Apnoe-Taucher Herbert Nitsch schlägt alle Tiefen ... - Horizont

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Apnoe-Taucher Herbert Nitsch schlägt alle Tiefen ... - Horizont

herbert nitsch

Mentalarbeit. Angst, wenn der Meeresgrund plötzlich tiefblau

wird? Panik im Dunkeln? Sorge, dass das Flugzeug abstürzen

könnte? Wir alle haben diese Ängste. Zum Teil sind es Urängste,

zum Teil individuell herangezüchtete. Doch eines haben sie alle

gemeinsam: Man kann sie überwinden. So wie man alles überwinden

kann, jede Hürde, jede Grenze.

Beyond Limits – jenseits der Limits: Das ist die Welt des

Herbert Nitsch. Er ist Österreichs Vorzeige-Apnoe-Taucher:

Ohne Sauerstoffflasche hat er den unglaublichen Weltrekord

von 214 Metern im Free Diving gestellt, das ist um 54 Meter

tiefer, als bisher der beste Freitaucher weltweit geschafft hat.

Und es soll noch mehr werden. Es gibt zwar keinen Gegner

mehr in dieser Tiefe, aber Nitsch misst sich am liebsten an sich

selber. Neun Minuten schafft er es, unter Wasser die Luft anzuhalten.

Das allein ist noch nicht die Kunst. Viel schwieriger ist

es, mit dem Druck in dieser bereits stockdunklen Tiefe zurechtzukommen.

Eine Sphäre, die ein menschliches Wesen bisher

noch nicht betreten hat. „Es gab sogar schon Mediziner, die mir

nicht geglaubt haben, dass ich dort unten war, weil es für die

Forschung bis dato noch als biologisch unmöglich gilt“, erzählt

der braungebrannte, athletische Taucher. Er ist „The deepest

man on earth“. Er kommt gerade frisch aus Kapstadt. Vom Free-

Diving – woher sonst?

Um sechs Uhr morgens piepst das Handy. Es ist Nitsch, der

sich vor dem Schlafengehen noch einmal erkundigt, ob der Termin

heute Mittag noch steht. Ein Nachtgespenst. Ein Lebemann,

der dem Lifestyle frönt, wo er nur kann. Wer Askese und einen

unter Dauertraining und Anabolika-Diät stehenden Mann vermutet,

irrt gewaltig. Alkohol? „Na klar“, grinst er breit, „schließlich

hat ein Rausch durchaus seine Ähnlichkeit zum Tiefenrausch.“

Bei beidem gilt es, seine Sinne und Reaktionen im Extremfall zu

kontrollieren. Und genau hier dürfte sein Erfolgsrezept liegen.

Viele Ängste sind unlogisch

In der Tiefe nimmt der Druck auf Lunge und Gefäße immer

mehr zu, dadurch wird auch der Stickstoffanteil in der Atemluft

narkotisch, und zwar schon ab 40 Metern – der bekannte Tiefenrausch.

Beim zu schnellen Auftauchen wiederum besteht die

Gefahr der Übersättigung des Blutes mit Stickstoff, was zu dessem

Ausperlen führen kann – der Taucherkrankheit. In der Tiefe

muss also zwei Dingen getrotzt werden: zum einen dem Atemreflex,

der einen bei Luftknappheit möglichst schnell an die

Oberfläche drängen würde, aber auch dem Tiefenrausch. Beides

körper ei gene Reflexe. Tödliche. Deshalb gilt es, sie aktiv wegzutrainieren,

ähnlich einer nächtlichen Polizeikontrolle, bei der

man sich bei einem kleinen Spitzerl auch zusammenreißt. Einfach?

Ja und nein. Ja, weil es im Grunde jeder könnte. Nitsch

selber sieht sich – entgegen vieler Meinungen – überhaupt nicht

als physiologisches oder mentales Wunder. Nein, weil es einer

gewaltigen Selbstdisziplin und vor allem Selbstreflexion bedarf,

um Angst- und Panik-Reflexe durch tiefe, aber hochkonzentrierte

Entspannung nahezu automatisiert ausschalten zu können.

Einmal ist er sogar schon unter Wasser kurz eingeschlafen vor

lauter Entspannung – allerdings nach drei durchgefeierten

Nächten. Er grinst wieder. Und zeigt Zähne. Ob er niemals

Angst hat, dass er es nicht schaffen könnte? Dass etwas schief

geht, alleine dort unten? „Allein aus physiologischen Gründen

darf ich diesen Gedanken schon gar nicht haben, da er Stress

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erzeugt. Der wiederum hat eine Adrenalinausschüttung zur

Folge, die den Sauerstoffverbrauch erhöht. Dadurch könnte

mein restlicher Sauerstoff nicht ausreichen, den Tauchgang gut

zu beenden.“ Hat er also überhaupt keine Angst? Nie? Klar.

Als Kind habe er genauso Panik bekommen, wenn das Wasser

unter ihm plötzlich dunkel wurde. Aber das sind unlogische

Ängste. Er hat gelernt, sich ihnen zu stellen, ihnen nicht nachzugeben:

„Nur wenn ich die Angst, eine Hürde, überwinde,

komme ich weiter.“ Wenn ihn ein Hai anpeilt, schwimmt er

ihm entgegen. Haut er immer noch nicht ab, tritt er ihm ins

Gesicht – möglichst allerdings nicht direkt ins Maul. „Manche

Menschen werden in Extremsituationen panisch, ich werde

extrem ruhig und konzentriert. Für Angst ist kein Raum, aber

der nötige Respekt ist überlebensnotwendig.“

Nitsch war 16 Jahre lang Linienpilot bei Tyrolean und AUA

und als Kapitän verantwortlich für tausende Passagiere. Sein

Alltag bestand all die Jahre aus dem Durchexerzieren von Worst-

Case-Szenarien, aus Checklisten für Fall A, B, C, D, E … „Auch

beim Tauchen lege ich denselben Wert auf Sicherheit und Perfektion.

Ängste gehe ich zu einem Großteil sehr analytisch an.“

Strömung analysieren, Begleitcrew

auswählen, Equipment checken …

„Wenn das Setting passt und ich mich

auf die Crew zu 100 Prozent verlassen

kann, dann kann ich mich entspannen.“

Draufgänger agieren anders.

Stoische Ruhe statt Panik

Zum 40. Geburtstag bekam der Tyrolean-Kapitän

übrigens einen „Golden

Handshake“ – weil er schon zu den Herbert Nitsch

„Alten“ gehörte, wie er erzählt, „und

„The deepest man on earth“. Der

den hab ich genommen und bin gelau-

Wiener Apnoe-Taucher setzte einen

fen.“ Wohin? „Ich hab die letzten Jahre

neuen Weltrekord von 700 Fuß im

schon nur noch Teilzeit gearbeitet und

Freediving, ohne Sauerstofflasche.

war die Hälfte des Jahres in der Luft,

Eine Tiefe, die menschliches Leben

die andere Hälfte im Wasser. In Zukunft

nicht mehr zulässt. Seine Erfahrung

wird das Element Wasser eindeutig

als langjähriger Pilot hilft ihm

dominieren. Es geht mir nicht nur um

dabei, mit Ängsten analytisch

die Wettkämpfe, ich werde einfach

umzugehen, seine mentale Stärke

immer Freediver sein.“

dabei, sich körpereigene Reflexe in

Der Start einer zweiten Karriere. Es

der Tiefe abzutrainieren.

soll ein eigenes Schiff folgen – für Seminare,

Manager, Taucher. Und er wird

weiterhin mit Vorträgen durch die Lande tingeln, ob Banken,

Ölkonzerne oder Marketingabteilungen. Sie alle nehmen seine

Art zu denken, zu leben, zu atmen als willkommene Inspiration.

Auf der „TEDx“ in Wien stand er auf der Bühne. Die Uhrenmarke

Breitling hat den Rekordhalter inzwischen als Testimonial für ihre

aktuelle weltweite Werbekampagne entdeckt. Ja, und dann heißt

es, die nächsten Wettkämpfe vorzubereiten. Ein Wettkampf

bedeutet einen Monat Training vor Ort, mit 25 Teammitgliedern.

„Training, und nichts anderes.“ Da ist er der toughe, coole, konzentrierte

Nitsch, der konsequent daran arbeitet, seine eigenen

Grenzen wieder und wieder ein Stück zu erweitern – um drei

Stufen in den nächsten eineinhalb Jahren: auf 800 Fuß, 900 Fuß

und schließlich 1000 Fuß. Das wären 305 Meter. Kostenpunkt:

eine Million Euro. Sponsoren noch gesucht.

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