Andreas Mehl - Matreier Gespräche

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Andreas Mehl - Matreier Gespräche

In: Heller, H. (2006), Gemessene Zeit – Gefühlte Zeit, LIT-Verlag, Wien

historia continua der israelisch-jüdisch-christlichen Geschichte und Heilsgeschichte nicht

weitergeführt wurde. Und bedenkt man weiter, dass die Apostelgeschichte als letzter

vorliegender Teil einer wesentlich chronologisch voranschreitenden Überlieferung besonders

spät in den sich formierenden Kanon der christlichen Schriften aufgenommen worden ist,

dann erscheint dies wie eine Verweigerung gegenüber einer chronologischen Erfassung der

Zeit nach Jesu Tod und Auferstehung (zum Faktum etwa Haenchen, E. 1956, 23). Die

Erklärung für dieses besondere Verhalten ist darin zu sehen, dass die frühesten Christen von

der Wiederkunft Christi in der eigenen Lebenszeit überzeugt waren (auch zum Folgenden

Timpe, D. 2001, 27 ff.). Solange man daran glaubte, die Wiederkehr Christi zu erleben, und

diese regelrecht tagtäglich erwartete, brauchte man keine Berechnung der angesichts des zum

Greifen nahen Künftigen unwesentlichen jüngsten Vergangenheit und eigenen Zeit. Erst als

die Christen sich von der Naherwartung lösten, stellte sich ihnen selbst ihr Leben sowohl in

ihrer näheren christlichen als auch in ihrer weiteren polytheistischen Umgebung und ebenso

auch ihr Verhältnis zu Christi Wiederkunft anders dar: Nun kam Interesse auf, über die Dauer

sowohl der Vergangenheit vom Beginn der Zeiten an als auch der Zukunft bis zur

vorhergesagten Wiederkehr Christi Gewissheit zu erlangen.

Soweit es die Vergangenheit betraf, wurde das Bestreben der Christen um chronologisches

Wissen entschieden durch ihre argumentative Verteidigungssituation in ihrer polytheistischen

Umwelt angetrieben. Deren Überzeugung vom hohen, teilweise überlieferten, teilweise aber

auch nur angenommenen Alter ihrer diversen Götterkulte und philosophischen Lehren und

von deren nach allgemeiner Anschauung daraus folgender Überlegenheit, dem so genannten

Altersbeweis, konnten Christen eine Tradition entgegensetzen, die sogar die Entstehung der

Welt zeitlich fixierte - genauer der einen Welt, vor der es, anders als in zyklischen

Vorstellungen der polytheistischen Antike, keine andere Welt geben konnte. Mit diesem

absoluten Welt-Anfang hatte man als Christ die ältestmögliche und dadurch auch die beste

Religion. Von dieser Verteidigungssituation der Christen her wundert es nicht, dass die erste

Bemühung zur Errichtung einer Weltchronologie auf der Grundlage der schriftlich fixierten

jüdisch-christlichen Tradition in einer apologetischen Schrift unternommen wurde, und zwar

von Theophilos von Antiocheia im ausgehenden 2. Jh. n. Chr. 18 . Bald danach, um etwa 220

n. Chr., verfassten Sextus Iulius Africanus und etwas später Hippolytus die ersten christlichen

Chroniken mit dem Ziel, den Altersbeweis in ein geschlossenes chronologisches System mit

möglichst vielen Daten nicht nur der jüdisch-christlichen, sondern auch der griechischrömischen

Geschichte - und das hieß damals: der Weltgeschichte - einzubetten (auch zum

Folgenden Croke, B. 1983; Timpe, D. 2001, bes. 97 ff.). Eine solche umfassende Leistung

konnte eine Verteidigungsschrift, in der der Altersbeweis nur ein Argument unter mehreren

war, nicht erbringen. Daher folgten diesen beiden ersten christlichen Chroniken alsbald

weitere, so dass eine eigene Literaturgattung entstand, eben die der christlichen Weltchronik.

Sie schöpfte einen Teil ihres Datenbestandes aus der jüdisch-christlichen, den anderen Teil

aus der ‘heidnischen’ Überlieferung, insbesondere aus dort längst vorhandenen Chroniken; in

der Zielsetzung hatte sie mit letzteren freilich nichts gemein. Nicht mit rhetorisch gestalteten

Erzählungen und deren Deutungen setzte also christliche Bemühung um die Vergangenheit

wieder ein, sondern mit knappen Notizen tatsächlicher oder vermeintlicher, in jedem Fall aber

dürrer Fakten. Deren Bedeutung wurde nicht so sehr in ihnen selbst als vielmehr in ihren

Zeitverhältnissen gesehen, nämlich in ihrer Aufeinanderfolge, in ihrem zeitlichen Abstand

und in ihrer Gleichzeitigkeit. Damit kehrten die frühen christlichen Chroniken das

Bedeutungsverhältnis zwischen Ereignis bzw. Sache und Zeitangabe gegenüber dem oben in

Kapitel 2 festgestellten Verhalten um, und zugleich bildeten sie ein ganz anders geartetes

Interesse an Geschichte ab als die Evangelien und die Apostelgeschichte. Und indem die

Christen nicht nur über irgend einen Anfang in der Welt, etwa über den Anfang einer Stadt

wie die Römer mit ihrer Ära ab urbe condita (“seit der Gründung der Stadt [Rom]”), sondern

über einen datierten Anfang der Welt verfügten, konnten sie als einzige - außer den Juden -

18 Man kann Theophilos’ locker komponiertes dreibändiges Werk Ad Autolycum im Ganzen als apologetische

Schrift bezeichnen; in jedem Falle gilt dies für den dritten Teil, in dem die christliche Lebensführung (auch) mit

Hilfe des Altersbeweises verteidigt wird.

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