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Rechtsmedizin Forensische Traumatologie 2 - Institut für ...

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<strong>Rechtsmedizin</strong><br />

<strong>Forensische</strong> <strong>Traumatologie</strong> 2<br />

Teil 2<br />

- Kindesmisshandlung, Sexueller Missbrauch<br />

- Kindestötung<br />

- Ersticken, Ertrinken, Tod im Wasser<br />

- Erhängen, Erwürgen, Erdrosseln<br />

- Elektrizität, Hitze, Kälte<br />

© Prof. Dr. med. Andreas Büttner<br />

<strong>Institut</strong> <strong>für</strong> <strong>Rechtsmedizin</strong> der Universität Rostock<br />

Hinweise: Sachdarstellung in stark verkürzter Form<br />

<strong>für</strong> Vorlesungszwecke; Änderungen vorbehalten


aktiv<br />

passiv<br />

Kindesmisshandlung/ - vernachlässigung<br />

physisch psychisch<br />

Gewaltausübung<br />

- mechanische<br />

- thermische<br />

- chemische<br />

Vernachlässigung<br />

- Unterernährung<br />

- Flüssigkeitsentzug<br />

- Versagen von Pflege/<br />

Behandlung<br />

• battered child<br />

• Malnutrition<br />

• Retardierung<br />

Überforderung<br />

Zurücksetzung<br />

- Verbote<br />

- Strafen<br />

Gleichgültigkeit<br />

Fehlende Zuwendung<br />

- Zeitmangel<br />

- Ingnoranz<br />

• Depravation<br />

- emotional<br />

- sozial<br />

Bü 2010 2


Kindesmisshandlung [Battered child syndrome] I<br />

• Anamnese<br />

– Episodenreiche Vorgeschichte<br />

– Zeitliches Intervall Verletzung /<br />

Therapie<br />

– Wechsel von Pflegeplätzen /<br />

Arztwechsel<br />

– Arztvisite durch Drittpersonen<br />

• Allgemeinzustand<br />

– Schlechter Pflegezustand<br />

– Psychische und physische<br />

Retardierung<br />

– Psychische Auffälligkeiten<br />

• Verschlossenheit und Indolenz<br />

• Kontaktbedürfnis<br />

• Aggressivität<br />

• Äußere Befunde<br />

– Mehrzeitige, atypisch lokalisierte<br />

Hämatome<br />

– Kopf: Alopezien, Narben<br />

(Platzwunden),<br />

Ohrmuscheleinrisse, konjunktivale<br />

Blutungen<br />

– Bewegungseinschränkungen<br />

– Schwellungen, Deformitäten der<br />

Extremitäten<br />

– Stockschläge (Doppelkonturen,<br />

relativ selten)<br />

– Bissverletzungen (kreisförmig)<br />

– Exkoriationen (selten)<br />

Bü 2010 3


Kindesmisshandlung [Battered child syndrome] II<br />

• Innere Befunde<br />

– Schädelfrakturen und klaffende Nähte<br />

– Manschetten an Diaphysen<br />

– Infraktionen an Epiphysen<br />

– Rippenfrakturen<br />

– Intrakranielle und intraspinale Hämatome ohne Frakturen<br />

(Schütteltrauma)<br />

– Retinablutungen<br />

– Hämatothorax, Hämascos: eher selten<br />

Röntgendiagnostik in Verdachtsfällen unerlässlich !<br />

Klassische Fehldiagnosen : Anaphylaktoide Purpura,<br />

Hämorrhagische Diathese, Dystrophie (bei Inanition)<br />

Bü 2010 4


Kindesmisshandlung<br />

Läsionen der Röhrenknochen<br />

Bü 2010 5


Kindesmisshandlung - Schütteltrauma<br />

Aus: G. Reinhardt, R. Mattern, Ökologisches Stoffgebiet (1999)<br />

Bü 2010 6


Sexueller Missbrauch - kriminologische Daten<br />

Opfer<br />

– 7-13 Jahre; überwiegend<br />

Mädchen<br />

– Risikofaktoren<br />

• konflikthaftes Verhältnis<br />

der Eltern<br />

• geistige Behinderung<br />

• Stiefväter,<br />

Lebensgefährten der<br />

Mutter<br />

Täter<br />

– heterogene Täterpopulationen<br />

• Ersatzhandlung <strong>für</strong><br />

altersentsprechende sexuelle<br />

Beziehung<br />

– jugendliche Täter<br />

– intelligenzgeminderte<br />

Täter<br />

– dissoziale Täter<br />

• Pädophile Neigungen<br />

(vermehrt biologische und<br />

„soziale“ Verwandte)<br />

– gewaltfrei<br />

Bü 2010 7


Sexueller Missbrauch - Diagnostik<br />

• Frische oder ältere Deflorationsverletzungen<br />

• Anale Fissuren (in seitlichen Anteilen)<br />

• Unspezifische Entzündungen, Rötungen von Vulva und Vagina<br />

• Genitale Infektionen<br />

– Syphilis, Herpes genitalis, Gonorrhoe<br />

– [Chlamydien, Trichomonaden]<br />

• Schulische Verhaltensänderungen<br />

• Leistungsabfall<br />

• Kontaktstörungen<br />

Nur eindeutige Befunde werten !!!<br />

Diagnose vom erfahrenen Pädiater absichern lassen !!!<br />

Kindliche Aussagen ernst nehmen !!!<br />

Cave: Kind als „Waffe“ im Scheidungsverfahren !!!<br />

Bü 2010 8


Sexueller Kindesmissbrauch - Grundregeln der Untersuchung<br />

• Kindergynäkologische Untersuchungen nur bei erheblichem<br />

Anfangsverdacht,<br />

• Untersucher: Erfahrener Arzt (ggf. Vertrauensperson/<br />

Psychologen beiziehen)<br />

– Frauenarzt, Kinderarzt<br />

– Ausnahmekonstellationen in Hamburg/ Bremen: Gerichtsarzt<br />

• Befunddokumentation (vor Untersuchung abklären)<br />

• Spurensicherung (vor Untersuchung abklären)<br />

– Vaginal-/Analabstrich<br />

– Andere Hautabschnitte<br />

– Haare, Sekrete<br />

DNA-PCR-Verfahren: Neue Dimension der Beweisführung I<br />

Baldmöglichst bis spätestens innerhalb von 48 (72) -<br />

Stunden Untersuchung veranlassen<br />

Bü 2010 9


Kindestötung - Handlungsvarianten der Kindesmutter<br />

• Ersticken unter weicher Bedeckung<br />

• Würgen und/oder Drosseln<br />

• Zuhalten/Knebeln der Atemwege<br />

• Gebären in Toilette/ Flüssigkeit etc.<br />

• Liegenlassen [Große Überlebensfähigkeit der Neonati]<br />

– Unterkühlung<br />

– Flüssigkeitsentzug<br />

• Stumpfe [scharfe] Gewalt bevorzugt gegen den Kopf<br />

Kindestötung bevorzugt psychopathologisches Phänomen<br />

Verdrängen der Schwangerschaft<br />

Handlungsmuster „Panik“, Verhinderung des Schreiens etc.<br />

Bü 2010 10


Äußeres Ersticken<br />

– Bedeckung der Atemöffnung<br />

– Obstruktion der Atemwege<br />

• Aspiration<br />

• Ertrinken<br />

• Knebelung<br />

• Quincke -Ödem<br />

– Pulmonale Ursachen<br />

• Thoraxkompression<br />

• Fixierte Inspiration<br />

• Pneumothorax<br />

• Lungenödem<br />

Erstickung - Ursachen (I)<br />

Zerebrale Ischämie<br />

– Erhängen<br />

– Erwürgen<br />

– Erdrosseln<br />

– vaskuläre und embolische<br />

Prozesse<br />

Asphyktisches Ersticken<br />

Sauerstoffmangel + CO 2-Retention<br />

mit quälendem Erstickungsgefühl<br />

über Reizung des Atemzentrums<br />

Bü 2010 11


Hypoxie<br />

– Sauerstoffmangel in Atemluft<br />

– Akuter Druckabfall<br />

– Inerte Gase<br />

– Zentrale Atemdepression<br />

• Sauerstoffintoxikation<br />

• "sniffing"<br />

• Atemdepressiva<br />

Hypoxisches Ersticken<br />

Sauerstoffmangel ohne<br />

CO 2-Anreicherung, ggf. Euphorisierung<br />

ohne Abwehr- oder Fluchtreaktion<br />

Erstickung - Ursachen (II)<br />

Inneres Ersticken bei Störung<br />

des O 2 - Transportes bzw.<br />

der O 2 -Verwertung<br />

– CO-Intoxikation<br />

– CN-Intoxikation<br />

– H2S-Intoxikation – Meth-Hämoglobinbildner<br />

• Nitrite<br />

• Azetanilid, Anilin, Phenazetin<br />

• Sulfonamide<br />

– Anämie<br />

– Pulmonale Perfusionsstörung<br />

Bü 2010 12


Erstickung - Allgemeine Erstickungszeichen<br />

• Petechiale Stauungsblutungen (> 20 Sekunden)<br />

– Blutdrucksteigerung + Pressatmung<br />

– Venöse Stauung<br />

– Hypoxischer Kapillarschaden (i.S. des Rumpel-Leede-Zeichen)<br />

• Tardieu'sche Flecke bei subpleuraler Blutung<br />

– Paltauf'sche Flecke bei Ertrunkenen (Hämolysierte Tardieu'sche Flecke)<br />

• Zyanose (Gesicht), Stauung und Aufdunsung (oberhalb venöser<br />

Kompressionen), flüssiges Leichenblut<br />

• Akutes Lungenemphysem<br />

• Entspeicherung der Milz (Adrenalineffekt) bei<br />

Parenchymstauung<br />

Erstickungszeichen auch bei natürlichem Tod<br />

Erstickungsbefunde nur hinweisend, andere<br />

Todesursachen ausschließen<br />

Bü 2010 13


Erstickung [Ertrinken] - Stadien des Ablaufes<br />

• Inspiratorische Dyspnoe<br />

– [reflektorisch, Gesicht als Thermosensor]<br />

• Apnoe<br />

– [willentliches Atemanhalten]<br />

• Dyspnoe<br />

– [Hyperkapnie, erzwungene Ventilation,<br />

Hyperventilation]<br />

• Konvulsives Stadium<br />

– Bewusstlosigkeit, Konvulsionen<br />

• Praeterminale Apnoe<br />

– Ausfall des physiologischen Atemzentrums<br />

• Terminale Atembewegung<br />

– Spinale Atmung<br />

Zeitdauer: 3 - 5 Minuten<br />

Bü 2010 14


• Ertrinken<br />

Auffindung im Wasser - Ursachenkategorien<br />

– Unfall<br />

– Selbsttötung<br />

– Tötung durch "Untertauchen“<br />

• Tod außerhalb des<br />

Wassers<br />

– Unfall<br />

– Selbsttötung<br />

– Tötung<br />

– Tod aus natürlicher Ursache<br />

* Risikofaktor: Alkohol<br />

• Badetod<br />

– Atypisches Ertrinken*<br />

• Reflexogener Tod<br />

• Laryngospasmus<br />

• Hypoglykämie<br />

• Kälteanaphylaxie<br />

– Tod aus natürlicher Ursache<br />

• Myokardinfarkt<br />

• Stroke<br />

• Epileptischer Anfall etc.<br />

Bü 2010 15


• Ebbecke-Reflex<br />

(Wind-u. Wetter-Reflex)<br />

Trigeminus Maxillaris<br />

Badetod - Reflexmechanismen<br />

• Kretschmer-Hering-Reflex<br />

(Nasenschleimhautreflex)<br />

Trigeminus Infraorbitalis<br />

• Aschner-Reflex<br />

(Bulbusdruckreflex)<br />

Trigeminus Ophtalmicus<br />

• Goltz'scher-Reflex<br />

(Plexus solaris-Reflex)<br />

Vagus - Bauchteil<br />

• Rachen - Reflex<br />

(N. laryngeus superior-<br />

Reflex) Vagus - Halsteil<br />

• Valsalva-Mechanismus<br />

(Thorax-Druckreflex)<br />

Vagus - Brustteil<br />

Vaguseffekte: (neg) bathmotrop, chronotrop, dromotrop, inotrop<br />

Bü 2010 16


Ertrinken - Morphologische Befunde<br />

• Schaumpilz (Luft, Wasser, Bronchialsekret)<br />

• Emphysema aquosum (#oedema aquosum)<br />

• 3-Schichtung des Mageninhaltes (WYDLER-Zeichen)<br />

• Hämolysierte Pleurablutungen (PALTAUF-Flecke)<br />

• Sinus-sphenoidalis-Zeichen (Ertrinkungsflüssigkeit)<br />

• Ohrzeichen (Mikrohämorrhagien)<br />

• Zusatzbefunde<br />

– Tiefe Aspiration (Schwebestoffe/Diatomeen)<br />

– Überdehnung/Ruptur der Alveolarsepten<br />

– Hämodilution (Resorption von hypertonem Süßwasser) + Hämolyse [K +]<br />

– Hämokonzentration + Lungenödem (hypertones Salzwasser)<br />

Totenflecke können fehlen - Schwere des Wassers<br />

Bü 2010 17


Tod im Wasser- Leichenveränderungen / Wasserzeit<br />

• Waschhautbildung<br />

– Fingerspitzen<br />

– Ausdehnung auf Hohlhand<br />

– Oberhaut elfenbeinartig<br />

– Oberhautablösung (Beginn)<br />

– Oberhautablösung (vollständig, auch Fingernägel)<br />

• Sonstige Befunde<br />

– Postmortale Hautdefekte (Flohkrebse)<br />

– Leichnam aufgebläht<br />

– Leichnam verfärbt<br />

Grobe Richtwerte bei Temperaturen um 10-12 °C Ostsee<br />

Temperatur um 20 °C: Verkürzung der Zeiten um 50%<br />

Temperatur um 5 °C: Ausdehnung der Zeiten auf >200%<br />

3 Stunden<br />

6 Stunden<br />

3 Tage<br />

6 Tage<br />

3 Wochen<br />

9 Stunden<br />

9 Tage<br />

12 Tage<br />

Bü 2010 18


Auffindung im Wasser - Kriminalistische Aspekte<br />

• Wasser als Tötungsinstrument<br />

– Ertränken<br />

• Klassisches Ertrinken<br />

• Reflexogener Tod<br />

– Elektrotod<br />

– Unterkühlung<br />

– Wärme (heat stroke), Hitze (Verbrühung)<br />

• Wasser als Verbringungsort<br />

• Wasser als Transportmedium<br />

• Wasser als Spurenbeseitiger<br />

Bü 2010 19


Strangulation - Todesmechanismen<br />

Erhängen<br />

– Unterbrechung der zerebralen<br />

Blutversorgung<br />

– Reizung des Glomus<br />

caroticum<br />

• Ganglion cervicale superius<br />

(Sympathicus)<br />

• Rami phayngei (Vagus)<br />

• Ramus sinus carotici<br />

(Glossopharyngeus)<br />

– Verlegung der Atemwege<br />

– [Verletzung der<br />

Halswirbelsäule (Dens axis)<br />

mit Rückenmarksläsion]<br />

Erdrosseln<br />

– Unterbrechung der zerebralen<br />

Blutversorgung mit venöser<br />

Blutstauung<br />

– Reizung des Glomus caroticum<br />

Erwürgen<br />

– Phasenweise Unterbrechung der<br />

zerebralen Blutversorgung mit<br />

oder ohne venöse Blutstauung<br />

– Reizung des Glomus caroticum<br />

– Kompression der oberen<br />

Luftwege<br />

– Verlegung der Luftwege ggf.<br />

Knebelung<br />

Bü 2010 20


A. vertebralis<br />

Erhängen - Arterieller Verschluss<br />

A. carotis<br />

aus: Gerichtliche Medizin, A. Ponsold, 1967<br />

Bewusstlosigkeit<br />

[Handlungsunfähigkeit]<br />

nach 10 sec !!!<br />

Bü 2010 21


Erhängen - Strangulation durch das Körpergewicht<br />

Typisches Erhängen: Ausnahmesituation bei Auffindung<br />

• Symmetrisch zum Nacken hin ansteigend<br />

• Suspensionspunkt in Nackenmitte<br />

• Körper frei hängend<br />

Bü 2010 22


• Strangmarke<br />

– Vitalitätsmerkmale<br />

Erhängen - Leichenschaubefunde<br />

• hyperämischer Randsaum<br />

• Zwischenkammblutungen<br />

• Tränen- und Speichelfluss<br />

• Selbstrettungsspuren<br />

• Anschlagverletzungen<br />

– Hand- und Fingerrücken<br />

– Ellenbogen, Knie, Fußknöchel<br />

• Blutungen aus Mund und Nase<br />

– Randschlingennetz des Trommelfells<br />

– Venenplexus der Nasenschleimhaut<br />

• Pupillenzeichen (Anisocorie)<br />

Strangmarke kein sicheres vitales Merkmal:<br />

Auf vitale Reaktionen achten !!!<br />

Bü 2010 23


Erhängen - Obduktionsbefunde<br />

• Einblutungen der Halsmuskulatur<br />

– Zerrungsblutung<br />

– Kompressionsblutung<br />

• Intimarupturen der A. carotides<br />

• Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein<br />

– Obere Schildknorpelfortsätze<br />

– Große Zungenbeinhörner<br />

• Wirbelsäulenzeichen<br />

– Blutungen in Zwischenwirbelscheiben<br />

– Blutungen unter vorderes/hinteres<br />

Längsband der Wirbelsäule<br />

Wirbelsäulenfrakturen; "hangmans fracture“<br />

(dens axis) kommen extrem selten vor<br />

Bü 2010 24


Erdrosseln - Strangulation durch Muskelkraft/ Zug<br />

• Lage des Drosselwerkzeuges - Pathophysiologie<br />

– Asphyktisches Ersticken (> 20 sec Handlungsunfähigkeit)<br />

– Selbsterdrosseln nur bei Knebel u. Eigenfixation des Drosselwerkzeuges<br />

• Äußere Befunde (weite Bandbreite der Befundausprägung)<br />

– Horizontaler Verlauf der Drosselmarke<br />

– Tiefere Anordnung als beim Erhängen (häufig unter Kehlkopf)<br />

– Petechiale Blutungen, Stauung (nach Lage und Zug des<br />

Drosselwerkzeuges)<br />

– Nebenverletzungen möglich<br />

• Stumpfe Gewalt (vor Beginn der Tat / in der Agone)<br />

• Würgemale<br />

Überlebtes Drosseln<br />

• Schluckstörungen und Heiserkeit<br />

• HNO-Untersuchung veranlassen (Späteffekte)<br />

• Retrograde Amnesie bis postasphyktisches Zustandsbild<br />

Bü 2010 25


Erdrosseln [Erwürgen] -Innere Befunde<br />

• Einblutungen der Halsmuskulatur<br />

• Einblutungen der Nackenmuskulatur/ autochtonen<br />

Rückenmuskulatur<br />

• Blutungen der Muskulatur des Zungengrundes<br />

• Umblutete Abbrüche von Zungenbein (Cornua majora),<br />

Schildknorpelfortsätzen (Proc. superiora)<br />

• Petechiale Blutungen von Glottis, Pleura, Perikard<br />

Obduktion in so genannter Blutleere („Halspaket“ gesondert präparieren →<br />

Vermeidung von Blutungsartefakten)<br />

Bei Dominanz der Carotissinusreflexe (Vagustod) können Befunde fehlen<br />

Bü 2010 26


Erwürgen - Kompression des Halses<br />

[Eine Hand bzw. beide Hände]<br />

• Erwürgen - Pathophysiologie<br />

– Bei Gegenwehr häufig asphyktisches Ersticken<br />

– Mechanische Kompression der Halsweichteile häufig<br />

– Reflexmechanismen über Kehlkopf und Carotissinus<br />

• Äußere Befunde<br />

– Kratzerartige oder kommaförmige Würgemale, Hämatome<br />

– Bei Frontalposition von Täter und Opfer: Rechtsbetonung<br />

– Nebenverletzungen häufig (auch:Mund- und Nasenöffnungen)<br />

• Innere Befunde (s. Erhängen und Erdrosseln)<br />

– Verletzungsintensität am größten (Erhängen< Erdrosseln


• Bolustod<br />

Ersticken - Sonderformen<br />

– Vagustod über N. glossopharyngeus bzw. N. hypoglossus u.a.<br />

– Ersticken bei festsitzendem Bolus<br />

• Kinder (Erdnüsse, Murmeln, Tabletten etc.), Alte (Prothese)<br />

• Alkoholisierte, Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen<br />

• Ersticken unter Plastiktüte<br />

– Sniffing<br />

– Autoerotischer Unfall<br />

• Ersticken durch absinkende Gase (Silo: CO2, Methan etc.)<br />

• „Burking“ (Thoraxkompression, Zuhalten von Mund/ Nase)<br />

• „Perthes´ sche“ Druckstauung (Verschüttung, Massenpanik)<br />

• Ersticken unter weicher Bedeckung<br />

Bü 2010 28


Elektrizität - Spannungsbereiche<br />

• Kleinspannung < 65 V ungefährlich<br />

• Niederspannung (65 - 1000 V) potentiell<br />

[Elektrophysiologische Effekte] lebensgefährlich<br />

• Hochspannung (1000 V - 100 000 V) Verbrennungen<br />

[Elektrothermische Effekte]<br />

• Höchstspannung > 100.000 V Lichtbogenunfälle<br />

Haushaltsübliche Spannungen: 220 V u. 380 V<br />

Wechselstrom 50 Hz mit starken elektrophysiologischen Effekten<br />

Bü 2010 29


Elektrizität - Stromstärke / Widerstand<br />

• Stromstärke (I) / Körperwiderstand (R)<br />

– Hautwiderstand (500 - 1 Mio. Ohm); Hautdurchfeuchtung<br />

– Frequenz<br />

• Elektrophysiologische Effekte bei 50 Hertz (40 - 150 Hertz)<br />

besonders hoch<br />

• Gleichstrom: Erhöhung der Reizschwelle um das 5fache<br />

• Wechselstrom: "skin-effect" bei Frequenzen > 1000 Hertz<br />

• Stromdurchfluss - Einflussgrößen<br />

– Stromschleifendichte (Kontaktfläche) und Flussdauer (Kontaktzeit)<br />

– Durchströmungsrichtung im Gewebe (Cosinus-alpha-Regel)<br />

– Durchströmungsrichtung im Körper (Einbeziehung des Herzens)<br />

– Kondensatoreffekt der Phalangen (Hohlhandkontakt gefährlicher als<br />

Fingerkuppe)<br />

– Kontraktion der Beuger<br />

– Stromerwartung<br />

Ohm'sches Gesetz: U = R x I, Parameter voneinander abhängend<br />

Bü 2010 30


Technische Elektrizität - Befunde<br />

• Strommarke an Kontaktstelle zum Leiter<br />

– Zentrale Nekrose<br />

– Blasser, opak-porzellanartiger Randwall (Elektrolyseeffekt)<br />

• Stromleitermetallspuren (Metallisationseffekt)<br />

• Ggf. Abformung des Leiters<br />

• Histologisch (unsicher)<br />

– Wabenbildung (Strukturauflockerung) im Stratum corneum<br />

– Kernausziehungen in den Basalzellschichten<br />

• Thermonekrosen (Joule'sche Wärme) mit Karbonisation und<br />

Verdampfen des Gewebes<br />

• Zeichen des akuten Todes (Soforttod)<br />

• Zeichen des Multiorganversagens (Spättod)<br />

Morphologisch nachweisbar sind nur die elektrothermischen Effekte<br />

Elektrophysiologische Effekte ohne morphologisches Korrelat<br />

Bü 2010 31


Epidermis<br />

Stromflusslinien<br />

Elektrizität: Leiterberührung - Strommarke<br />

<br />

aus: Gerichtliche Medizin, A. Ponsold, 1967<br />

Bei flächigem Kontakt: Keine Strommarken<br />

Bü 2010 32


Atmosphärische Elektrizität (Blitzschlag, n=100 pro Jahr)<br />

• Expositionszeit (10 -6 sec): Abfließen über die Körperoberfläche<br />

• Stoßstrom etwa 10 000 V<br />

• Spannungstrichter (Spannungsabfall)<br />

• Elektrothermische Effekte<br />

– Haare angesengt (gekräuselt)<br />

– Kleidung, Schuhe mit Verkohlungen und Zerreißungen<br />

– Verzweigtes Erythem der Haut (Lichtenberg`sche Blitzfiguren)<br />

– Abformungen, Abschmelzungen von Münzen, Ketten etc. auf Haut<br />

• Knalltrauma<br />

• Todesursachen (30 - 40 Prozent Letalität)<br />

– ZNS - Blockade (Thermische und elektrophysiologische Effekte)<br />

– Rhythmogener Herztod (Kammerflimmern)<br />

• Klinik (Prognose insgesamt gut)<br />

– Bewusstseinstrübung<br />

– Motorische Störungen, Sensibilitätsstörungen<br />

– Vegetative Störungen, psychische Reaktionen<br />

Bü 2010 33


Hohe Temperaturen - Allgemeine Hitzeschäden<br />

• Hitzekollaps (heat exhaustion)<br />

– Primärer Kollaps (heat exhaustion)<br />

– Sekundärer Kollaps (heat cramps: dehydration exhaustion/anhidrotic heat<br />

exhaustion)<br />

• Hitzschlag (heat stroke)<br />

– Zusammenbruch zentraler Regelfunktionen bei Hyperthermie<br />

• Vasodilatation (Hautrötung)<br />

• Bei Dysregulation bzw. Dekompensation Hautblässe bis graues<br />

Hautkolorit<br />

– Bewusstseinsstörungen (Delirante Zustände bis Koma)<br />

• Sonnenstich (sun stroke)<br />

– Hirnödem bei lokaler Hyperämie mit erhöhter Permeabilität<br />

Cofaktoren: Hohe Luftfeuchtigkeit und geringe Luftzirkulation, erhöhte<br />

Wärmeproduktion; reduzierte Wärmeabgabe, Alkohol<br />

Bü 2010 34


Hohe Temperaturen - Obduktionsbefunde<br />

• Hyperämie (Zyanose) der Parenchyme<br />

• Mikrohämorrhagien als Zeichen der Kapillarschädigung, akute<br />

degenerative Organschäden<br />

• Gruppenzellnekrosen in Myokard, Leber und Niere<br />

• Purpura (perivasculäre Ringblutungen) bevorzugt im ZNS<br />

• Zeichen des akuten Todes und der hypoxidotischen<br />

Organschädigung)<br />

Bü 2010 35


Hitze - Lokale Schäden (Verbrennung/ Verbrühung)<br />

• Lokale Hitzeschäden (ab 44° C bei langer Einwirkzeit)<br />

– Grad 1: Hautrötung (Erythem)<br />

– Grad 2: Blasenbildung der Epidermis (DD: Fäulnisblase, Lyell-Syndrom,<br />

Holzer'sche Blasen nach Barbituratintoxikation)<br />

– Grad 3: Nekrose durch Hitzekoagulation<br />

– Grad 4: Karbonisation<br />

• Todesursachen (Kinder > 20 % , Erwachsene > 40% der KO)<br />

– Frühstadium: Hypovolämie<br />

– Längeres Überleben: Verbrennungskrankheit mit ihren Sekundärfolgen<br />

• Morphologische Befunde (postmortal)<br />

– Avitale Oberhautzerreißungen<br />

– Fechterstellung durch Muskelschrumpfung<br />

– Brandfrakturen<br />

– Schädelsprengung ggf. mit sog. Brandhämatom (Verkochung)<br />

Bü 2010 36


Hitzeeffekte - Vitalitätsmerkmale<br />

• CO-(seltener CN- u.a. Rauchgas-) -einatmung<br />

(CO-Hb >> 10 Prozent): Toxikologische<br />

Untersuchung erforderlich<br />

• Rußauflagerungen in peripheren<br />

Bronchialaufzweigungen<br />

• Inhalationstrauma (areaktive Nekrosen des<br />

respiratorischen Epithels, toxisches Lungenödem)<br />

• "Krähenfüße" der Augenwinkel<br />

Todesursachenermittlungen bei<br />

karbonisierten Leichen: Kardinalfrage - Vitalität<br />

Bü 2010 37


Unterkühlung - Hypothermie<br />

• Mechanismen der Wärmeabgabe*<br />

– Strahlung (Kern-Schale-Prinzip)<br />

– Konvektion<br />

– Verdunstung<br />

• Stadien der Unterkühlung Mild (36 - 33 0 C)<br />

– Moderate (36-300C) – Severe (32-270C) – Deep (< 300C) Bei rascher unkontrollierter Erwärmung der Körperschale:<br />

death by rescue (!)<br />

Je nach Abkühlungsmodus kann es zur Hypoxie mit<br />

metabolischer Azidose kommen<br />

Bü 2010 38


Unterkühlung - Allgemeine Kälteschäden<br />

• „Richtwerte“ <strong>für</strong> Tod durch Unterkühlung (Variabilität !)<br />

– < 20°C Wasser (Submersion und Immersion )<br />

– < 10°C Luft<br />

• Symptomatik (Variabilität !)<br />

– Bis 32 o C rectal bei subjektivem Kältegefühl: Aufrechterhaltung der<br />

Funktionssysteme, Kompensatorisches Zittern mit Erhöhung des<br />

Grundumsatzes, Bewusstseinsstörungen möglich<br />

– 32-28 o C rectal: Sukzessive Reduktion der Körperfunktionen, ggf. Störungen<br />

des Sinusrhythmus (nach Ausschöpfung der Katecholaminreserven und<br />

Reservoirs an energiereichen Phosphate; auch über den Fettstoffwechsel);<br />

• membrane leakage syndrome<br />

• Hyperkaliämie bei Hyponatriämie<br />

– < 28 o C rectal: Hypoxie ( Rhythmogener Herztod, Lungenödem, Zentraler Tod)<br />

Überwiegend in Kombination mit Alkohol<br />

Paradoxe Verhaltensweisen möglich (hide-and-die-syndrome)<br />

Bü 2010 39


Unterkühlung - Lokale Kälteschäden<br />

• Leichenschau<br />

– Hellrote Totenflecke<br />

– Lokale Schäden<br />

• Grad I: Kälteerythem<br />

• Grad II: Schwellung (Frostbeulen), selten Blasen<br />

• Grad III: Nekrose<br />

– Braunrot-ziegelrote Erythemzonen bevorzugt an Akren, Knie- und<br />

Ellenbogenregion (Zonen geringer Vaskularisation); diagnoseweisend !<br />

• Obduktion (häufig ohne Befund)<br />

– Grobfleckige Magenschleimhauterosionen (Wischniewski'sche Flecke)<br />

– Verfettung der basalen Membranen der Nierentubuli<br />

– Herdförmige muskuläre Einblutungen (M. psoas major; Zwerchfell)<br />

– Akut degenerative Veränderungen und Gruppenzellnekrosen der Leber<br />

– Entspeicherung der Schilddrüse, Blutungen ins Nebennierenmark<br />

– Aceton, Ketokörper<br />

Kälteschäden bevorzugt an Regionen geringer Vaskularisation<br />

Bü 2010 40

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