Andreas Mehl - Matreier Gespräche

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Andreas Mehl - Matreier Gespräche

In: Heller, H. (2006), Gemessene Zeit – Gefühlte Zeit, LIT-Verlag, Wien

Gegenwart bis zum nahen vollständigen Ruin nur fortsetzt. - Zunächst anders, nämlich mit

einer Folge von Vorgängen, die das schlichte und daher wenig spektakuläre Dahinschwinden

der ermatteten Welt im Ganzen wie im Einzelnen beschreiben, kennzeichnet Cyprian in einer

anderen Schrift, in der er seinen Gott und seinen Glauben gegenüber einem Gegner der

Christen verteidigt, die Endzeit. Indem nun freilich “Kinder bereits graues Haar haben, die

Haare ausfallen, bevor sie wachsen, und das Menschenleben nicht im Greisenalter endet,

sondern mit ihm anfängt” und indem zusammenfassend alles auf der Welt “schon in seiner

Entstehungsphase zu seinem Ende hineilt”, werden naturgegebene Abläufe extrem verkürzt

(Cyprian, An Demetrianus 3-4, Zitate Kap. 4) 32 .

Beide Endzeitschilderungen Cyprians gehen davon aus, dass die beschriebene Entwicklung

für die Gegenwart, nicht aber für die Vergangenheit gilt. Mithin wird eine Veränderung

zwischen dem Vorher und dem Jetzt beschrieben. Dazu werden im ersten Text Untergang

ausdrückende oder zumindest insinuierende Vorgänge durch Verben und Adverben schneller

Bewegungen und Veränderungen intensiviert. Im zweiten Text wird ein durch

Gegensatzpaare von Substantiven ausgedrückter, üblicherweise durch eine größere

Zeitdifferenz gekennzeichneter Gegensatz des Entstehens und des Vergehens zeitlich so

zusammen gedrängt, dass die zwischen Geburt und Alter bzw. Tod eines Menschen

normalerweise vergehende Spanne mehrerer Jahrzehnte zum Augenblick zusammen

schrumpft und so Entstehen und Vergehen widernatürlich in eins zusammen fallen. Damit

wird ein rasantes Verfallstempo beschrieben. Nach beiden - und ebenso nach einigen weiteren

frühchristlichen - Texten prasselt innerhalb kurzer Zeit so viel in dieselbe Richtung, nämlich

auf das generelle Ende Weisendes auf die je nach Weltanschauung beklagenswerten oder aber

zu beglückwünschenden Menschen hernieder, dass der Eindruck einer gegenüber dem bisher

Erlebten alles verändernden und damit zugleich erheblich, ja erschreckend verdichteten und

beschleunigten Folge von Ereignissen und Entwicklungen entsteht.

Cyprians Bilder stehen für verdichtete und beschleunigte Inhalte von Zeit, nicht jedoch für

beschleunigte, d. h. verkürzte Zeit an sich. Letztere wird in der heute zur Verfügung

stehenden Überlieferung zuerst mehrere Generationen nach Cyprian bald nach der

Diokletianischen Christenverfolgung von Laktanz und ganz detailliert dann einige Jahrzehnte

später von der christlichen so genannten Tiburtinischen Sibylle direkt formuliert: In

Umkehrung der oben im 3. Kapitel vorgestellten Ausweitung des Schöpfungstages zum

Weltenjahr, d. h. zum Jahrtausend, wird nun das Jahr zum Monat, der Monat zur Woche, die

Woche zum Tag und der Tag zur Stunde verkürzt. Eben das ist, freilich in anderer

Gedankenwendung, “das” - bereits von Cyprian beschworene (s. o.) - “Greisenalter und

Hinschwinden der Welt” (Lactantius, Divinae Institutiones 66, 6; Tiburtinische Sibylle; zu

beiden Texten mit weiterer Literatur Koselleck, R. 2000, 177 und 185) 33 . Letztlich gehört also

beides, einerseits die Verdichtung und Beschleunigung der Ereignisse und Entwicklungen,

mithin der Inhalte von Zeit, und andererseits die Verkürzung der Zeit selbst, also die

Beschleunigung ihres Ablaufes, zur Endzeiterwartung der frühen Christen 34 . Beides lässt sich

auch aus Aussagen biblischer Schriften herleiten bzw. ist in ihnen vorgegeben 35 . Wenn man

32 Zuvor hat Cyprian ein ähnlich turbulentes Weltuntergangsszenario wie in dem weiter oben wiedergegebenen

Text “De mortalitate” 25 geschildert: Er läßt es seinen - tatsächlichen oder fingierten - Adressaten Demetrianus

beschreiben, freilich nicht, um es zu leugnen, sondern um Demetrianus’ Schluss, hieran seien die Christen schuld,

zu widerlegen (Kap. 2-5).

33 Beide Texte sind zweisprachig leicht nachlesbar in den Sibyllinischen Weissagungen 286/287 bzw. 326/327.

Koselleck (wie oben) hat zwangsläufig eine ältere Ausgabe der Sibyllinischen Weissagungen mit anderer

Seitenzahl benutzt.

34 Koselleck, R. 2000, 177 ff., 188 und 195 ff. behandelt ersteres, die Beschleunigung und Verdichtung von

Ereignissen, insbesondere von Neuerungen, als Phänomen der Neuzeit, nicht der Antike, als “nachchristliche,

geschichtszeitliche Kategorie”. Dies dürfte ein Irrtum sein, entstanden aus Nichtberücksichtigung von Texten wie

die hier vorgestellten und interpretierten Passagen aus Werken Cyprians. Nach Ausweis der Register in beiden

Büchern Kosellecks ist Cyprian nicht herangezogen.

35 Vgl. oben im ersten Absatz des 4. Kapitels. Zur Verdichtung der Endzeit durch schreckliche Ereignisse vgl.

insbesondere Johannes-Apokalypse 8-9. Zeitverkürzung durch Gott den Gläubigen zuliebe bringen fast

gleichlautend bereits zwei Evangelienpassagen: Marcus 13,20 und Matthaeus 24,22. Zu letzterem Koselleck, R.

2000, 185.

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