Die Theater Chemnitz

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Die Theater Chemnitz

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JAHRE

FIGURENT HEATER

IN

CHEMNITZ


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KROKODIL

WA ICH

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DIE SES

Es war einmal ein Krokodil. Das hatte sich fürchterlich verschwommen

und war in einem Fluss namens Chemnitz gelandet, der durch eine Stadt

floss, die ebenso hieß. Das Krokodil war sehr, sehr traurig und weinte

große, bittere Krokodilstränen. Dieses Krokodil war ich.

Und da war noch ein Mann. Der ging am Chemnitzfluss spazieren und

hörte mein Wimmern und Wehklagen. Nach einigem Suchen fand er mich

zusammengekauert unter der Hartmannbrücke. Damals, 1951, wusste ich

natürlich noch nicht, dass die Brücke Hartmannbrücke hieß und dass ich

45 Jahre später ganz in der Nähe wohnen würde. Der Mann wickelte

mich vorsichtig in einen roten Schal, den er zum 1. Mai getragen hatte,

und nahm mich mit nach Hause. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen.

Es war warm und gemütlich, eine Frau war auch da, die Hanna, und ich

lernte viele nette Leute kennen – den Kasper, die Gretl, die Großmutter,

den Polizeier und – na ja – den Teufel auch.

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Der Gerhard, so hieß der Mann, erklärte uns, dass er bald ein Puppentheater gründen wolle, und alle, auch

ich, dürften mitspielen. Da war die Freude groß, und nach und nach kamen immer mehr Leute mit manchmal

komischen Namen hinzu. Pedrillo, Blondchen, Bassa Selim. Außer dem Gerhard und der Hanna gab es noch

viele andere Mitarbeiter. Und jeden Tag wurde geprobt, geprobt und wieder geprobt. Genau wie ein Mann

namens Lenin es gesagt hatte. Da verstand ich den Ausspruch: “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Gerhard und Hanna hatten den Auftritt von einem Mann miterlebt, der sehr weit weg wohnte, in der Sowjetunion.

Sie mussten irgendwie miteinander verwandt sein, denn ab und zu hörte ich sie vom „großen Bruder“

sprechen. Dieser „große Bruder“ also hieß Sergej Obraszow und war ein weltberühmter Puppenspieler. Und

genau so professionell und künstlerisch wie dem Sergej sein Puppentheater sollten ganz viele neue Bühnen

in der ganzen jungen Republik werden. Und Chemnitz durfte, weil es da ja schon Erfahrungen von dem

Gerhard und der Hanna mit Marionettenspiel für Schüler gab, den Anfang machen.

K

IST

SCHÖN

U NST

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6

Der große Tag rückte immer näher, und ich wunderte

mich sehr, dass andere viel öfter zur Probe durften

als Kasper, Gretl und ich. Damals war das noch ein

Privileg, und alle Darsteller bemühten sich sehr, es

dem Mann, der vorne saß und der der Bestimmer

war, recht zu machen. Und dann war es soweit –

3. Dezember 1951!

Mit großem Tamtam und Getöse, in Anwesenheit

der Stadtoberen, Vertretern von Partei und Staat und

auch einigen ganz normalen Menschen wurde die

Puppenbühne Chemnitz feierlich eröffnet.

Aber was soll ich euch sagen?

Der Kasper, die Gretl, die Großmutter,

der Polizeier, der Teufel

und ich, wir mussten in der Kiste

bleiben. Wieder weinte ich dicke

Krokodilstränen. Selbst den Teufel

habe ich vor sich hin schluchzen

gehört. Sie haben nämlich

eine Oper gespielt – im Puppentheater!

– „Die Entführung aus

dem Serail“ von einem anscheinend

ziemlich verrückten Mann

mit dem lächerlichen Namen

Wolfgang Amadeus Mozart. Das

war hart, sag’ ich euch. Aber der

Gerhard und die Hanna haben’s

wieder gutgemacht. Denn von

nun an gab es mehr und mehr

Aufführungen in Kindergärten,

Schulen, Kultursälen und anderen

Kammern der Stadt und im

ganzen Umland, in denen wir

alle viel zu tun hatten.

DIE P

WIRD

U PPEN-

BÜHNE ERÖFFNET


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Im Jahre 1953 geschah dann etwas wirklich Merkwürdiges. Plötzlich

war wieder der Name eines Mannes in aller Munde: Karl. Ich

habe ja die Zusammenhänge nicht so recht verstanden, Fakt war

aber, dass die Stadt auf einmal Karl-Marx-Stadt hieß. Vielleicht

war das ja auch so ein berühmter Puppenspieler wie der Sergej.

Der Fluss allerdings hieß weiterhin Chemnitz. Das verstehe wer

will, mir war’s schnuppe. Allerdings hatte es auch seine Vorteile.

Denn wahrscheinlich auf Betreiben von diesem Karl Marx

zog das kleine Ensemble im März 1955 unter dem Namen

Städtische Puppenbühne Chemnitz – äh, Karl-Marx-Stadt in

das Haus am Schillerplatz.

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich in diesem Haus,

das eigentlich nur als Interimsspielstätte gedacht war,

also mehr so vorübergehend, ganze 40 Jahre vorübergehend

Theater spielen sollte. Aber erstmal war’s toll, eine

eigene Bühne zu haben, und wir spielten für tausende und

abertausende von Kindern.

Es wurden immer neue Stücke auf die Bühne

gebracht, und ich lernte immer mehr neue Leute

kennen – die Regentrude, den Herrn Oberkatz

und Fräulein Müsli, Egon, Kalle, Iwan usw. usw.

Ja, sogar Gastspielreisen ins Ausland wurden

gemacht, bis hin in die Tschechoslowakei! Und

weil das für die Kinder so gut lief, dachten wir

uns, dass die Erwachsenen auch ihre Freude an

unserem Theater haben sollen, und brachten 1960

„Mit 100 Sachen in die Hölle“ heraus. Damit rasten

wir dann beim II. Internationalen Festival der

Puppentheater in Bukarest mit 100 Sachen zum

Erfolg. Soll heißen zur Bronzemedaille. Müssen

wohl noch zwei schneller gewesen sein als wir.

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1 9 6 5 1 9 7 1

Es ging in dieser Zeit häufig um so

Sachen, die mir ehrlich gesagt ziemlich

schnuppe waren – Klassenkampf,

sozialistisches Menschenbild, pädagogische

Inhalte. Ich war Künstler!!!

Und selbst Stücke, in denen Klassenkampf

drin war, wie z. B. „Iwan und

seine Brüder“ 1965, habe ich mit den

Augen des Künstlers gesehen, alles

andere war mir „wurscht“, wie Kasper

sagen würde.

1966 lernte ich dann, dass der Chef

nicht ewig Chef bleibt. Es kam nämlich

ein neuer – der erste Manfred.

Wenn ich heute mal eine Minute

frei habe, was – wie ihr euch denken

könnt – selten genug der Fall ist,

dann komme ich doch immer wieder

darüber ins Grübeln, was es wohl mit

dem Namen Manfred im Zusammenhang

mit dem Puppentheater auf sich

haben könnte. Diesem Manfred, der

von 1966 – 1970 Chef war, sollten

nämlich bis heute noch zwei weitere

folgen. Ist schon merkwürdig.

1 9 6 6

1971 kam dann aber erstmal der Peter.

Der war Spieler und Autor und

Regisseur und hatte uns viele witzige

und lehrreiche Texte geschrieben.

Die 1970er Jahre waren für mich und

das Puppentheater Karl-Marx-Stadt,

wie wir inzwischen hießen, eine interessante,

erfolgreiche und – äh, wie

nennt man das heute? Ach ja, – kreative

und innovative Zeit. Der jetzige

Manfred sagt immer: die Jahre

danach. Er meint, nach den Beatles,

was mir genauso wurscht ist wie das

mit dem Klassenkampf.

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ES GAB

P R EISE

E H RUNG EN

UND

Also in den 1970er Jahren kam nämlich wieder ein Carl,

mit C. Der war „Staatspreisträger für Volkskunstschaffen“

(ja ja, sowas gab’s). Der war aber auch ein legen-

därer Puppenspieler und -bauer aus Dresden-Radebeul.

Und der hat immer „Das Puppenspiel vom Dr. Faust“ geschnitzt

und inszeniert. Für unsere Aufführung, die der Carl

mit C 1976 gemacht hat, gab’s Preise und Ehrungen, Gastspiele

im In- und Ausland – immer mehr so rechts auf der Landkarte.

Der Carl mit C hat mal gesagt, ich zitiere: „Puppen sind kein anspruchsloses Spielzeug, sondern

konsequente Verkörperung eines Typs.“ Und das hat er auch mit Konsequenz durchgezogen! Ich

musste, ehrlich gesagt, beim Anblick seiner Puppen immer an Streuselkuchen denken. Nichts

für ungut, Carl, ich muss das hier ein bisschen auflockern, du verstehst. Übrigens war dieser

„Dr. Faust“ eine Aufführung für Erwachsene und sowas wie der Startschuss zum Aufbau eines

regelmäßigen Erwachsenenspielplans.

Sogar im TV, damals hieß das noch Fernsehen, sind wir aufgetreten. Wahrscheinlich sind TV und

Fernsehen aber doch was Verschiedenes. Im TV sieht man ja so gut wie gar kein Puppentheater

mehr, bloß noch Trixfilme.

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Also Leute, bis dahin hatte ich ja, bis

auf ein paar Sachen, die mit Politik

zu tun hatten, immer alles irgendwie

verstanden, was an unserem Puppentheater

vor sich ging. Im Jahre 1981

allerdings habe ich zum ersten und leider

nicht zum letzten Mal an meinem

künstlerischen Verstand gezweifelt.

Nicht genug, dass man jetzt andauernd

für Erwachsene spielen wollte.

Nein! Jetzt mussten auch noch richtige

Menschen mit auf die Bühne – also

SCHAUSPIELER! In der „Göttlichen

Komödie“ haben doch tatsächlich zwei

Schauspieler vom „richtigen Theater

mitgespielt. Soll sehr erfolgreich gewesen

sein, auch die Kritiken waren

super. Ich kann nichts weiter dazu sagen,

ich war noch nicht soweit. Bin in

meiner Kiste geblieben.

1 9 8 1

Und kaum hatte ich mich wieder heraus

gewagt, weil ich dachte, das Schlimmste

wäre überstanden, da tauchte 1983

plötzlich so ein Typ mit Bart und Zopf

auf. Noch ein Manfred! Wie sich herausstellte

ein abgebrochener Schauspieler,

der natürlich alles besser wusste

und das Rad jeden Tag neu erfinden

wollte. Ich habe sofort gemerkt, dass

man diesem Typen ganz schnell zeigen

musste, wo die Marionette hängt. Und

zack!, musste er als erstes den Huldbrand

in „Undine, die Wassernixe“

spielen und wurde schlagartig ruhiger.

Allerdings nicht lange, das entspricht

nicht seinem Naturell.

Der Chef jedenfalls, der übrigens immer noch der Peter war, hatte wohl einen Narren an ihm gefressen, und irgendwie war ja

auch was dran an seiner unkonventionellen Sicht auf das Puppentheater. Der Peter hat also dann den Manfred mit dem Zopf

auch Regie führen lassen und überhaupt durfte er überall reinreden. Mir ging’s ja so ziemlich auf die Zacken, wenn ich ehrlich

sein soll. Aber mit der Zeit hat der Manfred mit dem Zopf begriffen, worum’s uns ging, und wir haben begriffen, worum’s ihm

ging. Und langsam aber sicher hat sich unser Theater in den 1980er Jahren verändert. In den Zeitungen stand was von „zeitgemäß“,

„gesellschaftskritisch“ und „künstlerischem Profil“. Selbst die Fachkollegen, ihr wisst schon, die, die nur immer rummäkeln,

haben uns ernst genommen. Und im THEATER DER ZEIT, der Fachzeitschrift für’s „richtige Theater“, stand 1986

über die Inszenierung „Striptease“, die der Manfred mit dem Zopf gemacht hatte: „… ein ganz schönes Stück Innovation für das

Puppentheater des Landes und für dieses Ensemble im Speziellen. Eine tiefe Verbeugung vor diesem Wurf.“

Glücklicherweise haben auch Kasper, Gretl und ich viel zu tun gehabt. Zuerst dachte ich schon, wenn das so weiter geht, dann

werden wir arbeitslos. Aber so was gab’s da erstens noch nicht, und zweitens hat der Manfred mit dem Zopf ziemlich schnell

kapiert, was wir für „künstlerisches Potential“ haben, wie er das immer nennt.

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1987 wurde dann endlich einer mit dem passenden Namen Chef – der Hans.

ICH WAR ZUM

E R STEN

MAL

IM

WES T E N

Hans war schon Lange da (Achtung Insiderwitz!). Hatte viele Texte geschrieben und oft Regie geführt. Jetzt führte er das Puppentheater

und unterstützte und förderte den Manfred mit dem Zopf ebenso wie vor ihm der Peter.

Ungefähr zu dieser Zeit war ich auch zum ersten Mal im Westen, also mehr so links auf der Landkarte. Und natürlich nicht nur

ich, sondern alle! Wenn einer in dem Stück nicht drin war, das nach diesem Westen fahren sollte, dann wurde er eben reinbesetzt.

Also ich muss sagen, mir hat’s gut gefallen. Vor allem, weil es da auch viele Krokos und Kasper gab, mit denen ich mich austauschen

konnte. Natürlich rein künstlerisch! Sorgen haben wir uns aber um den Manfred mit dem Zopf gemacht. Wir hatten den

Eindruck, dass es ihm dort besser gefallen hat als zu Hause. Deshalb waren wir auch alle sehr froh und erleichtert, als er dann

eine halbe Stunde vor der Rückfahrt doch noch kam.

Ende der 1980er Jahre zählte das Puppentheater 27 Mitarbeiter. Eine ganze Menge, wenn man bedenkt,

dass wir heute noch 9 sind. Wahrscheinlich waren das dem Hans einfach zu viele Leute, zu

viel Stress. Oder aber er hat geahnt, was da 1989 auf ihn zukommen würde. Jedenfalls hat er seinen

Chefposten in diesem Jahr abgegeben. Wieder an einen Manfred!

Ein großer, kräftiger Mann, der auch schon lange da war. Als Spieler, Regisseur und künstlerischer

Leiter, und der sich sehr gut mit dem Manfred mit dem Zopf verstanden hat – wen wundert’s?

Der Herbst 1989 war für mich äußerst verwirrend. Ich musste mit zur Demo, was ja gar nicht

so mein Ding war. Aber diesmal war’s irgendwie anders als zum 1. Mai beim großen Kopf vom

Karl mit K. Es redete zum Beispiel nicht nur einer, sondern alle schrien immerzu „Wir sind das

Volk“, woran ja meiner Meinung nach kein Mensch jemals gezweifelt hatte. Und dann lag da eine

unglaubliche Spannung in der Luft, als würde gerade was ganz Wichtiges passieren wie zu einer

Premiere. Die Oberen hatten sogar Polizei mit Hubschraubern geschickt, mal abgesehen von den

ganzen Autos und so. Der Kasper meinte auch, dass das nicht geheuer wäre und dass sich die Spannung

bald entladen müsste.

Und so war’s dann auch. Die Stadt hieß plötzlich wieder Chemnitz und das Puppentheater natürlich

auch. Ich hab’ bis heute keine Ahnung, was der Karl mit K verbrochen hat, aber so schlimm kann’s

nicht gewesen sein. Den großen Kopf, den haben sie nämlich stehen lassen.

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Der große, kräftige Manfred, der jetzt Chef war,

hatte enorme Probleme zu lösen. Überall wurden

Puppentheater „abgewickelt“. Was soviel hieß

wie geschlossen – Ende, aus, vorbei! Die neue

Regierung im neuen Chemnitz wollte aber das

Puppentheater nicht „abwickeln“. Wäre ja auch

ein ewig langer Faden geworden, in dem sich

so mancher hätte verheddern können. Vielleicht

hatten sie aber auch nur Angst, dass die Leute

wieder „Wir sind das Volk“ rufen und sich das

nicht gefallen lassen würden. Für mich sah es

ganz so aus, als wäre jetzt die Interimszeit vorbei

und das Projekt „Neues Puppentheater“, das

schon seit Peters Anfangszeit in der Schublade

lag, würde jetzt – wie geplant – auf dem Rosenhof

verwirklicht. Ich wusste eben nicht, dass es

ganz andere, viel größere Probleme gab. Zum

Beispiel kriegten bald alle neues Geld. Die Puppenspielerinnen

konnten sich jetzt die Luxseife

selber kaufen, die sie sonst immer zu Weihnachten

geschickt bekommen hatten. Aber von dem

neuen Geld war scheinbar noch weniger da als

von dem alten. Das Projekt Rosenhof blieb jedenfalls

genauso unsichtbar wie in den vergangenen

40 Jahren.

Es passierte einfach zu viel auf einmal. Mir drehte

sich schon alles im Kopf vor Angst, dass dabei

die Kunst auf der Strecke bleiben könnte.

Der rettende Anker war dann 1993 das „richtige Theater“. Das gab’s in

der Stadt auch schon lange – Oper, Schauspiel, Philharmonie, Ballett und

jetzt auch noch Puppentheater unter einem Dach – bildlich gesprochen.

Man nennt das dann „Sparten des Theaters“, hat mir der große, kräftige

Manfred erklärt. Ich war total erleichtert. Endlich konnten wir uns wieder

der Kunst widmen.

E N DLI CH

DER

KU N S T

Für den großen, kräftigen Manfred war es aber nicht so einfach. Er hatte nämlich

jetzt noch einen über sich, den Rolf. Der hieß Generalintendant. Bisher hatte der

große, kräftige Manfred ja immer nur welche unter sich gehabt. Ich glaube, dass

er das nicht so toll fand, und deshalb im Jahr 1995 dem Manfred mit dem Zopf

die ganze Sache übergeben hat. Obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, dass

der Manfred mit dem Zopf auch so seine Schwierigkeiten mit welchen über sich

hatte – muss wohl am Namen liegen. Aber erstaunlicherweise ist er mit dem Rolf

über ihm im Großen und Ganzen gut klar gekommen. Jedenfalls sieht’s von heute

aus betrachtet so aus. Das lag ganz bestimmt daran, dass der Rolf über ihm das

Puppentheater nicht behandelt hat wie das 5. Rad am Wagen, was gar nicht so

selbstverständlich war. Ich hab da Sachen von anderen Theatern gehört ...

WIED ER

W IDM EN

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E I NZUG

IN

LUX O R DEN

P A LAST

Und dann kam Heiner! Der hatte offenbar

ziemlich viel von dem neuen Geld und

wollte von der Stadt einen Palast haben,

damit er darin Filme abspielen konnte.

Da hat die neue Regierung von Chemnitz

super clever reagiert und gesagt: „Okay

Heiner, kannst du haben. Gib uns so und

so viel von dem neuen Geld und baue in

den Palast noch ein schönes Puppentheater

rein, und wir sind uns einig.“ Und der

Heiner hat sich gedacht, die Welt kann

so ein Puppentheater ja nicht kosten, und

hat unterschrieben. Als wir ihm dann

erklärt haben, was alles dazugehört zu

einem professionellen Puppentheater, ist

er ganz blass geworden. Aber abgemacht

ist abgemacht!

1996 war der Heiner dann mit dem Palast

fertig, und der Manfred mit dem

Zopf ist mit seiner ganzen Truppe – jetzt

waren es nur noch 15 – nach 40 Jahren

Interimslösung in das neue Puppentheater

im Luxorpalast eingezogen. Es war

alles super! Bis auf zwei Kleinigkeiten:

Man hörte schlecht, und man sah nicht

gut. Dazu kam, dass es in den Garderoben

feucht und schimmelig war und dass

ich den wunderbaren Fischgeruch aus

der Betriebsküche im Haus am Schillerplatz

vermisste. Bei aller Cleverness hatte

die Regierung von Chemnitz bei den

Verhandlungen nämlich vergessen, dem

Heiner zu sagen, dass im neuen Puppentheatersaal

keine Filme abgespielt werden

sollten. Ich will ja niemandem zu

nahe treten, aber mir scheint, dass die

Damen und Herren immer noch nicht

gerafft hatten, dass es schon seit Jahren

einen gut funktionierenden Abendspielplan

gab. Deshalb hatte das der Heiner

natürlich auch nicht auf dem Schirm und

ließ den Saal so bauen, dass abends immer

Filme abgespielt werden konnten.

Was dann obiges Dilemma von schlecht

Hören und Sehen im Puppentheater zur

Folge hatte. Abgesehen davon, dass

abends gar nichts mehr ging außer Filmen.

Aber wer will das schon, wenn man

dafür Puppentheater haben könnte.

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2001 hat es dann der Manfred mit dem

Zopf nach langen Diskussionen mit dem

Rolf über ihm geschafft, dass das Puppentheater

nicht mehr Puppentheater hieß,

sondern Figurentheater. Ich war – genauso

wie der Rolf über uns – anfangs strikt dagegen.

Figurentheater! Was für ein Quark!

Aber der Manfred mit dem Zopf hat’s uns

so oft und so überzeugend erklärt, dass

ich dann auch dafür war. Es ging nämlich

darum, dass sich das Puppentheater über

die Jahre im Allgemeinen und unseres im

Besonderen weiterentwickelt hatte. Da

wurde auf einmal mit Sachen gespielt,

mit Dingen, mit Objekten. Auch mit Menschen

und allem möglichen anderen Zeug.

Materialtheater nannte man das.

Also zu unserem Theater mit Puppen waren

all diese anderen Theaterformen hinzugekommen.

Die Leute gingen raus und

sagten: „War schön, aber Puppentheater

war das nicht.“ Das hat das Publikum irritiert.

Als wir dann Figurentheater hießen,

gingen sie manchmal raus und sagten:

„War schön irritierend. Heißt ja jetzt auch

Figurentheater.“ Inzwischen ist es ganz

normal, dass wir alle zusammen auf der

Bühne stehen, die Puppen, die Menschen,

die Objekte und so.

FIGUREN-

THEA TER

W A S

FÜ R

QUARK! EIN Der Manfred mit dem Zopf hat sich in dieser Zeit sehr mit einem Dichter aus

dem Vogtland beschäftigt. Martin heißt der, Christian Martin. Und der Manfred

hat schöne Aufführungen von dem Christian Martin zu Stande gebracht:

„Trommler“, „Igelhans“, „So rot wie Blut“ – na ja, das war nicht wirklich

schön, aber schön gruselig.

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Auch ein Musical haben wir gemacht und

über 100 Mal gespielt – sogar im Schauspielhaus.

Und Opern und „Hamlet“

usw. usw. Und auf der Landkarte haben

wir für uns völlig unbekannte Gebiete

erforscht – China, Tunesien, Schottland,

Itzehoe.

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Eines aber muss ich doch noch erwähnen.

Dafür hat sich nämlich der Manfred

mit dem Zopf den Zopf abschneiden

lassen! Damit er für die Leute

fremder aussieht, hat er gesagt.

Das war „Der kleine Prinz“ im

Juni 2006. Jetzt weiß ja jeder,

dass er das ist da auf der Bühne,

und also hat er ihn wieder

wachsen lassen. In dem

Jahr mit dem Prinzen ist dann

der Rolf über dem Manfred –

damals ohne Zopf – scheinbar in

Rente gegangen. Bald danach ist er

dann aber in Halle wieder aufgetaucht

und ist seither der Rolf über dem Christoph

vom Puppentheater Halle.

Und für den Rolf kam dann der Bernhard

mit dem Dr. über den Manfred immer

noch ohne Zopf. Der Manfred ohne Zopf

hat sich auch gleich mit dem Bernhard

mit dem Dr. angelegt. Hat aber nichts

genützt – jetzt sind wir nur noch 9 im

Ensemble.

Mit der Zeit hat der Manfred – jetzt wieder

mit Zopf – aber kapiert, wie das läuft

mit dem Bernhard mit dem Dr. Und vielleicht

hat der Bernhard mit dem Dr. auch

ein bisschen besser verstanden, wie das

läuft mit dem Manfred mit dem Zopf unter

ihm. Jedenfalls klappt’s jetzt gut.

Na ja, und dann kam’s dieses Jahr im

Sommer noch mal ganz dicke! Wir hatten

uns in dem Palast gut eingelebt in

den letzten 15 Jahren, und ich fühlte

mich recht wohl in den warm-feuchten

Kellern in der Nähe des Flusses.

Da hat der Heiner plötzlich beschlossen,

dass er pleite ist. Er hätte mit dem inzwischen

übrigens schon wieder neuen Geld

mehr Ausgaben als Einnahmen – Palast

geschlossen!

Aber da ging was ab, sag ich euch. Angefangen

vom Bernhard mit dem Dr. über

uns haben alle Leute an diesem großen

Theater so lange am Rad gedreht, und

die Werkstätten und Techniker haben

den ganzen Sommer über geschuftet, bis

uns dieser verdammte Palast gestohlen

bleiben konnte.

Und jetzt, nach 60 Jahren, sind wir endlich

in einem richtigen Theater angekommen.

Figurentheater im Schauspielhaus!

Klingt gut, was? Ist auch gut!

Liebe Grüße, Euer Kroko.

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60

JAHRE

FIGURENT HEATER

IN

Fotoliste

CHEMNITZ

S. 4 Gerhard Diezmann mit dem Dachs aus „Das Waldmärchen“, April 1953

S. 5 Pedrillo und Blondchen aus „Die Entführung aus dem Serail“, Dezember 1951

S. 6 Der Dirigent aus „Die Entführung aus dem Serail“, Dezember 1951

S. 9 Egon und Hugo Leichtsinn aus „Mit 100 Sachen durch die Hölle“,

September 1960

S. 13 Mephistopheles aus „Das Puppenspiel vom Doktor Faust“, April 1976

S. 14 Adam und Eva und Engel B (Gerd Preusche) in „Göttliche Komödie“,

Mai 1981

S. 14 „Undine, die Wassernixe“, Oktober 1983

S. 15 „Striptease“, Juni 1986

S. 20 Das Ensemble vor dem Luxorpalast: (von links) Jan Mixsa, Alexandra

Blank, Martin Vogel, Katja Bär, Gerlinde Tschersich, Renate Nobis,

August 1996

S. 22 Schneewittchen und Königin aus „So rot wie Blut“, März 2006

S. 23 Martin Vogel (Trommler) und Alexandra Blank (Hexe) in „Trommler“,

Oktober 1995

S. 24 Orin, der Zahnarzt, aus „Der kleine Horrorladen“, Februar 1998

S. 25 Gertrud (Uschi Marr) und Hamlet (Martin Vogel) aus „Hamlet“, Februar 2001

S. 25 Judith Kuhn als Rusalka und ihr Puppen-alter-ego aus „Rusalka“, Oktober 2009

S. 26 Manfred Blank in „Der kleine Prinz“, Juni 2006

Mit freundlicher Unterstützung von:

Impressum

Herausgeber

Städtische Theater Chemnitz gGmbH

Generalintendant Dr. Bernhard Helmich

Spielzeit 2011/12

Fotos

Das KROKO hat Dieter Wuschanski fotografiert.

Die übrigen: Archiv und Dieter Wuschanski

Geschichte des KROKO

Manfred Blank

Konzept und Redaktion

Ulrike Kölgen, Fritz Frömming

Design

artworx! Büro für grafische Gestaltung

Druck / Verarbeitung

Druckerei Gröer

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