Umweltschutz ist Gesundheitsschutz - Stadt Langenhagen

kinderumweltgesundheit.de

Umweltschutz ist Gesundheitsschutz - Stadt Langenhagen

UmweltschUtz ist

GesUndheitsschUtz

was wir dafür tun


imPRessUm

Herausgeber: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)

Referat Öffentlichkeitsarbeit · 11055 Berlin

E-Mail: service@bmu.bund.de

Internet: www.bmu.de

Redaktion: Dr. Birgit Wolz, Jens Küllmer

Gestaltung: design_idee, büro_für_gestaltung, Erfurt

Druck: Bonifatius GmbH, Paderborn

Abbildungen: Titelseite: vario-images

S. 4: Frank Ossenbrink

S. 6: vario-images

S. 8: m. sandkuehler/jump fotoagentur

S. 10: BMU/Rupert Oberhäuser

S. 13: Ludolf Dahmen/VISUM

S. 18: Blickwinkel/McPHOTO

S. 19: BMU/Brigitte Hiss

S. 18: BMU/Brigitte Hiss

S. 20: dpa/Picture-Alliance

S. 23: Andreas Müller Pixelio

S. 24: dpa/Picture-Alliance

S. 26: dpa/Picture-Alliance

S. 29: DigitalVision

S. 30: dpa/Picture-Alliance

S. 33: BMU Rupert Oberhäuser

S. 34: dpa/Picture-Alliance

S. 37: dpa/Picture-Alliance

S. 38: dpa/Picture-Alliance

S. 41: dpa/Picture-Alliance

S. 43: Knut Schulz

S. 46: dpa/Picture-Alliance

S. 48: peter röhl Pixelio

S. 51: Thomas Stephan/BLE/ökolandbau

S. 53: Thomas Stephan/BLE/ökolandbau

S. 55: Thomas Stephan/BLE/ökolandbau

S. 57: Familie Metzger, Röderhof-Laden

S. 58: Dominic Menzler/BLE/ökolandbau

S. 61: Dominic Menzler/BLE/ökolandbau

S. 62: dpa/Picture-Alliance

S. 65: bilderbox

Stand: Juli 2008

2. Auflage: 6.000 Exemplare

2

S. 69: David Ausserhofer/JOKER

S. 70: dpa/Picture-Alliance

S. 76: Jochen Eckel

S. 78: Eike Straube, Umweltbundesamt

S. 79: dpa/Picture-Alliance

S. 82: BMU/Rupert Oberhäuser

S. 83: dpa/Picture-Alliance

S. 84: Reinhard Eisele/project photos

S. 86: dpa/Picture-Alliance

S. 88: dpa/Picture-Alliance

S. 91: dpa/Picture-Alliance

S. 93: dpa/Picture-Alliance

S. 94: Ute Grabowsky/photothek.net

S. 96: imageattack/photoplexus

S. 99: Georg Antony/ALIMDI.net

S. 100: Andreas Buck

S. 102: Stefanie Sudek

S. 104: Heinz-Björn Moriske, Umweltbundesamt

S. 105: dpa/Picture-Alliance

S. 106: dia/mediacolors

S. 107: Jury Umweltzeichen

S. 108: Scheffbuch/Caro

S. 105: vario images

S. 106: dpa/Picture-Alliance

S. 116: dpa/Picture-Alliance

S. 119: Birgit Habedank, Umweltbundesamt

S. 121: Matthias Wenk, Landesforstanstalt

Eberswalde

S. 123: Uwe Starfinger, Julius Kühn-Institut

S. 127: BMU/transit/Härtrich


inhAlt

Vorwort 4

1 was unsere Gesundheit beeinflusst 8

1.1 Was ist Gesundheit, was ist Umwelt? 9

1.2 Umweltgerechtigkeit – eine neue Herausforderung 15

1.3 Wir stehen erst am Anfang 18

2 chemikaliensicherheit 20

2.1 REACH – Chemikaliensicherheit in Europa 21

2.2 Das dreckige Dutzend – Gesundheitsschutz weltweit 27

2.3 Umgang mit Altstoffen 28

2.4 Biozide nicht bedenkenlos einsetzen 38

3 Gesunde ernährung ist wichtig 46

3.1 Die amtliche Lebensmittelüberwachung bringt es an den Tag 50

3.2 Belastung mit Schwermetallen vorwiegend gering 52

3.3 Rückläufige Entwicklung bei Dioxinen und PCB 55

3.4 Weitere Kontaminanten 60

4 wozu der lärm? 62

4.1 Lärm ist schädlich 63

4.2 Kampf dem Lärm 72

5 nun auch noch Feinstaub 76

5.1 Belastung der Luft mit Feinstaub … 80

5.2 … und mit gesundheitsschädlichen Gasen 86

5.3 Luftreinhalte- und Aktionspläne sichern die Einhaltung der Grenzwerte 93

6 „dicke luft“ zu hause? 94

6.1 Es liegt was in der Luft 98

6.2 Staub ohne Ende 101

6.3 Schimmel auf dem Vormarsch 103

6.4 Auf gute Luftqualität kommt es an 105

7 Klimawandel – wir tun was 110

7.1 Globale Erwärmung nimmt zu 113

7.2 Erste Anzeichen für gesundheitsschädliche Wirkungen 117

7.3 Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit 124

Anhang 128

Glossar 128

Wichtige Adressen 134

3


Vorwort

Deutschland hat im umweltbezogenen Gesundheitsschutz eine lange Tradition.

Gerade in der Luftreinhaltung, beim Schutz unserer Trinkwasserressourcen

und beim Schutz vor gefährlichen Chemikalien haben wir bereits wesentliche

Verbesserungen erreicht.

Dennoch bleibt für die Umweltpolitik viel zu tun. Diese Broschüre bietet Daten

und Fakten, wo wir Erfolge verbuchen können und wo noch Herausforderungen

zu meistern sind. Und sie zeigt, wie eng unsere Gesundheit mit

umweltpolitischen Maßnahmen zusammenhängt. Schwerpunktmäßig werden

dabei die Themen Luftreinhaltung im Innen- und Außenbereich, umweltbezogene

Lebensmittelsicherheit, Lärm, Chemikaliensicherheit und die

gesundheitlichen Folgen des Klimawandels erörtert.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass Gesundheit komplexe Voraussetzungen

hat. Unsere Ernährungsgewohnheiten, unser Lebensstil, genetische

Faktoren und berufliche Belastungen tragen ganz maßgeblich zu unserer

Gesundheit bei.

4


Auch Bildungsstand, Beruf und Einkommen beeinflussen die Gesundheit: Soziale

Ungleichheit führt zu gesundheitlicher Ungleichheit, weil Umweltbelastungen

in unserer Gesellschaft oftmals ungerecht verteilt sind. Umweltpolitik

heißt deshalb auch, sich für das Recht jedes Menschen auf eine Umwelt einzusetzen,

in der alle gesund leben können.

Umweltschutz – der Gesundheit zuliebe!

Ich wünsche Ihnen eine interessante und informative Lektüre.

Sigmar Gabriel

Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

5


wAs UnseRe

GesUndheit beeinFlUsst


1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

Täglich neue Schlagzeilen und Medienberichte zu Themen wie „Klimakatastrophe“,

„Feinstaubalarm“ oder „giftige Chemikalien in Kinderspielzeug“

verunsichern nicht nur die Menschen in Deutschland. Tatsache ist, dass unsere

Lebens- und Produktionsweise, unsere uneingeschränkte Mobilität und

unser enormer Energiekonsum nicht ohne Wirkung auf die Umwelt und

damit auch auf unsere Gesundheit geblieben sind. Die Folge: Egal ob Luft,

Wasser, Boden oder Lebensmittel – Viele machen sich darüber Sorgen und

nichts scheint mehr so natürlich und ursprünglich zu sein, wie sie sich es

wünschen. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass Umfrageergebnissen zufolge

etwa ein Viertel der Deutschen für sich selbst immer noch eine starke Gesundheitsbelastung

durch die schlechte Qualität der Umwelt sieht. Die Einschätzung

für künftige Generationen fällt noch ungünstiger aus. Laut einer

im Jahr 2006 vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Umfrage befürchten

drei Viertel aller Deutschen, dass zukünftig die Gesundheit der Kinder

und Enkelkinder durch Umweltfaktoren stark oder sogar sehr stark belastet

werden wird.

8


Gesetzliche Regelungen und freiwillige Vereinbarungen, aber auch technische

Neuentwicklungen haben zu vielfältigen Qualitätsverbesserungen der

Umwelt geführt. Gerade in der Luftreinhaltung haben wir in den letzten

Jahrzehnten maßgebliche Fortschritte erreicht. Diese Entwicklung lässt sich

anschaulich anhand der periodisch vom Umweltbundesamt herausgegebenen

„Daten zur Umwelt – Der Zustand der Umwelt in Deutschland“ verfolgen.

Dennoch gibt es weiterhin zahlreiche Umweltfaktoren, die sich negativ

auf unsere Gesundheit auswirken. Was können wir hier verbessern? Dieser

Frage fühlt sich das Bundesumweltministerium verpflichtet. Innerhalb der

Bundesregierung ist das Bundesumweltministerium für die gesundheitlichen

Belange der durch Menschen verursachten Umweltprobleme federführend

zuständig.

Wie steht es also um die Umwelt und Gesundheit in Deutschland? Die vorliegende

Veröffentlichung versucht, an ausgewählten Beispielen aufzuzeigen,

was wir über Umwelteinwirkungen auf die Gesundheit der Menschen

in Deutschland wissen und an welchen Problemen weitergearbeitet werden

muss. Es wird erläutert, wie die Umwelt auf uns wirkt, welche Bedeutung

dies für unsere Gesundheit hat und welche Krankheiten durch die Umwelt

verursacht oder beeinflusst werden können.

1.1 was ist Gesundheit, was ist Umwelt?

Mit dem Begriff Gesundheit verbindet jeder Einzelne eigene Vorstellungen.

Die WHO definiert Gesundheit als einen „Zustand vollständigen körperlichen,

geistig-seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit

von Krankheit und Gebrechen“ (aus der Gründungserklärung der

WHO aus dem Jahr 1948).

Der Gesundheitsbegriff der WHO ist sehr anspruchsvoll und sehr umfassend.

Er bietet den Vorteil, dass er Lebensverhältnisse, wie Arbeit, Wohnung, Ernährung

und Bildung, mit einbezieht. Er verkörpert ein Ideal, dass es anzustreben

gilt und ist daher als Leitbild für die Gesundheitspolitik von großer

Bedeutung. Er geht aber weit über das hinaus, was durch gute Umweltpolitik

beeinflussbar ist.

9


1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

Umwelt ist alles, was uns umgibt. Sie ist belebt und unbelebt. Mit ihr befinden

wir uns lebenslang in Wechselbeziehung. Die Umwelt ist unsere Lebensgrundlage,

wir nutzen sie, beeinflussen und verändern sie und müssen

uns ständig an sie anpassen. Auch alle anderen Menschen gehören in diesem

Sinne zu unserer Umwelt. Sind die Menschen um uns herum gemeint,

spricht man von sozialer Umwelt. Umwelt im Sinne der Umweltpolitik ist

aber die „Umwelt ohne den Menschen“ – wenn auch mit den vom Menschen

darin verursachten Veränderungen.

Die Umwelt wirkt unmittelbar auf den menschlichen Organismus ein. Die

Luft, die wir atmen, die Lebensmittel, die wir essen, die Bedarfsgegenstände,

die wir verwenden, der Lärm, dem wir ausgesetzt sind und vieles mehr sind

Umweltfaktoren, die sich positiv oder negativ auf unsere Gesundheit auswirken

können. Sie wirken über die Atemwege, das Verdauungssystem, die Haut

und die Sinnesorgane auf den menschlichen Organismus ein.

Ob die Umwelt förderlich für unsere Gesundheit ist oder nicht, ist zum Beispiel

davon abhängig, welche Stoffe in welcher Menge auf uns einwirken.

10


Wir sprechen von Schadstoffen, wenn unsere Atemluft mit Dieselrußpartikeln,

Stickstoffoxiden oder Ozon oder unsere Lebensmittel mit Dioxinen belastet

sind. Wir sprechen von Lärm, wenn der Geräuschpegel um uns herum

als zu laut empfunden wird. Das sind nur einige wenige Beispiele, in denen

die Umwelt gesundheitliche Beeinträchtigungen hervorrufen kann. Umweltschutz

bedeutet, derartige Belastungsfaktoren zu reduzieren oder ihre Entstehung

nach Möglichkeit zu verhindern. Umweltschutz bedeutet aber auch,

Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit so zu untersuchen und

zu beobachten, dass bisher unbekannte Belastungsfaktoren erkannt werden

können. Zu den Beobachtungsprogrammen, mit denen Zusammenhänge

zwischen Umwelt und Gesundheit in Deutschland untersucht werden, gehören

der Umwelt-Survey und die Umweltprobenbank des Bundes.

Was ist der Umwelt-Survey und was wird untersucht?

Der Umwelt-Survey des Umweltbundesamtes erfasst die Belastung der Allgemeinbevölkerung

mit Umweltschadstoffen. Die für Deutschland repräsentativ erhobenen Daten erlauben

eine Beurteilung der Situation der Gesamtbevölkerung.

Alle am Umwelt-Survey beteiligten Personen sind zufällig ausgewählt, sie nehmen zugleich

am Bundes-Gesundheitssurvey des Robert Koch-Institutes teil. Daher wird der

Umwelt-Survey in enger Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut durchgeführt.

bisher durchgeführte erhebungen

˘ 1985/1986 Erwachsene (nur alte Bundesländer)

˘ 1990/1992 Erwachsene, Kinder und Jugendliche

˘ 1998/1999 Erwachsene

˘ 2003/2006 Kinder

design

Mittels Fragebogen werden soziodemografische Angaben, umweltrelevante Verhaltensweisen

und belastungsrelevante Bedingungen in Haushalt und Wohnumfeld erfasst, mittels

Human-Biomonitoring Schadstoffe in Blut und Urin ermittelt sowie Schadstoffe in

der Wohnung durch die Untersuchung von Trinkwasser, Innenraumluft, Hausstaub erfasst.

ziele

Erfassung, Bereitstellung, Aktualisierung und Bewertung repräsentativer Daten für eine

gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung und -berichterstattung auf nationaler Ebene.

11


1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

12

Was ist die Umweltprobenbank und was wird untersucht?

Die Umweltprobenbank des Bundes (www.umweltprobenbank.de) archiviert tiefgekühlt

Umwelt- und Humanproben, die vor ihrer Einlagerung auf umweltrelevante anorganische

und organische Stoffe analysiert werden.

Für den Humanbereich werden jährlich junge Erwachsene (meist Studenten) der Universitäten

Münster (seit 1984), Halle/Saale (seit 1995), Greifswald (seit 1996) und Ulm (seit

1997) untersucht. Zu den Voraussetzungen für die Teilnahme gehört, dass keine erkennbare

spezifische Schadstoffexposition vorliegt.

design

Mittels Fragebogen werden soziodemografische Angaben, umweltrelevante Verhaltensweisen

und belastungsrelevante Bedingungen erfasst, mittels Human-Biomonitoring

Schadstoffe in Blut, Urin und anderen Körpermedien ermittelt.

ziele

Zum einen werden zeitliche Veränderungen der Schadstoffbelastung erfasst, zum anderen

können in den eingelagerten Proben rückwirkend Stoffe oder deren Folgeprodukte

ermittelt werden, die zum Zeitpunkt ihrer Einwirkung noch nicht bekannt oder analysierbar

waren.

Aus dem breiten Spektrum der Umweltfaktoren, die die Gesundheit belasten,

greift diese Broschüre Themen auf, die für unsere Gesundheit von besonderer

Bedeutung sind. Anhand der Themen Chemikaliensicherheit, Luftreinhaltung,

Lärm, Schutz vor unerwünschten Stoffen in der Nahrungskette

und den gesundheitlichen Aspekten des Klimawandels wird beispielhaft aufgezeigt,

wie sich Maßnahmen zum Schutz der Umwelt als Maßnahmen zum

Schutz der Gesundheit erweisen und wie wichtig der Umweltschutz ist, um

gesund leben zu können. Es werden aber auch Tipps gegeben, wie man sich

vor bestimmten Belastungen schützen kann.


Dabei wirkt die Umwelt nicht auf jeden Menschen gleichermaßen ein. So ist

zum Beispiel nur ein gesunder Mensch in der Lage, sich optimal an gegebene

Umweltbedingungen anzupassen. Ist er bereits krank, wird seine Anpassungsfähigkeit

beeinträchtigt und sein Zustand kann sich verschlimmern.

Auf der nächsten Seite sind weitere wichtige Einflussfaktoren zusammengestellt.

13


1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

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Faktoren, die auch die Gesundheit beeinflussen

Alter und Geschlecht

Kinder reagieren nicht wie Erwachsene, ihr Organismus ist noch nicht voll entwickelt.

Bei Älteren läuft vieles langsamer ab, ihre Organfunktionen sind eingeschränkt. Frauen

reagieren oft anders als Männer. Dafür sorgen beispielsweise hormonelle Einflüsse. Die

Anfälligkeit für manche Krankheiten ist unterschiedlich, die Lebenserwartung ist bei

Frauen deutlich höher.

Genetische disposition

Die Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen ist genetisch bedingt, beispielsweise

Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ I) und Allergien: Sind beide Elternteile Allergiker,

liegt das Risiko des Kindes, an einer Allergie zu erkranken, bei 50 bis 70 Prozent.

bildung, einkommen, lebensstil

Bildung und Einkommen hängen oft eng miteinander zusammen, und der daraus resultierende

sozio-ökonomische Status ist ein wichtiger Einflussfaktor für die Gesundheit.

Soziale Ungleichheit kann auch zu gesundheitlicher Ungleichheit führen. Ein bewegungsarmer

Lebensstil trägt zu Übergewicht bei und kann die Entstehung verschiedener

Erkrankungen begünstigen, ebenso wie Rauchen oder übermäßiger Alkoholkonsum.

Arbeitsplatz

Schwere und einseitige körperliche Belastungen, psychische Über- oder Unterforderung

sowie das Betriebsklima können die Gesundheit beeinträchtigen. Lärm, Vibrationen,

gesundheitsschädliche Substanzen, ungünstiges Raumklima oder Witterungseinflüsse

kommen hinzu.

stress

Stress ist eine von der Evolution vorgegebene Grundreaktion menschlichen Verhaltens.

Übermäßiger Stress kann für eine Reihe von Zivilisationskrankheiten, wie Herz-Kreislauferkrankungen,

mitverantwortlich gemacht werden.


1.2 Umweltgerechtigkeit – eine herausforderung

nicht nur für die Umweltpolitik

Das Thema Umweltgerechtigkeit ist in Deutschland ein relativ neues Problemfeld,

das an der Schnittstelle von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik

angesiedelt ist. Es befasst sich mit der sozial ungleichen Verteilung von Umweltbelastungen

und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit. Menschen mit

einem niedrigen Sozialstatus sind zum Teil stärkeren Belastungen durch die

Umwelt ausgesetzt als Menschen mit höherem Sozialstatus. Damit verbunden

ist vielfach ein erhöhtes Gesundheitsrisiko, da sie häufig auch nicht über

die notwendigen Voraussetzungen wie Einkommen, Vermögen und Bildung

verfügen, um solche Belastungen zu vermeiden. Dennoch gibt es in Deutschland

bisher keine breitere öffentliche Diskussion der Thematik. Das Bundesumweltministerium

will Anstöße geben, dass sich dies ändert.

In den USA ist diese Thematik bereits seit den 1980er Jahren unter dem Begriff

„environmental justice“ in der Diskussion. In Deutschland steht sie noch

am Anfang. Eine der Ursachen ist, dass die soziale Polarisierung in Deutschland

nicht so stark ausgeprägt ist wie in den USA, so dass die Betroffenheit

der verschiedenen Gesellschaftsschichten in Deutschland nicht so stark divergiert

wie in den USA. Dennoch hat dieses Thema durchaus auch Relevanz

für Deutschland, weil es nicht gelungen ist, alle Bevölkerungsgruppen

in gleichem Maße vor negativen Umwelteinflüssen zu schützen. Verschiedene

Studien der vergangenen Jahre belegen, dass sozial schwächere Bevölkerungsgruppen

von Umweltproblemen oft stärker betroffen sind. Aber es

mangelt an systematischen Untersuchungen zum Einfluss der Umwelt auf

die Lebensqualität verschiedener sozialer Bevölkerungsgruppen.

Um diese Defizite abzubauen, wurde im Kinder-Umwelt-Survey begonnen,

in die Auswertung der Umweltbelastungen nicht nur Alter und Geschlecht,

sondern systematisch auch den Sozialstatus einzubeziehen. Gemessen wurde

der Sozialstatus nach einem vom Robert Koch-Institut speziell für Kinder

entwickelten Index, der Bildung und berufliche Stellung der Eltern sowie das

Haushaltsnettoeinkommen einbezieht. Nach diesem Index wurden die Kinder

in drei Gruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Sozialstatus eingeteilt.

Jeweils ein Viertel der Kinder gehörten zur Gruppe mit niedrigem

und hohem Sozialstatus.

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1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

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Was ist der Kinder-Umwelt-Survey?

Bei dem von 2003 bis 2006 durchgeführten Umwelt-survey (KUS) standen Kinder auf

dem Programm. Untersucht wurden etwa 1.800 Kinder im Alter zwischen 3 und 14 Jahren

aus ganz Deutschland. Sie nahmen auch am zeitgleich stattfindenden Kinder- und

Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert Koch-Instituts teil, in welchem knapp

18.000 Kinder und Jugendliche von 0 bis 17 Jahren untersucht wurden (siehe www.kiggs.

de). Daher wurde auch der Kinder-Umwelt-Survey in enger Kooperation mit dem Robert

Koch-Institut durchgeführt.

Damit stehen erstmals repräsentative Ergebnisse zur sozialen Verteilung von

Umweltbelastungen zur Verfügung. Sie zeigen, dass Kinder aus Familien mit

niedrigem sozialen Status häufiger an stark befahrenen Haupt- oder Durch-


gangsstraßen wohnen als Kinder aus Familien mit mittlerem und hohem

sozialen Status. Das bedeutet, dass sozial schwächer gestellte Familien beispielsweise

intensiver Autoabgasen und Verkehrslärm ausgesetzt sein können.

Hinzu kommt, dass das Wohnen an einer stark befahrenen Straße meist

mit einer erhöhten Unfallgefahr und fehlenden Grünflächen zur Erholung

und Freizeitgestaltung verbunden ist.

Auch bei der inneren Schadstoffbelastung lassen sich soziale Unterschiede

feststellen. Kinder aus sozial schwächeren Familien sind beispielsweise stärker

durch Tabakrauch belastet. Das kann man an der Konzentration von

Cotinin im Urin, einem Stoffwechselprodukt von Nikotin, das mit dem Urin

ausgeschieden wird, feststellen (siehe Kapitel 6 „Dicke Luft“ zu Hause?). Kinder

aus sozial schwächeren Gruppen haben auch höhere Bleigehalte im Blut.

(Abbildung 1-1). Blei kann die Entwicklung des zentralen Nervensystems beeinträchtigen.

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1 wAs UnseRe GesUndheit beeinFlUsst

Allerdings ist es durchaus nicht so, dass immer sozial schlechter gestellte

Kinder eine höhere innere Schadstoffbelastung aufweisen. Bei den chlororganischen

Verbindungen, wie den PCB-Kongeneren 133, 153 und 180, sind

Kinder mit höherem sozialem Status deutlich stärker belastet (Abbildung

1-2). Die PCB (polychlorierte Biphenyle) sind chlororganische Verbindungen,

die wegen ihrer Fettlöslichkeit im tierischen Fettgewebe vorkommen und

sich in der Nahrungskette anreichern (siehe Kapitel 3 Gesunde Ernährung

ist wichtig). Hier macht sich möglicherweise der Einfluss des Stillens bemerkbar,

da Mütter mit hohem Sozialstatus ihr Kind tendenziell länger stillen und

deshalb mit der Zeit eine größere Menge von PCB an ihre Säuglinge weitergeben

als andere Mütter.

Studien zu umweltbedingten Erkrankungen deuten ebenfalls auf soziale Unterschiede

hin. Nach den Ergebnissen des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys

des Robert Koch-Institutes sind beispielsweise Mädchen

und Jungen mit hohem Sozialstatus (18,9 Prozent) häufiger von Allergien

betroffen als Kinder mit mittlerem (17,8 Prozent) und niedrigem Sozialstatus

(13,6 Prozent).

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Weitere Beispiele für die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen in

unterschiedlichen sozialen Gruppen sind in den Kapiteln 4 Wozu der Lärm

und Kapitel 6 „Dicke Luft“ zu Hause? dargestellt. Es handelt sich hierbei

ebenfalls um Ergebnisse aus dem Kinder-Umwelt-Survey.

1.3 wir stehen erst am Anfang

Auch wenn wir in Deutschland hinsichtlich der ungleichen Verteilung von

Umweltbelastungen in unterschiedlichen sozialen Gruppen erst am Anfang

stehen, verdeutlichen die bereits jetzt vorliegenden Erkenntnisse, dass Umwelteinflüsse

nicht losgelöst von sozialen Fragen beurteilt werden können.

Soziale Gerechtigkeit ist auch für die Umweltpolitik Herausforderung und

Verpflichtung. Eine wichtige Aufgabe ist dabei die Verbesserung der Datenbasis.

Aussagekräftige Daten sind eine wesentliche Grundlage für umweltpolitische

Maßnahmen. Deshalb initiiert das Bundesumweltministerium weitergehende

Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Umweltgerechtigkeit und

versucht, diese Thematik durch Veranstaltungen und Publikationen stärker

in das öffentliche Bewusstsein zu bringen und eine breitere öffentliche Diskussion

anzustoßen.

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chemiKAliensicheRheit

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2 chemiKAliensicheRheit

Seit jeher sind wir von chemischen Verbindungen umgeben. Sie sind natürliche

Bestandteile unserer Erde und kommen in Boden, Wasser und Luft sowie

allen Lebewesen – auch im Menschen selbst – vor. Über die Atemluft, die

Nahrung oder die Haut gelangen sie in den menschlichen Körper. Die Menschen

verändern die in der Natur vorkommenden Verbindungen und stellen

neue Stoffe her: Man spricht dann von Chemikalien. Mittlerweile wird die

Zahl der kommerziell eingesetzten Chemikalien auf über 100.000 geschätzt.

Unser tägliches Leben ist ohne die Produkte der chemischen Industrie nicht

mehr vorstellbar. Sie sind überall zu finden und haben zweifellos zu einer erheblichen

Steigerung der Lebensqualität beigetragen. In unserem Alltag begegnen

wir ihnen in Form von Wasch- und Reinigungsmitteln, Farben und

Lacken, Kunststoffgegenständen, Bekleidung, Kinderspielzeug, Verpackungen

und in Lebensmitteln. Auch die Medizin kommt ohne chemische Produkte

nicht aus.

Chemikalien begleiten uns ein Leben lang. In Abhängigkeit von ihren Eigenschaften

und der Menge, der wir ausgesetzt sind, können sie auch unerwünschte

Wirkungen haben. So besteht die Vermutung, dass sie zum stetigen

Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten, wie Allergien, Demenz

oder Unfruchtbarkeit, beitragen.

Durch die Vielzahl der Chemikalien in Verbindung mit einschlägigen Medienberichten

fühlen sich viele Menschen zunehmend verunsichert und wünschen

sich mehr Aufklärung und Information. Nach der im Jahr 2006 vom

Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Repräsentativumfrage „Umweltbewusstsein

in Deutschland“ macht jeder Fünfte der Befragten Chemikalien in

Alltagsprodukten für gesundheitliche Belastungen verantwortlich.

Die folgende Übersicht beschreibt die Entwicklungen in dem Politikfeld Chemikaliensicherheit.

Sie stellt eine Auswahl des in Europa und Deutschland

geltenden Chemikalienrechts vor und bietet einen Einblick in die internationale

Zusammenarbeit. An den Beispielen Weichmacher, Flammschutzmittel,

perfluorierte Verbindungen und Biozide werden präventive Maßnahmen vorgestellt,

um Umwelt und Gesundheit zu schützen.

22


2.1 ReAch - chemikaliensicherheit in europa

Erst seit 1981 unterliegen die so genannten „Neustoffe“, die in Europa erstmals

auf den Markt gekommen sind, einer Anmeldepflicht und systematischen

Prüfung, etwa zur Giftigkeit und zu allergieauslösenden Eigenschaften.

Das sind etwa 4.000 Stoffe. Für den Rest, die so genannten „Altstoffe“,

deren Zahl nach dem Europäischen Altstoffverzeichnis über 100.000 beträgt,

gab es solche Prüfanforderungen nicht. Viele von ihnen wurden nie auf ihre

Gefährlichkeit untersucht.

Ein verantwortlicher Umgang mit Chemikalien wurde dadurch zwangsläufig

erschwert beziehungsweise unmöglich. Hersteller von Chemikalien mussten

bislang zu wenig Informationen über ihre Stoffe bereithalten und dementsprechend

erhielt die Öffentlichkeit in aller Regel nur unzureichende Informationen

über ihre Eigenschaften und ihre Risiken für Umwelt und Gesundheit.

So waren insbesondere über Langzeitwirkungen wie krebserzeugende

oder erbgutverändernde Eigenschaften der Chemikalien nur unzureichende

Informationen vorhanden. Risiken, die nicht erkannt werden, können aber

auch nicht beherrscht werden.

23


2 chemiKAliensicheRheit

In der Vergangenheit haben wir oft nur durch Chemieunfälle wie die Chemiekatastrophe

von Seveso oder durch Zufall von den Gefahren erfahren.

Welche Stoffe wie in die Umwelt, in die Nahrungskette oder in den menschlichen

Körper gelangen, kommt auch heute noch oft eher zufällig ans Licht.

Das 1993 von der Europäischen Union ins Leben gerufene Altstoffprogramm

brachte nicht den gewünschten Erfolg, so dass eine völlig neue Strategie in

der europäischen Chemikalienpolitik notwendig wurde: Mit dem Ungleichgewicht

zwischen „alten“ und „neuen“ Chemikalien räumt REACH auf.

REACH ist eine neue Verordnung ((EG) Nr. 1907/2006) zur Registrierung, Bewertung,

Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe, die am 1. Juni 2007

in Kraft getreten ist. Der Name REACH steht für die Mittel und Wege zu diesem

Ziel: Registrierung (Anmeldung), Evaluation (Bewertung), Autorisierung

(Zulassung) von Chemikalien. REACH vereinfacht und verbessert die vorherige

Chemikaliengesetzgebung in der Europäischen Union.

Die Europäische Chemikalienagentur, die ihren Sitz in Helsinki hat, wird bis

2018 die Registrierung von etwa 30.000 Altstoffen vornehmen. Die wichtigen

Informationen werden in einer Internetdatenbank veröffentlicht (siehe auch

ec.europa.eu/echa). Die ersten Registrierungen erfolgen seit 1. Juni 2008.

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Verantwortlicher Umgang mit chemikalien

Im Kern geht es bei REACH darum, die bestehenden Wissenslücken zu

schließen, um einen verantwortlichen Umgang mit Chemikalien zu ermöglichen.

Das neue System basiert auf folgenden Eckpfeilern:

˘ Altstoffe müssen genauso wie Neustoffe auf gefährliche Eigenschaften untersucht

werden.

˘ Registrierungspflichtig sind Chemikalien, die ab einer Tonne pro Jahr

durch einen Hersteller produziert oder einen Importeur eingeführt werden.

Das sind etwa 30.000 Stoffe.

˘ Hersteller und Importeure sind für die Sicherheit ihrer Chemikalien entlang

der Lieferkette verantwortlich. Sie müssen die zur Bewertung notwendigen

Daten beschaffen (Beweislastumkehr: Bislang war es vorwiegend

die Aufgabe der Behörden, Probleme zu erkennen und die Industrie

zu deren Beseitigung zu verpflichten).

˘ Neu ist: Die Hersteller müssen angeben, wie die Stoffe verwendet werden,

welche Belastung für den Menschen daraus resultiert und mit welchen

Maßnahmen eventuelle Risiken reduziert werden sollten.

Die Anwender sind zur Mitteilung verpflichtet, wenn die Verwendung

der Chemikalie von den Angaben des Herstellers abweicht.

˘ Besonders besorgniserregende Stoffe, die zum Beispiel krebserzeugende

Eigenschaften haben, können einem Zulassungsverfahren unterstellt werden.

Damit kann Chemikalien mit unvertretbaren Risiken der Zugang

zum Markt verwehrt werden.

neue standards im Umwelt- und Gesundheitsschutz

REACH bringt den Umwelt- und Gesundheitsschutz in Europa einen großen

Schritt voran. Das neu gewonnene Wissen über chemische Stoffe, insbesondere

über ihre langfristigen Wirkungen, wie krebserzeugende oder fortpflanzungsgefährdende

Eigenschaften, und ein darauf aufbauendes Risikomanagement

wird künftig ein höheres Schutzniveau für die Umwelt sowie für

Arbeitnehmer und Verbraucher gewährleisten.

Die verbesserte Informationslage wird sich auch positiv auf viele Bereiche

des Umweltrechts (zum Beispiel Abfall, Bodenschutz, Immissionsschutz) auswirken,

da Regelungen hier oft an das Vorhandensein gefährlicher Stoffe anknüpfen.

Das neu gewonnene Wissen über Stoffeigenschaften wird eine effizientere

Anwendung dieser Vorschriften ermöglichen. Gleiches gilt für das

Verbraucher- und Arbeitsschutzrecht.

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2 chemiKAliensicheRheit

REACH setzt außerdem Anreize dafür, dass besonders gefährliche Stoffe

durch sicherere Alternativen ersetzt werden. So wird etwa die für jedermann

zugängliche Information über Eigenschaften von Stoffen und deren Verwendung

dazu führen, dass die Nachfrage nach sichereren Produkten zunimmt

und viele der besonders gefährlichen Stoffe vom Markt verschwinden. Auch

innerhalb des REACH-Systems sind weniger gefährliche Stoffe gegenüber gefährlicheren

deutlich privilegiert.

Die in den EU-Mitgliedstaaten unmittelbar geltende REACH-Verordnung

ist seit dem 1. Juni 2007 in Kraft und bedarf keiner nationalen Umsetzung.

Kernbereiche der Verordnung (Vorschriften über die Registrierung und Bewertung

und das Zulassungsverfahren) sind am 1. Juni 2008 wirksam geworden.

Mit dem ebenfalls am 1. Juni 2008 in Kraft getretenen REACH-Anpassungsgesetz

wurde das bestehende deutsche Chemikalienrecht so an die

REACH-Verordnung angepasst, dass eine effektive Durchführung in Deutschland

gewährleistet werden kann. Mit diesem Gleichlauf des deutschen Chemikalienrechts

mit den europarechtlichen Regelungen sind optimale rechtliche

Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start des REACH-Systems in

Deutschland geschaffen worden.

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2.2. das dreckige dutzend –

Gesundheitsschutz weltweit

Mit dem Stockholmer Übereinkommen, das im Mai 2004 in Kraft getreten ist

und bisher von 156 Vertragsstaaten unterzeichnet wurde, wird ein Prozess in

Gang gesetzt, der das weltweite Verbot von besonders gefährlichen Chemikalien,

den so genannten POPs (Persistent Organic Pollutants; persistente organische

Schadstoffe), zum Ziel hat.

Die Konvention startete mit den zwölf gefährlichsten Verbindungen, dem so

genannten „dreckigen Dutzend“ (dirty dozen). Dazu gehören eine Reihe von

Pflanzenschutzmitteln und Industriechemikalien sowie die hochgiftigen Dioxine

und Furane, die als unerwünschte Nebenprodukte in Produktions- und

Verbrennungsprozessen entstehen.

Obwohl es sich um ganz unterschiedliche Schadstoffe handelt, haben sie

doch entscheidende Eigenschaften gemeinsam: Sie zeichnen sich durch

Langlebigkeit, Bioakkumulation (Anreicherung in Lebewesen), Öko- und

Humantoxizität (Giftigkeit für Mensch und Umwelt) sowie das Potenzial zum

Ferntransport in Wasser, Boden und Luft aus.

In den Industrieländern sind Produktion und Gebrauch dieser Chemikalien

bereits verboten oder weitestgehend reguliert. Die Hauptquellen für diese

Chemikalien, wie etwa Müllverbrennungsanlagen bezüglich der Dioxine und

Furane, sind mit scharfen Grenzwertvorschriften belegt, so dass Risiken für

Umwelt und Gesundheit reduziert werden.

Anders ist dies hingegen in Entwicklungsländern und in verschiedenen osteuropäischen

Staaten, in denen diese Chemikalien weiterhin als Pestizide

oder in Holzschutzmitteln eingesetzt werden oder wo polychlorierte Biphenyle

(PCB) in Transformatoren weit verbreitet sind. In Osteuropa und auf

dem afrikanischen Kontinent bereiten Alt- und Lagerbestände von Pflanzenschutzmitteln

der ersten Generation (Organochlorpestizide) in Größenordnungen

von mehreren 100.000 Tonnen, die häufig in alten Fässern vor sich

hin rotten, Anlass zu großer Sorge.

Ob und wie die Vereinbarungen in den Entwicklungsländern umgesetzt werden,

ist daher maßgeblich für den Erfolg des Übereinkommens und damit

indirekt auch für die Belastung der Menschen in Deutschland mit diesen

27


2 chemiKAliensicheRheit

Chemikalien. POPs haben die als „Grasshoppers Effect“ bezeichnete Eigenschaft,

durch wiederholtes Verdunsten und Kondensieren mit den Luftströmungen

in Richtung der Erdpole zu wandern. POPs sind also ein globales

Problem, dem nur durch ein weltweites Übereinkommen Rechnung getragen

werden kann. Daher setzt sich Deutschland für die Aufnahme weiterer

POPs im Übereinkommen ein.

2.3 Umgang mit „Altstoffen“

Chemikalien, die vor 1981 auf den Markt kamen, galten bisher als Altstoffe.

Sie waren weder anmeldepflichtig noch mussten Hersteller Prüfungen über

gefährliche Eigenschaften nachweisen. Um dem abzuhelfen, verabschiedete

die Europäische Union 1993 das Altstoffprogramm, um systematisch die Risiken

der Altstoffe zu bewerten. Diese Risikobewertungen sind teilweise noch

nicht abgeschlossen und werden unter der neuen Chemikalienverordnung

REACH fortgesetzt.

weichmacher sind in Verruf geraten

Weichmacher werden eingesetzt, um Kunststoffen elastische Eigenschaften

zu verleihen, damit sie einfacher zu bearbeiten sind oder bestimmte Gebrauchseigenschaften

erreichen. Mengenmäßig überwiegen gegenwärtig

noch Phthalate, die für die Herstellung von Weich-PVC verwendet werden.

Produkte aus Weich-PVC finden sich in fast allen Haushalten. Sie bestehen

durchschnittlich zu 30 bis 35 Prozent aus Weichmachern. Phthalate kommen

in vielen verbrauchernahen Produkten vor und machen auch vor Medizinprodukten

und Arzneimitteln nicht Halt. Sie sind beispielsweise in Infusionsschläuchen,

Magensonden, Blut- und Dialysebeuteln und Filmtabletten

enthalten.

Da Phthalate aus dem Material austreten können, sind die Menschen einer

fast ständigen Belastung durch diese Chemikalien ausgesetzt. Sie kommen in

die Luft, können eingeatmet und über die Haut aufgenommen werden und

lagern sich im Hausstaub ab. In die Nahrung gelangen sie während der Verarbeitung,

durch Verpackung und Lagerung. Besonders häufige und gefährliche

Phthalate sind DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat), DBP (Dibutylphthalat)

und BBP (Benzylbutylphthalat).

28


Wo kommen Phthalate vor?

˘ als weich-PVc in Fußbodenbelägen, Kunstleder, Tapeten, Verpackungen, Babyartikeln,

Kinderspielzeug, Schuhen, Sport- und Freizeitartikeln, Kabelummantelungen

˘ als lösemittelersatz in Lacken, Anstrich- und Beschichtungsmitteln, Dichtungsmassen,

Klebstoffen

˘ zur textilveredlung, um die Griffigkeit und Geschmeidigkeit zu verbessern

˘ als duftstoffträger in Kosmetika

Phthalate kamen vor 1981 in Europa in den Verkehr und wurden in der Altstoffverordnung

der Europäischen Union als prioritäre Stoffe erfasst, weil sie

in sehr großen Mengen produziert werden und ein hohes ökotoxikologisches

Potenzial besitzen. Für die fünf wichtigsten Phthalate ist die Risikobewertung

abgeschlossen. Nun geht es unter REACH weiter: DBT, DEHP und BBP

gehören zu den ersten 16 Stoffen, die zur Aufnahme in die Liste der zulassungspflichtigen

Stoffe vorgeschlagen sind.

29


2 chemiKAliensicheRheit

DEHP, DBP und BBP haben hormonähnliche Eigenschaften und können

schädliche Wirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit haben. Spielzeug und

Babyartikel, die in den Mund genommen werden, stellen ein Risiko für die

Gesundheit von Kleinkindern dar, wenn sie Phthalate enthalten. Bei Kindern

ist zu berücksichtigen, dass sie besonders empfindlich auf fortpflanzungsgefährdende

Chemikalien reagieren, da sich ihr Organismus noch in der Entwicklung

befindet. Zum Schutz der Gesundheit von Kindern hat daher die

Europäische Union ein Anwendungsverbot für sechs Phthalate als Weichmacher

in Babyartikeln und Kinderspielzeug erlassen.

30


DEHP, DBP und BBP dürfen darüber hinaus auch nicht in Produkten für den

privaten Endverbrauch, wie in Lacken und Farben sowie kosmetischen Mitteln,

enthalten sein. Auch die Verwendung dieser Phthalate in Kunststoffen

für Lebensmittelverpackungen wurde EU-weit reguliert; sie dürfen in Verpackungsmaterialen

für fettreiche Lebensmittel nicht mehr verwendet werden.

Weitere Risikominderungsstrategien für DEHP sind vor allem in Produkten

der Medizintechnik in der Diskussion.

Die chemische Industrie reduziert seit einigen Jahren den Einsatz von

DEHP, BBP und DBP und weicht auf die beiden langkettigen Phthalate DINP

und DIDP aus, weil sie gegenwärtig hinsichtlich ihrer Wirkungen auf die

menschliche Gesundheit günstiger beurteilt werden. Sie stehen aber unter

Verdacht, sich in hohem Maße in Organismen anzureichern sowie in Boden

und Sedimenten langlebig zu sein. Sie gehören daher nicht in die Umwelt.

bromierte Flammschutzmittel im Visier

Flammschutzmittel dienen dazu, die Entzündung brennbarer Materialien,

wie Kunststoffe, Textilien oder Holz, hinauszuzögern und die Flammenausbreitung

zu verlangsamen. Dadurch lassen sich Brände entweder ganz verhindern

oder die Zeit zur Flucht verlängert sich. Sie befinden sich daher in

einer Reihe verbrauchernaher Produkte.

Wo kommen Flammschutzmittel vor?

˘ Kunststoffe: Gehäuse von Elektro- und Elektronikgeräten (Fernseher, Computer),

Kabelummantelung

˘ spielzeug

˘ textilien: Polstermöbel, Teppiche, Matratzen, Wohnraumtextilien

˘ bauprodukte: Dämm- und Montageschäume

˘ Automobilindustrie: Kunststoffbestandteile und Polsterüberzüge

31


2 chemiKAliensicheRheit

Als Flammschutzmittel kommen viele unterschiedliche chemische Verbindungen

zum Einsatz. Problematisch sind unter anderem die bromierten

Flammschutzmittel, da einige von ihnen im Brandfall und bei unkontrollierter

Entsorgung hochgiftige bromierte Dioxine und Furane bilden können.

Bromierte Flammschutzmittel sind in der Umwelt weit verbreitet und sogar

in der Polarregion nachweisbar. Sie kommen in Sedimenten und Stäuben sowie

in zahlreichen Tierarten vor. Bis heute ist nicht geklärt, auf welchen Pfaden

sie in die Umwelt gelangen. In der Umwelt können sie schwer abbaubar

sein und sich wegen ihrer lipophilen (fettlöslichen) Eigenschaften in Lebewesen

anreichern. Ihre Wirkungen sind unterschiedlich. Für einige sind ökotoxische

Eigenschaften nachgewiesen, für andere auch gesundheitliche Risiken

am Arbeitsplatz als Folge des Einatmens.

Einige kommen auch in den menschlichen Organismus, hauptsächlich über

die Nahrung, und lassen sich in geringen Konzentrationen in Muttermilch

und im Blut des Menschen nachweisen. Bei diesen Konzentrationen bestehen

nach den Risikobewertungen der Europäischen Union keine gesundheitlichen

Risiken. Aus Vorsorgegründen sollte Muttermilch diese Stoffe jedoch

nicht enthalten.

Am Beispiel der polybromierten Diphenylether (PBDE) wird veranschaulicht,

wie die noch im Rahmen des Altstoffprogramms begonnene Risikobewertung

in einem teilweisen Verbot resultierte. PBDE werden seit den 1970er

Jahren in Kunststoffen für den Elektronikbereich oder in synthetischen Textilien

eingesetzt. PBDE, die mehr als 200 Einzelverbindungen (Kongenere)

umfassen, kommen in drei Gemischtypen (Penta-, Octa- und DecaBDE) zur

Anwendung. Sie besitzen toxische Eigenschaften und sind möglicherweise

krebserzeugend und hormonähnlich wirksam.

In das Kreuzfeuer der Kritik sind die PBDE geraten, als sie in Muttermilchproben

aus Schweden, die von 1972 bis 1997 gesammelt wurden, nachgewiesen

werden konnten. Die Befunde in der Muttermilch gaben Anlass zur

Besorgnis. Die Risikobewertung führte dazu, dass für Penta- und OctaBDE

wegen der Gefährdung der Umwelt und zum vorbeugenden Schutz gestillter

Säuglinge ein Verbot ausgesprochen wurde (Richtlinie 2003/11/EG).

32


Die bisherige Risikobewertung für DecaBDE ergab keine Einstufung als Gefahrstoff,

ließ aber einige Unsicherheiten offen: Der Stoff steht in Verdacht,

langfristig das Nervensystem schädigende Wirkungen zu haben und sich

langsam zu niedriger bromierten, stärker toxischen Verbindungen abzubauen.

Die Europäische Kommission verpflichtete die Industrie, bis 2014 durch

weitere Untersuchungen zu einer Klärung beizutragen.

Die Anwendung von DecaBDE wurde eingeschränkt. DecaBDE darf ab

Juli 2008 nicht mehr in neu in Verkehr gebrachten Elektro- und Elektronikgeräten

enthalten sein.

Die Entscheidungen über die Zulassung von DecaBDE und HBCD, einem weiteren

bromierten Flammschutzmittel unter REACH, werden ab 2009 getroffen.

Aus Vorsorgegründen sollten jegliche Einträge bromierter Flammschutzmittel

in die Umwelt minimiert werden. Priorität hat der vollständige Ersatz, da

nur dieser eine deutliche Verringerung des Umwelteintrags sicherstellt.

33


2 chemiKAliensicheRheit

Perfluorierte chemikalien – keine entwarnung

Perfluorierte Chemikalien gehören größtenteils zu den Altstoffen, machen

aber erst seit kurzem von sich reden. Die am besten untersuchten Verbindungen

sind Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure

(PFOS), die weltweit in Meeren sowie in im Wasser lebenden Tieren und

auch im Menschen nachgewiesen wurden. PFOA und PFOS sind wasserlösliche,

in der Umwelt schwer abbaubare und bioakkumulierende Stoffe, die gesundheitsschädliche

Eigenschaften besitzen. Außerdem werden sie über weite

Distanzen bis in die Arktis und Antarktis transportiert. Aus Tierversuchen

sind krebserzeugende und auch sonstige toxische Eigenschaften (wie reproduktionstoxische)

bekannt.

PFOA und PFOS sind oberflächenaktiv und werden deshalb als perfluorierte

Tenside (PFT) bezeichnet. Sie sind auch Ausgangs- oder Hilfsstoffe zur Herstellung

von Imprägnierungsmitteln und Polymeren, die uns im Alltag auf

vielfältige Weise nicht nur in Regenjacken, auch in Backpapier, begegnen.

In Verbindung mit diesen perfluorierten Verbindungen ist wegen des möglichen

Restgehaltes an PFOS und PFOA auch die Herstellung von Fluorpolymeren

in die Kritik geraten. Diese Kunststoffe sind sehr stabil gegenüber Hitze

und Chemikalien sowie Wasser und Schmutz abweisend. Am bekanntesten

ist Polytetrafluorethylen, das unter den Handelsnamen Teflon und Gore Tex

verkauft wird. Fluorpolymere sind wegen ihrer Eigenschaften vielseitig einsetzbar

und seit mehr als 50 Jahren auf dem Markt.

34


Wo werden Fluorpolymere angewendet?

˘ Pfannen und Töpfe: Antihaftbeschichtung

˘ Textilien: Wetterfeste Bekleidung zum Schutz vor Nässe und Schmutz

˘ Oberflächenveredelung: Teppichböden, Möbel

˘ Technik: Dichtungen und Lager (wegen guter Gleitfähigkeit), Kabelummantelung

˘ Medizin- und Labortechnik: Implantate, Beschichtung von Laborgeräten

˘ Optik: Linsen

˘ Luftfahrt und Militärtechnik

Die wasserlöslichen perfluorierten Verbindungen, wie PFOS und PFOA, werden

hauptsächlich auf dem Wasserweg weiträumig verbreitet. Sie kommen

nicht nur im Grundwasser – und damit auch im Trinkwasser – vor, auch in

der Tiefsee, in der Arktis und sogar in den dort lebenden Tieren sind sie bereits

angekommen. Als Hauptbelastungsquellen gelten Abwässer aus Industrie

und Haushalten.

Im Trinkwasser in Deutschland wurden perfluorierte Verbindungen nachgewiesen.

Diese regional begrenzten Befunde standen allerdings im Zusammenhang

mit der Aufbringung von Dünger auf landwirtschaftliche Nutzflächen,

dem illegalerweise „Chemieabfall“ beigemischt worden war.

PFOS und PFOA werden überwiegend in Körperflüssigkeiten, weniger im

Fettgewebe, nachgewiesen, wobei in Lebewesen die PFOS-Konzentrationen

höher als die von PFOA sind. Sie lassen sich auch im menschlichen Blut und

in Muttermilch finden. Die Konzentrationen im menschlichen Körper und

in der Umwelt sind allerdings sehr niedrig, so dass bisher keine schädlichen

Wirkungen beobachtet wurden.

35


2 chemiKAliensicheRheit

Die in Deutschland im Blut nachgewiesenen PFT-Konzentrationen sind vergleichbar

mit denen aus anderen europäischen Ländern, wie Belgien, Schweden

oder Polen. Abbildung 2-1 stellt die Ergebnisse der Untersuchung von

Blutproben der Umweltprobenbank des Bundes (siehe Kapitel 1 Was unsere

Gesundheit beeinflusst) aus dem Zeitraum 1985 bis 2005 vor. In allen Proben

wurden PFOS und PFOA deutlich oberhalb der Bestimmungsgrenze gefunden.

Die PFOS-Gehalte sind seit 2001 rückläufig. Möglicherweise wirken sich

die von einigen europäischen Unternehmen eingeführten Maßnahmen zur

Verminderung der Einträge in die Umwelt und zur Reduzierung der Rückstände

in Produkten bereits aus.

Für das Inverkehrbringen und Anwenden von PFOS hat die Europäische Union

seit Juni 2008 ein Verbot ausgesprochen (Richtlinie 2006/122/EG). Einige

Anwendungen sind davon ausgenommen wie in der Halbleiterindustrie, für

die es derzeit noch keine geeigneten Ersatzstoffe gibt. Hinsichtlich PFOA hat

36


das Bundesumweltministerium, in Zusammenarbeit mit Behörden und Industrie,

ein Pilotvorhaben gestartet, um die von PFOA ausgehenden Risiken

zu bewerten. Außerdem setzt sich Deutschland dafür ein, das PFOS in das

POPs-Übereinkommen aufgenommen wird. Damit wäre ein weltweites Verbot

verbunden.

Wie PFT in den Körper gelangen, ist nicht bekannt. Hier ist noch Aufklärungsarbeit

notwendig, um wirksame Maßnahmen zum Schutz von Gesundheit

und Umwelt ableiten zu können. Zur Ermittlung der entscheidenden

Aufnahmewege und zur Beurteilung des gesundheitlichen Risikos sind Rückstände

in verschiedenen Produkten und das Ausmaß der Kontamination des

Trinkwassers und der Lebensmittel zu bestimmen.

Gegenwärtig lässt das Umweltbundesamt Messungen in Innenräumen und

an verbrauchernahen Produkten durchführen. Vom Bundesamt für Verbraucherschutz

und Lebensmittelsicherheit wurde mit der Untersuchung bestimmter

Lebensmittel begonnen (siehe auch Kapitel 3 Gesunde Ernährung

ist wichtig). Um zu überprüfen, ob freiwillige Maßnahmen wirksam sind und

ausreichen, untersucht das Umweltbundesamt Blutproben aus der Umweltprobenbank.

Die Ergebnisse werden das weitere Vorgehen zum Schutz der

Gesundheit und der Umwelt bestimmen.

37


2 chemiKAliensicheRheit

2.4 biozide nicht bedenkenlos einsetzen

Bioziden sind Verbraucherinnen und Verbraucher im Haushalt in relativ hohem

Maße sowohl freiwillig als auch unfreiwillig ausgesetzt.

Biozide dienen dazu, Schadorganismen zu bekämpfen. Sie sollen je nach Produktart

Schädigungen von Lebensmitteln, Bedarfsgegenständen, Baumaterialien

(Holz) und anderen Produkten verhindern sowie Menschen und Haustiere

vor Schädlingsbefall schützen.

38

Wie wirken Biozide?

biozidhaltige Produkte sind dazu bestimmt, auf chemischem oder biologischem Wege

Schadorganismen zu zerstören, abzuschrecken, unschädlich zu machen, Schädigungen

durch sie zu verhindern oder sie in anderer Weise zu bekämpfen (Definition nach Chemikaliengesetz).

wirkstoffe, die in Biozidprodukten eingesetzt werden, können auch in Pflanzenschutzmitteln

enthalten sein. Ob ein bestimmtes Produkt/Mittel dem Pflanzenschutzgesetz

oder dem Biozidrecht unterfällt, richtet sich nach dem vorgesehenen Anwendungsbereich

bzw. dem Einsatzzweck.

Ein Mittel gegen Mücken im Wohnbereich ist z.B. ein Biozidprodukt, ein Mittel gegen

Blattläuse an Zimmerpflanzen dagegen ein Pflanzenschutzmittel. Für den privaten Endverbraucher

ergibt sich durch diese unterschiedliche Einordnung jedoch kein Unterschied:

Beide Rechtsbereiche sichern aufgrund eines strengen Zulassungsverfahrens

den Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher auf hohem Niveau.

Die Eigenschaften von Bioziden, lebende Organismen zu bekämpfen, bergen

jedoch auch das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen für Mensch und

Umwelt. Daher wurde durch die europäische Biozid-Richtlinie (98/8/EG) vorgeschrieben,

dass Biozidprodukte erst dann gehandelt und verwendet werden

dürfen, wenn sie zugelassen worden sind. Dies gilt seit dem Jahr 2002.

Für bereits auf dem Markt befindliche „alte“ Produkte gelten Übergangs-


fristen. Sie dürfen vorläufig auf dem Markt bleiben – längstens bis 2010; bis

dahin werden sie einer Prüfung unterzogen: Wenn diese Prüfung ein unannehmbares

Risiko für Gesundheit und Umwelt zeigt, müssen diese Wirkstoffe

und Produkte vom Markt genommen werden.

Das europäische Biozidrecht wurde in das deutsche Chemikaliengesetz übernommen.

Erste geprüfte und zugelassene Produkte werden etwa 2010 auf

den Markt kommen. Bis dahin gelten die Übergangsvorschriften. Aber auch

jetzt müssen Biozidprodukte schon richtig gekennzeichnet und auch gegebenenfalls

mit Warnhinweisen versehen werden. Die vom Hersteller angegebenen

Anwendungsvorschriften sind auf jeden Fall zu beachten, um Risiken für

die eigene Gesundheit, von unbeteiligten Dritten und für die Umwelt zu vermeiden.

39


2 chemiKAliensicheRheit

40

Was schreibt das Biozidrecht unter anderem vor?

Das in das Chemikaliengesetz integrierte Biozidrecht schreibt vor, dass Biozide erst

dann gehandelt und verwendet werden dürfen, wenn sie von der dafür zuständigen Behörde

zugelassen worden sind.

Ein Biozidprodukt darf nur dann eine Zulassung erhalten, wenn es nachweislich keine

unannehmbaren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat. Außerdem sollte es hinreichend

wirksam sein. Es darf, wenn es gegen Tiere, wie Ratten und Mäuse, eingesetzt

werden soll, deren Tod nicht quälerisch herbeiführen. Und es sollte nicht dazu führen,

dass sich unempfindliche Schädlinge entwickeln.

Biozidprodukte, die besonders bedenkliche Eigenschaften haben, sind per se für den

privaten Endverbrauch verboten: Dazu zählen hohe Giftigkeit und insbesondere die Eigenschaft,

Krebs zu erzeugen, das Erbgut zu verändern oder den Kinderwunsch zu beeinträchtigen.

In Deutschland wurde die zulassungsstelle bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und

Arbeitsmedizin eingerichtet. Die Zulassungsstelle ist auch der allgemeine Ansprechpartner

für alle Fragen zu Bioziden und zum Biozidrecht.

Biozide spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei Vergiftungen. Seit 1990

müssen Ärzte und Ärztinnen auf der Grundlage des Chemikaliengesetzes

Gesundheitsstörungen, Vergiftungen und Verdachtsfälle auf Vergiftungen

in Verbindung mit Chemikalien bei Kindern und Erwachsenen im privaten

Bereich an das Bundesinstitut für Risikobewertung melden. Bis Ende 2007

wurden dort rund 8.300 ärztliche Mitteilungen registriert und ausgewertet.

Etwa 13 Prozent der Meldungen standen im Zusammenhang mit Bioziden

und Pflanzenschutzmitteln.

biozide früher und heute

In der Vergangenheit war hauptsächlich die Verwendung von Bioziden zur

Schädlingsbekämpfung, als Schutzmittel für Holz, Schiffsrümpfe oder Mauerwerk

sowie zu Desinfektionszwecken bekannt. Seit einiger Zeit setzt die Industrie

Biozide vermehrt in Produkten des täglichen Bedarfs ein und stellt

diesen Einsatz in der Produktwerbung ausdrücklich im Sinne einer Verkaufsförderung

heraus. Dadurch hat in den vergangenen Jahren die Vermarktung

biozidhaltiger Produkte für den häuslichen Gebrauch stark zugenommen.


Biozidhaltige Produkte, die im Haushalt verwendet werden, sind zum Beispiel

Insektensprays und Mottenkugeln, aber auch Schimmelpilzwachstum

verhindernde Wandfarben für Bad oder Küche, antibakterielle Haushaltsreiniger

und die nicht direkt als solche erkennbaren Konservierungsmittel

in Wasch- und Reinigungsmitteln, Kosmetika, Bauprodukten und Spielzeug

(Knetgummi und Fingerfarben). Außerdem sind viele Gegenstände im Wohnbereich

mit Bioziden versetzt, was an der Bezeichnung „ausgerüstet“ oder

„sanitized“ zu erkennen ist. Dazu gehören vor allem Teppiche, die gegen

Motten- und Käferbefall ausgerüstet sind, aber neuerdings auch „sanitized“

Badegarnituren und ähnliches. Auch Strümpfe, Funktionsunterwäsche und

Sport-Shirts sind heute oft „sanitized“ und werden damit beworben.

Eine Marktrecherche, die im Rahmen einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes

2004/2005 durchgeführt wurde, ergab Informationen zu biozidhaltigen

Produkten des täglichen Bedarfs und den darin enthaltenen bioziden

Wirkstoffen. 20 Wirkstoffe wurden für eine eingehende Betrachtung

ausgewählt: 15 Wirkstoffe wurden als Desinfektionsmittel angewendet und

fünf als Insektizide und Repellentien (Mittel zur Abschreckung von Insekten).

Die Hälfte der Stoffe kann zu Reizwirkungen auf Haut und Schleimhäuten sowie

zur Sensibilisierung führen. Dazu gehören beispielsweise Formaldehyd,

Isothiazolinone, Glutaraldehyd und Triclosan.

41


2 chemiKAliensicheRheit

desinfektion – wozu?

Der Einsatz von desinfizierenden Stoffen im Privatbereich, wie Triclosan, ist

als besonders bedenklich anzusehen. Das Bundesumweltministerium sieht

zum einen einen solchen Einsatz im Normalfall als überflüssig an. Zum anderen

kann ein solcher überflüssiger Einsatz auch noch dazu führen, dass

eine an anderer Stelle wichtige Waffe stumpf wird: Triclosan wird nämlich

auch im ärztlichen Bereich eingesetzt und dort wirklich benötigt. Dennoch

findet es beliebigen Einsatz in Haushaltsreinigern, Textilien und anderen Gegenständen

des täglichen Bedarfs, außerdem in Seifen und Kosmetika, die

aber nicht dem Chemikaliengesetz unterliegen. Diese breite Verwendung

könnte die Resistenzbildung von Bakterien fördern. Dann werden Desinfektionsmittel

in Krankenhäusern und Arztpraxen sowie Behandlungstherapien

für Mensch und Tier wirkungslos. Das Bundesinstitut für Risikobewertung

empfiehlt, aus Vorsorgegründen den Einsatz von Triclosan auf das unbedingt

notwendige Maß im ärztlichen Bereich zu beschränken.

42

Wodurch wird die Resistenzentwicklung bei Bakterien

begünstigt?

Biozide wirken in Abhängigkeit von ihrer Konzentration, weshalb die richtige Dosierung

und sachgerechte Anwendung entscheidend ist.

Triclosan wird zur Desinfektion im ärztlichen Bereich so dosiert, dass es Bakterien abtötet.

Dagegen kann es speziell in den sachfremden Bereichen nur in niedriger Konzentration

zum Einsatz kommen. Diese niedrige Dosierung tötet die Erreger nicht ab, kann

aber zur Resistenzbildung führen. Ob diese Resistenzentwicklung auch mit einer Antibiotikaresistenzentwicklung

einhergeht, ist noch nicht abschließend geklärt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt daher, Triclosan auf das unbedingt

notwendige Maß im ärztlichen Bereich zu beschränken.

Quelle: Stellungnahme Nr. 030/2006 des Bundesinstituts für Risikobewertung

vom 8. Mai 2007: Triclosan nur im ärztlichen Bereich anwenden, um

Resistenzbildung vorzubeugen


iozide in Reinigungsmitteln ….

Wenn Biozide in Flüssigkeiten wie Haushaltsreinigern eingesetzt werden, ist

ein Kontakt mit der Haut nicht auszuschließen. Außerdem können Dämpfe

entstehen, die eingeatmet werden. Besonders gesundheitsgefährdend ist

auch das Versprühen von Biozidprodukten, vor allem von Insektiziden und

Desinfektionsmitteln, da hier das Einatmen vorprogrammiert ist. Beim Versprühen

kann zudem ein Aerosol entstehen, das noch längere Zeit in der

Raumluft schwebt und nicht nur eingeatmet, sondern auch über die Haut

aufgenommen werden kann. Mit der Zeit lagern sich die Aerosoltröpfchen

an Oberflächen von Einrichtungsgegenständen und im Staub an. Auch aus

während der Herstellung behandelten Materialien können Biozide über sehr

lange Zeit ausgasen, wenn auch in geringen Konzentrationen und in Abhängigkeit

von der Raumtemperatur. Sie lagern sich ebenfalls im Hausstaub ab.

Ob und welche Biozide in der Wohnung angewendet oder über das Mobiliar

eingebracht wurden, kann zum Beispiel durch die Untersuchung von Hausstaub

festgestellt werden (siehe Kapitel 6 „Dicke Luft“ zu Hause?).

43


2 chemiKAliensicheRheit

... und nun auch in textilien

Zunehmend werden auch körpernah getragene Textilien, wie Sport- und

Freizeitkleidung, antibakteriell ausgerüstet. Damit wird der Zweck verfolgt,

die Zersetzung von Schweiß durch Bakterien zu verhindern und der Geruchsbildung

entgegenzuwirken. Zur Anwendung kommen beispielsweise Silberionen,

Isothiazoline und Triclosan. Das größte Problem bei antibakteriell

ausgerüsteten Textilien stellt neben möglichen allergischen Reaktionen eine

mögliche Beeinträchtigung der hauteigenen, für die Hautgesundheit wichtigen

Bakterienflora und die Umweltbelastung durch den Waschvorgang insbesondere

die Resistenzbildung dar. Hier müssen die Verbraucherinnen und

Verbraucher selbst hinterfragen, ob ein derart ausgerüstetes Produkt überhaupt

sinnvoll ist: Denn schließlich gibt es bei regelmäßiger Textilpflege

durch Waschen keinen Bakterienbefall, der bekämpft werden müsste.

biozide in haushalten mit Kindern

Da Biozidprodukte teilweise biologisch sehr wirksame Stoffe enthalten, kann

der unsachgemäße oder nicht bestimmungsgemäße Umgang mit ihnen die

menschliche Gesundheit – besonders die der Kinder – gefährden. Dies gilt

im Übrigen auch dann, wenn ein Biozidprodukt von der Zulassungsstelle

zugelassen worden ist. Auch dann bleibt ein Biozidprodukt, wenn es gegen

Schadorganismen wirksam sein soll, potenziell gefährlich. Wie groß diese

Gefährdung ist, hängt ab von Art und Konzentration der Biozide in den

Produkten und von der Dauer und der Art der Exposition – wie Haut- und

Schleimhautkontakt.

Doch auch in Haushalten mit Kindern werden verschiedene Mittel zur

Schädlingsbekämpfung verwendet. Einen Überblick verschafft Tabelle 2-1.

Sie ist das Ergebnis der Elternbefragung, die im Rahmen des Kinder-Umwelt-Surveys

(siehe Kapitel 1 Was unsere Gesundheit beeinflusst) zur Erfassung

belastungsrelevanter Verhaltensweisen durchgeführt wurde. In 35 Prozent

wurde eins der aufgeführten Schädlingsbekämpfungsmittel verwendet,

in weiteren 29 Prozent zwei und mehrere dieser Produkte und nur in 36

Prozent keines. Kinder sollten sich auf keinen Fall in Räumen während und

auch nach dem Versprühen oder Verdampfen von biozidhaltigen Produkten

aufhalten. Erst nach ausgiebigem Lüften kann dies wieder geschehen.

44


Da Kinder gerne mit Haustieren kuscheln, stellt eine Parasitenbekämpfung

ein besonderes gesundheitliches Risiko dar, wenn Eltern oder andere Betreuungspersonen

nicht die vom Hersteller angegebenen Karenzzeiten beachten.

Diesem Risiko könnten möglicherweise knapp 20 Prozent der Kinder ausgesetzt

gewesen sein. Es gilt die Regel, dass jeglicher Kontakt mit den vierbeinigen

oder gefiederten Freunden, wenn sie mit Mitteln gegen Flöhe, Milben

oder andere Schadorganismen behandelt worden sind, zu vermeiden ist. Entsprechende

Angaben des Herstellers sind zu beachten.

Tabelle 2-1

Anwendung von Bioziden in Haushalten mit Kindern 2003

bis 2006

Antwort auf die Frage: Werden in dieser Wohnung/diesem Haus folgende chemische

Schädlingsbekämpfungsmittel verwendet?

Interviewfragen Zahl der

Haushalte %

Zum Vorratsschutz

Ja Nein

Zahl der

Haushalte %

(z.B. vor Ameisen, Schaben) 285 15,9 1.504 84,1

Zur Insektenvernichtung

(z.B. Elektroverdampfer, Insektenspray) 273 15,2 1.516 84,8

Gegen Schimmelbefall 265 14,8 1.523 85,2

Zum Textilschutz (z.B. Mottenkugeln) 256 14,3 1.532 85,7

Zum Vorratsschutz vor Ratten, Mäuse 33 1,8 1.757 98,2

Zum Körperschutz (z.B. gegen Kopfläuse) 266 14,8 1.524 85,2

Zur Tierpflege ( z.B. gegen Flöhe, Zecken) 333 18,6 1.456 81,4

Zum Pflanzenschutz (z.B. gegen Blattläuse) 184 10,3 1.606 89,7

Die im Interview erfragten Mittel fallen nicht alle unter die Regelungen

für Biozide. Die Mittel gegen Parasiten beim Menschen sind Arzneimittel,

die bei Tieren Tierarzneimittel und die zum Pflanzenschutz Pflanzenschutzmittel.

45


GesUnde eRnähRUnG

ist wichtiG

46


3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

Viele Menschen fühlen sich durch die Medienberichterstattung über Pestizide

in Obst und Gemüse, Dioxine in Eiern, Gammelfleischskandale und ähnliches

verunsichert. Umfrageergebnissen zufolge sieht ein Fünftel der Deutschen

für sich selber eine starke Gesundheitsbelastung durch Schadstoffe in

Lebensmitteln. Gegenüber 2004 haben die Bedenken sogar zugenommen.

Das geht aus der vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Repräsentativumfrage

2006 „Umweltbewusstsein in Deutschland“ hervor.

Die folgenden Kapitel veranschaulichen die Situation in Deutschland. Sicher

ist: Falsches Essverhalten „zu viel, zu fett, zu süß“ stellt nach wie vor

das größte nahrungsbedingte Risiko dar, gefolgt von Infektionen und Vergiftungen

durch mangelnde Hygiene beim Umgang mit Lebensmitteln beziehungsweise

durch natürliche Giftstoffe wie Schimmelpilze in Lebensmitteln.

Gesundheitsschäden durch Umwelteinflüsse auf Lebensmittel (nachfolgend

als Umweltkontaminanten bezeichnet), sind in Deutschland eher die Ausnahme.

48


Kontaminanten in Lebensmitteln

Umweltkontaminanten sind ungewollte Verunreinigungen, die aus dem Boden, dem Wasser

oder der Luft stammen. Sie können geogenen (natürlich in der Umwelt vorkommend)

oder anthropogenen (durch den Menschen in die Umwelt eingebracht) Ursprungs sein.

Meist handelt es sich um Schwermetalle und „langlebige“ (persistente) chlororganische

Verbindungen, wie z.B. Dioxine, die durch industrielle Prozesse in die Umwelt und damit

in die Lebensmittel gelangen.

Als industriekontaminanten bezeichnet man Verunreinigungen, die im Zuge der verschiedenen

Verarbeitungsstufen von Lebensmitteln entstehen (z.B. Acrylamid in Pommes

Frites) oder aus der Verpackung in Lebensmittel übertreten (z.B. Zinn bei Lebensmitteln

in Dosen) können.

Bei Rückständen handelt es sich um Reste von Stoffen, die im Zusammenhang mit der

Produktion, Verarbeitung und Lagerung pflanzlicher oder tierischer Lebensmittel absichtlich

wegen einer erwünschten Wirkung eingesetzt werden, wie Dünge-, Pflanzenschutzund

Tierarzneimittel. Werden diese Stoffe oder deren Umwandlungsprodukte bis zum

Verzehr der Pflanzen oder Tiere als Lebensmittel nicht vollständig abgebaut oder ausgeschieden,

werden sie als Rückstände vom menschlichen Organismus aufgenommen.

Neben dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

kümmert sich auch das Bundesumweltministerium um die

Sicherheit von Lebensmitteln. Das Bundesumweltministerium ist dafür

verantwortlich, dass von Umweltkontaminanten in Lebensmitteln keine gesundheitlichen

Risiken ausgehen. Handelt es sich dagegen um Industriekontaminanten

oder Rückstände (siehe Kasten 3-1), die ebenfalls gesundheitsschädlich

sein können, ist das Bundesministerium für Ernährung,

Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefordert.

Das Bundesumweltministerium trägt darüber hinaus mit Sorge dafür, dass

unser Tisch vielseitig gedeckt bleibt. Durch den Schutz der biologischen Vielfalt

(Biodiversität) bleiben genetische Ressourcen erhalten, die erforderlich

sind, um ein vielseitiges Nahrungsangebot langfristig zu sichern.

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3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

Auch der Klimaschutz, für den das Bundesumweltministerium federführend

ist, steht im Zusammenhang mit der Sicherung gesunder Lebensmittel. Maßnahmen,

die eine weitere Klimaerwärmung verlangsamen, dienen dem Erhalt

von klimatischen Bedingungen, die eine ertragreiche und nachhaltige

Pflanzen- und Tierproduktion sichern (siehe auch Kapitel 7 Klimawandel –

wir tun was).

3.1 die amtliche lebensmittelüberwachung

bringt es an den tag

Umweltschutz ist ein wichtiges Standbein der Lebensmittelsicherheit. Umweltrecht

und Umwelttechnik tragen dazu bei, in Produktionsprozessen, bei

der Energieerzeugung und bei der Entsorgung von Abfällen Verunreinigungen

der Umwelt zu vermeiden beziehungsweise auf das unumgängliche Maß

zu reduzieren. Umweltpolitik schafft damit wichtige Voraussetzungen für

die Produktion gesunder, weitestgehend unbelasteter Lebensmittel. Was dennoch

an Umweltkontaminanten in Lebensmitteln zu finden ist, wird von der

amtlichen Lebensmittelüberwachung überprüft.

Lebensmittel werden in Deutschland schon seit 130 Jahren überwacht. Heutzutage

gilt das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch

(LFBG). Danach ist es verboten, Lebensmittel für andere derart herzustellen

oder zu behandeln, dass ihr Verzehr gesundheitsschädlich ist. Das

LFBG sieht zudem Vorschriften vor, auf deren Grundlage die Lebensmittel

amtlich untersucht werden. Die amtliche Lebensmittelüberwachung der Länder

prüft risikoorientiert und anhand von Stichproben, ob die lebensmittelrechtlichen

Anforderungen eingehalten werden. Die Prüfergebnisse werden

im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gesammelt

und ausgewertet (mehr dazu unter www.bvl.bund.de/lebensmittelmonitoring).

Die Ergebnisse des Lebensmittel-Monitorings aus dem Zeitraum 1995 bis

2007 zeigen, dass die Verunreinigung der weit überwiegenden Mehrzahl

von Lebensmitteln mit Umweltkontaminanten insgesamt gering ist. Die

rechtsverbindlichen Höchstgehalte zur Begrenzung des Schadstoffgehalts

werden bis auf wenige Ausnahmen nicht überschritten.

50


Als Höchstgehalte oder Höchstmengen werden im Lebensmittelrecht üblicherweise

die Grenzwerte bezeichnet, die im nationalen oder im EU-Recht

für Kontaminanten verbindlich festgelegt wurden. So enthält zum Beispiel

die EG-Kontaminantenverordnung ((EG) Nr. 1881/2006) EU-weit einheitliche

Höchstgehalte für Blei, Cadmium, Quecksilber, Dioxine und dioxinähnliche

PCB. Höchstgehalte vermeiden „Belastungsspitzen“ und tragen zur

Verminderung der lebensmittelbedingten Aufnahme von schädlichen Kontaminanten

bei. Das Bundesumweltministerium hat im Internet die geltenden

europäischen und nationalen Rechtsvorschriften veröffentlicht (www.bmu.

de/gesundheit_und_umwelt/lebensmittelsicherheit/gesetzgebung/doc/2431.php).

51


3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

3.2 belastung mit schwermetallen

vorwiegend gering

Die Schwermetalle Blei, Cadmium und Quecksilber gehören zu den Kontaminanten

in Lebensmitteln, von denen je nach Gehalt gesundheitliche Gefahren

für die Verbraucherinnen und Verbraucher ausgehen können. Blei kann

beispielsweise die Intelligenzentwicklung bei Kindern beeinträchtigen, wenn

sie dem Blei im Mutterleib über den Blutkreislauf der Mutter ausgesetzt waren.

Cadmium und Quecksilber können unter anderem die Nieren schädigen.

Schwermetalle kommen natürlicherweise in der Umwelt vor. Ihr Vorkommen

rührt aber auch aus Eingriffen des Menschen in die Umwelt, ist also

auch „hausgemacht“, Fachleute bezeichnen dies als anthropogen bedingt.

Schwermetalle werden in nahezu allen Industriebereichen in vielfältiger

Weise technisch genutzt.

52

Wo kommen die „hausgemachten“ Schwermetalle her?

˘ Schwermetalle gelangen als Produktionsabfälle beim Erzbergbau, bei der Verhüttung,

durch die metallverarbeitende Industrie sowie bei der Nutzung fossiler Brennstoffe in

die Umwelt.

Besondere Quellen für Umweltbelastungen:

˘ blei: Glas- und Zementproduktion, Rostschutzmittel, Abrieb von Reifen, Bremsen und

Straßenbelägen

˘ cadmium: Metallgewinnung und -verarbeitung, mineralische Düngemittel, Klärschlamm,

Abfälle

˘ Quecksilber: Verhüttung, Zement- und Kunststoffproduktion, elektrische Apparate

und Geräte, Klärschlamm, Abfälle


Die Gehalte an Blei und Cadmium in Lebensmitteln sind infolge einer ganzen

Reihe umweltgesetzlicher Regelungen, wie zum Beispiel dem Verbot von

verbleitem Kraftstoff und strengen Grenzwerten für den Ausstoß von Blei

und Cadmium aus industriellen Anlagen, in den letzten 20 Jahren stark zurückgegangen.

Deutlich ist der Rückgang bei Fleisch und Weizen zu erkennen.

Im Weizen halbierte sich der mittlere Bleigehalt im Zeitraum von 1997

bis 2006 auf etwa 0,02 Milligramm Blei pro Kilogramm Weizen.

Fisch darf auf keinem teller fehlen

Fisch enthält wichtige Nährstoffe und sollte deshalb ein fester Bestandteil

unserer Ernährung sein. Je nach Verunreinigung des Gewässers, dem Alter

und der Art der Fische können diese mehr oder weniger mit Quecksilber belastet

sein. Im Regelfall geht vom Quecksilbergehalt in Fischen kein gesundheitliches

Risiko für den Menschen aus.

53


3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

Das gilt jedoch nicht für besonders exponierte, langsam wachsende, am

Ende der Nahrungskette stehende und ein hohes Lebensalter erreichende

Fischarten. Insbesondere Raubfische sind allgemein höher mit Quecksilber

belastet als Friedfische. Durch rechtliche Regelungen sind EU-weit Höchstgehalte

für Quecksilber in Fischen und Fischereierzeugnissen festgelegt. Bei

Einhaltung dieser Höchstgehalte, die durch die Lebensmittelüberwachung

kontrolliert wird, ist eine gesundheitliche Gefährdung der Allgemeinbevölkerung

bei den in Deutschland üblichen Verzehrgewohnheiten nicht zu erwarten.

Allerdings gelten Schwangere und Stillende beziehungsweise deren

Föten und Neugeborene als besondere Risikogruppe, wenn regelmäßig bestimmte

Fische oder größere Mengen bestimmter Fische von den Müttern

verzehrt werden.

54

Auf den Verzehr dieser Fischarten sollten Schwangere und

Stillende verzichten

Schwangere und Stillende sollten auf den Verzehr von Haifisch (als „Schillerlocken“ im

Handel), Buttermakrele, Aal, Steinbeißer, Schwertfisch, Heilbutt, Hecht und Seeteufel sowie

Thunfisch verzichten, da diese Raubfische und Erzeugnisse daraus potenziell höher

mit Quecksilber belastet sein können.

In Deutschland wurde der Eintrag von Quecksilber in die Umwelt bereits

frühzeitig stark vermindert. Durch die Einführung quecksilberfreier Produktionsverfahren

und spezieller Abgasreinigungstechniken wurde in

Deutschland zwischen 1985 (154 Tonnen) und 1995 (31 Tonnen) eine Verringerung

der Emissionen um 80 Prozent erreicht.

Auf europäischer Ebene wurde 2005 die EU-Quecksilberstrategie geschaffen,

mit der eine globale Verringerung der Quecksilberbelastung erreicht

werden soll. In diesem Rahmen wurde 2007 die Richtlinie 2007/51/EG zur

Beschränkung des Inverkehrbringens bestimmter quecksilberhaltiger Messinstrumente

(wie Thermometer, Batterien) verabschiedet. Sie schränkt die Vermarktung

dieser Produkte in der EU ein. Ergänzend dazu hat die EU im Mai

2008 ein Exportverbot für Quecksilber aus der EU beschlossen, das ab 2011

gelten wird. Außerdem sollen die Sicherheit der Lagerung von Produktionsüberschüssen

verbessert und die nach dem Stand der Technik anerkannten

Beseitigungsoptionen festgelegt werden. Darüber hinaus setzt sich Deutsch-


land beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) für ein weltweites

Quecksilberverbot ein.

3.3 Rückläufige entwicklung bei dioxinen und Pcb

Dioxine und polychlorierte Biphenyle (PCB) haben gemeinsam, dass sie in

der Umwelt schwer abbaubar (persistent) sind. Die Kontamination von Pflanzen

findet vorwiegend über anhaftende Bodenreste statt. Über Futtermittel

gelangen diese Stoffe in den tierischen Organismus. Da diese Chemikalien

fettlöslich sind, reichern sie sich im Fettgewebe von Tier und Mensch an.

Während der Stillperiode gehen sie in die Muttermilch über. Wegen dieser

Eigenschaften und ihrer Giftigkeit gehören Dioxine und PCB zu dem „dreckigen

Dutzend“, den persistenten organischen Schadstoffen, die als „POPs“,

weltweit geächtet sind (siehe Kapitel 2 Chemikaliensicherheit).

Die Auswertung der Messwerte für Dioxine und PCB in den Umweltmedien

Luft, Wasser und Boden zeigt, dass die auf den Weg gebrachten Umweltschutzmaßnahmen

erfolgreich sind. Die allgemeine Belastung der Umwelt

mit diesen Stoffen, die so genannte Hintergrundbelastung, ist seit Jahren abnehmend

und inzwischen sehr gering.

55


3 gesunde ernährung ist wichtig

Entsprechend gering ist deshalb auch das Belastungsniveau in den meisten

Lebensmitteln. Die Hintergrundbelastung der Umwelt führt heutzutage in aller

Regel nicht zu Überschreitungen der zulässigen Grenzwerte für Dioxine

und PCB in Lebensmitteln wie Milch, Fleisch oder Eiern sowie Obst, Gemüse

und Getreide einschließlich Fertigmenüs für Säuglinge und Kleinkinder.

Milch gehört zu den am umfangreichsten untersuchten Lebensmitteln. Untersuchungen

belegen, dass die Dioxinbelastung zwischen 1987 und 2006

um rund 80 Prozent von etwa 2,3 auf rund 0,4 Pikogramm Dioxinäquivalente

je Gramm Milchfett zurückgegangen ist (Abbildung 3-1).

56


Auch in Eiern werden in aller Regel keine nennenswerten Dioxingehalte festgestellt.

Dabei kommt es nicht darauf an, aus welchen Haltungsformen die

Eier stammen.

In den Jahren 2004 bis 2006 wurden von den Ländern im Handel Eierproben

von Hühnern aus den Haltungsformen „Freiland“, „Bodenhaltung“ und „Käfighaltung“

entnommen. Die Proben wurden nicht repräsentativ erhoben,

die Untersuchungen haben deshalb nur orientierenden Charakter. Die untersuchten

Eier aus der Boden- oder Freilandhaltung enthielten durchschnittlich

zwar geringfügig höhere Dioxingehalte als die Eier aus der Käfig- und

Bodenhaltung, dennoch lagen die Gehalte in Eiern von Hühnern aus Freilandhaltung

im Mittel deutlich unter dem EU-weit geltenden Höchstgehalt

von 3 Pikogramm Dioxinäquivalenten pro Gramm Eifett. In allen Haltungsformen

wurde der rechtsverbindliche Höchstgehalt nur gelegentlich geringfügig

überschritten (siehe Tabelle 3-1).

57


3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

58


Tabelle 3-1

Mittlere Dioxingehalte in Eiern von Hühnern in unterschiedlichen

Haltungsformen für die Jahre 2004 bis 2006

Jahr Anzahl Konzentration

[pg/g]

Käfighaltung Bodenhaltung Freiland

Anzahl Konzentration

[pg/g]

Anzahl Konzentration

[pg/g]

2004 36 0,28 19 0,45 53 0,63

2005 35 0,61 41 0,32 99 1,02

2006 27 0,22 25 0,62 32 0,82

Angegeben sind die Mittelwerte in pg WHO-PCDD/F-TEQ pro Gramm Eifett

pg = Pikogramm, 1 billionstel Gramm

Immer, wenn Meldungen über mit Dioxin oder PCB belastete Lebensmittel

in Europa die Runde machten, waren dafür punktuelle Verunreinigungen

in der Produktionskette verantwortlich. Das Bundesumweltministerium hat

deshalb einen Leitfaden für Nutztierhalter

veröffentlicht, mit dem sich die

Quellen solcher Belastungen bei der Lebensmittelproduktion

aufspüren lassen.

Der Leitfaden gibt Hühner-, Rinder- und

Schweinehaltern Hinweise, wie sie Dioxin-

und PCB-Einträge bei der Produktion

von Milch, Fleisch und Eiern erfolgreich

verhindern können. Er enthält

Fragebögen zur Betriebsanalyse, die als

Grundlage für die möglichst vollständige

und systematische Erfassung solcher

Kontaminationsquellen (Schrottplätze,

Abfallverbrennung, Einsatz von Reinigungs-

und Desinfektionsmitteln) dienen

sollen.

59


3 GesUnde eRnähRUnG ist wichtiG

Vorsicht bei „dorschleber in Öl“

Seit Anfang Juli 2008 gilt EU-weit ein Höchstgehalt (Grenzwert) in Höhe von

25 Pikogramm je Gramm Frischgewicht für die Summe von Dioxinen und dioxinähnlichen

PCB in Fischleber und ihren Verarbeitungserzeugnissen. In

Deutschland wird Fischleber üblicherweise als „Dorschleber in Öl“ verzehrt,

die in Konserven auf den Markt gebracht wird. Nach Auffassung des Bundesumweltministeriums

ist der Schutz der Gesundheit der Verbraucherinnen

und Verbraucher bei regelmäßigem Konsum von Dorschleber in Öl nicht gewährleistet,

auch wenn dieses Produkt den oben genannten Grenzwert einhält.

Überschreitungen der maximal tolerablen Aufnahmemenge für Dioxine

und dioxinähnliche PCB können dann nicht ausgeschlossen werden. Aus

Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes wird deshalb empfohlen,

Dorschleber in Öl in der üblichen Portionsgröße von 150 Gramm höchstens

alle 2 Monate zu verzehren.

3.4 weitere Kontaminanten

Unbearbeitete Lebensmittel enthalten mit wenigen Ausnahmen keine oder

nur geringe Mengen an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen

(PAK). PAK – einige von ihnen wie Benzo(a)pyren sind krebserzeugend – entstehen

in der Regel erst bei der Zubereitung, zum Beispiel durch das Grillen,

Rösten, Braten und Backen, aber auch bei der Herstellung und Verarbeitung

durch Darren beziehungsweise Trocknen im direkten Kontakt mit

offener Flamme oder Rauchgasen. Die Ablagerung von PAK auf Pflanzen aus

der Luft durch die Abgase von Kraftfahrzeugen, Einzelfeuerungsanlagen und

Heizungen ist im Hinblick auf einen Beitrag zur Kontamination von Lebensmitteln

in ihrer Menge relativ unbedeutend. Die festgestellten PAK-Gehalte

in Lebensmitteln hängen vielmehr entscheidend von der Weiterverarbeitung

der Lebensmittel ab, vor allem von der Art der Konservierung sowie der Zubereitung.

Bei den PAK handelt es sich also nicht in erster Linie um Umweltkontaminanten.

Auf PAK wird daher nicht weiter eingegangen.

60


PFt–neu im Programm

Perfluorierte Tenside (PFT) machen erst seit einigen Jahren verstärkt auf

sich aufmerksam. Zu dieser Gruppe gehören viele Verbindungen. Am besten

untersucht sind Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure

(PFOA). Sie sind in der Umwelt schwer abbaubare und bioakkumulierende

Stoffe und stehen im Verdacht, gesundheitsschädliche Eigenschaften zu

besitzen. In der Umwelt weit verbreitet, wurden sie inzwischen auch im

menschlichen Blut nachgewiesen. Wie sie in die Umwelt und in den menschlichen

Körper gelangen, ist weitestgehend noch unklar. Hierzu laufen derzeit

verschiedene Untersuchungen. Tatsache ist, dass sie in vielen verbrauchernahen

Produkten vorkommen (siehe Kapitel 2 Chemikaliensicherheit).

In dem vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

koordinierten und 2007 begonnenen Programm PFT in bestimmten

Lebensmitteln wird geprüft, in welchen Lebensmitteln die Chemikalien

vorkommen. Untersucht wurden zunächst Wildschweinleber, Fische und

Fischzuschnitte sowie Wurzelgemüse. Das weitere Vorgehen hängt von

den Ergebnissen ab.

61


wozU deR läRm?

62


4 wozU deR läRm?

Lärm ist jedes unerwünschte oder gesundheitsschädliche Geräusch. Das Ohr

nimmt die Geräusche bewusst oder unbewusst auf – auch im Schlaf – und

verarbeitet die darin enthaltenen Informationen.

Geräusche entstehen durch Schwingungen und breiten sich in der Luft

als Schallwellen aus. Die Stärke des Schalls, also die Lautstärke, kann man

messen. Die Messgröße heißt Schalldruck, der angezeigte Messwert ist der

Schalldruckpegel und wird in Dezibel angegeben. Das Lautstärkeempfinden

eines Schallereignisses wird dabei grundsätzlich durch diesen Schalldruck

und durch die Frequenz bestimmt. Die Frequenz bedingt die Tonhöhe. Je

höher die Frequenz, desto höher wird der Ton (oder das Geräusch) wahrgenommen.

64

Frequenz und Schalldruckpegel

Die Frequenz (Anzahl der Schwingungen pro Sekunde), gemessen in Hertz (Hz) bestimmt

die Tonhöhe. Das menschliche Ohr vermag Töne zwischen 16 und 20.000 Hz zu

registrieren. Die beste Aufnahmefähigkeit liegt im Bereich zwischen 1.000 und 4.000 Hz.

Die Intensität des Schalls wird durch den schalldruckpegel definiert – gemessen in

Dezibel [dB(A)]. Der Zusatz „A“ zeigt an, dass eine Bewertung entsprechend der

unterschiedlichen Gehörempfindlichkeit bei verschiedenen Frequenzen vorgenommen

wurde.

Zur Beurteilung der Geräuschbelastung werden nicht Einzelgeräusche, sondern

mittelungspegel, die sich aus Einzelgeräuschen über einen bestimmten Zeitraum

zusammensetzen, herangezogen.

0 dB entspricht der normalen hörschwelle bei 2.000 Hz


Lärm beeinträchtigt nicht nur das menschliche Wohlbefinden, starke Lärmeinwirkungen

oder dauerhafter Lärm können die Leistungsfähigkeit negativ

beeinflussen oder sogar krank machen.

Die Bekämpfung von Lärm ist daher ein Schwerpunktthema des Umweltschutzes.

Auf der politischen Agenda steht vor allem der Verkehrslärm, dem

Menschen in ihrem Wohnumfeld ausgesetzt sind.

Die Broschüre gibt die Lärmbelastung der Bevölkerung in Deutschland an

und stellt dar, welche gesundheitlichen Risiken beobachtet werden und wie

dem Lärm begegnet wird.

4.1 lärm ist schädlich

Je stärker ein Geräusch ist, desto mehr Menschen empfinden es als unangenehm.

Sie fühlen sich belästigt oder gestört, wenn Lärm das Befinden beeinträchtigt.

Nicht unerheblich ist dabei die Einstellung zur Geräuschquelle und

zum Verursacher. Geräusche, die man beispielsweise selbst durch die Benutzung

von Geräten verursacht, werden meistens nicht als störend empfunden.

65


4 wozU deR läRm?

Tabelle 4-1 stellt einige Lärmwirkungen zusammen, die in Abhängigkeit von

der Höhe des Schalldruckpegels auftreten können.

Tabelle 4-1

Lärmwirkungen, die bei verschiedenen Schalldruckpegeln

auftreten können

schalldruckpegel

lärmwirkungen

[db(A)

0 Hörschwelle

Ab 25 Konzentrations- und Schlafstörungen

Ab 35 Bei Kindern: Behinderung der Sprachverständlichkeit und

des Sprechenlernens

Ab 55 Belästigung: Störung der sprachlichen Kommunikation,

Behinderung von Entspannung, Einschlafen und Durchschlafen

Ab 65 Gesundheitsrisiken bei Dauerbelastung am Tage:

Schlafstörungen und Stresshormone führen langfristig zu

Bluthochdruck und Herzinfarkt

Ab 85 Gehörschädigung (Hören lauter Musik, Maschinenlärm):

Kurze Einwirkung: zeitweilige Hörverschiebung

Lang dauernde Einwirkung: Schwerhörigkeit

Über 120 Hörverlust schon bei kurzer Einwirkung

120 - 130 Schmerzgrenze

135 Gehörschäden schon bei einzelnen kurzen Schallspitzen

(Impulslärm)

Im Allgemeinen sind in der Wohnung gute Kommunikation und ungestörter

Schlaf möglich, wenn die Geräuschpegel (Mittelungspegel) tagsüber außerhalb

der Wohnung unter 50 dB(A) und nachts unter 40 dB(A) liegen.

Der nachfolgende Kasten gibt eine Orientierung über die Intensität von Einzelgeräuschen,

die im Alltag auftreten.

66


Was ist wie laut?

Blätter bei leichtem Wind 10 dB(A)

Ticken einer Armbanduhr 20 dB(A)

Flüstern 30 dB(A)

Normales Gespräch 55 dB(A)

Pkw-Vorbeifahrt im Stadtverkehr 75 dB(A)

Lkw-Vorbeifahrt im Stadtverkehr 85 dB(A)

lärm stört oder belästigt

Unter den Umwelteinflüssen, durch die sich Menschen in ihrem Wohnumfeld

gestört fühlen, steht der Verkehrslärm seit Jahren an der Spitze. Das ist

das Ergebnis der Repräsentativumfragen Umweltbewusstsein in Deutschland,

die bei Erwachsenen im Auftrag des Umweltbundesamtes seit 1992

durchgeführt werden (siehe Tabelle 4-2).

Tabelle 4-2 Quelle: Umweltbundesamt, 2008

Belästigung im Wohnumfeld 2000 bis 2006

lärmquelle Jahr der erhebung

2000 2002 2004 2006

Straßenverkehr 37 37 32 34

Nachbarn 17 18 19 20

Flugverkehr 15 16 13 16

Schienenverkehr 12 12 9 10

Industrie und Gewerbe 12 12 8 11

Anteil der Befragten in %, der sich durch die jeweilige Lärmquelle „gestört

und belästigt“ fühlt (angegeben ist die Summe aus „äußerst“, „stark“ und

„mittelmäßig“). Die Differenz zu 100 % fühlt sich „etwas“ oder „gar nicht“ gestört

und belästigt.

67


4 wozU deR läRm?

Wie stark die Belästigung durch die jeweilige Lärmquelle werden kann,

hängt von der Wohngegend ab. Während Anwohner viel befahrener

Durchgangsstraßen erheblich unter Lärm zu leiden haben, sind die Anwohner

ruhiger Wohnstraßen oder grüner Stadtrandflächen kaum oder gar

nicht von Lärm betroffen. Zum Vergleich: Bei der Erhebung 2004 wohnten

nach Einschätzung der Interviewer acht Prozent der Befragten an einer stark

befahrenen Hauptstraße und 48 Prozent in einer ruhigen Wohnstraße.

Auch Kinder fühlen sich durch Lärm belästigt und können nachts schlecht

schlafen. Das ergab die im Kinder-Umwelt-Survey (siehe Kapitel 1 Was unsere

Gesundheit beeinflusst) erstmalig zu dieser Thematik im Zeitraum 2003

bis 2006 durchgeführte repräsentative Befragung von 8- bis 14-Jährigen. Im

Gegensatz zu der oben geschilderten Befragung der Erwachsenen war der

Anteil der Kinder, der an stark befahrenen Haupt- oder Durchgangsstraßen

wohnte, mit knapp 17 Prozent größer, aber nur rund die Hälfte von ihnen

hatten ihr Kinderzimmer auch zu der Straße ausgerichtet. Anders als bei Erwachsenen

störten sie am meisten die von Familienmitgliedern und Nachbarn

verursachten Geräusche. Verkehrslärm spielte nach eigener Einschätzung

eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Auffällig war aber, dass bei

wachsendem Verkehrsaufkommen der Anteil von Kindern deutlich anstieg,

der auch im Sommer mit geschlossenem Fenster schlief. Kinder, die ganzjährig

bei geschlossenem Fenster schliefen, berichteten signifikant häufiger

über Durchschlafschwierigkeiten. Beide Aspekte, ein Mangel an frischer

Luft und ein trotz geschlossener Fenster unzureichender Schallschutz, könnten

dabei eine Rolle spielen.

lärm macht krank

Es gilt als sicher, dass Lärm über die Aktivierung unseres Nervensystems und

die Ausschüttung von Stresshormonen Kreislauf- und Stoffwechselvorgänge

ungünstig beeinflusst. Dies kann langfristig zu gesundheitlichen Schäden

führen. Körperliche Reaktionen treten unbewusst auch im Schlaf und

bei Personen auf, die meinen, sich an Lärm gewöhnt zu haben. Schon Dauerschallbelastungen

außerhalb der Wohnungen von 65 dB(A) können bei

Bewohnern von Gebieten mit hoher Umweltlärmbelastung zu hohem Blutdruck

und Herzinfarkt führen.

68


Modellberechnungen für die alten Länder ergaben, dass die von Straßen-

und Schienenverkehr verursachte Geräuschbelastung vielerorts zu hoch

ist. Hierbei geht es um messbare Lärmpegel, während es sich bei der Belästigung

um eine subjektive Einschätzung handelt. Tagsüber sind etwa 16 Prozent

der Bevölkerung mehr als 65 dB (A) und knapp die Hälfte mehr als

55 dB(A) ausgesetzt. Nachts ist es kaum besser. Denn rund 17 Prozent der Bevölkerung

sind von Pegeln mit über 55 dB(A) betroffen.

Die stärksten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Umweltlärm und

erhöhten Herz-Kreislauferkrankungen zeigten sich nach einer Studie des Umweltbundesamtes

für Straßenverkehrslärm und Herzinfarkt. Ausgewertet

wurden in einer Meta-Analyse 61 internationale epidemiologische Studien.

Danach steigt das Herzinfarkt-Risiko oberhalb von Tages-Immissionspegeln

von 60 dB(A) an. Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes könnte der

Herzinfarkt jährlich bei etwa 4.000 Patienten auf den Straßenverkehrslärm

zurückzuführen sein.

69


4 wozU deR läRm?

In einer weiteren Studie des Umweltbundesamtes wurde im Umfeld eines

deutschen Flughafens der Einfluss des nächtlichen Fluglärms auf die Gesundheit

untersucht. Als Indikator wurde im Zeitraum 2002 bis 2005 die

Arzneimittelverordnung durch niedergelassene Ärzte für mehr als 800.000

Krankenversicherte (40 Prozent der Gesamtbevölkerung der betroffenen Region)

herangezogen. Nächtlicher Fluglärm führte dazu, dass die Betroffenen

häufiger den Arzt aufsuchten und die Ärzte mehr Herz-Kreislauf-Medikamente

sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben. Die Ergebnisse stützen

andere Untersuchungen, die ebenfalls darauf hinweisen, dass Fluglärm

das Risiko für Bluthochdruck und Herz- und Kreislauferkrankungen erhöhen

kann.

lärm macht taub

Auch das Gehör kann durch zu viel Schall Schädigungen davontragen.

Bei Dauerschallpegeln von über 85 dB(A) kann nach wenigen Stunden eine

Hörschwellenverschiebung auftreten, die Schmerzgrenze liegt bei 120 bis

130 dB(A).

70


Doch nicht nur Dauerlärm, auch einmalige Ereignisse mit hoher Schallintensität,

beispielsweise Knalle und Explosionen durch Spielzeugpistolen

oder Feuerwerk, können unmittelbar zu dauerhaften Hörstörungen führen.

Das reicht von Hörverlust bis hin zur Schwerhörigkeit. Zeitlich begrenzte

oder dauerhafte Ohrgeräusche (Tinnitus) können ebenso die Folge zu hoher

Schallbelastung sein. Ursache hierfür ist, dass die Haarzellen, die sich im Innenohr

befinden und für die Schallwahrnehmung da sind, zerstört werden

und nicht mehr nachwachsen.

Hohe Schallpegel treten nicht nur im Arbeitsleben auf, sondern auch in der

Freizeit, zum Beispiel durch laute Musik. Das Hören lauter Musik ist besonders

bei Jugendlichen sehr beliebt. Nicht nur in Diskotheken und bei Musikveranstaltungen

ist es häufig viel zu laut. Auch beim Hören von Musik per

Kopfhörer werden immer wieder Lautstärken gewählt, die gesundheitlich

bedenklich sind. Messungen in Diskotheken und unter Kopfhörern haben

mittlere Schallpegel zwischen 90 und 110 dB(A) ergeben. Bei diesen Lautstärken

sind Gehörschädigungen nicht auszuschließen. Die Techniker Krankenkasse

in Baden-Württemberg geht davon aus, dass durch solche Musikhörgewohnheiten

seit 1990 jährlich allein in Baden-Württemberg rund 10.000 bis

15.000 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren einen irreversiblen Hörschaden

davongetragen haben.

Bei der im Kinder-Umwelt-Survey untersuchten Altersgruppe standen Besuche

von Diskotheken oder anderen Musikveranstaltungen nicht so sehr im

Vordergrund, wohl aber das Musikhören über tragbare Audiogeräte. Knapp

die Hälfte der 8- bis 10-Jährigen und etwa drei Viertel der 11- bis 14-Jährigen

benutzten solche Geräte. Die tägliche Nutzungsdauer und die eingestellte

Lautstärke ließen einen Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status

der Familie erkennen. Auffällig war, dass mit abnehmendem sozioökonomischem

Status länger und auch lauter Musik gehört wurde.

Auch der Hörfähigkeit wurde nachgegangen. Bei rund elf Prozent der Kinder

wurde ein Hörverlust von mehr als 20 Dezibel und bei zwei Prozent um

mehr als 30 Dezibel im für lärmbedingte Hörschäden typischen Tonhöhenbereich

(4.000 bis 6.000 Hertz) festgestellt. Jungen wiesen ein schlechteres

Hörvermögen auf als Mädchen. Ein aggressiverer Umgang mit lauten Schallquellen

könnte dabei eine Rolle spielen. Statistisch ließ sich ein Zusammenhang

zwischen Hörfähigkeit und den Fragebogenangaben zum Umgang mit

lauten Schallquellen aber nicht nachweisen. Möglicherweise waren die Lebens-Expositionszeiten

noch zu gering.

71


4 wozU deR läRm?

Bisher gibt es keine Therapie zur Heilung einer lärmverursachten Innenohrschwerhörigkeit

mit und ohne Tinnitus. Ein chronischer Hörverlust ist irreversibel.

Insbesondere im Kindes- und Jugendalter erworbene Gehörschäden

beeinträchtigen nicht nur die persönliche Entfaltung im Privatleben,

sondern schränken auch die späteren Möglichkeiten der Berufswahl ein. Deshalb

sind verstärkte Aufklärungsmaßnahmen und Maßnahmen zur Minderung

der Lärmbelastung in der Freizeit so wichtig.

4.2 Kampf dem lärm

Ein allgemeines Gesetz zum Schutz vor Lärm gibt es in Deutschland nicht.

Auf der Grundlage des Gesetzes zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen

durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und ähnliche

Vorgänge (kurz Bundes-Immissionsschutzgesetz, BImschG) und von

europäischen Richtlinien sind zum Schutz vor Umweltlärm mehr als 30 verschiedene

Rechtsvorschriften erlassen worden, die das Bundesumweltministerium

auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Sie betreffen den Verkehr,

die Benutzung von Geräten und Maschinen sowie die Errichtung und den

Betrieb von Anlagen. Meist sind Verkehrsbehörden sowie Städte und Gemeinden

für Vollzugsmaßnahmen zur Lärmminderung zuständig.

lärmkartierung ist Pflicht

Mit der Umsetzung der europäischen Richtlinie 2002/49/EG über die Bewertung

und Bekämpfung von Umgebungslärm in deutsches Recht sind Lärmkarten

von den Städten und Gemeinden zu erstellen und alle fünf Jahre zu

aktualisieren. Über die Lärmkarten ist die Öffentlichkeit zu informieren – das

kann auch in elektronischer Form erfolgen.

Für die Lärmkarten wird der Lärm nicht gemessen, sondern berechnet. Die

Berechnungsmethoden sind in der Verordnung über die Lärmkartierung

(34. Bundes-Immissionschutzverordnung) festgelegt. Ermittelt wird der Lärmindex,

der sich auf ein Kalenderjahr bezieht. Es werden zwei Lärmindizes

berechnet: der Tag-Abend-Nacht-Lärmindex und der Nacht-Lärmindex.

Abbildung 4-1 zeigt am Beispiel von Berlin, wie eine Strategische Lärmkarte

für den Straßenverkehr aussieht. Solche Karten werden auch für den Schienenverkehr

und den Luftverkehr sowie für Industrie und Gewerbe erstellt.

72


Abbildung 4-1

Quelle: Berlin, Senatsverwaltung für

Stadtentwicklung, 2007 (www.stadtentwicklung.berlin.de)

Strategische Lärmkarte von Berlin für den Straßenverkehr

Links: Tag-Abend-Nacht-Lärmindex

Rechts: Nacht-Lärmindex 22 – 6 Uhr

Ocker: > 50 - 55 dB(A), orange: > 55 – 60 dB(A); rot: > 60 – 65 dB(A); braun:

> 65 – 70 dB(A); violett: > 70 – 75 dB(A); blau: > 75 dB(A)

Die beiden Karten lassen erkennen, dass viele Menschen in Berlin sowohl

ganztägig als auch nachts einem hohen, durch Straßenverkehr verursachten

Lärmpegel ausgesetzt sind. Hauptverkehrsstraßen und Stadtautobahn heben

sich deutlich hervor.

Lärmkarten sind die Grundlage für die Ausarbeitung von so genannten

Lärmaktionsplänen, die unter Mitwirkung der Öffentlichkeit aufzustellen

und ebenfalls alle fünf Jahre zu aktualisieren sind. Darin können technische

und planerische Maßnahmen festgelegt werden, um Lärmwirkungen und

Lärmprobleme zu vermindern.

73


4 wozU deR läRm?

Zur Vermeidung von Gesundheitsgefährdungen sollten bei einem Tag-

Abend-Nacht-Lärmindex ab 65 dB(A) und einem Nacht-Lärmindex ab

55 dB(A) kurzfristig Maßnahmen in der Aktionsplanung vorgesehen werden.

Um auch erhebliche Belästigungen zu vermeiden, sollten die Vorsorgewerte

der Weltgesundheitsorganisation, die bei 55 beziehungsweise 45 dB(A) liegen,

angestrebt werden.

was der einzelne tun kann

Zum Lärmschutz kann jeder Einzelne beitragen. Oberstes Gebot ist hier gegenseitige

Rücksichtnahme. Dadurch können zahlreiche Probleme vermieden

werden. Im Straßenverkehr bedeutet dies zum Beispiel, unnötiges

Laufenlassen von Motoren oder Hupen zu vermeiden und Geschwindigkeitsbegrenzungen

zum Lärmschutz einzuhalten. Im Wohnumfeld bedeutet dies

zum Beispiel, auf den Einsatz lauter Geräte und Maschinen möglichst zu

verzichten und die Bestimmungen über Ruhezeiten einzuhalten. Diese sind

nicht ganz einheitlich. Aber die Nachtruhe beginnt üblicherweise um 22 Uhr.

Für die Benutzung von Geräten und Maschinen im Freien in Wohn- und Erholungsgebieten

gelten besondere Regeln, die leider nicht immer beachtet

werden.

Einhaltung von Ruhezeiten beim Betreiben von bestimmten,

im Freien betriebenen Geräten

Werktags 20.00 bis 7.00 Uhr

Zusätzlich sind für Freischneider, Graskantenschneider,

Laubbläser und Laubsammler folgende Ruhezeiten einzuhalten 7.00 bis 9.00 Uhr

13.00 bis 15.00 Uhr

17.00 bis 20.00 Uhr

Sonn- und Feiertage ganztägig

Geräte- und Maschinenschutzverordnung vom 29.8.2002

74


Beim Lärm geht es aber auch darum, sich selbst zu schützen. Hier ist jede/r

Einzelne gefordert. Untersuchungen zum Diskothekenbesuch von Jugendlichen

zeigen, dass rund zehn Prozent von ihnen als Risikogruppe für die Entwicklung

eines messbaren Gehörschadens zu betrachten sind. Nimmt man

die Kopfhörerbeschallung hinzu, dürfte der Anteil der gefährdeten Personen

noch höher ausfallen. Aus gesundheitlicher Sicht ist deshalb eine Minderung

der Musiklautstärke in Diskotheken, bei Konzertveranstaltungen und anderen

Beschallungssituationen erforderlich. In Deutschland existieren – anders

als in einigen europäischen Ländern – hierzu keine übergeordneten verbindlichen

Regelungen, was unter anderem mit den komplizierten Regelungen

zur Gesetzgebungskompetenz des Bundes beziehungsweise der Länder zusammenhängt.

Für Musikwiedergabegeräte sind in technischen Regelwerken

Höchstwerte formuliert. Diese besitzen in Deutschland jedoch keine verbindliche

Gesetzeskraft.

Normen zur Einhaltung von Schalldruckpegeln

europäische norm en 50332-1 für tragbare musikwiedergabegeräte: Durch die Einhaltung

dieser Norm soll ein Langzeitmittelwert von 90 dB nicht überschritten werden.

din 15905, teil 5 zum schutz des Publikums in theatern und mehrzweckhallen

enthält technische Angaben zur Reduzierung des Schalldruckpegels bei der Lautsprecherwiedergabe.

europäische norm en 71-1 sicherheit von spielzeug: Sie enthält Regelungen zur

Reduzierung des Schallpegels von Kinderspielzeugen.

Um einen verantwortungsbewussten Umgang mit lauten Schallquellen herbeizuführen,

ist eine angemessene Aufklärung sowohl für Diskjockeys und

Beschallungstechniker als auch für die „Musikkonsumenten“ notwendig. Dies

kann unter anderem in berufsgruppenspezifischen Fortbildungsveranstaltungen

und in Schulen, beispielsweise im Physik- oder Biologieunterricht, erfolgen.

Geeignete Unterrichtsmaterialien, die sowohl von der Bundeszentrale

für gesundheitliche Aufklärung wie auch vom Bundesumweltministerium

(siehe www.bmu.de, Suchbegriff Bildungsservice) erarbeitet wurden, liegen

seit langem vor.

75


nUn AUch noch

FeinstAUb

76


5 nUn AUch noch FeinstAUb

Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten schon sehr viel auf dem Gebiet

der Luftreinhaltung erreicht. Der Himmel über Deutschland ist auch über

den Ballungszentren wieder blau, die Autos haben ihre stinkenden Abgasfahnen

weitgehend verloren und aus den meisten Industrieschornsteinen

kommen keine grauen Rauchfahnen mehr. Zahlreiche emissionsmindernde

Maßnahmen, die auf der Grundlage des Bundes-Immissionsschutzgesetzes

sowie von Richtlinien und Verordnungen der Europäischen Union durchgesetzt

wurden, haben ganz maßgeblich dazu beigetragen, dass unsere Luft

sauberer geworden ist. Das belegen die langjährigen Messungen der Konzentrationen

vor allem von Staub, Schwefeldioxid und Blei, die bundesweit an

rund 400 Messstellen des Bundes und der Länder durchgeführt werden.

78


Ist Luftverschmutzung deshalb kein Thema mehr? Weit gefehlt! Feinstaub,

Stickstoffdioxid und Ozon geben keinen Anlass zur Entwarnung. Ganz im Gegenteil.

Unter den vielfältigen Belastungen aus der Umwelt gilt Feinstaub als

das Gesundheitsrisiko Nr. 1.

Die wichtigste Quelle für Luftschadstoffe im Nahbereich ist in Deutschland

der Verkehr. Luftschadstoffe aus Industrieanlagen oder Hausbrand breiten

sich auch über Ländergrenzen hinweg aus. Selbst der Wüstensand aus der

Sahara findet seinen Weg nach Deutschland. Für den Transport und die Verteilung

sind meteorologische Bedingungen verantwortlich. Geringe Windgeschwindigkeiten

und Hochdruckwetterlagen führen zur Anreicherung in

den unteren Luftschichten, Niederschläge haben einen „Auswasch“-Effekt,

das heißt die Luft wird sauberer. Das Umweltbundesamt informiert in Zusammenarbeit

mit den Ländern stundenaktuell und deutschlandweit im Internet

über die Belastung der Luft mit Schadstoffen (www.env-it.de/umweltbundesamt/luftdaten/index.html).

79


5 nUn AUch noch FeinstAUb

5.1 belastung der luft mit Feinstaub …

Ein großer Teil der gesundheitsschädlichen Wirkungen der Luftverschmutzung

ist der Staubbelastung zuzuschreiben. Die Verbesserungen der Feuerungs-

und Filtertechniken und die Umstellung der Kohlefeuerung in den

Haushalten auf moderne Heiztechnik – besonders in den neuen Ländern –

haben zu einer erheblichen Verminderung der Gesamtstaubbelastung geführt.

Gleichzeitig hat sich aber der Anteil der kleineren Staubteilchen im

Schwebstaub deutlich erhöht. Immer kleinere Staubteilchen werden in immer

größeren Mengen in die Luft geblasen, von wo sie ihren Weg in den

menschlichen Organismus finden. Dazu hat unter anderem der zunehmende

Anteil der Sprit sparenden Dieselfahrzeuge auf deutschen Straßen beigetragen.

Die Ruß-Emissionen aus Diesel-PKW und Diesel-LKW tragen erheblich

zur Feinstaubproblematik bei.

Üblicherweise unterscheidet man zwischen anthropogenen – von Menschen

verursachten – und natürlichen Quellen, aus denen die primären Staubteilchen

freigesetzt werden. Sekundäre Staubteilchen bilden sich in der Atmosphäre

unter anderem aus Gasen. Hier sind insbesondere Stickstoffoxide,

Schwefeloxide und Ammoniak zu erwähnen.

80

Beispiele für anthropogene und natürliche Staubquellen

Anthropogene

herkunft

natürliche

herkunft

Primäre Quellen:

Verbrennungsanlagen zur Energieversorgung und zur Gebäudeheizung,

Industrieprozesse und Schüttgutumschlag.

Straßenverkehr: Diesel-Lkw und Diesel-Pkw, Abrieb von Reifen und

Bremsbelägen, Aufwirbelung von Straßenstaub

sekundäre Quellen:

Stickstoffoxide, Schwefeloxide, Ammoniak, flüchtige Nichtmethankohlenwasserstoffe

Primäre Quellen:

Vulkane, Meere (salzhaltige Luft in Küstenregionen), Bodenerosion

(Mineralstäube), Wald- und Buschbrände, Pollen

sekundäre Quellen:

Methan aus Feuchtgebieten, Distickstoffoxid aus Böden durch biologische

Aktivität, Gase aus Vulkanen


Als Feinstaub wird die Fraktion des Staubes bezeichnet, dessen Korngröße

kleiner als 10 Mikrometer (das sind 10 millionstel Meter) ist. Zum Teil wird

darunter aber auch nur der Staub verstanden, der kleiner als 2,5 Mikrometer

ist. Welche gesundheitlichen Wirkungen Feinstaub hat, hängt maßgeblich

von seiner Größe, seiner chemischen Zusammensetzung sowie seiner Oberfläche

und Struktur ab.

Die Teilchengröße bestimmt, wie tief der Staub in die Atemwege und den

Organismus vordringen kann.

Einteilung des Staubes nach der Größe (PM)

Grobstaub > 10 µm: wird weitgehend im Nasenrachenraum

zurückgehalten

< 10 µm (PM10) kann den Kehlkopf passieren und

erreicht die Atemwege im Brustkorb

Feinstaub < 2,5 µm (PM2,5) kann bis in die Lungenbläschen

(Alveolen) vordringen

Ultrafeinstaub < 0,1 µm (PM0,1) gelangt in die Blutbahn, von dort ins

Gewebe und in praktisch alle Organe

µm = Mikrometer, ein tausendstel Millimeter, PM, aus dem Englischen für

particulate matter

Staubteilchen, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind, dringen bis in die Lungenbläschen

vor, während Teilchen unter 0,1 Mikrometer (der so genannte

Ultrafeinstaub) sogar in die Blutbahn gelangen und über den gesamten Körper

verteilt werden.

Welche gesundheitlichen Wirkungen Feinstaub und insbesondere der Ultrafeinstaub

hat, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten im In- und Ausland.

Es steht zweifelsfrei fest, dass hohe Feinstaub-Konzentrationen krank

machen, im Organismus Entzündungsreaktionen hervorrufen und insgesamt

die Sterblichkeit erhöhen.

81


5 nUn AUch noch FeinstAUb

Vor allem im Hinblick auf Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen

stellt Feinstaub ein gesundheitliches Risiko dar. Besonders gefährdet sind

Kleinkinder, Menschen mit geschwächter Immunabwehr, ältere Menschen,

Asthmatiker und Menschen mit bestehenden Atemwegserkrankungen und

Herz-Kreislaufproblemen. Dies ist durch viele Studien belegt. Außerdem steht

Feinstaub im Verdacht, krebserzeugend zu sein. An die Oberfläche der

Staubteilchen können sich Schadstoffe wie Schwermetalle anlagern. Sie verstärken

die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Staubes. Forschungen legen

darüber hinaus die Vermutung nahe, dass Feinstaubbelastungen die Entstehung

von Mittelohrentzündungen bei Kleinkindern, von Allergien und

von Alzheimer begünstigen.

Die Lebenserwartung aller Deutschen sinkt nach neueren Schätzungen wegen

der Feinstaubbelastung um neun Monate. Ein bis drei Monate dieser verkürzten

Lebenserwartung werden dem Dieselruß zugerechnet.

Der Feinstaub aus Verbrennungsprozessen hat deutlich größere gesundheitliche

Konsequenzen als andere Feinstaubarten. Rußpartikel sind besonders

in den Abgasen von Dieselfahrzeugen enthalten. Im Jahr 2007 waren in

Deutschland rund 53 Millionen Kraftfahrzeuge für den Straßenverkehr zugelassen.

Darunter befanden sich über 11 Millionen Diesel-Pkw. Alle Dieselfahrzeuge

zusammen genommen emittierten schätzungsweise 16.000 Tonnen

Feinstaub.

82


Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge sterben jährlich 10.000 bis 19.000

Menschen vorzeitig durch Rußabgase aus Dieselfahrzeugen – das sind mehr

als doppelt soviel Tote wie durch Unfälle im Straßenverkehr. Deshalb ist der

flächendeckende Einsatz von Dieselrußfiltern von ganz erheblicher Bedeutung

für die Gesundheit der Menschen in Deutschland. Ihr nachträglicher

Einbau in Diesel-PKW wird seit 2007 staatlich gefördert.

Kaminöfen und andere Holzfeuerungsanlagen sind eine weitere wichtige

Feinstaubquelle. Mehr als 90 Prozent des Gesamtstaubs aus Kaminen und

Öfen bestehen aus dem gesundheitlich besonders bedenklichen Feinstaub.

In Deutschland gibt es in Haushalten und im Kleingewerbe schätzungsweise

14 Millionen solcher Feuerungsanlagen (Stand Dezember 2007), die mittlerweile

so viel Feinstaub freisetzen wie die Motoren aller in Deutschland zugelassenen

Pkw, Lkw und Motorräder zusammen.

Das Heizen mit Holz dient dem Klimaschutz, da beim Verbrennen nur

so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie vorher beim Pflanzenwachstum

gebunden wurde. Obendrein schont die Holzfeuerung fossile Ressourcen.

Doch der Klimaschutz muss mit dem Schutz der Gesundheit in Einklang gebracht

werden. Deshalb sieht der Entwurf des Bundesumweltministeriums

für eine Novelle der Verordnung über kleine und mittlere Feuerungsanlagen

(1. BImSchV) eine Verschärfung der Grenzwerte vor.

83


5 nUn AUch noch FeinstAUb

Beim Kauf eines neuen Ofens sollte auf die vom Hersteller angegebenen

Werte geachtet werden und die Entscheidung zugunsten eines möglichst

emissionsarmen Modells ausfallen. Besonders emissionsarm sind Pelletöfen

und Pelletheizkessel, die mit dem Blauen Engel (siehe www.blauer-engel.de)

gekennzeichnet sind. Sie verwenden Pellets, also kleine Holzpresslinge. Die

Feinstaubemissionen sind zwar immer noch deutlich höher als bei Gas- oder

Ölheizkesseln, aber geringer als bei anderen Holz- und Kohlefeuerungen.

Messungen von Feinstaub in der Korngröße PM 10 und kleiner in der Außenluft

liegen in Deutschland ab 1999 vor. Seit Januar 2005 gelten EU-weit

Grenzwerte, die auch in der 22. Bundes-Immissionsschutzverordnung festgelegt

sind. So darf der Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter

Außenluft nicht überschritten werden. Außerdem darf der PM 10 -Tagesmittelwert

nicht öfter als 35-mal über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen.

84


Abbildung 5-1 veranschaulicht die Entwicklung der PM 10 -Jahresmittelwerte

im ländlichen, städtischen und verkehrsnahen städtischen Bereich seit 2000.

Meteorologische Bedingungen haben im Jahr 2007 maßgeblich dazu beigetragen,

dass die Luftbelastung mit Schwebstaub niedriger ausfiel als in den

Vorjahren: Es fehlten windschwache Hochdrucklagen und es gab überdurchschnittlich

viel Niederschlag.

Lokale Überschreitungen besonders der PM 10 -Tagesmittelwerte treten vor

allem an verkehrsreichen Straßen auf. Hierzu tragen nicht nur die Fahrzeuge

selbst durch den Partikelausstoß aus dem Auspuff oder durch Reifenabrieb

bei, sondern – infolge der Fahrbewegung – auch durch die Aufwirbelung

des Straßenstaubes. Doch diese Staubteilchen sind etwa 1.000-mal größer als

jene aus dem Auspuff.

85


5 nUn AUch noch FeinstAUb

5.2 … und mit gesundheitsschädlichen Gasen

Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO 2 ) entstehen bei Verbrennungsprozessen

vor allem im Straßenverkehr, da die Emissionen aus Kraftwerken

durch Änderung der Verbrennungsprozesse und Einführung der

Rauchgasreinigung stark reduziert werden konnten. Die Summe aus NO und

NO 2 wird auch als NO X (Stickstoffoxide) bezeichnet. In der Außenluft sind

Stickstoffoxide an der Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon beteiligt.

Stickstoffdioxid zählt neben Feinstaub und den mit den Kraftstoffen in Verbindungen

stehenden flüchtigen organischen Verbindungen zu den wichtigsten

verkehrsbedingten Schadstoffen. Kraftfahrzeuge mit Dieselmotoren

emittieren im Vergleich zu solchen mit einem Benzinmotor und geregeltem

Katalysator ein Mehrfaches an Stickstoffdioxid.

86


Stickstoffdioxid ist in geringen Konzentrationen kaum wahrnehmbar. Es

führt aber zu Reizungen der Atemwege, beeinträchtigt die Lungenfunktion

und erhöht die Infektanfälligkeit. Langandauernde Exposition kann zu chronischer

Bronchitis führen.

Im Vergleich zu Feinstaub zeigen die NO 2 -Jahresmittelwerte im Zeitraum

von 2000 bis 2007 kaum jährliche Schwankungen (siehe Abbildung 5-2). An

verkehrsnahen Standorten liegt der Jahresmittelwert oberhalb von 40 Mikrogramm

pro Kubikmeter Luft. Das ist der ab 2010 einzuhaltende Grenzwert.

Teilweise nehmen die NO 2 -Konzentrationen sogar zu.

Überschreitungen gibt es auch bei den NO 2 -Ein-Stunden-Mittelwerten. Der

Verkehr hat einen wichtigen Anteil an dieser Entwicklung. Insbesondere die

Zunahme von modernen Diesel-Pkw, die hohe NO 2 -Emissionen haben, trägt

dazu bei. Ab 2010 darf ein Ein-Stunden-Mittelwert von 200 Mikrogramm pro

Kubikmeter Luft nicht öfter als 18-mal im Jahr überschritten werden. Beide

Grenzwerte wurden schon 1999 als Mindestanforderungen zum Schutz der

menschlichen Gesundheit festgelegt.

87


5 nUn AUch noch FeinstAUb

Hier besteht Handlungsbedarf zur weiteren Reduktion der NO x - und NO 2 -

Emissionen, um die Luftqualitätsgrenzwerte 2010 einzuhalten. Möglichst

schnell müssen Fahrzeuge mit den neuesten Umweltstandards (EURO 5 und

EURO 6) auf den Markt kommen.

Ozon spielt in der Erdatmosphäre eine Doppelrolle. In den Luftschichten

oberhalb von zehn Kilometern (Stratosphäre) hat Ozon die lebenswichtige

Funktion eines Filters zum Schutz vor dem schädlichen ultravioletten Anteil

der Sonnenstrahlen. In dieser Luftschicht wird Ozon durch Fluorkohlenwasserstoffe

(FCKW) zerstört. Daher dürfen diese Chemikalien, die umgangssprachlich

auch als Ozonkiller bezeichnet werden, seit Ende 1995 weltweit

nicht mehr hergestellt und verwendet werden.

In Bodennähe kommt Ozon ebenfalls natürlich vor, wird aber zusätzlich aus

Sauerstoff und Luftverunreinigungen gebildet. Bodennahes Ozon wirkt als

starkes Reizgas. Es wird nicht direkt emittiert, sondern bildet sich im Sommer

unter intensiver Sonneneinstrahlung aus Vorläufersubstanzen, zu denen

vor allem Stickstoffoxide und flüchtige organische Kohlenwasserstoffe gehören.

Diese Vorläufersubstanzen stammen in unseren Breiten hauptsächlich

aus vom Menschen verursachten Quellen.

88


Wichtige Quellen für die Vorläufersubstanzen von Ozon

stickstoffoxide

Flüchtige

organische

Verbindungen

Etwa jeweils zur Hälfte aus dem Verkehrsbereich

und aus stationären Feuerungsanlagen

natürliche Quellen: überdüngte Böden

Etwa zur Hälfte bei der Verwendung von lösemittelhaltigen

Produkten, die in Industrie, Gewerbe und Haushalten zum Einsatz

kommen (Farben, Lacke, Klebstoffe, Reinigungsmittel)

Zunehmende Bedeutung von Motorrädern, mobilen Kleingeräten

(Kettensägen, Rasenmäher)

natürliche Quellen: Laub- und Nadelbäume

Ozon ist die wichtigste Komponente des so genannten Sommersmogs, da es

der Bestandteil mit der höchsten Konzentration und auch von der Wirkung

her der wichtigste Stoff des Gemischs ist. Sommersmog führt zu Augenbrennen

und Reizungen der Atemwege, verursacht Husten, beeinträchtigt die

Lungenfunktion und schränkt die körperliche Leistungsfähigkeit ein. Hinzu

kommt, dass Ozon infolge seiner starken Reizwirkung bei Anwesenheit von

krebserzeugenden Chemikalien die Krebsentstehung fördern kann. Aus Vorsorgegründen

müssen Säuglinge und Kleinkinder als Risikogruppe eingestuft

werden, da sie, bezogen auf ihre Körpergröße, ein relativ erhöhtes Atemvolumen

haben.

Die Ozonbelastung in Deutschland wird an rund 300 Messstationen des

Bundes und der Länder überprüft. Abbildung 5-3 veranschaulicht die Messergebnisse

für den Zeitraum 1990 bis 2007. Zur Beurteilung wird der bis

2020 zu erreichende Zielwert und die Zahl der Tage, an denen dieser Wert

überschritten wurde, herangezogen. Dieser Zielwert konnte in all den Jahren

nicht flächendeckend eingehalten werden.

89


5 nUn AUch noch FeinstAUb

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit wurde von der Europäischen Union

mit der Richtlinie 2002/3/EG ein Zielwert für die Ozon-Konzentration

festgelegt, der in der 33. Bundes-Immissionsschutzverordnung in deutsches

Recht umgesetzt worden ist. Er liegt bei 120 Mikrogramm pro Kubikmeter

Luft (Acht-Stunden-Mittelwert eines Tages) und darf ab 2010 innerhalb eines

Jahres höchstens 25-mal (im Mittel über drei Jahre) überschritten werden.

Infolge der konsequenten Luftreinhaltepolitik gehen seit 1990 die Ozonspitzenwerte

zurück. Überschreitungen treten aber örtlich immer noch auf. Ab

einem Ein-Stunden-Mittelwert von 180 Mikrogramm pro Kubikmeter (Informationsschwelle)

ist die Unterrichtung der Bevölkerung vorgeschrieben (Radio,

Fernsehen, Tageszeitung). Bei Überschreiten dieses Wertes sind besonders

empfindliche Menschen, ob Jung oder Alt, gefährdet. Ihnen wird von körperlicher

Anstrengung im Freien abgeraten. Bei Überschreiten der Alarmschwelle,

die bei einem Ein-Stunden-Mittelwert von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter

liegt, besteht ein Gesundheitsrisiko für die Gesamtbevölkerung. Die für

diesen Fall vorgehaltenen Aktionspläne sind kurzfristig umzusetzen.

90


Wie kann der Einzelne zur Reduktion der Ozonbildung

beitragen?

˘ Öffentliche Verkehrsmittel oder Fahrrad benutzen

˘ Unnötige Autofahrten vermeiden

˘ Lösemittelfreie oder -arme Farben, Lasuren, Reinigungsmittel, Kleber verwenden

˘ Im Hobby- und Gartenbereich elektrische Geräte benutzen statt Geräte, die mit

einem Benzinmotor betrieben werden. Falls es unumgänglich ist, ein Gerät mit Viertaktmotor

wählen.

91


5 nUn AUch noch FeinstAUb

5.3 luftreinhalte- und Aktionspläne

sichern die einhaltung der Grenzwerte

Nach den Vorgaben der Europäischen Union haben die zuständigen Behörden

Luftreinhaltepläne zu erstellen, die Maßnahmen zur Einhaltung von EUweit

geltenden Grenzwerten für die oben genannten Schadstoffe enthalten.

Ist zu befürchten, dass ein bestimmter Schadstoff in einem Gebiet einen bereits

in Kraft getretenen Grenzwert überschreitet, muss die zuständige Behörde

zusätzlich einen Aktionsplan erstellen. Er beinhaltet Maßnahmen zur

Verringerung der Dauer und Höhe der Grenzwertüberschreitung. Der Europäische

Gerichtshof (EuGH) hat im Juli 2008 entschieden, dass die Bürgerinnen

und Bürger die Erstellung eines Aktionsplans auch gerichtlich erzwingen

können.

In Deutschland sind die Länder für Luftreinhalte- und Aktionspläne zuständig.

Eine Liste der Luftreinhalte- und Aktionspläne hat das Umweltbundesamt

unter http://osiris.uba.de/Website/umweltzonen/lrp.php zusammengestellt.

Wenig erfreulich ist, dass die für Feinstaub und Stickstoffdioxid gemessenen

Werte besonders in verkehrsreichen Gebieten sehr hoch sind. Ohne eine

Reduktion der Emissionen wird nicht nur Feinstaub, sondern ab 2010 auch

Stickstoffdioxid öfter die Grenzwerte überschreiten. Im Jahr 2008 haben bereits

einige Großstädte begonnen, innerstädtische Umweltzonen einzurichten,

in die nur emissionsarme Fahrzeuge mit Plakette fahren dürfen. Die

Plakette wird auf der Grundlage der Kennzeichnungsverordnung für Kraftfahrzeuge

– kurz Plakettenverordnung – vergeben.

Das allein wird nicht reichen. Das Bundesumweltministerium setzt sich daher

auch für die Entwicklung verbesserter und alternativer Antriebe und

Kraftstoffe ein und unterstützt eine neue Verkehrspolitik zur Entlastung des

Straßenverkehrs. Ziel ist die Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs

auf die Schiene und beim Gütertransport auch auf den Wasserweg.

92


Um den Zielwert für Ozon einzuhalten, sind die Emissionen der Vorläuferschadstoffe

noch weiter zu reduzieren. Da Ozon über weite Strecken transportiert

wird, lässt sich das Ozonproblem mit lokalen und kurzfristigen Maßnahmen

allein nicht lösen. Die Bundesregierung hat hierzu ihr Nationales

Programm zur Ozonminderung aus dem Jahr 2002 überprüft und 2007 erneut

verkündet. Die Bundesregierung hält ihr erstes Nationales Programm

zur Ozonminderung für aktuell und verlieh ihm noch mehr Nachdruck,

indem weitere mittel- und langfristig wirkende Maßnahmen aufgestellt wurden.

Ihr Ziel ist die Senkung der Emissionen von Stickstoffoxiden und flüchtigen

organischen Verbindungen aus mobilen und stationären Quellen.

93


„dicKe lUFt“ zU hAUse?

94


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

Für eine gesunde Lebensführung spielt auch die gute Qualität der Innenraumluft,

egal ob zu Hause oder am Arbeitsplatz, eine wichtige Rolle. Denn

immerhin 80 bis 90 Prozent des Tages verbringen die Menschen in Deutschland

in geschlossenen Gebäuden.

Die Luft in Innenräumen kann oftmals stärker mit Verunreinigungen belastet

sein, als die Außenluft. Dort haben die gesetzlichen Regelungen und

Auflagen bei der Genehmigung von Anlagen dazu geführt, dass die Außenluft

heute in Deutschland um ein Vielfaches besser ist, als noch vor 20 oder

30 Jahren. In Innenräumen ist dies nicht unbedingt so. Die Gründe dafür

sind vielfältig. Die Innenraumluftqualität hängt nicht nur davon ab, wie und

wie oft die Bewohner lüften, was sie in den Räumen tun und welche Haus-

96


haltschemikalien sie anwenden. Auch Ausgasungen aus Einrichtungsgegenständen,

wie Teppiche und Möbel oder die zu den Bauprodukten zählenden

Bodenbeläge und Wandfarben, können die Qualität der Raumluft nachteilig

beeinflussen. Beim Kochen mit Gas oder Heizen mit Kohle (heute wieder im

Kommen angesichts der hohen Energiekosten für Öl und Gas) oder Holz können

Verunreinigungen in die Innenraumluft gelangen.

Die Hauptquelle für Innenraumbelastungen ist jedoch der Tabakrauch. Alle

Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen greifen wenig,

wenn gleichzeitig darin geraucht wird. Wie bekannt, ist dabei nicht

nur das aktive Rauchen schädlich, sondern auch der Passivrauch, also das

Inhalieren der Tabakrauchdämpfe durch alle Anwesenden im Raum. In der

Gastronomie gelten seit kurzem Rauchverbote. Grundlage sind die Nichtraucherschutzgesetze

der Länder, bei denen in diesem Fall die Gesetzgebungskompetenz

liegt.

Innenraumluftverunreinigungen (außer zum Beispiel Tabakrauch) können

manchmal unbemerkt bleiben, aber dennoch schädlich für die Gesundheit

sein. Richtig unbehaglich wird es bei zu hoher Luftfeuchtigkeit und zu viel

Wärme, die obendrein noch das Wachstum von Schimmelpilzen fördern

können. Das kann dann zu Gesundheitsproblemen führen. Einige Probleme,

wie das Schimmelpilzwachstum, sind nicht neu, gewinnen aktuell aber wieder

an Bedeutung.

Während die Qualität der Außenluft Gegenstand einer ganzen Reihe von

gesetzlichen Regelungen ist (siehe Kapitel 5 Nun auch noch Feinstaub), existiert

ein solches Regelwerk für Wohninnenräume nicht. Die einzige Ausnahme

ist der Grenzwert für Tetrachlorethen in unmittelbarer Nachbarschaft

von chemischen Textilreinigungen, der nicht überschritten werden darf.

Hinzu kommen Regelungen zur Innenraumluftbelastung durch bestimmte

Bauprodukte. Die Erarbeitung weitergehender Regelungen ist nicht zuletzt

auch deshalb so schwierig, weil die Privatsphäre betroffen ist. Und diese sollte

möglichst vor Eingriffen durch den Staat geschützt sein.

Im Folgenden werden einige problematische Luftverunreinigungen sowie

ihre Belastungsquellen dargestellt. Ferner werden die Gremien genannt, die

sich um eine gute Luftqualität in Gebäuden kümmern. Hierbei geht es auch

um Regelungen und Vorschriften, die das „Übel bei der Wurzel“ packen, damit

im Innenraum erst gar keine oder nur wenige gesundheitsschädliche

Stoffe entstehen.

97


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

6.1 es liegt was in der luft

Flüchtige organische Verbindungen, die als VOC (englisch für Volatile Organic

Compounds) abgekürzt werden, finden sich heutzutage in fast jeder

Wohnung. Besonders nach Renovierungsarbeiten und in den ersten Monaten

in Neubauten können die VOC-Konzentrationen erhöht sein. Es handelt

sich hierbei um eine Vielzahl von synthetischen und natürlichen Verbindungen,

die bereits bei Zimmertemperatur aus verschiedenen Produkten ausgasen.

VOC-Gruppen in der Innenraumluft (Auswahl)

˘ Kettenförmige Kohlenwasserstoffe, wie Alkane oder Alkene, die als Fettlöser eingesetzt

werden und in Haushaltsprodukten enthalten sein können

˘ Aromatische Kohlenwasserstoffe, wie Toluol und Xylole, die in einigen Klebstoffen, Lacken

und frischen Druckerzeugnissen als Lösemittel vorkommen

˘ Terpene aus Holzverkleidungen, aus Bio-Farben oder Wasch- und Reinigungsmitteln

und Kosmetika

Höhere VOC-Konzentrationen führen schon nach kurzer Zeit zu Geruchsempfindungen

oder Reizungen der Augenbindehaut sowie der Schleimhaut

von Nase und Rachen oder auch zu Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und

Müdigkeit. Bei geringen VOC-Konzentrationen ist die Einschätzung des gesundheitlichen

Risikos schwierig. Oft ist eine Zuordnung von bestimmten Beschwerden

zu bestimmten chemischen Verbindungen nicht möglich.

Für die Beurteilung der Qualität der Innenraumluft gibt es für einzelne

Schadstoffe Richtwerte. Sie werden von einer Arbeitsgruppe festgelegt, die

sich aus Mitgliedern der Innenraumlufthygiene-Kommission und der

Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden zusammensetzt

(mehr dazu unter www.umweltbundesamt.de, Suchbegriff IRK).

Diese Richtwerte sind rechtlich nicht verbindlich, haben aber in der Praxis

mittlerweile eine große Bedeutung erlangt. Werden sie überschritten, ist

Handlungsbedarf angezeigt.

98


Zunehmend gelangen auch schwer flüchtige Verbindungen – so genannte

SVOC (englisch für Semi Volatile Organic Compounds) – in die Raumluft. Sie

gasen sehr viel langsamer aus, dafür aber über einen längeren Zeitraum. Zu

den SVOC gehören zum Beispiel Weichmacher, die in Lacken, Dispersionswandfarben,

Vinyltapeten und in PVC-Fußbodenbelägen sowie Fußbodenklebern

enthalten sein können. Nach Renovierungsarbeiten kann manchmal

das Phänomen Schwarze Wohnungen beobachtet werden, das, wie man

heute weiß, ursächlich mit der Emission von SVOC in die Raumluft zusammenhängt.

An Zimmerdecken und -wänden lagern sich schwarze schmierige

Beläge ab. Sie sind ein ästhetisches Problem, eine Gesundheitsgefahr besteht

nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht. Abwaschen oder Überstreichen

hilft nicht, die Ursache muss beseitigt werden.

99


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

Tabakrauch gehört, wie erwähnt, mit zu den gefährlichsten Verunreinigungen

der Innenraumluft und enthält viele krebserzeugende Verbindungen.

Etwa 90 Prozent der Lungenkrebserkrankungen bei Männern und 66 Prozent

bei Frauen sind auf das Rauchen zurückzuführen. Auch das passive Mitrauchen

ist krebserzeugend. Besonders Kinder sind durch Passivrauchen gefährdet.

Es erhöht die Infektanfälligkeit, führt zu Bronchitis, verschlimmert

Asthma und kann bei Säuglingen zum plötzlichen Kindstod führen.

Offensichtlich sind sich viele Eltern des Risikos durch Tabakrauch nicht bewusst

oder sie sind nicht gewillt, auf das Rauchen in Anwesenheit ihrer Kinder

zu verzichten. Nach den von 2003 bis 2006 durchgeführten Erhebungen

zum Kinder-Umwelt-Survey (siehe Kapitel 1 Was unsere Gesundheit beeinflusst)

lebt knapp die Hälfte der rund 1.700 untersuchten 3- bis 14-jährigen

Kinder in Raucherhaushalten und hat Tabakrauch eingeatmet. Einige der

Kinder haben auch schon selbst zur Zigarette gegriffen. Wird Tabakrauch

eingeatmet, lässt sich das anhand von Cotinin-Untersuchungen im Urin feststellen.

Cotinin ist ein Stoffwechselprodukt von Nikotin. Leider hat sich die

Situation im Vergleich zu 1990/1992 nicht verbessert. Bei diesen früheren Erhebungen

zum Umwelt-Survey wurden 6- bis 14-jährige Kinder untersucht.

Je nach Sozialstatus der Eltern war die Belastung der Kinder unterschiedlich

100


hoch. Lebten Kinder in Familien mit niedrigem Sozialstatus, betrug der Anteil

der belasteten Kinder etwa 75 Prozent. Hier sind mehr Kinder einem gesundheitlichen

Risiko ausgesetzt.

Über die Gefahren des Rauchens und des Passivrauchens wird seit vielen Jahren

informiert. Seit dem Jahr 2000 führen das Deutsche Krebsforschungszentrum

und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung alle zwei Jahre

die bundesweite Nichtraucherkampagnen „Rauchfrei“ durch. Doch viele rauchende

Eltern fühlen sich offenbar nicht angesprochen, da sich der Anteil

der Kinder in Raucherhaushalten nicht verändert hat.

Wer das Rauchen nicht aufgeben kann, sollte zum Rauchen nach draußen

gehen oder in einem Raum rauchen, in dem sich keine Kinder aufhalten.

6.2 staub ohne ende

Ständig setzt sich Staub ab, besonders sichtbar auf glänzenden und dunklen

Oberflächen. Man spricht von Sedimentationsstaub. Es handelt sich dabei

um eine Mischung unterschiedlicher anorganischer und organischer Stoffe.

Sie stammen aus der Wohnung und von den Bewohnern sowie aus der Wohnungsumgebung.

Sie gelangen in die Wohnung durch Lüften. Auch mit den

Schuhen oder durch die Kleidung eingebrachte Staubpartikel gehören dazu.

Die Zusammensetzung des Staubes ist vielfältig. Abrieb von natürlichen und

künstlichen Fasern von Kleidung und Wohnraumtextilien, Schuppen und

Haare der Bewohner, gegebenenfalls auch von Haustieren, Verbrennungsrückstände

von Kerzen, Heizung, Kfz und Industrie, Reifenabrieb, Sand, Blütenstaub,

Sporen von Schimmelpilzen, Staubfreisetzungen beim Heimwerken

etc. Lagern sich Fasern und Haare zu größeren Gebilden zusammen, bilden

sich Staubknäuel, die sich meist unter Bettgestellen und Schränken oder in

Zimmerecken ansammeln.

Kleine Staubteilchen (Feinstaub) entstehen bei Verbrennungsprozessen, wie

beim Kochen, Heizen oder Tabakrauchen und bei brennenden Kerzen und

Öllampen. Sie besitzen wenig Masse und setzen sich nicht sogleich auf Flächen

ab. Sie schweben längere Zeit in der Luft – man spricht daher auch von

Schwebstaub. Ist der Feinstaub kleiner als 2,5 Mikrometer, kann dieser bis

in die Lunge eindringen und gesundheitliche Schäden verursachen (siehe

Kapitel 5 Nun auch noch Feinstaub).

101


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

Hausstaub ist ein guter Indikator für Chemikalien, die im Innenraum –

auch lange zurückliegend – angewendet wurden. Dies gilt auch dann, wenn

der Staub regelmäßig mit dem Staubsauger entfernt wird. Verbleiben die

behandelten Materialien, wie Teppiche oder Holzpaneele, in der Wohnung,

so gasen ständig geringe Konzentrationen der verwendeten Mittel in die

Raumluft aus und lagern sich am Hausstaub an. Hausstaubuntersuchungen

des Umweltbundesamtes belegen nach wie vor Belastungen mit Chemikalien,

die seit vielen Jahren verboten sind, auch wenn diese Belastungen immer

weiter zurückgehen. Ein Beispiel ist der Jahrzehnte lang eingesetzte Holzschutzmittelwirkstoff

Pentachlorphenol (PCP). PCP wurde noch bis Ende der

1970er Jahre in Wohnungen angewendet. Seit 1989 ist es in Deutschland wegen

nachteiliger gesundheitlicher Wirkungen verboten. Auch die Gehalte an

Lindan, das ebenfalls seit 1989 verboten ist, sind seither deutlich zurückgegangen.

Anders verhält es sich bei den Pyrethroiden. Sie werden heute zur Bekämpfung

von Schädlingen bei Zimmerpflanzen oder zum Schutz vor Mottenfraß

bei Teppichen verwendet. Permethrin, ein Vertreter dieser Stoffgruppe,

kann unverändert im Hausstaub nachgewiesen werden. Da in den letzten

Jahren immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ob der Abrieb

von Wollteppichen, die mit Permethrin ausgerüstet sind, gesundheitsschädlich

ist, ging das Bundesinstitut für Risikobewertung dieser Frage in einem

Verbundforschungsvorhaben nach. Ergebnis ist: keine gesundheitlichen Risiken

bei fachgerechter Ausrüstung.

102


6.3 schimmel auf dem Vormarsch

Schimmelpilze kommen überall in der Umwelt vor. Es gibt unzählige Arten,

die hauptsächlich im Boden leben. Sie spielen eine wichtige Rolle im Stoffkreislauf

und besiedeln und zersetzen totes organisches Material. Sie bilden

mikroskopisch kleine Sporen als Dauerformen, die über die Luft verbreitet

und beim Lüften in die Wohnung geweht werden.

Finden sie günstige Bedingungen wie hohe Feuchtigkeit und Wärme vor –

das Nahrungsangebot ist in der Wohnung in Form von Tapeten, Holz, Textilien

oder Lebensmittelresten groß – entwickeln sich aus den kleinen unsichtbaren

Sporen sichtbare Schimmelpilzkolonien, die auf den Materialien als

Verfärbungen auffallen. Auch Biomüll ist eine ausgezeichnete Nahrungsquelle

für Schimmelpilze. Er sollte daher nur kurzfristig in der Wohnung gesammelt

und möglichst bald in die Biotonne auf dem Hof gebracht werden.

Schimmel benötigt zum Wachsen immer Feuchtigkeit. Diese kann durch die

Bewohner selbst in die Raumluft gelangen (beim Duschen, Kochen, Schwitzen)

oder durch Feuchteschäden im Gebäude. Besonders feuchte Außenwände

sind hier fatal. Kann die vorbeiströmende Luft die Wandoberfläche nicht

abtrocknen, wie es hinter Schrankwänden oder Betten, die an die Außenwand

gestellt wurden, vorkommt, verschimmelt die Wand. Schimmelpilze

können auch im Verborgenen wachsen, etwa in Hohlräumen im Fußboden

oder hohlen Wänden. Diesen Befall sieht man nicht. Er macht sich meist erst

durch einen modrigen Geruch bemerkbar.

Hohe Luftfeuchtigkeit kann durch eine massive Durchfeuchtung des Mauerwerkes

hervorgerufen werden. Ursache sind zum einen Havarien wie Rohrbrüche

oder Überschwemmungen, zum anderen Baufehler, wie fehlende

Abdichtungen gegenüber dem Grundwasser oder gegenüber Schlagregen.

Auch die Bildung von Kondens- oder „Schwitzwasser“ an der Innenseite von

Außenwänden durch Wärmebrücken oder unzureichende Wärmedämmung

und nicht zuletzt zu geringes Lüften sowie unzureichendes Heizen der Bewohner

können die Feuchtigkeit begünstigen.

Feuchte Wohnungen sind offenbar gar nicht so selten. Die im Kinder-Umwelt-Survey

erfolgte Befragung der Eltern ergab, dass in etwa 13 Prozent der

Wohnungen feuchte Wände und in 15 Prozent Schimmel vorhanden waren.

Schimmel führt nicht nur zu erheblichen Materialschäden, sondern ist auch

gesundheitsschädlich. Es sind vor allem die Sporen, die, selbst wenn sie bereits

abgetötet sind, bei den Bewohnern Haut- und Schleimhautreizungen,

103


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

grippeähnliche Symptome, Allergien und Asthma auslösen können. Gelegentlich

können vermehrungsfähige Sporen zu Pilzerkrankungen der Haut

oder von Fuß- oder Fingernägeln führen. Zum Glück geschieht dies nicht bei

jedem Bewohner gleichermaßen und auch nicht bei nur geringem Befall.

Dennoch gehört Schimmel nicht in Wohnungen und stellt ein hygienisches

Risiko dar. Das Umweltbundesamt fordert in seinen „Schimmelleitfäden“ aus

den Jahren 2002 und 2005 daher auch die rasche Beseitigung des Befalls sowie

die Klärung und Beseitigung der Ursachen.

Im Kinder-Umwelt-Survey konnte in orientierenden Untersuchungen nachgewiesen

werden, dass rund acht Prozent der Kinder gegenüber mindestens

einem innenraumtypischen Schimmelpilz sensibilisiert sind. Die höchste

Sensibilisierungsrate mit fünf Prozent wurde gegenüber einem Pinselschimmel

(Penicillium chrysogenum), der wegen seiner Form so bezeichnet

wird, beobachtet. Zum Vergleich: Die Sensibilisierungsraten gegenüber

Katzen- oder Hundeallergenen lagen mit jeweils etwa sieben Prozent in vergleichbarer

Höhe, während die Sensibilisierungsraten gegenüber den beiden

104


getesteten Milbenallergenen (jeweils etwa 19 Prozent) deutlich höher waren.

Die Sensibilisierung wird durch den Nachweis von IgG-E-Antikörpern gegen

spezifische Allergene im Blut der Kinder festgestellt. Diese Antikörper haben

für sich alleine betrachtet keinen Krankheitswert. Sie geben lediglich darüber

Auskunft, dass sich das Immunsystem mit diesem Allergen auseinandergesetzt

hat. Eine Sensibilisierung ist aber die Voraussetzung zur Entwicklung

einer Allergie, die mit Krankheitszeichen wie Schleimhautreizungen und

Asthma einhergehen kann.

6.4 Auf gute luftqualität kommt es an

Einige Probleme in Innenräumen haben sich seit der im Jahr 2002 in Kraft

getretenen Energieeinsparverordnung verbessert, andere leider nicht. Bessere

Wärmedämmung an den Fassaden sowie dicht schließende Fenster und

Türen helfen, Energie einzusparen und „kalte“ Außenwände, an denen Wasserdampf

aus der Luft kondensieren kann, zu vermeiden. Die Luftdichtheit

führt aber auch dazu, dass sich Stoffe, die im Innenraum freigesetzt werden,

in der Raumluft anreichern können. Begegnen kann man diesem Problem

nur dadurch, dass emissionsarme Bauprodukte beim Renovieren oder beim

Neubau eingesetzt werden und dass das Lüftungsverhalten geändert wird.

Auch das richtige Heizen spielt eine wichtige Rolle.

105


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

Wie lüftet und wie heizt man richtig?

˘ Stoßlüftung mindestens zweimal täglich 5 bis 10 Minuten, am besten durch Öffnen

gegenüberliegender Fenster; im Sommer länger lüften als im Winter

˘ Immer lüften, wenn Wasserdampf entsteht (beim Kochen, nach dem Duschen)

˘ Beim Wäschetrocknen lüften

˘ Arbeiten mit geruchsintensiven Stoffen, Lösemitteln usw. nur bei gleichzeitiger

guter Lüftung durchführen

˘ Auf kontinuierlichen Luftaustausch beim Kochen mit Gas oder beim Gebrauch von

Kaminöfen achten

˘ Auch selten benutzte Räume regelmäßig lüften

˘ Alle Räume ausreichend heizen (mindestens 17 oC, Flure 15 oC) ˘ Türen zu weniger beheizten Räumen schließen

˘ Heizkörper bei geöffnetem Fenster abdrehen

˘ Heizung nur nachts drosseln; tagsüber auf konstanter Temperatur belassen

106


Auch der Handel kommt Verbraucherinnen und Verbrauchern entgegen,

wenn es darum geht, neue Möbel anzuschaffen oder Wandfarben und Bodenbeläge

für die Renovierung der Wohnung zu kaufen. Es gibt zahlreiche

emissionsarme Produkte, die mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ gekennzeichnet

und in allen Baumärkten zu finden sind. Einige tragen auch

das Umweltzeichen der Europäischen Union, die „Euro-Margerite“ (mehr

dazu unter ec.europa.eu/environment/ecolabel/index_en.htm).

Der Blaue Engel ist das älteste offizielle Umweltzeichen

in Deutschland. Zeicheninhaber ist

das Bundesumweltministerium. Bereits 1978

verabschiedete die aus Vertretern verschiedener

gesellschaftlicher Gruppen zusammengesetzte

Jury Umweltzeichen die ersten sechs

Vergabegrundlagen. Heute tragen rund 10.000

Produkte und Dienstleistungen in 80 Produktkategorien

den Blauen Engel. Von dem Label

geht ein Anreiz aus, umwelt- und gesundheitsverträglichere

Produkte zu entwickeln.

Einige Anforderungen an emissionsarme Wandfarben, die

das Umweltzeichen RAL-UZ 102 tragen

RAL-UZ 102 kann auf Antrag des Herstellers erteilt werden, wenn folgende Voraussetzungen

erfüllt werden:

˘ besonders arm an Lösemitteln und Formaldehyd

˘ Anteil an Weichmachern unter 1 %

˘ Konservierungsstoffe auf ein Minimum begrenzt

˘ keine krebserzeugenden, erbgutverändernden, fortpflanzungsgefährdenden, sehr

giftigen und giftigen Stoffe zugesetzt

˘ individuelle Beratung für Allergiker wird angeboten

www.blauer-engel.de

107


6 „dicKe lUFt“ zU hAUse?

Die Kriterien werden vom Umweltbundesamt in Kooperation mit Herstellern,

Prüfinstituten, weiteren Fachleuten und Verbrauchervertretern erarbeitet.

Die Jury Umweltzeichen prüft und beschließt die Vergabegrundlagen.

Die Vergabe erfolgt durch RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und

Kennzeichnung e.V.

Auf der Grundlage der europäischen Bauproduktenrichtlinie (89/106/EWG)

und den Vorschriften des deutschen Bauproduktengesetzes dürfen Bauprodukte,

zu denen beispielsweise Gips-Karton- und Spanplatten, Bodenbeläge,

Wandfarben und vieles mehr gehören, nur dann verwendet werden, wenn

von ihnen keine gesundheitlichen Risiken ausgehen. Der Ausschuss für die

gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten (AgBB) hat 1997 ein Schema

zur Bewertung der Emissionen flüchtiger und schwer flüchtiger organischer

Verbindungen erarbeitet (mehr dazu unter www.umweltbundesamt.de,

Suchbegriff AgBB). Nur wenn die Anforderungen nach dem AgBB-Schema

erfüllt werden, soll ein neu auf den Markt gelangendes Produkt künftig die

Zulassung erhalten. Für Bodenbeläge wurden die AgBB-Prüfkriterien bereits

eingeführt. Andere Bauprodukte folgen. Die Anforderungen sollen gewährleisten,

dass die neu auf den Markt kommenden Bauprodukte frei von Gesundheitsgefährdungen

für die Bewohner sind.

108


Das AgBB-Schema ist Bestandteil der Grundsätze zur gesundheitlichen Bewertung

von Bauprodukten in Innenräumen, die dem Deutschen Institut

für Bautechnik als Beurteilungsgrundlage für die Erteilung allgemeiner bauaufsichtlicher

Zulassungen dienen. Zugelassene Produkte tragen das Übereinstimmungszeichen

(Ü-Zeichen). An dem zusätzlichen Hinweis Emissionsgeprüft

nach DIBt-Grundsätzen ist zu erkennen, dass eine Untersuchung

nach dem AgBB-Schema erfolgt ist.

Ein weiterer rechtlicher Rahmen wird durch das neue europäische Regelwerk

REACH geschaffen (siehe Kapitel 2 Chemikaliensicherheit). Durch

REACH wird der Kenntnisstand über für Gesundheit und Umwelt schädliche

Stoffe verbessert, von denen mehr als eine Tonne pro Jahr von einem Hersteller

produziert und in Verkehr gebracht wird. Das wird sich langfristig positiv

auf den Gesundheits- und Umweltschutz verbrauchernaher Produkte auswirken.

109


KlimAwAndel —

wiR tUn wAs

110


111


7 KlimAwAndel – wiR tUn wAs

Schmelzende Gletscher, längere Trockenperioden, stärkere Regenfälle und

zerstörerische Stürme sprechen nach Ansicht der meisten Klimaforscher eine

klare Sprache: Das Klima ändert sich weltweit. Auch Deutschland bleibt davon

nicht verschont. Die erwarteten schnellen Veränderungen des Klimas

gefährden die natürlichen Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen

und fordern voraussichtlich die Anpassungsfähigkeit vieler Arten heraus.

112

Was ist Klima?

Unter Klima werden für einen Ort oder eine Region die langjährigen Mittelwerte oder

prozentualen Häufigkeiten der registrierten Zustände des Wetters, einschließlich der

mittleren Tages-, Monats- und Jahresschwankungen, zusammengefasst, das wetter ist

also das Einzelereignis.

Durch Medienberichte über die wachsende Zahl von Unwetterkatastrophen

und über schmelzende Gletscher rückt der globale Klimawandel verstärkt in

das öffentliche Bewusstsein, und das Thema Umweltschutz wird für die Menschen

wieder wichtiger. Das ist das Ergebnis der Repräsentativumfrage „Umweltbewusstsein

in Deutschland“, die im Auftrag des Umweltbundesamtes

seit 1992 durchgeführt wird. Bei der Erhebung 2006 forderten zwei Drittel

der Befragten, dass Deutschland in der internationalen Klimaschutzpolitik

eine Vorreiterrolle übernehmen soll. Allerdings glaubte eine Mehrheit der

Befragten schon nicht mehr, dass die Folgen des Klimawandels noch bewältigt

werden können.

Für die Umweltpolitik ist der Klimawandel eine neue Herausforderung und

damit zugleich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb muss alles unternommen

werden, um das Ausmaß des Klimawandels zu begrenzen. Die

vorliegende Broschüre informiert an Beispielen über Klimaänderungen, die

wir schon jetzt beobachten können, über erste Anzeichen gesundheitlicher

Risiken und über Anpassungsmaßnahmen, die in vielen Fällen bereits zur

Verfügung stehen.


7.1 Globale erwärmung steigt

An dem natürlichen Treibhauseffekt sind die Sonneneinstrahlung und so genannte

Klima- oder Treibhausgase beteiligt. Dazu gehören Wasserdampf

und atmosphärische Spurengase wie Kohlendioxid, Distickstoffoxid (Lachgas),

Methan und Ozon, die den Erdball wie einen Schutzschild umgeben

und verhindern, dass die von der Erde kommende Wärme ins All entweicht.

Dadurch herrscht auf unserem Planeten eine durchschnittliche Temperatur

von 15 Grad Celsius. Sonst wäre es um etwa 33 Grad Celsius kälter und Leben

wäre nicht möglich.

Menschliche Aktivitäten, auch als anthropogen bezeichnet, führen zu zusätzlicher

Freisetzung von Treibhausgasen, insbesondere Kohlendioxid. Sie verstärken

den natürlichen Treibhauseffekt.

Seit 1861, dem Beginn der systematischen meteorologischen Aufzeichnungen,

wird weltweit eine Erwärmung im globalen Mittel um etwa 0,7 Grad

Celsius beobachtet. Mit der Temperaturerhöhung ging auch eine Änderung

der Niederschlagstätigkeit einher. So erhöhten sich in Nordeuropa die Niederschläge

um 10 bis 40 Prozent, während einige Gebiete Südeuropas um bis

zu 20 Prozent trockener wurden. Weltweit stieg der Meeresspiegel in den

letzten 100 Jahren um 10 bis 20 Zentimeter.

Der Klimawandel veranlasste die Vereinten Nationen 1988, den Klimarat,

kurz IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), einzuberufen. Er

hat unter anderem die Aufgabe, die Auswirkungen des Klimawandels auf

sozioökonomische und ökologische Systeme abzuschätzen und Maßnahmen

zur Eindämmung des Klimawandels vorzuschlagen.

Klimawandel in europa

Auch in Europa sind bereits Folgen des Klimawandels erkennbar. Sie werden

in der 2004 von der Europäischen Umweltagentur unter dem Titel

„Impacts of Europe’s changing climate. An indicator-based assessment“ veröffentlichten

Studie, an der auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

aus Deutschland mitgearbeitet haben, zusammengestellt und analysiert.

Darüber hinaus zeigt die Studie, wie auch der 2007 veröffentlichte Sachstandsbericht

des Weltklimarates (IPCC), mögliche künftige Veränderungen

mit seinen nachteiligen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft auf.

113


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

114

Einige Beispiele aus der Studie „Impacts of Europe’s

changing climate. An indicator-based assessment“

Klima: Extreme Wetterereignisse, wie Stürme, Hitzewellen und Überschwemmungen,

haben zugenommen, während die Anzahl der Frosttage zurückgegangen ist.

menschliche Gesundheit: In den letzten zehn Jahren haben die nachteiligen Wirkungen

von Hitzewellen und Überschwemmungen sowie durch von Zecken übertragene Krankheiten

zugenommen.

Gletscher: Die Alpen verloren ein Drittel der mit Gletschern bedeckten Fläche. Der zur

Gletscherbildung beitragende Schneefall ist an Umfang und Dauer zurückgegangen.

terrestrische (auf dem Festland befindliche) systeme und biodiversität: Die Dauer

der Vegetationsperiode hat sich 1962 bis 1995 um zehn Tage verlängert. Verschiedene

Zugvögel überwintern. Durch die Einwanderung von Pflanzen in nördliche Regionen hat

sich die Artenvielfalt in Nordwesteuropa erhöht, während sie in anderen Teilen Europas

zurückging.

marine systeme: Die steigende Wassertemperatur in der Nord- und Ostsee hat in Verbindung

mit einem Nährstoffeintrag über Flüsse und Abwassereinleitungen zu einer erhöhten

Biomasseproduktion von Phytoplankton und zu einer Nordwärtswanderung von Zooplankton

geführt.

Klimawandel in deutschland

In Deutschland sind ebenso deutliche Klimaänderungen sichtbar (mehr

dazu unter www.dwd.de). Seit 1901 sind die Jahresmitteltemperaturen um

0,9 Grad Celsius gestiegen (siehe Abbildung 7-1). Das lag besonders an den

häufig sehr warmen Sommermonaten seit 1990, die ihren bisherigen Spitzenwert

im „Jahrhundertsommer“ 2003 fanden. Aber auch die Winter waren

seit 1990 öfter milde.

Die jährlichen Niederschlagshöhen zeigen seit 1901 ebenfalls einen leichten

Anstieg. Dies ist besonders auf eine Zunahme der Winterniederschläge

zurückzuführen.


Erste Wirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt sind zu erkennen. Beispielsweise

blühen Schneeglöckchen und Apfelbäume fast fünf Tage pro

Jahrzehnt früher. Die Aufenthaltsdauer vieler Singvögel liegt fast einen

Monat über der des Jahres 1970.

Inwieweit klimatische Veränderungen auch die Ausbreitung von Tieren, die

Infektionskrankheiten auf den Menschen übertragen können, begünstigt haben,

kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht mit Bestimmtheit beantwortet

werden. Aber es gibt erste Hinweise, dass sich beispielsweise Zecken,

Mücken und Mäuse in neue Gebiete ausbreiten (siehe dazu Abschnitt

Erste Anzeichen für gesundheitsschädliche Auswirkungen).

Für Deutschland gehen Risiken vor allem von Hochwasser, Stürmen und extremer

Trockenheit aus. Die Schäden durch extreme Wetterereignisse der

vergangenen zehn Jahre belaufen sich auf 16,5 Milliarden Euro, Tendenz

steigend.

Derzeit besitzen der Südwesten Deutschlands, die zentralen Teile Ostdeutschlands

und die Alpen die höchste Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel.

Gefährdet sind vor allem die menschliche Gesundheit und der regionale

Tourismus, der auf Wintersport setzt.

115


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

Starkniederschläge im Einzugsgebiet großer Flüsse führten in jüngster Vergangenheit

zu Hochwasser mit Überschwemmungen weiter Landstriche.

Tausende Menschen wurden obdachlos. Im Dezember 1993 und Januar 1995

wurden in kurzer Folge zwei Jahrhunderthochwasser des Mittel- und des

Niederrheins beobachtet. Das Oderhochwasser, auch als Oderflut bezeichnet,

trat im Juli und August 1997 auf. Die Elbe überflutete im August 2002

weite Teile in Tschechien und Deutschland. Ein weiteres Mal führte sie im

März und April 2006 Hochwasser. Die Marke der Jahrhundertflut von 2002

wurde an einigen Orten erreicht oder sogar übertroffen.

Bei Hochwasser bergen vor allem Heizöl- und Flüssiggastanks und auch chemische

Anlagen Risiken für die Gesundheit und die Umwelt. Auch mit der

Durchfeuchtung des Mauerwerkes können die Menschen noch lange, nachdem

die Überschwemmung wieder zurückgegangen ist, zu tun haben.

Denn die Feuchtigkeit begünstigt das Wachstum von Schimmelpilzen in der

Wohnung. Das schafft zusätzliche Probleme (siehe Kapitel 6 „Dicke Luft“ zu

Hause?).

116


7.2 erste Anzeichen für gesundheitsschädliche

Auswirkungen

Unser gesundheitliches Wohlbefinden ist von einer Reihe von Klimafaktoren

abhängig. Nicht nur bei wetterfühligen Menschen kann das Allgemeinbefinden

gestört sein, wenn Wetteränderungen bevorstehen. Vielen sind die

Anpassungsschwierigkeiten bei mit Klimawechsel verbundenen Urlaubsaufenthalten

bekannt, insbesondere dann, wenn sie mit einem schnellen Temperaturwechsel

verbunden sind. Die Umstellung kann beispielsweise mit

Schlaflosigkeit oder Kopfschmerzen verbunden sein.

Auf diese „normalen“ gesundheitlichen Auswirkungen von Wetterumschwung

und Klimawechsel soll hier nicht weiter eingegangen werden. Im

Mittelpunkt stehen solche gesundheitlichen Auswirkungen, für die es Hinweise

gibt, dass sie mit der Klimaerwärmung in Deutschland in Verbindung

stehen.

extremwetterereignisse

Extremwetterereignisse haben direkte Folgen für die menschliche Gesundheit.

Sie können zu Verletzungen und Erkrankungen, unter Umständen mit

Todesfolge führen. Ein anschauliches Beispiel ist die Hitzewelle 2003. Hochrechnungen

zufolge kam es in Deutschland zu ca. 7.000 zusätzlichen Todesfällen

durch Herzinfarkt, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der

Nieren und der Atemwege. Dies sind mehr Personen als jährlich durch Verkehrsunfälle

sterben.

Der Oberrheingraben von der schweizerischen Grenze bis nach Frankfurt gehört

in Deutschland zu den wärmsten Regionen. Aber auch andere Gegenden

mit großstädtischen Ballungsräumen – besonders in Kessellagen – sind

gefährdet. Zu den thermischen Effekten kommen hier im Vergleich zu ländlichen

Gebieten auch noch gesundheitsschädliche Luftschadstoffe hinzu. Vor

allem ältere Menschen sind gefährdet, die meist zu wenig trinken, und Menschen

mit Vorerkrankungen, wie Zuckerkrankheit oder Herz-Kreislauferkrankungen.

117


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

Verbreitung von Krankheitserregern und Allergien

Während ein Zusammenhang zwischen Extremwetterereignissen und gesundheitlichen

Beeinträchtigungen auch für Laien erkennbar ist, ist dies bei

den indirekten gesundheitlichen Wirkungen der Klimaerwärmung auch für

Experten schon schwieriger. Dabei geht es um die Verbreitung von Krankheitserregern

und um das vermehrte Auftreten von Pflanzen, die Allergien

auslösen können.

Das Klima ist nicht nur für das Überleben und die Verbreitung von Krankheitserregern

mitverantwortlich, sondern auch für die Verbreitung von

bestimmten Wirtstieren, die eine ständige Quelle von Krankheitserregern

darstellen (Erregerreservoir) sowie von Mücken und Zecken, die die Krankheitserreger

von dem infizierten Wirtstier auf den Menschen übertragen. Sie

werden als Überträger oder Vektoren bezeichnet.

Mit dem Klimawandel steigt das Risiko, dass neue und teilweise gefährliche

Krankheiten in Deutschland heimisch werden. Im Freiland lebende Überträger

und Wirtstiere werden über globale Transportwege nach Deutschland

und Europa eingeschleppt. Treffen Mücken oder Zecken am Ankunftsort auf

für sie passende klimatische Bedingungen, Biotope und Wirte, so können sie

sich hier vermehren und verbreiten. Darüber hinaus begünstigen Extremereignisse,

wie Überschwemmungen oder starke Niederschläge, die Ausbreitung

bekannter und neuer Stechmückenarten.

Die Schildzecke, auch gemeiner Holzbock genannt (Ixodes ricinus, siehe

Bild), ist Überträger der Lyme-Borreliose und der Frühsommer-Meningo-Enzephalitis

(FSME). Die Schildzecke nimmt den Krankheitserreger während einer

Blutmahlzeit bei einem infizierten Wirt auf. In Europa sind das meist Nagetiere,

Reh- und Rotwild, bei der FSME auch Vögel.

Zecken lieben es warm und feucht. Typische Lebensräume sind hohes Gras

und lichte Laubwälder mit Büschen, wo sie von ihren Wirten als so genannte

„Wegelagerer“ von Blättern und Zweigen abgestreift werden. Die häufig auftretende

Meinung, dass sich Zecken von Bäumen oder Sträuchern auf Menschen

oder Tiere herabfallen lassen, ist dagegen ein Irrglaube. Einmal auf

einem menschlichen Körper angelangt, sucht sich die Zecke meistens einen

feuchten Ort zum Blutsaugen, wie Achselhöhlen oder Kniekehlen.

118


Die Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Infektionskrankheit. In den gemäßigten

Klimazonen, zu denen große Teile Europas gehören, ist sie die am

häufigsten durch Zecken übertragene Infektionskrankheit. Eine Übertragung

von Mensch zu Mensch erfolgt nicht. Antibiotika helfen in der Frühphase,

eine Impfung gibt es jedoch noch nicht.

Die Bakterien können jedes Organ, das Nervensystem und die Gelenke befallen.

Die Symptome sind daher sehr vielfältig, das macht die Diagnose

so schwierig. Eines der wenigen charakteristischen Symptome ist die Wanderröte

(Erythema migrans), die von Abgeschlagenheit, Fieber- und Kopfschmerzen

begleitet sein kann. Die Hautrötung kann einige Tage bis Wochen

nach einem Zeckenstich rund um die Einstichstelle beobachtet werden.

Sie tritt aber nicht bei allen Patienten auf. Im weiteren Verlauf können

Schmerzen, Hirnhautentzündung, Herzbeschwerden und im Spätstadium Gelenkentzündungen

auftreten.

Obwohl das Infektionsschutzgesetz, das seit 2001 in Kraft ist, keine Meldepflicht

für die Lyme-Borreliose vorsieht, haben sich die ostdeutschen Bundesländer,

einschließlich Berlin, zu einer Ausweitung der Meldepflicht auf Borreliose

entschlossen.

119


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

Erkrankungsdaten liegen seit 2002 vor. Bis 2007 wurden dem Robert Koch-

Institut, das für die bundesweite Erfassung von meldepflichtigen Erkrankungen

zuständig ist, 29.110 Erkrankungsfälle übermittelt.

Die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, auch FSME, ist eine Viruserkrankung,

die vor allem in Mittel- und Osteuropa, Russland und Asien verbreitet

ist. Eine Therapie gibt es nicht, aber es ist ein wirksamer Impfstoff verfügbar.

Die FSME tritt, wie es der Name sagt, im Frühjahr und Sommer auf.

Ein Großteil der Infektionen verläuft stumm, das heißt ohne irgendwelche

Krankheitszeichen. Erkrankte Personen sind nicht ansteckend. Bei einem

Drittel der Infizierten treten grippale Symptome auf, die meist wieder abklingen.

In einigen Fällen kann es allerdings zur Beteiligung des zentralen

Nervensystems mit einer Hirnhaut- und Gehirnentzündung kommen. Je älter

die infizierte Person ist, umso schlimmer kann die FSME verlaufen und unter

Umständen auch tödlich enden. Seit 2001 besteht Meldepflicht bei Virusnachweis.

Dadurch stehen bundesweit Erkrankungsdaten zur Verfügung.

Von 2001 bis 2007 wurden dem Robert Koch-Institut 1.479 Erkrankungen gemeldet.

Weitere Viren machen von sich Reden: die Hantaviren. Sie sind weltweit

verbreitet. In Europa verursachen sie leichte bis schwere Nierenerkrankungen.

Die wichtigste Infektionsquelle ist in Deutschland die meist im Wald lebende

Rötelmaus. Die Viren, die sie mit Speichel und Exkrementen ausscheidet,

gelangen in den Staub. Wird dieser beim Wandern oder auch durch

Reinigungs- und Aufräumarbeiten in Schuppen oder auf Dachböden, wohin

sich die Mäuse gelegentlich zurückziehen, aufgewirbelt, gelangen die Krankheitserreger

mit dem Staub über die Atemwege in den menschlichen Körper.

Die meisten Infektionen bleiben unbemerkt oder verlaufen als fiebrige Erkrankung

ohne auffällige Symptome – doch die Zahl der bekannt gewordenen

Krankheitsfälle mit Nierensymptomen ist in den letzten Jahren deutlich

angestiegen. Eine spezifische Therapie oder Impfung gibt es noch nicht. Der

Erregernachweis ist in Deutschland seit 2001 meldepflichtig. Mit 1.687 gemeldeten

Fällen gehörten Hantavirus-Infektionen im Jahr 2007 zu den fünf

häufigsten meldepflichtigen Viruserkrankungen in Deutschland. Besonders

im Süden und Westen Deutschlands traten Krankheitshäufungen auf, während

im Norden die üblichen Einzelfälle gemeldet wurden. Die Ausbrüche

gingen mit einer ausgeprägten Zunahme der Population der Rötelmaus

einher. Der Virusnachweis bei vielen Rötelmäusen bestätigte einen hohen

Durchseuchungsgrad.

120


Weder bei der Lyme-Borreliose noch bei der FSME sind die Gründe für den

beobachteten Anstieg bekannt. Sicherlich sind ein verbessertes Meldeverhalten

der behandelnden Ärzte und gewachsene Aufmerksamkeit betroffener

Personen bedeutsam. Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass

milde Winter die Überlebenschance sowie wärmere Temperaturen und erhöhte

Feuchtigkeit allgemein die Lebensbedingungen für Zecken und Wirtstiere

verbessert haben könnten. So wurde zum Beispiel die Zunahme der

Populationsdichte bei Rötelmäusen durch das gute Nahrungsangebot an

Bucheckern im Herbst 2006 und den milden Winter 2006/2007 begünstigt.

Allergische Erkrankungen nehmen immer mehr zu. Nach dem Gesundheitssurvey,

der 2003/2004 vom Robert Koch-Institut durchgeführt wurde,

leiden 17 Prozent der Ostdeutschen und 22 Prozent der Westdeutschen an

einer Pollenallergie. Die Verlängerung der Vegetationsperiode hat sich

auch auf die Pollensaison ausgewirkt und die Leidensperiode der Betroffenen

ebenso verlängert. Eine Auswertung aller Pollenflugdaten der Jahre

2000 bis 2007 zeigt für Deutschland, dass im Vergleich zu den vergangenen

Jahren der Pollenflug heutzutage nicht nur früher auftritt (zum Beispiel

Baumpollen), sondern auch länger dauert (zum Beispiel Kräuterpollen) (siehe

Abbildung 7-2).

121


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

In den letzten Jahren kam eine neue Pflanze – die beifußblättrige Ambrosia,

auch Traubenkraut genannt – hinzu. Sie blüht im Spätsommer. Ihre Pollen

zählen zu den stärksten Allergie-Auslösern. Sie können zu schweren heuschnupfenartigen

Symptomen oder zu Asthma führen. Bei sensibilisierten

Personen kann durch Berührung der Blätter eine Kontaktallergie entstehen.

Gegenwärtig ist in Deutschland noch wenig über das Ausmaß der durch Ambrosia

verursachten Allergien bekannt. Die Pflanze stammt aus Nordamerika

und breitet sich in weiten Teilen Europas und zunehmend auch in Deutschland

rasch aus. Möglicherweise stecken dahinter günstiger gewordene klimatische

Bedingungen. Eingeschleppt wurde die Pflanze vorwiegend in verunreinigtem

importiertem Vogelfutter. Solche eingewanderten Pflanzen

werden auch als Neophyten bezeichnet.

122


Eine vermehrte Belastung von Gewässern durch Blaualgen (Cyanobakterien)

kann sich nachteilig auf die Trinkwassergewinnung und die Aufbereitungskosten

auswirken sowie die Qualität der Badegewässer einschränken. Blaualgen

bilden Toxine und Allergene, daher kann der äußerliche Kontakt mit

verunreinigtem Wasser zu Hautausschlag und Bindehautentzündung führen.

Wird das Wasser getrunken, so können Magen- und Darmstörungen sowie

bei langandauernder Aufnahme eine Leberschädigung die Folge sein. Im

Hitzesommer 2003 wurden an der Ostsee wegen vermehrter Blaualgenblüte

zahlreiche Strände gesperrt.

Einige bakterielle Krankheitserreger, wie zum Beispiel Salmonellen, die auf

ein optimales Wachstum bei 37 Grad Celsius eingestellt sind, finden bei höheren

Außentemperaturen „Brutschrankbedingungen“ vor und vermehren

sich in Lebensmitteln wesentlich besser. Dies erklärt neben anderen Faktoren

den beobachteten Zusammenhang zwischen erhöhter Außentemperatur und

dem Anstieg der Erkrankungszahlen an häufig mit Brechdurchfall einhergehender

Salmonellose beim Menschen.

123


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

7.3 maßnahmen zum schutz der Gesundheit

Um die menschliche Gesundheit zu schützen und wirtschaftliche Schäden

gering zu halten, ist es dringend erforderlich, sich bereits heute auf Klimaveränderungen

einzustellen. Einige Maßnahmen sind bereits etabliert, andere

sind noch zu entwickeln.

beispiele für bereits eingeleitete maßnahmen

Die Hitzewelle 2003 wurde zum Anlass genommen, ein Hitzewarnsystem

beim Deutschen Wetterdienst einzurichten (www.dwd.de/hitzewarnung). Es

informiert die Bundesländer über bevorstehende Hitzeperioden, damit sich

beispielsweise das Gesundheitswesen rechtzeitig durch verstärkte Bereitschaftsdienste

darauf einstellen kann. Zu den besonders gefährdeten Personen

gehören ältere, pflegebedürftige oder kranke Menschen sowie Säuglinge

und Kleinkinder. Das Augenmerk richtet sich daher auch auf Krankenhäuser,

Senioren- und Pflegeheime sowie auf Schulen und Kindertagesstätten.

Das Umweltbundesamt und verschiedene Bundesländer haben zur Aufklärung

der Bevölkerung Informationsmaterialien veröffentlicht. Das vom

Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst erarbeitete

Hintergrundpapier „Klimawandel und Gesundheit“ beispielsweise gibt Privatpersonen

Tipps und Empfehlungen für Verhaltensweisen bei Hitze oder

Hitzewellen.

124

Was kann der Einzelne bei Hitze tun?

˘ Beschränkung der Aktivität im Freien

˘ Vermeidung körperlicher Anstrengungen (auch Sport)

˘ Aufenthalt im Schatten

˘ Ausreichende Flüssigkeitszufuhr

˘ Meiden von Alkohol und sehr kalten Getränken

˘ Aufenthalt in möglichst kühlen Räumen

˘ Nachts und morgens lüften, Räume tagsüber mit Rollläden und Vorhängen abdunkeln


Besonders gefährdet durch die von Zecken übertragenen Infektionskrankheiten

Lyme-Borreliose und FSME sind Forstarbeiter und Personen, die sich

in ihrer Freizeit beim Wandern oder Pilze- und Beerensammeln in Wald-

und Wiesengebieten aufhalten. Anpassungs- und Vorsorgemaßnahmen sind

bisher relativ beschränkt. Tipps zur Vorbeugung gibt zentral das Robert-

Koch-Institut heraus. In Hochrisikogebieten veröffentlichen auch Landes-

oder Kommunalgesundheitsbehörden regelmäßig Warnungen und Verhaltensregeln.

In Gebieten mit hohem FSME-Risiko gehört die Empfehlung einer

Impfung dazu.

Wie kann der Einzelne sich vor Zeckenstichen schützen?

˘ Tragen geschlossener Kleidung

˘ Nach Aufenthalt im Freien (vor allem in Gebieten, wo Zecken vermehrt vorkommen

könnten) den Körper absuchen

˘ Cremes oder Sprays mit Duftstoffen auf Haut und Kleidung zum Abschrecken der

Zecken anwenden

˘ Hinweise beachten, in welchen Gebieten und zu welchen Jahreszeiten Personen besonders

gegenüber infizierten Zecken oder anderen Gliedertieren gefährdet sein

können.

Durch Ambrosia drohen nicht nur Gefahren für die Gesundheit, sondern

auch für die Landwirtschaft (Unkraut mit erheblicher Schadenswirkung) und

für den Naturschutz (Verdrängung heimischer Pflanzen). Die 2007 am Julius-Kühn-Institut

eingerichtete interdisziplinäre Arbeitsgruppe untersucht

die Folgen der Ausbreitung und koordiniert das bundesweite Aktionsprogramm

Ambrosia. Der Gesundheitsschutz profitiert unmittelbar davon, da

durch Beobachtungen auch der Pollenflug erfasst wird (mehr dazu unter

www.jki.bund.de/ambrosia).

125


7 KlimAwAndel - wiR tUn wAs

Das Aktionsprogramm Ambrosiabekämpfung in Bayern des Bayerischen

Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz sieht unter

anderem vor, dass Pflanzen noch vor der Blüte zu vernichten sind, um

die Pollenemissionen sowie die Ausbreitung der eingewanderten Ambrosia

zu minimieren (http://www.lzg-bayern.de/aktuell_wgt.htm). Eine Maßnahme,

die gegebenenfalls bundesweit Anwendung finden könnte.

Wird Ambrosia im heimischen Garten entdeckt, dürfen die Pflanzen nicht

über die Biotonne entsorgt werden. Um ihre weitere Verbreitung zu verhindern,

sollten sie – vor der Blüte! – dem Restmüll zugeführt werden.

entwicklung einer deutschen Anpassungsstrategie

Die Bundesregierung hat 2005 die Entwicklung eines nationalen Konzeptes

zur Anpassung an den Klimawandel, die Deutsche Anpassungsstrategie, beschlossen.

Diese wird zurzeit von den Bundesministerien unter der Federführung

des Bundesumweltministeriums und in enger Zusammenarbeit mit den

Ländern erarbeitet. Unterstützung leistet dabei das Kompetenzzentrum Klimafolgen

und Anpassung (KomPass, http://www.anpassung.net).

Dabei geht es unter anderem darum, klimabedingte nationale und regionale

Anfälligkeiten zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zum Schutz

der Menschen und der Umwelt zu erarbeiten. Diese erstrecken sich beispielsweise

auf das Gesundheitswesen, den Hochwasserschutz und die Stadt- und

Landschaftsplanung, für die im Folgenden beispielhaft mögliche Anpassungsmaßnahmen

erläutert werden.

Zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes ist neben den bereits eingeleiteten

Maßnahmen auch die Überwachung der klimabedingten Ausbreitung

von Krankheiten auszubauen. Gegenwärtig fehlen Kenntnisse über Art und

Verbreitung der Vektoren und Wirtstiere. Sie sind aber notwendig für Risikoanalysen

und für die Ableitung von geeigneten Gegenmaßnahmen. Ein

wichtiger Beitrag wird daher von einer mit Mitteln des Bundesumweltministeriums

durchgeführten Studie erwartet, die die Auswirkungen des Klimas

auf Vorkommen und Verbreitung krankheitsübertragender Schildzecken in

Deutschland untersucht. Die Ergebnisse werden voraussichtlich 2011/2012

vorliegen.

Jüngste Hochwasserereignisse in Deutschland und Europa haben gezeigt,

dass der Hochwasserschutz verbesserungswürdig ist. Das betrifft zum Bei-

126


spiel den Erhalt der Deiche oder die Erweiterung der Überschwemmungsflächen,

die den Flüssen in den vergangenen Jahrhunderten durch flussnahe

Eindeichungen abgeschnitten wurden.

Bei der Entwicklung neuer Konzepte der Stadt- und Landschaftsplanung

sollten sich Großstädte an bevorstehende Hitzewellen anpassen und für innerstädtische

Frischluftzufuhr Sorge tragen, gegebenenfalls durch Frischluftschneisen

oder durch Vegetationszonen, wie Parks und Grünflächen.

Bei Gebäuden ist für ausreichende Isolation zu sorgen, um eine Aufheizung

der Innenräume bei Hitze zu verhindern. Ansonsten könnten vermehrt

Schadstoffe aus Bauprodukten und Inventar in die Raumluft ausgasen. Dem

kommen die von der Energieeinsparverordnung ausgelösten Sanierungen

im Hinblick auf eine verbesserte Wärmedämmung ebenso wie die in diesem

Zusammenhang diskutierten lüftungstechnischen Verbesserungen entgegen

(siehe Kapitel 6 „Dicke Luft“ zu Hause?).

Die vorhergesagten Klimafolgen, wie auch die jüngsten Hochwasserereignisse

in Europa, haben die Notwendigkeit aufgezeigt, den Handlungsschwerpunkt

von der akuten Katastrophenhilfe hin zu einem langfristigen Risikomanagement

zu verschieben. In der Arbeitsgruppe Klimawandel und

Bevölkerungsschutz arbeiten seit 2007 Umweltbundesamt, Deutscher Wetterdienst,

Technisches Hilfswerk und Bundesamt für Bevölkerungsschutz und

Katastrophenhilfe zusammen, um für bevölkerungs- und katastrophenschutzrelevante

Extremereignisse durch klimatische Veränderungen gerüstet zu sein.

127


AnhAnG

Glossar

AgBB Ausschuss für die gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten;

1997 von der Länderarbeitsgruppe Umweltbezogener

Gesundheitsschutz (LAUG) und der Arbeitsgemeinschaft

der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) gegründet;

Geschäftsstelle beim Y UBA

AgBB-Schema Die ausführliche Bezeichnung lautet: „Vorgehensweise bei

der gesundheitlichen Bewertung von flüchtigen organischen

Verbindungen (VOC) aus Bauprodukten“; die Notifizierung

erfolgte im Jahr 2005; es ist Bestandteil der „Grundsätze für

die gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten in Innenräumen“,

die die Basis für die Zulassung von Bauprodukten

durch das dafür zuständige Deutsche Institut für Bautechnik

sind; zugelassene Produkte erhalten das Übereinstimmungszeichen

(Ü-Zeichen) mit dem zusätzlichen Hinweis „Emissionsgeprüft

nach DIBt-Grundsätzen“

APUG Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit; Geschäftsstelle

im Y UBA; das APUG wurde der Öffentlichkeit 1999 vom

Y BMU und Y BMG vorgestellt; seit 2002 wirkt auch das Y

BMELV mit; die beteiligten Bundesoberbehörden sind das

Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das Bundesinstitut für

Risikobewertung (Y BfR), das Robert Koch-Institut (Y RKI)

und das Umweltbundesamt (Y UBA)

BAuA Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Behörde

im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Arbeit

und Soziales

BfR Bundesinstitut für Risikobewertung; Bundesoberbehörde im

Geschäftsbereich des Y BMELV

Biozide Biozidhaltige Produkte sind gemäß Definition des Biozidgesetzes

dazu bestimmt, auf chemischem oder biologischem

Wege Schadorganismen zu zerstören, abzuschrecken, unschädlich

zu machen, Schädigungen durch sie zu verhindern

oder sie in anderer Weise zu bekämpfen. Biozide sind

auch in Pflanzenschutzmitteln enthalten. Sie fallen dann in

den Geltungsbereich des Pflanzenschutzgesetzes.

BImSchG Bundes-Immissionsschutzgesetz, die vollständige Bezeichnung

lautet „Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen

durch Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen

und ähnliche Vorgänge“ (siehe auch Y BImSchV);

128


1974 verabschiedet und seither in zahlreichen Änderungen

den aktuellen Erfordernissen angepasst

BImSchV Bundesimmissionsschutzverordnung; in den zum Y BImSchG

erlassenen Verordnungen sind unter anderem Y Grenzwerte

für Luftverunreinigungen, Geräusche, Erschütterungen und

Umwelteinwirkungen festgelegt

BMG Bundesministerium für Gesundheit

BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und

Reaktorsicherheit

BMELV Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und

Verbraucherschutz

BVL Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit;

Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Y BMELV

DDT Dichlordiphenyltrichlorethan, ein Schädlingsbekämpfungsmittel;

als Pflanzenschutzmittel seit 1972 in der Bundesrepublik

verboten; bis 1989 in der DDR mit Anwendungsbeschränkungen

in der Landwirtschaft eingesetzt; DDT ist in der Umwelt

schwer abbaubar und reichert sich in der Nahrungskette

an; steht auf der Liste der Y POPs und darf nur noch zur

Malariabekämpfung verwendet werden

Dioxin äquivalente Um die Giftigkeit (Toxizität) der Dioxin-PCB-Gemische einzustufen,

werden den Y Dioxinen und dioxinähnlichen Y PCB

von der Y WHO festgesetzte Toxizitätsäquivalentfaktoren

(TEF) zugeordnet, die diese Verbindungen gemäß ihrer Toxizität

einstufen. Die Toxizität des giftigsten bekannten Dioxins

Y TCDD wird mit 1 bewertet. Die anderen Dioxine sind im

Verhältnis zu TCDD weniger giftig und erhalten deshalb niedrigere

Werte. Die in einer Lebensmittel- oder Umweltprobe

gemessenen Dioxine und dioxinähnlichen PCB werden als

Dioxinäquivalente (WHO-PCDD/F-TEQ und WHO-PCB-TEQ) zu

einem Wert – dem Gesamt-Dioxinäquivalent (WHO-PCDD/F-

PCB-TEQ) – zusammengefasst und mit WHO-TEQ abgekürzt.

Dioxine Kurzbezeichnung für polychlorierte Dibenzodioxine und -furane;

diese toxischen Verbindungen entstehen unbeabsichtigt

beim Herstellungsprozess anderer Substanzen und bei unvollständiger

Verbrennung; sie gelangen mit Abgas oder Abwasser

in die Umwelt, sind schwer abbaubar und reichern sich in

der Nahrungskette an (siehe auch Y TCDD); stehen auf der

Liste der Y POPs; die Giftigkeit wird in Y Dioxinäquivalenten

angegeben

DWD Deutscher Wetterdienst, Anstalt im Geschäftsbereich des Bundesministeriums

für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Exposition Ausgesetztsein des Organismus gegenüber in Häufigkeit und

Intensität unterschiedlichen krankheitsfördernden Y Noxen

(Schadstoffe, Lärm, Krankheitserreger, Strahlen)

129


GlossAR

EG Europäische Gemeinschaft; hat den Begriff EWG (Europäische

Wirtschaftsgemeinschaft) abgelöst

EU Europäische Union

Europäische

Kommission

130

Im politischen System der Europäischen Union die Exekutive

und als solche für die Umsetzung der Beschlüsse von Ministerrat

und Parlament zuständig

Grenzwert Gesetzlich festgelegter Wert, der nicht überschritten werden

darf (im Lebensmittelrecht auch als Höchstmenge oder Y

Höchstgehalt bezeichnet)

Höchstgehalt Gesetzlich festgelegter Wert für Umweltkontaminanten und

andere unerwünschte Stoffe in Lebensmitteln; der Wert darf

nicht überschritten werden (siehe auch Y Grenzwert)

JKI Julius-Kühn-Institut, zusätzliche Bezeichnung für das Bundesforschungsinstitut

für Kulturpflanzen im Geschäftsbereich

des Y BMELV

Kanzerogenität Krebserzeugende Eigenschaft eines Stoffes; nach der europäischen

Y Richtlinie 67/548/EWG werden drei Kategorien

unterschieden (stark gekürzte Definitionen):

• Stoffe der Kategorie 1 wirken beim Menschen bekanntermaßen

krebserzeugend

• Stoffe der Kategorie 2 sollten für den Menschen als krebserzeugend

angesehen werden, da hinreichende Anhaltspunkte

aus geeigneten Tierversuchen und sonstigen relevanten Informationen

bestehen

• Stoffe der Kategorie 3 geben wegen möglicher krebserzeugender

Wirkung beim Menschen Anlass zur Besorgnis;

aus geeigneten Tierversuchen liegen einige Anhaltspunkte

vor, die jedoch nicht ausreichen, um den Stoff in Kategorie 2

einzustufen

Kontamination Verunreinigung von Luft, Lebensmitteln oder Trinkwasser,

Boden, Oberflächen- und Grundwasser mit unerwünschten

Stoffen

Mutagenität Erbgutverändernde Eigenschaft eines Stoffes; er kann zu

vererbbaren genetischen Schäden führen; nach der europäischen

Y Richtlinie 67/548/EWG werden drei Kategorien

unterschieden (stark gekürzte Definitionen):

• Stoffe der Kategorie 1 wirken beim Menschen bekanntermaßen

erbgutverändernd

• Stoffe der Kategorie 2 sollten für den Menschen als erbgutverändernd

angesehen werden, da hinreichende Anhaltspunkte

aus geeigneten Tierversuchen und sonstigen relevanten

Informationen bestehen

• Stoffe der Kategorie 3 geben wegen möglicher erbgutverändernder

Wirkungen auf den Menschen Anlass zur Besorg-


nis; aus geeigneten Mutagenitätsversuchen liegen einige

Anhaltspunkte vor, die jedoch nicht ausreichen, um den

Stoff in Kategorie 2 einzustufen

Noxe Krankheits- oder Schädigungsursache, die biologischer/

mikrobiologischer, chemischer oder physikalischer (zum

Beispiel Lärm) Natur sein kann

PCB Polychlorierte Biphenyle, ein technisches Gemisch von

Verbindungen mit unterschiedlichem Chlorierungsgrad

(Kongenere); in der Vergangenheit vielseitig eingesetzter

Werkstoff, der seit 1989 in Deutschland verboten ist; PCB

sind in der Umwelt schwer abbaubar und reichern sich in

der Nahrungskette an; stehen auf der Liste der Y POPs;

einige PCB-Kongenere verhalten sich in ihrer Giftigkeit wie

Y Dioxine und werden daher als dioxinähnliche PCB bezeichnet

POPs Persistent Organic Pollutants; englische Bezeichnung für

persistente organische Schadstoffe; mit dem Stockholmer

Übereinkommen, das im Mai 2004 in Kraft getreten ist

und von 156 Vertragsstaaten unterzeichnet wurde, werden

weltweit zunächst 12 der besonders gefährlichen POPs verboten;

dazu gehören eine Reihe von Pflanzenschutzmitteln,

Y PCB und Y Dioxine und Furane

REACH Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of

Chemicals; englische Bezeichnung für die Registrierung,

Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien;

es handelt sich um die EU-Chemikalienverordnung (EG) Nr.

1907/2006, die am 1. Juni 2007 in Kraft getreten ist und die

vorherige Chemikaliengesetzgebung in der Europäischen

Union vereinfacht und verbessert

Reproduktions-

toxizität

Fortpflanzungsgefährdende Eigenschaft eines Stoffes; nach

der europäischen Richtlinie 67/548/EWG werden drei Kategorien

unterschieden (stark gekürzte Definitionen):

• Stoffe der Kategorie 1 beeinträchtigen beim Menschen

bekanntermaßen die Fortpflanzungsfähigkeit (Fruchtbarkeit)

oder sie wirken beim Menschen bekanntermaßen

fruchtschädigend (entwicklungsschädigend)

• Stoffe der Kategorie 2 sollten als beeinträchtigend für

die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen oder fruchtschädigend

für den Menschen angesehen werden, da hinreichende

Anhaltspunkte aus eindeutigen tierexperimentellen

Nachweisen oder sonstigen relevanten Informationen bestehen

• Stoffe der Kategorie 3 geben wegen möglicher Beeinträchtigung

der Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen

oder wegen möglicher fruchtschädigender Wirkungen beim

Menschen Anlass zu Besorgnis, da jeweils hinreichende

131


GlossAR

Richtlinie

67/548/EWG

132

Anhaltspunkte für den starken Verdacht aus geeigneten Tierversuchen

oder sonstigen relevanten Informationen bestehen; die

Befunde reichen aber nicht für eine Einstufung des Stoffes in Kategorie

2 aus

Europäische Richtlinie zur Angleichung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften

für die Einstufung, Verpackung und Kennzeichnung

gefährlicher Stoffe vom 27. Juni 1967; inzwischen

gibt es mehrere Änderungen und Anpassungen; die derzeit

letzte Fortschreibungen von Einstufungen (Stand August 2008)

sind veröffentlicht in der Richtlinie 2004/73/EG der Kommission

vom 29. April 2004 zur neunundzwanzigsten Anpassung der

Richtlinie 67/548/EWG des Rates zur Angleichung der Rechtsund

Verwaltungsvorschriften für die Einstufung, Verpackung

und Kennzeichnung gefährlicher Stoffe an den technischen

Fortschritt

Richtwerte Haben im Unterschied zu Y Grenzwerten orientierenden Charakter;

die Richtwerte für Schadstoffe in der Innenraumluft sind

im Rahmen von Einzelstoffbetrachtungen toxikologisch begründet

und werden von der Ad-hoc-Arbeitsgruppe aus Mitgliedern

der Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) des Y UBA und

der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Gesundheitsbehörden

der Länder (AOLG) erarbeitet:

• Wird der Richtwert II (RW II) erreicht oder überschritten,

besteht unverzüglicher Handlungsbedarf – zum Beispiel im

Hinblick auf Sanierungsentscheidungen zur Verringerung der

Exposition, da diese Konzentration für empfindliche Personen

bei Daueraufenthalt in den Räumen eine gesundheitliche Gefährdung

darstellt

• Der Richtwert I (RW I) gibt die Konzentration eines Stoffes an,

bei der nach gegenwärtigem Kenntnisstand auch bei lebenslanger

Exposition keine gesundheitliche Beeinträchtigung zu

erwarten ist; eine Überschreitung ist mit einer über das übliche

Maß hinausgehenden, hygienisch unerwünschten Belastung

verbunden; aus Y Vorsorgegründen besteht auch im Konzentrationsbereich

zwischen RW I und RW II Handlungsbedarf;

der RW I wird vom RW II durch Einführen eines zusätzlichen

Faktors (in der Regel 10) abgeleitet; RW I kann als Sanierungszielwert

dienen, er soll nicht ausgeschöpft, sondern nach Möglichkeit

unterschritten werden


RKI Robert Koch-Institut; Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich

des Y BMG

SVOC Semi-Volatile Organic Compounds, englische Bezeichnung

für schwerflüchtige organische Verbindungen; sie haben

einen höheren Siedebereich als Y VOC; SVOC (Beispiel

Weichmacher) werden bei Zimmertemperatur in geringen

Konzentrationen über einen längeren Zeitraum freigesetzt

als VOC

TCDD Tetrachlordibenzo-p-dioxin; oft auch speziell für 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin

verwendet, Leitsubstanz der Y

Dioxine, die zugleich am giftigsten ist; sie wurde bei der Katastrophe

im italienischen Seveso 1976 freigesetzt und wird

seither umgangssprachlich als „Seveso-Dioxin“ bezeichnet

UBA Umweltbundesamt; Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich

des Y BMU

Umwelt-

kontaminanten

Ungewollte Verunreinigungen in Lebensmitteln, die aus

dem Boden, dem Wasser oder der Luft stammen; meist handelt

es sich um Schwermetalle und „langlebige“ (persistente)

chlororganische Verbindungen, die zum Beispiel durch industrielle

Prozesse in die Umwelt gelangen

VOC Volatile Organic Compounds, englische Bezeichnung für

organische Verbindungen; bei Zimmertemperatur werden

sie in höheren Konzentrationen als Y SVOC freigesetzt

WHO World Health Organization, englische Bezeichnung für

Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen

133


wichtige Adressen

Weitere Informationen sind von den aufgeführten Bundesministerien, Bundeseinrichtungen

und unter den aufgeführten Internetadressen erhältlich.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)

Dienstsitz Bonn: Robert-Schuman-Platz 3, 53175 Bonn

Telefon: 0228 99 305-0 Telefax: 0228 99 305-3225

Dienstsitz Berlin: Alexanderstraße 3, 10178 Berlin

Telefon: 030 18 305-0 Telefax: 030 18 305-4375

Internet: www.bmu.de E-Mail: service@bmu.bund.de

Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

Dienstsitz Bonn: Rochusstraße 1, 53123 Bonn

Telefon: 0228 99 441-0 Telefax: 0228 99 305-3225

Dienstsitz Berlin: Friedrichstraße 108, 10117 Berlin

Telefon: 030 18 305-0 Telefax: 030 18 305-4375

Internet: www.bmg.bund.de E-Mail: poststelle@bmg.bund.de

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft

(BMELV)

Dienstsitz Berlin: Mauerstr. 29-32, 10117 Berlin

Dienstsitz Bonn: Rochusstr. 1, 53123 Bonn

Telefon: 030/18529-0

Internet: www.bmelv.de E-Mail: Formular im Internet

Umweltbundesamt (UBA)

Wörlitzer Platz 1

06844 Dessau-Roßlau

Telefon: 0340 2103-0 Telefax: 0340 2103-2285

Internet: www.umweltbundesamt.de

E-Mail: info@umweltbundesamt.de

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

Thielallee 88–92

14195 Berlin

Telefon: 030 8412-0 Telefax: 030 8412-4741

Internet: www.bfr.bund.de E-Mail: poststelle@bfr.bund.de

134


Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Bundesallee 50, Gebäude 247

38116 Braunschweig

Telefon: 0531 21497-0 Telefax :0531 21497-299

Internet: www.bvl.bund.de E-Mail: poststelle@bvl.bund.de

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Friedrich-Henkel-Weg 1-25

44149 Dortmund

Telefon: 0231 9071-0 Telefax: 0231 9071-2454

Internet: www.baua.de E-Mail: poststelle@baua.bund.de

Bundesamt für Naturschutz (BfN)

Konstantinstraße 110

53179 Bonn

Telefon: 0228 8491-0 Telefax: 0228 8491-9999

Internet: www.bfn.de E-Mail: pbox-bfn@bfn.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Ostmerheimer Str. 220

51109 Köln

Telefon: 0221 8992-0 Telefax: 0221 8992-300

Internet: www.bzga.de E-Mail: poststelle@bzga.de

Deutscher Wetterdienst (DWD)

Frankfurter Straße 135

63067 Offenbach

Telefon: 069 80 62-0 Telefax: 069 80 62-4484

Internet: www.dwd.de E-Mail: info@dwd.de

Robert Koch-Institut (RKI)

Nordufer 20

13353 Berlin

Telefon: 030 18754-0 Telefax: 030 18754-2328

Internet: www.rki.de E-Mail: Formular im Internet

135


„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen

Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen …“

Grundgesetz, Artikel 20 a

BESTELLUNG VON PUBLIKATIONEN:

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)

Postfach 30 03 61

53183 Bonn

Tel.: 0228 99 305-33 55

Fax: 0228 99 305-33 56

E-Mail: bmu@broschuerenversand.de

Internet: www.bmu.de

Diese Publikation ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesministeriums für Umwelt,

Naturschutz und Reaktorsicherheit. Sie wird kostenlos abgegeben und ist nicht zum

Verkauf bestimmt. Gedruckt auf Recyclingpapier aus 100 % Altpapier.

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