Norm der Abweichung. Über Kreativität Hamburg University Press ...

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Norm der Abweichung. Über Kreativität Hamburg University Press ...

Der folgende Text ist keine kunstpädagogische Position.

Er stellt vielmehr etwas zur Dis-position: namentlich den

Begriff der Kreativität. Versucht wird eine Kritik der Kreativität;

Unterscheidungen also innerhalb eines Begriffes,

der für die kunstpädagogische Praxis zweifellos handlungsanleitend

ist.

creatio ex nihilo

Kreativität ist kaum ohne einen Rückgriff auf religiöse

Motive zu denken. Bis zum 16. Jahrhundert war es Gott

vorbehalten, schöpferisch tätig zu sein. Die creatio ex

nihilo – also die Erschaffung aus dem Nichts – ist nur

als göttlicher Akt vorstellbar. Erst nach dem Ableben

Gottes und erst seit dem Moment, an dem sich der

Mensch selber als Projektleiter der Moderne an den leer

gewordenen Platz gesetzt hat, geht auch auf ihn die

Eigenschaft über, kreativ zu sein – nun mehr als anthropologisches

Vermögen. Ihre sakralen Wurzeln kann die

Kreativität aber nicht abstreifen. So wie der Mensch

Ebenbild Gottes ist, scheint er auch in seinem kreativen

Tun weiterhin von einer göttlichen Sendung abhängig

zu sein: Es braucht einen Geistesblitz, eine Eingebung,

einen Einfall, manchmal gar gleich eine Offenbarung,

zumindest Inspiration, einen Funken, der überspringt:

Die zündende Idee kommt in jedem Fall von woanders

her, d. h. von jenseits der Grenze. Kreativität ist mit dem

Transzendenten verbunden.

Kreatives Tun ist dabei stets ein Sprung, ein Sprung

in ein Außen, in ein Außerhalb des Gegebenen, in eine

Utopie. Das Neue ist immer die Ausnahme – die Ausnahme

vom Alten, an das es deshalb gebunden bleibt.

Ausgehend vom Alten wird das Neue erstrebt, welches

sich vom ersten absetzt, aber nur in Differenz zu diesem

erscheinen kann. Kreativität ist somit in eine teleologische

Ordnung eingebunden. Der Akt des Erfindens richtet

sich immer auf etwas, was noch nicht da ist, was nie

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