>im</strong>mernden, musikalischen und<br />

sonstigen Konkurrenten geworden. Öffentlichkeitsarbeit<br />

hieß das Zauberwort welches nun,<br />

neben der jetzt „gehaltvollen Inszenierung“, alles<br />

richten musste. Lehrgänge wurden besucht<br />

und ein eigenes „Amt“ mit Namen „WerbÖff“<br />

(Werbung und Öffentlichkeitsarbeit) dem Vorstand<br />

angegliedert. Ein wichtiger Schritt, der<br />

heute als unverzichtbar gilt und seiner Zeit<br />

voraus war. Noch <strong>im</strong>mer erzählen wir den<br />

Menschen draußen, was wir tun, was sie erwartet<br />

und wer wir sind. Die verbale Kommunikation<br />

ist dabei nur noch ein winziger Teil.<br />

Von Artikeln, Heften, Plakaten und dem Web<br />

Denn heute best<strong>im</strong>men kommunikative Medien<br />

unser Bild in der Öffentlichkeit. Die Klassiker Plakat<br />

und Programmheft, mit viel Liebe gemacht<br />

und auf das Stück abgest<strong>im</strong>mt, haben noch <strong>im</strong>mer<br />

hohen Stellenwert. Regelmäßige Berichte<br />

und Ankündigungen in der Presse, oft mit unserem<br />

Logo, sind selbstverständlich geworden.<br />

Und bei den Online-Medien, wie das Internet,<br />

gehörten wir ebenfalls zu den ersten Vereinen in<br />

Dielhe<strong>im</strong>, die dessen Notwendigkeit erkannten<br />

und darüber nach außen und innen kommunizierten.<br />

Aktuelles, Hintergrundinfos und Bilder<br />

stehen hier kurzfristig bereit. Wir investieren in<br />

das Aussehen unserer Website (schon 3x überarbeitet)<br />

genauso wie in Dienste, die den Aufenthalt<br />

auf unserer Site angenehmer machen<br />

und den Nutzern helfen, schnell zur gesuchten<br />

Info zu gelangen. Und es geht weiter. Karten-<br />

und andere Services sind angesagt. Damit Sie<br />

wissen, was wir meinen: Einfach nachschauen<br />

oder auf unseren Seiten schmökern. Und zwar<br />

hier: www.theater<strong>im</strong>bahnhof.com<br />

Plakat, Website, Presseartikel Grundlage<br />

der Kommunikation mit unserem Publikum. Dazu<br />

gehören auch unsere Artikel in der Presse, damit unsere<br />

Besucher <strong>im</strong>mer wissen, was läuft.<br />

38


39<br />

[ ]<br />

Heute


Neuzeit Wie, was, wo und wie.<br />

Alt und Jung <strong>im</strong> Tandem. Spielplan, und dann?<br />

Quo vadis, <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>?<br />

A<br />

lter <strong>Bahnhof</strong> - neue Möglichkeiten! So<br />

könnte man, zugegeben etwas<br />

gerafft, die heraufbrechende „neue<br />

Zeit“ für das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> bezeichnen.<br />

Gesellschaftliche Veränderungen hielten in<br />

<strong>im</strong>mer stärkerem Maße in der Gruppe und<br />

auch <strong>im</strong> nun nicht mehr ganz so beschaulichen<br />

Dielhe<strong>im</strong> Einzug.<br />

Tradierte und<br />

liebgewonnene<br />

Veranstaltungen<br />

„zogen“ nicht mehr.<br />

Tanzveranstaltungen<br />

mit Livemusik<br />

wurden von<br />

Diskotheken<br />

abgelöst, und auch<br />

diese bekamen<br />

relativ schnell das Etikett „out“. Die Macher der<br />

ehemaligen „Spielgruppe“ kamen ins „gesetzte“<br />

Alter und Familie und Beruf forderten ihren<br />

Tribut. Noch wurden Hochzeiten und andere<br />

Feste <strong>im</strong> <strong>Theater</strong>kreis „würdig“ begangen, doch<br />

<strong>im</strong>mer schneller wurde klar: Der Vereinsbetrieb<br />

<strong>im</strong> herkömmlichen Stil lässt sich nicht mehr<br />

halten. Tourneen waren schon längere Zeit auf<br />

Grund des Verschwindens der „Winterfeiern“<br />

und aus Mangel an Helfern obsolet geworden.<br />

Zu aufwändig gerieten die Vor- und Nacharbeiten.<br />

Spielstätten, wie den Pfarrsaal, hat man<br />

einer anderen Best<strong>im</strong>mung zugeführt, und die<br />

Kleinkunstfestivals wurden noch rechtzeitig vor<br />

den roten Zahlen aus dem Programm genommen.<br />

Neue Ideen waren also gefragt. Und was<br />

lag näher, als den neuen Namen „<strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong>“ mit Leben zu füllen und den <strong>Bahnhof</strong><br />

zum Mittelpunkt zu machen? Schnell gab es<br />

erste zaghafte<br />

Versuche: Der<br />

Spielplan<br />

Wirtschaft.<br />

ehemalige<br />

Schalterraum mit<br />

seinem originellen<br />

Schild: „Bitte nicht<br />

auf den Boden<br />

spucken“ wurde<br />

kurzerhand zur<br />

Kabarettbühne<br />

umfunktioniert und<br />

erfolgreich bespielt. Viele Honoratioren und<br />

„Multiplikatoren“ wurden dazu eingeladen.<br />

Denn es galt zu zeigen, was geschaffen wurde:<br />

ein ordentliches Haus mit vielen Möglichkeiten.<br />

Doch das Wichtigste war, das Haus ermöglichte<br />

das Proben ohne Hinternisse. Das wiederum<br />

begünstigte die Qualität der Aufführungen.<br />

Produktionen, wie „Der zufällige Tod eines<br />

Anarchisten“ von Dario Fo, um nur ein Stück<br />

herauszugreifen, wurden möglich; ein Stück,<br />

das auch auf Spieltagen und einer Profibühne<br />

in Heidelberg gespielt wurde. Die neue<br />

40


41<br />

Ausrichtung zeigte sich bald auch <strong>im</strong> weiteren<br />

Veranstaltungkalender: „Die Sommernacht am<br />

<strong>Bahnhof</strong>“, als „Volksfest“ mit Musik, Feuerwerk<br />

und Kleinkunst rund um den <strong>Bahnhof</strong> inszeniert,<br />

ersetzte die bisherigen Großveranstaltungen<br />

und wurde über viele <strong>Jahre</strong> zur einträglichen<br />

„Cash-Cow“. Durch die vielen kleinen und<br />

großen Erfolge ermuntert, stießen die Überlegungen<br />

einiger kreativer „<strong>Theater</strong>-Funktionäre“<br />

rasch in neue D<strong>im</strong>ensionen vor. Vielleicht war<br />

es schlichte Weitsicht oder einfach das Gespür,<br />

die Zeichen der Zeit zu erkennen und den<br />

kommenden, sehr tief gehenden Veränderungen<br />

in Gesellschaft und Arbeitswelt zuvorzukommen.<br />

Vielleicht war es aber auch schlicht<br />

die Liebe zu den „Brettern“ und zum Verein.<br />

Wahrscheinlich war es von beidem etwas, das<br />

die Überlegung reifen ließ: Wie wäre es, ein<br />

eigenes, „richtiges“ <strong>Theater</strong>haus zu haben? Die<br />

Idee erschien zu verwegen und die Ablehnung<br />

folgte auf dem Fuße. Noch mehr Arbeit wurde<br />

befürchtet. Selbst der vom Hausarchitekten<br />

entworfene, etwas kühne, aber durchaus<br />

realistische Entwurf eines <strong>Theater</strong>anbaus<br />

mitsamt der Versicherung, hierin liege die<br />

Zukunft und keineswegs ein mehr an Arbeit,<br />

sondern eher das Gegenteil; auch die besten<br />

Argumente konnten die ablehnende Haltung<br />

nicht auflösen. Doch, wie die Erfahrung zeigt,<br />

brauchen gute Ideen ihre passende Zeit. Eine<br />

wichtige Änderung für die <strong>Theater</strong>leute ergab<br />

sich dafür anderenorts: Die Dielhe<strong>im</strong>er „Sport-<br />

u. Kulturhalle“ mutierte sehr zur Freude der<br />

kulturtragenden Vereine in Dielhe<strong>im</strong> zur reinen<br />

Kulturhalle. Das eröffnete mehr Spielraum und<br />

die Aussicht, stressfreier proben zu können. Im<br />

<strong>Bahnhof</strong> stand inzwischen Kleinkunst auf dem<br />

Programm, von der Jazz-Matinee bis hin zu<br />

literarischem Kabarett. Auch <strong>Theater</strong>gästen aus<br />

dem fernen Norwegen bot man ein Forum mit<br />

der Aufführung „Lofoten-Walzer“. Eine weitere<br />

Neuerung stach dabei besonders ins Auge:<br />

Lasst uns Lügen erzählen - 1984<br />

Hier sind sie richtig - 1991<br />

Arsen und Spitzenhäubchen - 1988<br />

Kinder und Jugendliche, vor allem die eigenen,<br />

wollten und sollten ebenfalls <strong>Theater</strong> spielen.<br />

War das der Beginn einer heraufdämmernden<br />

„Ära der Jungen“? Fest steht, es war der Beginn<br />

der Spiel-Planwirtschaft. Ab sofort musste<br />

abgest<strong>im</strong>mt geplant werden - eine gute<br />

Vorübung für das Kommende. Mit den jungen<br />

Leuten vor Augen setzte sich zeitgleich bei den<br />

Machern und einem Teil der Mitglieder eine


Erkenntnis durch: Wir sind in die <strong>Jahre</strong> gekommen.<br />

Welche <strong>Jahre</strong> mit „die“ gemeint sind,<br />

konnten die Verantwortlichen <strong>im</strong> Rückblick<br />

erkennen: Zwischen dem eigenen Lebensalter<br />

und den jungen Leuten klaffte eine „Generationen-Lücke“.<br />

Der Rückblick wirkte, da gewissenhaft<br />

ausgeführt, erhellend. Wichtig ist dann,<br />

dass daraus die richtigen Schlüsse gezogen<br />

werden. Doch diese zogen sich zunächst etwas<br />

hin, bis der gefallene<br />

Groschen das Resultat<br />

freigab: „Uns fehlen junge<br />

Menschen, und das darf<br />

nicht so bleiben“. Es war<br />

nicht so, dass generell MitspielerInnen bei den<br />

Stücken fehlten. Nein, die wurden überraschenderweise<br />

und mit sehr viel Glück <strong>im</strong>mer wieder<br />

gefunden und mal mehr oder weniger, auf<br />

lange Sicht gesehen, erfolgreich intergriert.<br />

Nein, was fehlte, war eine ganze Generation<br />

fast überall <strong>im</strong> Verein. Von „Überalterung“<br />

konnte guten Gewissens noch nicht gesprochen<br />

werden, doch die Frage nagte <strong>im</strong>mer<br />

deutlicher. „Was kommt eigentlich nach uns?“<br />

Ein gutmeinendes Echo antwortete: “Nichts“.<br />

Die gute Absicht hinter dem „Nichts“ erkannten<br />

die Macher und machten sich auf den Weg,<br />

das zu ändern. Ähnlich der Bibel, die da sagt:<br />

„Wer klopfet, dem wird aufgetan.“, klopften die<br />

Macher bei ihren kulturellen Freunden der<br />

Musikschule Horrenberg-Dielhe<strong>im</strong> an. Aufgetan<br />

Alles Jugend,<br />

oder was?<br />

wurde die Tür und kurze Zeit später auch eine<br />

geniale Idee. Die Idee wurde nicht auf die<br />

lange Bank geschoben - sie wurde umgesetzt<br />

und gipfelte in der Zusammenarbeit der<br />

Musikschule Horrenberg-Dielhe<strong>im</strong> und dem<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> in Sachen Jugendarbeit.<br />

Über die musischen Sparten hinweg sind bis<br />

heute bei der Musikschule ausgebildete<br />

<strong>Theater</strong>pädagogen und -innen angestellt, die<br />

mit Kindern und Jugendli-<br />

chen, in Gruppen<br />

eingeteilt, arbeiten. Das<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> zahlt<br />

für die Ausbilder bei der<br />

Musikschule, stellt seine Infrastruktur, wie<br />

Bühnen, Technik und Fundus samt Betreuung<br />

und vieles mehr zur Verfügung und erhebt bei<br />

den Eltern der KInder einen geringen Mitgliedsbeitrag.<br />

Die Kinder und Jugendlichen<br />

werden also vom <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> subventioniert.<br />

Diese geniale Idee zeigte bald Früchte.<br />

Ohne jegliche Übertreibung lässt sich feststellen:<br />

Die Ausbildung ist sehr erfolgreich. Angeleitet<br />

durch die Fachkräfte zeigte sich früh, was<br />

bei guter Ausbildung machbar ist, nämlich<br />

herausragendes Amateurtheater. Die vielen<br />

guten Aufführungen, vom liederlich, literarischen<br />

Jugendkabarett „Liebe in jeder Beziehung“<br />

über die wundervollen Aufführungen<br />

von „Der kleine Prinz“ über „Warten auf Godot“<br />

bis hin zu der aktuellen Kinder-für-Kinder-<br />

Links: „Der zufällige<br />

Tod eines<br />

Anarchisten“,<br />

1984, erregte<br />

Aufsehen und<br />

wurde auf Spieltagen<br />

und auch<br />

mehrere male<br />

auf einer Profibühne<br />

gespielt.<br />

42


43<br />

Lauf doch nicht <strong>im</strong>mer weg -1986<br />

Literarisches Kabarett - 1985<br />

Die beiden untersten<br />

Bilder:<br />

„Antigone“,<br />

wurde 1985 auch<br />

auf einer kleinen<br />

Tournee in den<br />

Gymnasien<br />

der Umgebung<br />

gespielt.<br />

Haus mit „Masch<strong>im</strong>aschine“ weiter. Ein<br />

volles Haus erwartete die übrigens über


Produktion „Urmel aus dem Eis“; <strong>im</strong>mer äußerst<br />

sehenwert, <strong>im</strong>mer Aufführungen, die ihresgleichen<br />

suchen. Doch bis zu den heutigen<br />

angesehenen Produktionen bei den Erwachsenen<br />

wie auch Kindern und Jugendlichen war<br />

noch viel Arbeit und Schweiß angesagt. Die<br />

ersten Aufführungen <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> fanden <strong>im</strong><br />

Probenraum und sogar <strong>im</strong> umgebauten<br />

Clubraum statt; gut besucht, aber so nicht auf<br />

Dauer zu halten: zu eng,<br />

feuerpolizeilich problematisch<br />

und für die<br />

SchauspielerInnen und<br />

Helfer mit unzumutbarem<br />

Aufwand verknüpft. Der Probenraum, schon<br />

einmal Ausgangspunkt hochfliegender Pläne,<br />

geriet, nachdem der Ernst der Lage zum Thema<br />

wurde, erneut in den Fokus. Für die vor einigen<br />

<strong>Jahre</strong>n gereifte Idee, ein kleines <strong>Theater</strong><br />

anzubauen, war unversehens die Zeit gekommen.<br />

Erste Überlegungen führten zu Plänen,<br />

die zunächst noch kritisch beäugt wurden. Die<br />

alten Argumente aber griffen nicht mehr so<br />

richtig. Lag den Mitgliedern das <strong>Theater</strong>spielen<br />

am Herzen, mussten sie handeln. Die Überzeugungsarbeit<br />

gestaltete sich äußerst mühsam.<br />

Doch wer Überzeugen will, muss <strong>im</strong> Herzen<br />

brennen und einen langen Atem haben. Und<br />

es gab Mitglieder und Multiplikatoren, die<br />

genau dieses hatten. Kleine Allianzen halfen<br />

Karate Billy kehrt zurück - 1994<br />

Rentnerband,<br />

oder wie?<br />

auch, und schließlich war sogar der kontrovers<br />

diskutierte Finanzierungplan unter Dach und<br />

Fach und die Baupläne für das eigene Haus,<br />

badisch korrekt, auf das „Machbare“ geschrumpft.<br />

Macht nichts, was einmal gebaut ist,<br />

kann angepasst werden. Die „Aborigines“ in<br />

der Führungcrew hatten das Feuer weitergetragen<br />

- und schließlich brannte es mal mehr oder<br />

weniger hell - aber es brannte. Harte Arbeit<br />

war nun angesagt, auch<br />

zu ungewöhnlicher Zeit<br />

für Berufstätige. Denn der<br />

Finanzierungsplan, sehr<br />

freundlich unterstützt von<br />

der Gemeinde Dielhe<strong>im</strong>, dem Land Baden-<br />

Württemberg über den Landesverband<br />

Amateutheater Baden-Württemberg, sah<br />

schweißtreibende Eigeninititve vor. In Sonderschichten<br />

und mit Hilfe der Bauleute und<br />

unserem leitenden Architekten gelang das<br />

Werk. Korrekt denkmalschützerisch angebaut<br />

an den <strong>Bahnhof</strong>, stand es nun stolz vor seinen<br />

Erbauern: Knapp über hundert Sitzplätze, ein<br />

Balkon für die Technik und als Bühne der<br />

ehemalige Schalterraum bzw. Probenraum,<br />

nun aber ohne das Schild „Nicht auf den<br />

Boden spucken“. Der „Tag der offenen Tür“<br />

sollte allen zeigen: Wir haben es geschafft!<br />

Doch zu nah ans Bauende gelegt, war den<br />

Akteuren eine gewisse, verständliche Müdigkeit<br />

44


45<br />

Außer Kontrolle - 1995<br />

nicht abzusprechen. Dessen ungeachtet war<br />

klar, das neue Haus eröffnet neue Möglichkeiten:<br />

einfachere Abläufe, ungestörtes Proben, ein<br />

<strong>Jahre</strong>sprogramm für die Bühne, organisatorisch<br />

problemlose Sitzungen und Platz zum Feiern.<br />

Die Vorteile überwogen und schafften der<br />

klaren Erkenntnis Raum: Gut so. Der geordnete<br />

Proben- und Spielbetrieb begann. Auf der<br />

<strong>Bahnhof</strong>sbühne spielen heute alle, die Erwachsenen,<br />

die Jugendlichen und auch die Kinder.<br />

Hinzu kam schnell auch ein kleines <strong>Jahre</strong>sprogramm<br />

an Gastspielen. Alles, was auf dieser<br />

Bühne möglich ist, wurde schon angeboten:<br />

Liederabende, Schauspiele, Komödien,<br />

Kindertheater, Kabarett, Comedy, kleine<br />

Konzerte, Lesungen, Buchvorstellungen und so<br />

Ich will Muissow sehen - 1976<br />

Pension Schöller - 2001 Von Mäusen und Menschen - 1979<br />

weiter. Mit diesem Haus ist es gelungen, der<br />

Bevölkerung <strong>im</strong> Umkreis ein kulturelles Zentrum<br />

zu geben, dessen Programme gerne angenommen<br />

werden. Derzeit, um es einmal<br />

deutlich zu sagen, ist diese Form des Arbeitens<br />

für das Amateurtheater in Dielhe<strong>im</strong> die einzig<br />

mögliche - wie lange das so bleibt, weiß<br />

niemand. Auf Grund rasanter, einschneidender<br />

Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft<br />

kommen nicht nur auf das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

tiefgreifende Herausforderungen zu. Es gilt,<br />

nicht weniger als einem Paradigmenwechsel zu<br />

begegnen. Etwas flapsig ausgegedrückt:<br />

Rentnerband, oder wie? - Jugend, oder was?


der Blick in<br />

die Kristallkugel<br />

Das „Geschäft“ läuft (noch) gut, auch für das<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>. Mit „Geschäft“ ist der kulturelle<br />

Auftrag gemeint, den zweifelsfrei unser<br />

Amateurtheater hat. Die Realisierung dieses<br />

Auftrags zeigt sich zunächst freundlich: Es<br />

wurde noch nie soviel Amateurtheater gespielt,<br />

wie derzeit, und noch nie in einer so hohen<br />

Qualität. Heißt das, der Auftrag ist erfüllt, das<br />

Amateurtheater ist bei den Menschen angekommen?<br />

„Kultur boomt“, ist zwar ein gängiges<br />

Schlagwort, und es gilt auch für das Amateurtheater.<br />

Wer aber genauer hinsieht, stellt fest:<br />

höchst wahrscheinlich nicht mehr lange. Gut,<br />

Interventionen und Investitionen in noch bessere<br />

Ausbildung, mit noch mehr <strong>Theater</strong>pädagogen<br />

und Lernangeboten, werden kurzfristig das<br />

Niveau weiter anheben und möglicherweise<br />

auch verbreitern. Aber eines können alle diese<br />

Maßnahmen nicht: Die negativen Auswirkungen<br />

der Bevölkerungspyramide aufhalten und<br />

den Menschen Zeit schenken, damit sie diesem<br />

Die Brautwerber von Loches - 2002<br />

Auftrag überhaupt nachgehen und ihn erfüllen<br />

können. Das sind die Fakten. Zu beobachten ist<br />

dies be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> in Dielhe<strong>im</strong>. Klar<br />

ausgedrückt, die Kinder und Jugendlichen genießen<br />

eine qualitativ hochwertige Ausbildung,<br />

das ist gut so, gehen dann aber von der Schule<br />

ab zur Uni oder ins Berufsleben. Genau ab<br />

diesem Moment bricht das Engagement be<strong>im</strong><br />

ausbildenden <strong>Theater</strong> ein. Allenfalls Auftritte<br />

während der Studienzeit <strong>im</strong> Studentenkabarett<br />

sind noch machbar. Für Berufseinsteiger<br />

und überhaupt <strong>im</strong> Beruf bleibt keine Zeit, kein<br />

Freiraum mehr für solche Aktivitäten. Zu sehr<br />

fordert das „Geschäft“ die Menschen. Heute<br />

hier, morgen dort, wie <strong>im</strong> Refrain des gleichnamigen<br />

Liedes beschrieben, bleiben Bindungen<br />

auf der Strecke. Wenn überhaupt, ist nur noch<br />

Kurzfristiges an wechselnden Orten denkbar.<br />

Von den <strong>Theater</strong>ausgebildeten aus über 20<br />

<strong>Jahre</strong>n unserer Lernoffensive blieb bisher niemand,<br />

geschweige denn ein kleines Ensemble<br />

46


47<br />

Kein Platz für Idioten - 2003<br />

Ein wahrer Held - 2004<br />

<strong>Theater</strong>comics<br />

übrig, um dem Auftrag Amateurtheater weiter<br />

nachzukommen. Was bleibt? Seniorentheater,<br />

begrüßenswert, aber kein Ersatz für die Nachfolge.<br />

Schließen? - Noch nicht. Weitermachen<br />

vielleicht, um dann zu schließen? Oder vom<br />

aktiven Amateurtheater zum Kulturanbieter<br />

professioneller Inhalte werden? Ein denkbarer<br />

Weg. Mit anderen Worten, die Zukunft ist mitten<br />

unter uns; je früher wir Antworten finden, je<br />

besser. Es gibt viel zu tun. Toi, toi, toi für weitere<br />

<strong>50</strong> <strong>Jahre</strong>.<br />

Schlußfolgerung<br />

Die Herausforderung<br />

2.0 ist da:<br />

Amateurstatus<br />

vs. Professionalität.<br />

Amateurtheater in Zeiten<br />

des allgemeinen „Tralala“.<br />

Die Farbe der Zukunft -<br />

schwarz oder weiß?<br />

- Schauen wir mal!


5zig <strong>Jahre</strong> darstellendes Spiel in Bildern<br />

Szenen einer Leidenschaft<br />

Selbstverständlich können die Bilder <strong>im</strong> Heft nur einen kleinen Auschnitt aus 5zigjährigem theatralen<br />

Schaffen zeigen; wohl wissend, dass sich vielleicht einige wichtige Wegbegleiter nicht <strong>im</strong> Bild<br />

wiederfinden. Das ist keine Absicht, sondern der schieren Menge und der Qualität der Bilder, dem<br />

Layout und natürlich auch der „Qual der Wahl“ für den großen Überblick geschuldet.<br />

Der Revisor - 2011<br />

Ein wahrer Held - 2004<br />

Offene Zweierbeziehung - 2007 Der Revisor - 2011<br />

48


49<br />

Otello darf nicht platzen - 2007<br />

Der zerbrochne Krug - 2008<br />

Die Brautwerber von Loches - 2002<br />

Oh (je) du Fröhliche - 2006 Das Festkomitee - 2005


Essen und Trinken, halten Leib und Seele zusammen - eine Binsenweisheit auch für Bühnenmenschen.<br />

Ganz besonders nach einer gelungenen Aufführung ist der leibliche Hunger besonders<br />

groß. Damit in einer solchen Situation und bei einer Fülle weiterer Gelegenheiten keine Mangelerscheinungen<br />

zu Tage treten, gibt es be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> die Abteilung „Gegen Hunger<br />

und Durst“, neudeutsch auch Catering genannt. Sie besteht aus Damen und Herren, die seit den<br />

Anfängen dabei sind, uns die physiologische Basis der musischen Arbeit zu erhalten.<br />

Eine weitere wichtige Arbeit besteht darin,<br />

unsere <strong>Theater</strong>besucher zu einem „geneigten<br />

Publikum“ werden zu lassen. Das erfordert<br />

Feingefühl von der Küchencrew, einschließlich<br />

des Services. Auch große bis ganz große Aufgaben<br />

wie das Verköstigen von Festpublikum,<br />

von hungrigen Ensembles bei <strong>Theater</strong>tagen<br />

oder Gästen be<strong>im</strong> Open Air, bis hin zu feinen<br />

Silvestermenüs - alles wurde schon mit Bravour<br />

„gestemmt“. Unvergessen sind auch die legendären<br />

Partys früherer Zeiten mit viel „Schweinereien“<br />

vom Grill oder das <strong>im</strong>mer noch aktuelle,<br />

archaische Frühstück „off the Road“ bei den<br />

Ausflügen - allesamt kulturell wirksame Maßnahmen,<br />

um die Leistungsfähigkeit auf der Bühne<br />

und um die Bühne herum zu erhalten. Den<br />

dankbaren Genießern obliegt es, höchstes Lob<br />

zu spenden: Hopfen und Schmalz, Gott erhalt‘s.<br />

And last but not least: Catering and Ticketing<br />

Das Ticketing, ein Service mit einer klaren Zielgruppe:<br />

unsere Besucher. Das ist unser Kartenservice,<br />

für des Deutschen Unkundige auch Ticketing<br />

genannt. Ja genau, das sind die Leute<br />

mit den Eintrittskarten. Besondere Kennzeichen:<br />

ordnungsliebend, leise, exakt und, man glaubt<br />

es kaum, servicefreundlich. Frage: Welches Amateurtheater<br />

hat noch Platzanweiser? Sehen Sie,<br />

wir schon. Das nennt man perfekten Service<br />

made by <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>. Gut, das ist auch<br />

unserem Platzsystem geschuldet, da es (<strong>im</strong> „Großen<br />

Haus“) keine Platznummern gibt, dafür aber<br />

nummerierte Reihen. Trotzdem, das gehört einfach<br />

dazu. Dass die korrekten Kartenkontingente<br />

für jedes Stück und jede Vorstellung sauber<br />

gedruckt und portioniert bei den jeweiligen Verkaufsstellen<br />

ausliegen und es dabei auch keine<br />

Überschneidungen mit anderen Kontingenten<br />

gibt, braucht man eigentlich nicht erwähnen.<br />

Das ist so! Und dass dabei die Organisation<br />

unseren Besuchern verborgen bleibt, ist gut so.<br />

Den korrekten Eintrittsausweis besitzend, genießen<br />

sie einfach die Vorstellung. Damit ist aber<br />

noch nicht Schluss, es fehlt noch etwas. Denn zur<br />

perfekten Ordnungsliebe gehört auch die Statistik.<br />

Fein säuberlich errechnet und zu Diagrammen<br />

gestaucht, liefert sie Hinweise über „Besucherströme“,<br />

„Tendenzen“ und andere knallharte<br />

Fakten. Und um noch servicefreundlicher zu werden,<br />

richtet sich derzeit der Blick nach weit vorne,<br />

hin zu einem Reservierungssystem über das Internet,<br />

damit alles noch ein Stück geräuschloser<br />

und perfekter läuft. So sind sie halt, unsere Leute<br />

vom K-Service.<br />

<strong>50</strong>


51<br />

[ ]<br />

Daten<br />

Fakten<br />

Bilder


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Die Bausteine unseres Hauses 2013<br />

Leitung und Organisation<br />

Vorstandschaft Wir sind ein eingetragener Verein und als solcher organisiert. Doch schon seit den<br />

ersten Tagen haben wir eine Vorstandschaft. Sie best<strong>im</strong>mt die Geschicke des Vereins, setzt Leitplanken<br />

und gibt die Richtung vor. Das war bisher so und das soll auch in Zukunft so sein. Deshalb<br />

braucht es Menschen die sich engagieren, Macherinnen und Macher, die nicht verwalten, sondern<br />

die Zeichen der Zeit erkennen und den Verein weiter entwickeln. Wenn dazu noch ein geeignetes<br />

Organ namens Herz mit den zwei Kammern „Jugend“ und „<strong>Theater</strong>“ in der Brust schlägt, kann<br />

eigentlich nichts schief gehen; so wie bisher geschehen.<br />

Die Vorstandschaft <strong>im</strong> Jubiläumsjahr 2013<br />

Edgae Kloé - 1. Vorsitzender<br />

Edgar Sauer - 2. Vorsitzender, Ticketing<br />

Karin Laier - Schriftführerin, Korrespondenz<br />

Arno Friedrich - Schatzmeister, Buchhaltung<br />

Winfried Fuchs - Presse u. Öffentlichkeitsarbeit<br />

Valentin Keller - Catering<br />

Peter Knopf - Bild und Bühne<br />

Heinz Laier - Gastspiel-Organisation<br />

Roland Laier - Ton und Technik<br />

Franz Mann - Beirat Clubhaus<br />

Rudolf Sauer - Beirat Clubhaus<br />

Marianne Friedrich - Betreuung Jugend<br />

Tobias Behner - Jugendvertreter<br />

Künstlerische Organisation seit 2008<br />

Keine Aufführung kommt ohne diejenigen aus,<br />

die sich mühen, um bei unseren Gästen einen<br />

guten Eindruck zu hinterlassen. Ob auf oder<br />

hinter der Bühne, ohne Sie geht nichts - doch<br />

bisher ging alles. Verlässlichkeit heißt das<br />

Zauberwort.<br />

Manfred Maier - Regie<br />

Petra Kirsch - Regie Jugend<br />

Heinz Laier - Regie<br />

Michael Stier - Regie<br />

Willi Mann - Regie<br />

Friedrich E. Becht - Regie<br />

Eva Rostock - Regieassistenz<br />

Matthias Paul - Gastregie<br />

Roland Laier - Ton u. Technik<br />

Malte Kappelhoff - Ton u. Technik<br />

Uwe Kornstädt - Ton u. Technik<br />

Traudl Kloé - Maske<br />

Lore Becht - Maske<br />

Gabi Sauer - Maske<br />

Annerose Schlund - Frisuren<br />

Peter Knopf - Bild und Bühne<br />

Heinz Laier - Bild und Bühne<br />

Harald Rudolf - Bild und Bühne<br />

Friedrich E. Becht - Webmaster<br />

Die Vorstandschaft 2013<br />

Vorne von links: Arno Friedrich, Rudolf Sauer,<br />

Edgar Sauer, Roland Laier, Heinz Laier, Franz<br />

Mann, Peter Knopf - Hinten: Tobias Behner,<br />

Marianne Friedrich, Karin Laier, Winfried Fuchs,<br />

Valentin Keller, Edgar Kloé<br />

52


53<br />

Weiterbildung und Festivalbesuche<br />

Weiterbildung muss sein, keine Frage. Schon früh haben wir das erkannt und unsere SchauspielerInnen<br />

angehalten, an Seminaren und Kursen teilzunehmen. Atem- und Sprechtechnik, Rollenarbeit,<br />

Stehgreifspiel, etc. hießen die Angebote, die wir uns unter professioneller Anleitung erarbeiteten.<br />

Kaum 5 <strong>Jahre</strong> nach der Gründung belegten die ersten Dielhe<strong>im</strong>er Schauspieler Kurse und<br />

Lehrgänge <strong>im</strong> damals noch überschaubaren Angebot unseres Landesverbandes Amateurtheater<br />

Baden-Württemberg. Kaum zurück, wurde das Wissen weitergereicht an die Zuhausegebliebenen.<br />

Später kamen Workshops für Öffentlichkeitsarbeit,<br />

Bühnentechnik, Schminken und Regielehrgänge<br />

hinzu. Schon früh haben einzelne Spieler<br />

große <strong>Theater</strong>luft geschnuppert, indem sie<br />

am Heidelberger Stadttheater als Komparsen<br />

auftraten. Auch der Besuch von <strong>Theater</strong>festivals<br />

<strong>im</strong> In- und Ausland gehört in diese Rubrik. Bei<br />

den Göppinger und Hanauer <strong>Theater</strong>tagen<br />

waren wir ebenso gern gesehene Gäste, wie<br />

bei den Deutsch-Französischen <strong>Theater</strong>begegnungen<br />

oder den Deutschen <strong>Theater</strong>tagen;<br />

nicht zu vergessen die Kraichgauer <strong>Theater</strong>tage<br />

oder (wie die Zeit vergeht) der Auftritt <strong>im</strong><br />

Landespavillion Stuttgart. Immer stand und<br />

steht dabei das Lernen und der Ausstausch<br />

mit Gleichgesinnten <strong>im</strong> Mittelpunkt. Das ist<br />

auch so, wenn wir uns der Kritik stellen, indem<br />

wir uns mit einem Stück am Festival beteiligen<br />

- wie schon so oft geschehen. Damit ist aber<br />

das Thema Weiterbildung noch nicht erschöpft.<br />

Im Gegenteil: Heute liegt bei uns die Ausbildung<br />

von jungen <strong>Theater</strong>leuten komplett in der<br />

Hand von theaterpädagogisch ausgebildeten<br />

Lehrkräften. Mehr dazu unter „Jugend“ in diesem<br />

Heft. Solides Handwerk von Beginn an,<br />

das ist unsere Devise. Besonders die Aufführungen<br />

unserer <strong>Theater</strong>jugend beweisen <strong>im</strong>mer<br />

wieder, dass wir auf dem richtigen Weg<br />

sind. Selbst <strong>im</strong> eigenen Haus <strong>im</strong> alten <strong>Bahnhof</strong><br />

haben wir aus eigenem Antrieb heraus Workshops<br />

veranstaltet, indem wir uns Fachkräfte ins<br />

Haus geholt haben. So haben in jüngster Zeit<br />

unsere Damen von der Maske ein Wochenende<br />

lang zusammen gelernt und gearbeitet.<br />

Probenwochenende Auch das Proben am<br />

Wochenende, ist eine spezielle Form der Weiterbildung.<br />

Weg vom Alltag und vom privaten Umfeld<br />

lässt sich sehr intensiv und zielführend arbeiten.


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Fundament unseres Hauses seit 1963<br />

Regisseure, Vorsitzende und andere Wegweiser<br />

Unsere Gründungsmitglieder und die Vorsitzenden seit 1963 Nur fünf Vorsitzende in <strong>50</strong> <strong>Jahre</strong>n<br />

wurden „verschlissen“. Das heißt, nicht ganz: Einer ist ja noch „dran“: Das nennt man Kontinuität.<br />

Und das zahlt sich aus, wie man leicht anhand dieser Broschüre feststellen kann.<br />

Regisseure seit 1963 Die Menschen von der Regie sind spezielle Spezies. Sie haben <strong>im</strong>mer recht,<br />

auch wenn sie nicht recht haben. Da muss man als <strong>Theater</strong>freundIn durch. Dann klappt‘s.<br />

Unsere Vorsitzenden seit der Gründung<br />

Edgar Greulich von 1963 bis 1967<br />

Friedrich E. Becht von 1967 bis 1969<br />

Edgar Greulich von 1969 bis 1970<br />

Friedrich E. Becht von 1970 bis 1984<br />

Manfred Maier von 1984 bis 2003<br />

Anton Ottmann von 2003 bis 2006<br />

Edgar Kloé von 2006 bis heute<br />

Die Gründungsmitglieder<br />

Martin Bambach, 18 <strong>Jahre</strong>*<br />

Edgar Greulich, 16 <strong>Jahre</strong>*<br />

Manfred Maier, 16 <strong>Jahre</strong>*<br />

Seit den ersten Stunden mit dabei<br />

Friedrich E. Becht, 16 <strong>Jahre</strong>*<br />

Edgar Kloé, 16 <strong>Jahre</strong>*<br />

Rudolf Sauer, 14 <strong>Jahre</strong>*<br />

*Alter zum Zeitpunkt der Gründung<br />

Unsere Regisseure seit der Gründung<br />

Edgar Greulich - 1963 bis 1964<br />

Friedrich E. Becht - 1964 bis 1993, 2013<br />

Manfred Maier - 1976 bis heute<br />

Willi Mann - Regie*<br />

Heinz Laier - Regie*<br />

Michael Stier - Regie*<br />

Petra Kirsch - Regie Jugend*<br />

Hildegund Sauer - Regieassistenz*<br />

Tobias Behner - Regieassistenz*<br />

Eva Rostok - Regieassistenz*<br />

Matthias Paul - Gastregisseur<br />

Thorsten Kreilos - Gastregisseur<br />

Sehr viele Regiearbeiten wurden <strong>im</strong> Laufe unserer<br />

Geschichte mit Assistenzen ausgeführt. Alle exakt<br />

aufzuzählen würde den Rahmen sprengen.<br />

*in den letzten 5 <strong>Jahre</strong>n.<br />

Gruppenbild mit Vorsitzenden<br />

Seit 1963 - von links nach rechts:<br />

Greulich Edgar,<br />

Friedrich E. Becht,<br />

Manfred Maier,<br />

Dr. Anton Ottmann,<br />

Edgar Kloé.<br />

54


55<br />

Geselligkeit und Ausflüge<br />

Geselligkeit, wie kleine Feste und Feiern oder auch Ausflüge, sind be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> von „Alters<br />

her“ fester Bestandteil. Wer aber glaubt , es ginge dabei nur darum, zu feiern um des Feierns willen,<br />

der irrt. Sicher, feiern, eine Auszeit nehmen, ist etwas Schönes. Doch gibt es auch weitere Gründe,<br />

gesellige Veranstaltungen für die Mitglieder einzuplanen. Zusammen fröhlich sein und gemeinsames<br />

Erleben stärken die Gemeinschaft. Denn das sich Begegnen außerhalb des regulären Tuns<br />

lässt uns offener werden füreinander. Es zeigt uns unseren Gegenüber in einem etwas anderen Licht.<br />

Denn wir erleben ihn als „anderen“, freieren<br />

Menschen, losgelöst von der, wenn auch freiwilligen,<br />

so doch zielgerichteten gemeinsamen<br />

Aufgabe. Wir erfahren möglicherweise mehr<br />

darüber, wie er denkt und was ihn bewegt.<br />

Auch manche vermeintliche „Marotte“ klärt<br />

sich auf und wird verständlich. Gemeinsames<br />

Erleben bringt auch den Austausch über die<br />

<strong>Theater</strong>pläne und Ideen zum Fließen. Schon<br />

manche gute Idee wurde unter diesem Vorzeichen<br />

geboren und später erfolgreich umgesetzt.<br />

Be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> versteht man<br />

zu feiern und Feierlichkeiten zu zelebrieren.<br />

Lange Tradition haben Ausflüge, auch über<br />

mehrere Tage, mit legendärem „Off the Road“-<br />

Frühstück. Hier zeigt der Verein sich <strong>im</strong>mer besonders<br />

spendabel. Oder die schon über mehrere<br />

Jahrzehnte stattfindende Party an Silvester.<br />

Hier ist stets alles geboten, was eine Feier zur<br />

Feier macht; vom hauseigen kreierten mehrgängigen<br />

Menu bis hin zum eigenen DJ. Nicht<br />

zu vergessen: die Grill- und Schlachtfeste, die<br />

Mai-Wanderungen, die kleinen Abstecher und<br />

gemeinsamen Besuche örtlicher Feste. Dabei<br />

geht es mal zünftig, mal angemessen, <strong>im</strong>mer<br />

aber herzerfrischend unkompliziert zu. Zur<br />

Geselligkeit zählen auch schon mal Geburtstage<br />

oder andere, eigentlich familiäre Feiern.<br />

Das zeigt, dass freundschaftliche Beziehungen<br />

noch heute eine wichtige Rolle in der <strong>Theater</strong>gemeinschaft<br />

spielen. Das festlich ausgerichtete<br />

Miteinander war und ist gut. Was die Zukunft<br />

bringt, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, ist:<br />

Geselligkeit, wohl dosiert, schafft Freiraum und<br />

lässt für viele Vieles leichter werden.<br />

Fahren, wandern, besichtigen Ausflüge<br />

in die nahe Umgebung oder auch mal ins Ausland<br />

gehören genau wie das Helferfest zum Vereinsleben<br />

be<strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> schon <strong>im</strong>mer dazu.<br />

Ob <strong>im</strong> ersten Jahrzehnt (oben) oder in den 90ziger<br />

<strong>Jahre</strong>n (unten) - diese Veranstaltungen werden<br />

noch heute gerne angenommen.


Faschingsbälle und andere Feiern seit 1963<br />

Fasching und Narretei - lange finanzielle Basis unserer Bühnenkunst<br />

Faschingsbälle Unzählige Menschen haben getanzt bis spät in die Nacht, hatten viel Spaß und<br />

Freude dabei und erinnern sich noch gerne an die legendären Faschingsbälle „Ball <strong>im</strong> All“, „Ball<br />

Brasil“, „Dschungelball“, „Schlafmützenball“ oder den „Ball unter Wasser“, um nur einige zu nennen.<br />

Legendär, weil <strong>im</strong>mer mit Thema, <strong>im</strong>mer mit Top-Bands, wie die „Blue Dominos“, „The Flippers“ oder<br />

„The Chains“, und <strong>im</strong>mer mit einer auf das Motto abgest<strong>im</strong>men Saaldeko, mit Show-Opening und<br />

der Service-Crew der „Spielgruppe 63“ <strong>im</strong> passenden Outfit... und <strong>im</strong>mer ausverkauft.<br />

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57<br />

Feste feiern Wer feste schafft,<br />

darf auch Feste feiern... Feiern<br />

macht nicht nur Spaß und<br />

gehört dazu, nein, feiern ist<br />

auch Ausgleich und Erholung<br />

und das Lachen dabei Wellness.<br />

Die Leute vom <strong>Theater</strong><br />

<strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> verstehen zu<br />

feiern. Selbst als das Ganze<br />

noch „Spielgruppe 63“ hieß,<br />

war bereits feiern angesagt,<br />

mal rustikal-ursprünglich und<br />

manchmal durchaus fein. So<br />

ist der feierlich begangene<br />

Silvesterabend seit über 40<br />

<strong>Jahre</strong>n so sicher wie die Mitternachtsböller.<br />

Und manchmal<br />

geraten die Aufräumarbeiten<br />

am Tag danach zum<br />

Höhepunkt der Feier.


Feste mit Charakter oder die „Sommernacht am <strong>Bahnhof</strong>“<br />

Eine weitere finanzielle Basis - für die Bühnenkunst<br />

Open Air Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden, ist für viele Menschen die hohe Schule der<br />

Lebenskunst. Für das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> war dies, was die eigenen „Volksfeste“ angeht, über viele<br />

<strong>Jahre</strong> gelebte Praxis. So stand z. B. die „Sommernacht am <strong>Bahnhof</strong>“ für gutes Essen und Trinken mit<br />

Pfiff, handgemachte Musik und erfrischend präsentierte Kleinkunst; alles hausgemacht und, in der<br />

Regel bei gutem Wetter, charmant präsentiert. Das Angenehme (für die Gäste) und das Nützliche<br />

(für die Kasse) diente einem höheren Zweck: der finanziellen Absicherung der <strong>Theater</strong>ideen.<br />

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59<br />

Open Air Kleinkunstfestival, das Kunstforum <strong>im</strong> Wald<br />

Einige <strong>Jahre</strong> Wirklichkeit: Dielhe<strong>im</strong>, Zentrum der Kleinkünstler<br />

Dielhe<strong>im</strong> Wer Kleinkunst liebt und das Festival kannte, hat es bis heute nicht vergessen. Hier gaben<br />

sich regional bekannte Liedermacher, Folksänger, Jazzmusiker, Pantom<strong>im</strong>en und andere Künstler<br />

der „kleinen Muse“ die Ehre; einen ganzen Tag, bis in den Abend hinein: Bühnenkunst vom Feinsten.<br />

Die Dielhe<strong>im</strong>er <strong>Theater</strong>leute waren Gastgeber und Aktive zugleich. Bewust stand das künstlerische<br />

Angebot und nicht kommerzielles Interesse <strong>im</strong> Vordergrund. Gut, „Woodstock“ oder die<br />

„Waldeck“ war es nicht, aber die Ausstrahlung reichte schnell bis in die Winkel der Region.


Was wäre ein Leben ohne Rückblende, ohne die guten Erinnerungen, die es meist gestatten, über<br />

das Vergangene zu lächeln, und uns veranlassen, in der Gegenwart ein wenig nachsichtiger mit uns<br />

zu sein? - Höchstwahrscheinlich nur schwer erträglich. Das gilt auch für eine Gemeinschaft wie unser<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>. Da gibt es die kleinen Anekdoten, Bonmots, Geschichtchen, die <strong>im</strong> Nachgang<br />

betrachtet oder einfach, weil wir uns geändert haben, plötzlich skurril bis aberwitzig daherkommen;<br />

Episoden am Rande, die das Bild einer Gemeinschaft vervollständigen und, wenn gleich nicht präziser,<br />

so doch liebevoller zeichnen, als jedes Protokollbuch.<br />

Bar le Duc - Frankreich, 1975 I Die damalige Spielgruppe<br />

63 auf großer Gastspielreise; angereist<br />

mit einem Überlandbus für die über 40 (!) Akteure<br />

mit Anhang und einem Kleinbus für die<br />

Band als Begleitfahrzeug. Das Ziel: ein riesiges<br />

Zirkuszelt - Spielort der Deutsch-Französischen<br />

<strong>Theater</strong>tage. Die riesige Menge an Kulissen<br />

und Requisiten waren bereits vor Ort, transportiert<br />

durch einen Sattelschlepper, der unterwegs<br />

nach Spanien war, um von dort Orangen nach<br />

Heidelberg zu bringen. Ein solches Fahrzeug,<br />

leer auf den Weg nach Süden, wo doch unsere<br />

Kulissen nach Bar le Duc mussten? Das war<br />

ein Fall für unseren legendären Mann mit dem<br />

Beinamen „Besorgungen aller Art“. Der Legende<br />

nach soll er sogar in der Lage gewesen sein<br />

binnen Stunden die Ausleihe eines einsatzfähigen<br />

Leopard II zu bewerkstelligen. So klappte<br />

natürlich der Transport vorzüglich, bis auf die<br />

Tatsache, dass der Rücktransport sich um etliche<br />

Wochen verzögerte. Das war kein Beinbruch,<br />

schließlich musste ja ein leerer Fernlastzug von<br />

Spanien über Bar le Duc nach Dielhe<strong>im</strong> gefunden<br />

werden. Aber wie gesagt: alles kein Problem.<br />

Bar le Duc I Unser Gastspiel in Frankreich war ein<br />

Erfolg, in jeder Hinsicht. Zu dieser Zeit waren alle<br />

noch „richtig“ jung, und deshalb wurde, nach<br />

der Aufführung versteht sich, auch „richtig“ gefeiert.<br />

Aus diesem Anlass haute die Band zu später<br />

Stunde und vom guten Wein befeuert noch einmal<br />

kräftig in die Tasten, um dann etwas später<br />

ebenso kräftig nachzulassen. Wenn Musiker<br />

nicht mehr musizieren wollen, suchen sie sich ein<br />

neues Spielfeld, möglichst besetzt mit Damen.<br />

Anekdoten und Randnotizen<br />

Und als es an der Zeit war, sich die möglichen<br />

Züge mit der Dame auszudenken, der Wein<br />

aber seinen Tribut forderte, kam es zu einem<br />

nicht folgenschweren, aber amüsanten „Unfall“.<br />

Alles begann mit einem trauten Bild: Bassgitarrist<br />

und die erwählte Dame sitzen nebeneinander,<br />

ohne Lehne, mit dem Rücken zum Publikum. Er<br />

erklärt ihr die Welt und legt dabei seine rechte<br />

Hand auf ihre rechte Schulter, um mit der Linken<br />

das Gesagte zu unterstreichen. Der als Führer <strong>im</strong><br />

Lied angestellte Leadgitarrist gesellt sich dazu.<br />

Auf der rechten Seite sitzend, sucht seine linke<br />

Hand auf dem Rücken der Dame ebenfalls Halt.<br />

Die auf der Schulter ruhende Hand rutscht, dem<br />

schweren Wein geschuldet und der Gravitation<br />

folgend, ab und trifft auf die suchende Hand.<br />

Beide finden sich, sind sich zugeneigt und von<br />

nun an zärtlich vereint. Eine schönes Bild für die<br />

Zuschauer. Nur die Herzdame wunderte sich,<br />

da sie noch beide Hände frei hatte. Tja.<br />

Teil I - Andere Länder andere Sitten. I In der kurzen<br />

Zeit unseres Aufenhaltes geschah manch Merkwürdiges.<br />

Ein männliches Mitglied unserer fröhlichen<br />

<strong>Theater</strong>gesellschaft war, so wurde berichtet,<br />

auf der Suche nach einem ruhigen Ort, um<br />

seinen eigenen Geschäften nachzugehen. Der<br />

Suchende wurde kurze Zeit später von einem<br />

ebenfalls suchenden männlichen Mitglied <strong>im</strong><br />

höchst erregten Zustand und <strong>im</strong> Zwiegespräch<br />

mit einer Sanitärkeramik vorgefunden. Der Zweite<br />

hörte, durch eine dünne Zwischenwand getrennt,<br />

wie Ersterer die zu niedere und überhaupt<br />

für seine Zwecke völlig artfremde Gestaltung der<br />

Keramik verfluchte. Da das Fluchen, großzügig<br />

ausgelegt, wie ein Hilferuf klang, gab er sich zu<br />

60


61<br />

erkennen und erklärte sich zur Hilfe bereit. Die<br />

Rettung gestaltete sich trotz Aufklärung über<br />

den korrekten Sachverhalt schwierig, da Ersterer<br />

unter hohem körperlichen Druck und in Rage erklärte,<br />

er bestehe darauf, diese aus seiner Sicht<br />

völlig missratene Sanitärkeramik dem von Ihrem<br />

Schöpfer zugewiesenen Zweck zu entfremden.<br />

Im übrigen „sch..“ er darauf. Nur unter Androhung<br />

brachialer Gewalt war der so Frustrierte<br />

davon abzubringen, das unschuldige Bidet in<br />

seine Gewalt zu bringen...<br />

Teil II - Andere Länder... I Ort der Handlung: ein<br />

Restaurant, klein, nett und romantisch am Hang<br />

gelegen. Auf eigene Faust agierende <strong>Theater</strong>freunde<br />

hatten es sich an einem Tisch bequem<br />

gemacht, als sich eine sich ihnen gegenüber<br />

befindliche Tür öffnete, ein Frau mittleren Alters<br />

aus der Öffnung trat, kurz innehielt, sich den engen<br />

Rock glatt strich und umschaute. Mit ihrer<br />

Handlung war die Dame plötzlich ins Zentrum<br />

des Interesses der Speisewilligen geraten. Sie<br />

nahm sich Zeit, ihren Sitzplatz ins Visier, drehte<br />

sich aber noch einmal um und schloss bedächtig<br />

die Tür, nicht ohne zuvor noch einmal<br />

kurz über den Rock zu streichen und das Licht<br />

zu löschen. Zwischen dem Löschen des Lichts<br />

und dem Schließen der Tür gab sie für Sekunden<br />

die Sicht auf die Öffnung frei, aus der sie<br />

gekommen war. Und was es zu sehen gab, war<br />

so unerwartet, wie „anrüchig“ für ein Restaurant.<br />

Die feine Dame war direkt vom „Thron“ in den<br />

Gastraum herab gestiegen, darauf geben alle<br />

Augenzeugen noch heute Brief und Siegel. Und<br />

sie tat das, ohne adligen Geblüts zu sein.<br />

Dielhe<strong>im</strong> I Kurz vor Mitternacht: Ein Auto mit Anhänger<br />

rumpelte den mit Randsteinen bewehrten<br />

Gehweg hoch und kam vor einer ehemaligen<br />

Bäckerei zum Stehen. Weitere Fahrzeuge<br />

hielten an, Türenschlagen, St<strong>im</strong>mengewirr, ein<br />

Verschlag wurde knarzend geöffnet, ein großes<br />

Eingangstor aufgewuchtet. Halblaute bis laute<br />

Befehle hallten durch eine hallenartige Einfahrt.<br />

Frauen kicherten, einschneidende Männerst<strong>im</strong>men<br />

forderten mehr Einsatz und mahnten zur<br />

Vorsicht. Für die Nachbarn der ehemaligen Bäckerei<br />

war dieses nächtliche Treiben ein untrügliches<br />

Zeichen: „Die Theader-Kinschdler kumme<br />

wieda hom - Herr hilf uns, un geb denne die<br />

Ruh“. Die nächtliche Aktion wurde schnell und<br />

routiniert abgeschlossen. Kulissen wie Requisiten<br />

waren verstaut, der Hänger untergebracht,<br />

das Eingangstor veriegelt; Zeit also, sich in der<br />

zur Vereinszentrale umgebauten Backstube der<br />

„Manöverkritik“ zu widmen. Junge Männer- und<br />

junge Frauenst<strong>im</strong>men bemühten in vielen Variationen<br />

und teils über- und durcheinander die<br />

Botschaft: „Mir ware ned schlecht!“. Gut getane<br />

<strong>Theater</strong>arbeit macht durstig und hungrig. Die<br />

Abtlg. „Gegen Hunger und Durst - heute Catering“,<br />

fand den für solche Notsituationen angelegten<br />

Proviant und handelte spontan, aber<br />

wie vorgesehen. Mit viel Ursprünglichkeit wurde<br />

gegessen und getrunken und schließlich nur<br />

noch getrunken. Zäh wechselten die Themen.<br />

Zur fortgeschrittenen Stunde kam man schließlich<br />

von der Innen- zur Weitsicht und schließlich<br />

zur globalen Sicht auf die Dinge. Zeit und Raum<br />

spielten kaum noch eine Rolle und der Ölofen<br />

bullerte zuverlässig und anhe<strong>im</strong>elnd-meditativ.<br />

Auch nicht das heraufbrechende Tageslicht<br />

störte die Dispute. Die Back- und Diskutierstube<br />

hatte ja nur ein Fenster zum eh fast dunklen<br />

Hof. Als sich kaum noch ein diskutierwürdiges<br />

Thema finden ließ, traten die ersten Mahnerinnen<br />

auf den Plan und erklärten mit hochroten<br />

Wangen, dass Körper und Geist eines künstlerischen<br />

Menschen ganz profan Ruhe benötige<br />

um erneut hochgradig schöpferisch tätig werden<br />

zu können. Nur widerwillig folgte man den<br />

weisen aber nicht weisungsbefugten Damen.<br />

Der Grund war einleuchtend: Alle Themen waren<br />

sorgfältig behandelt, zugegeben, aber eben<br />

noch nicht von allen. Und zudem schloss der<br />

Vorrat an Proviant ein Frühstücksgespräch nicht<br />

aus. Die Versammlung schloss demokratisch legit<strong>im</strong>iert<br />

mit dem gemeinsam getragenen Wunsch


zur Fortsetzung. Als die nun geistig hochtrainierten<br />

jungen Damen und Herren das freundlich<br />

flutende morgendliche Licht erblickten, kniffen<br />

sie erschreckt die Augen zusammen; um eben<br />

diese Augen wenige Sekunden später, als das<br />

Haupttor geöffnet wurde, sehr weit aufzureißen:<br />

Vor dem Haus waren fleißige Menschen<br />

dabei, Blumenteppiche und Altäre zu richten,<br />

für die Fronleichnamsprozession. Die Restdiskussion<br />

und Verabschiedungzeremonie der<br />

Ruhewilligen brach abrupt ab. Nach wenigen<br />

Schrecksekunden wurde die Tür geschlossen<br />

und beratschlagt: Wenn die uns sehen, so voller<br />

Tatendrang, morgens, auf unserem langen,<br />

schweren Marsch nach Hause, über Blumenteppiche<br />

wandelnd, und mit Mädchen - obwohl<br />

doch alles rein künstlerisch - wir werden zum<br />

Dorfgespräch! Dank hochkonzentriertem Austausch<br />

war nach wenigen Minuten klar, einem<br />

Imageschaden musste unter allen Umständen<br />

vorgebeugt werden, auch unter hohem körperlich<br />

und geistigem Einsatz und dem Verzicht auf<br />

Ruhe. Der einst<strong>im</strong>mig gefasste Beschluss hieß:<br />

Umkehren. Der Ölofen bullerte aus Sicherheitsgründen<br />

erst eine halbe Stunde später erneut.<br />

Zuvor hatten Fachkräfte den Restproviant optisch<br />

ansprechend aufbereitet und zum Verzehr<br />

freigegeben. Und der kleine Kaffeevorrat wurde<br />

durch <strong>im</strong> Grunde frühstücksfremde Getränke<br />

ergänzt. Dem Wunsch zur Fortsetzung der<br />

Gespräche wurde schneller als erwartet stattgegeben.<br />

So geriet die Runde über lange Zeit<br />

zur Ideenschmiede für zukünftige große Taten.<br />

Erst als die St<strong>im</strong>ulanzien Musik und Tanz ihren<br />

Einsatz nicht mehr rechtfertigten und die Sonne<br />

den Zenit überschritten hatte... Gut, Sie ahnen<br />

es schon...<br />

Teil I - Schwein muss man haben I So sagt der<br />

Volksmund, und auch die theaterbeflissenen<br />

Herren in unserer Frühgeschichte waren dieser<br />

Meinung. Gegenüber dem Volksmund sollte<br />

sich das Glück ganz konkret in einem gesund<br />

ernährten und deshalb schmackhaften Landschwein<br />

manifestieren. Der Entschluss, dieser<br />

zur damaligen Zeit wegweisenden Art der Fleischeslust<br />

zu frönen, wurde einst<strong>im</strong>mig aber undemokratisch<br />

gefasst - das Schwein durfte nicht<br />

abst<strong>im</strong>men. Wie von der Bühne her gewohnt,<br />

musste auch dieses Vorhaben minutiös geplant<br />

und verwirklicht werden. Dass das Glück in<br />

Gestalt eines ganzen Schweines auch Schattenseiten<br />

hat, wurde schnell klar: Ihm stehen<br />

unprofessionelle Grillgrößen gegenüber. Ein<br />

Gang zum Baustoffhändler löste das Problem.<br />

Und da es an Fachkräften grundsätzlicher Art<br />

nicht mangelte, stoben <strong>im</strong> Hof zur „Backstube“<br />

die Funken. Es wurde geschnitten, geflext, geschweißt<br />

und gefeilt, dass selbst das Schwein<br />

seine Freude daran gehabt hätte, wenn nicht...<br />

Der Lohn harter Arbeit folgte auf dem Fuße: Eine<br />

Grillmaschine ohne Fehl und Tadel, dem schweinernen<br />

Gut exakt angepasst und versehen mit<br />

einer von kulinarischen Kennern ausgetüftelten<br />

Schwenkvorrichtung, stand vor den erschöpften<br />

Erbauern. Schön, edel und kaum von der Stelle<br />

zu bewegen. :-((<br />

Teil II - Schwein muss man kaufen I Zum Glück gab<br />

es bei der damaligen „Spielgruppe 63“ für alles<br />

Fachleute. So machten sich Teile des Vorstandes,<br />

(schon von Amts wegen Fachkräfte) und gewiefte<br />

Händler auf, das Landschwein auszusuchen<br />

und seinem Zweck zuzuführen. Im Ortsteil Unterhof<br />

wurden sie fündig. Das Prachtexemplar wurde<br />

vielfach beäugt, für würdig befunden und<br />

unter heftigem Widerstand in den eigens geliehenen<br />

Hänger geladen. Dann musste der Kauf<br />

vollzogen werden. Einer uralten Gepflogenheit<br />

zu Folge versammeln sich, aus diesem Anlass,<br />

Kaufwillige und Schweinehändler in dessen guter<br />

Stube um einen runden Tisch. So auch hier.<br />

Die Dämmerung war fortgeschritten und die<br />

Lampe über dem Tisch verbreitete wohliges Licht.<br />

Für jeden Teilnehmer galt es nun, <strong>im</strong> Gedenken<br />

an das brave Tier das erste Glas Schnaps zu<br />

leeren. Dann wurde dessen Gesundheit gepriesen<br />

und ein Glas Schnaps gelehrt. Der dritte<br />

Schnaps leitete über zum eigentlichen Kaufakt,<br />

indem er die Pateien freundlich st<strong>im</strong>mte, was sich<br />

62


63<br />

direkt auf den Kaufpreis auswirkte. Die Scheine<br />

welchselten dann diskret den Besitzer. Dieses<br />

Ereignis wurde beglaubigt durch einen vierten<br />

Schnaps, der einer Person verboten wurde, um<br />

den sicheren Transport zu gewährleisten und<br />

der Sau Unanehmlichkeiten zu ersparen. Das Ritual<br />

verlangte zwingend noch einen Obstler unter<br />

dem Türrahmen, mit dem das Schicksal der<br />

Fracht entgültig besiegelt wurde. Die He<strong>im</strong>fahrt<br />

zur fortgeschrittenen Stunde ging für Mensch<br />

und Tier fehlerfrei vonstatten. Die nächste Hürde<br />

tauchte erst in Gestalt des Hauses auf, in dessen<br />

Stall das Schwein seine letzte Nacht verbringen<br />

sollte: Der Besitzer war ausgegangen und der<br />

Stall konnte vom Schwein nicht bezogen werden...<br />

:-(( Ganz <strong>im</strong> Sinne des Landschweines<br />

wurde kurzfristige Abhilfe notwendig. Erste Anlaufstelle<br />

für Notwendigkeiten aller Art war das<br />

Gasthaus zur Sonne. Dort traf man unvermittelt<br />

auf einen Rest entschlossener Schweinekäufer,<br />

die man zuvor <strong>im</strong> Eifer hatte sitzen lassen. Diese,<br />

ihrerseits in Ermangelung einer echten Sau<br />

und echtem Geld, hatten das Kaufritual nachempfunden.<br />

Entsprechend gestaltete sich die<br />

Notbesprechung. Die erlösende Idee kam von<br />

einem den <strong>Theater</strong>leuten wohlgesinnten Gast,<br />

der das Schwein für eine Nacht in seinem Stall<br />

beherbergte. Der gelungene Abschluss der<br />

Transaktion und die zum Wohl des Tieres gefundene<br />

Lösung und die schwierige, aber getane<br />

Arbeit verlangten nach nächtlicher Erholung <strong>im</strong><br />

Gasthaus zur Sonne. Eine „Erholung“, durch die<br />

das morgendliche Schlachtfest fast ins Wanken<br />

geraden wäre. Aber das ist ein weiteres Kapitel.<br />

Teil III - Schwein gut, alles gut I Das frühmorgendliche<br />

Zeremoniell, das unser Landschwein zur „armen<br />

Sau“ werden ließ, soll hier nicht beschrieben<br />

werden. Nicht aus Pietät, sondern weil dem<br />

Autor und weiteren Helfern die Strapazen um<br />

den Kauf so sehr zugesetzt hatten, dass ein<br />

Aufstehen zu früher Stunde unverantwortlich<br />

gewesen wäre. Ein ausreichend besetztes Team<br />

erledigte, was zu erledigen war. Die zu spät<br />

Gekommenen mussten dafür erneut Schwerst-<br />

arbeit verrichten: den standhaften Grill zum<br />

Austragungsort der abendlichen Feier transportieren.<br />

Unter Einsatz aller vereinten muskulären<br />

Kräfte wuchtete man das Qualitätsteil auf ein<br />

Transportgerät für den Hobbywinzer, mit dem<br />

schicken Namen Agria. Das Gerät beantwortete<br />

den zweckfremden Gebrauch mit bedenklichem<br />

Ächsen und Stönen, tat aber, widerwillig,<br />

seinen Dienst. Das Ziel der Fracht war der<br />

Rohbau(!) des SG-Clubhauses. Diesen fenster-<br />

und türlosen Ort hatte man in weiser Vorraussicht<br />

angemietet. Der Grill kam zu stehen, wo<br />

er sollte, und konnte, unter frenetischem Beifall<br />

entzündet, seiner Best<strong>im</strong>mung übergeben werden.<br />

Unbeeindruckt ob der Last, schaukelte das<br />

Gerät nun Stunde um Stunde das Schwein in<br />

voller Größe der kulinarischem Vorsehung zu.<br />

Das Gerät machte Konstrukteuren wie Genießern<br />

unbändige Freude. So euphorisiert, gebar<br />

man die Idee, die abendliche Feier musikalisch<br />

zu vervollkommnen. Der theatereigene Musikant<br />

stand sofort bereit. Was gebraucht wurde,<br />

war lediglich ein Instrument. Nicht irgend eins,<br />

nein, ein Klavier. Kein Problem, denn es gab<br />

ein alterwürdiges, doch dafür nur mittelmäßig<br />

verst<strong>im</strong>mtes Klavier <strong>im</strong> Fundus des <strong>Theater</strong>s.<br />

Kein Problem? Doch: Es war fast übernatürlich<br />

schwer. Als das Problem in seiner Tragweite erkannt<br />

wurde, richteten sich alle Augen auf die<br />

Grill-Transporteure. Die nötige Erfahrung stand<br />

dort bereit und wurde ergänzt um junge Männer<br />

mit Erfahrung <strong>im</strong> muskulären Teil des Transportwesens<br />

- der Auftrag wurde standrechtlich<br />

erteilt. Unter Aufbieten der letzten Kraftreserven<br />

gelang es, das altehrwürdige Stück auf den<br />

Weg zu bringen. Alle waren froh, es geschafft<br />

zu haben, nur die Agria nicht. Schließlich musste<br />

der Musikant nebst Klavierhocker ja auch noch<br />

„verladen“ werden. Seine Aufgabe bestand<br />

darin, musikalisch den langen Weg zu begleiten.<br />

Klavier, Hocker, Pianist, Fahrer und Agria<br />

erreichten auf „letzter Rille“, aber glücklich ihr<br />

Ziel. Einer fröhlichen Feier stand nichts mehr <strong>im</strong><br />

Wege, denn das Schwein hatte inzwischen zu<br />

einer Farbe gefunden, die Kennern den Mund


efeuchtete. Alles war tiptop vorbereitet, und<br />

so ging das kulinarisch-musikalische Fest, als in<br />

der Tendenz zwischen heiter und ausgelassen<br />

angesiedelt, in die Analen ein. Erst zu später<br />

Stunde kamen Misstöne auf, die zunächst be<strong>im</strong><br />

verst<strong>im</strong>mten Klavier verortet wurden, sich später<br />

aber zu einer Art Rütlischwur steigerten: nämlich<br />

nie mehr Schwein, sondern nur noch Stallhasen<br />

grillen zu wollen und dabei nie mehr Musik vom<br />

Klavier, sondern nur noch per Blockflöte ans<br />

Ohr gelangen zu lassen. Denn ein ganz Aufgeweckter<br />

unter den Feiernden hatte erkannt: Grill<br />

und Klavier können nicht vor Ort bleiben. Und<br />

so war es auch. :-o<br />

Abgesang auf die Entenmörder<br />

Musik statt Triebwagen<br />

Entenmörder I Die Strecke der Nebenbahnlinie<br />

der SWEG (Südwestdeutsche Eisenbahngesellschaft)<br />

Wiesloch-Walldorf - Schatthausen führte<br />

über den <strong>Bahnhof</strong> Dielhe<strong>im</strong> - der heute das<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> beherbergt. Die Triebwagen<br />

auf dieser Strecke, aber auch die anderen,<br />

heute seltsam anmutenden, Schienenfahrzeuge<br />

hatten es nicht eilig. Des Nachbarn Hund, bis<br />

hin zum sportfernen Läufer, alle konnten es<br />

mit dem dieselnden Gefährt in Sachen Geschwindigkeit<br />

ohne Anstrengung aufnehmen.<br />

Trotzdem, so der Volksmund, soll es zu folgenleichten,<br />

aber mörderischen Unfällen mit freilaufendem<br />

Federvieh gekommen sein. Deshalb<br />

gab der Volksmund - nicht die Enten- diesem<br />

rasenden Unheil den Namen „Entenmörder“.<br />

Das blieb so, bis auch der „Entenmörder“<br />

Federn lassen musste und die Weichen ihn auf<br />

das Altenteil führten.<br />

Entenmörder II Fast 20 <strong>Jahre</strong> später sollte exakt<br />

dieser Name fröhliche Urständ feiern; und das<br />

kam so: Die Aufführung des Stückes „Karate-<br />

Billy kehrt zurück“ verlangte zwingend, weil<br />

von der Regie gewünscht, nach musikalischer<br />

Aufwertung. Ohne die halbe Musikwelt casten<br />

zu müssen, konnten Musiker aus den eigenen<br />

Reihen verpflichtet werden. Um zur Spielreife<br />

zu gelangen, war lediglich Fleiß von Seiten der<br />

Musikanten notwendig. Ihnen oblag es, möglichst<br />

rasch die notwendige Geschmeidigkeit<br />

der verschollen geglaubten Kunst auf Bühnenniveau<br />

zu hieven. Der Applaus der Massen<br />

lockte, und die Herren gaben sich keine musikalische<br />

Blöße. Alles lief wie am Schnürchen.<br />

Dergestalt gepusht, kam der Wunsch auf, die<br />

Formation klangtechnisch zu erweitern und<br />

am besten zeitgleich „Schauspiel und Musik“,<br />

sozusagen in einem 2 Sparten-Haus, zu vereinen.<br />

Da Musikern ein starker Freiheitsdrang<br />

innewohnt, „besorgten“ sie sich eifrig allerlei<br />

st<strong>im</strong>mstützendes und tonverschönerndes Gerät,<br />

ohne zu vergessen, das „Große Ganze“ um<br />

milde Gaben zu bitten. Um die noch bestehende<br />

Diskrepanz zwischen dem sehr guten<br />

Gerät und der ins Auge gefassten guten Musik<br />

zu schmälern, hieß das Motto: proben, proben,<br />

proben! Zuvor jedoch stand die Frage <strong>im</strong><br />

Raum: Was? Und da alle Musikgeküssten die<br />

wilden 60er erlebt hatten, war diese Frage nur<br />

theoretischer Natur. Es sollte Rock, Soul oder<br />

so, mit einem Hauch Pop sein. Die Idee enthielt<br />

auch den Gedanken, bei der „Sommernacht<br />

am <strong>Bahnhof</strong>“ die eventuell auftretende Kühle<br />

mit heißer Musik erwärmen zu wollen. Da alles<br />

einen Namen braucht, damit man es überhaupt<br />

denken kann, und der Verkehr an der<br />

„Dielhe<strong>im</strong>er Eisenbahnlinie“ in der verklärten<br />

Erinnerung der Musiker der ersten amerikanischen<br />

Union Pacific Railroad verdammt nahe<br />

kam, sollte der Name an die Eisenbahnpioniere<br />

<strong>im</strong> Kraichgau denken lassen. Fortan nannten<br />

sie sich „Die Entenmörder“. Ein dem Einklopfen<br />

der Schwellen be<strong>im</strong> Eisenbahnbau <strong>im</strong> tiefen<br />

Westen ähnlicher Rhythmus erscholl ab sofort<br />

64


65<br />

zu Probenzeiten jetzt auch <strong>im</strong> ehrwürdigen<br />

<strong>Bahnhof</strong> an der ehemaligen Railroad nach<br />

Schatthausen. Kaum war die musikalischspielerische<br />

Geschmeidigkeit wieder hergestellt,<br />

erklärte man den fehlenden Rest zum Stilmittel.<br />

„Die Entenmörder“ erfreuten sich bald einer<br />

Beliebtheit, wie ihr Namensgeber zu seinen<br />

besten Zeiten. Sie spielten variabel in der<br />

Besetzung bei der „Sommernacht am <strong>Bahnhof</strong>“<br />

und zu allen möglichen und unmöglichen<br />

Anlässen und <strong>im</strong>mer mit ehrlichem Herzen und<br />

gesunder Kehle, viele <strong>Jahre</strong> lang.<br />

Vergleichbares, wie dem zu früheren Zeiten am<br />

<strong>Bahnhof</strong> angeklebten Kiosk mit seinen Süßwaren<br />

und den schädlichen Comics, der einmal<br />

der letzte Kiosk vor der Autobahn hätte sein<br />

können - wenn es eine solche schon gegeben<br />

hätte - geschah auch den „Entenmördern“.<br />

Noch vor dem globalen Durchbruch wurden<br />

Weichen umgelegt, und der Zug „Entenmörder<br />

II“ fuhr, der glutrot am Horizont versinkenden<br />

Sonne entgegen, - ins „Nirgendwo“.<br />

Die Entenmörder<br />

(The Ducks Murderer)<br />

1994 - 1999<br />

Starring:<br />

Wolfgang Rössler (Guitar, Bass)<br />

Edgar Sauer (Guitar, Vocal)<br />

Günter Heber (Guitar, Bass, Vocal)<br />

Arnold Ramp (Piano/Keyboard)<br />

Gerald Teufel (Accordeon)<br />

Andrea Knopf (Vocal)<br />

Die Entenmörder, in der Stammformation,<br />

bei der Probe <strong>im</strong> Alten <strong>Bahnhof</strong>.


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Ein wenig Statistik - von 1963 bis 2013<br />

Kaum zu glauben, aber beglaubigt - Auszüge<br />

Unsere Stücke Auch wir mussten erst einmal lernen. (Das tun wir <strong>im</strong>mer noch.) Zunächst haben wir<br />

Stücke aufgegriffen, die wir kannten: vom Laientheater in der Gemeinde und vom Schultheater.<br />

Doch wir haben schnell gemerkt, dass das nicht alles sein kann, und begriffen, was unser Ziel sein<br />

muss: gutes Amateurtheater. <strong>Theater</strong>, das sich ernst n<strong>im</strong>mt, ohne dass der Spaß dabei verloren<br />

geht. Schließlich mussten und müssen wir ja nicht spielen und für andere da sein, sondern wir wollen<br />

es. Wir haben zielgerichtet gearbeitet, uns Hilfe geholt und nie aufgegeben. Heute können wir<br />

zurückblicken auf eine lange Liste an Inszenierungen. Alle haben etwas gemeinsam: Sie sind Stufen<br />

unserer Entwicklung. Wer aufmerksam liest, kann den Fortschritt erkennen, aber auch manchen<br />

Rückschlag; und er kann die Meilensteine zählen. Diese haben wir für Sie hervorgehoben.<br />

Inszenierungen der Erwachsenen nach Genres<br />

Dramen 2<br />

Farcen 7<br />

Improvisationen 1<br />

Kabarettabende 8<br />

Komödien 35<br />

Kr<strong>im</strong>is 1<br />

Kurzstücke 33<br />

Märchen 1<br />

Kinderstücke 2<br />

Mysterienspiele 2<br />

Parodien 5<br />

Phantasiespiele 2<br />

Rezitationen 6<br />

Schauspiele 14<br />

Schwänke 7<br />

Sketche 10<br />

Songstücke 3<br />

Tragikomödien 2<br />

Tragödien 2<br />

Volksstücke 7<br />

Das sind: 1<strong>50</strong> Inszenierungen seit 1963<br />

In den <strong>50</strong> <strong>Jahre</strong>n des Bestehens haben Jung und Alt<br />

zusammen 175 Stücke auf die Bühne gebracht!!<br />

Inszenierungen der <strong>Theater</strong>jugend nach Genres<br />

Grusicals 1<br />

Kinderstücke 5<br />

Komödie 4<br />

Kr<strong>im</strong>i 1<br />

Märchen 4<br />

Mitmachkr<strong>im</strong>i 1<br />

Szenen 1<br />

<strong>Theater</strong>stücke 7<br />

Tragödie 1<br />

Die <strong>Theater</strong>jugend „<strong>Bahnhof</strong>kids“ und die<br />

„Jungen Erwachsenen“, gegründet 1993,<br />

präsentierten seither 25 Inszenierungen.<br />

66


67<br />

Unsere Inszenierungen seit 1963<br />

1964 Der Bergteufel Volksstück P. Hardt<br />

1965 Hasso, der Rebell Schauspiel W. Webels<br />

1966 Versöhnung am Hubertushof Volksstück F. Rieder<br />

1966 Die Hexe von Bergamo Volksstück P. Hardt<br />

1966 Die Nudelberger Feuerwehr Humoreske Webels/Silber<br />

1966 Der Verlobungsstürmer Humoreske H. Kirchhoff<br />

1966 Der Schinderhannes Schauspiel F. Kanders<br />

1966 Syra, die christliche Sklavin Myst.-Spiel H. Caron<br />

1966 Vergib uns unsere Schuld Myst.-Spiel H. Caron<br />

1966 Mutter Therese Volksstück H. Caron<br />

1967 Der Meisterlügner Schwank H. Kirchhoff<br />

1967 Der Bandit von Venedig Schauspiel A. Seidel<br />

1968 Kirsch und Kern Komödie L. Bender<br />

1969 Die Erbtante Luststück M. Krinner<br />

1969 Mein Mann, der Dieb Schwank L. Bender<br />

1969 Der kerngesunde Kranke Komödie P. Pflug<br />

1971 Warum 17. Juni Szenen Eig. Texte<br />

1971 Die Mauer Szene E. St. V. Miley<br />

1971 Später Besuch Szene P. Pflug<br />

1971 Das Ferienparadies Komödie M. Brett<br />

1972 Der Lügner Szene J. Cocteau<br />

1972 Kabarett des Teufels Kurzstück M. Kadow<br />

1972 Lies deine Zeitung Szene J. Cocteau<br />

1972 Der Plakatträger Szene H. Engelhardt<br />

1972 An diesem Dienstag Szene W. Borchert<br />

1972 Zirkus Komödie E. Autengruber<br />

1973 Die verzauberten Brüder Märchen J. Schwarz<br />

1973 Halleluja Billy Songstück Lange/Ernst<br />

1974 Der Lügner und die Nonne Komödie C. Götz<br />

1974 Dunkelrote Rosen Parodie P. Nicolai<br />

1975 Charlys Tante Schwank B. Thomas<br />

1975 Ein Wort für das Andere Szene J. Tadieu<br />

1975 Die Glocke Szene P. Slavik<br />

1975 Box und Cox Komödie J. M. Morton<br />

1975 Schwarz auf Weiß Komödie M. Brett<br />

1976 Fazz und Zwoo Kinderstück K. Campell<br />

1976 Ich will Muissow sehen Komödie V. Katajew<br />

1977 Zwischen den Stühlen Kabarett Tucholsky etc.<br />

1977 Das Rennen Drama K. Hughes<br />

1977 Charlys Tante Schwank B. Thomas<br />

1978 Die Maus Komödie P. King<br />

1979 Von Mäusen und Menschen Schauspiel J. Steinbeck<br />

1980 Was Sie wollen Einakter E.m Kishon<br />

1981 Werdende Väter Einakter E. Kishon<br />

1981 Heiraten ist <strong>im</strong>mer ein Risiko Komödie S. O‘Hara<br />

1981 Abseits Szene E. Kishon<br />

1982 Der Dompteur Szene H. Wiener<br />

1982 Schattenspiele Szenen Eig. Produktion<br />

1982 Ritter Unkenstein Parodie K. Valentin<br />

1982 Masch<strong>im</strong>aschine Kinderstück P. Maar<br />

Schinderhannes 1966<br />

Halleluja Billy 1973<br />

Von Mäusen und Menschen<br />

1979


1982 Ehemann auf nüchternen Magen Komödie J. Mitchell<br />

1984 Zufäll. Tod eines Anarchisten Farce D. Fo<br />

1984 Lasst uns Lügen erzählen Komödie A. Paso<br />

1984 Szenario Sketche Kishon/Loriot<br />

1985 Antigone Tragödie Jean Anouilh<br />

1985 Musik und Dichtung lit. Kabarett Eig. Produktion<br />

1985 Picknick <strong>im</strong> Felde Farce F. Arrabal<br />

1986 Lauf doch nicht <strong>im</strong>mer weg Komödie P. King<br />

1987 Spiel‘s nochmal Sam Komödie W. Allen<br />

1987 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1988 Arsen und Spitzenhäubchen Komödie J. Kesselring<br />

1988 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1989 Biedermann u. d. Brandstifter Schauspiel M. Frisch<br />

1989 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1990 Vorsicht Trinkwasser Komödie W. Allen<br />

1990 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1991 Hier sind Sie richtig Komödie M.Camoletti<br />

1991 <strong>Theater</strong> v. Kindern für Kinder* Szenen div. Autoren<br />

1992 Warte bis es dunkel ist Kr<strong>im</strong>i F. Knott<br />

1992 Kabarett, Satire, Mundart Szenen div. Autoren<br />

1993 Der nackte Wahnsinn Komödie M. Frayn<br />

1993 Kabarett, Satire, Mundart II Szenen div. Autoren<br />

1993 Traum-<strong>Theater</strong> v. Kindern* Szenen div. Autoren<br />

1994 Wunschmaschine v. Kindern* Kinderstück Eig. Produktion<br />

1994 Karate Billy kehrt zurück Schauspiel K. Pohl<br />

1994 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1995 Außer Kontrolle Komödie R. Cooney<br />

1995 Der kleine Prinz* Märchen S. Exùpery<br />

1995 Gemalte Fensterscheiben Rezitation div. Autoren<br />

1996 Die Maus Komödie P. King<br />

1996 Der Kontrabass Stück P. Süßkind<br />

1996 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1997 He<strong>im</strong>atlos Schauspiel Gruber/Reinh.<br />

1997 Momo* Märchen M. Ende<br />

1997 Ich Narr des Glücks Rezitation H. Heine<br />

1997 Prinzessin von Oz* Märchen L.. F. Brown<br />

1998 Hexenschuss Komödie J. Graham<br />

1998 Kurzstücke Szenen div. Autoren<br />

1999 Die deutschen Kleinstädter Stück A. v. Kotzebue<br />

1999 <strong>Theater</strong> Comics I Sketche div. Autoren<br />

1999 Das Kabinett der Dr. Caligari Grusical C. Trafik<br />

1999 Der 35. Mai* Stück E. Kästner<br />

2000 Ewig rauschen die Gelder Komödie M. Cooney<br />

2000 Kugeln und Kisten v. Kindern* Stück Eig. Text<br />

2000 Übergangszeit Rezitation div. Autoren<br />

2001 Pension Schöller Schwank Laufs/Jakobi<br />

2001 <strong>Theater</strong>comics II Sketche div. Autoren<br />

2001 Liebe in jeder Beziehung Revue Eig. Texte<br />

2002 Die Brautwerber von Loches Komödie G. Feydeau<br />

2002 Die Physiker Stück F. Dürrenmatt<br />

Der zufällige Tod eines<br />

Anarchisten 1984<br />

Spiels nochmal Sam 1987<br />

Die deutschen Kleinstädter<br />

1999<br />

68


69<br />

2003 Eine Woche voller SamsTage* Stück P. Maar<br />

2003 Warten auf Godot Stück S. Becket<br />

2003 <strong>Theater</strong>comics III Sketche div. Autoren<br />

2003 Kein Platz für Idioten Volksstück F. Mitterer<br />

2004 Bunbury Komödie O. Wild<br />

2004 Die verflixte Hexenprüfung* Kinderstück S. Rippegather<br />

2004 Ein wahrer Held Tragikomödie J. M. Synge<br />

2005 Alles „K“ na klar* Mitmachkr<strong>im</strong>i Eig. Produktion<br />

2005 <strong>Theater</strong>comics IV Sketche div. Autoren<br />

2005 Hinter verschlossenen Türen Komödie Eig. Produktion<br />

2005 Das Festkomitee Komödie A. Ayckbourn<br />

2005 Gretchen 89ff Komödie L. Hübner<br />

2005 Liebeslust Lyrik div. Autoren<br />

2006 Blue Box* Komödie Eig. Produktion<br />

2006 Ibrah<strong>im</strong> u.d. Blumen d. Koran Phantasie E. Schmitt<br />

2006 Schaurige Beauty-Woche* Komödie E. Karl<br />

2006 Shake... Macbeth Dramödie H. Laier<br />

2006 Oh(je) du Fröhliche Komödie W. Binder<br />

2006 Yvonne, Burgunderprinzessin* Märchen W. Gombrovic<br />

2007 Banden, Tod und Freunde* Improvisation Eig. Produktion<br />

2007 Offene Zweierbeziehung Farce Fo/Rame<br />

2007 <strong>Theater</strong>comics V Sketche div. Autoren<br />

2007 Die Sache mit dem Bild* Stück E. Karl<br />

2007 Otello darf nicht platzen Komödie K. Ludwig<br />

2008 Trotzdem Comedy H. Laier<br />

2008 Leonce und Lena Stück G. Büchner<br />

2008 Der zerbrochne Krug Lustspiel H. v. Kleist<br />

2009 Bezahlt wird nicht Farce Dario Fo<br />

2009 Kraftvoll <strong>im</strong> Abgang Komödie Wolf, Siegel<br />

2009 Mit aller Freundschaft Comedy Laier/Stier<br />

2009 Die 8 Frauen Stück R. Thomas<br />

2010 Ganz nah dran Comedy Laier/Stier<br />

2010 Der widerspenstigen Zähmung Schauspiel Shakespeare<br />

2010 Es war die Lerche Komödie E. Kishon<br />

2010 Josef und Maria Stück P. Turini<br />

2011 Dazwischen Comedy Laier/Stier<br />

2011 Sieghard&Gr<strong>im</strong>m Dramödie H. Laier<br />

2011 Der Revisor Komödie N. Gogol<br />

2012 Kurz vor knapp Comedy Laier/Stier<br />

2012 Die spanische Fliege Schwank Arnold/Bach<br />

2013 Urmel aus dem Eis* Kinderstück Kruse/Pinkus<br />

2013 Antigone Tragödie Jean Anouilh<br />

2013 Der Hauptmann von Köpenik Tragödie C. Zuckmayer<br />

*Aufführungen unserer <strong>Bahnhof</strong>kids <strong>im</strong> Alter von 8 bis 16 <strong>Jahre</strong>n.<br />

Kein Platz für Idioten 2003<br />

Der zerbrochne Krug 2008<br />

Der Revisor 2011<br />

Die spanische Fliege 2012


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Merkwürdiges in Zahlen von 1963 bis 2013<br />

Kaum zu glauben, aber so war es.<br />

Arbeitsnachweise So richtig müssen wir natürlich niemandem etwas nachweisen. Doch interessant<br />

ist es schon, einmal das „nebenbei“ Geschehene aufzuschlüsseln. Erstaunliches kommt so zutage;<br />

selbst für uns, die wir dabei waren. Auch wir hatten vergessen, dass wir einmal die Dielhe<strong>im</strong>er<br />

Straßenkerwe und den Maiausschank „erfanden“ oder den „Tanz in den Mai“ und den „Ostertanz“<br />

lange <strong>Jahre</strong> gepflegt haben, oder auch, dass wir Gastgeber des Lofoten-<strong>Theater</strong>s aus Norwegen<br />

und einer <strong>Theater</strong>gruppe aus Japan waren. Stichwort „Gastgeber“: Wir haben auch die Deutsch-<br />

Französischen <strong>Theater</strong>tage und die Kraichgauer <strong>Theater</strong>tage nach Dielhe<strong>im</strong> geholt. Auch waren<br />

wir Initiatoren der „Hobby und Kunst-Austellungen“. Besonders stolz sind wir auch darauf, dass wir<br />

schon viele kulturelle „Hochkaräter“ nach Dielhe<strong>im</strong> holen konnten. Unvergessen ist dabei eine der<br />

letzten Lesungen der großen deutschen Lyrikerin Hilde Domin auf der Dielhe<strong>im</strong>er <strong>Bahnhof</strong>-Bühne.<br />

Zahlen die es in sich haben<br />

Inszenierungen 172<br />

Zuschauer bis heute 65.000*<br />

Proben 7<strong>50</strong>0<br />

Gastspiele <strong>im</strong> Ausland 2<br />

Gastspiele <strong>Theater</strong>tage Inland 9<br />

Sitzungen bis heute 300*<br />

Feste mit Volksfestcharakter 30<br />

Große Faschingsbälle 15<br />

Ausflüge u. große Wanderungen 100*<br />

Kleinkunstfestivals 5<br />

Deutsch-Französische <strong>Theater</strong>tage 1<br />

Kraichgauer-<strong>Theater</strong>tage 3<br />

Hobby u. Kunstausstellungen 3<br />

Kunstausstellungen 3<br />

Jazzfrühschoppen 1<br />

Hinzu kommen Lesungen, Buchvorstellungen,<br />

Kabarett- und Mundartabende, kleinere Konzerte<br />

mit moderner oder klassischer Ausrichtung<br />

und A-Cappella-Chorkonzerte.<br />

Von uns initiiert und eine Zeit lang realisiert<br />

Dielhe<strong>im</strong>er Straßenkerwe<br />

Hobby- und Kunstausstellungen<br />

Große Tanzveranstaltungen an Ostern<br />

Großer „Tanz in den Mai“<br />

Maiausschank<br />

und viele, viele weitere Aktionen.<br />

...und dazu unzählige vereinsinterne Aktionen<br />

Gastpiele außerhalb der Region<br />

<strong>Theater</strong>besuche<br />

Kulturbegegnungen<br />

Festivalbesuche<br />

Kleinere Wanderungen und Ausflüge<br />

Silvesterpartys<br />

Grill- und andere Partys<br />

und vieles mehr.<br />

*Die Zahlen sind auf- bzw. abgerundet.<br />

70


71<br />

Dabei sein ist nicht alles<br />

Von dicken Brettern, die die Welt bedeuten<br />

Wer sie oft betreten hat, um zu spielen, kennt die Standfestigkeit, die sie vermitteln. Er kennt aber<br />

auch die Barriere, die sie bilden, das unsichtbare Hindernis, das sich auftut, wenn man sie zum<br />

ersten Mal betritt. Da ist das flaue Gefühl <strong>im</strong> Magen, die kurze innere Unsicherheit, wenn das Herz<br />

<strong>im</strong> Hals schlägt statt in der Brust. Da ist auch das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, das sich kurz nach<br />

dem ersten Satz aus dem Staube macht, um Platz zu schaffen für das Spiel zwischen dem Ich und<br />

dem Publikum. Wer Erfahrung hat <strong>im</strong> Betreten dieser „Bretter, die die Welt bedeuten“, kennt das<br />

alles. Er hat erlebt, dass ihn dieser Schritt stärkt; nicht nur <strong>im</strong> Spiel, sondern auch draußen <strong>im</strong> rauhen<br />

„Spiel des Lebens“, in vielfältiger Weise und in unterschiedlicher Intensität.<br />

Er hat gelernt, dass dieses ständige Überschreiten<br />

der Grenze zwischen Realität und der <strong>im</strong>mer<br />

wieder neu zu erschaffenden Wirklichkeit<br />

<strong>im</strong> Spiel in ihm etwas bewirkt: Selbstsicherheit.<br />

Mit dem Begehen der Bühnenbretter, die ihm<br />

stets festen Halt geben, gewinnt er zunehmend<br />

Vertrauen in die eigene Stärke. Innere Barrieren<br />

werden als überwindbar gesehen, er überspringt<br />

sie leichter. So beginnt sich etwas zu<br />

drehen: das vermeintliche Bretter-Hindernis wird<br />

unversehens zum Sprungbrett für vielgestaltiges<br />

Erleben. Ein Schatz an tiefen, reichen Erfahrungen<br />

winkt als Lohn. Immer neu positiv „aufgeladen“<br />

kann er so auch die unausweichlichen,<br />

unsäglichen Widrigkeiten, die eine freiwillige<br />

Vereinigung von Menschen nun mal mit sich<br />

bringt, nicht nur ertragen, sondern vom Negativen<br />

ins Positive kehren. Denn er weiß auch: Dabei<br />

sein ist wirklich nicht alles. Vor diesen Erfahrungen<br />

riecht es auf den Amateurbühnen der<br />

Welt nicht nur nach Schminke, Farbe und alten<br />

Klamotten, sondern <strong>im</strong>mer auch nach Schweiß.<br />

Das kommt von den „dicken Brettern“, die gebohrt<br />

werden müssen, bevor sie zu den Brettern,<br />

die die Welt bedeuten, werden können.<br />

Vieldeutige Bretter Sie sind die bauliche<br />

Grundlage für unser Spiel. Die metaphorische Bedeutung<br />

müssen wir ihnen selbst be<strong>im</strong>essen.


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Unsere <strong>Theater</strong>jugend<br />

„Es gibt keine Jugend ohne <strong>Theater</strong> und es gäbe auch längst kein<br />

<strong>Theater</strong> mehr auf der Welt oder hätte es nie gegeben, wäre es nicht<br />

zu jeder Zeit und in jeder Generation vor allem eine Sache und ein<br />

Gebot der Jugend, die es neu erleben, neu erproben, neu zu<br />

schaffen best<strong>im</strong>mt und berufen ist.“<br />

Carl Zuckmayer<br />

1993, das <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> in Dielhe<strong>im</strong><br />

erkennt die Zeichen der Zeit und ergreift<br />

die Initiative: Ab sofort sollen Kinder und<br />

Jugendliche an das Bühnenspiel herangeführt<br />

werden, in einer möglichst professionellen<br />

Form. Schnell war klar, aus eigener Kraft konnte<br />

dieses Vorhaben nicht gestemmt werden. Nach<br />

kurzem Suchen fand man mit der Musikschule<br />

Horrenberg-Dielhe<strong>im</strong> den idealen Kooperationspartner.<br />

Zusammen wurde ein <strong>Theater</strong>-<br />

Unterrichts-Projekt ins<br />

Jung und Alt<br />

in Kooperation<br />

Leben gerufen, um<br />

Kindern und Jugendlichen<br />

die Möglichkeit<br />

zu eröffnen, die<br />

Grundtechniken des <strong>Theater</strong>spiels zu erlernen<br />

und natürlich auch selbst Stücke auf die Bühne<br />

zu bringen. Unterrichtet werden die jungen<br />

TeilnehmerInnnen von speziell ausgebildeten<br />

<strong>Theater</strong>pädagogen und Lehrern. Der Unterricht<br />

besteht aus Übungsspielen und aus<br />

Proben für das aktuelle Stück. Atemtechniken,<br />

St<strong>im</strong>m- und Sprachübungen, Ausdrucksspiele,<br />

die die gestischen, m<strong>im</strong>ischen und st<strong>im</strong>mlichen<br />

Darstellungsmöglichkeiten fördern, sind weitere<br />

Bestandteile des Unterrichts. Wenn ein Stück<br />

schon weit gediehen ist, wird nur noch geprobt,<br />

viel geprobt. Dann müssen auch die Bühne<br />

gestaltet, die Kostüme genäht und die Requisiten<br />

beschafft werden. Selbst das Bühnenbild<br />

und die Beleuchtung, alles gehört zur Aufgabe<br />

und kommt, wenn möglich, aus eigener<br />

Hand. Manchmal gehen auch Eltern oder<br />

andere Erwachsenen hilfreich zur Hand, wenn<br />

die eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen.<br />

Be<strong>im</strong> Bühnenbau und bei der Beleuchtung<br />

ist logischerweise öfter die Hilfe der Fachleute<br />

vom <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> gefragt. Nicht ohne<br />

Grund: Unter ihrer Anlei-<br />

tung sollen die jungen<br />

Spieler auch hinter den<br />

Kulissen aktiv werden,<br />

selbst Bühnenbauer<br />

oder Beleuchter werden. Das Miteinander in<br />

allen Bereichen, das Arbeiten auf ein gemeinsames<br />

Ziel hin ist gewollt und wird gefördert.<br />

Musikalisch steht den jungen <strong>Theater</strong>leuten<br />

ebenfalls professionelle Hilfe zur Seite. Hansjörg<br />

Widmer, Klavierlehrer der Musikschule, hat<br />

schon manche Inszenierung begleitet und ihr<br />

die musikalische Note verliehen. Wie überall,<br />

so kommt es auch hier auf das verlässliche<br />

Zusammenspiel an; zwischen den Kooperationspartnern,<br />

den Kindern und Jugendlichen<br />

und ihren Lehrkräften. Das Projekt ist erfolgreich<br />

und läuft gut, aber wie alles, nie ganz<br />

72


73<br />

störungsfrei, das ist klar. Doch wenn sich alle,<br />

wie bisher geschehen, verständigen und auch<br />

ein wenig Kindsein bewahrt haben, dann wird<br />

noch lange Erfolg beschieden sein. Schon ist<br />

mehr als eine ganze Generation durch diese<br />

<strong>Theater</strong>schule gegangen und herangereift, um<br />

bei den Erwachsenen spielen zu können; zugegeben,<br />

es bleiben nicht so viele wie erhofft,<br />

das ist wohl dem Zeitgeist geschuldet, aber sie<br />

tragen <strong>im</strong>mer die Liebe zum <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> Herzen;<br />

eine Affinität, die alle TeilnehmerInnen ein<br />

Leben lang zu ihrem persönlichen, beruflichen<br />

und gesellschaftlichen Vorteil begleiten wird.<br />

Antigone - 2013<br />

Bunbury - 2004 Warten auf Godot - 2003<br />

Urmel aus dem Eis - 2013


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Unsere <strong>Theater</strong>jugend<br />

Aufgeschlossen, lernbegierig und einfach gut!<br />

Das <strong>Theater</strong>-Unterrichtprojekt für Kinder und Jugendliche Seit nunmehr 20 <strong>Jahre</strong>n lebt dieses Projekt<br />

als Kooperation zwischen dem <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> und der Musikschule Horrenberg-Dielhe<strong>im</strong> und<br />

zeigt, was bewirkt werden kann, wenn zwei an einem Strang ziehen und wenn die Ziele und die<br />

Zuordnungen klar definiert sind: Hier die pädagogischen Fachkräfte, die mit den jungen Menschen<br />

arbeiten, und dort die persönliche Hilfe in der Organisation und Administration, das Vorhalten der<br />

Infrastruktur, wie Bühne, Technik, Fundus, Werkstatt und vielem mehr. Das alles ergibt in der Summe<br />

junge Menschen mit Selbstsicherheit und Vertrauen in die eigene Stärke.; jene Stärke, die befähigt,<br />

Ziele zu formulieren und diese auch zu erreichen. Hinzu kommen die heute so geschätzten Dinge,<br />

wie Sicherheit <strong>im</strong> Sprechen und Präsentieren. Und nicht zuletzt lernen und erleben alle TeilnehmerInnen<br />

soziale Intelligenz und erkennen, wie wichtig Phantasie und Krativität sind; alles gute<br />

Voraussetzungen für ein achtsames Leben in Beruf, Gesellschaft und Freizeit.<br />

Das <strong>Theater</strong>-Unterrichtprojekt in Zahlen<br />

Gründung 1993<br />

Inszenierungen 25<br />

Eigene Stücke 3<br />

Die Partner<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>, Dielhe<strong>im</strong><br />

Musikschule Horrenberg-Dielhe<strong>im</strong><br />

Die Lehrkräfte aktuell<br />

Matthias Paul<br />

Petra Kirsch<br />

Die Lehrkräfte bislang<br />

Vera Bühl<br />

Jutta Werbelow<br />

Ariane Hellinger<br />

Yvonne Zahn<br />

Ann Kristin Ebert<br />

Jan-Bart de Clerc<br />

Gisela Sieron<br />

In 20 <strong>Jahre</strong>n wurden durch das <strong>Theater</strong>-<br />

Unterrichtprojekt 80 Kinder und Jugendliche<br />

ausgebildet!<br />

Die Aufführungsorte<br />

Kulturhalle, Dielhe<strong>im</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>, Dielhe<strong>im</strong><br />

Rathaus II, Innenhof, Dielhe<strong>im</strong><br />

Beteiligungen<br />

Schultheaterwochen, Mannhe<strong>im</strong><br />

Spezielle Aufführungen<br />

Le<strong>im</strong>bachtalschule, Dielhe<strong>im</strong><br />

Ottheinrich Gymnasium, Wiesloch<br />

Johann-Philipp-Bronner-Schule, Wiesloch<br />

Berta-Benz Realschule, Wiesloch<br />

Aufführungen pro Inszenierung<br />

Zwischen 4 und 10 Aufführungen<br />

Die Gruppen aktuell<br />

Altersklasse 10-17 <strong>Jahre</strong> mit 10 Teilnehmern<br />

Altersklasse 18-25 <strong>Jahre</strong> mit 7 Teilnehmern<br />

Anzahl der Gruppen und Teilnehmer<br />

Die Anzahl bewegt sich zwischen 2 und 3,<br />

die Teilnehmerzahl zwischen 15 und über 30.<br />

74


75<br />

Aufgaben <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> gibt es viele und ganz<br />

spezielle wie die Bühnentechnik, der Kulissenbau,<br />

die Herstellung der Requisiten und Kostüme. Alles<br />

aber dient nur einem großen Ziel: der Aufführung.<br />

Eine Unterrichtstunde bei den <strong>Bahnhof</strong>kids<br />

ist, von außen betrachtet, etwas chaotisch.<br />

Doch dahinter steckt System. Denn <strong>Theater</strong><br />

ist zunächst mal das Spiel mit Kreativität und<br />

Phantasie. Wenn alles in die richtigen Bahnen<br />

gelenkt wird, entstehen daraus Tragödien, Komödien<br />

oder auch Kinderstücke, wie bei den<br />

<strong>Bahnhof</strong>kids. Deshalb lautet die Devise: Spaß<br />

muss es machen! So erklärt sich auch das<br />

scheinbare Chaos. Ja, da wird oft gelacht und<br />

herumgealbert, was sich aber be<strong>im</strong> genaueren<br />

Betrachten als bewusste Improvisationsübung<br />

herausstellt, mit dem Ziel, Selbstsicherheit und<br />

Vertrauen zu fördern. Da ist auch die Lust<br />

am Verkleiden, dem In-eine-andere-Rolleschlüpfen<br />

zu spüren. Dazu werden gezielt aber<br />

spielerisch Ausdrucksmöglichkeiten erarbeitet,<br />

Bewegungs- und Haltungsformen und die<br />

Wahrnehmung trainiert, um alles später in der<br />

Rolle abrufbereit zu haben. Auch das macht<br />

Spaß. Es macht auch Freude festzstellen, was<br />

man aus abgelegter Kleidung und Schaumstoff<br />

an phantastischen Gebilden erschaffen kann.<br />

Und das geht weiter, wenn es darum geht, <strong>im</strong><br />

Kleister zu matschen und mit Farbe dem kreativen<br />

Spiel freien Lauf zu lassen für das Bühnenbild,<br />

oder Gags und Ideen entstehen zu lassen,<br />

um sie dann in das Stück einzubauen. Doch es<br />

ist auch die Freude am Tag der Aufführung, die<br />

Gewissheit, etwas Großes geleistet zu haben,<br />

die freudigen Gesichter <strong>im</strong> Publikum und die<br />

herzliche Umarmung zu erleben, wenn alles<br />

geklappt hat. Das alles lohnt die Mühe - die<br />

Mühe? Ja, es ist auch Mühe. Aber gern getane<br />

Mühe ist Freude. Auf die richtige Balance<br />

kommt es an. Und darum sorgen und kümmeen<br />

sich bei uns in Dielhe<strong>im</strong> speziell ausgebildete<br />

<strong>Theater</strong>lehrerinnen und -lehrer zusammen<br />

mit dem <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>.


Darstellendes Spiel in Bildern<br />

<strong>Theater</strong> mit jungen Menschen <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong>skids und Junge Erwachsene Unter diesen Namen firmiert der Nachwuchs <strong>im</strong> <strong>Theater</strong> <strong>im</strong><br />

<strong>Bahnhof</strong>. Unter professioneller Führung ausgebildet, geben die jungen Menschen Zeugnis davon,<br />

was heute <strong>im</strong> Jugendtheater möglich ist: Aufführungen, die berühren, die vor Spielfreude sprühen<br />

und die spüren lassen, wie sinnvoll kreatives Tun für die Entwicklung von Menschen ist.<br />

Links von oben nach unten:<br />

„Ferienspaß“ freie Improvisationen -<br />

„Bühnentechnik“ für Kinder<br />

„Der Widerspenstigen Zähmung“ - 2010<br />

Rechts von oben nach unten:<br />

„Eine Woche voller Samstage“ - 2003<br />

„Momo“ - 1997<br />

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77<br />

Links oben bis unten:<br />

„Urmel aus dem Eis“<br />

- 2013<br />

„Bunbury“ - 2004<br />

„Eine Woche voller<br />

Samstage“ - 2003<br />

Rechts Mitte u. unten:<br />

„Warten auf Godot“<br />

- 2003<br />

„Momo“ - 1997


Drei Wörter, zwei Bedeutungen, ein Haus<br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> Diese drei Worte sind nicht nur ein Name, sondern Programm. Möglich wurde<br />

dies durch etwas Glück, gute Ideen, beherzte Entscheidungen, Hilfe von außen und eine Menge<br />

Tatkraft. <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> steht nicht nur für eine Vereinigung von <strong>Theater</strong>freunden, sondern auch<br />

für ein <strong>Theater</strong>haus; klein, fein, überschaubar und unendlich wichtig für den Verein „<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong>“.<br />

Wir sind überzeugt: Dieses Haus ist darüberhinaus ein wichtiger kultureller Beitrag für unsere<br />

Gemeinde und die nahe Region. Die Bilder zeigen, worauf wir alle ein wenig Stolz sein dürfen.<br />

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79<br />

Der Hauptmann von Köpenik von Carl Zuckmayer<br />

Eine Tragikomödie - Jubiläumsaufführung zum 5zigsten<br />

Manfred Maier Schuster Wilhelm Voigt<br />

Peter Laier Schwager Friedrich Hoprecht<br />

Sabine Rachel Frau Marie Hoprecht<br />

Willi Mann Bürgermeister Obermüller, Kallenberg und Gefangener<br />

Gudrun Göhler Frau Mathilde Obermüller und Tingel-Tangel-Sängerin<br />

Bernd Winter Adolf Wormser, Prokurist Knell, Buttje, Zuchthausdirektor, 1. Bahnbeamter<br />

Edgar Sauer Zuschneider Wabschke, Jellinek, Gefangener, 2. Bahnbeamter, Soldat<br />

Sophie Herrmann Krankes Mädchen, Kellnerin<br />

Winfried Fuchs Krakauer, Gebweiler, Gefangener, Rosencrantz, Kr<strong>im</strong>inaldirektor<br />

Tobias Behner Hauptmann von Schlettow, Feldwebel, Kr<strong>im</strong>inalinspektor<br />

Hildegund Sauer Herbergsmutter, Tingel-Tangel-Sängerin<br />

Edgar Greulich Oberwachtmeister, Grenadier, Gefangener, Zeck<br />

Hannelore Weinmann Fanny, Tingel-Tangel-Sängerin, Bänkelsängerin<br />

Rudolf Sauer Arbeitsuchender, Solojodler, Gefangener, Stadtschutzmann Killian<br />

Gill Herrmann Plörösenmieze, Sängerin<br />

Eberhard Weinmann Soldat, Bulcke, Zivilist, Gefangener, Gefreiter<br />

Tatjana Stadter Tingel-Tangel-Direktorin, Bänkelsängerin<br />

Klaus Hofstetter Zivilist, Soldat, Gefangener<br />

Hristina Wagner Kellnerin, Tingel-Tangel-Tänzerin<br />

Gilbert Ritz Bänkelsänger, Schlangenbeschwörer, Aufseher<br />

Dieter Fuchs Zivilist, Gefangener, Dienstmann<br />

Franz Mann Schutzmann<br />

Masken, Frisuren Waltraud Kloé, Lore Becht, Gabriele Sauer, Annerose Sutter<br />

Kostüme Loni Rössler, Roswita Ferdinand<br />

Bühne Peter Knopf, Harald Rudolf, Rudolf Sauer<br />

Technik Roland Laier, Malte Kappelhoff<br />

Souffleuse Evelyne Sauer<br />

Regieassistenz Hildegund Sauer<br />

Inszenierung Manfred Maier<br />

Carl Zuckmayer entlarvt in dem Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ die Obrigkeitsgläubigkeit<br />

<strong>im</strong> Deutschen Reich. So wie David sich Goliath stellt und ihn besiegt, führt der „Hauptmann von<br />

Köpenick“ pfiffig und unerschrocken einen Schelmenstreich gegen die Staatsmacht durch. Das<br />

dient Carl Zuckmayer dazu, sowohl den Bürokratismus als auch den Militarismus in Preußen<br />

satirisch aufs Korn zu nehmen. Geschickt entwickelt er neben der eigentlichen Handlung auch<br />

die gegenläufige Geschichte der Hauptmanns-Uniform.


5zig <strong>Jahre</strong><br />

<strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong><br />

Zu guter Letzt<br />

Zeit <strong>im</strong> Rampenlicht - eine wertvolle Zeit, auch in Zukunft<br />

Aus bescheidenen Anfängen heraus... Immer<br />

wieder werden solche Worte bemüht, wenn<br />

es um einen Rückblick geht, weil es meist auch<br />

st<strong>im</strong>mt. Doch viel wichtiger ist, was daraus<br />

geworden ist, und noch interessanter, was<br />

diese Zeit mit uns gemach hat, mit denjenigen,<br />

die eine weite Strecke mitgegangen sind,<br />

vielleicht sogar bis heute? Letzteres lässt sich<br />

nur feststellen, wenn man das Vergangene<br />

nicht nur betrachtet, sondern wertet, wenn<br />

man kaum sichtbaren Strängen folgend die<br />

dem System Amateurtheater innewohnenden<br />

Regeln erkennt, die wegweisend, best<strong>im</strong>mend,<br />

ausschlaggebend dafür waren und noch<br />

<strong>im</strong>mer sind. Oder ist es eher die freiwillige<br />

Organisationsform „Verein“, die stärker prägt<br />

als die zugrunde liegende Idee? Nach <strong>50</strong><br />

<strong>Jahre</strong>n <strong>Theater</strong> <strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> lässt sich feststellen:<br />

Amateurtheater prägt die Beteiligten äußerst<br />

nachhaltig und sehr positiv. Da ist zunächst die<br />

Form: Bühnenspiel, angesiedelt zwischen Berufs-<br />

und Laienbühne; eine <strong>Theater</strong>form, die die<br />

Laienspieltradition nicht verneint, keinem kommerziellen<br />

Zwang unterliegt und die <strong>Theater</strong><br />

als Kunstform begreift, bereit, sich künstlerischen<br />

Kriterien zu stellen. Ein weiterer Aspekt ist für<br />

Amateure noch bedeutender: <strong>Theater</strong>spielen<br />

heißt nicht nur, anderen Menschen Unterhaltung<br />

zu bringen, sondern durch das Erarbeiten<br />

dramatischer Texte die eigene Persönlichkeit<br />

<strong>im</strong> Zusammenspiel mit Anderen zu entfalten. Es<br />

heißt auch, sich einordnen in das Gesetz des<br />

Kreises, in dem jeder seine Aufgabe erfüllt, die<br />

seiner Fähigkeit entspricht. So kann sich soziales<br />

Empfinden, Sensibilität, die Fähigkeit zur Empa-<br />

thie und zu künstlerischem Erleben entfalten;<br />

alles Dinge, die nicht verkümmern dürfen; ganz<br />

besonders in unserer Gesellschaft, in der Beliebigkeit<br />

triumphiert. Wenn wir Menschen uns in<br />

unserem Wesen verwirklichen wollen, brauchen<br />

wir das; um so dringlicher, je mehr die Beliebigkeit<br />

Raum greift. <strong>Theater</strong> verlangt körperliche<br />

Aktivität und fordert geistige Beweglichkeit<br />

be<strong>im</strong> Arbeiten mit Text und dem Umsetzen des<br />

Stoffes in die mediengerechte Form. Spieler, Regie,<br />

die Technik, die Maske und Werbung sehr<br />

direkt, aber auch indirekt die Administration<br />

und Verwaltung, also alle Beteiligten schaffen<br />

zusammen einen Wert, der durch die Präsentation<br />

vor Publikum zu einem starken Erlebnis<br />

wird. Das alles geschieht freiwillig, organisiert in<br />

einem Verein. Immer noch machen sich nur wenige<br />

Vereine Gedanken über ihre Vereinskultur:<br />

Wie ist das Miteinander beschaffen, was fügt<br />

zusammen, was trennt? Gibt es ungeschriebene<br />

Gesetze? Sind diese sinnvoll? Wie gut oder<br />

schlecht wird kommuniziert, nach innen und<br />

nach außen? Gehen wir achtsam miteinander<br />

um? Dies alles sind wichtige Kriterien, die über<br />

den Erfolg entscheiden und prägend wirken.<br />

Dass <strong>Theater</strong> zur Mitmenschlicheit erzieht, deutet,<br />

anregt, herausfordert, unterhält und erbaut,<br />

gilt für theaterschaffende Amateure und Publikum<br />

gleichermaßen. Die 5zig <strong>Jahre</strong> <strong>Theater</strong><br />

<strong>im</strong> <strong>Bahnhof</strong> haben allen Beteilgten auf ihrem<br />

Weg durch die Zeit geholfen, ihre Persönlichkeit<br />

zum Positiven für sich und die Gesellschaft zu<br />

entwickeln - eine wertvolle Zeit. Es bleibt zu<br />

wünschen, dass junge Menschen nachkommen<br />

und Gleiches empfinden und erleben.<br />

80


81<br />

Der Revisor - 2011<br />

Das Leben geht weiter. Annehmen, gute<br />

Entscheidungen treffen. Miteinander und für<br />

einander da sein. Und für unser Publikum.<br />

Danke<br />

unserem Publikum!


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www.theater<strong>im</strong>bahnhof.com<br />

„Wer bereit ist, aus Liebe zu einigen Quadratmeter Bretterboden und<br />

aus Begeisterung für das Stück Leben, das aus diesen Brettern entstehen<br />

kann, alles auf sich zu nehmen und jede Kleinigkeit und jede<br />

Schmutzarbeit mit der gleichen Liebe zu tun, mit der er eine große Rolle<br />

spielt oder faszinierende Regie führt – das ist ein <strong>Theater</strong>mensch.“<br />

J.B. Barrault

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