hier - Ev.-luth. Kirchengemeinde Luther Holzminden

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Inhaltsverzeichnis Seite

Grußwort des Landeskirchenmusikdirektors 3

Musik in der Kirche 4

Bürgerliche Behäbigkeit: Schülerchöre und Gesangvereine 5

Bewegung in Musik und Kirche 8

Eine politische „Bewegung“: der Nationalsozialismus 10

Sammlung der kirchlichen Kräfte: ein Singekreis entsteht 12

Neue Wertigkeit der Kirchenmusik in Holzminden: 18

Vom Ehrenamt zur A-Stelle

Ausnahmezustand: Kantor Steiner 22

Gegenwind: Von der A- zur B-Stelle 25

Es fehlt das liebe Geld – Kontinuität auf Abruf? 29

Das Chorleben 34

Kantorei und Jugend 42

Die Chorarbeit der jüngeren Vergangenheit 44

Einblicke in 75 Jahre Repertoire eines Chores 50

Das 75. Jahr ist das 1. Jahr nach Null 60

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Grußwort des Landeskirchenmusikdirektors

Begeistert vom Singen und begeistert vom Gottesdienst müssen die Menschen

gewesen sein, als sie 1934 einen Singekreis Leben riefen, aus dem die heutige

Kantorei Holzminden wuchs! Getragen von der Sing- und Liturgiebewegung seit

den 1920-er Jahren gab es eine Erneuerung des Gottesdienstes und der Kirchenmusik

aus längst verschollenen Traditionen, die beispielsweise eine professionelle

Ausbildung ermöglichte und den Berufs(!)stand des Kirchenmusikers erst begründete.

So bestimmt das hannoversche Kirchenmusikgesetz von 1933 folgerichtig: Die

Anstellung eines hauptamtlichen Kirchenmusikers soll im Beamtenverhältnis erfolgen.

Flächendeckend ist es dazu nie gekommen, und inzwischen ist selbst die Kantorenstelle

an der Lutherkirche nicht mehr im Stellenpan verankert – eine verhängnisvolle

Entwicklung.

Heute investiert unser Land Millionen in die musikalische Bildung, weil das jahrzehntelang

vernachlässigte Singen als elementare Lebensäußerung endlich wieder

entdeckt wurde: In dieser Zeit müssen alle Anstrengungen darauf gerichtet

sein, Musik in der Kirche lebendig zu erhalten!

Die evangelische Kirche ist eine Kirche der Musik – so formuliert es die kürzlich erschienene

Denkschrift der EKD „Kirche klingt“. Besonders die lutherische Kirche

und ihr Gottesdienst sind ohne Musik nicht denkbar. Darüber hinaus leistet die

Kirchenmusik einen wichtigen Beitrag zur Kultur einer Stadt oder Region.

In diesem Sinn wünsche ich der Lutherkantorei mindestens 75 weitere erfolgreiche

Jahre im Dienst der Gemeinde, der Kirchenmusik und des kulturellen Lebens

in Holzminden.

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Hans-Joachim Rolf

Landeskirchenmusikdirektor


Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Musik in der Kirche:

75 Jahre Kantorei der Luthergemeinde Holzminden

Dr. Matthias Seeliger

75 JAHRE KANTOREI, von 1934 bis

2009. Worauf stützt sich dieses

Jubiläum in der Holzmindener

Luthergemeinde? Die Frage ist

nicht unberechtigt, muss doch

gleich am Anfang zugegeben

werden: 1934 wurde keine „Kantorei“

gegründet, sondern ein

„Singekreis“. Und wenn die Bezeichnung

noch genauer zitiert

werden soll, dann ist zu betonen:

ein „Frauensingekreis“.

1938 war dann die Rede vom

„Kirchenchor“ oder – wiederum

mit Blick auf die Teilnehmer(innen)

– vom „Frauenchor“. Auch

das 25-jährige Jubiläum wurde

unter dem Namen „Kirchenchor“

begangen.

Nun sagt zwar das Sprichwort,

Namen seien Schall und Rauch.

Insofern gestatten wir uns tatsächlich,

den Bogen vom einstigen Singekreis als kontinuierliche Linie bis an

die Gegenwart zu ziehen und diese 75 Jahre als Geschichte der heutigen

Kantorei zu begreifen. Aber während wir das tun, wird nach und nach

deutlich: Namen können doch mehr sein als nur eine Äußerlichkeit, sie

können durchaus etwas über Inhalte verraten, wenn genauer hingesehen

wird!

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Die Vorstellung, 75 Jahre könnten ohne Wandel, ohne innere wie äußere

Veränderungen verstreichen, wäre töricht. Namen wie Inhalte: beide müssen

sich in einem solchen Zeitraum entwickeln, im positiven Sinne „weiter-“

entwickeln, andernfalls wäre von einem Rückschritt zu sprechen. Die

richtige Richtung dieses „weiter“ ist dabei allerdings für die Betroffenen

nicht immer klar erkennbar, und so kann es durchaus zu Konflikten

kommen im Kreis derjenigen, die die notwendigen Entscheidungen zu

treffen und anschließend auch zu tragen haben. Wir, die wir im Jubiläumsjahr

zurück blicken, dürfen dabei nicht vergessen, dass wir aus unserer

Perspektive über die Kenntnis von Entwicklungen, die seinerzeit kaum

oder gar nicht vorhersehbar waren, verfügen. Genau dies ist ja der Vorteil,

der es dem Historiker ermöglicht, mit dem Wissen der Gegenwart die

Vergangenheit zu betrachten und daraus (hoffentlich) für die Zukunft

Nutzen zu ziehen!

Kirchenmusik findet in einem Spannungsverhältnis statt. Als Extreme,

zwischen denen sie ihren Weg finden muss, seien angeführt: Auf der einen

Seite der Anspruch der Kirche auf eine dienende Funktion in der Liturgie.

Auf der anderen Seite der Absolutheitsanspruch des Kunstwerkes (und

der ausführenden Künstler). Zu verschiedenen Zeiten wurden unterschiedliche

Antworten auf die sich daraus ergebende Frage nach dem

„Standort“ der Kirchenmusik gegeben. Selbst wenn eine Kleinstadt wie

Holzminden kaum in die theoriegeschwängerte Diskussion eingriff – deren

Ergebnisse machten sich auch hier bemerkbar. Insofern erlaubt die Geschichte

„unserer“ Kantorei der Luthergemeinde Holzminden interessante

Einblicke in die Geschichte der Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts, von

denen einige nachfolgend aufgegriffen werden sollen.

Bürgerliche Behäbigkeit: Schülerchöre und Gesangvereine

Gab es vor 1934 in Holzminden keine Vokalmusik in der Kirche? Doch –

es gab sie durchaus. Sie wuchs jedoch nicht direkt in der Kirchengemeinde

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

heran, eher wurde sie von außen hineingetragen. Von großer Bedeutung

waren im 19. Jahrhundert die Schulen und der darin erteilte Musikunterricht,

der sich vor allem dem Singen widmete. 1851 berichtete der Organist

und Kantor Scheibe, dass er an hohen Festtagen mit den Schülern der ersten

Knabenklasse [Abschlussklasse der Bürgerschule] zur Erhöhung der kirchlichen

Feier kleine Gesangaufführungen veranstalte. 1 Scheibes kirchenmusikalische

Tätigkeit war dabei fester Bestandteil seiner Anstellung als Lehrer in

Holzminden. Von ihm wurden zwei Ämter in Personalunion ausgeübt, die

formal bis zum Untergang der Kaiserreiches getrennt waren: Organist und

Kantor. Wer die Orgel schlug, war nicht für das Singen verantwortlich! Die

kirchenmusikalische Tätigkeit war dabei in Holzminden fest an Lehrerstellen

der unter kirchlicher Aufsicht stehenden Bürgerschule gebunden.

Zwanzig Jahre später sang zuweilen der Chor des Herzoglichen Gymnasiums;

ebenfalls ein Knabenchor, denn seinerzeit war das Holzmindener

Gymnasium noch der männlichen Jugend vorbehalten. Wie das Ostern

1872 herausgegebene Schulprogramm berichtete, ließ man diesen Schülerchor

an verschiedenen Sonn- und Festtagen in der Kirche auftreten […] um

den Gottesdienst durch Gesang verherrlichen zu helfen. 2

Sangen diese Schüler im Rahmen ihrer schulischen Pflichten in der Kirche,

kam es Ende des 19. Jahrhunderts zu einem freiwilligen Zusammenschluss

engagierter Personen. Am 19. Februar 1892 teilte Superintendent

Jeep mit, dass ein gemischter Kirchenchor in der Bildung begriffen sei. 3 Dieser

Kirchenchor entstand allerdings nicht als kirchlich gebundene Einrichtung,

sondern er war ein Verein! So verwunderlich dies heute erscheinen mag:

damit glichen die Verhältnisse in Holzminden lediglich denen in anderen

Orten. Ende des 19. Jahrhunderts, zur Blütezeit des Vereinswesens in

Deutschland, organisierten sich in der Regel auch die kirchlich aktiven

1 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 230 vol. V.

2 Programm des Herzoglichen Gymnasiums zu Holzminden. Ostern 1872: 1. Schulnachrichten.

Holzminden 1872, S. 8-9.

3 Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Wolfenbüttel: 12 Neu 9 Nr. 3989.

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Sängerinnen und Sänger in dieser Form. Zum Vereinszweck hieß es in den

Satzungen 1892: Der evangelische Kirchen-Gesangverein zu Holzminden macht

es sich zur Aufgabe, vornehmlich geistliche Musik zu pflegen und durch seine

Mitwirkung zur Verschönerung unserer Gottesdienste beizutragen. 4 Die Verbindung

zur „offiziellen“ Kirchenmusik war dadurch gegeben, dass der

Organist, Kantor und Lehrer Schrader zum Liedermeister dieses Vereins avancierte.

Auch persönliche Mitgliedschaften sicherten eine Verbindung

zur Kirche.

Wie lange der Verein existierte, geht aus den vorhandenen Unterlagen

nicht hervor. Das im Pfarrarchiv überlieferte Schriftgut nennt als letzte belegbare

Aktivität einen Familienabend im Jahre 1899. Immerhin ist anhand

der gezahlten Beiträge zu erkennen, dass bis Ende 1894 die Zahl der Mitglieder

auf 60 angestiegen war. 1897 konnte das fünfte Stiftungsfest gefeiert

werden – kam es zum zehnten nicht mehr?

Für die offenbar nur kurze Dauer dieses Kirchen-Gesangvereins könnte die

Konkurrenz der zahlreichen anderen Holzmindener Gesangvereine verantwortlich

gewesen sein. Für diese ist nachweisbar, dass sie durchaus

auch in Gottesdiensten mitwirkten, daneben (oder: vorrangig?) aber in

Konzerten größere Werke aufführten und damit die bürgerlichen Musikkultur

der Kleinstadt bestimmten.

Sehen wir uns als Beispiel das Weihnachtsfest des Jahres 1932 an: 5 In der

Lutherkirche trug während der Christvesper der Oratorien-Verein […] drei

Chöre vor. Am ersten Weihnachtstag verschönte der Gesangverein „Harmonia“

den Gottesdienst durch zwei Lieder; außerdem sangen einige Mitglieder

des Jungmädchenbundes und die Schwestern des hiesigen Krankenhauses einige

Lieder. In der Paulikirche wirkte am ersten Feiertag der Gesangverein

„Frohsinn“ 6 im Gottesdienst mit. Dort konnte am Heiligabend sowie am

4 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: Akten des Kirchen-Gesangvereins.

5 Täglicher Anzeiger [Holzminden] (nachfolgend zitiert als: TAH) v. 27. Dezember 1932.

6 Der Gesangverein „Frohsinn“ sang auch in der Lutherkirche, z. B. während einer Musi-

kalischen Feierstunde im Herbst 1931, vgl. TAH v. 10. sowie 12. Oktober 1931.

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zweiten Weihnachtstag allerdings auch bereits ein eigener Kirchenchor

singen. 7 Noch gab es einen solchen in der Luthergemeinde nicht!

Der erwähnte Oratorien-Verein nahm sich, wie schon der Name programmatisch

zum Ausdruck brachte, der Pflege der „großen“ musikalischen

Werke an. Dem Publikum geboten wurden u. a. (1928) F. Mendelssohn-

Bartholdy: Paulus; 8 (1930) G. F. Händel: Messias; 9 (1932) J. Haydn:

Schöpfung. 10 Aufführungsort dieser Werke war aber nicht die Kirche, sondern

ein profaner Raum: der Lichthof der Baugewerkschule. Nicht erst in

der Gegenwart wird also geistliche Chormusik auch außerhalb eines

kirchlichen Umfeldes zur Aufführung gebracht.

Bewegung in Musik und Kirche

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Als 1930 ein neuer Geistlicher in die Luther-Kirchengemeinde kam, Pastor

collaborator Heimbert Drude, herrschten im weltlichen wie im kirchlichen

Bereich verworrene Zeiten. Beide Bereiche, da eng miteinander verflochten,

beeinflussten sich gegenseitig. Auf weltlich-musikalischem Gebiet

war in den vorhergehenden Jahren eine „Bewegung“ entstanden, die in

mancherlei Hinsicht einen radikalen Bruch mit dem etablierten Musikleben

bedeutete: die aus der Jugendbewegung hervorgegangene Jugendmusikbewegung.

Auf kirchlichem Gebiet gerieten gleichzeitig „das Vereinsdenken

und die Vereinsmeierei im Kirchenchorwesen“ in die Kritik; dem

aktuellen Zustand wurde die Forderung entgegen gesetzt, ein Kirchenchor

müsse „ein Stück Kirche“ sein. Als Endpunkt der bisherigen Entwicklung

7 Dieser Kirchenchor wurde auch anlässlich des Erntedankfestes erwähnt, vgl. TAH v. 3.

Oktober 1932.

8 Stadtarchiv Holzminden: Programmzettel sowie Textheft.

9 TAH v. 25. Oktober (Anzeige) u. 3. November (Konzertkritik) 1930.

10 TAH v. 2. November (Ankündigung) u. 14. November (Konzertkritik) 1932.

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und drohende Gefahr sah man den Kirchen-Gesangverein, der „durch sein

spürbares Geltungsstreben sich auch von der Sache der Kirche entfernt“. 11

Kern der Musikpflege in der Jugendmusikbewegung war die „Singbewegung“,

und deren Forderungen trafen sich mit den Bestrebungen zu einer

Erneuerung des kirchlichen Chorwesens: Nicht das passive Zuhören im

Konzert (oder eben im Gottesdienst), sondern das eigene aktive Singen

war die Forderung der Zeit. Im Gottesdienst sollte die Musik nicht lediglich

ästhetisches Beiwerk sein, sondern einen liturgisch-sakralen Bezug

besitzen. 12 Das Ideal war eine Musik „ohne Zuhörer“ – alle sollten aktiv

beteiligt sein! Wenn ein gewisser Qualitätsanspruch an das Ergebnis dieses

Singens gerade im Gottesdienst gerichtet werden sollte, hatte jedoch

auch ein Chor seine Existenzberechtigung als Spitze der „Bewegung“.

Neben eigenen Kompositionen, die den Ansprüchen der Singbewegung

gerecht werden sollten, griff letztere bewusst auf sehr alte Musik zurück:

Musik der Renaissance und des 17. Jahrhunderts. Die Holzmindener Freischar

brachte, als sie 1933 in einem Passionsgottesdienst 13 sang, ein Werk

zu Gehör, welches die örtliche Tageszeitung bereits im Vorfeld zu der

„Warnung“ bewog: Dem heutigen Hörer wird es zunächst schwer fallen, sich in

diese fremde Welt hineinzuhören. 14 Es handelte sich um ein Ende des 16.

Jahrhunderts entstandenes Werk, die sogenannte Celler Passion von Tho-

11 RIEHM, Heinrich: Die Idee des kirchlichen Chorverbandes und die Aufgaben in der Zukunft.

In: Kerygma und Melos: Christhard Mahrenholz 70 Jahre, hrsg. v. Walter Blan-

kenburg u. a. Kassel u. a. 1970, S. 374-393; hier S. 376.

12 Vgl. den Artikel „Jugendmusikbewegung“ von Heinz ANTHOLZ in: Musik in Geschichte

und Gegenwart, 2. Aufl. Sachteil Band 4. Kassel u. a. 1996, Sp. 1569-1587. Zum Verhältnis

Singbewegung–Kirchengesang vgl. auch BLANKENBURG, Walter: Der Verband

evangelischer Kirchenchöre zwischen 1930 und 1980. In: Musik und Kirche 59 (1989),

S. 281-289; hier S. 281 f.

13 Damals auch bezeichnet als Donnerstagspassionsstunden: Die Heimatkirche. Evangelisches

Gemeindeblatt für Holzminden 2 (1933), S. 31.

14 TAH v. 8. März 1933.

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mas Mancinus. 15 Mit ihrer Einbeziehung des Gemeindegesanges entsprach

sie jedoch genau den Forderungen der Singbewegung, deren Bestrebungen

demnach auch in Holzminden zu diesem Zeitpunkt auf

fruchtbaren Boden fielen.

Hält man sich diese historische Entwicklung vor Augen, war es nicht nur

eine äußerliche Frage der Namensgebung, dass 1934 in der Luthergemeinde

ein Singekreis ins Leben gerufen wurde. Auch die Tatsache, dass

die musikalische Arbeit in der Gemeinde damals offenbar zu einem nicht

geringen Teil von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen getragen wurde,

passt hierzu. Man darf davon ausgehen, dass Pastor Drude seine

durch die Jugendarbeit bestehenden Kontakte auch für die kirchenmusikalischen

Pläne nutzte. Wie bereits gezeigt, waren es Mitglieder des Jungmädchenbundes

sowie die Freischar, die 1932 und 1933 in der Kirche sangen.

Eine politische „Bewegung“: der Nationalsozialismus

Zugleich war nach dem Ersten Weltkrieg eine andere „Bewegung“ im

weltlich-politischen Bereich entstanden, deren furchtbare Auswirkungen

zu jenem Zeitpunkt noch nicht in aller Offenheit erkennbar waren: der Nationalsozialismus.

Auch er sah in der Jugend die kommende Generation,

mit der seine Ziele verwirklicht werden sollten. Sein alle Lebensbereiche

erfassender Anspruch auf totale Macht ließ auf Dauer weder die Jugendarbeit

Pastor Drudes noch die kirchenmusikalische Entwicklung unberührt

– im Gegenteil.

Die in protestantischen Kreisen zunächst vielfach bestehende Zustimmung

zum Nationalsozialismus war in Holzminden nicht zuletzt eine Reaktion

auf die im Freistaat Braunschweig besonders stark ausgeprägte kirchenfeindliche

Politik von Sozialdemokraten und Kommunisten. Zahlreiche

Vorträge und Versammlungen waren um 1930 der Abwehr der Gottlo-

15 Bärenreiter-Ausg. 266 (Partitur) bzw. 286 (Chorheft), Kassel 1929. Dort noch nach einer

späteren Aufführung in Celle auf 1637 datiert.

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senbewegung gewidmet. 16 Bei deren Bekämpfung erschienen die Nationalsozialisten

als natürliche Verbündete. 17 Nach der „Machtergreifung“ wurde

jedoch bereits Mitte 1933 deutlich, dass die neue Regierung sich auch

den kirchlichen Bereich unterwerfen wollte. Plötzlich wurden die evangelischen

Christen gezwungen, sich für eine von zwei Richtungen zu entscheiden.

Bei der kurzfristig auf den 23. Juli 1933 angesetzten Kirchenwahl

bedeutete das: sie mussten wählen zwischen der Liste „Evangelium und

Kirche“ oder den „Deutschen Christen“!

Auch Pastor Drude gehörte zunächst zu jenen, die sich vom Nationalsozialismus

fangen ließen. Im Frühjahr 1933 trat er der Partei bei. Dann aber

gingen ihm die Augen auf, und er tat etwas, wozu nur wenige damals den

Mut hatten: er trat wieder aus! 18 Was nicht bedeutete, dass er die politischen

Ziele der Partei vollständig ablehnte. Im Sommer 1933 bekannte er

sich öffentlich zum Neuaufbau unseres Volkes unter Hitlers Führung. 19 Bei

der Kirchenwahl jedoch trat er entschieden für die Liste „Evangelium und

Kirche“ ein und kandidierte zudem, ebenso wie die Pastoren Ahlswede

und Länger aus Holzminden, 20 für sie bei der Wahl zum Landeskirchentag.

Diese Einigkeit der Pastoren war vermutlich ausschlaggebend dafür,

dass die Luther-Kirchengemeinde eine von nur zwei Gemeinden im Kreis

Holzminden war, in der die Deutschen Christen bei der Wahl unterlagen. 21

16 Vgl. z. B. Gemeindeblatt für die evangelischen Gemeinden Holzmindens. Dezember

1931 [Probenummer], S. 6; JEEP, Walter: Die evangelische Kirche und ihre Gegner. In:

Ebd. 1 (1932), S. 10-14.

17 Zur Endphase der Weimarer Republik vgl. SEELIGER, Matthias: „Deutscher Tag“ und

„deutscher Tanz“: Nationalsozialistische Propaganda im Kreis Holzminden 1930 bis

1932. In: Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 26 (2008), S. 1-30; hier besonders S.

12 f.

18 KUESSNER, Dietrich: Zugehörigkeit Braunschweiger Pfarrer zur NSDAP. In: Kirche von

unten Nr. 32, Juni 1988, S. 37-43. Auch im Internet unter

http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu032/nsdap.htm (Stand: 18. April 2009).

19 TAH v. 22. Juli 1933.

20 TAH v. 21. Juli 1933.

21 TAH v. 24. Juli 1933. Die andere Gemeinde war Rühle.

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Die Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Kirche und Nationalsozialismus

wird wie in einem Brennglas erkennbar, wenn wir zwei Äußerungen

Pastor Drudes zum Thema Judentum lesen. Unter der Überschrift Ist der

Glaube unserer Kirche jüdisch? äußerte er 1937 über das jüdische Volk: Es hat

[…] sich von Jesu Lebensstrom abgewandt, zu seinem eigenen Schaden. Seitdem

liegt der Fluch über ihm. 22 Das ist der alte Antijudaismus der Kirche. Dieser

„Fluch“ ist aber aus kirchlicher Sicht durch die christliche Taufe zu überwinden,

und entsprechend wird der rassistische Antisemitismus abgelehnt,

wenn in einem Artikel Zur kirchlichen Lage aus den Leitsätzen der

Jungreformatorischen Bewegung zitiert wird: Wir […] lehnen deshalb

grundsätzlich die Ausschließung von Nichtariern aus der Kirche ab; denn sie beruht

auf einer Verwechselung von Staat und Kirche. 23 Ebenso rief die Ablehnung

des Alten Testamentes durch die Deutschen Christen seinen Widerspruch

hervor, weil das Alte Testament die Grundlage für das Neue abgebe,

ohne die das Neue Testament ein unverständliches Bruchstück bleibe. 24 Immer

ieder griff er dieses Thema im Gemeindeblatt auf. 25

Sammlung der kirchlichen Kräfte: ein Singekreis entsteht

Angesichts dieser Entwicklung war es innerhalb der Kirche dringend

notwendig, der Fraktion der Deutschen Christen mit einer geschlossenen

eigenen Front entgegenzutreten. Die eigenen Kräfte mussten gesammelt

werden, sie mussten Gemeinschaft mit Gleichgesinnten erfahren können,

um nicht in der Vereinzelung mutlos zu werden. Von den Nationalsozialisten

unbeabsichtigt, wuchs in dieser Abwehrhaltung der Zusammenhalt

jener Kräfte, die sie eigentlich zurückdrängen wollten. In seinem Rückblick

Aus dem kirchlichen Leben des Jahres 1934 äußerte Pastor Drude: In wei-

22 Die Heimatkirche. Evangelisches Gemeindeblatt für Holzminden 6 (1937), S. 25 f.

23 Ebd. 2 (1933), S. 46 f.

24 Ebd. 3 (1934), S. 55.

25 Beispielsweise in dem Beitrag: Wenn die Kirche das Alte Testament abschaffen würde.

In: Ebd. 7 (1938), S. 60 f.

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ten Gebieten unserer Kirche ist durch den Kirchenkampf […] neues kirchliches

Leben erwacht. Weithin ist eine Selbstreinigung und innere Wandlung unserer

Kirche vor sich gegangen. Viele haben sich klarer besonnen auf das, was eigentlich

evangelischer Glaube ist und mancherorts, wo der Kampf besonders heftig war,

hat ein neuer Zustrom zu Gottesdienst und Bibelstunde begonnen. 26 Ein Chor

als „integrierender Bestandteil der Kirche“ 27 , gemeindebildend und missionierend

28 – in dieser Situation wurzeln 1934 die Anfänge der heutigen

Kantorei!

Pastor Drude wurde in späteren Jahren rückblickend uneingeschränkt als

„Gründer“ des Chores bezeichnet. 29 Er zeichnete verantwortlich für den

Aufruf im November-Heft des Gemeindeblattes, an Stelle des nicht vorhandenen

Kirchenchores einen Singekreis zu gründen. 30 Schon einen Monat

später konnte berichtet werden, der Frauensingekreis habe einen guten

Anfang genommen, auch wenn die zweite Stimme vorläufig noch etwas

schwach besetzt war. 31 Am 1. Advent sowie Heiligabend 1935 konnte der

Frauenchor die Gottesdienste durch seine schön und rein klingenden Lieder

bereichern. 32 Wie schon 1932, als der Jungmädchenbund in der Kirche gesungen

hatte, wurde auch in den folgenden Jahren der neue Chor zuweilen

durch Schwestern des Krankenhauses verstärkt. 33

Letztere Formulierung klingt irritierend: offenbar waren die Schwestern

keine „normalen“ Mitglieder des Chores. War letzterer vielleicht (zumindest

teilweise) aus dem schon erwähnten Jungmädchenbund hervorgegangen?

Auch an Verbindungen zur damals bestehenden Evangelischen Frau-

26 Ebd. 4 (1935), S. 3-5.

27 Nach MAHRENHOLZ, Christhard: 75 Jahre Verband evangelischer Kirchenchöre

Deutschlands […]. In: Musik und Kirche 29 (1959), S. 1-19; hier S. 11.

28 LEIB, Walter: Der Kirchenchor in der geistigen Haltung unseres heutigen Musiklebens.

In: Musik und Kirche 4 (1932), S. 222-232; hier S. 230.

29 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV.

30 Die Heimatkirche. Evangelisches Gemeindeblatt für Holzminden 3 (1934), S. 84.

31 Ebd.: 3 (1934), S. 95.

32 Ebd.: 4 (1935), S. 7.

33 Ebd.: 7 (1938), S. 7.

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enhilfe sowie zum Gustav-Adolf-Frauenverein wäre zu denken. Als 1959

neun 34 Frauen für ihre 25-jährige Mitgliedschaft im Chor geehrt wurden,

waren diese alle über 50 Jahre alt. 35 Entsprechend schwankte ihr Alter 1934

bei Gründung des Chores zwischen 28 und 46 Jahren.

Musikalisch geführt wurde der Singekreis von der ausgebildeten Jugendleiterin

Margarete Drevenstedt, geb. Salomon (1895-1981). 27 Jahre sollte

sie dieses Amt innehaben, bis 1961! Ihre Arbeit erfolgte ehrenamtlich. Als

Kirchenmusiker im Nebenamt wurde gleichzeitig von der Gemeinde der

blinde Organist Georg Wiedbrauck beschäftigt. 36 Es gab also, wenngleich

nicht mehr mit Lehrerstellen verbunden, weiterhin die Trennung von Organist

und Chorleitung.

Über das Repertoire in jenen Jahren ist fast nichts zu ermitteln. Lediglich

für eine Musikalische Abendvesper im November 1937 liegen Angaben vor

über zwei vom Chor gesungene Werke: Hoch tut euch auf, ihr Tore der Welt!

von Christoph W. Gluck sowie Er kommt, er kommt von B. Leipold. 37 Mit

Bruno Leipold (1879-1948), Kantor in Schmalkalden, wurde ein zeitgenössischer

Komponist berücksichtigt. Das erstgenannte Werk hatte bereits der

Holzmindener Kirchen-Gesangverein bei seinem Stiftungsfest 1897

aufgeführt. 38 Offenbar benutzte der Singekreis 1937 die alten Noten, wie

sich auch aus einem leider undatierten Notenverzeichnis 39 erschließen lässt.

Zumindest die Wahl dieses Stückes zeigte deutlich rückwärts-gewandte

Züge, denn inzwischen wurde eine andere Musik als den Erfordernissen

der Zeit angemessen betrachtet. Dazu sei der Chorleiter Julius Wolter aus

34 Darunter die Leiterin, Frau Drevenstedt.

35 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV. Altersangaben

ermittelt aus Stadtarchiv Holzminden: Meldekartei.

36 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 231 vol. II.

37 Ebd.: HOL-Luth AZ 307-7 vol. V.

38 Ebd.: Akten des Kirchen-Gesangvereins.

39 Desgl. sowie HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV.

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Hannover-Herrenhausen zitiert, der damals über die Aufgaben der Kirchenchöre

im Rahmen der Erneuerungsarbeit der Kirche äußerte: 40

Es ist heute nicht angebracht, sich in schönen Gefühlen zu ergehen und diese

möglichst mariniert [sic!] in Tönen darzustellen, sondern die Forderung des Tages

heißt „Entscheidung“. Und da kann uns das 19. Jahrhundert nichts helfen.

Die Gegenwart schweigt fast völlig. Wohin sich wenden? Zu den Vätern, die in

ähnlichen Verhältnissen lebten wie wir, die ihre Not, ihre Glaubenszuversicht,

ihren Kampfesmut so schön in Töne fassten. Zu den Meistern der Reformationszeit

und des großen Krieges! Die sind uns heute trotz zeitlich trennender Jahrhunderte

gegenwartsnahe, ihre Lieder geben das, was die Kirche in ihrer Erneuerungsbewegung

braucht.

Die Zeit des großen Krieges und die Jahrzehnte danach, also das 17. Jahrhundert,

war es in der Folge tatsächlich, die verstärkt die Auswahl zumindest

der in Abendmusiken aufgeführten Werke des Kirchenchores bestimmte.

Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude und Johann Wolfgang

Frank sind hier als Komponisten zu nennen. Ziemlich aus dem Rahmen

der 75-jährigen Geschichte fällt hingegen Peter Cornelius als Vertreter der

neudeutschen Schule! Ob diese Angaben repräsentativ sind für die ersten

27 Jahre des Kirchenchores, ist angesichts von lediglich sieben nachweisbaren

Veranstaltungen unklar. Die Tatsache, dass für die Feier des 25-jährigen

Jubiläums im Oktober 1959 Werke von Buxtehude und Schütz ausgewählt

wurden, lässt allerdings auf eine besondere Wertschätzung dieser

Musik schließen.

Aber auch ein Zeitgenosse findet sich im Programm der Adventsmusik

1952 mit einer Liedkantate: Heinrich Spitta (1902-1972). Das zeigt die

Blindheit der Kirchenmusik in der Zeit des Kalten Krieges gegenüber ihrer

eigenen Vergangenheit: Spitta, der mit seinen Kompositionen die Lieder-

40 WOLTER, [Julius]: Die Aufgaben der Kirchenchöre im Rahmen der Erneuerungsarbeit

der Kirche. In: Aus dem Verbande. Beilage zum 38. Jahrgang Nr. 3 der „Mitteilungen

des Niedersächsischen Kirchenchorverbandes“, S. 8.

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bücher von BDM, HJ, RAD, SA und SS gefüllt hatte, wurde in der Kirche

„entnazifiziert“.

Die Zahl der Sängerinnen blieb unter Margarete Drevenstedts Leitung

immer relativ klein. 1938 gehörten zum Chor 22 Frauen, 41 mitten im Krieg

waren es 1943 nur noch 15, 42 1950 dann sogar 28. 43 Diese Anzahl genügte,

denn der Chor sah es nicht als seine Aufgabe, „große“ Konzerte zu geben.

Vielmehr war er eingebunden in den Ablauf des Gottesdienstes, wo er als

wichtigste Aufgabe die Gemeinde beim Singen der Liturgie führte. Er

stellte, wie bei der Verabschiedung von Frau Drevenstedt 1961 hervorgehoben

wurde, seit der Einführung der neuen Gottesdienstordnung […] Sonntag

für Sonntag den liturgischen Chor! 44 Damit entsprach er der seinerzeit

geforderten primären Bezogenheit aller Kirchenchorarbeit auf den

Gottesdienst. 45

1938 wurde der Frauenchor als dreistimmig bezeichnet. 46 Im folgenden Jahr

sang er sogar einmal verstärkt durch Männerstimmen 47 – vermutlich ebenfalls

dreistimmig, was der Quelle leider nicht zu entnehmen ist. Wurde

vielleicht damals bereits, wie zehn Jahre später anlässlich der Weihnachtsmusik,

Dietrich Buxtehudes In dulci jubilo für die Besetzung Sopran, Alt

und Bass gesungen? Dass Margarete Drevenstedt es verstanden hatte, zu

besonderen Gelegenheiten zu dem Chor auch Männer hinzuzuziehen und sich

dabei an größere Sachen herangewagt hatte, wurde bei ihrer Verabschiedung

ebenfalls besonders hervorgehoben. 48

41 Landeskirchliches Archiv Wolfenbüttel: S 833.

42 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV.

43 Desgl.

44 Die Botschaft, Beilage „Zwischen Solling und Weser“, v. 29. Oktober 1961.

45 MAHRENHOLZ (wie Anm. 27), S. 18.

46 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV sowie Landeskirchliches

Archiv Wolfenbüttel: LKA 1982.

47 Die Heimatkirche. Evangelisches Gemeindeblatt für Holzminden 8 (1939), S. 38.

48 Wie Anm. 44.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Auf musikalischem Gebiet machten dem Kirchenchor zweifellos die gemischten

Chöre Konkurrenz, von denen zunächst der Bach-Chor zu erwähnen

ist. Seine Entstehung verdankte er der Tatsache, dass es als Folge

des Krieges 1946 den Oberorganist Ernst Richter aus Breslau nach Holzminden-Altendorf

49 verschlug. Für zweieinhalb Jahre bestimmte Richter

das kirchenmusikalische Leben vor allem in der Pauligemeinde, veranstaltete

daneben aber mit seinem Chor auch verschiedene Abendmusiken in

der Lutherkirche. 50

Ab 1950 bezeugten zahlreiche Konzerte von Holzmindener Chören erneut

eine rege Pflege des Gesanges in der Kleinstadt an der Weser außerhalb

49 Stadtarchiv Holzminden: Meldekartei.

50 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. V sowie Proto

koll der Sitzung des Kirchenvorstands v. 21. Juni 1948.

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Kirchenchor 1952


Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

des kirchlichen Bereiches. Der Oratorienchor lebte unter Leitung von Gerhard

Arlt nochmals auf; Chöre der beiden Gymnasien unter Leitung von

Arlt sowie Dr. Werner Matthes 51 boten nahezu jährlich Konzerte in der Lutherkirche;

es gab eine Singkreis der Volkshochschule, einen Kammerchor

und unter Leitung von Fritz Winkel 52 einen Chor des Landschulheims.

Werke wie Bachs Weihnachtsoratorium und die Matthäus-Passion wurden

aber erneut nicht in der Kirche, sondern nun in der während der NS-Zeit

errichteten Stadthalle aufgeführt. 53

Neue Wertigkeit der Kirchenmusik in Holzminden: Vom Ehrenamt

zur A-Stelle

Von grundsätzlich gestiegener Wertschätzung der Kirchenmusik zeugte

die Tatsache, dass erstmalig im Kirchenkreis Holzminden eine hauptamtliche

Stelle für einen Kirchenmusiker geschaffen wurde. Äußerlich gab es

für den 1961 erfolgenden Wechsel im Personalbereich der Luthergemeinde

einen einfachen Grund: Sowohl die Chorleiterin Margarete Drevenstedt

als auch der Organist Georg Wiedbrauck (nach rund 40-jähriger Dienstzeit) 54

erreichten ein Alter, in dem sie sich zur Ruhe setzen konnten. Frau Drevenstedt

wollte die Chorleitung schon beim 25-jährigen Jubiläum abgeben,

war aber gebeten worden, zunächst bis zur Klärung der Nachfolgefrage

noch im (Ehren-)Amt zu bleiben. 55

51 MATTHES, Werner: Aus dem Musikleben. In: Gymnasium für Jungen Holzminden, frü

her Klosterschule Amelungsborn: Festschrift zur 200-Jahrfeier, 10.-13. Juni 1960. Hrsg.

v. Lehrerkollegium und vom Direktor der Schule Oberstudiendirektor Dr. Jung. Holzminden

1960, S. 111-114.

52 Vgl. MITGAU, Wolfgang: Musik im Landschulheim am Solling. In: Jahrbuch für den

Landkreis Holzminden 26 (2008), S. 71-104; hier S. 89.

53 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-9 vol. IV.

54 Ebd.: Protokoll der Sitzung des Kirchenvorstands v. 30. August 1961.

55 Wie Anm. 44.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Die Nachfolge löste man in einem für Holzminden beachtlichen Umfang:

An der Lutherkirche wurde eine A-Kirchenmusikerstelle geschaffen! Anfang

1960 beschloss der Kirchenvorstand, eine hauptamtliche Stelle einzurichten;

56 Ende des Jahres war dann auch klar, dass es eine A-Stelle werden

sollte. 57 Die Besetzung zog sich noch eine Weile hin. Am 1. Oktober

1961 konnte schließlich Walter Birck (er kam aus Plön hierher) 58 seinen

Dienst aufnehmen. Damit wurde endgültig die über Jahrhunderte gültige

Verteilung der kirchenmusikalischen Aufgaben auf Organist und Kantor

aufgegeben: Der „moderne“ Kirchenmusiker vereinigte die Aufgaben beider

nun in einem Amt. Für Birck wurde neben der Tätigkeit als Organist

ausdrücklich als Aufgabe vorgesehen, er müsse den Kirchenchor zu einem

gemischten Chor umgestalten. 59

Bevor näher auf Einzelheiten eingegangen werden soll, sei eine Auflistung

der in den nächsten Jahren in Holzminden wirkenden Kirchenmusiker/

innen wiedergegeben:

Walter Birck (1961-1962)

Reinhard Wachinger (1962-1965)

Udo Barthold (1966-1967)

Hans-Günther Steiner (1967-1975)

Ingrid Lachmann (1976-1978)

Erdmuthe Gogarten (1979-1987)

Man sieht und staunt: Auf 27 Jahre ehrenamtliche Arbeit einer einzigen

Chorleiterin folgte in 27 Jahren die hauptamtliche Arbeit von sechs Personen,

die Vertretungen während der Vakanzen gar nicht mitgezählt. Da

kann nur bedingt von einem kontinuierlichen Aufbau gesprochen werden!

Und in den Akten finden sich auch regelmäßig Hinweise darauf, dass das

Verhältnis zwischen der Gemeinde und ihren Kirchenmusikern nicht ein-

56 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: Protokoll v. 3. Februar 1960.

57 Desgl. v. 20. Dezember 1960 u. 6. Januar 1961.

58 Desgl. v. 18. u. 28. Mai 1961 sowie HOL-Luth AZ 231 vol. III.

59 Ebd.: HOL-Luth AZ 231 vol. III.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

fach war. Von persönlichen Konflikten ganz abgesehen, ging es dabei immer

wieder um die bereits eingangs skizzierte Frage: den Standort der

Musik innerhalb der Kirche.

Vermutlich war man sich in Holzminden gar nicht darüber klar, dass eine

A-Stelle grundsätzlich attraktiv war für qualifizierte Musiker, die eigene

Vorstellungen von ihrer Aufgabe haben konnten und auch versuchen

würden, diese durchzusetzen. Walter Birck, dem ersten Stelleninhaber,

attestierte Prof. Hans-Arnold Metzger als Leiter der Kirchenmusikschule

Esslingen, er sei voll der Kritik an jeglicher Art kirchenmusikalischer Routine,

und ein Pastor aus Plön sprach zusätzlich von einer etwas distanzierten Haltung

gegenüber allen institutionellen Erscheinungen der Volkskirche. 60 Ein solcher

Mann prallte in Holzminden mit dem patriarchalischen Superintendenten

Apel und einem provinziell-konservativen Kirchenvorstand zusammen!

Bei diesen Empfehlungsschreiben haben vermutlich bereits die

ersten Alarmglocken in Holzminden geläutet. Trotzdem übertrug man

Birck die Aufgabe.

Glaubte Birck, glaubten die Verantwortlichen, glaubte die ganze Gemeinde,

ein solcher Wechsel könne nahtlos und ohne Reibungsverluste über

die Bühne gehen? Wenn ja, sollten sie schnell vom Gegenteil überzeugt

werden. Ein liturgischer Singekreis für den gottesdienstlichen „Gebrauch“

– das allein konnte einem professionellen Kirchenmusiker nicht genügen.

Wenn dieser also bereits zwei Monate nach seinem Amtsantritt in einer

Abendmusik die Kantate BWV Nr. 27 Wer weiß, wie nahe mir mein Ende zu

Gehör brachte, besaß das für seine Ambitionen sicherlich programmatischen

Charakter. Mit einem Frauenchor allein war dies nicht zu schaffen.

Dass es ihm in wenigen Wochen gelang, die Kantate in Holzminden einzuüben,

lag zunächst an deren Aufbau, der dem Chor nur zwei schlichte

Choralsätze abverlangt. Umgehend hat Birck Chorsänger suchen müssen

und offenbar auch schnell gefunden. Ebenso dürfte er neue Frauenstimmen

für die kirchenmusikalische Arbeit gewonnen haben. Die Folge zeigte

sich sofort: Für den 19. Dezember 1961 wurde eine Verhandlung mit dem

60 Desgl.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Kirchenvorstand, dem Kirchenmusiker, der Dirigentin und Vertretern des alten

[sic!] Chores angesetzt. 61 Auch wenn diese aus terminlichen Gründen dann

ausfiel – tiefe Gräben waren bereits nach wenigen Wochen aufgeworfen.

Aus heutiger Sicht mag man sich über die damaligen Verhältnisse nur

wundern. So wurde Birck, obwohl er (natürlich) mit Kirchenchor und Posaunenchor

an den Gottesdiensten zu Karfreitag und Ostern teilnehmen

sollte, das Abhalten von kirchenmusikalischen Proben in der Karwoche […]

untersagt. 62 Seinem Nachfolger, Richard Wachinger, wurde sogar für gewöhnliche

Sonnabende das Proben im Gemeindehaus verweigert mit der

Begründung, der Samstag müsse als Sabbat und als Tag vor dem Sonntag geheiligt

werden. Da wies Wachinger die Holzmindener zu Recht darauf hin,

dass seit der Auferstehung Jesu Christi nicht mehr der Sabbat, sondern der erste

Tag der Woche, der Sonntag, als der dem Herrn geheiligte Tag anzusehen ist.

Und süffisant fügte er an: Auch ein Prediger pflegt sich vielfach am Samstag

auf die Sonntagspredigt vorzubereiten. 63

Wachinger kritisierte Ende 1962, in Holzminden sei ein Trennungsstrich

zwischen Kirchenmusik und Gottesdienst gezogen. So wurden bei kirchenmusikalischen

Veranstaltungen die Glocken nicht geläutet, der Altarraum

durfte nicht beleuchtet sein, die Altarkerzen nicht brennen. Auch wenn

Gebet, gemeinsames Vaterunser und Segen zu den kirchenmusikalischen

Feierstunden gehörten, verstärkten diese äußeren Zeichen jenen Eindruck,

der gerade vermieden werden sollte: dass die Kirchenmusik nämlich lediglich

eine Konzertveranstaltung sei. 64 Beschlüsse des Kirchenvorstandes

ließen daraufhin doch am Sonnabend vor einer Aufführung die Nutzung

desGemeindesaales zu, und die Kirchenmusiken sollten künftig im Rahmen

eines kirchenmusikalischen Gottesdienstes gehalten werden. 65

61 Ebd.: Protokoll der Sitzung des Kirchenvorstands v. 13. Dezember 1961.

62 Ebd.: HOL-Luth AZ 231 vol. III.

63 Ebd.: HOL-Luth AZ 231 vol. IV.

64 Desgl.

65 Ebd.: Protokolle der Sitzungen des Kirchenvorstandes v. 16. Januar u. 24. April 1963.

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Wie sehr die Kirchenmusik von den ausübenden Personen abhängig war,

zeigt die Situation beim Amtsantritt Wachingers: Nach monatelanger Vakanz

musste der Kirchenchor erst wieder neu aufgebaut werden. 66 Bei diesem

Aufbau kam auch ein neuer Name ins Spiel: Kantorei. Und zur Förderung

der Nachwuchsarbeit zusätzlich: die Jugendkantorei. Ein veränderter Name

korreliert mit einem veränderten inhaltlichen Anspruch!

Ein anderes Problem wurzelte nicht im kirchlichen Bereich, sondern war

(und ist bis heute) strukturell bedingt in einer Kleinstadt auf dem Lande:

die Fluktuation im Kreis der Sängerinnen und Sänger durch den Wegzug

qualifizierter Kräfte. Im Herbst 1966 sah Udo Barthold eine vorübergehende

„Durststrecke“ herankommen, die ein vierstimmiges Singen zeitweilig

verhindern würde: Unsere Kantorei wird durch den Weggang der Abiturienten

zum Winter erheblich geschwächt werden. Es ist mir gelungen, einige neue Frauenstimmen

für die Mitarbeit in der Kantorei zu gewinnen. Nach wie vor werden

aber vermutlich die Männerstimmen unterbesetzt bleiben. 67

Ausnahmezustand: Kantor Steiner

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Im Gespräch mit dem Chronisten resümierte Reinhard Wachinger rückblickend:

es war kein leichtes Arbeiten in Holzminden. Würde der längst

verstorbene Hans Günther Steiner, der Herbst 1967 nach Holzminden

kam, es ebenso ausdrücken? Er übte sein Amt in Holzminden während

einer Phase aus, die erneut beträchtlich „Bewegung“ in Kirche wie Außenwelt

brachte – was man heute mit einer einzigen Jahreszahl andeuten

kann und dabei sofort verstanden wird: „1968“. Gesellschaftlich und politisch

war das eine Umbruchzeit, deren Einwirkungen sich die Kirche nicht

entziehen konnte.

Wie sehr Politik plötzlich wieder, 30 Jahre nach der NS-Zeit, Einflüsse auf

die kirchenmusikalische Arbeit haben konnte, zeigte sich in der Antwort

66 Ebd.: HOL-Luth AZ 307-7 vol. IV.

67 Desgl.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

eines Holzmindener Dentisten auf die Bitte Steiners, bei der Aufführung

eines Werkes von Georg Philipp Telemann mitzuwirken. Dies wurde abgelehnt

mit der Begründung: Sie vertreten politisch einen Standpunkt, der nicht

meiner Überzeugung entspricht und somit eine harmonische Zusammenarbeit

unmöglich macht. 68 Barockmusik nur für Parteifreunde? Allerdings wirkte

sich Steiners politische Einstellung auch auf seine eigenen Entscheidungen

in Fragen der Kirchenmusik aus: So weigerte er sich im Herbst 1970 aus

Gewissensgründen, am Feldgottesdienst des Volkstrauertages mitzuwirken. 69

Im Sommer 1971 gab es in der Luthergemeinde die Gruppe „Demokratie in

der Kirche“, welche u. a. forderte, die Kirchenvorstandssitzungen der Öffentlichkeit

zugänglich zu machen. Dieser Wunsch wurde von Kirchenmusiker

Steiner unterstützt. 70 Auch in der Kantorei führte er neue Formen der Mitbestimmung

ein. Im Herbst wurde ein Chorrat gebildet als Gremium zwischen

dem Chor und seinem Leiter. Auf regelmäßigen Zusammenkünften

sollten dort Anregungen oder auch Kritik aus dem Chor vorgetragen und diskutiert

werden. 71 Dem Bild vom Traditionschor wurde jenes eines jungen Chores

mit völlig offener geistig-geistlicher und gesellschaftlicher Blickrichtung

gegenübergestellt. 72 Wobei darauf hinzuweisen ist, dass es den Traditionschor

im Sinne des Sonntag für Sonntag die Liturgie singenden Kirchenchores

in Holzminden längst nicht mehr gab.

Veränderungen in der bisherigen Form des gottesdienstlichen Lebens wurden

gefordert, und der Kirchenvorstand war auch bereit, die Erprobung neuer

Formen zuzulassen. 73 Nahezu alle Konflikte jener Jahre ließen sich auf die

inzwischen genügend bekannte Frage reduzieren, nämlich jene nach der

68 Ebd.: HOL-Luth AZ 307 vol. II.

69 Ebd.: Protokoll der Sitzung des Kirchenvorstands v. 26. Oktober 1970.

70 Desgl. v. 14. Juli 1971.

71 Ebd.: HOL-Luth AZ 307 vol. II.

72 KAMEKE, Ernst-Ulrich von: Mitverantwortung im Kirchenchor? In: Der Kirchenchor 30

(1970), S. 66-69. Exemplar mit Randbemerkungen Steiners in seiner Handakte (wie

Anm. 71).

73 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: Protokoll der Sitzung des Kirchen

vorstands v. 14. Juli 1971.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Stellung der Kirchenmusik als Teil des Gottesdienstes und des gemeindlichen

Lebens. 74 Ergänzend kam die Frage hinzu: Welche Art von Musik, in welcher

Form dargeboten? Steiners River-Weser-Fetchelband und das (vom Kirchenchorverband

herausgegebene!) „Beiheft 1972“ mit seinen „flotten,

neuen, auf den Kirchentagen ersungenen Liedern“ 75 kamen sicherlich bei

den ausführenden Jugendlichen, aber keineswegs bei allen älteren Mitgliedern

der Gemeinde gut an. Es gab durchaus Versuche, das Auftreten

der Band im Gottesdienst zu untersagen. Deutlich zeigte sich: die Kirchenmusik

kann nicht nur integrierend in einer Gemeinde wirken, sie kann

auch spalten! Die Kantorei stand dabei auf Seite Steiners. Allen Ernstes

diskutierte der Chorbeirat die Frage, ob dem gottesdienstlichen Singen nicht

ein Singen in kirchenferneren Wohngegenden […] und in Altersheimen (Pipping)

vorzuziehen ist. 76

Zwischen gottesdienstlichem Singen und jenem in den Konzerten und Abendmusiken

gab es hinsichtlich der ausgewählten Werke unter Steiner

eine auffallende Kluft: In den Gottesdiensten – teils als „GinG“, Gottesdienst

in neuer Gestalt – wurden moderne Lieder bevorzugt sowie Kompositionen

von Zeitgenossen wie Rolf Schweizer (*1936) und Paul Ernst

Ruppel (1913-2006). 77 Steiner komponierte auch selbst. Mehrfach wurde

seine Arbeit Die sieben Worte Jesu am Kreuz in Holzminden gesungen. In

den Konzerten blieb er hingegen gewissermaßen traditionell: sie wurden

bestritten mit Werken des 16. bis 18. Jahrhunderts; Mozarts Vesperae solennes

als bisher größte Aufgabe 78 für die Kantorei waren da schon beinahe

„neue“ Musik!

74 Desgl. v. 27. September 1972.

75 KUESSNER, Dietrich: Das Braunschweigische Gesangbuch: Beobachtungen und Anfra

gen zu seiner Geschichte und Gestalt von der Reformation bis heute (Arbeiten zur Ge

schichte der Braunschweigischen evangelisch-lutherischen Landeskirche im 19. und 20.

Jahrhundert, 12). Braunschweig 2007, S. 175.

76 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307 vol. II.

77 Schon unter seinen Vorgängern waren Werke dieser Komponisten gesungen worden.

Griff er im Gottesdienst zumindest teilweise auf eingeübtes Repertoire zurück?

78 TAH v. 9. Dezember 1972.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Mit Superintendent Hensel verließ 1972 ein Mann Holzminden, der hier

den Prozess der Mündigwerdung des Christen […] in Gang gesetzt und wesentlich

zu einer positiven Entwicklung beigetragen hatte. 79 Steiner blieb noch drei

Jahre. Nach vielerlei kleineren und größeren Konflikten, auf die hier nicht

im Einzelfall eingegangen werden kann – inhaltlich boten sie keine Neuigkeiten

mehr –, schied er im Herbst 1975 aus dem Dienst der Luthergemeinde

aus. Hensels Nachfolger, Superintendent Köhler, kommentierte

das mit den Worten: Wann habe ich schon einmal das Vergnügen gehabt, den

Chor in einem Gottesdienst zu erleben? So oft ich während mancher Abkündigungen

die Kirchenmusik hoch leben ließ, gedankt oder auch nur bestätigt wurde

es (mir) nie.

Weder vorher noch hinterher hat sich die Kirchenmusik so in Belange der

Gemeinde eingemischt wie unter Hans Günther Steiner. Und dann solch

ein „Nachruf“? Ganz offenbar hatten hier Anspruch und Wirklichkeit

nicht recht zueinander gepasst.

Gegenwind: Von der A- zur B-Stelle

Wer sich in der Bewertung der Kirchenmusikerstellen auskennt, weiß: von

„A“ nach „B“ ist in diesem Fall kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt,

eine Reduzierung von Anspruch und Entlohnung. Wie passen „neue Wertigkeit“

und „Rückschritt“ zusammen?

Der Aufschwung der Wirtschaftswunderzeit hatte in der Luthergemeinde

eine A-Stelle ermöglicht. Auch an der Paulikirche war inzwischen eine

hauptamtliche Kantorin tätig, die sich 1975 ebenso wie Steiner nicht mehr

in Übereinstimmung mit dem Kirchenvorstand befand. 80 Steiners Weggang

79 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: Protokoll der Sitzung des Kirchen

vorstandes v. 29. November 1972.

80 Ebd.: Aussage von KMD Wiese in der Sitzung des Kirchenvorstandes am 2. September

1975.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

führte zu einer Situation, die man in Holzminden nicht erwartet hatte: Das

Landeskirchenamt verweigerte eine Wiederbesetzung der Stelle, weil auf

Dauer nur eine dieser beiden hauptamtlichen Kantorenstellen in der Stadt

vorgehalten werden könne. Eine Realisierung dieser Vorgabe hätte für die

Luthergemeinde daher bedeutet, in der Kirchenmusik zur Nebenamtlichkeit

zurückkehren zu müssen! Und tatsächlich wurde zum 1. Januar 1976

die bisherige A-Stelle aufgehoben. 81

Ganz so schlimm, wie zunächst befürchtet werden musste, kam es allerdings

dann doch nicht für die Kirchenmusik. Wohl auch aufgeschreckt

durch diese Entwicklung, setzte sich die Luthergemeinde für die Schaffung

zumindest einer B-Stelle ein. Ein Erfolg wurde dabei möglich durch

einen „Stellentausch“ innerhalb des Kirchenkreises insofern, als nicht nur

die Kirchenmusikerin (B-Prüfung) Ingrid Lachmann von Stadtoldendorf

nach Holzminden wechselte, sondern dabei auch gewissermaßen die B-

Stelle „mitbrachte“. So konnten Kirchenkreis und Landeskirchenamt der

Neuregelung zustimmen. Mit Wirkung vom 1. Oktober 1976 begann eine

neue Ära hauptamtlicher kirchenmusikalischer Arbeit an der

Lutherkirche. 82

Ob A- oder B-Stelle, eines änderte sich in Holzminden nicht: Konflikte inhaltlicher

oder auch persönlicher Art gab es weiterhin rund um die Kirchenmusik,

und damit blieb weiterhin die Verweildauer der Stelleninhaber(innen)

relativ kurz. Ingrid Lachmann kündigte ihre Tätigkeit zum 31.

August 1978 aus persönlichen Gründen. Erneut lag sämtliche kirchenmusikalische

Tätigkeit in unserer Kirchengemeinde danieder. 83

Die Wiederbesetzung erfolgte durch eine ähnliche „Verschiebung“ wie

81 Ebd.: Protokoll der Sitzung des Kirchenvorstandes v. 14. Januar 1976.

82 Ebd.: HOL-Luth AZ 231 vol. VI.

83 Ebd.: Tätigkeitsbericht des Kirchenvorstandes, Berichtszeitraum: 26. Juni 1978 bis 20.

Mai 1979 (eingeheftet bei den Sitzungsprotokollen).

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

bereits 1976. Diesmal war es die Pauligemeinde in Holzminden-Altendorf,

die ihre hauptamtliche Kantorin, Erdmuthe Gogarten, verlor. Und auch

diese Gemeinde musste erfahren, wie stark sich Veränderungen im Personalbereich

inhaltlich auswirken können. Mit der Kirchenmusikerin verlor

sie keineswegs nur diese, sondern sie verlor ihren ganzen Chor! Unter

starkem Protest folgte nämlich der größte Teil seiner Mitglieder der Kantorin

an deren neue Wirkungsstätte, die Lutherkirche. Wenn die Kantorei

der Luthergemeinde noch heute aus Noten singt, deren Stempel die Pauligemeinde

als frühere Eigentümerin ausweisen, ist das mit dieser mehr als

30 Jahre zurückliegenden „Personalsache“ zu erklären. Zugleich hatte die

Luthergemeinde den Vorteil, dass die neue Kirchenmusikerin nicht erst

einen Chor aufbauen musste – sie brachte ihn ja mit. Diese Entwicklung

bewog Superintendent Köhler sogar zu dem Vorschlag, künftig nicht mehr

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Probe für den Musikalischen Gottesdienst am 14.

Dezember 1986 mit Kantorin Erdmuthe Gogarten


Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

von einer Kantorei der Luthergemeinde, sondern von einer Kantorei in Holzminden

an der Lutherkirche zu sprechen. 84 (Diese Frage des „richtigen“ Namens

ist übrigens auch anlässlich des 75-jährigen Bestehens wieder aktuell!) Die

Kantorei an der Lutherkirche begann auf Grund der Entwicklung in den

Nachbargemeinden, für Mitglieder jener interessant zu werden. Wieder

zeigt sich: Namen können auch Hinweise auf Inhalte geben.

Das gilt sogar für noch einen weiteren Punkt. Was auch als „Abendmusik“

oder „Kirchenkonzert“ hätte bezeichnet werden können, war während der

Amtszeit Frau Gogartens immer ein Musikalischer Gottesdienst. Damit sollte

die Aufgabe der Kirchenmusik, das Lob Gottes in der Gemeinde singend zu

verkündigen, bereits im Namen der Veranstaltung betont werden. Das sollte

die Kantorei sein: singende Gemeinde. 85

Das Repertoire der Kirchenmusik in der Luthergemeinde änderte sich

nicht. Alte Musik sowie hin und wieder ein zeitgenössischer Choralsatz

von Ernst Pepping oder Fritz Dietrich (1905-1945) standen auf dem Programm.

Erdmuthe Gogarten verhehlte nicht ihre Meinung, dass man die

schrillen Töne der heutigen musikalischen Darbietungen auf die Dauer nicht ertragen

kann. Alte Musik hingegen beruhigt und wirkt loslösend. 86

Mit dem Eintritt der Kantorin in den Ruhestand endete 1987 auch dieses

Kapitel in der Geschichte der Kantorei.

84 Schreiben vom 7. Mai 1979.

85 POMMERENING, Baldur: „Musik beruhigt und wirkt loslösend!“ Kantorin Erdmuthe

Gogarten über ihre Arbeit in der St. Pauli-Kirchengemeinde Holzminden-Altendorf. In:

TAH v. 22. Mai 1975, S. 13.

86 Desgl.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Es fehlt das liebe Geld – Kontinuität auf Abruf?

22 Jahre sind seitdem vergangen und damit „Geschichte“ (auch der Kantorei!)

geworden, aber dem Historiker sei es erlaubt, diesen Abschnitt als

„Gegenwart“ zu begreifen. Denn 1987 standen alle Fragen und Probleme,

die sich uns heute stellen, ebenfalls bereits auf der Tagesordnung.

Ein Kantor und eine Kantorin präg(t)en in diesem Zeitraum die Kantorei:

Ulfert Smidt (1987-1995)

Sybille Groß geb. Franz (seit Dezember 1995)

Grundsätzlich betonten die Verantwortlichen in Holzminden die hohe

Wertschätzung und den großen Stellenwert der Kirchenmusik. Zwischen

den Zeilen wurde sogar zugegeben, dass Anforderungen und Umfang der

Arbeit durchaus jenen einer A-Stelle glichen. Um eine möglichst qualifizierte

Person für diese Arbeit einstellen zu können, griff man auf Vorschlag

des seinerzeit amtierenden Kirchenmusikdirektors zu einem kleinen

„Trick“: Man schrieb die B-Stelle „auch“ für einen A-Musiker aus. 87

KMD und Kirchenvorstand waren sich einig: Die Stellenlage ist zur Zeit so

angespannt, dass durchaus mit einer Besetzung mit einem A-Musiker zu rechnen

ist. Die Rechnung ging auf: Mit Ulfert Smidt kam ein Kirchenmusiker nach

Holzminden, von dem sich der Kirchenkreisvorstand erhoffte, dass durch

ihn die Bildung eines – lange vermissten – kirchenmusikalischen Schwerpunktes

im Kirchenkreis mit Standort an der Lutherkirchengemeinde versucht und begonnen

werden könne. 88

Die mit diesem Vorgehen verbundene Problematik wurde durchaus erkannt,

was sich in der protokollarisch festgehaltenen Frage der Verantwortlichen

zeigt: Wird ein A-Musiker dieser Qualität für längere Zeit in Holzminden

bleiben? 89 Er blieb fast acht Jahre. In dieser Zeit konnte er Grundla-

87 Vgl. die Anzeige in: Der Kirchenmusiker, H. 3/87.

88 Pfarrarchiv der Luthergemeinde Holzminden: HOL-Luth AZ 307-7 vol. VII.

89 Ebd.: HOL-Luth AZ 231 vol. VIII.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

gen für das kirchenmusikalische Leben in Holzminden schaffen, auf denen

auch heute noch teilweise die Arbeit ruht.

Ulfert Smidt

Im Rahmen der Stellenbesetzung meldete sich noch einmal die Jugend der

Gemeinde zu Wort. Sie trug vor, der/die Kirchenmusiker/in möge mit ihnen

einige von der Jugend und von moderner Kirchenmusik geprägte Gottesdienste

erarbeiten. Für den Fall, dass keine Gemeinsamkeit erreicht werden könne,

wünschte sie wenigstens eine Tolerierung dieser Musik.

Dieser Wunsch leitet über zu der Frage, wie sich das Repertoire der Kirchenmusik

an der Lutherkirche in den letzten Jahrzehnten entwickelte.

Der Blick in die zahlreich überlieferten Programmzettel zeigt: Da kam es

zu einem deutlichen Wandel. Auch dies ist natürlich kein Holzmindener

Sonderfall, sondern eine allgemeine Erscheinung. Alte Meister sind seither

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

nicht mehr Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Ulfert Smidt legte zunächst

einen Schwerpunkt auf die Barockmusik: Johann Sebastian Bach,

Georg Friedrich Händel. Aber auch Mozart (1991: Krönungsmesse) und

Mendelssohn-Bartholdy (1992: Psalmen) kamen unter seiner Ägide bereits

zur Geltung.

Der erste Auftritt der Lutherkantorei unter Leitung von Sybille Groß, geb. Franz,

April 1996, Kantatengottesdienst mit der Bach-Kantate 147 „Herz und Mund und

Tat und Leben“

Sybille Groß, ebenfalls „A-Musikerin“, bringt vor allem die neue Wertschätzung

der Musik der Romantik in die Arbeit ein. Von der Singbewegung

verworfen (ebenso wie die Orgelbewegung die Instrumente des späten

19. Jahrhunderts wörtlich ver-„warf“ – nämlich auf die Müllkippe),

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

kehrt diese Musik mit Macht in die Kirche zurück. Das gilt sowohl für

Werke aus der ersten wie solche aus der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts.

Otto Nicolai und vor allem Felix Mendelssohn-Bartholdy werden

wieder „entdeckt“, aber auch Max Bruch, Josef Gabriel Rheinberger, sogar

Gioachino Rossini und Camille Saint-Saens.

Das ist nicht mehr „nur“ deutsche protestantische Kirchenmusik: es wird

„international“ und „ökumenisch“. Wobei gerade letztere Feststellung

zumindest teilweise auch für die Musik als solche gilt, hat doch beispielsweise

der Katholik Rheinberger für einige seiner schönsten Lieder (Ich bin

des Herrn! oder Sehet, welche Liebe) auf Texte aus dem protestantischen Bereich

(Albert Knapp, Philipp Spitta) zurückgegriffen. Gleichzeitig ist diese

Entwicklung auch eingetreten hinsichtlich der Herkunft der Sängerinnen

und Sänger der Kantorei: auch sie reicht inzwischen nicht mehr nur über

Gemeindegrenzen, sondern auch über konfessionelle Schranken hinaus.

Überall verbunden ist diese Entwicklung mit einem deutlichen Wandel

der Stellung der Kantoreien in ihren Gemeinden. Nicht mehr missionierender

„Gemeindekern“, sondern selbst „Missionsgemeinde“ – diese Feststellung

war bereits vor 30 Jahren zu treffen. 90 Was ist daraus zu folgern? Die

Kirchenmusik sieht es so: Man sollte es niemandem verargen, wenn er um der

Musik willen und nicht um der Kirche willen den Weg in eine Kantorei findet,

und darauf bauen, dass geistliche Funken überspringen. 91 75 Jahre nach Gründung

der heutigen Kantorei in Holzminden an der Lutherkirche ist letzteres

aus Sicht des Chronisten eine wichtige Aufgabe der Kirchenmusik.

Und man muss dies nicht zwingend als Reduktion des erhobenen Anspruches

werten – ist es nicht vielmehr eine Ausweitung: ein Wirken nicht

nur in der jeweiligen Gemeinde, sondern in der Welt?

Natürlich ist dafür zu kämpfen, dass die geistliche Musik nicht der völligen

Säkularisierung anheim fällt. Aus diesem Blickwinkel ergibt sich auch

die zwingende Notwendigkeit für die Kirche, „ihre“ Musik nicht aus fi-

90 BLANKENBURG (wie Anm. 12), S. 287 [der Beitrag wurde posthum veröffentlicht].

91 Desgl.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

nanziellen Gründen ins Nichts fallen zu lassen. Die Probleme, in Holzminden

eine hauptamtliche Ausübung der Kirchenmusik zu sichern, sind

hinlänglich bekannt und müssen nicht an dieser Stelle erörtert werden.

Um Haaresbreite hätte nur noch eine „kopflose“ Kantorei ihr Jubiläum

begehen können. All denen, die sich hier mit Wort und vor allem Tat einsetzen,

ist auch an dieser Stelle herzlich zu danken. Eines ist ganz sicher:

mit der Musik würde die Kirche ein großes Stück Ausstrahlungskraft verlieren.

Nicht nur Ausstrahlung, auch Inhalt! Denn geistliche Musik ist nicht nur

schöne Hülle als Mittel der Werbung. Unabhängig davon, wie sehr ihre

äußerliche Stellung vielleicht reduziert sein mag: in ihr steckt das Lob Gottes.

Sängerinnen und Sänger, Zuhörerinnen und Zuhörer müssen zur

Kenntnis nehmen, dass in ihr eine wichtige Aufgabe erfüllt wird, die der

hl. Benedikt als fundamentalen Grundsatz unseres Lebens einfordert:

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Ut in omnibus Deus glorificetur

– Auf dass in allem Gott verherrlicht werde. –


Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Das Chorleben

von Sabine Meier

Kirche lebt mit Musik!

Die Kantorei lebt durch die Menschen, die Spaß haben, gemeinsam zu

musizieren. Singen macht Spaß und ist gesund. Das ist sogar wissenschaftlich

erwiesen.

Chorprobe

Aus diesem Grund treffen sich jeden Mittwoch um 20 Uhr etwa 50 Menschen

im Alter von 16 bis 70 Jahren im Gemeindehaus der Lutherkirche.

Der überwiegende Teil besteht aus Sängerinnen, die sich in Sopran- und

Altstimmen aufteilen. Die Männer singen vorwiegend Bass, obwohl der

ein oder andere in den Einsingübungen durchaus auch Tenorhöhen erreicht.

Tenorsänger genießen ihrer Begabung entsprechend eine besondere

Aufmerksamkeit (und nehmen ungestraft Sonderrechte in Anspruch: Sie

dürfen zum Beispiel zu spät kommen oder früher gehen!)

Jede Probe beginnt mit einem Dankeschön der Kantorin an alle, die pünktlich

erschienen sind. Bisweilen folgt auch eine Predigt über eine regelmäßigere

Teilnahme der Chormitglieder. Häufig wird sie von den falschen

Sängerinnen und Sängern gehört.

Einsingübungen eröffnen den musikalischen Abend. Mitglieder, die zu

spät kommen, werden mit einem kräftigen „Siehe da, siehe da, siehe da“

musikalisch begrüßt.

Aus systematischen Gründen beginnt die Erarbeitung eines musikalischen

Werkes meistens von hinten. Der Sopran muss sich in Geduld üben, weil

erst die anderen Stimmen ihren Part einstudieren müssen. Erst zum

Schluss darf er die Melodie darüber singen. So ist es mitunter schon einmal

vorkommen, dass darunter die Disziplin der Sängerinnen leidet. Die

Folge: Das ein oder andere Gespräch über nicht chorspezifische Themen

wird eröffnet, was wiederum den Probeerfolg nicht unbedingt fördert. Die

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

vom Bass sind zum Glück auch voller Phantasie, wenn es gilt, die Wartezeit

zu überbrücken. Ein Beweis dafür, dass der Spaß bei der Chorarbeit

nicht zu kurz kommt.

Eine Sängerin hat einmal das positiv klingende Wort „Tonkontrolle“ für

eine Tonunsicherheit benutzt. Seitdem unternimmt die Kantorin regelmäßig

nicht nur Ton- sondern auch Taktkontrollen.

Um kurz nach 21 Uhr gibt es eine Pause: Es werden organisatorische Dinge

angesprochen und persönliche Gespräche geführt.

Je später der Abend umso müder die Chormitglieder und - umso energiegeladener

die Kantorin: Nach der Pause dreht sie noch einmal so richtig

auf. Auch wenn das ein oder andere Chormitglied, vom Alltag ermüdet,

unter gehörigem Konzentrationsmangel leidet: Bis zum Schluss wird

durchgepowert. Nur selten verlässt der Chor eine Minute vor 22 Uhr das

Gemeindehaus.

Chorwochenende

Einmal im Jahr steht ein auswärtiges Chorwochenende an. Die Jugendherberge

in Helmarshausen ist seit einigen Jahren das Ziel. Dort wird von

Freitagabend bis Sonntagmittag intensive Probenarbeit geleistet und das

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Chorfreizeit Helmarshausen 2006


gesellschaftliche Miteinander gepflegt. An solch einem Wochenende wird

bis zu 13 Stunden gesungen. Die Sänger und Sängerinnen erhalten so den

besten „Schliff“ für ein musikalisches Werk. Die intensive Probenarbeit

verschafft den Chormitgliedern

mehr Sicherheit

und lässt sie

locker in ein Konzert

gehen, das meistens

kurz darauf stattfindet.

Solche Wochenenden

dienen auch der Geselligkeit.

Ein besonderes

Highlight ist

der Samstagabend,

an dem nach der

Probe noch ein „bunter

Abend“ folgt. Bei gutem Wein, Bier, alkoholfreien Getränken und mitgebrachten

Leckereien kommen die Sänger - nicht nur stimmlich- in

Hochform.

Maßgeblich beteiligt

daran ist Annemargret

Voges. Sie versteht es,

mit einigen Chormitgliedern

Sketche vorzubereiten

und aufzuführen.

„Das Angorakätzchen“

mit Pastor

Heinrich Höfer als

Prinzessin und Wolfgang

Kleine als Königin

war allen ein unvergessliches

Erlebnis.

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Der Chor litt am

n ä c h s t e n Ta g g es

c h l o s s e n u n t e r

„Lach-Muskelkater“.

Auch Loriot-Sketche

kommen immer wieder

gut an. Inzwischen

beteiligen sich

selbst die Mädchen

aus dem Jugendchor

aktiv an diesen Sketchen

- vorausgesetzt

sie leiden nicht gerade

wegen der vielen Naschereien

unter Übelkeit oder haben mit Heimweh zu kämpfen.

Auch die Kantorin bündelt

nach einem langen

Probentag ihre letzte Energie.

Gemeinsam mit

ihrem Mann bringt sie

einige Lieder aus den 30ern

zu Gehör, deren Texte

nicht immer ganz „hasenrein“

sind, aber zum

Mitsingen einladen. Die

Chormitglieder danken

es ihnen stets mit lautem

Beifall.

Manchmal finden auch im Gemeindehaus Probenwochenenden statt.

Dann wird am Freitagabend und Samstagnachmittag ausgiebig geprobt.

An diesen Wochenenden ist oft besonders schönes Wetter – zur Entschädigung

gibt es deshalb zur Kaffeepause eine reichhaltige Kuchenauswahl.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Konzerte

Konzerte sind die Höhepunkte im Chorleben! Jedes ist ein einmaliges Erlebnis

und bedarf einer guten Vorbereitung. Die Kantorin organisiert den

Ablauf - vom Kartenvorverkauf, den Aufbau der Bühne mit Hilfe von einigen

kräftigen Sängern, der Unterbringung der Solisten bei Chormitgliedern

bis hin zum Aufstellen eines Zeitplans für Generalprobe und Konzert….

Sybille Groß verdient hierfür eine Ehrennadel – sie denkt an alles!

Am Tag des Konzertes werden einige Stellen noch einmal in der Kirche

geprobt. Dann gibt es eine kurze Pause zur Stärkung und zum Umziehen.

Kurz vor Beginn versammelt sich der Chor im Gemeindehaus. Die Kantorin

lässt einige Lockerungsübungen durchführen und hält eine Motivationsansprache.

„Yes we can!“ war der aufmunternde Spruch, der vor dem

letzen Konzert fiel und seine Wirkung tat. Die sehr gute Vorbereitung bewirkt,

dass sich das Lampenfieber der Chormitglieder im Rahmen hält

und nur gelegentlich junge Mädchen einer Ohnmacht nahe sind.

Leider ist solch ein Konzert immer viel zu schnell zu Ende. Damit das

Loch, in das man danach als Mitwirkender fällt, nicht zu tief gerät, gehen

die Sänger und Sängerinnen, die Lust dazu haben, hinterher in ein Restaurant.

Dort wird bei leckerem Essen und Trinken über den Tag und das

Konzerterlebnis erzählt. Fazit ist immer: Der Aufwand hat sich gelohnt. Es

hat allen viel Freude bereitet, dabei gewesen zu sein!

Außer den großen Konzerten finden auch kleinere Aufführungen statt, an

denen nicht immer alle Chormitglieder teilnehmen. In unregelmäßigen

Abständen wird der Sonntagsgottesdienst musikalisch von der Kantorei

ausgeschmückt.

Tag des offenen Denkmals

Einmal im Jahr wird im Kreis Holzminden der „Tag des offenen Denkmals“

begangen. An diesem Tag steht in der Klosterkirche Amelungsborn

abends ein Abschlusskonzert auf dem Programm. Es wird entweder vom

Kammerchor oder der Kantorei ausgerichtet. Der Chor trifft sich nachmittags,

um das Programm noch einmal durchzusingen. Die schwierige A-

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

kustik mit einem langen Nachhall macht es den Mitwirkenden nicht immer

einfach. Hat man sich jedoch erst einmal daran gewöhnt, macht das

Singen dort sehr viel Spaß. Margarete Otten, Ehefrau des ehemaligen Superintendenten,

verwöhnt an diesem Tag die Chormitglieder mit selbstgebackenem

Kuchen – ein schlagendes Argument, dabei zu sein.

Opernfahrt

Einmal im Jahr unternimmt der Chor eine Opernfahrt, die Hans Peter

Groß organisiert. Alle interessierten Chormitglieder und Angehörige fahren

mit dem Bus in die Oper nach Hannover. Nach so einem musikalischen

Erlebnis sind die Sänger hoch motiviert und schmettern der Chorleiterin

in den nächsten Proben ihre Stimmen nur so entgegen.

Chorbeirat

Der Chorbeirat besteht aus acht Sängern und Sängerinnen, die schon viele

Jahre Chormitglieder sind. Er trifft sich, wenn es organisatorische Dinge

zu besprechen gibt.

Sommer-Chorfest

Für Privatgespräche bleibt in den Chorproben nur bedingt Zeit. Dennoch

gibt es ausreichende Gelegenheiten, soziale Kontakte zu pflegen. Zum

Beispiel am letzten Probentag vor den großen Ferien: Ehepaar Groß stellt

in Polle ihre Terrasse mit Weserblick für ein geselliges Beisammensein zur

Verfügung. Jeder bringt etwas Leckeres mit und so kann der Abend mit

einem reichhaltigen Büfett, bei Prosecco oder Mineralwasser, feinen Weinen

und - als besondere Spezialität - selbst gemachtem Holunderblütensirup

von Sybille Groß gefeiert werden.

Kammerchor

Außer der Kantorei existiert noch der Kammerchor. Der kleine Chor besteht

aus einigen Mitgliedern der Kantorei und Gastsängern. In einigen

wenigen Proben, meistens am Wochenende, werden Stücke, die besser für

eine kleine Besetzung geeignet sind, erarbeitet. Die Konzerte des Kammerchores

sind ebenfalls kleine musikalische Höhepunkte im Kirchenjahr

und werden gut besucht.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Es hat auch schon ein Frauenchorprojekt gegeben. Die Damen haben engelsgleich

mit einer Harfenistin „Dancing Day“ von John Rutter gesungen

und dafür großen Zuspruch erhalten. Weil es so schön war, wurde das

Konzert in Hameln in der Marktkirche wiederholt. Auch dort erhielten die

Mitwirkenden großen Beifall.

Frauenchor des Kammerchores

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Gemeinschaftsprojekte

In Zusammenarbeit mit einigen niedersächsischen Chören wurde unter

Leitung des Hamelner Kantors Christoph Becker-Foss die

Auferstehungs-Symphonie von Gustav Mahler zur Aufführung gebracht.

Mit 500 Chorsängern und der groß besetzten Jenaer Philharmonie schmetterten

die Sänger und Sängerinnen dem begeisterten Publikum ihre Stimmen

entgegen. Dieses Konzert war eine besondere Erfahrung und ist den

Beteiligten immer noch in guter Erinnerung.

Mit der Kantorei in Bodenwerder wurden 1998 Bach’s komplettes Weihnachtsoratorium

umd 1999 Mendelssohn und Nicolai aufgeführt. Jede

Kantorei hat den Notentext für sich erarbeitet. Kurz vor dem Konzert gab

es einige gemeinsame Proben. So kamen die Mitwirkenden in den Genuss,

das Konzert einmal in Holzminden in der Lutherkirche und einmal in Bodenwerder

aufzuführen.

Auch in diesem Jahr steht ein Gemeinschaftsprojekt an. Mit dem Pro Arte

Chor aus Winsen/Aller wird die Sinfonie-Kantate Lobgesang von Felix

Mendelssohn Bartholdy zur Aufführung kommen. Wieder üben die Chöre

den Notentext für sich ein. Jedoch wird es ein gemeinsames Chorwochenende

in Duderstadt geben, an dem die Chöre zusammen wachsen werden

und der „Feinschliff“ vorgenommen wird. Das Projekt wird am 31. Oktober

2009 in Amelungsborn aufgeführt und am 01. November 2009 in Celle

wiederholt.

Singen macht nicht nur Spaß und ist gesund, es verbindet auch und fördert

die christliche Gemeinschaft. Möge die Kantorei auch in den nächsten

75 Jahren vielen Menschen ein Zufluchtsort sein, an dem sie Kraft für das

tägliche Leben schöpfen können.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Kantorei und Jugend

Von Marieke Mau und Luisa Burk

Als Lea (Wittkopf) und ich 5 Jahre alt waren, hatten wir schon damals viel

Spaß beim Singen und mit der Musik bei der musikalischen Früherziehung.

Dadurch kam Leas Mutter, die in der Kantorei mitsingt, auf die Idee,

dass wir uns mal den Kinderchor anschauen sollten. Es hat uns sehr gut

gefallen und wir sind seitdem im Chor. Von unseren Erzählungen und von

den tollen Aufführungen wie z. B. der falsche Ritter, bekamen auch andere

Jugendchor 2009

Freundinnen Lust, zum Chor zu kommen, wie z. B. Luisa, Anouk, Sanja.

Wir haben alle zusammen tolle Konzerte erlebt. Besonders cool waren

auch die Bremer Stadtmusikanten im vorletzten Jahr.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Im September 2007 kamen wir dann in die 5. Klasse und wechselten in

den Jugendchor. Wir waren dort 7 Kinder und sollten schon gleich mit der

Kantorei zusammen das Weihnachtsoratorium von Bach singen. Weil wir

noch ein bisschen gemeinsam proben mussten, machten wir mit beim

Probenwochenende in Helmarshausen. Das Wochenende war für uns von

Samstagmittag bis Sonntag. Wir mussten nicht ganz so viel proben wie die

Kantorei, deshalb konnten wir in der Freizeit viel quatschen, tolle Spiele

und Rallyes machen. Zusammen mit dem Orchester und den Solisten war

es beim Konzert richtig feierlich und toll!

Im letzten Jahr probten wir mit der Kantorei zusammen in Helmarshausen

das Requiem von Duruflé. Es war wie im letzten Jahr toll und aufregend.

Diesmal waren wir von Freitag bis Sonntag dort. Das war ein anstrengendes

Wochenende. Es hat aber auch viel Spaß gemacht, da die Erwachsenen

alle sehr nett waren.

Im Januar 2009 wechselten noch 8 weitere Kinder in den Jugendchor.

Momentan proben wir mit der Kantorei zusammen den „Lobgesang“ von

Mendelssohn (wird präsentiert am Sonnabend, 31.10.09, 18 Uhr in der

Klosterkirche Amelungsborn), „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ und

„Hör mein Bitten“ (am Sonntag, 10. Mai 2009, 16 Uhr Lutherkirche) auch

beides von Mendelssohn.

Manchmal ist das lange Stehen bei den Proben und Aufführungen ziemlich

anstrengend, aber sonst macht es richtig viel Spaß im Jugendchor zu

singen. Eine tolle Erfahrung! Vielleicht hat ja jemand von EUCH Lust,

beim Kinder- oder Jugendchor mit zu singen. Wir freuen uns auf Euch!

Marieke und Luisa

im Namen der „Jugendchormädels“

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Die Chorarbeit der jüngeren Vergangenheit

von Sybille Groß

In der Geschichte der Chorarbeit in der Luthergemeinde Holzminden ist

es zu lesen: die kirchenmusikalische Arbeit ist hier wie auch in anderen

Gemeinden, ob groß oder klein, einem stetigen Wandel unterworfen. Das

verwundert nicht und ist ein „normaler“ Prozess, abhängig von Personen,

Finanzen, Ansprüchen und äußeren Bedingungen.

An dieser Stelle soll der „Ist-Zustand“ der Chorarbeit erläutert werden,

stets verbunden mit einer herzlichen Einladung an die werte Leserschaft ,

sich unseren Chören hörenderweise oder gerne auch singenderweise zuzuwenden.

Kantorei

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

„Filetstück“ einer jeden Chorarbeit ist die Kantorei – der „große“ Chor,

der sich allwöchentlich mittwochs (wenn es dämmert…) und zu diesem

oder jenem Termin darüber hinaus trifft, um sich den Reichtum des kirchenmusikalischen

Repertoires zu erarbeiten und dann mit möglichst ansteckender

Begeisterung gemeinsam zu musizieren.

Im Laufe der letzten Jahre ist die Kantorei auf ca. 55 Sängerinnen und

Sänger angewachsen.

An anderer Stelle in unserer kleinen Festschrift wurde bereits ausführlich

auf die Arbeit der Kantorei eingegangen.

Ergänzend sei nur weniges anzumerken, z.B. dass der Kantorei Holzminden

(vormals Lutherkantorei Holzminden) das Singen und Verkündigen

im Gottesdienst sehr am Herzen liegt , ebenso aber natürlich auch die Aufführung

der „großen“ Kirchenmusik.

Ich erinnere mich an viele großartige Projekte, die ich mit dieser Kantorei

erleben durfte. An Konzerte, die mehr als nur ein „Sahnehäubchen“ nach

manchmal langer und anstrengender Probenarbeit waren.

Wenn sich nach langer und ausführlicher, manchmal kräftezehrender Probenzeit,

nach dem finalen Probenwochenende mit viel Gesang, Spaß, Wein

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Kantorei

und Chips, nach fröhlichen und anstrengenden Probenphasen und letztlich

nach einer langen Zeit der Vorbereitung das Gefühl „Yes, we can“ einstellt,

wenn die Krawatte sitzt und die Bluse gebügelt ist, wenn die Podeste

stehen, die Instrumente gestimmt und das Publikum erwartungsfroh

ist, dann gibt es für alle die größte Belohnung: musizieren aus einem

„Guss“, aus vollem Herzen und mit der größten Freude.

Kammerchor

Wenn die Kantorei das „Filetstück“ ist, dann ist der Kammerchor das Praliné

zwischendurch. Der Kammerchor wurde 1997 als ergänzendes Ensemble

zur Kantorei gegründet. Unter den Mitgliedern bestand der

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Wunsch, einen weiteren Chor in „kleiner Besetzung“ zu haben, der sich

insbesondere dem für kleine Chöre geeignetem Repertoire zuwendet und

Kammerchor in Amelungsborn

sich dieses in intensiver Probenarbeit aneignet.

Seither singen im Kammerchor zwischen 18 und 25 SängerInnen. Der

Kammerchor ist ein Projektchor, der an mehreren Wochenenden im Jahr

probt (an diesen Wochenenden ist immer gutes Wetter!) und dann verschiedene

Werke in Konzerten und Abendmusiken zur Aufführung bringt.

Wer nun an Motetten von Schein, Schütz, Lechner und weitere „Alte Meister“

der a capella Musik denkt bezüglich des Repertoires dieses Chores,

liegt richtig. Aber auch Kantaten und Motetten von D. Buxtehude,

N.Bruhns und Joh.Seb.Bach wurden aufgeführt, ebenso wie Motetten von

Mendelssohn, Brahms (u.a. „Liebeslieder-Walzer“), Trond Kverno , Arvo

Pärt , John Rutter und zuletzt der „Totentanz“ von Hugo Distler. Der

Kammerchor bereichert die Chorarbeit um eine Facette, die sonst fehlen

würde: mit dem zusätzlichen Zeitpotential gelingt es, Chormusik zu erarbeiten,

für die in der Kantorei neben den Kantaten, Oratorien und Motetten

für die Gottesdienste oft die Gelegenheit fehlt.

Außerdem ist der Kammerchor das „Hobby“ der Chorleiterin: sie darf

(und kann) selber mitsingen!

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Kinderchor

Singen mit Kindern“ – das könnte schon eine Abhandlung für sich werden.

Die Kinderchorarbeit findet in einer Zeit statt, in der das Singen

nicht zur Ausbildung von ErzieherInnen oder GrundschullehrerInnen gehört

, das häusliche Singen in der Familie eher die Ausnahme ist und

auch die derzeitige Elterngeneration von Kindergarten- und Grundschulkindern

kaum im Singen sozialisiert ist.

Dieser Bedarf wurde glücklicherweise in den letzten Jahren erkannt – das

kindgerechte und stimmfördernde Singen mit Kindern und das Musizieren

überhaupt wird in verschiedenen Bundesländern an Schulen wieder

forciert.

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Kinderchor Burg Polle


Der Schwerpunkt in der Arbeit des Kinderchores liegt in erster Linie im

Spaß am gemeinsamen Singen, dem Entdecken der Stimme und der gemeinsamen

„Kraft“, die im Singen liegt. Die Kinder sind doch immer wieder

auch von sich selber beeindruckt, von dem, was sie gemeinsam (und

nur gemeinsam!) in so einem Chor leisten können.

Zunächst einmal singt jedes Kind gerne – wenn man es nur lässt! Text,

Rhythmus und Melodie lernt es ganz nebenbei (wahrscheinlich liegt hier

der größte Unterschied zur Kantoreiprobe!).

Und so versteht es sich, dass der Kinderchor neben vielen Liedern auch

Kantaten, Singspiele und Musicals zur Aufführung gebracht hat und dabei

zu Weihnachten, zum Schulanfängergottesdienst und in Familiengottesdiensten

auch regelmäßig zum Bestandteil des Gottesdienstes zählt.

Seit 2002 besteht eine enge Kooperation innerhalb der „Kontaktstelle Musik“

mit der Musikschule Holzminden e.V.

Gemeinsame Konzerte in der Lutherkirche, mit dem Kinderchor Lauenförde,

auf der Burg Polle und im Schloss Bevern waren Höhepunkte in

dieser gemeinsamen Arbeit.

Die Kleinen sind erstaunlich diszipliniert, offen und von schneller Auffassungsgabe.

Sie sind manchmal erfrischend frech und vorlaut und sind

stimmlich zu erstaunlichen Dingen fähig. Die Stimmbildung gehört in dieser

Gruppe – wie in allen anderen – selbstverständlich dazu.

Jugendchor

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Als die erste Kinderchorgeneration in meiner Amtszeit dem Kinderchor

entwuchs, war es Zeit, einen Jugendchor zu gründen – wollte ich doch

nicht den sängerischen Nachwuchs „in die Wüste“ schicken, sondern weiterbilden

und weiter binden!

Die Sängerinnen des Jugendchores (warum es von jeher nur Mädchen

sind, die in den Jugendchor wechseln, ist ungeklärt) sind die kleinste, aber

die vielseitigste der Chorgruppen: sie verstärken den Kinderchor, singen

mit modernen sacro-pop-Liedern und Musicals (heißgeliebt durch alle Jugendchorgenerationen

hindurch: „Jonah-Man Jazz“) auch die Konzerte

der Kantorei mit.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Da stehen sie dann erstmals in dem großen Chor, mitten im Orchester und

berichten später von „unserem Orchester“ und „unseren Solisten“. Britten,

Jugendchor 2005

Bach, Händel, Duruflé – trotz aller Anstrengungen nehmen die jungen

Sängerinnen dieses Repertoire doch mit einer bewundernswerten Leichtigkeit!

Da tut es schon ein bisschen weh, die jungen Damen irgendwann ziehen

lassen zu müssen, wenn sie viele Jahre im Kinderchor und dann im Jugendchor

gesungen haben.

Momentan (Frühjahr 2009) singen 14 „Mädel’s“ im Jugendchor – eine

frisch-fröhliche, stimmkräftige und herzerfrischende Gruppe, die mich

fast immer gut gelaunt nach Hause gehen lässt.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Einblicke in 75 Jahre Repertoire eines Chores

1937 November 28: Musikalische Abendvesper

Christoph W. Gluck: Hymne Hoch tut euch auf, ihr Tore der Welt!

Bruno Leipold: Er kommt, er kommt

1946 April 11: Passionsmusik (drei Choralsätze)

1947 November 2: Choral-Feier zum Beschluss der Gemeinde-Singewoche

Heinrich Schütz: Kommt her, des Königs Aufgebot

(aus: Psalmen Davids)

1947 November 30: Adventsmusik

Joh. Wolfgang Frank: O du mein Trost und süßes Hoffen

1949 Dezember 11: Weihnachtsmusik

Joh. Sebastian Bach: Wie soll ich dich empfangen (Choralsatz, Weihnachtsoratorium)

Dietrich Buxtehude: In dulci jubilo für 3stimmigen Chor

Peter Cornelius: Drei Kön’ge wandern aus Morgenland

1952 Dezember 7: Adventsmusik

Dietrich Buxtehude: In dulci jubilo

Heinrich Spitta: Liedkantate Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt

1959 Oktober 25: 25jähriges Jubiläum des Kirchenchores

Dietrich Buxtehude: Kantate Kommst du, Licht der Heiden

Heinrich Schütz: Singet dem Herrn ein neues Lied

1961 Dezember 1: Abendmusik

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 27 Wer weiß, wie nahe mir mein Ende

1962 April 29: Abendmusik

Dietrich Buxtehude: Kantate Alles was ihr tut, mit Worten oder mit Werken

1962 Dezember 9: Adventsmusik

Hermann Stern: Choralkantate Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

1963 März 31: Passionsmusik

Dietrich Buxtehude: Kantate Jesu, meine Freude (3stimmig)

Melchior Franck: Motette Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein

H. F. Micheelsen: Allein zu dir, Herr Jesu Christ

1963 November 10 Motetten- und Kantatenabend

Werke von Dietrich Buxtehude, Johann Eccard und Heinrich Schütz

1963 Dezember 15: Adventsmusik

Werke von Dietrich Buxtehude und Vincent Lübeck

1964 April 26: Geistliche Abendmusik

Werke von A. Gumpelzhaimer und Heinrich Schütz

1964 Oktober 4: Geistliche Abendmusik

Werke von Dietrich Buxtehude, Hugo Distler und Heinrich Schütz

1965 April 3: Kirchenkonzert des Kulturvereins

Max Reger: Choralkantate O Haupt voll Blut und Wunden

1965 Oktober 31: Geistliche Abendmusik

Dietrich Buxtehude: Choralkantate Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

Hugo Distler: Kleine geistl. Abendmusik op. 6 Nr. 1 Christ der du

bist der helle Tag

1965 Dezember 12: Adventsmusik

Walter Rein: Kleine Adventskantate Es kommt ein Schiff geladen

Samuel Scheidt: Deutsches Magnificat

Heinrich Schütz: Kl. geistl. Konzert: Die Verkündigung

1966 März 27: Geistliche Abendmusik

Paul Ernst Ruppel: Crucifixion – Passionsbetrachtung nach Spirituals

1966 Mai 8: Geistliche Abendmusik

Werke von Hugo Distler und Heinrich Schütz

1966 Oktober 2: Musikalische Vesper

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Werke von Günther Kretschmar, Dietrich Mendt, Paul Ernst Ruppel und

Rolf Schweizer

1969 März 16: Abendmusik in Golmbach, St. Gangolf, zur Einweihung

der Orgel

Joh. Sebastian Bach: Motette Nun lob, mein Seel, den Herren

A. Gumpelzhaimer: Jesu Kreuz, Leiden und Pein (Choralsatz)

Hans-Leo Hassler: O Mensch, bewein dein Sünde groß (Choralsatz)

Heinrich Schütz: Motette O hilf Christe, Gottes Sohn

1970 Mai 10: Abendmusik

A. M. Brunckhorst: Die Ostergeschichte

1971 März 21: Konzert

Reinhard Keiser: Markus-Passion

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

1971 (Sommer): Gottesdienst Rolf Schweizer: Psalm 34

1971 Juli 11: Abendmusik in Golmbach

Michael Prätorius: Kyrie aus der Missa sine nomine

Johann Rosenmüller: Kantate Daran ist erschienen die Liebe Gottes

1971 November 21: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 82 Ich habe genug

Kantate BWV 106 Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

Kantate BWV 161 Komm, du süße Todesstunde

1972 März 31: Hauptgottesdienst

Hans G. Steiner: Die sieben Worte Jesu am Kreuz „die ich vor länge

rer Zeit einmal vertont habe und die für den Chor um

zuarbeiten ich eben im Begriff bin“ (Uraufführung)

1972 Juli 16: Abendmusik

(„mit alten und zeitgenössischen Werken“)

1972 Dezember 10: Konzert

Wolfgang A. Mozart: Vesperae solennes de confessore

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

1973 April 15: Konzert

Georg Ph. Telemann: Lukas-Passion

1973 Dezember 2: Kirchenkonzert [?]

1974 März 24: Passionsmusik

Paul Ernst Ruppel: Crucifixion – Passionsbetrachtung nach Spirituals

Hans G. Steiner: Die sieben Worte Jesu am Kreuz

1974 März 3: Musikalischer Gottesdienst

Joh. Balthasar König: Kantate Ach, Jesus geht zu seiner Pein

1975 September 21: Hauptgottesdienst in der Michaeliskirche

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 47 Wer sich selbst erhöhet, der soll

erniedriget werden

1976 April 11: Kirchenmusik in Golmbach, St. Gangolf

Johann Krüger: Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen (Choralsatz)

O Haupt voll Blut und Wunden (Choralsatz)

Max Reger: Motette Ich lieg und schlaf ganz in Frieden

Hans G. Steiner: Die sieben Worte Jesu am Kreuz

1976 April 16: Karfreitagsgottesdienst

Hans G. Steiner: Die sieben Worte Jesu am Kreuz

1980 Mai 4: Musikalischer Gottesdienst (mit der Paul-Gerhardt-Kantorei

Dassel)

Joh. Sebastian Bach: Motette Nun lob, mein Seel, den Herren

Samuel Scheidt: Motette zu 8 Stimmen Herr, unser Herrscher

Heinrich Schütz: Credo Nicaenum (aus. Zwölf Geistl. Gesänge)

Der 98. Psalm (für 2 vierstimmige Chöre)

Der 100. Psalm (desgl.)

1983 November 20: Musikalischer Gottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 4 Christ lag in Todes Banden

Heinrich Schütz: Das deutsche Magnificat

Kyrie Gott Vater in Ewigkeit (aus. Zwölf Geistl.

Gesänge)

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1984 Mai 20: Musikalischer Gottesdienst (Jugendchor)

Dietrich Buxtehude: Cantate Domino

Jesu, meine Freude

Lobet, Christen euren Heiland

1984 Dezember 16: Musikalischer Gottesdienst

Dietrich Buxtehude: Befiel dem Engel, dass er komm

Johann Crüger: Ich lag in schweren Banden (Choralsatz)

Johann Eccard: Übers Gebirg Maria geht

Ernst Pepping: Gottes Sohn ist kommen (Choralsatz für 3 gleiche Stimmen)

1985 Mai 12: Musikalischer Gottesdienst

Johann Burgstaller: Der 100. Psalm: Jauchzet dem Herren, alle Welt!

Dietrich Buxtehude: Magnificat anima mea (fünfstimmig)

Fritz Dietrich: Mit Freuden zart (Choralsatz für 3 gleiche Stimmen)

Heinrich Schütz: Lobe den Herren, meine Seele (aus: Psalmen Davids)

1985 Dezember 15: Musikalischer Gottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 61 Nun komm, der Heiden Heiland

Dietrich Buxtehude: Magnificat anima mea (fünfstimmig)

Johann Eccard: Übers Gebirg Maria geht

Michael Prätorius: Frohlock, o Tochter Zion

Gar sehr demütig kommt er her

Heinrich Schütz: Cantate Domino (Motette aus den Cantiones

sacrae)

Sei gegrüßet, Maria (Geistl. Konzert)

1986 April 27: Musikalischer Gottesdienst

A. M. Brunckhorst: Die Ostergeschichte

Johann Burgstaller: Der 100. Psalm: Jauchzet dem Herren, alle Welt!

Heinrich Grimm: Alleluja ist ein fröhlich Gesang

Orlando di Lasso: Motette Christ ist erstanden

Leonhard Lechner: Nun schein, du Glanz der Herrlichkeit

Michael Prätorius: Erstanden ist der heilig Christ (Choralsatz)

1986 Dezember 14: Musikalischer Gottesdienst

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 140 Wachet auf, ruft uns die Stimme

Dietrich Buxtehude: Kantate Wie soll ich dich empfangen

L. Grossi di Viadana: Tochter Zion, freue dich sehr

Michael Prätorius: Wachet auf, ruft uns die Stimme

Heinrich Schütz: Motette Herr, auf dich traue ich

1987 Juni 14: Musikalischer Gottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 117 Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut

Heinrich Schütz: Credo Nicaenum (aus. Zwölf Geistl. Gesänge)

Lobe den Herren, meine Seele (Dt. Konzert für 2

Chöre aus: Ps. Dav.)

1987 November 29: Musikalischer Gottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 131 Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir

Kantate BWV 140 Wachet auf, ruft uns die Stimme

1988 April 3: Gottesdienst zum Osterfest

Georg Fr. Händel: (Teile aus dem) Messias

1988 Dezember 4: Kantatengottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 61 Nun komm, der Heiden Heiland

1989 Juli 16: Kantatengottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 18 Gleichwie der Regen und Schnee

vom Himmel fällt

1989 Dezember 15 Konzert

Joh. Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 1 bis 3

1990 April 13: Gottesdienst Karfreitag

Georg Fr. Händel: (Passionsteil aus dem) Messias

1990 Dezember 21: Konzert

Georg Fr. Händel: Messias

1991 März 29: Karfreitagsgottesdienst

Paul Ernst Ruppel: Crucifixion – Passionsbetrachtung nach Spirituals

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1991 September 21: Konzert in der Michaeliskirche

Wolfgang A. Mozart: Krönungsmesse

1991 Dezember 8: Kantatengottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 70 Wachet! betet! betet! wachet!

1992 April 25: Orgelvesper

F. Mendelssohn-Bartholdy: Psalm 43 Richte mich, Gott

Psalm 100 Jauchzet dem Herrn alle Welt

1992 November 21: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 70 Wachet! betet! betet! wachet!

Kantate BWV 106 Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

1993 März 27: Konzert

J. S. Bach/Volker Bräutigam: Markus-Passion

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

1994 Januar 23: Konzert mit dem Collegium Cantorum in der Stadthalle

L. van Beethoven: 9. Sinfonie

1994 Dezember 14: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 4 bis 6

1995 Mai 14: Festgottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 79 Gott der Herr ist Sonn und Schild

1995 Juni 2: Konzert mit dem Collegium Cantorum in der Stadthalle

Carl Orff: Carmina Burana

1996 Mai 12: Kantatengottesdienst

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 147 Herz und Mund und Tat und Leben

1996 Dezember 7: Adventskonzert

Josef G. Rheinberger: Motette Ad te levavi

Motette Benedixisti

Motette Deus tu convertens

Camille Saint-Saens: Weihnachtsoratorium op. 12

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

1997 April 20: Kantatengottesdienst

Joh. Sebastian Bach. Kantate BWV 172 Erschallet, ihr Lieder

1997 Dezember 19: Weihnachtskonzert

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 61 Nun komm, der Heiden Heiland

C. Ph. E. Bach: Magnificat

1998 Dezember 5: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium (1-6)

1999 April 27: Geistliche Chormusik in der Klosterkirche Amelungsborn

Maurice Duruflé: Motetten

Gabriel Fauré: Tantum ergo

August G. Homilius: Motetten

Leos Janacek: Vater unser

1999 November 27: Festliches Chorkonzert, gemeinsam mit der Kantorei Bodenwerder

Joseph Haydn: Kantate Ein’ Magd ein’ Dienerin

Michael Haydn: Kantate Laufet, ihr Hirten

F. Mendelssohn-Bartholdy: Kantate Vom Himmel hoch

Die Geburt Christi (aus dem „Christus“-Frag

ment)

Otto Nicolai: Messe D-Dur

2000 März 11: Passionskonzert

Heinrich Schütz: Die sieben Worte Jesu am Kreuz

Musikalische Exequien

2001 Mai 13: Musik-Gottesdienst

F. Mendelssohn-Bartholdy: Hymne Hör mein Bitten

J. G. Rheinberger: Messe f-moll

2001 Dezember 1: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Magnificat Es-Dur

Christoph Graupner: Kantate Machet die Tore weit

Georg Ph. Telemann: Kantate „Die Donnerode, 1. Teil“

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2002 September 21: Konzert

Simone Candotto: Missa Brevis

Gabriel Fauré: Requiem

2003 November 15: Konzert

Georg Fr. Händel: Oratorium Belshazzar

Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

2003 Dezember 14: Adventliches Singen und Musizieren

Bartholomäus Gesius: Motette Hosianna dem Sohne Davids

Andreas Hammerschmidt: Motette Machet die Tore weit

2004 März 20: Motetten zur Passionszeit

Max Bruch: Herr, schicke was du willt

Maurice Duruflé: Tu es Petrus

Ubi caritas et amor

Melchior Franck: Fürwahr, er trug unsere Krankheit

Moritz Hauptmann: Herr, ich schrei zu dir

Rudolf Mauersberger: Wie liegt die Stadt so wüst

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Richte mich, Gott

2004 November 28: Konzert

Marc-A. Charpentier: In Nativitatem Domini canticum

Messe de Minuit pour Noel

Te Deum

2005 September 11: Abendmusik in der Klosterkirche Amelungsborn

Dietrich Buxtehude: Kantate Befiehl dem Engel, dass er komm

Kantate Der Herr ist mit mir

Johann Rosenmüller: Kantate Daran ist erschienen die Liebe Gottes

Joh. Hermann Schein: Herr Gott du unsre Zuflucht bist

Heinrich Schütz: Frohlockt mit Freud ihr Völker all

Singet dem Herrn ein neues Lied

2005 November 12: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 70 Wachet! Betet! Betet! Wachet!

Kantate BWV 106 Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

Kantate BWV 140 Wachet auf, ruft uns die Stimme

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

2006 April 14: Musik und Wort am Karfreitag

2006 Mai 14: Gottesdienst am Sonntag Kantate

Joh. Sebastian Bach: Jesus bleibet meine Freude (aus Kantate BWV 147)

Dietrich Buxtehude: Kantate Der Herr ist mit mir

A. Gumpelzhaimer: Lob Gott getrost mit Singen

Heinrich Schütz: Motette Die Himmel erzählen die Ehre Gottes

2006 Dezember 3: Konzert

Gioachino Rossini: Petite messe solennelle

2006 Dezember 17: Adventliches Singen und Musizieren

Bartholomäus Gesius: Hosianna, dem Sohne Davids

F. Mendelssohn-Bartholdy: Motette Lasset uns frohlocken, es nahet der Hei-

land

Heinrich Schütz: Motette Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes

2007 Juli 14 (Holzminden) u. September 9 (Amelungsborn):

Joh. Sebastian Bach: Kantate BWV 12 Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen

2007 Dezember 16: Adventliches Singen und Musizieren

Heinrich Kaminski: Maria durch ein Dornwald ging (Choralsatz)

Joh. Hermann Schein: Motette Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn

Heinrich Schütz: Motette Also hat Gott die Welt geliebt

Friedrich Silcher: Macht hoch die Tür (Choralsatz)

Heinrich Weinreis: Es kommt ein Schiff geladen (Choralsatz)

2007 Dezember 29: Konzert

Joh. Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 1 bis 3

2008 November 22: Konzert

Maurice Duruflé: Requiem

2008 Dezember 14: Adventliches Singen und Musizieren

Albert Becker: Motette Machet die Tore weit

Heinrich Kaminski: Maria durch ein Dornwald ging (Choralsatz)

Heinz M. Lonquich: Und unser lieben Frauen (Choralsatz)

Eduard K. Nössler: Motette Tröstet mein Volk

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

Das 75. Jahr ist das 1. Jahr nach Null

Ulrich Wöhler

Eine Kirche ohne Gesang? - Das kann und das will ich mir nicht vorstellen.

Sonntagsgottesdienste und Konzerte, Beerdigungen und Hochzeiten, Kirchentage

und Taizéandachten, Kirchenvorstandsitzungen, Konfirmandengruppen

und Seniorenkreise. Was wäre unsere Kirche ohne Gesang? Ein

kopflastiger, redender oder schweigender Haufen.

Die evangelische Kirche wird zwar immer wieder als Kirche des Wortes

bezeichnet, weil die Predigt durch die Reformation den Sakramenten fast

ebenbürtige geworden ist. Und trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit.

Schon die Reformation wäre ohne die Musik, ohne ihre Lieder nicht denkbar

gewesen. Wort und Musik haben die Botschaft von der Freiheit eines

Christenmenschen verbreitet und populär gemacht. Für Luther war die

Musik eine schöne, herrliche Gabe Gottes und nahe der Theologie: „Ich

schäme mich nicht, dass es nach der Theologie keine Kunst gibt, welche

der Musik an die Seite gestellt werden kann.“

Die ästhetische und die verkündigende Kraft der Musik lebt bis heute.

Das Evangelische Gesangbuch und die Chorliteratur ist das Zeugnis einer

reichen Liedkultur. Jede Zeit hat ihre Lieder geschrieben und wir singen

heute ganz selbstverständlich Lieder der Reformation wie der Zeit des 30jährigen

Krieges, des Pietismus und der Aufklärung, der Brüdergemeinde

und der Gegenwart mit ihren neuen geistlichen Liedern. Wir singen in der

Kirche, weil „nichts auf Erden kräftiger ist, die Traurigen fröhlich, die

Fröhlichen traurig, die Verzagten mutig zu machen, die Hochmütigen zur

Demut zu reizen, die hitzige und übermäßige Liebe zu stillen, den Neid

und Hass zu mindern ...denn die Musica.“ (M. Luther).

Mancher Bibeltext ist untrennbar mit Musik verbunden. Man hört die

Worte und im Ort klingt die Musik von Heinrich Schütz, Johannes

Brahms, von Felix Mendelssohn Bartholdy oder natürlich Johann Sebastian

Bach, der zurecht der fünfte Evangelist genannt worden ist. Manche

Theologie habe ich nicht beim Zuhören im Hörsaal einer Universität son-

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

dern beim Singen in einem Chor gelernt. Singen ist kreativ, spirituell und

gemeinschaftsfördernd.

Vielleicht werden viel mehr, sicher aber ganz andere Menschen durch die

Musik vom Evangelium erreicht und berührt als die Predigt das schafft.

Das kann einen Theologen ein wenig neidisch machen (oft sind die Kirchen

bei Konzerten voll aber bei Predigtgottesdiensten nur spärlich besucht).

Es ist aber doch vielmehr ein Grund zur Freude, dass sich das Wort

Gottes auf ganz unterschiedliche Weise Wege zu den Menschen sucht.

Ich möchte nicht zu einer Kirche gehören, in der das Wort gegen die Musik

ausgespielt wird. Wir brauchen beides, weil der Mensch Ohren und

Stimmen nicht nur für Worte sondern auch für Töne hat, weil wir nicht

nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen verstehen und glauben.

Darum bin ich glücklich, dass die hauptamtliche Kirchenmusikerstelle in

Holzminden über das Jahr 2008 hinaus erhalten werden kann. Die Kantoreiarbeit

an der Stadtkirche in Holzminden, die nicht mehr über den

Stellenplan des Kirchenkreises finanziert wird, wirkt auch im ersten Jahr

nach Null segensreich, weil die Kirchenkreisstiftung Mittel gibt, die Gemeinden

Luther Holzminden und Bodenwerder sich engagieren und viele

einzelne Freunde der Musik dafür finanziell die Voraussetzungen schaffen.

Der Kirchenkreis selber bonifiziert die eingeworbene Mittel großzügig.

Auch die Stadt Holzminden hat den hohen Stellenwert der Kirchenmusik

erkannt und beteiligt sich am Erhalt der Kantorenstelle. So können

sich Holzmindener und Menschen aus der weiten Umgebung weiter an

einer reichen Kantoreiarbeit mit Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchorarbeit,

mit Nachwuchsausbildung an der Orgel, mit musikalisch reichen

Gottesdiensten und anspruchsvollen Konzerten erfreuen.

Das alles ist aus den bescheidenen Anfängen eines Singekreises von 75

Jahren geworden. Längst ist der Kirchenchor eine stattliche Kantorei und

die Lutherkantorei eine Holzmindener Kantorei (vielleicht sollte der Name

dem auch Rechnung tragen). Ja, diese Arbeit geschieht für alle Holzmindener

Kirchengemeinden und die ganze Stadt (und darüber hinaus),

denn Musik kennt keine Grenzen sondern verbindet.

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Festschrift 75 Jahre Kantorei Luthergemeinde Holzminden

„Darum will ich Jedermann und sonderlich junge Leute diese Kunst befehlen

und sie hiermit ermahnt haben, dass sie sich diese köstlich, nützliche

und fröhliche Creatur Gottes teuer, wert und lieb sein lassen, durch

deren Erkenntnis und fleißige Übung sie böse Gedanken vertreiben und

auch böse Gesellschaft und auch andere Untugend vermeiden können.

Danach dass sie sich auch gewöhnen, Gott den Schöpfer in dieser Creatur

zu erkennen, zu loben und zu preisen.“

Dieser Einschätzung und Mahnung Martin Luthers schließe ich mich gern

und mit voller Überzeugung an.

Superintendent Ulrich Wöhler

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