Arbeitsergebnisse der AG 8 - Spix eV

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Arbeitsergebnisse der AG 8 - Spix eV

Thema des Workshops:

Noch Gastfamilie oder schon Kleinheim?

Familienleben als Beruf?

Sehr engagiert – trotzdem überfordert?

Diskussion

Moderation: Eugen Herb, VSP BWF Zwiefalten

Steffen Knaak, VSP BWF Tübingen

Agenda:

Vorstellung von zwei Beispielfamilien “Superfamilien“

Austausch über Merkmale solcher Familien

Gruppenarbeit: Was heißt das für unsere Arbeit im BWF, wie gehen Sie mit

diesen Familien um, wie sollte mit ihnen umgegangen werden?

Zusammenführung der Gruppenarbeiten mit der bisherigen Haltung der

Moderatoren

Motivation der Autoren

Seit ihrer Tätigkeit im BWF begegnen den Autoren Gastfamilien, die sich sehr

leistungsfähig zeigen und zum Teil neben 2 BWF- Klienten noch weitere Menschen

in Betreuung aufgenommen haben (kurz: “Superfamilien“). Es stand immer wieder im

Raum, ob und wann Grenzen gesetzt werden müssen, bzw. wie damit umzugehen

sei.

Die Autoren wollen eine Diskussion über dieses Thema in den BWF- Teams

anstoßen, um gegebenenfalls Leitlinien im Umgang mit “Superfamilien“ zu

entwickeln.


Motivation der Workshopteilnehmer

Vorgehensweise

Unter den etwa 75 Gastfamilien, die das BWF des VSP belegt hat, fielen den

Autoren 17 Familien mit besonders starkem Engagement, bzw. Familien, die sich

besonders viel aufladen, auf. Von diesen 17 Familien wurden 6 genauer betrachtet

und schließlich 2 Familien, die als typisch angesehen wurden, als Beispiele im

Workshop vorgestellt.

Parallel dazu wurde das Thema an einem Teamtag dem VSP- BWF- Gesamtteam

zur Diskussion gestellt.

Beispielfamilie X

Herr X: 74 Jahre, Maurer, Rentner

Frau X: 56 Jahre, Altenpflegehelferin, Einzelhandelskauffrau, Hausfrau

Sohn: 32 Jahre, wohnt mit seiner Familie in direkter Nachbarschaft

Tochter: 33 Jahre, wohnt mit ihrer Familie in der Nähe

Kreisstadt am Rande der schwäbischen Alb

Eigenes freistehendes Einfamilienhaus am Stadtrand mit Einliegerwohnung und großem

Garten in ruhiger Wohnlage

Einkommen: Rente, des Ehemanns

BWF, Tageskinder

Tagesstruktur: Frau X ist ganztags zu Hause

Herr X ist tags über unterwegs (Freundschaftsdienste, Sport, Angeln)


Die Familie geht nie in Urlaub

Samstags gemeinsames Essen der Großfamilie

Klienten können im Haushalt und Garten helfen

Motivation für BWF: Eine Aufgabe, ähnlich der Altenpflege, jedoch in Heimarbeit

(Fr. X)

Finanzielle Unabhängigkeit (Fr. X)

Zuverdienst

BWF seit 2007, Vorerfahrung als Pflegefamilie des Jugendamts

Klientin Frau Z, 30 Jahre wohnt seit 2009 in einer Wohnung ohne Küche im

mit ihrem behinderten separaten Anbau

Sohn 2 Jahre

Ein Zimmer im Obergeschoss des Haupthauses war mit einem weiteren Klienten belegt, soll

wieder vergeben werden und wird zurzeit mit BWF- Urlaubsgästen belegt.

1 Kind in Tagespflege: vormittags anwesend

1 Enkelin in Tagespflege: vormittags anwesend

Einbindung in die Umgebung: Herr X hat über den Sportverein und seine

Freundschaftsdienste regen Kontakt nach außen.

Frau X schart die Großfamilie um sich.

Die Klientin hat sich erst vor kurzem von einem eher

ungünstigen Umfeld distanziert.

Charakteristika Familie X

Familie X wirkt bodenständig mit gefestigten Strukturen und familiärer Atmosphäre. Es

entsteht der Eindruck eines offenen Hauses mit einer sehr lebendigen, taffen Frau X. im

Mittelpunkt der „Großfamilie“.

Frau X zeigt sich erfahren, strukturiert sehr gut und wirkt sehr klar im Umgang mit den

Klienten.

Die ganztägige Anwesenheit von Frau X zu Hause erscheint eigentlich von Vorteil, wird

allerdings durch die Vielzahl der Aufgaben und Terminen ausgehöhlt, so dass Frau X im

Bedarfsfall oft nicht ansprechbar ist, selbst BWF- Hausbesuchstermine hatten zum Teil

wenig Platz.

Sie ist eigenständiges Arbeiten gewohnt, (“ich habe alles im Griff“), hat eine klare Meinung

und entscheidet selbständig. Dies bringt mit sich, dass es ihr schwer fällt, neue Sichtweise

anzunehmen und Verhalten gegebenenfalls zu korrigieren.

Frau X ist sehr engagiert (würde sogar eine 2. Mutter mit Kind aufnehmen) und erweist sich

als stark belastbar, wobei immer wieder die Frage aufkommt, ob sie ausreichend für sich

selbst sorgt. Es gab Krisensituationen, die zeigten, dass dann kein Puffer mehr für

zusätzliche Belastungen ist.

Uns stellt sich die Frage, ob sie den Rückgang ihrer Leistungsfähigkeit mit zunehmendem

Alter übersieht und ob ihre Rückenproblematik im Zusammenhang mit einer Überlastung

steht.

Frau X arbeitet sehr erfolgsorientiert (hohe Erwartung an Besserung, Krisen dürfen nicht

sein, bzw. werden als Versagen empfunden) und zeigt sich empfindlich bei Misserfolgen

oder bei Kritik. Gelegentlich kam bei uns der Verdacht auf, dass darum nicht alle

Schwierigkeiten auf den Tisch kommen.


Beispielfamilie Y

Herr Y: 54 Jahre, Kraftfahrer, Landwirt (erwerbsunfähig wegen

Herzerkrankung)

Frau Y: 44 Jahre, Näherin, Hausfrau

Sohn 1: 18 Jahre, will Hof übernehmen

Sohn 2: 16 Jahre

Sehr ländliche Gegend auf der schwäbischen Alb.

Einzelhof mit altem Bauernhaus (renoviert), mit neuem Wohnhaus und kleiner Blockhütte.

Die Familie wohnt im neuen Wohnhaus.

Landwirtschaftlicher Betrieb mit Pensionspferden, Mutterkuhhaltung und Legehennen.

Einkommen: Rente, Landwirtschaft

BWF, weitere Menschen in Pflege

Tagesstruktur: Herr und Frau Y sind zu Hause tätig

3 gemeinsame Mahlzeiten

Klienten helfen in der Landwirtschaft

Motivation für BWF: Teil des Lebenskonzeptes, den Hof zu erhalten (Erbhof der

Frau) und in Großfamilie zu leben

Zuverdienst in Heimarbeit

Soziales Engagement

BWF seit 1998

Klient Herr D.: 61 Jahre: wohnt mit im neuen Wohnhaus, etwas

abgetrennt von der Hauptwohnung.

Klient Herr P.: 76 Jahre: wohnt im Blockhäuschen mit eigener Dusche u.

WC.

Älteres Ehepaar wohnt im alten Bauerhaus, das

privat in Pflege: behindertengerecht renoviert

(Frau körperbehindert) wurde.

(Davor Pflege der Mutter von Frau Y)

Gelegentlich noch einen BWF- Urlaubsgast im neuen Wohnhaus.

Einbindung in Es gibt keine direkten Nachbarn. Die Familie engagiert

die Umgebung: sich wenig im Dorfleben.

Durch den Eierverkaufen und die Reiter herrscht allerdings

reges Leben auf dem Hof.

Charakteristika Familie Y

Familie Y besticht durch eine herzliche, warme und großzügige Art.

Herr Y hat einen humorvollen Umgang mit den Klienten. Bei aggressiven Verhalten von

Klienten, kann er allerdings an seine Grenzen stoßen.

Die Familie ist stark auf ihren Ruf in der ländlichen Gesellschaft bedacht, was zu Problemen

mit in sozial auffälligen Klienten führen kann (z.B. Diebstahl im Dorfladen)

Das am Hof orientierte Lebenskonzept hat sich parallel mit der BWF- Tätigkeit weiter

entwickelt und sich gegenseitig beeinflusst.


Die Familie hat sehr viel Erfahrung im Umgang mit den Klienten erworben und die Fähigkeit

entwickelt, sich auf unterschiedliche Klienten einzustellen und je nach Bedarf motivierend

oder beruhigend einzuwirken.

Sie sind bereit für die jeweiligen Klienten klare Strukturen anzubieten, die sich sowohl an

deren Erfordernissen orientieren als auch an den Bedürfnissen der Gastfamilie.

Herr und Frau Y arbeiten sehr selbstständig mit den Klienten, bleiben jedoch offen für

Anregungen und Kritik. Sie haben sich als verlässlicher, kooperativer Ansprechpartner

erwiesen.

Sie benennen ihre Grenzen und schützen sich vor Überforderung

Weitere Charakteristika

Neben den hervorgehobenen Charakteristika der Beispielfamilien fielen den

Autoren bei den anderen näher betrachteten Familien folgende Charakteristika auf

bzw. wurden von den Workshopteilnehmern benannt:

- deutliche finanzielle Abhängigkeit

- das Familienleben wird von der Klientenbetreuung abgetrennt, eher

distanzierte Begegnung

- Grenzüberschreitungen vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer

funktionierenden Gesamtorganisation bzw. eines Bedürfnisses nach Kontrolle

Häufungen

Folgen Charakteristika waren häufig festzustellen:

- Erfahrung

- BWF als wichtiger Teil des Lebenskonzepts, bzw. Familie als eine Art

autonomer Betrieb

- Klare Strukturen

- Selbstständiges Arbeiten, bis hin zu schwer korrigierbar

- Durchgehende Anwesenheit zu Hause

- Flexibilität (auf unterschiedliche Klienten einstellen, den Lebensraum den

Klienten anpassen)

- Offenes Haus

- Starke Familienvernetzung

- sehr belastbar, aber auch Gefahr der Überforderung

- starke Erfolgsorientierung


Was heißt das für unsere Arbeit mit “Superfamilien“ im BWF?

Notizen der insgesamt 6 Arbeitsgruppen


Die Haltung der Autoren, basierend auf der VSP Teamdiskussion

- Bei den Charakteristika gibt es Häufungen, die jedoch nicht generell auftreten

und nicht spezifisch für “Superfamilien“ sind.

- Die Familien sind meist sehr leistungsfähig und erfolgreich im Sinne der

Klienten (Beheimatung oder Verselbstständigung).

- Es ist nicht sinnvoll Familien mit bestimmten Charakteristika von vorneherein

auszuschließen, sondern es sollte eine Sensibilität für potentiell auftretende

Problemfelder entwickelt werden, um entsprechend intervenieren zu können.

Förderung der Sensibilität durch:

> Entsprechende Fragen bei der Familienaquise

> Selbstreflexion, kollegialer Austausch, Supervision

> regelmäßige Doppelhausbesuche

> Das Thema Achtsamkeit, bei den Hausbesuchen angehen (bzgl. der Familie

selbst, der Klienten, der Betreuungssituation)

Potentiell auftretende Problemfelder:

o Selbstsorge bzw. Überforderung (Überforderung = Tabuthema)

o Ist schon im “Normalbetrieb“ die Belastungsgrenze erreicht, gibt es noch Zeit für

Krisen?

o Klienteninteressen gehen unter, Funktion des Gesamtsystems steht im

Vordergrund


o Der Mitarbeiter wird nicht als Berater in allen BWF- Angelegenheiten anerkannt

sondern rutscht in die Rollen, des “Kaffeetrinkers“ und “Feuerlöschers“.

o Nicht abgesprochenes Handeln gegen BWF- Interesse, Verschweigen von

Problemen

o hoher persönlicher Erfolgsdruck, hohe Erwartung an “Heilung“

Interventionsmöglichkeiten:

Im Vorfeld beachten, welche Klienten in “Superfamilien“ passen.

Kontext und Auftragsklärung (Wer stellt sich was unter BWF vor und wer hat

welche Aufträge an wen?)

Auftretende Problemfelder bei den Familien ansprechen, klare

Rückmeldungen geben, Reflexionsbereitschaft wecken.

Zur Inanspruchnahme der betreuungsfreien Zeit ermutigen

die Familien begrenzen, d.h. keine weiteren Aufnahmen (BWF, Pflegekinder,

private Pflege). Unsere direktiven Möglichkeiten halten wir allerdings in der

Praxis für sehr begrenzt.

Gegebenenfalls Klienten bzw. BWF- Interessen einfordern

Resümee

Die Relevanz des Themas wurde durch das große Interesse (etwa 2 x 30

Teilnehmer) und die rege Mitarbeit, sowie durch die Wortbeiträge bestätigt. Die

Beiträge der Arbeitsgruppen stimmen weitgehend mit den Erfahrungen des VSP-

BWF- Teams überein und ergänzen diese.

Perspektiven

Die Autoren werden auf der Grundlage des Workshops die Diskussion im Rahmen

einer Arbeitsgruppe des VSP- BWF- Teams weiterführen, mit dem Anspruch, einen

Leitfaden im Umgang mit „Superfamilen“ zu entwickeln.

Nachtrag

Eine zwischenzeitlich nähere Betrachtung von 2 Superfamilen in der

Teamsupervision hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Es zeigte sich, dass die

zugrundeliegenden psychodynamischen Aspekte sehr unterschiedlich sein können.

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