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<strong>Inhalt</strong><br />

Mit Kopf, Herz und Hand<br />

Für eine Kultur der Kreativität in Wissenschaft und Praxis 8<br />

Wilhelm Krull<br />

Entwerfen als Arbeitswissen 12<br />

Helga Nowotny<br />

Einleitung 20<br />

Hille von Seggern, Julia Werner, Lucia Grosse-Bächle<br />

Entwerfen als integrierender Erkenntnisprozess 34<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

Exploration: Kreativität, Verstehen und Idee 68<br />

Hille von Seggern<br />

Was heißt verstehen?<br />

Über Heideggers und Gadamers Hermeneutik zu aktuellen<br />

Wissenschaftsverständnissen 82<br />

Jean Grondin<br />

Künstlerische Verstehensprozesse zwischen Sprache, Zeichen und Bild<br />

Zu ausgewählten Bildern der Malerin Trude Fumo 96<br />

Anne D. Peiter<br />

Kreativität im Spannungsfeld von Handlung und Komplexität 108<br />

Hans Poser<br />

Die neurobiologischen Voraussetzungen für die Entfaltung von<br />

Neugier und Kreativität 124<br />

Gerald Hüther<br />

Maieutik des Wissens<br />

Körper Sinne Sprache 138<br />

Gustl Marlock<br />

Kreativität und Verstehen<br />

Neurobiologie, Mimesis und Kunst 150<br />

Hinderk M. Emrich<br />

Kuratorisches Handeln<br />

Kunst, Arbeit und Ausbildung 166<br />

Beatrice von Bismarck<br />

<strong>content</strong><br />

With Brains, Heart and Hands<br />

For a Culture of Creativity in Scientific Theory and Practice 9<br />

Wilhelm Krull<br />

Designing as Working Knowledge 13<br />

Helga Nowotny<br />

Introduction 21<br />

Hille von Seggern, Julia Werner, Lucia Grosse-Bächle<br />

Designing as an Integrative Process of Creating Knowledge 35<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

exploratIon KreatIvItät, verstehen und Idee exploratIon creatIvIty, understandIng and Idea<br />

Projekte am STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN<br />

Entwerfen mit Experimenten 16 Klischees, Vorurteile, Stereotype 32 Körper und Raum 52 Kultbrille 64 „Das Einzelne und<br />

das Ganze“ 70 Menschen machen Raum 80 Den Douro wiederentdecken 202 KAMP-LINTFORT 210 Experimente in Luxemburg<br />

238 Die Raumvision 240 Stadtsurfer 242 New Farmer. Farmland 244 Ein Bild für die Altmark 318 Auf Achse 328<br />

Auswahl, Bearbeitung, Kommentar: Julia Werner, Hille von Seggern<br />

Exploration: Creativity, Understanding and Idea 69<br />

Hille von Seggern<br />

What Does Understanding Mean?<br />

The Perspectives of Heidegger and Gadamer 83<br />

Jean Grondin<br />

Artistic Processes of Understanding among Language, Sign and Image<br />

Selected Pictures by Trude Fumo 97<br />

Anne D. Peiter<br />

Creativity in the Balance between Action and Complexity 109<br />

Hans Poser<br />

The Neurobiological Preconditions for the Development of<br />

Curiosity and Creativity 125<br />

Gerald Hüther<br />

The Maiuetics of Knowledge<br />

Body, Sense and Language 139<br />

Gustl Marlock<br />

Creativity and Understanding<br />

Neurobiology, Mimesis and Art 151<br />

Hinderk M. Emrich<br />

Curatorial Acting<br />

Art, Work and Education 167<br />

Beatrice von Bismarck<br />

Projects at STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN<br />

Designs with Experiments 16 Cliches, Prejudices, Stereotypes 32 Body and Space 52 Cult Glasses 64 “The Part and the<br />

Whole“ 70 People Create Space 80 Rediscovering the Douro 202 KAMP-LINTFORT 210 Experiments in Luxemburg 238<br />

The Spatial Vision 240 Urban Surfers 242 New Farmer. Farmland 244 An Image for the Altmark 318 On the Axis 328<br />

Selection, Editing, Comments: Julia Werner, Hille von Seggern


foKus urbane landschaften, entwerfen und InnovatIonsstrategIen focus urban landscapes, desIgnIng and InnovatIon strategIes<br />

Fokus: Urbane Landschaften, Entwerfen und Innovationsstrategien 196<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

Ohne Verstehen keine Entwurfsidee 212<br />

Hille von Seggern<br />

Die Qualifizierung fragmentierter urbaner Landschaften –<br />

eine weltweite Aufgabe! 252<br />

Thomas Sieverts<br />

Produktive Freiräume 266<br />

Undine Giseke<br />

Entwurfswissen 276<br />

Martin Prominski<br />

Ideen – woher nehmen?<br />

Entwurfslehre am STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN 290<br />

Julia Werner<br />

Entwerfen ist Experimentelles Erfinden 332<br />

Peter Latz<br />

Vielfältige Horizonte 362<br />

Henri Bava<br />

Stossworks: Hybrid, Expansiv, Unvollständig 376<br />

Chris Reed<br />

Uns interessieren die Menschen 390<br />

Markus Gnüchtel<br />

Entwerfen im Wechsel der Maßstäbe<br />

Ontwerpen door des schalen heen 402<br />

Lodewijk van Nieuwenhuijze, Susanne Zeller<br />

Dynamische Medien<br />

Wasser und Vegetation in prozessorientierten Entwürfen 412<br />

Lucia Grosse-Bächle<br />

Entwerfen mit Experimenten 434<br />

Daniela Karow-Kluge<br />

Der „Park des geringsten Widerstands“<br />

Eine Bestandsaufnahme 446<br />

Boris Sieverts<br />

Anhang<br />

Die Autorinnen und Autoren 456<br />

Die Herausgeberinnen 460<br />

Bildnachweis 462<br />

Focus: Urban Landscapes, Designing and Innovation Strategies 197<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

Understanding is Essential for Designing 213<br />

Hille von Seggern<br />

Improving the Quality of Fragmented Urban Landscapes –<br />

a Global Challenge! 253<br />

Thomas Sieverts<br />

Productive Open Spaces 267<br />

Undine Giseke<br />

Design Knowledge 277<br />

Martin Prominski<br />

Ideas – How Can They Emerge?<br />

Design Teaching at STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN 291<br />

Julia Werner<br />

Design is Experimental Invention 333<br />

Peter Latz<br />

Manifold Horizons 363<br />

Henri Bava<br />

Stossworks: Hybridized, Expansive, Incomplete 377<br />

Chris Reed<br />

We focus on People 391<br />

Markus Gnüchtel<br />

Multiscale Design<br />

Ontwerpen door des schalen heen 403<br />

Lodewijk van Nieuwenhuijze, Susanne Zeller<br />

Dynamic Media<br />

Water and Vegetation in Process-oriented Design 413<br />

Lucia Grosse-Bächle<br />

Designing through Experiment 435<br />

Daniela Karow-Kluge<br />

The “Park of Least Resistance”<br />

An Inventory 447<br />

Boris Sieverts<br />

Appendix<br />

The Authors 457<br />

The Editors 461<br />

Picture Index 463


STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN<br />

Das STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN ist ein interdisziplinäres Netzwerk für Lehre, Forschung und Praxis<br />

an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Derzeit 16 Mitglieder aus<br />

Landschaftsarchitektur, Stadtplanung, Architektur, Bauingenieurwesen, Biologie, Soziologie und Wasserwirtschaft<br />

arbeiten in Forschung, Lehre und Büropraxis (meistens in mehreren Bereichen). Das STUDIO ist die gemeinsame<br />

Plattform für Fragen der Wahrnehmung, Planung und Gestaltung urbaner Landschaften – von regionalen Strategien<br />

bis zum örtlichen Projekt.<br />

2003 entstand das STUDIO als Lehrform – mit dem Anliegen, Landschaftsentwerfen theoretisch und immer<br />

erfahrungsbasiert und dialogisch zu lehren. Der Mangel an Räumen für ein kreatives entwerferisches Arbeiten führte<br />

für vier Jahre als Zwischennutzung ins „Off“ in ein entfernt gelegenes, fast aufgegebenes Universitätsgebäude:<br />

mit großzügigen, für dieses Experiment geeigneten Räumen. 2008 kehrte das STUDIO in das Fakultätsgebäude<br />

zurück.<br />

Wechselnd besetzte Teams arbeiten mit verschiedenen Schwerpunkten, experimentell und „mit eigenen<br />

Handschriften“. Gleichwohl gibt es einen inhaltlichen und methodischen gemeinsamen Nenner: das STUDIO-<br />

Konzept. Es ist durch ein Entwurfsverständnis gekennzeichnet, das theoretisch, methodisch und anwendungsbezogen<br />

rationale, intuitiv-emotionale und erfahrungsbezogene Wissenszugänge sowie raumentwerferische und<br />

künstlerische Arbeitsweisen verbindet. Das Konzept basiert auf einem entwurfsbezogen „übersetzten“<br />

hermeneutischen Verstehen und stellt die kreative Ideenfindung in den Mittelpunkt.<br />

Die inhaltliche und personelle Verzahnung ermöglicht einen produktiven Austausch zwischen Lehre, Forschung<br />

und Praxis: Forschendes Entwerfen, Entwerfen als Forschung in Studiums-, Forschungs- und Praxisprojekten als<br />

spannendes Wechselspiel. Inter- und transdisziplinäre Vernetzungsstrategien sind Voraussetzung für das Entwerfen<br />

komplexer urbaner Landschaften. Das Entwerfen selbst und zeitgemäße Kommunikations- und Arbeitsformen<br />

sind dabei brückenbildende Handlungsweisen des STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN.<br />

Das STUDIO beim Arbeiten, im Dialog, in Ausstellungen oder Projektpräsentationen ...<br />

The STUDIO at work, in dialogue, in exhibitions or at project presentations …<br />

26 27 STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN<br />

STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN is an interdisciplinary network for teaching, research and practice at the<br />

faculty for architecture and landscape at Leibniz University in Hanover, Germany. There are currently sixteen<br />

members from the areas of landscape architecture, urban planning, architecture, civil engineering, biology,<br />

sociology and water management who are working in research, teaching and office practice (most are active<br />

in several areas). The STUDIO is the joint platform for questions of perception, planning and design of urban<br />

landscapes, ranging from regional strategies to local projects.<br />

In 2003 the STUDIO emerged as a model dedicated to teaching landscape design theoretical and always based<br />

on experience and dialogue. The lack of space for a creative, design-oriented work led to a temporary use of<br />

space for four years “off campus” in a nearly abandoned university building with large rooms, which were well<br />

suited for this experiment. In 2008 the STUDIO returned to the faculty building.<br />

Teams that are assembled according to task and schedules work experimentally, “with their own signatures”<br />

on different focuses. At any rate, there is a conceptual and methodical shared approach: the STUDIO concept.<br />

It is characterized by a comprehension of designing that combines rational, intuitive and experience-orientated<br />

accesses to knowledge in the fields of theory, methodology and implementation. It uses both design and artistic<br />

modes of work. The STUDIO concept is based on a “translation” of a hermeneutic understanding for design<br />

processes and features a focus on creative idea-finding.<br />

The meshing of concept and personnel makes possible a productive exchange among teaching, research and<br />

practice: Research as design, design as research in academic, research, and practical projects as exciting in-<br />

terplay. Inter- and trans-disciplinary network strategies are the precondition for the design of complex urban<br />

landscapes. Design itself and appropriate communication and working forms become the bridge-building modes<br />

of activity of STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN.<br />

Mitglieder Members: Dipl.-Ing. Börries v. Detten, Dr.-Ing. Lucia Grosse-Bächle, Dipl.-Sozialwiss. Claudia Heinzelmann, Prof. Dr.-<br />

Ing. habil. Dr.-phil. Sabine Kunst, Dipl.-Ing. Sigrun Langner, Dipl.-Biol. Nikolai Panckow, Prof. Dr. Martin Prominski, Dipl.-Ing. Sabine<br />

Rabe, Dipl.-Ing. Anke Schmidt, Dr.-Ing. Carsten Scheer, Dipl.-Ing. Henrik Schultz, Prof. Dr.-Ing. Hille v. Seggern, Prof. em.<br />

Thomas Sieverts, Prof. Antje Stokman, Dipl.-Ing. Julia Werner, Dipl.-Ing. Susanne Zeller (Mai May 2008)


Körper und raum///<br />

/Body and space///<br />

instant sculptures – instant movements<br />

Sommersemester 2003, Hauptstudium, 2. Übung im Rahmen der Studio-Vorlesung: „durchstreifen Sie einmal das gesamte<br />

Conti-Limmer Gelände. dann beginnen Sie mit ihren Mensch-Raum-Skulpturen: Suchen Sie sich eine räumliche Situation aus,<br />

die ihnen aus irgendwelchen Gründen zufällig interessant erscheint und beginnen Sie über eine mögliche Skulptur zu reden...<br />

Wie wäre es, wenn... um jene Ecke nur Arme und Beine schauten?... wenn Sie so tun, als seien viele Menschen dort? Körper<br />

in Verbindung zum Raum ist das Wesentliche. Mitgebrachte oder am ort gefundene Materialien können als Ergänzung benutzt<br />

werden. die Skulpturen können skurril, witzig, interessant, schön, ernst, traurig, absurd sein, wichtig ist der jeweilige Raum-<br />

Mensch Zusammenhang.“ Skulpturen oben links: Mieke Bellingrodt, Jonas Heimke: Wien 2003; oben rechts: Christian Berger,<br />

ulrike Wolf: Ergreifend; unten rechts: Hille von Seggern, Julia Werner: Nachbilden.<br />

Rechte Seite oben: Simone Kühtke: Im Boden versinken. Rechte Seite unten, im uhrzeigersinn (v. oben re): Christian Berger, ulrike<br />

Wolf: Monster; Name unbekannt: Im Büro; Christian Berger, ulrike Wolf: Die Wächter am verschlossenen Portal, daniela<br />

Bänder: Durchgeschaut; Hanna Heitkamp: Verbindung. Lehrende: Hille von Seggern, Julia Werner (inspiriert von Erwin Wurm:<br />

One Minute Sculptures)<br />

Summer semester 2003, main course, 2 nd exercise in the framework of the Studio-lecture: “Stroll once through the entire<br />

Conti-Limmer grounds. then start in with your people-space-sculptures: Pick out a spatial situation, which for any reason<br />

at all looks interesting and start talking about a possible sculpture…How would it be, if… only arms and legs were looking<br />

around every corner?… if you act, as if many people were there? the body in relation to space is the most important.<br />

Materials carrying with you by chance or found materials can supplement the work. the sculptures can be bizarre, witty,<br />

interesting, beautiful, serious, sad or absurd. What is important is the relevant people-space-connection.” Sculptures left<br />

page: Mieke Bellingrodt, Jonas Heimke: Vienna 2003 ; above right: Christian Berger, ulrike Wolf: Gripping; unten rechts:<br />

Hille von Seggern, Julia Werner: Cloning.<br />

Above: Simone Kühtke: Sinking into the Ground. Below, clockwise: Christian Berger, ulrike Wolf: Monster; Anonymous: In<br />

the Office; Christian Berger, ulrike Wolf: The Guards in the Closed Portal, daniela Bänder: Seen Through; Hanna Heitkamp:<br />

Connection. instructors: Hille von Seggern, Julia Werner (inspired by Erwin Wurm: One Minute Sculptures)


Üben, üben, üben: Zeichnungen, einige linkshändig, mit geschlossenen Augen, verschiedenen Stiften … dasselbe täglich neu. Übungsserien Städteräumliche Situation, Menschen und Raum in Bewegung, Eine Linie im Raum. Studio-Vorlesung<br />

2005 Practising, Practising, Practising: drawings, some left-handed, eyes closed, using different pens… the same but everyday new. Series of exercises Urban situations, People and Space in motion, a line through space. Studio lecture 2005<br />

194195<br />

fokus<br />

urbane<br />

Landschaften,<br />

entwerfen und<br />

InnovatIonsstrategIen<br />

urban<br />

Landscapes,<br />

desIgnIng and<br />

InnovatIon<br />

strategIes


fokus:<br />

urbane Landschaften,<br />

entwerfen<br />

und InnovatIonsstrategIen<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

Neben dem geordneten muss man immer gute Mengen ungeordneten<br />

chaotischen Wissens einlassen, sonst wird man hart wie Beton.<br />

Elias Canetti [Schachtel 5a, 21. Juli 1942; Zürich]<br />

Spätestens seit den 1990er-Jahren müssen sich die raumplanenden Disziplinen von der Hybris<br />

verabschieden, großräumige Bedingungen wie Länder, Regionen oder Städte vollständig<br />

erfassen und ihre Entwicklungen prognostizieren und planen zu können. Die Krise, in die<br />

sie durch diese Erkenntnis gerieten, ist noch nicht überwunden. Der Abschied betrifft nicht<br />

nur Planungsprodukte, seitdem werden auch die ausgeklügelten Regeln, Prozesse und politisch<br />

festgelegten Verfahren bis hin zu den Zugriffen beispielsweise über Aufgabenstellungen,<br />

Themen oder Programme grundsätzlich überdacht. Auch wenn vielfach experimentiert<br />

und spekuliert wird, ist – in Forschung und Praxis – nach wie vor ziemlich unklar, wie jen-<br />

urbane Landschaften urban landscapes<br />

seits der oft bestechenden Pragmatik einzelner Projekte tatsächlich so mit der Erkenntnis der<br />

Nichtplanbarkeit zu arbeiten ist, dass von einem entwicklungsrelevanten Umgang mit Raum<br />

gesprochen werden kann. Welche Herangehensweisen können tatsächlich Ideen entstehen<br />

lassen, die eine lebens- und liebenswerte Entwicklung befördern? Vorausgesetzt, man will<br />

Ideen nicht dem Genius, dem Zufall oder der Wiederholung überlassen.<br />

Im zweiten Teil des Buches verfolgen wir zwei Anliegen: Hille von Seggern und Julia Werner<br />

entfalten ein Entwurfsverständnis für den Umgang mit urbanen Landschaften und zeigen<br />

an Beispielen aus Lehre, Forschung und Praxis, welche Ergebnisse aus diesen Innovationsstrategien<br />

des Landschaftsentwerfens entstehen können. Das Entwurfsverständnis wird in<br />

fünf Aspekte gegliedert den Texten dieses Buchteils vorangestellt. Eine Vertiefung folgt in<br />

unseren Beiträgen und in Auszügen aus Entwurfsprojekten am STUDIO URBANE LAND-<br />

SCHAFTEN, die sich durch das gesamte Buch ziehen.<br />

196 197<br />

focus:<br />

urban Landscapes,<br />

desIgnIng<br />

and InnovatIon strategIes<br />

Hille von Seggern, Julia Werner<br />

Besides the orderly one must always allow goodly portions of disorderly<br />

chaotic knowledge, or else one becomes as hard as concrete<br />

Elias Canetti [Box 5a, July 21, 1942; Zürich]<br />

Since the 1990s at the latest, the spatial planning disciplines have had to depart from the<br />

hubris of being able to predict and plan the development of such spatial conditions as<br />

countries, regions or towns in their entirety. Coming to terms with this reality has caused<br />

a crisis that has not yet been overcome. This departure not only relates to planning products:<br />

elaborate rules, processes and politically determined procedures and even specific<br />

approaches, for example to assignments, topics and programs are also being thoroughly<br />

reassessed. Despite much experimentation and speculation, it remains rather unclear in<br />

research and practice, apart from the often impressive pragmatism of individual projects,<br />

how to deal with the realization that large-scale developments cannot be planned so that<br />

one can speak of handling space in a manner relevant to its actual development. Which<br />

modes of action could actually bring about ideas that would foster liveable and lovable<br />

design and development? Assuming that one does not want to just leave ideas to genius,<br />

coincidence or repetition.<br />

We pursue two concerns in the second part of this book: Hille von Seggern and Julia Werner<br />

reveal an understanding of design that deals effectively with urban landscapes. Using<br />

examples from teachings, research and practice, they demonstrate what outcomes can<br />

result from the use of innovative strategies for designing landscapes. This understanding<br />

of design, divided into five aspects, prefaces the texts in this section of the book. Articles<br />

and excerpts from design projects by STUDIO URBANE LANDSCHAFTEN, which give more<br />

detail, can be found throughout the book.


KAMP-LINTFORT.///<br />

LANdschAFTsTräume LANdscAPe Dreams<br />

Sebastian Riesop, Eva Schiemann: Diplomarbeit, 2004; Betreuung: Hille von<br />

Seggern, Norbert Rob Schittek Sebastian Riesop, Eva Schiemann: diploma<br />

thesis, 2004; Counsellors: Hille von Seggern, Norbert Rob Schittek<br />

Senken werden zu Sümpfen<br />

Dips become swamp<br />

Kiesteiche werden zu Meeren<br />

Gravel ponds become oceans<br />

Moränen werden zu Gebirgen<br />

Morains become mountains<br />

Halden werden zu Steppen<br />

Waste piles become steppes<br />

Joker<br />

Joker<br />

Konzept: Landschaftsinseln als Stabilisatoren. Archetypische Landschaften<br />

als „seltsame Attraktoren“ in der Landschaft, eingebunden in ein stadtregionales<br />

Wegenetz. Concept: Landscape islands as stabilizers. Archetypal<br />

landscapes as “strange attractors” in the landscape, bound in a regional<br />

city road network.<br />

Weite Steppenlandschaft… expanse steppe landscape…<br />

Konzept: Landschaftsinseln als Stabilisatoren. Archetypische Landschaften als „seltsame Attaktoren“ in der Landschaft, eingebunden in ein<br />

stadtregionales Wegenetz. Konzept: Landschaftsinseln als Stabilisatoren. Archetypische Landschaften als „seltsame Attaktoren“ in der Landschaft,<br />

eingebunden in ein stadtregionales Wegenetz.<br />

exotischer<br />

Kohlelagerplatz<br />

210 211<br />

im Blick: Wälder, Felder,<br />

Wiesen und Kühe<br />

Betonmauer<br />

Zweisamkeit auf Europalette<br />

buddhistischer<br />

Blick auf Kamp-Lintfort Mönchssitz<br />

Einsamkeit<br />

dem Himmel so nah<br />

Gleitschirmflieger<br />

unendliche Weite<br />

schwarze<br />

Rennstreifen<br />

geschütze Mulde<br />

die große Leere<br />

Feuerwehrschlauch<br />

als Kletterhilfe<br />

frei<br />

Wind<br />

Die Halde Norddeutschland wird zur Steppe:<br />

Bestandsaufnahme mit Ideen The waste<br />

pile Norddeutschland becomes steppe: Inventory<br />

with ideas: View of Kamp-Lintfort; in<br />

the view: Forests, fields, pastures and cows;<br />

endless expanse; the view includes: billowing<br />

smokestacks; factory towers; the great emptiness;<br />

looking all the way to Dortmund; hovering<br />

hawk; paraglider; so close to the sky (excerpts)<br />

Nutzungen der Steppenlandschaft zum Beispiel<br />

für Drachenfliegen, Ausspannen oder<br />

Modellsegelfliegen Uses of the steppe landscape<br />

for flying kites, getting away from it all<br />

or flying model airplanes: Flexible use, steppe<br />

wolves, endless expanses, steppe grass, lockers,<br />

timberline<br />

Gras<br />

im Blick: qualmende Schornsteine, Fabriktürme<br />

bis Dortmund gucken<br />

Aufwinde<br />

schwebender Falke<br />

verstecken im<br />

Schilf<br />

unendliche Weiten<br />

Dunst<br />

flexible Nutzung<br />

Steppenwölfe<br />

Steppengras<br />

Autobahnverkehr<br />

unten ganz leise<br />

START<br />

Persönliches Equipment kann in gemieteten Schließfächern<br />

aufbewahrt werden: Drachen, Liegestühle, Musikinstrumente…<br />

Personal equipment can be stored in<br />

lockers: kites, deck chairs, music instruments…<br />

Schließfächer<br />

Baumgrenze


Steindächer, handgeschmiedete Nägel, die Sitzbank am Kamin, Deckenbretter, Fußbodendie-<br />

len und die Türen aus lokalem Esskastanienholz – gut haltbares, von den Einheimischen be-<br />

sonders wertgeschätztes Holz. Die abblätternden, übereinandergelagerten Farben an Wän-<br />

den und auf Holz „las“ ich wie Bilder von Gerhard Richter.<br />

Plastiktiere von Kindern wie die Biene Maja, Puppenreste, bunte Scherben, Schuhe, Ka-<br />

chelreste, Teile von Badezimmereinrichtungen und metallene Bettgestelle als Spuren neue-<br />

rer Geschichte fand ich beim Graben im Garten. Ich veranstaltete vorübergehende Ausstel-<br />

lungen dieser Dinge in meinem Haus oder im Garten. Über ihre Geschichte sprach ich mit<br />

meinen zunehmenden Italienischkenntnissen mit den ungläubig kopfschüttelnden Nachbarn<br />

(und zweifelte immer wieder erheblich an Sinn und Zweck meines Tuns). Wenn es mir aber<br />

gelang, vorhandene Dinge in etwas Neues zu verwandeln – etwa eines Abends einen neu-<br />

en Schubladengriff aus einem Sektflaschenkorken und einer Stahlöse mit Gewinde – emp-<br />

fand ich große Zufriedenheit.<br />

Angesichts des Treppenweges von je 20 Minuten hinunter und wieder hinauf minimierte ich<br />

Einkaufsaufwand und Abfallerzeugung. Mineralwasser, Bier und Wein wurden von meinem<br />

Nachbarn über eine kleine Seilbahn von der unten liegenden Straße nach oben transpor-<br />

tiert und von seiner Frau Rosetta verkauft. Außerdem verdiente sie ein wenig an dem Han-<br />

del. Nur etwa 40 Stufen musste man zu ihnen hoch steigen. Ich kaufte also Mineralwasser,<br />

manchmal Bier und Wein bei ihr.<br />

Ein kontinuierlicher „Forschungsbericht“ entsteht<br />

Jeder Einkauf war mit einem Gespräch über die alltäglichen Dinge des Lebens verbunden.<br />

Meistens tranken Rosetta und ich einen Espresso, ich kaufte Obst und Gemüse. Einkaufen,<br />

Kontakt und Sprachelernen waren verbunden. Die leeren Flaschen bekam die Nachbarin zu-<br />

rück; die Kronkorken der Wasserflaschen behielt ich. Eines Tages saß ich auf einem Stuhl<br />

oben: ausschnitte Kronkorkenrelief 1, Durone 1990–1995, Konstruktion und Regeln: Stapelung und Nagelung nach zeitlichem<br />

anfallen in Reihen above: Details of Crown Cap Relief 1, Durone 1990–1995, Construction and rules: piling up and nailing in<br />

rows as accumulated over time rechts: Kronkorkenrelief 1, Durone 1990–1995, Kronkorken von Wasser-, Bier-, Sektflaschen und<br />

Ölsardinendose, auf Schichtholzplatte (34 x 47 Zentimeter), genagelt right: Crown Cap Relief 1, Durone 1990–1995, crown caps<br />

from water, beer and sparkling wine bottles and sardine tin, nailed onto a plywood board (34 x 47 centimetres)<br />

an meinem Tisch und betrachtete meine Sammlung von Kronkorken. Fast alle waren blau-<br />

weiß, ein goldenes Teil stammte von einer Sektflasche. Ich schob die Korken auf dem Tisch<br />

hin und her, arrangierte sie mal so, mal so – spielte mit ihnen. Einmal geöffnet, werden sie<br />

durch den Flaschenöffner leicht verbogen und sind dann unbrauchbar. Das Material zu sam-<br />

216 217<br />

von Seggern I Werner<br />

Hille i Julia


Julia Wittulsky Masashi Nakamura<br />

Sommersemester 2006, Hauptstudium; 6. Übung: urbane landschaften – eine Forschungsreise „ … Begeben Sie sich auf ihre<br />

eigene Forschungsreise. lassen Sie sich inspirieren: Sie können lesen, Gespräche führen, skizzieren, fotografieren, auf Exkursion<br />

gehen, Filme anschauen… erkunden und nutzen Sie alles, wo Sie antworten vermuten. … ihre Suche sollte möglichst heute<br />

losgehen und Sie die kommenden beiden Wochen begleiten, durchaus nebenbei … ihre aufgabe ist es, sowohl ihre eigenen<br />

Vorstellungen, Gedanken, intuitionen, ansichten über urbane landschaften zu ergründen als auch in Büchern, Gesprächen,<br />

Filmen, Exkursionen usw. darüber zu forschen und sowohl ihren Verstehensprozess als auch ihre Erkenntnis darzustellen. Dabei<br />

geht es um ihren eigenen (subjektiven) Weg, um ihre persönliche art der Recherche, ihr eigenes Herantasten und Herausfinden<br />

wollen. …“<br />

(vor)gegebener Rahmensetzung und Struktur. Basis dafür sind präzise Regeln und Hand-<br />

lungsanweisungen (in der Regel schriftlich fixiert), die von uns Lehrenden im Vorfeld sehr<br />

genau ausgearbeitet werden.<br />

Kaum im Gebiet angekommen, „tauchen“ die Studierenden ein erstes Mal in den Ort ein.<br />

Eine vollständige Bestandserkundung ist bei einer Region wie beispielsweise der Altmark<br />

mit ihren 4700 Quadratkilometern von vornherein undenkbar, trotzdem braucht es eine Er-<br />

kundung, die ein Kennenlernen ermöglicht. Dafür machen wir uns mehrere Prinzipien zu-<br />

nutze. Wir bedienen uns der Potenziale, die sich aus der Diversität von Gruppen 24 ergeben.<br />

Das heißt, die Studierenden teilen sich in Kleingruppen auf und erkunden verschiedene Teile<br />

des Gesamtgebietes. Um die Kreativität der Erkundungen zu fördern, arbeiten wir mit einem<br />

Wechsel von begrenzenden Regeln und offenen Handlungsmöglichkeiten. Das heißt, in der<br />

Art, wie die Studierenden Raum wahrnehmen, sind sie durchaus frei (wenngleich es auch<br />

dafür Rahmensetzungen gibt), verpflichtend ist indessen die zeichnerische, kartografische<br />

(und textliche) Dokumentation dieser ersten eigenen Eindrücke (Mindestanzahl und Format<br />

sind vorgegeben), die vor dem Plenum der Gruppe präsentiert werden. Diese Präsentati-<br />

onen praktizieren ein weiteres produktives Prinzip von Gruppenarbeit: Austausch und Dis-<br />

kussion, denn damit wird die Gruppe zu einer Art Multiplikator der Erkundungseindrücke.<br />

So erweitern sich die subjektiven Wahrnehmungen der Studierenden durch die der ande-<br />

ren, decken, ergänzen, konfrontieren sich. Auf diese Weise verharren sie nicht im Persön-<br />

lichen, sondern beginnen, zu objektivieren.<br />

Für die erste persönliche Begegnung mit der Altmark haben wir eine Erkundungsroute<br />

vorgegeben, bei der die Studierenden mit der Regionalbahn von einem Ausgangspunkt<br />

in Zweiergruppen in mehrere Richtungen fuhren und an unterschiedlichen Stationen – zu-<br />

meist ziemlich verlassen und zu kleinen Ortschaften gehörend – mit ihren Fahrrädern aus-<br />

stiegen. Mit der Aufforderung, maximal aufmerksam und neugierig (was im Übrigen jeder<br />

Bestandserkundung zugrunde liegen muss) zu sein, sollten sie mindestens 5 Kilometer in<br />

eine selbst gewählte Richtung fahren und dabei alles wichtig nehmen, was sie mit ihren<br />

308 309<br />

Summer semester 2006, advanced studies; 6 th exercise: urban landscapes – a research trip “… Embark on your own research<br />

trip. allow yourself to be inspired: you can read, conduct conversations, make sketches, take photos, go on a field trip, watch<br />

films… Explore and use everything in which you suspect an answer… Your search should ideally start today and accompany<br />

you in the next two weeks, by all means along the way… The task is to sound out your own ideas, thoughts, intuition, attitudes<br />

to urban landscapes as well as to research them in books, conversations, films, field trips etc… and to depict your process of<br />

understanding and your insights. The focus is on finding your own (subjective) path, your own type of research, your approach<br />

and your soundings out of things. …”<br />

explore different parts of the whole area. We work with a series of limiting rules and open<br />

possible courses of action. The students are free to perceive space individually (although<br />

there is also a framework for that). It is, however, compulsory that they document their first<br />

impressions in sketches, maps (and texts) – minimum number and format are given – and<br />

that they present them to the plenum of the whole group. These presentations practice a<br />

further productive principle of group work: exchange and dialogue, the group becomes a<br />

type of multiplier of the impressions gathered in exploration. The subjective perceptions of<br />

the students are thus broadened by those of the others; they overlap, complement, con-<br />

front each other. This prevents the students from getting stuck in their personal points of<br />

view and enables them to start objectifying.<br />

We predefined a route of exploration for the first personal encounters with the Altmark in<br />

which, in groups of two, the students took regional trains in different directions from a com-<br />

mon starting point to various stations – usually practically abandoned ones that belonged to<br />

small villages – where they disembarked with their bicycles. They were instructed to cycle<br />

at least five kilometers in a direction of their choice in a state of maximum concentration<br />

and curiosity (which should be the basis of any inventory) paying attention to everything that<br />

they perceived with their senses. They used notes, sketches, photos and objects found to<br />

record what they saw, heard in conversations, smelled at field edges, touched in the forest<br />

or tasted, such as ripe fruit along country roads. They were instructed to have at least three<br />

conversations with people whom they encountered on their bicycle tours through seem-<br />

ingly abandoned villages and to document them in short reports.<br />

If we consider space to be a multidimensional – not only built – performative process, then<br />

we are naturally interested in all of those dimensions when we encounter an area; the so-<br />

cial, historical, cultural, economic, ecological, aesthetic and in the people, who are just as<br />

much part of space. 25<br />

When the students had returned from their tours of exploration they presented their im-<br />

pressions to each other using sketches made along the way, objects found and reports of<br />

werner<br />

Julia


Wohnensembles und angrenzenden Quartieren. Mehr als andernorts kann sich das Konzept<br />

hier nicht auf ein einziges Ziel konzentrieren, wie die Vegetation, das Substrat, den Raum oder<br />

Stil, sondern muss die Beziehungen zwischen all diesen Faktoren und der sozialen Dimensi-<br />

on suchen. Der Park ist nicht als „Gegensatz” zur Stadt angelegt, er bietet kein Anderswo,<br />

sondern er befindet sich im Gegenteil mitten „in” der Stadt, in offener, zentraler Lage, er ist<br />

ungesättigt und vielseitig, und es ist seine Bestimmung, von den Einwohnern ausgestattet<br />

zu werden. Eine sehr schöne Fotografie, die Raymond Depardon vor einigen Jahren aufge-<br />

nommen hat, fasst die Begegnung zwischen diesem weiträumigen, postindustriellen Gelän-<br />

de und seiner spielerischen Nutzung durch Kinder zusammen, die oben auf dem Schuttberg<br />

sitzen. Das Projekt bestand darin, alles neu zu erfinden, ohne das Wesentliche, nämlich die<br />

Einmaligkeit des Geländes und seine Nutzungsmöglichkeiten, zu verändern.<br />

Das Gelände ist von den geografischen Gegebenheiten des Seine-Tals geprägt, in seinem<br />

Gedächtnis haben sich die Hochwasser und die Ablagerungen von Schwemmland und Sand<br />

verankert. Die Horizontalität ist hier ortsspezifisch, sie ist das Ergebnis wiederholter Über-<br />

schwemmungen durch den über die Ufer getretenen Fluss, der vorübergehend die Parzel-<br />

len verwischt und die Rolle des Talgrundes neu entwirft. Aus dieser Horizontalität erheben<br />

sich nur die hohen Bauten oder ein einzigartiges Ereignis, wie der Schuttberg, der nach<br />

dem Abriss der Fabriken auf diesem Gelände entstand. Der Entwurf dieses Parks setzt da-<br />

her insgesamt die Horizontalität durch das „Flache und Weite” fort, das Bewegungsfreiheit<br />

schenkt: Die große Wiese bietet eine Ruhefläche mitten in der Stadt mit schlichten Formen<br />

und Flächen, die kein formales Mehrangebot in diesem bereits heterogenen Kontext bie-<br />

ten, sondern im Gegenteil den Eindruck vermitteln, alles harmonisch zu ordnen, als sei es<br />

schon immer da gewesen. Die Gärten fügen sich durch ihre Höhe, ihre gezielte Planung und<br />

ihre Vegetation als Kontrast dazwischen. Einer der Gärten wurde in einer Mulde auf der ori-<br />

ginalen Schlammschicht der Hochwasser angelegt, hier findet man eine Wasservegetation<br />

in Verbindung mit einem Erholungsgelände.<br />

370 371 blurred the lot lines and redesigned the floor of the valley. This horizontality is vertically<br />

punctuated by the high buildings or a unique event like the debris mountain, which was<br />

created from the demolition of the factories on these grounds. Therefore the design of<br />

these parks as a whole continues the horizontality with ”surface and expanse,” which<br />

creates freedom of movement. The large meadow offers a quiet zone in the middle of the<br />

city with smooth forms and surfaces, which represent no formal addition to the already<br />

heterogeneous context, but on the contrary give the impression of harmonic order, as if<br />

everything had always been there. By their height, targeted planning and vegetation the<br />

Cormailles: Kanal, abgesenkter Garten Cormailles: canal, sunken garden<br />

gardens are inserted as contrast. One of the gardens was laid out in a hollow on the origi-<br />

nal layer of mud left behind by the floodwater, providing a convergence of water vegeta-<br />

tion and recreation grounds.<br />

The park, which is supposed to address the requirements of the counties and the city<br />

center problem, was an opportunity to combine and offer several scales of perception: the<br />

landscape scale with the view from the debris mountain onto the skyline of the capital city<br />

and the unending stream of automobiles on the Boulevard Périphérique; the park scale<br />

with its avenues, which continue in the streets of the adjoining city districts; and finally the<br />

garden scale with locations, materials, textures and surroundings, inviting visitors to stop<br />

and rest. This is where the people find a certain seclusion and quiet for different activities<br />

like reading under the tamarisks, lying in the grass, picnics, playing ball, listening to music<br />

or just relaxing and doing nothing … Whereas every individual scale can be experienced<br />

for itself, the task is to characterize and design each one autonomously, but also to fuse<br />

them all in an apparently simple, coherent ensemble. Filled as they are with the specific<br />

qualities of the terrain, they do not betray their urban character.<br />

bava<br />

henri


Der „Park des geringsten Widerstands“ – eine Bestandsaufnahme 2<br />

Im Osten Kölns, nördlich des Merheimer Kreuzes, zwischen A 4 im Süden und Strunderbach<br />

im Norden, Mauspfad im Osten und A 3 im Westen, erstreckt sich ein trapezförmiges Gebiet,<br />

das einerseits lange Zeit als städtebauliche Verfügungsmasse betrachtet wurde und in dem<br />

andererseits die in den umliegenden Ortschaften lebende gutbürgerliche Klientel sporadisch<br />

ausreichend Lobbyarbeit betreiben konnte, um Stadterweiterungs- und Straßenbaupläne zu<br />

vereiteln. Aus diesen widerstreitenden Bedingungen ergibt sich in der Weite dieser Acker-<br />

und ehemaligen Sumpflandschaft eine willkürliche Verteilung und Anordnung von Bürobauten,<br />

merkwürdig zugeschnittenen Äckern, Siedlungsflecken aller Generationen, Verkehrsbauwer-<br />

ken, Rittergütern, Weiden und rätselhaften, karnickelgrasvermoosten Heiden.<br />

Durch glückliche Fügung sind diese Elemente in ein Verhältnis zueinander geraten, das der<br />

Verteilung und Anordnung von Bauten und Pflanzen in romantischen Landschaftsparks sehr<br />

nahe kommt. Gelegentlich gerät etwas neu Herumstehendes ins Blickfeld, um auf dem wei-<br />

teren Weg immer wieder in verschiedenen Perspektiven von teils überraschend großer Ges-<br />

te aufzutauchen, bis es nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Ganzen wird.<br />

Anmerkungen<br />

1 Boris sieverts über Boris sieverts 2 aus dem Einladungstext zur reise durch den „Park des geringsten Widerstands“ am<br />

20.3.2005<br />

Spaziergang/<br />

39 Stationen<br />

39-Stop/<br />

walking tour<br />

rechts: Karte mit 39 stationen, Landmarks (A-H) und Wegeführung right: Map with 39 stops, landmarks (A-H) and paths<br />

obere Bildleiste s. 450–451 und 454–455: Aufnahmen des Parks mit Google Earth. sie zeigen die selbstähnlichkeit der<br />

strukturen. top row p. 450–451 and 454–455: Pictures of park from Google Earth. They show self-similar structures. untere<br />

Bildleiste s. 450–451 und 454–455: stationen im „Park des Geringsten Widerstands“ – Tourenbeschreibung und illustration<br />

bottom row p. 450–451 and 454–455: stops in ”Park of Least resistance“ – tour description and illustrations<br />

448 449<br />

The “Park of Least Resistance” – an inventory2 In the east of Cologne a trapeze-shaped area extends north of Merheim Cross between the<br />

A4 motorway to the south and Strunderbach to the north, the Mauspfad to the east and the<br />

A3 to the west. It has long been considered a source of potential space for future urban de-<br />

velopment, although the middle-class residents of the neighboring area have always man-<br />

aged to sporadically engage in enough lobbying to block any plans for urban and infrastruc-<br />

tural expansion there. These conflicting conditions have created a random distribution and<br />

configuration of office buildings, strangely shaped fields, settlements from various eras,<br />

infrastructural facilities, manor house estates, meadows, and enigmatic, rabbit-inhabited,<br />

grassy, mossy moorlands within the expanse of these fields and former bog landscape.<br />

Coincidentally the location of these elements has come to resemble the distribution and<br />

configuration of buildings and plants in a romantic landscape park. A new object comes into<br />

view now and then only to reemerge from different perspectives throughout the rest of the<br />

tour, sometimes as a surprisingly strong gesture, until it becomes an indispensable feature<br />

of the whole ensemble.<br />

Notes<br />

1 Boris sieverts on Boris sieverts 2 from the invitation for the travel through the “Park of Least resistance” on 3.20.2005<br />

SievertS<br />

Boris


Spaziergang mit 39 Stationen<br />

1 Unterführung A 4 Köln – Olpe: südliches Tor zum „Park des geringsten Widerstands“<br />

2 Im Merheimer Felde: große Ackerparzellen. Blick auf die Siedlung „Im langen Bruch“, Waldkanten, Gut Mielen-<br />

forst, im Westen Bürogebäude, am Horizont das Colonia (jetzt Axa)-Hochhaus. Im Süden Hochhäuser Neubrück<br />

über dem Waldsaum vor der Autobahn<br />

3 „Einstieg“ Waldpfad mit Jägerhochstand<br />

4 Waldpfad<br />

5 Durchblick zwischen zwei Waldstücken auf weite Kuhweiden. Erinnert an englische Landschaftsparks<br />

6 Pferdewiese. Im Hintergrund Kiefernwald und ein „Haus vom Nikolaus“<br />

7 Dreieckige Wiese mit Spielgeräten<br />

8 Siedlung Oberiddelsfeld mit Bank neben Autogarage. Hier wohnte auch der ehemalige nordrhein-westfälische Mi-<br />

nisterpräsident Heinz Kühn, der es angeblich zu verhindern wusste, dass der Autobahnzubringer nach Bergisch Glad-<br />

bach (s. 9 und C) an seiner Tür vorbeiführte. Tatsache ist, dass dieser Autobahnzubringer nie gebaut wurde.<br />

9 Grubo-Siedlung Heinz-Kühn-Straße. Eines der größten Kölner Wohnungsbauprojekte der 1990er Jahre. Die Sied-<br />

lung liegt genau im Verlauf der geplanten Schnellstraßentrasse, die kurz zuvor endgültig politisch gescheitert<br />

war. Angeblich wurde die Siedlung auch deshalb gebaut, um im jahrzehntelangen Streit um diese Trasse Fakten<br />

zu schaffen. Die für die Siedlung neu angelegte Straße wurde nach Heinz Kühn benannt (s. 8).<br />

10 Kuhweide vor alter Mühle. Über diese Wiese hätte der Anschluss der rechtsrheinischen Ringstraße an den Au-<br />

tobahnzubringer Bergisch Gladbach geführt. Auch die rechtsrheinische Ringstraße wurde nie gebaut. Wegen der<br />

dahinter querenden Bahn war die Straße hier zuletzt in Tunnellage geplant gewesen.<br />

11 Sackgasse Herrenstrunderstraße. Kuhweide. Im Hintergrund die Mühle, ein umgebauter fränkischer Gutshof und<br />

das städtische Krankenhaus Holweide. Im Vordergrund die Sackgasse, Absperrgitter, eine Zierkiefer, eine Gara-<br />

genzufahrt, ein privates Wohnhaus<br />

12 Herrenstrunderstraße 3–5: politisch korrektes Umspannwerk in der Form eines freistehenden Einfamilienhauses<br />

13 Dellbrücker Heide: typische, von Karnickeln kurz gehaltene Wiesenfläche mit steilem Geländeversprung zur Mittelterrasse.<br />

War bis vor Kurzem ein eindrucksvolles kleines Landschaftsfragment, jetzt zur Hälfte Baustelle. Auch<br />

diese Wiese existiert nur deshalb noch, weil hier ein Anschluss des Autobahnzubringers nach Bergisch Gladbach<br />

(an den Dellbrücker Mauspfad) vorgesehen war.<br />

14 Rundling Neufelderstraße (Rundling 1): Der Rundling ist der westliche Abschluss einer neuen Wohnbebauung<br />

entlang der Neufelderstraße. Die hellen Reihenhäuser mit extrem hohem Staffelgeschoss fallen besonders von<br />

Westen her schon von Weitem ins Auge. Lange Zeit stand hier ein einziges Reihenhaus wie ein „Kuchenstück“<br />

alleine. Jetzt sieht es viel langweiliger aus.<br />

15 Grünzug Grubo-Siedlung. Die lange, leicht geschwungene und nur von wenigen Einbauten unterbrochene Wiese<br />

wirkt wie eine sanfte Hommage an die unverwirklichte Schnellstraße.<br />

16 Leitplanken-Absperrung vor Feldweg<br />

17 Rundling Oberiddelsfeld (Rundling 2): Hier erscheint einmal im Monat der rundlingsbote. Von Westen her markiert<br />

der Oberiddelsfelder Rundling weit sichtbar den Rand des neuen Stadtteils.<br />

18 In den Bruchwiesen: Rest der ehemaligen Sumpfwiesenlandschaft an den Ufern von Faul- und Flehbach. Die<br />

großen, halbrunden Gebüsche, die auf dieser Wiese verteilt sind, heißen „Gehölzinseln“.<br />

2 3 8 10<br />

450 451<br />

1<br />

Underpass of the A4 motorway Cologne-Olpe: south gate to the “Park of Least Resistance”<br />

39-Stop Walking Tour<br />

2 Merheim Fields: large fields. View of the “Im langen Bruch” housing estate, forest edges, Mielenforst manor,<br />

office buildings to the west, the Colonia (now Axa) headquarter on the horizon. Neubrück high-rises to the south,<br />

ascending above the forest fringe along the motorway.<br />

3 “Entrance” forest path with hunters’ lookout tower.<br />

4 Forest path<br />

5 View between two areas of forest to vast grazing pastures. Reminiscent of English landscape parks.<br />

6 Horse paddocks. Pine forest in the background and a “St. Nikolas house”<br />

7 Triangular meadow with playground equipment<br />

8 Oberiddelsfeld housing area with bench beside a garage. Former Northrhine-Westphalia Prime Minister Heinz<br />

Kühn lived here. He allegedly made sure that the motorway feeder road to Bergisch Gladbach (see 9 and C)<br />

would not pass by his door. In the end the feeder road was never built.<br />

9 Grubo housing estate on Heinz Kühn Strasse. One of Cologne’s largest residential building projects from the<br />

1990s. The housing development is located exactly on the route of the planned motorway, which had been<br />

irrevocably scrapped by politicians shortly before. It was allegedly built to provide concrete facts in the battle<br />

over the roadway, which had been going on for years. The new street constructed to it was named after Heinz<br />

Kühn (s. 8).<br />

10 Grazing pasture in front of old mill. A street connecting the ring road on the right banks of the Rhine to the Ber-<br />

gisch Gladbach motorway feeder road would have run through here. The ring road was never built either. It was<br />

planned that tunnels be built for the street due to a railway line that would have crossed it.<br />

11 Herrenstrunder Strasse cul de sac. Grazing pasture. In the background the mill, a converted Franconian manor<br />

estate and a city hospital. In the foreground the cul-de-sac, barrier fencing, a pine tree, a garage entrance way,<br />

a private house<br />

12 Herrenstrunder Strasse 3–5: politically correct transformer station built in the style of a detached single-family<br />

house<br />

13 Dellbruck Heath: typical grassy area grazed by rabbits with steep slope to central terrace. Until recently it was<br />

an impressive little fragment of land, half of which has now become a building site. This area also only still<br />

exists because a connection to the motorway feeder road to Bergisch Gladbach (at Dellbruck Mauspfad) was<br />

planned here.<br />

14 Neufelder Strasse Crescent (Crescent 1): The crescent forms the western end of a new residential development<br />

along Neufelder Strasse. The light-colored row houses with extremely high stepped gables attract attention<br />

from afar, particularly from the west. For a long time there was only a lone row house standing here like a<br />

leftover “piece of cake”. It has now become much more boring.<br />

15 Green corridor Grubo settlement. The long, slightly curving lawn area interrupted by only a few other elements,<br />

seems like a gentle homage to the unbuilt motorway.<br />

16 Crash barrier-blocks off country lane<br />

17 Oberiddelsfeld Crescent (Crescent 2): This is where the rundlingsbote (Crescent Messenger) is published once a<br />

month. From the west Oberiddelsfeld Crescent marks the clearly visible edge of the new district.<br />

11 14 16 20

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