BVJ sind die Klassenlehrer - Lehrerfortbildungsserver Baden ...

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Modul: Erfolgreich durch ein Schuljahr führen - Ein roter Faden durch ein ganzes Jahr - Thema: Klassenlehrer/in Cordula Vollmer Klassenlehrer/in in einer BVJ-Klasse Welche Aufgaben hat eigentlich ein Klassenlehrer, eine Klassenlehrerin im BVJ? Im baden-württembergischen Schulgesetz fehlt eine genaue Definition der Aufgaben und Rechte von Klassenlehrer/innen. Zwar wird der Klassenlehrer/die Klassenlehrerin in einzelnen Verwaltungsvorschriften genannt, z. B. als Vorsitzender der Klassenkonferenz oder als zuständig für Beurlaubungen bis zu zwei Schultagen. So erscheint der Klassenlehrer/die Klassenlehrerin als Verwalter/in von Fehlzeiten und Zeugnislisten, von Schülerlisten bis hin zu Schließfachlisten. Sie sammeln und kontrollieren Entschuldigungen, führen Klassenbücher und Schülerkarteikarten, geben Bücher und Stundenpläne aus, führen die Klassensprecherwahl durch, informieren ihre Klassen über Stundenplan- und Raumänderungen, Vertretungen, Hausordnungen, Prüfungstermine, informieren die Schulleitungen, die in ihren Klassen unterrichtenden Lehrer/Lehrerinnen und die Eltern. Bekannt geben – ausgeben – einsammeln – überprüfen – informieren – IST DAS ALLES? Natürlich nicht – und schon gar nicht im BVJ! Zwar verwalten auch Klassenlehrer/innen im BVJ – doch entscheidend ist etwas anderes, nämlich die Beziehungspflege. Die Aussage einer erfahrenen BVJ-Kollegin verdeutlicht das: „Wenn BVJ-Schüler ihren Klassenlehrer mögen, arbeiten sie für ihn.“ Im BVJ sind die Klassenlehrer/innen im hohen Maße als Bezugspersonen gefordert, die für ihre Schüler/innen einen vertrauensvollen Rahmen für deren Schulbesuch und Mitarbeit im Unterricht schaffen. Der Klassenlehrer, die Klassenlehrerin ist für ihre Klasse die wichtigste schulische Bezugsperson, die mehr Einfluss auf das Schülerverhalten haben kann als Fachlehrer/innen. Sie entscheiden in hohem Maße über die Klassenatmosphäre, den Umgangston, die Nähe oder Distanz im Umgang miteinander. Was Klassenlehrer/innen vorleben und damit als „normales“ Verhalten zeigen, hat besonders viel Gewicht und beeinflusst auch den Lernprozess. Diesen Zusammenhang drückt Watzlawick mit seiner These, dass die Beziehungsebene immer Vorrang vor der Inhaltsebene hat, aus. Und über die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen im BVJ sagen viele erfahrene Kollegen/innen, dass ohne die „Arbeit“ an der Beziehungsebene viel weniger Inhalte vermittelt werden können.


Unsere Schüler/innen im BVJ besuchten, bevor sie auf die berufliche Schule wechselten, eine Haupt- oder Förderschule. In beiden Schularten haben sie Klassenlehrer/innen erlebt, die sich über die Vermittlung von Inhalten hinaus in starkem Maße als Bezugspersonen ihrer Schüler/innen verstanden, sich für das Lebensumfeld der Jugendliche Interessierten und ein offenes Ohr für Fragen aus allen Lebensbereichen und damit auch für Schwierigkeiten und Probleme hatten. Das heißt für uns als Klassenlehrer/innen im BVJ: Unsere Schüler/innen möchten von ihren Lehrern/Lehrerinnen als „ganzer Mensch“ wahrgenommen, unterstützt und gefördert werden, und das wird vor allem ihre Erwartungshaltung gegenüber ihrem Klassenlehrer/ihrer Klassenlehrerin sein. Unsere Sozialkompetenz ist als Klassenlehrer/in besonders gefragt. Den Jugendlichen ist Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen. Wir müssen Interesse und Verständnis für das Leben der Jugendlichen entwickeln. Dies kann erwachsen aus dem Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt und das Verhalten der Jugendlichen. So könnte als wichtiger Baustein zum Schuljahresbeginn eine Aufarbeitung der Stigmatisierung und der Zukunftsängste unserer BVJ-Schüler/innen durch den Klassenlehrer/die Klassenlehrerinnen erfolgen. Klassenlehrer/innen werden von den Jugendlichen als wichtiges Modell erlebt, an dem sie den Umgang mit konfliktreichen Situationen beobachten und erlernen können. Klassenlehrer/innen brauchen Zeit für persönliche Gespräche mit der ganzen Klasse und einzelnen Jugendlichen, Kontakt zu den Eltern, zu Schulsozialarbeitern/innen, zu Beratungsstellen und Praktikumsbetrieben. Erziehung sollte – wie Reinhold Miller es nennt - als „Sonderform von Beziehung“ verstanden werden, die das Ziel verfolgt, die Sozialkompetenz der Jugendlichen durch das Vor- und Erleben weiter zu entwickeln, und zwar in einer kooperativen, angstfreien Atmosphäre, die erst die Voraussetzung für gelingende Lernprozesse schafft. Wenn zwei Kollegen/innen gemeinsam die Klassenlehrerschaft übernehmen, bietet das viele Möglichkeiten. Sie können das Organisatorische teilen, aber das ist nicht das Entscheidende. Zwei Lehrer/innen beobachten mehr als eine/r, und zwar aus unterschiedlicher Perspektive. Sie können sich über ihre Beobachtungen in der Klasse und zu einzelnen Schülern/innen austauschen, gemeinsam pädagogische Interventionen besprechen und durchführen. Das erleichtert und gibt mehr Sicherheit, gerade bei schwierigen Entscheidungen.

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