Rede der Superintendentin zur Demonstration gegen ...

viaduk

Rede der Superintendentin zur Demonstration gegen ...

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,

es ist ein deutliches Zeichen, das wir heute setzen! Ich freue mich, dass es gelungen

ist, gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen in unserer Stadt eine so bunte und

große Protestkundgebung auf die Beine zu stellen.

Danke, Ihnen allen, dass Sie gekommen sind - dass Sie sich selbst als Zeichen

mitgebracht haben.

Danke dem DGB, insbesondere Hartwig Erb und Lennard Aldag, dass Sie die Organisation

übernommen haben.

Und danke, allen Vertretern öffentlicher Einrichtungen, Kirchen, Institutionen und Verbänden,

dass Sie teilnehmen: auch stellvertretend für viele andere, die heute nicht hier sein können, hier

sind.

Es ist gut, dass von der Spitze der Stadt unser Oberbürgermeister Herr Mädge da ist, vom

Landkreis Herr Landrat Nahrstedt und Vertreter aller Parteien.

Es ist gut, dass junge Leute hier sind, dass viele Schüler und Schülerinnen sich einsetzen für eine

Gesellschaft, in der sie zukünftig leben wollen.

Und: Es ist gut, dass auch Ältere, deren Lebenserfahrung und deren Zugänge zum Thema einen

wichtigen Impuls einspielen, hier sind.

In den letzten Wochen hat es viel Engagement gegeben gegen die Rechtsextreme Anmeldung

und für das Zeichensetzen dagegen. Alle, die ich kenne, haben sich gewünscht, dass der rechte

Aufzug im Vorfeld verhindert werden kann.

Es ist einerseits frustrierend, dass auch solche Gruppen, die unsere Grundrechte, z. B. das auf

Meinungsfreiheit selbst aushöhlen wollen, von eben diesem Recht geschützt werden. Doch

andererseits ist die Meinungsfreiheit ein hohes und in der Geschichte bitter erkämpftes Gut. Sie

gehört für mich zu den Stärken der Grundordnung, die die Neonazis abschaffen wollen! Dazu

kann sie aber auf Dauer nicht nur ein formales Gut sein, sie muss sich selbst binden lassen an

die Grundrechte, aus denen sie erwächst.

Die aktuelle Situation bringt sowohl Richter und Richterinnen als auch Polizisten und

Polizistinnen, die heute Dienst tun in eine prekäre Situation: Sie müssen Raum schaffen für

Meinungen, die sie selbst nur mit Abscheu hören. Es hat auch viele Diskussionen gegeben in den

letzten Wochen: Über die Art und Weise des Protestes – und die Mittel, die man dafür wählt.

Manchen hat das aufgeregt oder frustriert. Ich denke, es ist auch für uns alle ein Lernprozess.

Mir ist wichtig: Es ist ein Zeichen von Demokratie, dass wir miteinander streiten um die

richtigen Wege und Antworten. Und: Schlimmer wäre es, wenn Gleichgültigkeit uns bestimmt

hätte. Denn, das Gute war: Bei aller teils kräftigen Verschiedenheit waren wir uns doch in einer

Sache immer einig: Eine Stadt Lüneburg, die dem Aufzug von Rechtextremen kein Zeichen

entgegensetzt - ist für uns undenkbar.

Gleichgültigkeit verbietet sich, weil eben nicht alles gleich gültig ist. Und Schweigen kann allzu

leicht als Zustimmung gedeutet werden.

Als Kirchen, ich spreche hier als Superintendentin des ev.-luth. Kirchenkreises aber darüber

hinaus auch für die katholische und reformierte Kirche haben wir immer für klaren, wirksamen

und friedlichen Protest gestanden – auch, weil unsere eigene Geschichte uns gelehrt hat:

Schweigen oder Wegsehen ist der falsche Weg!

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Und darum bin ich froh, dass wir uns in großer Zahl zu diesem Demonstrationszug durch die

Innenstadt heute hier treffen. Er wird am Rathaus und am hoffentlich belebten Markt

vorbeiführen und somit öffentlich wirksam sein. Er wird mitten in unserer schönen Stadt ein

lebhaftes Signal sein dafür, wofür wir stehen und wie wir hier leben wollen: „Als Menschen in

bunter Vielfalt - statt in brauner Einfalt!“ Denn Rechtsextremismus, liebe Mitstreiter, kann

nirgends und zu keinem Zeitpunkt toleriert werden. Schon gar nicht an einem Karsamstag - und

einem Gedenktag für Opfer von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.

Ich persönlich finde es schwer erträglich, dass wenige Meter von der Johanniskirche – und fast

neben dem Kalandhaus, in dem eine Außenstelle des KZ Neuengamme untergebracht war - eine

so genannte „Mahnwache“ von Rechtsextremen stattfinden wird. Denn obgleich das Thema der

Mahnwache „Gegen linke Gewalt“ auf den ersten Blick eines ist, gegen das niemand etwas

einzuwenden hat – so täuscht es doch nur darüber hinweg, dass Anliegen und Ziele derer, die da

wachen wollen, in sich gegen gewaltfreies Miteinander und Frieden stehen.

Diese Mahnwache braucht meiner Meinung nach selber Ermahnung:

Hört auf mit Eurer Geschichtsverdrehung und Leugnung!

Hört auf, christliche und andere religiöse Überzeugungen zu diffamieren!

Hört auf, mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Hört auf, mit Hass und Ausgrenzung!

Noch eines aber möchte ich auch zurufen: Kehrt um - kehrt zurück in das freiheitliche

Miteinander. Denn, das sage ich auch: So sehr wir die Tat verurteilen, die falsch ist, so gibt es für

den Täter, für den Menschen, der aussteigen will bei uns immer eine offene Tür.

Es ist unsere Aufgabe, liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen, diesem Abweg politischer

Einstellung unsere Überzeugungen entgegenzuhalten. Und dem Versuch der Verbreitung

rechtesextremen Gedankenguts wirksamen Einhalt zu gebieten.

Für wirksames Vorgehen gegen Rechtsextremismus braucht es allerdings mehr als nur

reflexartiges Reagieren auf Aufzüge. Das ist auch nötig, sicher. Aber es reicht nicht. Wir alle

müssen dafür sorgen, dass der offensichtliche Kampf um die Köpfe und Emotionen insbesondere

junger Menschen nicht von Rechtsextremen gewonnen werden kann.

Wir brauchen Bildungsarbeit, ein offenes Klima in dem die Fragen der nächsten Generation

gehört werden und eine breite Diskussion auf vielen Ebenen.

Wir brauchen Stolpersteine – auf unsere Straßen gibt es zum Glück welche – aber wir brauchen

sie auch in den Köpfen der Menschen.

Darum bin ich dankbar dafür, dass und was das Bündnis für Demokratie/Netzwerk gegen

Rechtsextremismus in den letzten Wochen auf die Beine gestellt hat: Da gab es

Informationsveranstaltungen, Filmabende, Infotische, da wurde mit Jugendlichen in Schulen und

im Konfirmandenunterricht über rechtsextreme Gefahren gesprochen und da wurde bei

Gedenkveranstaltungen an die furchtbaren Geschehnisse in der von Rechten verleugneten

Gewaltherrschaft der Nazi erinnert.

Ich denke, es ist eine Aufgabe unserer gesamten Bürgergesellschaft - mit uns allen als Akteuren

- dass wir nachhaltig unsere Demokratie stärken und notfalls auch verteidigen.

Lasst uns dafür sorgen, dass insbesondere Kinder und Jugendliche stark gemacht werden gegen

die Anwerbung derer, die sich den Kampf um ihre Herzen und Köpfe auf die so grundsätzlich

falschen Fahnen geschrieben haben.

Dafür müssen wir allerdings auch ehrlich hinschauen auf die Schwachstellen unserer

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Gesellschaft. Ich bin überzeugt: Wer Rechtsextremismus bekämpfen will, muss sich für soziale

Gerechtigkeit einsetzen. Muss daran mitarbeiten, dass weniger Kinder in Armut aufwachsen und

mehr Jugendliche wieder in der Schule ihre Chance entdecken . Wer für sein Leben eine gute

berufliche und soziale Perspektive hat – der lässt sich schwerer oder gar nicht von

Rattenfängern auf falsche Fährten locken.

Und ich bin mir auch sicher: Wir brauchen mehr Wärme und Zusammenhalt in unserem

Zusammenleben. Mehr Vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Machern und Endabnehmern

von Politik und Wirtschaft auch international.

Wir brauchen vor allem auch Solidarität - mit Angeschlagenen, Behinderten, Alten - kräftigen

Beistand für die, die an der Höchstleistungsgesellschaft scheitern. Wir brauchen eine Haltung

und ein Klima, in dem keiner verloren geht.

Wir müssen dabei nicht bei Null anfangen: Unsere Grundordnung gibt Rahmenbedingungen, die

dem Zusammenleben auf eine gute Basis stellt.

Und darum wünsche ich mir, dass wir heute zwei Dinge tun: Ein klares NEIN aussprechen. Zu

allen, die diese Grundordnung von Freiheit ablehnen und ein kräftiges JA! sagen zu dem, was wir

uns unter Zusammenleben vorstellen: (Als Protestanten haben wir ja eine gewisse Tradition im

Protestieren. Heute tun wir es ökumenisch.) Ich sage es mal so:

Wir sind PRO: für eine menschenfreundliche Kultur, die den Einzelnen sich entfalten lässt und

fördert. Unsere Überzeugung ist es, dass jeder Mensch ein einzigartiges Geschöpf und Ebenbild

Gottes ist und ihm ungeteilte Würde zukommt.

Wir sind Pro: für eine tolerante Gesellschaft – wir bejahen den Diskurs und die

Meinungsvielfalt, wenn sie sich in Achtung zu unseren Grundrechten bewegt. Wir wollen keinen

Einparteienstaat, alle vier Jahre wählen und notfalls unsere Regierungen auch mal in die Wüste

schicken…

Wir sind PRO: für eine Gesellschaft, in der Nationalität nicht an den Grenzen von Hautfarbe und

Herkunft aufhört - und wir freuen uns, wenn Fußballer wie Asamoah oder Trochowski die

schönsten deutschen Fußballtore schießen.

Wir sind PRO: für ein Miteinander, das vom Respekt unter den Religionen und Bekenntnissen

geprägt ist – wir gehen erwartungsvoll in Dialoge mit der Hoffnung, dass die Religionen

gemeinsam ein dringend nötiges Weltethos entwickeln werden.

Weiterhin wollen wir arbeiten und leben in hanseatischer Weite und christlicher Freiheit. Einer

Freiheit, die dem Einzelnen viel Entfaltungsmöglichkeit gibt, die verschiedene Lebensformen

und -Entwürfe achtet – und in der sich der Einzelne rückgebunden weiß an das Wohlergehen

aller – verantwortlich auch für die Schwächeren.

Dafür treten wir ein – und dafür wollen wir viele gewinnen.

Lasst uns überzeugend, gewaltfrei und im Respekt vor allen, die heute mit uns unterwegs, in

Lüneburg ein Zeichen setzen.

Ein Zeichen für Demokratie – und gegen Rechtsextremismus.

Und morgen, lasst uns – hoffentlich alle gesund und bestärkt – ein frohes Osterfest feiern.

Superintendentin Christine Schmid (11.04.2009)

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