Abstract - Linksreformismus

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Matthias Grünzig

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Großsiedlungen - eine Chance für eine sozial-ökologische Stadtpolitik

A. Neue Herausforderungen

- Kurzfassung -

Die Stadtentwicklung in Deutschland steht vor neuen Herausforderungen. Der

Klimawandel und die wachsenden ökologischen Probleme erfordern den Umbau hin

zu einer umweltfreundlichen und energieeffizienten Stadt. Die sozialen Probleme

verlangen eine Stadt, die der sozialen Spaltung vorbeugt. Der demografische

Wandel, vor allem die zunehmende Zahl an Senioren, erfordert Strategien für eine

altersgerechte Stadt. Die Zuwanderung wiederum verlangt eine Stadt, die die

Integration von Zuwanderern leisten kann. All diese Herausforderungen erfordern

einen nachhaltigen Umbau der Städte.

Wo gibt es also Erfahrungen, die für einen sozial-ökologischen Stadtumbau von

Bedeutung sein können? Wer sich diese Fragen stellt, der stößt schnell auf den

Stadtumbau in den neuen Bundesländern. Zukunftsfähige Ansätze sind hier vor allem

in den Großsiedlungen aus der DDR-Zeit zu finden. Mehr noch: Nach den

ostdeutschen Erfahrungen spricht viel dafür, dass die Großsiedlungen ein wichtiger

Bestandteil einer sozial und ökologisch vorbildlichen Stadt sein können.

B. Die Großsiedlungen und ihre Vorzüge

1. Nachhaltige Siedlungsstrukturen


Worin bestehen nun die Potenziale der Großsiedlungen ?

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Erstens: Die Großsiedlungen sind in der Regel sehr kompakte Siedlungen, die sich

durch eine hohe Einwohnerdichte und einen geringen Flächenverbrauch auszeichnen.

Zweitens: Viele Großsiedlungen sind fußgängerfreundliche Siedlungen. Sie

verfügen über verkehrsfreie Fußgängerwege, die fast ohne Querung des

Autoverkehrs die Wohngebiete durchziehen und an denen alle wichtigen

Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten, Kaufhallen und Ärztehäuser, angeordnet

sind.

Drittens: Ein Großteil der Großsiedlungen zeichnet sich durch eine

umweltfreundliche Infrastruktur aus. Zahlreiche Siedlungen sind durch

Fernwärmenetze erschlossen, die eine Nutzung der ökologisch sinnvollen Kraft-

Wärme- Kopplung ermöglichen. Zudem bieten viele Großsiedlungen eine sehr gute

Anbindung an den schienengebundenen Nahverkehr.

Viertens: Fast alle Großsiedlungen bieten eine gute Ausstattung mit Schulen,

Kindergärten, Ärztehäusern, Einkaufszentren, Grünflächen, Spielplätzen und

Sportplätzen. Deshalb sind die Großsiedlungen fast immer auch Siedlungen der

kurzen Wege.

2. Flexible Bausubstanz


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Wie sind nun die meist industriell gefertigten Wohnhäusern in den Großsiedlungen,

die sogenannten „Plattenbauten“, zu bewerten? Diese Gebäude haben zweifellos

etliche Schwächen, aber auch Potenziale.

Erstens: Ein Vorteil ist, dass Plattenbauten in der Regel über eine sehr solide

Bausubstanz verfügen, die zu günstigen Kosten saniert werden kann. Dank dieser

Kostenvorteile bieten Plattenbauwohnungen gute Wohnqualitäten zu günstigen

Mieten. Dieser Vorzug macht Plattenbauwohnungen auch für Zuwanderer

interessant, die oft auf preiswerte Wohnungen angewiesen sind.

Zweitens: Plattenbauten eröffnen aber auch Chancen für anspruchsvollere

Wohnformen. Denn Plattenbauten sind dank ihrer modularen Bauweise sehr flexibel.

Mit begrenztem Aufwand können differenzierte Wohnungen mit den

unterschiedlichsten Grundrissen, aber auch Terrassenhäuser oder sogar Reihenhäuser

geschaffen werden.

Drittens: Da Plattenbauten in der Regel nicht unter Denkmalschutz stehen, gibt es

hier viel mehr Möglichkeiten für einen ökologischen Umbau als bei Altbauten.

Beispielsweise ist es problemlos möglich, Plattenbauten mit effektiven

Vollwärmeschutzsystemen zu verkleiden, die gute Dämmwerte bieten. Ebenso

problemlos ist die Montage von Solaranlagen auf die Dächer von Plattenbauten oder

die Einbau von Sonnenkollektoren in die Balkonbrüstungen.

Viertens: Viele Plattenbauten bieten gute Bedingungen für das wachsende Segment


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des altersgerechten Wohnens. Vor allem die höheren Gebäude verfügen über einen

Aufzug, der das Treppensteigen erspart. Zudem ermöglichen gerade die größeren

Wohngebäude die Ansiedlung von Serviceangeboten im gleichen Haus.

Altersgerechte Wohnanlagen bieten häufig nicht nur Wohnungen, sondern auch

Pflegestützpunkte, Arztpraxen, Physiotherapiepraxen, Frisiersalons oder andere

Dienstleistungen an.

3. Eigentumsverhältnisse

Ein großer Vorteil der Großsiedlungen sind die Eigentumsverhältnisse. Denn in

diesen Siedlungen befindet sich ein großer Teil der Gebäude im Eigentum von

kommunalen Wohnungsgesellschaften und Wohnungsgenossenschaften. Diese

Eigentümer lassen sich viel eher auf gesamtgesellschaftliche Ziele festlegen als

Privateigentümer, die vor allem an der Rendite interessiert sind. Deshalb treten

gerade kommunale Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften als Vorreiter bei

ökologischen Umbauprojekten auf.

Ebenso wichtig ist ihre soziale Funktion. Während renditeorientierte Investoren in

der Regel in privilegierten Stadtteilen Luxussanierungen vornehmen und die weniger

privilegierten Stadtteile verkommen lassen, sind kommunale und

genossenschaftliche Eigentümer eher zu einer sozialen Stadtpolitik bereit.

Schließlich ermöglicht ein großer Anteil kommunaler und genossenschaftlicher

Unternehmen einen ganzheitlichen Stadtumbau, der mit zersplitterten


Eigentümerstrukturen vieler Altbauquartiere kaum umsetzbar ist.

C. Reformbedarf

Diese Beispiele vermitteln einen Eindruck davon, welche Potenziale die

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Großsiedlungen bieten. Allerdings gibt es auch Probleme, die viel mit der derzeitigen

Form des Bund-Länder-Programms „Stadtumbau Ost“ zu tun haben. Dieses

Programm verteilt die Zuschüsse für den Abriss von Wohnhäusern nicht

gleichberechtigt. Gefördert wird fast ausschließlich der Abriss von Gebäuden, die

nach 1919 errichtet wurden. Zudem sorgt es dafür, dass gerade der Abriss von

kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungen besonders lukrativ ist. Denn

diese Abrisse werden nicht nur durch die Abrissförderung, sondern auch durch eine

Altschuldenentlastung gefördert.

Diese Programmkonstruktion hatte zur Folge, dass in Ostdeutschland von 2002 bis

Ende 2007 rund 220000 Wohnungen abgerissen wurden, von denen wiederum über

80 Prozent aus der Nachkriegszeit stammten. (1) In der Praxis führte das Programm

„Stadtumbau Ost“ also zu einer Schwächung der Position der kommunalen

Wohnungsgesellschaften und der Genossenschaften.

Diese Programmkonstruktion muss im Sinne einer sozial-ökologischen Stadtpolitik

revidiert werden. Gefragt wäre mehr Flexibilität bei der Fördermittelvergabe.

Wohnungsunternehmen und Kommunen sollte eine größere Freiheit bei der

Mittelverwendung eingeräumt werden. Eine solche Reform würde viele


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Wohnungsunternehmen ermutigen, weniger auf Abrisse und stattdessen mehr auf

Umbauten zu setzen. Dieser Stadtumbau könnte auch durch eine bessere Förderung

von energetischen Sanierungen und altersgerechten Umbauten unterstützt werden.

Ebenso wichtig wäre eine bedingungslose Streichung der Altschulden.

Gegenfinanziert werden könnten diese Förderungen durch die Streichung von

Steuerabschreibungen im Baubereich. Denn von diesen Subventionen können nur

Privateigentümer, nicht aber kommunale Wohnungsgesellschaften und

Genossenschaften profitieren.

(1) Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung; Bundesamt für

Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Evaluierung des Bund-Länder-Programms

Stadtumbau Ost, Berlin 2008, S. 72 ff.

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