Wendepunkt - Depression.ch

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WENDEPUNKT

Informationen zu Depression und Angststörungen I Ausgabe 8

SEITE 3 I DEPRESSION

«Die GRAAP ist meine

zweite Familie»

Sylvianne Nydegger

berichtet über ihr Leben

SEITE 8 I DEPRESSION

«In erster Linie versuche ich,

mir Zeit zu nehmen»

Interview mit Dr. med. Jacques-Philippe Blanc

SEITE 10 I DEPRESSION

Über das Genfer Bündnis

gegen Depression

Ein Gespräch mit Dr. Guido Bondolfi

Lundbeck (Schweiz) AG

Dokument letztmals geprüft:

27.12.2012


«2002 ging ich auf Rat einer Psychologin

des medizinisch-sozialen Zentrums erstmals

zur GRAAP», erzählt Sylvianne.

«Anfangs fühlte ich mich fehl am Platz:

Was soll ich hier, bei all diesen kranken

Menschen?» Mit einem Augenzwinkern

fügt sie hinzu: «Man neigt dazu, die

Krankheit zu verleugnen.»

Die heute 50-jährige Sylvianne hatte es

nie leicht im Leben: Ihre Kindheit war

geprägt durch einen alkoholkranken

Vater, Missbrauch und ständige Schmerzen

durch eine Knochenmissbildung. «Bis

dahin hat mir mein Glaube geholfen, mit

allem fertigzuwerden.»

1993 muss die junge Frau nach zwei

Bandscheibenoperationen der traurigen

Wahrheit ins Auge blicken und ihren

Beruf als Verkäuferin aufgeben. «Ich

konnte ein Jahr lang nicht mehr ohne

Hilfe gehen. Diese Abhängigkeit war

kaum zu ertragen. Also habe ich Krücken

benutzt, um etwas selbstständiger zu

Sich der Welt wieder

zuwenden

DER KONTAKT ZU ANDEREN BETROFFENEN HILFT DEPRESSIVEN MENSCHEN OFT, IHRE ISOLATION ZU ÜBERWIN-

DEN. DIE SEIT 1987 IM KANTON WAADT AKTIVE GRAAP HAT EIN OFFENES OHR, BIETET BEISTAND UND

SOLIDARITÄT, ABER AUCH GESPRÄCHSGRUPPEN UND VIELFÄLTIGE AKTIVITÄTEN AN. SYLVIANNE NYDEGGER

BESUCHT SEIT SIEBEN JAHREN REGELMÄSSIG DAS ZENTRUM VON YVERDON-LES-BAINS. SIE SCHILDERT IHRE

ERFAHRUNGEN MIT DIESER «ZWEITEN FAMILIE».

sein.» Sylvianne wird erstmals depressiv.

Nach unzähligen Behandlungen verliert

sie 2000 nach einer erfolglosen Schmerztherapie

endgültig die Hoffnung. Sie

schluckt Medikamente, um Schluss zu

machen. «Man ist in diesem Moment

nicht mehr sich selbst, denkt nicht an

seine Familie, obwohl sie doch alles für

mich ist.» Ein Jahr darauf stirbt ihr Mann

«Ich war froh,

wieder einen

sozialen Rahmen

zu haben»

plötzlich. Sylviannes Depression wird

schlimmer. «Ich verliess das Haus nicht

mehr, wurde agoraphobisch, fing auf

grossen Plätzen an zu hyperventilieren…

bis zur Tetanie. Ich glaubte, von allen

angeschaut und beurteilt zu werden.»

DEPRESSION

«Sich der Welt wieder zuzuwenden» und

zur GRAAP zu gehen, ist also kein leichter

Schritt. «Ich blieb in meiner Ecke und

hatte mich erst nach gut einem Jahr

integriert.» Sie besucht das Strick- und

Nähatelier, da sie diese Arbeiten schon

immer mochte. «Mit der Zeit merkte ich,

dass dort niemand über seine Krankheit

sprach. Ich fühlte mich wohl, war froh,

wieder einen sozialen Rahmen zu

haben.»

Sylvianne geht auch zu Gesprächsgruppen.

«Meist schlägt der Moderator ein

Thema vor, und jeder kann sich dazu

äussern.» In den Gruppen für Angehörige

psychisch Kranker «versucht man, anderen

durch die eigenen Erfahrungen zu

helfen. Jeder kann etwas Wertvolles beitragen.»

Regelmässig wird ein externer

Experte eingeladen: Ein Arzt etwa spricht

über bipolare Störungen und Rückfälle

oder ein Apotheker über Nebenwirkungen

von Medikamenten. «Dadurch lernen

wir mehr über unsere Krankheit, finden

3


Wer ist Equilibrium und was bietet

der Verein seinen Mitgliedern?

Equilibrium bedeutet Gleichgewicht, und

zu einem psychischen, physischen und

sozialen Gleichgewicht möchten wir

unseren Vereinsmitgliedern verhelfen.

Unsere Mitglieder sind Menschen, die

selbst an einer psychischen Störung leiden,

und Angehörige oder Bekannte von

Betroffenen. Wir haben ausschliesslich

gemeinnützige Ziele, stehen allen offen

und sind politisch und konfessionell neutral.

Unser Angebot umfasst einerseits

«EineSelbsthilfe-

gruppe

sollte aus mindestens vier

Mitgliedern

bestehen»

die Unterstützung von Selbsthilfegruppen

und die Mithilfe bei der Gründung

neuer Gruppen für Betroffene und Angehörige.

Andererseits organisieren wir

Veranstaltungen, Seminare und Vorträge

zum Thema Depressionen sowie Ferienkurswochen

für Betroffene und Angehörige.

Zu unseren Aufgaben gehört auch

Öffentlichkeitsarbeit, die zu einem besseren

Verständnis der Krankheit und zur

Enttabuisierung beitragen soll. Ferner

arbeiten wir an aktuellen Forschungsprojekten

mit.

Wie sind die Selbsthilfegruppen

organisiert?

Eine Gruppe, die aus mindestens vier

Personen bestehen sollte, trifft sich alle

zwei Wochen an einem neutralen Ort.

Das kann in einem Gemeinschafts-

Equilibrium – Hilfe zur Selbsthilfe

zentrum, Kirchgemeindehaus, in einem

Restaurant, Altersheim usw. sein. Die

Gruppen werden nicht von Fachleuten

geleitet, sind also keine Therapiegruppen. Es

versteht sich von selbst, dass alles, was in

der Gruppe besprochen wird, streng vertraulich

ist. Jedes Gruppenmitglied ist gleichberechtigt.

Ideal ist es, wenn jede Gruppe

über zwei bis drei Kontaktpersonen verfügt,

die sich in Aufgaben wie Werbung für die

Gruppe, Kontakte nach aussen (Gemeinde,

Reservation eines Raumes) und um neue

Interessenten kümmern und auch die Verbindung

zum Verein garantieren. Equilibrium

hat die deutsche und italienische

Schweiz in total sechs Regionen eingeteilt,

für welche es jeweils einen Regionalleiter

gibt. Für die Kontaktpersonen organisiert

Equilibrium einen jährlichen Schulungstag.

Mit welchen Erwartungen kommen die

Menschen an die Gruppentreffen?

Das sind ganz unterschiedliche Erwartungen:

Die einen möchten mehr über

sich selber und die Krankheit erfahren und

lernen, wie sie damit leben können. Andere

suchen ein tragendes Netz in Krisensituationen

oder Kontakte für die Freizeitgestaltung.

Viele möchten mit ihren

Erfahrungen andern helfen, sich in der

Öffentlichkeit engagieren für eine Enttabuisierung

der Krankheit. Jede Gruppe

einigt sich gemeinsam über die Programmgestaltung

wie Einladungen von

Referenten, gesellige Anlässe, öffentliche

Info-Veranstaltungen usw.

DEPRESSION

Seit 15 Jahren gibt es Equilibrium: Der Verein zur Bewältigung von Depressionen,

1994 in Zug gegründet, hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Depressionen

zu helfen, in erster Linie über regional organisierte Selbsthilfegruppen. «Denn

Selbsthilfe hat sich als Ergänzung zur Therapie als sehr hilfreich erwiesen»,

betont Sonja Laura Oesch, Präsidentin von Equilibrium.

ZUR PERSON

«Alles, was in

der Gruppe

besprochen wird, ist streng

vertraulich»

Wie geht die Gruppe mit Unstimmigkeiten

um?

Unstimmigkeiten gibt es in jeder Gruppe.

Beispiele: häufiges Fehlen von Mitgliedern,

langatmiges Reden, Dominanz

oder Belehrungen von Einzelnen. Hier

empfehlen wir, dass die Gruppe rasch

und offen darüber reden sollte. Insofern

ist die Gruppe auch ein Übungsfeld zur

Beilegung von Konflikten. Das hilft,

auch anderswo Konflikte besser zu

bewältigen.

Können die Angehörigen ebenfalls an

den Gruppentreffen teilnehmen?

Das ist aus verschiedenen Gründen

nicht möglich. Menschen mit Depressionen

können und möchten über ihre

Probleme nicht im Beisein von Angehörigen

sprechen. Sie wollen unter sich

sein und auf eigenen Beinen stehen. Für

die Angehörigen bestehen aber auch

Gruppen. Momentan sind es sieben

Angehörigengruppen. Kontakte können

über das Sekretariat von Equilibrium

hergestellt werden.

Sonja Laura Oesch ist seit 2004 Präsidentin von Equilibrium. Die 37-Jährige

ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Momentan ist sie Familienmanagerin,

zuvor arbeitete sie als Rechtsanwältin. Sie lebt mit ihrer Familie

in Chur.

5


8

DEPRESSION

Dr. Blanc, haben Sie Kontakt zu Organisationen

wie der Koordination der

Selbsthilfegruppen KOSCH, dem

Schweizer Psychotherapeuten-Verband,

der Vereinigung der Angehörigen von

psychisch Kranken VASK oder Pro Mente

Sana?

Nein, gar nicht! Diese Gruppen machen

offenbar wenig Öffentlichkeitsarbeit,

zumindest gegenüber Ärzten. Die Betreuung

depressiver Patienten erfordert aktives

Zuhören, wofür Hausärzten oft die Zeit

fehlt. Diese Funktion könnten solche Gruppen

übernehmen – allerdings würden vermutlich

nur 10 bis 15 Prozent meiner

Patienten diese Gruppen aufsuchen.

Warum nur so wenige?

Es ist anstrengend, man muss hingehen und

mit Fremden über sich selbst sprechen. Der

Nutzen ist nicht gleich erkennbar. Ich habe

versucht, mit solchen Gruppen zu arbeiten,

aber ohne Erfolg. Selbst im Rahmen der

Raucherberatung, wo ich eine Coaching-

Gruppe organisiert habe, werden solche

Angebote nicht angenommen. Es ist viel

Ausdauer erforderlich, bis sich diese Strukturen

etabliert haben und die Betroffenen über

Mund-Propaganda zu uns kommen.

Als ich ins Tessin kam, bin ich auf eine grosse

Verschlossenheit gestossen. Das lag vermutlich

daran, dass die Lebensbedingungen jahrelang

sehr hart waren und die Menschen

sich entweder anpassen oder abwandern

mussten.

Stellen sich bei Ihnen als Hausarzt viele

depressive Patienten vor?

Ja. Bei rund 80 Prozent meiner Konsultationen

liegen Depressionen, Angststörungen

und somatoforme Störungen zugrunde.

Wie erklären Sie sich diesen sehr hohen

Anteil?

Einerseits gibt es im Tessin nur wenige Psychiater.

Patienten mit einer mittelschweren

Depression müssen bis zu drei Monate auf

einen Termin warten. Andererseits hat der

Psychiater kein hohes Ansehen. In den

«AlsHaus

viele depr

Patiente

DER HAUSARZT SPIELT BEIM ERKENNEN UND BEI DER BETREUUNG DEPRESSIVER PATIENTEN EINE IMMER WICHTIGERE

ROLLE. VOR ALLEM IN DEN GEMEINDEN WENDEN SICH BETROFFENE LIEBER AN IHREN HAUSARZT ALS AN EINEN

PSYCHIATER. DR. MED. JACQUES-PHILIPPE BLANC, ARZT FÜR INNERE MEDIZIN IN PONTE CAPRIASCA (TI), BEDAUERT,

DASS SELBSTHILFEGRUPPEN IN SEINEM KANTON SELTEN UND WENIG BEKANNT SIND.

Köpfen der Menschen ist ein Psychiater noch

immer ein «Arzt für Verrückte». Erst wenn

sie völlig am Boden sind, suchen sie freiwillig

einen Psychiater auf. Leichter ist es, sie an

einen Psychotherapeuten zu überweisen, der

hier als «Psychologe» praktiziert. Das klingt

weniger abschreckend.

Seit ihrer Einführung im Tessin in 2001 habe

ich die Fortbildung in psychosomatischer

und psychosozialer Medizin verfolgt. Es

scheint mir wichtig, dass sich die Behandlung

auf den Patienten, nicht auf die Krankheit

konzentriert und sich nach den Prioritäten

des Patienten richtet. Wenn ich dies

nicht beachte, ist die Behandlung zum

Scheitern verurteilt. Natürlich selektiert man

damit tendenziell solche Patienten, die ein

aktives Zuhören wünschen.

Was schlagen Sie Ihren depressiven

Patienten denn konkret vor?

In erster Linie versuche ich, mir Zeit für sie

zu nehmen. Wir planen eine bestimmte

Anzahl von Sitzungen, in denen wir ungestört


zt betreue ich

ssive

»

reden können. Manchmal finden sie sogar in

der kleinen Praxisküche bei einem Kaffee

statt. Das ist weniger formell, und der Zugang

zu den Patienten wird einfacher. Nach

einer Beurteilung, die etwa zwei Sitzungen

erfordert, verordne ich oft Antidepressiva.

Diese Behandlung erleichtert die Betreuung,

obwohl man die Patienten zuerst von deren

Notwendigkeit überzeugen muss.

Weshalb fällt es diesen Patienten so

schwer, eine medikamentöse Behandlung

zu erwägen?

Oh, sie möchten schon gerne etwas einnehmen,

aber sie bevorzugen pflanzliche Präparate.

Sie haben Angst vor den Nebenwirkungen

der Antidepressiva. Daher versuchen

wir es oft zunächst mit einer Phytotherapie,

etwa mit Johanniskraut. Bleibt die

ZUR PERSON

gewünschte Wirkung aus, sind die Patienten

meist bereit, Antidepressiva einzunehmen.

Wann verweisen Sie die Patienten an

einen Psychiater oder Psychologen?

Ich lege gemeinsam mit den Patienten

bestimmte Ziele fest, die realistisch sind,

aber in einem gewissen Zeitraum erreicht

sein sollten. Eine echte Psychotherapie kann

ich ihnen nicht anbieten, da ich nicht entsprechend

ausgebildet bin. Aber die Patienten

können mit mir über ihre Sorgen sprechen,

und wir können nach Lösungen suchen.

Wenn sich der Zustand der Patienten nach

einigen Monaten nicht zufriedenstellend

gebessert hat, versuche ich, sie zu einem

Psychiater zu schicken. Aber oft lehnen sie

dies ab, auch schon die reine Untersuchung.

Psychische Erkrankungen sind nach wie vor

ein grosses Tabu.

An wen können Sie sich wenden, wenn Sie

für schwierige Fälle Rat benötigen?

Eine echte Supervision gibt es nur im Rahmen

der Fortbildung in psychosozialer Medizin.

Aber ich kann jederzeit mit Psychiatern

telefonieren, die ich kenne. Wenn ein Patient

keinen Psychotherapeuten aufsuchen will

und sich sein Zustand nicht bessert, ist das

sehr unbefriedigend.

Beziehen Sie bei der Versorgung von

depressiven Patienten auch die Angehörigen

mit ein?

Manchmal, aber oft bestehen gerade sie am

meisten darauf, dass ein Spezialist für somatische

Erkrankungen hinzugezogen wird,

damit um jeden Preis eine körperliche Ursache

gefunden wird. Freunde des Patienten

beziehe ich dagegen gerne mit ein.

Aber meine wichtigste Stütze ist meine Arzthelferin.

Häufig ist sie diejenige, die mich auf

depressive Menschen aufmerksam macht, die

Der 1955 in Nyon (VD) geborene Jacques-Philippe Blanc studierte Innere Medizin

in Genf. Danach verbrachte er zwei Jahre in Südafrika, in einer Bantu-Zone.

Bei seiner Rückkehr in die Schweiz entschied er sich, wegen des Klimas ins Tessin

zu ziehen, wo er 1992 eine Hausarztpraxis in Ponte Capriasca, im Norden von

Lugano, eröffnete. Ausserdem hält er im Krankenhaus von Lugano eine Rauchersprechstunde.

DEPRESSION

sich Zeit nimmt, ihnen am Telefon zuzuhören,

oder sie zu einem Kaffee einlädt. Ich

weiss diese familiäre Atmosphäre sehr zu

schätzen. Die Patienten fühlen sich in einem

gut eingespielten Team wohl und akzeptiert.

Wohin schicken Sie Ihre Patienten, wenn

diese mehr über ihre Erkrankung erfahren

chten? Aktive Selbsthilfegruppen gibt

es in Ihrer Region ja nicht.

Ich gebe ihnen Broschüren, in denen die chemischen

Vorgänge im Gehirn und deren Rolle

bei Depression erklärt werden. Ausserdem

beziehe ich relevante Publikationen wie zum

Beispiel «Wendepunkt».

«Erfahrungsberichte

geben den Patienten

dasGefühl,

mit ihrerErkrankung

nicht alleine zu sein»

Es ist auch wichtig, dass Patienten Erfahrungsberichte

von Menschen lesen, die all

das durchgemacht haben. Dadurch können

sie besser verstehen, dass sie tatsächlich

krank sind und es nicht um eine Frage des

Willens geht. Wie auch die Selbsthilfegruppen

geben diese Erfahrungsberichte den

Patienten das Gefühl, mit ihrer Erkrankung

nicht alleine zu sein.

Wie entwickelt sich die Rolle der Hausärzte

Ihrer Meinung nach?

Die Arbeitswelt wird zunehmend härter, den

Menschen wird immer mehr Produktivität

abverlangt. Durch den steigenden sozioökonomischen

Druck flüchtet man sich ins

Essen, Trinken oder andere ungesunde Verhaltensweisen.

Die Rolle des Hausarztes

besteht also darin, die persönlichen Ressourcen

für die Stressabwehr zu fördern und

dabei diejenigen zu unterstützen, denen dies

besonders schwer fällt.

9


10

DEPRESSION

DAS IM APRIL 2008 GEGRÜNDETE GENFER BÜNDNIS GEGEN DEPRESSION ETABLIERT SICH SCHRITT FÜR SCHRITT. AUF

ANFANG 2010 WIRD EINE TELEFON-HOTLINE FÜR PATIENTEN UND FACHLEUTE EINGERICHTET. DERZEIT LÄUFT EINE

UMFRAGE ZUR ERMITTLUNG DES FORTBILDUNGSBEDARFS UNTER ALLGEMEIN- UND HAUSÄRZTEN. DR. GUIDO

BONDOLFI, VERANTWORTLICHER DES 'PROGRAMME DÉPRESSION' AM UNIVERSITÄTSSPITAL GENF (HUG), ERLÄUTERT

DIE ANGESTREBTEN ZIELE.

Dr. Bondolfi, wie ist das Genfer Bündnis

gegen Depression zustande gekommen?

Von 2000 bis 2002 lief im deutschen

Nürnberg mit grossem Erfolg ein Pilotprogramm

zur Depressionsprävention: Versuchte

und begangene Suizide sind in nur

zwei Jahren um ein Viertel zurückgegangen.

Das Konzept wurde seither in 18 europäischen

Ländern übernommen. Im Kanton

Zug wurde 2004 ein solches Programm

eingerichtet, ebenfalls mit guten Ergebnissen.

2007 machte der für Gesundheit zuständige

Genfer Regierungsrat Pierre-François

Unger die Depression zu einem der drei

Prioritäten des kantonalen Plans für

Gesundheitsförderung 2007 – 2010. Im

April 2008 fand ein Kolloquium mit allen

potenziellen Bündnispartnern statt. Ihre

Vorschläge wurden in einem 'Weissbuch'

festgehalten.

Was enthält dieses «Weissbuch»?

Alle potenziellen Partner betonen die Notwendigkeit

einer besseren Koordination

unter Fachleuten, die depressive Menschen

behandeln. Dies würde für eine höhere Effektivität

bei gleichbleibenden Kosten sorgen.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Hausund

Fachärzten muss verbessert werden.

Alle Stellen, die mit depressiven Menschen

Kontakt haben könnten, sind zu erfassen

und anzuleiten, diese an Ärzte oder Psychologen

zu verweisen. Gleiches gilt für

Apotheker, Hebammen und medizinischsoziale

Zentren oder auch für Kirchgemeinden,

Patientenverbände, Arbeitsämter,

Homosexuellenverbände oder Ausländergemeinschaften.

Zudem muss gewährleistet sein, dass die

Bevölkerung rasch Informationen und Empfehlungen

erhält und an eine adäquate

Fachstelle verwiesen wird. Hier brauchen

wir eine Schnittstelle. Diese wird zunächst

in einer Telefon-Hotline bestehen.

G

Bünd

Schritt

Wie weit sind Sie bisher gekommen?

Nun ja, nicht sehr weit! Es handelt sich um

einen langsamen Prozess, der nur schleppend

voran geht, vor allem wegen der

begrenzten Mittel. Der Hauptteil der Arbeit

ist dem guten Willen der Beteiligten zu

verdanken, die sich neben ihrem Alltag für

das Bündnis engagieren.

«Es handelt sich um einen langsamen

Prozess, der nur

schleppend

voran geht»

Zwei Dinge werden jedoch umgesetzt: Die

telefonische Informations-Hotline dürfte

bis Anfang 2010 eingerichtet sein. Dies ist

eine kleine, von Fachleuten getragene

Struktur. Auch die Erfassung des bestehenden

Angebots, welche bei der Gründung

des Bündnisses gewünscht wurde, dürfte in

diesem Rahmen erfolgen.

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