Andreas Mehl - Matreier Gespräche

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Andreas Mehl - Matreier Gespräche

In: Heller, H. (2006), Gemessene Zeit – Gefühlte Zeit, LIT-Verlag, Wien

zwar auch Sonnenuhren mit Hilfe von Wasseruhren, doch legte man hierbei gerade nicht die

sich bei diesem Verfahren anbietenden gleichlangen Äquinoktialstunden zugrunde, sondern

die veränderlichen Sonnentagsstunden (Diels, H. 1924, 162 f.): Dafür musste man entweder

eine bereits auf Sonnentagsstunden geeichte Wasseruhr verwenden oder die Wasseruhr eigens

dafür eichen. Dann konnte man mit ihrer Hilfe auf der Schattenauffangfläche einer

vorbereiteten Sonnenuhr entsprechende Stundenmarkierungen anbringen. Beide hier

beschriebenen Eichverfahren, das zweite in besonders auffälliger Weise, waren insofern

gleich, als sie beide der Vermeidung der Äquinoktial- und der Beibehaltung der

Sonnentagsstunden dienten.

Warum verhielt man sich so? Versuche, Sonnenuhren an Wasseruhren anzugleichen, könnten

gezeigt haben, dass die damit verbundene Anpassung der Linien auf den

Schattenprojektionsflächen sehr schwierig, vielleicht zu schwierig und unübersichtlich war.

Allerdings bleibt das rein hypothetisch; denn wir wissen nichts von derartigen Versuchen, und

möglicherweise sind sie nie angestellt worden. Die in der Antike gewählte Angleichung der

Wasseruhren an die Sonnenuhren kann indes folgendermaßen erklärt werden: Die mit

Sonnenaufgang beginnenden und mit Sonnenuntergang endenden Sonnentagsstunden sind

sinnvoll in einer landwirtschaftlich geprägten Welt, die, wie hier weiter oben aufgezeigt ist,

im allgemeinen nicht über Vorkehrungen verfügte, um die Nacht zum Tage zu machen. Daher

konnte man die Sonnenuhr besser verwenden als die Wasseruhr. Überdies hatte die

Sonnenuhr gegenüber der Wasseruhr den Vorteil, mit der sich im Jahresablauf für dieselbe

Sonnentagsstunde verändernden Schattenlänge zugleich auch den Tag im Jahr anzuzeigen,

also auch als Kalender zu dienen. Darüber hinaus ist auch daran zu denken und schließt sich

mit den soeben gegebenen Erklärungen nicht wechselseitig aus, dass man die Wasseruhr als

das Neue an die Sonnenuhr als das Alte angepasst hat. Dieses Verhalten entspricht einer in der

Antike überwiegenden, hier in seiner Auswirkung auf die Bewertung religiöser und

philosophischer Lehren bereits vorgestellten Denkweise, dass das Alte generell besser ist als

das Neue. Diese Denkweise hat die Folge, dass dem Neuen überhaupt nur dann eine Chance

gegeben wird, wenn es etwas leistet, was das Alte offenkundig nicht leistet, und dass das

Neue nur insoweit übernommen wird, als es gar nicht anders geht: Die Wasseruhr zeigt auch

sonnenlose Stunden an; das ist mit der Sonnenuhr nicht möglich. Und so rechtfertigt in der

beschriebenen Denkweise nur das ihre Anwendung. Daraus folgt - weiter in dieser Denkweise

- jedoch gerade nicht, dass nun die Sonnenuhren auf die Wasseruhren umgeeicht würden;

vielmehr ist die Justierung der - neuen -Wasseruhr nach der - alten - Sonnenuhr

selbstverständlich 47 .

Diese Deutung der Bevorzugung des Alten gegenüber dem Neuen setzt im konkreten Fall

allerdings voraus, dass Sonnenuhren früher gebraucht worden sind als Wasseruhren. Für die

oben bereits genannte einfachste Form der Tageszeitermittlung - noch ohne die 12 Stunden -

mit der Länge des Menschenschattens trifft das mit Sicherheit zu 48 ; sie war übrigens bei den

Griechen noch lange im Gebrauch, nachdem es bereits Sonnenuhren gab (Dohrn-van Rossum,

G. 1992, 27; Szabó, A. 1992, 309 mit mehreren Zitaten aus der antiken griechischen

Literatur). Konstruierte Sonnenuhren zur Messung der Schattenlänge sind im pharaonischen

Ägypten immerhin etwas früher als einfache Auslaufgefäße mit Eichstrichen belegt, die einen

im 15., die anderen im frühen 14. Jahrhundert v. Chr. (Brown, D. 2002, 969 f. mit Literatur);

das lässt aber kaum Schlüsse zu. Entscheidend ist hingegen, dass die Griechen im 6.

Jahrhundert mit der Einteilung des Sonnentages in 12 Stunden aus Babylonien bzw. Ägypten

die Sonnenuhr übernahmen und dann sehr bald in Verbindung mit astronomischen

Beobachtungen und Überlegungen weiter entwickelten, während sie weiterhin Zeit mit

Wasser ohne Anpassung an den Sonnentag und dessen 12 Stunden nur mit der für die

jeweilige Situation vorgesehenen Wassermenge bestimmten. Richtige, nämlich Stunden

47 Die grundsätzliche Einstellung, dass das Ältere besser ist als das Jüngere, und die daran anknüpfende oben

gebotene Erörterung ist logisch unmittelbar damit verbunden, dass in der Antike kein durchgängiges Konzept von

‘Fortschritt’ entwickelt worden ist. Vgl. Mehl, A. 991 mit der einschlägigen Literatur.

48 Sehr früh, bereits in der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr., sind in Ägypten Sternenuhren für die Nacht

entwickelt und verwendet worden (Brown, D. 2002, 970).

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