Termit als PDF Download - Kritisches Salzburg

kritisches.salzburg.net

Termit als PDF Download - Kritisches Salzburg

September 2012

#23

1

TERMIT

Linke Emanzipatorische Flugschrift mit Terminen

2002-2012

10 Jahre staatliche Modeberatung in Österreich.

HAPPY BIRTHDAY VERMUMMUNGSVERBOT!

INKL.

XL

TERMIN

PLAN


2 Impressum/Leitfaden

Wie kann ich mitmachen?

1. Eigene Termine und Veranstaltungen an-

kündigen: Termine auf kritisches-salzburg.net

eintragen.

Redaktionsschluss: 25. des Vormonats.

2. Kommentare, Diskussionsbeiträge und Arti-

kel: Das jeweilige Redaktionsteam entscheidet,

was in die Printversion kommt. Online sind

alle Beiträge (sofern sie nicht Unterdrückungs-

mechanismen reproduzieren) einzusehen:

kritisches-salzburg.net – Forum – Termit.

Einreichen: per Mail an: termit@kritisches-

salzburg.net oder online auf kritisches-salz-

Leitfaden zum Schreiben für

den Termit

Zeichenzahl:

maximal 4000 Zeichen inklusive

Leerzeichen pro Seite (1 Bild eingerechnet)

Text:

Hauptüberschrift

Unterüberschrift (2-3 Zeilen, Einleitung)

Zwischenüberschriften (vor allem

bei längeren Texten) sollen Text in

Abschnitte gliedern

burg.net oder „Old-School“ im Postkasten des

Infoladen oder des SUB.

Redaktionsschluss: 20. des Vormonats

3. Verbreitung: „copyleft“: Der Termit lebt

von selbstständiger Verbreitung durch Mund-

und Printpropaganda.

Wo liegt der Termit auf?

* Arge WDV, Ulrike-Gschwandtner-Str. 5

* Atelier Sissi

* Bricks, Lederergasse 8

* Denkmal, Nonnthalerhauptstrasse 1

* Infoladen Salzburg, Lasserstraße 26

Rechtschreibprogramm drüberlaufen

lassen ist Mindestanforderung

Bilder:

gute Qualität (300 DPI, mindestens

150dpi)

Gendern:

einheitlich, nicht innerhalb des Textes

wechseln

mögliche Varianten:

• Binnen I: StudentInnen

• Unterstrich: Student_innen

* Infoladen Wels, Anzengruberstraße 8

* Jambo, Krotachgasse 7

* Solidaritätskomitee Mexiko Salzburg

* ÖH Salzburg, Kaigasse 28

* Radiofabrik, Ulrike-Gschwandtner-Str. 5

* Rechtshilfe Salzburg

* schulterratten.wordpress.com

* Studio West, Franz-Josef-Straße 20

* Sub Salzburg, Müllner-Hauptstraße 11b

* Jazzit, Elisabethstraße 11

Wollt auch ihr hier vertreten sein? Meldet euch

bei uns!

5475 Tage HLI-Gewalt gegen Frauen:

Wer wagt es, das zu feiern???

Im noblen Palais in der Wiener

City, mitsamt Galadinner feiert

eine der weltweit bestens vom Vatikan

und hohen Klerikern unterstützte,

frauenfeindliche Truppe

von Klerikalfaschisten und

Fanatikern vom 4. – 8. Oktober

2012 seine seit 15 Jahren praktizierten

gewalttätigen tagtäglichen

Angriffe auf Frauen- und Menschenrechte

in Österreich.

Die Grußworte der Bundesbrüder

aus dem Österreichischen

Cartellverband, allen voran Kardinal

Christoph Schönborn, dem

Landeshauptmann von Niederösterreich,

Erwin Pröll und von Vizekanzler

Michael Spindelegger

werden schon jetzt stolz im Fest-

Programm angekündigt.

Die FrauenLesben, Feministinnen

werden diesem unerhörten

fanatischen Treiben Striche durch

die Rechnung machen.

Treiben wir die Reaktion ab! Abtreibung

ist und bleibt Frauenrecht!

• Verdoppelung: Studenten und

Studentinnen

• neutral formulieren: Studierende

Recherche:

Quellen überprüfen! Wir wollen

keine Texte aus sexistsichen, homophoben,

antisemitischen, rassistischen

oder rechten bzw. nicht-emanizipatorischen

Zusammenhängen

4.-8.

Okt.

Wien


Editorial

Der Termit hat sich ein Beispiel an dem Lied genommen und hat eine unangekündigte

Sommerpause eingelegt, deshalb gab es im August 2012 keine Ausgabe.

Georg Kreisler – Wenn alle das täten

Bleib’n Sie doch mal Ihrer Arbeit fern

Geh’n Sie stattdessen spazieren!

Wenigstens vormittags, das macht doch Spaß –

Schlafen Sie aus oder lesen Sie was!

Alles wird weitergeh’n ohne Sie

Sie würden gar nichts riskieren!

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Dann wär das ein schrecklicher Schlag!“

Ja – wenn alle das täten, dann hätten halt alle

Einen herrlichen Vormittag!

Wenn alle das täten, dann hätten halt alle

Einen herrlichen Vormittag!

Oder machen Sie grade Ihr Studium

Und macht das Studium Sorgen?

Na, jung und gesund sind Sie, das ist doch fein

Lassen Sie einfach das Studium sein!

Werd’n Sie verhungern? Bestimmt nicht gleich –

Heute verhungert man morgen!

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Wie soll unsre Welt dann florier’n?“

Ja – wenn alle das täten, wenn alle das täten

Dann würde halt niemand studier’n!

Aber sonst würde gar nichts, aber sonst würde gar nichts

Rein gar nichts den Leuten passier’n!

Deswegen geht die Welt doch nicht unter –

Sie geht eher unter, wenn’s so bleibt wie jetzt!

Mut macht erfinderisch, glücklich und munter –

Nur Angst macht uns hungrig, verwirrt und verhetzt!

Sein Sie doch nicht immer so angepasst

Tun Sie, was andere ärgert!

Andere rechnen, dass Sie sich bemüh’n

Ihnen die Kohl’n aus dem Feuer zu zieh’n –

Finden Sie Kohlen denn wichtiger

Als Ihr eigenes Leben?

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Dann würden sich viele doch grämen!“

Ja – wenn alle das täten, dann müssten halt Alle

Mehr Rücksicht auf Andere nehmen!

Wenn alle das täten, dann müssten halt alle

Mehr Rücksicht auf Andere nehmen!

Wer sagt hier: „Es muss Ordnung sein!“?

Unordnung ist doch so heiter!

Nicht immer nützlich und schicklich sein

Einmal auch dumm, aber glücklich sein!

Fällt das elektrische Licht einmal aus

Singt man im Dunkeln halt weiter

Und wenn der neue Tag anbricht

Dann ist bestimmt wieder Licht!

Lassen Sie Ihre Karriere doch sein –

Wem soll die je etwas nützen?

Ja, Sie verdienen sich später einmal krumm

Aber bis Sie das Geld haben, ist die gute Zeit um!

Außerdem müssen Sie Tag für Tag

Schuften und schäumen und schwitzen!

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Dann läge die Menschheit ja brach!“

Ja – wenn alle das täten, dann dächte man über

Das Brachliegen etwas mehr nach!

Wenn alle das täten, dann dächte man über

Das Brachliegen etwas mehr nach!

Steigen Sie aus, und die Sorgen verschwinden

Wer stets zur Hand ist, den kann keiner finden

Ehrbaren Leuten ist schwer zu verzeih’n

Und der Verlässliche werkelt allein!

Werd’n Sie den morgigen Tag noch erleben?

Lieber am heutigen Tage einen heben!

Fortschritt ist tödlich und Geld keine Frau

Planung ist falsch und der Himmel ist blau –

Was nützt ein Eigenheim, wenn man nicht froh ist?

Weiß denn ein Meerschweinchen, was Rokoko ist –

Weiß denn ein Truthahn, warum er bestellt ist

Und weiß denn ein Mensch, warum er auf der Welt ist?

Glauben Sie mir: Das beste gegen Nixon oder Breschnew

oder Strauß

Sie steigen aus, sie steigen aus!

Leb’n Sie doch endlich im Sonnenschein –

Tot sind Sie erst als Gerippe!

Geh’n Sie nicht immer im gleichen Schritt

Machen Sie einfach den Tanz nicht mehr mit!

Sicher werd’n andere sauer sein –

Auch Sokrates hatte Xanthippe!

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Dann würde ja nichts funktionier’n!“

Ja – wenn alle das täten, wenn alle das täten

Dann müssten wir improvisier’n!

Dann gäb’s keinen Krieg, keinen Autogestank

Keine schmutzigen Flüsse, keine Nationalbank

Kein Dies nicht, kein Das nicht – dann gäb’s eigentlich

Nur Menschen wie Sie und mich!

Das Video findet ihr hier auf YouTube:

http://bit.ly/i6avv0

3


4 Fortsetzungsgeschichte

Die wundersame Welt des Weihbischof Laun

Folge #7: Ein AnarchistInnen Leben ist anstrengend…

Weihbischof Laun hat sich in der

Festung Hohen Salzburg verschanzt.

Wir schreiben das Jahr 2031

und der Anarchismus herrscht überall.

Der Bischof hat Verbündete gefunden

und steht kurz vor einem Durchbruch.

Derweil schleicht eine kleine

Gruppe dunkler Gestalten durch die

Stadt…

Leise und von Schatten zu Schatten

hastend bewegt sich die Gruppe

durch die Gassen. Ihr Auftrag: Den

Anführer der AnarchistInnen auszuspionieren.

Sie sind unterwegs auf Befehl

von Weihbischof Laun, welcher

den Nazis Gold und die Macht über

Salzburg versprochen hat, wenn sie

seine Aufträge getreulich ausführen.

“Den Anführer der Anarchisten finden”

murmelt der Chef der Bande,

“das wird nicht leicht sein.” Zu ihrem

Glück kennen sie den Ort an dem in

Salzburg die Revolution geplant wurde.

Da werden sie den Anführer der

Anarchisten finden, da sind sich alle

sicher.

Am frühen Abend sind sie am Ziel

angekommen. “Schau nach, was sich

tut!” Einer der Nazis wird aus der

Gruppe gestoßen. Die dunkle Gestalt

lugt vorsichtig durch die Fenster

in den kleinen Raum. Plakate gegen

Sexismus, Plakate gegen den Kapitalismus,

Plakate gegen Faschismus, …

sind zu sehen, doch es scheint kein

Mensch da zu sein. Falsch, ganz hinten

im Eck sitzt einer der verhassten

AnarchistInnen vor dem Computer

und werkt wie wild mit Tastatur und

Maus. Es scheint um etwas Wichtiges

zu gehen, er blickt konzentriert auf

den Bildschirm.

Schnell zieht sich der Späher zurück

und informiert seine Kameraden.

Wer so wichtig mit einem Compu-

ter hantiert, muss wichtige Pläne

aushecken. Sie müssen auf der richtigen

Fährte sein. Nun heißt es warten,

ewig wird dieser Anarchist wohl

nicht in dem kleinen Raum vor dem

Computer sitzen. Stunden vergehen,

die Füße schmerzen. Doch die Gruppe

bleibt ruhig. Wie heißt doch der

schöne Spruch: Ein Nazi kennt keinen

Schmerz (und Gefühle zeigen geht ja

gar nicht). Eine Ewigkeit scheint verstrichen

zu sein, als sich endlich etwas

rührt. Die Tür des Hauses geht

auf. Müde streckt der Anarchist seine

Arme nach oben, gähnt und schlendert

langsam davon. Nach einer kurzen

Verfolgung endet die Reise in einem

kleinen Park. Der Anarchist legt

sich in eine rot-blau gestreifte Hängematte

und schließt die Augen.

“Dann los!”, flüstert der Obernazi.

“Was die Juden können, das können

wir schon lange!” Schnell robbt eine

der VerfolgerInnen in eine nahe Hecke

und holt tief Luft: Schrrrrrr tönt

das Blasrohr leise und der kleine Pfeil

bringt den Chip an sein Ziel, in den

Nacken des schlafenden Anarchisten,

der sich nur kurz kratzt und dann

weiterschläft

Hämisch grinsend und fast übermütig

kehren die rechten Verbündeteten

Launs in ihre schimmelverseuchte

Unterkunft zurück. Schnell wird der

neue Computer angeworfen, auf einer

Karte blinkt ein großes schwarzes

gekröntes (A). “Wenn wir wissen wo

der Anführer ist und wohin er sich bewegt,

finden wir sicher heraus was die

Anarchisten planen” gibt der Mann

hinter dem Bildschirm an.

Eine Woche später: Mit gesenkten

Kopf kehren die FreundInnen des Faschismus

zurück zu Laun. Das wird

kein angenehmes Treffen, das wissen

sie schon jetzt. Bei sich haben sie einen

Plan mit dem Bewegungsmuster des

sogenannten anarchisten Führers von

Salzburg. Doch mehr als eine dicke

rote Linie ist auf der Karte nicht zu

sehen. Der Anfang der Linie zeigt den

Ort an dem der Computer steht und

sie endet… bei der Hängematte. Auch

hat der Mann offenbar viel mehr Zeit

in der Hängematte verbracht als an

seinem… nun Arbeitsplatz? Das kann

kein Führer sein, da sind sich die VerschwörerInnen

einig. Doch wer ist es

dann? Die Stadt kann doch nicht ohne

Hierarchien und ohne FührerInnen,

wie selbstverwaltet funktionieren?

Vielleicht weiß Weihbischof Laun eine

Antwort auf ihre vielen Fragen…

Zur gleichen Zeit sieht Weihbischof

Laun von der Festung hinab in die

Stadt Salzburg. Er grinst über beide

Ohren, seine Pläne entwickeln sich

und keineR kann ihn aufhalten. Hinter

sich hört er das Tapsen auf steinernen

Stufen. „Wenn das wieder die

kleine vermaledeite Katze ist dann…

„ murmelt er und dreht sich um. Doch

es ist nur Erzbischof Wagner, welcher

sich, wie jeden Tag, die Stufen hinaufquält.

Er keucht angestrengt und

lehnt sich neben Weihbischof Laun

an die Wand. Kurz stehen die zwei

schweigend da. Da zuckt Erzbischof

Wagner zusammen und dreht sich

verwirrt zu Laun um: “Hey Andreas,

was wollen wir denn heute abend machen?”

Und schon kommt die unausweichliche

Antwort von Weihbischof

Laun: “Genau dasselbe wie jeden

abend Gerhard, wir versuchen die

Weltherschaft an uns zu reißen!”

(1) bit.ly/1sX5jx


Von Sexismus und Hundescheiße

„Die Angereisten hätten bewiesen,

welch hohen Wert sie Freundschaft

und Solidarität beimessen.

So sei es zu keinem einzigen unliebsamen

Zwischenfall gekommen. Die

Gemeinde habe sogar wissen wollen,

ob die Libertären im kommenden

Jahr eine Kundgebung abhalten wollten…“

(1)

Dass es in der Selbst- und Außenwahrnehmung

unserer Bewegung

noch einiges zu verbessern gibt, war

uns denke ich schon vor Beginn des

Treffens klar. Dennoch reiste unsere

kleine Gruppe in freudiger Erwartung

an und um es gleich vorwegzunehmen:

Wenn das, was sich in diesen Augusttagen

in St. Imier abgespielt hat,

Anarchie sein soll, dann schämen wir

uns Anarchist*innen zu sein. Selbstverständlich

hätte es noch schlimmer

ablaufen können (da es auch Positives

zu berichten gibt) aber die Rahmenbedingungen

für dieses Treffen hätten

kaum schrecklicher sein können.

Als wir in der Donnerstagnacht ankamen,

erschien uns noch alles recht

nett. Ein kleines, beschauliches Bergstädtchen

mit einer geschichtlich

wichtigen Bedeutung (vor 140 Jahren

wurde in St. Imier die „Anarchistisch/

Antiautoritäre International“ ins Leben

gerufen). Wir fuhren fürs Erste

auf den auf 800 Metern höher gelegenen

Campingplatz und nahmen noch

zwei französische alt Anarchist*innen

mit ihrer Tochter im Auto mit nach

oben, da abends die Zahnradbahn

nicht mehr regelmäßig fuhr. (Es war

etwas nach 22:00 Uhr. Sonst war sie

übrigens in relativ kurzen Abständen

unterwegs und für Anarchist*innen

auf dem Weg zu ihren Campingplätzen

grundsätzlich gratis.) Immer noch

bester Dinge schlugen wir anschließend

unsere Zelte auf, tranken gemeinsam

noch ein Bier und legten uns

schlafen

Am nächsten Tag waren wir sehr erfreut

darüber, Gefährt*innen aus Linz

zu treffen und machten uns gemeinsam

zur Haltestelle der Zahnradbahn,

die etwas unterhalb von unserem

Campingplatz gelegen war, auf. Von

dort aus wollten wir zuerst unseren

Beitrag für das Campinggelände verrichten

und gingen im Zuge dessen in

eines der Veranstaltungs-/Infozentren,

dem „Espace Noir“. Das „Espace

Noir“ ist ein Selbstverwaltetes Zentrum,

in dem sich, wie wir ein wenig

später erfahren sollten, am Vortag

etwas äußerst Komisches zugetragen

hatte. Der allgemeine Konsens für das

Camp und auch für alle Veranstaltungsorte

war, dass aus Rücksicht auf

viele Teilnehmer*innen ausschließlich

vegan gekocht werden sollte. Das

„Espace Noir“ entschied sich dennoch

dafür, den Grill anzuschmeißen

und Würstchen und Grillkäse zu verkaufen!

(Alle anderen VoKü`s waren

auf Spendenbasis) Diese Aktion sollte

allerdings noch ein Nachspiel haben,

denn zum Dank dafür warfen

ein paar Veganer*innen eine Ladung

Hundescheiße auf besagten Grill

Um diese Erfahrung und ein wenig

Schadenfreude reicher, besorgten

wir uns etwas zu Essen bei einer der

wirklich ausgezeichneten VoKüs, die

an allen wichtigen Stationen aufgebaut

waren. (Eine beim Camp, eine

an der Buchmesse, eine beim „Salle

de Spectacle“ und das komische

Ding beim „Espace Noir“) Danach

wollten wir eigentlich gemeinsam

den runden Tisch zum Thema Anarchafeminismus

besuchen, dieser war

allerdings ab diesem Tag nicht mehr

gemischtgeschlechtlich. Das machte

die männlich sozialisierten Personen

aus unserer Gruppe ein wenig traurig.

Sie hätten sich eigentlich auch für das

Thema interessiert. Andererseits war

die Entscheidung für alle verständlich,

da es sich in den Tagen davor die absoluten

„Experten“ des männlichen*

Geschlechts nicht hatten nehmen

lassen, den Frauen* mal zu erklären,

was denn dieser Anarchafeminismus

eigentlich sei und wie das dann auszusehen

hätte.

Ein Problem, das sich übrigens auch

in den allermeisten anderen Vorträgen

zeigte. Frauen* wurden laufend

5

unterbrochen, es wurde ihnen erklärt,

dass über ihre Fragen ja schon vorher

geredet worden sei oder dass dies jetzt

echt zweitrangig wäre – schließlich

gehe es hier gerade um etwas deutlich

wichtigeres. Andererseits war es

scheinbar kein Problem, wenn irgendwelche

Typen mal eben einen zehnminütigen

Monolog führen wollten und

allen anderen Menschen danach dann

gesagt wurde, so wir haben jetzt noch

fünf Minuten dann müssen wir denn

Saal räumen. Auch die Vortragenden

waren in der Regel männlich*, weiß,

der Mittelschicht entstammend und

auch sonst mit ziemlich allen Privilegien

gesegnet, die mensch sich nur

vorstellen kann – allerdings ohne darüber

selbst zu reflektieren, geschweige

denn, die Privilegien einmal in einem

ihrer Vorträge anzugreifen.

Wir selbst kamen uns ganz oft wie

Konsument*innen vor, nirgendwo

konnte mensch sich wirklich einbringen

oder beteiligen. Das führte

glücklicherweise dazu, dass einige

motivierte Individuen anfingen, eigene

Workshops etc. zu starten und so

gab es auf einmal ein komplett im

Do-It-Yourself-Verfahren erarbeitetes

Kontrastprogramm, das von Eigeninitiative

und gegenseitigem Respekt

lebte. In diesen Veranstaltungen musste

übrigens auch nicht, wie in jedem

der von langer Hand geplanten Vorträge,

noch mal extra erwähnt werden,

dass Anarchismus ja heißt gegen

den Staat zu kämpfen. Das wussten

diese enthusiastischen Leute schon

vorher und beschäftigen sich lieber

damit, wie dies in der Praxis aussehen

kann. Es wurden Workshops zum

Thema Ladendiebstahl, Animal Liberation,

Autonome Zentren, staatliche

Repression, Direct Action und vieles

mehr zusammen erarbeitet. Zu weiteren

unschönen und ein paar wenigen

netten Erfahrungen in der nächsten

Ausgabe mehr.

(1) http://bit.ly/PcP5iQ

Reisebericht

Anarchistisches Treffen/Kongress In St.Imier (Schweiz) vom 08.08-12.08.2012


8 Rezension

Nichts Neues beim Känguru

„Kennst du ‚Neues vom Känguru’?

Von Marc-Uwe Kling? Wie nein, das

musst du dir unbedingt anhören/

es lesen etc. etc. Es ist so wunderbar

lustig!“ Wir kennen das Känguru und

wir kennen auch das Entsetzen sehr

gut, das Menschen auslösen, die von

jenem Beuteltier noch nie gehört haben.

Vor etwa einem Jahr haben wir

noch selbst so geredet. Ein wenig

später waren wir nicht mehr ganz

so überzeugt. „Manche Folgen sind

schon blöd…“, haben wir vorgewarnt

und ein paar Titel genannt. „Aber

aufgewogen gegen die guten Teile –

Kein Vergleich“

Marc-Uwe Kling hat es nämlich nicht

so mit dem Anti-Sexismus. Und so ein

wenig gepflegter Sexismus am Rande,

an den sind wir ja sowieso schon

gewöhnt…Ist ja auch nichts Neues…

und wenn sonst alles passt, kann

mensch (man?) ja mal drüber hinwegschauen.

Stimmts?

Jetzt haben wir keine Lust mehr, drüber

hinwegzuschauen! Natürlich finden

wir manche Folgen immer noch

lustig. Aber im Allgemeinen sind

Marc-Uwe Klings Känguru-Geschichten

absolut nicht pro-feministisch und

teilweise offen sexistisch. Und wenn

er behauptet, Anarchist zu sein, dann

ist das nicht unsere Anarchie.

Manchen Menschen mag schon aufgefallen

sein, dass Frauen im ‘Känguru’

nur sehr spärlich und wenn,

dann nur in unwichtigen Nebenrollen

vorkommen. Vielleicht hat sogar

jemand bemerkt, dass im Gegensatz

zur Bekämpfung des Kapitalismus,

des Rassismus, des Antisemitismus…

die Unterstützung des feministischen

Kampfes kaum je behandelt wird. Es

gibt allerdings auch genügend Szenen,

die über bloßes Ignorieren solcher

Themen weit hinausgehen.

In den Känguru-Geschichten werden

Frauen als Sexualobjekte dargestellt

und auf ihr Aussehen reduziert. In der

Folge 70 von ‘Neues vom Känguru’

trifft Marc-Uwe Kling auf eine „treudoofe“

junge Touristin, die ihn offensichtlich

kaum interessiert, mit der er

aber nichtsdestotrotz ins Bett geht –

um dann dem wartenden Känguru zu

sagen, es war… naja… „what ever …

you know“. …

Auch in den Känguru-Chroniken hat

sich daran übrigens nicht viel geändert.

Als Marc-Uwe in Folge 51a auf

die Vollversammlung des „asozialen

Netzwerkes“ geht – das laut Känguru

absolut nicht hierarchisch aufgebaut

ist – kann er sich dort mit einem

anderen männlichen Mitglied sofort

über die „niedliche Kleine dort hinten“

und andere „unglaublich scharfe“

Frauen unterhalten. Frauen sind

auch hier kaum vertreten. Sie werden

wenn dann nur wegen ihres Äußeren

wahrgenommen. Und dass ein anderes

Mitglied mit der „niedlichen Kleinen“

unbedingt ungeschützten Sex

haben will, wird kaum beachtet.

Außer als Sexualobjekte zu dienen

haben Frauen in der Känguru-Welt

offenbar noch eine weitere Aufgabe.

Sie haben sich um die Verhütung und

mögliche Konsequenzen zu kümmern.

Es mag sein, dass es Marc-Uwe Kling

sehr lustig erschien, sein imaginäres

Ich in Folge 18 von Neues vom Känguru

ins Telefon brüllen zu lassen „Es

ist aus und vorbei, diese Entscheidung

ist endgültig!“ und statt seiner Mutter

aus Versehen seine Freundin an der

Leitung zu haben, die darauf mit „Du

Arschloch, ich bin schwanger!“, antwortet…

Aber wenn besagte Freundin

dann nie wieder vorkommt, wenn ihr

weder für eine Schwangerschaft noch

für einen Abbruch Beistand angeboten

wird… Dann propagiert das eine

Verantwortungslosigkeit, die einen

entspannten und lustvollen Umgang

mit Sexualität (nicht nur) für Frauen

unmöglich macht.

Aber so wichtig scheint das ja alles

nicht zu sein, denn das Känguru hat

den Feminismus verstanden: „Wenn

wir _Eines _aus der Frauenbewegung

gelernt haben“, erklärt es „dann ist es

doch, dass sich Unterdrückungsmuster

schon in der Sprache manifestieren“.

Richtig, liebes Känguru, das ist

eines der Dinge, die wir aus der Frauenbewegung

lernen könnten. Aber

wer sein Känguru von „Schwuchteln“

und „Herzchen“ reden lässt, während

sein eigener fiktiver Charakter

sich über die „Hässlichkeit“ der zwei

Leute, die er regelmäßig beim Sex beobachtet

mokiert… (1) der hat wahrscheinlich

auch das nicht begriffen.

Und so schwer ist Gendern übrigens

auch nicht, Herr Kling.

(1) Hatten keine Lust mehr, für alles die Folgennummern raus-

zusuchen, aber ihr habt sie sicher selbst schon gefunden, nicht

wahr?


Habt Orgasmen!

Pussy Riot

Die drei angeklagten Pussy Riot-Frauen Maria Alekhina, Nadezha Tolokonnikova

und Ekaterina Samutsevich sind am Freitag, den 17. August wegen „Rowdytums

aufgrund von religiösem Hass“für schuldig befunden und jeweils zu zwei

Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor drei

Jahre beantragt, ursprünglich standen sieben zur Debatte. Am 20. August wurde

Einspruch gegen das Urteil erhoben, die AnwältInnen der Frauen bezweifeln allerdings,

dass das Urteil noch geändert werden wird.

Die feministische und (damals noch

vollständig) anonyme Punk-

Band Pussy Riot wurde im Oktober

2011 gegründet. Laut der Website

freepussyriot.org setzt sie sich für die

Gleichberechtigung der Geschlechter,

für Demokratie und Meinungsfreiheit

ein. Es könnte allerdings durchaus

sein, dass damit längst nicht alles gesagt

ist. Bei ihren früheren Aktionen

stürmten die Frauen unter anderem

den Catwalk auf einer Modeschau,

simulierten öffentliche Masturbation

im Schaufenster einer Luxus-Boutique

und sangen Lieder wie „Kropotkin

Vodka“, dessen Text Hausfrauen zur

Revolution aufruft: “Occupy the city

using your frying pans / Take your vacuum

cleaner and get off on it, have

an orgasm” (Besetzt die Stadt mithilfe

eurer Bratpfannen, nehmt den Staubsauger

und werdet high, habt Orgas-

men!) Außerdem traten sie vor einem

Gefängnis auf, mit Texten wie „Death

to Prison, Freedom to Protest!“ (Tod

den Gefängnissen, Freiheit dem Protest).

Am 21. Februar 2012 veranstalteten

sie schließlich ihre Aktion in der

Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau,

die sich gegen Putin und die russischorthodoxe

Kirche und deren enge

politische Zusammenarbeit wandte.

Drei von den fünf aktiv auftretenden

Frauen wurden nun vor kurzem verurteilt.

Die beiden weiteren sind nach

Angabe von dem twitter-account

“Pussy Riot Group” aus Russland

geflohen und „rekrutieren ausländische

Feministinnen um neue Aktionen

vorzubereiten“. Die Flucht der beiden

wurde von Tolokonnikovas Ehemann

bestätigt, der außerdem darauf hinwies,

dass 12 bis 14 Menschen wei-

9

terhin aktiv an der politischen Arbeit

der Band beteiligt seien.

Pussy Riot hat im August eine Single

mit dem Namen “Putin zazhigaet

kostry” (Putin entzündet die Feuer)

herausgegeben, das den Gerichtsfall

behandelt. Im Text heißt es unter

anderem “Putin entzündet die Feuer

der Revolution”, und “Verhaftet die

ganze Stadt für den 6. Mai (1)/ Sieben

Jahre sind noch nicht genug, gebt uns

18/ Verbietet uns, zu schreien, zu gehen

und zu (ver)fluchen!”

Der ganze Text des Liedes ist übrigens

ganz leicht zu googlen mit “Putin

lights up the fires” und das Lied

findet ihr unter dem gleichen Titel auf

youtube.

(1)z.B http://bit.ly/Kze3la


10 Pussy Riot

Wie mit Pussy Riot der Rechtsstaat verteidigt wird

Was vom Urteil gegen die Pussy Riot

Aktivistinnen und der staatlichen Repression

ihnen gegenüber zu halten

ist, das ist allen klar: Ein Staat übt

Willkür aus und bestraft undemokratisch

und menschenrechtswidrig. Hier

überschreitet der Staat, also Russland,

Grenzen und entfernt sich von den

Idealen der Justiz.

“Der Prozess gegen die Frauen von

Pussy Riot ist eine Messlatte für Demokratie,

Freiheit und Menschenrechte

in Russland”, sagt Alev Korun, außenpolitische

Sprecherin der Grünen.

(1)

Mit der Verurteilung zu zwei Jahren

Straflager für die drei Aktivistinnen

von “Pussy Riot” zeigt Russland der

Weltöffentlichkeit, dass es sich von

seinem Weg zu Rechtsstaat und Demokratie

verabschiedet hat. Und das

auch noch ohne jede Scheu. (2)

Bei dieser Sorte von Kritik wird aber

eines geflissentlich übergangen: Was

die Aktivistinnen von Pussy Riot eigentlich

vertreten. Wie ein Artikel in

der New York Times so schön zusammenfasst.

Because what Pussy Riot wants is

something that is equally terrifying,

provocative and threatening to the

established order in both Russia and

the West (and has been from time immemorial):

freedom from patriarchy,

capitalism, religion, conventional morality,

inequality and the entire corporate

state system. (3)

Pussy Riot wird also nicht deshalb

von Solidaritätsbekundungen überhäuft,

weil deren Inhalte von so vielen

Menschen geteilt werden. Nein, Pussy

Riot erfährt soviel Unterstützung,

weil es eines zeigt: Russland ist und

bleibt ein Unrechtsstaat.

Da lacht sich ein Rechtsstaat wie Österreich

oder Deutschland in’s Fäustchen.

Denn DIESE Art von Willkür

gibt es in einer parlamentarischen Demokratie

mit einer (mehr oder minder)

funktionierenden Justiz nicht.

So geraten die “westlichen” Staaten

in den Genuss einer Legitimation, die

sie ganz und gar nicht verdient haben.

Denn um die Bedürfnisse von Menschen,

um deren Wohlergehen geht es

den so lupenreinen Demokratien in

Mitteleuropa genauso wenig wie den

sogenannten Unrechtsstaaten Russland,

China usw..

Wie so ein Staat wie Deutschland beispielsweise

mit den Bedürfnissen von

Menschen umgeht, ist an der Kooperation

mit dem Staat Weißrussland

gut zu beobachten.

Zu den Hilfsleistungen Deutschlands

an die weißrussische Polizei

werden immer neue Details bekannt:

Einem Bericht nach hat die Regierung

über Jahre hinweg Geld auch für die

Ausstattung der Bereitschaftspolizei

des Landes zur Verfügung gestellt. (4)

Amnesty International hat zu diesem

Kooperationspartner Deutschlands,

also Weissrussland, auch etwas zu sagen.

Die Rechte auf freie Meinungsäußerung,

Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit

wurden im Laufe

des Jahres weiter eingeschränkt. Die

Regierung ließ nach wie vor Hinrichtungen

vollstrecken. Gewaltlose politische

Gefangene waren weiterhin in

Haft und wurden gefoltert und misshandelt.

Das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren

war eingeschränkt. (5)

Wer sich von einem Rechtsstaat

Schutz der Bevölkerung erwartet,

scheint also grundsätzlich falsch zu

liegen. Wie sollte denn das auch funktionieren?

Ist der Staat mit seinem

Machtmonopol doch die einzige Instanz,

welche auf legitime Art und Weise

Gewalt gegen StaatsbürgerInnen

ausüben darf. Und gerade dieser Staat

soll mit seiner Justiz die Menschen

vor sich selbst schützen?

Zu den Rechten der Menschen im

Staat: Wie und wo darf ich wohnen,

freie Meinungsäusserung und das

Recht auf Leben und körperliche

Unversehrtheit kann pointiert gesagt

werden.

Und dafür soll man dem Staat

dankbar sein?! Weil man nicht nur

lebt, redet, wohnt usw., sondern weil

es diese doch wohl unbestreitbar existenten

Tatsachen zusätzlich auch noch

als erlaubte gibt? Aus dieser staatlichen

Erlaubnis kann vernünftigerweise

nur ein Schluß folgen, und der ist

alles andere als angenehmen Inhalts:

Die Gewährung all dieser Rechte –

bis hin zum Leben seiner Bürger als

Recht! – durch den Staat unterstellt

diesen als höchsten Schiedsrichter,

der eigene Kalkulationen mit dem

Leben seiner Untertanen anstellt und

die nötige Gewalt hat, um seine Abwägungen

selbst auf das Leben, also

die elementare Voraussetzung aller

Interessen und deren Verfolgung, zu

erstrecken! (6)

Anders ausgedrückt: Was vom Staat

nicht erlaubt ist, das ist auch nicht

Teil der Freiheit. Wie das konkret

aussieht, kann an den legalen Abschiebungen

in Österreich beobachtet

werden. Und klar ist auch: Wer Hunger

und kein Geld hat, darf auch kein

Brot aus den Supermärkten entfernen.

Wer kein Dach über dem Kopf hat,

hat auch kein Recht in verlassenen

Häusern zu wohnen.

Und ganz zum Schluss: Notstandsgesetze

kennt jede parlamentarische Demokratie.

Wenn also die BürgerInnen

ihr Recht auf Freiheit zu ernst nehmen,

werden auch die schon gewährten

Recht entzogen. Dann ist Schluss

mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung

und Co.

Also: Wer mit Pussy Riot solidarisch

sein will – der kritisiert den Staat an

sich und schliesst sich nicht der Denunzierung

Russlands als Unrechtsstaat

an. Denn das unterscheidet keinen

Staat von Russland: Sie verfügen

alle absolut über ihre BürgerInnen

und nutzen sie zu ihrem Zweck und

keinem anderen.

(1) Alev Korun, außenpolitische Sprecherin der Grünen:

Pussy Riot-Prozess Messlatte für Demokratie, Freiheit und

Menschenrechte in Russland bit.ly/SJpnUC

(2) Süddeutsche Zeitung, Russland und die “Pussy Riots”:

Ungenierter Abschied vom Rechtsstaat bit.ly/PqDATz

(3) NY-Times, The Wrong Reasons to Back Pussy Riot nyti.

ms/RBAlwb

(4) Die Zeit, Deutschland rüstete weißrussische Polizei aus

bit.ly/Rf49s0

(5) Amnesty International bit.ly/MWni5z

(6) Gegenstandpunkt, Der Rechtsstaat bit.ly/Okxx1t


Sudoku

Das politische

Puzzle 1 (Easy, difficulty rating 0.43)

Pussy Riot/alles mögliche

2 7 1 9

1 3 2

1 6 7

5 7 3 4

6 3

1 4 6 5

3 5 7

5 2 3

4 8 1 3

Generated by http://www.opensky.ca/~jdhildeb/software/sudokugen/ on Fri Jul 20 10:50:08 2012 GMT. Enjoy!

11

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine