franzis_extremfotografie

jumpshoxx

franzis_extremfotografie

Michael Nagel, Helge Süß, Reinhard Wagner, Martin Rietze, Michael Risch

Extremfotografie


Michael Nagel / Helge Süß / Reinhard Wagner

Martin Rietze / Michael Risch

Extremfotografie

Arktis, Vulkane, unter Wasser, Hochgebirge, Sterne

Mit 275 Abbildungen


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der Hersteller.

Herausgeber: Ulrich Dorn

Satz & Layout: G&U Language & Publishing Services GmbH, Flensburg

art & design: www.ideehoch2.de

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-645-60131-3


Vorwort

Lieber Leser, Sie halten ein außergewöhnliches

Buch in Ihren Händen. Zum ersten Mal

haben sich fünf Fotografen, jeder Einzelne

in seinem speziellen fotografischen Bereich

ein erfahrener Profi, in diesem mitreißenden

Werk zusammengefunden, um Sie mit

allen Informationen zu versorgen, die Sie

für das Fotografieren in extremen Situationen

benötigen.

Welche Vorbereitungen sind nötig? Hält

meine Kameraausrüstung den Strapazen

stand? Was muss ich unbedingt berücksichtigen?

Die Antworten darauf und viele

weitere Hinweise finden Sie, kurzweilig erzählt,

mit vielen hilfreichen Empfehlungen

und eindrucksvollen Aufnahmen unterlegt,

in diesem Buch – ein echter Augenschmaus.

Doch warum extreme Fotografie? Was trieb

und treibt die Autoren an, sich eben dort

aufzuhalten, wo „man“ normalerweise keinen

Finger auf den Auslöser einer Kamera

setzen würde? In der hochdigitalisierten

Welt der Fotografie, die es vielen Menschen

ermöglicht, immer und zu jeder Zeit auf den

Auslöser zu drücken, verliert das Foto seine

Einzigartigkeit, und der kreative Raum für

neue Bildideen wird ständig kleiner. Geht

es Ihnen auch so? Alles wurde irgendwie

irgendwann schon mal fotografiert, kopiert

oder am Rechner mittels Bildnachbearbeitung

„geshoppt“.

Um sich wirksam aus der Masse der digitalen

Fastfoodfotografie abzuheben, bleibt

demnach nur die Flucht nach vorn. Auf der

Suche nach neuen Motiven muss man jedoch

gewillt sein, vom normalen Weg abzuweichen

und physische Strapazen, aber

auch Enttäuschungen in Kauf zu nehmen.

Das erfordert in der ersten Phase viel Zeit

für die Vorbereitungen sowie in der Phase

der Umsetzung Geduld und Disziplin vor

Ort und natürlich fundierte Kenntnisse über

die räumliche Umgebung und deren Lichtbedingungen.

Und hier setzen wir in unserem Buch an:

Wir helfen Ihnen, sich optimal vorzubereiten,

und begleiten Sie auf dem Weg der

extremen Fotografie von der Wüste auf die

Berge, durch Eis und Schnee, hinauf auf den

Vulkan und runter auf den Meeresgrund.

Eine spannende Reise, viel Erfolg und außergewöhnliche

Aufnahmen sind Ihnen sicher.

Bestimmt!

Michael Nagel

Ascheberg im September 2011

EXTREMFOTOGRAFIE

VORWORT

5


6

INHALT

Adrenalinschub am Polarkreis 16

Kalt, kälter, Nordfinnland 21

Zauberwelt aus Schnee und Eis 21

Ein gefühlter Temperaturvergleich 22

Erlaubt ist alles, was warm hält 23

Wollmütze, Fellmütze, Sturmhaube 24

Zwiebelkleidung unter der Winterjacke 27

Wasserdichte Winterstiefel 27

Schneeschuhe? – Nein danke! 28

Gamaschen? – Ja bitte! 29

Fingerhandschuh oder Fäustling? 30

Grenzen von Mensch und Material 31

Auf den mobilen Untersatz kommt es an 31

Spontane Notmaßnahmen am Fahrzeug 32

Vorsicht bei Fototouren um –35 °C 33

Energiereserven für den Körper 34

Kameras und der Kältefaktor 34

Mit UV-Filter als Frontlinsenschutz 36

Kaum Einschränkungen bei Blitzgeräten 37

Leichte Beeinträchtigung der Stativköpfe 37

Überraschung: kälteresistente Speichermedien 38

Riskanter Einsatz mobiler Datenspeicher 39

Vereiste Reißverschlüsse geschmeidig machen 39

Ein Wort zur Sensorreinigung 39

Fototechnik unter realen Bedingungen 41

Zuverlässiger Auslöser selbst bei Eiseskälte 41

Bildrauschen? – Einfach cool bleiben! 44

Abstecher in die Belichtungsmessung 45

Wichtig zu wissen: die mittlere Dichte 45

Schwerpunkt der Messung in Suchermitte 46

Auch aus großer Entfernung exakt anmessen 47

Exakte Motivanalyse per Mehrfeld messung 47

Motive suchen, finden und komponieren 48

Ran ans Motiv! 48

Nehmen Sie sich viel, viel Zeit! 50

Unterschiedliche Tageszeiten und Perspektiven 50

Setzen Sie knackige Akzente 52

Hochformat, Querformat – oder beides? 52

Kleine Dinge im diffusen Licht 54

Ganz dicht dran: Makro im Schnee 54


Fotografieren mit gewollter Unschärfe 55

Weite Winkel extrem 55

Auch trübe Tage haben was 57

Eisige Glücksmomente 58

Finnlands unfassbar blaue Stunde 61

Künstliche Lichtquellen in der Polarnacht 61

Schneewesen, Eismonster und Trolle 64

Eisskulpturen mit der Motor säge 66

Eisskulpturen selbst bauen 66

Illuminieren mit Fackelkerzen 68

Lichtmalerei – so geht’s! 69

Gute Ergebnisse bei völliger Dunkelheit 70

Originelle Ideen sind das A und O 71

Auf dem Weg zum ersten Lichtbild 72

Die Krux mit dem Nordlicht 74

Was ist das Nordlicht? 75

Auf den Standort kommt es an 77

Vorbereitung ist alles 78

Relevante Kameraeinstellung en detail 79

Energiequelle Akku 84

Die Sache mit der Farbe 84

Digitale Bilder für die Ewigkeit? 84

Faszinierende Unter wasserwelt 86

Im Meer und in Süßwasserseen 91

Wissen ist Macht 91

Ehrenkodex der Taucher 93

Anforderungen an Mensch und Material 93

Reif für die Unterwasserfotografie? 94

Trockentraining im Schwimmbad 94

Entscheidungen vor dem Tauchgang 95

Ins Wasser, aus dem Wasser 95

Kameras unter Wasser 96

Objektive für unter Wasser 98

Passende Unterwassergehäuse 101

Licht in der Dunkelheit 106

Kleine Helfer immer dabei 109

Kamerapflege und Wartungstipps 110

Ihre Gesundheit steht an erster Stelle 112

Fliegen mit der Fotoausrüstung 112

EXTREMFOTOGRAFIE

INHALT

7


8

INHALT

Geheimnisse guter Unterwasserfotos 114

Manuelle Kameraeinstellung 114

Parameter für Nah- und Makroaufnahmen 115

Parameter für Weitwinkelaufnahmen 116

Ausleuchtung und Lichtführung im Wasser 117

Exakte Bildbeurteilung 119

Mut zur Entscheidung 120

Reserven für die Bildbearbeitung 121

Bildgestaltung unter Wasser 121

Die Farbe des Wassers 121

Salzwasser versus Süßwasser 123

Trübe Aussichten? 123

Blickrichtung und Kameraposition 124

Zum Teil über, zum Teil unter Wasser 125

Größenverhältnisse unter Wasser 127

Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Kunst 128

Ihr Tauchpartner, Ihr Modell 128

Fischporträts mit Standardzoom 129

Gute Beziehungen gleich reizvolle Motive 130

Der Schwarm 130

Geheimnisumwitterte Wracks 131

Tolle Spots und Unterwasserressorts 133

Stille Bergseen in den Alpen 133

Grüner See bei Tragöß 135

Tauchen in Flüssen 135

Spektakulärer Süßwassertauchgang in Silfra 135

Heißwasserschlot am Meeresgrund des Eyjafjörður 136

Fotogene Wracks auf Zypern 138

Muck diving in der Lembeh Strait 139

Galapagos, der Name ist Programm 139

Höhlentauchen der Spitzenklasse: Taïn und La Sirena 142

Rifftauchen auf Wakatobi 142

Atem beraubendes Hochgebirge 144

O Täler weit, o Höhen 149

Anforderungen an Mensch und Material 149

Körperliche Fitness 150

Vorzugsweise mit Bergpartner 150

Studium des Bergwetters 151

Vorsicht, Lawinengefahr! 151

Knoten und Sicherungstechniken 152


Kompass und Kartenmaterial 152

Die Sternentabelle des Fotografen 153

Wasser und konzentrierte Kalorien 153

Klimatische Extreme, Feind der Kamera 154

Mechanische Schätzchen, immer bereit 154

Bergsteigen mit Kamera 156

Fotografie mit Bergsteigen 157

Hochgebirge, die Domäne der Weitwinkel 159

Ausnahme: lange Telebrennweiten 164

Polfilter, im Gebirge ein Muss 166

Bildstabilisator oder besser mit Stativ? 167

Bildbeurteilung mit Live-View 170

Bildgestaltung oberhalb der Baumgrenze 171

An erster Stelle steht die Bildidee 171

Tourenplanung mit iPhone und iPad 171

Der Beweis: das Gipfelfoto 173

Eindrucksvolle Bergpanoramen 173

Personen vor grandioser Kulisse 174

Skifahrer während der rasanten Abfahrt 175

Kletterer in der Wand 176

Klärung der Größenverhältnisse 178

Schattenrisse vor grandiosem Hintergrund 180

Halt! Blitzlicht im Gebirge? 181

Stürzende Linien auch im Gebirge 182

Die Sache mit dem roten Pullover 183

Wasserfälle, Seen und reißende Bergbäche 184

Sonne und Mond in den Bergen 189

Dramatische Wetter 190

Regeln vor der Erstbesteigung 192

Nehmen Sie sich Zeit 192

Unterschätzen Sie die Witterung nicht 192

Respektieren Sie Betretungsverbote 193

Schreiben Sie Ihre Touren ins Hüttenbuch 194

Stay alert! Bleiben Sie wachsam! 194

Auf geht’s Buam: Hütten in den Alpen 196

Mitgliedschaft im Alpenverein 196

1.327 m: Tutzinger Hütte 197

1.834 m: Erfurter Hütte im Rofan 198

2.177 m: Riemannhaus am Steinernen Meer 198

2.389 m: Olperer Hütte in den Zillertaler Alpen 198

2.438 m: Dreizinnenhütte in den Dolomiten 198

EXTREMFOTOGRAFIE

INHALT

9


10

INHALT

2.700 m: Dachstein-Gletscherbahn 198

2.690 m: Kandersteg im Berner Oberland 199

3.883 m: Seilbahn auf den Aiguille du Midi 199

Tanz auf dem Vulkan 200

Vulkanausbruch live 205

Ohne extrem hohen Aufwand und Glück geht nichts 205

Lohnenswerte Motive auch bei verpasster Eruption 206

Ideale Locations für ambitionierte Fotografen 207

Spektakulär: die Aschewolke des Eyjafjallajökull 208

Bildgestaltungstipps für angehende Vulkanfotografen 210

Anforderungen an Mensch und Material 211

Was zählt, sind Geduld und Konzentration 211

Psychische Härte und Glück 211

Risiken beim Tanz auf dem Vulkan 212

Das ist die größte Gefahr bei einem Vulkanausbruch 213

Glutlawinen aus heißer Asche, Gasen und Gestein 213

Welcher Kameratyp eignet sich am besten? 214

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen 215

Kontrastunterschiede deutlich machen 216

Extrem heiße Glutlawinen bei Nacht 217

Unverhofft kommt oft: das richtige Stativ 220

Betauung, Korrosion und Abnutzung 221

Ascheeruptionswolke vor Sternenhimmel 221

Zoomobjektive oder lichtstarke Festbrennweiten? 223

Rauchringe mit einem Teleobjektiv einfangen 225

Gute Fokussierung macht den Unterschied 226

Unvorhersehbare Blitzentladungen einfrieren 227

Traumobjektiv für nächtliche Vulkan fotografie 228

Mein Objektivpark! – In der Praxis vielfach bewährt 229

Ein Problem, das nicht verschwiegen werden soll 231

Unberechenbar: graue Vulkane 232

Lebensgefährlich! – Glutlawinen aus dem Nichts 232

Warnzeichen bei schnell aufsteigenden Aschewolken 233

In Deckung! – Steinschlag und Lavabomben 233

Vorsicht! – Unerwartete Einwirkung giftiger Gase 234

An Schwefelquellen auftretender Schwefelbrand 235

Einbruchgefahr bei dünnem und unterhöhltem Boden 236

Einfache Regeln gegen extreme Hitze abstrahlung 236


Lavaströme, Lavafälle, Lavaseen 237

Einmalige Blicke auf dahinschießende Lavaströme 239

Nahezu unkritisch: Aufnahmen zähflüssiger Lavaströme 239

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: spektakuläre Lavafälle 240

Faszinierendes Spiel zwischen Wasser und Lava 241

Gefährlich! – Heiße Lava und das Meer 242

Unerschöpfliches Reservoir unter schiedlichster Motive 242

Sensationelle Bilder aktiver Lavadome 244

Gefahrenpotenzial aktiver Lavadome 245

Lavaseen bieten immer wieder gute Fotogelegenheiten 245

Intensives Farbenspiel in Kraterseen 246

Aufsteigende Lavablasen und Fontänen in Lavaseen 247

Achtung! – Hitzeschutz für exponierte Hautstellen und die Kamera 249

Explosiv: Strombolianische Eruptionen und Lavafontänen 249

Eindrucksvolles Schauspiel von Lavafontänen 251

Lavafontänen und platzende Lavablasen 252

Darauf ist im Umfeld von Lavafontänen zu achten 253

Platzende Schlammvulkane und heiße Springquellen 254

Spektakuläre Farbenspiele seltener Erscheinungsformen 255

Blick in den Sternen himmel 256

Voraussetzungen für die Astrofotografie 261

In der frühen Dämmerung 262

Zwischen Dämmerung und Nacht 263

Mit den Belichtungszeiten spielen 263

Dunkle Mondseite im aschgrauen Licht 263

Arbeiten mit langen Belichtungszeiten 264

Ein alter Trick – die Hutmethode 264

Mond- und Sonnenfinsternisse 264

Blutrot romantische Mondfinsternis 264

Dramatische Effekte bei der Sonnen finsternis 265

Sternenhimmel mit Weitwinkel 267

Sterne mutieren zu ästhetischen Strichspuren 268

Belichtungszeiten und Objektiv brennweiten 268

Ideale Brennweiten für die Stativkamera 269

Unendlich ist nicht gleich unendlich 269

EXTREMFOTOGRAFIE

INHALT

11


12

INHALT

Landschaft als Hintergrund 270

Balance zwischen ISO und Blende 270

Blick in die Milchstraße 271

Sternstrichspuren als Stilmittel 272

Nachteil der Digitaltechnik 274

Extreme Belichtungszeiten 274

Motorischer Ausgleich der Erdrotation 275

Arbeiten mit parallaktischer Montierung 276

Optimierte Kameras für die Astrofotografie 277

Langbrennweitige Teleobjektive 277

Sehr lange Brennweiten 278

Fortgeschrittene Astro fotografie 279

Index 282

Bildnachweis 287


EXTREMFOTOGRAFIE

INHALT

13


14

INHALT

1

2

3

Adrenalinschub am Polarkreis 16

Faszinierende Unter wasserwelt 86

Atem beraubendes Hochgebirge 144


4

5

EXTREMFOTOGRAFIE

INHALT

Tanz auf dem Vulkan 200

Blick in den Sternen himmel 256

Index 282

Bildnachweis 287

15


Adrenalinschub am Polarkreis

21 Kalt, kälter, Nordfinnland

21 Zauberwelt aus Schnee und Eis

22 Ein gefühlter Temperaturvergleich

23 Erlaubt ist alles, was warm hält

24 Wollmütze, Fellmütze, Sturmhaube

27 Zwiebelkleidung unter der Winterjacke

27 Wasserdichte Winterstiefel

28 Schneeschuhe? – Nein danke!

29 Gamaschen? – Ja bitte!

30 Fingerhandschuh oder Fäustling?

31 Grenzen von Mensch und

Material

31 Auf den mobilen Untersatz kommt es an

32 Spontane Notmaßnahmen am Fahrzeug

33 Vorsicht bei Fototouren um –35 °C

34 Energiereserven für den Körper

34 Kameras und der Kältefaktor

36 Mit UV-Filter als Frontlinsenschutz

37 Kaum Einschränkungen bei Blitzgeräten

37 Leichte Beeinträchtigung der Stativköpfe

38 Überraschung: kälteresistente

Speichermedien

39 Riskanter Einsatz mobiler Datenspeicher

39 Vereiste Reißverschlüsse geschmeidig

machen

39 Ein Wort zur Sensorreinigung

41 Fototechnik unter realen

Bedingungen

41 Zuverlässiger Auslöser selbst bei Eiseskälte

44 Bildrauschen? – Einfach cool bleiben!

45 Abstecher in die Belichtungsmessung

45 Wichtig zu wissen: die mittlere Dichte

46 Schwerpunkt der Messung in Suchermitte

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

47 Auch aus großer Entfernung exakt

anmessen

47 Exakte Motivanalyse per Mehrfeldmessung

48 Motive suchen, finden und

komponieren

48 Ran ans Motiv!

50 Nehmen Sie sich viel, viel Zeit!

50 Unterschiedliche Tageszeiten und

Perspektiven

52 Setzen Sie knackige Akzente

52 Hochformat, Querformat – oder beides?

54 Kleine Dinge im diffusen Licht

54 Ganz dicht dran: Makro im Schnee

55 Fotografieren mit gewollter Unschärfe

55 Weite Winkel extrem

57 Auch trübe Tage haben was

58 Eisige Glücksmomente

61 Finnlands unfassbar blaue Stunde

61 Künstliche Lichtquellen in der Polarnacht

64 Schneewesen, Eismonster und Trolle

66 Eisskulpturen mit der Motor säge

66 Eisskulpturen selbst bauen

68 Illuminieren mit Fackelkerzen

69 Lichtmalerei – so geht’s!

70 Gute Ergebnisse bei völliger Dunkelheit

71 Originelle Ideen sind das A und O

72 Auf dem Weg zum ersten Lichtbild

74 Die Krux mit dem Nordlicht

75 Was ist das Nordlicht?

77 Auf den Standort kommt es an

78 Vorbereitung ist alles

79 Relevante Kameraeinstellung en detail

84 Energiequelle Akku

84 Die Sache mit der Farbe

84 Digitale Bilder für die Ewigkeit?

19


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 30 s

Blende f/4,0

ISO 100

20

1

Der Kick beim Klick. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Allen anderen Menschen zu zeigen:

„Seht mal, ich war da!“

Adrenalinschub am Polarkreis

Worin liegt eigentlich der Reiz des Extremen in der Fotografie? Warum nehmen viele

Fotografen – völlig unabhängig davon, ob Amateur oder Profi – eine oftmals anstrengende

und teure Reise unter ungünstigsten Witterungsbedingungen auf sich, um in den letzten

Winkeln unseres Planeten zu fotografieren? Und das, wo doch offensichtlich fast alles

erforscht, umfangreich fotografisch dokumentiert und in irgendeiner Form veröffentlicht

worden ist? Die Antwort ist einfach und klingt plausibel: Zum einen ist es die persönliche

physische Herausforderung, das Erleben und Überschreiten des eigenen Grenzbereichs,

und zum anderen – natürlich – die Hoffnung auf den einen Moment, den fotografischen

Glücksmoment!


Kalt, kälter, Nordfinnland

Adrenalin schießt durch den Körper, man

wird eins mit seiner Kamera und ist wie berauscht

von diesem unbeschreiblichen

Augenblick. Ich selbst habe dieses Gefühl

immer dann verspürt, wenn ich bei eisiger

Kälte irgendwo da oben in Nordfinnland

durch den Sucher meiner vereisten Kamera

blickte. Vor mir das vermeintlich perfekte

Motiv und um mich herum die ideale

Wunschlichtstimmung. Insgeheim hoffend,

dass die hochsensible Technologie in meinen

Händen mich in diesem entscheidenden

Moment nicht im Stich lässt, dass Blende,

Verschluss und Elektronik einwandfrei

funktionieren. Dann wartete ich ungeduldig,

bis das verzögernd ansprechende LC-Display

meiner DSLR-Kamera endlich das Ergebnis

anzeigte.

Zauberwelt aus Schnee und Eis

Kann es für uns Fotografen einen schöneren

Moment geben? Ich behaupte: Nein! Allein

die Gewissheit zu haben, in diesem Augenblick

der einzige Mensch hier in dieser

schneeweißen Einöde zu sein, der dieses

Motiv für sich allein entdeckt und fotografiert

hat, lässt die stechenden Schmerzen

in den eiskalten Extremitäten für einige Minuten

vergessen. Und wenn Sie, liebe Leser,

beim Betrachten der einen oder anderen

Aufnahme in diesem Kapitel auch ein bisschen

Herzklopfen verspüren sollten, genau

wie der Verfasser dieses Texts zum damaligen

Zeitpunkt der Aufnahme, wissen Sie

sehr genau, wovon ich spreche.

Die Aufnahmen in diesem Buchbeitrag entstanden

in den Jahren 2001 bis 2007 während

der Wintermonate Januar und Februar

im Raum Kuusamo und im Oulanka-Nationalpark

. Wir erkundeten fotografisch die

Berge Muovaara , Iivaara und den berühmten

Rukatunturi . Mithilfe der Fotogruppe

ÜBER DEN AUTOR

Michael Nagel , 1963 in Kiel geboren,

absolvierte nach Abschluss einer

Ausbildung im Kunsthandwerk eine

weitere Ausbildung als Fotograf und

Fotofachhandelswirt. Ab 1988 war

er bei Nikon Deutschland im Bereich

Öffentlichkeitsarbeit und zuletzt

als Trainer für den Fotofachhandel

tätig. Seit 2001 unterstützt Michael

Nagel hauptberuflich als Dozent,

Trainer und Projektleiter das Team

des Photo+Medienforums in Kiel

im Bereich der Aus- und Weiterbildung

und führt bundesweit für die

Fotoindustrie und den Fotofachhandel

Schulungen und Seminare

durch. Der Schwerpunkt seiner

fotografischen Arbeit liegt in der

experimentellen Fotografie und in

der Landschaftsfotografie .

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

21


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 15 mm

Belichtung 1/350 s

Blende f/5,6

ISO 400

22

konstruierten und bauten wir aufwendige

Eisskulpturen und -monumente, filigrane

Lichtinstallationen und ein etwas unförmiges

Iglu.

Die im Folgenden geschilderten persönlichen

Erfahrungen sollen Ihnen die nötige

Unterstützung geben, um gut auf die extreme

Kälte vorbereitet zu sein und Ausfälle

beim Material zu verhindern. Trotzdem

kann nicht ausgeschlossen werden, dass

Ihre Kamera oder ein wichtiges Zubehörteil

Ihrer Ausrüstung unverhofft und im falschen

Moment den Geist aufgibt. Extreme

Kälte fordert Mensch und Material weit

bis über die physischen und physikalischen

Grenzen hinaus. Und jenseits der Grenzen

gibt es bekanntlich keine Garantie.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal die

faszinierenden Bilder eines befreundeten

Finnlandfotografen bei einer Vernissage betrachtete,

war ich wie gefesselt von der skurrilen

Schönheit der fotografierten Eis- und

Schneegestalten sowie von den ungewöhnlichen

Lichtverhältnissen und -stimmungen

unweit des Nordpolarkreises. Monate später

beschlossen der besagte finnlandaffine

Fotograf Klaus Radtke und ich, bundesweit

Fotoreisen nach Lappland für jene Menschen

anzubieten, die mit uns zusammen dort oben

das Besondere erleben und fotografisch festhalten

möchten.

Ein gefühlter Temperaturvergleich

Wie kann man sich als in gemäßigten Klimazonen

lebender Mittel- oder Nordeuropäer

eigentlich die extrem kalten Temperaturen

in Finnland vorstellen? Nachfolgend versuche

ich, einen „gefühlten“, also rein subjekti-

Es gibt keinen schöneren Moment! Allein in einer

Zauberwelt aus Schnee und Eis.


MANN AUS DEM EIS

Klaus Radtke lebt seit über 40 Jahren

regelmäßig für mehrere Monate

zusammen mit seiner Frau Raili in

einer urgemütlichen Hütte nur wenige

Kilometer von Kuusamo entfernt und

kennt natürlich die sehenswerten

Motive Nordfinnlands. Zu seinen

besonderen Begabungen gehört,

zur richtigen Zeit am richtigen Ort

zu sein, selbst kleinste Motive im

Schnee zu entdecken und auch erste

Anzeichen von Nordlichtern frühzeitig

erkennen zu können.

Klaus Radtke veranstaltet seit über

zwanzig Jahren erfolgreich Fotoreisen

nach Nordfinnland, mit der Garantie

für aussergewöhnliche Motive.

ven Vergleich zwischen der trockenen Kälte

Nordfinnlands und der eher feuchten Kälte

meiner norddeutschen Heimat aufzustellen.

• Finnische Temperaturen von –10 bis

–15 °C fühlen sich noch ganz angenehm

an. Bis –20 °C kann man sogar ohne Gesichtsschutz

fotografieren und sich im

Freien durchaus einen ganzen Tag lang

aufhalten – vorausgesetzt, der eisige

Wind hält sich in Grenzen.

• Ab –25 bis –30 °C setze ich zusätzlich

die dicke Sturmhaube auf und bin nur

noch maximal drei bis vier Stunden

ohne wärmende Unterbrechung im

Freien. Diese Temperaturen sind gefühlt

vergleichbar mit den feuchten –20 °C

bei uns im Norden. Das Atmen fällt einem

deutlich schwerer, und übermäßige

körperliche Anstrengungen sollten

– abhängig vom Gesundheitszustand

und der eigenen körperlichen Fitness –

gedrosselt werden.

• Zwischen –30 und –40 °C wird es richtig

ungemütlich, insbesondere dann,

wenn ein eisiger Wind den Körper zusätzlich

auskühlt. Jetzt wird das Atmen

weiter erschwert, und bereits kleinste

Anstrengungen können gefährlich werden,

wenn man dabei auch noch tief

durchatmen muss. Es schmerzt in der

Lunge, wenn die eiskalte Luft zu tief in

die Lungenflügel gesogen wird.

Erlaubt ist alles, was warm hält

Unabhängig von der Marke und Ihren persönlichen

Vorlieben können Sie für warme

Bekleidung sehr viel Geld ausgeben, ohne

wirklich sicher zu sein, das Richtige gekauft

zu haben. Ob die teure Markenjacke wirklich

winddicht ist und die Hightechstiefel

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

23


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 300 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/5,6

ISO 100

Hauptsache, die Kleidung hält warm und schützt vor Feuchtigkeit.

24

tatsächlich bis –20 °C warm halten, merkt

man leider erst in der Kälte. Vorab hilft bei

der Wahl der Bekleidung und Ausrüstung

unter Umständen die Beurteilung anderer

Outdoorfans oder -fotografen z. B. in den

Internetforen oder auch auf der Website

bzw. im Onlineshop des Herstellers. Vielleicht

hat ja auch schon jemand seine Meinung

getwittert oder auf einer der sozialen

Plattformen hinterlassen.

Doch Vorsicht! Wenn ein Artikel auffallend

oft und übertrieben hoch gelobt wird: Es

könnte auch eine positiv manipulierte Herstellermeinung

zu lesen sein, der man eher

skeptisch gegenüberstehen sollte.

Natürlich helfen auch Testergebnisse in

den entsprechenden Fachpublikationen. In

den letzten Jahren haben die Hersteller bekannter

Outdoorartikel eine schier unübersichtliche

Auswahl an Jacken , Hosen und

Stiefeln in ihr Sortiment aufgenommen, und

man kommt um eine persönliche Beratung

einfach nicht herum. Informieren Sie sich

trotzdem vorher genau über die Produkte,

die Sie kaufen bzw. anschauen möchten,

und stellen Sie gezielte Fragen an den Verkäufer,

um seine Fachkenntnis besser einschätzen

zu können.

Wollmütze, Fellmütze, Sturmhaube

Fangen wir also mit der Bekleidungsberatung

am besten da an, wo der Körper die

meiste Wärme an die Umgebung abgibt

und folglich sehr schnell auskühlen kann:

ganz oben am Kopf. Die notwendige Mütze

sollte rundherum geschlossen sein und über

zusätzliche Klettverschlüsse oder Schnürbändchen

verfügen. Hier empfehle ich den

Typ „winddichte Kappe mit Ohrenklappen

und Schnürzug“, z. B. aus 100 % Polyester,

mit Polyurethan-Membran, die den Kopf

rundherum gut schützt, wenn der eisige

Wind einem um die Ohren pfeift.


Zusätzlich habe ich mir für normale finnische

Temperaturen, also um die –10 bis

–15 °C, eine original finnische Wollmütze

vor Ort gekauft. Als störend erwies sich in

der Praxis jedoch der Blendschutz, also das

„Vordach“, da man die Mütze zum Fotografieren

nach oben schieben muss, um mit

dem Auge das gesamte Sucherbild überblicken

zu können. Von Vorteil ist dieser

Blendschutz jedoch immer dann, wenn man

über längere Zeit im Freien wandert und einem

die Sonne frontal ins Gesicht scheint.

Auch echte Fellmützen mit seitlichen Ohrenklappen

sind nach meiner Erfahrung

angenehm warm und schützen sehr effektiv

gegen Kälte und den rauen Wind. Leider

sind diese Mützen nicht jedermanns Sache,

wie ich am eigenen Leibe erfahren durfte.

Auf einer meiner ersten Finnlandreisen

habe ich die wenige Tage zuvor erworbene

Fellmütze direkt in Kuusamo beim dortigen

Wintersportausrüster umgetauscht gegen

eine echte Finnenmütze ohne Fell. Warum?

Die feinen Fellhärchen, die unablässig

auf meiner Gesichtshaut kitzelten, hätten

mich auf Dauer vermutlich an den Rand des

Wahnsinns gebracht.

Falls Sie vor Ort eine Tour mit einem Skidoo,

also einem Motorschlitten, unternehmen

möchten, sollten Sie beim Packen des

Koffers zusätzlich noch eine dünne Sturmhaube

für den hierfür benötigten Motorradhelm

einplanen, der beim Skidoo-Verleih

mit angemietet wird. Die Haube schützt

zwar nicht vor dem eisigen Fahrtwind, sorgt

aber für die nötige Hygiene und muss, falls

nicht vorhanden, dort für viel Geld gekauft

werden.

Oben: Ideal ist die geschlossene Mütze mit

Gesichtsschutz.

Unten: Original finnische Wollmütze mit Ohrenklappen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 135 mm

Belichtung 1/5 s

Blende f/10,0

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 55 mm

Belichtung 1/80 s

Blende f/4,2

ISO 100

25


Nützliches, aber lautes

Spaßmobil: der Skidoo.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 1/1000 s

Blende f/5,3

ISO 400

26

Für extrem eisige Temperaturen von unter

–35 °C und sehr kalte Winde habe ich zur

Sicherheit noch eine zusätzliche dickere

Sturmhaube mit Nasenschutz aus 70 %

Merinowolle und 30 % Polyamid im Gepäck.

Sie beugt schmerzhaften Erfrierungen im

Gesicht vor und schützt über einen langen

Zeitraum sehr effektiv. Die Haube lässt sich

zusätzlich noch mit einer klassischen Wintermütze

ohne Ohrenklappen kombinieren

und hat sich in der eisigen Kälte des finnischen

Winters sehr bewährt. Außerdem

hat sie noch einen weiteren angenehmen

Nebeneffekt: Die kalte Außenluft wird beim


Einatmen durch die Nase oder den Mund

etwas angewärmt und erleichtert somit

das Luftholen. Und einen Schal brauchen

Sie auch nicht zusätzlich mitzunehmen.

Cremen Sie Ihre Haut mit einer fetthaltigen

Creme zusätzlich gut ein, denn sie wird bei

der Kälte sehr in Anspruch genommen.

AUSFLÜGE

MIT DEM SKIDOO

Übrigens – Ausflüge mit dem

Skidoo sind nicht nur spaßig,

sondern oftmals auch notwendig,

wenn Sie z. B. den 470 m

hohen Gipfel des Bergs IIvaara

bequem mit schwerem Gepäck

bezwingen wollen, um ihn

dann in aller Ruhe fotografisch

abwandern zu können. Naturliebhaber

hingegen sollten

die Finger von den schnellen

Schneemotorrädern mit Walzenantrieb

lassen: Sie sind laut,

stören die landschaftliche Idylle

und verpesten mit ihren Abgasen

die klare finnische Luft.

Leider sieht man das subjektiv

ganz anders, wenn man selbst

im Sattel sitzt und am Gasgriff

dreht.

Zwiebelkleidung unter der Winterjacke

Unter der warmen, atmungsaktiven Winterjacke

sollten Sie vorzugsweise Zwiebelkleidung,

also ein bis zwei dünne Kleidungsstücke

z. B. aus Fleece oder einem

ähnlichen Material tragen. Jede zusätzliche

Luft- bzw. Kleidungsschicht isoliert nämlich

hervorragend und hält somit schön warm.

Unter der Thermohose, mit Hosenträgern

und praktischen Seitentaschen mit Klettverschlüssen,

trage ich eng anliegende, lange

Thermounterwäsche. Die Socken sollten

unbedingt aus einem atmungsaktiven Material

sein und nicht im Schuh verrutschen,

sonst droht Gefahr von schmerzhafter

Blasenbildung an den Füßen. Ein einzelnes

Paar Socken hat sich nach meiner Erfahrung

als ideal herausgestellt, damit die Luft

im Stiefel ausreichend Volumen hat und

zirkulieren kann. Je weniger Luft zwischen

Socke und Schuh verbleibt, desto schlechter

ist die schützende Isolierung gegen die

Kälte. Und – sind die Füße erst unterkühlt,

friert man schnell am ganzen Körper und

kann im Wortsinn einpacken.

Wasserdichte Winterstiefel

Nachdem ich bei einem namenhaften deutschen

Outdoorausstatter meine ersten

Winterschuhe gekauft hatte, merkte ich

leider erst vor Ort, also in Finnland, dass der

Stiefelschaft viel zu niedrig war und schon

bei Schneehöhen ab 15 cm der Schnee in die

Schuhe fiel, dort schmolz und dann schnell

für kalte Füße sorgte. Leider hatte mich der

freundliche Verkäufer auf diese Problematik

nicht aufmerksam gemacht. Also beschaffte

ich mir kurzerhand bei einem Wintersportausstatter

in Kuusamo hohe Winterstiefel

mit einer speziell gummierten und wasserundurchlässigen

Sohle. Bei Langzeitaufnahmen

im vom Schmelzwasser durchtränkten

Schnee hatten sich diese Stiefel bereits

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

27


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 4,0 s

Blende f/4,0

ISO 400

Analoge Aufnahme

einer Eis-Licht-

Installation auf dem

Kuusamo-See.

28

beim ersten Einsatz sofort bezahlt gemacht:

Selbst nach vielen Stunden bekam ich weder

kalte noch nasse Füße und konnte deutlich

länger fotografieren als so mancher Teilnehmer

meiner Reisegruppe, deren Schuhwerk

feucht und kältedurchlässig wurde. Fotografisch

belohnt wurde ich außerdem mit eindrucksvollen

Motiven einer wunderschönen,

von der Fotogruppe selbst entworfenen und

gestalteten Eis-Licht-Installation auf dem

Kuusamo-See.

Schneeschuhe? – Nein danke!

Oftmals liegt der Schnee in Nordfinnland

an ungeschützten Stellen bis zu einem Meter

hoch, und das Heranpirschen an lohnende

Motive gestaltet sich als sehr schwierig

und kraftraubend. Hier helfen Schneeschuhe,

die es in Finnland fast überall zu leihen

oder auch zu kaufen gibt, wirklich spürbar

weiter. Man kommt sehr zügig und ohne

große Kraftanstrengung voran und versinkt

außerdem nicht im lockeren Pulverschnee.

Nachteil: Die Schuhe sind groß, unhandlich

und behindern den Fotografen besonders

beim Hocken oder Hinlegen auf Bauch oder

Rücken. Und gerade diese Perspektiven

zählen zu meinen fotografischen Vorlieben.

Ergo: Verzicht auf die hilfreichen Schuhe,

Inkaufnahme von erhöhter Anstrengung,

aber Garantie für außergewöhnliche Perspektiven

und eindrucksvolle Aufnahmen.

Und das wollen wir Fotografen doch, oder?!

Sie können natürlich auch mit den Schneeschuhen

zum Motiv wandern und diese vor

Ort ausziehen, um eindrucksvolle Aufnahmen

zu machen. Mir persönlich war diese

schuhgebundene Alternative jedoch zu hinderlich

und schränkte meinen Bewegungsdrang

ein.


Gamaschen? – Ja bitte!

Und sind die Stiefel noch so hoch und die

Schneehose noch so fest zugebunden: Der

Schnee bahnt sich immer irgendwie einen

Weg ins Innere der Schuhe, schmilzt dort

und sorgt schnell für kalte, nasse Füße. Abhilfe

schafft das Tragen einer Nylongama-

sche mit Nässeschutz. Der lange, flexible

Schaft schützt ideal vor Feuchtigkeit und

Pulverschnee. Gummizüge am unteren Abschluss

und über dem Knöchelbereich optimieren

die Passform. In Wadenhöhe lässt

sich die Gamasche mit einem Kordelstopper

in der Weite regulieren und fixieren.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

... wozu Schneeschuhe?

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 4,5 s

Blende f/6,3

ISO 400

29


Mit etwas Übung lässt

sich die DSLR-Kamera

auch mit Fausthandschuhen

bedienen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/50 s

Blende f/3,5

ISO 100

30

Ein Riemen hält sie vor dem Absatz, und

ein Metallhaken fixiert sie am Schuh. Fertig

ist der perfekte Schutz. Hinweis: Der Kordelstopper

kann aufgrund zu starker Beanspruchung

schnell reißen. Ein Paar Ersatzkordeln

und Stopper gehören unbedingt ins

Reisegepäck des Finnlandfotografen.

Fingerhandschuh oder Fäustling?

Prima. Jetzt sind Sie schon fast komplett

wintertauglich eingekleidet. Nun fehlen nur

noch die Schuhe für die Hände. Wirklich

nicht ganz einfach, eine richtige Wahl zu

treffen: Fingerhandschuh oder Fäustling ?

Leder oder Goretex ? Dick oder doch lieber

dünn, um die Tasten und Drehrädchen der

Kamera sicher bedienen zu können? Leider

gibt es nach meiner Erfahrung nicht den Allrounder

unter den Handschuhen. Fäustlinge,

entweder aus Leder mit Fellbesatz oder

synthetisch aus Goretex-Materiel, schützen

die Hände am wirkungsvollsten gegen die

Kälte, da die Finger dicht beieinanderliegen

und sich gegenseitig wärmen. Zudem ist

die Luftangriffsfläche kleiner als bei Fingerhandschuhen.

Jedoch sind die Bewegungen

der Finger und der Tastsinn sehr eingeschränkt.

Das Betätigen des Zweistufenauslösers

funktioniert bei der DSLR-Kamera

recht gut. Kleinere Tasten und Rädchen an

der Kamera bzw. am Blitzgerät sind jedoch

schlicht und einfach nicht bedienbar.

Eine große Rolle spielt natürlich die Ergonomie

der Kamera oder des verwendeten

Zubehörs. Kameras und Blitzgeräte, die

für wichtige Menüfunktionen ein großes

Einstellrad auf der Rückseite mit einer klar

definierten OK-Taste in der Mitte haben,

lassen sich sehr gut bedienen. Kleine Navigationstasten

und Einstellrädchen hingegen

können mit Fausthandschuhen nicht

oder nur schwer bedient bzw. angesteuert

werden.

Und der Fingerhandschuh? Dünne Fingerhandschuhe

erlauben zwar das uneingeschränkte

Bedienen der Kameratasten und

-rädchen, sorgen aber im Umkehrschluss

sehr schnell für kalte und steife Finger. Sind

die Fingerhandschuhe etwas dicker gefüttert,

wärmen sie zwar besser, erschweren

aber die sichere Bedienung der wichtigsten

Kamerafunktionen.

Ich habe mir aus diesem Grund einen speziellen

Fingerhandschuh für Fotografen zugelegt

und war sehr zufrieden mit dieser

Lösung. Dieser Handschuh verfügt über einen

klappbaren Fingerschutz, der mit Klett

am Handschuhrücken fixiert werden kann

und dann nur die Fingerspitzen ungeschützt

freigibt. Wenn alle Einstellungen am Gerät

vorgenommen worden sind, klappt man

einfach den Schutz wieder herunter, und

die Finger sind warm verpackt. Tolle Sache!

Warum bin ich eigentlich nicht selbst auf

diese Idee gekommen?

Alternativ können Sie Ihre Kamera auch mit

etwas dünneren, gefütterten Goretex-Fäustlingen

recht gut bedienen. Bei sich abzeichnender

Erfrierung der Gliedmaßen habe ich


selbstheizende Gelpads in die geräumigen

Handschuhe gesteckt, die schnell für angenehme

Wärme sorgten. Ich habe mit den

in vielen Größen erhältlichen Gelpads insgesamt

sehr gute Erfahrungen im harten

Außeneinsatz sammeln können. Vorher im

kochenden Wasser mit Energie aufgeladen,

entfalten sie nach einem kurzen Druck auf

ein im Gelpad befindliches Metallplättchen

ca. 50 °C wohlige Wärme für ca. 30 Minuten.

So bekommen Sie kalte Hände, Füße, Batterien

oder Geräte schnell wieder funktionsfähig.

SKIBRILLE UND

SONNENCREME

Vergessen Sie auf keinen Fall, Ihre

Sonnen- oder Skibrille einzupacken

sowie die Sonnencreme mit hohem

Lichtschutzfaktor (30) , um sich und

Ihre Netzhaut wirksam gegen die

schädliche UV-Strahlung der Sonne

zu schützen. Wintersportler kennen

das Problem der starken Reflexionen,

die vom Schnee oder Eis zusätzlich

auf Haut und Augen gelenkt werden.

Gesicht und Hände leiden aber auch

unter der Kälte und werden rot und

häufig spröde. Meine Finger begannen

an den Fingerkuppen schmerzhaft

aufzureißen und schränkten die

Bedienung von Kamera und Zubehör

erheblich ein. Mit einer guten Hand-

und Gesichtscreme kann man hier

vorbeugen und schnell für schmerzlindernde

Heilung sorgen. Wenn es so

richtig weh tut, reibe ich meine verletzten

Hände vor dem Schlafengehen

zusätzlich dick mit Handcreme ein

und ziehe dünne Baumwollhandschuhe

an. Am nächsten Morgen sehen die

Hände spürbar besser aus.

Grenzen von Mensch und

Material

Der fotografische Erfolg einer Reise ist neben

einer gut recherchierten Ausarbeitung

der Route in erster Linie abhängig von der

richtigen Ausrüstung und Bekleidung, damit

der entscheidende Moment vor der Kamera

aufgrund eines witterungsbedingten

Totalausfalls von Mensch oder Gerät nicht

zum fotografischen Desaster wird. Doch

lenken wir unser Augenmerk in der Vorplanung

zunächst auf den mobilen Untersatz.

Die Fahrtstrecke von Deutschland nach

Finnland mit dem Kleinbus bzw. Auto ist

durchaus sehr reizvoll und bietet unterwegs

viele Gelegenheiten zum Anhalten und Fotografieren.

Im Folgenden möchte ich Ihnen

ein paar Tipps für die richtige Wahl des

Fahrzeugs geben.

Auf den mobilen Untersatz kommt es an

Oftmals wird bei der Autoreservierung

nicht berücksichtigt, dass die Heizleistung

der hochgezüchteten, modernen Dieselmotoren

bereits bei –10 °C Außentemperatur

fühlbar nachlässt und diese deshalb

für die kalten finnischen Winter nach meinen

Erfahrungen absolut ungeeignet sind.

Nichts ist schlimmer, als über eine Distanz

von rund 1.000 km bei Außentemperaturen

von –20 °C und niedriger im Auto frieren

zu müssen und den Beifahrer zu bitten,

die Frontscheibe von innen eisfrei zu halten.

So geschehen und hautnah erlebt auf

der Fahrt von Turku im Süden Finnlands

zu unserem Reiseziel nach Kuusamo in

Lappland im sehr kalten finnischen Winter

2007. Und der deutsche Vermieter unseres

Leihwagens hat uns bei der Buchung

mehrfach versichert, dass der Kleinbus sogar

mit einer Zusatzheizung für den Fahrgastraum

ausgestattet ist und somit keine

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

31


32

Probleme bei extremen Minustemperaturen

auftreten werden. Vielleicht hätte ich

mir den Begriff „extrem“ näher definieren

lassen sollen.

Spontane Notmaßnahmen am Fahrzeug

Nachdem wir es vor Kälte im Fahrzeug nicht

mehr aushielten, beschlossen wir, das Problem

spontan mit folgenden Notmaßnahmen

am Fahrzeug zumindest einigermaßen

in den Griff zu bekommen. Zunächst dichteten

wir die offenen Bereiche des Kühlergrills

von außen mit fester Pappe ab, damit

die kalte Außenluft den Kühlwasserkreislauf

und somit die Heizungsanlage des Motors

nicht zu stark absenkt. Doch Vorsicht:

Beim Fahren im Stadtverkehr oder bei längeren

Standzeiten könnte der Motor unter

Umständen zu heiß werden. In diesem Fall

sollten Sie unbedingt die Thermostatanzeige

für das Kühlwasser im Auge behalten,

um eine Überhitzung des Motors zu vermeiden.

Um den sehr kalten hinteren Bereich in unserem

Kleinbus zusätzlich mit warmer Heizungsluft

zu versorgen, hatte ich aus einem

finnischen Baumarkt einfach ein flexibles

Drainagerohr beschafft. Dieses wurde mit

viel Klebeband direkt an dem im vorderen

Fußraum befindlichen Luftaustritt der

Frontheizung befestigt. Zwar wurde nach

diesem Eingriff im Frontbereich der Fußraum

nicht mehr so stark beheizt wie vorher,

aber dafür bekamen die frierenden Personen

im hinteren Bereich des Busses nun

ein bisschen Wärme für die kalten Füße. In

der Not muss man eben teilen können und

zusammenhalten.

Oben: Zugefrorene Scheiben im Auto sind kein

Spaß.

Unten: Der Kühlergrill wird abgenommen, um ihn

mit Pappe abzudichten.


Fahrzeuge mit einer separat angesteuerten

und gespeisten Standheizung sind im finnischen

Winter sehr empfehlenswert, da

nicht nur während der Fahrt, sondern auch

in den besonders kalten Nachtstunden der

Innenraum auf angenehmen Temperaturen

gehalten wird und die Scheiben nicht vereisen

können. Wenn das Außenthermometer

in Finnland auf –30 °C und tiefer fällt, sollten

Sie den Motor außerdem Tag und Nacht im

Standgas laufen lassen, auch wenn das gegen

Ihr ökologisches Grundverständnis verstößt.

Im schlimmsten Fall springt der völlig

ausgekühlte Motor einfach nicht mehr an.

Der vor Ort getankte finnische Winterdiesel

bereitete uns selbst bei Temperaturen

unter –30 °C keine ernsthaften Probleme.

In Finnland sind außerdem viele Parkplätze,

wie in den skandinavischen Ländern allgemein

üblich, mit einer separaten Stromver-

NUR FLIEGEN IST SCHÖNER

Wenn man von den deutlich höheren

Kosten absieht, empfehle ich, zum

Beispiel mit einem Finnair-Flug von

Deutschland aus bis nach Helsinki

zu fliegen und dann vor Ort auf ein

entsprechend wintertaugliches,

finnisches Leihfahrzeug umzusteigen.

Erkundigen Sie sich am besten

im Vorfeld in Deutschland, ob und

wo bezahlbare Leihfahrzeuge zu

bekommen sind, und reservieren Sie

das Fahrzeug, wenn möglich, direkt.

Leider verstehen und sprechen nicht

alle Finnen Englisch bzw. Deutsch,

sodass eine Reservierung in Finnland

ohne ausreichende Sprachkenntnisse

kompliziert werden kann.

sorgung für die elektrische Kühlwasserheizung

ausgestattet. Die Steckdose hierfür

befindet sich direkt am Fahrzeug, meistens

in unmittelbarer Nähe der Frontstoßstange.

Einen weiteren Zugewinn an Sicherheit und

Geschwindigkeit auf den schneebedeckten

Straßen bieten letztendlich die in Finnland

üblichen – und bei uns nicht zugelassenen

– Spikesreifen, die einen sehr guten Grip

haben. In Finnland wird umweltschonend

auf Salz verzichtet, und die Straßen werden

lediglich frei geschoben und bei Bedarf zusätzlich

mit Granulat abgestreut.

Vorsicht bei Fototouren um –35 °C

Ich erinnere mich an einen Moment bei finnischer

Extremkälte noch ganz genau: Bei

–35 °C und schönstem Sonnenschein wollte

ich die Auftragsarbeiten für zwei bekannte

Hersteller von Kameras und Taschen

fotografieren und war mit viel Gepäck auf

Motivsuche. Nach mehr als zwei Stunden

anstrengenden Marschs im Tiefschnee ,

natürlich ohne Schneeschuhe, sah ich in

weiter Ferne endlich das geeignete Motiv.

Die Sonne stand schon recht tief und würde

in wenigen Augenblicken am Horizont verschwunden

sein. Also nahm ich die Beine in

die Hand und rannte los, um noch rechtzeitig

bei meinem Motiv sein zu können. Kurze

Zeit später verlor ich fast das Bewusstsein,

weil ich zu schnell zu viel kalte Luft in meine

Lungen gesogen hatte und mein Kreislauf

streikte. Gehen Sie also in solchen Situationen

ganz sachte auf Motivsuche und planen

Sie deutlich mehr Zeit für notwendige

Ruhepausen ein. Noch besser ist es jedoch,

mit einer weiteren Person durch die Wälder

Finnlands zu streifen, falls sich eine Notsituation

ereignet. Wir haben der Gruppe aus

Sicherheitsgründen immer unsere geplante

Tour und die voraussichtliche Rückkehr zur

Hütte mitgeteilt. Vorbeugen ist besser. Und

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

33


34

noch ein Hinweis in eigener Sache: Spielen

Sie nicht den Helden. Selbstüberschätzung

kann nicht absehbare Folgen haben.

Energiereserven für den Körper

Wenn viel Gepäck über weite Distanzen

durch den tiefen Schnee transportiert werden

muss, wird in den Muskeln unseres

Körpers natürlich auch viel Energie verbrannt.

Auch die extreme Kälte macht unserem

Körper zu schaffen und verbraucht

zusätzliche Energiereserven . Also sollten

wir unseren Brennstoffvorrat im Gleichgewicht

halten und die nötige Energie zum

Verbrennen in ausreichender Menge nachliefern.

Anfangs hatte ich mir noch belegte

Brote, Bananen und Äpfel in den Rucksack

gepackt. Doch der Verzehr in der Kälte erwies

sich als schwierig und unvorteilhaft.

Haben Sie schon mal in ein angefrorenes

Brot oder eine eiskalte Banane gebissen?

Geht gar nicht!

Also suchte ich nach einer Alternative und

deckte mich mit Energieriegeln ein. Sie sind

fast überall zu bekommen, insbesondere

in Apotheken, Reformhäusern und – natürlich

– in Outdoorshops. Wenn man sich

vom hohen Preis der Powerriegel nicht abschrecken

lässt und sich außerdem an den

exotischen Geschmack gewöhnt hat, wird

der Körper recht schnell und umfassend

mit allen wichtigen Nährstoffen und Kalorien

versorgt. Mit zwei bis drei Riegeln

kann man einen Nachmittag in der Kälte

ohne knurrenden Magen überbrücken. Und

im Notfall kann diese Nahrungsquelle sogar

überlebenswichtig sein. Vergessen Sie

nicht, ausreichend Flüssigkeit, am besten

ungesüßten Früchtetee, in den Rucksack zu

packen. Auf isotonische Powerdrinks habe

ich verzichtet, weil mir die Getränke einfach

zu kalt waren.

KLARTEXT IN SACHEN

GARANTIELEISTUNG

Achtung! Sollte Ihre Kamera oder Ihr

Objektiv bedingt durch extrem hohe

oder niedrige Temperaturen ausfallen

oder beschädigt werden, erlischt die

Garantieleistung des Herstellers, und

Sie müssen die entstehenden Reparaturkosten

selbst tragen.

Kameras und der Kältefaktor

Wenn man in die technischen Datenblätter

einiger Amateur-, Semiprofi- und Profikameras

aus dem Spiegelreflexlager verschiedener

Hersteller blickt, wird in der Regel der

Betrieb bei Umgebungstemperaturen von

0 bis +40 °C empfohlen. Überrascht? Den

Angaben zufolge dürften wir keine aktuelle

DSLR-Kamera aus der Kameratasche holen

und im Freien einsetzen, wenn wir auch

nur von einem Hauch von Raureif und Kälte

umgeben sind. Tatsächlich sind die Kameras

viel stärker belastbar, als es die Kamerahersteller

angeben. Der Grund für die eher

zurückhaltenden Angaben: Die Hersteller

sichern sich bezüglich des empfohlenen

Temperaturbereichs in den Datenblättern

gegen eventuelle Regressansprüche bei

Ausfall oder Beschädigung der Kamera ab.

Besser die Analoge mitnehmen?

Damit stellt sich die Frage, ob man doch

besser noch die Analoge nehmen sollte. Zu

analogen Zeiten waren die Kamerahersteller

in technischer Hinsicht nicht so ängstlich:

Nikon setzte seine Profikameras, z. B.


die F3 und die F4, in speziellen Klimakammern

stundenlang großer Kälte und Hitze

aus und warb bei der legendären Nikon

FM-2 sogar damit, dass sie extremen Temperaturen

zuverlässig standhalten würde. In

den Kameraprospekten konnte der Leser die

durchgeführten Laborhärtetests auf diversen

Abbildungen bestaunen. Schon damals

war bekannt, dass in extremen Temperaturbereichen

nicht die Kamera, sondern primär

der Film das schwache Glied in der Kette

war. Probleme gab es, wenn dieser z. B. bei

Hitze mit rötlichem Farbstich reagierte oder

bei extrem tiefen Temperaturen während

des Transport- oder Rückspulvorgangs riss

und bei hoher Luftfeuchtigkeit in der Patrone

zusammenklebte.

Die Kamerabatterie wurde vor der Einführung

von DSLR-Kameras mit eingebautem

Motor und Autofokusfunktion nur für den

Betrieb des Belichtungsmessers bzw. für die

Belichtungsautomatik benötigt. Sie durfte

bei Kälte durchaus etwas schwächeln, da

sich die Kameraverschlüsse oftmals mechanisch,

also ohne Strom, auslösen ließen. Mit

anderen Worten, der Fotograf bekam sein

Motiv immer irgendwie in den Kasten. Doch

machen wir uns nichts vor: Natürlich kann

man ohne funktionierenden Belichtungsmesser

einen Negativfilm aufgrund seines

großen Belichtungsspielraums nach Gefühl

belichten. Aber spätestens beim Diafilm

sind die Grenzen der exakten Belichtung

sehr schnell überschritten und die Aufnahmen

leider nicht mehr für die Präsentation

oder den Papierprint zu gebrauchen.

Wenn man die Foren diverser Internetseiten

durchstöbert, liest man Empfehlungen

von Fotografen, die für extreme Bereiche

lieber das analoge Modell mit Film empfehlen,

um temperaturbedingten Pannen

vorzubeugen. Ich teile diese Meinung jedoch

nur, wenn keine Möglichkeit besteht,

die Kameraakkus vor Ort aufzuladen oder

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 65 mm

Belichtung 1/320 s

Blende f/5,3

ISO 400

Viele digitale Spiegelreflexkamerasvertragen

mehr, als man

vermutet.

35


Aufgenommen bei

eisigen Temperaturen

auf dem Berg Ruka

mit der analogen

Nikon F-801.

36

kameraseitig auf handelsübliche AA-Batterien

umsteigen zu können. Mittlerweile gibt

es hier aber von verschiedenen Outdooranbietern

und im Fotozubehörbereich sehr

praktikable Lösungen für die netzunabhängige

Stromversorgung auf Reisen.

Mit UV-Filter als Frontlinsenschutz

Ein optisch hochwertiger UV-Filter sollte

sich immer als Frontlinsenschutz vor dem

Objektiv befinden, um Kratzer oder Flecken

durch äußere Einflüsse zu verhindern.

Das war schon zu analogen Zeiten der Fall.

Achten Sie darauf, dass sich zwischen Filter

und Objektiv keine Feuchtigkeit oder Ablagerungen

befinden, um die optische Qualität

des Systems nicht zu verschlechtern.

Reinigen Sie den Filter in regelmäßigen Abständen

oder bei Bedarf und lassen Sie ihn

immer vor dem Objektiv.

Bei extremen Weitwinkelobjektiven kann

es aufgrund des größeren Bildwinkels zu

Vignettierungen (Randabschattungen)

kommen, wenn der Rand des verwendeten

Filters zu hoch ist. Hier empfehle ich,

die deutlich dünneren Slimline-Filter zu

verwenden, die selbst bei aufgesetzter Gegenlichtblende

keine Randabschattungen

verursachen. Gegenlichtblenden, leider

nicht immer im Lieferumfang des Objektivs

enthalten, dienen nicht nur der Reduzierung

von Seitenlichteinfall und damit der

Verbesserung des Kontrasts insgesamt,

sondern schützen das Objektiv darüber hinaus

gegen frontal eintreffende Stöße und

Schläge. Bei extrem tiefen Temperaturen

wird der Kunststoff jedoch spröde und kann

aufgrund nachlassender Flexibilität brechen

oder Risse bekommen.


FAZIT ...

Die Widerstandsfähigkeit bei extremer

Kälte ist in der DSLR-Amateurklasse

wie auch in der robusteren

und speziell abgedichteten DSLR-

Profikameraklasse ähnlich hoch.

Mit einfachen Worten ausgedrückt:

Eine Amateurkamera hält genauso

lang durch wie das wesentlich

teurere und robustere Modell aus

der Profiklasse. Selbst die Klasse

der kompakten Digitalkameras und

Bridgekameras ließ sich im finnischen

Winter problemlos einsetzen.

Vorschlag: Nehmen Sie doch einfach

eine Kompakte als Schnappschuss-

oder Zweitkamera zusätzlich mit ins

Gepäck.

... EIN RESTRISIKO BLEIBT

Aus technischer Sicht kann jedoch

nicht ausgeschlossen werden, dass

sich bei extrem niedrigen Temperaturen

auf den Platinen innerhalb

der Kamera feine Haarrisse bilden

können, die dann früher oder später

zu technischen Problemen führen.

Hier liegen mir weder bei meinen

eigenen eingesetzten Kameras noch

bei den Kameras der Teilnehmer

Ergebnisse bzw. Langzeitstudien

vor. Ein schwer kalkulierbares Restrisiko

bleibt also bestehen, daher

sollten Sie Vorsorge treffen und eine

Ersatzkamera (analog oder digital)

bei sich zu führen.

Kaum Einschränkungen bei Blitzgeräten

Einschränkungen aufgrund extremer Kälte

konnte ich an keinem der eingesetzten Blitzgeräte

unterschiedlicher Hersteller feststellen,

jedoch verlängert sich die Blitzfolgezeit

bei einigen Geräten deutlich, da die Batterien

bzw. Akkus ihre Energie verzögert bereitstellen.

Die LC-Displays, sofern vorhanden, reagieren

erfahrungsgemäß etwas träger und

waren bei einigen Geräten nur noch schwer

abzulesen – unproblematisch bei den Geräten,

die anhand der Schalterstellung die eingestellte

Funktion erkennen lassen, problembehaftet

bei menügesteuerten Blitzen, die

den verwendeten Modus nur erahnen lassen.

Tipp: Stellen Sie das Gerät im warmen Zustand

auf TTL-Funktion und schalten Sie es

dann ab. Sobald das Gerät auf eine kompatible

Kamera gesetzt und eingeschaltet wird,

erfolgt automatisch die Umschaltung in den

TTL-Modus.

Leichte Beeinträchtigung der Stativköpfe

Bei Stativen verhält es sich wie mit den

lichtstarken und schweren Objektiven: Man

nimmt sie ungern mit, aber hätte sie immer

gern dabei. Viele Amateurstative hatten

Probleme mit den verwendeten Fetten in

den Dreiwegeköpfen . Aufgrund der Kälte

verhärteten diese etwas, und die Leichtgängigkeit

in den Drehbewegungen wurde

erheblich eingeschränkt. Gussmetalle, die

manchmal bei den Verriegelungen der Stativbeine

eingesetzt werden, können in der

Kälte porös werden und schon bei geringem

Kraftaufwand einfach abbrechen. Die Drehverschlüsse

meines Profistativklassikers hingegen

überstanden die Kälte über Jahre hinweg

ohne Funktionsbeeinträchtigung oder

Beschädigung.

Um die Hände vor den kalten Metallbeinen

zu schützen, empfehle ich die Verwendung

von Isolierschaumstoff für Heizungsrohre,

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

37


38

der einfach um die Metallbeine gestülpt

und mit Gewebeband fixiert wird. Der Innendurchmesser

der Rohre sollte dabei

ziemlich genau dem Außendurchmesser

der oberen Beinelemente des Stativs entsprechen.

Wenn man Probleme hat, die

Rohre über die Beine zu ziehen, kann man

mit ein wenig Seife nachhelfen. Es gibt im

Übrigen ein paar Stative am Markt, die diese

sehr wirksame Isolierung bereits werkseitig

mitbringen.

Für das Stativ empfehlen sich bei lockerer

Schneedecke sogenannte „Snow Pads“ ,

Schneeschuhe für die Stativbeine. Dadurch

sinkt das Stativ deutlich weniger in

den Schnee ein, und man kann es sogar im

Tiefschnee aufstellen. Bei den hochwertigen

Profistativen verschiedener Hersteller

konnte ich keine nennenswerten Probleme

in der Handhabung und mechanischen

Belastbarkeit feststellen. Lediglich die verwendeten

Fette und Öle der Stativköpfe

reagierten bei manchen Modellen etwas

träger in der Konsistenz.

VERWACKLER UND

UNSCHÄRFEN MINIMIEREN

Verwenden Sie beim Einsatz eines

Stativs die elektrische Auslösevariante

per Kabel oder Funk oder aktivieren Sie

den eingebauten Selbstauslöser der

Kamera, um Verwacklungen im Langzeitbereich

vorzubeugen. Und noch

ein Tipp: Binden Sie den Kameratragegurt

fest oder nehmen Sie ihn von der

Kamera, da Windbewegung im Gurt

schnell zu Unschärfen führen kann.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 31 mm

Belichtung 1/40 s

Blende f/6,3

ISO 200

Mit Schaumstoff umhüllte Stativbeine schützen

die Hände vor dem kalten Metall.

Überraschung:

kälteresistente Speichermedien

Ob SD-Karte oder CompactFlash: Die aktuellen

Speichermedien sind sehr robust

und viele Modelle nach meinen Erfahrungen

absolut resistent gegen Kälte, Hitze

und Feuchtigkeit. Ich selbst war gespannt,

was passieren würde, wenn ich die eiskalte

Karte aus meiner Kamera in den warmen

Slot meines Rechners steckte: Der Datenstrom

funktionierte einwandfrei. Probleme

können jedoch auftreten, wenn sich der Fotograf

in der trockenen Luft des finnischen

Winters statisch auflädt und die Ladung

über die Karte z. B. beim Berühren abgibt.

In einem Fall wurde die CF-Karte eines Fo-


tografen bei 40 Grad in der Waschmaschine

gewaschen und geschleudert. Die Karte

Samt Daten hatte zu meinem Erstaunen

den Waschgang absolut sauber und knitterfrei

überlebt.

Im schlimmsten Fall kann eine statische

Entladung zu Datenverlust oder zum Totalausfall

der Karte führen. Im Zweifel fassen

Sie die Karte erst an, nachdem Sie die Ladung

des Körpers abgeleitet, also ein geerdetes

Metallteil berührt haben. Bei vielen

aktuellen Karten tritt das Problem laut Angabe

in den Testberichten nicht mehr auf,

da die elektronischen Bauteile im Inneren

wirksam gegen statische Aufladung von

außen entkoppelt sind.

Riskanter Einsatz mobiler Datenspeicher

Zur mobilen Datensicherung und Bearbeitung

der Bildergebnisse vor Ort werden

Notebooks bzw. Netbooks oder iPads immer

beliebter. Jedoch sollten die Geräte

in der warmen Hütte oder dem beheizten

Auto gelassen werden, um die empfindliche

Elektronik nicht zu beschädigen. Auf keinen

Fall empfehle ich, das Notebook im Rucksack

oder der Fototasche mitzunehmen,

um z. B. die Speicherung und Sichtung der

Daten vor Ort vornehmen zu können. Der

Einsatz von mobilen Festplatten ist riskant

und aufgrund der Stoß- und Kälteempfindlichkeit

nur bedingt zu empfehlen. Decken

Sie sich lieber mit ausreichend Speichermedien

ein, um einem Datenengpass vorzubeugen.

Hier gilt die Empfehlung: lieber

auf mehrere kleinere Medien als auf wenige

große zurückgreifen, um das Risiko des

Daten- oder Kartenverlusts möglichst zu

minimieren. Ein Verlust oder Defekt lässt

sich bei einer CF-Karte mit 100 Bildern eher

verkraften als bei einem Modell mit Speicherplatz

für 1.000 Dateien.

Vereiste Reißverschlüsse geschmeidig

machen

Vereiste oder gefrorene Reißverschlüsse

und Stoffmaterialien können schnell reißen

oder brechen. Einige Reißverschlüsse sind

nicht hundertprozentig dicht, und Feuchtigkeit

kann ins Innere der Tasche gelangen.

Legen Sie besser große Silicagel-Päckchen

und aktivierte Wärmegelpads in die Tasche,

um Feuchtigkeit und Kälte im Innenbereich

wirksam zu minimieren. Hochwertig

verarbeitete Outdoortaschen haben im

Übrigen keine Probleme mit Feuchtigkeitsbildung

im Inneren. Viele dieser Taschen

sind sogar komplett wasserdicht. Wenn

der Reißverschluss der Kameratasche oder

des Rucksacks bei extremer Kälte klemmt

oder aufgrund von Materialerhärtung kaum

noch zu bewegen ist, reiben Sie ihn einfach

mit etwas Wachs ein.

Ein Wort zur Sensorreinigung

Jeder Anwender digitaler Spiegelreflexkameras

kennt das Hauptproblem: Staub und

Partikel befinden sich auf dem Bildsensor.

Sie kommen von außen, werden im Zuge

des Objektivwechsels eingebracht, bilden

sich aber auch innerhalb der Kamera

durch den Abrieb der beweglichen Teile wie

Verschluss, Blende oder Zoommechanik.

Dadurch entstehen Bildstörungen, die sich

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 35 mm

Belichtung 1,0 s

Blende f/4,0

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Durch Staubpartikel

bedingte Flecken auf

dem Bildsensor.

39


40

besonders in hellen und großflächigen Motivbereichen

als graue bis schwarze Fehler

zeigen, und bilden sich umso deutlicher ab,

je stärker abgeblendet wird. Nur eine zeitaufwendige

Nachbearbeitung am Computer

kann diese oft bei größeren Bildserien oder

langen Reiseproduktionen auf unzähligen

Bilddateien vorhandenen Störungen beseitigen.

Schlimmer noch: Es bildet sich mit der

Zeit ein mikroskopischer Schmutzfilm auf

dem Sensor, der die Schärfeleistung des Systems

sichtbar beinträchtigen kann.

So gelangt Staub in das Kamerainnere

Und auch auf der Hinterlinse des Wechselobjektivs

wird Staub in das Innere der DS-

LR-Kamera gebracht. Dieser sammelt sich

beispielsweise dann an, wenn das Objektiv

außerhalb der Kamera nicht sofort mit dem

Rückdeckel verschlossen wird. Feinste Staubpartikel

finden den Weg ins Innere, so auch

über die Bajonettfassung selbst. Nicht vergessen

sollte man die durch den Alterungsprozess

freigesetzten Fremdkörper, die über

kurz oder lang auf dem Sensor landen. Nicht

nur der statisch auf dem Sensor platzierte

Schmutz bringt Probleme, sondern auch die

Umwirbelung durch den Rückschwingspiegel

und die Sogwirkung beim schnellen Hin- und

Herzoomen des Objektivs machen das Thema

Staub zum Dauerbrenner.

Dauerhafte Abhilfe schafft auch die Servicewerkstatt

der Kamerahersteller nicht,

denn diese bieten meist nur die Reinigung

des Sensors und nicht die des Innenraums

an, und außerdem fehlt die Kamera dann

mehrere Tage. Zwar versprechen einige Kamerahersteller

durch hardwareseitiges Sensorcleaning

Abhilfe, zum Beispiel mithilfe

hochfrequenter Schwingungen, doch in der

Praxis funktioniert das nie hundertprozentig,

wenn Feuchtigkeit die Partikel am Sensor

haften lässt.

Staubpartikel per Software entfernen

Staubpartikel können auch automatisch per

Software entfernt werden. Im Systemmenü

der Kamera wird die Funktion zur Staubentfernung

aktiviert, mit deren Hilfe eine

Referenzaufnahme auf weißer Fläche zur

späteren Beseitigung des Staubs gemacht

werden kann. Die Kamera hinterlegt zusätzlich

eine Datei mit den Koordinaten der

Staubpartikel, sodass die herstellerseitige

Software dann die Lage der Staubpartikel

erkennen kann. Beim Öffnen eines Bilds

werden die Partikel dann automatisch retuschiert.

Leider funktioniert diese Möglichkeit

nur bei statischen Fremdkörpern.

Zuerst eine Trockenreinigung durchführen

Generell empfiehlt es sich, zuerst eine

Trockenreinigung durchzuführen. Untersuchungen

von VisibleDust kamen zu dem

Ergebnis, dass 90 % der Sensorverunreinigungen

auf Staubkörner und Fussel zurückgehen.

Die restlichen 10 % gehen auf

das Konto von Feuchtigkeitspartikeln. Ein

spezieller Reinigungsmodus der Kamera

öffnet den Verschluss und klappt den Spiegel

hoch, sodass man ohne Probleme den

Bildsensor erreichen und mit Luft den Staub

einfach wegblasen kann.

Wichtig: Einige Hersteller verlangen aus

Sicherheitsgründen den Anschluss eines

Netzteils. In jedem Fall sollten frische Batterien

bzw. voll aufgeladene Akkus eingelegt

sein.

Alle ein bis drei Monate sollte der Aufnahmesensor

gründlich gereinigt werden. Oftmals

genügt es, ihn mit einem Blasebalg – nicht jedoch

mit dem Mund oder einer Druckluftdose

– auszupusten. Stark haftender Schmutz

(oder wenn man doch aus Versehen auf den

Sensor gespuckt hat) wird durch feuchtes

Abwischen des Sensors vorzugsweise mit

Methylalkohol entfernt – aber Achtung, der


ist sehr giftig und nur in gut belüfteten Räumen

anzuwenden. Alternativ geht auch Isopropylalkohol

aus der Apotheke.

In vielen Internetforen werden zum Thema

Sensorreinigung mehr oder weniger hilfreiche

Tipps und Empfehlungen gegeben,

die mit Vorsicht zu genießen sind. Wattestäbchen

sind bestenfalls für die Pflege der

Ohren, jedoch nicht zur Reinigung der sensiblen

Sensoroberfläche geeignet.

Fototechnik unter realen

Bedingungen

Wie verhalten sich Kamera, AF-Objektiv

und das verwendete Zubehör, wenn die

garantierten Temperaturbereiche der Hersteller

unterschritten werden? Zur Beantwortung

dieser Frage kann ich auf einen

umfangreichen Erfahrungsschatz zurückgreifen,

den ich auf vielen Finnlandreisen

angesammelt habe.

Zuverlässiger Auslöser selbst

bei Eiseskälte

Nachfolgend habe ich einige nützliche Ratschläge

für Sie zusammengestellt, damit

Kamera und Fotoequipment geschützt werden

und auch bei extremen Minustemperaturen

noch zuverlässig funktionieren.

• Kondenswasserbildung verhindern:

Tragen Sie die Kamera immer außerhalb

der Jacke. Bei längerem Nichtgebrauch

verwahren Sie die Kamera in der Fototasche.

Wenn Sie das Gerät unter Ihrer

Jacke sehr nahe am Körper tragen, droht

Kondenswasserbildung im Gehäuse,

da Ihr Körper Wärme und Feuchtigkeit

an die Umgebung abgibt. Nicht nur der

Aufnahmesensor und das Objektiv beschlagen,

sondern auch der Sucher und

weitere Bauteile im Gehäuse werden

feucht, und das Gerät kann nicht mehr

eingesetzt werden. In diesem Fall müssen

Sie die Kamera samt Objektiv in einer

gut verschlossenen Kameratasche

oder alternativ in einem ZipLoc-Beutel

(Haushaltsgefrierbeutel, drei Liter Volumen)

einige Stunden bei Raumtemperatur

akklimatisieren lassen. Ein paar

hinzugefügte Beutel Silicagel beschleunigen

den Trocknungsprozess erheblich.

Auch wenn Sie aus der Kälte kommend

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Langzeitaufnahmen

bei Minustemperaturen

belasten den Akku

der Kamera erheblich.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 28 mm

Belichtung 6,0 s

Blende f/13,0

ISO 400

41


Mitte: Weichzeichnereffekt

durch Feuchtigkeitsbildung

auf einem

Linsenelement im

Objektiv.

42

verschwitzt in ein beheiztes Fahrzeug

steigen, besteht die Gefahr von Kondenswasserbildung

im Gehäuse. Die

Kamera sollte daher bereits draußen in

eine gut zu verschließende Kameratasche

oder den besagten ZipLoc-Beutel

gesteckt werden.

• Auskühlung der Akkus aufhalten:

Nehmen Sie den Akku aus der Kamera

und tragen Sie die Energiequelle in der

Hosentasche nah am Körper. So verhindern

Sie Auskühlung und Leistungsabfall.

Führen Sie immer einen voll geladenen

Ersatzakku mit und lagern Sie

ihn auf einem aktivierten Gelpad in der

Kameratasche.

• Schnee von der Kamera pusten:

Pusten oder wischen Sie losen Schnee

sofort vom Kameragehäuse, da sonst

die Tasten und Schalter vereisen können.

Auch beim Objektivwechsel ist

Vorsicht geboten. Wenn sich loser Reif

oder Schnee auf dem Kameragehäuse

befindet und ins Kamerainnere gelangt,

bildet sich schnell ein Film aus Feuchtigkeit

oder Eis.

• Live-View sparsam einsetzen:

Setzen Sie die Live-View-Funktion der

Kamera nur sparsam ein, um den Verschluss,

die Spiegelmechanik und letztendlich

auch den Akku zu schonen.

• Bildstabilisator ausschalten:

Schalten Sie den Bildstabilisator in der

Kamera oder am Objektiv bei extremer

Kälte aus, da die Bauteile unter Umständen

nicht einwandfrei funktionieren und

außerdem unnötig Strom verbrauchen.

Wenn Sie verwacklungsfrei fotografieren

wollen, setzen Sie stattdessen den

ISO-Wert etwas höher, verwenden ein

Objektiv mit kurzer Brennweite oder

greifen auf ein Stativ zurück.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 28 mm

Belichtung 6,0 s

Blende f/13,0

ISO 400

• Autofokus abschalten:

Schalten Sie die Autofokusfunktion der

Kamera nach Möglichkeit aus. Bei Objektiven

mit eingebautem AF-Motor besteht

außerdem die Gefahr der mechanischen

Überlastung, da der Fokusantrieb bei Kälte

schwergängiger laufen könnte. Amateurobjektive

mit reiner Kunststofffassung,

die direkt vom eingebauten Motor

der Kamera angetrieben werden (z. B. bei

Nikon und Pentax), sollten grundsätzlich

manuell fokussiert werden. Die Objektive

werden in der Kälte schwergängig und

überlasten den Motor aufgrund des höheren

Antriebswiderstands. Letztendlich

schont ein ausgeschaltetes AF-System

auch noch den Akku der Kamera. Tipp:

Die optischen und akustischen Fokussierhilfen

Ihrer Kamera arbeiten auch im

ausgeschalteten AF-Betrieb und können

Ihnen bei der manuellen Fokussierung

helfen.

• LC-Display im Auge behalten:

LC-Displays reagieren bei Kälte träger

und können sogar vorübergehend völlig

unleserlich werden. Bei Erwärmung

stabilisiert sich die Anzeige jedoch nach

kurzer Zeit wieder. Probleme mit zerfrorenen

Anzeigen sind mir nicht bekannt,

jedoch halte ich es aus technischer Sicht

für möglich, dass die winzigen Kristalle

bei allzu langer Kälteeinwirkung dauerhaft

beschädigt werden könnten.

• Achtung, festgefrorene Nase am Display:

Atmen Sie niemals in Richtung Kamera

aus, wenn Sie durch den Sucher schauen,

sonst kann die Nase am eiskalten

Display innerhalb kürzester Zeit festfrieren

. Ich spreche da aus Erfahrung: Meine

Nasenspitze benötigte für die Regeneration

des auf diese Weise erzeugten

„ Mitsubishi-Logo-Abdrucks“ ziemlich

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

43


Achtung! Atmen Sie nicht

in Richtung Kamera aus,

wenn Sie durch den Sucher

ein Motiv anvisieren. Im

schlimmsten Fall friert die

Nase innerhalb kürzester Zeit

am eiskalten Display fest.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 85 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/13,0

ISO 400

44

genau zwei Monate. Dazu gesellte sich

noch der nie enden wollende Spott meiner

Kollegen, Freunde und Schüler.

• Vom Kalten ins Warme:

Akklimatisieren Sie alle Geräte über

mehrere Stunden in einer gut verschlossenen

Kameratasche oder einem

ZipLoc-Beutel, bevor Sie sie in der

warmen Hütte aus der Tasche nehmen.

Bringen Sie die Kamera nie direkt von

der Kälte in die Wärme. Die Folge ist

Streifen- und Schlierenbildung auf dem

Aufnahmesensor aufgrund von eindringender

Feuchtigkeit. Überprüfen Sie zur

Sicherheit die Oberfläche des Sensors

mit einer Sensorlupe auf Schlieren und

führen Sie gegebenenfalls eine Reinigung

durch. Die Speicherkarte und den

Akku können Sie bereits vorher aus der

Kamera nehmen, da sie den raschen

Temperaturwechsel auch ohne Akklimatisierungsprozess

meiner Erfahrung

nach problemlos überstehen.

ORANGEFARBENES UND

BLAUES SILICAGEL

Legen Sie immer einige Päckchen

Silicagel in die Kameratasche. Sobald

das Kieselgel durch die Aufnahme von

Luftfeuchtigkeit gesättigt (farblos)

ist, sollten Sie es sofort aus der Kameratasche

nehmen, da die Substanz

bei hohen Temperaturen die gesammelte

Feuchtigkeit wieder an die

Umgebung abgibt. Im Backofen kann

das Silicagel bei mittleren Temperaturen

(120 bis 150 °C) aufgetrocknet

und dann wieder verwendet werden.

Trockenes Silicagel ist übrigens

orange gefärbt. Falls Sie noch das

blaue Silicagel verwenden, sollten Sie

es umgehend entsorgen, da hier die

krebserregende Substanz Cobalt-II-

Chlorid enthalten ist.

Bildrauschen? – Einfach cool bleiben!

Bei elektronischen Bildsensoren wie CCD-

und CMOS-Sensoren ist das Bildrauschen

zu einem großen Teil ein sogenanntes

Dunkelrauschen; es tritt also auf, ohne

dass Licht auf den Sensor fällt. Grund für

dieses Rauschen ist einerseits der Dunkelstrom

der einzelnen lichtempfindlichen

Elemente (Pixel), andererseits ist es auch

das Rauschen des Ausleseverstärkers. Das

Rauschen bei einem Bildsensor macht sich

vor allem bei höheren ISO-Lichtempfindlichkeiten

bemerkbar. Bildrauschen wird jedoch

auch durch die Pixelgröße sowie den

Pixelabstand des Bildsensors beeinflusst. Je

geringer der Abstand zwischen den einzelnen

Pixeln eines Bildsensors und je kleiner

die Pixelgröße ist, desto weniger Photonen


(Licht) können die einzelnen Pixel aufnehmen,

und das bedeutet im Umkehrschluss

mehr Rauschen bzw. mehr Störsignale

beim Bildsensor. Gut sichtbar wird das Bildrauschen

in gleichförmigen, besonders in

dunklen oder blauen Bildbereichen. Unterbelichtete,

nachträglich am Computer aufgehellte

Aufnahmen rauschen in der Regel

stärker als korrekt belichtete Bilder.

Außerdem verstärkt sich das Rauschen

mit steigender Sensortemperatur, deshalb

können Kameras, die den Bildsensor auch

zur Darstellung des Sucherbilds nutzen

(Live-Vorschau), unter Umständen stärkeres

Rauschen verursachen. Ebenso erhöht

sich das Rauschen mit steigender Belichtungszeit,

insbesondere bei Nachtaufnahmen.

Die meisten Digitalkameras können

z. B. bei Langzeitbelichtungen durch eine

unmittelbar an die eigentliche Aufnahme

anschließende Dunkelbelichtung ein Referenzbild

erzeugen, um das Rauschen zu reduzieren.

Natürlich lässt sich das Rauschen

auch nachträglich in der Bildbearbeitung

am Computer entfernen. Oder Sie kühlen

den Sensor. Aufgrund der extremen Kälte

in Finnland hatte ich mit dem Problem des

Bildrauschens erst bei sehr hohen ISO-

Werten und sehr wenig Licht zu kämpfen.

Manchmal hat die Kälte hat also doch etwas

Positives.

Abstecher in die Belichtungsmessung

Vorweg ein kleiner Exkurs zum Auffrischen

des vorhandenen fotografischen Basiswissens

zum Thema Belichtungsmessung . Die

Belichtungsmesszellen der DSLR-Kamera

befinden sich bei allen aktuellen Modellen

oben in der Nähe des Sucherokulars. Hier

wird die Intensität der durch das Objektiv

einfallenden Lichtmenge (TTL = Through

The Lens) erfasst und gemessen. Im Sucher

oder Display der Kamera signalisiert uns

eine Belichtungswaage via LCD-Anzeige, ob

die gewählte Zeit-Blende-Kombination zu

einer korrekten Belichtung führen wird.

Wichtig zu wissen: die mittlere Dichte

Sämtliche Belichtungsmesssysteme sind

auf einen Normwert geeicht, die alles bestimmende

„mittlere Dichte“. In der Praxis

kommen Reflexionsgrade von 2 % bis

90 % vor. Durchschnittlich reflektieren

die meisten Motive jedoch nur etwa 18 %

des auftreffenden Lichts. Nahezu alle Belichtungsmesser

sind so geeicht, dass sie

Einstellwerte liefern, die für eine Szene

mit durchschnittlicher Helligkeitsverteilung

gelten. Aus der Helligkeitsverteilung

im Motiv wird immer ein integraler Wert

ermittelt. Ist jedoch ein Motiv nicht durchschnittlich

(z. B. ein weißer Elch im Schnee),

müssen die Werte korrigiert werden, weil

es sonst zu Fehlmessungen kommt und das

entstehende Foto nicht der Lichtsituation

der Szene entspricht.

Im Fall des weißen Elchs im Schnee würde

die Aufnahme unterbelichtet, da der Belichtungsmesser

die Belichtung auf einen Wert

für eine Szene mittlerer Helligkeit reduziert.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 35 mm

Belichtung 1,6 s

Blende f/4,5

ISO 200

Starkes Bildrauschen – in dieser Ausschnittvergrößerung unzweifelhaft

zu erkennen.

45


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 35 mm

Belichtung 1,6 s

Blende f/4,5

ISO 200

Dieses Motiv wurde mit der mittenbetonten Integralmessung aufgenommen.

Dieses Motiv wurde mit der Spotmessung aufgenommen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 0,5 s

Blende f/5,6

ISO 400

46

Hinzu kommt der daraus resultierende große

Kontrastumfang einzelner Motivbereiche,

die zu ausgefressenen Lichtern oder

zugelaufenen Schatten führen können. Die

meisten DSLR- und Systemkameras arbeiten

mit den folgenden Messmethoden:

• mittenbetonte Integralmessung

• Spotmessung

• Mehrfeld-, Matrix- oder Segmentmessung

Schwerpunkt der Messung in Suchermitte

Bei der mittenbetonten Integralmessung

liegt der Schwerpunkt der Gewichtung innerhalb

eines definierten Bereichs in der Suchermitte.

Sie verteilt sich bei vielen Kameras

von 60 % in der Bildmitte bis auf 40 %

am Bildrand, da Erfahrungen aus der Praxis

gezeigt haben, dass sich viele Motive überwiegend

in der Bildmitte befinden.


Auch aus großer Entfernung exakt

anmessen

Mit der Spotmessung können selbst kleinste

Motivelemente aus größerer Entfernung

exakt angemessen werden, so z. B. in der

Makro- und Tierfotografie. Die Spotmessung

setzt also nicht nur eine Auseinandersetzung

mit dem Aufnahmematerial

voraus, sondern auch die Auseinandersetzung

mit Blenden- und Zeitwerten und erfordert

großes fotografisches Können und

viel Erfahrung. Die Selektivmessung bei

einigen Canon-Kameras berücksichtigt im

Vergleich zur Spotmessung einen deutlich

größeren mittleren Motivbereich.

Exakte Motivanalyse per Mehrfeldmessung

Bei Einsatz der Mehrfeldmessung (auch als

Matrix- oder Segmentmessung bezeichnet)

wird das gesamte Bildfeld in einzelne Messfelder

unterschiedlicher Größe aufgeteilt, um

aufgrund der Helligkeitsverteilung im Mo-

tiv und dem daraus errechneten Kontrastumfang

eine möglichst exakte Motivanalyse

durchführen zu können. Die ermittelten

Werte werden gesammelt, ausgewertet und

mit den gespeicherten Motivmustern (der

Matrix) verglichen, die wiederum mit einer

bestimmten Belichtungsvariante verknüpft

sind. Die Festlegung dieser Motivmuster ist

das Ergebnis einer enormen Fleißarbeit, bei

der Zehntausende von Aufnahmen aus der

Praxis erstellt und ausgewertet wurden.

Aufgrund der fortschreitenden Perfektionierung

dieser Messmethode erreicht die

Trefferquote selbst bei extremen Motiven

beinahe 100 % – die Standardmessmethode

für Aufnahmen im Schnee.

Achten Sie bitte nach jeder Aufnahme auf

das Histogramm im Kameradisplay und aktivieren

Sie zusätzlich im Wiedergabemenü

der Kamera die Funktion für die Spitzlichterwarnung.

Sind die Lichter auf der rechten

Seite des Histogramms ausgefressen,

haben bestimmte Bereiche im Bild den

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 18 mm

Belichtung 1/2000 s

Blende f/5,0

ISO 300

Am besten experimentieren

Sie mit der Belichtungsmessung

Ihrer

Kamera. Nach meiner

Erfahrung führt eine

Grundkorrektur von

–2/3 EV bei den meisten

Kameramodellen

mit Mehrfeldmessung

bei Aufnahmen im

Schnee mit Sonnenlicht

zu sehr guten

Ergebnissen. Hier das

gelungene Beispiel

einer Mehrfeldmessung

ohne Korrektur.

47


Erste Regel für gelungene

Aufnahmen:

Ran ans Motiv!

48

Tonwert 255 und somit keine Detailzeichnung

mehr. Belichten Sie die Aufnahme

daher etwas knapper, z. B. mit einer Belichtungskorrektur

von –2/3 EV (EV, engl.

Exposure Value/Lichtwert), um das Histogramm

ein Stück nach links in Richtung der

dunkleren Bereiche zu verschieben. Oder

aktivieren Sie die Dynamikerweiterung Ihrer

Kamera, falls optional vorhanden, um den

Tonwertumfang zu erhöhen. Der sicherste

Weg ist das gleichzeitige Abspeichern von

RAW- und JPEG-Dateien, um später über

den RAW-Konverter im 14-Bit-Modus umfangreiche

Tonwert- und Farbkorrekturen

vornehmen zu können.

Motive suchen, finden und

komponieren

Viele Menschen haben aufgrund der Digitalisierung

und Automatisierung einen problemlosen

Zugang zur Fotografie bekommen

und erhalten auf Knopfdruck technisch

einwandfreie, also scharfe und exakt belichtete

Ergebnisse. Obwohl diese Tatsache

eigentlich von Vorteil sein müsste, schaute

ich auf meinen Fotoreisen nach Finnland oft

in enttäuschte Gesichter mit fragenden Blicken.

Die Erkenntnis, dass auch mit der besten

Kamera, dem schärfsten und teuersten

Profiobjektiv und selbst dem anschließenden

„Shoppen“ (Bearbeiten mit Adobe Photoshop)

am Rechner das Bildergebnis noch

immer wie Durchschnittsbrei aussieht, ist

schnell und einfach zu begründen: Es fehlt

sprichwörtlich das fotografische Salz in der

Bildsuppe.

Ran ans Motiv!

Genau genommen sind es mehrere fotografische

Zutaten, die – fein aufeinander

abgestimmt – in der Summe die Suppe bzw.

das Bildresultat zu einem visuellen Gaumenschmaus

werden lassen. Grund genug

also, uns näher mit dem Thema Bildgestaltung

im Winter zu befassen. Wenn Sie sich

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 340 mm

Belichtung 1/320 s

Blende f/6,3

ISO 200


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 78 mm

Belichtung 1/3500 s

Blende f/5,3

ISO 400

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 200 mm

Belichtung 1/3200 s

Blende f/6,3

ISO 400

Kleinste Motive wirken aus der richtigen Perspektive und im harten Seitenlicht fotografiert wie kleine

Kunstwerke. Oder sind es doch kleine Gestalten?

im Winter in der schneeweißen Landschaft

auf Motivsuche begeben, müssen Sie schon

ein Faible für Schnee und Eis mitbringen.

Aber noch wichtiger: Sie sollten in der Lage

sein, das interessante Motiv, und sei es auf

den ersten Blick auch noch so klein und bedeutungslos,

in der Fülle der Schneemotive

zu entdecken. Und das ist nicht so einfach.

Unsere Augen werden fortlaufend geblen-

det und überreizt, und wir sind aufgrund der

Fülle an Licht und Schatten schnell überfordert.

Hier hilft nur: Pause machen, Thermosflasche

öffnen und Tee trinken.

Oftmals ragen viele Motive in Finnland nur

wenige Zentimeter hoch aus der monochromen

Schneelandschaft und entfalten erst

beim genauen Blick in den Sucher, zum Beispiel

auf dem Boden liegend, ihre filigrane

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 135 mm

Belichtung 1/1800 s

Blende f/5,6

ISO 400

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 175 mm

Belichtung 1/2500 s

Blende f/6,0

ISO 400

49


ACHTUNG!

EIN FALSCHER SCHRITT ...

Ein unbedachter Schritt in die falsche Richtung kann Ihnen die

Suppe kräftig versalzen! Sollten aus Versehen, oder weil es sich

nicht verhindern ließ, Schritte oder Spuren im unmittelbaren

Motivbereich zu sehen sein, drücken Sie dennoch auf den Auslöser.

In vielen Fällen können diese störenden Elemente im Bild

in der nachträglichen Bildbearbeitung „weggeshoppt“ werden.

Und denken Sie daran – nicht die Anzahl der geschossenen Bilder

pro Stunde und Tag bringt den gewünschten fotografischen

und persönlichen Erfolg, sondern die Qualität und bewusste

Auswahl des Motivs

50

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 95 mm

Belichtung 1/2500 s

Blende f/5,6

ISO 400

Links: Hier wurde das Hauptmotiv in die rechte

obere Ecke des Bilds gesetzt. Das Hochformat

und das harte Gegenlicht mit dem langen Schattenwurf

unterstützen die Dramaturgie dieser

Aufnahme zusätzlich.

Schönheit. Leider kann es jedoch vorkommen,

dass ein unvorsichtiger Mensch in der

Gruppe vor Ihnen das soeben entdeckte Motiv

unter dem Gewicht seines Schneestiefels

einfach in der weißen Pracht verschwinden

lässt. Aus diesem Grund habe ich stets versucht,

die Fotogruppe möglichst großflächig

zu verteilen, um derartige Zerstörungen zu

verhindern. Oder Sie müssen den anderen

einfach zehn Schritte voraus sein.

Nehmen Sie sich viel, viel Zeit!

Kommen wir zum ersten, zum wichtigsten

Grundsatz in der Landschaftsfotografie :

Nehmen Sie sich viel, viel Zeit! Bewegen Sie

sich Schritt für Schritt ganz langsam vorwärts

und geben Sie Ihren Augen die Chance,

den zu erkundenden Bereich um Sie

herum in Ruhe zu erfassen. Umkreisen Sie

dann das auserwählte Motiv vorsichtig und

probieren Sie unterschiedliche Perspektiven

aus. Wechseln Sie die Brennweite, um

die Wirkung des Bildwinkels zu erfahren.

Unterschiedliche Tageszeiten und

Perspektiven

Wenn sich ein fotografisch interessantes

Motiv in der Nähe befindet, empfehle ich Ihnen,

jede Gelegenheit wahrzunehmen, um

es zu unterschiedlichen Tageszeiten aufzusuchen

und aus verschiedenen Perspektiven

zu fotografieren.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 20 mm

Belichtung 1/18 s

Blende f/5,6

ISO 800

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/10 s

Blende f/5,6

ISO 800

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 20 mm

Belichtung 1/10 s

Blende f/5,6

ISO 800

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/13 s

Blende f/5,6

ISO 800

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 1/13 s

Blende f/5,6

ISO 800

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 20 mm

Belichtung 1/13 s

Blende f/5,6

ISO 1600

Ein Motiv zu unterschiedlichen Tageszeiten und aus sechs verschiedenen Perspektiven abgelichtet.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

51


52

Setzen Sie knackige Akzente

Schnee bietet viel Gestaltungsraum für interessante

Licht- und Schattenspiele. Lassen

Sie alles Unnötige um das Motiv herum weg

und setzen Sie knackige Akzente .

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 95 mm

Belichtung 1/750 s

Blende f/6,3

ISO 200

Formen aus Licht und Schatten, reduziert auf das

Wesentliche.

Hochformat, Querformat – oder beides?

Über 80 % der Fotoamateure entscheiden

sich für das Querformat . Oftmals ist es

pure Bequemlichkeit oder einfach nur Gewohnheit.

Dabei lohnt es sich fast immer,

zusätzlich ein Bild vom gleichen Standpunkt

aus im Hochformat zu machen. Unwichtiges

wird weggelassen, Wesentliches hervorgehoben,

und das Bild bekommt mehr Tiefe.

Rechts oben: Fotografieren Sie Ihr Motiv auch mal

hochformatig – auch wenn es unbequem ist. Auf

dem unteren Bildbeispiel bekommt der Schatten des

Objekts im Hochformatausschnitt deutlich mehr

Betonung und Spannung, lenkt aber auch sehr vom

eigentlichen Motiv ab. Im direkten Vergleich bringt

das Querformat mehr Ruhe und Ordnung ins Bild.

Rechts unten: Der Formatwechsel ändert die

Bildaussage dieses Motivs erheblich.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 18 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/6,3

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 40 mm

Belichtung 1/6400 s

Blende f/5,0

ISO 400


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 18 mm

Belichtung 1/400 s

Blende f/6,3

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 78 mm

Belichtung 1/3500 s

Blende f/5,3

ISO 400

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

53


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 3,0 s

Blende f/8,0

ISO 400

Fakt ist: 50 mm Auszug zwischen Kamerabajonett und Objektiv bedeuten für

ein 50-mm-Objektiv auch 50 mm Abstand (Fluchtdistanz) zum Objekt. Der

Einsatz eines 100-mm-Objektivs sorgt bei gleicher Auszugsverlängerung für

die doppelte Distanz und eignet sich daher besser für die Fotografie von kleinen

Objekten im Schnee.

Bei diesen Aufnahmen wurde zuvor eine Feder ins Wasser gelegt: gefrieren lassen,

und fertig ist ein interessantes Makromotiv. Rückseitig wurde es zusätzlich

mit der Taschenlampe beleuchtet und vom Stativ aus fotografiert.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 0,8 s

Blende f/8,0

ISO 400

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 0,5 s

Blende f/8,0

ISO 400

Kleine Dinge im diffusen Licht

Strukturen und kleine Details lassen sich am

besten am frühen Morgen und am Abend

kurz vor Sonnenuntergang zur blauen Stunde

fotografieren. Diese Erfahrung haben Sie

wahrscheinlich schon irgendwann einmal am

Strand beim Fotografieren von Muscheln,

Spuren oder Steinen im Sand gemacht. Lange

Schatten und das harte Seitenlicht der Sonne

modellieren das zu fotografierende Objekt

ideal heraus und sorgen für ausreichend Tiefe

im Bild. In der Mittagssonne lohnt es sich

hingegen kaum, die Kamera aus der Tasche

zu nehmen, da eben genau die vorgenannten

Merkmale fehlen. Da heißt es nur warten.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 116 mm

Belichtung 1/2000 s

Blende f/5,6

ISO 400

Im diffusen Licht wirken selbst interessante

Motive langweilig.

Ganz dicht dran: Makro im Schnee

Wagen wir zunächst einen kleinen Ausflug

in die Lehre der Optik. Je kürzer die verwendete

Brennweite, umso größer wird bei einer

bestehenden Auszugsverlängerung der Ab-


ildungsmaßstab . Ein 24-mm-Objektiv erreicht

in Verbindung mit einem Auszug von

50 mm (z. B. mit Zwischenring) einen Maßstab

von über 2:1. Am Balgengerät eingesetzt,

erzielt diese Brennweite einen Vergrößerungsmaßstab

von 6:1, wenn der Auszug

150 mm beträgt. Jedoch nimmt die Distanz

zwischen Frontlinse und Motiv so stark ab,

dass sie nur noch wenige Millimeter beträgt.

Zu wenig also, um z. B. Aufnahmen von kleinen

Objekten zu machen.

Fotografieren mit gewollter Unschärfe

Mit dem Begriff Schärfentiefe (besser Schärfebereich)

wird der Raum der zulässigen,

also tolerierten, Unschärfe vor und hinter der

Einstellebene bezeichnet. Die Ausdehnung

wird unter anderem von der Blendenöffnung

und dem Abbildungsmaßstab beeinflusst.

Im Nahbereich nimmt die Schärfentiefe drastisch

ab und verteilt sich je zur Hälfte auf die

Bereiche vor und hinter der Einstellebene.

Wird die Blende um zwei Werte geschlossen

(abgeblendet), verdoppelt sich dieser Bereich

und führt zu einem Schärfentiefezuwachs. So

viel zu den Vorteilen des Abblendens.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 1/4 s

Blende f/2,8

ISO 400

Die Ausdehnung des Unschärfebereichs wird

unter anderem von der Blendenöffnung und dem

Abbildungsmaßstab beeinflusst.

Leider wird mit dem Zugewinn an Schärfentiefe

nicht nur ein Lichtverlust erkauft,

sondern auch ein nicht unbedeutender Abbildungsfehler:

die Beugung. Die Ursache ist

in dem direkten Zusammenhang mit einer zu

kleinen Blendenöffnung zu sehen, an deren

scharfen Kanten das einfallende Licht stärker

gestreut wird und dadurch das eigentliche

Bild überlagert. Das Resultat zeigt sich in einer

Herabsetzung der Allgemeinschärfe, und

die Aufnahme verliert merklich an Brillanz.

Weite Winkel extrem

Sie zählen zu meinen fotografischen Lieblingen,

wenn ich in Sachen Landschaftsfotografie

unterwegs bin: Superweitwinkelobjektive .

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Auch der Blick nach

oben, auf dem Rücken

liegend, kann sich

lohnen. Eine ungewöhnliche

Perspektive

für den Betrachter:

Bäume von unten nach

oben fotografiert.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 11 mm

Belichtung 1/290 s

Blende f/5,6

ISO 400

55


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10,5 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/6,3

ISO 400

Ein tiefer Standpunkt bringt bei extremen Weitwinkelaufnahmen noch mehr Dynamik ins Bild.

56

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 15 mm

Belichtung 1/6000 s

Blende f/4,5

ISO 200


Ein großer Bildwinkel, verbunden mit einem

großen Schärfebereich bei offener Blende

und einer sehr kurzen Naheinstellgrenze,

bringen Dynamik und Weite ins Bild.

Wichtig: Setzen Sie unbedingt ein Motiv in

den Vordergrund, sonst wirkt die Aufnahme

verloren, und das Bild verliert an Räumlichkeit.

Auch trübe Tage haben was

Trüber Tag mit Bewölkung , Nebel oder diffusen

Lichtverhältnissen ? Lieber die Kamera

in der Hütte oder in der Kameratasche

lassen? Mitnichten! Auch bei diesem unpopulären

Licht lassen sich von gewöhnlichen

Motiven sehr außergewöhnliche Aufnahmen

machen. Spielen Sie doch mal mit den

Parametern Ihrer Kamera – und so gehen

Sie vor:

1. Aktivieren Sie zunächst den Schwarz-

Weiß-Modus im Aufnahmemenü Ihrer

Kamera und regeln Sie dann die infrage

kommenden Bildparameter Schärfe,

Kontrast und ISO-Wert auf das Maximum

hoch.

2. Dann korrigieren Sie zusätzlich die Belichtung

je nach Motivhelligkeit auf +2 EV

nach oben, oder Sie stellen Blende und

Verschlusszeit einfach manuell (M) ein.

3. Eine offene Blende von z. B. f/2,8 oder

f/4,0 mit Schärfepunkt auf den Vordergrund

unterstreicht diesen Effekt zusätzlich.

Sie erhalten nach dem Auslösen sehr dynamische

Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit harten

Kontrasten und ausgefressenen Lichtern

im High-Key-Look. Und das ohne nachträgliche,

zeitfressende Bildmanipulation am

Rechner. Wenn man das erste Bild im Kasten

hat, will man sofort mehr.

Doch bedenken Sie bitte, dass die so entstandenen

JPEG-Dateien aufnahmetechnisch

kaputt sind und die ausgefressenen

Lichter und das Bildrauschen später in der

Bildbearbeitung nicht mehr rückgängig gemacht

werden können. Im Zweifel sollten

Sie nach dem Experimentieren lieber eine

zweite Aufnahme im RAW-Format erstellen

oder einfach parallel in RAW und JPEG

speichern, um später sämtliche Optionen

der Bildbearbeitung nutzen zu können.

Experimentieren Sie doch mal live mit den Parametern Ihrer Kamera.

Hoher Suchtfaktor!

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 95 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/5,6

ISO 400

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

57


58

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 95 mm

Belichtung 1/55 s

Blende f/9,0

ISO 100

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/4000 s

Blende f/5,6

ISO 400

Tipp: Speichern Sie diese Einstellungen, falls

möglich, als benutzerdefinierten Filmstil

im Menü der Kamera ab, um jederzeit auf

Knopfdruck darauf zugreifen zu können.

Probieren Sie es einfach einmal aus. Wir

hatten in den Fotogruppen viel Spaß und

wurden mit außergewöhnlichen Aufnahmen

belohnt.

Natürlich habe ich diesen extremen Monochromeffekt

auch gern bei typisch schönem

Postkartenwetter mit Sonne und blauem

Himmel eingesetzt, um mich vom fotografischen

Einheitsbrei typischer Urlaubsbilder

abzusetzen. Was tut man nicht alles!

Eisige Glücksmomente

Dass die Lichtstimmung, die Tageszeit und

der richtige Ort in der Fotografie eine sehr

wichtige Rolle spielen, können Sie an den

nachfolgenden Bildbeispielen mit den Untertiteln

„Endzeit“ und „Körperwelten“ praktisch

nachvollziehen. Hier nun die Entstehungsgeschichte

dieser Bilder: Ich befand mich

zu später Stunde oben auf dem Berg Rukatunturi

, kurz Ruka genannt, einem großen

finnischen Wintersportgebiet, bei dem die

Abfahrtsbereiche und die Skilifte bis spät in

den Abend hinein künstlich beleuchtet sind.

Ursprünglich wollte ich Nordlichter fotografieren.

Aufgrund der Bewölkung und des Eisnebels

auf dem Ruka wollte ich schon nach

kurzer Zeit meine Ausrüstung wieder einpacken

und zur Hütte fahren. Mehr aus Frust

denn aus Lust beschloss ich, die restlichen

Meter bis zur Spitze des Bergs hinaufzusteigen,

um von dort oben einen Blick auf die

Landschaft zu wagen. Oben angekommen,

blieb mir vor Erstaunen fast die Luft weg.


Skurrile Schneegestalten in orangefarbenem

Licht, wohin ich auch schaute. Der

Schnee war unberührt, aber dafür vereist

und sehr hart. Wie immer ohne Schneeschuhe

ausgestattet und schon reichlich

durchgefroren, zog ich meinen Akku aus

der Hosentasche und zitterte bei den Aufnahmen

mehr vor Aufregung als vor Kälte.

Belichtet wurden die Aufnahmen manuell,

also von Hand. Der Weißabgleich war auf

Automatik eingestellt, und die Schärfe habe

ich mit dem Weitwinkelobjektiv manuell fokussiert,

um den Akku und den AF-Motor

zu schonen. Ich fotografierte bis zum letzten

Aufbäumen des Akkus und merkte erst

beim Abstieg, wie sehr ich an meine physische

Grenze gelangt war.

Als ich meine Bilder in den Jahren danach in

Reisevorträgen dem Publikum präsentierte,

wurde ich leider auch mit den Nachteilen

der digitalen Fotografie konfrontiert: Ich

musste mir manchmal die Frage bzw. den

Vorwurf gefallen lassen, die Bilder seien

mithilfe der Bildbearbeitung hinsichtlich

fehlender Spuren im Schnee und der ungewöhnlichen

orangebraunen Farbstimmung

manipuliert worden. Dabei handelt es sich

um reine JPEG-Dateien, die lediglich in den

Tonwerten – also ganz legal – optimiert

worden sind. Das wäre mir zu analogen Zeiten

nicht passiert: Da hatten die Betrachter

einfach nur die Dias auf sich wirken lassen,

ganz egal, wie und womit sie entstanden

sind. So ändern sich die Zeiten.

Körperwelten und Endzeitstimmung.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 5,0 s

Blende f/5,6

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 8,0 s

Blende f/8,0

ISO 200

59


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 2,5 s

Blende f/5,6

ISO 200

Außergewöhnliche

Lichtstimmungen auf

dem Ruka, hervorgerufen

durch die Reflexion

der Pistenbeleuchtung

gegen den wolkenverhangenen

Himmel.

Aufgenommen mit

der guten alten Konica

Minolta Dynax 7D mit

Langzeitbelichtung.

60

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 2,5 s

Blende f/8,0

ISO 200


Finnlands unfassbar blaue Stunde

Kurz nachdem in Finnland die Sonne untergegangen

ist, werden Sie unfassbar schöne

Motive zu sehen bekommen. Der Himmel

färbt sich in den schönsten Pastelltönen,

und man möchte seinen Augen nicht trauen,

wenn die berühmte blaue Stunde anbricht.

Meine Erfahrung ist leider, dass die

wenigsten Menschen einem beim Präsentieren

der digitalen Bildergebnisse glauben,

dass die Farben wirklich real existiert haben.

Schnell wird dem Fotografen gegenüber

der Vorwurf der Bildmanipulation geäußert.

Der Genießer schweigt.

Künstliche Lichtquellen in der Polarnacht

Wenn kein Nordlicht am finnischen Nachthimmel

auszumachen ist, sollte man sinnvollerweise

nach künstlichen Lichtquellen

Ausschau zu halten. Verlassen Sie sich auf

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 12 mm

Belichtung 1/80 s

Blende f/2,8

ISO 100

Zeitautomatik mit Blendenvorwahl, Stativ und

lange Verschlusszeiten. Es lohnt sich in jedem

Fall, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu fotografieren.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 20 mm

Belichtung 1/90 s

Blende f/5,0

ISO 400

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 35 mm

Belichtung 1,6 s

Blende f/4,5

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 100 mm

Belichtung 6,0 s

Blende f/4,5

ISO 200

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

61


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 15 mm

Belichtung 6,0 s

Blende f/6,3

ISO 400

Nachtaufnahme mit Mehrfeldmessung und einer künstlichen Lichtquelle

direkt im rechten Hintergrund.

62

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/6,7

ISO 200

Nachtaufnahme mit Mehrfeldmessung und

einer künstlichen Lichtquelle außerhalb des

linken Hintergrundbereichs.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 30,0 s

Blende f/4,0

ISO 100

Das etwas ungewöhnliche Iglu bei Tag im diffusen Licht oder in der Nacht bei Vollmond

aufgenommen. Welche Aufnahme gefällt Ihnen besser?

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 17 mm

Belichtung 20,0 s

Blende f/4,0

ISO 200

Eine finnische Hütte im Wald, bei Mondschein fotografiert.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

63


64

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 40 mm

Belichtung 1,5 s

Blende f/6,3

ISO 400

die Mehrfeldmessung Ihrer Kamera und

fotografieren Sie mit der Zeitautomatik bei

Blendenvorwahl vom Stativ aus mit mittleren

ISO-Empfindlichkeiten. Sollten die Bildergebnisse

in der Belichtung zu hell oder zu

dunkel werden, können Sie mittels der Belichtungskorrekturtaste

schnell und gezielt

eingreifen.

Schneewesen, Eismonster und Trolle

Finnland ist bekannt für die auf den Bergen

und an den Hängen befindlichen, eisgepanzerten

Fichten, die, von der richtigen

Seite und Perspektive aus betrachtet,

wie Schneewesen , Eismonster oder Trolle

ausschauen können und die Fantasie des

Fotografen immer wieder aufs Neue herausfordern.

Aus der Ferne betrachtet, sehen

die kleinen Eisbäumchen oftmals unscheinbar

aus, und man ist schnell geneigt,

sich wieder abzuwenden. Bitte tun Sie das

auf keinen Fall. Auch wenn der Weg zum

mutmaßlichen Motiv schwer und unsinnig

erscheint, sollten Sie sich keine Chance entgehen

lassen. Der in der Abbildung gezeigte

„Löwe“, der voller Stolz auf sein „Revier“

herabschaut – sehen Sie, wie er sich in die

Brust wirft und tief einatmet?

Das Motiv entpuppte sich erst nach mehrmaligem

Umrunden mit dem Auge und

dem Ausprobieren unterschiedlicher Perspektiven

in seiner vollen Schönheit. Vom

Weg aus war diese schöne Schneefigur

überhaupt nicht erkennbar! Die Aufnahme

erfolgte analog auf Diafilm mit dem Licht

der einsetzenden Dämmerung. Sie können

sich sicherlich vorstellen, wie glücklich ich

war, als ich das perfekt belichtete Dia nach

Wochen endlich in den Händen hielt.

Oben: Der Löwe blickt erhaben auf sein Revier.

Analog aufgenommen auf Diafilm mit der Nikon

F-801.

Unten: Die Monstermutter mit Kind.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 105 mm

Belichtung 1/1000 s

Blende f/3,2

ISO 200

Oben: Gockel am Berg? Unten: Der einsame Reiter.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 200 mm

Belichtung 1/160 s

Blende f/6,3

ISO 640

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

65


Mitte: Leider lassen

sich Spuren im Schnee

beim Bau einer Eisskulptur

nicht immer

ganz vermeiden. Mit

etwas Glück sorgt

Neuschnee für die

Beseitigung der störenden

Elemente, oder Sie

versuchen, Schnee mit

der Schaufel aus der

Luft zu streuen.

Mithilfe einer Motorsäge

zugeschnittene

und mit Taschenlampen

und Fackeln

illuminierte Eisblöcke.

Wenn die Eiselemente

an den Außenseiten

mit Wasser besprüht

werden, erscheinen sie

fast durchsichtig.

66

Eisskulpturen mit der Motorsäge

Eis- und Schneemotive findet der Fotograf

in Finnland in der Regel in großer Fülle, sofern

er sie ausfindig macht. Oftmals sind

eigene Eisobjekte jedoch fotografisch viel

interessanter und bieten mehr kreativen

Spielraum. Gesägt mithilfe einer großen

Motorsäge oder gegossen in vorgefertigte

Eisformen, werden die Eisobjekte auf einem

zugefrorenen See, im Wald oder auf einer

Lichtung aufgestellt. Mit Kerzen, Fackeln

oder Taschenlampen bei Dämmerung oder

Dunkelheit zusätzlich illuminiert, lassen sich

eindrucksvolle Aufnahmen machen. Die

Ergebnisse verschiedener Eisinstallationen,

aufgenommen mit analogen und digitalen

Spiegelreflexkameras, sehen Sie auf den

nachfolgenden Bildern.

Eisskulpturen selbst bauen

Unsere Versuche, Eisblöcke selbst zu gießen,

schlugen aufgrund der schlechten

Qualität des Eises nach mehreren Versuchen

fehl. Außerdem dauerte der Prozess

des Gefrierens einfach zu lange, da der isolierende

Schnee in der selbst gebauten Eisform

den Frost abhielt. Plastikwannen, mit

Wasser gefüllt, eigneten sich leider auch

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 105 mm

Belichtung 10,0 s

Blende f/8,0

ISO 200


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 18 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/6,3

ISO 640

nicht. Also sägten wir die Blöcke für das geplante

„Stonehenge-Monument“ direkt aus

dem einen Meter dicken Eis des Kuusamo-

Sees. Mehrere Ketten rissen, und aufgrund

von Vereisungen am Gehäuse blockierte

eine Motorsäge. Mit einem Trecker zogen

wir die Blöcke dann vom Eis an Land. Aufgrund

des hohen spezifischen Gewichts

von Eis und des schwierigen Handlings

hatten wir die Blöcke nicht zu groß dimensioniert.

Mit einer Kantenlänge von ca. 20 x

50 x 80 cm ließen sich die Eisblöcke noch

gut von zwei Personen tragen und ausrichten.

Dann nahmen wir einen Eimer Wasser

und eine Schöpfkelle aus der Sauna, um die

einzelnen Blöcke miteinander mit Wasserspritzern

zu verkleben. Ruck, zuck hatte die

Eisskulptur Stabilität und Halt.

Ich empfehle Ihnen, sich zu jeder Tageszeit

mit dem Objekt fotografisch auseinanderzusetzen

und verschiedene Lichtstimmungen

zu nutzen. Taschenlampen, entweder

einfach in den Schnee gelegt oder am Stativ

mit Klebeband fixiert, oder große Fackellichter

sorgen bei Dämmerung oder Dunkelheit

für eine fast mystische Stimmung

und reizen zum Experimentieren mit Licht

und Schatten. Benutzen Sie in jedem Fall ein

Stativ sowie den Selbstauslöser oder elektrischen

Fernauslöser, um Verwacklungen

zu vermeiden.

Wichtig: Bei Verwendung eines Stativs muss

der Bildstabilisator an der Kamera bzw. am

Objektiv unbedingt ausgeschaltet sein, um

Eigenvibrationen des Systems zu vermeiden.

Empfohlene Kameraeinstellungen: Belichtungsmessung

auf Mehrfeldmessung, automatischer

Weißabgleich, manuelle Blendenvorwahl

(f/5,6 oder f/8,0) und Zeitautomatik

(A, AV).

Fotografieren Sie nach Möglichkeit im RAW-

Format , um ein optimales Bildergebnis zu

bekommen. Schalten Sie das AF-System

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

67


Aufwendige Lichtinstallation im Wald, mit Fackelkerzen von unten

illuminiert.

Kunstwerk aus Holzstangen, Stoff und farbigen Lampen.

68

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 105 mm

Belichtung 30 s

Blende f/5,0

ISO 200

nach Möglichkeit ab und fokussieren Sie mit

Unterstützung einer Taschenlampe manuell.

Um einen möglichst großen Schärfebereich

zu erhalten, verwende ich überwiegend

Weitwinkelobjektive. Falls Sie auf den Autofokus

nicht verzichten können, empfiehlt es

sich, den AF-Schalter nach erfolgter automatischer

Scharfeinstellung auf den manuellen

Modus zu setzen, damit das System

nicht nachfokussiert. Weitere Techniken und

Möglichkeiten zum Thema Lichtmalerei erfahren

Sie im nächsten Kapitel „Lichtmalerei

– so geht’s!“.

Illuminieren mit Fackelkerzen

Mit großen Fackelkerzen lassen sich Lichtinstallationen

mit selbst gegossenen Dreikanteisleisten

ideal illuminieren . Da wir

nicht genügend Eiszapfen zur Verfügung

hatten, produzierten wir mit einfachen Mitteln

selbst welche. Hierzu haben wir einfach

kaltes Wasser in vorbereitete, sehr lange

Hohlformen aus Holz gegossen, die zusätzlich

mit Müllsäcken ausgelegt waren, um die

Leisten nach dem Gefrieren problemlos entnehmen

zu können. Die gefrorenen Leisten

konnten dann mit dem Auto transportiert

und zur entsprechenden Location gebracht

werden. Dann werden die Fackelkerzen vorsichtig

hinter dem Motiv oder direkt davor in

den Schnee gesetzt, und zwar möglichst so,

dass keine verräterischen Spuren im Schnee

den Gesamteindruck des Motivs stören.

Dies war für die Fotogruppen keine leichte

Aufgabe, und wir brauchten oftmals viele

Stunden, bis die Kerzen optimal ausgerichtet

und keine Spuren mehr im Bild zu erkennen

waren.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 5,0 s

Blende f/20,0

ISO 400

Lichtmalerei – so geht’s!

Mit Licht zu malen, hört sich zunächst etwas

ungewöhnlich an, trifft aber den aus

dem Altgriechischen abgeleiteten Begriff

Fotografie auf den Punkt: Mit unterschiedlichen

Taschenlampen – sprich Lichtpinseln

– und verschiedenfarbigen Filtern werden

bestimmte Bereiche des Motivs gezielt hervorgehoben.

Natürlich habe ich diese sehr

kreative Technik des Fotografierens nicht

erfunden, jedoch schon seit 1993, also zu

analogen Zeiten, erfolgreich praktiziert und

immer weiter ausgebaut. Damals war ich

mit einem Diktiergerät ausgestattet, um

meine Erfahrungen für die spätere Bildauswertung

festzuhalten. Das war noch sehr

spannend. Digital kommt man natürlich viel

sicherer und vor allem schneller ans Ziel.

Dafür ist die Spannung dahin.

Figur im Vordergrund mit einer Lampe von links angemalt.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 25 mm

Belichtung 10,0 s

Blende f/8,0

ISO 200

Fliegender Tannenzapfen.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

69


70

In den letzten 10 bis 15 Jahren habe ich die

Technik des Lichtmalens in vielen Seminaren,

Fotoreisen und Schüler-Workshops

weitergegeben und folgende Feststellung

gemacht: Es entwickeln sich in jeder

Gruppe neue Ideen und Maltechniken, die

der Lichtmalerei neue Impulse geben und

sie somit nicht langweilig werden lassen.

Nachfolgend möchte ich Sie nun zumindest

theoretisch auf Ihren Einstieg in eine mystische

Welt vorbereiten.

Gute Ergebnisse bei völliger Dunkelheit

Sie brauchen für die Lichtmalerei eine DSLR-

Kamera mit geringem Rauschverhalten, ein

Weitwinkelzoom, ein stabiles Stativ sowie

einen elektrischen Funkauslöser. Der Fotograf

selbst steckt in dunkler Kleidung und

hat in seiner Zubehörtasche verschiedene

Taschenlampen, Farbfilterfolien, eine Kopflampe

und natürlich – nicht zu vergessen –

einen voll aufgeladenen Ersatzakku. Für alles

andere sorgt ganz allein nur Ihre Kreativität!

Schon mit den unten gezeigten Einstellungen

lassen sich bei völliger Dunkelheit sehr

schnell gute Ergebnisse erzielen, da keine

zusätzlichen Lichtquellen vom Hauptmotiv

ablenken oder dafür verantwortlich sind,

dass Sie selbst auf dem Bild schemenhaft

als Lichtmaler zu erkennen sind. Natürlich

lassen sich mit etwas Erfahrung auch reizvolle

Aufnahmen unter gezielter Berücksichtigung

des vorhandenen Lichts erstellen.

Hierbei sollten Sie jedoch bedenken,

dass der ISO-Wert sowie die eingestellte

Blende und die Belichtungszeit primär auf

das Umgebungslicht abgestimmt werden

müssen. Im ungünstigsten Fall haben Sie

bei zu kurzen Verschlusszeiten nur eingeschränkte

Möglichkeiten der Lichtmalerei.

Nach meinen Erfahrungen eignet sich eine

Verschlusszeit von 30 Sekunden für die

Umsetzung der meisten Motive und Bild-

ideen sehr gut. Vorteil: Man beschränkt

sich auf das Wesentliche, und die Bilder

werden nicht übermalt. Größere Motive

können auch in der Gruppe, das heißt mit

mehreren Personen gleichzeitig oder nacheinander,

gemalt werden. Leider sind nicht

alle am Markt befindlichen Digitalkameras

für die Lichtmalerei geeignet, da das Rauschen

im Langzeitbereich selbst bei niedrigen

ISO-Einstellungen nicht akzeptabel ist.

Sie können jedoch versuchsweise die kameraseitige

Rauschunterdrückung aktivieren,

um zu besseren Ergebnissen zu kommen.

Nachteil: Die Kamera rechnet häufig doppelt

so lange, bis das Bild endlich im Display

zu beurteilen ist, und Sie können keinen Einfluss

auf die kamerainterne Bearbeitung der

Datei nehmen. Schalten Sie die Noise Reduction

daher besser ab und bearbeiten Sie

die Aufnahmen später am Rechner selektiv.

Empfohlene Kameraeinstellungen:

• Prüfen Sie zu Beginn das eingestellte

Bilddateiformat: am besten RAW und

JPEG parallel abspeichern.

• Danach stellen Sie den Weißabgleich

Ihrer Kamera auf Automatik, er kann

aber je nach gewünschtem Effekt auch

manuell vorgenommen werden.

• Als Belichtungsmessart können Sie

jede der bereits weiter oben im Abschnitt

„Abstecher in die Belichtungsmessung“

beschriebenen Messmethoden

einsetzen.

• Die Lichtempfindlichkeit sollte einen

Wert von maximal ISO 200 nicht überschreiten.

• Die Belichtungssteuerung stellen Sie

auf den Modus M (manuell), die Blende

auf f/5,6 oder f/8,0 (in Abhängigkeit

vom Aufnahmeabstand zum Motiv),


und als Verschlusszeit stellen Sie 30

Sekunden ein.

• Denken Sie unbedingt daran, das eingebaute

Blitzgerät, den Autofokus und

den Bildstabilisator zu deaktivieren.

Intensität des Lichtpinsels variieren:

• Verringern Sie den Abstand zum Motiv.

• Setzen Sie eine stärkere Lampe ein.

• Bündeln Sie den Lichtstrahl der Lichtquelle

stärker und leuchten Sie länger.

• Öffnen Sie die Blende um einen Wert

und erhöhen Sie den ISO-Wert um eine

Stufe.

Originelle Ideen sind das A und O

Wie in der klassischen Fotografie, so gilt

auch in der Lichtmalerei: Ohne eine originelle

Idee kommt man selten zu eindrucksvollen

Ergebnissen. Trotzdem sollte man sich

den Kopf nicht allzu sehr zerbrechen und

ruhig mal drauflosmalen. Viele meiner Teilnehmer

haben in Lichtmalerei-Workshops

auf diese Weise interessante Kunstwerke

geschaffen. Dennoch: Der Grat zwischen

Kitsch und Kunst ist schmal, und nicht jedem

Betrachter gefallen diese außergewöhnlichen

Bilder. Seien Sie also nicht enttäuscht,

wenn Ihre mühsam gemalten Kunstwerke

nicht auf die erhoffte Zustimmung stoßen.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Hier der Kopf eines

Mädchens von oben.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 12 mm

Belichtung 15 s

Blende f/5,6

ISO 200

71


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 30 s

Blende f/5,6

ISO 200

72

Ich habe mir beim Versuch, einen weiblichen

Akt zu malen, gehörig die Finger verbrannt:

Es ist auch für einen erfahrenen

Lichtmaler nicht ganz einfach, den Lichtpinsel

im dunklen Raum exakt an den Konturen

eines weiblichen Körpers entlangzuführen.

Resultat: Der Po meines Modells bekam

eine Delle, und die Brust wirkte etwas unförmig.

Mein Versuch, dieses Werk als kreative

Kunst darzustellen, scheiterte kläglich.

Seitdem suche ich mir lieber „stille“ Objekte

und bleibe dem klassischen Porträt treu.

Leuchtende Glühbirne – eine der letzten ihrer Art.

Auf dem Weg zum ersten Lichtbild

Sie haben noch immer keine Idee? Keine

Sorge! Ganz normale Objekte des täglichen

Bedarfs, zum Beispiel ein Haartrockner

oder eine leuchtende Glühbirne, bekommen

mithilfe der Lichtmalerei eine nahezu

mystische Anmutung. Am besten suchen

Sie sich zum Üben einen dunklen Kellerraum

mit ausreichend Platz für das Objekt

zur Rückwand, damit keine Schatten den

Bildeindruck negativ beeinflussen. Platzie-


en Sie das Objekt auf einem Stuhl und versuchen

Sie, sich in Gedanken vorzustellen,

welche Bereiche Sie gezielt mit dem Lichtpinsel

hervorheben möchten und welche im

Dunkeln verschwinden sollen. Das ist nicht

ganz einfach und verlangt viel Vorstellungskraft.

• Stellen Sie manuell auf das Objekt

scharf und nehmen Sie die oben aufgeführten

Einstellungen an der Kamera

vor. Nehmen Sie die Lampe bzw. den

Lichtpinsel in die Hand und schalten Sie

das Licht aus. Jetzt aktivieren Sie den

Selbstauslöser der Kamera mit 12 Sekunden

Vorlaufzeit und gehen auf Tuchfühlung

zu Ihrem Motiv. Der Verschluss

der Kamera öffnet sich jetzt für 30 Sekunden,

und los geht’s.

• Führen Sie die Taschenlampe langsam

und gleichmäßig in einem Abstand von

zwei bis drei Fingern am Motiv entlang.

Achten Sie unbedingt darauf, dass Sie

sich nicht mit dem Rücken vor die Kamera

stellen und das Motiv abdecken.

Am besten ist eine wechselnde, seitliche

Position zum Objekt, um zu vermeiden,

dass Sie später in der Aufnahme

schemenhaft zu erkennen sind.

• Halten Sie die Taschenlampe von der

Kamera weg in Richtung Motiv, um

Streifenbildung im Bild zu vermeiden.

Wenn Sie die Konturen jedoch betonen

möchten, sollten Sie die Lampe direkt

vom Motiv in Richtung Kamera führen.

Farbfilterfolien erzeugen spannende

Effekte und geben Ihrem Motiv den

letzten Schliff. Setzen Sie diesen Effekt

jedoch sehr sparsam ein. Verschiedene

Lichtquellen mit unterschiedlichen Farbtemperaturen

und Leuchtwinkeln können

je nach Größe und Beschaffenheit

des Objekts auch Konturen hervorheben

oder Flächen zum Strahlen bringen.

• Versuchen Sie immer, gleichmäßige

und nicht zu hektische Bewegungsabläufe

durchzuführen, um die Aufnahme

gegebenenfalls wiederholen bzw. später

noch reproduzieren zu können. Hierbei

werden anfangs die meisten Fehler gemacht.

Arbeiten Sie sich mit dem Lichtpinsel

systematisch an das Motiv heran

und seien Sie nicht enttäuscht, wenn es

auf Anhieb nicht perfekt klappt.

Mit etwas Übung und Geduld werden Sie

mit außergewöhnlichen Ergebnissen belohnt.

Nach meinen Erfahrungen benötigen

Sie eine zeitliche Anlaufphase von ca. zwei

bis vier Stunden, um zu den ersten vorzeigbaren

Ergebnissen zu kommen.

Sind Sie fit? Dann können Sie sich jetzt

warm anziehen und Ihre neu erlernten Fertigkeiten

endlich im Freien ausprobieren. Ob

Eisskulpturen im Schnee, Bäume oder Holzstapel

– alles lässt sich mit etwas Übung und

Erfahrung kreativ und effektvoll bemalen.

BLEIBEN SIE UNSICHTBAR

Wenn Sie bei Dunkelheit oder

Dämmerung im Schnee ein Eisobjekt

anmalen, kann es schnell passieren,

dass Sie selbst im Bild als schwache

Silhouette sichtbar sind. Das stört

den Gesamteindruck und entzaubert

die Aufnahme. Daher gilt:

immer schön in Bewegung und somit

unsichtbar bleiben oder später in

der Bildbearbeitung die Aufnahme

retuschieren.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

73


Ein von der Last von Eis und Schnee gebogener Baum – mit großer

Taschenlampe von rechts kommend angemalt.

74

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 13 mm

Belichtung 1/10 s

Blende f/5,0

ISO 400

Die Krux mit dem Nordlicht

Die Frage „Bekommen wir ein Nordlicht

zu sehen?“ wurde mir auf jeder Fotoreise

nach Lappland gestellt. Mir war durchaus

klar, dass die Erwartungen der Teilnehmer

hoch waren – immerhin hatte ich im Vorfeld

schon meine Aufnahmen gezeigt – und

ich bei der Formulierung meiner Antwort

eher zurückhaltend sein musste. Nichts ist

schlimmer, als eine Nordlichtgarantie zu

geben und dann nach zwei Wochen mit

enttäuschten Gesichtern in Richtung Heimat

zu fahren, weil das versprochene Himmelsschauspiel

nicht zu sehen war. Da die

Wahrscheinlichkeit jedoch im Winter recht

hoch ist und die Anforderungen an den

Fotografen und die Kamera nicht geringer

sind, möchte ich dem Thema in diesem Kapitel

eine ausführlichere Beachtung schenken.

Hoffentlich ganz in Ihrem Sinne, oder?


Was ist das Nordlicht?

Das Nordlicht oder, exakter ausgedrückt,

Polarlicht, die Morgendämmerung des Nordens,

ist eine Licht- und Farberscheinung,

die beim Auftreffen geladener Teilchen

des Sonnenwinds auf die Erdatmosphäre

in den Polargebieten der Erde entsteht.

Die ersten Schilderungen des Nordlichts

wurden übrigens durch den norwegischen

Polarforscher Fridtjof Nansen (1861–1930)

mit Worten und Farbstiften zu Papier gebracht.

Die Zone der maximalen Häufigkeit

verläuft durch Nordnorwegen (Tromsö),

Nordkanada (Hudson Bay), Nordalaska

und die Meeres- und Eisflächen nördlich

des russischen Kontinents. Die Häufigkeit

von Nordlichtern in den mittleren Breiten

(Mitteleuropa) hängt von der Sonnenaktivität

ab. Die Sonne durchläuft einen Aktivitätszyklus

(Sonnenfleckenzyklus), der im

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Nordlicht über Kuusamo.

Analog aufgenommen

mit der Nikon F-801 auf

Diafilm.

75


76

Durchschnitt elf Jahre andauert. Mit diesem

Zyklus schwankt auch die Häufigkeit

und Stärke von Nordlichtern.

Woher kommen die Farben?

Nordlichter sind ständig in Bewegung, ändern

fortlaufend ihre Intensität – bedingt

durch die Geschwindigkeit der ankommenden

Partikel von der Sonne – und können

verschiedenfarbig am Himmel zu sehen

sein. Blauviolettes und rotes Licht entstehen

durch angeregte Stickstoffatome, die

in gut 100 km Höhe in der Ionosphäre vorkommen.

Hierbei sind jedoch sehr hohe

Energiemengen notwendig, und so lassen

sich diese Farben nur bei starken Sonnenwinden

beobachten. In einer Höhe von 100

bis 240 km ist die grüne Sauerstofflinie am

stärksten, und über 240 km Höhe erscheinen

rote Sauerstofflinien. Da der Sonnenwind

außerhalb der Polarregionen nur selten

tief in die Atmosphäre eindringen kann,

sind Polarlichter in Europa meistens rot am

Himmel sichtbar.

Wann kommt es denn?

Jeder Mensch, der die Morgendämmerung

des Nordens schon einmal live am Himmel

gesehen hat, wird schnell in ihren Bann gezogen.

Doch zunächst will das Nordlicht

auch am Himmel entdeckt werden.

Unter www.meteoros.de/polar/polwarn.htm

erfahren Sie, wie sich die Aktivität in den

letzten Stunden entwickelt hat, wie stark

die Sonnenwinde sind und wie sich das

Nordlicht über dem Polargebiet verteilt bzw.

verteilen wird. Die Intensität des Lichts wird

mit einem K-Wert angegeben. Bei einem

K-Wert ab 4 ist es im Norden bereits sichtbar,

und bei hohen K-Werten (ab K 6) ist die

Wahrscheinlichkeit groß, auch ein Nordlicht

in Deutschland sehen zu können.

Die Aurora Borealis ist auf Anhieb gar nicht

so einfach zu entdecken. Mit etwas Glück

erkennt man sie bereits in der einsetzenden

Dämmerung zur berühmten blauen

Stunde Finnlands. Jetzt ist die Wirkung besonders

schön und ausgeprägt, vor allem

wenn am Horizont noch der Lichtbogen der

zuvor untergegangenen Sonne zu sehen

ist – Gänsehaut-Feeling garantiert. Nach

meiner Erfahrung spielt sich das spektakuläre

Lichtschauspiel am Himmel mit großer

Wahrscheinlichkeit am dunklen, wolkenfreien

Nachthimmel ab.

Gehen Sie daher nach Einbruch der Dunkelheit

im Stundentakt, besser Halbstundentakt,

nach draußen und beobachten Sie den

Himmel sehr genau. Wir hatten in unserer

Fotoreisegruppe freiwillige „Nordlichtwachen“

aufgestellt, die, gut versorgt mit heißem

Tee, den Himmel beobachteten und

stündlich abgelöst wurden, damit wir den

entscheidenden Moment nicht verschliefen.

Auch wenn es noch so schön warm

und gemütlich vor dem Ofen in der Hütte

ist: Sitzt man im Inneren eines Raums, sind

die Lichter am Himmel nicht zu erkennen,

da das Auge aufgrund der Innenbeleuchtung

adaptieren muss und sich bei einem

flüchtigen Blick aus dem Fenster nicht so

schnell an die Dunkelheit anpassen kann.

Gleiches gilt, wenn Sie vom hellen Raum in

die Dunkelheit gehen.

Gönnen Sie sich ein paar Minuten Zeit, bis

sich die Augen an die dunkle Umgebung

gewöhnt haben und die Empfindlichkeit wieder

zugenommen hat. Erschwerend kommt

hinzu, dass unser menschliches Auge in der

Dunkelheit nur über eine reduzierte Schwarz-

Weiß-Wahrnehmung verfügt. Man braucht

in jedem Fall etwas Übung und Erfahrung,

um die ersten Anzeichen eines Nordlichts auf

Anhieb sicher zu erkennen. Ich erinnere mich


an einen nächtlichen Fehlalarm, hervorgerufen

durch den Abgasstrahl eines Flugzeugs

am Nachthimmel.

Vermeiden Sie es, bei Ihren externen Erkundungen

nur kurzzeitig ins Helle zu gehen

bzw. in eine helle Lichtquelle zu schauen.

Sonst ist die Dunkeladaption Ihrer Augen

für einige wertvolle und vielleicht entscheidende

Minuten außer Kraft gesetzt.

Tipp: Ideal für den Außenbereich sind nicht

die weißen, sondern die roten LED-Lampen,

da das rote Licht keine Blendwirkung

hat und ein Adaptieren der Augen somit

nicht erforderlich ist.

Auf den Standort kommt es an

Der richtige Standort muss fotografisch ideal

sein, das heißt, Sie brauchen Platz! Viele

meiner Aufnahmen vom Nordlicht sind auf

dem zugefrorenen Kuusamo Järvi entstanden,

der den Himmel ungestört von Bäumen

und Sträuchern freigab und auch der

Fotogruppe genügend Raum zum Arbeiten

bot. Sie sollten den idealen Aufnahmeort

unbedingt vorher, bei Tageslicht, erkunden.

• Ist der Weg dorthin auch im Dunkeln

gut erreichbar und begehbar?

• Gibt es einen Parkplatz in der Nähe, und

wie viel Zeit muss bis zum Aufnahmeort

eingeplant werden?

• Noch wichtiger ist die Einschätzung des

vorhandenen Störlichts. Falls sich in

der Ferne ein Ort oder ein illuminiertes

Gebäude bzw. Gelände in unmittelbarer

Nähe befindet, wird der Effekt des

Nordlichts abgeschwächt oder ist überhaupt

nicht sichtbar. Was tun?

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Nordlicht über dem

Kuusamo-See. Im

Vordergrund befindet

sich das „Stonehenge-

Eismonument“. Analog

aufgenommen mit

der Nikon F-801 auf

Diafilm.

77


Bei vielen Nordlichtaufnahmen

habe ich zusätzlich im

Vordergrund mit illuminierten

Eisobjekten gearbeitet,

um mehr Spannung und

Tiefe zu bekommen. Hier

wurden sowohl starke

Taschenlampen als auch

Fackelkerzen eingesetzt, um

das Motiv zu beleuchten.

Probieren Sie es einfach einmal

aus. Analog aufgenommen

mit der Nikon F-801

auf Diafilm.

78

Fotografieren Sie bei Dunkelheit testweise

den Nachthimmel und beurteilen Sie dann,

wie stark sich der Einfluss von Fremdlichtquellen

auf das Bildergebnis auswirkt. Im

Zweifel ändern Sie zunächst die Aufnahmerichtung,

verwenden eine kürzere Brennweite

mit einem kleineren Bildwinkel oder

suchen sich einen anderen Aufnahmeort.

Finnland bietet ausreichend Platz und Möglichkeiten.

Vorbereitung ist alles

Stellen Sie sich vorweg auf eine lange und

vor allem kalte Nacht ein, wenn Sie sich auf

die fotografische Jagd nach der Aurora Borealis

begeben! Wenn Ihre Hütte an einem

fotografisch idealen Ort liegt, haben Sie

großes Glück und können sich zwischendurch

aufwärmen und mit dem Nötigsten

versorgen. Sind Sie mit dem Auto unter-

wegs, tanken Sie das Fahrzeug vorher voll,

da der Motor im Stand – um den Innenraum

warm zu halten – deutlich mehr Kraftstoff

verbraucht. Warme Kleidung mit Kopfbedeckung

und Gesichtsmaske sowie ein zweites

Paar Stiefel und Ersatzhandschuhe gehören

zur Grundausstattung des Nordlichtfotografen.

Setzen Sie die Kamera in der Hütte oder im

Auto einsatzbereit auf ein Stativ, nehmen

Sie den Akku aus der Kamera heraus und

bewahren Sie ihn an einem warmen Ort am

Körper auf. So bewahrt die Energiequelle

in der Kälte deutlich länger ihre Kapazität.

Alternativ können Sie den Akku auch auf

ein aktiviertes Gelpad in die Kameratasche

legen. Falls Sie einen zweiten Akku bei sich

tragen, umso besser. Vergessen Sie nicht

die Thermoskanne mit heißem, alkoholfreiem

Tee oder Kaffee und die Energierie-


gel für die Hungeranfälle zwischendurch.

Ein Taschenofen oder wärmende Gelpads

sorgen für warme Hände und halten die

Kameratasche auf Temperaturen über dem

Gefrierpunkt.

Material, das mitmuss:

• Ein schweres bzw. stabiles Stativ mit

Schaumstoffummantelung sowie eine

beleuchtete LED-Libelle für die waagerechte

Ausrichtung der Kamera.

• Ein elektrischer Fernauslöser mit Kabel

oder besser per Funk.

• Zwei Kameraakkus plus Ladegerät oder,

noch besser, ein externes Batterieteil

für die Kamera mit Kabelverbindung

sowie ein 220-Volt-Umspanntrafo für

das Auto.

• Ein Kamerareinigungsset (Sensorreinigung)

und ein Objektivreinigungstuch.

• Die Kamera ohne Trageriemen mit lichtstarkem

Weitwinkelzoom oder Weitwinkelfestbrennweite.

• Robuste Speichermedien mit einer Kapazität

von 2 bis 4 GByte.

• Ein mobiler Datenspeicher oder Laptop.

• Gefütterte Kameratasche, wärmende

Gelpads oder Taschenofen.

• LED-Kopflampe (optional mit roter Filterfolie)

für den Weg zum Aufnahmeort.

• Kleine LED-Lampe mit rotem Licht für

die Kontrolle der Kameraeinstellungen

vor Ort.

• Starke Taschenlampen für die zusätzliche

Beleuchtung von Objekten im Vordergrund.

• Beleuchtete LCD-Uhr mit Timerfunktion

im Bulb-Modus.

• Folie oder dünne Isomatte zum Unterlegen

für die Schuhe oder Knie bei Nässe

oder extremer Kälte.

• Zweithandy mit finnischer Telefonkarte

zwecks Lageaustausch untereinander.

Relevante Kameraeinstellung en detail

Bitte nehmen Sie alle hier aufgeführten relevanten

Kameraeinstellungen vor, bevor

Sie sich in Kälte und Dunkelheit begeben!

RAW oder JPEG?

Um für alle Fälle gewappnet zu sein, sollten

Sie parallel im RAW- und JPEG-Format fotografieren.

Oftmals ist eine spätere Bearbeitung

der Dateien mittels Bildbearbeitung

notwendig – um z. B. das Rauschen zu entfernen

oder Tonwerte und Farben zu korrigieren.

Hierfür eignet sich das verlustbehaftete

und bereits von der Kamerasoftware

„entwickelte“ JPEG-Format nur in sehr begrenztem

Umfang. Bei der Komprimierung

wird das Bild in 8 x 8 Pixel große Blöcke unterteilt,

in denen die Farb- und Helligkeitsinformationen

je nach Komprimierungsstufe

mehr oder weniger stark zusammengefasst

werden. Wird ein Bild zu stark komprimiert

oder zu stark vergrößert, werden sogenannte

Blockartefakte sichtbar. Diese werden oft

auch als JPEG-Artefakte bezeichnet.

Im kameraspezifischen RAW-Format hingegen

stehen Ihnen alle Türen der späteren

Bearbeitung und Optimierung der „rohen“

Bilddaten offen. Tipp: Alternativ können Sie

die RAW-Daten auch im Automatikmodus

des Konverters entwickeln und dann als

JPEG-Datei abspeichern. Häufig sehen die

Ergebnisse dann im Vergleich zu den generierten

JPEG-Dateien aus der Kamera deutlich

besser aus.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

79


Auch eine Variante:

Nordlicht mit Hütte

im Vordergrund, die

mit Taschenlampen

und rotem Farbfilter

zusätzlich angemalt

wurde.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 42 mm

Belichtung 18 s

Blende f/4,0

ISO 400

80

Grundlegende Kameraparameter

Wenn Sie von vornherein nur im JPEG-Format

fotografieren möchten, sollten Sie, um

optimale Ergebnisse zu erzielen, die Aufnahmeparameter

Ihrer Kamera sehr explizit

vorgeben. Wählen Sie zunächst die höchste

physikalische Auflösung der Kamera und

den niedrigsten Komprimierungsfaktor (z. B.

„L“ und „fein“), um die Qualitätseinbußen

möglichst gering zu halten.

Die Kameramenüparameter Kontrast, Helligkeit,

Farbsättigung und der richtige „Filmstil“

(z. B. Standard, Landschaft, Schwarz-Weiß

etc.) sollten, je nach Kameratyp, eher neutral

eingestellt werden. Testen Sie die Wirkung

dieser Parameter am besten vorher anhand

von Aufnahmen bei Dunkelheit mit künstlichen

Lichtquellen – z. B. einer beleuchteten

Stadt im Hintergrund –, um deren Einfluss auf

das Bildergebnis zu kennen. Arbeiten Sie nur

im größeren Adobe RGB-Farbraum, um einen

möglichst großen Tonwertumfang darstellen

zu können und eine verlustbehaftete Konvertierung

der Farben in der anschließenden

Bildbearbeitung zu vermeiden.

Viele DSLR-Kameras verfügen über eine

optionale interne Rauschunterdrückung.

Diese sollten Sie deaktivieren, denn leuchtende

Sterne am Himmel könnten von der

Software der Kamera als störendes Rauschen

gedeutet und aus dem Bild gerechnet

werden. Zudem nimmt das Verarbeiten der

Bilder genauso viel Zeit in Anspruch wie die

Belichtungszeit der Aufnahme. Das ist lästig,

zumal man Gefahr läuft, den richtigen

Augenblick on Location zu verpassen.


Der hundertprozentige Weißabgleich und

der korrekte ISO-Wert spielen im RAW-

Format im Grunde genommen keine große

Rolle, da diese Parameter in der späteren

Bearbeitung im Konverter noch verändert

werden können. Für die JPEG-Fotografen

gilt: Stellen Sie den Weißabgleich zunächst

auf AWB (Automatic White Balance) und

beurteilen Sie die Wirkung auf dem Display.

Sollten die Farben total danebenliegen,

können Sie im Menü Ihrer Kamera

eine Korrektur der Farbtemperatur in Kelvin-Schritten

(K) vorgeben. Ich habe mich

bisher gut auf den automatischen Weißabgleich

meiner Kameras verlassen können

und Korrekturen, auch im JPEG-Dateiformat,

in der späteren Bildbearbeitung (globale

Farbkorrektur) vorgenommen.

Wählen Sie einen maximalen ISO-Wert von

ISO 400 vor, wenn Sie im JPEG-Format fotografieren,

um das Rauschen möglichst

gering zu halten und einen großen Dynamikumfang

nutzen zu können. Schalten Sie

den Autofokus am Objektiv oder an der

Kamera aus und deaktivieren Sie auch das

„Antiverwacklungssystem“, um Unschärfen

bei der Verwendung am Stativ zu vermeiden.

Fokussieren Sie die Entfernung manuell

am Objektiv. Bei Weitwinkelobjektiven verfügen

Sie auch bei offener Blende über einen

ausreichend großen Schärfebereich, sodass

kleinere Abweichungen beim Fokussieren

kompensiert werden.

DSLR-Kameras mit optionaler Live-View-

Funktion erlauben es, den Bildausschnitt,

Belichtung, Weißabgleich und die Fokussierung

live über das LC-Display der Kamera

einzustellen. Feine Sache. Aber nicht für

die Nordlichtfotografie geeignet, da energiefressend,

zeitaufwendig und blendend

– also: ausschalten.

Automatische Belichtungszeit

Die automatische Belichtungszeiteinstellung

in den Modi Programm- und Zeitautomatik

erstreckt sich im Langzeitbereich

bei DSLR-Kameras bis zu maximal 30 Sekunden.

Die Automatik Ihrer Kamera ist

jedoch nur bedingt für Nordlichtsituationen

geeignet, daher ist die manuelle Einstellung

von Verschlusszeit und Blende im Modus

Manuell oder Bulb mit Unterstützung einer

separaten Uhr zu empfehlen.

Aktivieren Sie für die Ermittlung der richtigen

Belichtungszeit die Mehrfeld- oder Matrixmessung

und nehmen Sie gegebenenfalls

DAS PROBLEM

DER ERD ROTATION

Ein weiteres Problem stellt die Erdrotation

dar, die ab einer bestimmten

Verschlusszeit und Brennweite sowie

aufgrund weiterer Faktoren dafür

sorgt, dass die Sterne am Nachthimmel

als längliche Striche auf dem Bild

zu erkennen sind. Praxistests zeigen,

dass mit einem APS-C-Sensor und

einem Fisheye-Objektiv noch scharfe

Aufnahmen bis 20 Sekunden gemacht

werden können. Die Berechnung der

maximalen Belichtung, die für eine

noch scharfe Abbildung von Sternen

sorgt, können Sie im Internet unter

www.berndmargotte.com/technical/

startrails_de.html nachlesen. Im Zweifel

hilft nur, zu experimentieren und

Erfahrungen mit der optimalen Belichtungszeit

zu sammeln. Tipp: Vergrößern

Sie das Bild beim Betrachten im

Display mit der Lupenfunktion, damit

Sie die Bewegung der Sterne und die

daraus resultierenden Unschärfen

besser beurteilen können.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

81


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 15 mm

Belichtung 20 s

Blende f/4,0

ISO 800

82


eine Belichtungskorrektur mit der Taste +/–

von –2/3 EV bis –1 EV (1 EV, engl. Exposure

Value = Lichtwert, entspricht einer Blenden-

oder Zeitstufe) vor, um die Aufnahme etwas

dunkler zu belichten.

Obwohl die Mehrfeldmessung die Nachtsituation

erkennen müsste, kann es aufgrund

des sich in der Intensität ändernden Nordlichts

und des hellen Schnees in der Umgebung

vorkommen, dass die Belichtung abweicht.

Zu analogen Zeiten musste ich mich

voll und ganz auf meine Erfahrungen verlassen

und „mit der Hand“ anmessen. Das

war sehr aufregend und manchmal auch

ernüchternd, wenn man später die Aufnahmen

gesichtet hatte. Digitalfotografen sind

da klar im Vorteil.

Wählen Sie eine möglichst große Blende

vor und pegeln Sie mit der Verschlusszeit

die Belichtung so aus, dass noch ausreichend

Zeichnung in Lichtern und Schatten

besteht (Histogramm beachten) und

der Charakter einer Nachtaufnahme nicht

verloren geht. Tipp: Automatische Belichtungsreihen

helfen Ihnen schnell dabei und

sparen in Verbindung mit einer schnellen

Bildfrequenz viel Zeit. Das lästige Fummeln

am Einstellrädchen für die Blende entfällt.

Belichtet wird zwischen 5 und 20 Sekunden

bei ISO 400, abhängig von der Lichtstärke

des Objektivs sowie der vorgewählten Blende

und der Intensität des Nordlichts.

Selbstauslöser aktivieren

Aktivieren Sie den Selbstauslöser mit einer

Vorlaufzeit von 4 bis 6 Sekunden, oder

verwenden Sie einen elektrischen Auslöser.

Wenn Sie auf Kabelsalat und steif gefrorene

Kabel verzichten möchten, empfehle ich

Ihnen die Funkvariante. Die Hände können

beim Auslösen in der Tasche bleiben, und

im Idealfall sitzen Sie ganz entspannt im

warmen Auto unweit Ihrer Kamera. Wenn

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

Grünliches Nordlicht

über dem Kuusamo-

See. Im Vordergrund

ist das beleuchtete

Eisobjekt „Das Ding“

zu sehen.

83


84

Ihre Kamera über eine Spiegelvorauslösung

verfügt, sollten Sie diese aktivieren, damit

die durch den Spiegelschlag hervorgerufene

leichte Erschütterung des Kameragehäuses

nicht zu Unschärfen führt.

Energiequelle Akku

Langzeitbelichtungen zehren an der Kapazität

des Akkus , da der Spiegel gehalten und

der Verschlussvorhang über einen längeren

Zeitraum geöffnet bleiben muss. Hinzu

kommt der größte Feind jeder Energiequelle:

die eisige Kälte . Abhilfe schafft ein warm

gehaltener Zweitakku oder ein externes

Batterieteil, das über eine Kabelverbindung

die Kamera mit der benötigten Energie versorgt.

Das Batterieteil kann separat in einer

mit Gelpads beheizten Tasche gut geschützt

gegen die Kälte verwahrt werden. Sie können

aber auch ein 220-Volt-Netzteil verwenden,

wenn Sie einen Spannungswandler

an den Zigarettenanzünder Ihres Fahrzeugs

anschließen, der die 12 Volt der Autobatterie

auf 220 Volt hochtransformiert. Eine feine

Sache. Lassen Sie dabei den Motor laufen,

da der Wandler entsprechend viel Energie

benötigt. Natürlich können Sie an die Steckdose

auch andere Geräte wie z. B. ein Ladegerät,

eine Kaffeemaschine oder den Laptop

für die Datensicherung anschließen.

Die Sache mit der Farbe

Beim vollautomatischen Weißabgleich sucht

die Kamera nach einer für sie weiß erscheinenden

Fläche. Das kann funktionieren, wenn

wirklich nahezu Weiß in ihrem Blickfeld ist.

In Wirklichkeit ermittelt sie jedoch nur die

hellste Stelle des Bilds, die naturgemäß im

Original nicht unbedingt weiß gewesen sein

muss. Die Folge davon sind Farbstiche , die

nicht immer als künstlerische Verfremdung

akzeptiert werden können. Der vollautomatische

Weißabgleich versagt zum Beispiel

häufig bei Aufnahmen im Dämmerlicht oder

bei unterschiedlichen Lichtquellen. Beim

halbautomatischen Weißabgleich wählt der

Fotograf an seiner Digitalkamera eine fest

gespeicherte Lichtsituation aus. Typischerweise

sind derartige Grundumgebungen für

Sonnenlicht, bewölkten Himmel, Blitzlicht,

Innenlicht oder Halogenlicht gespeichert.

Beim manuellen Weißabgleich verlässt

man sich nicht auf fest gespeicherte Profile

oder die Kameraautomatik, sondern auf

ein weißes Blatt Papier, das formatfüllend

fotografiert wird. Der Kamera teilt man

dann im Einstellungsmenü mit, dass diese

Aufnahme für den Weißabgleich verwendet

werden soll. Die Farbe Weiß wird dann

entsprechend dieser Vorlage eingestellt

und der übrige Farbraum entsprechend

gespreizt. Der Vorteil des manuellen Weißabgleichs

ist, dass das eigentlich zu fotografierende

Motiv keine weißen Elemente

enthalten muss und dass sich die Einstellungen

speichern lassen.

Digitale Bilder für die Ewigkeit?

Nichts hält ewig, auch nicht der Film und

noch weniger das digitale Bild. Wenn Sie

einen entwickelten Schwarz-Weiß-Film

artgerecht lagern, also dunkel, kühl und

trocken, bleibt er jahrzehntelang nahezu

unverändert und bietet somit eine hohe Archivsicherheit

. Jeder zukünftige Filmscanner

wird die analoge Information dieses

Speichermediums mit geringen Qualitätseinbußen

in eine digitale Datei umwandeln

können. Nullen und Einsen, aus der Digitalkamera

kommend, abgelegt auf einem

Flash-Speicherbaustein, einer CD oder DVD

oder aber magnetisch auf einer Festplatte,

haben hingegen unterschiedliche „Lebenszeiten“.

Und selbst wenn Ihre Datei 40 Jahre

schadlos überdauern konnte, kann nicht

garantiert werden, dass die Informationen


noch fehlerfrei ausgelesen werden können –

vor allem wenn es sich z. B. um ein Dateiformat

oder ein Speichermedium handelt, das

schon lange ausgestorben ist.

Fazit: Speichern Sie Ihre wertvollen Bilder

in einem gängigen Standarddateiformat,

wie z. B. JPEG, oder verwenden Sie statt

des herstellerseitigen RAW-Formats die

frei verfügbare Alternative von Adobe: das

DNG-Format, sprich, das digitale Negativ.

Mittlerweile setzen einige Kamerahersteller

auf dieses freie Format, das auch in Zukunft,

genau wie eine PDF-Datei, sicher ausgelesen

und verarbeitet werden kann. Darüber

hinaus sollten Sie Ihre Daten regelmäßig

auf eine weitere externe Festplatte bzw. ein

Backup-System kopieren, um größtmögliche

Sicherheit vor Datenverlust zu haben.

Viele Internetdienstleister bieten Ihnen

gegen eine monatliche Gebühr die Speicherung

Ihrer Bilddaten auf einem sicheren

Server an (sogenanntes Cloud-Computing).

Vorteil: Ihre Daten können von jedem Ort

der Welt aus online abgerufen werden, und

Sie müssen sich um die Sicherheit Ihrer Daten,

zumindest physikalisch, keine Sorgen

machen. Der Rest ist Vertrauenssache.

Um den Datenverlust beim Fotografieren, bedingt

durch eine defekte oder verlorene Speicherkarte,

möglichst gering zu halten, empfehle

ich die Speicherung der Bilder verteilt

auf mehrere kleine Karten, z. B. mit 2 GByte

oder 4 GByte. Zudem sind die Karten in der

Anschaffung nicht sehr teuer. Einige Speicherkartenhersteller

bieten bis zu 25 Jahre

Garantie und protzen mit Datenbeständigkeit

bei extrem niedrigen Temperaturen. Ideal

also für den harten Einsatz in Nordfinnland.

Ach ja: Belichten Sie Ihre schönsten Motive

doch einfach als hochwertigen Print im

DIN-A4-Format. Sieht nicht nur gut aus,

sondern ist auch über viele Jahrzehnte hinweg

archivsicher.

VORZUGSWEISE

MIT OFFENER BLENDE

Abschließend noch ein technischer

Hinweis zur Funktion der Blende :

Die meisten Objektive entfalten ihre

höchste Abbildungsleistung in Bezug

auf Randunschärfen und Vignettierungen

(Lichtabfall zum Rand hin),

wenn nicht bei maximaler Blendenöffnung

fotografiert wird. Wenn Sie

also zwei Stufen stärker abblenden,

wird die Qualität Ihrer Aufnahmen

sichtbar besser. Jedoch bedeutet das

im Umkehrschluss, dass entweder der

ISO-Wert erhöht oder die Verschlusszeit

verlängert werden muss, um zu

einem gleichen Belichtungsergebnis

zu kommen. Ersteres führt zu erhöhtem

Rauschen, die zweite Möglichkeit

zu verwischten Nordlichtern. Ich

habe mich daher bei meinen Aufnahmen

oftmals für eine offene Blende

entschieden und die Abbildungsfehler

später mit dem RAW-Konverter

korrigiert.

KAPITEL 1

ADRENALINSCHUB

AM POLARKREIS

85


Faszinierende Unter wasserwelt

91 Im Meer und in Süßwasserseen

91 Wissen ist Macht

93 Ehrenkodex der Taucher

93 Anforderungen an Mensch und

Material

94 Reif für die Unterwasserfotografie?

94 Trockentraining im Schwimmbad

95 Entscheidungen vor dem Tauchgang

95 Ins Wasser, aus dem Wasser

96 Kameras unter Wasser

98 Objektive für unter Wasser

101 Passende Unterwassergehäuse

106 Licht in der Dunkelheit

109 Kleine Helfer immer dabei

110 Kamerapflege und Wartungstipps

112 Ihre Gesundheit steht an erster Stelle

112 Fliegen mit der Fotoausrüstung

114 Geheimnisse guter Unterwasserfotos

114 Manuelle Kameraeinstellung

115 Parameter für Nah- und Makroaufnahmen

116 Parameter für Weitwinkelaufnahmen

117 Ausleuchtung und Lichtführung im

Wasser

119 Exakte Bildbeurteilung

120 Mut zur Entscheidung

121 Reserven für die Bildbearbeitung

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

121 Bildgestaltung unter Wasser

121 Die Farbe des Wassers

123 Salzwasser versus Süßwasser

123 Trübe Aussichten?

124 Blickrichtung und Kameraposition

125 Zum Teil über, zum Teil unter Wasser

127 Größenverhältnisse unter Wasser

128 Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Kunst

128 Ihr Tauchpartner, Ihr Modell

129 Fischporträts mit Standardzoom

130 Gute Beziehungen gleich reizvolle

Motive

130 Der Schwarm

131 Geheimnisumwitterte Wracks

133 Tolle Spots und Unterwasserressorts

133 Stille Bergseen in den Alpen

135 Grüner See bei Tragöß

135 Tauchen in Flüssen

135 Spektakulärer Süßwassertauchgang

in Silfra

136 Heißwasserschlot am Meeresgrund

des Eyjafjörður

138 Fotogene Wracks auf Zypern

139 Muck diving in der Lembeh Strait

139 Galapagos, der Name ist Programm

142 Höhlentauchen der Spitzenklasse:

Taïn und La Sirena

142 Rifftauchen auf Wakatobi

89


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/5,0

ISO 200

90

2

Unendliche Weiten. Die faszinierende Unterwasserwelt zieht immer mehr Fotografen in ihren Bann.

Faszinierende Unter wasserwelt

Wohl kaum eine Sparte der Fotografie hat sich in den letzten Jahren so stark gewandelt

wie die Unterwasserfotografie . Die digitale Revolution hat den Einstieg in dieses faszinierende

Thema deutlich erleichtert. Das Angebot an Unterwassergehäusen und Kameras

wurde fast unüberschaubar. Nur die physikalischen Gesetze haben ihre Gültigkeit behalten.

Ihre Kenntnis hilft Ihnen, Eindrücke aus dieser bezaubernden Welt im Bild festzuhalten.


Seit Hans Hass die ersten Unterwasserfotos

veröffentlichte, haben sich Tausende

von Tauchern dieser Form der Fotografie

verschrieben. Der Lebensraum unter Wasser

ist eine der letzten kaum erforschten

Regionen unserer Welt. Sie als Sporttaucher

haben die Chance, diese verborgene

Welt in spektakulären Bildern festzuhalten.

Im Meer und in Süßwasserseen

Sie sehen, was Sie (er)kennen. Das menschliche

Auge ist nur unzulänglich an die Lichtverhältnisse

unter Wasser angepasst. Je

mehr Sie über die Lebensformen im Wasser

wissen, desto leichter fällt es Ihnen,

Motive zu entdecken. Im Wasser herrscht

ein stetiger Kampf ums Fressen und Gefressenwerden.

Wer nicht gerade mit einem

der beiden Dinge beschäftigt ist, denkt nur

an das eine: sich zu vermehren. Einerseits

ist täuschen und tarnen angesagt, um zu

überleben, und andererseits auffallen, um

einen möglichen Partner anzulocken. Die

Kenntnis über den Lebensraum und die biologischen

Zusammenhänge hilft Ihnen, die

Tarnung zu lüften.

Wissen ist Macht

Wo sitzen Drachenköpfe? Woran erkennen

Sie den Schlupfwinkel einer Grundel?

Wo halten sich Glasgarnelen bevorzugt

auf? Die Antworten darauf lassen Sie gezielt

nach diesen oft gut versteckten Tieren

suchen, um sie in ihren Verstecken aufzustöbern.

Fischführer , Bestimmungsbücher

und Internetrecherchen liefern im Vorfeld

wertvolle Informationen, die Ihnen helfen,

beim Tauchen mehr zu sehen. Selbst ein

guter Tauchguide ist kein Ersatz für diese

Vorbereitung .

ÜBER DEN AUTOR

Helge Süß entdeckte 1977 seine Liebe

zur Fotografie und sammelte im Jahr

2002 erste Unterwassererfahrungen

mit einer digitalen Spiegelreflexkamera.

Seit 2008 fotografiert er

mit seinem selbst konstruierten, in

Zusammenarbeit mit UK-GERMANY

gefertigten Unterwassergehäuse.

Helge Süß zeigt seine Bilder in Ausstellungen,

hält Reisevorträge und

Fotoseminare.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

91


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/16,0

ISO 100

Oben: Diese nur knapp 12 mm großen

Partnergarnelen leben in Symbiose

mit Blasenkorallen. Ein Blick zwischen

die tischtennisballgroßen Kugeln

lohnt sich oft – Bildwinkel 24°.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 4 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/3,2

ISO 320

92

Unten: Suche nach winzigen

Muscheln auf einem Baumstamm.

Eine spezielle Unterwasserlupe

hilft, selbst kleinste Lebewesen zu

entdecken – Bildwinkel 80°.

Natürlich gilt der Satz „Wissen ist Macht“

nicht nur für das Meer . Auch im Süßwasser

herrscht reges Leben, das sich Ihnen

erschließt, wenn Sie wissen, wo Sie danach

suchen sollen. Es ist aber meist deutlich unscheinbarer

und bedarf noch mehr Sorgfalt,

um entdeckt zu werden. Sie finden Schwärme

von Jungfischen bevorzugt im Schilf

nahe am Ufer. Hechte verstecken sich gern

zwischen den Ästen versunkener Bäume.

Krebse sitzen oft in Seegraswiesen oder bei

Steinen und bevorzugen sehr reines Wasser.

Sie sind ein Indikator für die Qualität

von Gewässern. Die Auswahl an Literatur

über heimische Tauchplätze ist deutlich geringer

als die über tropische Ziele. Das Informationsangebot

im Internet gleicht diesen

Mangel aus. Biologisches Wissen hilft


Ihnen dabei, mehr zu sehen. Je besser Sie

über den Lebensraum im Wasser Bescheid

wissen, desto eher entdecken Sie dessen

meist gut getarnte Bewohner.

Ehrenkodex der Taucher

Nichts mitnehmen außer Fotos, nichts hinterlassen

außer Luftblasen – und selbst diese

können in zu großen Mengen Schaden

anrichten. Ihre Sorgfalt soll sich nicht nur

auf das Anpirschen an Ihr Motiv richten.

Auch beim Wegschwimmen nach einem

gelungenen Foto gilt es, vorsichtig zu sein.

Gerade dabei reicht oft ein unüberlegter

Flossenschlag, das eben Fotografierte für

immer zu zerstören.

Anforderungen an Mensch und

Material

Tauchen, besonders aber zu tauchen und

dabei zu fotografieren, war lange Zeit einer

kleinen, elitären Gruppe vorbehalten. Obwohl

die Popularität des Tauchens in den

letzten zwei Jahrzehnten rasant gewachsen

ist, hat erst der technische Durchbruch in

der digitalen Fotografie zu einem wahren

Boom in der Unterwasserfotografie geführt.

Aber ist dadurch die Zahl der guten

Unterwasseraufnahmen ebenso rasant gestiegen?

Ich wage es, diese Frage mit einem Nein

zu beantworten. Die Technik allein macht

noch keine guten Bilder. Gute Bilder entstehen

ein paar Zentimeter hinter der Kamera,

nämlich im Kopf der Fotografin oder des

Fotografen. Sie werden in diesem Kapitel

einiges an notwendiger Theorie erfahren,

dazwischen aber auch eine Menge an Tipps

und Tricks aus der Praxis finden.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/3,5

ISO 100

Alpine Bergseen sind empfindliche Biotope. Feine Sedimente erfordern

vorsichtige Bewegungen und exakte Tarierung.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 7 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/5,0

ISO 100

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Extreme: Der Geigensee liegt auf 2.410 m Seehöhe, die Wassertemperatur

bei 5 °C. Das verwendete Objektiv hat einen Bildwinkel von 114°.

93


94

Reif für die Unterwasserfotografie?

Jeder, der die Gelegenheit hat, die Welt unter

Wasser mit eigenen Augen zu erleben,

spürt das Bedürfnis, diese Eindrücke mit

anderen zu teilen. Ob mit Schnorchel oder

mit Pressluftflasche, nie dürfen Sie bei der

Jagd nach Fotomotiven Ihre Verantwortung

für die sensible Flora und Fauna im Wasser

vergessen. Voraussetzung für das Tauchen

mit einer Kamera ist die automatisierte Beherrschung

Ihrer Ausrüstung und perfekte

Tarierung . Der routinierte Umgang mit der

Tauchausrüstung erfordert viel Übung. Erst

wenn die Tarierung, die kontrollierte Lage

im Wasser, wie im Schlaf funktioniert, sind

Sie reif für das Fotografieren im Wasser. So

lange Sie sich noch vorwiegend mit Ihrer

Tauchausrüstung befassen müssen, fehlen

Ihnen die freien Hände für die Bedienung

TAUCHAUSRÜSTUNG

ANPASSEN

Wenn Sie beim Tauchen fotografieren,

neigen Sie eher dazu, sich primär

auf das Fotografieren zu konzentrieren.

Passen Sie Ihre Tauchausrüstung

den Erfordernissen des Fotografierens

an. Sorgen Sie daher für eng

anliegende Ausrüstungsteile. Alles

was absteht, kann sich verheddern,

auf Grund schleifen und Sediment

aufwirbeln oder im Extremfall auch

ins Bild hängen. Sie schonen die Umwelt

und Ihre Ausrüstung, wenn Sie

alles nahe am Körper befestigen. Je

weniger Sie sich mit Ihrer Tauchausrüstung

beschäftigen müssen, desto

mehr können Sie sich dem Fotografieren

widmen.

der Kamera. Schonen Sie bitte die Unterwasserwelt

und sparen Sie sich den Frust

verpatzter Bilder, indem Sie sich zuerst

ausreichend mit Ihrer Ausrüstung vertraut

machen.

Nach ungefähr 60 bis 70 Tauchgängen

stellt sich in der Regel die notwendige Routine

ein, die Ihnen erlaubt, sich sicher und

kontrolliert zu bewegen. Erst dann sind Sie

in der Lage, sich den meisten Motiven auf

Fotodistanz zu nähern. Diese Empfehlung

gilt auch für kleine Kameras, besonders

aber für Spiegelreflexkameras in einem Unterwassergehäuse.

Ein Tauchpartner mit zu

wenig Erfahrung oder neue, ungewohnte

Ausrüstungsteile sind ein guter Grund, die

Kamera nicht mit ins Wasser zu nehmen.

Wenn Sie sich um Ihren Tauchpartner kümmern

müssen, brauchen Sie voraussichtlich

freie Hände. Das gilt auch, wenn Sie mit

Ausrüstung tauchen, die sich anders verhält

als Ihre gewohnte Ausrüstung. Waren

Sie länger nicht im Wasser, ist es sinnvoll,

den ersten Tauchgang ohne Kamera zu absolvieren,

um sich wieder an die Bewegung

im Wasser zu gewöhnen.

Trockentraining im Schwimmbad

Lernen Sie Ihre Kamera gut kennen, bevor

Sie mit ihr tauchen. Vieles lässt sich im

Trockentraining erarbeiten und einstudieren.

Für das Üben mancher Abläufe ist es

zwingend notwendig, mit der Kamera ins

Wasser zu gehen. Dazu eignet sich bereits

ein Schwimmbad ab 1,4 m Tiefe. Bedenken

Sie jedoch, dass sich viele Menschen

in öffentlichen Bädern in ihrer Intimsphäre

gestört fühlen, wenn Sie mit der Kamera

ins Wasser gehen, auch wenn Sie nur Gummitiere

fotografieren. Holen Sie daher die

Erlaubnis zum Fotografieren im Becken ein

oder fragen Sie bei einem Tauchklub oder

einer Tauchschule an, ob Sie während der


DIE TAUCHMASKE

Nicht alles, was zum Tauchen taugt,

ist auch für das Fotografieren im

Wasser gut geeignet. Die Tauchmaske

kann entscheidenden Einfluss

darauf haben, wie gut Sie den

Sucher oder Bildschirm Ihrer Kamera

sehen. Ein schwarzer Maskenkörper

schränkt zwar das Sehen aus dem

Augenwinkel ein, verhindert aber

weitgehend Reflexe am Maskenglas

durch Licht von hinten. Solche Reflexe

fallen besonders im Flachwasser oder

bei starkem Sonnenlicht störend auf.

Je näher das Maskenglas am Auge

liegt, desto näher kommen Sie auch

dem Sucher. Das entscheidet darüber,

wie gut Sie das gesamte Sucherbild

überblicken können.

Trainingszeiten mit der Kamera im Becken

üben dürfen. Sie benötigen für Ihre Versuche

nur die Kameraausrüstung, eine Tauchmaske

und Geduld.

Die grundlegenden Ansprüche, die ein Modell

bei dieser Aufgabe erfüllen muss, sind,

bunt zu sein und untergehen zu können. Ihre

mit Blei gefüllte Gummiente tut das genauso

gut wie bunte Plastikkärtchen, die Sie mit

einem Gewicht beschweren. Vermeiden Sie

Glas und alles, was splittern kann. Das ist

im Bad nicht gern gesehen. Bei Weitwinkelaufnahmen

hilft Ihnen die Gitterstruktur

der Fliesen bei der Beurteilung von Schärfe

und Verzeichnung. Helle, einfarbige Fliesen

zeigen Ihnen auch gut den Helligkeitsverlauf

und die Wirkung Ihrer Lichtquellen.

Das Üben im Becken hat viele Vorteile. Sie

können verschiedene Situationen mit ge-

ringem Aufwand simulieren. Der Weg zum

„Ufer“ ist kurz, und Sie können so z. B. leicht

mehrere Objektive in kurzer Zeit vergleichend

testen oder schnell zwischen Weitwinkel

und Makro wechseln. Sie sparen

durch das Training zu Hause wertvolle Urlaubszeit

und ersparen sich Frust während

und nach Ihren Tauchgängen.

Entscheidungen vor dem Tauchgang

Die Extreme in der Unterwasserfotografie

erfordern eine dafür angepasste Ausrüstung.

Während Kompaktkameras einen Kompromiss

als Allrounder bieten, verlangen

Spiegelreflexkameras klare Entscheidungen.

Makro oder Weitwinkel? Landschaft oder

Detail? Die hohe Spezialisierung zwingt Sie

zur Entscheidung vor dem Tauchgang. Sie

erlaubt dafür außergewöhnliche Ergebnisse,

die mit anderen Kameras nicht möglich

sind. Zur normalen Planung des Tauchgangs

kommt daher die Entscheidung für die passende

Ausrüstung. Zu erwartende Sichtweiten,

Lichtverhältnisse und die Form der

Unterwasserlandschaft bestimmen, ob Sie

Weitwinkel oder Makro wählen . Oft kann

derselbe Tauchplatz je nach Tageszeit und

Wasserverhältnissen einmal ideal für Weitwinkel,

das andere Mal günstiger für Makroaufnahmen

sein. Fotografieren hat auch eine

Auswirkung auf Ihren Luftverbrauch . Rechnen

Sie, besonders am Anfang, mit einem

rund 10 % bis 20 % höheren Verbrauch.

Ins Wasser, aus dem Wasser

Eine kleine Kompaktkamera ist von der

Handhabung her relativ unproblematisch.

Je größer, umfangreicher und schwerer Ihre

Fotoausrüstung ist, desto mehr gewinnt hoher

Seegang oder ein schwieriger Zustieg

an Dramatik. Helfende Hände, meist die

der Bootsmannschaft, können eine Gefahr

für große Kameragehäuse mit Blitzanlage

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

95


96

darstellen. Nicht alles, was sich als Griff

anbietet, ist auch geeignet, die Ausrüstung

zu tragen. Erklären Sie Helfern rechtzeitig

den Umgang mit Ihrer Ausrüstung. Bereiten

Sie die Kamera so vor, dass sie problemlos

getragen und zugereicht werden kann. Fixieren

Sie Blitzarme oder bringen Sie Tragegurte

am Gehäuse an. Sie entschärfen

damit die kritischen Momente des Ein- und

Ausstiegs vor und nach dem Tauchgang.

Im Idealfall lassen Sie sich die Kamera ins

Wasser reichen. Ist das nicht möglich,

bleibt Ihnen der große Schritt, die Rolle

oder aus dem Sitzen mit einer Drehung ins

Wasser zu gleiten. Sie halten dabei mit einer

Hand Maske und Regler fest, mit der

anderen Hand die Kamera. Je kompakter

Sie Ihre Fotoausrüstung halten, desto weniger

Probleme haben Sie zu erwarten. Die

Drehung aus dem Sitz ist die harmloseste

Art, mit der Kamera ins Wasser zu tauchen.

Sie setzt eine feste Fläche voraus, auf der

Sie stabil sitzen können. Bedenken Sie, dass

die Kamera durch die Drehung zwischen

Sie und die Kante gerät, auf der Sie eben

noch saßen. Sie müssen sich daher weit genug

abstoßen, damit ausreichend Platz für

Ihre Fotoausrüstung entsteht.

Bei der Rolle rückwärts verlagert die Kamera

während des Rollens ihr Gewicht und

folgt dann der Schwerkraft in Richtung Ihres

Kinns. Fixieren Sie daher die Kamera so,

dass Sie Bewegungen nach oben und unten

abfangen können. Diese Form des Einstiegs

erfolgt meist vom Schlauchboot aus. Achten

Sie daher besonders darauf, dass sich

Kabel und Gurte der Kamera nirgendwo

verhängen.

Der große Schritt belastet Kamera und

Blitz beim Eintauchen mit einem Schlag von

unten. Wenn Sie die Kamera nicht fest genug

an Ihren Körper gepresst halten, kann

es passieren, dass Sie bereits in der ersten

Runde k. o. gehen. Lassen Sie die Kamera

erst los, nachdem Sie kontrolliert haben, ob

sie noch immer sicher an Ihrem Körper befestigt

ist. Sorgen Sie für eine kontrollierte

Lage im Wasser oder einen gleichmäßigen

Abstieg. Richten Sie erst danach den Blitz

aus und bereiten Sie die Kamera für den

Einsatz vor.

Kameras unter Wasser

Um eine Kamera unter Wasser zu verwenden,

muss sie dafür ausreichend abgedichtet

sein. Es gibt Kameras, die vom Hersteller

für den Einsatz im Wasser konstruiert wurden.

Die meisten im Wasser verwendeten

Kameras sind aber ganz normale Kameras,

die für diesen Zweck in ein dichtes Gehäuse

verpackt werden.

Kompaktkameras

Kompaktkameras erlauben den preisgünstigen

Einstieg in die Unterwasserfotografie.

Durch die Massenproduktion sind die

dafür erhältlichen Gehäuse erschwinglich.

AMPHIBIENKAMERAS

Die große Zeit der Amphibienkameras

ist Geschichte. Die von Jacques

Cousteau entwickelte Nikonos wird

nicht mehr hergestellt. Aktuell gibt es

nur wasserdichte Kompaktkameras,

die für Tauchtiefen von einigen Metern

ausgelegt sind. Diese Kameras

eignen sich wenig für den Einsatz

unter Wasser. Ihre Stärke ist eher das

sorgenfreie Fotografieren nahe am

Wasser oder beim Schnorcheln.


Allerdings sind auch ihre Möglichkeiten

begrenzt. Sie sind gute Allrounder mit dem

Schwerpunkt im Nah- und Makrobereich.

Erweitert man die Ausrüstung um Blitz,

Nahlinse oder Weitwinkelkonverter, steigen

auch die Kosten schnell in den vierstelligen

Euro-Bereich. Für sehr viele Kompaktkameras

werden passende Gehäuse angeboten.

Sollte für eine bestimmte Kamera kein Gehäuse

verfügbar sein, ist es sinnvoll, sich

eine andere Kamera auszusuchen, für die

es ein Gehäuse gibt. Alle anderen Lösungen

sind schlicht zu teuer.

Die Kompakten erzielen besonders im Nahbereich

gute Ergebnisse. Hier hilft der kleine

Sensor, der in Kombination mit kurzen

Brennweiten für einen großen Schärfebereich

sorgt. Für das Ausleuchten von Motiven

in wenigen Zentimetern Entfernung

reicht der eingebaute Blitz meist aus. Dessen

großer Nachteil ist die fixe Position nahe

an der optischen Achse. Harte Schatten und

eine langweilige Lichtstimmung sind die

Folgen. Ein externer Blitz bringt mehr Licht,

Flexibilität und kreatives Ausleuchten. Die

Ansteuerung erfolgt in den meisten Fällen

über optische Lichtleiter durch den eingebauten

Blitz.

Die Bildkomposition erfolgt bei den Kompakten

über den Bildschirm der Kamera.

Was bei Rückenlicht und den daraus resultierenden

Reflexionen ein Nachteil ist,

wandelt sich in manchen Situationen zum

Vorteil. Die kleinen Gehäuse erlauben an

der gestreckten Hand Aufnahmepositionen,

die mit einer sperrigen Spiegelreflexkamera

unmöglich sind.

Im Weitwinkelbereich sind die Grenzen der

Kompakten schnell erreicht. Die für diese

Kameratypen üblichen Bildwinkel von maximal

75° gestatten keine berauschenden

Perspektiven. Die Planscheiben der Gehäuse

tun das Ihrige dazu, den Bildwinkel

einzuengen. Für manche Gehäuse gibt es

externe Weitwinkelkonverter, die man unter

Wasser wechseln kann. Diese im Englischen

wetlenses (nasse Linsen) genannten Konverter

können den ursprünglichen Winkel

des Objektivs mehr als verdoppeln. Dieser

Winkel will aber auch ausgeleuchtet sein,

und daran scheitern die meisten kompakten

Blitzlösungen.

Spiegelreflexkameras

Als hoch spezialisierte Werkzeuge bilden

sie die Königsklasse in der Unterwasserfotografie.

Diese Sparte erlaubt die höchste

Spezialisierung und somit das Ausloten

der technischen Grenzen. Die für diesen

Kameratyp notwendigen Gehäuse werden

in kleinen Auflagen hergestellt und kosten

selten unter 1.000 Euro, meist sogar das

Drei- bis Vierfache davon. So manche UW-

Fotoausrüstung stellt den Gegenwert eines

Kleinwagens dar.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Vorne: Canon PowerShot D10,

Tauchtiefe 10 m.

Mitte: Olympus-PT018-

Gehäuse für die C-750,

Tauchtiefe 40 m.

Hinten: UK-GERMANY-

Gehäuse für die Olympus E-5,

Tauchtiefe 60 m.

97


98

Das modulare Konzept der Kamera setzt

sich im Gehäuse fort. Je nach Objektiv erfordert

das Gehäuse einen Port, der die

optische Schnittstelle darstellt. Man unterscheidet

zwischen Planports für Bildwinkel

bis ungefähr 75° und Domeports für Weitwinkel

und Fisheyes. Ports werden für unterschiedliche

Objektive mit Zwischenringen

angepasst. Das Wechseln der Objektive

und der dazugehörigen Ports erfordert das

Öffnen des Gehäuses und kann daher nur

im Trockenen durchgeführt werden.

Vorbereitung der Kamera

Gewöhnen Sie sich eine Prozedur zur Vorbereitung

der Kamera an. Verwenden Sie

dazu anfangs eine Checkliste. Das hilft Ihnen,

den Ablauf zu verinnerlichen und alle

wichtigen Schritte einzuhalten.

• Achten Sie darauf, stets frisch geladene

Batterien einzusetzen.

• Sorgen Sie für ausreichend Platz auf der

Speicherkarte. Löschen Sie Bilder oder

formatieren Sie die Karte, um Platz zu

schaffen, aber erst dann, wenn Sie auch

sicher sind, alle wichtigen Bilder auf einem

anderen Datenträger gespeichert

zu haben.

• Der Zusammenbau des Gehäuses sollte

in einer trockenen Umgebung erfolgen.

Ideal ist ein klimatisierter Raum. Prüfen

Sie die Dichtungen und die Leichtgängigkeit

der Bedienelemente.

• Kontrollieren Sie das Gehäuse auf Beschädigungen.

Reinigen Sie Dichtungen

und fetten Sie bei Bedarf die O-Ringe.

• Legen Sie frisches Silicagel ins Gehäuse,

wenn es Gefahr läuft, zu beschlagen.

• Schalten Sie die Kamera im zusammengebauten

Zustand ein und prüfen Sie

die Funktion. Kontrollieren Sie die Ansteuerung

des Blitzes.

• Tauchen Sie die Kamera nach einer

Sichtkontrolle der Dichtungen ins Spülbecken,

um die Dichtheit zu kontrollieren.

Machen Sie danach die Kamera

transportfertig.

Objektive für unter Wasser

Die mit den meisten Kameras im Set angebotenen

Objektive sind für den Einsatz im

Wasser zu gebrauchen. Sie decken einen

Bereich vom leichten Weitwinkel bis zum

leichten Teleobjektiv ab, rechtfertigen aber

nicht den höheren Preis und Aufwand einer

Spiegelreflexkamera gegenüber einer Kompakten.

Erst der Einsatz spezieller Objektive

spielt die Vorteile diese Systems voll aus.

Sie haben die Quahl der Wahl – Weitwinkel-

oder Makroaufnahmen? Die Spezialisierung

verlangt klare Entscheidungen. Eine

Eier legende Wollmilchsau gibt es in der

Unterwasserfotografie genauso wenig wie

in anderen Bereichen.

Makroobjektive

Für Makroaufnahmen hat sich ein Bildwinkel

von ungefähr 24° bewährt. Diesen

erreicht man für das Kleinbildformat mit

100 mm, für das APS-C-Format mit ungefähr

60 mm und für das 4/3-Format mit

50 mm Brennweite. Weitere Bildwinkel erfordern

einen geringeren Arbeitsabstand,

der zu Schwierigkeiten beim Ausleuchten

und Unterschreiten der Fluchtdistanz mancher

Tiere führen kann. Engere Bildwinkel

bergen die Gefahr des Verwackelns. Bedenken

Sie, dass Sie in der Regel frei schwebend


fokussieren müssen. Ein großer Arbeitsabstand

kann auch zu vermehrten Störungen

durch Schwebeteilchen führen.

Weitwinkelobjektive

Hier gilt uneingeschränkt der Satz: „Je

weiter, desto besser!“ Man kann nie genug

Winkel haben. Er erlaubt es, nahe an

ein Motiv heranzugehen und trotzdem viel

Hintergrund im Bild zu zeigen. Rectilinear

korrigierte Weitwinkel bilden gerade Linien

gerade ab. Der Preis dafür sind gedehnte

Flächen, die besonders zu den Bildecken

hin zu auffälligen Verzerrungen führen.

Fisheye-Objektive bilden annähernd flächentreu

ab. Um das zu erreichen, biegen

sich alle Linien, die nicht durch die Bildmitte

laufen, dramatisch.

Ein Fisheye verzeichnet stark tonnenförmig.

Im Wasser erzeugt es einen natürlicher wirkenden

Eindruck. Es gibt dort zu wenig gerade

Linien, die unangenehm auffallen könnten.

Während korrigierte Weitwinkel bei einem

Winkel von ungefähr 114° an technische

Limits stoßen, erreicht man mit Fisheyes

Bildwinkel bis zu 180° diagonal. Dabei wird

das gesamte Bildfeld ohne Vignettierung genutzt.

Fisheyes mit 180° diagonalem Bildwinkel

sind für den Einsatz im Wasser optimal

geeignet.

Bildwinkel von 180° bis 220° über die kurze

Bildkante ergeben ein kreisrundes Bild mit

Abschattung in den Ecken. Diese Objektive

sind für den Einsatz im Wasser wenig geeignet,

da sie wegen ihrer „Rundumsicht“

kaum ohne Überstrahlung in der Nähe der

Blitze ausgeleuchtet werden können.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Unterwassergehäuse

für die Olympus E-5

mit 45°-Winkelsucher

und Inon-Makroport

für das 50-mm-

Makro objektiv.

99


Unterwassergehäuse

für die Olympus E-5

mit Domeport für das

8-mm-Fisheye (180°).

100

Sucher

Auch bei den Suchersystemen kann man

zwischen einfacher Galilei-Optik oder aufwendigen

Suchersystemen mit unterschiedlich

abgewinkeltem Strahlengang wählen.

Mehrere Gehäusehersteller bieten Winkelsucher

für ihre Gehäuse an. Bei manchen

kann ein solcher nachträglich eingebaut werden,

andere Gehäuse hingegen lassen sich

nicht adaptieren.

Die einfachste Variante, eine Planglasscheibe,

verhindert, dass der gesamte Sucher

einsehbar ist. Die Brechung an der Scheibe

und der höhere Betrachtungsabstand durch

die Tauchermaske sind dafür verantwortlich.

Mit einer Galilei-Optik, die von der

Wirkung her einem umgedrehten Fernglas

entspricht, kann man zwar den gesamten

Sucher einsehen, er erscheint aber ver-

kleinert. Die Beurteilung von Schärfe und

die Bildkomposition werden dadurch erschwert.

Besonders bei Kameras, die bauartbedingt

einen kleinen Sucher aufweisen,

wie z. B. Kameras mit APS-C- oder FT-Sensor,

fällt dieser Effekt unangenehm auf.

Winkelsucher sind in Wahrheit richtige

Objektive. Mehrere Linsen und ein Prisma

sorgen dafür, dass das Sucherbild in natürlicher

Größe und trotz größerem Abstand

durch die Tauchermaske zur Gänze einsehbar

bleibt. Die Kamera fühlt sich damit

genau so an wie an der Luft. Der Knick im

Strahlengang sorgt dazu für eine entspannte

Haltung und ausreichend Platz für den

Atemregler. In Summe ein Maß an Komfort,

für das manche bereit sind, so viel Geld

auszugeben wie andere für eine Kompaktkamera

samt Gehäuse.


Planport

Ein Planport besteht meist aus einem Rohr

und einer planparallelen Scheibe. Er stellt

die einfachste Form der optischen Schnittstelle

dar. Durch die Planscheibe wird das

einfallende Licht am Übergang zwischen

Wasser, Glas und Luft gebrochen. Der Effekt

ist so, wie Sie ihn vom Blick durch die

Tauchermaske her kennen. Gegenstände

erscheinen näher und größer. Die dadurch

entstehenden Bildfehler sind bei engen Bildwinkeln

zu vernachlässigen. Für Nah- und

Makroaufnahmen hilft der Effekt, das Motiv

vergleichsweise größer als an der Luft

abzubilden. Die Anpassung eines Planports

an ein Objektiv folgt rein mechanischen Aspekten.

Der Durchmesser der Portscheibe

muss so gewählt sein, dass sie das Bild nicht

abschattet. Die Länge des Ports muss das

Objektiv bei maximalem Auszug aufnehmen

können.

Bei steigendem Bildwinkel treten die durch

die Brechung verursachten Abbildungsfehler,

besonders Randunschärfe und chromatische

Aberration, deutlicher zutage. Zusätzlich

verschenken Sie Bildwinkel, die Sie

durch teure Objektive mühsam erworben

haben. Bildwinkel über 100° sind wegen der

Totalreflexion an der Luft-Wasser-Grenze

mit Planglas nicht möglich.

Domeport

Ein Domeport (dome – englisch für Kuppel)

hat eine gewölbte Scheibe. Sie stellt einen

Ausschnitt aus einer Kugel dar. Der Radius

der Scheibe hat einen direkten Einfluss

auf die Bildqualität und den Einsatzbereich

des Ports. Bei der Anpassung eines Domeports

an ein Objektiv sind primär optische

Aspekte relevant. Der Kugelmittelpunkt

der Domescheibe soll im perspektivischen

Zentrum des Objektivs liegen. Der Öffnungswinkel

der Scheibe muss zumindest

dem Blickwinkel des verwendeten Objektivs

entsprechen.

Die Domescheibe wirkt zusammen mit dem

Wasser außen und der Luft innen wie eine

Linse. Sie lässt alles viel näher erscheinen.

Ein Objektiv muss auf mindestens 30 cm

Entfernung scharf stellen können, um hinter

einer Domescheibe mit 100 mm Radius

scharfe Bilder zu liefern. Kann es das nicht,

hilft eine Nahlinse, die das Objektiv etwas

„kurzsichtiger“ macht. Die Entfernung „unendlich“

rückt im Wasser bei Verwendung

einer Domescheibe auf ungefähr das Dreifache

des Domeradius an die Kamera heran.

Domescheiben erzeugen ein gewölbtes Bild

der Umgebung. Weitwinkelobjektive sind

darauf optimiert, eine flache Motivebene

optimal abzubilden. Mit dem gewölbten Bild

der Domescheibe haben sie daher Probleme,

die zum Bildrand hin stärker bemerkbar

werden, z. B. durch Unschärfe. Eine Kompensation

dieser Bildfehler erfordert möglichst

große Domeradien, die die Herstellungskosten

in die Höhe schnellen lassen

und zusätzlich Transport und Handhabung

erschweren. Fisheye-Objektiven hingegen

kommt das gewölbte Bild gerade recht. Sie

liefern selbst hinter einer vergleichsweise

kleinen Domescheibe Bilder mit hoher Abbildungsqualität.

Passende Unterwassergehäuse

Bei Kompaktkameras fällt die Entscheidung

leicht. Kamerahersteller bieten oft passende

Gehäuse für ihre Kameras an. Diese sind

üblicherweise preisgünstige Massenprodukte

aus Plexiglas. Weiteres Zubehör findet

man bei Drittanbietern.

Bei Spiegelreflexkameras sieht die Lage ganz

anders aus. Sie kaufen keine Kamera, Sie kaufen

ein System. Das beginnt bereits bei der

Kamera und den gewünschten Objektiven

und erstreckt sich weiter auf Gehäuse und

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

101


Das Olympus-PT-EP01-

Unterwasser gehäuse

für die Olympus E-PL1.

Das Gehäuse besteht

vorne aus schwarz

getöntem Plexiglas, um

Reflexe zu minimieren.

Der Planport ist

fest mit dem Gehäuse

verbunden. Im

Zubehörhandel gibt es

einen Umbausatz mit

Domeport.

102

Ports. Fast alle Hersteller von Gehäusen für

Spiegelreflexkameras sind Garagenfirmen.

Sie unterscheiden sich nur in der Größe ihrer

Garage. Das ist aber kein Nachteil. Flexibilität

und Kundennähe sind bei den kleinen Firmen

die Regel. Die große Ausnahme in dieser Kategorie

ist die Firma Olympus, die für einige

ihrer Spiegelreflexkameras Plexiglasgehäuse

in Massenfertigung anbietet.

Trotz steigenden Interesses für die Unterwasserfotografie

sind Gehäuse für Spiegelreflexkameras

immer noch Nischenpro-

dukte. Die Serien erreichen selten mehr als

zweistellige Produktionszahlen. Das erklärt

auch den hohen Preis für diese Gehäuse. Es

kostet viele Stunden Arbeit, eine Kamera zu

vermessen und ein Gehäuse zu konstruieren.

Die Kosten dafür und auch die Sockelkosten

für das Einrichten der Maschinen

teilen sich auf die geringe Auflage auf. Hochwertige

Materialien und gute Verarbeitung

haben ebenfalls ihren Preis. Dennoch: Ein

teures Gehäuse schmerzt einmal beim Bezahlen,

ein billiges bei jedem Tauchgang.


GRÖSSE

DES ATEMREGLERS

Hat Ihr Gehäuse einen Durchsichtsucher,

spielt auch die Größe Ihres

Atemreglers eine Rolle. Er muss

zwischen Ihnen und dem Gehäuse

Platz finden. Arbeiten Sie mit

Kamerabildschirm oder Winkelsucher,

spielt der Atemregler eine

geringere Rolle. Die Verteilung und

Strömungsrichtung der ausgeatmeten

Luft bestimmt, ob Sie den

Sucher klar sehen oder nur durch

einen dichten Vorhang von Blasen

betrachten. Abhilfe schafft oft das

Ausatmen durch die Maske. Dabei

perlt die ausgeatmete Luft seitlich

am Maskenrand aus und behindert

so nicht die Sicht.

UNTERWASSERGEHÄUSE

IM EIGENBAU?

Sollten Sie mit dem Gedanken

spielen, selbst ein Gehäuse für Ihre

Kamera zu bauen, ein guter Tipp:

Vergessen Sie die Idee ganz schnell.

Es bedarf einer hohen Leidensfähigkeit,

kostet unzählige Stunden an

Arbeit und verlangt viel technisches

Geschick, um ein solches Projekt

zu verwirklichen. Selbst wenn Sie

Ihre Arbeitszeit nicht einrechnen,

sprengen Sie mit Sicherheit den

finanziellen Rahmen kommerzieller

Gehäuse.

Nicht nur die Verfügbarkeit von Gehäuse

und Zubehörteilen, sondern auch die Nähe

und Erreichbarkeit des Herstellers oder zumindest

des Händlers stellen ein wesentliches

Kriterium bei der Entscheidung für

eine Unterwasserfotoausrüstung dar. Ein

Gehäuse muss regelmäßig gewartet werden,

um sicher zu funktionieren. Es kann

auch leicht vorkommen, dass Sie eine kleine

Anpassung benötigen, um Ihre Ausrüstung

für einen speziellen Zweck zu optimieren. In

diesem Fall punktet ein lokaler Betrieb mit

schnellen und flexiblen Lösungen, und Sie

haben zusätzlich das gute Gefühl, etwas für

die heimische Wirtschaft getan zu haben.

Was das Gewicht betrifft, liegen alle festen

Gehäusetypen nahe beisammen. Aluminiumgehäuse

sind sehr oft sogar etwas leichter

als vergleichbare Gehäuse aus Plexiglas

oder auch Carbonfaser, weil sie mit geringeren

Wandstärken auskommen und in der

Regel enger um die Kamera modelliert sind.

Im Schnitt kann man für das nackte Gehäuse

von einem Gewicht zwischen 1.000 und

1.500 g ausgehen. Mit Port, Kamera, Objektiv

und Blitz steigt das Transportgewicht

auf einen Wert zwischen 5 und 8 kg an. Im

Wasser wirkt sich das mit einem Abtrieb

von ungefähr 1 bis 2 kg aus. Ihre Kamera ist

somit Teil Ihres Gewichtssystems.

Flexible Universalgehäuse

Seit den Siebzigerjahren gibt es fast unverändert

Taschen aus weichem Kunststoff,

die mit Klemmschienen aus Metall verschlossen

werden. Sie besitzen eine Planglasscheibe

für das Objektiv. Die Bedienung

der Kamera erfolgt durch die weiche Wand

des Kunststoffbeutels. Obwohl es möglich

ist, mit einem solchen Gehäuse zu tauchen,

ist der Bedienkomfort gering. Besonders

die Bildkomposition durch den Sucher wird

zum Glücksspiel. Die Flexibilität des Beutels

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

103


Der Rückdeckel des

Olympus PT-EP01

ist transparent und

erlaubt den Blick auf

Bildschirm und elektronischen

Sucher.

104

kann schwerwiegende Folgen haben. Kaum

eine Kamera ist für den auf sie einwirkenden

Wasserdruck spezifiziert. Das bedeutet einen

Verlust der Garantie und kann auch zu

schweren Schäden an der Kamera führen.

Diese Gehäuseform ist ideal als Schutz gegen

Feuchtigkeit und heftiges Spritzwasser.

Zum Tauchen gibt es bessere Lösungen.

Gehäuse aus Plexiglas

Dieser Gehäusetyp findet meist bei Kompaktkameras

Verwendung. Die Herstellung

im Spritzgussverfahren ist ideal für den

Massenmarkt. Hohe Formkosten und gerin-

ge Loskosten machen das Verfahren erst bei

mehr als fünfstelligen Stückzahlen rentabel.

Das Gehäuse ist auf das entsprechende

Kameramodell abgestimmt und bietet alle

Funktionen der Kamera über Tasten oder

Drehräder an. Bei Gehäusen für Kompaktkameras

ist die optische Schnittstelle eine

Planglasscheibe in einem fix eingebauten

Port. Das transparente Gehäuse gestattet

die Kontrolle der Dichtungen und lässt

frühzeitig einen Wassereinbruch erkennen.

Es erlaubt aber auch, dass Streulicht an die

Innenseite der Portscheibe gelangt. Das

kann störende Reflexe zur Folge haben.


In kaltem Wasser kann es bei diesem Gehäusetyp

leicht vorkommen, dass die Portscheibe

innen beschlägt. Das Glas der Portscheibe

kühlt schneller ab als das Plexiglas

des Gehäuses. Daher kondensiert die Restfeuchtigkeit

aus der Luft im Gehäuse auf der

einzigen Fläche, auf der es wirklich stört.

Der Effekt kann durch Trocknung der Luft im

Gehäuse mit Silicagel-Beuteln vermieden

werden. Tauchen Sie vom Ufer aus, können

Sie das Gehäuse einige Zeit lang ins Wasser

legen, um es an die Kälte anzupassen. Nutzen

Sie die Zeit, in der Sie Ihre Tauchausrüstung

für den Einsatz vorbereiten, und verringern

Sie so die Gefahr des Beschlagens.

Die Gehäuse der Olympus-E-Serie und der

Pen-Serie neigen überraschend wenig zum

Beschlagen. Sie haben den Härtetest im

Bergsee bei Wassertemperaturen von 4 bis

10 °C problemlos bestanden.

Gehäuse aus Carbonfaser

Einige Gehäusehersteller verwenden kohlefaserverstärkte

Harze zum Bau des Gehäusekörpers.

Die aus dem Rennsport bekannten

Materialien eignen sich gut für diesen

Zweck. Das Verfahren erfordert Formen,

über die die Gehäusekörper modelliert

werden. Daher werden oft Einheitsgrößen

angeboten, in die je nach verwendeter Kamera

Bedienelemente eingearbeitet werden.

Auch ein nachträgliches Ändern oder

der Einbau weiterer Bedienelemente ist bei

diesem Typ einfach. Die Technik ist daher

für Prototypen oder Kleinstserien geeignet.

Eine exakte Anpassung an die Kamera ist

hingegen mit höherem Aufwand verbunden.

Thermisch verhalten sich diese Gehäuse

ähnlich wie die aus Plexiglas. Sie neigen

im Kaltwasser ebenfalls zum Beschlagen

der Glasflächen, sofern sie nicht mit einer

die Feuchtigkeit bindenden Beflockung ausgekleidet

sind.

Gehäuse aus Aluminium

Ein Kameragehäuse aus einem Aluminiumblock

zu fräsen, ist die teuerste Variante

und kann schnell das Doppelte der Kamera

kosten, die darin Platz findet. Sie erlaubt

aber eine optimale Anpassung an die Bedürfnisse

der Kamera und des Fotografen.

Man findet diesen Gehäusetyp daher fast

ausschließlich bei Spiegelreflexkameras der

gehobenen Preisklasse. Da das Aluminium

Kälte besser leitet als Glas, ist bei diesen

Gehäusen Beschlagen kein Thema. Meist

sind sie auch zusätzlich mit einer die Feuchtigkeit

bindenden Beflockung ausgestattet,

die außerdem Reflexe minimiert. Um den

Einsatz in Salzwasser schadlos zu überstehen,

muss Aluminium eloxiert werden.

Durch das Zusammentreffen unterschiedlicher

Metalle, wie Aluminium, Messing oder

Stahl, bildet sich im Kontakt mit Salzwasser

UNTERWASSERGEHÄUSE

RICHTIG LAGERN

Für die Lagerung von Unterwassergehäusen

gilt Ähnliches wie für die

restliche Fotoausrüstung. Bewahren

Sie das Gehäuse an einem trockenen,

dunklen Ort bei Zimmertemperatur

auf. Sorgen Sie dafür, dass das

Gehäuse vor der Lagerung komplett

getrocknet und sauber ist. Pflegen Sie

die Dichtungen wie vor einem Einsatz.

Lagern Sie die O-Ringe der Hauptdichtungen

getrennt und schließen

Sie den Gehäusedeckel nicht ganz.

Sie verhindern damit eine Materialermüdung

der Dichtungen.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

105


106

eine Batterie, wobei das jeweils unedlere

Metall durch den Stromfluss angegriffen

wird und korrodiert. Hier liegt auch einer der

Nachteile dieses Gehäusetyps. Kleine Schäden

an der Oberfläche können sich durch

Korrosion ausweiten und so zum Problem

werden. Gründlich gereinigte und entfettete

Schadstellen schützen Sie mit Lack gegen

weitere Korrosion.

Licht in der Dunkelheit

Kamera, Objektiv und Unterwassergehäuse

reichen allein aber in den seltensten Fällen

für zufriedenstellende Ergebnisse aus. Erst

Blitzgeräte, Lampen und ein paar kleine Hilfen

machen die Fotoausrüstung komplett.

Wasser filtert Licht je nach Wellenlänge unterschiedlich

stark. Das langwellige Ende des

Spektrums wird dabei deutlich stärker gefiltert

als das kurzwellige Ende. Daher fehlen

nach wenigen Metern Tiefe bereits merklich

die roten Anteile des Lichts. Befinden sich

zusätzlich Schwebstoffe im Wasser, ist die

Filterwirkung stärker und kann zu weiteren

Farbverschiebungen führen. Diese Gesetzmäßigkeit

gilt nicht nur für das Sonnenlicht,

sie gilt auch für Kunstlicht, das Sie in Form

von Lampen und Blitzlicht zum Aufhellen

verwenden. Selbst bei ausreichend hoher

Leistung ist daher die nutzbare Reichweite

einer Lichtquelle durch die Filterwirkung des

Wassers begrenzt. Mit zunehmender Tiefe

verblassen nicht nur die Farben, es wird

auch allgemein dunkler. Ein Grund, um Ihre

Ausrüstung um eine Lichtquelle zu erweitern.

Mit Kunstlicht können Sie diesen Effekt

im Nahbereich kompensieren.

Blitzlicht

Das Licht aus Elektronenblitzen weist ein

Spektrum auf, das dem Sonnenlicht sehr

ähnlich ist. Es gehört daher zu den am meis-

ten verwendeten Lichtquellen und zeichnet

sich durch knackige Farben und eine hohe

Intensität aus. Für die Dosierung der Lichtmenge

haben sich zwei Verfahren etabliert:

die automatische Messung durch das Kameraobjektiv,

TTL (Through The Lens), und

die manuelle Einstellung der Blitzleistung.

Bei der Wahl des Blitzes stehen Sie vor der

Entscheidung zwischen Systemblitz und Amphibienblitz.

Während Systemblitze optimal

auf die Kamera abgestimmt sind, punkten

spezialisierte Amphibienblitze bei Leistung

und Leuchtwinkel. Systemblitze stellen einen

guten Kompromiss im Nahbereich dar, zur

Ausleuchtung von Weitwinkel- oder Fisheye-

Aufnahmen mangelt es ihnen an Leistung

und Leuchtwinkel.

Das TTL-Verfahren zur Blitzbelichtung gehört

bei Analogkameras zum unverzichtbaren Luxus.

Die für Digitalkameras eingesetzten Methoden

der Lichtmessung unterscheiden sich

jedoch grundlegend von denen für Film. Den

Blitz bei offenem Verschluss zu zünden, die

vom Motiv reflektierte Lichtmenge zu messen

und den Blitz beim Erreichen eines Schwellenwerts

abzuschalten, funktioniert nicht mit digitalen

Sensoren. Diese simple und effektive

Methode der Belichtungssteuerung musste

durch einen aufwendigen Ablauf ersetzt werden,

der in mehreren Stufen erfolgt. Sekundenbruchteile

vor der eigentlichen Aufnahme

löst die Kamera ein oder zwei sehr kurze

Blitze, sogenannte Vor- oder Messblitze, aus.

Diese dienen der Messung der notwendigen

Lichtmenge. Erst danach wird der Verschluss

geöffnet und der Blitz entsprechend den zuvor

gemessenen Parametern für die eigentliche

Belichtung gezündet.

Um sich für dieses Verfahren zu eignen,

muss ein Blitzgerät in der Lage sein, in sehr

kurzer Folge mehrere Blitze unterschiedlicher

Intensität abzugeben. Viele Herstel-


ler von Amphibienblitzen haben ihre Produktpalette

in den letzten Jahren an diese

Notwendigkeit angepasst. Ältere Modelle

scheitern oft an den notwendigen kurzen

Intervallen zwischen Vorblitzen und Hauptblitz.

Eine zusätzliche Hürde für die Ansteuerung

mittels TTL sind die verwendeten digitalen

Protokolle, mit denen Kameras und

Blitzgeräte Informationen austauschen.

Diese Protokolle sind herstellerspezifisch

und können sich auch von Modell zu Modell

leicht unterscheiden.

Amphibienblitze verwenden meist die sehr

weit verbreitete Ansteuerung, die für die

Nikonos entwickelt wurde. Sie besteht aus

einfachen Schaltbefehlen zum Zünden und

Abschalten des Blitzlichts. Um die komplexe

„Unterhaltung“ digitaler Protokolle

in einfache Schaltbefehle für den Blitz zu

wandeln, wurden TTL-Adapter entwickelt.

Sie übernehmen die Umsetzung der Kamerabefehle

und können eine breite Palette

an Amphibienblitzen schalten. In manchen

Blitzen ist ein solcher Adapter bereits

eingebaut, andere Lösungen bevorzugen

zwecks einfacher Wartung einen Adapter

im Kameragehäuse. Trotz der immer besser

abgestimmten Bewertungsregeln für

die Belichtung scheitert die Automatik an

mancher Situation im Wasser. Die Lichtverhältnisse

weichen gelegentlich zu stark

von den erwarteten Szenarien ab, und die

Automatik entscheidet sich für falsche Parameter.

Dann hilft nur, Korrekturfaktoren

zu ermitteln oder manuell zu blitzen.

Die Möglichkeit zur exakten Belichtungskontrolle

mittels Histogramm hat die TTL-

Messung beim Blitzen mit Digitalkameras

entbehrlich gemacht. Anstatt in umfangreiche

technische Lösungen zu investieren,

reicht eine kurze Kontrolle des Histogramms,

um die notwendige Leistungseinstellung am

Blitzgerät zu ermitteln. Sehr hilfreich ist es

in diesem Fall, wenn die Leistung des Blitzgeräts

in mehreren Stufen einstellbar ist. Ein

Bereich von 4 bis 5 EV ist ideal, 3 EV in Stufen

zu 1 EV reichen für viele Anwendungen aus.

Halogenlicht

Mit einer Farbtemperatur von 3.000 bis

4.500 K hat Halogenlicht einen höheren

Rotanteil als Tageslicht. Es wirkt weicher

und erzeugt weniger knackige Farben und

Kontraste als Blitzlicht. Es ist als Dauerlicht

auch gut als Fokussierhilfe zu gebrauchen.

Sein Hauptanwendungsgebiet sind Videoaufnahmen.

Für die reine Fotografie hat es

eine untergeordnete Bedeutung.

Die Intensität liegt weit unter der von Blitzlicht.

Dazu ein kleines Rechenbeispiel: Ein

durchschnittliches Blitzgerät mit einer Leistung

von 60 Ws benötigt weniger als 0,02

Sekunden für einen Blitz. Das entspricht der

Lichtmenge von 3.000 W Halogenlicht während

einer Belichtungszeit von 1/50 Sekunde,

wobei der unterschiedliche Wirkungsgrad

von Halogenleuchte und Blitzröhre in dieser

Berechnung vernachlässigt wird.

Das Ausleuchten von Weitwinkelaufnahmen

ist daher nur begrenzt möglich. Kaltlichtspiegellampen

eignen sich besonders

gut für Foto und Video. Sie sind in Abstrahlwinkeln

zwischen 10 und 60° erhältlich und

zeichnen sich durch eine sehr gleichmäßige

Ausleuchtung und einen sanften Helligkeitsabfall

zum Rand hin aus. Zwei dimmbare

Leuchten mit 30 bis 60 W Nennleistung

sind ein guter Kompromiss zwischen

Helligkeit, Gewicht und Volumen. Leuchtmittel

mit speziellem Aufbau (z. B. Osram

IRC) liefern bei gleichem Verbrauch deutlich

mehr Licht. So haben Sie bei gleicher

Akkukapazität die Möglichkeit, heller oder

länger zu beleuchten.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

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108

LED-Licht

Hohe Energieeffizienz, geringe Abwärme

und die Robustheit der Leuchtmittel fördern

die Verbreitung von LEDs als Lichtquellen.

Nicht alle Typen weisen ein ausreichend kontinuierliches

Farbspektrum auf. Das bewirkt

falsche Farben oder Schwächen in der Ausleuchtung

bei bestimmten Farbtönen. Die

meisten LEDs haben einen engen Abstrahlwinkel.

Eine gleichmäßige flächige Beleuchtung

erfordert erhöhten Aufwand und Sorgfalt

bei der Herstellung von LED-Lampen.

Hochwertige Strahler können sehr effektvolles

und effizientes Licht liefern, das gut

für Nahaufnahmen eingesetzt werden kann.

Neutralweiße LEDs zeigen die natürlichste

Farbdarstellung. Viele LED-basierte Leuchten

sind wegen ihrer ungleichmäßigen Helligkeitsverteilung

und einem engen Lichtkegel

nur als Hilfe zum Fokussieren zu verwenden,

ihre Farbcharakteristik und Lichtverteilung

disqualifiziert sie als Fotolicht.

Als Fokushilfslicht eignen sich besonders

jene LED-Lampen, die mit einem Helligkeitssensor

ausgestattet sind, der sie beim

Zünden eines Blitzlichts für ungefähr eine

Sekunde abschaltet. So helfen diese Leuchten

beim Fokussieren und verhindern durch

das Abschalten unvorteilhafte Lichteffekte

in der Aufnahme.

HID-Licht

In der Medizin- und Automobiltechnik verbreitet,

führen diese Lichtquellen unter

Wasser ein Schattendasein. Obwohl das von

ihnen abgegebene Licht dem Sonnenlicht in

Spektrum und Farbtemperatur sehr ähnlich

ist und der Verbrauch deutlich unter dem

von Halogenlampen liegt, wird HID-Licht

kaum verwendet. Gründe dafür sind die hohen

Kosten und die Anfälligkeit der Leuchtmittel

sowie deren begrenzte Lebensdauer.

HID-Lampen kommen gelegentlich beim

technischen Tauchen zum Einsatz.

Farbkorrekturfilter

Es gibt Situationen, in denen Kunstlicht

nicht verwendet werden kann. Bei Tiefen bis

zu 10 m können Farbkorrekturfilter das Bildergebnis

verbessern. Bis dorthin sind noch

Teile des roten Spektrums vorhanden. Sie

sind aber gegenüber den verbleibenden Anteilen

des Spektrums verschwindend gering.

Ein Farbkorrekturfilter kann dieses Ungleichgewicht

kompensieren. Diese Filter schwächen

die dominanten Grün- und Blauanteile

ab, während sie die Rotanteile ungehindert

passieren lassen. Das Ergebnis ist ein ausgeglichenes

Spektrum. Natürlich kann man

kleine Farbkorrekturen auch nachträglich

am Computer durchführen. Eine bei Tiefen

von 5 bis 10 m übliche Differenz von bis zu

2 EV zwischen rotem und blauem bzw. grünem

Farbkanal erfordert zur Korrektur eine

extreme Verstärkung im roten Kanal. Das

bewirkt ein übermäßiges Farbrauschen, das

sich in Artefakten wie roten Flecken im Bild

manifestiert. Durch die Verwendung eines

Korrekturfilters verschieben sich die Belichtungsdaten

um bis zu 2 EV. Die Balance

zwischen den Farbkanälen wird annähernd

hergestellt. Die verbleibende Abweichung

kann leicht ohne sichtbare Folgen im Bild bei

der Bearbeitung korrigiert werden.

Der Einsatz von Farbkorrekturfiltern bietet

sich vor allem bei Weitwinkel- und Fisheye-

Objektiven an. Es schafft eine natürlich anmutende

farbliche Tiefe, die mit Kunstlicht

nicht erreichbar ist. Manche Objektive, besonders

Fisheyes, erlauben keine Montage

eines Filters vor der Frontlinse. Eine Filterfolie,

die an der Rückseite des Objektivs

platziert wird, ist oft die einzige Lösung. Hat

ein Objektiv keine dafür vorgesehene Halterung,

kann man die Filterfolie mit einem

versteifenden Rahmen im Spiegelkasten der

Kamera montieren. Wenn Sie Farbkorrekturfilter

und Blitzlicht kombinieren, erzeugt


der Blitz einen Rotstich, weil sein Licht wegen

des geringen Wegs überkompensiert

ist. Für die Kombination von Filter und Blitz

müssen Sie den Blitz mit einem passenden

blauen Filter, abhängig vom Lichtweg, dem

natürlichen Licht im Wasser anpassen.

Kleine Helfer immer dabei

Damit Sie die Kamera sicher an Ihrer Tarierweste

befestigen können, empfiehlt sich ein

Spiralfederzug. Die bei diesen Spiralfedern

üblichen Karabiner aus Plastik sind klein und

mit Handschuhen schlecht zu bedienen. Ersetzen

Sie den Plastikkarabiner durch einen

Karabiner aus dem Bergsport. Deren Größe

und Griffigkeit gewährleistet selbst mit dicken

Handschuhen eine gute Handhabung.

Wollen Sie sicherstellen, dass sich der Karabiner

nicht versehentlich durch Verdrehen

ausklinkt und löst, verwenden Sie zwei Karabiner,

die gegengleich eingehängt werden.

Schraubkarabiner sind für den Einsatz im

Wasser wenig geeignet, ebenso Karabiner

mit Sicherungshülsen oder Schiebern. Sie

verkleben leicht im Salzwasser und sind anfällig

für Sand, der sie blockieren kann. Gleiches

gilt für Schnappkarabiner herkömmlicher

Bauart. Die Feder im Verschluss leidet

schnell unter den im Wasser vorherrschenden

Bedingungen.

Die wie eine Büroklammer wirkenden

Schnappkarabiner haben sich im Wasser

bewährt. Der Mechanismus ist einfach,

leicht auf korrekte Funktion überprüfbar

und weitgehend selbstreinigend. Zur Pflege

reicht es, den Karabiner mit Frischwasser

abzuspülen und gelegentlich mit Silikonfett

zu schmieren. Schadstellen durch Kontaktkorrosion

entstehen erst nach jahrelangem

intensivem Einsatz. Schäden sind bei dieser

Konstruktion, im Gegensatz zu anderen

Karabinern, leicht zu entdecken und treten

meist nur an den Berührungspunkten von

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Farbkorrekturfilter für die Montage im Spiegelkasten von Olympus-

E-System-Kameras. Diese Lösung funktioniert mit jedem Objektiv.

(Bezugsquelle: mike-dive)

Spiralfederzüge mit Metallkarabinern aus der Bergsportabteilung.

Modelle mit Drahtbügel bleiben im Wasser jahrelang einsatzfähig.

Klassische Schnappkarabiner haben eine Feder im Bügel, die sich

durch Sand und Salz leicht verklemmt.

109


Dieser Anblick möge

Ihnen erspart bleiben.

Blick durch den gefluteten

Domeport, das Wasser

reicht fast bis zum

Objektiv. Als Fehlerquelle

konnten die Gurt-Ösen

identifiziert werden, die

ein korrektes Schließen

des Gehäuses verhinderten.

Ein klassischer

Bedienungsfehler.

110

Drahtbügel und Körper auf. Ersetzen Sie

den Karabiner, wenn die Korrosion so weit

fortgeschritten ist, dass der Karabiner nicht

mehr zuverlässig schließt. Eine breite Auswahl

an Karabinern aus Aluminium finden

Sie in der Bergsportabteilung.

Karabiner aus Stahl halten zwar ewig, sie sind

aber bei gleicher Größe deutlich schwerer

und teurer. Ihre Mechanik ist häufig anfällig

bei Sand und Schlamm. Sie sind im Bootszubehörhandel

erhältlich.

Nicht immer ist es möglich und sinnvoll,

ein Motiv frei schwebend ins Visier zu nehmen.

Sie minimieren in manchen Situationen

das Risiko eines Schadens in der Natur,

wenn Sie sich anstatt durch Flossenschlag

durch Kontakt zum Boden fixieren. Um diesen

Kontakt möglichst schonend für die

Umwelt zu gestalten, benötigen Sie einen

einfachen Zelthering mit Öse, der an einem

Spiralfederzug befestigt ist. Damit können

Sie sich mit minimalem Kontakt abstützen

und die Kamera stabil halten. Der Zelthering

funktioniert auch ganz gut als Zeigestab.

Bei der Suche nach winzigen Motiven

im Makrobereich bringt eine Unterwasserlupe

bis zu 2,5-fache Vergrößerung. Normale

Lupen haben im Wasser wenig Wirkung.

Der Brechungsindex von Glas und

Wasser liegt so nahe beisammen, dass die

optische Wirkung verloren geht.

Kamerapflege und Wartungstipps

Ein Sprichwort sagt: Es gibt zwei Gruppen

von Tauchern. Die eine hat ihre Kamera

schon einmal geflutet, die andere wird es

einmal tun. Der häufigste Grund für Wassereinbruch

im Gehäuse sind Bedienungsfehler,

gefolgt von falscher Wartung. Gute

Planung, ausreichend Zeit und ein schrittweise

aufgebauter Ablauf der vorbereitenden

Arbeiten am Gehäuse helfen, Fehler zu

vermeiden. Stellen Sie sich eine Checkliste

zusammen, die Sie vor dem Tauchgang abarbeiten.

Binden Sie die Überprüfung Ihrer

Kameraausrüstung in den obligatorischen

Buddy-Check der Tauchausrüstung ein.

Dichtungen

Für die Abdichtung des Gehäuses werden

O-Ringe eingesetzt. Die Hauptdichtung

am Gehäusedeckel ist die größte und auch

jene, die vom Anwender regelmäßig gewartet

werden muss. Das gilt bei Gehäusen mit

Wechselports auch für die Portdichtungen.

Weitere meist unauffällig verbaute O-Ringe

finden sich in den Durchführungen von Tasten

und Stellrädern. Ihre Pflege übersteigt

die Möglichkeiten der meisten Anwender

und sollte durch Hersteller oder qualifiziertes

Servicepersonal erfolgen. Je nach Typ

der Dichtungen liegen die Serviceintervalle

zwischen zwei und vier Jahren.

Ein O-Ring dichtet, indem er satt zwischen

den Dichtflächen eingeklemmt wird. Sand,

Staub, Haare, Salzkristalle oder andere

Fremdkörper führen dazu, dass sich zwischen

O-Ring und Dichtfläche ein Spalt bilden

kann, durch den Wasser eindringt. Ein

häufiger Fehler bei der Wartung ist übermäßiges

Schmieren. Zu viel Fett kann auch

dazu führen, dass Wasser den Weg ins Gehäuse

findet. Die ideale Menge erkennen

Sie daran, dass sich der O-Ring seidenmatt

anfühlt. Geben Sie etwas Fett auf Ihre Fin-


gerspitzen und ziehen Sie den O-Ring vorsichtig

durch die sanft angepressten Finger.

Verteilen Sie das Fett gleichmäßig und verwenden

Sie ein flusenfreies Tuch, um überschüssiges

Fett abzustreifen.

Das Durchziehen des O-Rings ist gleichzeitig

eine Kontrolle der Oberfläche. Achten

Sie auf Risse, spröde Stellen und andere

Verletzungen des O-Rings. Ist dieser beschädigt,

muss er unbedingt ausgetauscht

werden. Verwenden Sie nur Schmiermittel,

die vom Hersteller für die Dichtungen empfohlen

werden. Unpassende Schmiermittel

können zum Aufquellen oder Zersetzen von

O-Ringen führen. Ebenso sollten Sie als Ersatz

nur O-Ringe gleicher Bauart, Härte und

Abmessung verwenden, um die Dichtwirkung

nicht zu gefährden.

Nicht bewegte O-Ringe kleben nach einiger

Zeit fest. Das betrifft besonders jene, die

Taster und Stellräder abdichten. Drücken

Sie daher alle Tasten und bewegen Sie alle

WARTUNGSHINWEIS

Zu viel Schmiere flutet die Kamera!

Hüten Sie sich vor zu viel Fett auf den

O-Ringen. Fett lässt die Dichtung

gleiten, ebnet aber auch Wasser den

Weg ins Gehäuse. Ein hauchdünner,

seidenmatter Schmierfilm pflegt

den O-Ring und gewährleistet eine

gute Dichtun g. Verwenden Sie nur

Schmiermittel, die vom Hersteller für

die Dichtungen empfohlen werden.

Unpassende Schmiermittel können

zum Aufquellen oder Zersetzen von

O-Ringen führen.

Stellräder am Gehäuse, wenn Sie dieses

einige Zeit nicht benutzt haben. Sie sollten

das Gehäuse nur dann verwenden, wenn

sich alle Bedienelemente leichtgängig bewegen

lassen.

Reinigung

Salzwasser bildet beim Trocknen Kristalle

aus. Ihr Wachstum ist in der Lage, Dichtungen

auszuhebeln. Dadurch kann Feuchtigkeit

ins Gehäuse gelangen. Dieser Fall tritt

besonders dann auf, wenn das Gehäuse ungespült

trocknet und danach in ein Spülbecken

getaucht wird. Der dort herrschende

geringe Wasserdruck reicht nicht aus, den

O-Ring satt an die Dichtflächen zu pressen.

Sickerwasser findet so leicht einen Weg ins

Innere des Gehäuses.

Spülen Sie das Gehäuse unmittelbar nach

jedem Einsatz gründlich mit Süßwasser.

Haben Sie keine Gelegenheit dazu, halten

Sie das Gehäuse möglichst durchgehend

nass, bis Sie es spülen können. Sie verhindern

dadurch wirksam das Wachsen von

Salzkristallen. Verwenden Sie keine scheuernden

Putzmittel. Wenn es die Herstellerangaben

zulassen, können Sie für die Entfernung

hartnäckiger Verschmutzung auch

Spülmittel verwenden. Zum Abtrocknen

des Gehäuses eignet sich ein flusenfreies

Tuch. Mikrofasertücher haben sich dafür

besonders bewährt. Öffnen Sie das Gehäuse

erst, wenn es trocken ist. Sie verhindern

so, dass Wasser beim Öffnen ins Innere

tropft und die Kamera beschädigt. Reinigen

Sie die Nut der Hauptdichtung mit einem

Tuch, um Sand, Schlamm, Schwebstoffe

oder Salzkristalle zu beseitigen.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

111


112

Ihre Gesundheit steht an erster Stelle

Keine Kamera ist mehr wert als Ihre Gesundheit.

Tauchen Sie nie schneller auf, als

es Ihr Tauchprofil erlaubt. Wenn Sie während

des Tauchgangs feststellen, dass Ihr

Gehäuse undicht ist, bewahren Sie Ruhe.

Panik kann in dieser Situation Ihre Gesundheit

ernsthaft gefährden.

Halten Sie das Gehäuse so, dass sich das

Wasser an einer Stelle sammelt, an der es

möglichst wenig Schaden anrichten kann.

Schalten Sie die Kamera und alles Zubehör

ab. Versuchen Sie, die Kameraakkus

trocken zu halten. Akkus haben die unangenehme

Eigenschaft, ein Vielfaches ihres

Volumens an Gas zu entwickeln, wenn sie

nass werden. Dadurch kann ein Gehäuse im

Extremfall sogar bersten.

Zurück an der Oberfläche, öffnen Sie das

Gehäuse und lassen das eingetretene Wasser

auslaufen. Entfernen Sie alle Akkus und

Batterien. Spülen Sie das Gehäuse und alle

mit Salzwasser in Kontakt gekommenen Teile

mit sauberem Süßwasser. Verwenden Sie,

wenn verfügbar, destilliertes Wasser. Es löst

Mineralstoffe und Salz optimal. Geben Sie

der Elektronik ausreichend Zeit zum Trocknen,

mindestens eine, besser zwei Wochen.

Sie unterstützen die Trocknung, indem Sie

die betroffenen Geräte in einem klimatisierten

Raum mit trockener Luft lagern.

Fliegen mit der Fotoausrüstung

Fliegen mit der Fotoausrüstung will gut geplant

sein. Die Entscheidung darüber, welche

Teile der Ausrüstung aufgegeben werden

müssen und was ins Handgepäck darf,

können Sie den Transportvorschriften der

IATA (Internationale Vereinigung der Luft-

fahrtunternehmen) entnehmen. Tauchen

Sie vorwiegend in heimischen Gewässern,

reicht für den Transport Ihrer Fotoausrüstung

eine feste Tasche oder Transportbox.

Fotografieren Sie aber auch in tropischen

Regionen, müssen Sie Ihre Fotoausrüstung

flugtauglich verpacken. Eine Kompaktkamera

mit Gehäuse und Blitz findet leicht

im Handgepäck Platz. Eine umfangreiche

Ausrüstung aus Spiegelreflexkamera, Objektiven,

Gehäuse, Ports und Blitzanlage

überschreitet oft die zulässigen Limits bei

Gewicht und Abmessungen. Die aktuellen

Gewichtsgrenzen liegen je nach Fluglinie in

der Economy-Klasse für ein Gepäckstück

bei 6 bis 8 kg. Die maximalen Abmessungen

für kabinentaugliches Gepäck sind bei

den meisten europäischen Fluglinien mit

55 x 40 x 20 cm angegeben.

Unbedingt ins Handgepäck

Tauchlampen und Blitzgeräte gelten als Gefahrgut.

Für sie gelten spezielle Regelungen,

die vorschreiben, dass diese Geräte mit demontiertem

Akku oder Leuchtmittel und

Einschaltsicherung im Handgepäck transportiert

werden müssen. Der Grund dafür

ist die Hitzeentwicklung im Fall eines Kurzschlusses.

Sie kann zur Entzündung umliegender

Gegenstände führen. Ein Problem,

das während des Flugs in der Passagierkabine

leichter zu lösen ist als im Frachtraum.

Auch mindestens eine Kamera, die dazugehörigen

Akkus, Speicherkarten und ein universelles

Objektiv sollten im Handgepäck

Platz finden. Sonst kann es passieren, dass

Ihr Urlaub ganz ohne Bilder endet. Verwenden

Sie weiche Taschen oder Rucksäcke für

das Handgepäck.


Was man aufgeben kann

Es gibt schon einen guten Grund dafür, dass

man die Überlassung von Gepäckstücken

an eine Fluglinie als „aufgeben“ bezeichnet.

Wer mit Tauchausrüstung reist, hat aber

kaum eine andere Wahl und meist Übergepäck.

Packen Sie nur robuste Ausrüstungsgegenstände

ins aufgegebene Gepäck.

Schützen Sie Empfindlicheres, indem Sie es

zwischen Kleidungsstücke packen. Ist Ihre

Ausrüstung so umfangreich, dass Sie auch

Kamera, Gehäuseteile oder Objektive aufgeben

müssen, wählen Sie eine robuste Verpackung.

Ein Pelicase oder eine Zarges-Box,

innen gepolstert mit ausreichend Schaumstoff,

schützt Ihre wertvolle Ausrüstung

zuverlässig. Das wissen in der Zwischenzeit

auch Diebe. Packen Sie daher diese Behälter

mit etwas Füllmaterial, z. B. Handtüchern

oder Wäsche, in eine unauffällige Sporttasche

oder einen Sack.

Zum Verschließen aufgegebener Gepäckstücke

sollten Sie nur TSA-taugliche Schlösser

verwenden. Diese können bei Kontrollen,

bevorzugt in den USA, mit Spezialschlüsseln

geöffnet werden. Anderen Schlössern droht

bei Gepäckkontrollen der Bolzenschneider.

Parallel zum Schloss sollten Sie an einer Stelle

einen Kabelbinder anbringen. Drucken Sie

„please close with zip tie when you’re done“

(bitte wieder mit Kabelbinder verschließen)

auf ein Blatt Papier. Kleben Sie rote Kabelbinder

mit Klebeband auf das Blatt und legen Sie

es gut sichtbar obenauf ins Gepäck. Verwenden

Sie grüne Kabelbinder, um das Gepäckstück

vor dem Aufgeben zu sichern. Sie sehen

dadurch sofort, wenn jemand Ihr Gepäck

geöffnet hat. Die Kontrollorgane verschließen

meist Ihr Gepäckstück wie gewünscht.

Oft legen sie dabei auch einen Hinweis auf

die erfolgte Kontrolle dazu. Vergessen Sie

nicht, ausreichend Kabelbinder und Hinweiszettel

für die Heimreise oder Teilstrecken mit

neuerlichem Einchecken ins Handgepäck zu

packen.

Fluglinien ersetzen verloren gegangenes

oder beschädigtes Gepäck nach Gewicht.

Tauch- und Fotoausrüstung wird bei den

üblichen Raten unter dem Schrottpreis abgegolten.

Wenn Sie Ihre Ausrüstung zur

Abfederung des finanziellen Schadens versichern,

achten Sie darauf, dass die Versicherung

auch dann zahlt, wenn Sie das

versicherte Gut beim Fliegen aufgeben.

Viele Versicherungen klammern diesen Fall

im Kleingedruckten aus. Eine Versicherung

hilft Ihnen zwar meist nicht schnell genug,

dass Sie während Ihrer Reise wieder fotografieren

können, sie mildert aber auf jeden

Fall den Ärger der Wiederbeschaffung.

NICHT IM HANDGEPÄCK

UND DOCH SICHER

Alles, was Sie am Körper tragen,

zählt nicht zum Handgepäck. Nur in

sehr kleinen Flugzeugen werden Sie

selbst samt Gepäck gewogen. Seien

Sie also kreativ bei der Auswahl der

Kleidung. Fotowesten und Hosen mit

vielen Taschen bieten zusätzlichen

Stauraum für Kleinteile. Wenn Sie in

Gruppen reisen, können Sie Ihre Fotoausrüstung

auf nicht fotografierende

Mitglieder der Gruppe aufteilen.

Sprechen Sie das im Vorhinein ab, um

böse Überraschungen beim Check-in

zu vermeiden. Nichts ist schlimmer,

als Gepäck aufgeben zu müssen, das

nicht dafür vorbereitet wurde.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

113


Lauerjäger wie Drachenköpfe,

Steinfische oder

Krokodilsfische eignen

sich besonders gut für

Nahaufnahmen. Sie

fühlen sich in ihrer guten

Tarnung sicher und haben

daher eine geringe

Fluchtdistanz.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/16,0

ISO 100

114

Geheimnisse guter Unterwasserfotos

Das Geheimnis der meisten guten Unterwasseraufnahmen

ist: Gehen Sie nah ran!

Dieser kleine Satz bildet die Grundlage für

gute Unterwasserbilder. Kurze Lichtwege

und wenig Platz für Schwebeteilchen

zwischen Motiv und Kamera ermöglichen

kräftige Farben. Das gilt für Makro- wie

auch für Weitwinkelaufnahmen. Eine gekonnte

Lichtführung unterstützt diese Wirkung

und bringt Stimmung ins Bild.

Wie nah ran, wird von der Fluchtdistanz bestimmt

– jenem Abstand, den ein Tier als

Bedrohung interpretiert und ab dem es mit

Flucht oder Angriff reagiert. Kenntnis über

Verhalten und Biologie Ihrer Motive hilft

Ihnen, die Lage richtig einzuschätzen. Im

Zweifelsfall können Sie sich auch an ein Motiv

herantasten. Machen Sie Bilder, während

Sie sich annähern. So schaffen Sie ein Bild,

das vielleicht nicht optimal ist, aber allemal

besser als gar kein Bild.

Manuelle Kameraeinstellung

Viele Kompaktkameras bieten Motivprogramme

für Unterwasserfotos. Diese verwenden

Einstellungen, die speziell auf die

Anforderungen von Nah- und Übersichtsaufnahmen

im Wasser ausgerichtet sind.

Mehr Einfluss auf die Bildgestaltung nehmen

Sie aber, wenn Sie alle Einstellungen

manuell wählen. Sie vermeiden dadurch

Fehler, die sich durch eine falsche Einschätzung

der Lichtsituation durch die Automatik

der Kamera ergeben könnten. Ein weiterer

Vorteil manueller Einstellungen liegt darin,

dass Sie die Parameter für die Belichtung

bewusst verändern. So fallen Ihnen grenzwertige

Einstellungen eher auf, als wenn Sie

alles blind der Kamera überließen, und Sie

können entsprechend gegensteuern.

Die Schärfentiefe , also der als scharf empfundene

Bereich im Bild, hängt vom verwendeten

Abbildungsmaßstab ab. Dieser

ergibt sich bei jeweils formatfüllender Abbildung

eines Motivs mit gleichem Bildwinkel

aus der Größe des Sensors und der

dafür notwendigen Brennweite. Vereinfacht

kann gesagt werden, dass die Schärfentiefe

mit kleinerem Sensor wächst. Dieser Effekt

hat zwei Seiten. Einerseits hilft eine große

Schärfentiefe, Abbildungsfehler durch den

Port abzuschwächen, andererseits verhindert

sie den kreativen Einsatz selektiver

Schärfe zur Bildgestaltung.

Die im Folgenden angegebenen Blendenzahlen

sind Erfahrungswerte, die für Kameras

mit APS-C- oder FT-Sensor gelten. Bei

Kompaktkameras mit deutlich kleinerem

Sensor können Sie die Blende vergleichsweise

um mehrere Stufen öffnen, ohne

an Schärfentiefe zu verlieren. Das erlaubt

Ihnen, eine geringere Empfindlichkeit einzustellen

und so Einbußen in der Bildqualität

durch Rauschen zu verringern.


Parameter für Nah- und Makroaufnahmen

Bei Nah- und Makroaufnahmen kommt

das Licht überwiegend vom Blitz. Mit Systemblitzen

wählen Sie die Synchronzeit

der Kamera, ansonsten eher 1/125 Sekunde

als Belichtungszeit. Bei leistungsstarken,

länger leuchtenden Blitzen sollten Sie

1/60 Sekunde wählen. Einen möglichst großen

Schärfebereich erreichen Sie mit einer

Blende zwischen f/8 und f/16. Dieser kann

bei Abbildungsmaßstäben von 1:2 bis 1:1

trotz weit geschlossener Blende auf wenige

Millimeter schrumpfen. Zusätzlich hilft die

weit geschlossene Blende, den nicht ausgeleuchteten

Hintergrund in Dunkelheit zu

tauchen.

Die einzustellende Blitzleistung richtet sich

nach gewählter Blende und Empfindlichkeit.

Dieses Parameterpaar bestimmt die Belichtung

und somit die Bildwirkung. Die Belichtungszeit

ist in der Regel sekundär, solange

sie ausreicht, um die Blitzenergie voll zu

nutzen. Nur in Situationen, in denen Sie Bewegungsunschärfe

gestalterisch einsetzen,

sollten Sie die Belichtungszeit länger als

1/60 Sekunde wählen. Synchronisieren Sie

dann den Blitz auf den zweiten Verschlussvorhang,

um den Effekt der Bewegung natürlich

wirken zu lassen.

Für eine optimale Bildqualität stellen Sie die

Empfindlichkeit auf die Basisempfindlichkeit

Ihrer Kamera ein. Diese liegt je nach Modell

bei ISO 100 bis 200. Der Hauptlichtquelle

entsprechend, verwenden Sie für den

Weißabgleich Blitz oder Tageslicht, also

einen Wert zwischen 5.000 und 5.500 K.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/30 s

Blende f/5,6

ISO 100

Blitzleistung und Blende

tragen zur Belichtung

des Vordergrunds bei,

Belichtungszeit und

Blende bestimmen die

Wirkung des Hintergrunds.

115


Im trüben oder

brackigen Wasser

darf Kunstlicht nur mit

großer Sparsamkeit

eingesetzt werden,

um „Schwebeteilchenschnee“

zu vermeiden.

Eine Lichtquelle am

Modell erzeugt einen

Akzent und unterstützt

den auf schwache Leistung

geregelten Blitz

bei der Blickführung.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/4,0

ISO 200

116

Wenn Sie wenig Platz auf der Speicherkarte

haben oder den höheren Aufwand bei der

Bearbeitung scheuen, können Sie hier auch

im JPEG-Format arbeiten. Für maximale

Reserven in der Bearbeitung ist die Speicherung

in RAW zu empfehlen.

Freistellen durch selektive Schärfe ist mit

Kompaktkameras wegen der großen Schärfentiefe

kaum möglich. Alternativ können Sie

in diesem Fall versuchen, mit Licht freizustellen.

Mehr dazu finden Sie im Abschnitt „Ausleuchtung

und Lichtführung im Wasser“.

Parameter für Weitwinkelaufnahmen

Bei Weitwinkelaufnahmen gewinnen zwei

Parameterpaare an Bedeutung. Belichtungszeit

und Blende bestimmen die Wirkung des

Hintergrunds. Blende und Blitzleistung legen

die Lichtwirkung im Vordergrund fest. Die

Abstimmung dieser Wertepaare gibt Ihnen

Spielraum in der Bildgestaltung.

Sie messen die Belichtung auf den Hintergrund,

zum Beispiel das tiefe Blau des

Wassers. Dieses wirkt besonders plastisch,

wenn Sie es ungefähr 1/2 EV unterbelichten.

Mit der Belichtungszeit sollten Sie dabei

zwischen 1/60 Sekunde und der Synchronzeit

liegen. Längere Zeiten führen oft

zu sichtbarer Bewegungsunschärfe. Fische

sind zu schnell, um mit 1/30 Sekunde immer

scharf abgebildet zu werden, selbst wenn

Sie die Kamera dabei dank Bildstabilisator

ruhig halten.

Blendenwerte zwischen f/5,6 und f/11 sorgen

für einen meist ausreichend großen

Schärfebereich. Wollen Sie auch bei Weit-


winkelaufnahmen den Hintergrund in Unschärfe

versinken lassen, müssen Sie sehr

nahe an das Hauptmotiv heran und die Blende,

soweit es verträglich ist, öffnen. Notfalls

müssen Sie die Empfindlichkeit anpassen,

um die gewünschte Blende zu erreichen.

Regeln Sie nun die Blitzleistung passend

zur gewählten Blende. Die Einstellung soll

so gewählt sein, dass keine bildwichtigen

Elemente überstrahlt abgebildet werden.

Farblich sind solche Aufnahmen schwer

einzuschätzen. Der automatische Weißabgleich

liegt in seiner Bewertung mit hoher

Wahrscheinlichkeit falsch.

Arbeiten Sie im RAW-Format und stimmen

Sie die Farben zu Hause in der Bildbearbeitung

ab. Als Ausgangsbasis für eine Vorschau

bietet sich die Einstellung Tageslicht

mit 5.000 bis 5.500 K an. Sie bildet die

Charakteristik von Diafilm nach und ergibt

eine einheitliche Farbgebung, wenn man die

Bilder zur Voransicht mit einer Standardaktion

in JPEG wandelt. Bei ausreichend Speicherplatz

können Sie auch RAW und JPEG

parallel speichern, um schnell eine Vorschau

zur Hand zu haben.

Wenn Sie ein korrigiertes Weitwinkelobjektiv

hinter einem Domeport verwenden,

verschenken Sie an den Bildecken je nach

Domeradius zwischen 1 und 3 EV für den

Ausgleich der Randschärfe gegenüber einem

Fisheye. Das bedeutet, dass Sie trotz

weiter geschlossener Blende zum Bildrand

hin einen geringeren Schärfebereich zur

Verfügung haben. Wie stark der Effekt wirkt,

hängt von der Abstimmung von Domeport

und Objektiv ab. Eine Testreihe im gefliesten

Schwimmbecken zeigt Ihnen zuverlässig

den verträglichen Blendenbereich.

Ausleuchtung und Lichtführung

im Wasser

Die Ausleuchtung ist im Wasser ein wichtiges

Mittel zur Bildgestaltung. Meist reicht

das Sonnenlicht nicht als alleinige Lichtquelle.

Es liegt daher an Ihnen, mit Kunstlicht

für eine passende Stimmung oder farbige

Akzente im Bild zu sorgen.

Makroaufnahmen

Frontales Licht lässt ein Motiv flach erscheinen,

dazu erzeugt es auf dem Hintergrund

harte Schatten. Weit angenehmer

wird Licht empfunden, das seitlich schräg

von oben kommt. Es modelliert das Motiv

plastisch und hebt Strukturen hervor. Idealerweise

verwenden Sie zwei in der Leistung

getrennt einstellbare Lichtquellen und

nehmen damit Ihr Motiv in die Zange. Das

Hauptlicht kommt dabei z. B. von schräg

oben, ein Hilfslicht zum Aufhellen befindet

sich seitlich gegenüber der Hauptlichtquelle.

Anstelle einer zweiten Lichtquelle können

Sie auch einen Reflektor verwenden.

Der längere Lichtweg führt aber – anders

als beim Einsatz von Reflektoren an Land –

beim reflektierten Licht zu leichten Farbverschiebungen

in Richtung Blau.

Für das Ausleuchten im Nahbereich ist die

Kompaktheit und Beweglichkeit der Lichtquellen

wichtiger als die Leistung. Sehr

effektvolle Ergebnisse erreichen Sie mit

speziellen Vorsätzen aus Glasfaserleitungen,

sogenannten Snoots (dt. Schnute).

Diese lenken das Licht eng gebündelt und

leuchten punktförmig aus. Sie stellen damit

kleinste Motive wie auf einer Bühne ins

Rampenlicht.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

117


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/16,0

ISO 100

Freistellen mit Licht.

Die nur knapp 12 mm

große Spinnenkrabbe

(Xenocarcinus

tuberculatus) lebt auf

einer langen dünnen

Peitschenkoralle.

Die Blickrichtung ins

Freiwasser lässt den

Hintergrund in 40 m

Tiefe bei einer Blende

von f/16,0 schwarz

erscheinen.

118

Sie können Licht auch zum Freistellen eines

Motivs verwenden und so Ihr Hauptmotiv

betonen und hervorheben. Richten Sie Ihre

Lichtquellen so aus, dass zwar das Hauptmotiv,

nicht aber der Hintergrund angestrahlt

wird. Auch eine Blickrichtung, die

einen großen Abstand zwischen Motiv und

Hintergrund ergibt, kann hier helfen. Je weiter

Sie die Blende schließen, desto weniger

trägt das restliche vom Hintergrund reflektierte

Licht zur Belichtung bei.

Weitwinkelaufnahmen

Weite Bildwinkel zeigen viele Schwebeteilchen,

besonders wenn diese im Lichtkegel

der Blitzgeräte erstrahlen. Sie tun das gemäß

den physikalischen Gesetzen umso

stärker, je näher sie der Kamera sind. Wollen

Sie „Schneegestöber“ im Bild vermeiden,

müssen Sie Ihre Lichtquellen so ausrichten,

dass möglichst wenig direktes Licht in den

Raum unmittelbar vor der Kamera fällt. Keine

leichte Aufgabe, denn Sie wollen doch Ihr

Motiv ausleuchten, und das ist in jedem Fall

vor der Kamera. Es gibt nur einen Weg, der

hier zum Ziel führt. Die Lichtquellen müssen

so weit wie möglich von der Kamera entfernt

liegen. Sie werden im Extremfall sogar

leicht von der Bildmitte abgewendet, um

den Raum vor der Kamera möglichst nicht

zu beleuchten. Noch streiten die Philosophen,

ob ein Blitz (es gibt auch nur eine Sonne)

oder zwei Blitze (gleichmäßigere Ausleuchtung)

die ultimative Lösung darstellen.


Sie benötigen für diese Aufgabe lange Blitzarme

zur Befestigung der Leuchten. Die

Auswahlkriterien bei Blitzgeräten für die

Ausleuchtung von Weitwinkelaufnahmen

sind eine hohe Blitzleistung und ein weiter

Abstrahlwinkel. Ein kleines Blitzgerät, das

über Slave-Auslöser gezündet wird, kann,

entfesselt im Bild platziert, als Effektlicht

eingesetzt werden.

Exakte Bildbeurteilung

Der Kamerabildschirm ist zur Beurteilung

von Belichtung und Bildschärfe ungeeignet.

Selbst an Land ist eine Beurteilung schwierig

und meist ungenau. Im Wasser herrschen

Lichtverhältnisse, die das Auge bei dieser

Aufgabe überfordern. Die einzige objektive

Aussage über die Belichtung liefert das Histogramm

. Zusammen mit der Höhen- und

Tiefenwarnung gestattet es Ihnen, die Belichtung

sehr genau zu bewerten.

Unterbelichtung (–1 EV), korrekte Belichtung und

Überbelichtung (+2 EV) im Histogramm.

Extreme Belichtungssituationen, wie sie

im Wasser häufig vorkommen, manifestieren

sich auch in extremen Histogrammen.

Trotzdem erkennen Sie Überbelichtung gut

an stark rechtslastigen Kurven, Unterbelichtung

hingegen an stark linkslastigen Kurven,

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Oben: Ausleuchten von

Weitwinkelaufnahmen

mit einer Lichtquelle.

Die Lichtquelle ist senkrecht

über der Kamera

positioniert.

Die Ausleuchtung ist

stark asymmetrisch,

entspricht aber weitgehend

dem natürlichen

Empfinden.

Unten: Ausleuchten von

Weitwinkelaufnahmen

mit zwei Lichtquellen.

Die Lichtquellen sind

links und rechts der

Kamera positioniert.

Sie zeigen leicht nach

außen, um den Raum

direkt vor der Kamera

möglichst wenig auszuleuchten.

Dadurch kann

„Schneegestöber“ im

Bild wirksam verringert

werden.

EIN BLITZ ODER ZWEI BLITZE?

Darüber streiten die Gelehrten. Eine einzelne, der Sonne

nachempfundene Lichtquelle erzeugt natürliche Lichtverhältnisse.

Zwei Lichtquellen erlauben eine gleichmäßigere Ausleuchtung,

können aber auch unnatürliche Schatten bewirken.

119


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/8,0

ISO 100

120

die am jeweiligen Rand anliegen, und an tonwertlosen

Bereichen an der jeweils gegenüberliegenden

Seite.

Mut zur Entscheidung

Gute Fotografen zeigen einfach nur gute

Bilder. Weniger ist dabei mehr. Eine kurze,

aber gelungene Fotostrecke hinterlässt

einen besseren Eindruck als ein paar gute

Bilder zwischen vielen durchschnittlichen

Aufnahmen. Internetgalerien sollten 30 bis

40 Bilder nicht überschreiten. Für eine Präsentation

vor Publikum liegt die Obergrenze

bei 70 bis 80 Bildern. Das ergibt einen

Vortrag von ungefähr 90 Minuten, den man

noch mit ausreichend Aufmerksamkeit verfolgen

kann.

Selbst wenn Sie vor dem Druck auf den

Auslöser überlegen, ob das Motiv ein Foto

rechtfertigt, können Sie sich glücklich

schätzen, eine Erfolgsrate von ungefähr

1:40 zu erreichen. Ein herzeigbares Bild

aus 40 Aufnahmen ist eine Ausbeute, die

auch bei guten Fotografen üblich ist – nur

dass diese eventuell Bilder aussondern, die

andere sofort an die Wand hängen würden.

Sollten Sie unter Ihren ausgewählten Bildern

mehr als drei bis vier absolut hitverdächtige

Bilder pro Jahr finden, ist das eher

ein Grund, Ihre Kriterien zu überdenken, als

ein Grund zur Euphorie.

Regelmäßige Reflexion der eigenen Ergebnisse

und Bildbesprechungen schulen Ihren

Blick für die Bildgestaltung. Nutzen Sie Internetforen,

um anhand der Besprechung

Ihrer Bilder und der Arbeiten anderer die

Qualität Ihrer Ergebnisse zu steigern.

Auch durch Beschnitt oder ein geändertes

Seitenverhältnis kann die Bildwirkung beeinflusst

werden. Aufnahme eines Kalmars, zugeschnitten

auf die Seitenverhältnisse 3:2, 4:3 und 16:9.


GELUNGENE

BILDAUSWAHL

Vergleichen Sie jeweils zwei Bilder.

Reihen Sie das Bild, das Ihnen weniger

gefällt, hinter dem besseren Bild ein.

Nach mehreren Durchläufen haben

Sie so die besten Bilder aus einer

Serie ermittelt.

Reserven für die Bildbearbeitung

Je besser das Ausgangsmaterial, desto mehr

Reserven und Möglichkeiten haben Sie bei

der Bearbeitung Ihrer Bilder. Jede Bearbeitung

kostet Information, die in Ihren Bilddaten

enthalten ist. Manches davon können Sie

zur Steigerung der Bildwirkung verwenden,

ohne störende Artefakte zu provozieren.

Überschreiten Sie die Grenzen der Bearbeitung,

müssen Sie sichtbare Bilddetails opfern

oder Störungen in Kauf nehmen. In manchen

Aufnahmesituationen ist das ein Kompromiss,

den Sie mit Rücksicht auf die Gesamtwirkung

des Bilds eingehen müssen.

Perfekte Nah- und Makroaufnahmen sind

ohne Bearbeitung möglich. Ein gut ausgeleuchtetes

und korrekt belichtetes Bild

benötigt keine Kunstgriffe, um zu wirken.

Selbst Weitwinkelaufnahmen können bei

gut gewählter Belichtung direkt aus der Kamera

präsentationsreif sein. Aufgrund der

Unsicherheit bezüglich des Weißabgleichs

und möglicher notwendiger Farbkorrekturen

sollten Sie Weitwinkelmotive im RAW-

Format aufnehmen. Das bietet Ihnen ein

Maximum an Reserve zur Korrektur.

Für eine Umsetzung in Schwarz-Weiß empfiehlt

es sich ebenfalls, die Aufnahme im

RAW-Format zu machen. Bei der JPEG-

Komprimierung verlieren Sie feine Abstufungen,

die sich nach der Umsetzung bei

Grauverläufen in unschönen Flächen und

Helligkeitssprüngen zeigen. Ziehen Sie bei

der Umwandlung nach Schwarz-Weiß parametrierbare

Methoden, wie z. B. den Kanalmixer,

der einfachen Entsättigung vor.

Diese verwendet nämlich in der Regel nur

den Rotkanal des Bilds als Basis, genau jenen

Farbanteil, der bei Unterwasseraufnahmen

gering ausfällt und anfällig gegenüber Störungen

ist.

Bildgestaltung unter Wasser

Auch unter Wasser ist Bildgestaltung nicht

verboten. Goldener Schnitt , Bildeinteilung

und Blickführung haben dort genauso wie

an Land ihre Gültigkeit. Es ist nur ungleich

schwieriger, das alles zu berücksichtigen,

wenn das Gehirn unter der narkotisierenden

Wirkung des Stickstoffs steht. Üben

und verinnerlichen Sie die Regeln der Bildgestaltung

im Trockenen. Es fällt Ihnen

dann im Wasser leichter, die Informationen

im Gehirn abzurufen. Natürlich sind die

klassischen Regeln des Bildaufbaus kein

unumstößliches Dogma. Denken Sie aber

daran, dass Sie die Regeln gut kennen müssen,

um sie gekonnt zu brechen.

Die Farbe des Wassers

Bereits in einer Tiefe von fünf Metern ist der

rote Anteil im Tageslicht merklich geringer.

Das Auge kompensiert diesen Effekt so weit

wie möglich automatisch, die Kamera kann

das nur in sehr engen Grenzen. Die Regeln,

nach denen der automatische Weißabgleich

funktioniert, sind mit der Situation

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

121


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/8,0

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/8,0

ISO 200

Es muss nicht immer der Rausch der Tiefe sein. Auch ein seichtes

Vergnügen kann spannende Bilder liefern. Im Bereich von zwei bis

drei Metern Tiefe herrschen ideale, natürliche Lichtbedingungen.

122

WEGEN UMBAUS

GESCHLOSSEN

Minimieren Sie Ihre Auswirkungen

auf die Unterwasserwelt. Ein absolutes

Nein gilt dem „Umbau“ Ihres

Motivs. Kein Bild rechtfertigt das Entfernen

von störenden Elementen oder

das Versetzen von Tieren, z. B. Schnecken,

an attraktivere oder fotogenere

Plätze. Entweder Sie schaffen ein Bild

unter den gegebenen Umständen,

oder Sie nehmen davon Abstand. Zur

Not können Sie Kleinigkeiten in der

Bildbearbeitung umweltfreundlich

korrigieren. In Gegenden mit hoher

Dichte an Fotografen neigen Guides

gelegentlich dazu, Ihnen Motive zu

basteln oder fotogen zu optimieren.

Sprechen Sie den Guide darauf an

und erklären Sie ihm, dass Sie Tiere in

natürlicher Umgebung und Zusammenstellung

bevorzugen.

im Wasser meist überfordert. Auch der Bereich,

in dem korrigiert werden kann, reicht

selten aus. Blitzlicht ist nicht nur Lichtquelle,

es dient auch als gestalterisches Mittel

zum Setzen farblicher Akzente.

Je tiefer Sie tauchen, desto schwieriger wird

das Fotografieren. Abgesehen von der Farbverschiebung

in Richtung Blau verringert der

generelle Lichtverlust die Sichtweite. Kürzere

Grundzeiten verleiten zur Eile und erlauben

Ihnen weniger Fotos. Erhöhte Stickstoffbelastung

beeinträchtigt Ihre Konzentration

und wirkt sich meist negativ auf die Bildgestaltung

aus. Optimale Bedingungen finden

Sie meist in Tiefen bis zu 15 m. Ein erhöhter

Schwebstoffgehalt verringert diesen Wert.


Salzwasser versus Süßwasser

Klares Meerwasser neigt zu tiefem Blau. Bei

geringerem Salzgehalt tendiert die Farbe des

Wassers in Richtung Grün. Je mehr Schwebeteilchen

und Plankton darin schwimmen,

desto schwieriger wird die Ausleuchtung.

Die für Fotos nutzbare Sichtweite kann mit

ungefähr der halben realen Sichtweite angenommen

werden. Durch richtige Lichtführung

und extreme Bildwinkel können Sie

das Wasser klarer erscheinen lassen, als es

in Wirklichkeit ist.

Sauberes Süßwasser ist glasklar. Man

sieht es kaum, und Taucher scheinen darin

wie in Luft zu schweben. Diesen Zustand

werden Sie in den seltensten Fällen vorfinden.

Sie können dann auch sicher sein,

dass das Wasser sehr kalt ist. Reinheit hat

ihren Preis. Mit zunehmendem Schweb-

stoffgehalt kippt die Farbe in Richtung

Braungrün.

Trübe Aussichten?

Schlechte Sichtverhältnisse sind kein Grund

zur Verzweiflung. Bei Makroaufnahmen fallen

wegen der geringen Entfernungen zwischen

Kamera, Blitz und Motiv Schwebeteilchen

weniger ins Gewicht. Durch geschickte

Ausleuchtung senkrecht zur optischen Achse

geraten weniger Schwebeteilchen in den

Lichtkegel. Das Wasser wirkt dadurch klarer,

als es in Wirklichkeit ist. Planen Sie aber

Weitwinkelaufnahmen, sollten Sie möglichst

auf Kunstlicht verzichten. Dieses führt

leicht zu „Schneetreiben“ durch angeblitzte

Schwebeteilchen im Bild. Gehen Sie wenn

möglich nah ans Motiv heran. Nutzen Sie

die mystische Stimmung zur Bildgestaltung.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Die geringe Sichtweite

im Riesachsee verleiht

dem Bild eine mystische,

märchenhafte

Note.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/3,5

ISO 400

123


Die Totalreflexion am

Übergang zur Luft

bildet ein harmonisches

Gegenstück zur

Landschaft im Wasser.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/5,6

ISO 200

124

Blickrichtung und Kameraposition

Ein typischer Anfängerfehler ist der Blick

nach unten. Dadurch erscheinen die abgebildeten

Tiere wie auf den Grund genagelt.

Das Bild wirkt flach und langweilig. Es macht

dabei keinen Unterschied, ob Sie Makro oder

Weitwinkel fotografieren. Dem Modell ins

Auge geblickt, die Kamera leicht nach oben

zeigend, erzeugt Spannung. Diese Haltung

ermöglicht ebenfalls das Freistellen von Motiven

gegen das tiefe Blau des Wassers. Bei

passenden Belichtungseinstellungen kann

der Hintergrund so auch im totalen Schwarz

versinken. Diese Technik – das Freistellen

mit Licht – schafft eine klare Bildkomposition

und reduziert auf das Wesentliche.

Der Blick in Richtung Oberfläche birgt auch

noch andere Möglichkeiten, beispielsweise

Großfische als Silhouette oder ein Schwarm

als Scherenschnitt gegen das Blau des Wassers.

Dezent mit Blitz ausgeleuchtet, können

Sie so auch kameranahe Fische farblich

ausmodellieren. Der Farbverlauf des

Wassers zwischen Oberfläche und Tiefe

lässt ein Bild ebenfalls interessanter wirken.

Vorsicht ist geboten, wenn Sie die Sonne im

Bild haben. Die sorgt, je nach Sensortyp und

eingestellter Blende, für zarte, sternförmige

Strahlen oder für hässliche, unförmige weiße

Flecken. Eine weit geschlossene Blende

ist zwar förderlich, aber keine Garantie für

fotogene Strahlen.


ANGENAGELT

Der Blick von oben ist tabu. Er lässt

Bilder flach und langweilig wirken.

Auch wenn es wesentlich leichter ist,

z. B. einen Rochen von oben abzubilden,

wirkt die Ansicht von vorne

mit Blick in die Augen um Lichtjahre

spannender. Versuchen Sie, Ihren

Modellen zumindest auf Augenhöhe

zu begegnen. Auch den Blick nach

oben sollten Sie im Auge behalten.

Steil nach oben, sehen Sie durch einen Kreis

Dinge an der Oberfläche. Rund um diesen

Kreis herrscht Totalreflexion. Abhängig

von Wellen, Licht und Beschaffenheit der

Uferlandschaft können Sie so die Welt an

der Oberfläche mit völlig anderen Augen

betrachten. In Bildsequenzen und Vorträgen

können solche Bilder gut als Übergang

zwischen unten und oben eingesetzt werden.

Ist der Blick leicht nach oben gerichtet,

profitieren Sie von der Totalreflexion an der

Luftunterfläche. Je nach Wellengang kann

der Effekt klare Spiegelbilder oder auch stark

verlaufende Reflexionen liefern. Versäumen

sollten Sie diesen Blick aber nie. Er lohnt sich

meist und ist ein willkommener Zeitvertreib

während des Sicherheitsstopps.

Ein Winkelsucher am Gehäuse erlaubt Ihnen

den entspannten Blick nach oben. Sie

erreichen so Perspektiven, für die andere

ein Loch graben müssten.

Zum Teil über, zum Teil unter Wasser

Unter der Bezeichnung „Halbe-halbe-Bilder“

versteht man Bilder, die zum Teil über,

zum Teil unter Wasser entstanden sind. Der

Reiz dabei liegt in der gleichzeitigen Darstellung

beider Welten, die dadurch in Beziehung

zueinander treten. Die üblichen Zutaten

sind Weitwinkel oder Fisheye und dazu

eine möglichst große Domescheibe. Die

Größe der Scheibe wirkt sich auf zwei Parameter

aus. Je größer der Radius, desto weiter

entfernt liegt unendlich im Wasser, und

umso näher kommt es unendlich an Land.

Sie benötigen daher weniger Schärfentiefe,

um diese Abweichung auszugleichen.

Der zweite Parameter ist die Wasserlinie an

der Scheibe. Das Wasser zieht sich durch

Adhäsion an der Scheibe hoch. Die dabei

entstehende Wölbung ist als Linie im Bild

erkennbar. Ihre Größe ist immer gleich, hat

aber bei einer großen Scheibe prozentual

weniger Anteil am Bild. Die bei Kompaktkameras

üblichen Planscheiben mit 20 bis

30 mm Durchmesser sind für diese Form der

Aufnahme ungeeignet. Domes mit Radien ab

100 mm liefern brauchbare Ergebnisse.

Die Belichtung richtet sich primär nach der

Oberfläche. Bei klarem Himmel mit ISO 100,

einer Belichtungszeit von 1/125 Sekunde

und eine Blende zwischen f/8 und f/11. Die

Blitzsynchronzeit darf dabei nicht überschritten

werden. Den Bildteil im Wasser

leuchten Sie mit Blitz passend zur eingestellten

Blende aus. Ob Sie auf einen Punkt

über oder unter Wasser fokussieren, hängt

von Ihrer Bildidee ab. Bei ausreichend großem

Domeradius sorgt eine Blende von f/11

für ausreichend Schärfe in beiden Hälften.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

125


Die winterliche

Schwarza im Höllental.

Schneebedeckte Landschaft

im Kontrast zum

kühlen Blaugrün des

Wassers.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/11,0

ISO 200

126

Weite Winkel erzeugen perspektivische

Verzerrungen. Stürzende Linien sind eine

häufige Folge. Lassen Sie die Trennlinie zwischen

Luft und Wasser horizontal durch die

Bildmitte laufen. Positionieren Sie die Kamera

waagerecht. Sie erreichen so einen harmonischen,

symmetrischen Bildaufbau, der

Ruhe vermittelt. Bei Fisheyes sorgt die mittige

Lage für einen geradlinigen Horizont. Betrachten

Sie diese Empfehlungen aber nicht

als starre Regel. Wenn es die Bildaussage

fördert, dürfen Sie ruhig alle Regeln brechen.

Eine tropfen- und blasenfreie Domescheibe

ist eine notwendige Bedingung für ge-

lungene Halbe-halbe-Bilder. Im Zuge eines

normalen Tauchgangs ist diese Bedingung

selten erfüllt. Planen Sie Halbe-halbe-Aufnahmen

getrennt von Tauchgängen. Nur mit

Maske und Schnorchel bewaffnet, sind Sie

wendiger. Besitzen Sie einen Winkelsucher,

können Sie sogar ohne Maske arbeiten. Planen

Sie ausschließlich Halbe-halbe-Aufnahmen,

kann auch eine Watthose anstelle des

Tauchanzugs den Komfort erhöhen.

Es ist meist unvermeidlich, dass sich Tropfen

auf der oberen Hälfte der Domescheibe

sammeln. Verwenden Sie ein Mikrofasertuch

zum Trocknen. Ebenso bilden sich


auf einer trockenen Scheibe oft Luftblasen,

wenn sie ins Wasser getaucht wird. Wischen

Sie die Luftblasen vorsichtig ab, um

einen ungehinderten Durchblick zu gewährleisten.

Es gibt viele Hausrezepte, die

versprechen, diese Effekte zu lindern. Alles

was die Oberflächenspannung herabsetzt,

kann helfen. Eine Nanoversiegelung verringert

sowohl Tropfen- als auch Blasenbildung

an der Scheibe. Diese Technik ist

noch wenig ausgereift. Abgesehen von Umweltaspekten,

ist auch die Auswirkung auf

die Scheibe zu bedenken. Je nach Material

kann die Anbringung einer Versiegelung die

Oberfläche beschädigen.

Größenverhältnisse unter Wasser

Nur wer selbst taucht, hat eine klare Vorstellung

vom Größenverhältnis der Lebewesen

im Wasser. Wollen Sie auch Nichttauchern

ein Gefühl für den Maßstab geben,

benötigen Sie einen Größenvergleich. Ihr

Tauchpartner bietet sich dafür geradezu an.

Geschickt platziert, dient er nicht nur als

Referenz für die Größe, er kann auch Leben

und Spannung ins Bild bringen. Während Sie

eine Person in Weitwinkelaufnahmen meist

zur Gänze abbilden, kann sich bei Makrofotos

der Beitrag zum Bild auf das Gesicht

oder sogar nur das Auge beschränken.

Wenn Sie mit Weitwinkel fotografieren,

sollten Sie sich die Platzierung einer Person

gut überlegen. Je weiter der Winkel, desto

mehr sind die Bildecken dafür tabu. Die Verzerrungen

sind dort zu stark, um Personen

mit natürlichem Aussehen abzubilden. Bei

Fisheyes hingegen wirken Personen zu den

Bildecken hin kleiner und leicht gekrümmt,

dabei aber insgesamt natürlicher.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 9 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/4,0

ISO 320

MOTIVKLINGEL

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Taucher sind gegenüber Fotografen an Land im Vorteil. Sie haben

meist die institutionalisierte Motivklingel dabei, den Tauchguide.

Auch Ihr Tauchpartner kann diese Aufgabe übernehmen. Je besser

das biologische und fotografische Wissen Ihrer Helfer ist, desto

höher sind Ihre Chancen auf brauchbare Motive. Ob Ihnen davon

auch ein gutes Foto gelingt, liegt in Ihrer Verantwortung.

Kanonenboot C50, Veracruz. Das gut bewachsene Wrack bildet einen

dekorativen Rahmen, die Taucherin schafft einen Größenvergleich .

127


128

Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Kunst

Dieses Zitat steht auf einem bekannten

Jugendstilbau der Wiener Secession. Es ist,

etwas anders interpretiert, auch in der Unterwasserfotografie

von Bedeutung. Nehmen

Sie sich Zeit zum Fotografieren, besonders

im Wasser. Oft drängen Tauchguide

oder Tauchpartner zum Weiterschwimmen.

Erklären Sie schon im Vorfeld, dass Sie sich

langsamer fortbewegen und gegebenenfalls

länger an einer Stelle verweilen wollen. Ihre

Tauchpartner werden schnell lernen, dass

es überall dort, wo sich Fotografen länger

aufhalten, auch für andere Taucher genug

zu sehen und zu entdecken gibt. Was

den Guide betrifft: Dieser erhält sein Geld

für den Genuss des Tauchgangs und nicht

für einen neuen Geschwindigkeitsrekord.

Das oft genannte Argument, man könne in

großen Gruppen mit einem einzigen Guide

nicht in Ruhe fotografieren, hat seine Berechtigung.

Vermeiden Sie große Gruppen.

Sie stören nur, wirbeln unnötig Sediment auf

und sind im falschen Moment im Bild.

Ihr Tauchpartner, Ihr Modell

Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie einen

ständigen Tauchpartner haben. Nichts hilft

Ihnen mehr bei der Gestaltung Ihrer Bilder

als ein Partner, der Sie im Wasser gut versteht,

jemand, der eine Ahnung von Bildgestaltung

hat, sich in Ihre Denkweise hineinversetzen

kann und so einen aktiven Beitrag

zu einem gelungenen Bild leistet. Bei langfristigen

Tauchpartnerschaften können Sie

die Ausrüstung bildwirksam beeinflussen.

Die Farbwahl von Anzug, Flossen und Tarierweste,

aber auch die Farbe und Form

der Tauchermaske können einem Bild ansprechende

farbliche Akzente verleihen.

Neonfarben und Reflektoren hingegen können

Ihnen das Blitzen zur Hölle machen und

gnadenlos überstrahlen.

Achten Sie bei der Wahl der Maske auf große

Gläser und einen transparenten Maskenkörper.

Sie erreichen dadurch eine gute

Ausleuchtung des Gesichts und können so

leicht Blickkontakt zwischen Modell und

Betrachter herstellen.

Sorgen Sie dafür, dass Ihr Modell eine Tauchlampe

dabeihat. Sie können den Lichtkegel

zur Lenkung des Blicks verwenden oder die

SCHAU MIR IN DIE AUGEN

Achten Sie auf Blickkontakt mit Ihrem

Modell – egal ob Fisch, Taucher oder

Schnecke. Der Blickkontakt erzeugt

eine Beziehung zum Betrachter. Tiere

von hinten vermitteln den Eindruck,

auf der Flucht zu sein. Besonders bei

den Wirbellosen hilft biologisches

Wissen, vorne und hinten zu unterscheiden.

MOTIVJAGD

Achten Sie die Bedürfnisse und Gefühle

Ihrer Motive. Die meisten Tiere,

denen Sie begegnen, sind wesentlich

kleiner als Sie. Sie lösen daher leicht

Angst und Stress aus, wenn Sie ihnen

zu nahe kommen. Beobachten Sie Ihr

Motiv und halten Sie ausreichend

Abstand. Viele besonders standorttreue

Fische haben Lieblingsplätze,

die sie gern aufsuchen. Werden sie

dort zu oft gestört oder in Angst

versetzt, geben sie diesen Platz auf.


Lampe als Akzent ins Bild setzen. Ungeübten

Tauchern verhilft die Lampe zu einer ruhigen

Körperhaltung und „fixiert“ die Hände.

Tauchen Sie mit wechselnden Partnern,

oft zufällig vom Guide zugewiesen, ist es

wichtig, mit einem noch wenig vertrauten

Partner ein Fotobriefing zu machen. Vereinbaren

Sie Zeichen für bestimmte Positionen

und Lagen, für Richtungen und Bewegungen.

Besprechen Sie, was Sie vorhaben, zeigen

Sie ähnliche Bilder, die Sie bereits gemacht

haben, oder fertigen Sie Skizzen an.

Sobald Sie Ihren Tauchpartner als Modell

in Ihre Fotos einbeziehen, tragen Sie die

Verantwortung für die Regie. Sie müssen

Ihr Modell dirigieren. Das ist im Wasser

wesentlich schwieriger als an Land. Ein gut

eingespieltes Team erkennt man am Wortschatz

seiner Zeichensprache. Bedenken

Sie, dass es im Wasser oft einen Umweg

oder eine Schleife zu schwimmen bedeutet,

um sich ein kleines Stück seitlich oder nach

hinten zu bewegen.

Achten Sie auf die Ausrüstung Ihres Modells.

Eine zu hoch sitzende Pressluftflasche

macht es schnell zum Schlauchmonster,

dem die Schläuche aus dem Kopf wachsen.

Abstehende Ausrüstungsteile, Konsolen,

Finimeter oder auch Teile der Gurte können

die Harmonie im Bild stören. Kümmern Sie

sich um diese Dinge vor dem Tauchgang.

Im Wasser ist die Gefahr zu hoch, dass Sie

solche Details übersehen, die erst zu Hause

am Computer zum Vorschein kommen.

Besprechen Sie mit Ihrem Modell auch die

Körperhaltung. Mangelnde Koordination und

unzureichendes Körperbewusstsein führen

zu unvorteilhaften Bildern. Zeichen für bestimmte

Stellungen oder deren Korrektur

verhelfen Ihnen und Ihrem Modell zu ästhetischen

Fotos.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 50 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/16,0

ISO 100

Sepia hautnah. Das Auge besitzt eine Linse und ist im Aufbau

dem von Wirbeltieren ähnlich.

Fischporträts mit Standardzoom

Mit Bildwinkeln zwischen 50 und 25°, die

Sie bei Standardzooms spielend erreichen,

lassen sich gute Fischporträts realisieren.

Für den Anfang bieten sich Jäger an, die ihrer

Beute auflauern. Drachenköpfe, Steinfische,

Angler, aber auch Muränen lassen

Sie in Schussweite, ohne nervös zu werden.

Schwieriger ist es, einen stehenden

Fisch mit ausgeprägtem Fluchtverhalten

abzubilden. Zu dieser Gruppe zählen z. B.

Barsche, die gern an geschützten Plätzen

lauern. Noch schwieriger wird es mit Fischen,

die ständig in Bewegung sind, wie

z. B. Anemonenfische.

Um Ihr Modell vom Hintergrund durch

Schärfe freizustellen, öffnen Sie die Blende

auf einen Wert zwischen f/5,6 bis f/2,0.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

129


Eine Nacktschnecke

(Hypselodoris bullocki)

bei der Eiablage. Die

gelben Laichschnüre

des Geleges sind gut

zu erkennen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 30 mm

Belichtung 1/80 s

Blende f/4,6

ISO 80

130

Der Blick gegen das Freiwasser bietet je

nach gewählter Blende einen Hintergrund

in Blau (auf Freiwasser belichtet) bis hin zu

Schwarz (Freiwasser mehr als 3 EV unterbelichtet).

Je homogener Sie den Hintergrund

gestalten können, desto besser lässt

sich das Hauptmotiv erkennen. Zu viele Details

im Hintergrund machen das Bild unruhig

und lenken vom Hauptmotiv ab.

Gute Beziehungen gleich reizvolle Motive

Reizvolle Motive ergeben sich durch die

Darstellung von arttypischem Verhalten.

Tiere, die in Symbiose leben oder besondere

Verhaltensweisen zeigen, sind nicht nur

biologisch interessant. Sie bieten Motive,

die natürlich und lebendig wirken. Kenntnisse

in Biologie erlauben Ihnen, solche

Motive zu finden. Die Beispiele für Symbiosen

spannen einen weiten Bogen von Pilotfischen,

die einen Hai begleiten, über Putzerfische,

Grundeln und Partnergarnelen

bis zu wenigen Millimetern großen Krebsen,

die gut getarnt in Haarsternen oder

Korallen leben. Das Umfeld stellt in vielen

dieser Bilder eine wesentliche Komponente

dar, die den Kontext zum Hauptmotiv liefert.

Experimentieren Sie mit Lichtführung

und Schärfentiefe, um den Blick auf das

Hauptmotiv zu lenken.

Der Schwarm

Keine Angst. Er wird Sie zwar überwältigen,

aber nicht wie im gleichnamigen Roman

vernichten. Schwärme sind komplexe Vereinigungen.

Sie zeigen ein Verhalten, das

auf den Schutz der Gruppe ausgerichtet ist.

Das hat für Sie als Fotograf vorhersagbare

Konsequenzen. Ein Schwarm wird Sie als

Angreifer behandeln und sich teilen oder

öffnen, sobald Sie zu nahe kommen. Hat

er ausreichend Abstand zu Ihnen, wird er

sich wieder zu einem homogenen Verband

vereinen. Die Muster, die durch die Teilung

entstehen, bieten Ihnen gestalterische

Möglichkeiten. Selbst wenn Sie es schaffen,

mitten im Schwarm zu schwimmen, wird

Sie keiner der Fische berühren. Sie werden

wie ein Fremdkörper abgekapselt. Dabei

bildet der Schwarm oft einen Hohlzylinder,

der um Sie kreist. Dieser Effekt ist ideal für

den weitwinkeligen Blick nach oben.


Auch die nahezu undurchdringliche Wand

an Fischen bietet reizvolle Motive, sowohl

von innen als auch von außen, sowie einen

guten Blick auf ein Modell im Schwarm. Die

Ausleuchtung ist in diesem Fall schwierig.

Die meist silbrig glänzenden Fische reflektieren

stark. Das Überstrahlen von Fischen

nahe am Blitz ist eine unangenehme, aber

kaum zu vermeidende Folge. Mit zwei weit

nach außen ragenden Blitzgeräten können

Sie den Effekt weitgehend minimieren.

Geheimnisumwitterte Wracks

Jedes gesunkene Schiff hat seine ganz individuelle

Geschichte. Oft ist sie mit Tragödien,

Opfern und Schicksalen verknüpft,

die dem Ort sein besonderes Flair geben.

Manchmal grenzt sie an ein Wunder, und

alle Menschen an Bord konnten gerettet

werden. Dazu kommt der Traum vom

Schatz, der in den Tiefen der Dunkelheit im

Wrack schlummert.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/30 s

Blende f/3,5

ISO 100

Licht am Ende des

Tunnels. Im Schwarm

zu schwimmen,

erzeugt ein Gefühl der

Geborgenheit, das Sie

nie vergessen werden.

131


Ein einmaliger Wracktauchgang.

Der historische

Einbaum wird

für die Konservierung

und Ausstellung im

Museum geborgen.

132

SIE SIND NICHT ALLEIN

Um die Stimmung an einem Wrack einzufangen,

benötigen Sie möglichst viel Bildwinkel.

Die Größe des Objekts erfordert

das, besonders bei geringen Sichtweiten.

Ein gestalterischer Effekt, der die Bildwirkung

unterstützt, ist die extreme Perspektive,

die Sie mit starkem Weitwinkel oder

Fisheye erreichen. Sie steigert die erdrückende

Wirkung der Größe. Zeigen Sie im

Bild auch Taucher, wird diese noch mehr

betont.

Die Ausleuchtung von Wracks in ihrer Gesamtheit

ist mit vertretbaren Mitteln unmöglich.

Setzen Sie daher, wenn es passt, mit

Blitzlicht farbige Akzente im Vordergrund.

Nutzen Sie das natürliche Umgebungslicht

für den Schiffskörper. Filter zur Kompensierung

der fehlenden Rotanteile können die

farbliche Wiedergabe verbessern.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/10,0

ISO 100

Achten Sie auf exakte Tarierung und auf Ihre Flossen. Auch nach Ihnen kommen

Taucher, die sich an einer ungestörten Unterwasserwelt erfreuen wollen. Oft endet

die Vorsicht nach dem Druck auf den Auslöser. Entfernen Sie sich genauso behutsam

von Ihrem Motiv, wie Sie sich angenähert haben. Sie könnten der zweite Taucher

sein und glücklich, wenn sich der Taucher vor Ihnen achtsam verhalten hat.

Wenn die Farbverschiebung durch unterschiedlich

lange Lichtwege an einem Wrack

zu extrem ist, bietet sich die Ausarbeitung

in Schwarz-Weiß an. Diese Darstellung

betont auch den historischen Aspekt eines

Wracks. Dafür ist die Aufnahme im RAW-

Format unbedingt zu empfehlen. Die oft

bei Schwarz-Weiß-Umsetzungen verwendeten

harten Kontraste oder steilen Gradationskurven

benötigen alle Reserven der

Bilddaten, um Abrisse im Histogramm zu

vermeiden, die unweigerlich zu unschönen

Artefakten führen.

Dringen Sie nur dann ins Innere eines Wracks

vor, wenn Sie Ihre Tarierung perfekt beherrschen.

In Wracks findet sich meist feines

Sediment, das die Sicht mit einem einzigen

falschen Flossenschlag auf null reduzieren

kann. Selbst wenn Sie nur wenig aufwirbeln,


verderben Sie anderen Fotografen nach Ihnen

die Möglichkeit, noch brauchbare Fotos

zu schießen. Wenn Sie sich aber entschließen,

in ein Wrack einzudringen, vergessen

Sie nie den Blick nach außen. Er bietet Ihnen

oft sehr dekorative Rahmen für eine Aufnahme

mit tiefem Blau im Hintergrund.

Das Wasser und seine Lebewesen nehmen

das Wrack in ihren Besitz, und mit der Zeit

wird das Wrack zum Riff. Aufbauten bieten

Halt für Schwämme und Korallen, Löcher

und Winkel bieten Schutz und Verstecke

für viele meist kleine Lebewesen. Schwärme

von Glasfischen halten sich z. B. mit

Vorliebe in Wracks auf. Wracks sind also

nicht nur für Freunde weiter Winkel ein willkommenes

Motiv. Die Makrofotografie unterscheidet

sich an Wracks nicht wesentlich

von der an anderen Plätzen.

Tolle Spots und Unterwasserressorts

Was macht einen Tauchgang zum Erlebnis?

Wie kann man eine Reihung vornehmen,

wo doch Vorlieben, Geschmack und Interessen

so grundverschieden sein können?

Sind Großfische der Hit oder vielleicht

eher die Kleinsten der Kleinen? Ist es die

Einmaligkeit des Ereignisses? Unter den

hier gelisteten Tauchplätzen soll von allem

etwas dabei sein. Es ist eine sehr persönliche

Sammlung an Plätzen, die für mich mit

einem besonderen Erlebnis verbunden sind.

Stille Bergseen in den Alpen

Wer sie beim Bergwandern sieht, kennt sie

nur von außen. Stille Seen , von schroffen

Felsen umgeben, in einer Landschaft von

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Was machen Taucher

auf der Alm? Sie

warten auf den Hubschrauber.

Viele der

entlegenen Bergseen

in den Alpen sind mit

Tauchausrüstung

nur auf diesem Weg

erreichbar.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 7 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/4,5

ISO 100

133


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/5,6

ISO 100

Der Steirersee auf der Tauplitzalm liegt lediglich 100 m von der Hütte

entfernt. Er ist nur vertikal über einen steilen, schmalen Steig erreichbar.

Unter einer Brücke durchtauchen kann man an vielen Orten. Über eine

Brücke hinwegtauchen können Sie im Grünen See bei Tragöß.

134

atemberaubender Schönheit. Schwer sind

sie zu erreichen, meist auf schmalen Pfaden

und nur nach stundenlangen Zustiegen.

Wer käme da auf die Idee, so einen See zu

betauchen?

Fast alle Bergseen sind im Privatbesitz. Es

bedarf vieler Genehmigungen, Verhandlungen

und guter Kontakte zu den Besitzern

der Seen und umliegenden Gründe, um

einen solchen See zu betauchen. Einmal

tauchen, wo zuvor noch nie jemand einen

Blick unter Wasser gewagt hat? Es scheint

wie ein Traum, aber ein Traum, den man

buchen kann. Bis zu zweimal jährlich organisiert

die Oberösterreich Werbung GmbH

ein Tauchwochenende, an dem zwei entlegene

Bergseen betaucht werden können.

Dieses Erlebnis bleibt Ihnen für immer in

Erinnerung. Schon der Flug zum See mit

dem Helikopter leistet dazu seinen Beitrag.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/5,6

ISO 100


Grüner See bei Tragöß

Am Fuße des Hochschwabmassivs gelegen,

birgt dieser See eine Besonderheit.

Es handelt sich dabei um einen saisonalen

See. Das bedeutet, dass er fast das gesamte

Jahr über eine Tiefe von zwei bis drei Metern

hat, der Wasserspiegel aber zur Zeit

der Schneeschmelze auf bis zu zehn Meter

ansteigen kann. Dann sind Wege, Wiesen

und auch eine Brücke versunken. Rast auf

einer Parkbank in sechs Metern Tiefe? Kein

Problem. Das Wasser ist sehr klar und hat

selten mehr als 6 °C.

Tauchen in Flüssen

Flüsse haben ihren eigenen Reiz. Berauschende

Sichtweiten bei guten Wetterbedingungen

und abwechslungsreiche Flora

und Fauna sind gute Gründe, einmal einen

Fluss zu betauchen. Man könnte nicht nur

ein Buch darüber schreiben.

Spektakulärer Süßwassertauchgang

in Silfra

64° Nord, 3 °C – das sind die Eckdaten

eines der spektakulärsten Süßwassertauchgänge

, die man in Europa unternehmen

kann. In Europa? Nicht ganz. An der

rechten Schulter liegt Amerika. Der Platz

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 10 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/5,0

ISO 400

Der Zufluss zum

Riesachsee besticht

durch klares Wasser

und attraktive Spiegelungen.

135


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/8,0

ISO 200

Der unvergleichliche

Blick durch glasklares

Wasser und eine

Temperatur von 3 °C

rauben Ihnen in der

Silfra-Spalte den Atem.

Rechts: Hände wärmen

im Nordatlantik! Aus

vulkanischen Quellen

im Eyjafjörður strömt

knapp 80 °C warmes

Süßwasser. Es bildet

beim Vermischen mit

dem kalten Meerwasser

flimmernde

Schlieren.

136

heißt Silfra (auf Isländisch „Silber“), und er

macht diesem Namen alle Ehre. Das Wasser

ist so klar, dass man zu fliegen meint.

Jahrelang wurde es von Vulkangestein gefiltert,

um in absoluter Reinheit im Grabenbruch

zwischen den Kontinentalplatten an

die Oberfläche zu strömen. Die Sichtweite

wird mit über 100 m angegeben. Schwarze

Lavabrocken, von braunen und grünen

Algenfäden überzogen, bilden den Rahmen

für dieses Naturschauspiel. Nicht die

Wassertemperatur, der Anblick allein wird

Ihnen den Atem rauben.

Unter der Adresse www.dive.is können Sie

Tauchgänge an diesem einmaligen Platz

buchen.

Heißwasserschlot am Meeresgrund

des Eyjafjörður

Der einzige bekannte Heißwasserschlot ,

der für Sporttaucher erreichbar ist, liegt im

Norden Islands. Über 1.000 Jahre altes Süßwasser

strömt mit ungefähr 80 °C aus einem

Schlot , der sich vom Meeresgrund des

Eyjafjörður aus einer Tiefe von 65 m erhebt.

Die Wärme am Schlot hat, im Kontrast zum

umgebenden, nur 5 °C kalten Meerwasser

an diesem Platz ein einzigartiges Biotop

entstehen lassen. Unweit des Strytan befindet

sich auf einer Fläche von 400 x 1.000 m

eine Gruppe kleinerer Schlote und Quellen,

die ebenfalls in betauchbarer Tiefe liegen.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/4,0

ISO 200

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

137


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 4 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/2,0

ISO 160

138

Eine der beiden Schiffsschrauben der Zenobia. Sie vermittelt die gigantischen Ausmaße dieses Wracks.

Fotogene Wracks auf Zypern

Es bedarf keiner Weltreise, um fotogene

Wracks zu sehen. Abseits großer Touristenströme

bietet Zypern eine Auswahl

an attraktiven Plätzen. Vor Paphos liegen

mehrere Wracks in geringer Tiefe. Sie sind

absolut anfängertauglich und ideal als Fotomotiv

geeignet. Viel natürliches Licht, gute

Sicht und ausreichend Grundzeit geben

Ihnen Gelegenheit zum entspannten Foto-

grafieren. Ein besonderer Tauchplatz ist die

Zenobia , die 1980 in der Hafeneinfahrt von

Larnaka voll beladen gesunken ist. Mit einer

Länge von 172 m ist sie das größte betauchbare

Wrack im Mittelmeer. Lastwagen

hängen an Ketten oder liegen verstreut wie

Spielzeug an Deck. Fast alle Tauchbasen auf

Zypern haben dieses außergewöhnliche Erlebnis

im Programm.


Muck diving in der Lembeh Strait

Eine schmale Wasserstraße zwischen zwei

Inseln. Pechschwarzer Sand. Eine schmutzige

Hafenstadt. Schiffe, von denen gedankenlos

Müll über Bord geworfen wird. Der

englische Begriff „muck diving“ bringt es

auf den Punkt. Tauchen im Dreck. Gerade

dort, wo achtlos weggeworfene Farbdosen,

Autoreifen oder Metallteile liegen, sammelt

sich buntes Leben. Kleine Oasen der Vielfalt

im Müll. Tiere, die man sonst nirgends

findet. Ein Kleinod im Herzen der Wallacea ,

der äquatornahen Zone, die für ihre Biodiversität

berühmt ist.

Es gibt mehrere Tauchbasen rund um Lembeh,

eine familiäre und vorbildlich geführte

Tauchbasis ist die Divers Lodge Lembeh –

www.diverslodgelembeh.com.

Galapagos, der Name ist Programm

Berühmte Forscher wie Charles Darwin und

Alexander von Humboldt haben diesen außergewöhnlichen

Platz besucht und dort geforscht.

Die Inseln haben auch mehr als 200

Jahre danach nichts von ihrer durch Naturgewalten

geprägten Ausstrahlung verloren.

Anders als die großen Forscher vergangener

Jahrhunderte haben Sie heute die Möglichkeit,

nicht nur die Oberfläche, sondern auch

das Meer um diese Inselgruppe zu erkunden.

Heftiger Seegang und Strömungen von bis zu

drei Knoten sind an der Tagesordnung. Ein Erlebnis,

das nur erfahrene Taucher wirklich genießen

können. Als Belohnung winken riesige

Schwärme, Großfische wie Haie und Mantas

oder ein Tanz mit verspielten Seelöwen.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

Leben im schwarzen

Vulkansand. Muck diving

birgt eine Vielzahl

an Überraschungen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 36 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/2,4

ISO 80

139


140


KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/30 s

Blende f/5,6

ISO 100

Hier dreht sich alles nur

um Fisch. Ob Großfische

oder Schwarm, Sie kommen

auf Ihre Kasten.

141


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/125 s

Blende f/8,0

ISO 100

Die Höhle besteht aus

mehreren Kammern,

in denen man auftauchen

kann. Bizarre

Steinformationen

zieren Decke und

Wände.

142

Höhlentauchen der Spitzenklasse:

Taïn und La Sirena

Eine enge, rostige Wendeltreppe führt zu

diesem gut versteckten Schmuckstück. Die

Höhle Taïn bei Boca Chica in der Dominikanischen

Republik gehört zu den schönsten

Höhlen weltweit. Trotz ihrer geringen Ausdehnung

beinhaltet sie eine Vielzahl unterschiedlicher,

bizarr geformter Tropfsteinformationen.

In mehreren Kammern, die durch

Engstellen voneinander getrennt sind, verläuft

die Höhle annähernd horizontal im Boden.

Sie liegt knapp über dem Meeresspiegel.

Ein tiefer liegender Seitenarm ist teilweise

mit Salzwasser gefüllt. Die dadurch entstehende

Halokline sorgt beim Durchtauchen

für psychedelisch wirkende optische Effekte.

Sie kann aber auch zur Gefahr werden, weil

sie, vom Flossenschlag durchmischt, die Orientierung

deutlich beeinträchtigt.

Rifftauchen auf Wakatobi

Fremde Taucher – Geld zurück! Bei diesem

Versprechen hätte die Basis auf Wakatobi

kein Problem. Sie ist die einzige im Umkreis

von 500 km. Ein hervorragendes Hausriff

und dazu über 45 Tauchplätze mit gesunden

und bestens bewachsenen Steilwänden

sind die Zutaten zu diesem Traum am Ende

der Welt. Als Draufgabe gibt es 5-Sterne-

Service und eine Organisation, die an ein

Schweizer Uhrwerk erinnert. Das liegt an

Lorenz Mäder, einem Schweizer Biologen,

der diesen Platz entdeckte und zur perfekten

Tauchbasis ausgebaut hat.

Informationen und Buchung finden Sie unter

der Adresse www.wakatobi.com.

Rechts: Gut bewachsene Steilwände sind auf

Wakatobi die Regel. Hier ist das Riff noch intakt.


WEITERFÜHRENDE QUELLEN

Das Gehäuse zur Kamera finden

Die Webseite www.digideep.com bietet eine umfangreiche Datenbank mit Kameras und dazu

passenden Gehäusen. Auch Beispielfotos und Testberichte finden Sie dort. Für den direkten

Meinungsaustausch sorgt das Diskussionsforum.

Mehr aus den eigenen Bildern machen

Das deutschsprachige Internetforum http://uwpix.org bietet eine gut besuchte Plattform rund

um die Unterwasserfotografie. Neben technischen Themen legt dieses Forum einen Schwerpunkt

auf Bildbesprechungen. Sie haben so die Chance, Tipps und Tricks zur Verbesserung

Ihrer Bilder zu bekommen.

Internationale Plattform für Unterwasserfotografie

Das nur in englischer Sprache verfügbare Forum www.wetpixel.com ist eine internationale

Plattform für Unterwasserfotografie auf sehr hohem Niveau. Die dort behandelten Themen

erstrecken sich über viele Themenbereiche, wie Technik, Bestimmung von Tieren und natürlich

die Bildgestaltung.

KAPITEL 2

FASZINIERENDE

UNTER WASSERWELT

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 8 mm

Belichtung 1/60 s

Blende f/8,0

ISO 100

143


146


Atem beraubendes Hochgebirge

149 O Täler weit, o Höhen

149 Anforderungen an Mensch und

Material

150 Körperliche Fitness

150 Vorzugsweise mit Bergpartner

151 Studium des Bergwetters

151 Vorsicht, Lawinengefahr!

152 Knoten und Sicherungstechniken

152 Kompass und Kartenmaterial

153 Die Sternentabelle des Fotografen

153 Wasser und konzentrierte Kalorien

154 Klimatische Extreme, Feind der Kamera

154 Mechanische Schätzchen, immer

bereit

156 Bergsteigen mit Kamera

157 Fotografie mit Bergsteigen

159 Hochgebirge, die Domäne

der Weitwinkel

164 Ausnahme: lange Telebrennweiten

166 Polfilter, im Gebirge ein Muss

167 Bildstabilisator oder besser mit Stativ?

170 Bildbeurteilung mit Live-View

171 Bildgestaltung oberhalb der

Baumgrenze

171 An erster Stelle steht die Bildidee

171 Tourenplanung mit iPhone und iPad

173 Der Beweis: das Gipfelfoto

173 Eindrucksvolle Bergpanoramen

174 Personen vor grandioser Kulisse

175 Skifahrer während der rasanten

Abfahrt

176 Kletterer in der Wand

178 Klärung der Größenverhältnisse

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

180 Schattenrisse vor grandiosem

Hintergrund

181 Halt! Blitzlicht im Gebirge?

182 Stürzende Linien auch im Gebirge

183 Die Sache mit dem roten Pullover

184 Wasserfälle, Seen und reißende

Bergbäche

189 Sonne und Mond in den Bergen

190 Dramatische Wetter

192 Regeln vor der Erstbesteigung

192 Nehmen Sie sich Zeit

192 Unterschätzen Sie die Witterung nicht

193 Respektieren Sie Betretungsverbote

194 Schreiben Sie Ihre Touren

ins Hüttenbuch

194 Stay alert! Bleiben Sie wachsam!

196 Auf geht’s Buam:

Hütten in den Alpen

196 Mitgliedschaft im Alpenverein

197 1.327 m: Tutzinger Hütte

198 1.834 m: Erfurter Hütte im Rofan

198 2.177 m: Riemannhaus am Steinernen

Meer

198 2.389 m: Olperer Hütte

in den Ziller taler Alpen

198 2.438 m: Dreizinnenhütte

in den Dolomiten

198 2.700 m: Dachstein-Gletscherbahn

199 2.690 m: Kandersteg im Berner

Oberland

199 3.883 m: Seilbahn auf den Aiguille

du Midi

147


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 200 mm

Belichtung 1/80 s

Blende f/8,0

ISO 200

148

3

Das Doldenhorn in den Berner Alpen. Hier ein Blick auf die Südseite im spätherbstlichen Abendlicht.

Atem beraubendes Hochgebirge

Hochgebirgsfotografie hat sich in den letzten 100 Jahren einen etwas zweifelhaften Ruf

erarbeitet: Das blanke Ablichten beeindruckender Hochgebirgspanoramen, wahlweise mit

Bergsteiger im karierten Flanellhemd davor, hat, im Verein mit den inflationär verbreiteten

Ölschinken aus dem Alpenvorland, das Abbilden von Bergen etwas in Verruf gebracht. Erst

in den letzten Jahren, durch die Renaissance des Klettersports und diverser alpiner Trendund

Extremsportarten, sind die Berge wieder „cool“ genug, dass sie auch als Fotomotiv

gefragt sind.


O Täler weit, o Höhen

Bergfotografie, vor allem oberhalb der

Baumgrenze , ist ein steter Spagat zwischen

der Begeisterung für das Bergpanorama,

gesteigert noch durch das persönliche Erfolgserlebnis,

in solche Höhen überhaupt

vorgedrungen zu sein, und dem Wunsch,

fotografisch ansprechende Bilder zu machen.

So fantastisch ein Alpenglühen ist, als

Motiv ist es nur in Ausnahmefällen geeignet.

So atemberaubend ein Rundblick sein

kann – oft genug zeigen die von dort gemachten

Bilder doch nur eine Anhäufung

namenloser Felszacken. Doch Bergfotografie

ist mehr als Panoramen knipsen, auch

wenn die meisten zwangsläufig damit anfangen.

Bergfotografie kann atemberaubende

Momente festhalten und unvergleichliche

Stimmungen zum Betrachter

transportieren. Man muss dabei nicht notwendigerweise

in die Eigernordwand einsteigen

oder eine Expedition zum Nanga

Parbat organisieren. Bergfotografie im

Hochgebirge ist auch ohne Sherpa möglich.

Anforderungen an Mensch und

Material

Das Hochgebirge bietet unendliche Motive,

unendliche Lichtstimmungen und sehr abwechslungsreiches

Wetter. Das Hochgebirge

ist aber keine Studioumgebung. Denken

Sie immer daran: Kein Foto ist es wert, dass

Sie sich dafür die Finger abfrieren oder einen

Flug mit dem Bergwachthubschrauber

riskieren. Es gibt ausreichend Fotografen,

die auf der Suche nach dem ultimativen Bild

für immer in den Bergen geblieben sind.

ÜBER DEN AUTOR

Reinhard Wagner , Jahrgang 1963,

bekam mit zehn Jahren eine Kodak

Instamatic geschenkt, die ausschließlich

quadratische Negative erzeugte.

Nachdem er einige Jahre hauptsächlich

schiefe Bilder produziert hatte,

weil lediglich in der Diagonalen genügend

Platz fürs Motiv war, setzte er

mit 14 eine Kleinbild-Exakta Varex IIa

durch und ist seitdem vom Spiegelreflex-Virus

befallen. Seit 1981 macht er

Zeitungsarbeit, setzt dabei seit 1999

auch Digitalkameras von Olympus

ein und dreht Kurzfilme. Technischen

Hintergrund erhielt er an der Universität

Erlangen und der Fachhochschule

Regensburg. Seit 2008 leitet

er neben seinem 1995 gegründeten

Verlag auch die Website oly-e.de,

eines der größten Foren zu Olympus

im deutschsprachigen Raum.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

149


Blauer Himmel,

wunderbare Tiefsicht

von fast 3.000 m auf

die Ägäis, es scheinen

beste Wetterbedingungen

zu herrschen.

Trotzdem wird die

Besteigung des Mytikas,

des Hauptgipfels

des Olymp, auf ca.

2.600 m aufgrund

des extremen Winds

abgebrochen.

AUFNAHMEDATEN

Dia analog

Brennweite 50 mm

Blende f/8,0

150

Körperliche Fitness

Fotografie im Hochgebirge erfordert zunächst

einmal körperliche Fitness . Es geht

dabei nicht darum, dass Sie einen Marathon

absolvieren oder vor dem Frühstück 20 km

Fahrrad fahren können. Es geht vor allem

darum, dass Sie Ihre eigene körperliche

Leistungsfähigkeit kennen. Im Hochgebirge

funktionieren Handys manchmal ganz

überraschend nicht, Sie sind also unter Umständen

auf sich allein gestellt. Verletzen Sie

sich unterwegs und haben keine Funkverbindung,

kann der Fotoausflug sehr schnell

zu einer tödlichen Gefahr werden. Die wichtigste

Vorbereitung ist also, die persönliche

körperliche Konstitution zu verbessern und

realistisch einzuschätzen.

Nicht zu vergessen: Trittsicherheit und

Schwindelfreiheit sind ebenfalls entscheidende

Voraussetzungen . Die Faustformel

für sicheres Bergsteigen lautet: eine Hand

am Berg – die meisten Kameras sind aber

nicht einhandtauglich, also müssen Sie sich

zwangsläufig ausschließlich auf Ihre Beine

verlassen können.

Vorzugsweise mit Bergpartner

Ebenso wichtig: Suchen Sie sich eine Person

Ihres Vertrauens, mit der Sie losziehen

und die auch darauf vorbereitet ist, dass Sie

fotografieren wollen. Im Normalfall schafft

ein durchschnittlicher Bergsteiger etwa

400 Höhenmeter pro Stunde. Wenn Sie

unterwegs ernsthaft fotografieren wollen,

können Sie höchstens mit der Hälfte rechnen.

Ihre Partner müssen mit dieser verminderten

Geschwindigkeit zurechtkommen.

Das hat nicht nur mit Geduld, sondern auch

mit Routenwahl und Fitness zu tun. Der

Bergpartner kommt bei einer erzwungenen

Pause aus dem Rhythmus – und das kostet

Kraft. Eine normale Zweitagestour kann

sich leicht auf das Doppelte ausdehnen und

ist damit an einem Wochenende nicht mehr

zu machen. Zudem wird das Wetter über

einen längeren Zeitraum unsicherer.


AUFNAHMEDATEN

Dia analog

Brennweite 80 mm

Blende f/8,0

Studium des Bergwetters

Die nächste Vorbereitungsphase ist natürlich

das Studium des Bergwetters . Dabei

geht es nicht nur darum, dass Sie halbwegs

trocken und gesund auf den Gipfel kommen,

sondern das Wetter sollte klar und

sicher sein. In den Alpen geht klares Wetter

oft mit Föhn einher. Föhn kann aber in

Gipfellagen außerordentlich unangenehm

werden, vor allem wenn man keine Hand

frei hat, um sich festzuhalten.

Nicht minder wichtig ist die mentale Vorbereitung.

Für den Bergsteiger gilt die eiserne

Regel: Held ist, wer umkehrt. Wer weitersteigt,

ist ein Sturkopf und leider oft genug

ein toter Sturkopf. Für fotografierende Bergsteiger

ist diese Regel noch schärfer: besser

ohne Kamera zurückkommen als ohne Kopf.

Wenn Sie ein dummes Gefühl haben, sich

körperlich nicht fit fühlen oder irgendetwas

nicht passt: Drehen Sie um, verzichten Sie auf

das Bild, verzichten Sie auf den Gipfel. Und

wenn Sie am anderen Ende der Welt sind und

nur einmal in Ihrem Leben die Chance haben,

dieses eine Foto zu machen – bedenken Sie

immer, Sie haben die einmalige Chance, bis

an Ihr Lebensende an diesem Ort zu bleiben.

Seien Sie sich deshalb von vornherein im

Klaren darüber: Hochgebirgsfotografie ist

klasse, aber wenn Sie sich dabei den großen

Zeh erfrieren, merken Sie das den Rest

Ihres Lebens, und wenn Ihr großer Zeh auftaut,

könnten Sie vor Schmerz am liebsten

in die Speicherkarte beißen.

Vorsicht, Lawinengefahr!

Solange Sie im Hochgebirge unterwegs

sind, ist es selbstverständlich, dass Sie mit

dem richtigen Verhalten in dieser Gegend

vertraut sind. Gehen Sie im Winter ins Gebirge,

muss Ihnen zwingend das Verhalten

in lawinengefährdetem Gebiet geläufig

sein, und idealerweise haben Sie auch einen

entsprechenden Rettungskurs mitgemacht.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Abstieg durch das Laliderer

Tal im Karwendel. Im Sommer

ist dies der Normalweg

auf die Falkenhütte. Es kann

aber jederzeit selbst auf

dieser geringen Höhe ein

Wettersturz kommen, der in

heftiger Lawinengefahr und

dickstem Nebel endet. 15

Monate vor dieser Aufnahme,

im Juni 1979, fand

wenige Meter von dieser

Aufnahme entfernt die bisher

größte Bergrettungsaktion

Österreichs statt, als zwei

bayerische Bergsteiger

während eines mehrtägigen

Schneesturms aus der Laliderer

Wand geborgen wurden.

Auch bei der abgebildeten

Bergtour musste ein Begleiter

wegen Unterkühlung mit

dem Hubschrauber abgeholt

werden.

151


Stativ in steilem Geröllfeld

mit montiertem

Nikkor 200-400,

beschwert durch eine

Plastiktüte mit Steinen.

Im Hintergrund Bunderspitz

und First.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 1/640 s

Blende f/7,1

ISO 100

152

Knoten und Sicherungstechniken

Falls Sie klettern, versteht es sich von selbst,

dass Sie die notwendigen Knoten und Sicherungstechniken

beherrschen und sich

auch selbst abseilen können, schon allein

deshalb, weil Sie als Fotograf grundsätzlich

irgendwelche Extrawürste braten und den

Betrieb aufhalten. Sie benötigen also unbedingte

Fitness und Sicherheit am Fels. Natürlich

gibt es Fotografen, die sich Top-Rope

die Wand hochziehen lassen und dann

fleißig die daneben kraxelnden Jungs ablichten

oder nach getaner Arbeit, weil’s so

einfach ist, mit ein paar Steigklemmen ein

Fixseil „hochjümarn“. Es gibt aber ebenfalls

Fotografen, die oben feststellen, dass das

Fixseil an der Felskante gescheuert hat und

sie um das buchstäbliche Haar noch mal

davongekommen sind. Deshalb: Richten Sie

sich darauf ein, die Technik ausschließlich

zur Sicherung zu verwenden. Das hat auch

den Vorteil, dass Sie ein Gefühl für die Natur

behalten – und dieses Gefühl kann Ihnen

das Leben retten. Das Hochgebirge ist kein

Klettergarten oder Sportplatz.

Kompass und Kartenmaterial

Für die Tourplanung sind natürlich Kompass

und Kartenmaterial unentbehrlich.

Verlassen Sie sich nicht auf GPS-Kompass,

Navigationsgerät oder gar Ihr Smartphone.

Alle technischen Geräte können kaputtgehen,

der Akku kann einfrieren – ein Wassereinbruch

im Gerät, und Sie sind ohne Karte

und den guten alten Magnetkompass völlig

aufgeschmissen. Schon ein paar Stunden


EISPICKEL UND

PLASTIKTÜTE

Sind Sie in steilem Gelände unterwegs,

nehmen Sie einen Eispickel

mit – es gibt nichts Besseres, um

einen Fotorucksack gegen spontanes

Davonkullern zu sichern. Vor allem

in steilen Geröllfeldern ist das ein

„Must“. Auch eine stabile Plastiktüte

oder eine Stofftasche sind zweckmäßig.

In diese kann man Steine

einfüllen, um das Stativ zu beschweren.

Der gern verwendete Rucksack

hat den Nachteil, dass man möglicherweise

während der Pause etwas

herausholen möchte oder dass er die

falschen Abmessungen hat.

TRANSPORTKAPAZITÄTEN

Wenn Sie beliebige Transportkapazitäten

haben, nehmen Sie alles mit,

was Sie an Fotozubehör besitzen. Sie

können sicher sein, dass der Adlerhorst

genau dann in Sicht kommt,

wenn Sie nur ein Weitwinkelobjektiv

dabeihaben, oder dass Sie im Mondlicht

ein wunderbares Panorama, aber

kein Stativ haben. Murphys Gesetz

ist ewig, und gerade im Gebirge

bestätigt sich das jeden Tag. Nicht

jeder hat aber die Möglichkeit, den

angestrebten Gipfel mit dem Helikopter

anzufliegen, sodass Transport

und Abholung des Equipments das

Problem anderer wäre. In den meisten

Fällen ist man gezwungen, die Fotoausrüstung

selbst auf die Höhe zu

bringen.

Schneefall und etwas Nebel können ein bei

Sonnenschein harmloses Hochplateau zu

einer Todesfalle werden lassen.

Die Sternentabelle des Fotografen

Genug der Schwarzmalerei, nicht jede

Hochtour endet im Hubschrauber der Bergrettung,

und auch die GPS-Geräte sind

meistens zuverlässig. Die moderne Technik

ermöglicht es sogar, Fotografie und Bergsteigen

auf völlig neuartige Art und Weise

zu kombinieren. Ein sehr praktisches Tool

dafür ist TPE – The Photographer‘s Ephemeris.

Übersetzt bedeutet das nichts anderes

als „Die Sternentabelle des Fotografen“, was

natürlich nicht ganz stimmt, da es hierbei

nur um Sonnen- und Mondhöhen geht.

Mit diesem Tool kann man nicht nur für

jeden Punkt der Erde Sonnenauf und -untergangszeiten

an jedem Tag des Jahres bestimmen,

sondern auch die Sonnenhöhe zu

jedem Zeitpunkt – und das auch noch unter

Berücksichtigung des Geländeprofils. Sie

können also schlicht genau den Zeitpunkt

ausrechnen, an dem die Sonne genau die

Spitze eines bestimmten Gipfels berührt,

wenn Sie von einem bestimmten Grat aus

fotografieren. Sie können feststellen, ob das

von Ihnen gewünschte Alpenglühen von

der geplanten Tour aus überhaupt sichtbar

ist und ob die Wand vormittags im unteren

Bereich Sonne hat oder nicht. Mittels dieses

Tools können Sie nun Ihre Tour auch

fotografisch planen – doch so schön diese

Möglichkeiten auch sind, Vorrang hat immer

die Sicherheit.

Wasser und konzentrierte Kalorien

Sorgen Sie für ausreichend Wasser und konzentrierte

Kalorien . Wenn Sie mit den isotonischen

Sportgetränken nichts anfangen

können, nehmen Sie Mineraltabletten mit

oder, falls Sie auch das nicht mögen, salzige

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

153


Von links nach rechts:

die voll- und teilmechanischen

Saurier

EXA IIa, Pentax MV,

Minox EC. Dahinter

eine CF-Karte zum

Größenvergleich.

154

Würstchen. Die Brotzeit der Bergbauern ist

nicht umsonst deftig, das Bergsteigeressen

auf Alpenvereinshütten besteht meist aus

Kartoffeln mit Speck, Käsespätzle oder anderen

Kalorienbomben wie Spaghetti Bolognese

o. Ä. Wasser allein hilft Ihnen nichts,

und Schokolade kann zwar für Energie sorgen,

ersetzt aber nicht die verloren gegangenen

Mineralstoffe – und Wadenkrämpfe

zum falschen Zeitpunkt können Sie abrupt

aus dem Rennen oder der Wand werfen.

Auch wenn Sie bei vermeintlich bestem

Wetter losmarschieren und es mitten im

Hochsommer ist: Nehmen Sie zumindest

warme Kleidung mit, auch ein paar leichte

Fausthandschuhe sind keine übertriebene

Vorsicht. Profis haben immer einen

Biwaksack dabei, die es schon ab 120 g in

einfachster Ausführung gibt. Für zwei Personen

muss man etwa 400 g einrechnen.

Klimatische Extreme, Feind der Kamera

Die Beschränkung auf das Wesentliche ist

bei der Hochgebirgsfotografie noch dringlicher

als in einem anderen Umfeld. Dabei

muss man nicht nur das Gewicht im Auge

behalten, sondern auch die Funktionalität bei

allen Klimabedingungen. Auf 4.000 m Höhe

steigt das Thermometer in den Alpen selbst

im Sommer kaum über 5 °C. Im Winter sind

es auch mal 35 Minusgrade, was selbst in

der Hosentasche vorgewärmte Akkus sehr

schnell in die Knie zwingt. Im Unterschied

dazu kann eine schwarze Kamera in der Sonne

auch mal schnell so heiß werden, dass der

Sensor nicht mehr ausreichend gekühlt werden

kann. Klimatische Extreme sind also der

natürliche Feind der Digitaltechnik.

Mechanische Schätzchen, immer bereit

Die Rundum-glücklich-Kamera für den,

der für alle klimatischen Eventualitäten gewappnet

sein will, ist eine Pentax MX oder

die Olympus OM-1 mit 50- oder 35-mm-

Objektiv. Zusammen mit einem 36er-Film

wiegt das Ganze nicht mehr als 750 g und ist

bei absolut jedem Klima einsetzbar. Wenn

die internen Knopfzellen der Kameras aufgeben,

sollte man noch einen Selen-Belichtungsmesser

in der Tasche haben. Diese für

wenige Euros erhältlichen Fossile funktionieren

auch ohne Batterie. Leider sind sowohl

die MX- als auch die Olympus-OM-Kameras

nicht wirklich billig zu haben. Günstiger sind


die Vollmetall-Klopper aus Jena, EXA oder

Exakta Varex mit einem 35-mm-Flektagon

oder einem 50-mm-Tessar.

Das Transportgewicht der „Großen“ liegt

dann schon jenseits der 1.000 g, allerdings

hat man auch so flotte Details wie integrierte

Filmabschneider und auswechselbare

Lichtschachtsucher an Bord. Man sollte lediglich

bei Temperaturen unter –25 °C beim

händischen Filmtransport etwas Vorsicht

walten lassen, da bei diesen Temperaturen

gern mal die Perforation der Filme ausreißt.

Auch eine Praktika ist eine Überlegung

wert. Die Kameras sind ziemlich günstig

zu haben, die M42-Objektive gibt es in

wirklich jeder Preis- und Qualitätsklasse,

und die Kameras haben immerhin einen

Schnittbildsucher.

Auch wenn die altmodische Bereitschaftstasche

albern und touristisch aussieht und bei

alten Hasen den Spitznamen „Bereitschaftsverhinderungstasche“

hat – durch die Konstruktion

schützt sie die Kamera zuverlässig

auch vor ausgesprochen herben Stößen in

der Wand. Eine Varex IIa, die in einer Bereitschaftstasche

außen am Rucksack befestigt

war, überlebte den Sturz des Rucksacks über

einen 50-m-Abhang im Karwendel ohne einen

Kratzer. Falls Sie das Glück haben, noch

eines der alten, mechanischen Schätzchen

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Bereitschaftstasche mit

Exakta Varex IIa. Bereitschaftstaschen

gibt es

mittlerweile auch für die

meisten Systemkameras

und DSLRs, aus echtem

Leder sind sie aber fast

nicht mehr zu bezahlen.

155


156

PLÄDOYER FÜR DIE BEREIT-

SCHAFTSTASCHE

Bereitschaftstaschen zeichnen sich

dadurch aus, dass die Einzelteile

„unverlierbar“ sind, mithin sich auch

nicht unauffällig davonmachen können.

Durch die mit einem Handgriff

abklappbare Komplettabdeckung

kann man sich auch den Objektivdeckel

sparen. Der größte Nachteil

der Bereitschaftstaschen ist ihr

unglaublich muffiges Image und die

Tatsache, dass man keine größeren

Objektive darin unterbringen kann.

im Schrank zu haben: Lassen Sie die Mechanik

überholen und den Tuchverschluss reparieren,

und Sie haben eine Kamera, die auch

dann noch funktioniert, wenn alle anderen

mangels Batterie aufgeben müssen.

Bergsteigen mit Kamera

Sobald Sie sicherstellen können, dass Sie

immer und zu jeder Zeit einen angewärmten,

vollen Akku parat haben, sprechen wir

jedoch nur noch über Digitalkameras. Die

kleinsten und leichtesten Kameras, die für

extreme Situationen geeignet sind, sind die

Outdoorkameras, die mit wasserdichtem

Gehäuse und einem erweiterten Temperaturbereich

punkten können. Diese Kameras,

bei denen Olympus mit der Tough-

Reihe Marktführer ist, sind unter normalen

Umständen nicht kaputt zu kriegen. Solange

sie irgendwie angebunden sind und

sich nicht in einen Abgrund verabschieden,

machen sie alles mit. Selbst eine Nacht im

Schnee verkraften die Kameras ohne Kla-

gen. Die neuesten Toughs haben mittlerweile

sogar GPS an Bord. Einziges Manko

ist die Bedienung der kleinen Kameras mit

Handschuhen. Das erfordert eine gewisse

Übungszeit. Bei extremer Kälte kann man

die Kameras in Gänze in die Hosen- oder

Jackentasche stecken, sodass sie eigentlich

immer betriebsbereit sind.

Leider haben diese unkaputtbaren Kompakten

alle keinen Sucher mehr, sodass das

Fotografieren im hellen Sonnenlicht zum

Problem werden kann. Abhilfe schafft hier

eine Kopfbedeckung mit Krempe oder Sonnenschutz.

Es rentiert sich bei den Outdoorkameras

übrigens nicht, ältere Exemplare zu

erwerben. Die Bildqualität der neueren Modelle

ist gegenüber denen der ersten Generation

deutlich besser. Zudem haben neuere

Kameras auch so praktische Features wie

die automatische Panoramenerstellung

oder einen HD-Videomodus an Bord.

Ein großer Vorteil ist, dass die modernen

Kompaktkameras über USB geladen

werden können. Ein Solar-USB-Ladegerät

macht Sie damit unterwegs vom Stromnetz

unabhängig.

Die modernen Knipsen bieten zwar bis zu 14

Megapixel, tatsächlich reicht die Bildqualität

oft genug aber nur für einen Print in 13 x

18 cm aus. Da ist es empfehlenswert, genau

hinzusehen und im Zweifelsfall mehr Geld

auszugeben. DSLR-Qualität kann man allerdings

auch bei den Besten nicht erwarten.

Vor allem beim Dynamikumfang schwächeln

die Kameras, und das unvermeidliche Rauschen

wird durch aggressive, kamerainterne

Glättung bekämpft – feine Strukturen bleiben

da schon bei ISO 200 auf der Strecke.

Wem die Bildqualität der „Rugged Cams“

nicht ausreicht, ist versucht, zu einer Bridge

oder einer der wohlfeilen Ultrazooms zu

greifen. Wer bereits so eine Kamera besitzt

und kein Geld ausgeben möchte, für den ist


das sicher eine Lösung des Problems, wirklich

zufriedenstellend ist es aber auch nicht.

Die Kameras sind durch den ausfahrenden

„Rüssel“ noch empfindlicher als Kameras

mit Wechselobjektiv, sie sind nicht so kompakt,

haben meistens auch keine sonderlich

großen Sensoren, weil sonst die extremen

Zoomobjektive wieder unhandlich würden,

und sind deshalb von der Bildqualität her

eher im Bereich der „Rugged Cams“ angesiedelt.

Interessanter sind da wieder die neuen

Edelkompakten vom Schlage einer Olympus

XZ-1 oder einer Canon S95. Bei diesen

Kameras fährt das Objektiv nicht so weit

aus, bei gutem Licht können die Ergebnisse

mit DSLRs mithalten, die Kameras bieten

RAW-Format, sind klein und leicht und

trotzdem mit Handschuhen zu bedienen.

Durch die hochwertigen, lichtstarken Objektive

sind auch bei Dämmerung oder auf

der Hütte noch erstklassige Fotos möglich.

Fotografie mit Bergsteigen

Ab der nächsten Stufe tritt nun das reine

Bergsteigen mit Kamera in den Hintergrund,

und man kommt in den Bereich der

„Fotografie mit Bergsteigen“.

Systemkameras

Hier ist man dann mit einer der neuen Systemkameras

unterwegs, vorzugsweise einer

Panasonic GF oder Olympus PEN. Die

ebenfalls in diesem Bereich angesiedelten

Sony NEX und Samsung NX haben sensorbedingt

deutlich größere Optiken und sind

häufig nur schwer einhändig zu halten und

zu bedienen. Die für die mFT-Kameras erhältlichen

Aufstecksucher sind zwar ungeheuer

praktisch, laufen aber auf längeren

Touren unter „verlierbarem, teurem Kleinkram“.

Als ideales Objektiv für die Tour hat sich

bei den mFT-Kameras das 9-18 mm herausgestellt.

Sowohl in der Wand als auch

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Drei Digitalkameras

fürs Gebirge: Olympus E-3

mit Batteriegriff und

Zuiko 11-22 (22-44),

Olympus E-P2 mit

mZuiko 9-18 (18-36) und

die Olympus Tough 810

mit eingebautem 5-25-

(28-140-mm-)Objektiv.

157


158

für das Gipfelfoto sorgt der Bildwinkel des

Objektivs für spektakuläre Bilder, die Kombination

ist zudem noch durchaus kompakt.

Brauchbare Allrounder sind die 14-42-mm-

und 14-45-mm-Standardzooms, wobei

auch hier die Olympus mZuikos aus ganz

praktischen Gründen zu bevorzugen sind:

Sie kommen nämlich aufgrund der Konstruktion

ohne Streulichtblende aus – wieder

ein Teil, das sich zu gern zum unpassenden

Zeitpunkt selbstständig macht oder mit

dem man irgendwo hängen bleiben kann.

Spiegelreflexkamera

Etwas größer als die Systemkameras sind

dann die Spiegelreflexkameras mit FT- oder

APS-Sensor. Bei den im Gebirge bevorzugt

verwendeten Brennweiten im Weitwinkel-

und leichten Telebereich macht das keinen

großen Unterschied. Es gibt in diesem

Bereich ebenfalls mehrere gedichtete Kameras,

denen auch mal ein Regenschauer

nichts ausmacht. Das obere Ende der Wetterfestigkeit

markiert hier Olympus mit der

E-5, die vom Sand- bis zum Schneesturm

alles aushält. Eine abgedichtete Kombi mit

dem Zuiko 12-60 mm wiegt aber bereits

Knapp 1,5 kg. Empfehlenswert sind auf jeden

Fall Kombinationen mit Bildstabilisator, wobei

es nebensächlich ist, ob der Stabilisator

im Objektiv oder in der Kamera verbaut ist,

in der Kamera ist er nur auf Dauer billiger.

Kleinbildkameras

Kleinbildkameras stehen im Ruf, groß und

schwer zu sein, was für die Kameras selbst

gar nicht zutreffen muss – die Nikon D700

ist nicht viel größer als eine Olympus E-5,

aber vor allem die Objektive sind voluminöser.

Während zu analogen Zeiten noch

drei- und vierlinsige Festbrennweiten auf

den leichten, mechanischen Kameras zu

finden waren, sind es heute, so man die

damaligen Lichtstärken erreichen will, voluminöse

Zooms mit einem Dutzend Linsen,

AF-Motor, elektrischer Springblende und

einem optischen Stabilisator – alles ausgesprochen

praktische Erfindungen, die aber

neben der Fehleranfälligkeit noch einen

gravierenden Nachteil haben: Sie wiegen.

Kleinbildkameras sind am Berg vor allem

in der Werbefotografie und entsprechend

budgetierten Produktionen zu finden. Hobbyisten

sollten sich entweder auf wenige Objektive

beschränken oder die Fotoausrüstung

auf die Teammitglieder aufteilen. Priorität im

Rucksack hat immer die eigene Notfallausrüstung.

Wird ein Mitglied der Gruppe vom

Rest getrennt und ist das zufällig der Fotograf,

der zwar einen schweren Fotorucksack,

aber keinerlei Ausrüstung besitzt, dann kann

das im Gebirge böse ausgehen.

AUSRÜSTUNG SICHERN

Ein wichtiger Punkt bei der Ausrüstung

im Hochgebirge ist immer:

Rechnen Sie damit, dass Sie Ihre

Ausrüstung verlieren. Bereiten Sie

sich mental darauf vor, dass Ihnen

Teile der Ausrüstung aus der Hand

gleiten und sich vorzeitig ins Tal

verabschieden. Das ist, wenn es passiert,

ärgerlich. Aber es ist besser,

Sie haben sich und Ihr Portemonnaie

bereits darauf eingestellt, als

dass Sie sich dazu hinreißen lassen,

einen riskanten Rettungsversuch zu

unternehmen. Trotzdem sollten Sie

natürlich immer dafür sorgen, dass

Ihre Ausrüstung gesichert ist – schon

allein um zu verhindern, dass Ihren

Nachsteigern harte Gegenstände auf

den Kopf fallen.


Erinnern Sie sich an die Gruppe der vier

Bergsteiger, die im April 2010 von einem

Wettersturz am Großvenediger überrascht

wurden und fast drei Tage in einer Schneehöhle

durchhalten mussten, bevor sie erschöpft,

aber heil gerettet wurden. Ohne

die richtige Ausrüstung und die richtige

Ausbildung wäre diese Geschichte wie die

meisten anderen vergleichbaren ausgegangen:

tödlich.

Hochgebirge, die Domäne der Weitwinkel

Konkrete Objektivempfehlungen sind fürs

Hochgebirge schwierig zu geben. Zu sehr ist

das auch von den individuellen Fotografiergewohnheiten

abhängig. Für den Einsteiger

in das Thema ist ein leichtes Standardzoom

die beste Wahl. Lichtstärke ist dabei nicht

so wichtig, eher eine Streulichtblende, die

man zum Verstellen des Polfilters nicht

abnehmen muss. Der Brennweitenbereich

sollte mindestens den Bereich zwischen 28

und etwa 80 mm Kleinbild abdecken. Damit

kommt man schon sehr weit und kann

ausprobieren, in welchem Bereich man sich

selbst wohlfühlt.

Weitwinkel

Unterm Strich ist das Gebirge die Domäne

der Weitwinkel. Dabei ist eine kontrastreiche,

scharfe Abbildung wichtiger als die Bildgeometrie.

Eine leichte Tonnenverzerrung

fällt bei Gebirgsaufnahmen nicht auf. Auch

wenn man natürlich vom Gipfel aus mit der

langen Brennweite den Nachbargipfel nah

heranzoomen kann – lohnende Motive erhält

man damit in den seltensten Fällen. Im Gegenteil,

die mit langen Brennweiten im Gebirge

entstandenen Fotos kranken oft an uninteressanten

Sujets, Dunst und Verblauung.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 200 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/4,5

ISO 100

Ein Milan vor der Südwand

der Bire. Hier lag

Ende Mai noch Schnee.

Trotzdem ist die Wand

dunstig und verblaut,

der Milan hebt sich

scharf ab. Milane

sind glücklicherweise

Segelflieger, sodass

man sie auch mit

langen Brennweiten

gut erwischt.

159


Rechts: Kletterin

in der Fränkischen

Schweiz. Aufgenommen

mit Ultraweitwinkel

im Abendlicht.

Die Verzerrungen am

Bildrand sorgen für

zentral zulaufende

Linien im Fels, die objektiv

natürlich nicht

da sind.

160

Die Lichtstärke ist bei Landschaftsaufnahmen

mit Weitwinkel weniger von Bedeutung.

Im Gebirge wollen Sie meistens das

Bild scharf haben, also werden Sie sowieso

auf die Hyperfokaldistanz einstellen und

irgendwo zwischen Blende f/8 und Blende

f/11 bleiben. Stellen Sie vorab fest, bei

welcher Blende Ihre Objektive die beste

Leistung bringen, und arbeiten Sie in diesem

Bereich. Probieren Sie das aber nicht

im heimischen Vorgarten aus, sondern

tatsächlich in der Landschaft. Die Leistung

von Objektiven kann im Nahbereich und im

Fernbereich unterschiedlich sein. Berücksichtigen

Sie auch, wenn irgend möglich,

das Motiv. Wenn Sie Landschaften mit grünen

Wäldern aufnehmen, haben Sie andere

Anforderungen als bei Aufnahmen in der

Großstadt oder im blanken Fels.

Einige Objektive sind im Zusammenspiel

mit den Kameras auf Kantenkontrast optimiert,

das bedeutet, Häuser, Dächer und

alle Dinge mit klaren Kontrastkanten werden

knackscharf. Bildbereiche mit geringen

Kontrasten und weichen Farbabstufungen

werden matschig. Letzteres trifft vor allem

auf Vegetation, bisweilen aber auch auf

Geröllfelder zu. Da kann es sein, dass sich

ein Objektiv lohnt, das stärker auf Auflösung

als auf Kontrast optimiert ist. Diese

Objektive – ein Beispiel ist das Zuiko 11-22

mm – sind normalerweise unbeliebt, da

die Ergebnisse damit unauffällig und wenig

spektakulär sind. Wirklich kantenscharfe

Ergebnisse erreicht man da meist nur durch

Nachschärfen am Computer. Diese Objektive

können aber bei Landschaftsaufnahmen

ihre Stärken ausspielen. Die Bilder wirken

deutlich ausgewogener und natürlicher.

Mittlerweile wird vor allem bei den sogenannten

Systemkameras sehr stark mit

digital optimierten Objektiven gearbeitet.

Das heißt, die Objektive haben teils erhebliche

Abbildungsfehler, die aber über eine

kamerainterne Optimierung herausgerechnet

werden, eine Folge des Kostendrucks

und der geringen Baugröße. Dies betrifft

nicht nur die Bildgeometrie, sondern auch

chromatische Aberrationen und Vignettierungen.

Seien Sie mit diesen Objektiven

vorsichtig. Die digitale Schärfe ist in den Bildern

sichtbar und nicht jedermanns Sache.

Was bei Personenfotografie und im urbanen

Umfeld kein großes Problem ist, kann die

Bilder aus dem Hochgebirge nachhaltig verderben,

weil eben kleine Farbunterschiede

verwaschen und Kontrastkanten ungleichmäßig

verstärkt werden.

Ultraweitwinkel

Ultraweitwinkel verzerren die Perspektive,

weil sie die eigentlich gebogenen Linien am

Rand so korrigieren, dass sie gerade werden

und damit die Darstellung nicht mehr

flächentreu ist. Die Tonnenverzerrung einfacher

Weitwinkelobjektive und von Fisheye-

Objektiven resultiert ja nicht aus einem seltsamen

Humor der Objektivdesigner, sondern

aus der tatsächlichen Perspektive, die eben

nicht auskorrigiert wurde. Genau genommen

ist eben diese Korrektur keine Berichtigung,

sondern eine Verzerrung.

Diese Verzerrung sorgt dafür, dass Dinge

am Rand deutlich an Fläche zunehmen.

Der optische Effekt ist, dass der Betrachter

in das Bild hineingezogen wird, das Bild hat

„Geschwindigkeit“. Um diesen Effekt zu maximieren,

muss man darauf achten, dass die

Gegenstände an den Rändern deutlich näher

sind als Motive in der Mitte des Bilds. Baut

man im Gegenteil das Bild so auf, dass das

Hauptmotiv sehr nahe und in der Mitte ist,

wird es unnatürlich groß dargestellt, der Hintergrund

wird zur weit entfernten Tapete.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/4,0

ISO 100

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

161


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 16 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/11,0

ISO 100

So harmlos und friedlich diese Aufnahme wirkt: Vor Kühen ist äußerster Respekt

angebracht. Nicht dass sie sonderlich agressiv wären, die meisten Kühe in den

Alpen sind Wanderer gewöhnt und wollen nur in Ruhe gelassen werden, aber

Kühe sind ausgesprochen neugierig und interessieren sich sehr für Kameratechnik.

Ein gut gemeinter Stupser mit der Nase, ein schneller Schlabber übers

Objektiv, und die Fototour wird zwangsweise durch eine größere Putzaktion

unterbrochen.

Rechts: Der Klassiker,

Enzian am Oeschinensee.

Aufgenommen mit

einem 180°-Fisheye.

162

Auch die Tierfotografie ist im Gebirge mit

Ultraweitwinkeln interessant zu lösen. Man

kommt zwar eher selten nahe genug an ein

Murmeltier heran, dass man eine kurze

Brennweite mit Erfolg einsetzen kann, aber

bisweilen ergeben sich auch mit Haustieren

nette Motive. Sie können sogar mit Fisheye-

Objektiven Bergfotos machen, bei denen

die in der Stadt offensichtliche Verzerrung

kaum zu sehen ist.

Fisheye

Ein Fisheye-Objektiv ist das im Gebirge am

meisten unterschätzte Objektiv. Die Perspektive

ermöglicht nicht nur beeindruckende

Panoramen, sondern bietet vor allem die

Möglichkeit nahezu unendlicher Schärfentiefe

schon aus dem Nahbereich heraus. Das

ermöglicht Bilder, die so mit keinem anderen

Objektiv möglich sind. Auskorrigierte Ultraweitwinkel

verzerren die Randbereiche so

stark, dass dort kein natürlicher Eindruck

mehr möglich ist. Bei einem Fisheye dagegen

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 16 mm

Belichtung 1/400 s

Blende f/5,6

ISO 100


KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

163


können bildwichtige Motive auch im Randbereich

platziert werden, solange man darauf

achtet, dass sie nicht über die gesamte

Bildhöhe gehen.

Besonders prädestiniert für solche Fotos

sind Motive wie Blumen und andere kleine

Dinge. Im Beispiel ist es ein Klassiker: der

Enzian. Wer es moderner mag, kann auch

einen Karabiner, einen Kletterhelm oder

das Kochgeschirr in den Vordergrund platzieren,

je nachdem, was eben als Hingucker

in die Bildkomposition soll.

Ausnahme: lange Telebrennweiten

Es gibt natürlich eine Ausnahme, und die

betrifft die Tierfotografie. Für Steinböcke,

Adler und Murmeltiere kann die Brennweite

nicht lange genug sein. In der Tierfotografie

ist der wesentliche Faktor das „Gewusst-

wo-und-wann“. Wenn Sie nicht wissen, wo

sich die gesuchten Steinböcke aufhalten, ist

das Mitschleppen von schweren Teleobjektiven

nur aus Fitnessgründen sinnvoll. Dass

Ihnen rein zufällig im passenden Moment

die Tiere in Reichweite über den Weg laufen,

ist ausgesprochen unwahrscheinlich.

(Anders ist es bei Alpendohlen – da reicht

meist schon ein Vesperbrot, und Sie können

die Tiere in Gemütsruhe mit dem Ultraweitwinkel

formatfüllend ablichten.) Aber auch

bei Tieraufnahmen gilt: Wer früh aufsteht,

macht die besten Fotos. Später am Tag wird

der Dunst sehr schnell selbst für die Tierfotografie

zu dicht.

Wenn Sie sich entschlossen haben, die

Schlepperei auf sich zu nehmen, sollten Sie

ein paar wesentliche Dinge bei der Auswahl

der Objektive berücksichtigen:

Ein junger Steinbock am Schwarxhorn, fotografiert Anfang Mai um die Mittagszeit. Abstand etwa 40 m. Ein Glücksfall,

der auch durch den extrem milden Frühling begünstigt wurde. Das Schwarxhorn wird übrigens wirklich mit x geschrieben.

164

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 290 mm (KB 435 mm)

Belichtung 1/500 s

Blende f/10

ISO 200


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 294 mm

Belichtung 25 s

Blende f/14,0

ISO 100

Lichtstärke bei langen Telebrennweiten

Bei Weitwinkel- und Normalobjektiven ist

die Lichtstärke im Gebirge eher kein Kriterium,

bei langen Telebrennweiten aber

sehr wohl. Dabei ist nicht die Lichtstärke

bei Offenblende von Interesse, sondern

die Lichtstärke bei möglichst guter Abbildungsqualität.

Das berühmt-berüchtigte Sigma 50-500

mm, wegen des gigantischen Zoombereichs

und der Tatsache, dass es für die meisten

Bajonette verfügbar ist, ziemlich weit verbreitet,

sollte man in der ersten Version

am besten auf Blende f/10 abblenden. Die

neuere Version mit integriertem Stabilisator

ist schon ab Blende f/8 gut. Die theoretisch

erreichbare Lichtstärke von 5,6 bei 500 mm

klingt zwar gut, die Ergebnisse sind aber

nur in der Sportfotografie ganz okay, im

Gebirge eher suboptimal. Eines der besten

Teleobjektive für die Gebirgsfotografie ist

das Zuiko 50-200 mm, das mit Offenblendentauglichkeit

von 2,8 bis 3,5 glänzen kann

und trotzdem nur 1 kg wiegt. Es bietet den

Bildwinkel eines 100-400 mm an Kleinbild –

bei einem Bruchteil des Gewichts. Das Nikkor

200-400 mm wiegt dagegen gut das

Dreifache, was eben auch ein stabileres Stativ

und damit noch mehr Gewicht bedingt.

Bisweilen sind manche Perspektiven von

Bergen auch überhaupt nur von tieferen

Standpunkten mit langen Brennweiten zu

machen. Das Blümlisalphorn verliert aus

der Nähe seinen Pyramidencharakter, eine

solche Perspektive ist also nur mit Tele und

an einem klaren Tag zu bekommen.

NACHMITTAGS-

AUFNAHMEN

BEI SONNENSCHEIN

Wenn die Sonne den ganzen Tag

auf die Felsen gebrannt hat, bekommen

Sie Luftblasen über den

Felsen – der Segelflieger nennt

das Thermik –, die wie kleine

Linsen wirken und jede Schärfe

von weiter entfernten Sujets

illusorisch machen. Sehr schön

können Sie das beobachten,

wenn Schneefelder und Felsen

direkt nebeneinanderliegen.

Über Schneefeldern haben Sie

perfekte Fotografierbedingungen,

über den direkt danebenliegenden

Felsen bekommen Sie

kein scharfes Bild.

Blümlisalphorn,

3.664 m. Dieses Bild

wurde vom Stativ mit

ND3-Graufilter und

Polfilter gemacht.

Durch die verlängerte

Belichtungszeit werden

die Wolken verwischt

und geben den Eindruck

von stärkerem

Wind als bei kurzer

Belichtungszeit, bei der

Wolken und Schnee

nur schwer auseinanderzuhalten

sind. Der

Schatten am unteren

Bildrand entstand

durch die Wolken.

165


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 184 mm

Belichtung 1/400 s

Blende f/5,0

ISO 100

Ausblick vom Hochfelln, aufgenommen ohne Polfilter.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 184 mm

Belichtung 1/160 s

Blende f/5,0

ISO 100

Ausblick vom Hochfelln, aufgenommen mit Polfilter. Die beiden Aufnahmen

wurden mit ESP-Belichtungsmessung im Abstand von 4 Sekunden

gemacht. Man sieht auch an den unterschiedlichen Belichtungszeiten

den starken Lichtverlust, den ein Polfilter verursacht.

166

Polfilter, im Gebirge ein Muss

Polfilter sind im Gebirge ein Muss. Die Auswirkungen

auf die Abbildungsqualität sind

dramatisch. Polfilter verursachen einen

Lichtverlust von etwa eineinhalb bis zwei

Blenden, wird dies auf die Lichtstärke eines

Teleobjektivs aufgerechnet, wird es selbst

bei besten Lichtverhältnissen oft genug eng.

Aus Blende f/8 wird auf einmal Blende f/14

bis f/16 – und da wird es dann mit verwacklungsfreien

Fotos schon sehr schwierig.

POLFILTER

NACH KÄSEMANN

Fahren Sie öfter ins Hochgebirge, ist

die Anschaffung eines Polfilters nach

Käsemann (Erfinder der Methode)

interessant. Dabei geht es lediglich

um einen speziellen Kitt, mit dem die

beiden Glasplatten, zwischen denen

die Polfilterfolie steckt, verklebt sind.

Dieser Kitt ist widerstandsfähiger

und sorgt vor allem bei feuchtem

Klima für eine längere Lebens dauer

des Polfilters. Obwohl die Luft im

Hochgebirge meist weder warm noch

feucht ist – in der Unterkunft ist oft

genug dicke Luft.

Egal welche Filter Sie einsetzen:

Besorgen Sie sich eine eigene Filtertasche.

Die Plastikboxen, in denen die

Filter geliefert werden, sind definitiv

nicht gebirgstauglich. Befestigen Sie

diese Filtertasche mit einer Schnur

an Ihrer Fototasche. Ein dummer

Windstoß, und die teuren Filter liegen

ein paar hundert Meter tiefer. Legen

Sie für diese Filtertasche ruhig etwas

Geld an – billige Filtertaschen dünsten

Weichmacher aus, das tut weder dem

Glas noch dem Fotografen gut.


Bildstabilisator oder besser mit Stativ?

Über Stative gibt es ein paar weit verbreitete

Vorurteile: Stative sind sperrig, schwer

und bleiben doch meistens im Kofferraum.

Und: Stative sind für gute Landschaftsaufnahmen

unentbehrlich. Beides ist nicht

ganz falsch. Ein Stativ erzwingt einen bewussteren

Bildaufbau, was vor allem bei

Landschaftsfotos dafür sorgt, dass man

zweimal hinsieht, ob sich das Aufbauen des

Stativs auch rentiert, ob man nicht einfach

durch einen Wow-Ausblick nach langem

Aufstieg geblendet wurde, ob man Vorder-,

Mittel- und Hintergrund sauber arrangiert

und ob man Hyperfokaldistanz und Schärfentiefe

im Auge behalten hat. All dies ist

auch freihändig möglich – aber das Stativ

erzieht hier zu mehr Sorgfalt.

Exkurs zum Thema Bildstabilisator

Heute ist man geneigt, einen in der Kamera

oder im Objektiv verbauten Bildstabilisator

als Ersatz für ein Stativ zu sehen – dies ist

jedoch ein Trugschluss. Um das zu verdeutlichen,

muss etwas weiter ausgeholt

werden. Zu Kleinbildzeiten galt bezüglich

Verwacklungsgefahr folgende Regel: Die

Belichtungszeit sollte maximal der Kehrwert

der Brennweite sein. Bei einer Kleinbildbrennweite

von 100 mm konnte man

SENSOR-

FORMAT

AUFLÖSUNG ZULÄSSIGER

ZERSTREUUNGSKREIS

mit 1/100 Sekunde Belichtungszeit davon

ausgehen, dass das Bild scharf wird. Diese

Berechnung beruhte auf dem durchschnittlichen

Drehwinkel, mit einer Bildauflösung

von nicht mehr als 5 Megapixel und einem

zulässigen Zerstreuungskreisdurchmesser

von 1/1500 Sekunde der Bilddiagonale.

Sehr viel mehr brachten die seinerzeit üblichen

Objektive auch nicht auf den seinerzeit

üblichen Film.

Mittlerweile reden wir aber bei Digitalkameras

über die dreifache Auflösung bei

Sensoren, die gerade mal die Hälfte der Fläche

eines Kleinbildfilms haben. Die zulässigen

Zerstreuungskreisdurchmesser sind

also deutlich geschrumpft, mithin auch der

zulässige Verwacklungswinkel. In dieser

Rechnung wird übrigens kein zusätzlicher

Crop- oder Formatfaktor benötigt, da die

Sensorgröße bereits in der Berechnung des

Zerstreuungskreises enthalten ist.

Also ist auch die Zeit, die benötigt wird, um

ein Objektiv einer bestimmten Brennweite

so ruhig zu halten, dass das Ergebnis tatsächlich

scharf ist, deutlich reduziert. Ein

500-mm-Objektiv (etwa das Sigma 50-

500 mm) benötigt also an einer APS-C-

Kamera mit 18 Megapixeln etwa 1/2000

Sekunde – ebenso wie an einer FT-Kamera

mit 12 Megapixeln. Interne Stabilisatoren

Kleinbild 5 MP 0,028 mm 1/50 s

Kleinbild 20 MP 0,013 mm 1/125 s

APS-C 10 MP 0,012 mm 1/125 s

APS-C 18 MP 0,0086 mm 1/200 s

FT/mFT 10 MP 0,0095 mm 1/200 s

FT/mFT 14 MP 0,008 mm 1/250 s

ZEIT BEI 50 MM

BRENNWEITE

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

167


168

ALLHEILMITTEL

BILDSTABILISATOR?

Ein Bildstabilisator ist weder Allheilmittel

noch Stativersatz, sondern

lediglich eine technische Maßnahme,

um die exorbitanten Auflösungen

heutiger Sensoren und langen Brennweiten

heutiger Objektive überhaupt

beherrschbar zu halten. Das Sigma

50-500 hat am langen Ende Blende

6,3 und ist erst ab Blende 8 brauchbar

scharf. Ohne Stabilisator hätte

man recht selten die Möglichkeit, das

Objektiv aus der Hand einzusetzen:

Wann kann man schon Blende 8 und

1/2000 Sekunde belichten?

WASSERWAAGE

Ausgesprochen nützlich im Gebirge

ist eine Wasserwaage , entweder am

Stativkopf, bereits in der Kamera

eingebaut oder als Aufsteckwasserwaage

für den Blitzschuh. Im Gebirge

gibt es kaum Linien, von denen man

mit Sicherheit sagen kann, dass sie

senkrecht oder waagerecht seien.

Eine Ausrichtung per Sucherbild

kann demzufolge kläglich scheitern.

Während das beim normalen Foto –

eben weil man nicht hundertprozentig

sagen kann, was gerade und was

krumm ist – bisweilen nicht stört,

ist spätestens dann, wenn man ein

Panorama mit Panodrehteller machen

will, eine exakte Ausrichtung extrem

wichtig.

können diese Zeiten wieder etwas entschärfen.

Die Effektivität dieser Geräte wird

vom Hersteller mit 3 bis 5 EV angegeben,

aufgrund der eben dargestellten Problematik

bleiben davon aber nur 1 bis 3 EV gegenüber

den alten Verhältnissen übrig.

Die Kamera sauber ausrichten

Hier kommt das Stativ wieder ins Spiel.

Dabei muss man noch nicht mal ultralange

Brennweiten besitzen, auch bei Weitwinkelfotos

ist das Stativ ausgesprochen hilfreich,

um die Kamera sauber auszurichten,

von Aufnahmen mit Selbstauslöser oder in

der Dämmerung ganz zu schweigen.

Die einfachste und leichteste Methode für

ein Stativ ist natürlich ein Wanderstock mit

Stativgewinde, wie sie Leki vertreibt. Von

der Methode, einfach mit dem Schweißgerät

eine Stativschraube auf einen Eispickel

aufzubraten, ist dagegen abzuraten – der

Schweißpunkt ist eine Sollbruchstelle, und

eine gebrochene Schaufel eines Eispickels

kann tödlich sein. Die nächste Möglichkeit

sind Klemmen mit Stativschrauben, wie sie

etwa von Manfrotto oder Cullmann angeboten

werden. Diese wiegen aber auch ein

gutes Pfund und wollen geschleppt werden.

In der Gewichtsklasse gibt es jedoch bereits

Carboneinbeine von Velbon, und selbst Dreibeine

liegen noch unter einem Kilogramm.

Unterschätzt wird gern das Gewicht eines

anständigen Kopfs. Ob es nun ein Dreiwegeneiger

oder ein Kugelkopf sein soll, ist

Geschmackssache, aber gute Stativköpfe,

die nicht nur das Gewicht einer DSLR-Kamera

aushalten, sondern auch ohne zu verrutschen

und nachzusacken klemmen, kosten

etwas Geld und wiegen. Sehr brauchbar

und mit 420 g noch tragbar ist der Triopo

B2. Der B3 aus gleichem Hause ist dann

mehr was für die ganz langen Tüten – er

wiegt schon fast 600 g.


Das Quadropod von Novoflex.

Vor allem in unebenem Gelände

und mit schweren Objektiven

weist er ein deutliches Plus

an Stabilität auf. Die Beine

gibt es in unterschiedlichsten

Ausführungen: mit drei oder

vier Segmenten, aus Alu oder

Carbon und sogar mit Handgriffen

als Wanderstöcke. Alle

sind gleichzeitig auch als Einbein

verwendbar. Doch Flexibilität

und Stabilität kosten Gewicht:

Das abgebildete Stativ wiegt fast

3 kg, vier Wanderstöcke und die

benötigte Grundplatte bleiben

nur knapp unter 2 kg.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

169


170

Wenn es ins Gebirge geht, kommt man

heute fast nicht mehr um ein Carbonstativ

herum. Die High-Tech-Gerätschaften werden

langsam bezahlbar, man sollte aber auf

keinen Fall zu irgendwelchen No-Names

greifen, sondern sich auf Markenware verlassen

– wobei der Begriff Marke durchaus

dehnbar zu handhaben ist. Es muss nicht

immer Gitzo sein, Novoflex hat mit seinem

zerlegbaren Vierbein eine extrem stabile

Lösung im Angebot, Velbon bietet mittlerweile

schon Klassiker, Benro holt auf,

und von Manfrotto gibt es Stative in unterschiedlichen

Preislagen.

Bildbeurteilung mit Live-View

Der große Vorteil von Live-View (Livebild)

in der Wand und überhaupt im Gebirge ist,

dass man zum Fotografieren nicht durch

den Sucher sehen muss, auch wenn man

den Nachteil in Kauf nehmen muss, dass

man das Bild auf dem Display bei knalliger

Sonne nur schlecht erkennen kann. In

Wirklichkeit ist das eigentlich ein alter Hut –

schon die ganz alten Spiegelreflexkameras

hatten Lichtschachtsucher, die man nicht

ans Auge halten musste.

Live-View ist im Prinzip eine wunderbare

Erfindung, hat aber, wenn es auf schnelle

Reaktionen ankommt – etwa beim Fotografieren

eines Adlers im Flug – einen wesentlichen

Nachteil: Derzeit haben alle Live-

View-Anzeigen noch eine Verzögerung von

mindesten 1/10 Sekunde. Dabei geht es

nicht um die Auslöseverzögerung, sondern

darum, dass das Bild auf dem Display mit

einer Verzögerung von ca. 1/10 Sekunde

angezeigt wird. Man muss also wie in alten

Zeiten zweiäugig fotografieren: mit einem

Auge grob die Kamera in Position halten,

mit dem anderen Auge die Szene beobachten

und den richtigen Zeitpunkt abpassen.

Zu starke Sonneneinwirkung

Bei der Fotografie mit Live-View können Sie

auf dem Display der Kamera sofort beurteilen,

ob das Bild etwas geworden ist. Leider

scheitert das im Gebirge häufig genug

daran, dass man aufgrund der starken Sonneneinwirkung

auf dem Display nicht viel

erkennt. Da hilft keine starke Sonnenbrille,

sondern nur direkter Schatten. Für alle, die

keine der neuen spiegellosen Systemkameras

mit elektronischem Sucher haben, bei

denen die Bildkontrolle in bester Qualität

auch bei hellstem Sonnenschein möglich

ist, stellt die einfachste Möglichkeit eine

Baseballkappe mit großem Schirm oder ein

breitkrempiger Hut dar. Während Baseballkappen

beim Fotografieren im Hochformat

oft stören, sind Hüte mit jedem Format und

auch mit Batteriegriff kompatibel, zudem

schützen sie auch nebenbei den Nacken

des Fotografen vor Sonnenbrand. Modische

Ansprüche sollte man allerdings an

derlei Kopfbedeckungen nicht stellen – sie

sind reine Zweckaccessoires.

Verfälschte Farbdarstellung

auf dem Display

Ein weiteres Problem sind oft die verfälschenden

Farben der Kameradisplays. Die

wenigsten Displays haben überhaupt die

Möglichkeit, alle Farben darzustellen, die

die Kamera aufnehmen kann. Vor allem im

Bereich Lila haben viele Displays eklatante

Schwächen. Bisweilen gaukeln Displays

auch eine korrekte Belichtung vor, weil der

interne Bildprozessor bestrebt ist, aus dem

Material ein in allen Details durchgezeichnetes

Bild zu produzieren. Sieht man sich

dann die Bilder am kalibrierten Monitor an,

sind die Bilder krass unterbelichtet. Wieder

andere Displays haben eine reflektierende

Folie im Displayhintergrund, die den


Strombedarf des Displays minimieren soll

und das Umgebungslicht zur Steigerung

der Helligkeit und des Kontrasts nutzt. Eine

gut gemeinte Erfindung, die aber eine Beurteilung

des Bilds weiter erschwert. Eine

ernsthafte Beurteilung des Bilds ist meist

nur mittels des Histogramms möglich.

Beurteilung der Bildschärfe

Auch die Bildschärfe zu beurteilen, erfordert

Erfahrung. Die meisten Kameras bieten zwar

die Möglichkeit, ins Bild hineinzuzoomen,

zeigen dabei aber unter Umständen nicht das

komplette Bild, sondern aus Performancegründen

nur ein geringer aufgelöstes Vorschaubild.

Andere zoomen weiter, als selbst

das voll aufgelöste Bild überhaupt hergibt,

sprich, sie zoomen bis zur 200-%-Ansicht,

und bei dieser wirken auch knackscharfe

Bilder bisweilen etwas matschig. Die Regel

ist also: unterwegs niemals Bilder löschen,

außer sie sind wirklich zweifelsfrei misslungen.

Speicherkarten sind mittlerweile so

klein und billig, dass es daran nicht scheitern

sollte. Achten Sie allerdings darauf, Ihre Speicherkartentasche

sicher an Ihrer Fototasche

zu befestigen. Einige Hersteller haben dafür

eigene kleine Karabiner vorgesehen.

Bildgestaltung oberhalb

der Baumgrenze

Die Berge sind ein Eldorado für Motive aller

Art. In den Bergen gibt es fast alles,

Höhlen, Wasserfälle und mehr – von der

Tierfotografie bis zu Makros. Und genau

das ist die Gefahr: Zu gern knipst man wild

in der Gegend herum im Bemühen, all die

wundervollen Eindrücke festzuhalten. Die

Fotos werden dadurch beliebig und sorgen

beim Betrachter nur noch für ein Gähnen.

Selbst wenn man in mühsamer Arbeit über

jeden der Felszacken des Panoramas, die

Gipfel und deren Höhe schreibt – wer nicht

selbst dort oben gewesen ist, verschwitzt,

erschöpft, glücklich, der begreift die Faszination

des „Summits“ nicht. Gute Bergfotos

müssen also weg vom rein dokumentarischen

und hin zum gestalteten Bild.

An erster Stelle steht die Bildidee

Ein Berg ist zuerst immer ein emotionsloser

Steinhaufen, ein Tal ist einfach der Raum

zwischen zwei Steinhaufen. Berge sind per

se weder schön noch hässlich, sie sind einfach

nur da. Ein gutes Bild lichtet nun also

nicht einfach nur die Existenz des Bergs

als solchen ab, sondern versucht, Assoziationen

zu wecken. Nur einfach die beeindruckende

Aussicht auf das Matterhorn zu

fotografieren, reicht heute nicht mehr. Ihr

erster Schritt zu einem guten Foto muss

immer die Bildidee sein. Prinzipiell gibt es

zwei verschiedene Arten der Bergfotografie:

Landschaftsfotografie und Fotos von

Menschen in Interaktion mit dem Berg.

Tourenplanung mit iPhone und iPad

Der Vorteil der reinen Landschaftsfotografie

ist, dass sie mittlerweile vergleichsweise

gut planbar ist. Mit Programmen wie

„The Photographers Ephemeris“ können

Sie problemlos bereits auf dem heimischen

Sofa auskundschaften, wo Sie wann stehen

müssen, um eine bestimmte Bergwand im

Morgenlicht zu erwischen. Google Earth

kann da sogar bei der Motivauswahl helfen.

Haben Sie keine Skrupel, mit technischen

Hilfsmitteln Sonnenwinkel zu bestimmen

und Fotos zu planen – versuchen Sie es.

Verlassen Sie sich nicht auf das Prinzip

Hoffnung. Selbstverständlich können Sie

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

171


Mit der TPE-App,

erhältlich im Apple

App Store, kann man

im Vorfeld sehr genau

die Höhe eines Bergs,

die Position der Sonne,

des Monds und andere

Parameter bestimmen.

Die Google-Bezeichnungen

der Berggipfel

müssen nicht mit

denen in Ihrer eigenen

Karte übereinstimmen,

Schreibweisen differieren

sowieso häufig.

Hier sieht man, wann

die Sonne vom Ufer

des Oeschinensees

aus genau hinter dem

Blümlisalphorn steht

– am 21. April, kurz

nach 9 Uhr. Mehr zu

TPE erfahren Sie unter

http://photoephemeris.com.

172


auch einfach auf den Berg steigen und dort

Panorama fotografieren. Aber berücksichtigen

Sie dabei: Um den Mount Everest zu

fotografieren, müssen Sie auf den Nuptse

– 7.861 m, Erstbesteigung erst acht Jahre

nach dem Mount Everest – steigen. Das

Matterhorn sieht vom Matterhorn aus

ziemlich langweilig aus, und wenn man von

der Eigernordwand aus fotografiert, muss

man das dazuschreiben, damit es spektakulär

rüberkommt.

Der Beweis: das Gipfelfoto

Das Gipfelfoto ist im Allgemeinen der Beweis,

dass man oben war. Also reicht es, die

Kamera am ausgestreckten Arm mit möglichst

kurzer Brennweite in Richtung der

eigenen Nase zu halten und abzudrücken,

sinnvollerweise entweder mit einer Kompaktkamera,

bei der der größte Teil des

Bilds scharf ist, oder eben mit einer System-

oder Spiegelreflexkamera mit möglichst

weit geschlossener Blende. Der künstlerische

Wert solcher Fotos ist eher begrenzt,

besser wird es, wenn man zu zweit ist.

Dann kann der andere ein paar Schritte

zurücktreten und den Gipfelstürmer in den

Goldenen Schnitt oder auf eine Drittellinie

setzen – die Beweiskraft des Bilds bleibt erhalten,

aber man hängt sich das Foto auch

mal an die Wand.

Eindrucksvolle Bergpanoramen

Panoramafotografie im Gebirge ist eigentlich

eine recht einfache Sache, solange man

es schlicht macht. Sollen aber Vordergrund,

Mittelgrund und Hintergrund mit aufs Bild

oder soll es gar ein Kugelpanorama werden,

wird es schwierig, und man benötigt einen

Panoramawinkel . Panoramen mit Vordergrund-Mittelgrund-Hintergrund-Aufbau

sind ein komplexe Angelegenheit. Wenn Sie

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Auch zu analogen Zeiten war die Kamera immer dabei. Der Beweis:

Gipfelfoto vom Aufstieg auf den Watzmann aus den frühen Fünfzigern.

173


Hier ein Manfrotto-

144B-Stativ mit

Manfrotto-141RC-Dreiwegeneiger,

darauf ein

NN3-Panoramawinkel

mit einer Olympus E-3

und 8-mm-Fisheye.

Gewicht von Stativ und

Kopf 3,5 kg, Gewicht

des Panorama winkels

0,5 kg. Standort:

Hochfelln bei Inversions

wetterlage.

174

das Panorama nicht mit Brennweiten jenseits

der 100 mm machen wollen, kommen

Sie ohne Panoramawinkel nicht aus, denn

sonst besteht die Gefahr von Parallaxenfehlern.

Bei einem Parallaxenfehler stimmt der

Bildausschnitt im Sucher der Kamera nicht

mit dem von der Kamera aufgenommenen

Bild überein. Beim Zusammenbau der Einzelbilder

zu einem Panorama sieht man dann

vereinzelt geisterhafte Artefakte, die in der

Regel nur durch manuelle Retusche in der

Bildbearbeitung behoben werden können.

Es gibt hier jede Menge Konstruktionen, aber

nur wenige sind von Gewicht und Packmaß

her hochgebirgstauglich. Der beste Kompromiss

ist immer noch der Nodal Ninja 3, dessen

Wasserwaage leidlich genau ist und der

für viele einfachere Kameras und Objektive

ausreicht. Wichtig ist, dass der Nodalpunkt

des Objektivs bzw. der Drehpunkt bei der geplanten

Brennweite nicht weiter als 108 mm

hinter dem Drehpunkt liegt. Der Verstellweg

des Nodal Ninja 3 geht nur bis zu dieser

Marke. Falls Sie eine Kamera haben, deren

Stativschraube nicht in der optischen Achse

liegt, benötigen Sie noch ein T-Stück, damit

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 28 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/7,1

ISO 100

Sie die Kamera korrekt am Panoramawinkel

befestigen können. Für Kameras mit fest

montiertem Batteriegriff ist der Nodal Ninja 3

auf jeden Fall zu klein.

Gute Panoramen sind außerordentlich aufwendig,

und wenn Sie erst nach mehreren

Stunden am Computer feststellen, dass der

Fehler einfach nicht korrigierbar ist, ist es zu

spät, das Panorama zu wiederholen. Auch

bei Panoramen rentiert es sich, Regeln zum

Bildaufbau zu beachten. Idealerweise ist ein

Panorama nicht einfach ein Rundblick, sondern

tatsächlich ein durchkomponiertes Bild.

Personen vor grandioser Kulisse

Oft wird die grandiose Natur der Berge nur

als Kulisse für Werbefotos verwandt. Bisweilen

handelt es sich dabei auch tatsächlich

aus Kostengründen nur um Kulissen,

sprich Studioaufnahmen mit nachträglich

eingefügtem Hintergrund. Doch auch Bilder,

die vor Ort entstehen, haben häufig genug

Studiocharakter. Da wird mit mobilen

Blitzanlagen und großformatigen Reflektoren

perfekt ausgeleuchtet, die Modelle

sind geradezu antiseptisch, und die letzten


Fehler werden dann noch mit Photoshop

hinfortgebügelt. Mit Extremfotografie hat

das nicht viel zu tun – das Einzige, was hierbei

extrem ist, ist der Aufwand, der dabei

getrieben wird. Ein Klassiker ist der Snowboarder,

fliegenderweise im Gegenlicht

aufgenommen, meist noch mit dezentem

Aufhellblitz. Eines der besten Bilder der

letzten Jahre in der Sparte Bergwerbung ist

die 2011er-Kampagne der Firma Mammut,

für die 20 Kletterer zwei Stunden lang in

luftiger Höhe am Seil hingen, von unten mit

einem Weitwinkel fotografiert.

Für den Hobbyisten ist ein solcher Aufwand

natürlich nicht möglich. Kaum jemand kann

es sich leisten, nur für ein einziges Foto einen

Reisebus voller Leute und Equipment

ins Gebirge zu schaffen. Für den ambitionierten

Fotografen geht es darum, einzelne

Personen in der Natursituation abzulichten,

ob nun in sportlicher Aktion an der Wand,

im Schnee oder auch nur in Bewunderung

des Ausblicks. Wesentlich dabei ist, wie

bei allen Bildern, der konsequente Aufbau.

Beeindruckende Bergfotos sind selten

Schnappschüsse.

Skifahrer während der rasanten Abfahrt

Skifahrer sind noch relativ einfach. Ein Skifahrer

ist von Natur aus in Bewegung, man

muss nur dafür sorgen, dass diese Bewegung

sichtbar wird – da trifft sich staubender

Schnee mit schrägem Lichteinfall

hervorragend. Am rasantesten wird der

vorbeifahrende Brettlartist mit einem Ultraweitwinkel.

Mit etwas mehr Aufwand,

nämlich einem guten Reflektor samt gutem

Assistenten, wird der Fahrer bei der Vorbeifahrt

dezent aufgehellt.

Setzen Sie Ihre Kamera auf Serienbild und

stellen Sie auf jeden Fall die Belichtung und

die Schärfe vorher ein. Achten Sie darauf,

dass der Skifahrer nicht schwarz gekleidet

ist, da die Kontraste die meisten Kameras

überfordern. Wenn irgend möglich, lassen

Sie den Skifahrer vorher direkt vor Ihnen

posieren, oder halten Sie zumindest an

gleicher Stelle eine Skijacke gleicher Farbe

vor die Kamera, im Extremfall eben an

einer langen Stange, falls Sie den Schnee

nicht zusammentreten wollen. Auf diesen

„Dummy“ stellen Sie Licht und Fokus ein, fixieren

die Einstellungen und warten auf den

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Tourenskifahrer am

äußeren Fisistock.

Trotz großer Entfernung

und spätem

Vormittag glasklares

Wetter über dem

Schnee.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 1.000 mm

Belichtung 1/1250 s

Blende f/7,1

ISO 100

175


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 260 mm

Belichtung 1/100 s

Blende f/3,0

ISO 100

Kletterer an der

Mittelbergwand im

Fränkischen Jura.

176

Skifahrer. Serienbild in höchster Geschwindigkeit

ist selbstverständlich, achten Sie auf

eine schnelle Speicherkarte, frische Akkus

und darauf, dass Sie nicht zu früh auslösen,

weil dann der Puffer der Kamera unter Umständen

voll ist und die Serienbildrate einbricht.

Eine weitere häufige Fehlerquelle bei derlei

Fotos ist, dass man zu wenig Luft am Rand

einplant. Es kann passieren, dass der Skifahrer

einen Kick näher kommt, als man

das gedacht hatte, dass ein Skistecken auf

einmal in die Luft ragt oder ein Schal zu

weit zur Seite weht. Also lieber mehr Luft

als abgeschnittene Körperteile. Auch sollte

man immer darauf achten, dass der Hintergrund

bzw. der Horizont mit abgelichtet

wird. Erst durch den Hintergrund kann

das Bild eingeordnet und verortet werden.

Ohne eine Bergkette im Hintergrund könnte

das Foto auch einfach in einer Indoorskihalle

gemacht worden sein – unspannend. Erst

durch Himmel und Berge wird der Sportler

mit Freiheit, frischer Luft und Hochleistungssport

verbunden – auch wenn er per

Helikopter auf die Piste gebracht wurde.

Kletterer in der Wand

Der zweite Klassiker des Bergsports ist der

Kletterer in der Wand. Es gibt dabei mehrere

Möglichkeiten: Sie können den Kletterer

mit dem langen Tele aufs Korn nehmen oder

ganz nah mit dem Ultraweitwinkel. Das Telefoto

hat erst einmal den großen Vorteil,

dass Sie oft aus recht bequemer Warte auf

den Schuss warten können. Zudem stellt

die geringe Schärfentiefe den Kletterer

frei, und Sie können ziemlich unabhängig

vom Hintergrund Ihre Bilder machen. Die

Verortung des Kletterers im Umfeld fällt

dann natürlich schwerer. Ein Foto mit langer

Brennweite hat demzufolge oft eher einen

sportlichen Charakter, es wird auf die Kletterleistung

fokussiert.

Beim Ultraweitwinkel oder gar beim Fisheye

hat man das Umfeld mehr oder weniger

mit drauf und kann mit etwas Geschick sehr

spektakulär tricksen. Wände ragen auf einmal

schier unendlich in den Himmel, Schatten

verlaufen im Bild in mehrere Richtungen

– vor allem bei einem 180°-Fisheye ein

ausgesprochen spektakulärer Effekt –, und

aus einer unspannenden Felswand wird ein

überhängendes Monster.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 16 mm

Belichtung 1/800 s

Blende f/7,1

ISO 200

Vorstieg an der Bunderspitz, im Hintergrund das Steghorn und der Ueschinegrat. Aufgenommen mit einem Fisheye.

Und hier das Making-of dazu.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 130 mm

Belichtung 1/800 s

Blende f/9,0

ISO 400

177


Rechts oben: Gasteretal,

im Hintergrund die Altels.

Der Klassiker: Almwiese

mit blau-weißem Himmel

und Dreitausender im

Hintergrund. Trotz kurzer

Brennweite reicht die

Schärfe nicht fürs ganze

Bild.

Unten: Route de la Forclax

nach Martigny, Mitte

rechts La Crevasse, im

Hintergrund die Walliser

Alpen. Fotografiert mit

nach oben gekipptem

Fisheye und auf 16:9

beschnitten.

Rechts unten: Gleicher

Standpunkt, nur nach

unten gekippt und beschnitten.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 16 mm

Belichtung 1/800 s

Blende f/5,0

ISO 100

178

Der Nachteil des Ultraweitwinkels ist, dass

man mitsamt der Kamera ganz nah am

Geschehen sein muss – sprich, man ist mit

dem Kletterer auf Tuchfühlung, was bedeutet,

dass man genau neben ihm in der Wand

hängt, jedoch mit dem Unterschied, dass

der Kletterer beide Hände frei hat, der Fotograf

keine. Zudem muss man grundsätzlich

gegen die Sonne fotografieren, weil man

sonst den eigenen Schatten im Bild hat.

Klärung der Größenverhältnisse

Wer aus der Erfahrung mit dem Fotografieren

im urbanen Umfeld gewohnt ist, Ultraweitwinkel

immer exakt gerade zu halten,

muss sich im Gebirge umgewöhnen. Durch

ein geneigtes Fisheye kann man Täler tiefer

oder flacher machen, dramatische Wolken

zaubern und steilste Bergwände erschaffen.

Mit einem 14 mm auskorrigierten Weitwinkel

können Sie eine Person, die auf einem

eher unspektakulären Felsen steht, zu einem

todesmutigen Bergsteiger machen,

der über der Weite des Abgrunds posiert.

MAGNESIA:

FÜR FOTOGRAFEN TABU

Magnesia ist unter Kletterern umstritten,

für Fotografen eigentlich

tabu – auch wenn der Magnesiabeutel

natürlich beim abzulichtenden

Kletterer einen sehr professionellen

Eindruck macht und man den Beutel

selbst auch wunderbar dafür verwenden

kann, eine kleine Kamera darin

zu verstauen. Die weißen Spuren im

Fels sind aber optisch alles andere als

attraktiv, Magnesiapulver hat in der

Nähe von Kameras nichts zu suchen,

und auch aus Umweltschutzgründen

– außer in reinem Kalk – ist Magnesia

abzulehnen, da der Fels zersetzt

werden kann. In einigen Gebieten ist

der Gebrauch von Magnesia generell

untersagt.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 18 mm

Belichtung 1/400 s

Blende f/9,0

ISO 200

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 16 mm

Belichtung 1/400 s

Blende f/5,0

ISO 100

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

179


AUFNAHMEDATEN

Dia analog

Brennweite 50 mm

180

Platzieren Sie einfach den Felsklotz in die

Mitte des Bilds und sorgen Sie dafür, dass

rechts und links hauptsächlich Abgrund zu

sehen ist. Die winzigen Berge im Hintergrund

machen die Felsnase zwangsläufig zu

einer Art Supergipfel.

Was jeden Bergsteiger im Hochgebirge fertigmacht,

ist die schiere Unmöglichkeit, Entfernungen

realistisch einzuschätzen, weil

Fixpunkte bekannter Größe fehlen – bei der

Fotografie mit Ultraweitwinkel ist das aber

äußerst praktisch. Es gibt keine geraden Linien,

es gibt keine klaren Bezugspunkte. Sie

können mit der Verzerrung der Linsen und

dem Gehirn des Betrachters Fangen spielen.

Erste Regel also: Setzen Sie bei der kurzen

Brennweite immer etwas in den Vordergrund,

das die Größenverhältnisse klärt. Die

harmlose Variante sind Bergblumen, aber

prinzipiell können Sie alles dafür hernehmen.

Beachten Sie: Wenn der Betrachter das

Vordergrundmotiv nicht kennt und von der

Größe her nicht einschätzen kann, haben

Sie freie Bahn, surreale Berglandschaften zu

schaffen.

Schattenrisse vor grandiosem

Hintergrund

Weniger spektakulär, aber sehr bewegend,

können Bilder sein, bei denen Menschen

auf eine Natursituation reagieren. Das

muss nicht notwendigerweise ein starker,

emotionaler Ausdruck sein, auch leise Töne

sind gut – und man muss dabei nicht einmal

das Gesicht der Person sehen, auch ein

Schattenriss kann Emotion durch Körperhaltung

ausdrücken. Wichtig ist, dass dabei

die Natur, auf die reagiert wird, mit abgebildet

wird.

Immer wieder gut kommen natürlich auch

Fotos während der Pause. Ob nun der erschöpfte

Hochtourengeher, der Kletterer

beim Sichten seiner Ausrüstung oder das

erleuchtete Zelt vor grandioser Kulisse –

auch hier gilt: immer das Gebirge im Hintergrund

mit einbinden. Weitwinkelobjektive

sind das Mittel der Wahl. Hat man gerade

keine grandiose Kulisse im Hintergrund, tut

es auch einfach der Abendhimmel.

Abendlicher Aufstieg zum Riemannhaus im Steinernen

Meer. Im Hintergrund die Kitzbüheler Alpen.


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 82 mm

Belichtung 1/80 s

Blende f/3,3

Halt! Blitzlicht im Gebirge?

In den meisten Fällen bedeutet ein Systemblitz

einfach nur zusätzliches Gewicht. Für

die Landschaftsfotografie ist er in der Regel

entbehrlich und für die Dokumentation

des Gipfelerfolgs auch eher suboptimal. Für

Makros ist der aufgesteckte Systemblitz

ebenfalls nur mit etwas Aufwand verwendbar,

sodass sich der Einsatz des Blitzes

dann eher für die Dokumentation des Hüttenabends

oder des Biwaks eignet – hier

ist aber meist der eingebaute Blitz ausreichend,

der auch deutlich weniger aufträgt.

Zudem ist eines der größten Probleme der

Systemblitze die offenen elektrischen Kontakte,

die witterungsempfindlich sind. Auch

toben sich in Systemblitzen bis zu 330 Volt

aus, in älteren Geräten sogar noch höhere

Spannungen. Die Geräte sind also prinzipiell

feuchtigkeitsempfindlich.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 56 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/3,1

ISO 200

Eingesetzt werden können Blitze bei Sportaufnahmen

und als Aufhellblitze. Speziell

bei Sportaufnahmen etwa mit stiebendem

Schnee sollten Sie aber darauf achten, die

Blitze entfesselt zu betreiben – staubender

Pulverschnee frontal geblitzt wirkt flach.

Die Lösung sind kleine Funkauslöser, bei

denen der Sender über den Mittenkontakt

des Blitzschuhs betrieben wird. Bei den von

den meisten Kameraherstellern propagierten

Remotesystemen handelt es sich zwar

um sehr komfortable TTL-Systeme, das

Problem ist aber, dass zur Steuerung der kamerainterne

Blitz verwendet wird, was die

Reichweite der Steuerung vor allem im Freien

stark verringert und auch voraussetzt,

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

ISO 200 Abendstimmung

am Camp.

181


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 62 mm

Belichtung 0,5 s

Blende f/11,0

ISO 100

In diesem Fall wurde die Blende stark geschlossen, um die Belichtungszeit zu

verlängern – der Blitz wurde nicht über Funk ausgelöst, sondern über Zuruf von

einem im Zelt befindlichen Helfer. Der Blitz war ein Metz 54 mit voller Leistung.

Mit Funkauslöser hätte man die Blende wesentlich weiter öffnen können, was

das Zelt heller gemacht hätte.

Plattkofel in den Dolomiten, Tiefblick am Oscar-Schuster-Weg. Ohne die drei

verlorenen Bergsteiger als Blickfang würde das Bild die Situation nicht vermitteln.

182

AUFNAHMEDATEN

Dia analog

Brennweite 50 mm

dass die Blitze in einem gewissen Winkel

vor der Kamera aufgebaut sind. Funkauslöser

sind da deutlich flexibler und auch gegen

versehentliche Abschattungen durch Motiv,

Schnee oder das Objektiv unempfindlich.

Eine weitere Verwendung für Remoteblitze

ist die Simulation abendlich erleuchteter

Zelte, wie sie auf dem 2011er-Tatonka-Katalog

vorne abgebildet sind. Um vor Abendhimmel

ein erleuchtetes Zelt zu bekommen,

benötigt man nicht etwa eine Zeltlampe –

diese ergibt bestenfalls einen hellen Fleck –,

sondern einen veritablen Systemblitz.

Stürzende Linien auch im Gebirge

Was im urbanen Umfeld gilt – dass senkrechte

Linien nur dann als senkrecht abgebildet

werden, wenn die Kamera gerade

gehalten wird –, gilt selbstverständlich auch

im Gebirge. Nur mit dem kleinen Unterschied,

dass es im Hochgebirge außer Bäumen

und gelegentlichen Hütten nichts gibt,

was der unbefangene Betrachter spontan

als „senkrecht“ identifiziert.

Der Fotograf kann also mit der Perspektive

spielen – Wände steiler machen, Täler

tiefer, Überhänge gefährlicher. Bei einem

Haus ist jedem klar, dass es nicht nach hinten

oder vorne kippt. Bei einer Felswand

trifft das nicht zu. Die im Gebirge gern

verwendeten Weitwinkelobjektive können

den Himmel dramatisieren und weite Täler

zusammenschrumpfen lassen. Letzterer Effekt

resultiert daraus, dass die Hänge links

und rechts des Tals, die bei normaler Sicht

außerhalb des Bildfelds liegen, auf einmal

mit drauf sind. Der Raumeindruck wird dadurch

nicht größer, wie es etwa bei Bildern

von Inneneinrichtungen der Fall ist, sondern

enger.


Ganz brutal ist der Fisheye-Effekt . Durch

das Fehlen einer klaren Horizontlinie kann

man das Fisheye sehr stark neigen, bevor

die Krümmung am oberen Bildrand auffällt

– man kann also das Tal sehr stark vertiefen

und steile Wände zaubern, wo vorher nur

harmlose Hänge waren. Im urbanen Umfeld

fällt jede Abweichung eines Weitwinkels

von der Horizontalen sofort auf – im Gebirge

nicht. Wenn man zusätzlich noch darauf

achtet, eventuelle Häuser in der Nähe der

unverzerrten Bildmitte zu platzieren, wird

die Illusion perfekt.

Ein beliebter Trick ist das unauffällige Kippen

der Kamera, um eine Wand etwas steiler

zu gestalten. Solange keine Bäume auf

dem Bild sind, funktioniert das erstaunlich

gut. Auch das Fotografieren von unten kann

spannend sein, solange man im Weitwinkel

bleiben kann. Erliegt man der Versuchung

und fährt das Zoom in den Telebereich, bekommt

man zwar den Kletterer formatfüllend

drauf, ohne ihm auf den Händen stehen

zu müssen, aber auch die Entfernung

zum Wandfuß oder zum Gipfel schrumpft

zusammen, und aus der Eigernordwand

wird ein Boulderfelsen in der Fränkischen

Schweiz.

Die Sache mit dem roten Pullover

Ein mittlerweile sprichwörtlicher Auswuchs

eines Tipps für die bessere Bildgestaltung

ist der rote Pullover . Der Tipp stammt noch

aus Schwarz-Weiß-Zeiten, als man bei Erinnerungsbildern

die Dame oder den Herrn

des Herzens möglichst von der Schlosskulisse

im Hintergrund abzuheben wünschte.

Freistellung mit geöffneter Blende war

keine Option, schließlich sollte man das

Schloss ja erkennen. Der Trick war: der rote

Pullover. Das Rot wirkte auf Fotos schwarz

und sorgte damit für einen wunderbaren

Kontrast zum grauen Hintergrund.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 28 mm

Belichtung 1/1000 s

Blende f/4,5

ISO 200

Der Kletterer von schräg unten, Kamera dezent gekippt, um die Wand

und das Seil in die Senkrechte zu bringen. Das Seil hängt in Wahrheit

schräg.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 36 mm

Belichtung 1/2000 s

Blende f/5,6

ISO 200

Mit Perspektive nach oben.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

183


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 13 mm

Belichtung 1/640 s

Blende f/4,5

ISO 100

Chinesische Reisegruppe

vor dem Fisistock.

184

Als dann die Farbfilme aufkamen, wimmelten

alle Fotos von Leuten in roten Pullovern.

Was in Schlossgärten mit roten Rosen

schon seltsam anmutete und sich bald

von selbst erledigte, hat sich im Gebirge bis

heute gehalten. Von rot karierten Hemden

bis zu der signalfarbenen Funktionskleidung

unserer Tage – die Kontrastfarbe Rot ist vor

dem verblauenden Hintergrund ferner Berge

nach wie vor ein echter Hingucker.

Wasserfälle, Seen und reißende

Bergbäche

Auch wenn Wasser in der eigenen Flasche

bisweilen im Hochgebirge bedrückend

knapp sein kann – Wasserfälle, Seen und

reißende Bergbäche gibt es trotzdem fast

überall. Um sie zu fotografieren, gibt es

mehrere Ansätze. Der Klassiker ist natürlich

der Bergsee, entweder von oben als

scheinbare Pfütze mit darum herum aufragenden

Bergen oder eben mit Weitwinkel

vom Boden aus. Die Wirkung ist jeweils unterschiedlich.

Während bei der Perspektive von oben

die Berge überbetont werden, schrumpft

bei der Weitwinkelperspektive die Umgebung

erheblich, während der Himmel zum

bestimmenden Element wird – besonders

weil er sich im See spiegelt. Wird der See

dagegen von oben fotografiert, spiegelt sich

nur der Himmel, was wahlweise zu einem

faszinierenden Blau oder eben auch, bei

schlechterem Wetter, zu einem unheimlichen

Schmutziggrau führen kann.

Bäche im Hochgebirge sind nicht nur eine

willkommene Auffüllstation für die Wasserflasche

– soweit man sich davon überzeugt

hat, dass sie nicht weiter oben an

einer Hütte vorbeifließen –, sondern auch


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/8,0

ISO 100

durchaus lohnende Motive. Durch das hohe

Gefälle der Bäche kommt man oft ohne die

im Flachland üblichen starken Graufilter

aus, um das fließende Wasser abzubilden.

Zudem befinden sich in den entsprechenden

Bächen immer ausreichend dekorative

Steine.

Oben: Durch das Ultraweitwinkel wird eine kleine

Bucht des Weißensees (2.229 m) zum Hauptteil

des Sees, der Rest wird bis zur Bedeutungslosigkeit

gestaucht, und die 2.500er im Hintergrund

schrumpfen auf Mittelgebirgsniveau. Der Große

Knallstein rechts, der nur 100 m höher ist, wird

dagegen zum übermächtigen Berg.

Unten: Der Oeschinensee mit Blümlisalp und

Doldenhorn, mit einer Kompaktkamera und dem

eingebauten „Dramatic Tone“-Filter, der eine Art

HDR-Tonemapping-Effekt erzeugt, produziert.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 12 mm

Belichtung 1/1250 s

Blende f/4,5

ISO 100

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

185


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 70 mm

Belichtung 1/6 s

Blende f/11,0

ISO 200

Durch die verlängerte Belichtungszeit wird das Wasser nicht mehr

„eingefroren“, sondern „fließend“ dargestellt. In diesem Fall wurde ein

ND0,6-Graufilter verwendet.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 66 mm

Belichtung 13 s

Blende f/6,3

ISO 200

Langzeitbelichtung. „L‘eau Noire“ am Rand des Mont-Blanc-Massivs.

Die stark weich gezeichneten Wasserläufe sind aber nicht jedermanns

Geschmack, der Effekt nutzt sich rasch ab, und man kehrt bald wieder zu

kürzeren Belichtungszeiten zurück, die den Bachlauf lebendiger zeigen.

186

Solange man die Belichtungszeit nur verdoppeln

oder vervierfachen will, kann man

auch statt eines eigenen Graufilters einen

Polfilter verwenden. Bei den schnellen Bächen

im Gebirge reicht das normalerweise

schon aus, um den Effekt des fließenden

Wassers eindrucksvoll in Szene zu setzen.

Den Samtweicheffekt, bei dem sich der

Bach in einen weißen Nebel auflöst, erreicht

man aber erst bei deutlich längeren Belichtungszeiten.

Dazu sind ND3-Graufilter notwendig.

Wenn die Bäche den Rand eines Felsabbruchs

erreichen, werden sie zu spektakulären

Wasserfällen, die auf Fotos meist

recht unscheinbar rüberkommen. Fallendes

Wasser, vor allem wenn es sich um sehr

hohe Wasserfälle handelt, übt eine hypnotische

Wirkung aus, da man mit dem Auge

den fallenden Strukturen zu folgen versucht

und die sich ständig ändernden und trotzdem

sich selbst ähnelnden Figuren des

Wassers zu kurzlebig sind, als dass sich der

Geist darauf konzentrieren und Bekanntes

assoziieren könnte.

Sobald ein Wasserfall dagegen fotografiert

ist und als Standbild vorliegt, fällt diese

ständige Anregung des Geists weg, und es

bleibt eine mäßig spannende Felswand mit

fallendem Wasser übrig, das selten große

Assoziationen weckt. Zudem ist es oft

schwierig, den durchaus mal hundert Meter

hohen Wasserfall so zu fotografieren, dass

diese hundert Meter auch visuell beeindruckend

sind – es gibt keine Bezugspunkte.

Selbst wenn man Personen an den Fuß des

Wasserfalls stellt, wird das Geplätscher

dadurch nur selten beeindruckender. Interessanter

kann man Wasserfälle machen,

wenn man sich auf Spielereien mit Licht

konzentriert.


Dazu ist aber wieder genaue Planung

notwendig – die Wasserfälle

heben sich nur dann von der

Umgebung ab, wenn das Streiflicht

von der tief stehenden Morgen-

oder Abendsonne genau

den Wasserfall trifft, der Hintergrund

aber im Schatten liegt.

Auch ein Wasserfallregenbogen

ist nicht ganz einfach. Man benötigt

dazu Sonne von hinten,

also ebenfalls wieder eine tief

stehende Sonne. Je näher man

dem Wasserfall kommt, desto

größer wird der Regenbogen.

Man muss dabei aber immer im

Kopf behalten, dass man selbst

sich immer im Mittelpunkt des

Bogens befindet, Form und

Höhe des Bogens also nur mit

dem eigenen Standort zu tun

haben. Es kann sein, dass man,

wenn man genau zwischen

Abendsonne und Wasserfall

steht, den Bogen gar nicht sieht,

weil der Dunst des Falls nicht bis

nach oben zieht.

Zwei der zahlreichen Wasserfälle

am Fisistock im Abendlicht.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 400 mm

Belichtung 1/800 s

Blende f/3,5

ISO 200

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

187


Regenbogenwasserfall

am Fisistock.

Hier ist nur das

rechte untere Ende

des Bogens sichtbar.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 102 mm

Belichtung 1/640 s

Blende f/3,2

ISO 200

188


Sonne und Mond in den Bergen

Sonne und Mond sind natürlich wohlfeile

Gestaltungselemente in der Bergfotografie.

Sie stehen eigentlich fast immer zur Verfügung,

man muss sich nur richtig herum

hinstellen, und schon kann man ungeliebte

Bildteile in Schlagschatten absaufen lassen

oder einen eigentlich unspannenden Sattel

mit etwas Mond aufpeppen.

Über die Problematik, direkt in die Sonne zu

fotografieren, wurde weiter oben schon etwas

geschrieben, passen Sie also auf Ihre Augen

auf. Um den Strahlenkranz um die Sonne

zu bekommen, müssen Sie abblenden. Je

stärker, desto ausgeprägter sind die Strahlen.

Beachten Sie aber, dass diese eindrucksvollen

Strahlen eigentlich ein Abbildungsfehler

sind – ein Beugungseffekt. Die Lichtstrahlen

der Sonne sind nicht anders zusammengesetzt

als alle anderen Lichtstrahlen auch,

die durch Ihr Objektiv wandern. Sie haben

diesen Strahlenkranz also nicht nur um die

Sonne, sondern um alle anderen Lichtstrahlen

auch, was ein vergleichsweise unscharfes

Bild beschert. Wenn Sie die strahlende Sonne

haben wollen, müssen Sie sich also damit

abfinden, dass die Knackschärfe Ihrer Optik

verloren geht.

Die Anzahl der Strahlen richtet sich übrigens

nach der Anzahl der Blendenlamellen

– und je schärfer die Blendenlamellen

voneinander abgegrenzt sind, desto stärker

ausgeprägt ist ihr Sterncheneffekt. Bei

modernen Objektiven, bei denen die Blendenlamellen

kreisförmig ausgebildet sind,

um ein harmonischeres Bokeh zu erreichen,

tritt dieser Sterncheneffekt deshalb später,

das heißt erst bei weiter geschlossener

Blende, auf. Ein interessanter Effekt kommt

dann zustande, wenn die Anzahl der Blendenlamellen

ungerade ist. Dann sind die

Strahlen der Sterne deutlich kürzer, dafür

sind es doppelt so viele. Übrigens, je kürzer

die Brennweite ist und je kleiner die Sonne

damit erscheint, desto schärfer werden die

Strahlen der Sonne.

Diese Probleme hat man beim Fotografieren

des Monds eher nicht. Da geht es vor

allem darum, den Berg darunter noch sichtbar

abzulichten, und dazu benötigt man

Sonnenlicht. Das Mondlicht reicht zwar

mit einem entsprechenden Stativ durchaus

auch für Bergbilder aus, allerdings wandert

der Mond während der notwendigen Belichtungszeit

so schnell weiter, dass er auf

dem resultierenden Bild eher als weißer

Strich zu sehen ist.

Vollmond ist ebenfalls ungünstig: Vollmondaufgang

ist bei Sonnenuntergang. Was in der

Ebene oder in den Mittelgebirgen funktioniert,

weil man da den Mond im Allgemeinen

am Horizont erwischt, geht in den Bergen nur

dann, wenn man bei Sonnenuntergang auf einem

hohen Gipfel sitzt und der Mond hinter

den niedrigeren Gipfeln aufgeht. Es gibt nur

wenige hohe Gipfel, bei denen man riskieren

sollte, erst nach Sonnenuntergang mit dem

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

Klettern am Wildenauersteig

an der Hohen

Wand im Gegenlicht.

Das Objektiv hat

sieben Blendenlamellen.

Um so ein Foto zu

machen, muss man

natürlich früh aufstehen,

sonst ist die Sonne

schon zu weit oben.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 14 mm

Belichtung 1/250 s

Blende f/16

ISO 100

189


AUFNAHMEDATEN

Brennweite 106 mm

Belichtung 1/100 s

Blende f/5,6

ISO 100

Der Mond über dem Mont Blanc du Tacul, 4.248 m.

Gipfelaufbau des Mytikas (2.918 m), des Olymp-Hauptgipfels vom

Couloir-Normalweg aus. Vormittagslicht.

190

Abstieg zu beginnen – Stativ und Fotoausrüstung

im Gepäck. Also konzentriert man sich

auf zunehmenden Mond – wenn der hinter

den Bergen aufgeht, gibt es meistens noch

ausreichend Abendlicht, damit man Mond

und Bergkette auf ein Bild bekommt.

Dramatische Wetter

Gebirge und Wetter , die Kombination macht

das Bild. Denn wie gesagt: Berge allein sind

Steinhaufen. Erst mit dramatischem Wetter

wird die Sache spannend. Zum Wetter gehört

auch blauer Himmel. So langweilig er

am Boden sein kann, im Hochgebirge und

bei richtigem Licht kann er zu dunkelblauem

Samt werden, vor dessen Hintergrund

Felsformationen eine geradezu unwirkliche

Präsenz bekommen. Wichtig ist dabei immer,

den Polfilter nicht zu vergessen, wobei

es in den Fällen, in denen man keine weiten

Entfernungen überbrücken muss, auch

ohne geht.

AUFNAHMEDATEN

Dia analog

Brennweite 50 mm


Immer wieder sehenswert ist natürlich das

rote Abendlicht im Hochgebirge, wenn die

tief stehende Sonne Berggipfel in kräftige

Rottöne taucht. Zusammen mit Schnee und

ein paar dekorativen Wolken können da

spannende Fotos gelingen. Oft wird dabei

der Fehler gemacht, mit einem Weitwinkel

das gesamte Tal mit den farbigen Berggipfeln

ablichten zu wollen. Dies geht häufig

schief, da die Kontraste vom Tal zum Gipfel

zu stark sind, und selbst wenn die Kamera

das verkraftet, bleibt oft das Tal im Motivwert

deutlich hinter den Bergen zurück.

WETTERSTURZ:

GEHEN SIE KEIN RISIKO EIN

So spannend Gebirgsbilder mit dramatischen

Gewitterwolken aussehen,

fotografieren Sie diese von einer

Hütte aus – niemals vom Gipfel.

Wer Wetterstürze im Gebirge unterschätzt,

hat bisweilen keine Gelegenheit

mehr, das zu bereuen. Wer

Gewitter oder Schneefall aus dem

Flachland kennt und für harmlos hält,

kann sich nicht vorstellen, wie ein Gewitter

im Gebirge sein kann – und wie

schnell einem Schneefall und Nebel

die Orientierung rauben können, bis

man sich buchstäblich im Vorgarten

der rettenden Hütte verirrt. Wege,

auf denen man bei gutem Sommerwetter

Scharen von Kinderwagen

schiebenden Familien antrifft, können

bei einem Wettersturz für blanken

Horror sorgen.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 400 mm

Belichtung 1/500 s

Blende f/3,5

ISO 200

Das Doldenhorn, 3.643 m, im Abendlicht.

Nebel am Fisistock.

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 400 mm

Belichtung 1/1600 s

Blende f/4,5

ISO 100

191


Gletscherabbruchkante

des Oxfjordjökelen in

Nordnorwegen. Hier

ist der Einsatz eines

Tele angebracht. Den

Gletscher aus dieser

Perspektive mit Weitwinkel

abzulichten,

kann gefährlich sein.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 400 mm

Belichtung 1/8000 s

Blende f/3,5

ISO 100

192

Wenn das Wetter es hergibt, spricht in diesem

Fall nichts gegen eine lange Brennweite.

Interessant kann auch Nebel sein, solange

er begrenzt ist. Nebel kann Motive „freistellen“

und durch die Abdeckung der Landschaft

für eine geheimnisvolle Stimmung

sorgen. Nebel ist allerdings ebenfalls ein

Motiv, das man besser mit dem Tele ablichtet

als mit dem Weitwinkel, schon allein aus

dem Grund, da man sich von Nebel im Gebirge

besser fernhält, wenn man sich nicht

auf einem perfekt ausgeschilderten und

ausgebauten Weg befindet.

Regeln vor der Erstbesteigung

Im Gebirge können Fehler tödlich sein, und

fotografische Fehler sorgen für langweilige

Bilder. Während man zu einem Dom oder

einer Burgruine einfach noch mal hinfährt

und das Bild wiederholt, wird man sich in

den seltensten Fällen noch mal aufmachen,

um einen Berg zu besteigen – nur um das

eine Bild in 3.000 m Höhe zu wiederholen.

Man muss sich also immer, wenn man im

Gebirge fotografiert, bewusst sein, dass

man genau diese eine Chance hat – keine

andere.

Nehmen Sie sich Zeit

Sie schleppen die Kamera nicht mit, um zu

hetzen, sondern um zu fotografieren. Verabschieden

Sie sich von der Faustformel:

400 Höhenmeter pro Stunde. Gehen Sie

mit Begleitern, die dafür Verständnis haben

– und zwar nicht zähneknirschendes, sondern

echtes Verständnis – und idealerweise

selbst fotografieren oder fürs Rumstehen

und Warten bezahlt werden.

Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Eine lockere

Zweistundentour kann sich mit Fotoequipment

zur Halbtagestour auswachsen.

Selbst mit montierter Schnellwechselplatte

ist der Aufbau eines Stativs jedes Mal mit

zehn Minuten Zeitverlust verbunden, bei

normalem Tempo sind das mehr als 50 Höhenmeter.

Das ist gegenüber der Restgruppe

nicht mehr aufzuholen. Die dauernde

Warterei kann den Mitwanderern gehörig

auf die Nerven gehen. Abgesehen davon,

dass der Rest der Gruppe in diesen zehn Minuten

kalt wird, während man selbst bei der

Knipserei auch keine Erholung hat.

Unterschätzen Sie die Witterung nicht

Fotografen neigen dazu, die Witterung zu

unterschätzen. Während ein Wanderer

dauernd und gut geschützt in Bewegung

ist, muss sich der Fotograf ruhig verhalten,

er hält sich die durchgefrorene Kamera ans

Gesicht und fasst sie an. Teilweise werden

auch noch die Handschuhe ausgezogen,

damit man besser an die kleinen Knöpfchen

herankommt. Die Folge: angefrorene Finger.

Wer jemals erlebt hat, wie es sich anfühlt,

wenn gefrorene Extremitäten wieder auftauen,

der weiß, was keinen Spaß macht.


Sich irgendwas zu erfrieren, ist nur ein Zeichen

von Leichtsinn – und sonst nichts.

Oberhalb der Baumgrenze gibt es unter

Umständen keinen Schatten, sorgen Sie

also dafür, dass Sie eine Kopfbedeckung und

ausreichend Wasser und Mineralien dabeihaben.

Akuter Wassermangel muss sich

gar nicht so sehr in Durst ausdrücken, eine

Dehydratation verursacht auch Schwindelgefühl,

Kopfschmerzen oder starkes Schwitzen.

Vor allem ältere Bergsteiger haben das

Problem, zu wenig zu trinken. Wasser aus

sauberen Gebirgsbächen kann die Wasservorräte

ergänzen, trotzdem benötigen Sie

unbedingt auch zusätzliche Mineralstoffe,

Magnesiumtabletten etwa. Blankes Wasser

kann Ihren Mineralhaushalt durcheinanderbringen.

Respektieren Sie Betretungsverbote

Wege im Hochgebirge anzulegen, ist außerordentlich

mühselig. Wilde Abkürzungen

zerstören die empfindliche Vegetation und

den filigranen Zusammenhalt des Bodens

und sorgen für verstärkte Erosion und damit

für die Zerstörung der Wege. Zudem sind

vor allem für Fotografen, die Gepäck schleppen,

die Wege sicherer. Ein Ausrutscher

auf einer unbefestigten Abkürzung, und Sie

können nur noch hoffen, dass Ihr Equipment

gut geschützt ist. Abkürzungen mögen

kurzfristigen Zeitgewinn geben, langfristig

kosten sie Kraft.

Einige Kletter- und Wandergebiete sind aus

Naturschutzgründen zu bestimmten Zeiten

gesperrt, manche frühere Kletterfelsen mittlerweile

sogar ganzjährig. Diese Sperrungen

KAPITEL 3

ATEM BERAUBENDES

HOCHGEBIRGE

In den Grand Canyon

darf nur absteigen, wer

ausreichend Wasser

dabeihat – zu Recht.

Sie müssen aber nicht

in den Grand Canyon

hinein, um ein Problem

mit der Hitze zu bekommen.

Es reicht eine

ganz normale Tour im

Gebirge.

AUFNAHMEDATEN

Brennweite 70 mm

Belichtung 1/320 s

Blende f/5,6

ISO 100

193


sind unbedingt auch von Fotografen zu beachten.

Entsprechende Übersichten haben

die jeweiligen örtlichen Kletter- und Wandervereine.

Dies betrifft nicht nur Deutschland,

in Frankreich etwa sollen 40 % der

Calanques bei Cassis gesperrt werden, das

Wandern ist dort im Sommer bereits verboten.

Werden die mühsam ausgehandelten

Felssperrungen nicht respektiert, droht oft

eine Ausweitung der Sperrungen, was weder

im Interesse der Kletterer noch der Fotografen

ist.

Oft ist der ideale Standpunkt für ein Foto

einige Meter neben dem Weg. Wenn sich

dort Wiesen befinden, schonen Sie diese

so weit es geht. Die Vegetationsperiode im

Hochgebirge ist so kurz, dass Sie durch unbedachtes

Herumstapfen in einer Almwiese

diese beschädigen. Sind Sie dabei auch

anderen ein Beispiel. Kritisch wird es vor

allem dann, wenn die Almwiesen blühen.

Analogdia ohne UV-Filter und Polfilter. Eintragung ins Gipfelbuch

des Breithorns, Steinernes Meer.

194

Schreiben Sie Ihre Touren ins Hüttenbuch

Hüttenbücher sind keine einfachen Gästebücher,

sondern Dokumente, die schon den

einen oder anderen Bergsteiger gerettet

haben. Angst vor Datenklau ist hier fehl am

Platz. Tragen Sie Namen, Herkunft und Anzahl

der Personen sowie das Tourenziel gewissenhaft

ein. Auch Gipfel- und Wanderbücher

sind solche Dokumente, in die die

entsprechenden Daten sauber einzutragen

sind. Wer das nicht macht, ist selbst schuld.

Wer Gipfelbücher zerstört oder entwendet,

kann Rettungen verzögern und deshalb

Menschenleben gefährden. Lesen Sie auch

die Bucheinträge in den Spalten vor Ihnen.

Wenn dort Leute auftauchen, die das gleiche

Ziel haben wie Sie, verfolgen Sie deren

Spur weiter. Verliert sich die Spur, informieren

Sie den nächsten Hüttenwirt darüber.

Der weiß dann, was zu tun ist.

Stay alert! Bleiben Sie wachsam!

Das Gebirge ist kein Studio und kein Abenteuerspielplatz.

Eigentlich sollte das selbstverständlich

sein. Die jährlich steigenden

Opferzahlen beweisen, dass dem nicht so

ist. Früher waren die meisten Unfälle im Gebirge

auf ungenügende Ausrüstung zurückzuführen

– die berühmt-berüchtigten Halbschuhbergsteiger.

Mittlerweile hat sich

das etwas verlagert. Hervorragend ausgerüstete

und in der Kletterhalle trainierte

Bergsportler verunglücken, weil sie übersehen,

dass Berge nicht GS-geprüft sind und

Wetter und Felsen sich dauernd verändern.

Seien Sie immer wachsam. Beachten Sie,

dass für Sie als Fotograf die allerwichtigste

Regel im Gebirge nicht gilt: eine Hand für

den Mann, eine Hand für den Berg. Sie haben

als Fotograf nicht genug Hände für diese

Regel. Sie müssen die dritte Hand durch

erhöhte Aufmerksamkeit ersetzen: „Stay

alert – bleiben Sie wachsam.“


Unabsichtliche Lawinenauslösung

Vermeiden Sie es, mit Gegenständen zu

werfen. Dies betrifft nicht nur Steine, sondern

natürlich auch Objektive oder irgendwelche

Ausrüstungsgegenstände. Dabei

geht es nicht nur darum, dass man absichtlich

irgendwelche Dinge ins Tal wirft. Es

geht vor allem um unabsichtliche Lawinenauslösung.

Ob das nun Steinlawinen oder

Schneebretter sind: Schon das Aufstellen

eines Stativs am falschen Ort kann fatale

Folgen haben.

Gefährliche Gegenlichtaufnahmen

Im Hochgebirge gibt es neben den Gefahren

von Wetter und Fels auch das Problem der

Sonne. Sonne im Hochgebirge ist deutlich

stärker als im Flachland. Eine Sonnenbrille

ist ein Muss, in Schneegebieten auch eine

Gletscherbrille. Gegenlichtaufnahmen, vor

allem im Gebirge von hohem ästhetischem

Reiz, sind besonders gefährlich. Wenn irgend

möglich, vermeiden Sie den optischen

Sucher und verwenden einen eventuell vorhandenen

Live-View-Modus – je länger die

Brennweite, desto dringender ist der Rat.

Selbst Gegenlichtfotos am Abend können

Ihre Augen nach wenigen Minuten so stark

irritieren, dass Sie eine halbe Stunde nur

eingeschränkt sehfähig sind – im Gebirge

bei hereinbrechender Dunkelheit eine Katastrophe.

Kletterseile und Karabiner prüfen

Sie haben als Fotograf die Verantwortung,

dass Ihr „Modell“ bei spektakulären Winter-

und Kletterfotos nicht in Gefahr kommt. So

beeindruckend perfekt fotografierte Kletterer

sind, die gerade aus der Wand fallen:

Stürze für die Kamera zu provozieren, kann

schiefgehen. Seile können durchscheuern,

Karabiner abreißen. Es ist absolut empfehlenswert,