Sternstunden gibt es nur in der Nacht

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Sternstunden gibt es nur in der Nacht

EDITORIAL

INHALT

Seite

Br. Stephan Veith OSB

Vorwort ................................................................... 2

P. Fidelis Ruppert OSB

Ein Stern verführt uns .............................................. 3

P. Jonathan Düring OSB

Sternstunden gibt es nur in der Nacht ...................... 4

P. Christoph Gerhard OSB

Sterne in der Bibel .................................................. 6

P. Gerhard Voss OSB

Der Kosmos spiegelt sich im Menschen ..................... 8

Orlando Vasquez

Ordnung und Sinn .................................................. 10

Br. Nirmal Scaria OSB

Haben die Planeten Einfl uss auf uns? ..................... 12

Br. Bakanja Mkenda OSB

Gott ist wie die Sonne ........................................... 14

Georg Ruhsert

Missionssonntag 2007 ............................................ 16

Interview: Dr. Venance Mushi ................................... 18

Projekt: Berufsschule China ..................................... 20

Projekt: Eine Rose zum Abschied ............................. 22

Namen & Nachrichten .............................................. 23

Dank ....................................................................... 29

Serie ...................................................................... 30

Br. Thomas Morus Bertram OSB

Aus dem Nähkästchen geplaudert ............................. 31

Zum Titelbild

Sternenhimmel über Münsterschwarzach.

Wie viel Wünsche und Verheißungen werden in

uns wach, wenn wir zum nächtlichen Himmel

schauen.

Und wie viel leuchtende Sterne gibt es unter

meinen Mitmenschen – sehe ich sie eigentlich?

Zur Rückseite

Portrait mit P. Fidelis Ruppert OSB

IMPRESSUM

Ruf in die Zeit

AUSGABE FEBRUAR 2008

MISSIONSBENEDIKTINER

MÜNSTERSCHWARZACH

Für Freunde, Förderer und Interessenten der Missionsarbeit der Abtei

Münsterschwarzach

Redaktion

Br. Stephan Veith (verantw.), Br. Thomas Morus Bertram (verantw.),

P. Jonathan Düring, Br. Alfred Engert,

Br. Joachim Witt, Br. Manuel Witt

Herausgeber

Missionsprokura der Abtei Münsterschwarzach

97359 Münsterschwarzach Abtei

Tel: 09324/20275

Fax: 09324/20270

E-Mail: prokura@abtei-muensterschwarzach.de

Internet: http://www.abtei-muensterschwarzach.de

Auslandsspenden

Bei Spenden aus dem Ausland bitte unseren

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Bei Adressenänderungen und Spenden wenden Sie sich bitte an

die Spendenbuchhaltung der Missionsprokura

Tel: 09324/20-287 oder 20-276 oder 20-363

Fax: 09324/20-494

E-mail: prokura@abtei-muensterschwarzach.de

Bildnachweis

P. Christoph (S. 1, 6, 7), P. Fidelis (S. 3, 8 u. 10), P. Jonathan

(S. 4 u. 5), E. H. Richter-Simmet (S. 9), Dpa (S. 13 u. 20), P.

Polycarp (S. 14 u. 15), Br. Thomas Morus (S. 16, 17, 26, 27, 28,

31, 32), Br. Ansgar (S. 21), Archiv (S. 23 u. 29), Br. Zacharias

(S. 30), POW (S. 24 u. 25)

Gesamtherstellung:

Vier-Türme GmbH, Benedict Press, 97359 Münsterschwarzach Abtei

BR. STEPHAN VEITH OSB

Missionsprokurator

Liebe

Leserinnen

und Leser...

... verrückte Welt: Aufklärer, Modernisten und Geschäftsleute schauen in die

Sterne, um Neues zu erfahren. Keine Zeitschrift glaubt, auf die Horoskop-Ecke

verzichten zu können. Eine progressive Illustrierte führt den „stern“ sogar in ihrem

Namen. Mittlerweile bieten eigene Fernsehsender astrologischen Rat an. Nein,

sehr rational ist unsere Zeit nicht.

Umgekehrt: In der Kirche ist das Sterndeuten derzeit gänzlich verpönt. Und das,

obwohl Sterndeuter aus dem Morgenland entdecken, dass der Herr geboren

wurde. Obwohl Sonne, Mond, Gestirne in der Bibel und in der Kirchengeschichte

einen wesentlichen Platz einnehmen, als Analogien oder als kosmische Dimension

unseres Glaubens.

Was in der Welt der Unterhaltungsindustrie wuchert und was in der Theologie

verkümmert, die Beschäftigung mit den Sternen, das ist nun Thema dieser Ausgabe

des „Ruf in die Zeit“. Darf man das, als guter Katholik, sich den Sternen

zuwenden? Aber ja! Wer zum Himmel aufschaut – und dies tut den Gläubigen

gelegentlich gut –, der kommt an den Sternen nicht vorbei. Gottes Schöpfung ist

eben größer als unsere kleine Welt. Das sollten die Gläubigen eigentlich besser

wissen als die Naturwissenschaftler. Was wir allerdings auch besser wissen sollten:

Wir sind nicht blinden Mächten ausgeliefert, sondern als Teil dieser gewaltigen

Schöpfung erlöst und frei.

Hören und lesen wir, was uns die Sterne zu sagen haben – und was sie uns nicht

zu sagen haben. Nicht ängstlich und misstrauisch, sondern ergriffen vom Wirken

Gottes, der ja dem Orion-Nebel so nah ist wie unserem Herzen.

Es grüßt Sie herzlich

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ZUM THEMA

Ein Stern verführt uns

von P. Fidelis Ruppert OSB

Sterne haben etwas mit Weite zu tun, mit

riesigen Weiten, mit Unendlichkeit. Seit

Kindertagen bin ich vom Sternenhimmel

fasziniert, auch als ich noch keine Ahnung

von dem hatte, was die Wissenschaft heute

an Großartigem zur Welt der Sterne zu

sagen hat. Einfach das Hinschauen, die

Ausdehnung, die Stille.... Das genügte.

Als ich während meiner Schulzeit mit meiner

Jugendgruppe Jahr für Jahr ein Zeltlager

im Schwarzwald organisierte, gehörte

immer auch eine Nachtwanderung dazu.

Weil dabei Taschenlampen verboten waren,

galt das für viele Jungen als eine Art

Mutprobe im fi nsteren Wald. Mir ging es

um mehr. Ab und zu blieben wir stehen,

um auf die Stille zu hören, oder nach den

Sternen zu schauen. Ich erinnere mich noch

lebhaft, wie wir auf einer Talsperre standen,

von wo aus wir einen freien Blick auf

die Weite des Sternenhimmels hatten. An

diesem Tag hatte es Ärger in der Gruppe

gegeben, der auch jetzt noch nicht ausgestanden

war. Für mich war beim Anblick

des Sternenhimmels unser Ärger

sehr klein geworden, weil das Herz

weit geworden war.

Fernweh

Für mich blieb diese Erfahrung hängen.

Und noch in späteren Jahren,

wenn mich Sorgen und Probleme zu

sehr drückten, war ein besinnlicher

Blick ins gestirnte Himmelsgewölbe

wie ein Weiten der Seele, das

die aktuellen Probleme verkleinerte

und überschaubar machte.

Sternenhimmel war für mich aber

nicht nur Weite, sondern er lockte

auch in die Weite, rief Fernweh in mir wach,

so weit ich zurückdenken kann. Das habe

ich erst viel später verstanden.

Mich beeindruckt immer wieder der Text

in der Berufung Abrahams, wo Gott zur

Erläuterung seiner Verheißung den Abraham

unters nächtliche Sternenzelt stellt

und sagt: „Schaue zum Himmel auf und

zähle die Sterne... So zahlreich werden deine

Kinder sein.“ (Genesis 15,5) Es ist hier

von Menge die Rede. Ich höre hier immer

auch Weite. Abraham wurde sein Leben

lang von Gott in der Fremde herumgeführt

und war nie recht sesshaft geworden.

Genau diesen Text singen wir am Benediktsfest

als erste Antiphon in den Laudes,

während draußen noch Sternennacht ist.

Ich denke dann daran, dass es viele unserer

Mitbrüder in die Weite gezogen hat, dass

einer dieser Sterne, der von Bethlehem, sie

gelockt hat, in ferne Länder zu gehen, um

die Botschaft dessen zu verkünden, der von

sich sagt: „Ich bin der strahlende Morgenstern.“

(Offenbarung 22,16) Und mir wird

dann klar, dass das Fernweh des kleinen

Jungen, das ich oben erwähnt habe, etwas

mit meinem späteren Entschluss zu tun

hat, Missionsbenediktiner zu werden. Da

gibt es neben den Milliarden von Sternen

einen anderen Stern, der Menschen dazu

verführt, sich von ihm führen zu lassen

– auch bis ans Ende der Welt.

Verheißung

Es gibt ein schönes Foto, wo ich als schwarzer

König bei einem Dreikönigsspiel abgebildet

bin. Dieses Foto entstand einige Jahre

bevor ich mich entschied, Missionsbenediktiner

zu werden. Es war wie eine Verheißung

und ich weiß noch, wie viel Sehnsucht in mir

war, als ich den schwarzen König spielte.

Leider konnte ich nie selber Missionar werden.

Aber als Oberer hatte ich dann viele

Gelegenheiten, nach Afrika, nach Korea,

auf die Philippinen, nach Südamerika zu

kommen und zu sehen, was unsere Mitbrüder

dort leisten. Hinter dem Stern herziehend,

haben sie vieles von uns daheim

mitgebracht: vom Glauben und der Liebe.

Horizont-Erweiterung

Aber haben wir nur gegeben und uns

verausgabt? Wir haben auch eine Menge

bekommen, oft vielleicht, ohne dass es

uns ausdrücklich bewusst war. Als ich zum

ersten Mal, ein Jahr vor dem Abitur, nach

Münsterschwarzach kam, damals als ich

mich verliebte in dieses Kloster und diese

Gemeinschaft, da spielte auch mit, dass ich

in diesem Kloster eine große Weite spürte,

eine weltweite Offenheit, die mich faszinierte.

Damals war vieles auch streng und

eng und rigide in Münsterschwarzach und

es hat mich auch ein wenig erschreckt.

Aber dieses Gefühl der Weite und der offenen

Horizonte hat mich beeindruckt und

hat alles Enge übertönt. Ich hätte das damals

nicht so formulieren können

und es ist mir erst viel später zum

Bewusstsein gekommen, dass dieser

Hauch von Weite ein Geschenk

„von draußen“ war. Die Vielen, die

„draußen“ waren und immer wieder

mal nach Hause kamen, und

die Vielen, die daheim waren und

mit denen „draußen“ in enger Beziehung

waren, das hat Weite geschaffen,

Horizont-Erweiterung.

Und es kommt immer mehr „von

draußen“ heim zu uns. Wir haben

junge afrikanische Mitbrüder zum

Studium hier bei uns. Wir haben

sie herausgefordert, immer mehr

von ihren traditionellen Kulturen zu erzählen,

auch im Rahmen von Kursen und Besinnungstagen,

die wir hier anbieten. Diese

Erfahrungen aus einer ganz anderen Kultur

lassen viele Menschen aufhorchen und fordern

sie auf ganz neue Weise heraus, über

ihr Leben und ihren Glauben nachzudenken.

Licht kommt auch aus Afrika. Es gehen

uns neue Sterne auf!

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ZUM THEMA

Sternstunden

gibt es nur in der Nacht

von P. Jonathan Düring OSB

Sterne haben seit jeher die Menschen fasziniert

und in ihrem Herzen ein Echo hervorgerufen.

Sternstunden nennen wir jene Stunden, die

sich fest in unser Herz eingebrannt haben

als eine Orientierung auf Hoffnung

hin. Es sind Momente des Glücks und des

Staunens, Momente, in denen bislang Unmögliches

möglich wurde oder wird. Es gibt

Sternstunden des einzelnen Menschen und

es gibt Sternstunden der Menschheit oder

eines Volkes. Das kann eine Nacht für

Verliebte sein, die erste Landung auf dem

Mond oder der Fall der Berliner Mauer.

Sterne als Orientierung

An den Sternbildern am nächtlichen Himmel

haben sich über Jahrtausende hin vor

allem die Menschen in der Wüste, in den

Steppen und auf den Meeren orientiert und

tun es teilweise bis heute noch. Eine besondere

Rolle spielte dabei der sogenannte

Eine Kerze spendet Licht und Wärme – ist ein Zeichen von Hoffnung

Abend- und Morgenstern. Es ist bestimmt

kein Zufall, dass unsere Vorfahren den

Planeten Venus, der neben unserem Mond

am Abend als erster sichtbar ist und in

den Morgenstunden als letzter für unsere

Augen entschwindet mit dem Spiegel der

Liebe und mit der Hoffnung gleichgesetzt

haben.

Die tiefe Erkenntnis und Erfahrung, wie

wichtig die Liebe und die Hoffnung für den

Menschen sind, wurden dabei vor allem

in der Stille und aus dem Schweigen der

herannahenden oder vergehenden Nacht

heraus geboren.

Die Nacht als heilige Nacht

Nicht umsonst steht in der christlichen Tradition

die „stille Nacht“ auch für die „heilige

Nacht“, jene Nacht, in der sich der Himmel

und die Erde berühren und in der es

keine Trennung zwischen den beiden gibt.

Und es gibt da noch die Nacht des Schweigens

auf den Tag des Verstummens, den

Karsamstag, folgend: Die Osternacht, die

Nacht, in der das Licht als „Lumen Christi“

in die tiefste Unterwelt,

die Hölle, dringt.

Um diese beiden heiligen

Nächte herum

verdichtet sich das Geheimnis

der christlichen

Erlösungsbotschaft, dass

Gott und Mensch und

Welt und All untrennbar

und in Liebe miteinander

verbunden sind.

Und dass letztlich nichts,

aber auch gar nichts diese

Verbindung trennen,

aufl ösen oder gar zerstören

könnte. Gott ist

überall zu fi nden, nicht

nur im Himmel, sondern

auch auf der Erde.

Woran sich das Herz orientiert

Es sind vor allem diese beiden heiligen

Nächte, die unserem Herzen neue Orientierung

geben wollen. Jahr für Jahr neu.

Die beiden heiligen Nächte sind die leuchtenden

und ermutigenden Augen Gottes

in unser menschliches Leben hinein. Die

Sterne sind wie die leuchtenden Augen der

Engel in der unermesslichen Weite des Alls.

Wir erfahren uns wohlwollend angeschaut

von diesen leuchtenden Augen. Wir fühlen

uns nicht mehr verloren in einer stummen

Unendlichkeit. Unser Herz spürt diese liebende

Nähe vor allem dann, wenn es von

einem Blick aus leuchtenden Augen angeschaut

wird. Von Augen, hinter denen sich

die Tiefe und Einzigartigkeit eines Menschen

erahnen lässt.

Woher das Licht kommt

Woher aber nehmen leuchtende Augen ihr

Licht? Es ist die im Verborgenen wirkende

Liebe, welche Augen leuchten lässt. Die

Augen bringen die Leuchtkraft des Herzens

zum Ausdruck. Wenn es stimmt, dass Sterne

wie Augen sind, dann ist es kein Wunder,

wenn uns die Augen, von liebenden und

geliebten Menschen wie funkelnde Sterne

vorkommen, die unser Herz berühren.

Wenn die Erde

voll von Himmel ist

Vor allem in der Liturgie der Osternacht

und in der Heiligen Nacht holen wir

Christen über die brennenden Kerzen die

Sterne herunter auf die Erde. In der Heiligen

Nacht und in der Osternacht können

die Engel unsere Erde durch das Licht der

Kerzen so erleuchtet sehen wie wir Menschen

in der Nacht den Himmel durch das

Licht der Sterne. Im Grunde gilt das für

jede entzündete und brennende Kerze.

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Ihr Licht zeigt an, dass es noch Liebe gibt

und Hoffnung – gerade weil es ein zutiefst

ohnmächtiges, leicht ausblasbares Licht ist.

Jede brennende Kerze ist ein stilles Angebot

an unser oft so verwirrtes und verirrtes

Herz, sich wieder neu zu orientieren.

Was uns bedroht

Dabei ist es nicht die Dunkelheit, die uns

bedroht. Es ist wohl mehr die Angst vor

dem, was wir in unserem eigenen Herzen

durch sie zu sehen bekommen könnten.

Das gleiche gilt für die Stille und das, was

wir in unserem eigenen Herzen durch sie

zu hören bekommen könnten.

Das Leben beginnt in Dunkelheit und Stille.

Das Samenkorn keimt in der Muttererde.

Das Kind entsteht in der „Erde“ der Mutter.

Die Dunkelheit und Stille gewähren Schutz

und erzeugen so auch Geborgenheit. Die

dunkle stille Nacht und der ruhige Schlaf

regenerieren die während des Tages verbrauchten

Kräfte und sind somit Voraussetzung

für das Leben am und im Licht.

Mancher Traum bringt ans Licht, was man

bei Tag nicht sehen will. Manches Schweigen

macht den geknebelten Schrei des

verwundeten Herzens fühlbar.

Die verhinderte Nacht

Genau das aber versucht unsere Gesellschaft

zu verhindern. Sie schüttet uns zu

mit Bildern von außen. Sie verhindert die

Nacht mit künstlichem, technischem Licht.

Der Schrei des Herzens verstummt durch

die aufpeitschenden und lauten Rhythmen

aus Boxen und Headsets.

Die verhinderte Nacht ist der Tod der Liebe

und der Hoffnung. Die verhinderte Nacht

bewirkt den Verlust des menschlichen

Maßes und der Orientierung.

Die Dunkelheit

will gepfl egt werden

Wenn wir in unserer hoch technisierten

Welt nicht völlig die menschliche Orientierung

verlieren wollen, wird es notwendig

sein, dass wir die Dunkelheit und die

Stille unserer Nächte schützen. Das wäre

eine heilvolle und heilsame Aufgabe für

Christen, also jenen Menschen, die eine

Beziehung haben zu heiligen und stillen

Nächten. Was es dazu braucht, ist keine

ausgeklügelte Beleuchtungs- oder Beschallungstechnik.

Es ist das lebendige Licht der Kerzen oder

Fackeln, des Lagerfeuers oder des Kaminfeuers,

das unser Herz berührt und in unserem

Gemüt das Gefühl von Geborgenheit,

Vertrautheit und des Dazugehörens

erzeugt. Es ist das Schweigen oder es sind

die Lieder, die zur Stille und zur inneren

Ruhe führen. Nachts ist die Seele empfänglicher,

weil es mehr Schutz gibt.

Die Sternstunden

schlichter Menschlichkeit

Wie groß die Sehnsucht danach ist, zeigt

die große Resonanz vor allem bei Jugendlichen

auf Veranstaltungen wie die Nacht

der Lichter aus Taizé, die Rorate-Gottes-

Osternacht in der Abteikirche Münsterschwarzach

P. JONATHAN DÜRING OSB

Geboren 1960 in Iphofen

Profess 1984, Priesterweihe 1989,

Schulseelsorger am

Egbert-Gymnasium der

Abtei Münsterschwarzach

dienste der Adventszeit oder die Nacht

des Lebens vor Allerheiligen. Nächtliche

Gottesdienste und Andachten erfreuen

sich schon lange einer großen Beliebtheit.

Behutsame Liturgie in der Nacht wirkt wie

eine Seelenbrücke zwischen Herz und Verstand.

Die Fragen und Zweifel des Lebens

werden weder verdrängt noch beantwortet.

Sie dürfen sein und sie dürfen bleiben. Sie

quälen nicht mehr, wenn sie auf Wohlwollen

und stillen Trost treffen. Und im

Aufl euchten unserer Augen werden neue

Sterne geboren, Sterne der Hoffnung,

Sterne voll von Liebe zum Leben, Sterne

voll von Menschlichkeit.

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ZUM THEMA

Sterne in der Bibel

von P. Christoph Gerhard OSB

Schöpfungen Gottes

Gleich auf der ersten Seite der Bibel wird

zu Beginn der Genesis klargestellt, was

Sterne sind:

„Gott machte die beiden großen Lichter,

das größere, das über den Tag herrscht,

das kleinere, das über die Nacht herrscht,

auch die Sterne.“ Sterne werden wie nebenbei

erwähnt („ach ja, da war ja noch

etwas, - auch die Sterne ...“). Sie sind also

nichts anderes als Geschöpfe Gottes. Wichtig

war dies festzustellen im Hinblick auf

die Umgebung Israels. Da gab es überall

die Sterne als Götter. Nein, sagt die Bibel:

Sterne sind nichts Besonderes. Fast möchte

man modern dazu setzen: Sterne sind nur

Gaskugeln, mehr nicht.

In der Weisheitsliteratur, gerade im Buch

Ijob, illustrieren die Sterne immer wieder

Münsterschwarzach im Polarlicht

die Größe Gottes, der sie geschaffen hat,

ihr Heer lenkt zu seinem Lob. Diesen Aspekt

greifen auch immer wieder die Psalmen

auf: Das Staunen im Psalm 8 „Seh‘ ich

den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond

und Sterne, die du befestigt...“. Im Psalm

136 und 147 das Schöpferhandeln Gottes:

„Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft

sie alle mit Namen.“

Kritik am Sternenkult

Doch all die Klarstellungen des Schöpfungsberichtes

halfen nichts. Auch keine

Gebote, wie es das Buch Deuteronomium

(4,19) bezüglich der Sterne klarstellt:

„Wenn du die Augen zum Himmel erhebst

und das ganze Himmelsheer siehst, die

Sonne, den Mond und die Sterne, dann

lass dich nicht verführen! Du sollst dich

nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen

nicht dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie

allen anderen Völkern überall unter dem

Himmel zugewiesen.“ Also, andere Völker

sollen den Sternen dienen, nicht Israel.

Aber so blieb es nicht. In der Geschichte

des Königs Manasse im zweiten Buch der

Chronik (33,1-20) heißt es: „Manasse ...

warf sich vor dem ganzen Heer des Himmels

nieder und diente ihm.“ Genau diesen

Vorwurf erhebt ja auch Stephanus vor

seiner Steinigung (Apostelgeschichte 7). Er

sagt: „Und sie fertigten in jenen Tagen das

Standbild eines Kalbes an, brachten dem

Götzen Opfer dar und freuten sich über das

Werk ihrer Hände. Da wandte sich Gott ab

und überließ sie dem Sternenkult ...“

Verheißung

Sterne waren aber nicht nur eine Gefahr

für das Volk, auf dass sie diese als Götter

verehrten. Vielmehr durchzieht die ganze

Bibel das Symbol der Sterne als Verheißung

am Volk Gottes selbst, und das bis ins Neue

Testament hinein. An Abraham ergeht die

Verheißung Gottes: „Er (Gott) führte ihn

(Abraham) hinaus und sprach: Sieh doch

zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne,

wenn du sie zählen kannst. Und er sprach

zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen

sein.“

Die Verheißung an Abraham reicht bis in

das Neue Testament hinein, so im Brief

an die Hebräer (11,12): „So stammen denn

auch von einem einzigen Menschen, dessen

Kraft bereits erstorben war, viele ab:

zahlreich wie die Sterne am Himmel und

der Sand am Meeresstrand, den man nicht

zählen kann.“

An Sternen lässt sich die Endzeit

ablesen

Nicht nur die positive Verheißung an Abraham

zeigt sich in den Sternen. Beim Propheten

Jesaja zeigt sich der Tag des Herrn

an den Sternen (13,9f ) „Seht, der Tag des

Herrn kommt, voll Grausamkeit, Grimm und

glühendem Zorn; dann macht er die Erde

zur Wüste, und die Sünder vertilgt er. Die

Sterne und Sternbilder am Himmel lassen

6


P. CHRISTOPH GERHARD OSB

Geboren 1964 in Würzburg

Studium der Elektrotechnik

und Theologie; Profess 1989

Priesterweihe 1996

seit 2004 Prior und Geschäftsführer

der Vier-Türme GmbH, Kursarbeit

ihr Licht nicht mehr leuchten. Die Sonne ist

dunkel, schon wenn sie aufgeht, der Mond

lässt sein Licht nicht mehr scheinen.“

Die Weissagungen über die Verdunkelung

der Sterne aus dem Buch Jesaja und Joel

fi nden wir in den Evangelien aus dem Munde

Jesu wieder. Vom Kommen des Menschensohnes

im Matthäus-Evangelium,

Kapitel 24 (auch bei Markus 13,25) heißt

es: „Sofort nach den Tagen der großen Not

wird sich die Sonne verfi nstern, und der

Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne

werden vom Himmel fallen, und die Kräfte

des Himmels werden erschüttert werden.“

Fast selbstverständlich taucht dieser Topos

in der apokalyptischen Literatur auf. Im 6.

Kapitel der Offenbarung lesen wir:

„Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand,

und der ganze Mond wurde wie

Blut. Die Sterne des Himmels fi elen herab

auf die Erde, wie wenn ein Feigenbaum seine

Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm

ihn schüttelt.“ Selbst die Sterne werden in

Mitleidenschaft von den Ereignissen gezogen

(Offenbarung 8,12) „Der vierte Engel

blies seine Posaune. Da wurde ein Drittel

der Sonne und ein Drittel des Mondes und

ein Drittel der Sterne getroffen, so dass sie

ein Drittel ihrer Leuchtkraft verloren und

der Tag um ein Drittel dunkler wurde und

ebenso die Nacht.“

Diese apokalyptischen Bilder, in denen

zunächst im Himmel oder am Himmel geschieht,

was dann auf der Erde geschehen

wird, sind die Brücke zum theologischen

Verständnis dessen, was Matthäus mit den

Magiern aus dem Osten in seinem Evange-

lium möchte. Er will zeigen, dass auch die

himmlischen Kräfte - und seien sie auch

nur Geschöpfe Gottes - die Ankunft des

Messias voraus gesagt haben. Und dass es

Heiden sind, die fähig waren diese Zeichen

zu deuten und ihnen zu folgen. Während

dessen Herodes mit seinen Schriftgelehrten

in Jerusalem sitzt und weder die Zeichen

am Himmel noch die Schrift zu verstehen

weiß.

Darüber hinaus ist für Matthäus Jesus der

Stern, den der Seher Bileam über Juda in

einer Vision hatte aufgehen sehen (Num

24,15 f).

Der Morgenstern

In der Offenbarung des Johannes wird

die Tradition des Urchristentums hörbar,

Christus als den Morgenstern zu bezeichnen.

Dort vernimmt es der Seher aus dem

Munde Jesu selbst (Offb 22,16): „Ich, Jesus,

habe meinen Engel gesandt als Zeugen

für das was die Gemeinden betrifft. Ich

bin die Wurzel und der Stamm Davids, der

strahlende Morgenstern.“

Die Symbolik des „Morgensterns“ für Jesus

wird immer wieder gerade in Hymnen aufgenommen.

Im Advent singen wir: „Hört,

eine helle Stimme ruft, und dringt durch

Nacht und Finsternis. Erwacht und lasset

Traum und Schlaf, am Himmel leuchtet

Christus auf“. Und im Exsultet wird der

Auferstandene als „der Morgenstern“ besungen,

der niemals untergeht

Sonne/Venus

Planeten

Sternschnuppe

Andromeda-Galaxie Mondfi nsternis

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ZUM THEMA

Der Kosmos spiegelt sich

von P. Gerhard Voss OSB

Jahr für Jahr verspricht eine unübersehbare

Astropresse umfassende

Information über alles,

was die Sterne sagen in Sachen

Geld, Liebe, Glück, Gesundheit.

Viele Menschen wollen von den

Astrologen auch sehr individuell

wissen, was auf sie zukommt oder

wann die Sterne günstig stehen für

dieses oder jenes Vorhaben. Darauf

sind sie dann so fi xiert, dass

das ihr Tun und Lassen bestimmt.

Der Apostel Paulus sieht in solcher

Abhängigkeit den Geist sklavenhafter

Unfreiheit am Werk:

ein ängstliches Bemühen, in den

Unwägbarkeiten des Lebens sich

abzusichern durch Beachtung bestimmter

Zeiten gemäß den Gesetzen

dieser kosmischen Mächte,

statt darauf zu vertrauen, dass wir

geborgen sind in der Liebe des

einen wahren Gottes, was immer

auch kommen mag. Solche Astrologie

gilt unter Christen mit Recht

als Aberglaube, als Verstoß gegen

das Erste Gebot (vgl. Katechismus

der Katholischen Kirche, Nr. 2116).

Solche Astrologie gilt aber auch

bei den meisten Astrologen – nicht

nur bei den christlichen – als unseriös. Die

heutigen Astrologenverbände betonen

ausdrücklich, dass seriöse Astrologie weder

eine Heilslehre ist noch eine Methode der

Wahrsagerei.

In christlicher Freiheit

Die Tierkreiszeichen und Sonne und Mond

und die übrigen, nach heidnischen Göttern

benannten „Wandelsterne“ gehören in der

Sprache der Antike zu den „Elementarmächten“.

Paulus sagt, dass Christus uns

im Menschen

Astrologie christlich: Nicht Heilslehre, nicht Wahrsagerei

die Weisheit der Selbsterkenntnis.

Dazu kann recht verstandene

Astrologie eine Hilfe sein.

Sich selbst erkennen

Foto aus: Christus im Tierkreis, Norditalien, 11. Jh.

Ob man Astrologie grundsätzlich

bejaht oder für Unsinn hält,

hängt wohl entscheidend davon

ab, ob man die Erfahrung gemacht

hat, im eigenen Horoskop

wie in einem persönlichen Meditationsbild

sich selbst zu erkennen:

die „Sonne“, den „Mond“,

den „Saturn“ und den „Merkur“

usw. und ihr Verhältnis zueinander

in uns. Das deutsche Wort

„Launen“ kommt ja vom lateinischen

„luna“ = „Mond“. Unsere

Launen spiegeln den Mond

in uns. Wenn die Astrologie vom

Tierkreiszeichen „Widder“ spricht,

meint sie nicht das am Himmel

sichtbare Sternbild „Widder“,

und sie will nicht sagen, dass es

oben am Himmel etwas gäbe,

das aussieht wie ein Widder. In

der Astrologie bezeichnet das

Tierkreiszeichen „Widder“ den

Teil der Sonnenbahn, in dem die

Sonne im ersten Jahreszwölftel

von den Elementarmächten befreit hat nach der Frühlingstagundnachtgleiche

(Galaterbrief 4,1-10). Der Apostel leugnet steht (vom 21. März bis 20. April). Der

damit nicht, dass unser Leben von be- Name ist ein Bild dafür, dass wir in dieser

stimmten Vorgaben, Gesetzen und Gren- Zeit in Entsprechung zum Frühlingserwazen,

von individuellen Fähigkeiten und imchen in der Natur auch in uns eine neu

mer neuen Chancen bestimmt ist. Ältere aufbrechende Vitalität erfahren, vergleich-

christliche Darstellungen des Tierkreises bar der Sprunghaftigkeit eines jungen

und der Planeten zeigen die kosmischen Widders. (Das ist zur Verdeutlichung eine

Elementarmächte von Engeln, von Boten Interpretation, die einseitig von der Na-

Gottes also, bewegt. Die Freiheit, zu der der turerfahrung in unseren geographischen

christliche Glaube uns befreit, ist die Fähig- Breiten geprägt ist.)

keit, als Kinder Gottes angstfrei mit den Voraussetzung der Astrologie ist ein Ge-

kosmischen Mächten umgehen zu können. spür dafür, dass sich der ganze Kosmos

Zum Reifungsprozess der Freiheit gehört – verdichtet in der Planetenkonstellati-

8


P. GERHARD VOSS OSB

Geboren 1935 in Recklinghausen,

Profess in Niederaltaich 1959,

Priesterweihe in Niederaltaich 1961,

Promotin bei Prof. Schnackenburtg

in Würzburg,

von 1968 bis 2002 Schriftleiter der

Zeitschrift Una Sancta,

redigiert jetzt die Hauszeitschrift

„Die beiden Türme“.

Tätig als Rektor des Ökumenischen

Instituts der Abtei Niederaltaich

on – im Menschen als einem Mikrokosmos

widerspiegelt. Nicht was eine Planetenkonstellation

im menschlichen Leben bewirkt,

kommt in der Astrologie zur Sprache, sondern

was sie anzeigt. Von der Planetenkonstellation

wird abgelesen, was in diesem

Augenblick für den gesamten Kosmos gilt,

für den Makrokosmos und entsprechend

für den Mikrokosmos Mensch.

Das Geburtshoroskop ist eine Skizze des

gesamtkosmischen Augenblicks, bezogen

auf Zeit und Ort der Geburt des betreffenden

Menschen. Die Astrologie verbindet

damit die Vorstellung, dass dieser Mensch

in der Struktur einer Persönlichkeit vom Augenblick

seiner Geburt bleibend qualitativ

geprägt ist, zugleich aber im Laufe seines

Lebensweges mit immer neuen Konstellationen

konfrontiert ist. So zeichnen sich Fähigkeiten,

Grenzen und Spannungen ab,

mit denen dieser Mensch in seinem Leben

fertig werden muss, aber auch Probleme,

die sich in einem bestimmten Abschnitt

seines Lebens stellen.

Hier will astrologische Beratung ansetzen.

Doch kann man dabei nicht vorsichtig genug

sein. Die Gefahr ist sehr groß, Ratsuchende

in unzulässiger Weise zu fi xieren.

Astrologie lehrt ja gerade, wie unterschiedlich

Menschen sein können. Und seriöse

Astrologie hat immer auch betont, dass der

Planetenkonstellation Neigungen abzulesen

sind, nicht aber Zwangsläufi gkeiten

(„Astra inclinant, non necessitant“ – „Die

Sterne zeigen sich, aber sie haben es nicht

notwendig“). Ein Spielraum menschlicher

Freiheit bleibt hier gewahrt. Immer bleibt

die Möglichkeit, dass Menschen in der Kraft

der Liebe in unberechenbarer Weise über

sich selbst hinauswachsen. Thomas von

Aquin sagt, dass Menschen umso weniger

astrologisch berechenbar sind, je weniger

sie einfach bloß ihren natürlichen Leidenschaften

folgen.

Christus, die Sonne

In der Kirche war Astrologie wegen der

Gefahr des Missbrauches immer umstritten

– manchmal mehr, manchmal weniger.

Die astrologische Bildsprache jedoch spielt

in der christlichen Tradition eine größere

Rolle, als meist bewusst ist: Zur Zeit der

Wintersonnenwende feiern wir Weihnachten,

das Geburtsfest Christi. Wir besingen

ihn als die „Sonne“, die aufgestrahlt ist

im Dunkel der Welt. Im Zeichen „Widder

feiern wir den österlichen Sieg Christi über

den Tod. „Als unser Paschalamm ist Christus

geopfert worden“ (1. Korintherbrief 5,7).

Ein männliches Lamm, wie es das Buch Exodus

12,5 für das Pascha-Opfer vorschreibt,

ist ein Widder. Ostern feiern wir im Zeichen

„Widder“, das heißt: Die Hingabe unserer

Vitalität in liebendem Gehorsam ist der

Weg zum Leben, den Christus uns durch

sein Opfer eröffnet hat.

Liebe und Leidenschaft

Geistliche Wegweisung wird in der christlichen

Überlieferung (z.B. im Kapitel über

die Demut in der Regel des hl. Benedikt)

öfters in einer Zwölfzahl von Schritten oder

Mahnungen entfaltet – offenbar in Entsprechung

zum Tierkreis als differenziertem Erfahrungshintergrund

für den menschlichen

Reifungsprozess: Die „Musik des Weltalls“

(H. Hesse) in uns bedarf der Unterscheidung

von Gut und Böse, um zur Reife zu

kommen. Denn kosmische Symbole sind

immer ambivalent. Merkur beispielsweise

ist der Gott der Kaufl eute und der Diebe.

Beide brauchen dieselben Fähigkeiten. Das

gilt auch für den nach diesem „Gott“ benannten

Planeten „Merkur“ in uns. Aus sich

heraus kennt die Astrologie keine ethische

Wertung.

Dazu brauchen wir das Wort Gottes. Die

gleichen Fähigkeiten können als Laster

oder als Tugenden ausgeprägt sein. Astrologie

kann uns lehren, dass der Prozess der

Reifung vom Laster zur Tugend ein Weg

der Wandlung, nicht einer Vernichtung der

Leidenschaften ist. Liebe ist zur Reife gewandelte,

nicht abgetötete Leidenschaft.

Das war in Vergessenheit geraten. Die Ausgrenzung

der Astrologie ist ein beredtes

Zeichen für den Verlust der kosmischen Dimension

der christlichen Botschaft und für

die Verkopfung ihrer Verkündigung.

9


ZUM THEMA

Ordnung und Sinn

Die Bedeutung der Sterne in der Andenkultur

von Orlando Vasquez

Bei meinen Reisen zu den Q’ero Indianern

durfte ich an einer besonderen Zeremonie

teilnehmen. Es war die „Begrüßung“ eines

neuen Lebens, welches auf die Welt gekommen

war. Diese Zeremonie wird in den peruanischen

Anden praktiziert. Dabei geben

die Eltern dem Neugeborenen einen ersten

Kuss, einen Stein und einen Stern.

Der Stein ist ein Symbol dafür, dass das

Kind nie seinen heiligen und beschützenden

Berg (Apu) vergisst. Der Stern dient

als Wegweiser seines mystischen Lebens,

damit seine Seele während seines Lebens

den richtigen Weg fi ndet.

Eine weitere alte Tradition besagt, dass,

wenn ein neues Dorf errichtet wird, ein

besonderer Stein (Cuya) mit der Energie

der Gefühle, in Richtung des Kreuzes des

Südens (auch Chakana oder Chakata, in

Qechua genannt) aufgestellt werden sollte.

Dieser Stein sollte der Wegweiser für den

spirituellen Weg des Menschen sein - mit

Bezug auf ihren neuen Standort.

Das Kreuz des Südens

Die Konstellation des Kreuzes des Südens,

bestehend aus den Sternen Alpha, Beta,

Gamma und Delta, ist das wichtigste Symbol

in den indianischen Kulturen und es

wird auch öfters in deren Ikonographie/

Kunsthandwerk dargestellt.

Für die indianischen Kulturen bedeuteten

diese vier Sterne einen besonderen Weg,

der für unsere Vorfahren sehr wichtig war,

da sie den Lebensabläufen Ordnung, Orientierung

und einen Sinn gaben.

In der Nähe unseres Projektes in Tinki-Cuzco,

wird eines der wichtigsten und größten

Feste der Andenkulturen gefeiert. Dieses

Fest heißt Qoyur Riti oder übersetzt „Der

Stern des Schnees“. Zu diesem Fest kommen

viele verschiedene indianische Volksgruppen

mit ihren traditionellen Trachten,

die nur für dieses Fest angefertigt werden.

Wallfahrtskirche Qoyur Riti = Stern des Schnees

Begleitet von Frauen, Männern und Kindern,

gehen die Tänzer bis zu den höchsten

Gipfeln der Berge, um dort Gott zu danken.

Bestimmte auserwählte Tänzer gehen

weiter bis zum Gipfel, um dort vor dem

Stern (des Schnees) zu beten, damit dieser

uns nicht verlässt und uns den Weg des

„Guten“ zeigt. Anschließend wird ein Stück

Eis oder Schnee bis in die Dörfer gebracht,

damit das Eis gesegnet wird, um damit die

Bindung zur spirituellen Welt zu erneuern.

Brücke zwischen

Mensch und Gott

Diese “Erneuerung” wird auch dargestellt,

wenn man begreift, dass alles auf dieser

ORLANDO VASQUEZ

Geboren 1953 in Lima/Peru

Initiator und Präsident der

Organisation Inti Raymi, Präsident verschiedener

Handwerkskomitees

sowie Mitglied im Beratungsausschuss

der Peruanischen Regierung zur

Förderung des peruanischen Handwerks.

Welt heilig ist, die Mutter Erde, die Berge,

die Sterne, die Sonne, der Mond, der

Blitz, das Wasser, die Tiere und natürlich

der Mensch. In der Andenkultur ist alles

lebendig, nichts ist starr und leblos. So

wie auch wir, haben alle Anteil an diesem

großen Fest – welches das Leben genannt.

Und genau das versuchen wir in unseren

Festen darzustellen, wir essen, wir schlafen,

wir tanzen, wir singen, wir sind Teil des

gesamten Kosmos.

Daher können wir sagen, dass die Sterne

für uns in den Anden eine Brücke, ein

Zusammenfi nden, ein Bund zwischen uns

Menschen und der Erfahrung Gottes sind.

Warten auf den Sonnenaufgang

10


Botschaft ohne Worte

P. Fidelis Ruppert über seine Erfahrungen in Peru

Das Verhältnis zu den Sternen ist sehr verschieden in den unterschiedlichen Kulturen Perus. So jedenfalls habe ich es

erlebt. Als ich indianische Dörfer im Urwald von Peru besuchte, fi el mir auf, dass den Menschen dort die Sterne nicht viel

bedeuten, dass sie nicht einmal ihre Namen wissen und mit wichtigen Sternbildern nichts verbinden können. Das hängt

wohl damit zusammen, dass man im Urwald keinen guten Blick auf den Sternenhimmel hat und sich die Menschen deshalb

mehr an Bäumen, Pfl anzen und Tieren orientieren. Dass Sterne im Bewusstsein von Menschen eine Rolle spielen, hängt

wohl auch damit zusammen, inwieweit die Sterne zu ihrem sichtbaren Horizont gehören.

Kosmische Grunderfahrung

Als ich dann einmal hier in Münsterschwarzach im Gespräch mit Orlando Vasquez auf die Natur zu sprechen kam, sagte

er plötzlich: „Haben wir zur Zeit zunehmenden oder abnehmenden Mond?“ Und er fügte hinzu, hier in Deutschland geriete

ihm der Sternenhimmel immer aus dem Blick. Das würde ihm in Peru nie passieren. Dort wohnt er am pazifi schen Ozean

und ist auch oft in den Bergen unterwegs, wo man ständig unter der Pracht des Sternenhimmels lebt. Uns Europäern geht

mit unserer künstlich erhellten Nacht eine wichtige, kosmische Grunderfahrung verloren.

Ich erinnere mich gern an einige konkrete Erfahrungen in Peru:

Wir machten einmal eine Wallfahrt zum von Orlando Vasquez beschriebenen Señor del Qoyur Riti, dem „Stern des Schnees“.

Es war nicht die Zeit der großen Wallfahrt, wo zehntausende Indianer sich dort versammeln, sondern wir waren ganz allein

dort, in Begleitung einiger uns bekannter Indianer. Es war für mich eine sehr tiefe Erfahrung, als wir vor dem berühmten

Felsen-Christus beteten und sangen und Kerzen anzündeten. Ich war immer noch tief bewegt von dieser Erfahrung, als

wir auf einem langen Fußmarsch wieder den Berg hinuntergingen, während es schon zu dunkeln begann.

Als es unterwegs schon völlig dunkel war, blieb ich auf einem kleinen Plateau stehen und schaute fasziniert auf den glitzernden

Sternenhimmel. Der Indianer José blieb neben mir stehen und wir schauten still zum Himmel. Schließlich deutete

ich auf das „Kreuz des Südens“, und weil ich aus Mangel an Sprachkenntnissen nicht viel reden konnte, sagte ich nur

„das Kreuz Jesu Christi“. In diesem Augenblick sauste eine große Sternschnuppe direkt am Kreuz des Südens vorbei auf

die Erde herunter. Wir schauten uns verdutzt an und schließlich umarmten wir uns ohne ein Wort. Es war, als hätten wir

eine gemeinsame Botschaft vernommen. Es braucht keine Worte.

Teil des Lebens

Ein andermal wollten wir den Sonnenaufgang erleben. Wir saßen mit einigen Indianern in der Kälte des nahenden Morgens

auf einem Berghang, von wo aus man über dem dunstbedeckten Urwald die aufgehende Sonne erleben konnte. Lange

saßen wir schweigend da, in Decken gehüllt, und lauschten in die Nacht. Auf einmal zeigte sich ein dünner Lichtstreifen

am Himmel, der immer breiter wurde. Die Indianer kamen in Bewegung. Als sich dann die erste Rundung der Sonne zeigte,

waren sie nicht mehr zu halten. Sie fi ngen an zu singen und zu fl öten und stießen Grußworte zur Sonne hin aus.

Sie hatten solch einen Sonnenaufgang schon unzählige Male gesehen. Aber es ging ihnen offensichtlich nicht darum,

dass sie „halt mal auch“ einen Sonnenaufgang erleben, sondern für sie war und ist die Sonne etwas, womit sie ständig

und bewusst leben, im Wissen darum, dass sie diese Sonne brauchen und sie Teil ihres Lebens ist.

Wenn ich mich an dieses Erlebnis erinnere, dann kommt mir nicht zuerst die faszinierende Schönheit des Sonnenaufgangs

über dem Urwald zum Bewusstsein, sondern das Aufl eben der Indianer beim Sonnenaufgang und wie auch für mich

plötzlich die ganze Umgebung „lebendig“ war, nicht einfach nur schön, sondern so als ob die Lebendigkeit spürbar und

ansteckend wäre. Die kosmische Welt und die irdische Natur, in der wir leben, bilden ja eine Einheit. Das wissen wir auch,

wenigstens im Kopf. Aber wenn wir das auch mal mit Leib und Seele erleben, dann ist das etwas ganz anderes und dann

können wir ahnen, was es wirklich bedeutet, dass wir Gott auch LEBEN nennen. Davon habe ich bei den Indianern viel

gelernt, nicht durch Worte, sondern einfach durch das Mitgehen.

11


ZUM THEMA

Haben die Planeten

von Br. Nirma Scaria OSB

Als ich in der führenden englischsprachigen

indischen Zeitung „Indian Express“

einen Artikel fand, der über eine Schar von

Hollywood-Schauspielern berichtet, die Astrologen

in Indien aufsuchen, war ich sehr

überrascht. Dies wirft die alte Frage auf,

wie wir mit den Planeten verbunden sind.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die

Menschen nicht mehr bereit sind, Geld für

Dinge auszugeben, die ihnen nichts wert

sind. Wenn man an etwas glaubt, hat man

persönliche Erfahrungen gemacht, die über

zufällige Erscheinungen und Wahrscheinlichkeiten

hinausgehen.

Für Millionen von Indern, besonders für

viele Hindus, ist es naheliegend, an einen

Kosmos zu glauben, mit dem sie auf vielfältige

Weise verbunden sind. Mir ist natürlich

klar, dass es nicht der Realität entspricht,

wenn ich die Dinge zu sehr verallgemeinere,

da die Praktiken und der Glaube an Astrologie

in den verschiedenen Regionen,

Kulturen und Subkulturen mitunter sehr

voneinander abweichen. Mit diesem Artikel

möchte ich daher lediglich versuchen,

einige Konzepte über die Wechselwirkung

zwischen Mensch und Kosmos aufzuzeigen.

Ich gehe dabei von dem Konzept

der Hindus in Kerala aus, einem indischen

Bundesstaat im Süden von Indien.

Ähnlichkeiten zwischen

Ost und West

Niemand kann mit Sicherheit den Ursprung

der Astrologie in Indien benennen.

Dies gibt Raum für die Entstehung vieler

plausibler Theorien so wie diese, dass die

Astrologie mit der griechischen Invasion

unter Alexander dem Großen ins Land

kam. Derartige Theorien gründen auf den

Ähnlichkeiten zwischen der östlichen und

Einfl uss auf uns?

westlichen Astrologie. Die meisten Hindus

indes glauben, dass die indische Astrologie

schon viele Jahrtausende alt ist. In der

Sprache des Sanskrit heißt sie Jyothisha,

d.h. „Licht Gottes“. Schriftlich niedergelegt

wurde sie in den Heiligen Schriften, den

„Veden“ (von „Veda“ = Wissen), vor allem in

dem Buch Vedagas, das vor ca. 3000 Jahren

durch den Brahmanen Lagadha Mahatma

niedergeschrieben wurde und das

nur der oberen Kaste der brahmanischen

Priester zugänglich ist. Der Sternenglaube

ist im indischen Bereich derart ausgeprägt,

dass auch Nicht-Hindus an die „Wissenschaft

von den Sternen“ glauben, die sich

nach und nach aus jahrhundertelangen

Beobachtungen des nächtlichen Himmels

entwickelt hat.

Gemäß der Vedischen Astrologie hat Gott

die Menschen und alle Dinge, die in Bezug

zum Menschen stehen, unter den Einfl uss

der Planeten gestellt. Es ist ein rein geozentrisches

Konzept, bei dem Sonne und Mond

zu den Planeten zählen, wie auch Rahu

und Ketu (unsichtbare Planeten in der vedischen

Astrologie), die Schattenplaneten

genannt werden. Andere Planeten wiederum

gehören nicht dazu. Der Einfl uss der

Planeten kann gut oder schlecht, negativ

oder positiv sein. Der Erfolg beziehungsweise

Misserfolg eines Menschen hängt

vom Einfl uss der Planeten ab. Der Mond

gilt als der Herrscher von Geist und Sinn,

was besonders während der Vollmond- und

Neumondzeiten verstärkt wahrgenommen

wird. Es gibt auch eine Tradition, einem

Kind den Namen nach der entsprechenden

Mondzeit, in der es geboren ist, zu geben.

Jyothisha berührt alle Aspekte des menschlichen

Lebens, da alles miteinander in Verbindung

steht. Wenn man die Position und

den Einfl uss der Planeten studiert, kann

man die Dinge vorhersagen, die den einzelnen

Menschen betreffen. Das Diagramm,

das die jeweilige Planetenkonstellation

bei der Geburt darstellt, wird als erste Be-

Foto aus: Die fünf großen Religionen Asiens – Östliche Weisheit S. 20

12


Die Vorstellung von Zeit- und

Wiedergeburtszyklen ist fester

Bestandteil des hinduistischen

Gedankenguts. Astrologen etwa

werden deshalb nicht nur nach der

Zukunft befragt, sondern bieten

auch Erklärungen für die Vergangenheit

oder bestimmen den

stimmung für das Leben eines Menschen

angesehen. Aus ihm ist die ganz spezielle

Mission, die ein Mensch in seinem Leben

zu erfüllen hat, herauszulesen, ein göttlicher

Plan für ein besseres Gelingen, für

ein erfülltes Leben. Gewöhnlich sind darin

auch Prophezeiungen für die Zukunft

enthalten.

Bei wichtigen Anlässen ist es allgemein

üblich, dass man einen Astrologen um

Rat fragt. Der Astrologe verwendet spezielle

Planetendiagramme, aus denen er die

Gründe für ein Problem oder auch Lösungsmöglichkeiten

ersehen kann.

Leben als Teil einer Ordnung

Eine andere beliebte Methode ist, Muhurtam

(der richtige Augenblick, etwas zu

beginnen) zu folgen/anzuwenden, wenn

wichtige Ereignisse wie Heirat oder eine

Geschäftseröffnung bevorstehen. Viele

glauben, dass es hauptsächlich auf den

richtigen Zeitpunkt ankommt für den Erfolg

eines Projekts, gemäß der englischen Redewendung

„Gut begonnen ist halb gewonnen“.

Umgekehrt glauben die Menschen,

wenn sie Muhurtam nicht anwenden, dass

es dann zu vielen Schwierigkeiten, Gefahren

und Misserfolgen kommt. Liebeshoroskope

betreffen eine äußerst sensible Angelegenheit

und werden heutzutage noch in vielen

Familien ernsthaft praktiziert und gelten

als unverzichtbarer Teil einer Heirat. Der

ASTROLOGIE

richtigen Zeitpunkt für Anlässe

wie Hochzeiten, Tempelbauten,

den Antritt einer Reise oder den

Einzug in ein neues Heim.

Die hinduistische Astrologie

arbeitet auch mit den zwölf Tierkreiszeichen,

den siebenundzwan -

zig Häusern des Mondes und den

Foto aus: Die fünf großen Religionen Asiens – Östliche Weisheit S. 24

fünf sichtbaren Planeten. So ist

der Geburtszeitpunkt und die

entsprechende Konstellation der

anderen Phänomene entscheidend

für Charakter, Temperament und

Lebensdauer eines Menschen und

hilft bei der Wahl eines passenden

rituellen Namens für Neugeborene.

Später wird mit dem Geburtshoroskop

der ideale Partner für

eine glückliche Ehe ermittelt.

In der Astrologie der Hindus steht

der Mond (links) für Gefühle, Mars

(Mitte) für körperliche und geistige

Fähigkeiten und Merkur (rechts)

für Kommunikation und Intellekt.

Die Darstellungen entstammen einer

Lagnacandrika des 16. Jahrhunderts.

Astrologe studiert die Geburtsurkunde des

zukünftigen Ehemannes und der Ehefrau

und prüft, ob beide anhand der Geburtsdaten

„zusammenpassen“. Gewöhnlich fi ndet

die Hochzeit nicht statt, wenn der Astrologe

der Meinung ist, dass die Geburtsdaten

der beiden Heiratskandidaten nicht

zueinanderpassen. Es gibt sogar Frauen,

die von ihren Eltern nicht in die Ehe entlassen

werden, wenn der negative Einfl uss

des Planeten Mars bestimmend ist.

Astrologen, deren Titelbezeichnungen von

Region zu Region unterschiedlich sind, sind

maßgebende Interpreten einer astrolo-

BR. NIRMAL SCARIA OSB

Geboren 1976 in Thekkekera/Indien

Profess 2000,

seit 2005 Student

der Theologie in Langata/Nairobi.

gischen „Sprache“, die sich aus bestimmten

Kombinationen und Positionen von Sternen

und dem astrologischen Hintergrund

von Menschen speist. Sie bieten Lösungen

für jedes noch so geartete Problem an und

lösen es unter Zugrundelegung religiöser

Praktiken.

Der Glaube an derartige Praktiken mag für

einen außen stehenden Beobachter sehr

atheistisch anmuten. Für viele Millionen

Menschen sind diese Praktiken ein lebendiger

Teil im Leben, worin sie ihr eigenes

Leben als Teil eines geordneten, miteinander

verbundenen Kosmos sehen.

Hinduschüler beim Lesen ihrer heiligen Schriften

13


ZUM THEMA

Gott ist wie die Sonne

Afrikanische Astrologie als religiöse Kosmologie

von Br. Bakanja Mkenda OSB,

Ein Universum für das Leben

„Afrikaner sind immer religiös“ – mit dieser

Behauptung beginnt Professor John

S. Mbiti, ein bekannter Gelehrter der traditionellen

afrikanischen Religion und

anglikanischer Pastor, sein Werk „Afrikanische

Religion und Philosophie“ (1969).

Das bedeutet: Für Afrikaner gibt es keine

genaue Grenze zwischen dem Weltlichen

und dem Heiligen. Alles wird aus religiöser

Perspektive betrachtet. Jedes Lebewesen,

das Universum, die Sonne, die Sterne und

der Mond sind Objekte, die eine religiöse

Bedeutung haben. Sie wurden von Gott

erschaffen mit dem großen Ziel, Leben zu

bewahren und zu mehren. All das wird in

zahlreichen Geschichten, Legenden und

Mythen der Afrikaner lebendig.

Adam und Eva im Paradies, Kirche Sakharani/Tansania (1976)

Afrikaner können unzählige Geschichten

und Mythen darüber erzählen, wie die

Welt, die Sterne, Kometen, Meteore, Sonne

und Mond erschaffen wurden. Für Afrikaner

ist das Universum eine Schöpfung und

Gott ist der oberste Schöpfer. Aufgrund

meiner Erfahrungen und Nachforschungen

ist das Universum ein religiöses Universum,

welches seinen Anfang in und durch Gott

erfahren hat.

Es ist endlos. In diesem Universum ist die

Bewahrung des Lebens von zentraler Bedeutung.

Das Universum besteht also nicht um

seiner selbst willen, sondern um menschliches

Leben hervorzubringen. Um dies zu

ermöglichen, schuf Gott die vielen Dinge

der Natur. Manchmal werden die Objekte

und Kräfte dieser Natur wie Blitz, Donner

und Regen sogar personifi ziert, um ihnen

etwas Mystisches zu geben. Die Afrikaner

sagen zum Beispiel: Gott „schwängert“ den

Himmel, damit es regnet, Pfl anzen gedei-

hen können und auf diese Weise Futter

für die Tiere wachsen kann. In meinem

Chagga Stamm am Kilimanjaro ist man

sehr froh, wenn der Himmel voller Wolken

hängt. Man dankt Gott mit Regenritualen

für den Regen. Regen bedeutet, dass auch

Nahrung vorhanden ist.

Für Afrikaner sind Blitz, Donner, Regen und

der Regenbogen lebendige Kräfte, die sich

als Gottes Gegenwart unter den Menschen

manifestieren. Diese Naturphänomene stehen

für die Bewahrung des Lebens, nicht

für dessen Zerstörung. Um das Leben zu

erhalten, muss der Mensch in guter Beziehung

zu diesen Kräften stehen. Der Mensch

ist der Mittelpunkt dieser Verbindung, auf

die sich alles Irdische, Außerirdische und

Kosmische bezieht. Diese Kräfte können

natürlich auch Leben zerstören – als Mahnung

für eine gute Verbindung zu Gott,

den Mitmenschen und der Natur.

14


BR. BAKANJA MKENDA OSB

Geboren 1972

am Kilimanjaro/Tansania

Profess 2004 in der Abtei Ndanda

Philosophiestudium und

afrikanische Studien

in Langata/Nairobi

Diese Kräfte können den Menschen auch

Unheil bringen – in Form von Fluch oder

Ungehorsam. Der Stamm der Chagga hat

den Glauben, dass die Sonne jeden Tag

erscheint, um Licht, Wärme und Energie

zum Wachstum der Pfl anzen zu spenden. Es

kann einer Gemeinschaft schaden, wenn es

kein harmonisches Miteinander gibt.

Wenn zum Beispiel die moralische Ordnung

gestört wird, kann Gott eine große

Hitze über das Land bringen, so dass dies

eine Dürre zur Folge hat, die den Menschen

Hungersnöte bringt. Daher ist Gott (Ruwa)

die Sonne, der so weit von uns entfernt ist

wie die richtige Sonne am Himmel. Doch

er ist nahe, sobald er sich in menschliches

Leben einmischt, wie die Sonne, die mit

den Sternen, Kometen und Meteoren am

Himmel verbunden ist und die Gegenwart

Gottes im Universum darstellt. Ruwa wird

als Befreier und Ernährer angesehen. Er ist

bekannt für seine Gnade und Toleranz.

Mond und

Fruchtbarkeit

Es ist überraschend,

dass die Chagga das

Wort „Ruwa“ sowohl

für Gott als auch für

Sonne verwenden. Gott

„Ruwa“ ist der Schöpfer

und ihm gehört das Universum

mit der Erde und

allen Himmelskörpern.

Sterne, Kometen und

Meteore sind die Kinder

von Ruwa - wie Kinder,

die zu ihren Eltern gehören.

Der Mond wird

als weibliche Gottheit

angesehen, manchmal

als fruchtbare Mutter.

Daher glauben die Chagga, dass es gut

ist, wenn man bei Neumond pfl anzt. Wenn

während dieser Zeit gepfl anzt wird oder

sich die Tiere paaren, wird man eine gute

Ernte haben. Auch in vielen traditionellen

afrikanischen Gemeinschaften verbindet

man die meisten Fruchtbarkeitsriten mit

den Mondphasen.

Reiches religiöses Erbe

In der heutigen Zeit wird alles sehr weltlich

und materialistisch gesehen, folglich

erwächst aus dieser Haltung Unheil gegenüber

dem Universum. Die traditionelle afrikanische

Sicht gegenüber dem Universum,

kann ein guter Beginn für die heutige Gesellschaft

sein, damit diese bestrebt bleibt,

das Universum zu erhalten.

Es ist eigentlich nicht richtig, wenn man die

afrikanische Kosmologie nur im geschichtlichen

Kontext betrachtet – sie sollte auch

für unsere gegenwärtige Situation stehen.

Auch heute gibt es noch genügend Platz

Gottes Bund mit Abraham, Kirche St. Paul, Mtwara/Tansania (1976)

für diese Sichtweise als Beitrag für die

Weltreligionen, insbesondere in unserer gegenwärtigen

materialistischen Welt. Was

gut an afrikanischer Kosmologie oder Astrologie

ist, muss festgelegt und bewertet

werden, so dass diese Werte in die heutige

Zeit integriert werden können.

Wissenschaftliche Forschungen und Studien

sollten Gottes Platz in der Schöpfung

nicht ignorieren. Wie in der afrikanischen

Kosmologie, in der Gott als Schöpfer angesehen

wird, sollten die modernen Wissenschaftler

die Welt nicht länger in wissenschaftlich

und religiös unterteilen.

Sie sollten Gott als denjenigen ansehen,

der die Dinge so erschaffen hat wie sie

sind. Vielleicht sollten die Menschen, auch

die Afrikaner, die dabei sind, ihr reiches religiöses

Erbe zu vergessen, zu den Wurzeln

zurückkehren und wieder lernen, wie man

das Universum einst betrachtet hat.

15


MISSIONSSONNTAG 2007

Zwischen AIDS und

Vorfreude auf die WM

Südafrika stand im Mittelpunkt des diesjährigen Missionsfestes

von Georg Ruhsert

Auch in diesem Jahr hatten die Mönche

der Benediktinerabtei Münsterschwarzach

im Oktober zu einem bunten Fest der Weltmission

eingeladen. Trotz des regnerisch

kühlen Wetters kamen tausend Besucher

zum festlichen Pontifi kalgottesdienst und

nutzten anschließend die Gelegenheit zur

Begegnung beim gemeinsamen Mittagessen

in der Turnhalle. Wie immer hatte die

Atmosphäre etwas von einem großen Familienfest,

denn viele der Missionsfreunde

aus ganz Unterfranken sehen sich hier einmal

im Jahr.

Heuer stand das Land Südafrika im Mittelpunkt

des Missionsfestes, das spürte

man bereits beim Gottesdienst mit Abt

Gottfried Sieber aus der Abtei Inkamana

(Südafrika). Die rhythmischen Gesänge

des Chores der Inkamana High School

begeisterten die Gläubigen. Festprediger

Pater Boniface Kamushishi

erzählte packend von der

Situation im Zululand und

von seinen persönlichen Erfahrungen

als einer von 45

– mittlerweile überwiegend

einheimischen – Mönchen

in Inkamana.

Am Nachmittag erwartete

die Besucher ein buntes Programm.

So entführte sie die

Voltigiergruppe des Egbert-

Gymnasiums zu einer farbenprächtigen

Reise nach

Afrika. Auf die Kinder wartete

ein Streichelzoo, ein Karussell, Schminken

und ein Zauberer. Außerdem konnten

im Fair-Handel Waren aus den Ländern des

Südens bestaunt und erworben werden.

Die afrikanischen Sänger zeigten bei traditionellen

Tänzen aus dem Zululand etwas

vom kulturellen Reichtum ihrer Heimat.

Ein schönes Land

mit Problemen

Die sehr schwierige Situation im Alltag

Südafrikas wurde von Stephan Kirchner

(Welle Mainfranken) moderiert. Das Forumgespräch

mit sieben Fachleuten machte

dies deutlich. So hat das Zululand mit 30

Prozent die höchste AIDS-Rate Südafrikas.

„Das merkt man immer samstags, da sind

bei uns die Beerdigungen“, schilderte Abt

Gottfried die Konfrontation der Benediktiner

mit der Krankheit. „Als Missionsbenediktiner

versuchen wir, unseren Beitrag

zu leisten, um das Leid der Menschen zu

lindern, die von dieser Epidemie betroffen

sind“, erzählte Pater Boniface. Die Sorge für

AIDS-Patienten und für Kinder, die durch

die Epidemie ihre Eltern verloren haben, sei

seit einiger Zeit Teil der Arbeit. So wurde

ein Hospiz für AIDS-Kranke gebaut, das

mittlerweile zum größten Privathospiz im

Land geworden ist.

Lehrer John Gregory, der den Chor begleitete,

erzählte von der heilenden Wirkung der

Musik bei den oft auch durch die Gewalt

in den Townships traumatisierten Kindern

und Jugendlichen. Das Singen spielt auch

in der Tradition der Zulus eine zentrale

Rolle.

16


Freude über die Fußball WM

Unter dem Beifall der Afrikaner betonte jedoch

Pater Boniface, dass es ihn schmerze,

wenn Südafrika von außen her immer nur

auf die Themen AIDS uns Gewalt reduziert

werde. Das werde dem wunderschönen

Land und den Leuten in Südafrika

nicht gerecht. Im Moment drücke für ihn

vielmehr die Freude über die gewonnene

Rugby-Weltmeisterschaft und die Vorfreude

auf die Fußball WM 2010 die Stimmung

im Lande aus.

Schwester Tshifhiwa Munzhedzi OP erzählte

vom Bemühen der südafrikanischen

Bischöfe, verantwortliche Leiter in den

Pfarreien auszubilden. Nur so könne die

Kirche den Herausforderungen der Zukunft

begegnen. „Wir können von Südafrika lernen,

dass ein Zusammenleben der verschie-

Missionsfest

2007

densten Kulturen und Rassen möglich ist“,

fasste Karl Wirtz von Misereor seine Eindrücke

zusammen.

Mit der Vesper endete ein interessanter

Tag, der die Augen für den Nachbarkontinent

Afrika öffnete. Und viele Besucher

notierten sich bereits den Termin des nächsten

Weltmissionssonntags: am 19. Oktober

2008 in Münsterschwarzach.

17


INTERVIEW

Erfüllende Arbeit

ist wichtiger als Geld

Interview mit Dr. Venance Mushi, Hospital Peramiho

von Br. Dr. Ansgar Stüfe OSB

Aufblicken zu den Sternen – das gilt nicht

nur für Himmelskörper. Wir blicken auch zu

menschlichen Sternen, den „Stars“ auf. Das

müssen nicht Pop-Größen oder Sportler

sein. Ein solcher „Stern“, zu dem die Menschen

aufblicken, ist abseits des großen

Weltgeschehens. Dr. Venance Mushi, Chefarzt

unseres Krankenhauses in Peramiho

in Tansania. Dr. Mushi stammt aus einer

wohlhabenden Familie, hat Zahnmedizin

studiert und anschließend im Missionshospital

angefangen. Bei einer Facharztweiterbildung

in Südafrika erhielt er den Preis

für die beste Forschungsarbeit im südlichen

Afrika. Er bekam Angebote für leitende Stellen

in staatlichen Krankenhäusern – und

blieb seiner Arbeit in Peramiho treu. Der

49-Jährige ist verheiratet mit Dr. Elisabeth

Mushi, Ärztin ebenfalls im Hospital Peramiho.

Er hat drei Kinder; zwei Mädchen und

einen Jungen, der erst vier Monate alt ist.

Er entspannt sich bei Musik und hat eine

riesige Sammlung von CDs. Außerdem ist

er ein begeisterter Hobbygärtner.

Br. Dr. Ansgar Stüfe OSB, Kongregationsprokurator

in St. Ottilien und Leiter des

Hospitals Peramiho, hat Dr. Mushi interviewt.

Herr Dr. Mushi, Sie gelten als Koryphäe

auf dem Gebiet der Zahnheilkunde. Sie

könnten anderweitig Karriere machen ...

Ich war immer mehr an einer erfüllenden

Arbeit als an Geld interessiert. Natürlich

sind wir davon abhängig, genug Geld für

das Leben unserer Familie zu haben. Dies

ist in Peramiho gewährleistet. Außerdem

bekam ich die Chance zur berufl ichen Fortbildung.

Das alles zusammen mit einem

guten Arbeitsklima hält mich in Peramiho.

Vor ein paar Wochen wollte mich die Re-

gierung zum Chefarzt einer Region ernennen.

Das habe ich rundweg abgelehnt. Ich

kann nicht in einem System arbeiten, das

so korrupt ist. Von meiner ethischen Einstellung

her kann ich in einem kirchlichen

Krankenhaus am besten arbeiten.

Was hat Sie dazu bewogen, Zahnarzt zu

werden?

Alles begann damit, dass ich schon früh

Interesse zeigte, als Arzt in einem Krankenhaus

tätig zu sein. Im Jahre 1970, als

ich in der 4. Klasse war, hatte mein Vater

einen Motorradunfall, bei dem er sich einen

schwierigen Bruch des rechten Beines

zugezogen hatte. Für rund ein Jahr ging

ich regelmäßig in das Machame Hospital,

um mich um meinen Vater zu kümmern.

Während dieser Zeit konnte ich feststellen,

dass die Behandlung und Heilung von Patienten

eine sehr befriedigende Aufgabe

für die Ärzte ist. Ebenso war es mir nicht

entgangen, dass man als Arzt eine gute

Stellung hat und aufgrund seiner Tätigkeit

in der Gesellschaft ein hohes Ansehen

genießt. Aus diesem Grund entschloss ich

mich seinerzeit für diesen Beruf.

Für die Zahnmedizin entschied ich mich,

weil ich sonst ein Jahr hätte warten müssen,

um Allgemeinmedizin studieren zu

können. Ich habe es nicht bereut.

Wie kam der Kontakt mit Peramiho zustande?

Das war reine Glücksache. Während meines

Universitätsstudiums war es obligatorisch,

dass man an außerhalb gelegenen Orten

mit anderen angehenden Zahnärzten im

Team Feldstudien durchzuführen hatte. In

meinem Team war eine Tutzinger Schwester

aus Peramiho, die zur Zahnarzthelferin

ausgebildet wurde. Sie berichtete über das

Hospital Peramiho und sagte mir, dass man

dort einen qualifi zierten Zahnarzt sucht,

da die bis dahin praktizierende Ärztin zur

Oberin im Konvent gewählt wurde. Ein Jahr

später machte ich meinen Abschluss. Ich

bewarb mich im Hospital Peramiho und

erhielt ein Schreiben von Mutter Oberin

Maria Goretti OSB, dass ich als Zahnarzt

im Hospital Peramiho beginnen könne.

Ich habe dem KCMC Hospital abgesagt

und mich entschlossen, nach Peramiho zu

gehen, wo ich bis heute tätig bin.

Sie arbeiten in einem Kloster-Hospital.

Was erwartet der normale Tansanier von

den Mönchen der Abtei Peramiho?

Meiner Meinung nach wissen die normalen

Tansanier nicht, was einen Mönch ausmacht.

Die meisten Menschen in und um

Peramiho haben die Vorstellung, dass die

Missionare (in diesem Fall Mönche) Menschen

sind, die es als ihre Pfl icht ansehen,

den Menschen bei ihren persönlichen Problemen

zu helfen. Bei den meisten dieser

Probleme handelt es sich um Armut. Es beginnt

mit dem täglichen Brot, Unterkunft,

Kleidung, Familie, um nur einige zu nennen.

Man erwartet eine direkte Hilfe, also Geld,

oder indirekte Hilfe über Institutionen, die

soziale Dienste leisten, wie Schulen, Krankenhäuser,

Universitäten – wenn möglich,

mit geringen Kosten. Spirituell gesehen, erwartet

man von den Mönchen von Peramiho,

dass diese ein religiöses Leben führen

und auch im praktischen Leben nach der

christlichen Lehre leben.

Was ist Ihrer Ansicht nach für die Zukunft

der Abtei Peramiho wichtig?

Ich denke, die Zukunft jeder Institution

hängt von zwei Dingen ab: Den Menschen

und Führung von Menschen. Wenn Menschen

und die Führung mit einer gewissen

Intelligenz vorhanden sind, die die richtige

18


Vision und Mission erkennen,

kann alles andere

darauf aufgebaut werden.

Was die Zukunft der Abtei

Peramiho angeht, so ist es

wichtig, Werbemaßnahmen

für Schulen, Colleges,

Seminare und alle kirchlichenBildungseinrichtungen

ins Leben zu rufen.

Wenn dies geschieht, wäre

es möglich, junge, interessierte

Leute mit gutem

Intellekt „herausfi schen“

zu können. Natürlich ist

es schwierig, die richtigen

jungen Leute herauszufi ltern. Auch wenn

nur eine geringe Zahl von entsprechenden

jungen Leuten gefunden wird, ist es einfach,

diesen Weg dann weiterzuführen.

Wie beurteilen Sie das Gesundheitssystem

in Tansania?

Ich kann das Gesundheitssystem in Tansania

in drei Kategorien einteilen und beurteilen:

Zugang zum Gesundheitssystem,

Gleichheit und Gerechtigkeit sowie die

Qualität. Hinsichtlich der Zugänglichkeit

ist das Gesundheitssystem in Tansania

gut. Fast jeder hat die Möglichkeit, einen

Gesundheitsdienst in Anspruch zu nehmen

– selbst wenn dieser unzulänglich ist.

In Sachen Gleichheit und Gerechtigkeit,

so denke ich, dass die Politik im Großen

und Ganzen dafür sorgt, dass sich auch

die armen Menschen in den Dörfern die

Inanspruchnahme des Gesundheitssystems

leisten können. Was die Qualität angeht,

so gibt es schon viele Nachteile, da viele

Gesundheitsdienste keine gute Qualität

anbieten. Auch dafür gibt es eine Anzahl

von Gründen: Schlechtes Management,

mangelhafte Überwachung, schlechte Planung,

Veruntreuung von Geldern, fehlende

DR. VENANCE MUSHI

Geboren 1959 in Moshi/Tanzania,

verheiratet, 3 Kinder.

Seit 1988 als Arzt

im Hospital von Peramiho tätig.

Ernsthaftigkeit, schlechte

Ressourcen und vieles

mehr.

Können Sie etwas zum

politischen System von

Tansania sagen?

Ich beurteile das politische

System in Tansania

hinsichtlich einer

guten Führung, Demokratie,

einer guten und

anwendbaren Politik,

Recht und Ordnung und

der Verpfl ichtung, eine

starke Wirtschaft aufzubauen. Allgemein

gesprochen haben wir jedoch Politiker, die

sich praktisch nicht für das Wohlergehen

des Volkes einsetzen. Sie haben keine Visionen,

sagen nicht die Wahrheit, haben

kein Standing, wenn sie mit externen und

wirtschaftlichen Kräften konfrontiert werden,

selbst wenn diese für das Land von

Nachteil sind. Sie haben nicht den Mut, das

zu sagen, was sie denken. Einfach „billig“

und selbstsüchtig. Aus diesen Gründen ist

es den tansanischen Politikern nicht gelungen,

ein echtes und typisches tansanisches

politisches System aufzubauen. Auf dem

Papier sieht die politische Struktur recht

gut aus – sie mag in einigen Aspekten

auch gut sein, aber es fehlt an der Ernsthaftigkeit

zur Durchführung. Der politische

Erfolg auf manchen Gebieten ist meines

Erachtens reine Glücksache.

Muss man mit einer Gefahr seitens islamistischer

Politiker in Tansania rechnen?

Ja, ich denke, es gibt eine echte Gefahr

seitens der islamistischen Politiker, da es

ihr Bestreben ist, die Moslems in Schlüsselpositionen

zu bringen, insbesondere was

die Führung des Landes angeht. Mit einem

solchen Schritt wird bald eine muslimische

Mehrheit in den Entscheidungsgremien

sitzen und es wird ganz einfach sein, das

Land in eine islamische Nation zu verwandeln

– mit allen negativen Konsequenzen,

wie beispielsweise dem Gesetz der Scharia.

Soziale Unruhe wird auf jeden Fall die

Folge sein.

Was sollten die Europäer in dieser Situation

tun?

Am besten ist es, wenn man mehr Christen

unterstützt, insbesondere diejenigen, die Interesse,

den Intellekt und die Fähigkeit zur

Führung haben, so dass diese in der Lage

sind, diesen Trend zu stoppen beziehungsweise

zu neutralisieren. Die christlichen

Körperschaften wie TEC und CCT spielen

in dieser Frage eine Rolle und können unterstützend

wirken. Die christlichen Werte

sollten in allen Aspekten des sozialen Lebens

unterstützt werden, um damit einen

entsprechenden Einfl uss zu gewinnen.

Wie würden Sie reagieren, wenn sich eines

Ihrer Kinder für ein monastisches Leben

entscheiden würde?

Dafür bete ich. Ich würde ihm jegliche Unterstützung

geben – moralisch, materiell

und sogar spirituell – wenn ich dazu in

der Lage bin.

19


PROJEKT

Neue Anfänge

in China

Missionsbenediktiner gründen eine Berufsschule

von Br. Dr. Ansgar Stüfe OSB

Das China von heute setzt den Besucher

in Erstaunen. Glänzende Bauten, breite

Boulevards, Kaufhäuser mit funkelnden

Fassaden und nach der neuesten Mode

gekleidete Menschen fangen den ersten

Blick. Der europäische Tourist wird im Wesentlichen

auch das und nichts anderes

zu sehen bekommen. Wer sich aber die

Zeit nimmt und die großen Städte mit den

luxuriösen Vierteln verlässt, sieht noch ein

anderes China.

Ärmliche Bedingungen

Oft in nur 10 km Entfernung von den

großen Städten wohnen Menschen in

kleinen geduckten Häusern, die oft kein

fl ießendes Wasser haben. Vier bis sechs

Menschen teilen sich einen Raum. Das

Monatseinkommen liegt zwischen 40 und

60 EUR. Eine medizinische Behandlung

kann man sich eigentlich gar nicht leisten,

eine Krankenversicherung gibt es nicht.

Es muss niemand hungern und Basisbedürfnisse

werden gedeckt, aber der Traum

vom besseren Leben ist in diesen Dörfern

in weiter Ferne. Von den 1,2 Milliarden

Chinesen leben etwa zwei Drittel unter

diesen ärmlichen Bedingungen. Der Atem

beraubende Fortschritt hat immerhin bereits

400 Millionen Menschen erfasst und

bietet einen ungeheuren Markt. Aber was

bleibt den anderen?

Berufsschule gründen

Vor allem junge Menschen träumen von

Ausbildung und einem kleinen Glück. Darauf

hat P. Norbert Du eine Antwort gesucht.

Die katholische Kirche hat es immer

noch schwer, ihren Platz in der Gesellschaft

Chinas zu fi nden. Misstrauisch wird sie von

Chinesisches Mädchen sammelt Müll: Viele Jugendliche vom Land haben keine Zukunftsperspektive.

den Behörden beobachtet. Da kam die Idee

auf, eine Berufsschule zu gründen. In der

Nähe der Provinzstadt Jilin im Nordosten

Chinas konnte P. Norbert ein ehemaliges

Schulgebäude anmieten. Dieses Schulgebäude

gehörte einem Wasserkraftwerk.

Wie so oft im Sozialismus waren unzählige

Mitarbeiter in diesem Kraftwerk angestellt.

Für die Kinder dieser Angestellten wurde

eine eigene Schule gebaut und Maschinenhallen

im selben Gebäude dienten

zur Instandhaltung und Herstellung von

Ersatzteilen. Dieses große Gebäude steht

jetzt leer und konnte angemietet werden.

Ganz in der Nähe gab es ein anderes leer

stehendes Gebäude, das angekauft wurde,

um ein Internat für die Schüler zu haben.

Berufsorientierte Bildung

ermöglichen

P. Norbert konnte einen sehr guten Mann

fi nden, der die Leitung der Schule übernommen

hat. Er ist ein idealistischer Mann

und strahlt Optimismus und Tatkraft aus.

In enger Zusammenarbeit mit den Regierungsbehörden

entsteht eine Berufschule

für 1000 Schülerinnen und Schüler. Ausgebildet

werden soll für Berufe, damit sie

in der nahen Industrie Arbeit fi nden können.

Der zukünftige Schulleiter hat schon

Kontakt zu den Industrieunternehmen

geknüpft. Die Berufsausbildung soll den

Anforderungen der Industrie entsprechen.

China hat nämlich ein großes Qualitätsproblem.

Das liegt vor allem an der mangelnden

Bildung der Arbeiter. Diese Schule

deckt also einen sehr großen Bedarf. Wer

eine berufsorientierte Bildung absolviert

hat, braucht sich keine Sorgen um einen

Arbeitsplatz zu machen.

20


Das andere Gesicht von China: Einfache Wohn- und Lebensverhältnisse Internatsgebäude der Berufsschule

Pfarrkirche von Panshi

Arme Schüler sollen

gefördert werden

Die neue Schule ist in erster Linie für arme

Schülerinnen und Schüler gedacht. Günstigerweise

befi nden sich in dem Schulgebäude

die Werkhallen mit Maschinen, die

früher für das Kraftwerk genutzt wurden.

Sie können jetzt zur Lehre und Herstellung

von Werkstücken verwendet werden. Die

laufenden Ausgaben sollen durch Produktion

der Werkstätten gedeckt werden.

Für Neuanschaffungen, Renovierung und

Lehrmaterialien bedarf es aber der Hilfe

von außen.

Christliche Werte vermitteln

Die Schule hätte ihren Wert allein schon

dadurch, dass sie jungen Menschen eine

Chance bietet. Aber das soll nicht alles

sein. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus

leben die Menschen Chinas in

einer weltanschaulichen Leere. Die alten

kulturellen Werte des Konfuzianismus sind

nur noch in kleinen Resten wirksam. Eher

lebt primitiver Aberglaube fort. So kann

es gelingen, über diese Schule junge Menschen

mit christlichen Werten vertraut zu

machen. Offene Werbung für das Christentum

ist immer noch schwierig, obwohl

Religionsfreiheit gilt. Immerhin dürfen

religiöse Vereinigungen jetzt Schulen und

soziale Einrichtungen führen. Dies ist ein

kleiner Anfang. Hoffen wir, dass uns dieser

Anfang gelingt und den Behörden klar

wird, dass die Gesellschaft Chinas nur gewinnen

kann, wenn junge Menschen eine

gute Ausbildung bekommen und Werte

wie Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und Nächstenliebe

zum Teil ihres Lebens wird.

Helfen Sie Pater Norbert Du !!!

P. Norbert Du OSB; geboren 1967 in Sujia/China,

zeitliche Profess 1996, seit 1999 Pfarrer von Kouqian

(Kouqian Catholic Church, Provinz Jilin) und

Lehrer (Philosophie) am Seminar Jilin;

Herr Shifeng Li, Direktor der Berufsschule

Für die Anschaffung von Lehrmaterialien für arme Schüler –

Schulmaterialien für einen Schüler kosten pro Jahr 20 Euro

Herzlichen Dank!

21


Eine Rose zum Abschied

Tod und Trauer bewegen uns.

Zum Abschied geben wir unseren Verstorbenen

das letzte Geleit. Dies kann mit einer Rose

oder mit einem Kranz geschehen.

Oder Angehörige wünschen, von aufwändigem

Blumenschmuck am Grab abzusehen.

Sie bitten stattdessen um eine Spende, die

Hilfsbedürftigen zugute kommt.

Projekte, die auf die Großherzigkeit anderer

angewiesen sind, gibt es viele.

Fragen Sie uns:

Missionsprokura

Abtei Münsterschwarzach

Tel. 09324 - 20 275

Fax 09324 - 20 270

prokura@abtei-muensterschwarzach.de


NAMEN UND NACHRICHTEN

Gott, der Herr und Hirte unseres Lebens, rief am 26. Oktober 2007

zu sich seinen treuen Diener, unseren lieben Mitbruder

P. Ingbert (Werner) Klinger

Am 24. November 1933 wurde Werner Klinger in Erlach geboren.

1943 begann er mit dem Gymnasium in Würzburg, wo er 1952 das

Abitur ablegte. Am 8. September 1952 trat er in die Abtei Münsterschwarzach

ein, wo er dann am 11. September 1952 sein Noviziat

begann. Am 12. September 1953 legte er seine Zeitliche Profess ab.

Von 1953 bis 1955 studierte er Philosophie in St. Ottilien, vier Jahre

Theologie an der Benediktinerhochschule Sant‘ Anselmo und dreieinhalb

Jahre der Philosophie in Rom, die er im Dezember 1961 mit der Promotion abschließen

konnte. Am 5. Juli 1959 wurde er zum Priester geweiht. Am 31. Mai 1962 wurde er nach Peramiho/

Tansania ausgesandt.

Im November 1963 wurde er als Novizenmeister und Cellerar in die Neugründung für afrikanische

Benediktiner nach Hanga geschickt. Von 1967 bis 1978 folgten Jahre der Lehrtätigkeit

am Priesterseminar in Peramiho. Mit der zweiten Gruppe des Gründungspersonals für ein

Benediktinerkloster in der Großstadt Nairobi traf er im Juli 1978 auf seinem neuen Wirkungsfeld

ein. P. Ingbert wurde wieder Cellerar.

Sein eigentliches Arbeitsfeld und seine große Liebe aber galt den Studenten der Philosophie.

Es sind Dutzende, denen er mit Geldern von zu Hause das Studium ermöglicht und so einen

Weg in die Zukunft geebnet hat. Unterricht, Begleitung von Studenten auf ihrem geistigen

Weg und fi nanzielle Hilfe während ihrer Ausbildung waren für ihn die zwei Seiten seiner

Lehrtätigkeit.

Wir lassen ihn gehen mit unserer Vergebung und Liebe, weil wir glauben und hoffen, dass er

eingehen wird in Gott, der die Liebe ist.

R.I.P.

Gott, der Schöpfer und Vollender allen Lebens, nahm am Dienstag,

dem 13. November 2007 seinen treuen Diener

P. Gunther (Gerhard) Kornbrust OSB

zu sich in die wandellose Seligkeit. P. Gunther erblickte das Licht

der Welt am 12. Januar 1941 in Hof an der Saale (Oberfranken).

P. Gunther besuchte von 1951 bis 1960 das Gymnasium in Hof;

infolge des Umzugs seiner Familie nach Würzburg legte er im dortigen

Gymnasium 1960 das Abitur ab. Im selben Jahre noch trat er

in Münsterschwarzach ein, wo er am 15. September ins Noviziat aufgenommen wurde. Seine

Zeitliche Profeß fand am 21. September 1961 statt, die Ewige Profeß am 27. September 1964.

Das Philosophiestudium absolvierte er 1961 bis 1963 in der Erzabtei St. Ottilien, dem das

Studium der Theologie bis 1967 an der Universität Würzburg folgte. Seine Diakonatsweihe

empfi ng er am 29. Juni 1965, die Priesterweihe spendete ihm der Würzburger Bischof Josef

Stangl am 11. September 1966.

Der Lebensweg unseres P. Gunther zeigte dann in die Richtung „Lehrer an unserem Egbert-

Gymnasium in Münsterschwarzach“. Konkret hieß das: bis 1973 zunächst das Studium von

Erdkunde und Mathematik an der Universität Würzburg. Ab 1974 war er dann Lehrer dieser

Fächer an unserem Gymnasium, daneben auch Präfekt im Studienseminar St. Maurus.

Diese Arbeit dauerte bis 1989. Mit seinem Namen für immer verbunden bleibt die Gründung

des „Tagesheimes“ aus ganz bescheidenen Anfängen. 1989 übernahm P. Gunther das Amt

des ersten Cantors. Diese Aufgabe betreute er bis vor einem Jahr mit seiner ihm eigenen Gewissenhaftigkeit

und Strenge. Aus tiefster Überzeugung diente er dem täglichen Opus Dei.

31 Jahre lang entstand aus seinem Fleiß, seiner Kreativität und seiner Spiritualität unser

weithin verbreiteter „Münsterschwarzacher Bildkalender“. Die Bilder und Texte verstand

P. Gunther als Predigt, Seelsorge und freundschaftlicher Begleiter; eine Botschaft, die auch

so bei den Menschen ankam.

Im Februar 2005 wurde eine Krebserkrankung entdeckt, die jedoch schon zu weit fortgeschritten

war.

P. Gunther trat die „Zielgerade“, so nannte er die Wochen zum Sterben hin, mit wacher, bejahender

Einstellung an. Im Beisein von Verwandten und lieben Freunden durfte er sterben.

Wir hatten an ihm ein Beispiel täglicher Treue, gewissenhafter Haltung in „ora et labora“. So

geben wir ihn auch dankbar in Gottes Hände zurück.

R.I.P.

1. Mai

40 Jahre Profess

Pater

Dieter Held

Geboren am 17.

November 1935

in Hamburg. Nach

kaufmännischer

Ausbildung Tätigkeit

in England und

Dänemark für das

Weingut Pieroth.

Studium am Spätberufenen-Seminar

Ketteler-Kolleg in Mainz.

Nach dem Abitur im Jahre 1967 Eintritt in die

Abtei Münsterschwarzach. 1968 zeitliche Profess.

1972 Feierliche Profess. 1973 Priesterweihe.

Sein Philosophiestudium absolvierte er in

St. Ottilien, das Studium der Theologie an der

Universität Würzburg. Im Jahr 1974 erfolgte

die Missionsaussendung in das Missionsgebiet

der Abtei Peramiho. Dort arbeitet er als Kaplan

und Religionslehrer am „Vocational Training

Centre Peramiho.“ (=Handwerkerschule)

und an der Girls Secondary School Peramiho.

Außerdem unterrichtet Pater Dieter die Novizen

in Liturgie und hilft in der Seelsorge der

Abtei Peramiho mit.

13. Mai

50 Jahre Profess

Pater

Severin

Pieper

Geboren am 9. November

1937 in

Herne/Westfalen:

Nach dem Abitur

in Herne 1957 Klostereintritt

in Münsterschwarzach.Philosophiestudium

in St. Ottilien und Studium der Theologie

an der Universität Würzburg, danach Studium

am Katechetischen Institut in München. 1958

zeitliche Profess, 1961 ewige Profess und 1964

Priesterweihe. Im Jahre 1965 wurde Pater Severin

in die Mission nach Ndanda ausgesandt.

Dort war er engagierter Seelsorger in Mnero,

Ndanda, Muta und Malolo. Ab 1989 Aufbau

eines Zentrums für Erwachsenenbildung. Jetzt

Leiter dieses Exerzitienhauses. Seit 1999 ist Pater

Severin auch Prior der Abtei Ndanda.

23


NAMEN UND NACHRICHTEN

„Euch steht die Freude

ins Gesicht geschrieben“

Bischof Friedhelm Hofmann (Würzburg) besucht die Abtei Peramiho

Die Freude der afrikanischen Menschen

hat Bischof Friedhelm am nachhaltigsten

beeindruckt. Immer wieder kommt er während

seines Besuches in der Abtei Peramiho

darauf zu sprechen. Eine Woche lang war

er zuvor im Bistum Mbinga unterwegs. Diese

im Süden Tansanias gelegene Diözese

unterhält seit 1989 eine Partnerschaft mit

dem Bistum Würzburg. Nach drei Jahren im

Amt besuchte Bischof Friedhelm nun zum

ersten Mal sein Partnerbistum. Da die Abtei

Peramiho 85 km von der Stadt Mbinga

entfernt liegt, nimmt Bischof Friedhelm die

Gelegenheit wahr, die Abtei zu besuchen.

Zu ihr gehören zur Zeit 14 Mönche, deren

Am Ausgangsort der Missionierung des Peramihogebiees

Heimatkloster die Abtei Münsterschwarzach

ist, die wiederum auf dem Gebiet des

Bistums Würzburg liegt.

„Spiritualität und

soziales Engagement“

Bei der Begegnung mit den Mönchen von

Peramiho ergreift der Bischof das Wort

und berichtet beeindruckt von seiner Zeit

in Mbinga: „Die Freude steht den afrikanischen

Menschen ins Gesicht geschrieben.

Diese nehme ich mit nach Hause,

weil sie uns dort verloren gegangen ist.“

Danach spricht der Gast ein Gebet für all

jene, die ihr Leben der Mission gewidmet

haben. „Die Benediktiner hier haben die

Aufbauarbeit geleistet. Überall bin ich auf

Missionsstationen gestoßen, die von Benediktinern

gegründet worden sind,“ sagte

der Bischof später im Interview. Was das

für Peramiho heißt, welch enorme Arbeit

hier geleistet worden ist und was aus dem

Nichts aufgebaut wurde, sieht er, als er

die Krankenpfl egeschule, das Hospital, das

Priesterseminar und die Farm besichtigt.

Auf dieser fühlen sich nicht nur er, sondern

auch seine Begleiter ins Bayerische versetzt

– so sehr ähnelt der von Br. Hermann Mayr

24


OSB geleitete Betrieb dem eines deutschen

Bauernhofes. Als jedoch der Bischof den

Kuhstall betritt, meint er ebenso bewundernd:

„Das ist ja fast wie in Bethlehem

hier“ und zollt damit Br. Hermann seinen

Respekt.

Als er später gefragt wurde, welchen Eindruck

er von Peramiho mitnehme, sagt er:

„Ihre Abtei ist ein wirtschaftliches und geistiges

Zentrum. Sie verbinden Spiritualität

und soziales Engagement. Beides gehört

zusammen.“ Die Quelle hierfür ist für ihn

die Feier der Eucharistie. In der Zukunft

sieht er Peramiho noch mehr als geistiges

Zentrum in die Pfl icht genommen. „Peramiho

wird ein Biotop des Glaubens sein, in

dem die Menschen ihren Glauben vertiefen

können.“ Die Vertiefung und Weitergabe

des Glaubens – das ist ein Thema für den

Bischof, um das er sich sorgt, hier wie in

Deutschland. Deutschland und auch Europa

sind seiner Ansicht nach längst auch

wieder Missionsländer. Evangelisierung sei

überall das Gebot der Stunde. Für Tansania

heiße das zunächst einmal, davon auszugehen,

dass die europäischen Missionare sich

– allein schon aus Altergründen - in naher

Zukunft verabschieden werden. „Und

deshalb müssen die Afrikaner jetzt selbst

die Verantwortung für die Weitergabe des

Glaubens übernehmen.“

Dass auf diesem Weg auch in Zukunft noch

die – auch fi nanzielle - Hilfe des Partnerbistums

und der Europäer gefragt ist, steht

für ihn außer Zweifel. Sein Besuch hat ihn

in dieser Hinsicht noch bestärkt. Durch den

Besuch habe die Partnerschaft ein Gesicht

bekommen, viele Gesichter. Bischof Friedhelm

weiter: „Es hat mich sehr gefreut zu

sehen, dass jede Spende hier auf Heller

und Pfennig angekommen ist und sinnvoll

eingesetzt wird. Auch eine Pfarrkirche, die

jüngst erbaut und von Bischof Friedhelm

während seines Besuches geweiht wurde,

ist mit Hilfe einer fränkischen Privatspende

erbaut worden.

Am Ende seines Besuches wurde er gefragt,

welche Überschrift er über seinen ersten

Tansania-Besuch setzen würde, antwortet

er spontan: „Die Freude und die Dankbarkeit

der Menschen waren das Beeindruckendste“.

Aber fügt dann der von Natur

aus fröhliche Rheinländer Hofmann noch

an – in all dem Dank und der Freude der

Menschen habe er auch die unausgesprochene

Bitte verspürt: „Vergesst uns nicht.“

Bischof mit

Br. Edgar Hein

Im Hospital Peramiho

Beim Chorgebet in der

Abteikirche Peramiho

Bischof auf der Farm

mit Br. Hermann

25


NAMEN UND NACHRICHTEN

Anregung und

Austausch

Internationale Studienwochen in St. Ottilien

Eine große Gemeinschaft wie die Kongregation

der Missionsbendiktiner von Sankt

Ottilien, mit Mitgliedern aus vielen Nationen

und von verschiedenen Kontinenten,

kann nicht davon ausgehen, dass in all ihren

Gemeinschaften der gleiche Geist weht.

Aber man kann sich austauschen, sich gegenseitig

anregen und sich um Verstehen

bemühen: Die sogenannten Study-Weeks

der Kongregation boten 23 Mitbrüdern aus

vier Kontinenten zwei Monate lang diese

Möglichkeiten.

Es scheint eigentlich alles ganz einfach:

Ein Mönch ist ein Mönch, ein Kloster ist

ein Kloster und monastisches Leben läuft

so ab, wie ich mir das vorstelle.

Aber so einfach, wie ich mir das vorstelle,

ist das oft nicht: Wir reden zwar alle über

gemeinsame Wege und Ziele; doch schnell

kann man schon im kleinen Kreis erkennen,

dass man zwar oft die gleichen Worte

benutzt, ohne jedoch dasselbe zu meinen.

Gründe dafür gibt es viele: Wir entstammen

unterschiedlichen Familien, kommen aus

verschiedenen Städten und Ländern oder

gar von fremden Kontinenten – dann hat

man sogar nicht einmal die gleiche Muttersprache.

Welche Schwierigkeiten sich

aus dieser Vielfalt der menschlichen Natur

ergeben können, liegt auf der Hand. Für

eine Gemeinschaft wie die Benediktinerkongregation

von Sankt Ottilien sind diese

Umstände Herausforderung und Ansporn

zugleich. Rund 1100 Missionsbenediktiner

leben auf vier Kontinenten weltweit.

Kamen in der Vergangenheit die meisten

aus dem europäischen Kulturkreis und da

aus dem deutschsprachigen Raum, so ändert

sich das heute – langsam zwar, aber

dennoch beständig. Und so treffen junge

Afrikaner, junge Asiaten oder auch Südamerikaner

heute auf Mitbrüder, die einer

rund 1500jährigen europäischen monastischen

Tradition entstammen, die ihre

Wurzeln in St. Ottilien, Münsterschwarzach,

Schweiklberg, Uznach oder Königsmünster

haben.

Voneinander lernen

Die Kongregation der Missionsbenediktiner

von Sankt Ottilien begegnet dieser

Situation seit 1999 mit einem ambitionierten

Seminarprogramm für junge Mitbrüder:

In der Regel alle zwei Jahre trifft

man sich, um sich auszutauschen, um

voneinander und übereinander etwas zu

lernen und zu erfahren. Diesen Sommer

war es wieder soweit: Von Anfang August

bis Ende September verbrachten 23 junge

Missionsbenediktiner ihre Zeit gemeinsam

in europäischen Klöstern. Aus Togo, Kenia,

Tansania, Uganda, Namibia, Indien,

Korea und Venezuela stammend waren sie

angereist, um die Erzabtei Sankt Ottilien,

die Abtei Münsterschwarzach und andere

Klöster und Einrichtungen der Kongregation

kennen zu lernen. In einem straff organisierten

Programm erfuhren sie etwas zur

Geschichte der Kongregation und über das

Leben und Wirken ihres Gründers.

Heikle Themen

wurden angesprochen

Der Missionsprokurator der Kongregation,

Br. Ansgar Stüfe, führte in die Funktionen

der Missionsprokura ein, erläuterte das

Vorgehen bei einer Projektplanung und die

Verantwortlichkeitsbereiche der Kongregationsprokura

im Verhältnis zu den einzelnen

Klöstern der Kongregation. Abt Lambert

Dörr veranschaulichte die Geschichte der

Kirche in Afrika, Pater Thomas Timpte aus

Waegwan skizzierte das Werden der Kirche

in Korea. Das wichtigste waren jedoch

Kartoffelernte in Münsterschwarzach

26


nicht die Vorträge und Referate, sondern

der intensive Austausch über das Gehörte

und das Erfahrene. Auch heikle Themen

wurden keineswegs ausgeklammert: Kolonialismus

und die Abgrenzung dagegen

wurde ebenso diskutiert wie Rassismus,

Loyalität, Zugehörigkeitsgefühl und sein

äußerer Ausdruck.

Gemeinsam leben und feiern

Kirchenrechtliche Grundlagen monastischen

Lebens, die Benediktinische Regel,

sogenannte heiße kirchliche Eisen, aber

auch geschlechtspezifi sche Aspekte religiösen

Lebens und Gebetstechniken wurden

ausführlichen Betrachtungen unterzogen.

Das hört sich alles sehr akademisch an.

Aber in der Teilnahme am Chorgebet, in

Die Teilnehmer beim Ausfl ug im Tiroler Land (in der Nähe der Abtei St. Georgenberg-Fiecht)

geselliger Runde am Abend, beim Grillen,

Musizieren und dem Versuch, gemeinsam

traditionelle Lieder anderer Kulturen kennen

zu lernen, konnten Gemeinschaftsgefühl

und Verständnis füreinander wachsen.

Teilnehmer in

Münsterschwarzach

In der ersten September-Hälfte kamen Br.

Bakanja (Ndanda), Br. Bosco (Mvimwa), Br.

Blaise (Agbang) und Br. Josef (Königsmünster),

um mit den Münsterschwarzacher

Mitbrüdern zwei Wochen zu leben, zu arbeiten

und zu beten. Die jungen Mitbrüder

waren uns eine große Hilfe bei der Kartoffel-

und Apfelernte. Zum Abschluss dieser

Tage hielt Br. Bakanja eine Konferenz zum

Thema seiner Diplomarbeit „Afrikanische

Werte und Benediktinische Spiritualität“

mit dem Resümee, dass trotz aller kultureller

Unterschiede es viele gemeinsame

Werte gibt.

Ermutigung und Ausblick

Bruder Gregory aus dem Kloster Tigoni in

Kenia fasst seine Erlebnisse der Studienwochen

folgendermaßen zusammen: »Lasst

mich mit einem Dank an alle enden, die

hier waren. Ich danke euch für eure monastische

Spiritualität und Disziplin. Meine

Erfahrungen in unserer kleinen Studienwochen-Gemeinschaft

haben mich sehr ermutigt.

Ich hoffe, wir bleiben auch in Zukunft

in Kontakt, und ich bete, dass unsere Gemeinschaften

weiterhin in Liebe und im

Dienst an Gott wachsen werden.“

27


NAMEN UND NACHRICHTEN

Keine Angst vor dem Neuen

Bei seiner feierlichen Segnung zur Aussendung

am Missionssonntag des vergangenen

Jahres konnte sich Bruder Samuel Paulus

schon einmal auf seine neue Aufgabe einstimmen:

Afrikanische Gesänge erklangen in

der Abteikirche in Münsterschwarzach, die

Predigt hielt ein junger schwarzer Mitbruder

aus Südafrika. Als Bruder Samuel dann in

der überfüllten Kirche vor den Abt trat und

für seine Mission gesegnet wurde, da spürte

er deutlich, „dass ich keine Angst vor dem

Neuen habe und auch nicht alles können

muss“, wie er anschließend erzählte.

Bruder Samuel ist 34 Jahre alt. Vor seinem

Eintritt ins Kloster hatte er Modellschreiner

gelernt. 2004 legte er die zeitliche Profess

ab. In Münsterschwarzach wurde er

im Vier-Türme-Verlag zum Mediengestalter

Bruder Samuel Paulus OSB nach Tansania entsandt

ausgebildet. Mit diesem Know-how wird

Bruder Samuel nun in den nächsten Jahren

die Druckerei der Abtei Peramiho in

Tansania unterstützen. Zusätzlich wird er

sich an seinem neuen Einsatzort um die

Jugendarbeit kümmern.

Auf seine Mission hat sich Samuel in den

letzten Monaten intensiv vorbereitet, hat

Swahili gelernt und Kurse über Land, Leute

und Kultur belegt. An seinem neuen Wirkungsort

will der Missionar vor allem „viel

von den afrikanischen Mitbrüdern lernen“,

wie er sagt. Sein größter Wunsch ist es, als

junger weißer zeitlicher Professe gleichberechtigt

unter den schwarzen Kollegen

wirken zu können.

Auf die Frage nach seiner Botschaft für den

Einsatz in Tansania antwortete Bruder Samuel:

„Es geht um die Botschaft Jesu Christi.“

Mut macht ihm dabei die Erfahrung

der Mitbrüder, die vor ihm als Missionar auf

Zeit nach Afrika entsandt wurden.

Gott und der Gemeinschaft vertrauen

Feierliche Profess von Pater Andreas Schugt OSB

Am Sonntag, 14. Oktober 2007, durften

wir uns freuen. Unser Pater Andreas Schugt

schloss sich durch die Feierliche Profess unserer

Gemeinschaft auf Lebenszeit an.

Die Profess wurde bereits durch eine Vigilfeier

am Samstagabend eingeleitet. Die

Ablegung der Gelübde fand am Sonntag

im Rahmen eines Pontifi kalgottesdienstes

mit Abt Michael und den Mitbrüdern des

Neuprofessen statt. Am Fest nahmen auch

die Verwandten, Bekannte und Freunde

von Pater Andreas teil.

Zu Beginn der Professfeier wurde der

Neuprofesse aufgerufen und befragt, ob

er bereit ist, sich für immer der Mönchsgemeinschaft

von Münsterschwarzach

anzuschließen. Während Pater Andreas

ausgestreckt am Boden lag, wurde die Allerheiligenlitanei

gesungen. Sie sollen ihn

auf seinem weiteren Lebensweg begleiten

und ihm zur Seite stehen. Dann verlas er

seine Professurkunde und versprach „vor

Gott und seinen Heiligen“ Beständigkeit,

klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam

nach der Regel des Heiligen Vaters Benediktus.

Als Bitte an Gott sang er dreimal,

jedes Mal in einer höheren Tonlage: „Nimm

mich auf, o Herr, nach deinem Wort, so werde

ich leben, und enttäusche mich nicht in

meiner Hoffnung!“ Nach dem Anlegen des

Mönchsgewandes tauschte Pater Andreas

mit jedem seiner Mitbrüder den Friedenskuss.

Das ist das äußere Zeichen, dass er

nun von jedem Mitbruder für immer in die

Gemeinschaft von Münsterschwarzach aufgenommen

ist.

Die Festpredigt hielt Pater Meinrad Dufner.

Er ging vom Tagesevangelium aus, das von

Jesus und den Jüngern in stürmischer See

berichtet. Die Jünger sind ängstlich und

verzagt, doch Jesus sagt zu ihnen: „Habt

Vertrauen, ich bin es, habt keine Angst.“ So

geht es auch im Leben eines jeden Ordensmannes,

eines jeden Christen. Wir sollten

unsere Angst ablegen, auf Gott vertrauen,

sich ihm anvertrauen. Er wird uns dann auf

seinen Weg führen.

Pater Andreas Schugt ist 1957 in Bonn

geboren, studierte nach dem Abitur zunächst

Agrarwissenschaften und trat 1982

in eine augustinische Ordensgemeinschaft

im Schwarzwald ein. Dort übernahm er verschiedene

Aufgaben, u. a. die Seelsorge

an einer Wallfahrtskirche. Vor drei Jahren

entschloss er sich, um Aufnahme in die

Gemeinschaft von Münsterschwarzach zu

bitten. Hier arbeitet er im Gästehaus mit

und hilft bei der seelsorglichen Begleitung,

im Büro und bei Führungen.

28


DANK

Liebe Freunde

Der Artikel Abtei Waegwan niedergebrannt

- ein Osterhalleluja zwischen Ruinen, Asche

und Staub -, ein Bericht von unserem Erzabt

Jeremias Schröder in der letzten Nummer

des Münsterschwarzacher RUF IN DIE ZEIT

hat Wellen geschlagen. Viele haben sich

daraufhin an uns in Waegwan gewandt

und uns ihres Gebetes wie auch ihrer Unterstützung

versichert. Daraus schöpfen

wir Kraft, für die Zukunft zu planen und

wieder aufzubauen, was durch das Unglück

am Karfreitag zerstört wurde. Wir hoffen,

dass bis zum Jahr 2009, in dem wir als

Benediktiner in Korea hundertjähriges Jubiläum

feiern, unsere Pläne verwirklicht

werden können.

Heute möchte ich Ihnen ein ganz herzliches

„Vergelt`s Gott“ sagen für die wertvolle

Hilfe von ca. € 300.000,–, die Sie uns über

die Missionsprokura in Münsterschwarzach

geschickt haben.

Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen,

seit wir den schlimmen Brand hatten, der

nicht nur unseren Südbau, sondern auch

das gesamte Dach des Klosters und viele

Manuskripte und Schriften unwiederbringlich

zerstört hat. Wie ich Ihnen schon

mitgeteilt habe, sind wir Mönche hier in

Waegwan trotz allem, was geschehen ist,

nicht „geknickt“. Am Karfreitag 2007 wurde

unserer Gemeinschaft ein Kreuz aufer-

und Wohltäter!

legt, das wir im Glauben auf uns nehmen.

Wir hoffen und beten, dass dieses Kreuz

letztlich unserer Abtei und ihrer Mission

zum Segen wird.

Die abgebrannten Dächer des Nord- und

Ostfl ügels werden derzeit neu aus nicht

brennbaren Baustoffen gedeckt. Diese Arbeiten

sowie auch die Sanierung der durch

Brand und Löscharbeiten beschädigten

Leitungen, Decken und Böden dieser beiden

Flügel werden bis zum Frühjahr abgeschlossen

sein. Dann können wir schon

einmal etwas aufatmen. Da im Winter

keine Bautätigkeiten erfolgen kann, wird

die Planung so weit fortgeführt, dass Ende

Februar mit dem Wiederaufbau begonnen

werden kann.

Dass wir in dieser Weise planen können,

verdanken wir Ihnen, unseren Freunden

und Wohltätern, die in dieser schweren

Zeit an unserer Seite stehen. Es ist schwer

auszudrücken, wie dankbar unsere Gemeinschaft

Ihnen für die hochherzige Hilfe ist,

die wir bereits erhalten haben.

Möge Gott in seiner Güte und Treue immer

an Ihrer Seite sein und Sie in seinem Frieden

bewahren!

Das neue Jahr hat bereits begonnen und

ich wünsche Ihnen, dass es ein erfülltes

Jahr wird.

In dankbarer Verbundenheit und dem Versprechen

unseres Gebetes bin ich

Ihr

+ Simon Ri OSB

Abt von Waegwan

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SERIE

Unser Mann in Afrika berichtet:

Im Glauben gestärkt

Dies ist mein letzter Bericht als „Unser

Mann in Afrika’’. Was kann ich Ihnen am

Ende von zwei Jahren schreiben? So viele

Bilder, Ereignisse, Menschen, Erkenntnisse,

Lernprozesse stehen vor

meinem geistigen Auge.

Durch alle Ereignisse

scheint für mich eine Erfahrung

hindurch: Ich kam

als Missionar und gehe als

Missionierter. Nicht ich hatte

in erster Linie eine Botschaft

für die Menschen,

sondern sie für mich. Alles

Erlebte hat in erster Linie

mich missioniert und nicht

ich die Menschen.

Natürlich hoffe ich, durch

Unterricht, Predigten, Andachten,

Beerdigungen

oder Krankenbesuche die

Menschen hier im Glauben

gestärkt haben zu können. In erster Linie

aber bin ich beschenkt worden. Um dieses

Geschenk beschreiben zu können, eignet

sich ein Zitat eines deutschen Mitbruders,

der schon jahrzehntelang in Tansania lebt

und arbeitet: „Tansania ist ein Land, an

dem man manchmal verzweifeln könnte

und in dem man doch sterben möchte.“

Am Anfang war vieles wirklich für mich

zum Verzweifeln. In meinen deutschen Augen

funktionierte gar nichts. Pünktlichkeit

schien ein Fremdwort für Afrikaner, kaputt

gegangene Dinge wurden nach Wochen

repariert, nachdem man mehrmals nachgefragt

hatte und immer die Antwort „bado“

(„bald“ oder „noch nicht“) bekam. Termin-

oder Zeitdruck scheint es nicht zu geben.

Gelassenheit lieben gelernt

Langsam vollzog sich dann mein innerer

Wandel: Die Liebe zu Tansania und seinen

Menschen, so dass ich nach etwa einem

Jahr hier im Land einer deutschen Touristin,

die sich genau über oben erwähnte Dinge

aufregte, antwortete: „Wenn man länger

hier lebt, hat man zwei Möglichkeiten:

Entweder man gewöhnt sich an das Afri-

BR. ZACHARIAS HEYES OSB

Geboren 1971 in Düsseldorf

Profess 2003,

Dipl. Theologe, Religionslehrer,

von Okt. 2005 bis Sept. 2007

als Missionar auf Zeit

in Peramiho/Tansania

kanische oder man muss nach Hause gehen,

weil man sonst verzweifelt.“ Für mich

gilt mittlerweile absolut Ersteres. Ich habe

mich nicht nur daran gewöhnt, sondern die

afrikanische Gelassenheit

lieben gelernt. Was wir

als unpünktlich defi nieren,

ist für einen Afrikaner immer

noch pünktlich. Und

wenn gar nichts zu funktionieren

scheint, klappt

am Ende doch alles!

Zeit ist umsonst

Besser als ich es in einem

Reiseführer gelesen habe,

kann ich es nicht erklären:

„Es ist, als sei die Zeit stehen

geblieben. Auf den

ersten Blick gibt es alles,

aber nichts funktioniert. Zumindest nach

europäischen Maßstäben. Morgens um

sechs geht die Sonne auf und abends um

sechs geht sie unter. Dazwischen hat man

Zeit ... Warten ist ein beliebter Zeitvertreib

... Pünktlichkeit und Präzision werden fast

als Charakterschwäche ausgelegt. Es bleibt

dem Europäer nichts anderes übrig, als seine

Sichtweise der Dinge zu überdenken.

Denn alles funktioniert – nur eben anders.

Der Optimierungsgedanke und die Effi zienz,

die wir quasi einprogrammiert haben,

laufen hier ins Leere. Zeit ist kein Geld. Zeit

ist umsonst, sie hat keinen Gegenwert. So

entsteht ein anderes Wertesystem und eine

andere Logik. Wozu soll

man Dinge verändern,

wenn sie funktionieren?

Nur weil sie dann noch

besser funktionieren würden?“

Gott ist da

Neben dieser Gelassenheit

lernte ich den schon

des öfteren erwähnten

einfachen Glauben der

Menschen zu schätzen, der aus zwei Worten

besteht: „Mungu yupo – Gott ist da“.

Man hat Zeit. Auf den Dorfplätzen wird viel

miteinander geredet. Dadurch wurde auch

mein Blick für den Mitmenschen, das Zwischenmenschliche

geschärft. Das ist am

Ende meiner Glaubens- und Lebensschule

mein afrikanisches Glaubensbekenntnis:

Mitmenschlichkeit; Gelassenheit, dass am

Ende alles funktioniert, beziehungsweise

so wird, wie es gut ist; und „Gott ist da“.

Als Kind war Afrika ein fernes Land für

mich, für das ich immer in der Fastenzeit

das aus dem Verzicht auf Süßigkeiten resultierende

Geld gespendet habe – damals

noch für die Behandlung von Kindern, die

durch in die Augen gelegte Eier von Insekten

zu erblinden drohten und deren

Impfung fünf Mark kostete. Heute ist mir

dieses Afrika, dieses Tansania ans Herz gewachsen.

Es ist mir entgegengekommen.

Die Menschen haben mich stets willkommen

geheißen und ich habe dieses ferne

Land kennen- und lieben gelernt. Wenn ich

heimkehre, wird es mir nahe bleiben – in

meinem Herzen und meinen Erinnerungen.

Um zum Anfangszitat zurückzukehren: Es

ist ein Land, in dem ich mir gut vorstellen

kann, sterben zu wollen.

Als Ihr „Mann in Afrika“ verabschiede ich

mich von Ihnen und wünsche Ihnen Gottes

Segen.

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