November 2010 (PDF) - an.schläge

anschlaege.at

November 2010 (PDF) - an.schläge

€ 3,80 (Ö) € 4,80 (D) sfr 9,00

an.schläge l l

das feministische monatsmagazin. november 2010

Christiane Rösinger

Gegen die Vergötzung der Liebe

Das Geschlecht im Körper

Status Quo und Kritik (an) der Gender Medizin

#unibrennt – Bildungsprotest 2.0

Vom besetzten Hörsaal ins Kino

Plus: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen >> Gay Cops >> Transgender Day of Remembrance >>

Wahlwechsel revisited >> Wickelkunst von Judith Scott >> Gender & Disability >> und vieles mehr


Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt

en en en en en en Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt

an an

Frauen Frauen Frauen Frauen

16 16 16 16 16 16 Gewalt Gewalt Gewalt

Frauen Frauen Gewalt Gewalt

FrauenTage 16Tage Tage Tage Tage Tage Tage

Nationalagge

gegen

an

Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt

Frauen

Rechtzeitig zum Nationalfeiertag vor einigen Jahren ruft ein Redakteur des österreichischen

Wochenmagazins NEWS bei mir an: „Wir machen eine Geschichte zur

Beziehung der Österreicher zur Nationalagge. Wir fotograeren Menschen mit

der österreichischen Fahne und holen dazu Statements ein. Dürfen wir Sie auch fotograeren?

Mit der österreichischen Fahne, die sie als Kopftuch tragen? Sie dürfen

auch einige Worte dazu sagen, zu Integration und so. Sie sind doch Migrantin und

Österreicherin, oder? Sie werden in prominentem Umfeld abgebildet: Bundespräsident

Fischer, Hermann Nitsch, Hans Krankl kommen in der Geschichte auch vor...“

Es geht wieder einmal um das Kopftuch. Doch diese Anfrage verwirrt: Geht es um

die Identikation mit dem österreichischen Staat? Geht es um Integration? Ist das

Kopftuch doch kein Hindernis für die Aufnahme in die Liga der österreichischen

Prominenz, wenn es rot-weiß-rot ist? Ist das Symbol für „Rückständigkeit und

Frauenunterdrückung“ nicht mehr so bedrohlich, wenn es aus der österreichischen

Nationalagge geschnitten ist? Und vor allem: Was hat es zu bedeuten, in einer

Gesellschaft, die vehement Entschleierung fordert, ein Angebot zur Verschleierung

zu bekommen? Die Beweggründe des Boulevardjournalismus sind unergründlich.

Kopftuch sells!

Idee, Konzept und Realisierung:

Dummheit tut weh.

Bitte keine blöden Fragen mehr!

PEREGRINA

Bildungs-, Beratungs-

und Therapiezentrum

für Immigrantinnen

MITEINANDER LERNEN

Bildung, Beratung und

Psychotherapie für Frauen,

Kinder und Familien

www.lefoe.at / Tel. 01-58 11 881 www.peregrina.at / Tel. 01-408 61 19 www.miteinlernen.at / Tel. 01-493 16 08

Texte: Gamze Ongan und Deniz Başpınar

Diseño Gráco: Renata Behncke / Colaboración: Claudia Gomez


Politik

06 >>> an.riss politik

an.schläge

08 >>> Kein Hörschutz für Tante Ingrid

In der Liste der anerkannten Berufskrankheiten finden sich Frauen kaum wieder

10 >>> Die Stahlarbeiterin im Kindergarten

Warum Feministinnen in Tschechien als „staatsfeindlich” gelten

12 >>> Cops unter dem Regenbogen

Lesben, Schwule und Transgenders wollen die Polizei reformieren

14 >>> an.riss international

Thema: Gender Medizin

16 >>> Status, quo vadis?

Eine kritische Bestandsaufnahme von Gender Medizin in Österreich

18 >>> Von Frau zu Gender

Die Geschichte der Frauengesundheitsbewegung seit den 1970er Jahren

21 >>> „Frauen-Medizin wäre mir zu wenig gewesen“

Interview: Karin Gutiérrez-Lobos zu den Rahmenbedingungen der Gender Medizin in Wien

Gesellschaft

24 >>> an.riss arbeit wissenschaft

26 >>> Schönheit vergeht?

Wie alternde Frauen mit den herrschenden Schönheitsnormen umgehen

28 >>> Transgender Day of Remembrance

Gemeinsam gegen Transphobie auftreten

29 >>> „Wozu die Hose?“

Interview: Julia Amore spricht über Trans-Aktivismus in Argentinien

Kultur

32 >>> an.riss kultur

34 >>> Berühren verboten!

Judith Scott wickelt mit ihrer Kunst ein

35 >>> Dem Götzen Liebe den Garaus gemacht

Interview: Christiane Rösinger über ihr neues Solo-Album und das „Alleinsein” in der Liebe

Rubriken

an.sage: Offener Brief an den Österr. Medienverband

sprechblase: Sager des Monats

plusminus: Butch & Femme

an.frage: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen

medienmix: It gets better Project, Nisaa FM,

Olympe

an.sprüche: Das Wahlrecht umverteilen

an.lesen: Jutta Jacob u.a., Sabine Altermatt, Gudrun

Ankele, Anke Drygala/Andrea Günter, Monika Helfer,

Lydia Mischkulnig, Gaby Temme/Christine Künzel

an.klang: Bassena Social Club, Anna Zauner-

Pagitsch, Sophie Hassfurther, Leora Vinik,

Magdalena Kožená

an.sehen: #unibrennt – Bildungsprotest 2.0

an.künden: Termine & Tipps

05

06

06

07

15

23

38

41

42

43

Kolumnen

neuland

zeitausgleich

heimspiel

lebenslauf

lesbennest

bonustrack: clara luzia

katzenpost

zappho des monats

09

24

31

33

37

40

43

46


04 l an.schläge November 2010

editorial

impressum

Im Vorfeld zum „Tag der Freien Medien” am 15. Oktober

hat eine Gruppe Freier Medien- und Kulturinitiativen –

darunter auch die an.schläge – einen offenen Brief an den

Österreichischen Medienverband verfasst (vollständiger

Wortlaut siehe auf der gegenüberliegenden Seite). Einer

der Kritikpunkte war die Schieflage im Geschlechterverhältnis

am Veranstaltungspodium – symptomatisch für das

mangelnde Bewusstsein für Genderfragen in der hiesigen

Medienpolitik.

Inzwischen hat der Medienverband öffentlich geantwortet

und meint u.a., „dass eine Mediendefinition vor fachlichem,

nicht vor ideologischem oder weltanschaulichem

Hintergrund erarbeitet werden muss.”

Nun, rein fachlich gesehen müssten die Medien, die

den offenen Brief unterschrieben haben, allesamt bei

komfortablen Einkünften in bestens ausgestatteten

Innenstadtbüros sitzen. Warum wir in der Realität nicht

so erfolgsverwöhnt sind? Weil sich bei uns „Erfolg” eben

doch erst vor „ideologischem Hintergrund” einstellt –

nämlich dann, wenn wir die Gesellschaft, in der wir leben,

verbessert haben. Ja, verbessert, lieber Medienverband,

nicht nur „objektiv und kritisch beschrieben”, wie es in

deiner Antwort heißt.

Als feministisches, linkes Medium hoffen wir, mit dem offenen

Brief zudem einen Schritt in Richtung Repolitisierung

der sog. alternativen Medienszene zu setzen – aber auch

die in den letzten Jahren ins Stocken geratene Vernetzung

unter „kritischen” Medien auf neue Beine zu stellen.

Wir bleiben dran.

an.schläge werden gefördert von:

Feminist Superheroines

Am 25. November 1960 wurden die drei Schwestern

Patria (*1924), Minerva (*1926) und María Teresa

(*1935) Mirabal vom dominikanischen Geheimdienst

im Auftrag des Diktators Rafael Trujillo ermordet. Die

Schwestern – „die Schmetterlinge“ genannt – hatten

zuvor die Untergrund-Widerstandsbewegung „14. Juni“

unterstützt, die für den Sturz Trujillos kämpfte.

1981 wurde ihr Todestag beim ersten Kongress

lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen in

Kolumbien zum Gedenktag für die Opfer von Gewalt

an Frauen ausgerufen. 1999 erklärte die UNO ihn zum

Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen.

Seither findet jährlich die internationale Kampagne

„16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ statt, die bis zum

10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte,

läuft.

Illustration: Lina Walde

Herausgeberinnen und Verlegerinnen: CheckArt, Verein für feministische Medien und Politik. A-1030 Wien, Untere Weißgerberstr. 41, T. 01/920 16 76, e-mail: redaktion@anschlaege.at,

office@anschlaege.at, www.anschlaege.at l Koordinierende Redakteurinnen: Sylvia Köchl, office@anschlaege.at, T.01/920 16 78, Vina Yun, redaktion@anschlaege.at, T. 01/920 16 76

Buchhaltung, Abos: Verena Stern, buchhaltung@anschlaege.at, abo@anschlaege.at l Termine, Tipps: Nadine Kegele, termine@anschlaege.at l Inserate: Michèle Thoma, mi.thoma@chello.at l Redaktion:

Bettina Enzenhofer/be, Andrea Heinz/han, Sylvia Köchl/sylk, Silke Pixner/pix, Fiona Sara Schmidt/fis, Verena Stern/vers, Lea Susemichel/les, Irmi Wutscher/trude, Vina Yun/viyu l

Praktikum: Sanja Nedeljkovic l Texte: Lisa Bolyos, Daphne Ebner, Christiane Erharter, Denice Fredriksson, Ina Freudenschuß, Beate Hammond, Regina Himmelbauer, Sonja Hofmair,

Grit Höppner, Gabi Horak/GaH, Kathrin Ivancsits/kaiv, Mia Kager/miak, Birge Krondorfer, Alice Ludvig, Clara Luzia, Bärbel Mende-Danneberg, Sanja Nedeljkovic/sane, Ana

Petretto, Simone Prenner, Karo Rumpfhuber, Ramona Vogel, Anita Weidhofer/atina l Layoutkonzept & Layout: Lisa Bolyos l Coverfoto: Staatsakt, Collage: Lisa Bolyos l Cartoons & Illustrationen:

Paula Bolyos, Nadine Kappacher, Lisa Max, Bianca Tschaikner, Lina Walde, Zappho l Fotos: an.schläge-Archiv, Rongem Boyo, Chapitó, coop99/AG Doku, Creative Growth Art Center

Oakland/Museum Gugging, Petra Cvebar, ElVira/www.bildergegengewalt.net, Michael Guerrero, Franz Jachim, Sylvia Köchl, Brian Kusler, Michael Lackinger, Annette Pohnert,

Staatsakt, Südwind, Fangor Wojciech, Verena W./www.bildergegengewalt.net, Libertinus Yomango, Vina Yun l Homepage: Mirjam Bromundt, www.anschlaege.at l Druck: H.R.G. Druck-

erei © an.schläge: Titel, Vorspann und Zwischentitel von der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht der Auffassung der Redaktion entsprechen. Kürzungen

vorbehalten. l ISSN 1993-3002


Sehr geehrter Vorstand des Österreichischen Medienverbandes!

Der Österreichische Medienverband hat für morgen, den 15. Oktober 2010,

den „Tag der Freien Medien” ausgerufen – zum zweiten Mal seit seiner

Gründung im Jahr 2008. Zu diesem Anlass finden im Quartier für digitale

Kultur im Wiener Museumsquartier u.a. eine Medienmesse und eine Podiumsdiskussion

zur Stellung der Freien Medien in Österreich statt.

Als Projekte und Initiativen, die im Feld der freien und autonomen Medien-

und Kulturarbeit agieren, haben wir uns gegen eine Teilnahme am „Tag

der Freien Medien” entschieden und möchten Ihnen hiermit die Gründe für

diese Entscheidung kommunizieren.

Wir möchten betonen, dass unsere gemeinsame Stellungnahme unabhängig

von einer Einladung zum „Tag der Freien Medien” erfolgt – einige der unterzeichnenden

Medieninitiativen wurden explizit zur Teilnahme an dieser Veranstaltung

geladen, manche nicht. Unsere Kritik richtet sich allerdings nicht

bloß gegen den Event, sondern vielmehr auf die politischen Verhältnisse, wie

sie gerade am „Tag der Freien Medien” eben nicht zur Sprache kommen.

Die Gründe für unsere Nichtteilnahme am „Tag der Freien Medien” sind:

(1) Das Diskussionspodium ist mit Martin Blumenau/FM4, Medienstaatssekretär

Josef Ostermayer und diepresse.com-Chef Peter Krotky besetzt. Mit

Michaela Wein vom Online-Magazin mokant.at sitzt eine einzige Frau und

Vertreterin eines „Freien Mediums” als Diskutantin am Podium. Neben der –

gelinde gesagt – unausgewogenen „Gender Balance” am Podium stellt sich für

uns insbesondere die Frage, welchen Beitrag die drei erstgenannten Diskutanten

zu einer konstruktiven Debatte über Freie Medienarbeit liefern können.

(2) Fand der erste vom Österreichischen Medienverband organisierte „Tag

der Freien Medien” 2008 noch im fluc und damit in einer Location statt, die

klar im Feld der freien und autonomen Kulturarbeit zu verorten ist, so hat

man sich heuer für das Museumsquartier als Veranstaltungsort entschieden.

Damit sollen Fragen der Freien Medienarbeit ausgerechnet in einem der

„Hot Spots” neoliberal gesteuerter Kreativwirtschaft in Wien verhandelt

werden, was unseres Erachtens einer klaren Positionierung von Freier Medienarbeit

jenseits eines ökonomischen Nützlichkeitsdiskurses entgegenläuft.

(3) Nicht weniger paradox erscheint uns der Umstand, dass Besucher_innen,

die keine schriftliche Voranmeldung vorweisen können, beim „Tag der

Freien Medien” keinen freien Eintritt erhalten. Eine solche Regelung mag

gängige Praxis bei vergleichbaren „Fachmessen” im Museumsquartier oder

anderswo sein – dass den in der Regel auf breite Öffentlichkeit und niederschwelligen

Zugang zielenden Freien Medien mit einer solchen Praxis kein

guter Dienst erwiesen wird, scheint uns aber offensichtlich.

Abgesehen davon drängt sich uns in Zusammenhang mit dem Begriff „Freie

Medien” noch eine weitere, grundsätzlichere Frage auf. Laut Selbstbeschreibung

versteht sich der Österreichische Medienverband nämlich als

Interessenvertretung für Print-Publikationen und elektronische Medien,

die den Fokus ihrer Arbeit auf die Förderung Freier Klein- und Kleinstmedien

gelegt hat. Was dabei jedoch konkret unter „Freie Medien” verstanden

wird, bleibt weitgehend unklar.

In seinem „Working Paper” definiert der Medienverband den Begriff „frei”

als „unabhängig”, und zwar „zwischen inhaltlicher Gestaltung und Finan-

Offener Brief an den Österreichischen Medienverband

anlässlich des Tags der Freien Medien am 15.10.2010

zierung” (siehe http://medienverband.at/wp-content/uploads/miscanellous/

OeMVB_Definition_Freie_Medien.pdf). Eine inhaltliche Dimension des Begriffs

im Sinne eines politischen Selbstverständnisses oder einer politischen

Positionierung sucht man vergebens. So lässt sich nicht einmal ein antidiskriminatorischer

Grundkonsens, wie er etwa in der Charta der Freien Radios

Österreich (http://www.freie-radios.at/article.php?ordner_id=27&id=194)

als Minimalanforderung an Freie Medienarbeit formuliert ist, ausmachen.

Insofern kommt auch der „partizipative Zugang”, wie er im „Working Paper”

als Merkmal Freier Medien beschrieben wird, äußerst schwammig daher

und thematisiert weder gesellschaftliche Ausschlüsse aufgrund von z.B.

Rassismus, Sexismus, Homo-/Transphobie oder „Disability” noch Strategien,

wie eine medienpolitische Partizipation diskriminierter Personengruppen

aussehen könnte.

Dies erstaunt nicht nur angesichts des insgesamt kritikwürdigen Zustands

der österreichischen Medienlandschaft, sondern auch und vor allem angesichts

der zunehmend nach rechts rückenden politischen Verhältnisse, wie

sie schon seit längerem (nicht bloß) in Österreich zu beobachten sind.

Unserem Selbstverständnis nach muss der Begriff „Freie Medien” deshalb

wesentlich darauf abzielen, Raum für gesellschaftskritische Diskurse herzustellen

und damit eine Plattform für linke, emanzipatorische Positionen

– insbesondere jene von Migrant_innen – anbieten. Freie Medien rücken

also solche Perspektiven in den Mittelpunkt, die von den bürgerlichen Medien

wenig oder gar nicht berücksichtigt werden und der vermeintlichen

„Professionalität”, „Objektivität” und dem, was „berichtenswert” sei, entgegenstehen.

Nicht zuletzt fehlt aus unserer Sicht eine differenzierte wie kritische Auseinandersetzung,

was die langfristigen Zukunftsperspektiven Freier Medienarbeit

betrifft, etwa hinsichtlich der Frage der fortschreitenden prekären

Arbeits- und Existenzbedingungen, den Überlebenschancen nicht-kommerzieller

Medien, der Subventionslage und Anerkennung migrantischer Medien

u.ä.

Mit unserer Kritik möchten wir Impulse für eine medienpolitische Debatte

setzen, die Freie Medien nicht als „alternative Produkte”, sondern als Artikulations-

und Interventionsplattform begreift, die gegen den herrschenden

gesellschaftlichen Konsens antritt.

Gezeichnet (in alphabetischer Reihenfolge):

Annegang – Magazin zur Überwindung der inneren Sicherheit,

www.annegang.org

an.schläge – Das feministische Monatsmagazin, www.anschlaege.at

fiber – werkstoff für feminismus und popkultur, www.fibrig.net

grundrisse – zeitschrift für linke theorie & debatte, www.grundrisse.net

IG Kultur Österreich, www.igkultur.at

Kulturrat Österreich, www.kulturrat.at

Kulturrisse – Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik,

www.kulturrisse.at

MALMOE, www.malmoe.org

migrazine.at – Online Magazin von Migrantinnen für alle, http://migrazine.at

Wien, 14. Oktober 2010

an.sage

November 2010 an.schläge l 05


an.riss politik

Verena W. / www.bildergegengewalt.net

Peregrina – Bildungs-, Beratungs- und Therapiezentrum für Immigrantinnen,

06 l an.schläge November 2010

gegen gewalt

Demo-Aufruf

Im Rahmen der „16 Tage gegen

Gewalt an Frauen” (siehe

an.frage, S. 7), die von 25.

November bis 10. Dezember

stattfinden, ist zum Auftakt eine

FrauenLesbenMädchen-Demo

geplant. Die Vorbereitungs- und

Vernetzungstreffen im Autonomen

FrauenLesbenMädchenZentrum

haben bereits begonnen, engagierte

Frauen sind jederzeit willkommen

und melden sich unter lesbenfrauennachrichten@gmx.at.

trude

Autonomes FrauenLesbenMädchenZentrum, 1090 Wien, Währingerstraße 59/Stiege 6 (2. Stock)

Kommende Termine der Vernetzungstreffen: 11.11., 19.11., 22.11.

peregrina

Klappe auf!

Seit 26 Jahren berät und unterstützt der Verein Peregrina Migrantinnen

bei sozialen und psychologischen Problemen. Jetzt wurde dieses Engagement

mit dem Alexander-Friedmann-Preis des Psychosozialen Zentrums

ESRA gewürdigt, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Wir gratulieren!

Aktuell beteiligt sich Peregrina an der Aktion „16 Tage gegen Gewalt

an Frauen”. Gemeinsam mit mehreren anderen NGOs, die das Projekt

„Klappe auf!” gegründet haben, wurde ein Videoclip gestaltet, der vom

25.11. bis 10.12. auf www.diestandard.at zu sehen sein wird. Unter dem

Motto „Dummheit tut weh! Bitte keine blöden Fragen mehr!” setzt sich

das Video mit institutionalisierter Diskriminierung und diskursiver Gewalt

gegen Migrantinnen auseinander. trude/sylk

Währingerstraße 59, 1090 Wien, www.peregrina.at, www.esra.at

„Für uns

Christen ist

das eine moralische

Frage“

Finnland hat ein Problem: die Evangelisch-

Lutherische Kirche. Seitdem der Bischof

von Tampere und die Vorsitzende der finnischen

Christdemokraten, Päivi Räsänen, in

einer TV-Diskussion homosexuelle Beziehungen

öffentlich verurteilten, traten innerhalb

einer Woche rund 20.000 Menschen aus

der Kirche aus – per Mausklick. Seit 2003

ist im High-Tech verliebten Finnland der

Kirchenaustritt nämlich unterschriftenlos

via Online-Formular möglich. Man möchte

sagen: vorbildlich. viyu

À la butch (+)

menschenrechte

NGO-Bericht für Österreich

Ab Jänner 2011 unterzieht sich Österreich erstmals der „Universellen

Menschenrechtsprüfung”, mit der die Menschenrechtssituation in den

192 UN-Mitgliedsländern verbessert werden soll. Mitte Oktober übergab

die österreichische Bundesregierung der UNO ihren Staatenbericht zur

Situation der Menschenrechte im Land. Anhand der Staatenberichte

wird alle vier Jahre (seit 2008) vom UN-Menschenrechtsrat in Genf die

Implementierung von Menschenrechtsverpflichtungen in den Mitgliedsstaaten

geprüft.

Zeitgleich zum Bericht der Bundesregierung haben österreichische NGOs

ihre Einschätzung der Wahrung von Menschenrechten in Österreich an

die UNO übermittelt, seit Ende Oktober liegt dieser Parallelbericht vor.

Der Verein ZARA, der auch den jährlichen Rassismus-Report für Österreich

herausgibt, dokumentiert in seinem Schattenbericht „eine mangelhafte

Anti-Diskriminierungsgesetzgebung und den fehlenden politischen

Willen, Rassismus als alltägliches Phänomen anzuerkennen und zu

bekämpfen” und möchte diese Tatsachen von der UNO untersucht wissen.

ZARA ortet in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen Probleme:

beim Aufenthalts- und Wahlrecht, bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und

Wohnungen, beim Zugang zu Bildung – also alles Bereiche, in denen Rassismus

die gesellschaftliche Beteiligung verhindert. Arbeitsplätze oder

Wohnungen würden immer wieder offen mit Verweis auf die Hautfarbe

oder die Bekleidung (Kopftuch) verweigert. Es müsse die ganze „Menschenrechts-Infrastruktur”

verbessert werden. sylk/viyu

www.menschenrechte-jetzt.at/universelle-menschenrechtsprufung, zara.or.at

sexarbeit

Prostitutionsgesetz für Oberösterreich

In Oberösterreich ist die Landesregierung bemüht, die bisherigen Regelungen

zur Sexarbeit durch ein einheitliches und verpflichtendes Prostitutionsgesetz

zu ersetzen. Dem Verein maiz sowie aktiven und ehemaligen

plus

Es muss nicht immer Langhaar und Lipstick

sein: Bulldaggers, Tomboys, Drag Kings,

Butches, Gender Queers und Dapper Dykes

dominierten den Laufsteg der Fashion-Show,

die Mitte Oktober in Los Angeles stattfand.

Mit dem Event wurde die Jahreskonferenz

der Grassroots-Organisation „BUTCH

Voices” (www.butchvoices.com) eingeläutet,

die die ganze Bandbreite von „womanidentified

Butches” über „trans-masculine

Studs” bis hin zu „faggot-identified Aggressives”

feiert. Wann bloß wird Wien endlich

L.A. werden? viyu

À la femme (+)

Am 6. und 7. November wird in Hamburg

queere Feminität im Theorie und

Praxis erkundet: Der Workshop „Exploring

Femmeness”, organisiert von der AG Queer

Studies in Kooperation mit dem Zentrum

GenderWissen, widmet sich Politiken, Begehren,

Strategien und Skills à la Femme.

Angesprochen sind alle, die selbst queere,

lesbische, bisexuelle und schwule Feminitäten

verkörpern bzw. sich mit den eigenen

Aspekten von Femmeness auseinandersetzen

möchten. Anmeldung und Infos unter

femmeworkshop@gmx.de. viyu


SexarbeiterInnen liegt der Entwurf vor, in einem offenen Brief an die

Oberösterreichische Landesregierung haben sie dazu Stellung genommen.

Im Allgemeinen wird das Gesetzesvorhaben von den SexarbeiterInnen

zwar begrüßt, in einigen Punkten jedoch auch beanstandet. Der Hauptkritikpunkt

lautet, dass es bei dem Gesetz vorrangig um Beschränkung und

Kontrolle, nicht aber um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die

in der Prostitution Tätigen geht. Denn es lässt den Gemeinden und der Polizei

einen großen Handlungsspielraum, und für SexarbeiterInnen gibt es

eine Reihe an Pflichten, es fehlen aber positiv formulierte Rechte. Dies,

so heißt es in dem offenen Brief, mache erneut deutlich, dass Sexarbeit

nicht erwünscht ist und als gesellschaftliche Realität negiert wird. trude

Stellungnahme unter www.maiz.at

mindestsicherung

Bettengebühr

Ab November sollen Obdachlose, die Mindestsicherung erhalten und eine

Notschlafstelle länger als zwei Monate beanspruchen, einen „symbolischen

Beitrag” von vier Euro pro Nacht bezahlen. Das gilt für Unterkünfte,

die vom Fonds Soziales Wien geführt werden. Ehrenamtlich betriebene

Notschlafstellen können die Bedingungen für die Übernachtung weiter

selbst festlegen. Grund für die Neuregelung ist, dass mit der bedarfsorientierten

Mindestsicherung, die 744 Euro pro Monat beträgt, auch 186

Euro Wohnkostenanteil ausbezahlt werden.

SozialarbeiterInnen und Obdachloseneinrichtungen haben sich deshalb

zur Initiative für kostenlose Notschlafstellen (INKONO) zusammengeschlossen.

Sie kritisieren die Einführung der Gebühr massiv, v.a. da

dadurch mehr Menschen auf der Straße schlafen würden. Die Notschlafstellen

seien außerdem nicht mit einem Wohnplatz gleichzusetzen, denn

sie können erst ab 17 Uhr bezogen und müssen am nächsten Morgen

wieder verlassen werden. Hinzu kommt, dass der Wohnkostenanteil von

der Stadt ausbezahlt und durch die Gebühr wieder eingehoben wird, was

nur sinnlosen Verwaltungsaufwand mit sich bringt. Die Alternative wäre,

den Anteil ohne die Auflage auszuzahlen, dass er nur für Wohnkosten

verwendet werden darf. Damit bliebe die Autonomie der Obdachlosen gewahrt,

das Geld so einzusetzen, wie sie es möchten, um mit dem zusätzlichen

Anteil z.B. Schulden zu bezahlen. trude

fm4.orf.at/stories/1664862, https://wohnungslos.wordpress.com

abtreibungsgegnerInnen

Dämonen auf der Jugendmesse

Bei der Berliner Jugendmesse YOU, die dieses Jahr von 1. bis 3. Oktober

stattfand, haben fundamental-christliche AbtreibungsgegnerInnen einen

Stand zur Verfügung gestellt bekommen. Fraueneinrichtungen, darunter

Pro Choice Berlin, protestierten im Vorfeld mit einem offenen Brief

gegen die Standvergabe: Die Vereine ALfA (Aktion Lebensrecht für

Alle) und Kaleb (Kooperative Arbeit Leben ehrfürchtig bewahren) böten

keine Aufklärung über Sexualität und Verhütung, sondern dämonisierten

lediglich Abtreibungen. Dies sei problematisch, da „Jugendliche die

Anbieter der Messe als Autorität wahrnehmen und oft nicht in der Lage

sind, deren Informationen zu überprüfen”. trude

http://europeanprochoicenetwork.wordpress.com

Die Fahne hissen

Jedes Jahr findet von 25. November bis 10. Dezember die internationale

Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen” statt. Seit

1992 beteiligt sich der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser

(AÖF) an der Aktion, die vom Centre for Women’s Global

Leadership ins Leben gerufen wurde. Sanja Nedeljkovic befragte

Felice Drott von AÖF zur Entwicklung der Kampagne.

Die „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ finden in Österreich nun

zum 19. Mal statt – erheblich häufiger als in anderen europäischen

Ländern. Wie kommt es dazu?

Vergleichen wir Österreichs Situation mit anderen europäischen

Ländern, dann ist es sicherlich eine Frage der den Fraueneinrichtungen

zur Verfügung stehenden Ressourcen. Spürbar größer

ist die Beteiligung an der Kampagne in jenen Ländern, die bspw.

über nationale Dachorganisationen der Frauenhäuser und Beratungsstellen

verfügen. Ist die Finanzierung der Frauenhäuser und

Beratungsstellen nicht gesichert, ist es schwierig, eine kontinuierliche

Kampagne durchzuführen.

Welche sichtbaren Veränderungen können Sie seit der ersten

Aktion erkennen?

Es freut uns zu sehen, dass die Kampagne mittlerweile in ganz

Österreich bekannt ist. Vor allem die 2001 von TERRE DES

FEMMES entwickelte Fahnenaktion „Frei leben ohne Gewalt”

hat sich mit unserer kontinuierlichen Lobbyarbeit immer mehr

verselbstständigt. Mittlerweile beteiligen sich viele NGOs, Universitäten,

Schulen, diverse Institutionen sowie mehrere Ministerien und

hissen jährlich die Fahne.

Wie sieht eine feministische Öffentlichkeitsarbeit zum Thema

Gewalt aus?

Das kommt darauf an. Noch vor 20 Jahren z.B. war es notwendig,

überhaupt auf die Thematik aufmerksam zu machen. Die Parteinahme

für Frauen und die Schaffung bzw. Finanzierungssicherung

adäquater Versorgungsstrukturen wie Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen,

Notrufe etc. standen früher im Mittelpunkt unserer

Arbeit. Heute geht es darüber hinaus auch vermehrt um strukturell

verankerte Bewusstseinbildung und Prävention.

Obwohl sich Institutionen immer wieder für Präventionsmaßnahmen

aussprechen, bleiben viele Versprechungen bloßes Lippenbekenntnis.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Wir wünschen uns eine strukturelle Verankerung von Gewaltprävention

im Bildungsbereich. Diese sollte vom Kindergarten bis in

die Universitäten reichen und – entsprechend aufbereitet –

verpflichtend in die Lehrpläne aufgenommen werden. Dringend

nötig ist aus unserer Sicht eine flächendeckende Bewusstseins-

Kampagne in allen Schulen sowie eine begleitende Aus- und Fortbildung

für Pädagog_innen.

Weitere Infos unter: www.aoef.at

an.frage

November 2010 an.schläge l 07


arbeitsschutz

Kein Hörschutz

für Tante Ingrid

08 l an.schläge November 2010

In der Liste der anerkannten Berufskrankheiten

finden sich Frauen kaum wieder.

Kreuzweh darf der Presslufthammer verursachen,

aber nicht das Heben von Patient_innen.

Eine Überarbeitung der Kriterien ist überfällig.

Von Gabi Horak

Vier Kinder hämmern auf Holzinstrumente,

zwei Mädchen streiten lauthals

um ein Lastauto, drei andere spielen

Nachlaufen. Lärmpegel: über 80 Dezibel.

Bei Arbeitsplätzen in der Industrie

ist da bereits ein Hörschutz vorgeschrieben,

weil 85dB das Gehör nachweislich

schädigen. Im Kindergarten lächeln die

„Tanten” und werden nachmittags beim

Einkaufen be-lächelt: „Kindergärtnerin

bist du, das ist ja süß.” Die harten

Arbeitsbedingungen der Kleinkindpädagoginnen

und -pädagogen werden aber

nicht nur von der Allgemeinheit unterschätzt,

sondern auch vom Gesetzgeber.

Kaputter Rücken. „Das Berufsleben

macht auch Frauen krank, doch bei den

typischen Frauenbranchen wird einfach

weggeschaut”, kritisiert die Grüne

Frauensprecherin Judith Schwentner. Sie

hat Anfang Oktober (nach 2009 bereits

zum zweiten Mal) im parlamentarischen

Sozialausschuss einen Antrag gestellt, die

Liste der 53 Berufskrankheiten zu überarbeiten.

Denn Frauen hätten es deutlich

schwerer, Berufskrankheiten geltend zu

machen, weil die derzeit anerkannten

Berufskrankheiten deutlich auf männerdominierte

Branchen zugeschnitten sind.

Ein Wirbelsäulenschaden etwa ist nur

dann anzuerkennen, wenn er durch

„Erschütterungen bei der Arbeit mit

Pressluftwerkzeugen und gleichartig

wirkenden Werkzeugen und Maschinen”

hervorgerufen wurde. Körperliche

Schwerstarbeit wie im frauendominierten

Bereich der Pflege kommt in

diesem Kriterienkatalog schlichtweg

nicht vor.

Dabei liegt der Zusammenhang zwischen

kaputtem Rücken und Pflege-

berufen auf der Hand. Im Bericht des

Wiener WHO-Modellprojektes „Gesundheit

und Krankenhaus” von 1995

hieß es (mit Verweis auf zahlreiche

Sekundärliteratur): „Für Angehörige

der Gesundheitsdienste sind Rückenbeschwerden

eine typische Berufskrankheit.”

Und in anderen Ländern, in denen

Erkrankungen des Muskel-Skelett-

Apparats als Berufskrankheit anerkannt

sind, liegt der Frauenanteil bereits bei

45 Prozent.

Eine Erhebung der deutschen Bundesanstalt

für Arbeitsschutz und

Arbeitsmedizin hat ergeben, dass sich

der Pflegeberuf durch psychische und

besondere körperliche Belastungen

auszeichnet. Für zwei von drei Pflegenden

gehört das Heben schwerer

Lasten zum Berufsalltag. Im Baugewerbe

muss nur jeder Zweite häufig

schwer heben.

Lärmschäden Nr. 1. Hier liegt es also

eindeutig an der Politik, zu handeln und

das Gesetz endlich an den Berufsalltag

anzupassen. Die Liste der Berufskrankheiten

ist dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz

(ASVG) angehängt.

Formal zuständig für die Überarbeitung

wäre das Gesundheitsministerium.

Dem jährlichen Tätigkeitsbericht der

Arbeitsinspektion ist zu entnehmen,

wie oft und bei wem verschiedene

Berufskrankheiten anerkannt wurden.

Die Nichtanerkennung einer Berufskrankheit

hat ganz konkrete Folgen für die Betroffenen:

So fallen sie etwa um die Versehrtenrente um,

und die Kosten einer Rehabilitation werden

nicht übernommen.

Für das Jahr 2009 entfielen dabei nur

16 Prozent der Anerkennungen auf

Frauen – hauptsächlich Hauterkrankungen,

etwa bei Friseurinnen. Durch

Lärm verursachte Schwerhörigkeit ist

die insgesamt häufigste Berufskrankheit,

der Frauenanteil liegt hier bei

zwei Prozent. Diese niedrige Zahl – so

die Mutmaßung im Entschließungsantrag

der Grünen – kommt u.a. dadurch


zustande, dass Frauen auch weitaus

seltener auf Lärmschäden untersucht

werden. Denn immerhin geht es auch

in frauendominierten Branchen wie in

der Textil- und Nahrungsmittelindustrie,

an pädagogischen Arbeitsplätzen oder

in der Gastronomie sehr laut zu. „Es

braucht dringend eine bessere Überprüfung

der Arbeitsbedingungen in frauendominierten

Branchen”, fordert Judith

Schwentner. „Denn Berufskrankheiten

werden u.a. auch im Zuge von Untersuchungen

am Arbeitsplatz entdeckt.”

Eine weitere Lücke in der Liste der

Berufskrankheiten sind psychische

Krankheiten. Die Zahl der Krankenstände

wegen psychiatrischer Leiden

hat sich in Österreich seit den 1990er

Jahren mehr als verdoppelt. Bei Frauen

sind psychische Erkrankungen bereits

der Hauptgrund für eine krankheitsbedingte

Frühpension.

Schon wieder vertagt. Die Nichtanerkennung

einer Berufskrankheit hat ganz

konkrete Folgen für die Betroffenen: So

fallen sie etwa um die Versehrtenrente

um, und die Kosten einer Rehabilitation

werden nicht übernommen.

Der Frauenanteil bei den anerkannten

Berufskrankheiten lag in den 1990er

Jahren bei rund 30 Prozent, heute bei

16 Prozent. Es ist für Frauen in den

letzten Jahren also sogar schwerer geworden,

ihre Krankheiten als berufsbedingt

anerkannt zu bekommen.

Doch nicht nur eine grundsätzliche,

geschlechtergerechte Überarbeitung

der Berufskrankheiten wäre nötig, auch

die Prävention und arbeitsmedizinische

Untersuchungen sollten – gerade in

frauendominierten Branchen – verstärkt

werden. Und nicht zuletzt sollten Frauen

in Entscheidungen über Sicherheit

und Gesundheit am Arbeitsplatz stärker

einbezogen werden. So bedauerten die

Grünen im Sozialausschuss, dass nur

wenige Frauen in der Arbeitsinspektion

arbeiten würden. Sozialminister

Hundstorfer erwiderte laut Ausschuss-

Protokoll, er hätte gerne mehr

weibliches Personal in der Arbeitsinspektion,

„allerdings sei eine entsprechende

technische Grundausbildung

erforderlich”.

Wie schon 2009 wurde der Antrag im

Sozialausschuss auch in diesem Jahr im

Oktober vertagt – „unter einem völlig

fadenscheinigen Argument”, wie An-

tragstellerin Schwentner feststellt. „Die

ÖVP meinte, dafür sei der Gesundheitsausschuss

zuständig, und ich solle den

Antrag dort einbringen.” Nötig wäre

diese formale Verrenkung nicht, denn

auch der Sozialausschuss kann jederzeit

den Gesundheitsminister einladen. Dass

eine Überarbeitung des Berufskrankheiten-Katalogs

grundsätzlich angebracht

sei, darüber herrschte im Ausschuss

jedoch bei allen Parteien Konsens.

Schwentner: „Alle sind sich einig, dass

aufgrund der veränderten Gegebenheiten

in der Arbeitswelt eine Anpassung

der Berufskrankheiten dringend nötig

ist. Es ist allerdings beschämend, dass

die Regierung hier auf Kosten der Frauen

untätig bleibt.”

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek

wollte sich auf Anfrage der an.schläge

nicht darauf festlegen, die grüne Forderung

nach Überarbeitung der Liste

der Berufskrankheiten zu unterstützen.

Auch wenn sie durchaus Handlungsbedarf

sieht: „Um konkret Berufskrankheiten

vorbeugen zu können, braucht

es vor allem eine gute betriebliche Gesundheitsförderung.

Prävention ist der

entscheidende Faktor.” Außerdem verweist

Heinisch-Hosek auf den Kontext

der „Doppel- und Dreifachbelastung”,

weshalb auch an einigen andere Rädern

zu drehen wäre, um Frauengesundheit

zu verbessern. „Auch Änderungen der

Organisation der Arbeit selbst, z.B. bei

der Arbeitszeit, sind in Hinblick auf eine

Verbesserung der Work-Life-Balance

zu überlegen. Aber wir müssen vor

allem mehr Kinderbetreuungsplätze zur

Verfügung stellen und die Väterkarenz

ausbauen.”

Pädagog_innen werden auch weiterhin

ohne Hörschutz ihren Dienst verrichten

und Pflegepersonal Tag und Nacht

Schwerarbeit leisten. Dass traditionelle

Frauenberufe weiterhin Niedriglohn-

Branchen mit gesundheitsschädigenden

Arbeitsbedingungen, die noch dazu nicht

als solche anerkannt werden, bleiben,

ist kein Naturgesetz. Nachdem alle

Wahlen geschlagen sind, könnten die

Regierungsparteien die Aufmerksamkeit

auf einige rechtliche Baustellen

richten. Geschlechtergerechte Arbeitsbedingungen

stehen ganz oben auf der

Liste. l

neuland

entdeckungen im alltag

Beate Hammond

Grace Kellys Enkel

Die stets so konservativ wirkende Grace Kelly war in

vieler Hinsicht ihrer Zeit voraus. Sie hatte Liebhaber,

vor und nach ihrer Hochzeit. Sie fand an Homosexualität

nichts Verwerfliches – schier unglaublich im miefigen

Amerika der 1950er Jahre. Und sie setzte symbolische

Handlungen gegen Rassismus. Als die schwarze Sängerin

und Tänzerin Josephine Baker im mondänen New Yorker

„Stork Club” nicht bedient wurde, verließ sie diesen aus

Protest gemeinsam mit ihren Freunden. Später, als sie

ganz konventionell einen Fürsten geheiratet und sich aus

ihrem Beruf zurückgezogen hatte, stellte die nunmehrige

Fürstin von Monaco Josephine Baker eine Villa zur

Verfügung, da diese knapp bei Kasse war.

Nun könnte sie die Großmutter des ersten Fürsten von

Monaco mit sichtbarer afrikanischer Herkunft werden,

denn der bisher einzige Sohn ihres Sohnes Albert ist ein

gewisser Alexandre Coste, das Ergebnis einer Beziehung

mit einer togoischen Flugbegleiterin. Fürst Albert von

Monaco hat die Vaterschaft im Juli 2005 anerkannt, kurz

bevor er selbst die Nachfolge seines verstorbenen Vaters

Rainier antrat. Artikel 10 der Verfassung von Monaco

sieht zwar vor, dass nur „legitime” Nachfahren des

Monarchen für die Thronfolge in Frage kommen – nur

macht das französische Zivilgesetz keinen Unterschied

zwischen ehelichen und unehelichen Kindern. Notfalls

könnte Alexandre vor den Europäischen Gerichtshof

für Menschenrechte ziehen, allerdings wurde hier ein

britischer Antrag, die Thronfolge zu ändern, schon einmal

mit dem Hinweis abgeschmettert, dass Thronfolge kein

Menschenrecht sei.

Die patrilineare Primogenitur, also der Übergang der

Thronfolge auf den erstgeborenen ehelichen Sohn, ist in

den meisten Monarchien der Welt nach wie vor Gesetz.

In Schweden allerdings geht seit 1980 die Thronfolge auf

das erstgeborene Kind, egal ob männlich oder weiblich,

über. Dies geschah übrigens per Parlamentsbeschluss und

gegen den Willen der königlichen Familie. Mal sehen,

was nun in Monaco passiert.

Beate Hammond macht ihre Entdeckungen in Wien.

November 2010 an.schläge l 09


postsozialismus

10 l an.schläge November 2010

Die Stahlarbeiterin

im Kindergarten

Im Kommunismus emanzipiert,

im Kapitalismus degradiert?

Ramona Vogel wirft einen

Blick auf die aktuelle Gleichstellungspolitik

in Tschechien

und den ambivalenten Umgang

mit den Geschlechterbildern

der realsozialistischen Vergangenheit.

Auf die Revolution von 1989 ist man in

Tschechien zurecht stolz: Männer wie

Frauen wehrten sich gleichermaßen

gegen das repressive realsozialistische

System und seine verkrusteten Strukturen

– mit Erfolg. Ende gut, alles gut?

Die GewinnerInnen von Revolutionen

sind selten deren VorkämpferInnen, und

in Tschechien haben die Frauen klar

verloren.

Betrachtet man die Arbeitsmarktdaten,

stehen die tschechischen Frauen glänzend

da: In kaum einem anderen Land

der Welt arbeitet ein so hoher Anteil an

Frauen in Vollzeit wie hier. Nur vier bis

fünf Prozent der Frauen in Tschechien

bleiben zu Hause. Allein dies schon

als Zeichen für Gleichberechtigung zu

interpretieren, wäre allerdings falsch:

„In Tschechien ist das Familienmodell

auf zwei Verdiener ausgelegt”, erklärt

Alena Krˇížková, Leiterin der Abteilung

für Gender-Forschung an der Akademie

der Wissenschaften in Prag, der

einzigen Forschungsstelle dieser Art im

ganzen Land.

Der Durchschnittslohn beträgt in Tschechien

rund 950 Euro – und dies bei mit

Österreich und Deutschland vergleich-

baren Lebenshaltungskosten. Zusätzlich

ergaben Erhebungen des Europäischen

Statistikamtes, dass tschechische Frauen

über 25 Prozent weniger verdienen

als ihre männlichen Kollegen. In den

Managementpositionen gehen Schätzungen

von bis zu 40 Prozent Lohnunterschied

aus. Allerdings muss man

die Größenordnung der Einkommensunterschiede

relativieren: So geht die

Schere bei den 25- bis 37-Jährigen am

weitesten auseinander – also in jener

Altersgruppe, in der es am häufigsten zu

Arbeitsunterbrechungen aufgrund von

Schwangerschaften kommt. Rechnet

man all diese Faktoren aus der Statistik

heraus, bleibt ein Einkommensunterschied

von rund zehn Prozent, der somit

im europäischen Benachteiligungsdurchschnitt

liegt.

Mehrfachbelastungen. Obwohl die

Arbeitszeiten von Frauen und Männern

ungefähr gleich lang sind, sind

die privaten Verhältnisse innerhalb

von (Ehe-) Partnerschaften klar

getrennt. Laut einer Untersuchung der

deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung

verbringen Frauen in Tschechien im

Fangor Wojciech: Figures/Postaci, 1950. Museum of Art in Łód´z

Durchschnitt 21 Stunden pro Woche

mit Hausarbeit, Männer aber nur rund

fünf Stunden.

Unterstützt wird dies durch die

schwierige Vereinbarkeit von Beruf

und Familie. Jungen Müttern stehen in

Tschechien drei verschiedene Modelle

zur Wahl: Sie können zwei, drei

oder vier Jahre zu Hause bleiben und

erhalten einen ihrem Gehalt annähernd

entsprechenden Lohnausgleich. Pavla

Špondrová, Gleichstellungsbeauftragte

der tschechischen Regierung, kritisiert

dieses Modell: „In keinem anderen

europäischen Land gibt es derart lange

Erziehungszeiten. Das ist sehr schlecht

für die Frauen, denn nach diesen vier

Jahren haben sie den Bezug zur Arbeit

verloren. Wenn sie ihren Job überhaupt

noch haben, müssen sie quasi bei fast

Null anfangen.”

Staatliche Kinderkrippen, die Kinder ab

zwei Jahren aufnehmen, sind in Tschechien

rar. Der Bedarf sei nicht gegeben,

argumentiert die Regierung.

Emanzipiert = staatsfeindlich. Noch

deutlicher wird das Bild anhand der

Ergebnisse einer europaweiten Erhe-


ung, die die Einstellung zu Geschlechterrollen

analysiert. Über die Hälfte

der befragten TschechInnen stimmten

Aussagen zu wie: „Der Mann sollte

das Geld verdienen, die Frau sollte sich

um den Haushalt kümmern.” Damit

liegt Tschechien europaweit an der

Spitze. „In anderen Bereichen sind die

TschechInnen hingegen sehr liberal”,

resümiert Pavla Špondrová, „so sind

viele mit der Gleichberechtigung von

gleichgeschlechtlichen Partnerschaften

einverstanden.”

Emanzipationsbemühungen stoßen in

Tschechien nicht nur auf das übliche

patriarchalische Ablehnungsmuster

– sie werden gleichsam mit Staatsfeindlichkeit

und Rückwärtsgewandtheit

identifiziert. „Emanzipierte

Frauen werden mit Kommunisten

gleichgestellt” und würden in der

tschechischen Gesellschaft vollkommen

diskreditiert, darin stimmen

Alena Krˇížková und Pavla Špondrová

überein.

Der Kommunismus formulierte schon

zur Zeit seiner Entstehung das Ziel

der Gleichberechtigung von Mann und

Frau. In der Tschechoslowakei der

1950er Jahre wurde die Emanzipation

der Frau jedoch von der sowjetischen

Besatzung als zentrales Element der

kommunistischen Staatsdoktrin ausgegeben.

Ob der Staat dann auch auf der

Grundlage dieser hehren Grundsätze

handelte, sei dahingestellt. Tatsache

ist, dass bei der niedrigen Produktivität

nicht auf die Hälfte der arbeitsfähigen

Bevölkerung verzichtet werden

konnte. Mehr noch: Frauen wurden

nicht nur als dringend benötigte Produktionsfaktoren

auf den Arbeitsmarkt

geholt, sondern gezielt gefördert. Dabei

erkannte man, dass ein entscheidender

Faktor der Benachteiligung

der Frauen ihre eigene Berufswahl

war – ein Erkenntnismoment, der 50

Jahre später fast in Vergessenheit

geraten scheint.

Recht auf Arbeit. Wie auch in anderen

Ländern werden die weniger gut verdienenden

und gesellschaftlich geschätzten

Tätigkeiten wie Erziehungsarbeit im

Kindergarten und in der Grundschule

fast vollständig von Frauen ausgeübt.

Sobald das Ansehen und der Verdienst

steigen, nimmt die Zahl der Männer zu,

und in den höchsten Positionen kehrt

sich das Verhältnis dann fast vollständig

um. Mittels Propaganda versuchten

die KommunistInnen, dieses Rollenbild

aufzubrechen. So wurden etwa in den

damaligen Kinderbüchern Frauen als

Stahlarbeiterinnen, Chemikerinnen oder

Ärztinnen gefeiert.

Die Zahl der in klassischen Männerberufen

arbeitenden Frauen war während

des Realsozialismus wesentlich höher

Emanzipationsbemühungen stoßen in

Tschechien nicht nur auf das übliche

patriarchalische Ablehnungsmuster – sie

werden gleichsam mit Staatsfeindlichkeit

und Rückwärtsgewandtheit identifiziert.

als heute und wurde explizit unterstützt.

Frauen, die in typischen Männerberufen

arbeiteten, galten als Symbole der

Überlegenheit des kommunistischen

Regimes gegenüber dem Westen. „Dies

hat sich im Bewusstsein der Menschen

hier in Tschechien verankert.

Die Gleichstellung der Frauen ist ein

Thema, das man unmittelbar verbindet

mit dem alten, ungewollten Regime”,

sagt Alena Krˇížková. „Dies führt nun

zu einer Ablehnung des Themas, und es

wird sogar mit Revanchismus gleichgesetzt.”

Und das sowohl von Männern als auch

von Frauen. Denn im Gegensatz zu

den kapitalistischen Ländern mussten

tschechische Frauen das Recht,

arbeiten zu gehen, nicht erst erkämpfen

– sie wurden von Staats wegen dazu

verpflichtet. Hinzu kommt, dass die

Regierung, die diese Schritte einleitete,

von der Bevölkerung des Landes immer

als „Besatzer” begriffen wurde.

Links ausgeschlossen. Alles, was in

Tschechien auch nur den Anschein von

linken Denkmustern erweckt, wird

gesellschaftlich unterminiert. So wurde

Ende September dieses Jahres die

Soziologin Tereza Stöckelová unter

großem Aufsehen vom renommierten

deutsch-tschechischen Gesprächsforum

ausgeschlossen. Als Begründung wurde

ihr Engagement in einer NGO genannt,

die sich zum linken Spektrum bekennt.

In den tschechischen Medien fand sich

dies, wenn überhaupt, als Randnotiz

wieder.

Auch Jana Kavková, Vorsitzende der

außerparlamentarischen Vereinigung

„Pro50Prozent”, die sich für eine Frauenquote

in der Politik einsetzt, kennt

diese Vorurteile: „Man wird immer

wieder mit diesen Vorwürfen abgekanzelt.

Alles, was auch nur im Verdacht

steht, mit dem alten Regime zu tun zu

haben, trifft auf Ablehnung.” Selbst

wenn es sich um Projekte handelt, die

von der Regierung selbst ausgehen. So

wurde vor einigen Jahren eine eher

harmlose Broschüre in Schulen verteilt,

die über politisch korrekte Formulierungen

aufklären sollte. „Das Medienecho

war enorm. Die Broschüre wurde derart

hart sowohl von den Politikern als auch

von den Medien attackiert, dass wir

sie zurücknehmen mussten,” sagt Pavla

Špondrová. Doch das sei nicht einmal

das größte Problem: „Es betrifft ja

auch die Männer. Sie stehen durch diese

starren Rollenklischees selbst enorm

unter Druck.” Ihrer Meinung nach ist

häusliche Gewalt eine der Folgen dieses

Drucks und ein Problem, auf das sie sich

jetzt konzentrieren will. l

Ramona Vogel ist freie Journalistin und

lebt und arbeitet zurzeit in Prag.

postsozialismus

November 2010 an.schläge l 11


gay cops

Cops unter dem

Regenbogen

Lesben, Schwule und Transgender bei der Polizei:

Ein Streifzug durch ein gesellschaftliche Spannungsfeld,

basierend auf einem Gespräch mit Ewald Widi,

Gründer und Obmann der „GayCops Austria”.

Von Sonja Hofmair

Dieser Artikel erschien

zuerst in der Zeitschrift

„STIMME von und für

Minderheiten”, Nr. 76/2010,

zum Thema „Polizei –

Spiegel der Gesellschaft?”

http://minderheiten.at

Link:

www.gaycopsaustria.at

12 l an.schläge November 2010

Schwule, Lesben und Transgender in der

Polizei? Im ersten Moment ein seltsam

anmutender Gedanke. Immerhin blicken

Homosexuelle auf eine jahrhundertelange

Unrechtsgeschichte und die

daraus resultierende Verfolgung durch

die Polizei zurück. Die Kriminalisierung

von Homosexualität – diffamierend als

„widernatürliche Unzucht” bezeichnet

– war bis 1971 im § 129 des Österreichischen

Strafgesetzbuches verankert.

Die Angst vor der Polizei ist ein stetig

wiederkehrendes Thema in Biografien

von Schwulen und Lesben – sie erzählen

vom Verstecken und Vertuschen, von

Razzien, Verhören und Prügeln.

Vor fünf Jahren haben sich nun homosexuelle

Polizist_innen aus Österreich zu

einer Initiative zusammengeschlossen,

die gegen Vorurteile und Diskriminierung

von Lesben, Schwulen und Transgendern

in der Exekutive ankämpft.

Seit 2007 sind die „GayCops Austria”

als Verein organisiert und zählen derzeit

rund 70 Mitglieder. Ziel ihrer Arbeit

ist einerseits, ein Bewusstsein für

LGBT-Anliegen innerhalb der Polizei

zu schaffen, andererseits das Vertrauen

der Community in die Polizei und ihre

Arbeit zu fördern. Damit befinden sich

die GayCops in einem Spannungsfeld

zwischen der Durchsetzung rechtlicher

Normen aufgrund ihrer beruflichen

Funktion und dem Aufbrechen gesellschaftlicher

Normen aufgrund ihres

Engagements für Lebensentwürfe

abseits von Zweigeschlechtlichkeit und

Heterosexualität.

Bedrohlich und belächelt. Noch immer

ist die Polizei eine männlich dominierte

Arbeitswelt. Derzeit sind 87,6 Prozent

der österreichischen Exekutivbeamten

männlich. In Räumen, die weitgehend

Männern vorbehalten sind, ist Homo-

phobie – insbesondere Schwulenfeindlichkeit

– besonders verbreitet. Nach

der australischen Männlichkeitsforscherin

Raewyn Connell ist dieser Abwertungsprozess

für die Konstruktion von

Männlichkeit bedeutsam. Zum einen ist

für Connells Männlichkeitskonzept die

strukturelle Dominanz von Männern

gegenüber Frauen ausschlaggebend,

da von dieser alle Männer profitieren.

Weiters gibt es aber eine Vielzahl an

unterschiedlichen Männlichkeiten, die

nicht einfach gleichwertig nebeneinander

existieren, sondern in einem hierarchischen

Verhältnis stehen – bestimmte

Männlichkeiten werden ausgegrenzt und

untergeordnet. Dies trifft auf homosexuelle

Männlichkeiten besonders

stark zu: „Es gibt in der westlichen

Welt keine Beziehung unter Männern,

Grafitti von Banksy in Brighton, England. Foto: Rongem Boyo

die mehr symbolische Last tragen würde

als jene zwischen Schwulen und Heterosexuellen.

Es handelt sich dabei (…) um

eine kollektive Beziehung, die sich auf

das soziale Geschlecht auf gesamtgesellschaftlicher

Ebene auswirkt.”

Ewald Widi, Gründer und Obmann

der „GayCops Austria”, ist mit dieser

problematischen Beziehung in seinem

Arbeitsalltag konfrontiert: „Als

ich mich meinen Kollegen noch nicht

anvertraut habe, haben sie sich immer

das Recht herausgenommen, über meine

Sexualität zu sprechen: ‚Ist der schwul?

Ist der nicht schwul?’ Und alles hinter

meinem Rücken. Und wenn man es dann

offensiv angeht und sagt: ‚Hey, ich bin

schwul’, dann wird einem dieses Recht

genommen.” Widis Offenheit führt

dazu, dass sich manche Kollegen von


ihm distanzieren oder von ihm fordern,

„Berufliches und Privates zu trennen”.

Da die Polizei an die Vorstellung einer

besonders aggressiven Maskulinität

gekoppelt ist, wird durch diese Forderung

versucht, das Bild vom harten,

„männlichen” Polizisten aufrechtzuerhalten,

indem das Schwulsein und die

damit verbundenen Zuschreibungen ins

Private abgeschoben werden – denn,

wie Connell es zuspitzt, „die patriarchale

Kultur hat eine sehr simple Erklärung

für schwule Männer: es fehlt ihnen an

Männlichkeit.” Widi schüttelt den Kopf:

„Ich bin 24 Stunden am Tag schwul

und nicht nur privat, ich nehme meine

Umwelt auch als Schwuler wahr, wenn

ich im Dienst bin”.

Falsche Beschützerinstinkte. Die

Situation von lesbischen Polizistinnen

ist durchaus unterschiedlich zu der ihrer

schwulen Kollegen. „Schwule sind bedrohlich,

Lesben nicht. Lesben sind der

kumpelhafte Typ oder die Schade-dasssie-der-Männerwelt-vorenthalten-bleibt-

Frau”, erzählt Sabine A., Polizistin in

Linz und im Vorstand der „GayCops

Austria”. Auch Ewald Widi nimmt wahr,

dass in lesbischen Kolleginnen zwar

kein Bedrohungspotential gesehen

wird, gesellschaftliche Vorurteile aber

dennoch Auswirkungen auf ihr Arbeitsumfeld

haben: „‚Hat noch keinen

Mann abgekriegt, der kommt noch, ist

verwirrt, ist nur eine Phase, wird sich

wieder legen’ – und so werden die Kolleginnen

dann auch behandelt: So nicht

ganz ernst nehmen.” Lesbische Polizistinnen

sind somit einer doppelten Diskriminierung

ausgesetzt, da ihnen auch

als Frauen Eigenschaften wie Schwäche

oder Zerbrechlichkeit zugeschrieben

werden, wie die Psychologin Bärbel

Werdes beschreibt: „Einerseits fürchten

die männlichen Polizisten in gefährlichen

Momenten nicht ausreichend von

ihren Kolleginnen unterstützt zu werden

und andererseits haben die männlichen

Beamten das Gefühl, dass sie auf ihre

Kolleginnen verstärkt aufpassen bzw.

diese beschützen müssen.”

Moralische Diskrepanzen. Polizeiliche

LGBT-Vereine wie die „GayCops” in

Österreich oder „VelsPol” in Deutschland

leisten einen wesentlichen Beitrag

zur zunehmenden Öffnung des Polizeiberufs

für Menschen aller Geschlechter

und Begehrensweisen sowie zur

bewussten Auseinandersetzung mit

unterschiedlichen Lebensentwürfen

innerhalb der Polizei. Trotz dieser positiven

Entwicklungen bleibt die Exekutive

jedoch mit staatlicher Herrschaft

verknüpft, wodurch ihr ein problematisches

Verhältnis zu Minderheiten und

oppositionellem politischen Aktivismus

immanent ist. Der Berliner Politikwissenschafter

Hans-Gerd Jaschke betrachtet

die Polizei historisch als „Repräsentant

des Bestehenden, als Vollzugsorgan

der antireformerischen Kräfte”, denn

rückblickend war es „immer die Polizei,

die sich jenen sozialen Bewegungen

buchstäblich in den Weg stellte, die auf

mehr Demokratie, auf gesellschaftliche

Auf Initiative der GayCops wird das Thema

Homosexualität heute in der Grundausbildung

der Polizei behandelt.

Reformen und das Aufbrechen verkrusteter

Strukturen drängten”.

Aufgrund dieser Erfahrungen stehen politische

Aktivist_innen, die gegen Homophobie,

Transphobie sowie jede andere

Form der Diskriminierung kämpfen, der

Polizei häufig kritisch gegenüber. Die

Gruppe „Rosa Antifa Wien” setzt sich

beispielsweise in ihrem Grundsatzpapier

mit der Exekutive als dem alltäglich

präsenten Symbol der Staatsgewalt

auseinander: „Warum müssen wir eine

allgegenwärtige, aufgerüstete Polizei

ertragen, die die Gesetze zum Schutz der

Reichen vor den Armen durchsetzt, und

uns in allen Lebensbereichen bespitzelt,

kontrolliert und schikaniert. Zu ihren

Gesetzen gehört nicht zuletzt, dass wir

mithelfen müssen, Menschen hinzuschlachten,

in Kriegen, in denen es immer

wieder nur um Geld, Macht und Einfluss

der HERRschenden geht”.

Mit der Kritik oppositioneller politischer

Aktivist_innen an der Polizei

konfrontiert, erzählt auch Ewald Widi

von Diskrepanzen beim Exekutieren

von Gesetzen, die er moralisch nicht

unterstützt. Schließlich rechtfertigt er

sein Handeln aber mit dem Argument

der Gewaltentrennung: „Der 209er

zum Beispiel, der gleichgeschlechtliche

Kontakte unter 18 Jahren untersagt

hat – was soll ein Polizist machen, wenn

er das zu verfolgen hat? Wenn mir das

gesagt wird, dann hab ich zu ermitteln,

andernfalls ist es Amtsmissbrauch. Da

kann ich aber dem Polizisten keinen

Vorwurf machen, ich bin nur Exekutive,

ich bin ausführendes Organ – da muss

sich die Legislative was überlegen”.

Handlungsspielräume. Seine Aufgabe

sieht Widi in der Sensibilisierung seiner

Kolleg_innen und im Kampf gegen Diskriminierung

innerhalb der Polizei. Dies

ist eine wichtige Voraussetzung, um das

Vertrauen der Community in die Polizei

zu fördern: „Wenn mir im Darkroom in

einem Lokal etwas gestohlen wird, dann

ist es wichtig, einfach zu sagen, dass

es mir im Darkroom gestohlen worden

ist. Es bringt nichts, wenn ich sage, es

war in der U3 um 15 Uhr 30. Es ist

immer noch so, dass die Leute sich das

nicht trauen. Sie haben Angst, dass der

Beamte oder die Beamtin sagt, ‚Was

machen Sie denn dort?!’” Auf Initiative

der GayCops wird das Thema Homosexualität

heute in der Grundausbildung

behandelt. Derzeit ist Widi besonders

stolz auf eine Plakataktion, im Zuge

derer in jeder Wiener Polizeistation

ein Plakat mit der Aufschrift „Hilfe

für Lesben, Schwule und Transgender”

sichtbar aufgehängt wurde.

Trotz berechtigter grundsätzlicher

Kritik an der Exekutive und den Fällen

polizeilicher Willkür und Repression gegenüber

Aktivist_innen, die für Minderheitenrechte

kämpfen, ist die Courage

und das Engagement der GayCops sehr

zu begrüßen. Da Polizist_innen trotz

ihrer Weisungsgebundenheit über einen

gewissen Handlungsspielraum verfügen,

wird eine veränderte Einstellung zu

Homosexualität innerhalb der Polizei

Auswirkungen auf ihren Umgang mit

Lesben, Schwulen und Transgendern in

der täglichen Arbeit mit sich bringen. l

Sonja Hofmair studiert Politikwissenschaft

in Wien und ist Redakteurin bei

„Radio Stimme“, der Sendung der

Initiative Minderheiten.

Literatur:

gay cops

Behr, Rafael: „Polizeiarbeit

– immer noch

Männersache? Tradition,

Hegemonie und die Folgen

der Geschlechterdebatte

in der Polizei”. In: Peter

Leßmann-Faust (Hg.): Polizei

und Politische Bildung.

VS Verlag 2008.

Connell, Raewyn (vormals

Robert): Der gemachte

Mann. Konstruktion und

Krise von Männlichkeiten.

VS Verlag 2006.

Jaschke, Hans-Gerd: Öffentliche

Sicherheit im Kulturkonflikt.

Zur Entwicklung

der städtischen Schutzpolizei

in der multikulturellen

Gesellschaft. Campus 1997.

Werdes, Bärbel: Frauen in

der Polizei – Einbruch in

eine Männerdomäne. In:

Hans-Jürgen Lange (Hg.):

Die Polizei der Gesellschaft

– zur Soziologie der inneren

Sicherheit. Leske+Budrich:

Opladen 2003.

Internetquellen:

Rosa Antifa Wien: „Ein bisschen

was Grundsätzliches”.

www.raw.at/texte/attack/

wir_ueber_uns.htm

Schorn, Herbert: „Als Lesbe

bei der Polizei: ,Tabuthema’.

In: OÖ Nachrichten

– Online-Ausgabe. www.

nachrichten.at/oberoesterreich/linz/art66,419132

November 2010 an.schläge l 13


an.riss international

Ruchama Marton, Physicians for Human Rights-Israel

vereinte nationen

Menschenrecht auf Wasser

Ende Juli 2010 nahm die UN-Generalversammlung eine von Bolivien

vorgelegte Resolution an, die den Anspruch auf sauberes Trinkwasser und

sanitäre Einrichtungen zum Menschenrecht erklärt – allerdings ohne

völkerrechtliche Verpflichtung. Die Resolution wurde von den 163 anwesenden

UN-Mitgliedstaaten mit großer Mehrheit angenommen, 41 – fast

ausschließlich Industriestaaten – enthielten sich jedoch ihrer Stimmen,

darunter Großbritannien und die USA. Der Beschluss löste eine Kontroverse

unter den Mitgliedsstaaten aus.

Während die USA die Resolution der Generalversammlung noch ablehnten

– mit der Begründung, das internationale Recht anerkenne kein Recht

auf Wasser und Sanitäranlagen –, befürworten sie nun eine weitere Entschließung,

nämlich jene des Genfer UN-Menschenrechtsrates, die am 30.

September verabschiedet wurde: Demnach kann „das Recht auf sauberes

Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen direkt aus dem Recht auf einen

angemessenen Lebensstandard abgeleitet werden”. Großbritannien lehnt

hingegen mit demselben Argument auch diese Resolution ab.

Mit dem Beschluss des UN-Menschenrechtsrates wird der Anspruch auf

Wasser und Sanitärversorgung rechtlich bindend: Die Mitgliedstaaten sind

nunmehr verpflichtet, dieses Menschenrecht zu erfüllen bzw. sicherzustellen,

dass dieses einklagbar ist. Damit wird die jahrelange Diskussion um die

Frage, ob es ein solches Recht überhaupt gibt, endlich beendet.

Laut den Vereinten Nationen haben 884 Millionen Menschen noch immer

einen unzureichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ganze 2,6

Milliarden leben ohne grundlegende Sanitärversorgung. Jährlich fordern

die Folgen von verschmutztem Wasser mehr Menschenleben als AIDS,

Malaria und Masern zusammen. sane/viyu

www.ohchr.org, www.institut-fuer-menschenrechte.de, www.amnesty.ch, www.human-

rights.ch, http://derstandard.at

14 l an.schläge November 2010

alternativer nobelpreis

Gesundheit für alle

Den mit 200.000 Euro dotierten „Alternativen Nobelpreis” der Stockholmer

Stiftung „Right Livelihood Award” teilen sich heuer Nnimmo

Bassey (Nigeria), Erwin Kräutler (Brasilien), Shrikrishna Upadhya von

der Organisation Sappros (Nepal) und die „Physicians for Human Rights-

Israel” (PHRI, „MedizinerInnen für Menschenrechte-Israel”). PHRI

wurde 1988, zur Zeit der ersten Initifada, von der Ärztin Ruchama Marton

gegründet und ist ein Zusammenschluss israelischer und palästinensischer

MedizinerInnen mit dem Ziel, allen Menschen unabhängig von

ihrem Rechtsstatus, ihrer Nationalität/Ethnizität und Religion medizinische

Versorgung zu gewähren.

Insbesondere in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten,

wo kein gesetzlicher Anspruch auf medizinische Versorgung besteht,

ist die ärztliche Betreuung durch PHRI unentbehrlich. PHRI organisiert

nicht nur direkte medizinische Versorgung, wie z.B. eine mobile

Klinik für Gefangene, Asylsuchende und Undokumentierte oder eine

Frauenklinik, sondern engagiert sich auch in Kampagnen gegen eine

Politik, die beim Zugang zum Gesundheitswesen zwischen Israelis und

AraberInnen auf diskriminierende Weise unterscheidet. Die Preise

werden am 6. Dezember im schwedischen Parlament in Stockholm

überreicht. atina

www.rightlivelihood.org

weltliteratur

Die neue Formensprache der Marie NDiaye

Es ist bereits die zweite wichtige Auszeichnung, die der französischen

Autorin Marie NDiaye für ihren Roman „Drei starke Frauen” verliehen

wurde. Nachdem sie im vergangenen Jahr den „Prix Goncourt”, einen

der begehrtesten Literaturpreise Frankreichs, erhalten hatte, wurde ihr

Buch Ende September auch mit dem „Internationaler Literaturpreis

– Haus der Kulturen der Welt” in Berlin ausgezeichnet. Durch den mit

25.000 Euro dotierten Preis wurde ein Werk gewürdigt, das vorführt,

„was Schreiben jenseits der althergebrachten Kategorien von Heimat

und Herkunft sein kann: ‚Weltkulturliteratur’ jenseits von Migration und

Exil, die eine neue grenzüberschreitende Formensprache vorantreibt”,

wie es in der Begründung der JurorInnen heißt.

NDiaye, die 1967 nahe Paris als Tochter einer französischen Mutter und

eines senegalesischen Vaters geboren wurde, schildert in ihrem Roman

drei höchst unterschiedliche Frauenbiografien zwischen Afrika und

Europa. Die Schriftstellerin selbst lebt inzwischen in Berlin. „Ich wollte

weg aus Frankreich. Seit Sarkozy an der Macht ist, ist die Atmosphäre

vergiftet”, sagte sie 2009 in einem Interview mit dem „Tagesspiegel”.

Der Übersetzerpreis in der Höhe von 10.000 Euro ging an Claudia Kalscheuer,

die den Roman ins Deutsche übersetzte. les

www.hkw.de, www.tagesspiegel.de; Marie NDiaye: „Drei starke Frauen”, Suhrkamp 2010,

23,60 Euro

kuwait

(K)Eine Reform für Hausangestellte

Fast ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung in Kuwait wird von

Hausangestellten – vorwiegend Arbeitsmigrantinnen – gestellt. Damit

weist der Golfstaat den höchsten Anteil an Hausangestellten pro Einwohner_in

im Nahen Osten auf. Unter welchen Umständen diese arbeiten


und leben, dokumentiert ein aktueller Bericht der Organisation Human

Rights Watch (HRW): Nach kuwaitischem Recht sind Arbeitnehmer_innen

immer nur bei einem einzigen Arbeitgeber beschäftigt und dürfen

diesen ohne dessen Zustimmung nicht wechseln oder verlassen. Hausangestellte,

die z.B. wegen unbezahlter Löhne, sexueller Übergriffe oder

Misshandlung zu fliehen versuchen oder eine Beschwerde einreichen,

werden häufig der „heimlichen Flucht” angeklagt, und die Betroffenen

müssen sich vor Gericht verantworten. In den meisten Fällen greift die

Regierungsbehörde auf Abschiebung zurück.

Das arbeitgeberbasierte System bietet Hausangestellten nur wenig

Schutz. Vom Arbeitsrecht, das andere Arbeitnehmer_innen schützt,

sind sie ausgeschlossen, Lohnansprüche einzuklagen stellt daher eine

besondere Hürde dar.

Am 26. September kündigte die kuwaitische Regierung eine Reform

des herrschenden Bürgschaftssystems, der sog. Kafala, an. Demnach

fungiert der Arbeitgeber als Garant für eine_n ausländische_n Arbeitnehmer_in

und kann darüber entscheiden, wo er_sie arbeitet, oder

auch den Entzug der Aufenthaltserlaubnis einfordern. Das Kafala-System

soll in Zukunft durch eine staatliche Einstellungsbehörde ersetzt

werden – ob das Gesetz auch für Hausangestellte gelten wird, wurde

allerdings nicht angegeben.

„Seit Jahren spricht die Regierung von einer ‚Kafala’-Reform. Die

Maßnahmen zum Schutz dieser Arbeitskräfte müssen nun endlich

in die Tat umgesetzt werden”, kommentiert Sarah Leah Whitson,

Direktorin der Abteilung Naher Osten bei HRW die jüngste Entwicklung.

Angaben von HRW zufolge haben Hausangestellte aus Sri Lanka,

Indonesien, den Philippinen und Äthiopien im Jahr 2009 über

10.000 Beschwerden bei ihren jeweiligen Botschaften in Kuwait

eingereicht. sane

www.hrw.org/de

It gets better!

Der Youtube-Kanal It gets better Project

wurde für LGBT-Teenager ins Leben gerufen,

nachdem es in den USA eine Serie von Suiziden

junger Schwuler gegeben hatte: „Here’s what

you can do: Make a video. Tell them it gets

better.” Diesem Aufruf folgten zahlreiche Aktivist_innen

– darunter auch viele Celebrities –,

deren unterschiedliche Lebensgeschichten Mut

machen und optimistisch stimmen. Wer selbst

ein Video uploaden möchte, sei versichert:

Glückliche Frauen aus der ganzen Welt werden

immer gebraucht. fis

textilindustrie

Faire Uni-Kleidung

Nisaa heißt Frau

Der erste kommerzielle Frauenradiosender

in Palästina, Nisaa FM, sendet seit Sommer

sechs Stunden pro Tag aus Ramallah. Nach

eigenen Angaben „unpolitisch”, möchten die

Macher_innen (nicht nur) Frauen unterhalten,

informieren und zum Grenzen überschreitenden

Austausch inspirieren. Gleichzeitig ermutigt

Nisaa FM seine Hörer_innen mit Erfolgsgeschichten

und Diskussionen, ihre Rechte

als Frauen in der palästinensischen Gesellschaft

zu artikulieren. Der Stream ist unter

www.radionisaa.net/english.html erreichbar. fis

Ausbeutung ist in der Textil- und Bekleidungsindustrie nicht die Ausnahme,

sondern die Regel: Menschenunwürdige Produktionsbedingungen, Hungerlöhne,

Repressionen und Diskriminierungen (z.B. in Form sexualisierter Gewalt)

gegenüber den mehrheitlich weiblichen ArbeiterInnen stehen in den

Produktionsstätten im „globalen Süden” auf der Tagesordnung. Das Projekt

„Alta Gracia” in der Dominikanischen Republik vollführt eine Trendumkehr:

Mit einem Monatslohn von umgerechnet 500 US-Dollar ist die Bezahlung

der ArbeiterInnen in der „Alta Gracia”-Fabrik rund drei Mal höher als der

landesweit „reguläre” Lohn in dieser Branche. Ins Leben gerufen wurde

das Projekt vom US-amerikanischen Bekleidungsunternehmen „Knights

Apparel”. Die im Jahr 2000 von Joe Bozich gegründete Firma schloss

Abkommen mit zahlreichen US-Universitäten und löste Nike als größten

Anbieter von College-Logo-Bekleidung ab. Derzeit lässt das Unternehmen

in 30 Zulieferbetrieben auf der ganzen Welt produzieren. „Alta Gracia”

wurde 2008 in Zusammenarbeit mit dominikanischen GewerkschafterInnen,

Uni-AktivistInnen aus den USA und dem „Workers Rights Consortium”

initiiert, einer Vereinigung von 186 Universitäten, die dafür eintritt, dass

die Hersteller von Universitäts-Labelkleidung den ArbeiterInnen z.B. faire

Löhne zahlen und gewerkschaftliche Organisierung erlauben.

Die T-Shirts und Kapuzenpullis von „Alta Gracia”, die u.a. von den „United

Students Against Sweatshops” beworben werden, kosten zwischen 18

und 40 US-Dollar und werden seit diesem Herbst auf über 250 Uni-Campi

in den USA vertrieben. Wie lange diese Idee „profitfähig” ist, wird

sich weisen. ExpertInnen sind sich jedenfalls sicher, dass StudentInnen

eine Marke vorziehen werden, die damit wirbt, dass sie ArbeiterInnen

gerechte Löhne zahlt. atina/viyu

www.workersrights.org, http://en.maquilasolidarity.org, http://altagraciaapparel.com,

www.nytimes.com

an.riss international

medienmix

Anti-Populismus

Die neueste Ausgabe der feministischen

Politik- und Theorie-Zeitschrift Olympe aus

der Schweiz versammelt Beiträge zum Thema

Burka und Kopftuch: „Wider die Instrumentalisierung

von Frauenrechten” lautet der Schwerpunkttitel

programmatisch. Denn: „Die zentrale

Frage der Gleichstellung muslimischer Frauen

ist nicht das Kopftuch, nicht die Burka, sondern

die Frage, wie ihre Rechte garantiert und

durchgesetzt werden können”, so die Herausgeberinnen

im Vorwort. Heftbestellungen und

Infos unter: www.olympeheft.ch. viyu

November 2010 an.schläge l 15


thema: gender medizin

Wie kommt das

Geschlecht

in den Körper?

Vor einigen Jahren behandelten die an.schläge in einem Schwerpunkt das Thema

Gender Medizin (siehe Ausgabe 11/2006). Zahlreiche Kongresse, eine Professur

und einen Universitätslehrgang später klopfen wir das Thema erneut ab:

Wo steht die Gender Medizin heute? Was weiß diese junge Wissenschaft über

die Rolle von Geschlecht in der Erforschung und Behandlung von Krankheiten?

Und welche Forderungen stellen Kritiker_innen an die Gender Medizin?

Status, quo vadis?

Gender Medizin ist heute endgültig in Österreich angekommen.

Eine kritische Bestandsaufnahme dieser jungen Disziplin von Bettina Enzenhofer.

1 In Veröffentlichungen

zu Gender Medizin wird

zwar auch auf Transidente

oder Intersexuelle Bezug

genommen, nichtsdestotrotz

wird in der Regel von einem

binären Geschlechtersystem

ausgegangen.

16 l an.schläge November 2010

Sind Männer vom Mars, Frauen von

der Venus? Ein derartiges Differenzdenken

liegt gegenwärtig auch in

der Medizin im Trend. Der aktuelle

Name dafür: Gender Medizin. Das im

englischsprachigen Raum als „Gender

Based Medicine” bekannt gewordene

Fachgebiet richtet den Blick auf

medizinisch relevante Unterschiede

zwischen Frauen und Männern. Es

analysiert, ob, wie und warum es Diskrepanzen

zwischen den Geschlechtern

gibt: in der Entwicklung von Krankheiten,

in der Behandlung sowie in der

Verfügbarkeit von adäquaten Therapien

und Diagnosemethoden. Auch sozialmedizinische

Aspekte, wie die von

Patient_innen selbst unternommenen

Bemühungen zur Bewältigung ihrer

Krankheit, die Bereitschaft zur Kooperation

mit Ärzt_innen bzw. die Interaktion

zwischen Ärzt_in und Patient_in,

interessieren die geschlechtssensible

Medizin. Den Begriff „Gender” entlehnt

die vergleichsweise junge Disziplin

aus der Geschlechterforschung und

sagt: Mit dem biologischen Geschlecht

(„Sex”) werden wir geboren, das

soziale Geschlecht („Gender”) und

damit geschlechtsspezifi sche Lebensbedingungen

prägen sich aber auch in den

Körper ein und haben einen mindestens

ebenso großen Einfl uss auf Krankheit

und Gesundheit. Das Ziel einer

Gender, Gender...

das klingt irgendwie

so melodisch und

harmonisch.

Wenn der

wüsste, was es

bedeutet...

Collagen: SylK

geschlechtssensiblen Medizin ist eine

für beide Geschlechter 1 angemessene

medizinische Versorgung.

Organ-Inspektion. Gender Medizin ist

mittlerweile auch in Österreich auf universitärer

Ebene verankert: Im Jänner

dieses Jahres wurde in Wien die erste

und bisher einzige Professur für Gender

Medicine an Alexandra Kautzky-Willer

vergeben. Die Medizinische Universität

Wien bietet außerdem seit diesem

Wintersemester einen postgradualen

Lehrgang zu Gender Medizin an. In die

Curricula ist Gender Medizin ohnehin

schon länger integriert – an den österreichischen

medizinischen Universitäten


kommen Studierende heute an den

gesundheitsbezogenen Gender-Aspekten

nicht mehr vorbei.

Die Österreichische Gesellschaft für geschlechtsspezifische

Medizin (ÖGGSM)

tagt regelmäßig, in Berlin fand im September

die „Summer School on Gender

Medicine” statt, und Ende November

wird in Tel Aviv der 5. Kongress der International

Society of Gender Medicine

(IGM) ausgetragen. Mit der Etablierung

der geschlechtssensiblen Medizin geht

es also voran. Doch die Frage ist: Inwieweit

ist Gender für die Gender Medizin

wirklich relevant? Denn in den meisten

Kongressprogrammen oder Büchern zum

Thema ist die Abwesenheit der Gender

Studies, die in Gender-Fragen die meiste

Kompetenz hat, besonders auffällig.

Davon unbeeindruckt werden unter dem

Titel „Gender Medizin” unterschiedlichste

medizinische Fachrichtungen

neu geschrieben: mit Fokus auf die

geschlechtsspezifischen Unterschiede

zwischen Frauen und Männern, die nun

„in nahezu jedem Organ des menschlichen

Körpers” 2 entdeckt werden.

Hand aufs Herz. Angefangen hat alles

mit der Kardiologin Marianne Legato.

Sie erkannte Ende der 1980er Jahre,

dass sich Frauen und Männer in puncto

Herzkrankheiten unterscheiden. Legato

gilt als Pionierin: Sie gründete 1997

das „Partnership for Gender-Specific

Medicine” an der Universität von

Columbia und das „Journal of Gender-

Specific Medicine” (heute: „Gender

Medicine”). Ihre Bücher waren

wegweisend, ihr Wissen zu den kardiologischen

Unterschieden zwischen Frauen

und Männern ist heute einer breiteren

Öffentlichkeit bekannt. Dachte man

jahrzehntelang, dass z.B. ein Herzinfarkt

typischerweise von Symptomen

wie einem brennenden Druckschmerz,

der in den linken Arm ausstrahlt, begleitet

wird, so weiß man heute, dass bei

jeder fünften Frau die Symptome ganz

anders aussehen können: Schmerzen

können im Oberbauch oder Rücken auftreten

und zu Kurzatmigkeit, Übelkeit

und Schweißausbruch führen.

Der Grund für dieses Unwissen war,

dass Frauen in die medizinischen Studien

schlichtweg nicht miteinbezogen

wurden. Der Mann galt als Norm, in der

androzentristischen Vorstellung funktionierte

der weibliche Körper ident. Dies

führte zu weiteren Irrtümern, wie etwa

zu der Ansicht, dass Frauen bis ins hohe

Alter nicht an koronaren Herzkrankheiten

erkranken oder zumindest nur an

milderen Formen als Männer. Nachdem

bis dahin frauenspezifische Symptome

nicht als Symptome einer Herzerkrankung

wahrgenommen wurden, ein

logischer Schluss. Äußerten Frauen ihre

„atypischen” Symptome, wurden sie

nicht selten als hysterisch abgestempelt,

eine Panikattacke oder dergleichen

„diagnostiziert”. Heute weiß man, dass

koronare Herzkrankheiten bei Frauen

öfter zu einem Herzinfarkt führen und

öfter tödlich verlaufen als bisher angenommen.

Für eine richtige Behandlung

ist eine korrekte Diagnose essenziell,

Ärzt_innen sind also dazu aufgerufen,

auch auf atypische Symptome zu achten.

Und dies nicht nur bei Frauen – denn

auch Männer können die „weiblichen”

Symptome aufweisen.

Neu dosiert. Mit der Erforschung

kardiologischer Unterschiede machte

die Gender Medizin Karriere und

wurde mittlerweile um etliche andere

Erkenntnisse erweitert: So kennt die

Medizin heute z.B. in der Psychiatrie,

der Onkologie, Rheumatologie oder

Intensivmedizin geschlechtsspezifische

Besonderheiten, ebenso werden u.a. das

Immunsystem, das Knochengerüst, der

Verdauungstrakt oder die Lunge unter

die Gender-Lupe genommen.

Von besonderer Relevanz ist die Pharmakologie:

Arzneimittel wirken nämlich

nicht bei allen Menschen gleich. Am

individuellen Stoffwechsel sind viele Faktoren

beteiligt, derselbe Wirkstoff kann

deshalb bei mehreren Patient_innen ganz

unterschiedlich umgesetzt werden und

infolgedessen unterschiedliche (Neben-)

Wirkungen zeigen. Selbst die Darreichungsform

von Medikamenten kann

ausschlaggebend für die Wirkung sein.

Nachdem Frauen bis vor einigen Jahren

aus klinischen Studien zur Arzneimittelwirkung

ausgeschlossen waren und man

von den Ergebnissen der Männerstudi-

en auf Frauen schloss, überrascht die

Erkenntnis der Pharmakologie nicht:

Frauen vertragen Medikamente anders

als Männer. Heute weiß man, dass

Unterschiede der Arzneimittelverarbeitung

aus individuellen Eigenschaften

resultieren, aber auch Folgen genereller

Umstände sein können – was uns wieder

zum Geschlecht führt. Aber nicht nur die

unterschiedliche Wirkung von Medikamenten

muss in einer geschlechtssensiblen

Medizin beachtet werden, auch die

Verschreibungspraxis gehört hinterfragt.

Denn Geschlechtsvorurteile und

Unwissenheit seitens der Ärzt_innen

können dazu führen, dass über- oder untermedikalisiert

wird. Bis heute werden

Frauen etwa mehr Psychopharmaka

verschrieben als Männern.

Mehr Sex als Gender. Dass Unterschiede

zwischen den Geschlechtern zunehmend

bekannt und erforscht werden,

scheint Frauen und Männern vorerst

eine bessere medizinische Versorgung zu

bringen. Die Unterschiede dürfen aber

über eines nicht hinwegtäuschen: Es gibt

auch Gemeinsamkeiten. In einzelnen

Merkmalen können Frauen bzw. Männer

Äußerten Frauen ihre „atypischen“

Symptome, wurden sie nicht selten als

hysterisch abgestempelt, eine Panikattacke

oder dergleichen „diagnostiziert“.

innerhalb ihrer Geschlechtsgruppen

mehr differieren als die Gruppen untereinander.

Genau darum geht es auch

in einer geschlechtssensiblen Medizin:

Worin unterscheiden sich die Geschlechter

– und worin gleichen sie sich? „Der

Balanceakt einer frauen- und männergerechten

Biomedizin besteht nun darin,

diese Unterschiede einerseits durch

klinische und experimentelle Studien

herauszufinden und andererseits nicht

durch Überbewertung der biologischen

Unterschiede mögliche andere Einflüsse

bei der Entstehung von Krankheiten zu

übersehen”, schreibt die Humanbiologin

Angelika Voß. 3 Gender Medizin bewegt

sich also stets zwischen Sex und Gender.

Doch genau in diesem Balanceakt entstehen

Missverständnisse.

Denn Gender Medizin ist heute, so

wie sie meistens kommuniziert wird,

eigentlich eine „Sex Medizin”, wie

thema: gender medizin

2 Nippert, Irmgard: „Frauengesundheitsforschung

und

,gender based medicine’”,

in Cottmann, Kortendiek,

Schildmann (Hg.innen): Das

undisziplinierte Geschlecht.

Frauen- und Geschlechterforschung

– Einblick und

Ausblick. Leske + Budrich

2000.

3 Voß, Angelika: Frauen

sind anders krank als

Männer. Plädoyer für eine

geschlechtsspezifische Medizin.

Heinrich Hugendubel

Verlag 2007.

November 2010 an.schläge l 17


thema: gender medizin

4 Wimmer-Puchinger, Beate

et al.: „Was Frauen gut tut:

Frauenpolitische Praxis,

Frauengesundheitsforschung,

Feministische Theorie”, in:

Gerlinde Mauerer (Hg.in):

Frauengesundheit in Theorie

und Praxis: Feministische

Perspektiven in den Gesundheitswissenschaften.

transcript 2010.

5 Fishman, Jennifer, Wick,

Janis, Koenig, Barbara: „The

use of ,sex’ and ,gender’

to define and characterize

meaningful differences

between men and women”,

in: Agenda for Research

on Women's Health for the

21st Century: A Report of

the Task Force on the NIH

Women's Health Research

Agenda for the 21st Century,

2, 1999.

18 l an.schläge November 2010

Expert_innen kritisieren. Der Fokus liege

häufig auf biologischen Unterschieden,

nicht jedoch auf sozialen oder strukturellen

Bedingungen, wie es der Begriff

Gender nahelegen würde. „Wo Gender

draufsteht, ist sehr oft Gender nicht drinnen,

sondern zwar auch wichtige und gut

gemachte, aber streng naturwissenschaftlich

biologisch-medizinische Forschung”,

sagt die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte

Beate Wimmer-Puchinger. 4 „Das

was Gender Medicine aber meint, ist

eine Analyse der Ergebnisse hinsichtlich

der unterschiedlichen soziologischen Rollenmuster

beziehungsweise der Gender-

Gerechtigkeit.” Oft wird es auch als

Die Gender Medizin schöpft ihr

eigentliches Potenzial nicht aus. Denn

der Geschlechterdualismus, der in einer

hierarchisierenden Geschlechterordnung

gipfelt, wird von der Gender Medizin meist

nicht angezweifelt.

Von Frau zu Gender

Ohne Frauengesundheitsbewegung gäbe es heute keine

Gender Medizin. Bettina Enzenhofer hat sich die Anfänge

dieser Entwicklung angesehen.

Die Zweite Frauenbewegung revoltierte gegen ein paternalistisches

Medizinsystem. Ausgehend von den USA kam die

Frauengesundheitsbewegung der 1960er/70er Jahre mit der

Diskussion über die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs

(„Mein Körper gehört mir!”) auch nach Europa.

Grundlegend war die Publikation „Our Bodies Ourselves”

des Boston Women’s Health Book Collective (1973), das die

Sicht auf den weiblichen Körper revolutionierte: In diesem

Buch konnten sich Frauen erstmals in einer auch für Nicht-

Mediziner_innen verständlichen Sprache über ihre Körper

informieren. Sie forderten Selbstbestimmung über ihren

Körper ein, die eine von Männern dominierte Medizin ihnen

bis dahin nicht zugestand. Wichtige Themen der frühen (und

durchaus heterogenen) Frauengesundheitsbewegung waren

u.a. spezifische weibliche körperliche Erfahrungen wie Sexualität/Reproduktion/Geburt,

Missbrauch, Gewalt, Depression,

Sucht und frauenspezifische Gesundheitsförderung.

Eine Errungenschaft der Frauengesundheitsbewegung ist die

vermehrte Einbeziehung von Frauen in klinische Studien:

Bis Anfang der 1990er Jahre wurden sie – um „Risiken”

(wie z.B. eine Schwangerschaft) zu minimieren und auf die

unterschiedlichen Hormonlagen nicht eingehen zu müssen

– systematisch ausgeschlossen. Der Mann wurde als Norm

gesetzt – dass Frauen und Männer Medikamente unterschiedlich

vertragen könnten, bedachte man nicht.

Zentraler Kritikpunkt der Frauengesundheitsforschung war

und ist die Medikalisierung weiblicher Lebensphasen, wie

z.B. Menstruation, Schwangerschaft oder Menopause – diese

sind keine aus der „Schwäche” der Frauen resultierenden,

behandelbaren „Krankheiten”, sondern spezifische Körper-

„politisch korrekt” angesehen, „Gender”

auf etwas zu schreiben, das eigentlich nur

mit biologischen Faktoren zu tun hat, wie

die Wissenschaftlerin Jennifer Fishman

und ihre Kolleginnen feststellten 5 – ein

begrifflicher Irrtum.

Begriffe unterm Mikroskop. Diese

Begriffsverwirrung entsteht wohl auch

deshalb, weil das Konzept „Gender”

für Mediziner_innen neu ist. „Es gibt

viel Unverständnis. Die Sozial- und Naturwissenschaften

schaffen es einfach

nicht, aufeinander zuzugehen, das ist

ein Kommunikationskonflikt”, sagt die

Wissenschaftlerin Renate Baumgartner.

„Mediziner_innen wollen sich oft

auch nicht ihre selbstverständlichen

Kategorien – wie die Differenz zwischen

Frauen und Männern – infrage

stellen lassen.” Eine Universitätsangestellte,

die nicht genannt werden will,

erzählt: „Viele Lehrende haben den

Eindruck: Sobald ich mich den Unterschieden

zwischen Frauen und Männern

widme, arbeite ich gendergerecht.

Das hat aber mit Gendergerechtigkeit

nichts zu tun, sondern ist biologistische

Forschung.”

erfahrungen, die in einem gesellschaftlichen Kontext gesehen

werden müssen. Gesundheit wird in der Frauengesundheitsforschung

als dynamischer Prozess mit einer Vielzahl von

Einflüssen gesehen, hier werden sowohl medizinische als

auch soziale, psychologische, ökonomische und politische

Aspekte integriert – anders als in konventionellen biomedizinischen

Konzepten.

Aktuell lässt sich eine neue Anforderung an Frauen beobachten:

Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wird zu einer Pflicht;

Frauen sind jetzt Managerinnen ihrer eigenen Gesundheit.

Bei immer mehr vorgeschriebenen oder empfohlenen Untersuchungen

(etwa in der Schwangerschaft) stehen Frauen

unter Druck, kompetent und informiert zu sein. Wissensvermittlung

und kritische Aufklärung leisten bis heute Frauengesundheitszentren,

die infolge der Frauengesundheitsbewegung

gegründet wurden.

Frauengesundheit bleibt aber immer ambivalent: Denn Frauen

sind keine homogene Gruppe, es gibt nicht die Frauengesundheit.

Vielmehr muss man beachten, welche Frau in

welcher speziellen Lebenssituation betroffen ist – daran

sollten sich medizinische Angebote orientieren.

Die frühe feministische Kritik hat politische Früchte

getragen: In der „Ottawa Charta” der Weltgesundheitsorganisation

(1986) wurde bspw. Chancengleichheit in

der Gesundheitsforschung verkündet, bei der 4. Weltfrauenkonferenz

in Peking (1995) wurde u.a. das Recht von

Frauen auf gesundheitliche Selbstbestimmung beschlossen.

Auf EU-Ebene wurde 1997 im Vertrag von Amsterdam

Gender Mainstreaming festgeschrieben. Durch dieses

gleichstellungspolitische Instrument fand eine wesentliche

Akzentverschiebung statt: Weg von einer spezifischen Frauengesundheitsforschung

hin zu einer geschlechtersensiblen

Gesundheitsforschung. l


Auch in medizinischen Fachpublikationen

werden die Begriffe häufig falsch

verwendet, wie Nancy Krieger von

der Harvard School of Public Health

feststellte. 6 In den von ihr analysierten

Texten würden Sex und Gender oft

synonym gebraucht. Dies sei aber falsch

– denn wir besitzen immer Gender

und Sex gleichzeitig. Für bestimmte

Gesundheitsbedingungen sei vielmehr

zu fragen: Sind Sex und Gender beide

relevant – oder keines oder nur eines

von beiden? Und vor allem Forscher_innen

müssen sich im Klaren darüber sein,

mit welchem Begriff sie arbeiten, und

damit auch, auf welcher Ebene – falls

überhaupt – Unterschiede zwischen den

Geschlechtern zu finden sind.

Auch Angelika Voß und Brigitte Lohff

kritisieren, „dass die Humanmedizin

als normierende und standardisierende

Disziplin und Disziplinierung des

(geschlechtlich definierten) Körpers auf

dem Fundament der ,sex based biology’

ruht”. Dieses grundlegende Denken

in biologisch manifesten Dichotomien

werde aber durch eine geschlechtssensible

Medizin nicht automatisch

aufgelöst: „Denn mit der Feststellung

des Andersseins als die Andere oder der

Andere wird noch keine Garantie für

die Anerkennung von Differenz

als nicht-pathologisch, nicht-krankhaft

und nicht-therapiebedürftig

gegeben.” 7

Geschlechterdualismus. Ein weiterer

Kritikpunkt: Die Gender Medizin

schöpfe ihr eigentliches Potenzial

nicht aus. Denn der zunächst von der

Queer Theory und danach auch von den

Gender Studies hinterfragte Geschlechterdualismus,

der in einer hierarchisierenden

Geschlechterordnung gipfelt,

wird von der Gender Medizin meist

nicht angezweifelt. Stattdessen trifft

der Begriff Gender „auf einen fest

etablierten biologistischen Begriff

von Geschlecht (sex), in dem nach wie

vor eine fixe dichotome Geschlechterordnung

als biologisch d.h. natürlich

vorausgesetzt wird”, kritisiert auch die

Medizinerin Alice Chwosta. 8 Gender

verliere im medizinischen Diskurs an

Nicht unsere biologischen Anlagen, sondern

vor allem die individuelle Lebenswelt sowie

ihre spezifische historische, soziale und

kulturelle Eingebundenheit sind relevant.

Weite und Vielfalt, bleibe stets eine

pure Abgrenzung von Sex. „Die Gefahr

eines rein in Abgrenzung verhafteten

gender Begriffs ohne Verständnis für

die Mechanismen der sozialen Konstruktion

von Geschlecht unter dem

Motto ,das, was nicht sex ist, nennen

wir jetzt eben gender’ ist (…) gegeben

sex/

und bestätigt sich in der momentanen

Entwicklung einer Gender Medizin, die

vielfach soziales Frau- bzw. Mannsein

als unhinterfragte Gegebenheit, wenn

nicht biologisch, dann eben als sozial

gelernt aufnimmt”, so Chwosta. Die

für die Frauengesundheitsbewegung

nach wie vor gültige Kritik an der Geschlechterordnung

verschwinde in einer

derartigen Gender Medizin.

Das bestätigt auch Victoria Grace von

der School of Social and Political Sciences

der Universität von Canterbury. 9

Gender Medizin dichotomisiere und essentialisiere

das biologische Geschlecht,

denn sie definiere „männlich” und

„weiblich” als streng entgegengesetzt.

Auch die Sex/Gender-Trennung, die

eine „biologische” Geschlechtskompo-

„Sex“ verweist auf biologische und physiologische Eigenschaften,

die Männer und Frauen definieren. „Gender“ be-

zieht sich auf die sozial konstruierten Rollen, Verhaltenswei-

gender Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO):

sen, Aktivitäten und Eigenschaften, die in einer Gesellschaft

für Männer und Frauen als angemessen angesehen werden.“

Gender Policy der WHO: „Gender wird verwendet, um jene

Eigenschaften von Frauen und Männern zu beschreiben, die sozial

konstruiert sind, während Sex sich auf Eigenschaften bezieht, die biologisch

determiniert sind. Menschen werden als weiblich oder männlich

geboren, lernen aber, Mädchen und Buben zu sein, die dann zu

Frauen und Männern werden. Dieses gelernte Verhalten macht die

Gender-Identität aus und determiniert Gender-Rollen.“

Quelle: www.who.int/gender

thema: gender medizin

6 Krieger, Nancy: „Genders,

sexes, and health: what

are the connections – and

why does it matter?”, in:

International Journal of

Epidemiology, 32/2003.

7 Voß, Angelika, Lohff, Brigitte:

„Nach-Denkliches zur

Gender Medizin”, in: Rieder,

Lohff (Hg.innen): Gender

Medizin. Geschlechtsspezifische

Aspekte für die

klinische Praxis. Springer

2004.

8 Chwosta, Alice: „Frauengesundheit

– Gender

Medizin quo vadis?”, in:

AEP Informationen. Feministische

Zeitschrift für Politik

und Gesellschaft, 3/2006.

9 Grace, Victoria: „Beyond

dualism in life sciences:

implications for a feminist

critique of gender-specific

medicine”, in: Journal of

Interdisciplinary Feminist

Thought, 2/1/1/2007.

November 2010 an.schläge l 19


thema: gender medizin

Weiterführende Literatur:

Hochleitner, Margarethe (Hg.in.):

Gender Medicine. Ringvorlesung

an der Medizinischen

Universität Innsbruck. Bände

1–3. Facultas 2008, 2009,

2010

Legato, Marianne: Evas

Rippe. Die Entdeckung der

weiblichen Medizin. Kiepenheuer

& Witsch 2002.

20 l an.schläge November 2010

nente von einer „sozialen” unterscheidet,

stehe der Re-Theoretisierung einer

nicht-dualistischen Biologie entgegen.

Denn gerade diese Fragestellungen der

Gender Studies könnte eine kritische

Gender Medizin aufnehmen: Wie können

wir Geschlecht neu und nicht-dualistisch

denken? Ohne Kritik am Geschlechterdualismus

könnte sich Medizin in

eine Richtung entwickeln, die Frauen

und Männer als komplett unterschiedliche

genetisch determinierte Gruppen

betrachtet, die auch quantitativ und qualitativ

anders behandelt werden müssten.

gender

Für mehr Grauzonen. Gender Medizin

könnte, will sie ihrem Namen gerecht

werden, tatsächlich interdisziplinär

ausgerichtet sein. Das würde zum einen

bedeuten, dass sie Erkenntnisse von

Gender Studies, Frauenforschung, Soziologie

etc. ernst nimmt. Zum anderen

würde sie auch andere Faktoren der

Ungleichbehandlung und ihre Interaktion

in Betracht ziehen: Geschlechtliche

Arbeitsteilung, Armut, Stress etc. wirken

sich auf die individuelle Gesundheit

aus. Nicht unsere biologischen Anlagen,

sondern vor allem die individuelle

agierte alles andere als geschlechtergerecht. Margrit Eichler

und andere Wissenschaftler_innen definierten drei we-

sentliche Formen der verzerrten geschlechterbezogenen

bias Lange Zeit unterlag die Medizin einem Gender Bias und

Wahrnehmung: Androzentrismus, Geschlechterinsensibilität

und doppelte Bewertungsmaßstäbe.

Eine androzentristische Perspektive setzt Männer als Norm voraus

– Frauen werden unter diesem männlichen Blickwinkel marginalisiert

oder sind unterrepräsentiert. Geschlechterinsensibilität heißt, dass das

biologische oder soziale Geschlecht außer Acht gelassen wird. Liegen

doppelte Bewertungsmaßstäbe vor, werden gleichartige Situationen,

Eigenschaften oder Verhaltensweisen je nach Geschlecht unterschiedlich

beurteilt. Dazu gehören auch Geschlechterstereotype (Charaktereigenschaften

werden als naturgegeben, nicht als sozial konstruiert

verstanden) und starre Geschlechterdichotomien: Die Geschlechter

werden so behandelt, als wären sie von Grund auf unterschiedliche

Gruppen anstatt Gruppen mit sich überschneidenden Merkmalen.

Quelle: Eichler, Margrit, Reisman, Anna Lisa, Borins, Elaine Manace: „Gender Bias in

Medical Research“ in Women & Therapy, 12, 4, 1992.

Lebenswelt sowie ihre spezifische historische,

soziale und kulturelle Eingebundenheit

sind relevant. „Hier schwindet

gegenwärtig eine großartige Chance

durch den Verlust einer geschlechterkritischen

feministischen Perspektive”,

schreibt Chwosta. „Jene Grauzonen der

Intersektion von Biologie und sozialer

Umwelt, die in der Festschreibung in

den Körper betrachtet werden könnten,

werden aus dem Blick verloren. Denn

auch das ist Gender Medizin, oder

könnte es sein.” Und Voß sieht noch eine

weitere Chance: Durch die Geschlechterperspektive

werde nämlich auch die

Hierarchie, in der die Biologie an der

Spitze, die sozialen, kulturellen und

psychischen Einflussfaktoren hingegen

weiter unten angesiedelt sind, infrage

gestellt.

Denn auch wenn es Sex-Unterschiede

gibt: So groß sind sie nicht – vielmehr

werden sie oft überbewertet. Doch

Forschung, die sich differenziert mit den

verschiedensten sozialen Faktoren und

ihren Auswirkungen auf die individuelle

Gesundheit beschäftigt, ist teuer.

Notwendig ist sie aber unbedingt: Denn

Gender Medizin darf nicht bedeuten,

Frauen und Männer in zwei biologische

Lager zu spalten und auf dahinter

stehende Konstruktionsmechanismen zu

vergessen. l


„Frauen-Medizin wäre mir zu

wenig gewesen“

Schau mal!

Stark erhöhte

Genderwerte!

an.schläge: Wie schwer ist es, an einer

medizinischen Universität eine Disziplin

zu verankern, deren Grundlage aus

den Sozialwissenschaften stammt, wie

es bei Gender Medizin der Fall ist?

Das war eine Konsequenz aus jahrelangen

Diskussionen und schlussendlich

eine logische Entwicklung, wenn auch

eine mit Stolpersteinen. Am Beginn

stand die Frauengesundheitsbewegung

in den USA in den 1970er Jahren, und

die Sozialwissenschaften haben sich dem

Thema und der Definition von Gender

gewidmet. Nach und nach haben auch

medizinische Wissenschaften das Thema

besetzt: Man ist draufgekommen, dass

man da auf naturwissenschaftlicher Ebene

sehr viel herausfinden kann.

Seit kurzem gibt es die Professur für

Gender Medizin in Wien. Wir haben

allerdings gehört, dass sie nicht so

gut ausgestattet wurde, was Geld und

Mitarbeiter_innen betrifft …

Ich glaube, dass das vorderhand passt,

aber man kann immer nachbessern.

Wichtig ist, dass der Ansatzpunkt von

allen akzeptiert und gut ist, er ist ein

wichtiges Zeichen. Aber: Institutionen

– wie Universitäten – sind zäh. In

Österreich dürfen Frauen überhaupt

erst seit 1900 Medizin studieren, die

Super, dann

geht endlich

was weiter!

Universität besteht aber seit 1365.

Viele – auch Frauen – tun sich das nicht

an, in so einem System zu arbeiten. Ich

setze im Moment sehr auf verschiedene

Maßnahmen, um Frauen zu animieren,

hier weiterzumachen, sich das also doch

kurzfristig mal anzutun und dann Fuß

fassen zu können.

Im Curriculum ist Gender Medizin

mittlerweile fix verankert, und auch

die etablierten Professor_innen mussten

Gender Medizin in ihre Lehre integrieren.

Wie waren die Reaktionen?

Bevor das alles implementiert wurde,

habe ich in einer Arbeitsgruppe

mitgearbeitet, in der es darum ging,

Leute aus den unterschiedlichsten

Fachrichtungen zu fragen, welche

Themenbereiche und Fragestellungen

sie hier einbringen können. Am

Anfang gab es noch Erstaunen, wie

man überhaupt auf so eine Frage –

nämlich die nach dem Gender-Aspekt

in der Medizin – kommen kann. Die

Diskussionen haben aber dazu geführt,

dass die Leute animiert waren, sich

damit zu beschäftigen – auch männliche

Lehrende.

In der Lehre kommt Gender Medizin

als „Add On“ daher: Erst lernen die

thema: gender medizin

Wie sehen die Rahmenbedingungen für

die Gender Medizin an den medizinischen

Hochschulen aus?

Sylvia Köchl und Bettina Enzenhofer

trafen Karin Gutiérrez-Lobos,

Vizerektorin der Medizinischen Uni Wien,

zum Gespräch.

Studierenden etwas über Anatomie

oder Physiologie, Gender Medizin

kommt dann erst später als Zusatz

hinzu. Ist das Thema damit ausreichend

integriert?

Wir machen das ja erst seit ein paar

Jahren und befinden uns in einer ständigen

Weiterentwicklung. Das wird auch

eine der Aufgaben der Professur sein,

das zu einer größeren Selbstverständlichkeit

zu machen.

Aber kommt Gender, also die Idee

von Geschlecht als soziale Konstruktion,

so wie es die Gender-Studies

kennen, in der Gender Medizin überhaupt

vor?

Doch. Ich bin ja auch Psychiaterin, und

gerade in der Psychiatrie spielt das

eine große Rolle bei der Frage der

Psychologisierung von Frauen. Ebenso

bei allen Themen, die mit Vorsorge,

Lebensumständen, Armut zu tun

haben. Oder bei der transkulturellen

Kompetenz, denn da geht es nicht nur

um Sprachbarrieren, sondern auch um

die Frage: Verstehe ich die Konzepte

von Gesundheit und Krankheit? In

anderen Bereichen, wo es einen harten

Befund gibt, zum Beispiel einen

Knoten im Hirn, da gibt es wenig zu

philosophieren.

November 2010 an.schläge l 21


thema: gender medizin

1 Margarethe Hochleitner,

Kardiologin, weitere

Forschungsschwerpunkte:

Präventivmedizin, Gender

Studies, Frauengesundheit,

Migrantinnen. Leiterin der

Koordinationsstelle für

Gleichstellung, Frauenförderung

und Geschlechterforschung

an der Medizinischen

Universität Innsbruck.

22 l an.schläge November 2010

Die ersten Erkenntnisse der Gender

Medizin kamen aus der Kardiologie,

doch z.B. beim Herzinfarkt ist es ja

nicht so, dass alle Frauen diesen auf

eine bestimmte Weise und alle Männer

ihn auf eine andere Weise erleben.

Wird das bedacht oder entstehen da

vielleicht neue Schubladen?

Vermutlich sind sich Männer und

Frauen, die ärmer sind, sehr oft

ähnlicher als eine arme Frau und eine

reiche Frau. Ich glaube aber, man soll

sich nicht verrennen. Ich halte es für

ganz wichtig, als Arzt oder Ärztin zu

wissen, dass es Unterschiede geben

kann. Im Umgang mit PatientInnen

merkt man ohnehin, dass sich da

nichts über einen Kamm scheren

lässt. Man muss aber bereits im

Studium auf diese Faktoren aufmerksam

gemacht werden, die man bei

Entscheidungen mitberücksichtigen

muss, dass es eben einen Unterschied

zwischen Männern und Frauen geben

kann oder zwischen arm und reich. Es

muss gelehrt werden: Wie bedenke

ich diese Vielfalt?

Wie kommt Gender – das soziale

Geschlecht – konkret in den Körper?

Für die Psychiatrie können wir das

nachvollziehen, aber wie funktioniert

das in anderen Bereichen?

So selbstverständlich ist es auch in

der Psychiatrie nicht. Da gibt es die

Untersuchung, dass Frauen mehr an

Depressionen erkranken als Männer

– allerdings sind es nicht „die

Frauen”, sondern die verheirateten.

Das kann man erklären: Die haben

eine Doppel- und Dreifachbelastung.

Es gibt aber viele PsychiaterInnen,

die biologisch orientiert sind, die eine

Depression sofort mit Medikamenten

behandeln. Die werden in so einem Fall

nicht viel ausrichten – denn in Wirklichkeit

braucht es mehr Kindereinrichtungen,

Betreuungseinrichtungen etc.

Dieser größere Kontext – und da

gebe ich Ihnen Recht – ist in anderen

Bereichen der Organmedizin schwieriger

zu sehen. Aber letztendlich

denke ich doch, dass sich Handlungs-

felder ergeben, wenn man solche

Ergebnisse diskutiert und darstellt.

Aber warum können bei Frauen die

Symptome eines Herzinfarkts so

ganz anders sein als bei den meisten

Männern?

Ich glaube, dass die Symptome überlagert

sind durch andere Dinge. Ich nenne

Ihnen ein Beispiel: Bei uns kennen

Sie die menopausalen Beschwerden,

Hitzewallungen etc. Die Japanerinnen

kennen das nicht! Die haben dafür

ein Klingeln im Ohr. Das hängt damit

zusammen, dass der Stellenwert, den

man unterschiedlichen Symptomen in

unterschiedlichen Kulturen zuweist,

ein anderer ist. Wenn man bei uns in

der Zeitung nur liest: Wechseljahre

„Vermutlich sind sich Männer und Frauen,

die ärmer sind, sehr oft ähnlicher als eine

arme Frau und eine reiche Frau.“

sind etwas Fürchterliches, weil da wird

mir heiß, da mag mich niemand mehr

etc. – dann wird das so sein. Dass man

z.B. guten Sex hat im Wechsel, wird ja

kaum erwähnt. Und wenn Sie ständig

lesen, dass Sie bei einem Herzinfarkt

ein Ziehen im Arm haben – dann wird

das auch so sein. Ich denke, das hat viel

mit Zuschreibungen zu tun.

Frauen erhalten auch viel weniger

Durchuntersuchungen als Männer. Margarethe

Hochleitner 1 hat festgestellt,

dass Männer bei Verdacht auf Herzinfarkt

sofort einen Notfallhubschrauber

bekommen, Frauen nicht. Durch solche

Studien und diese neue Wachsamkeit

verbessert sich die Situation der Frauen.

Aber Sie können nicht erwarten, dass

alle MedizinerInnen hochsoziologische

Ideengebäude haben.

Wie sehen Sie die Zukunft der Gender

Medizin in Wien und in Österreich?

Ich hoffe, dass es in den anderen Städten

auch eine Professur geben wird, das

wäre wichtig. Und ich wünsche mir, dass

das alles zu einer Selbstverständlichkeit

wird und Sie mich in ein paar Jahren

nicht mehr interviewen müssen (lacht).

Wird sich die Gender Medizin auch

mal den Gender Studies zuwenden?

Berührungspunkte und Kooperationen

gibt es ja durchaus schon. Ich finde es

auch sehr wichtig, dass man sich z.B. in

der Medizinsoziologie – also von außen

– damit beschäftigt, denn durch diese

Untersuchungen haben sich neue Aspekte

ergeben, auch für die PatientInnen.

Vor allem für die Frauen, die jetzt

schon viel alerter sind und sagen: Aber

ich habe wirklich Kopfweh, machen Sie

bitte ein Röntgen!

Wobei es in der Gender Medizin aber

auch um die andere Seite geht, nämlich:

Wie geht es den Ärztinnen? Wie

sieht die Hierarchie im Krankenhaus,

im Fachgebiet aus? Wer bekommt

welches Gehalt?

Aber mir ist schon klar, dass wir etwas

ganz anderes machen als das, was Sie

in den Sozialwissenschaften tun. Bei

uns geht es darum zu sehen, ob wir

jemanden anders behandeln müssen.

Aber wir wollen es trotzdem Gender

Medizin nennen, weil Frauen-Medizin

wäre mir zu wenig gewesen.

Und wenn man es geschlechtsspezifische

Medizin nennen würde? Wir

finden, das meiste, was sich heute

Gender Medizin nennt, ist eigentlich

eine „sex based medicine“ …

In vielen Bereichen haben Sie sicher

Recht. Geschlechtsspezifische Medizin

wäre wohl der bessere Begriff, aber

jetzt heißt es Gender Medizin, damit

müssen Sie jetzt leben (lacht). Und es

stimmt: Gender ist ein Etikett geworden

für alles Mögliche. Aber da bitte

ich um Nachsicht. Ein Teil davon ist

trotzdem drin. Wir schreiben Gender

auch deshalb hin, um zu zeigen: Das ist

uns wichtig. Darum muss es in Zukunft

gehen: Wie kann man die Gender-

Studies mit naturwissenschaftlichen

Perspektiven verbinden? l

Karin Gutiérrez-Lobos ist Vizerektorin

für Personalentwicklung und Frauenförderung

an der Medizinischen Universität

Wien, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie,

Psychotherapeutin, Moderatorin

des Ö1-Radiodoktor u.v.m.


Das Wahlrecht umverteilen

Die Initiative „Wahlwechsel” führte vor

den Wiener Gemeinderatswahlen

Wahlberechtigte und

Nicht-Wahlberechtige zum Zweck der

Stimmrechtsumverteilung zusammen.

Simone Prenner „teilte” ihre Stimme

als demokratischen Akt,

Ana Petretto nahm sich eine Stimme,

weil es derzeit nicht gerechter geht.

Unter dem Motto „Repair Democracy” rief ENARA, das österreichische Netzwerk

gegen Rassismus, zur selbstorganisierten Umverteilung des Wahlrechts

auf. Dem Ausschluss vom Wahlrecht einer steigenden Zahl von Immigrant_innen

wurde damit ein demokratischer Akt entgegengesetzt.

„Wahlwechsel” unterscheidet sich von solidarischen Erklärungen und

öffentlichen Bekundungen für die Demokratisierung politischer Mitbestimmung

durch die Notwendigkeit zu teilen. Teilen heißt nicht spenden. Ich

habe nicht wahlgewechselt, weil ich sowieso nicht wusste, was ich wählen

sollte. Ich habe mein Stimmrecht nicht auf- oder abgegeben, sondern bewusst

eingesetzt. Wahlwechsel ist ein realpolitischer Akt der gegenseitigen

Bemächtigung.

Eine der häufigsten Fragestellungen der Wahlberechtigten während der

Wahlwechsel-Kampagne betraf die Umsetzung einer „nicht paktfähigen”

Wahlentscheidung der nichtwahlberechtigten Person. Beispielsweise wenn

der Wahlauftrag „FPÖ” lautet. Vielleicht wurde hier der Aufruf zur Paarbildung

mit einem Aufruf zur Symbiose verwechselt. Wahlwechsel bedeutet für

mich nicht, „eine” gemeinsame politische Entscheidung treffen zu müssen

oder diese durch Beeinflussung des anderen herbeizuführen. Das hieße, die

integrative Praxis „Ausschluss durch Einschluss” weiterzuführen.

Und jetzt, nach der Wahl ist vor der Wahl? Das Integrations-Chop-Suey der

Parteien wird sich in bekannter „Feinjustierung” zwischen mehr oder weniger

Salz bzw. Zucker weiter einkochen. Und das bedeutet für mich, dass wir

weiterhin und weiter Wahlwechsel betreiben werden.

Vielleicht lässt sich für die nächsten Wahlen auch eine „echt” österreichische

Lösung anbieten: Neben jeder Wahlurne ist demnach ein Beichtstuhl einzurichten,

strikt getrennt selbstverständlich. Beachten Sie die Reihenfolge:

Zunächst wird Ihnen die Beichte abgenommen, und Ihr Beichtgeheimnis

bleibt gewahrt. Dann betreten Sie die Wahlkabine. Und siehe da, ein Warnhinweis:

Bitte beachten Sie vor der Wahl: Fegefeuer ersatzlos gestrichen!

Simone Prenner, Mitinitiatorin des Wahlwechsels 2010, wahlberechtigt.

www.wahlwechsel.at

an.sprüche

Illustration: Bianca Tschaikner

Ich sag dir, wen du wählen sollst, du kreuzt an. Die Nicht-Wahlberechtigten

erheben ihre Stimmen und verschaffen sich dank ihrer stimmberechtigten

PartnerInnen, FreundInnen, KollegInnen oder Familienangehörigen ein

Mitspracherecht im nationalen Wahldunst. Einheimische, die für Fremde

wählen, machten ihr Kreuz nach dem politischen Willen von jemand anderem

und verschafften ausgeschlossenen AusländerInnen so eine Stimme.

Potenziell korrupt, würde ich sagen. Aber warum nicht, wenn es gerechter

nicht geht?

Die InitiatorInnen der diesjährigen Wahlwechsel-Kampagne forderten keine

„2 people, 1 vote”-Dauerwahllösung, sondern ein grundsätzliches Mitbestimmungsrecht

für all jene, deren Lebensmittelpunkt in Österreich ist. Zu

viel verlangt? Oder sollten wir alle neoliberale Millionärskinder sein, mit

mehreren tausend Euro auf dem Konto, damit wir hierzulande ohne behördlichen

Druck studieren bzw. uns locker die Einbürgerung leisten können?

Selbst wenn: Mit 1.000 Euro (etwa so viel kostet eine Staatsbürgerschaft)

kann man sich bessere Dinge einfallen lassen, als für einen Wisch Papier zu

zahlen, der die Einbürgerung inhaltslos bekräftigt, eigentlich aber ab einer

gewissen Aufenthaltsdauer und einem gewissen Integrationsgrad automatisch

und weitgehend kostenfrei passieren müsste. „Unbefristete Aufenthalte”,

einst in den Pässen eingetragen, sind schon längst passé. Selbst jene, die sie

hatten, wurden zu einer befristeten Ausländercard mit „Daueraufenthalt-EG”

befördert. Für diese verfassungswidrige Aktion in weißen Handschuhen zahlt

man immer wieder saftig.

Deshalb geht es hier um das Mitspracherecht, das den Leuten, die hier leben

und wirken, von Haus aus und unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft

gegeben werden sollte. Insofern hat die Wahlwechsel-Initiative ein klares,

wenn auch provokantes Signal gesetzt. Alle zusammen, trotz heterogener

Urteilskraft, statt isoliert gegeneinander – und die Welt wird besser, denn das

wollen wir ja alle, oder?

Ana Petretto, keine Feministin, keine Aktivistin, keine Politikerin. Nicht-wahlberechtigte

Filmproduzentin, Sängerin.

November 2010 an.schläge l 23


zeitausgleich

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Text: Bärbel Mende-Danneberg, Illustration: Nadine Kappacher

Alt und fett

„Alt und faul” hatten wir ja schon vor ein paar Ausgaben zum Thema.

Jetzt also: alt und fett.

Elfriede Ott ist alt. In der „Im Zentrum”-Diskussion zu den Pensionen

(Titel: „Fressen Alte Zukunft auf?”) konnten wir die betagte Dame in

einer Männerrunde sehen, ein bissel hilflos angesichts der Zahlenspiele

der sog. Herren Pensionsexperten. Mit 85 Jahren aber nicht zu alt, um

zu arbeiten, wie ihr letzter Film zeigt. Das wollte uns die Männerrunde

wohl auch sagen: Schaut euch bitte die Frau Ott an, alt, aber nicht faul,

die arbeitet noch bis ins hohe Alter.

Fett? Kann man so nicht sagen, ich kenne ihr Pensionskonto nicht. Dass

dies ein wenig fetter sein dürfte als das der, sagen wir mal, Bedienerin

oder Verkäuferin oder Krankenschwester, ist anzunehmen. Frau Ott ist

umtriebig, so ein bisschen eine Ulknudel in ihrem jüngsten Film. Die

Kunst bei der Kunst ist es, das Theater bis ins hohe Alter zu vermarkten.

Vielleicht ist auch etwas Vitamin-B dabei, keine Ahnung, aber frau muss

eben am Ball bleiben.

Die Kunst bei der Krise ist es, bei allem Können und Wollen am Marktplatz

der Arbeit einen gut bezahlten, nicht prekären Job zu finden. Am Ball zu

bleiben. Ja, am Ball bleiben. Der rollt aber rund um den Erdball und ziemlich

oft vorbei. Die Arbeitswelt ist ein neoliberales Theater, letzte Reihe

Stehplatz. Das weiß die Bedienerin, die Verkäuferin, die Krankenschwester.

Die feinen fetten Unterschiede beim Lohn, der Pension, den Arbeitsbedingungen

interessieren die Pensionsexperten aber nicht. Also rauf mit dem

Pensionsalter. Oder runter mit den Pensionen.

Wer von uns Alten das Glück hat, ein bisschen was an Pension zu bekommen,

weil wir brav gearbeitet haben – wenn wir also nicht durch Bildungshürden,

Kindererziehen, Männer umsorgen, Alte pflegen, prekäre Arbeit,

Generation Praktikum oder (wirtschafts-)politische Zwangsmaßnahmen wie

Arbeitslosigkeit daran gehindert wurden – gehört zum Feindbild. Angedachte

Feindbekämpfung: der grauen Flut das Wahlrecht ab einem bestimmten

Alter verweigern? Die jungen ModernisierungsverliererInnen zwangsweise

Sozialdienste an uns Alten verrichten lassen? Echt fett.

Ich würde so gerne, wie die Frau Ott, noch arbeiten. Als Journalistin.

Und das fett bezahlt.

Bärbel Mende-Danneberg, alt, nicht fett, aber mit 67 schon in die Jahre

gekommen. Als Journalistin für die „Volksstimme“ und diverse Medien tätig,

Herausgeberin und Autorin verschiedener Bücher, u.a. „Alter Vogel, flieg!

Tagebuch einer pflegenden Tochter“.

Nadine Kappacher gibt es da www.salon-nadine.at und dort

http://meerweh.tumblr.com

24 l an.schläge November 2010

frauenförderung

Gleichstellungspolitik rasant

Wien macht ernst: Öffentliche Dienstleistungsaufträge werden in Zukunft

an sogenannte „soziale Ausführungsbedingungen” gekoppelt. Im Klartext

sind damit Unternehmen zu frauenfördernden Maßnahmen verpflichtet

– diese umfassen ebenso erhöhte Frauenanteile in allen Bereichen wie

spezielle Förderungsmaßnahmen oder Kinderbetreuungsplätze. Wer sich

nicht an die Vereinbarungen hält, wird zur Kasse gebeten.

Betroffen von der Regelung sind Unternehmen mit mehr als 20 MitarbeiterInnen,

die von der Stadt Wien einen mindestens sechs Monate laufenden

Auftrag über eine Summe von mindestens 40.000 Euro bekommen.

Vorerst gilt das Modell für Reinigungs- und Transportdienste sowie

für die Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Langfristig, so Stadträtin

Sandra Frauenberger (SPÖ), die das in Österreich bisher einzigartige

Projekt gemeinsam mit den Grünen initiierte, sollen auch andere

Bereiche einbezogen werden. Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek

(SPÖ) ist angetan und prüft, wie sich der Wiener Schritt in „Sieben-

Meilen-Stiefeln” auch auf Bundesebene gehen lässt. han

http://diestandard.at

frauenquote

Türöffner für neue Arbeitsformen

„Die Quote ist vielleicht nicht die beste Lösung, um mehr Frauen in Führungspositionen

zu bringen, aber die beste, die uns zur Verfügung steht”,

bedient sich Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger bei Winston

Churchill. Als erstes der 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen

hat die Deutsche Telekom im März dieses Jahres eine Frauenquote

eingeführt. Bis Ende 2015 sollen 30 Prozent der oberen und mittleren

Führungspositionen im Unternehmen mit Frauen besetzt sein.

„Der Zug, den wir aufs Gleis gesetzt haben, rollt”, zieht Sattelberger

sechs Monate nach Einführung der Frauenquote eine positive Bilanz. So

ist der Anteil von Frauen bei der Einstellung von Top-Nachwuchskräften

von 33 auf 52 Prozent gestiegen, im Management-Entwicklungsprogramm

sind jetzt 31 statt 18 Prozent Frauen vertreten. Nur auf oberster

Ebene herrscht noch Nachholbedarf. Aber immerhin sitzen im 60köpfigen

Management-Team unterhalb des Konzernvorstands seit März

sechs Frauen, vier mehr als davor. Und auch die Männer profitieren von

der Frauenquote: Diese habe sich „als Türöffner für Varietät und neue

Arbeitsformen erwiesen”, so Sattelberger. Seit 2009 hat sich der Anteil

der Männer, die in Elternzeit gehen, um fast 40 Prozent erhöht. kaiv

www.telekom.com, www.frauenrat.de, http://diestandard.at

gender pay gap

Neue Zahlen zur Einkommensgerechtigkeit

Seit 29. September arbeiten Frauen in Österreich – statistisch gesehen

– gratis. Der diesjährige „Equal Pay Day” erinnerte wieder daran, wie

es hierzulande um die Einkommensgerechtigkeit bestellt ist: Österreich

liegt im EU-Ranking an vorletzter Stelle. Ein wenig erfreulicher sind

die Daten des vom World Economic Forum erhobenen „Global Gender

Gap Report 2010”: Österreich hat sich im Vergleich zum Vorjahr um fünf

Ränge verbessert und liegt jetzt auf Platz 37 (von insgesamt 134).

Erstmals gibt es nun auch Zahlen aus dem österreichischen Bundesdienst:

Der jüngste Einkommensbericht zeigt, dass auch im öffentlichen

Dienst geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede existieren.


Nachdem die Bezüge im Bundesdienst gesetzlich geregelt sind, fallen die

Unterschiede im Einkommen (15,9 Prozent) im Vergleich zur Privatwirtschaft

(22 Prozent) aber geringer aus. Begründet wird der trotzdem

bestehende Gender Pay Gap vor allem mit dem Faktor Alter – denn im

Bundesdienst wird nach dem Senioritätsprinzip entlohnt: Wer älter ist,

verdient mehr – und Frauen im Bundesdienst sind im Durchschnitt jünger

als die dort arbeitenden Männer. Aber auch andere Faktoren führen zum

Einkommensunterschied, wie etwa dass Männer mehr Überstunden als

Frauen leisten. Durch die Förderung von Frauen in Führungspositionen,

aktives Karenzmanagement und eine genaue Analyse der unterschiedlichen

Verteilung der Überstunden soll nun die Einkommensschere im

öffentlichen Dienst verkleinert werden. be

http://frauen.bka.gv.at/site/5556/default.aspx#a1, www.weforum.org/pdf/gendergap/

report2010.pdf, http://diestandard.at, www.frauen.spoe.at

AktivistInnen in Graz für faire Arbeitsbedingungen in der Outdoor-Branche, © Südwind

clean clothes

Aktion für faire Arbeitsbedingungen

Über die schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilbranche informiert

die Clean Clothes Kampagne (CCK) regelmäßig. Sie ist Teil der Clean

Clothes Campaign (CCC) – einem Netzwerk, das in 14 europäischen Ländern

mit 250 Partnerorganisationen vertreten ist. Faire Arbeitsbedingungen

– und damit angemessene Löhne und Sozialleistungen – will die CCK

u.a. durch Druck auf Markenfirmen, Information für KonsumentInnen oder

die Unterstützung von ArbeitnehmerInnen erreichen.

Im Fokus der letzten Aktion „Discover Fairness!” stand die boomende

Outdoor- und Funktionsbekleidungsbranche. Bei Straßenaktionen in

Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien setzten sich die Demonstrie-

Wissenschaftskalender & Calls for Papers

renden für bessere Arbeitsbedingungen in dieser Branche ein, denn

„besonders das Bekenntnis zur Zahlung eines existenzsichernden Lohns

fehlt beim Großteil der Unternehmen, und der ist ein Menschenrecht”,

wie Michaela Königshofer, Koordinatorin der österreichischen Clean

Clothes Kampagne, auf der CCK-Homepage erklärt. Dort findet sich auch

eine Liste mit den Firmenprofilen von 14 Outdoor-Unternehmen, die u.a.

zu Verhaltenskodizes und der Kontrolle von sozialen Mindeststandards in

den Produktions- und Zulieferbetrieben befragt wurden. pix/be

www.cleanclothes.at

arbeitsmarkt

Mehr Jobs – aber für wen?

Die Wiener Stadtregierung jubelte: Im Vergleich zum Vorjahr sank im

September die Zahl der Arbeitslosen in Wien um 0,3 Prozent. Was nach

einem kleinen Erfolg klingt, ist aber im Detail für Frauen gar nicht positiv.

Denn die Arbeitslosigkeit von Frauen ist im Steigen (plus 4,1 Prozent im

Vergleich zu 2009), und besonders betroffen sind Migrantinnen – in dieser

Gruppe wurde ein Anstieg der Arbeitslosigkeit von 17,6 Prozent verzeichnet.

Auch österreichweit bestätigt sich dieser Trend: Arbeitslosigkeit sinkt

bei Männern und stagniert bei Frauen. Außerdem ist eine Zunahme gerade

bei prekären Jobs wie Teilzeitstellen oder Leiharbeitsplätzen zu beobachten,

wie Birgit Schatz, ArbeitnehmerInnensprecherin der Grünen, kritisiert.

Jede_r zehnte in Österreich Beschäftige verdient nicht genug, um davon

leben zu können. Zum Jubeln gibt es also wahrlich keinen Grund. be

http://diestandard.at

ringvorlesung

Nature meets Nurture

an.riss arbeit wissenschaft

Wie wird Geschlecht in Wissenschaft und Gesellschaft heute konzeptioniert?

Inwieweit sind „Nature” (Angeborenes) und „Nurture” (Erworbenes)

noch als dichotom zu sehen? Und wie verändern sich derartige

Diskurse? Die Biologin und Gender-Studies-Professorin Sigrid Schmitz

hat die diesjährige Ringvorlesung „Gendered Subjects” (Universität

Wien) konzipiert. Hinter dem sperrigen Titel „Sind wir nie modern

gewesen? Gender in der technologisierten Leistungsgesellschaft” verbergen

sich aktuelle Debatten an der Schnittstelle von Naturwissenschaften

und Gender Studies. Die Ringvorlesung ist öffentlich zugänglich, Interessierte

dürfen sich auf Vorträge von Smilla Ebeling, Nina Degele, Ulrike

Felt und vielen anderen freuen. be

Termine: 9.11., 23.11., 30.11., 11.01., 25.01., jeweils Di, 18–20.45, 1090 Wien, Campus

der Universität Wien Hof 2.8, Spitalgasse 2–4, Seminarraum des Instituts für Ethik und

Recht in der Medizin (alte Kapelle), www.univie.ac.at/gender/index.php?id=12

✪ Kongress: „Kritische Tage zum Geschlechterverhältnis“, Hannover, 2.–5.12., http://kongressgeschlechterkritikhannover.blogsport.de

✪ Ringvorlesung: „Jenseits der Geschlechtergrenzen“, Hamburg, Mittwoch 19–21.00, www1.uni-hamburg.de/QUEERAG/test/jdggwise1011.pdf

✪ Vortragsreihe: „Gender in der Populärkultur – interkulturelle Perspektiven“, Wien, 10.11., 15.12., 12.1.,

www.angewandtekunstgeschichte.net/lehre/2010w/gender_der_populaerkultur

✪ Maria-Ducia-Frauenforschungspreis: Konzepte für nicht fertig gestellte Master- und Doktorarbeiten bis 23.11.,

www.uibk.ac.at/leopoldine/gender-studies/preise/ducia.html

✪ Papers für die Konferenz „Contested Truths: Re-Shaping and Positioning Politics of Knowledge“, Abstract bis 1.12.,

www.geschlecht-als-wissenskategorie.de

✪ Artikel zum Thema „Gender and Care“ für die Zeitschrift „GENDER“, Abstract bis 12.11., www.gender-zeitschrift.de

November 2010 an.schläge l 25


forum wissenschaft

Schönheit vergeht?

Foto: Franz Jachim

1 Degele, Nina: Sich schön

machen. Zur Soziologie von

Geschlecht und Schönheitshandeln,

Wiesbaden 2004,

S. 29.

26 l an.schläge November 2010

„Schönheit, mein Gott, Schönheit vergeht”,

lautet die Antwort der 70-jährigen

Wienerin Maria Schneider auf die Frage,

wann für sie eine Person in ihrem Alter

schön ist. Dass diese Aussage von einer

Frau stammt, verwundert nicht, schließlich

unterscheiden sich die derzeitigen

Körperideale in unserer Gesellschaft

vor allem nach dem Geschlecht: Frauen

werden vom sozial konstruierten

Körperideal des jugendlichen Aussehens

– inklusive einer faltenarmen Haut und

einer schlanken Figur – auf besondere

Weise angesprochen. Makellosigkeit

und Reinheit unterstützen die öffentliche

Darstellung uniformer weiblicher

Körper, während das Schönheitsideal für

Männer – trainiert, athletisch, muskulös

– deren Individualität betont. Mit diesen

geschlechtsspezifischen Schönheitsidealen

ist eine stärkere kulturelle Normierung

weiblicher Schönheitsstandards im

Vergleich zu männlichen verknüpft. So

kritisiert Nina Degele den „Schönheitskult

(…), der vor allem Frauen in ein

enges Korsett von Schlankheit, Jugend,

Attraktivität, Sportlichkeit, Gesundheit

und Leistungsfähigkeit schnürt”. 1

Kaschieren, verdecken, verhüllen.

Geschlechtsspezifische Körperideale

und die damit verbundenen gesellschaftlichen

Zuschreibungen gelten

auch für Frauen und Männer im Alter

zwischen 60 und 75 Jahren. In meiner

in Wien im Zeitraum Dezember 2009

bis März 2010 durchgeführten qualitativen

Studie wurde deutlich, dass die

Erfüllung der weiblichen Körpernorm

„Schlankheit” und das Erfahren damit

einhergehender Effekte für ältere

Frauen ein begehrenswertes Ziel ist.

Auch wenn diese Körpernorm nicht

(mehr) erreicht werden kann, gilt sie

dennoch als Vergleichsmaßstab für die

Befragten. Ebenso werden körperliche

Mehr denn je sind Körper heute Orte

der Selbstinszenierung und Projektionsflächen,

über die Menschen ihre Identität

behaupten. Dies gilt auch für die Körper

älterer Menschen.

In ihrer Studie analysiert Grit Höppner

den Umgang alternder Frauen und

Männer mit geschlechtsspezifischen

Schönheitsidealen.

Anzeichen des Alter(n)s bestmöglich

zu verdecken versucht, sei es durch die

Verwendung „verjüngend” wirkender

Cremes oder durch das Tragen „geeigneter”

Kleidung.

Letztere Schönheitsstrategie beschreibt

eine 70-jährige Wienerin und ehemalige

Bankangestellte so: „Die Figur verändert

[sich]. Zum Beispiel bei mir nicht

das Gewicht, aber die Figur wird nachteiliger.

(…) Das ist halt der normale

biologische Prozess, den man in einer

Weise zwar akzeptieren muss, aber in

anderer Weise doch versucht, so gut als

möglich damit umzugehen. (…) Bei der

Kleidung, (…) dass das nicht mehr so

tailliert geht oder wo immer man halt

Schwachstellen hat, die man eben ein

bisschen kaschieren muss.”

Eine 68-jährige Witwe und frühere

Heimpflegerin beschreibt die Veränderungen

in der Wahl ihrer Kleider

hinsichtlich deren Transparenz und


Auffälligkeit: „Es ist komischerweise

oder weil es vielleicht durchsichtig ist.

(…) Also zu auffallend soll es nicht

mehr sein.” Eine ebenfalls 68-jährige

Witwe merkt in Bezug auf ihren aktuellen

Kleidungsstil an, dass dieser etwas

traditioneller als früher ist: „Ich war

vielleicht nicht ganz so eine Konservative,

aber [auch] keine Ausgeflippte.”

Doing Gender, Doing Age. Bei der Bekleidung

für ältere Frauen kristallisieren

sich tendenziell zwei Stile heraus:

Ein figurbetonter, auffälliger Bekleidungsstil

unterstützt – entsprechend

der sozialkonstruktivistischen Theorie

des „Doing Gender” – die Repräsentationsweise

als „Frau”, während ein die

Figur bedeckender und unauffälliger

Bekleidungsstil – im Sinne eines „Doing

Age” – als alterssignifikantes Symbol

gilt. Strategien gesellschaftlicher Regulierung

wie Doing Gender und Doing

Age werden dabei als Mechanismen

interpretiert, die menschliches Handeln

entsprechend sozialer Normensysteme

im Kontext neoliberaler Postulate – wie

Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft

– sowohl lenken als auch

kontrollieren. Den Aussagen der befragten

Frauen zufolge orientieren sie sich

mit zunehmendem Alter verstärkt an

einem Bekleidungsstil, mit dem sie der

Gruppe der „Alten” zugeordnet werden,

während sie Figur betonende, eher

durchsichtige und Aufmerksamkeit erregende

Kleidungsstücke seltener tragen

oder bewusst vermeiden. Daraus kann

gefolgert werden, dass ein steigendes

Alter der weiblichen Repräsentationsweise

entgegenläuft und damit eine

Entfeminisierung des äußeren Erscheinungsbildes

von Frauen unterstützt.

Männliche Subjektivierung. Darüber

hinaus scheint die Zuordnung als

entweder weiblich (im Sinne des Doing

Gender) oder alt (Doing Age entsprechend)

eindeutiger zu sein als dies bei

älteren Männern der Fall ist. Dies zeigt

sich beispielsweise anhand der Einstel-

lung eines 65-jährigen verheirateten

Wieners und ehemaligen Universitätsprofessors

zum Schönheitshandeln:

Seine Motivation ist seit vielen Jahren

unverändert durch die Prinzipien der

Funktionalität und Einfachheit gekennzeichnet.

Ein gleichaltriger, ehemaliger

Bauingenieur beschreibt die Vorzüge

des (männlichen) Alter(n)s folgendermaßen:

„Das ist eben der Vorteil, wenn

man schon ein gewisses Alter hat, dass

man ein bisschen eine Narrenfreiheit

genießt.” Die befragten Männer nehmen

kaum Veränderungen im Rahmen

ihrer Bekleidung in den letzten Jahren

wahr und repräsentieren im Großen und

Ganzen auch weiterhin gesellschaftliche

Vorstellungen von Männlichkeit. Die

männliche Schönheitsnorm des individualisierten

Körpers im Sinne der Beto-

Schönheit vergeht nicht. Schönheit ist

vielmehr ein Produkt gesellschaftlicher

Aushandlungsprozesse, sozialer Normen

und individueller Repräsentationen.

nung körperlicher Besonderheiten, der

Nichtverdeckung von Alterszeichen und

der intellektuellen Repräsentation ist,

so konnte ich in der Studie zeigen, Teil

männlicher Subjektivierungsprozesse.

Schönheit vergeht nicht. Mit den gegenwärtig

vorherrschenden gesellschaftlichen

Körperbildern gehen also auch im

Alter normative Zuschreibungen einher,

die sich geschlechtsspezifisch unterscheiden.

Frauen werden hierbei mit

zunehmendem Alter auf besondere Weise

marginalisiert. So gelten für ältere

Frauen eher an Jugendlichkeit geknüpfte

Schönheitsideale wie Makellosigkeit

und Schlankheit, die altersbedingten

körperlichen Veränderungen entgegenstehen

und deutlich repressiver wirken

als die wesentlich individualisierteren

Schönheitsideale älterer Männer. Diese

erlauben es, körperliche Zeichen des

Alter(n)s als Ausdruck von Persönlichkeit

zu deklarieren. Männliche Subjektivierungsprozesse

implizieren im

Vergleich zu weiblichen also deutlich

größere soziale und persönliche Freiräume.

Die Definition dieser Freiräume

wird in gesellschaftlichen Diskursen

kreiert, bestätigt, von den befragten

Frauen und Männern verinnerlicht und

schließlich gelebt. Anhand der Aussagen

der Befragten sind Rückschlüsse

auf (un-)bewusste vergeschlechtlichte

Reproduktionsprozesse möglich, die auf

gesellschaftlichen Vorstellungen konventioneller

Weiblichkeit und Männlichkeit

beruhen. Aus dieser Perspektive kann

die Repräsentation von Körperidealen

als Strategie der Geschlechterdifferenzierung

entschlüsselt werden. Diese ist

hinsichtlich der heterosexuellen Norm

in unserer Gesellschaft von Bedeutung,

wird weibliche Attraktivität doch als

mit männlichem sexuellen Begehren

verknüpft gedacht.

Die Attribute „alt” und „schön” bedienen

damit hochgradig gegenderte,

kulturelle Zuschreibungen, die letztlich

zu einer Reproduktion und Bestätigung

binärer, scheinbar naturgegebener

Geschlechterdifferenzen führen. Umso

selbstreflexiver und gesellschaftskritischer

sollten soziale Inszenierungsformen

über das Medium Körper ausgetragen

werden: Schönheit vergeht nicht.

Schönheit ist vielmehr ein Produkt

gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse,

sozialer Normen und individueller

Repräsentationen. l

Grit Höppner ist Absolventin des Masterstudiums

Gender Studies (Universität

Wien). Ihre Abschlussarbeit erscheint im

Februar 2011 unter dem Titel „Alt und

schön. Geschlecht und Körperbilder im

Kontext neoliberaler Gesellschaften“

im VS Verlag für Sozialwissenschaften,

Wiesbaden.

forum wissenschaft

November 2010 an.schläge l 27


trans-aktivismus

Transgender

Day of Remembrance

Gwen Araujo war 17 Jahre alt, als sie 2002 in Newark, Kalifornien von vier Männern erschlagen wurde. Ihr Tod löste in den USA

eine breite Diskussion über Transphobie aus. Installation bei einer LGBTI-Demo im Mai 2009 in San Francisco, Foto: Brian Kusler

Quellen:

www.tgeu.org (Aktuelle

Ergebnisse des Monitoring-

Projekts: http://www.tgeu.

org/node/94#t-dor-de5)

http://tgeu.net

www.transrespect-transphobia.org

www.transgenderdor.org (mit

einer internationalen Liste

von Aktionen zum diesjährigen

TDOR)

www.rememberingourdead.org

www.transinterqueer.org

www.diskursiv.at

28 l an.schläge November 2010

Anlass, den „Transgender Day of Rembrance”

(TDOR) auszurufen, war der

Tod von Rita Hester aus Boston, die am

28. November 1998 Opfer eines Hate-

Crimes wurde. Hesters Ermordung ist

– so wie die meisten Hass-Verbrechen

an Transgender-Personen – bis heute

nicht aufgeklärt. Das Verschweigen

dieser Gewalt ist Teil der öffentlichen

wie staatlichen Ignoranz, mit der

Trans-Personen nach wie vor konfrontiert

sind.

Mit dem Gedenktag wurde zunächst

in den USA, später auch in anderen

Ländern ein öffentlicher Raum

geschaffen, um sowohl gegen das

Vergessen der Ermordeten aufzutreten

als auch den Widerstand von Trans-

Aktivist_innen und deren Geschichte

sichtbar zu machen. Seit zweieinhalb

Jahren zeichnet zudem das „Trans

Murder Monitoring Project” der NGO

„Transgender Europe” (TGEU) Morde

an Transgender-Personen in der ganzen

Welt auf und veröffentlicht Statistiken

und Namenslisten. 426 Namen und Geschichten

wurden seither zusammengetragen,

wobei es sich aber nur um jene

Verbrechen handelt, die auch medial

oder durch Trans-Organisationen publik

gemacht wurden. Die meisten Morde

werden aus Zentral- und Südamerika

berichtet, sie machen 77 Prozent

der Aufzeichnungen aus. Allein heuer

sind bis zum Sommer weltweit über

80 gewaltsame Todesfälle bekannt

geworden.

Am „Transgender Day of Remembrance”,

der heuer am 20. November

stattfindet, werden rund um den Globus

Aktionen und Veranstaltungen abgehalten,

um das öffentliche Bewusstsein

für physische und strukturelle Gewalt

gegen Trans-Personen zu stärken

und darüber hinaus auch der Transphobie

im Alltag entgegenzutreten.

So hat TGEU neben dem erwähnten

Monitoring-Projekt in diesem Jahr

auch das Forschungsprojekt „Transrespect

versus Transphobia Worldwide”

initiiert, um sich verstärkt der allgemeinen

Menschenrechtssituation von

Trans-Personen zu widmen und u.a.

Daten und Rechtsinformationen für

Aktivist_innen bereitzustellen, die im

täglichen Kampf gegen Diskriminierung

und Unterdrückung eingesetzt

werden können.

Seit 1999 findet jährlich im

November der „Transgender

Tag des Erinnerns” statt, an

dem jener Menschen gedacht

wird, die durch transphobe

Gewaltverbrechen ums Leben

kamen.

Auch wenn sich nicht jede Person, der

am „Transgender Day of Remembrance”

gedacht wird, selbst als Transgender

definiert hat – sie alle wurden Opfer von

Gewalt, die auf der Voreingenommenheit

gegenüber Trans-Personen beruht.

„Wir demonstrieren mit Wut gegen ein

Gesellschaftssystem, in dem prinzipiell

nur Männer und Frauen wahrgenommen

und alle anderen Geschlechtlichkeiten

unsichtbar gemacht werden. (…) Wir

demonstrieren für ein besseres, freieres

Leben, in einer Gesellschaft, in

der alle so leben dürfen, wie sie es wünschen

– ob Trans*, weder*noch, Crossdresser_innen,

Transvestit_innen, Transsexuelle,Transidentische,

Intersexuelle,

Transen, Tunten, Zwitter, Dragkings und

Transgender, ob mit OP(s) oder ohne,

hetero oder homo, oder sonstwie, mit einem,

zwei oder mehreren Partner_innen,

mit Kindern oder ohne …” (Homepage

von TransInterQueer)

Gemeinsam im Gedenken – und gegen

die Transphobie „in den Köpfen und auf

der Straße”. l

Aufzeichnung: Sylvia Köchl, Vina Yun


„Wozu die Hose?“

Julia Amore ist eine der wichtigsten Trans-Aktivist_innen in Argentinien.

Daphne Ebner hat die Schauspielerin und Journalistin in Buenos Aires

zum Gespräch über den Kampf gegen ungleiche Bildungschancen und

die Entdeckung der Trans-Identität als neuestes Modethema getroffen.

Argentinien hat Grund zum Feiern: Am

22. Juli 2010 wurde eine Gesetzesänderung

verabschiedet, die gleichgeschlechtlichen

Paaren nicht nur wie bisher die

Eingetragene Partnerschaft, sondern die

zivile Eheschließung erlaubt. Bereits im

ersten Monat nach Inkrafttreten des Gesetzes

wurden über 80 gleichgeschlechtliche

Ehen geschlossen.

Mittlerweile arbeitet die Lobby-Organisation

FALGBT (Federación Argentina

de Lesbianas, Gays, Bisexuales y Trans)

an drei Projekten zur Gleichberechtigung

von Trans-Personen in Argentinien:

So soll bis Ende des Jahres über den

Gesetzentwurf zur Gender-Identität (Ley

de identidad de género) entschieden

werden, über den in Uruguay bereits

2009 erfolgreich abgestimmt wurde.

Das neue Gesetz soll es Trans-Personen

künftig erlauben, innerhalb der üblichen

90 Tage einen Personalausweis zu erhalten,

dessen Daten ihrem real gelebten

Geschlecht entsprechen. Bis jetzt müssen

Trans-Personen in Argentinien dafür die

demütigende wie pathologisierende Prozedur

eines medizinischen Gutachtens

sowie ein langwieriges Gerichtsverfahren

in Kauf nehmen.

Ein anderes Projekt zielt darauf ab,

das staatliche Gesundheitssystem zu

erweitern, um der hohen Sterblichkeitsrate

unter Trans-Personen entgegenzuwirken,

die sich ohne ärztliche Kontrolle

Hormonbehandlungen und Operationen

unterziehen. Erste Erfolge verbucht ein

weiteres Projekt zur Integration von

Trans-Personen in das argentinische

Bildungssystem: Nach einer Testphase

in La Matanza wird die Initiative nun

auf weitere Bezirke der Provinz Gran

Buenos Aires ausgeweitet. So soll

künftig auch in den Schulen in Morón,

Lanús, Lomas de Zamora und General

Pueyrredón das Personal dahingehend

geschult werden, die Gender-Identitäten

junger Trans-Schüler_innen im Alltag

zu respektieren, beispielsweise was

den Namen und die Wahl der sanitären

Einrichtungen angeht.

In diesem Bildungsprojekt arbeitet auch

die Aktivistin Julia Amore mit. Sie ist

eine der präsentesten Trans-Frauen in

der argentinischen Öffentlichkeit: als

Theaterschauspielerin und Kabarettistin,

als Journalistin der renommierten

Tageszeitung „Pagina 12” und als Trans-

Aktivistin, die sich seit Jahren für die

Gleichberechtigung von Trans-Personen

in Argentinien engagiert.

2007 gründete sie zusammen mit Marlene

Wayar, Nati Menstrual und Susy

Shock „El Teje”, die erste lateinamerikanische

Zeitung von und für Trans-Personen.

In ihrer regelmäßigen Kolumne

beschreibt sie, was es bedeutet, den

Weg bis zur geschlechtsangleichenden

Operation zu gehen, der sie durch die

argentinische Bürokratie, Gerichte und

Krankenhäuser, aber auch durch persönliche

Zweifel und Konflikte führt.

an.schläge: Welche Erfahrungen hast du

bisher mit dem Projekt zur Wiedereinschulung

und Integration von

Trans-Personen in das argentinische

Bildungssystem gemacht?

Julia Amore: Es handelt sich um ein

sehr ambitioniertes Projekt, das in Zusammenarbeit

mit den Ministerien für

Bildung und Arbeit entwickelt worden

ist. Allerdings ist die Integration von

Trans-Personen extrem schwierig. Denn

es ist ja nicht nur das Schulsystem,

sondern die Gesellschaft an sich, aus der

sie fast völlig ausgeschlossen sind. Eines

der langfristigen Ziele ist beispielsweise,

dass es endlich eine erste Generation

von Trans-Personen gibt, die an den

Universitäten studiert. Im Moment ist

das noch die absolute Ausnahme.

Woran liegt das?

Die Institutionen sind nicht vorbereitet

auf Leute wie sie. Weder die Lehrer_innen

noch die Schulleitung. Das Projekt

richtet sein Augenmerk auf genau diese

Problematik.

Was passiert mit jungen Trans-Frauen,

wenn ihnen der Zugang zum Bildungssystem

verweigert wird?

Gerade auf dem Land ist die Existenz

der Trans-Frauen nach wie vor von

einem Leben auf der Straße und in der

Prostitution bestimmt. Und das von klein

auf. Die meisten beginnen mit zehn oder

elf Jahren. Deswegen ist es so wichtig,

die Lehrer_innen in den Schulen fortzubilden,

wie man mit so einem jungen

Menschen umgehen kann, der bereits

spürt, dass er anders ist. Damit dieses

Kind wiederum mit seiner Wesensart

umzugehen lernt, ohne die Schule zu

schmeißen, ausgeschlossen oder diskriminiert

zu sein. Und ohne zu leiden.

Denn das ist es, was uns allen passiert.

Die Berührungsängste beginnen ja

schon bei der Sprache. „Trans“ oder

„travesti“ – welchen Begriff bevorzugst

du selber?

„Trans” – das ist neutraler. „Travesti” als

Begriff ist dagegen sehr limitierend.

Und zumindest hier in Argentinien ist die

Bezeichnung „Travesti” zudem teilweise

pejorativ besetzt. Nicht für mich persönlich,

aber gerade umgangssprachlich

trans-aktivismus

Plakat vom Solo-Kabarett-Programm von Julia Amore, 2009

November 2010 an.schläge l 29


trans-aktivismus

Foto: Libertinus Yomango

30 l an.schläge November 2010

wird es in vielen Kontexten so benutzt.

Im kollektiven Bewusstsein wird mit

„Travesti” vieles assoziiert, was überhaupt

nichts oder sehr wenig mit der

Realität zu tun hat. Zudem differenziere

ich zwischen einer travesti und beispielsweise

einer transsexuellen Person. Trans

als Überbegriff schließt alle mit ein:

Travestis, Trans-Männer, Trans-Frauen,

intersex und Personen, die sich inmitten

dieses Prozesses befinden.

Die Präsenz von Trans-Frauen ist in

Argentinien sehr viel stärker als die

von Trans-Männern. Wo sind die Trans-

Männer? Gibt es weniger?

Ich weiß nicht, ob es weniger gibt, aber

sie sind auf jeden Fall weniger sichtbar.

Woran liegt das?

Erstens, weil ein Teil der Selbstinszenierung

der „Mariquita” oder „Maricona”

genau der ist, dass alle sie angucken

und sehen, wer sie ist. Wenn eine Trans-

Frau endlich den Wandel vollzogen

hat, dann unterstreicht sie das optisch

auch. Sie genießt es, nach außen hin zu

zeigen, dass sie ist, was sie sein möchte,

und macht, worauf sie Lust hat. Damit

erzeugt sie allein schon optisch viel

mehr Aufmerksamkeit als ein Trans-

Mann. Denn was Styling und die ganze

Aufmachung angeht, sind die meisten

Männer nun mal simpler und weniger

vielfältig. Und ein Trans-Mann unterstreicht

eben das. Aber es gibt definitiv

sehr viele von ihnen. Nur für sie ist es

noch schwieriger als für Frauen, weil

das Problem der gesellschaftlichen Akzeptanz

in ihrem Fall noch größer ist.

Wie sah denn deine eigene Schulzeit

und Jugend aus?

Mein Fall war speziell. Ich war lange

Zeit ein etwas merkwürdig-androgynes

„Dazwischen” (grinst ironisch). Ich

hatte Haare bis zu den Hüften, einen

riesigen Lockenkopf, schwarz gefärbt,

sehr rebellisch … (lacht). Und ich war

„Juli”, verstehst du? In den Dokumenten

stand zwar noch Julio, aber ich

war überall Juli. Was vor allem damit

zusammenhing, dass ich eine moralische

und finanzielle Verantwortung meinen

Eltern gegenüber hatte. Da sie bereits

ziemlich alt waren, musste ich für sie

und das Haus aufkommen. Prostitution

war für mich nie eine Option. Deswegen

dachte ich: Dieses verkleidete,

androgyne Etwas finden die Leute

stylish, und das kann ich benutzen. Viele

fanden mich nämlich unheimlich hip

und modern, und ich bekam laufend

Jobs in Modegeschäften usw. angeboten

(lacht). Damit lief es eine ganze Zeit

lang ziemlich gut. Ich hatte Arbeit,

konnte gleichzeitig studieren und meine

Ausbildung selbst finanzieren.

Hat es dir geholfen, dass du in dieser

Zeit schon Theater gemacht hast?

Ich weiß nicht, ob es geholfen hat. Das

war eher schwierig. Ambivalent auf

jeden Fall: Einerseits war da dieses

unglaublich liberale Umfeld, wo alle

offen und unkonventionell waren, auf der

anderen Seite war es sehr schwer, vor

allem mit den DozentInnen. Der Dozent,

der dir hilft, eine Rolle zu entwickeln,

verlangt nun mal, dass du entweder

Mann oder Frau bist, aber Möglichkeiten

dazwischen gibt es nicht. Es war sogar

ziemlich schwer, aber ich habe es durchgezogen

und meinen Abschluss gemacht.

Und wie wurde aus der androgynen

Styling-Ikone dann Julia?

Als meine Eltern starben, sagte ich mir:

Ok, das war’s! Ich habe jetzt lange genug

Röcke mit Hosen darunter getragen.

Wozu die Hose? Aber das war auch das

Einzige, was sich geändert hat. Ich hab

mich nie operieren lassen. Das bisschen

Busen und Hüften, das ich habe, ist Natur.

Ich war schon immer so, wie ich heute

bin. Die Leute, die mich seit Jahren kennen,

sagen mir immer, dass ich mich im

Grunde nie verändert habe. Das Einzige,

was sich an mir verändert hat, ist der

kleine Haken oben am O in meinem Namen,

der nach unten gerutscht und zum A

geworden ist: von Julio zu Julia.

Du bist derzeit in zwei Stücken zu

sehen: einmal in einer vergleichsweise

konventionellen Frauenrolle in „Asesinas

Anónimas“ (Deutsch: Anonyme

Mörderinnen) von Jesús Gómez und

daneben als hochschwangere, transsexuelle

Science-Fiction-Lesbe in

„2035“ von Elisa Carricajo. Beeinflusst

dein Status als Trans-Frau die

Rollenangebote, die du als Schauspielerin

bekommst?

Ich spiele schon meistens Frauenrollen.

Wobei es bei den meisten Rollenangeboten

tatsächlich immer wieder darum

geht, die Nutte oder Transe oder beides

in einem Stück zu spielen. Diese Art

von Rollen nehme ich allerdings nicht

mehr an. Es sei denn, es handelt sich

um ein gut begründetes, dramaturgisch

ausgearbeitetes Projekt, das ich auch

persönlich interessant finde. Aber nur

um das Klischee zu erfüllen: Nein, danke!

Ich bin eine Frau wie jede andere,

von daher spiele ich auch Rollen wie

jede andere, in denen Gender-Fragen

nicht berührt werden.

Buenos Aires scheint sich im Moment

zum Vorzeige-Schauplatz zu entwickeln,

was Transgender-Belange in Lateinamerika

angeht: Der Gesetzesvorschlag

„Ley de identidad de género“

ist eingebracht, im Dezember 2009

wurde das mehrtägige Trans-Forum

„Destravarte“ gegründet (vgl. an.schläge

Nr. 3/2010), dein Integrations-Projekt

in den Schulen geht in die nächste

Etappe. Sind das punktuelle Erfolge,

die längerfristig am Alltag der Trans-

Personen nur wenig verändern, oder

findet tatsächlich gerade ein gesellschaftlicher

Wandel statt?

Es besteht nach wie vor das Problem

der Akzeptanz. Auch wenn es diesen

ganzen Diskurs über gesellschaftliche

Akzeptanz gibt, den Mythos vom liberalen,

offenen Denken und dass die Gesell-


schaft angeblich bereit für uns ist: Das

ist eine Lüge, zumindest in Lateinamerika.

Es fehlt an Empathie. Niemand

denkt daran, dass er später mal eine

Trans-Tochter haben könnte. Niemand

kann sich vorstellen, einen Neffen zu

haben, der trans ist. Und wenn es den

Leuten dann „passiert”, schlagen sie

die Köpfe gegen die Wand, leiden,

machen jede nur erdenkliche Therapie.

Bis ihnen irgendwann auffällt, dass es

ihr Sohn ist, um den es geht. Und erst

dann fängt die wirkliche Akzeptanz an:

Wenn anerkannt wird, dass wir eine der

Möglichkeiten sind, die das Leben bereithält,

dass wir nicht unsichtbar sind,

dass wir nun mal existieren. Diese Art

der Akzeptanz fängt im wahrsten Sinne

des Wortes beim Einzelnen an.

Wie beurteilst du die Arbeiten von

Nicht-Trans-Leuten über Trans-Menschen?

Das Interesse ist ja sehr groß:

Künstler_innen, Sozialwissenschaftler_innen,

sogar die Massenmedien –

alle scheinen sich derzeit intensiv mit

dem Thema zu beschäftigen.

Schwierig. Hier in Argentinien und

besonders in Buenos Aires kannst du

seit einigen Jahren ein Phänomen

beobachten, das exemplarisch für

die Konsumgesellschaft steht, in der

ein Trend den nächsten ablöst: Wir

„Travestis” sind gerade Mode! Das

hat verschiedene Folgen, übrigens

auch positive, aber die meisten sind

eindeutig schädlich. Jedes neue

argentinische Fernsehformat braucht

im Moment zum Beispiel eine Art

„Quoten-Transe”. Warum? Um sich zu

amüsieren, sich lustig zu machen, sich

daran aufzugeilen. Gezeigt wird damit

lediglich die bizarre, dunkle, schlechteste

Seite von uns. Ein angesehener

Journalist hat kürzlich „einen Tag als

Travesti” dokumentiert, als Frau verkleidet

und mit versteckter Kamera.

Als ob es darum ginge, sich als Mann

oder Frau zu verkleiden.

„Jedes neue argentinische Fernsehformat

braucht im Moment eine Art ,Quoten-Transe‘.

Warum? Um sich zu amüsieren, sich lustig zu

machen, sich daran aufzugeilen.“

lexikon

Was die Konsument_innen dann wiederum

mit der Realität gleichsetzen?

Ich sage ja nicht, dass die Sexarbeit

nicht einen wesentlichen Teil der Realität

der meisten Trans-Frauen bestimmt.

Aber genau gegen diesen Automatismus

sollten wir vorgehen, dass für die

meisten der Strich die einzige Option

ist. Warum heißt trans sein automatisch,

zur Prostitution verdammt zu sein?

Ich habe daher zwei Ziele: Einerseits

denen, die auf den Strich gehen, Alternativen

aufzeigen und sie dabei unterstützen.

Und auf der anderen Seite die

Geschichte jeder einzelnen zu betrachten

und zu differenzieren. Denn es gibt

nicht die Travesti, sondern tausende von

Einzelgeschichten. l

Daphne Ebner studierte Dramaturgie und

Ethnologie an der Universidad de Buenos

Aires und in München. Sie schreibt zu den

Themen Trans*Gender, Lateinamerika und

transnationale Theaterentwicklungen.

Die spanische Bezeichnung „Travesti“ ist weder mit dem

deutschen Travestie-Begriff, der eine Kunstform bezeichnet,

noch mit dem Wort „Transvestit“ gleichzusetzen (und wurde

daher nicht übersetzt). Im argentinischen Alltagsgebrauch

wird „travesti“ sehr häufig und in unterschiedlichsten Kontexten

verwendet, meist in abwertenden und beleidigenden Zusammenhängen.

Im Zuge von Selbstermächtigungsstrategien wird

der Begriff von einigen Trans-Frauen bewusst eingesetzt, um ihn neu zu

konnotieren. So bezeichnet sich z.B. „El Teje“ selbstbewusst als erste

„Travesti“-Zeitung.

„Mariquita“ oder „Maricona“ ist vom Schimpfwort „Maricón“ für homosexuelle

Männer abgeleitet und wird auf Trans-Frauen übertragen,

wobei im Machismo die Übergänge zwischen „feminin“, schwul und trans

fließend und teilweise austauschbar sind. Ebenfalls teilweise als Selbstbezeichnung

mit neuer Konnotierung in Gebrauch. Daphne Ebner

leben mit kindern

heim

spiel

Alice Ludvig

Die „Grippe“

Mein Sohn geht seit Ende Februar in eine Grippe. Ja, ich nenne

die Krippe so, denn es handelt sich um eine einzige Viren- und

Bazillenschleuder. Wenn ich ihn morgens dort abliefere, kann

ich das Rasseln und Schnaufen in den Brustkörben der anderen

Kinder hören. Er selbst hatte von Ende Februar bis Ende Mai

einen sehr schlimmen Bronchialhusten. Erst die dritte Homöopathin

konnte das lindern. Davor halfen weder Säuglingsinhalatoren

noch herkömmliche Globuli. Ja, ich nenne die Krippe

Grippe.

Aber ohne sie wäre das Leben nur halb so schön. Er ist so

wunderbar entspannt und müde, und wenn ich ihn frühmorgens

hinbringe, jauchzt er schon beim Eingangstor vor Freude. Worauf

eigentlich? Ich habe keine Ahnung. Laut Fachliteratur sind

Kleinkinder erst nach eineinhalb Jahren zu sozialen Kontakten

außerhalb der engsten Familie fähig. Im Mai war er erst neun

Monate alt, weit unter der Grenze. Krank sind Kinder dann laut

Lektüre übrigens im zweiten Lebensjahr durchschnittlich 19

Mal. Darauf bin ich nun vorbereitet!

Eines Morgens habe ich zum Beispiel bemerkt, dass seine Augen

leicht gelblich verklebt waren. Ich habe das Sekret weggewischt

und ihn in seine Grippe gebracht. Vielleicht ist das unverantwortlich,

aber ich war überzeugt, dass die Damen dort viel mehr

Erfahrung mit Kindern hätten, und wenn irgendetwas ansteckend

wäre, würden sie es sicher melden. Außerdem musste ich in

die Arbeit. Ein guter Grund. Als ich ihn am Nachmittag wieder

abholte, sah er ganz normal aus, vielleicht immer noch ein wenig

verklebt. Nach zwei Stunden an der frischen Luft floss ihm der

Eiter wie Tränen aus den Augen. Anscheinend wurde ihm auch in

seiner Grippe das Sekret fortgewischt. Diese Augenentzündung

dauerte eine volle Woche. Ich gebe immer noch der Sandkiste

die Schuld, in die ich ihn gemeinsam mit einer Freundin am Vortag

gesetzt hatte. Irgendwelche Bazillen halten sich dort sicher

auch auf. Aber wer weiß das schon?

Alice Ludvig ist Alleinerzieherin und lebt in Wien.

November 2010 an.schläge l 31


an.riss kultur

1950er jahre

Lesben sind immer

und überall

Das QWIEN, Zentrum für

schwul/lesbische Kultur

und Geschichte, widmet

sich einem Stück Frauengeschichte,

das weitgehend

unerforscht ist: lesbischem

Leben in den 1950er Jahren.

Frauenbilder aus dieser

Zeit sind geprägt vom Wirtschaftswunder,

technisch

aufgerüsteten Küchen mit

darin befindlichen braven

Haus- und Ehefrauen – alles,

was unter das Stichwort

„miefig” fällt. Lesbisches

Leben war zudem durch das strafrechtliche Verbot zur Heimlichkeit

verdammt. Schriftliches, bildliches oder auch mündliches Quellenmaterial

gibt es daher nur sehr spärlich.

Das QWIEN will nun mit einem längerfristigen Projekt diese Geschichte

wieder sichtbar machen. Am 17. November findet eine Vortrags- und

Gesprächsveranstaltung statt, die unterschiedliche Aspekte des lesbischen

Lebens in den 1950ern beleuchten wird. Außerdem ist das Archiv

des QWIEN auf der Suche nach Informationen über Frauenbeziehungen

dieser Zeit. Wer dazu Material besitzt oder etwas zu erzählen hat, kann

sich – auch anonym – melden: QWIEN Archiv, Große Neugasse 29, 1040

Wien; T: 01/9660110, archiv@qwien.at sylk

„Wenn die Conny mit der Petra …“ Aspekte lesbischen Lebens in den 50er Jahren.

17.11.2010, 19.00, Das Gugg, Heumühlgasse 14, 1040 Wien, mit Kirsten Plötz (D),

Ines Rieder (A), Katharina Miko (A) u.a., www.qwien.at

jubiläums-dating

ArtNet wird Zehn

Im Jahr 2000 gründeten Irene Knava, Alexandra Steiner und Isabella

Urban die Organisation ArtNet, um kunst- und kulturschaffende Frauen

sichtbar zu machen und dadurch zu stärken. ArtNet ermöglicht es Frauen

in Kulturberufen, sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Am

4. November feiert ArtNet sein Zehnjähriges nun mit einem ganz besonderen

Speed-Dating: 20 Kulturexpertinnen (unter ihnen Ulrike Heider-

Lintschinger, Geschäftsführerin des Tanzquartier Wien) stehen im Wiener

brut bereit, um in 60 je halbstündigen Gesprächen Interessierte an ihren

Erfahrungen und ihrem Wissen teilhaben zu lassen. „We got the power”,

nennt sich die Veranstaltung – denn im Netzwerk liegt die Kraft. miak

4.11., We got the Power – Ohne Frauen geht in der Kultur gar nichts!, 18–19.30, Einlass

ab 17.00, brut im Konzerthaus, 1030 Wien, Lothringerstraße 20; Anmeldung unter office@

audiencing.net ist unbedingt erforderlich. www.audiencing.net/artnet/we-got-the-power

symposium

Verrat – eine Untugend als Forschungsprojekt

Viele PhilosophInnen und SchriftstellerInnen haben sich im Laufe der

Geschichte Gedanken über den „Verrat” gemacht, nicht zuletzt der

marxistische Existentialist André Gorz in seinem Buch „Der Verräter”:

32 l an.schläge November 2010

„Verrat muss furchtlos vor möglicher Rache sein.”

Auch das Frauen.Kultur.Labor thealit in Bremen widmet sich in seinem

aktuellen Laboratorium diesem Thema. Im Oktober starteten diverse

künstlerische Tests, um den Begriff genauestens zu analysieren. Im Forschungsprojekt

werden (entstehende) Projekte vorgestellt, Testversionen

von Bewährungsproben am Publikum ausprobiert und zum konkreten eigenen

Verrat im experimentellen Rahmen aufgefordert. Im Februar 2011

wird weiter geforscht, mit einer Ausstellung und einem Symposium. miak

www.thealit.de

auszeichnung

Goldenes Ehrenzeichen für Traude Kossatz

„Meine Arbeit ist noch nicht beendet!”, sagte Traude Kossatz, Gründerin

und künstlerische Direktorin des Wiener Figurentheaters LILARUM, als

ihr das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich

verliehen wurde. Nach über 30 Jahren künstlerischen Schaffens wurde

ihr diese offizielle Anerkennung im Oktober zuteil.

1939 geboren (s. auch Porträt in an.schläge 7–8/2006), lernte Kossatz den

Beruf der Uhrmacherin und wandte sich später der Malerei zu. Die Beschäftigung

mit bildender Kunst führte sie zum Entwerfen erster Schattenfiguren

und Puppen, bis sie sich schließlich selbstständig machte und

1980 das LILARUM gründete. Dieses funktionierte in den Anfangstagen

noch als Wanderbühne, fand einen ersten festen Spielort im 14. Wiener

Gemeindebezirk und ist seit 1997 im 3. Bezirk angesiedelt. Kossatz, die

als Jugendliche nur heimlich ins Theater gehen konnte, darf sich heute

durch ihre Pionierarbeit Direktorin von Wiens größtem Kindertheater

nennen. Wir gratulieren! be

www.lilarum.at

ausstellung

Die Geheimnisse der „Busenlosen“

Was ranken sich nicht alles für Legenden um die Amazonen: Ihr Söhne

hätten sie umgebracht und sich den Busen abgeschnitten, um ihre Waffen

besser handhaben zu können. Im Trojanischen Krieg hätten sie mitgemischt,

und die schöne Penthesilea habe gar dem Helden Achill den

Kopf verdreht. Auch in der heutigen Zeit wird man sie einfach nicht los:

Angelina Jolie kämpft sich als Lara Croft durch allerlei abenteuerliche

Settings, und modebewusste Frauen fühlen sich genötigt, Römersandalen

zu tragen. Einen eher wissenschaftlichen und faktentreuen Blick auf die

„Geheimnisvollen Kriegerinnen” wirft derzeit das Historische Museum

der Pfalz Speyer: Es zeigt Gräberfunde aus den Steppen zwischen Osteuropa

und Sibirien, die von bewaffneten Frauen und Reiterkriegerinnen

zeugen. Ein Begleitprogramm informiert daneben umfassend über das

Thema „Amazonen”. Wer braucht da noch Lara Croft? han

Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen, bis 13. Februar 2011, Historisches Museum der

Pfalz Speyer, 67346 Speyer, Domplatz 4, www.museum.speyer.de

literatur

Deutscher Buchpreis für Melinda Nadj Abonji

Der Deutsche Buchpreis, der im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse jährlich

vergeben wird, geht heuer an die Schweizer Autorin Melinda Nadj

Abonji. Sie erhält die Auszeichnung für ihren autobiografischen Roman

„Tauben fliegen auf” – die Geschichte einer ungarischen Familie aus der


serbischen Vojvodina, die in die Schweiz auswandert und sich dort eine

Existenz in der Gastronomie aufbaut. In einem Interview mit dem „Ö1”-

Radiosender erläuterte die Autorin: „Es ist eine Schichtproblematik, die

für mich in dem Buch eine große Rolle spielt. Es handelt von Menschen,

die sich hocharbeiten. Die die niedrigsten Arbeiten machen müssen, um

überhaupt ihren Unterhalt zu verdienen.”

Das Buch wurde bisher vor allem als „MigrantInnen-Literatur” ausgezeichnet.

Die Jury des Deutschen Buchpreises begründete ihre Wahl

nun u.a. damit, dass der Roman „das vertiefte Bild eines gegenwärtigen

Europa im Aufbruch, das mit seiner Vergangenheit noch lang nicht abgeschlossen

hat”, zeichne. trude

http://oe1.orf.at

broschüre

Die unverzichtbare Bibel für Freischaffende

Die erste Auflage der Broschüre „Selbstständig – Unselbstständig – Erwerbslos”

ist bereits vergriffen. Kein Wunder, gibt sie doch KünstlerInnen

und anderen prekär Tätigen umfassend Auskunft über sozialrechtlichte

Themen, Ver- und Absicherungslage. Die zahlreichen Änderungen der

Arbeitslosenversicherung in den letzten Jahren z.B. führten zu einem

Informationsdefizit, das oft gravierende Folgen haben kann. Die vom Kulturrat

Österreich verfasste Broschüre soll hier informieren und aufklären

und enthält dementsprechend hilfreiche Sachinformationen von den

zuständigen Abteilungen beim AMS, Sozialministerium (bm:ask) und bei

der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA). Die

neue Auflage wurde aktualisiert, um auf dem neuesten Stand durch den

Paragraphen-Dschungel zu lotsen. han

Download auf: http://kulturrat.at/agenda/ams/infoAMS

auszeichnung

Preis für DJ-Schule

Die feministische Initiative „rubinia djanes” kann sich über den Schweizer

Chancengleichheitspreis 2010 freuen, der von der Basler Regierung

für besonders kreative und innovative Projekte zur Verbesserung der

Chancengleichheit von Männern und Frauen in der Berufswelt vergeben

wird. Die mit 20.000 Franken dotierte Auszeichnung für die weltweit

erste DJ-Schule für Frauen und Mädchen macht einerseits die Weiterentwicklung

des Projekts möglich und wird andererseits zur Erweiterung

des Schweizer „DJane”-Netzwerks beitragen.

Die 2002 von Mithras N. Leuenberger gegründete „rubinia djanes

Schule” stellt ambitionierten Mädchen und Frauen professionelles DJ-

Equipment zur Verfügung, um ihnen erste Erfahrungen in der Kunst des

Plattendrehens zu ermöglichen bzw. um ihr Können zu verfeinern. Außerdem

dient der Treff als Kurs- und Übungslokal und soll die Vernetzung

zwischen den Frauen fördern. Die Verleihung des Preises fand am 27.

Oktober in Basel statt. pix

www.rubinia-djanes.ch

lebenslauf

auch feministinnen altern

Christiane Erharter

Automobilität

Ich machte meinen Führerschein als bereits Erwachsene in Wien. Eine

recht belastende Geschichte, da ich die Prüfung erst beim fünften (!)

Anlauf bestand und auch nur deshalb, weil ich nach vier Misserfolgen

weitere Fahrstunden in einer Fahrschule in meiner Heimatstadt auf dem

Land nahm und danach mit Ach und Krach durch die Prüfung kam. Das

Ganze kostete mich nicht nur irre viel Geld und Nerven, sondern auch

beinahe mein ganzes Selbstvertrauen. Früher dachte ich immer, dass

wirklich jeder Depp Autofahren kann und wer die Führerscheinprüfung

nicht schafft, ein Vollkoffer ist.

Mein erstes Auto war das alte meiner Eltern, mit dem ich noch ein Jahr

lang nach Übergabe durch die Gegend kurvte, bis es endgültig den Geist

aufgab.

Ob finanzieller und ökologischer Vorbehalte sowie vernünftiger Argumente

– das Öffi-Netz in Wien ist gut ausgebaut und alle Wege des

Alltags fährt man ohnehin mit dem Fahrrad – klappte es lange Zeit nicht

mit dem eigenen Fahruntersatz. Jetzt aber besitze und teile ich seit über

einem Jahr ein Auto mit meiner Partnerin. Und es fühlt sich tatsächlich

sehr erwachsen an, wenn wir unsere Eltern bei ihren Wien-Besuchen

durch die Gegend kutschieren oder Landpartien mit Freundinnen samt

ihren Freunden und Babys unternehmen, aber auch unabhängig und

frei, wenn wir wie im Sommer mit dem besten Freund nach Kroatien

auf Urlaub fahren. Er besitzt übrigens, wie die Mehrzahl der Männer in

meinem FreundInnenkreis, keinen Führerschein.

Unabhängig und frei fühlten sich auch Annemarie Schwarzenbach und

Ella Maillart, als sie mit ihrem Ford von Genf nach Kabul fuhren, und

vermutlich auch Bertha Benz, die als erster Auto fahrender Mensch in

die Geschichte einging. Unternahm sie doch eine Überlandfahrt mit dem

von ihrem Mann Carl Benz konstruierten ersten Auto mit Benzinmotor.

Dass Lady Di in einem Mercedes verunglückte und im Pariser Krankenhaus

Salpêtrière starb, in dem Jean-Martin Charcot die Hysterie

erforscht hat, ist aber eine ganz andere Geschichte.

Christiane Erharter besitzt den Führerschein seit 1997 und fährt ca. 12.000

Kilometer im Jahr mit dem Auto.

November 2010 an.schläge l 33


wickelkunst

Berühren verboten!

Andrea Heinz hat sich von Judith Scotts Objektkunst einwickeln lassen.

Judith Scott: Ohne Titel, 1991

© Creative Growth Art Center Oakland, Fotos: Museum Gugging

Judith Scott: Ohne Titel, 2005

Bis 20.3.2011, „judith &

shields.! – judith scott meets

tribal art”, Museum im Art/

Brut Center Gugging, 3400

Maria Gugging,

Am Campus 2, Di–So,

10–17.00 (Winterzeit) bzw.

18.00 (Sommerzeit),

www.gugging.org

34 l an.schläge November 2010

Selten schmerzt das Schild „Bitte

nicht berühren” so sehr wie hier im

Museum im Art/Brut Center Gugging.

Die Arbeiten der 2005 mit 61 Jahren

verstorbenen Judith Scott schreien

geradezu danach, berührt zu werden:

Meterweise Garn, Stoffreste, Bänder

und Wolle in bunten Farben umhüllen

Alltagsgegenstände, Holzstäbe, Plastikschläuche,

Tonbänder, Regenschirme

… bis daraus ein undefinierbares,

märchenhaftes, weil geheimnisvolles

Gebilde entsteht. Flankiert wird Scotts

vor Lebendigkeit geradezu überbordende

Objektkunst von Holzschildern aus

Neuguinea: „judith scott meets tribal

art.” „,Weibliche’ Wolle in den Händen

einer Frau” trifft laut Begleittext auf

„männliche” Objekte, die kriegerischgesellschaftlichen

Zwecken dienen.

Das lässt sich nun so sehen – oder so:

Manchmal formen sich Scotts Objekte in

weiblichen Rundungen. Manchmal mutet

ihre kantige und sperrige Form aber

fast schon phallisch an. Mit Handarbeit

und klassisch verstandener Weiblichkeit

hatte die Künstlerin, so darf vermutet

werden, ohnehin nicht viel am Hut.

Nichtsdestotrotz macht ihr Geschlecht

sie zu einer Ausnahmeerscheinung:

Sowohl in der Art Brut als auch in den

Gugginger Räumen ist sie damit in der

Minderheit. Eine doppelte Außenseiterposition,

bedenkt man, dass Art Brut im

englischsprachigen Raum als „Outsider

Art” bezeichnet wird.

Isoliert. Die Außenseiterrolle nahm

Judith Scott seit dem Tag ihrer Geburt

ein: 1943 in Cincinnati, Ohio zur Welt

gekommen, lebte sie bis zum Alter von

siebeneinhalb Jahren bei ihren Eltern,

zusammen mit ihrer Zwillingsschwester

und den drei älteren Brüdern.

Was selbstverständlich klingt, war

alles andere als das: Scott hatte das

Down-Syndrom, und das Amerika der

1940er Jahre verfuhr mit Menschen

wie ihr nicht eben zimperlich. Als

„unbelehrbar” eingestuft, lebte sie für

die nächsten 36 Jahre in einem Heim.

Dass Judith Scott taub war, wurde in all

diesen Jahren nicht bemerkt. Ohne jede

Möglichkeit sich auszudrücken, dürften

die Anstaltsjahre für sie wie eine Isolationshaft

gewesen sein.

Erst 1986 nahm ihre Zwillingsschwester

Joyce sie nach langen bürokratischen

Querelen zu sich. Sie organisierte

die Aufnahme ihrer Schwester in das

Creative Growth Art Center, ein Kunst-

Zentrum für Menschen mit Behinderung.

Dort lernte Scott in der Folge die

Textilkünstlerin Sylvia Seventy kennen.

Seventy brachte ihr bei, wie man näht

und Fäden miteinander verknüpft. Vor

allem aber zeigte sie ihr damit, wie sie

sich artikulieren konnte.

Weltberühmt. Mittlerweile ist der

Name Judith Scott ein Begriff in der

internationalen Kunstszene. Ihre Werke,

bisweilen so groß wie die Künstlerin

selbst, bringen bei Auktionen 15.000

US-Dollar und mehr ein. Sie befinden

sich in den Sammlungen von Museen

in Paris und Prag, New York und

Lausanne, Baltimore und Chicago und

werden weltweit ausgestellt. Judith

Scott dürfte das wenig beeindruckt

haben. Ohne lesen oder schreiben zu

können, waren ihr akademische Kunstdiskurse

völlig fremd. Dass ihr Schaffen

der Art Brut der „unverbildeten Kunst”

zugerechnet wird, bei der intellektuell

übersättigte Stadtmenschen ihre Sehnsucht

nach etwas „Ursprünglichkeit” zu

stillen hoffen – es hätte sie wohl kaum

interessiert. Ihre Hingabe galt einzig

ihren Werken. Sie habe, so berichteten

BeobachterInnen, die Außenwelt

völlig vergessen, während sie wickelte,

Gerne stibitze Judith Scott fremdes Eigentum,

um es unter einem ihrer „Schmetterlingskokons“

verschwinden zu lassen.

verknüpfte und vernähte. „Judith bei

der Arbeit zu betrachten, Zeuge der bedachten

wiederholten Bewegung ihrer

Hände zu sein, die ein ,Etwas’ entstehen

lassen, die langsame Entwicklung eines

,Dings’ zu verfolgen, ist nicht weniger

faszinierend oder wesentlich, als die

schrittweise Entstehung eines Spinnennetzes

oder eines Schmetterlingskokons

zu beobachten”, schreibt etwa der

Kunsthistoriker John MacGregor, Autor

von „Metamorphosis – The Fiber Art of

Judith Scott”.

Gerne stibitze Judith Scott auch fremdes

Eigentum, um es unter einem ihrer

„Schmetterlingskokons” verschwinden

zu lassen. Ihre eigenen Werke hingegen

durfte niemand auch nur berühren – sie

waren ihr Besitz, den sie eifersüchtig

hütete. l


Dem Götzen Liebe

den Garaus gemacht

Das falsche Image des

Alleinseins im „Alter” und die

Bewältigung von Sinnlosigkeit

im Allgemeinen:

Ina Freudenschuß sprach mit

der Berliner Musikerin und

Autorin Christiane Rösinger

über ihr neues Solo-Album

„Songs of L. and Hate”.

Kaum eine deutsche Pop-Musikerin

weist eine stärkere künstlerische

Handschrift auf als Christiane Rösinger.

Dennoch konnte frau ihre Songs bisher

ausschließlich im Band-Format hören.

Nun hat sich die Sängerin und Songwriterin

zu ihrem Recht verholfen und ein

Solo-Album veröffentlicht, das auf den

vielversprechenden Titel „Songs of L.

and Hate” hört. Ihrem Idol aus frühester

Kindheit, Leonard Cohen, gehuldigt,

sagt schon der Titel aus, worum es auf

dem neuen Album der bald 50-jährigen

Musikerin geht: Liebe und vor allem

die schreckliche, leidvolle Kehrseite

dieser romantischen Fantasie, an der

sich Rösinger ja bereits mit den Lassie

Singers und später mit der Band Britta

künstlerisch abarbeitete. Der „Vergötzung

von Liebe”, wie es die Berlinerin

heute nennt, sagt sie jetzt also einmal

mehr den Kampf an, ebenso wie dem

Willen der Gesellschaft, Depression,

Lethargie und Verzweiflung aus ihrer

dauergrinsenden, konsumorientierten

Mitte zu verbannen.

Musikalische Unterstützung bekommt

sie dabei von Andreas Spechtl (Ja, Panik),

der Rösingers Songs größtenteils

instrumental einspielte und arrangierte.

Ihre Stimme klingt auf der neuen,

zurückhaltenden Produktion klarer, aber

auch abgeklärter und rührender denn je,

etwa wenn sie Songzeilen wie „Bist du

einmal traurig und allein, gewöhn’ dich

daran, es wird bald immer so sein” zum

Besten gibt.

an.schläge: Du wirst nächstes Jahr 50.

Nimmt die Missmutigkeit im Alter zu?

Christiane Rösinger: Wann beginnt

denn „das Alter”? Ab dem Rentneralter,

oder? Mit 49 oder 50 ist man halt

älter als 30 oder 35 oder 40, aber „das

Alter” würde ich eher so in den letzten

Lebensabschnitt legen. Wäre ich ein

Mann, wäre ich jetzt in den besten Jahren.

Und nein, die Missmutigkeit nimmt

mit Ende 40 nicht zu, im Gegenteil, die

Freiheit ist größer, die Laune steigt.

Zu Lassie Singers Zeiten hieß es

noch: „Liebe wird oft überbewertet“,

heute bezeichnest du Liebe als „verachtenswürdig“.

Was ist passiert?

Das ist ja nur ein anderer stärkerer

Ausdruck für dieselbe Sache. Es ist auch

ein Schockbegriff für die Leute, die in

unserer Paar-orientierten Gesellschaft

die Vergötzung der Liebe immer weiter

eintreiben.

Im Lied „Sinnlos“ rufst du deine

Hörerinnen dazu auf, sich daran zu

gewöhnen, allein zu sein. Das hört sich

in seiner Radikalität schon fast wie

Lebenshilfe für Depressive an.

Also das Lied ist eher eine Persiflage

auf so Beschwichtigungs-Songs, wie sie

Foto: Staatsakt

vor allem im Schlager und der Volksmusik

vorkommen. Es ist eher bitterböse

und zynisch gemeint.

Davon abgesehen ist das „Alleinsein”

etwas Positives, was man sehr genießen

kann. Nur haben viele Menschen

Angst davor. Und ein weiteres Klischee,

nämlich dass das Alleinsein schlimmer

ist, wenn man nicht mehr jung ist,

stimmt auch nicht. Ich war früher viel

einsamer!

Wie geht denn das „richtige“ Alleinsein?

Wie es geht, ist schwer zu sagen, ich

weiß nicht, ob man das lernen kann. Es

ist eine Einstellung zu dir selbst. Das Alleinsein

ist keine Bedrohung, man kann

es genießen, allein mit sich zu sein. Es

ist gut, Zeit mit sich zu verbringen, sich

selbst genug zu sein, es ist eine Bereicherung,

allein zu sein.

Allein sind wir sowieso, allein geboren

und sterben allein. Das ist Tatsache.

Wir können von einer Beziehung in die

andere gehen, Kinder in die Welt setzen,

Haustiere anschaffen, trotzdem sind wir

allein.

Viele deiner Songs stehen für das

Recht auf Verbitterung ein. Warum?

christiane rösinger

Christiane Rösinger „Songs

of L. and Hate” (Staatsakt)

www.christiane-roesinger.de

Das neue Buch von

Christiane Rösinger mit dem

Arbeitstitel „Liebe wird

oft überbewertet” wird im

Oktober 2011 im Fischer

Verlag erscheinen.

November 2010 an.schläge l 35


christiane rösinger

36 l an.schläge November 2010

Wenn man mal ordentlich verbittert ist

und alles Scheiße findet und nix mehr

erwartet, kann man sich mit einer neuen

Leichtigkeit den heiteren Seiten des

Lebens hingeben!

Kommen die Niedergeschlagenen in

unserer Gesellschaft zu kurz?

Ach, das ist so zwiespältig: Einerseits

ist klar, dass alle immer depressiver

werden. Die Depression gilt schon als

Zivilisationskrankheit des 21. Jahrhunderts,

so wie die Melancholie im

19. Jahrhundert. Andererseits wird

verlangt, dass man immer so positiv und

gut gelaunt durchs Leben geht.

Laut Studien sind Frauen fast doppelt

so oft von Depressionen betroffen wie

Männer. Woran, glaubst du, liegt das?

Ich glaube, Frauen lassen sich eher behandeln

und sind daher statistisch besser

erfasst. Männer werden grantig oder Alkoholiker,

Frauen gehen zum Arzt oder

zur Therapie. Wobei es erwiesen ist, dass

Single-Frauen weniger depressiv sind als

Frauen in einer Beziehung. Bei Männern

verhält es sich umgekehrt. Viele Frauen

lassen sich auch therapieren, weil sie

unglücklich in der Beziehung sind, statt

die Beziehung zu beenden.

Die Last der – heterosexuellen –

Beziehung haben Feministinnen in

den 1970ern und 1980ern lautstark

thematisiert. Heute scheint diese Problematik

im feministischen Diskurs

überhaupt nicht mehr vorzukommen.

Ist da wirklich schon alles aufgearbeitet?

Das ist ein großes Thema, mit dem ich

mich gerade für mein nächstes Buch

beschäftige. Die Problematik wird

heute überhaupt nicht mehr thematisiert,

denn in der vorherrschenden

Paar-Ideologie darf das ja nicht sein,

dass Beziehungen belastend sind. Da

wird alles versucht, um die Beziehung

zu retten, da mischen sich alle ein,

AnthropologInnen, SoziologInnen, HirnforscherInnen

und TherapeutInnen, um

zu erklären, wie man „richtig” liebt.

Ein Zitat von Jill Tweedy aus „Die

sogenannte Liebe”: „Die Liebe ist für

die Männer immer so praktisch gewesen,

dass der Gedanke nahe liegt, dass

sie sie erfunden haben.” Leider hat es

ja seit den Siebzigern und Achtzigern

einige Backlashes gegeben. Heute sind

Beziehung und Liebe wieder wichtiger

als jemals zuvor.

Aber es gibt schon noch die Stimmen,

die diese Beziehungspflicht in Frage

stellen, das sind die Frauen um die 50.

Bei meinen Recherchen habe ich sehr

viele Bücher von PsychologInnen und

TherapeutInnen zum Thema „Beziehungen”

gelesen, die aus ihrer Praxis

berichten. Und man kann sagen, die

Frau ab 50, die eine oder mehrere Ehen

hinter sich hat, hat kein Interesse mehr

an einer Beziehung zu einem Mann,

sie freut sich nach den anstrengenden

Jahren der Familienfürsorge und

Gefühlsarbeit, für sich zu sein, sich um

ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern.

Motto: 50 plus und endlich allein!

Und es geht hier nicht um besonders

problematische Beziehungen mit

gewalttätigen Alkoholiker-Männern.

Die ganz „normale” Beziehung ist für

den Mann im Allgemeinen gesünder

als für die Frau, sie kostet die Frau als

Gefühlsarbeiterin sehr viel Nerven und

Energie und nimmt ihr oft mehr als

sie gibt.

In den Medien, in Spielfilmen und

Frauenzeitschriften hingegen wird immer

wieder das Schicksal der armen

älteren Frau, die leider ihren Mann

nicht halten kann, weil sie älter ist

und er eine Jüngere hat, beklagt. Die

gibt es bestimmt auch. Aber ich würde

denken, die Mehrzahl der Frauen in

meinem Alter können das Singledasein

sehr genießen und wünschen sich nicht

unbedingt eine Beziehung. Dieser Entschluss

ist natürlich mit 50 einfacher

zu fassen als in jüngeren Jahren. Da

„Das Klischee, dass das Alleinsein schlimmer

ist, wenn man nicht mehr jung ist, stimmt auch

nicht. Ich war früher viel einsamer!“

ist ja dann noch diese ganze „Kinder

– ja oder nein”-Frage offen usw. Man

muss schon ein paar Beziehungen

gehabt haben, um darauf verzichten zu

können.

Zurück zu deinem Solo-Album: In

einem der Songs stellst du fest, dass

„alles so sinnlos“ sei. Was treibt eine

da noch an, Musik zu machen?


Natürlich ist alles sinnlos. Aber wenn

man die Sinnlosigkeit erkannt hat und

keinen Sinn mehr sucht, kann man

die Dinge gelassen nehmen wie sie

kommen.

Was mich antreibt Musik zu machen,

kann ich gar nicht genau sagen. Ich

kann auch zwischendurch mal ein Jahr

lang keinen Song schreiben. Trotzdem

ist das Songschreiben halt mein Beruf,

das, was ich am Besten kann. Ich

schreibe gerne Lieder, weil ich gerne

auftrete und gerne mit meinen Liedern

unterwegs bin. Und wenn mir jemand

sagt, dass er meine Lieder mag oder

sie oft im Ohr hat oder dass ihn meine

Lieder trösten, dann ist das ein toller

Moment und vielleicht eine Sekunde

lang weniger sinnlos als sonst.

Du hast den Begriff der LoFi-Boheme

erfunden und geprägt. Wenn du heute

noch einmal tauschen könntest: Würdest

du dich für den „9 to 5“-Job-

Lebensentwurf entscheiden?

Um Gottes Willen, vielleicht mal für

drei Wochen oder so. Nein. Ich bin zurzeit

sehr zufrieden mit meinem Leben.

Die CD kommt raus, ich geh’ jetzt für

ein paar Wochen als „writer in residence”

an die Universität in Edinburgh.

Im nächsten Jahr gibt es die Konzerte

zur Platte, im Herbst erscheint mein

Buch. Ich brauche keinen täglichen Job.

Mit wem tauschst du dich heute musikalisch

bzw. künstlerisch aus? Sind

da viele Frauen deines Alters dabei?

Ich bin meistens mit jüngeren Leuten

zusammen, so zwischen 25 und 35.

Ich hab auch ein paar Freundinnen in

meinem Alter, aber die arbeiten auf

anderen Gebieten. Leute in meinem

Alter neigen leider zur Bequemlichkeit,

bleiben lieber daheim bei

Freund, Kind, Hund. Die Jüngeren sind

flexibler, mit denen kann man besser

ausgehen. Und musikalisch mach’ ich

das neue Projekt mit Andreas Spechtl

zusammen, der 26 ist. Auf Tour sind

auch eine jüngere Gitarristin und

Schlagzeuger dabei.

Es gibt in der Musikszene wenige

Frauen in meinem Alter. Francoise

Cactus, Gudrun Gut, Michaela Melian

fallen mir ein. Die mag ich alle, aber

die machen ganz andere Sachen.

Siehst du dich mit deinen Erfahrungen

als Teil einer bestimmten „Frauengeneration“?

Eigentlich nicht. Ich hab mich immer

azyklisch verhalten. Mit 20 ein Kind

gekriegt, als die aus meiner Generation

ihre Jugend auslebten. Mit 49 Oma

„Heute sind Beziehung und Liebe wieder

wichtiger als jemals zuvor. Aber es gibt schon

noch die Stimmen, die diese Beziehungspflicht

infrage stellen, das sind die Frauen um die 50.“

geworden, während um mich herum

die Frauen mit 40 oder 42 Mutter

wurden …

Mit deinem neuen Album referierst du

gleich auf zwei honorige alte Männer

der Rockmusik: Leonard Cohen und

Bob Dylan. Wie kam es dazu?

Ich liebe Leonard Cohen schon seit ich

zwölf bin. Und ich wollte immer einen

Albumtitel mit „Songs of” haben. Die

Idee mit dem Dylan-Cover hatte Andreas

Spechtl. Mir selbst bedeutet Dylan

nicht so arg viel. Aber ich fand es gut,

die Geschlechterrollen auf dem Cover

zu vertauschen. l

Ina Freudenschuß ist Redakteurin bei

dieStandard.at und derzeit in Familienkarenz.

lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

denice

List of demands

I know it is only November when you read this, but I thought that

I will give you all enough time to be able to fulfill the christmas

wishes from your favorite columnist. Lord knows that I deserve

them. So, dear baby Cheesus, please bring me following:

• Better education for the people in Vienna. Especially in religion,

history, sociology and gender studies. And while you’re at it:

Please give them some solidarity and tolerance, too. If things still

don’t change after this, please give them some new brains.

• Some new fire and sparks in Vienna’s queer nightlife. 100%

shallowness and not giving a shit about politics, mixed with some

ironically meant political and sexist incorrectness is so 2007.

I want some glamour with brains. Some glitter with empathy.

Some seriousness with a twinkle in your eyes. Some irony that

actually is funny and not just patronizing.

• A riot grrrl revival. We are currently running around with

grunge checked shirts tied around our waists again, but where

are the new Bikini Kills? I want a dance floor where everyone

takes their tops off.

• I wish for more fluent sexualities, genders and desires. For

people to actually ditch the dichotomies. Not only talk about it.

• I want the queer theorists to go out and get drunk and silly, and

for the party pants to read a book.

• The destruction of the artsy fartsy lookist hierarchy. I want to

see the mice dance on the table while the cats are still in the

room.

• Some goddamn spontaneity. For people to pull that stick out off

their asses and use it to poke the sleepers awake.

• Personally I need the following to have the strength and motivation

to join the new queer revolution: Better pay for my hard

work, cool high heel boots made for people with chubby legs, a

dedicated audience which follows me around, a big blueberry

crunch cheese cake and a neverending supply of blue Lucky

Strikes.

Denice tries hard not to fantasize too much about being a revolutionary

leader since it would go against her philosophy.

November 2010 an.schläge l 37


an.lesen

Dis/abled

Was bedeutet es, in einer sexistischen

und rassistischen Gesellschaft

behindert zu sein? Der Sammelband

„Gendering Disability” geht der

Bedeutung von „Behinderung” im

Kontext von Mehrfachdiskriminierung

nach und führt die Debatten auf

neue Weise zusammen.

Von Vina Yun

Während in den letzten Jahren das Konzept der

Intersektionalität in den deutschsprachigen Gender

Studies einen regelrechten Hype erfahren

hat, sind intersektionale Ansätze in den Disability

Studies relativ neu. Das Konzept der intersektionalen

Analyse wird im vorliegenden Sammelband

„Gendering Disability” als Möglichkeit

begriffen, sich der Komplexität von mehrfacher

Diskriminierung anzunähern: Der Band untersucht

die wechselseitige Beziehung zwischen den

Kategorien „Geschlecht” und „Behinderung”,

geht aber zugleich den Verknüpfungen von „Dis/

Ability” mit Sexualität, Ethnisierung und Klasse

nach. In diesem Sinne stellt der Band eine bislang

wenig bearbeitete Schnittstelle von Gender

und Disability Studies dar, die durch Erkenntnisse

aus der Rassismus- und Migrationsforschung, der

Postkolonialen Theorie sowie den Queer Studies

weiter ausformuliert wird.

Entlang dieser multiplen Perspektive werden

auch die (teilweise verschütteten) Verbindungen

zwischen den Disziplinen neu gezogen: Denn

sowohl die feministische Geschlechterforschung

als auch die im angloamerikanischen Raum

gewachsenen Disability Studies hinterfragen,

ebenso wie Queer und Postcolonial Theory, mit

ihrem kritischen Blick auf die kulturelle Konstruktion

von Körpern hegemoniale Body Politics

und dichotome Identitätsentwürfe (männlich/

weiblich, behindert/nicht-behindert). Mehr noch

machen die Beiträge im Band die Parallelen

zwischen der Konstruktion von „weiblichen” und

38 l an.schläge November 2010

„behinderten” Körpern sowie die Vergeschlechtlichung

und Rassifizierung von Krankheit und

Behinderung deutlich.

In der Auseinandersetzung um die Mehrdimensionalität

von „Differenz” bzw. mehrfacher Diskriminierung

geht es dabei sowohl um die „Dekonstruktion

binärer Zuschreibungen als auch

um die Problematisierung ihrer realen Effekte”,

wie die Herausgeberinnen im Vorwort erklären.

Multiple Diskriminierung bedeutet allerdings

nicht einfach, dass sich die Differenzen „addieren”

– so äußert sich mehrfache Ausgrenzung

für Frauen (und andere) mit Behinderung nicht

einfach in der z.B. Potenzierung des Sexismus,

sondern meist in der grundsätzlichen Negierung

ihrer Sexualität.

In Rückgriff auf diese Erfahrung fordert die

Politikwissenschaftlerin Heike Raab in ihrem

Artikel über Disability und Queerness, heteronormative

Geschlechterordnung nicht nur anhand

von Sexualität und Geschlecht zu denken,

sondern auch Behinderung mit einzubeziehen:

Denn „um Geschlecht zu dekonstruieren, muss

man erst über Geschlechtlichkeit verfügen,

die (…) Menschen mit Behinderung oftmals

verweigert wird.”

Dass Behinderung mit anderen Differenzkategorien

wie Geschlecht überhaupt zusammengedacht

wird, ist vor allem ein Verdienst von

Aktivist_innen aus der „Krüppel_innenbewegung”

der 1980er Jahre, wie Mitherausgeberin

Swantje Köbsell betont. In ihrem sehr lesens-

Queers on Wheels auf der Regenbogenparade 2009, © Queers on Wheels

werten Beitrag, der ins Thema „Behinderung,

Geschlecht und Körper” einführt, zeichnet

Köbsell u.a. die Entwicklung der (weiß dominierten)

Behindertenbewegung im deutsch- und

englischsprachigen Raum seit den 1970ern nach,

die in der Diskussion über Behinderung das medizinische

Modell erfolgreich durch ein soziales

Modell ersetzte – nach dem Motto: „Behindert

ist, wer behindert wird”. Behinderung ist demnach

keine individuelle, natürliche Eigenschaft,

die man „besitzt”, sondern ein Prozess, der

Menschen mit bestimmten Merkmalen gesellschaftliche

Partizipation vorenthält.

Mit dem erneuerten Fokus auf Körperpolitiken

reklamieren Aktivist_innen den „behinderten”,

eigenen Körper nun wieder in den Diskurs

hinein. Mit der Einbindung aktivistischer Perspektiven

– siehe z.B. die Beiträge von Christiane

Hutson zu „Ableism” und Sexismus aus

Schwarzer Perspektive oder der Rückblick von

Sigrid Arnade auf die Lobbyarbeit für die UN-

Behindertenrechtskonvention – fasst dieser sehr

empfehlenswerte Sammelband, erstmalig für

den deutschsprachigen Raum, die politischen und

theoretischen Debatten zusammen und bietet

einen hervorragenden Einstieg in den aktuellen

Stand der Disability Studies. l

Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad

(Hg.innen): Gendering Disability. Intersektionale

Aspekte von Behinderung und Geschlecht

Transcript 2010, 26,60 Euro


Am Abhang l Bergliteratur

wird zwar nur von Alpinist_innen

als Genre geführt, wird

aber dennoch unterschätzt,.

Neu in der Liste ist der

Roman „Fallhöhe”, der ein

(seltsamerweise ziemlich

überschaubares) Klassentreffen

in den Bergen zum Thema hat. 15 Jahre

nach der Matura wandern drei Frauen und zwei

Männer gemeinsam in der Schweizer Heimat.

Glücklich sind die Mittdreißiger nur auf den

ersten Blick. Die allseits beliebte Marina hat

ihre Potenziale verspielt und ist nicht aus dem

Ort der Kindheit weggekommen. Sandra reist

aus Kanada nach zehn Jahren zum ersten Mal

wieder in die Schweiz. Ihre alte Jugendliebe

hat seinen Traum vom Künstlerdasein nicht

verwirklicht. Eveline ist voller Neurosen und

hat ihrer ehemals besten Freundin Marina

alte Konflikte nicht verziehen. Und Frido lebt

als verheirateter Anwalt bürgerlich mit zwei

Kindern. Die Nacht in der Berghütte gestaltet

die Autorin Sabina Altermatt als kriminalistisch

angehauchtes Kammerspiel und lässt es richtig

krachen: Der Alkohol bringt alte Verletzungen

wieder ans Licht, Rückblicke zeigen die

Entwicklung der desillusionierten Freund_innen.

Sandra offenbart endlich den eigentlichen

Grund ihrer Rückkehr: Sie möchte eine Sterbehilfeorganisation

aufsuchen. Und Marinas

jugendlicher Sohn taucht in der Einöde auf mit

der Absicht, endlich seinen Vater kennenzulernen.

Die Autorin lässt die Leserin mit gekonnt

klarer, nüchterner Sprache auf ihre Figuren

blicken und zwischen Realismus und Resignation

hin- und herschwanken. Fiona Sara Schmidt

Sabina Altermatt: Fallhöhe

Limmat 2010, 23,20 Euro

Endlich absolut l Es wurde

Zeit, dass in der von Klaus

Theweleit herausgegebenen

Reihe „absolute” über

„Schlüsseldiskurse der

Gegenwart” Frauen wieder

mal sichtbar werden.

Bisher widmete sich nur

einer der 17 erschienen Bände einer Frau und

Feministin, nämlich Simone de Beauvoir. Nun

also ein Band der wieder stark verdichtet, um

sozusagen alles gut zu machen, zum Komplex,

zum riesigen Feld, zur Herausforderung „Feminismus”.

Das ist schon schön. Diese Kompilation

feministischer Texte wurde zusammengestellt

und kommentiert von Gudrun Ankele aus Wien,

bekannt geworden mit ihrem Performance-Trio

Schwestern Brüll. Die Erwartungen werden

erfüllt, besser noch, die Leserin bekommt Unerwartetes

unter die Nase gerieben und wird mit

Verbindungen konfrontiert, die neugierig machen.

So finden sich Valie Export und Olympe de

Gouges gemeinsam im Abschnitt „Komplizierte

Kollektive” oder Monique Wittig mit Kathleen

Hannah/Bikini Kill im Kapitel „Exklusive

Utopien”. Ankele stellt Pop-Autorin Virginie

Despentes neben Judith Butler, Gustav oder die

Guerrilla Girls neben Donna Haraway. Aber auch

weniger bekannte bzw. historische Texte wie beispielsweise

von Mina Loy oder Helene Druskowitz

sind hier zu lesen. Damit eröffnet das Buch

unterschiedlichste Lesemöglichkeiten und bietet

auch Nicht-so-Eingecheckten die Möglichkeit für

einen Quereinstieg – bekanntlich der lustvollste

Weg, sich ein neues Terrain zu erobern.

Karo Rumpfhuber

Gudrun Ankele (Hg.in): absolute Feminismus

orange press 2010, 18,50 Euro

(In) Freiheit denken l Dieses

Buch hat das nicht unbescheidene

Ziel, Geschlechterdifferenz

neu zu denken,

um „die derzeitigen Diskussionen

über das Geschlecht

als ‚soziale Konstruktion’

(…) aus der Dichotomie

von Mann und Frau (…), aus dem Dualismus

von Biologie und Kultur, Natur und Gesellschaft

an.lesen

(…) [zu] erlösen”. Die Herausgebenden haben

u.a. Textauszüge von Beauvoir über Butler

bis Muraro eingeleitet, kommentiert und

verknüpft. Es wird damit nicht nur eine Fülle

von verstreuten und wieder zu entdeckenden

Quellen dargeboten, sondern auch die Möglichkeit,

sich einzelnen Autorinnen zu widmen,

oder den verschiedenen Denkbewegungen

nachzugehen. Das Elementare ist die Sichtung

der vielschichtigen Bedeutungen des Begriffs

der Differenz (wie Andersheit, Nichtidentität,

Différance, Alterität) sowie die Unterscheidung

zwischen diskurslogischen Gewohnheiten, über

die Geschlechter zu reden und in der Differenz

sinnvoll zu sprechen.

Ein Lehr- und Lernbuch für alle, die Unterschiede

jenseits festgefahrener Grenzen

philosophisch begreifen wollen, und für jene,

für die das Gleichheitsideal ein gefälschtes ist.

Denn erst die Freiheit der Anderen ermöglicht

die eigene. Birge Krondorfer

Anke Drygala, Andrea Günter (Hg.innen):

Paradigma Geschlechterdifferenz. Ein philosophisches

Lesebuch

Ulrike Helmer 2010, 30,80 Euro

Fernes Dasein l „Ich habe

mir beim Naschmarkt feine

Sachen eingekauft. Hab heute

Abend Gäste. Die Lampe,

den Teppich, die Kommode,

die Nähmaschine, die neuen

Vorhänge”, erklärt Josi ihrem

Sohn. Und das ist nicht

mal gelogen: Denn die Protagonistin lebt,

nachdem sich ihr Mann als schwul geoutet hat,

alleine – an Einrichtungsgegenstände gerichtete

Monologe sind an der Tagesordnung. Josi,

die weiß, dass das Unglück – im Gegensatz

zum Glück – immer öfter als einmal kommt,

muss außerdem mit einer Krebsdiagnose

und den Folgen leben: Wo früher ihre Brüste

waren, sind nun Kreuze.

Im Urlaub auf Hydra werden die Beziehungskonstellationen

interessant. Hier trifft Josi

zum einen Max Lorber, der sie fasziniert, zum

anderen die Familie Köhlmeier und somit ihre

eigene Erfinderin: Denn die Autorin Monika

Helfer ist die Ehefrau von Michael Köhlmeier,

ihre gemeinsame Tochter Paula verunglückte

2003 bei einer Wanderung. Die Protagonistin

Josi lernt nun die 12-jährige Paula kennen

und freundet sich mit ihr an. Doch wie auch

die Beziehungen zu allen anderen, bleibt diese

Freundschaft ambivalent: mal nah, dann wieder

distanziert. Es ist ein ständiges Ringen für

Josi, wie sie mit anderen umgehen soll, aber

November 2010 an.schläge l 39


an.lesen

bonustrack: Clara Luzia

manchmal schafft sie es ganz gut. Wenn sie

etwa Paula erklärt, „ich würde dir gern sagen,

dass ich deine Freundin sein will, aber ich hatte

es dir schon gestern sagen wollen, und da habe

ich mich nicht getraut, weil ich mir gedacht

habe, was mache ich, wenn sie nicht will”, dann

ist sie ihr für einen Moment ganz nah.

Bettina Enzenhofer

Monika Helfer: Bevor ich schlafen kann

Deuticke 2010, 18,40 Euro

Obsession l Hier regiert das

Unbehagen! Lydia Mischkulnig

erzählt von der Beziehung

zweier Schwestern. Als

Kinder noch unzertrennlich,

ist Renate später von der

jüngeren Marie regelrecht

besessen. Nähern dürfte sie

sich ihr nur noch auf 30 Meter, aber an Grenzen

wird sich in diesem Roman nicht gehalten.

In einer eindrucksvollen, außergewöhnlichen

Sprache werden die Geschehnisse rasant vorangetrieben,

ins Kriminalistische driften sie durch

einen Mann, den Renate sehr begehrte, der

40 l an.schläge November 2010

jedoch Marie vorzog. Schwarzer Humor at its

best, und immer begleitet von Hassliebe: „Sie

hatte einen brillanten Kopf, und dennoch konnte

jeder Dahergelaufene ihn ihr so arg verdrehen.

Diesen Schädel hätte man doch längst abreißen

müssen”, denkt Renate über Marie. Die Jagd

hört nicht auf, und zwischendurch ist dann nicht

mal mehr klar, was eigentlich wirklich passiert

ist. Bettina Enzenhofer

Lydia Mischkulnig: Schwestern der Angst

Haymon 2010, 17,90 Euro

Strafrecht gegendert l „Hat

Strafrecht ein Geschlecht?”,

fragt dieser Sammelband.

Die Antwort darauf, es sei ein

männliches, existiert seit den

1990er Jahren. So wichtig die

damalige fundierte Kritik an

der Überbewertung von Eigentumsdelikten

im Gegensatz zur Unterbewertung

von Vergewaltigungen ist – die zeitgenössische

Analyse gräbt tiefer. Männer und Frauen werden

aufgrund der männlichen und weiblichen

Rollen, die sie spielen, vor dem Recht, das „für

Jetzt ist sie also vorbei, die Tour, die mir in der letzten an.schläge-Ausgabe

noch bevorstand und mich schon im Vorfeld irrwitzig gestresst hat.

Jetzt könnte man meinen, der Stress sei

vorbei, Wohlgefallen auf allen Seiten.

Und ja, es könnte tatsächlich so sein,

handelte es sich nicht um mein Leben.

Mein Leben ist nämlich jenes, das durch

meine kreative und stets erfolgreiche

Art der Problemfindung am Laufen gehalten

wird. Ist ein Problem – oh nein,

bewahre! – gelöst, bin ich flink und flexibel

darin, sofort ein neues zu formulieren.

Für diese tolle Strategie war die

Tour natürlich ein Pool nicht enden wollender

Gelegenheiten: Jeden Tag eine

andere Stadt, jeden Tag andere, uns unbekannte

Menschen, jeden Tag das reine

Ungewissen – da lässt sich im Vorfeld

spekulieren, konjunktivieren und problematisieren,

noch und nöcher!

Nun gibt es aber den bereits in der

letzten Kolumne erwähnten Kollegen

Max – ein Sonnenschein, wie man ihn sich prächtiger nicht ausdenken

könnte –, der mit meiner Art der Lebenserschwernis gänzlich unvertraut

alle gleich” sein will, ungleich behandelt. In der

richterlichen Milde für den „Beziehungstäter”

etwa deutet sich eine „implizite Komplizenschaft

von Männern in hegemonialen Positionen

mit untergeordneten Männern auf Kosten

des weiblichen Geschlechts” (Gerlinda Smaus)

an. An diesen „untergeordneten Männern”

richtet sich das Strafrecht aus. Sie innerhalb

ihrer zugewiesenen Gender-Rolle zu disziplinieren,

ist oberstes Ziel der Prävention. Bei

Frauen wird eher die (verinnerlichte) soziale

Kontrolle vorausgesetzt, die aus ihrer Gender-

Rolle resultiert und sie tatsächlich viel weniger

häufig Straftaten begehen lässt. In diesem

Buch stellt sich das Strafrecht als repressive

Institution dar, die geschlechtliche Arbeitsteilung,

Hierarchisierung der Geschlechterrollen

und Schichtzugehörigkeit ständig reproduziert:

Deswegen, und nicht weil es „männlich” ist, ist

es auch abzuschaffen. Sylvia Köchl

Gaby Temme, Christine Künzel (Hg.innen):

Hat Strafrecht ein Geschlecht? Zur Deutung

und Bedeutung der Kategorie Geschlecht in

strafrechtlichen Diskursen vom 18. Jahrhundert

bis heute

transcript 2010, 28,60 Euro

Nichts, das kein Problem werden könnte!

ist. Ich hoffte ja, auf der Tour ein bisschen was von seiner jugendlichen

Leichtigkeit abbekommen zu können, zumal wir ja den Großteil der Zeit

zusammengequetscht im engen Tourbus

verbrachten und ich immer schon die

Vorstellung hatte, dass sich die Grenzen

von Menschen irgendwie verwischen und

vermischen, sobald sich viele von ihnen

auf kleinem Raum befinden.

Aber es wäre ja nicht ich, wenn sich daraus

nicht gleich das nächste Problem ergeben

hätte. Statt mich also im Tourbus

der Grenzen auflösenden Kraft hinzugeben,

die mich an Maxens Sonnenschein

hätte partizipieren lassen können, quälten

mich Fragen wie: Stinke ich? Nehme

ich zu viel Platz weg? Atme ich zu Raum

einnehmend? Sabbere ich alles voll, sollte

ich einschlafen? Wurde also nichts aus

dem Good-Vibes-Übertritt von Max auf

mich, stattdessen konnte ich meine Problematisierungs-Skills

ins schier Bodenlose

vertiefen. Aber wer weiß – es heißt

ja immer, die Inspiration entspringt oft eher einem Unglücks- denn einem

Glücksgefühl. Vielleicht also gerade noch Glück gehabt!

Clara Humpel betreibt seit 2006 ihr Plattenlabel Asinella Records (Marilies Jagsch, Luise Pop, Bettina Koester, Clara Luzia, Mika Vember) und macht selbst

unter ihren Vornamen Clara Luzia Musik.

Illustration: Lina Walde, http://evaundeva.blogspot.com


Sophie Hassfurther © Markus Lackinger, www.jazzfoto.at

Iba de gaunz oamen Leit hieß der

Band mit Mundartgedichten von

Christine Nöstlinger, der erstmals

1974 (noch unter einem anderen Titel)

erschien. Die Schauspielerin Caroline

Koczan und Erich Meixner wählten für

ihr Ensemble Bassena Social Club

(Extraplatte) einige der Texte aus und

vertonten sie. Herausgekommen sind

nicht unbedingt Wiener Lieder, dafür

kleine Alltagsszenen, die – da erfreulicherweise

ohne Zeigefinger gemeint

– selten positive Auswege aufzeigen.

Aufs erste kann dann ein Lied wie „A

Malea” ganz gemütlich herkommen,

etwa wenn bedauert wird, dass die

Ehefrau an einer Embolie verschieden

ist. Dabei war die „Watschn” nicht

schlimmer als sonst – und dass sie auf

eine Kante gefallen ist, war sicher nicht

an ihrem Tode schuld … Hier wechseln

sich Lieder aus weiblicher und männlicher

Perspektive ab, aber Nöstlinger

hat bekanntlich auch ein Herz für

Kinder: Wie für jenes, das bald genauso

wie der Vater nur mehr die Tischplatte

anstarren wird – der Optimismus spricht

aber mehr aus der Musik als aus den

Texten.

Anna Zauner-Pagitsch spielt zahlreiche

unterschiedliche Typen historischer

Harfen. Für die Tripelharfe, einem

chromatisch gestimmten Instrument,

das ohne Pedale auskommt, hat sie

Cembalo-Werke von Johann Sebastian

Bach bearbeitet. Der im Vergleich

zum Cembalo lange Nachhall lässt die

bekannten Stücke aus den „Englischen

Suiten” in überraschenden Klanglichtern

erscheinen. Auf dem Album Bach

auf der Harfe (Extraplatte) finden

sich jedoch auch zwei kurze Miniaturen,

die von der Harfenistin selbst stammen.

Die Spannung zwischen moderner

Klangsprache und historischem Instrument,

das noch nicht der Ästhetik des

homogenen Klangs frönt, entwickelt

seinen eigenen Reiz.

Saxophon und Klarinette – das ist

keine ungewöhnliche Kombination.

Die Salzburger Jazz-Saxophonistin

Sophie Hassfurther musiziert auf

ihrem Debütalbum mit dem türkischen

Klarinettisten Oguz Büyükberber – der

Titel Orient Express (Extraplatte) darf

jedoch nicht dazu verführen, folkloristische

Klänge zu erwarten, dafür fantasievolles

Spiel mit Formen, Melodien,

Harmonien, Rhythmen. Und dies nicht

nur ironiefrei: So gibt „Animal Farm”

Raum für instrumentales und stimmliches

Grummeln und Sirren, während

z.B. „Sis” vor allem die Tiefe auslotet.

Ein tiefgehender, nicht nur instrumentaler

Dialog.

Eine interessante Platte mit Blockflötenmusik

des 20. Jahrhunderts hat

Leora Vinik mit der Pianistin Liora

Ziv-li eingespielt: Auf Modern Music

Reizvolle

Klangdialoge

Was herauskommt, wenn Nöstlinger vertont wird,

Klarinetten mit Saxophonen plaudern

oder Bach auf die Harfe kommt,

hat sich Regina Himmelbauer angehört.

for Recorder & Piano werden

„Klassiker” wie Hans-Martin Linde,

Hans Ulrich Staeps oder Hans Gál

detailreich interpretiert. Das jüngste

Werk in dieser Sammlung ist das

irisierende „Glimpse of a Question from

a distant Desert” (2007) der israelischen

Komponistin Hagar Kadima. Die

Sorgfältigkeit der Produktion zeigt sich

auch am Booklet sowie einer zusätzlichen

DVD, auf dem die Blockflötistin

gleichsam „stille” Bilder zur Musik

findet, wie etwa in der Betrachtung der

Entstehung eines Bildes der Malerin

Mirjam Walter, der Keramikerin Talma

Tamari oder der Tänzerin Shimrit Golan.

Eine zurückhaltende, konzentrierte und

geistvolle CD (zu beziehen über

vinik@netvision.net.il).

Die Mezzosopranistin Magdalena

Kožená zählt zu den Stars der Alte-

Musik-Szene. Auf ihrem neuesten

Album Lettere amorose (Deutsche

Grammophon) hat sie auch die dramatische

Szene „L’Eraclito amoroso”

der frühbarocken Komponistin Barbara

Strozzi (1619–1664) aufgenommen.

Diese bewegende Klage über den

Lamento-Bass ist wohl eine der düstersten

Aufnahmen – erdenschwer und

ausdrucksvoll, ohne in leere Theatralik

zu verfallen. l

an.klang

Links:

www.bassenasocialclub.at

www.harfen.at/anna_zauner_pagitsch

www.sophiehassfurther.com

http://ce-acfp.co.tv/boxwoodeuropean-recorder

www.kozena.cz

November 2010 an.schläge l 41


an.sehen

... und alles funktioniert total schön

© coop99 / AG Doku

Menschen in weißen Overalls

hanteln sich an Fensterbänken entlang.

Rufen einander unverständliche

Dinge zu, lachen. Schließlich

wird mit Erfolg an der Vorderfront

der Wiener Kunstakademie ein

riesiges Transparent entrollt:

„Reclaim (y)our education!” Die

Besetzung beginnt. Die Kamera

wackelt. It’s real.

Brav nach aristotelischem Dramenaufbau

wird die Geschichte

der Proteste am Beispiel der

Universität Wien erzählt, zusammengehalten

durch die Kritik an

Leistungsdruck, Verschulung und

ökonomischem Verwertungszwang,

die sich wie ein roter Faden

durchzieht.

Von einer Einführung in die Problematik

des Bologna-Prozesses

(Stimme aus dem Off: „Wie man

als Student mitbekommt, dass alles

langsam zerfällt”) geht es gleich

weiter zur Audimax-Besetzung,

auf die unmittelbar die Solidarisierung

einer breiten Öffentlichkeit

folgt – vor allem, so suggerieren

die Kurzinterviews, aufgrund des

hohen und ordnungsverliebten

Organisierungsgrades („Haltet

eure Vokü sauber”, „Selbstver-

42 l an.schläge November 2010

antwortung”, „Fühl dich wie zu

Hause, wasch ab!”). Die Bewegung

professionalisiert sich, Arbeitsgruppen

werden gebildet, Pressekonferenzen

abgehalten, Sprecher_innen

treten an und wechseln sich ab, das

„Experiment Basisdemokratie”

geht in die heiße Phase und „alles

funktioniert” laut einer Studentin

„total schön.”

Die Klimax ist schließlich erreicht,

wenn eine internationale

Besetzungs-Vernetzung höchsten

Grades hergestellt ist, die AG Doku

von einer europäischen Stadt in die

nächste jettet und Anti-Flag, Jean

Ziegler und Gustav sich die Audimax-Türklinke

in die Hand geben.

Ex-Wissenschaftsminister Johannes

Hahn ist zu keinem Kompromiss

bereit, Uni-Wien-Rektor Winkler

erzählt verträumt von ’68, die

Gruppe „Squatting Teachers”

solidarisiert sich. Und dann geht es

auch schon wieder bergab. Erste

Streitigkeiten stellen sich ein, Müdigkeit

macht sich breit, über das

Klimpern eines Audimax-Pianisten

brüllen sich zwei Besetzer_innen

an, ein weißgekleideter Nikolaus

geht vorbei. Der Hörsaal ist fast

leer. Und das Drama darf dann

auch mit der Katastrophe enden:

Die Held_innen sterben nicht (wie

bei Aristoteles), sondern werden

geräumt, in Wien und in allen

solidarischen Städten, ein einsamer

Student zwischen Bullenspalieren

spielt in einem Kölner Hörsaal auf

der akustischen Gitarre Bob Marleys

„Redemption Song”. Da ist er

endlich, der bis zu Minute 68 sehnlich

erwartete Schauer. Schmalzige

Nostalgie, Antonioni pack ein, wir

machen uns die Musikvideos unserer

Politisierung selbst.

Danach wabert es noch ein

Weilchen weiter. Der „Hochschuldialog”

wird zum Scheitern

gebracht, Beatrix Karl wird neue

Wissenschaftsministerin, und die

Vorbereitungen zu den Bologna-

Gipfel-Protesten gehen los. Ein

Fazit wird formuliert: Die Protestbewegung

war erfolgreich, weil

Bildung zum Thema geworden ist.

Dann, erstaunlich zynisch in diesem

allzu freundlichen Film: Schwenk

auf den Eignungstest zum Medizinstudium.

Tausende Bewerber_innen

lassen sich von Securitys durchchecken,

bevor sie sich im übervollen

Megahörsaal zur Prüfung

niederlassen. Ende.

Aus 900 Stunden Videomaterial

hat die AG Doku* mit der Wiener

Produktionsfirma Coop99 einen knapp

85-minütigen Kinofilm über die

Bildungsproteste im Herbst 2009

geschnitten. Dabei kommt vieles vor

und vieles zu kurz.

Von Lisa Bolyos

Der Authentizitätsfaktor der

zahlreichen wackelnden Kameras,

die immer ganz nah dran sind am

Geschehen, hat Charme und erlaubt

auch unterschiedliche Blickwinkel

auf die Bewegung und ihre viele

kleinen Details. Widersprüche und

Momente der aufregenden Politisierung,

Fragestellungen jenseits

von Bachelor und Master, jenseits

von selbstbezüglicher Mittelschichtskritik

an einem langweiligen

Universitätssystem fallen der

strengen Timeline aber zum Opfer.

Ob es für eine Filmproduktion

genügt, sympathisches Material

chronologisch aneinanderzureihen

– vielleicht ist das schon zu viel

gefragt. „Wir wollten ja keinen

Film machen, der über die Proteste

reflektiert,” sagt Produzent Antonin

Svoboda. Und das ist (leider)

gelungen. l

„#unibrennt – Bildungsprotest 2.0“

(A 2010) läuft seit 29.10. in den

österreichischen Kinos.

* Arbeitsgruppe Dokumentation, die aus der

Bewegung unibrennt entstand und in mehreren,

unabhängigen Zusammenhängen die

Proteste auf Video dokumentierte.


Redaktionsschluss Termine 12/10:

02.11.2010 termine@anschlaege.at

fest

musik

5.11., ab 22.00, Wien

Club Quote feat. Chicken Exit (HU),

DJ C, Tomke & Vina Y.

fl uc, 1020, Praterstern, www.fl uc.at

13.11., 22.00, Wien

10 Jahre LADYSHAVE, mit Electric

Indigo u. irradiation, Kosten: 10/VVK

8 Euro,

brut im Künstlerhaus, 1010 Wien,

Karlsplatz 5, T. 01/587 87 74,

www.brut-wien.at,

www.ladyshave.fi nearts.at

20.11., 21.00, Wien

Die Rosa Lila Villa wird 28, Geburtstagsfest

in Kooperation mit MiGay,

nähere Infos zu Redaktionsschluss

noch nicht bekannt, siehe unter

www.villa.at

Rosa Lila Villa, 1060 Wien, Linke

Wienzeile 102, T. 01/586 81 50

ab 17.11., Berlin, Wien u.a.

M.I.A., Tourdaten: 17.11., Berlin,

Columbiahalle; 28.11., München,

Muffathalle; 29.11. Zürich, Rote

Fabrik; 30.11., Wien, Gasometer

bis 5.12., Salzburg u. Wien

Bock auf Kultur 2010, Benefi z-Festival

zu Gunsten der Flüchtlingshelferin

Ute Bock, Programm unter

www.bockaufkultur.at

film

7.11., 18–23.00, Wien

Laughing matters: Lesbische Standup

Comedy aus den USA, im Rahmen

der Reihe „Das Patriarchat auslachen

Humor als feministische Strategie”,

für Frauen_Lesben_Transpersonen_

Intersexpersonen

Frauencafé, 1080 Wien, Langeg. 11,

www.frauencafe.com

19.11., 18.30, Wien

Lesben im Postkommunismus,

Filmscreening u. Diskussion, mit

Jana Cvicova, Hana Museion, Anna

Borgos, Dorottya Rédai (Budapest),

Petra Galkova, Moderation: Nina

Hechenberger u. Verena Fabris, auf

Englisch u. Deutsch

Frauenhetz – Feministische Bildung,

Kultur und Politik, 1030 Wien,

Untere Weißgerberstr. 41, T. 01/715

98 88, www.frauenhetz.at

29.11., 17–19.00, Wien

Lesbischer Kultfi lm, für Lesben_Bisexuelle_Trans*

zwischen 13 u. 20

Jahren

Lila Tipp Lesbenberatung – Beratungs-

und Infostelle in der Rosa Lila

Villa, 1060 Wien, Linke Wienzeile

102, T. 01/586 81 50, www.villa.at

bühne

ab 17.11., 19.30, Wien

Bunbury – The Importance of being

earnest, von Oscar Wilde, eine Produktion

von Theater SHOWinisten,

mit: Lucy McEvil, Lilly Prohaska,

Susanna Knechtl u.a., Regie: Hubsi

Kramer, weitere Termine: 20., 24.,

27.11., 4., 8., 10.12., Kosten: 18/erm.

12 Euro

3raum Anatomietheater, 1030 Wien,

Beatrixg. 11, T. 0650/323 33 77,

www.3raum.or.at

ab 27.11., 20.00, Wien

Who shot the Princess? Boxstop

Telenovelas, Erstaufführung, Konzept,

Regie, Text, Sound: Gin/i Müller, mit

Flor Edwarda Gurrola, weitere Termine:

28., 29., 30.11., 1.12., Kosten:

13/erm. 7 Euro

brut im Künstlerhaus, 1010 Wien,

Karlsplatz 5, T. 01/587 87 74, www.

brut-wien.at,

seminar

workshop

5.–7.11., Schwanberg

I love my Vagina: Feminismus-

Seminar für Einsteigerinnen ohne

Vorkenntnisse, veranstaltet vom

Feminismus-Stammtisch der Grünalternativen

Jugend Steiermark, UKB:

20 Euro, Fahrtkosten, Unterkunft u.

Verpfl egung gratis,

Anm. unter www.gaj-stmk.at

ab 6.11., Wien

Feminist/queer Radio-Grundkurs

bei Radio ORANGE 94.0, Fokus

auf queer/feministische Radioarbeit

in Inhalt u. Form, Trainer_innen:

Renate Strauss, Sushila Mesquita,

Petra Y, Nino Jaeger, Termine:

6.11., 10–18.00 Einführung; 11.11.,

17–21.00, Akustisches Gestalten;

12.11., 17–21.00, Recht; 16.11.,

17–21.00, Live-Radio; Kosten: 34

Euro, kostenlos f. Erwerbslose, Anm.

bis 1.11. unter www.o94.at od. Tel.

01/319 09 99

ORANGE 94.0 – Das Freie Radio in

Wien, 1200 Wien, Klosterneuburger

Str. 1, T. 01/31 909 99, www.o94.at

13.11., 10–21.00, Wien

Wen DO – Feministische Selbstverteidigung

für Frauen und Mädchen:

„Eingreifen gegen Rassismus”, Kosten:

20–120 Euro (Gehaltsstaffel),

Informationen u. Anm. bis 3.11. unter

T. 01/408 50 57

FZ, 1090 Wien, Währingerstr. 59,

Stiege 6, http://wolfsmutter.at/sistaz/

wendo_wien/wendo.php

16.11., 18.00, Wien

Linux-Workshop, for ladyz* only

w23, 1010 Wien, Wipplingerstr. 23,

http://techbabbel.raw.at

26.11., 16.30–19.30, Wien

Wirtschaft anders denken, Workshop

mit Barbara Schöllenberger, kein

Wirtschaftswissen od. Vorkenntnisse

nötig, ab 20.00 Buchpräsentation

mit den Autorinnen von „Wirtschaft

anders denken: Feministische Wirtschaftsalphabetisierung”,

Anm. bis

19.11., UKB: Spende

Frauenhetz – Feministische Bildung,

Kultur und Politik, 1030 Wien,

Untere Weißgerberstr. 41, T. 01/715

98 88, www.frauenhetz.at

30.11., 18.00, Wien

LaTeX-Workshop, for ladyz* only

w23, 1010 Wien, Wipplingerstr. 23,

http://techbabbel.raw.at/

4. u. 5.12., 10–19.00, Wien

Wen DO – Feministische Selbstverteidigung

für Frauen und Mädchen:

Grundkurs „Sich verteidigen und

gegen Sexismus handeln”, Kosten:

20–120 Euro (Gehaltsstaffel), Informationen

u. Anm. bis 24.11. unter T.

01/408 50 57

FZ, 1090 Wien, Währingerstr. 59,

Stiege 6, http://wolfsmutter.at/sistaz/

wendo_wien/wendo.php

vortrag

diskussion

6.–7.11., Berlin

Frauengesundheit, 17. Jahrestagung

des Arbeitskreis Frauengesundheit

in Medizin, Psychotherapie und

Gesellschaft, Kosten: 30–100 Euro,

6.11., 20.00: AKF-Frauenfest, UKB:

25 Euro, Anm. f. die Tagung unter: T.

030/86 393-316 od. buero@akf-info.

de, Ort: Hotel Christophorus, 13587

Berlin, Schönwalder Allee 26/3

AKF, 10713 Berlin, Sigmaringer Str.

1, T. 030/86 393-316,

www.akf-info.de

8.11., 19.00, Wien

AsylwerberInnen und Obdachlose

in Österreich heute: Die Frage

nach Alternativen, im Rahmen der

Reihe „Doppel-Porträt”, mit Ute

Bock u. Cecily Corti, Moderation:

Radovan Grahovac u. Peter Kreisky,

anschließend Filmprojektion aktueller

Projekte der Aktivistinnen u. Buffet

Fleischerei Experimentaltheater,

1070 Wien, Kircheng. 44, T. 01/524

07 38, www.experimentaltheater.com

ab 8.11., 19.00, Wien

Veranstaltungsreihe „Culture of

Control? Überwachung, Kontrolle und

Subjektivierung”, Konzept u. Organisation

Ulrike Mayer u. Odin Kroeger, u.a.

8.11.: Andrea Kretschmann: Kontrollkulturen

– Felder, Formen und AkteurInnen

der Überwachung, 24.1.2011:

Gundula Ludwig „Geschlecht und

Heteronormativität überwachen”

Depot, 1070, Breite Gasse 3,

http://depot.or.at

10.11., 18.30, Wien

„Finanzierungen & Kredite”, im

Rahmen der Vortragsreihe „Frauen

und Geld”, Vortragende: Daniela Orlik,

UKB: 7 Euro, Anm. bis 7.11. bei elke.

spitzer@prokonzept.at, T. 01/817 41 44

Institut Frauensache, 1030 Wien,

Obere Viaduktg. 24, T. 01/89 58 440,

www.frauensache.at

12.11, 18.00, Wien

„Welches Wissen gegen die Krise?”

– 25 Jahre BEIGEWUM, mit Brigitte

Unger, Gundula Ludwig, Jörg Flecker,

Karin Fischer, Moderation: Beat

Weber, Fest nach der Diskussion

1090 Wien, Albert Schweitzer Haus,

Schwarzspanierstr. 13,

www.beigewum.at

12.11., 17–20.00, Neuenburg/

Neuchâtel

Bologna und Chancengleichheit, mit

Helene Füger, Thea Weiss Sampietro,

Cátia Candeias, Moderation: Julika

Funk, veranstaltet vom Verein Feministische

Wissenschaft Schweiz,

Kosten: 20/erm. 10 CHF

Universität Neuenburg, Raum RN.02

im Gebäude der Geisteswissenschaften,

2002 Neuenburg/Neuchâtel,

Espace Louis-Agassiz 1,

www.2unine.ch, www.femwiss.ch

12.11., 15–17.00, Wien

Notate zum Körperregime, mit Birge

Krondorfer, Moderation: Gerlinde

Mauerer

Institut für Soziologie, 1010 Wien,

Rooseveltplatz 2, www.frauenhetz.at

13.11., 19.00, Wien

Was Frauen arm macht, mit Gisela

Notz, Moderation: Birge Krondofer

Frauenhetz – Feministische Bildung,

Kultur und Politik, 1030 Wien,

Untere Weißgerberstr. 41, T. 01/715

98 88, www.frauenhetz.at

17.11., 18.30, Wien

Beharrliche Leiblichkeit: Zur

Vorgeschichte aktueller Embodiment-

Debatten, mit Marlen Bidwell-Steiner

Institut für Wissenschaft und Kunst,

1090 Wien, Bergg. 17, T. 01/317 43 42,

www.univie.ac.at/iwk

22.11., 19.00, Wien

Totgesagte leben länger – Die

österreichische Frauenbewegung, im

Rahmen der Reihe „Nachdrücklich

vorbildlich: Auf den Spuren von

Pionierinnen und Zukunftsfrauen”,

Kosten: 10/erm. 7 Euro

KosmosTheater, 1070 Wien,

Siebensterng. 42, T. 01/523 12 26,

www.kosmostheater.at

22.11., 19.00, Graz

Burn-out: Wenn Frauen über ihre

Grenzen gehen, mit Beate Kopp-

Kelter, UKB: 8 Euro, Anm. erwünscht

Frauengesundheitszentrum, 8010

Graz, Joanneumring 3, T. 0316/83 79 98,

www.fgz.co.at

25.11., 9.30–21.00, Garching

Liesel Beckmann Symposium 2010:

Gender in den Wirtschaftswissenschaften,

Teilnahme kostenlos, nähere

Informationen unter: T. 089/289 252

98 od. lbs@tum.de

Institute for Advanced Study der

Technischen Universität München,

85748 Garching, Lichtenbergstr. 2a,

www.tum-ias.de

3.12., 18.00, Berlin

G(enuss)-Fläche und weibliche Ejakulation,

Impulsgebung u. Erfahrungsaustausch,

Kosten: 3 Euro, mit Dr. Laura Méritt

Exklusivitäten, 10961 Berlin, Fürbringerstr.

2, www.weiblichequelle.de

ausstellung

an.künden

1.–30.11., in ganz Europa

Europäischer Monat der Fotografi e,

Österreich-Programm unter www.monatderfotografi

e.at u- www.eyes-on.at

Eyes On Infopoint im MUSA, 1010

Wien, Feldererstr. 6–8, Di, Mi, Fr 11–

18.00, Do 11–20.00, Sa 11–16.00,

T.01/4000-84 00, www.musa.at

5.11.–20.2., Wien

Power Up: Female Pop Art, Künstlerinnen:

Sister Corita, Kiki Kogelnik,

Niki de Saint Phalle u.a., Kunsthalle

Wie, Halle 1, 1070 Wien, Museumsquartier,

Museumsplatz 1, tgl.

10–19.00, Do 10–21.00, T. 01/521

89 33, www.kunsthallewien.at

November 2010 an.schläge l 43


an.künden

ElVira / www.bildergegengewalt.net

9.11. –7.12., Wien

Display, von Schönheitsdiktaten u.

Schönheitsidealen, Künstlerinnen:

Käthe Hager von Strobele, Maria

Hahnenkamp, Ulrike Lienbacher, Mar-

Jessica Lurie, Foto: Petra Cvelbar

Herta Müller, Foto: Annette Pohnert,

Carl Hanser Verlag

44 l an.schläge November 2010

16 Tage

Seit seiner offiziellen Initiierung im Jahr

1999 durch die Vereinten Nationen, die auf

die Entführung und Ermordung der Schwestern

Mirabal 1960 zurückgeht, wird der Internationale

Tag gegen die Beseitigung von

Gewalt an Frauen weltweit am 25. November

mit Aktionen und Veranstaltungen begangen.

Der 25. November ist auch Startschuss für

die „16 Tage gegen Gewalt an Frauen”. Der

10. Dezember, der Internationale Tag der

Menschenrechte, bildet den Abschluss dieser

globalen Kampagne. Damit soll auf die Einhaltung

der Menschenrechte für Frauen und

Mädchen sowie die notwendige Stärkung von

Frauenrechten im Allgemeinen aufmerksam

gemacht werden.

Programm Berlin: www.berlin.de/sen/frauen/

oeff-raum/25_11/index.html, Wien: www.wien.

gv.at/menschen/frauen/veranstaltungen/16gewalt.html,

Zürich: www.16tage.ch, und andere

Städte in ganz Europa:

www.un.org/depts/dhl/violence

gret Wibmer, Eröffnung: 8.11., 19.00

Fotogalerie Wien/WUK, 1090 Wien,

Währingerstr. 59, Di–Fr 14–19.00,

Sa 10–14.00, T. 01/408 54 62,

www.fotogalerie-wien.at

11.11.–24.11., Graz

Frauen gegen Gewalt: Die kolumbianische

Frauenorganisation „Organización

Femenina Popular”, Eröffnung:

10.11., 17.00

Women in Klezmer

Zum siebten Mal bespielt das KlezMORE Festival

Wien mit jüdischer Musik in all ihren Variationen,

von zeitgenössischen Interpretationen bis hin zur

Vielfalt traditioneller Formen. Mit Auftritten von

u.a. Timna Brauer (A), Andrea Pancur (D), Jessica

Lurie (USA) und Rodinka (FR) wird die Frauenquote

auch hier gepusht. Voll koscher!

6.–21.11., KlezMORE Festival Vienna,

an verschiedenen Spielstätten, Festivalinfo

T. 0676/521 91 04, www.klezmore-vienna.at

Der kalte Schmuck

des Lebens

Unter diesem Titel wird der Literaturnobelpreisträgerin

von 2009, Herta Müller, nun die erste

umfassende Ausstellung gewidmet. Das Literaturhaus

Berlin zeigt Originalmanuskripte und

literarische Zeugnisse und bringt auf der Finissage,

auf der der rumänischen Sängerin Maria

Tanase gedacht wird, Müller sogar zum Singen.

bis 21.11., Finissage am 17.11. mit Herta

Müller u. Sandra Weigl & Band, Literaturhaus

Berlin, 10719 Berlin, Fasanenstr. 23, Di–Mi,

Fr–So u. Feiertag 11–19.00, Do 11–21.00,

T. 030/887 286-0, www.literaturhaus-berlin.de

Frauendokumentations- und Projektzentrum,

8010 Graz, Radetzkystr. 18,

Mo, Di, Fr 10–13.00, MI 14–17.00, T.

0316/82 06 28, www.doku.at

bis 14.11., Maria Gugging

mahn – maskulines? Männerbilder

– die Abbildung des Mannes und

„Männliches” in der Art Brut

galerie gugging, 3400 Maria Gugging,

Am Campus 2, T. 02243/87 087 381,

www.gugging.org

bis 17.11., Linz

Marlen Haushofer: „Ich möchte

wissen, wo ich hingekommen bin!”

StifterHaus, Adalbert-Stifter-Platz

1, 4020 Linz, T. 0732/77 20-1295,

www.stifter-haus.at

bis 21.11., Jena

Louise Bourgeois: Skulpturen, Zeichnungen

und Druckgrafik

Städtische Museen Jena, Kunstsammlung,

07743 Jena, Markt 7, Di

u. Mi 10–17.00, Do 14–22.00, Sa

u. So 11–18.00, T. 03641/4982-65,

ww.kunstsammlung.jena.de

bis 5.12., Wien

Retrospektive Frida Kahlo

Bank Austria Kunstforum, 1010 Wien,

Freyung 8, Mo–So 10–19.00, Fr

10–21.00, T. 01/537 33 26,

www.bankaustria-kunstforum.at

bis 12.12., Wien

Ana Torf: Album/Tracks B

Generali Foundation, 1040 Wien,

Wiedner Haupstr. 15, Di–So, feiertags

11–18.00, Do 11–20.00, Vortrag

Mieke Bal 2.12., 19.00, T. 01/504 98

80, http://foundation.generali.at

bis 13.12., Wien

Das Theater mit dem Gender – 10

Jahre KosmosTheater

Jubiläumsausstellung, Konzept und

Ausführung: Bettina Frenzel, geöffnet

an Spieltagen, ab 90 min. vor Vorstellungsbeginn,

Eintritt frei

KosmosTheater, 1070 Wien, Siebensterng.

42, T. 01/523 12 26,

www.kosmostheater.at

bis 9.1., Frankfurt/Main

Not in Fashion – Mode und Fotografie

der 90er Jahre

Museum für Moderne Kunst, 60311

Frankfurt/Main, Domstr. 10, Di

10–18.00, Mi 10–20.00, Do–So

10–18.00, T. 069/212 304 47,

www.mmk-frankfurt.de

bis 30.1., Wien

Valie Export: Zeit und Gegenzeit,

Führungen durch die Künstlerin:

3.11. 19–20.00, durch die Kuratorin:

16.11., 17–18.00, Themenführung:

17.11., 19–20.00, Diskussion

„Wegbereiterin und Leitfigur”: 1.12.,

19–20.00, Teilnahme kostenlos,

Anm. unter public@belvedere.at

Unteres Belvedere, Orangerie, 1030

Wien, Rennweg 6, tgl. 10–18.00, Mi

10–21.00, T. 01/79 55 70,

www.belvedere.at

bis 31.1., Wien

Sofia Goscinski: Disorders

Kunsthalle Wien, photo wall & video wall

1070 Wien, Museumsplatz 1, tgl.

10–19.00, Do 10–21.00, T. 01/521

89-0, www.kunsthallewien.at

bis 6.2., München

Tronies – Marlene Dumas und die

Alten Meister

Haus der Kunst, 80538 München,

Prinzregentenstr. 1, Mo–So

10–20.00, Do 10–22.00, T. 089/211

27-115, www.hausderkunst.de

bis 13.2., Speyer

Amazonen – Geheimnisvolle Kriegerinnen

Historisches Museum der Pfalz Speyer,

67346 Speyer, Domplatz 4,

T. 06232/13 25 0,

www.museum-speyer.de

bis 13.3., Wien

Susan Hefuna: 7xANA, Installationsserie

im Rahmen des Projekts

„MAPPING WIEN”

Sigmund Freud Museum, 1090 Wien,

Bergg. 19, tgl. 9–17.00, T. 01/319 15 96,

www.freud-museum.at

lesung

10.11., 19.00, Wien

Angelika Reitzer „Unter uns” u.

Melinda Nadj Abonji „Tauben fliegen

auf”, Einleitung u. Gespräch: Daniela

Strigl u. Petra Messner, im Rahmen

der Reihe „Textdialog: Familienmuster

im Wandel – Zerfließende

Identitäten und starke Charaktere”

Alte Schmiede, Literarisches Quartier,

1010 Wien, Schönlaterng. 9,

T. 01/512 44 46-74,

www.alte-schmiede.at

12.11., 20.00, Wien

Slam b, Poetry Slam, mit Slam-Masterin

Diana Köhle, Anm. ab 19.00, für eigene

Teilnahme mitzubringen: 2 selbst

verfasste Texte zu jew. max. 5 min

Literaturhaus Wien, 1070 Wien,

Zieglerg. 26A, www.literaturhaus.at,

www.slamb.at

24.11., 20.15, Wien

textstrom Poetry Slam, Moderation:

Mieze Medusa, Special Guest: PEH,

Anm. ab 19.30, für eigene Teilnahme

mitzubringen: 2 selbst verfasste Texte

zu jew. max. 5 min

rhiz, 1080 Wien, Gürtelbogen 37,

http://rhiz.org,

www.miezemedusa.com

3.12., 19.00, Wien

Lydia Mischkulnig „Streifzug oder

Moralischer Kater” u. Sabine Scholl

„Euphorie und Schässburg-Gefühl”,

Lesungen und Diskussion, im Rahmen

der Reihe „mitSPRACHE unterwegs

– Literarische Reportagen”

Alte Schmiede, Literarisches Quartier,

1010 Wien, Schönlaterng. 9, T.

01/512 44 46-74,

www.alte-schmiede.at

aktivitäten

jeden 1. Do, ab 18.00, Wien

Offenes Plenum des Frauencafé

Kollektivs

Frauencafé, 1080 Wien, Langeg. 11,

www.frauencafe.com

jeden 1. Do, ab 18.30, Wien

Plenum des FrauenLesbenMädchen-

Zentrums

1090 Wien, Währinger Str. 59/Stiege

6, T. 01/408 50 57, http://fz-bar.

wolfsmutter.com

jeden Do u. Fr, 18–24.00, Wien

Feministische Kneipe, für Frauen_Lesben_Transpersonen_Intersexpersonen

Frauencafé, 1080 Wien, Langeg. 11,

www.frauencafe.com

Do, 16.30–18.30, Hamburg

Das LesbenTreff-Café, für Lesben

jeden Alters

20357 Hamburg, Glashüttenstr. 2, T.

040/24 50 02, www.lesbenvereinintervention.de


5.–7.11., Salzburg

Herbst.Tanz 2010 – tanzimpulse

Salzburg. Workshop: Butoh, mit

Yumiko Yoshioka, Anm. unter

workshops2010@tanzimpulse.at u. T.

0676/97 55 293

tanz_house, ARGEkultur, 5020

Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Str. 5,

www.tanzimpulse.at

8. u. 22.11., zw. 17 u. 19.00, Wien

Offener Abend zum Selbstgestalten,

für Lesben_Bisexuelle_Trans*

zwischen 13 u. 20 Jahren

Lila Tipp Lesbenberatung – Die Beratungs-

und Infostelle in der Rosa Lila

Villa, 1060 Wien, Linke Wienzeile

102, T. 01/586 81 50, www.villa.at

25.11., Wien

FrauenMädchenLesbenDemo anlässlich

des Internationalen Tags gegen Gewalt

an Frauen, Information u. Terminbekanntgabe

f. Vorbereitungstreffen unter

lesbenfrauennachrichten@gmx.at

Autonomos FrauenLesbenMädchen-

Zentrum, 1090 Wien, Währingerstr. 59/

Stiege 6, 2. Stock, T. 01/408 50 57,

http://fz-bar.wolfsmutter.com

beratung

ab 1.11., 18–20.00, Hamburg

Projektwerkstatt: Coming Out, für

junge Lesben/Bisexuelle, weitere Termine:

8., 15., 22., 29.11., Anm. unter

jlz@lesbenverein-intervention.de

Lesbenverein Intervention, 20357

Hamburg, Glashüttenstr. 2,

T. 040/43 04 624,

www.lesbenverein-intervention.de

Marta Carbayo „Won Woman Show”, Foto: Chapitó

jeden 2. u. 4. Sa, 14–18.00, Wien

Frauen-Lesben-Theatergruppe, für

Frauen und Mädchen jeden Alters,

Infos: Regina Stierschneider, T.

0664/186 06 13, regina@elektrobox.com

FZ – Autonomes FrauenLesbenMädchenZentrum,

1090 Wien, Währinger

Str. 59/Stiege 6

Do, 17.30–20.45, Wien

SAPPHO – Psychotherapeutische

Gruppe für lesbische und bisexuelle

Frauen: Das zufriedene les-bi-sche Ich

bin Ich, 14-tägig jeweils Do, Kosten: 48

Euro pro Abend, Anm.: T. 01/585 69 66

Beratungsstelle COURAGE, 1060

Wien, Windmühlg. 15/1/7,

www.courage-beratung.at

ab 3.11., an verschiedenen Orten in

Vorarlberg

FEMAIL-Sprechtage, kostenlose u.

vertrauliche Information u. Beratung

zu Themen wie Beihilfen, Karenz,

Wiedereinstieg, Bildung, Gesundheit,

Trennung u. Pension, Sprechtage in

den Regionen mit Claudia Bernard und

Sevinç Kapaklı – Termine unter

T. 05522/31002, www.femail.at

ab 18.11., 18–21.00, Wien

Jahres-Gruppe für Frauen im Aufbruch,

Coaching, Begleitung u. Beratung für

Themen wie Lebensplan, Lebensbalance,

Lebensentwürfe, Veränderungsprozesse,

Leitung: Daniela Reiter, Termine:

18.11., 16.12., 20.1., 17.2., 17.3.,

28.4., 19.5., 16.6.2011, Kosten: 72

Euro/Abend, max. 8 Teilnehmerinnen,

Anm. u. Information: T. 0699/10 52 61

47 od. daniela.reiter@diereiter.at

Seminarzentrum Lindengasse, 1070

Wien, Lindeng. 30/12, www.diereiter.at

Ansichten einer Clownin

Mit oder ohne rote Nase treten sie wieder auf, die Clowns

des internationalen „CLOWNIN”-Festivals in Wien, eines

der insgesamt nur drei Clownfrauen-Festivals auf

der ganzen Welt (neben Andorra und Rio de Janeiro). An

neun Festivaltagen werden dem erwachsenen Publikum

Stücke heimischer und internationaler Künstlerinnen gezeigt,

darunter zwei Uraufführungen und zahlreiche österreichische

Erstaufführungen. Das Festival wird durch

einen theoretischen Diskurs und Workshops begleitet.

26.11.–4.12., CLOWNIN – Das internationale Clownfrauenfestival

2010, KosmosTheater, 1070 Wien, Siebensterngasse

42, Eröffnung 26.11., Diskursabend

29.11. u. Closing Party 4.12. bei freiem Eintritt,

T. 01/523 12 26, www.kosmostheater.at, www.clownin.at

radio

fixtermine

Mo 18–19.00, Wien

Khorschid Khanum – Die persischsprachige

Frauensendung

Orange 94.0 MHz, jeden 1. Mo

Mo 19–20.00, Kärnten

Frauenstimmen – Glas zena

Radio Agora 105.5 MHz (Dobrac),

wöchentlich

Mo 21–22.00, Schweiz

K-Punkt Kalila – Feminine und

feministische Themen

Kanal K 94.9 MHz (Aargau),

Livestream auf http://kanalk.ch,

wöchentlich

Di, 13–14.00, Wien

Globale Dialoge – Women on Air

Orange 94.0 MHz, wöchentlich

Di, 18–19.00, Wien

Weibertalk – Sendung des Autonomen

FrauenLesbenZentrums Innsbruck

Orange 94.0 MHz, jeden 2. Di

Di, 20–21.00, Deutschland

Mrs. Pepsteins Welt – Feminismus-

Allüren und Musik, Musik, Musik

Radio Blau 99.2 MHz (Leipzig),

www.mrspepstein.de, alle 4 Wochen

Di, 21–22.00, Wien

female:pressure – Feministisches

Magazin zu Musik- und Clubkultur

Orange 94.0 MHz, jeden 2. Di

Mi 18–18.30, Salzburg

Frauenzimmer – Plattform für eine

frauenspezifische Information

Radiofabrik 107.5 MHz (Salzburg

Stadt), wöchentlich

Mi 18–19.00, Wien

Bauch, Bein, Po – Die Sendung für

die ganze Frau

Orange 94.0 MHz, jeden 2. Mi

Fr 18–19.00, Wien

Radio UFF – Sendung des Unabhängigen

FrauenForums

Orange 94.0 MHz, jeden 1. Fr

Fr 19–20.00, Oberösterreich

SPACEfemFM Frauenradio

Radio FRO 105.0 MHz (Linz), jeden

1., 3. u. 4. Fr

Ann Liv Young/Cinderella, Foto: Michael Guerrero

Foto: Vina Yun

Give me a grrr!

Sa 18–19.00, Deutschland

Rainbow City – Radio für Lesben und

Schwule

97.2 MHz (Berlin), Livestream

auf www.radiorainbowcity.de,

wöchentlich

Sa 19–20.00, Steiermark

Bertas Bücherstunde – Das feministische

Literaturmagazin

Radio Helsinki 92.6 MHz (Graz),

jeden 4. Sa

So, 19–20.00, Tirol

Weibertalk – Sendung des Autonomen

FrauenLesbenZentrums

Innsbruck

FREIRAD 105.9 MHz

(Innsbruck),jeden 1. So

Cindarella Story

advanced

an.künden

Erklären die jungen Feministinnen die Zweite Frauenbewegung

für tot? Warum nennen sie sich zumeist „Mädchen”

oder „Girls” und nicht Frauen? Wer sind die Riot

Grrrls, und welche Rolle spielt das Internet in Sachen

Vernetzung? Diesen und anderen Fragen wird in einem

Seminar auf dem Frauenferienhof Moin Moin mit Feministin,

Aktivistin und Unternehmerin Stephanie Mayfield

nachgegangen.

12.–14.11., Kosten: 199 Euro, Anm. unter www.frauenferienhof.de,

Moin Moin Frauenferienhof Ostfriesland,

26446 Friedeburg, Zum Lengener Meer 2,

T. 04956/4956, www.stephanie-mayfield.de

Die Südstaaten-Cinderella Shelly (aka Starperformerin

Ann Liv Young) ist so gar nicht nach

den Gebrüdern Grimm: Sie pfeift auf Prince Charming,

ist vielmehr fasziniert von weiblicher Macht

und davon überzeugt, dass ihr kein Märchenprinz

zu ihrem Glück fehlt. Shelly ist dreist, aufdringlich,

schmuddelig, und versucht, sich „fit for feminism”

zu machen. Nichts mit Schuhprinzessin!

ab 11.11., Cinderella, österreichische Erstaufführung,

mit Ann Liv Young u. Michael Guerrero,

weitere Termine: 12.–14.11., Kosten: 13/

erm. 7 Euro

brut/Konzerthaus, 1030 Wien, Lothringerstr.

20, T. 01/587 87 74, www.brut-wien.at,

www.annlivyoung.com

November 2010 an.schläge l 45


zappho des monats

46 l an.schläge November 2010

an.schläge gibt’s in folgenden Buchhandlungen:

Fachbuchhandlung ÖGB 1010 Rathausstr. 21

Kuppitsch 1010 Schottengasse 4

Morawa 1010 Wollzeile 11

Winter 1010 Rathausstr. 18

Frick International 1010 Schulerstr. 1-3

tiempo 1010 Johannesgasse 16

Facultas 1010 Universitätsstr. 7

Lhotzkys Literaturbuffet 1020 Taborstraße 28

Buchhandlung polycollege 1050 Reinprechtsdorferstr. 38

phil 1060 Gumpendorferstr. 10-12

Südwind 1070 Mariahilferstr. 8

Tabak Trafik Brosenbauch 1070 Kaiserstr. 96

und auch in vielen Städten in Deutschland.

Vollständige Liste der Verkaufsstellen auf:

www.anschlaege.at

www.myspace.com/an.schlaege

Vorschau auf die Dezember/Jänner-Ausgabe:

Fat Feminism

Neoliberale Körperpolitiken torten

an.schläge tv

8.11., 21.00

auf OKTO

webstream:

www.okto.tv

an.schläge-tv präsentiert:

Zur Diskussionsreihe von

SYNEMA „Frauen Arbeit Film”:

Gespräche mit Brigitte Mayr

u.v.m. über innovative Role-

Models und neue Frauenbilder.

an.schläge-Abopreise:

Schnupperabo (3 Hefte): 10/12* Euro

Jahresabo (10 Hefte): 35/ermäßigt 29/45* Euro

Unterstützungsabo (10 Hefte): 43/53* Euro

* Gültig für Europa, weitere Auslandspreise auf Anfrage.

Weitere Infos unter abo@anschlaege.at oder auf

www.anschlaege.at.

Riedl 1080 Alser Str. 39

Löwenherz 1090 Berggasse 8

Südwind 1090 Schwarzspanierstr. 15

Infoladen Infomaden 1110 Wielandgasse 2-4

Infoladen Treibsand 4040 Rudolfstr. 17

Kulturverein Waschaecht 4600 Dragonenstr. 22

Rupertusbuchhandlung 5020 Dreifaltigkeitsgasse 12

Wagnersche Buchhdlg. 6020 Museumstr. 4

Amazone-Zentrum 6900 Brockmanngasse 15

Berta – Bücher & Produkte 8020 Siebenundvierzigergasse 27

Hacek-Bücherei 9020 Paulitschgasse 5/7

KBuch 9020 Universitätsstr. 90

FRAUENHOTEL artemisia BERLIN

Zimmer zum Wohlfühlen in Citylage. Ab 39,- Euro.

Brandenburgische Str. 18, 10707 Berlin, T 0049 30 8738905

artemisia@frauenhotel-berlin.de, www.frauenhotel-berlin.de


Gender Check –

Narratives and Exhibition

Practices

SymPoSium

19./20. November 2010

Eine Initiative der

Homöopathie

für Frauen

Dr. a Maria Pertiller

Fachärztin für Allgemeinmedizin

ÖAK-Diplom Homöopathie

und Akupunktur

und begleitende Krebstherapien

Telefon und Fax: 01/416 54 56

1140 Wien, Lützowgasse 8/4/3

Ordination nach Vereinbarung

keine Kassen


Jetzt

abonnieren.

Schnupperabo (3 Hefte): 10 / 12* Euro

Jahresabo (10 Hefte): 35 (ermäßigt 29) / 45* Euro

Unterstützungsabo (10 Hefte): 43 / 53* Euro

* gültig für Europa, weitere Auslandspreise auf Anfrage

Infos und Bestellungen unter abo@anschlaege.at oder auf www.anschlaege.at

Start des Mentoring-

Programms an der Uni Wien –

Bewerbungsfrist jetzt!

Die Abteilung Frauenförderung und Gleichstellung der Universität Wien lädt Postdoktoran dinnen

und Habilitandinnen der Universität Wien sowie Postdoktorandinnen, die sich um

eine Anstellung an der Universität Wien bewerben wollen, ein, sich für das

Mentoring-Programm muv als Mentee zu bewerben. Das neue Programm läuft

von März 2011 bis Jänner 2012. Die Bewerbungsfrist endet am 15. November 2010.

Bewerbungsunterlagen und weitere Infos:

http://personalwesen.univie.ac.at/frauenfoerderung/mentoring/

E-Mail: mentoring.frauenfoerderung@univie.ac.at

an.schläge Nr. 11/10, 24. Jahrgang, € 3,80 (Ö) € 4,80 (D) sfr 9,00 , ISSN 1993-3002, P.b.b. Erscheinungsort Wien, Verlagspostamt 1010 Wien, envoi à taxe réduite, GZ 02Z031419 M

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine