Berufskrankheiten – eine Standortbestimmung - DGUV Forum

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Titelthema

4 Die BK-Liste der EU und das

deutsche BK-System

Um den Boden für die folgenden Vorträge

aus drei Nachbarstaaten Deutschlands zu

bereiten, gab der Autor dieses Berichts einen

Überblick über die Intentionen, die

die EU-Kommission mit ihrer Empfehlung

zu Berufskrankheiten und der darin enthaltenen

BK-Liste der EU vom 19. September

2003 7 verfolgt und charakterisierte

das deutsche BK-System vor dem Hintergrund

dieser Empfehlung der EU-Kommission.

Wesentliche Aussagen waren:

• Die BK-Liste der EU gliedert sich in zwei

Annexe der Empfehlung. Annex 1 enthält

die Erkrankungen, für die auf EU-

Ebene ein wissenschaftlich begründeter

Konsens für die arbeitsbedingte

Verursachung besteht. Die enthaltenen

Erkrankungen sollen in die Listen

der EU-Mitgliedstaaten aufgenommen

werden und so EU-weit Grundlage für

Prävention, BK-Anerkennung und Entschädigung

sein. Die deutsche BK-Liste

setzt dies von minimalen Ausnahmen

abgesehen um.

• Annex 2 der EU-Liste enthält eine größere

Zahl weiterer Erkrankungen, für die

2003 zum Zeitpunkt der Empfehlung

der EU-Kommission Hinweise auf eine

arbeitsbedingte Verursachung, aber

noch keine ausreichenden Nachweise

vorlagen. Die EU-Mitgliedstaaten sollen

sie, sofern dieser Nachweis möglich

wird, ebenfalls in ihre nationalen Listen

aufnehmen und als BK anerkennen.

In die deutsche BK-Liste wurden viele,

aber noch nicht alle der in Annex 2

aufgeführten Erkrankungen aufgenommen.

• Entsprechend den grundsätzlichen

Empfehlungen der EU-Kommission hat

der deutsche Verordnungsgeber über

Annex 1 und 2 der EU-Liste hinaus bei

weiteren Erkrankungen die BK-Reife geprüft

und die deutsche BK-Liste bei entsprechendem

Nachweis um einige Positionen

erweitert. Ein Beispiel ist die

BK-Nr. 2112 die Kniearthrose durch

kniebelastende Tätigkeiten.

• Die EU-Kommission will, dass die Mitgliedstaaten

die Prävention arbeitsbe-

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dingter Gesundheitsgefahren wirksam

gestalten und verbessern sowie alle

Akteure aktiv daran beteiligen.

Dem entspricht Deutschland in vielfältiger

Weise: durch Präventions-

Aktivitäten der Unternehmen und Versicherten

angeleitet und motiviert

durch Maßnahmen der UV-Träger, der

Bundesländer (insbesondere auch in

der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie

GDA) und weiterer

Stellen.

• Die Meldung von BKen wird entsprechend

der EU-Empfehlung in Deutschland

erleichtert, insbesondere dadurch,

dass Ärzte, Krankenkassen und auch

Unternehmer BK-Verdachtsfälle anzeigen

müssen und die Betroff enen, gegebenenfalls

ihre Hinterbliebenen, sowie

weitere Stellen einen Verdachtsfall melden

können.

Dennoch können auch in Deutschland

Dunkelziff ern („underreporting“) nicht

ausgeschlossen werden; die DGUV arbeitet

vor allem daran, die Information

der Ärzteschaft und der Versicherten

selbst zu verbessern, damit mögliche

Zusammenhänge zwischen einer im

Alter auftretenden Erkrankung und

einer Jahrzehnte früher erfolgten Einwirkung

arbeitsbedingter Noxen noch

besser aufgehellt werden können.

• Die EU-Kommission hält aussagefähige

BK-Statistiken auf nationaler

Ebene, ihre Harmonisierung sowie

die Sammlung und Auswertung von

Gefährdungsdaten auf EU-Ebene für

wichtig.

Die deutsche BK-Statistik entspricht

diesen Anforderungen und lässt diff erenzierte

Auswertungen zu. 8 Von deutscher

Seite wird allerdings kritisiert,

dass die Versuche einer Harmonisierung

auf EU-Ebene nicht zu befriedigenden

Ergebnissen geführt haben.

Ohne Verständigung auf gemeinsame

Strukturen und Begriff e bleibt die europäische

BK-Statistik 9 Stückwerk, sie

lässt nach wie vor sozusagen nur den

Vergleich von Äpfeln und Birnen zu.

• Zu weiteren Intentionen der EU-Kommission

gibt es in Deutschland zahlreiche

Umsetzungsaktivitäten und

positive Beispiele, so zur systematischen

Erfassung von Informationen

und epidemiologischen Daten über

die arbeitsbedingte Verursachung von

Erkrankungen, zur Förderung arbeitsmedizinischer

Forschung, zur Ausarbeitung

von Hilfen zur Diagnose und

Begutachtung von BKen oder zur Ausrichtung

des Gesundheitssystems auf

die Verhütung und Bekämpfung von

BKen.

• In einem Punkt kann Deutschland den

Hinweisen der EU-Kommission nicht in

vollem Umfang beipfl ichten: Es ist praktisch

nicht sinnvoll und durchführbar,

bestimmte quantitative Ziele zur Senkung

der BK-Fälle zu setzen und innerhalb

eines festen Zeitraums (zum Beispiel

zwei Jahre) erreichen zu wollen.

Denn BKen entwickeln sich in den

meisten Fällen über Zeiträume von

Jahren und Jahrzehnten. Prävention

greift hier nur langfristig. Aber auch bei

Hautkrankheiten, die in kürzeren Zeiträumen

entstehen, können kurzfristige

quantitative Ziele wenig bewirken.

So hat die Hautkampagne der DGUV

und anderer Partnerorganisationen gezeigt:

BK-Prävention hat sehr viel damit

zu tun, Informationen zu verbreiten,

Gefahren bewusst zu machen und sie

besser beherrschen zu lernen, Prozesse

und Gewohnheiten zu verändern.

Solche Entwicklungen führen kurzfristig

zu Verbesserungen im individuellen

Verhalten und in den betrieblichen Verhältnissen,

die sich aber erst mittel- bis

langfristig in einer Senkung der eintretenden

Zahl von BKen niederschlagen.

Der Autor dieses Artikels charakterisierte

das deutsche BK-System vor diesem Hintergrund

stichwortartig wie folgt:

• Es verlangt klare Kausalitätsnachweise,

insbesondere bei multifaktoriell

verursachten Erkrankungen, um die

Krankheiten dem betrieblichen Verantwortungsbereich

der Unternehmer zuordnen

zu können.

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