bewältigung reduzie- ren, doch die Vergan - eBook.de

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bewältigung reduzie- ren, doch die Vergan - eBook.de

ooks – das Magazin der Orell Füssli Buchhandlungen – September 2010

« Das Morden

macht mir

Spass – und es

tut mir leid »

Interview mit Ingrid Noll

Auf den Inseln des

letzten Lichts

Der neue Roman von Rolf Lappert

Der letzte Tabubruch

Interaktive Bücher

Aus dem Schatten des

Wahnsinns

Argentinien erzählt

Mit Wettbewerb

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oder in jeder Orell Füssli Buchhandlung


9

Inhalt

Die nächste Ausgabe von books, dem Magazin der Orell-

Füssli-Buchhandlungen, erscheint am 19. November 2010.

Sie erhalten books kostenlos in jeder Filiale. Bestellungen nehmen

wir gern entgegen über www.books.ch, orders@books.ch

und Telefon 0848 849 848. Buchhandlungen von Orell Füssli

finden Sie in Bern, Frauenfeld, Luzern, St. Gallen, Winterthur

und Zürich.

© Annette Pohnert/Carl Hanser Verlag

16

29

4 Notizen

9 Gespräch mit Rolf Lappert

12 Schwerpunkt: Der Tod und die Frauen

16 Interview mit Ingrid Noll

24 Der letzte Tabubruch: Interaktive Bücher

28 Mein Buch

29 Aus dem Schatten des Wahnsinns: Bücher aus Argentinien

32 Interview mit dem neuen CEO von Orell Füssli

34 Fantastisch!: Fantasy-Neuerscheinungen

38 Kaffeepause: Die Buchhändlerinnen-Debatte

42 Kochbücher: Den Sommer verlängern

47 «Ein Scheidungsratgeber – sofort!»

48 Veranstaltungskalender

49 Kreuzworträtsel

50 Kolumne: So schreibe ich

ImpreSSum

Herausgeber:

Orell Füssli Buchhandlungs AG

Dietzingerstrasse 3

Postfach

8036 Zürich

Gesamtherstellung:

Media Tune AG, Zürich

Redaktion:

Die Blattmacher GmbH, Zürich

Gestaltung:

Strichpunkt GmbH, Winterthur

Foto Cover:

dpa Picture-Alliance GmbH

Alle so gekennzeichneten Bücher sind auch als eBook auf www.books.ch erhältlich.

© Heiner H. Schmitt Jr.

Fiktion und

Realität

Liebe Leserin, lieber Leser

In dieser Ausgabe von «books» leisten

wir uns den Luxus, in die menschlichen

Abgründe des Verbrechens ein-

zutauchen. In der Sicherheit unseres

zivilisierten Lebens geniessen wir mit

Krimis grosse Gefühle, Spannung und

Unterhaltung. Daran ist gewiss nichts

falsch, zumal auch Krimis längst

anspruchsvolle Literatur sind – das

belegen Autorinnen wie Ruth Rendell,

Donna Leon oder Ingrid Noll. Dem

Erfolg dieser und weiterer Krimi-

Ladys haben wir gleich zwei Beiträge

gewidmet.

Welche realen Auswirkungen die

Gewalt auf Menschen und Gesellschaft

hat, lässt sich lesend genauso

eindrücklich erfahren. Heute setzen

sich Schreibende in Argentinien mit

der blutigen Geschichte ihres Landes

auseinander. Die Ergebnisse dieser

Vergangenheitsbewältigung sind vielseitig

und berührend. Weil Argentinien

in diesem Herbst Ehrengast der

Frankfurter Buchmesse ist, sind jetzt

viele grossartige Bücher auch auf

Deutsch erschienen – mehr dazu ab

Seite 29.

Übrigens: «books» liegt jetzt auch am

Flughafen Zürich auf. Nehmen Sie

ein Exemplar mit – und die Reisezeit

vergeht wie im Flug!

Ihr András Németh

Mitglied der Geschäftsleitung


Notizen

Jedes Jahr erscheint so viel Neues, dass man kaum dazu

kommt, auch die guten alten Bücher zu lesen – obwohl für

einen gebildeten Menschen eigentlich kein Weg an den

Klassikern vorbeiführt. Eine unterhaltsame Lösung für

das Zeit-Dilemma bietet das Taschenbuch «Weltliteratur

für eilige». Der Schwede Henrik Lange fasst darin 186

Klassiker zusammen, von «Romeo und Julia» bis «Der

grosse Schlaf». Jedes Werk wird in genau drei Bildern

abgehandelt – kürzer geht es nun wirklich nicht. Dabei

gelingt Lange auch noch das Kunststück, die jeweilige

Handlung witzig zu kommentieren. Also: Die Ausrede,

man habe keine Zeit gehabt, die Klassiker kennenzulernen,

gilt ab sofort nicht mehr.

Notizen

Der Basler Hansjörg Schneider ist einer

der meistgespielten deutschsprachigen

Theaterautoren. Sein grösstes Publikum

findet er aber mit Krimis um den

Kommissär Peter Hunkeler. Soeben ist

der neueste Band mit dieser Hauptfigur

erschienen: «Hunkeler und die Augen

des Ödipus». Für einmal verbindet

Schneider darin sein Theater- mit seinem

Krimischaffen: Der Roman spielt

im Theatermilieu. Der Basler Theaterintendant

Bernhard Vetter wird tot aus

dem Rhein gefischt. Ihm wurden die Au-

gen ausgestochen. Hat der Fall mit

einer umstrittenen Inszenierung des

«Ödipus» zu tun? Der griechische König

sticht sich in Sophokles’ Drama

schliesslich auch die Augen aus. Hunkeler

übernimmt den Fall nicht, weil

seine Pensionierung vor der Tür steht

– aber er trägt dennoch zur Aufklärung

bei ...

Wieder legt Hansjörg Schneider einen

Roman in bester Maigret-Tradition

vor: Sein Kommissär lässt sich treiben,

macht sich vertraut mit dem Milieu,

spürt einer Fährte nach, die immer

deutlicher wird. Nebenbei

erlaubt sich Schneider

einen sarkastischen Blick

auf das aktuelle Theater-

schaffen, das oft am Pu-

blikum vorbei produziert

und darauf erst

noch stolz ist.

4 – books – September 2010

© Maki Galimberti

Die Thriller von John Grisham kann jeder

lesen, denn sie sind zwar raffiniert gebaut,

aber einfach geschrieben. Das hat dazu geführt,

dass der US-Amerikaner bislang sagenhafte

250 Millionen Bücher verkaufte,

die Feuilletons aber eher die Nase rümpften

über sein Werk: Wer so viel Erfolg beim

Volk hat, den kann man schliesslich nicht

ernst nehmen!

Das neuste Buch von Grisham macht es den

Kritikern jetzt aber schwer, ihn weiterhin

ganz aus der Literatenecke fernzuhalten.

«Das Gesetz» ist der erste Erzählband des

Romanciers. Er enthält sieben Geschichten,

die alle in der fiktiven Kleinstadt Ford

County in Mississippi spielen. Sie handeln

vom ganz Grossen wie der Todesstrafe und

vom ganz Kleinen wie dem Alltag im Süden.

Die Schnörkellosigkeit der Geschichten

ist geradezu kunstvoll, die Sprache entwickelt

eine grosse erzählerische Kraft. In

den USA waren sich die meisten Kritiker

einig: Grisham überrascht. Für Fans ist das

Buch natürlich ein Muss – und für alle anderen

die Gelegenheit, sich einmal an den

Rand des Grisham-Universum zu wagen.

Müsste man ein Beispiel für einen

kreativen Menschen nennen, träfe

man mit dem

Namen Franz

Hohler sicher

keine schlechte

Wahl: Aus dem

67-jährigen

Zürcher spru-

deln die Ideen schon seit Jahrzehnten

ohne Unterlass. Sie sind so

zahlreich, dass sie noch nie in einer

einzigen Schublade Platz fanden –

Hohler ist Kabarettist, Regisseur,

Liedermacher, Kinderbuchautor,

Fernsehstar, x-fach preisgekrönter

Schriftsteller, engagierter Zeitge-

nosse und noch vieles mehr. Seine

aktuelle Neuerscheinung heisst

«Das Kurze. Das einfache. Das

Kindliche.» und ist eine Sammlung

ganz verschiedener Hohler-Texte

aus den letzten Jahren: Zeitungsartikel

stehen neben Reden und

Vorlesungen. Ihnen allen ist gemein,

dass sie ideal zum Titel passen,

denn sie sind kurz, lesen sich auf

eindrückliche Weise leicht – und sie

belegen, dass sich Franz Hohler eine

gewisse Kindlichkeit erhalten konnte.

Von jeder Seite blinzelt einem

ein neugieriger, begeisterungsfähiger

und sehr offener Autor entgegen.

Die eindrücklichsten Texte sind drei

Poetik-Vorlesungen, die der Autor

an der Universität Zürich hielt. Er

beschäftigt sich darin auf vergnügliche

und ganz und gar unakademische

Weise mit dem Schreiben,

zitiert seine Lieblingsautoren und

seine eigenen Werke,

erzählt vom Schriftstellerdasein

– und

präsentiert Briefe

und Geschichten,

die ihm die Leserinnen

und Leser

zugestellt haben.


Der Schweizer Daniel Ammann ist so etwas

wie ein Akrobat unter den Journalisten:

Er vollbringt überraschende Kunststücke.

Als einzigem Autor der Welt gelang es ihm,

den extrem medienscheuen Multimilliardär

Marc Rich zu ausführlichen Interviews zu

bewegen. Rund 30 Stunden lang stand ihm

der berühmt-berüchtigte Rohstoffhändler

Red und Anwort – in seinem Büro in Zug

oder auf den Skipisten in St. Moritz. Das allein

wäre schon eine Sensation, wirklich beeindruckend

aber ist, wie offen Marc Rich

über seinen Aufstieg, seinen jahrzehntelangen

Zoff mit der US-Regierung, sein Privatleben

und seine Geschäftsphilosophie plauderte.

Laut Daniel Ammann veränderte der

Unternehmer kein Komma am Manuskript

die Biographie «King

of Oil» wurde von Marc

Rich zwar persönlich

auf Herz und Nieren geprüft,

sie ist aber keine

«autorisierte» Schönfärberei,

sondern ein

kritisch-sachlicher

psychologischer

Thriller. Das dicke

Buch ist ein gutes

Beispiel dafür, wie

man heute eine Biographie

schreibt – und erst noch packendes

Anschauungsmaterial für alle, die wissen

möchten, wie Hochfinanz und Weltpolitik

funktionieren.

Die riesige Fangemeinde

von Isabel

Allende kann sich

freuen: Der neue

Roman der chilenischenErfolgsautorin

ist ein über

550 Seiten dickes

Epos, in das man tief eintauchen kann. In

«Die Insel unter dem meer» erzählt Allende

eine hochemotionale Saga um die junge

Sklavin Téte, die im 18. Jahrhundert lebt.

Die Geschichte führt von den Zuckerrohrplantagen

auf Saint-Domingue, dem heutigen

Haiti, über Kuba ins pulsierende New

Orleans des frühen 19. Jahrhunderts. Der

Entstehungsprozess des Romans sei sehr

hart gewesen, befand Allende in einem Interview.

«Ich bekam eine Ahnung davon, wie

weit die Gräueltaten von Menschen gehen

können.» Mit dem Thema des Buchs wolle

sie darauf hinweisen, dass die Sklaverei auch

heute vielerorts noch ein Problem darstelle,

«wenn auch oft

mit anderen Vor-

zeichen als damals».

Als Redaktor eines Büchermagazins fragt man sich immer wieder: Welche Neuerscheinung

könnte der nächste Bestseller werden? Den möchte man natürlich nicht verpassen,

sondern möglichst vor allen anderen vorstellen. Also: Ein durchschlagender Erfolg könnte

in diesem Herbst «Die Landkarte der Zeit» werden. In Spanien hat das dicke Buch des

Werbetexters und Autors Félix J. palma derart eingeschlagen, dass es jetzt in 30 weiteren

Ländern erscheint. Palma erzählt ein turbulentes Epos, das im London von 1896

beginnt: Andrew will sich das Leben nehmen, weil er über den Verlust seiner Geliebten

nicht hinwegkommt – die Prostituierte Marie wurde ein Opfer von Jack the Ripper. Doch

dann erfährt Andrew, dass man neuerdings auch Zeitreisen machen kann. Gibt es eine

Möglichkeit, Marie zu retten? Gleichzeitig verliebt sich eine Zeitgenossin von Andrew in

einen Herrn aus der Zukunft. Und Inspektor Garrett wird mit Morden konfrontiert, bei

denen Waffen im Spiel waren, die es noch gar nicht gibt …

Palma katapultiert seine Leser in immer schnellere Zeitspiralen und -loopings – und bringt

erst noch das Kunststück fertig, die atemberaubende Geschichte mit ruhigem Schalk zu

erzählen.

DIE NEUE

ANNE TYLER!

Roman, gebunden, 304 Seiten

ISBN 978-3-0369-5571-1

€ 19.90, SFr. 29.90

»Klug und

anrührend.«

Cosmopolitan

Ein weiser, humorvoller

und äußerst einfühlsamer

Roman über einen Mann,

der verlorenen Erinnerungen

hinterherjagt und dabei

die Liebe fi ndet.

»Anne Tyler ist nicht bloß

gut, sie ist teufl isch gut.«

John Updike

books – September 2010 – 5

KEIN & ABER

Foto: Diana Walker


Notizen

«Zettel’s Traum» von Arno Schmidt (1914 – 1979) ist ein in jeder

Hinsicht monumentales Werk: Es umfasst über 1300 DIN-A3-Seiten,

die mehrspaltig mit Schreibmaschine und von Hand beschrieben

wurden. Das Riesenbuch behandelt einen Tag im Leben

von Daniel Pagenstecher. Der alternde Schriftsteller bekommt

Besuch von einem Übersetzerehepaar und dessen

16-jähriger Tochter, die unendlich in ihn verliebt

ist. Die vier Leute unterhalten sich einen Tag lang

intensiv über Edgar Allan Poe, über Literatur, über

Ereignisse im nahen Dorf, über Sigmund Freud, über

Gott und die Welt. Ausgangsmaterial für das hochkomplexe

Gedankenlabyrinth war Schmidts legendärer

Zettelkasten: Auf 120’000 Kärtchen hatte

der Autor Stichworte und Einfälle gesammelt.

Schmidts Manuskript hatte eine so vertrackte

Struktur, dass es sich nicht mehr setzen liess –

es erschien daher 1970 als Faksimile, mitsamt

2010 ist gleich in doppelter Hinsicht ein Kurt-Tucholsky-Jahr:

Der grösste Satiriker der Weimarer Republik kam vor 120 Jahren

zur Welt – und starb vor 75 Jahren. Dazwischen lagen Jahre enormer

Produktivität. Tucholsky schrieb über 3000 Artikel, Gedichte

und Erzählungen. Die meisten seiner Arbeiten erschienen in

der legendären Zeitschrift «Die Weltbühne», einer

der wichtigsten gesellschaftskritischen Publikationen

der deutschen Geschichte.

Eigentlich war Kurt Tucholsky, der aus einer

recht vermögenden jüdischen Familie

stammte, Jurist; das Schreiben und die

Politik hatten es ihm aber schon früh

angetan, deshalb liess er die vielversprechende

Karriere als Anwalt sausen und

wetzte fortan seine Feder gegen Militarismus

und Engstirnigkeit. Seine Vielseitigkeit

als Autor war so gross, dass er zu

jeder Rubrik der «Weltbühne» etwas beisteuern

konnte. Damit das Heft nicht als reine

Tucholsky-Textsammlung daherkam, legte

sich der Autor eine ganze Reihe von Pseudonymen

zu: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar

Hauser, Paulus Bünzly oder Theobald Körner. Sein vielleicht

schönstes Werk, die leichte Sommernovelle «Schloss Gripsholm»,

veröffentlichte Tucholsky aber unter eigenem Namen. Liest man

diese Erzählung, staunt man, wie frisch und unbekümmert Tucholskys

Sprache noch immer wirkt. Sie hat die Zeit überstanden,

ohne Staub anzusetzen – das ist bei vergnüglichen Texten selten,

Humor und Satire altern in der Regel schlecht.

Tucholskys elegante Vielschreiberei half indessen wenig, die realen

Verhältnisse zu verändern. Deutschland radikalisierte sich, 1933

kamen die Nazis an die Macht; sie verboten die «Weltbühne»,

verbrannten Tucholskys Bücher und bürgerten den Schriftsteller

6 – books – September 2010

Jubiläen

handschriftlichen Korrekturen und Streichungen. Schmidt selber

vermutete, auf der ganzen Welt würden nur etwa 400 Menschen

sein Werk verstehen. Doch die Begeisterung, die «Zettel’s Traum»

in Intellektuellenkreisen auslöste, war so gewaltig, dass

schliesslich sogar günstige Raubdrucke publiziert wurden.

Zum 40-Jahr-Jubiläum der Erstveröffentlichung erscheint

«Zettel’s Traum» nun endlich gesetzt – als

Abschluss einer Gesamtausgabe der Werke von Arno

Schmidt. Das komplexe Layout wurde in jahrelanger

Detailarbeit in einen lesefreundlichen Schriftsatz

überführt, ohne dass der Charakter des Buchs darunter

gelitten hätte. Der sieben Kilogramm schwere Brocken

aus dem Hause Suhrkamp kostet zwar ein kleines Vermögen

– nämlich 474 Franken –, aber wahre Literaturfreunde leisten

sich natürlich lieber diesen Klassiker der Moderne als zwei Paar

schicke Schuhe!

aus. Der war allerdings schon in den 1920er-Jahren angeekelt nach

Schweden ausgewandert. Ob er sich im Exil 1935 das Leben nahm,

wie lange vermutet wurde, oder ob er aus Versehen eine Überdosis

Schlafmittel schluckte, wird man wohl nie wissen.

Zahlreiche Neuerscheinungen ermöglichen uns Heutigen,

das grosse Werk des «kleinen dicken Berliners» (Erich

Kästner) noch einmal Revue passieren zu lassen.

«Gute Laune mit Kurt Tucholsky» verbreitet

genau das, was der Titel verspricht. Der

Feuilletonist Fritz J. Raddatz hat die neue

Biographie «Tucholsky» verfasst. Und etwas

später im Jahr erscheint dann auch

noch «Weihnachten mit Kurt Tucholsky»,

eine unsentimentale Festtagsbegleitung.

Eine ganz besondere Empfehlung

ist schon etwas älter: Der schöne

Band «Augen in der Grossstadt» der

Edition Büchergilde präsentiert die besten

Gedichte, Aphorismen und Artikel, alles kongenial

illustriert von

Hans Ticha. Als amuse

bouche ein kleines Müsterchen

vom Meister:

Wenn ich jetzt sterben müsste, würde

ich sagen: «Das war alles?» Und: «Ich

habe es nicht so richtig verstanden.»

Und: «Es war ein bisschen laut.»

© MaxEhlert_SV


Oft ist die letzte Seite eines Buchs jene, die

man am wenigsten gern liest – weil man

nicht möchte, dass das Buch schon zu

Ende ist. Glücklicherweise können einem

Fachleute in solchen Momenten weiterhelfen

und einem Bücher mit vergleichbaren

Qualitäten empfehlen. Heute macht das

Susanna Beusch; sie ist seit 33 Jahren

Buchhändlerin und arbeitet seit sechs Jahren

bei Orell Füssli in Winterthur.

«Wem der Grosserfolg ‚Die eleganz des

Igels’ von muriel Barbery gefiel, wird sicher

auch viel Freude haben an ‚Das Labyrinth

der Wörter’ von marie-Sabine

roger. Beides sind richtige Herzensbücher.

In ‚Die Eleganz des Igels’ geht es um die

Begegnung zweier Seelenverwandter: einer

zurückhaltenden Concierge mit einem

schwierigen Mädchen aus der Oberschicht.

In ‚Das Labyrinth der Wörter’ trifft nun ein

40-jähriger ungebildeter Sonderling auf eine

bezaubernde alte Dame, eine Akademikerin,

die ihm die Welt der Literatur öffnet. Beide

Bücher sind berührend, eindrücklich und

tragikomisch.

Fans von Donna Leon fiebern dem nächsten

Brunetti-Fall meistens sehnsüchtig entgegen.

Abkürzen können sie die Wartezeit

mit den Krimis von martin Walker. Die

Was lesen Sie gerade ?

michael von der Heide, Sänger, Zürich:

«Im Moment lese ich ‚Juni’. Autor Gerbrand Bakker erzählt

von einem Dorf im Norden der Niederlanden, von

seinen Bewohnern und von der Familie Kaan, die auf einem

alten Bauernhof lebt. Alles verläuft ruhig und gemächlich, im Grunde geschieht nicht

viel. Doch an einen Sommertag vor 40 Jahren erinnern sich noch alle gut. Damals kam

die Königin zu Besuch. Und damals ereignete sich ein schrecklicher Unfall ...

Gerbrand Bakker erzählt in einer unprätentiösen, berührenden Sprache von einem

Dorf und einem Hof. Vor allem aber von einer Familie, deren Mitglieder alle auf ihre

Weise versuchen, mit Verdrängung, Trauerarbeit und Erinnerung umzugehen. Dieses

elegische und melancholische Buch empfehle ich gern weiter.»

Leute, die das mögen, mögen auch...

Orell Füssli setzt auf Ökostrom

Parallelen zwischen Walker und Donna

Leon sind eindeutig: Beide Autoren stammen

aus dem angelsächsischen Raum und

haben Schauplätze in lateinischen Ländern

gewählt. Was Venedig für Donna Leon ist,

ist das Périgord für Martin Walker. Beide

Autoren schreiben auf vergleichbarem Niveau,

lassen etwas Gesellschaftskritik in ihre

Bücher einfliessen und arbeiten mit festem

Personal. Walkers Hauptfigur Bruno Chef

de Police wird wohl so viele Fans gewinnen,

wie sie Commissario Brunetti schon hat –

denn ich bin sicher: Wer Donna Leon liebt,

wird auch Martin Walker lieben!»

Kundinnen und Kunden des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) können etwas für

eine nachhaltige Stromversorgung tun: Sie zahlen einen etwas höheren Preis für Stromlieferungen

– und das EWZ speist dafür die entsprechende Menge ökologisch produzierten

Stroms ins Netz ein. Die Orell Füssli Buchhandlungs AG hat sich entschieden, den

gesamten Strombedarf ihrer Standorte in der Stadt Zürich mit Ökostrom zu decken

GROSSE

AUTOREN,

perfekte

STIMMEN

15 CD | 54,00 sFr

Gelesen von Ulrich Matthes

6 CD | 39,90 sFr

Gelesen von Matthias Koeberlin

8 CD | 39,90 sFr

Gelesen von Astrid Meyerfeldt

und Simone Kabst

books – September 2010 – 7


Notizen

reden Sie mit auf

booksblog.ch

www.books.ch ist der Shop von Orell

Füssli – und booksblog.ch der Blog. Vor

wenigen Wochen wurde er aufgeschaltet,

und bereits haben sich Hunderte

von Teilnehmenden für die Facebook-

Applikation angemeldet. booksblog.ch

ist sozusagen das schnelle und von den

Leserinnen und Lesern mitgestaltete

Online-Büchermagazin von Orell Füssli:

Auf der Website finden Sie aktuelle

Rezensionen, süffige Kommentare und

persönliche Empfehlungen, dazu viele

Videos rund ums Buch.

Alle Bücherfreundinnen und -freunde

finden jetzt auf booksblog.ch eine besondere

Aktion: Werden Sie Orell-Füssli-Fan

auf Facebook und sagen Sie uns,

wie Sie zur gentechnischen Veränderung

von Organismen stehen. Die zehn besten

Kommentare werden mit je einem

Exemplar des Gentech-Thrillers «Die

Saat» verdankt. Mehr zu diesem Buch

auf Seite 18.

Seit 2005 publiziert die «Schweizer Familie»

die Fotoreportagen-Serie «Stille

Orte». In ausdrucksvollen, aber nie pathetischen

Bildern und gefühlvollen, aber nie

prätentiösen Texten fängt Heinz Storrer

den Zauber von Orten ein, die man zwar

kennt, aber noch nie so betrachtet hat.

Die schönsten der umfangreichen Reportagen

kann man

jetzt noch einmal in

Buchform geniessen:

«Stille Orte

der Schweiz» ist

ein Geschenk, das

man sich selber

machen kann.

8 – books – September 2010

Die Leseausrüstung: 3. Folge

Seit die Orell-Füssli-Filialen einen frischen Auftritt haben,

erhalten Kundinnen und Kunden auch neu gestaltete

Plastiksäcke – darin lassen sich Einkäufe stilvoll durch

die Stadt und nach Hause tragen. Wer es noch ein wenig

hochwertiger liebt – und erst noch etwas nachhaltiger –,

findet bei Orell Füssli aber auch Alternativen für den

Büchertransport. Zum Beispiel den modischen und ökologischen

Einkaufsbeutel der australischen Designer von

envirosax. Die trendige und sehr stabile Tasche lässt sich

auf die Grösse eines Sushi-Stücks zusammenfalten und

wiegt nur 40 Gramm. So kann

man sie immer bei sich tragen und

wieder und wieder verwenden.

Seit es envirosax gibt, sind schon

Millionen von Einkaufstüten auf

der ganzen Welt eingespart

worden – das ist Umweltschutz,

der erst noch gut aussieht!

einkaufsbeutel

CHF 13.90

envirosax

Wettbewerbs-

Gewinner

In der letzten Ausgabe von books

verlosten wir Büchergutscheine.

Gewonnen haben:

1. preis: Christine Gerlach, Wetzikon

2. preis: Ines Kühne, Fahrwangen

3. preis: Eva Horvath, Winterthur

Herzliche Gratulation!

Die Gewinnerinnen und Gewinner

der Preise 4 bis 10 werden schriftlich

benachrichtigt.

Aus dem Leben einer Buchhändlerin

Kundin: «Ich suche ein Buch über

Pilze.»

Buchhändlerin: «Das finden Sie bei uns

im 2. Stock, dort sind alle Pilzführer.»

Kundin: «Was, so etwas gibt es? Und

das heisst auch noch ‚Pilzführer’? Nein,

so etwas!»

Buchhändlerin (verunsichert): «Also...

Sie meinen schon Waldpilze und so?

Steinpilze, Goldröhrlinge...»

Kundin: «Neiiin, doch nicht Waldpilze,

ich habe einen Fusspilz!»

(Dialoge in dieser Rubrik sind authentisch und

wurden in einer Filiale von Orell Füssli geführt.)

Alle Notizen von marius Leutenegger


« Entweder man

mag meinen Sound

oder nicht »

Zwei Geschwister auf der Suche nach einander und nach sich selbst; eine Insel

irgendwo im Nirgendwo, auf der seltsame Dinge vor sich gehen; ein Affe, der mit

menschen kommunizieren kann; Forscher, die nicht sind, was sie scheinen –

rolf Lapperts neuer roman «Auf den Inseln des letzten Lichts» ist ein Genuss für

alle, die das Aussergewöhnliche mögen.

Schwerpunkt

Text: Erik Brühlmann – Foto: Annette Pohnert /Carl Hanser Verlag

books – September 2010 – 9


Schwerpunkt

© Gerard Clifford

rolf Lappert

Geboren 1958 in Zürich, absolvierte Rolf Lappert

zunächst eine Lehre als Grafiker. «Schon

zu dieser Zeit wusste ich, dass ich Schriftsteller

werden wollte», verrät er. «Ich hätte die

Lehre auch beinahe abgebrochen, weil ich es

romantisch fand, einfach abzuhauen, am besten

ins Ausland. Zur Erleichterung meine Eltern

beendete ich die Lehre dann aber doch

Schon drei Jahre später erschienen sein Erstlingswerk

«Folgende Tage» und der Gedichtband

«Die Erotik der Hotelzimmer». «Ich wurde

auch vom Kuratorium des Kantons Aargau

unterstützt – wobei mir da weniger das Geld

wichtig war als die Anerkennung, mit meiner

Schriftstellerei wahrgenommen zu werden.»

Rolf Lappert war schon immer ein Rastloser

und verbrachte neben dem Schreiben viel Zeit

damit, durch die Welt zu reisen und Neues

auszuprobieren. So gründete er Anfang der

1990er-Jahre gemeinsam mit einem Freund in

Aarburg einen Jazzklub, fand jedoch mit den

ersten beiden Teilen seiner Amerika-Trilogie –

«Der Himmel des perfekten Poeten» (1994) und

«Die Gesänge der Verlierer» – wieder kurzzeitig

zur Schriftstellerei zurück. Zwischen 1997 und

2004 arbeitete Lappert als Drehbuchautor fürs

Schweizer Fernsehen und entwickelte unter

anderem die Serie «Mannezimmer». Für seinen

nächsten, bisher erfolgreichsten Roman «Nach

Hause schwimmen» erhielt Rolf Lappert 2008

den ersten Schweizer Buchpreis und wurde er

für den deutschen Buchpreis nominiert.

10 – books – September 2010

Der vorletzte Roman von Rolf Lappert erschien

1995 – der letzte 2008. Der gebürtige

Zürcher ist offenbar einer, der sich Zeit

lässt beim Schreiben. Diesmal allerdings hat

es keine kleine Ewigkeit bis zum nächsten

Buch gedauert: «Auf den Inseln des letzten

Lichts» erscheint bereits zwei Jahre nach

dem Erfolgsroman «Nach Hause schwimmen».

Der Grund dafür ist einfach: «Ich

hatte mit dem Verlag einen Abgabetermin

ausgehandelt, und den musste ich natürlich

einhalten», erklärt Rolf Lappert. «Deshalb

schrieb ich auch über Monate hinweg jeden

Tag an ‚Auf den Inseln des letzten Lichts‘.

Das war zwar oft sehr anstrengend und ermüdend,

doch es hatte auch etwas Positives:

Ich war immer in der Geschichte drin.»

Aber kann man von einem Schriftsteller er-

warten, jeden Tag kreativ zu sein? Was,

wenn ihn die Muse einmal partout nicht

küsst? «Das gehört dazu, damit kann ich

umgehen. Früher wäre ich noch spazieren

gegangen oder hätte mich sonst irgendwie

abgelenkt; diesmal blieb ich einfach dran

und wartete, bis der Knoten platzt. Die berühmte

Schreibblockade, bei der einem gar

nichts einfällt oder man überhaupt nicht

mehr weiterkommt, kenne ich zum Glück

nicht.»

Beinahe filmisch

Mit 544 Seiten ist «Auf den Inseln des

letzten Lichts» ein umfangreiches Werk geworden

– «obwohl ich mir nur 400 Seiten

vorgenommen hatte», wie Lappert gesteht.

«Jetzt sind es halt ein paar mehr geworden.»

Das liegt unter anderem auch daran, dass

der Roman vor atmosphärischen Beschreibungen

nur so strotzt. So ist zum Beispiel

ein Laken nicht einfach schmutzig, sondern

es ist ein Laken, «dessen Farbe vor lauter

Krümeln und Asche, unbenutzten Teebeuteln,

zerknüllten Notizzetteln und Papiertaschentüchern,

Büchern, Bonbons, Keksen,

Streichholzschachteln, Stiften, Spielkarten,

Zeitungsfetzen und zahllosen anderen Din-

gen nur schwer als Weiss zu erkennen war».

«Ich höre immer wieder, dass die Leser die

Atmosphäre, das Tempo und das beinahe

Filmische eines solchen Textes schätzen und

sich dafür auch entsprechend Zeit nehmen»,

erzählt der Autor. «Das ist eben mein

‚Sound‘ – entweder mag man ihn oder

nicht.» Die Literaturkritiker mögen ihn;

einige vergleichen Lappert gar mit John

Irving. Für Lappert selbst ist dieser Vergleich

nahe liegend: «Das kommt daher,

dass ich früher alles von Irving verschlang –

jetzt fliessen wohl auch Elemente von ihm

in mein Schreiben ein. Mittlerweile mag ich

Irvings Bücher aber nicht mehr. Sie sind mir

zu langatmig, zu verschroben und sperrig.»

Ein weit grösseres Kompliment sei für ihn,

dass Kritiker seine Bücher in der amerikanischen

Erzähltradition sähen. «Auch

wenn mir klar ist, dass mich das in der

deutschsprachigen Literatur zum Exoten

macht.»

«Die berühmte

Schreibblockade, bei

der einem gar nichts

einfällt oder man

überhaupt nicht mehr

weiterkommt, kenne

ich zum Glück nicht.»

einfacher, als es scheint

Bei so viel Detailreichtum, einem Grossaufgebot

an Personal, Haupt- und Nebensträngen

muss das Planen einer Geschichte

ziemlich aufwändig sein, möchte man meinen.

Doch Rolf Lappert verneint: «Ich plane

nicht alles von A bis Z, und ich lege mir

auch keine Sammlung von Notizzetteln an.

Ich weiss in etwa, wo es lang gehen soll,

und dann schreibe ich die Geschichte, wie

sie im Buch erscheint.» Das ist insofern erstaunlich,

als dass in den Hauptstrang um

die Geschwister Tobey und Megan unzählige

Nebengeschichten verwoben sind: jene

um den undurchsichtigen, aber trotzdem

sympathischen Tanvir; jene des Bonobo-

Affen Montgomery; jene um die beiden

philippinischen Inseln, auf die es Tobey auf

seiner Suche nach Megan verschlägt, und

noch einige mehr. Alles zusammen ergibt

einen Roman, der ... Ja, welchem Genre soll

man ihn eigentlich zuordnen? «Ich habe

im Zusammenhang mit dem Buch schon

‚Robinsonade‘ gehört, aber auch ‚Abenteuerroman‘.

Im Grunde ist es gut, wenn

man ihn nicht definitiv einordnen kann»,

sagt Lappert. Für ihn selbst sei «Auf den

Inseln des letzten Lichts» vor allem anderen

die Charakterstudie der beiden Hauptfiguren

Megan und Tobey. «Ich hätte aber

kein Problem damit, würde das Buch als

Abenteuerroman angepriesen – auch wenn


ich finde, dass dafür zu wenig Action in der

Geschichte steckt.»

«Megan ist eigentlich

die erste Figur, die

mir stark ähnelt. Wie

sie bin auch ich Vegetarier,

weil ich Mitleid

mit den Tieren

habe. Wie sie bin ich

nicht irgendwo verwurzelt,

wusste lange

Zeit nicht, wo ich zu

Hause sein will. »

Wo Lappert draufsteht ...

Der Roman lebt von den und durch die

starken Figuren. Mit Helden wartet er jedoch

nicht auf. «Die hat man im Leben

schliesslich auch nicht», argumentiert Lappert.

«Deshalb bevorzuge ich Figuren mit

einer gebrochenen Biografie oder zwiespältigem

Charakter.» Das spürt man auch bei

den Hauptfiguren Tobey und Megan. «Ich

wusste von Anfang an sehr genau, wie die

beiden sein sollen. Dass zum Beispiel Megan

sehr tierlieb ist, aber in ihrer Tierliebe

auch sehr weit geht, sich dadurch aus

der Gesellschaft ausgrenzt und einsam ist.

Tobey dagegen ist ein Trotzkopf, eher verschlossen.»

Dass man als Autor seine Figuren

irgendwann in- und auswendig kenne,

sei immer das Ziel. Bei Tobey und Megan

sei es ihm gelungen, besonders schnell mit

ihnen «intim» zu sein – weil in den beiden

vielleicht besonders viel von ihrem Schöpfer

steckt? Rolf Lappert bejaht: «Megan ist

eigentlich die erste Figur, die mir stark ähnelt.

Wie sie bin auch ich Vegetarier, mittlerweile

seit etwa zwanzig Jahren, weil ich

Mitleid mit den Tieren habe. Wie sie bin

ich nicht irgendwo verwurzelt, wusste lange

Zeit nicht, wo ich zu Hause sein will.

Und auch ich habe – wie Megan, nur nicht

so ausgeprägt – meine Phasen, in denen ich

melancholisch bin, mich zurückziehe und

die Gesellschaft anderer meide

Der Künstler, der egoist

Der Autor gesteht, dass solche Phasen auch

mit Egoismus zu tun hätten. «Ich bin gern

unter Leuten, aber ich möchte selbst bestimmen

können, wann ich sie treffe. An

der Einsamkeit leide ich nicht – ich schreibe

dann einfach. Und das kann ich am besten,

wenn nicht ständig irgendwelche Verpflichtungen

und Erwartungen an mich herangetragen

werden.» Kunst ohne Egoismus

gebe es nicht, so Lappert, gerade im Fall

der Schriftstellerei. «Man entscheidet sich,

diesen Weg zu gehen, und weiss dabei, dass

man auf einiges verzichtet, was für andere

Menschen selbstverständlich ist: Familie,

Kinder und so weiter.» Man könne die Alternativen

aber auch nicht gegeneinander

aufwiegen, und er wisse, dass für ihn ein

anderer Weg nicht funktioniert hätte. Seine

Kinder existieren eben in Buchform, und sie

sind der ganze Stolz ihres «Vaters»: «‚Auf

den Inseln des letzten Lichts‘ ist genau jenes

Buch geworden, das ich schreiben wollte.»

Mehr kann ein Schriftsteller nicht von sich

verlangen.

Auf den Inseln des letzten Lichts

540 Seiten

CHF 35.90

Hanser

Die romane von

rolf Lappert

Schwerpunkt

Nach Hause schwimmen

603 Seiten

CHF 19.90

dtv

Wilbur hatte keine glückliche Kindheit und

bislang kein glückliches Leben – wenn er

denn überhaupt eines hatte. Doch dann

kommt jemand, der alles ändern möchte.

Ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis

2008.

Der Himmel der perfekten

poeten

352 Seiten

CHF 16.90

dtv

Vier Schriftsteller versuchen in einem abgelegenen

Motel in Arizona, an ihren Projekten zu

arbeiten. Schon bald liegen sie nicht nur mit

der Hitze im Clinch.

Die Gesänge der Verlierer

410 Seiten

CHF 16.90

dtv

Tyler, der Manager einer Rockband, reist

quer durch den Süden der USA. Am Anfang

sucht er den verschwundenen Sänger der

Band – doch die Reise führt ihn viel weiter.

books – September 2010 – 11


Schwerpunkt

Der Tod und

die Frauen

Krimiautorinnen haben sich rund um den Globus einen festen platz im Genre

erkämpft. Zunächst schrieben sie klassische rätselkrimis, eine zweite Generation

interessierte sich besonders für die psychologischen Aspekte von Verbrechen.

Heute schreiben Frauen immer häufiger auch Thriller.

Text: Benjamin Gygax

12 – books – September 2010

Die alte Dame auf der vergilbten Fotografie

blickt mit melancholischen Augen auf ein

Buch. Sie hat die weissen Haare hochgesteckt

und sieht so aus, wie man sich sein

Grosi wünscht. Doch die Frau hat’s in sich

denn sie ist sozusagen die Mutter aller

Morde. Auguste Groner wurde 1850 in

Wien geboren, war mit dem Journalisten

Richard Groner verheiratet, arbeitete als

Lehrerin und lebte bis 1929 im Wien der

k.u.k.-Monarchie. Die Österreicherin schuf

mit Joseph Müller den ersten Polizeidetektiv

der deutschsprachigen Literatur. Er

zog seine Leserschaft in einer Serie von 13

kürzeren und längeren Geschichten in den

Bann. Diese Geschichten machten Auguste

Groner zur bekannten Krimiautorin; ihre

Geschichten wurden ins Englische übersetzt,

erschienen in Skandinavien und sollen

in den Anfängen von Hollywoods Filmindustrie

sogar verfilmt worden sein. Heute

ist Auguste Groner wieder weitgehend unbekannt.

Ihr bleibt aber die Ehre, als Ahnmutter

aller Krimiautorinnen zu gelten.

Sherlock Holmes’ Kollege

Die Abenteuer des Detektivs Joseph Müller

heissen «Die goldene Kugel», «Der Brief

aus dem Jenseits» oder «Der Mann mit

den vielen Namen». Wer bei diesen Titeln

an Arthur Conan Doyle denkt, liegt nicht

falsch. Auguste Groner veröffentlichte ihre

erste Kriminalgeschichte 1889 – noch bevor

Conan Doyles Werke auf Deutsch übersetzt

waren. Doch sie teilte mit dem etwas jüngeren,

aber viel bekannteren Doyle das Interesse

für rätselhafte Fälle, in denen zunächst

übersinnliche Kräfte am Werk scheinen,

die sich unter den wachen Augen des Detektivs

aber bald rational erklären lassen.

Sherlock Holmes und Joseph Müller verbinden

das methodische Vorgehen mit dem

Scharfsinn. Und beide haben ihr dunkles

Geheimnis: Sherlock Holmes füllt die Zeit

zwischen seinen Fällen mit Morphium, Kokain

und Geigenspiel, Müller sass schon

einmal selbst im Gefängnis. Vielleicht ist es

diese Vergangenheit, die den unauffälligen

Mann empfänglich macht für die Schicksale

von Opfern und Tätern. Auf jeden Fall

interessiert sich Müller im Gegensatz zum

intellektuellen Dandy Holmes mehr für die

Die mutter aller mordenden Schriftstellerinnen:

Die Österreicherin Auguste Groner.


sozialen Umstände und vertraut dagegen

seltener auf wissenschaftlich-forensische

Technik.

Von der Pionierin der Kriminalliteratur sind

leider nur noch englischsprachige Übersetzungen

verfügbar. Wer keine Sprachbarrieren

scheut, findet im Buchhandel Neuauflagen

von fünf geheimnisvollen Fällen des

k.u.k.-Polizeidetektivs Joseph Müller.

Frauen auf dem Vormarsch

Auf Groner folgte eine ganze Reihe von

Krimiautorinnen, die ihre Bekanntheit behielten

oder die heute noch sehr erfolgreich

schreiben. Die bekannteste Crime-Lady ist

sicher die 1890 geborene Agatha Christie

mit ihren rund 70 «Whodunit»- oder Rätselkrimis.

1928 erweiterte sie das Krimi-

Genre mit einer Besonderheit: einer Ermittlerin.

Als Vorbild für die schrullige, aber

einfühlsame Privatdetektivin Miss Jane

Marple diente Agatha Christie ihre eigene

Grossmutter.

Inzwischen haben sich Frauen ihren festen

Platz in der Kriminalliteratur erarbeitet.

Dabei fällt auf, dass viele der ganz grossen

Namen bis vor wenigen Jahren vorwiegend

aus dem englischsprachigen Raum stammten.

patricia Highsmith und Donna Leon

sind Amerikanerinnen, magdalen Nabb

und ruth rendell, die seit 1984 auch Psychothriller

unter dem Pseudonym Barbara

Vine verfasst, stammen wie Christie aus

England. Heute sind Frauen aber auch für

den skandinavischen Krimiboom mitverant-

wortlich, und es gibt erfolgreiche Autorinnen

in allen Sprachen.

Schicksale und Abgründe

Alle genannten Autorinnen sind Meisterinnen

darin, in dunkle Ecken der Vergangenheit

zu leuchten und das Schicksal ihrer

Figuren plastisch zu beschreiben. So auch

ruth rendell in ihrem neuesten Werk

«Die unschuld des Wassers». Ismay verlor

im Alter von 15 Jahren ihren Stiefvater,

mit dem sie ein Techtelmechtel hatte.

Er ertrank nach einer schweren Grippe in

der Badewanne – die Mutter glitt vor Trauer

in den Wahnsinn. Ismay ist sich nach

diesem schlimmen Ereignis nie sicher, ob

nicht ihre jüngere Schwester Heather nachgeholfen

hatte im Glauben, sie müsse ihre

Schwester vor dem Stiefvater beschützen.

Erst als beide Schwestern erwachsen sind

und in Beziehungen leben, bricht das Tabu

– und die schreckliche Wahrheit drängt ans

Tageslicht. Auch wenn die ganze Anlage

der Geschichte etwas stark vom Reissbrett

stammt, fesselt einen von der ersten bis zur

letzten Seite, wie Rendell ihre Figuren und

deren Innenleben beschreibt.

Etwas weniger empathisch schildert mary

Higgins Clark die Gefühle und Gedanken

ihrer Protagonistinnen in «Flieh in die dunkle

Nacht». Doch der dicke Wälzer bietet

beste Unterhaltung mit einem Schuss Spannung

und Romantik. Der jungen Kinder-

ärztin Monica Farrell ist nicht bewusst, dass

sie in grosser Gefahr schwebt. Sie ist nämlich

die Erbin der steinreichen 82-jährigen

Olivia Morrow. Weil das bisher nur sehr

wenige Menschen wissen, besteht immer

noch die Chance, die alte Dame und ihre

Enkelin aus dem Weg zu räumen und den

letzten Willen der Millionärin zu umgehen.

Noch ist Olivia Morrow auch nicht

sicher, ob sie der jungen Ärztin von ihrer

Erbschaft erzählen soll, denn dazu

müsste sie einen Schwur brechen und

ein Geheimnis enthüllen, das ihre Cousine

vor einigen Jahren mit ins Grab

nahm. Noch bevor Monica Farrell sich

der Gefahr bewusst wird, naht auch schon

Rettung.

Die letzte männerbastion fällt

Lange Zeit waren Krimiautorinnen vor

allem im Genre der psychologisch anspruchsvollen

Krimis daheim. Blutige oder

actiongeladene Geschichten blieben bis vor

wenigen Jahren Männern wie James Ellroy

oder Jo Nesbø vorbehalten. Dass es auch

Frauen ganz schön knallen lassen können,

zeigen einige jüngere Autorinnen, unter ihnen

Karin Slaughter. Wo Slaughter drauf

steht, da steckt auch Schlächterei drin. Alle

Fans der erfolgreichen Thrillerautorin wissen,

dass es in deren Büchern ziemlich hart

zur Sache geht – dafür ist auch Hochspannung

garantiert. «Gewalt interessiert die

Menschen nun mal, besonders Frauen», ist

die Autorin überzeugt. «Als ich aufwuchs,

lasen meine Mutter und meine Grossmutter

ein Magazin namens ‚True Crime’ über

all diese schrecklichen Verbrechen.» Karin

Slaughter – die Frau heisst übrigens wirklich

so – meint zur Gewalt in ihren Büchern:

«Auf meinen Buchumschlägen sind

keine Kätzchen abgebildet – die Leser wissen

schon, was sie erwartet.»

Die Gesamtauflage Slaughters beträgt mittlerweile

über 17 Millionen; damit ist sie

dem weltweiten Überraschungserfolg von

Sehr traurig.

Sehr komisch.

Sehr Tropper.

»Ich liebe meine Familie. Jeden

einzelnen. Aber ich liebe sie mehr, wenn

sie nicht in meiner Nähe sind.«

Judd Foxman hat es momentan nicht

leicht: Vor kurzem hat er seine Frau

in fl agranti mit seinem Boss erwischt,

nun ist sein Vater gestorben, und die

Familie soll für ihn die traditionelle

jüdische Totenwache halten. Für Judd

bedeutet das, dass er es sieben Tage

mit all seinen Lieben im selben Raum

aushalten muss ...

Lernen Sie die Foxmans kennen auf

www.knaur.de/tropper

books – September 2010 – 13

448 Seiten | CHF 28.90 | ISBN 978-3-426-66273-1


Buchtipps

Sommerlügen

Bernhard Schlink

Was wäre das Leben ohne Lebenslügen? Lebensentwürfe, Liebeshoffnungen,

Alterseinsichten – was davon ist real, was nur Illusion? Was

bleibt, wenn eine Illusion zerplatzt wie eine Seifenblase? Flüchtet man einfach

in die nächste Lüge, weil das einfacher ist, als der Wahrheit ins Auge

zu sehen? In sieben bewegenden Geschichten

erzählt Bernhard Schlink, wie

das Leben und die Lüge Hand in Hand

gehen – manchmal absichtlich, manchmal

als Selbstbetrug. Wie bei der Frau,

die plötzlich merkt, dass ihr Leben auf

ganz falschen Pfeilern beruht. Die Geschichten

verurteilen nicht, sie decken

auf; feinfühlig und verständnisvoll. Denn

wenn wir ehrlich sind, ist niemand frei

von Lügen.

288 Seiten

CHF 32.90

Diogenes

ISBN 978-3-257-06753-8

Purgatorio

Tomás Eloy Martínez

Eine Frau kann nicht glauben, dass eine Todesschwadron ihren Mann

umgebracht hat. Sie folgt Spuren und Hinweisen, die sie von Buenos

Aires nach Rio de Janeiro und von Nicaragua bis nach Mexiko führen.

Erst in New Jersey findet sie den verschollenen Gatten endlich wieder.

Ist es Zufall, Spürsinn – oder hat sie ihn

einfach herbeigeliebt?

Der Roman erzählt sinnlich und abgründig

von einer Liebe zwischen Terror

und Exil. Der mittlerweile verstorbene

argentinische Schriftsteller Tomás Eloy

Martínez lebte selbst zwanzig Jahre

lang im Exil, nachdem er in der Heimat

mit dem Tod bedroht worden war. Ganz

Südamerika war und ist begeistert von

seinen Werken.

304 Seiten

CHF 31.90

S. Fischer

ISBN 978-3-10-048925-8

14 – books – September 2010

Thesen über die Existenz

der Liebe Torben Guldberg

Die Liebe ist die grösste Kraft – doch was genau ist sie? Die Suche nach

der Antwort aller Antworten treibt den Erzähler durch fünf Jahrhunderte,

rund um die Welt. Er sammelt in Amsterdam, Berlin und New York Liebesgeschichten:

leidenschaftliche, zärtliche, zerstörerische, rebellische.

Er versucht sogar, die Liebe mit einem

gigantischen Fernrohr zu bündeln – und

macht mit seinem wahnwitzigen Experiment

eine ganze Stadt dem Erdboden

gleich. Die Liebe ist eben nicht fassbar,

nicht ergründbar, nicht kontrollierbar. Sie

ist ein allumfassendes Gefühl, wie eine

Vibration im Weltall – und ein Gefühl,

von dem wir nie aufhören werden zu

erzählen.

464 Seiten

CHF 31.90

S. Fischer

ISBN 978-3-10-027038-2

Unsichtbar

Paul Auster

New York, 1967: Der hochsensible Adam Walker will Dichter werden.

Eines Abends bietet ihm auf einer Party ein reicher Franzose namens

Rudolf Born Geld zur Gründung einer Literaturzeitschrift an. Walker hält

das zunächst für eine Schnapsidee, doch als Born ihm einige Tage später

bei einem Essen den Scheck überreicht,

verflüchtigen sich die Bedenken. Allerdings

ist Born nicht einfach ein grossherziger

Gutmensch, denn er will Walker

zum Eingeständnis nötigen, er begehre

Borns Freundin Margot – was auch der

Wahrheit entspricht. Als Born verreist,

beginnt zwischen Margot und Walker

tatsächlich eine amour fou. Doch Born

ist einer, der über Leichen geht.

320 Seiten

CHF 29.90

rowohlt

ISBN 978-3-498-00081-3


Stieg Larsson eng auf den Fersen. Jetzt

kommt ihr neues Werk «entsetzen» in

die Buchhandlungen. Abigail sitzt in ihrem

goldenen Käfig, hadert mit der Untreue

ihres Mannes und hat das Gefühl, es könne

nicht mehr schlimmer kommen. Doch

dann überrascht sie im eigenen Haus einen

Einbrecher, der vermeintlich ihre fast

erwachsene Tochter erstochen hat. In Notwehr

erwürgt sie den Mörder ihres Kindes,

und damit scheint der Alptraum perfekt ...

Doch es stellt sich heraus, dass die tote junge

Frau nicht ihre Tochter, sondern deren

Freundin ist. Die Tochter dagegen wurde

entführt. Special Agent Will Trent und seine

neue Partnerin Faith Mitchell stehen unter

Zeitdruck, wollen sie dem sadistischen

Täter doch noch das Handwerk legen.

Die schwangere ermittlerin

So direkt wie Slaughter geht auch Tania

Carver zur Sache. Die südenglische Autorin

hat mit «entrissen» ihren ersten

Krimi veröffentlicht. Obwohl es sich um

einen Erstling handelt, führt die Autorin

routiniert und zielsicher durch die spannende

Handlung. Detective Inspector Phil

Brennan ist im beschaulichen Essex mit

einer Serie besonders scheusslicher Morde

konfrontiert. Jemand bringt schwangere

Frauen um, von deren Kindern fehlt jede

Spur. Die Psychologin und Profilerin Marina

Esposito soll die Polizei unterstützen.

Ihr Täterprofil ergibt, dass eine Frau mit

verzweifeltem Kinderwunsch hinter den

Taten stehen könnte. Noch ahnt sie nicht,

dass auch sie selbst ein Ziel abgeben könnte

denn auch sie ist schwanger …

The Case of the Golden Bullet

Auguste Groner

68 Seiten

CHF 21.90

Europäischer Hochschulverlag

mord im pfarrhaus

Agatha Christie

389 Seiten

CHF 15.90

Fischer

Die unschuld des Wassers

Ruth Rendell

380 Seiten

CHF 34.90

S. Fischer

Flieh in die dunkle Nacht

Mary Higgins Clark

432 Seiten

CHF 34.90

Heyne

entsetzen

Karin Slaughter

512 Seiten

CHF 34.90

Blanvalet

entrissen

Tania Carver

489 Seiten

CHF 26.90

List

Anz Oksanen, Orell Füssli:Anz Bronsky 17.08.2010 14:30 Uhr Seite 1

© Toni Härkönen

Das international

gefeierte Meisterwerk

über Liebe, Verrat

und Unterdrückung

Frauen morden anders

bgy. Frauen haben sich einen festen Platz als

Krimiautorinnen erworben und morden auf

dem Papier mindestens so erfolgreich wie ihre

Kollegen. Im Leben sind Mörderinnen immer

noch eine Seltenheit. Schweizer Kriminologen

haben erhoben, dass der Anteil vorsätzlicher

Tötungen, die von Frauen begangen werden,

ziemlich konstant bei 10 Prozent liegt. Begeht

aber eine Frau einen Mord, wird sie schnell

zur Berühmtheit und trifft sie die volle Wucht

der öffentlichen Verachtung. Zudem morden

Frauen anders als Männer: Sie handeln seltener

aus materiellen Motiven oder im akuten

Streit. Häufiger sind dagegen Verzweiflungstaten

und Beziehungsdelikte.

Der Kriminalhauptkommissar der Düsseldorfer

Polizei Stephan Harbort geht in seinem

eben erschienenen Buch «Wenn Frauen

morden» einigen spektakulären Fällen nach,

die sich in Deutschland seit Mitte des letzten

Jahrhunderts ereignet haben. Er schildert

sachlich, aber einfühlsam, wie eine Frau drei

Ehemänner mit Pflanzengift ermordet, wie

eine Mutter neun Babys zur Welt bringt und

sterben lässt, oder wie eine Pflegerin reihenweise

Patienten umbringt. Die geschilderten

Fälle zeichnen ein plastisches Bild des jeweiligen

Milieus und schälen die typischen

Merkmale weiblicher Tötungsdelikte deutlich

heraus. Dem Autor, der auch als Berater für

Film- und Fernsehproduzenten tätig ist, gelingt

es ausgezeichnet, die wichtigsten Aspekte

des Themas leicht lesbar zu beleuchten.

Deutsch von Angela Plöger

Gebunden. 400 Seiten. sFr 31,90

Wenn Frauen morden

Stephan Harbort

207 Seiten

CHF 16.90

Piper

Schwerpunkt

books – September 2010 – 15

www.kiwi-verlag.de


Interview

Text: Marius Leutenegger Fotos: Heiner H. Schmitt Jr.

16 – books – September 2010

«Das Morden

macht mir

Spass – und es

tut mir leid»


Es gibt viele Gründe, Ingrid Noll

zu interviewen: Eben ist ihr neuester

Roman erschienen, in diesem

Jahr feiert die erfolgreichste

deutschsprachige Krimiautorin

ihren 75. Geburtstag, ausserdem

jährt sich die Publikation ihres

legendären Erstlings «Der Hahn

ist tot» bald zum 20. Mal. Der

beste Grund für ein Interview ist

aber Ingrid Noll selbst: Es macht

viel Spass, mir ihr zu sprechen.

books: Frau Noll, welche Frage wird Ihnen

am häufigsten gestellt?

Ingrid Noll: Weshalb ich in Shanghai zur

Welt kam.

Und warum kamen Sie in Shanghai zur

Welt?

Mein Vater absolvierte seine Facharzt-Ausbildung

in Genf. Dort lernte er einen Chinesen

kennen, der ihm riet, nach China zu

gehen, wo man Ärzte brauche. Meine Mutter

fand die Idee toll und sagte: Lass uns gehen,

wir verdienen dort einen Haufen Geld

und kehren dann wieder nach Deutschland

zurück. Leider kam alles ein wenig anders.

Geld verdienen war in China auch nicht

immer einfach, und nach Deutschland

wollten sie unter den gegebenen Umständen

nicht mehr zurück – das war damals ja

eine finstere Zeit.

Ich hatte den Eindruck, die häufigste Frage,

die man Ihnen stelle, laute: Wie kommt

eine so freundliche Dame dazu, so böse

Geschichten zu schreiben?

Ja, das werde ich tatsächlich oft gefragt. Ich

selber bin ja ein betont friedlicher Mensch,

das fällt schon auf. Andererseits habe ich

festgestellt, dass die Krimiwelt meistens

aus friedlichen, sozialen Menschen besteht

– das gilt für meine Kolleginnen und Kollegen,

die Krimis schreiben, ebenso wie für

unsere Leserinnen und Leser.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht kehren wir Konflikte im Alltag

eher unter den Teppich und sind dann froh,

wenn wir in einem Buch einmal ordentlich

draufhauen dürfen.

Das heisst: Sie haben in Ihren Büchern

auch schon einmal einen Feind aus dem

richtigen Leben um die Ecke gebracht?

Ich habe gar keine Feinde – oder besser

gesagt: Mir ist nicht bewusst, dass ich Feinde

hätte. Und es ist ja auch nicht so, dass

ich die Personen in meinen Büchern gern

um die Ecke bringe. Ich versuche immer,

mich in jede Figur hineinzufühlen und sie

zu verstehen. Empathie ist ganz wichtig,

wenn man die Charaktere glaubwürdig gestalten

möchte.

Aber wenn Sie mit Ihren Figuren derart

mitfühlen – wie können Sie sie dann sterben

lassen?

Ich finde es tatsächlich schlimm, wenn sie

sterben müssen. Meistens tut mir das wahn-

sinnig leid, ich bin dann ganz niedergeschlagen.

Aber es muss leider sein.

Warum?

Aus dramaturgischen Gründen! Der Mord

ist in meinen Büchern zwar nicht das Wichtigste,

mich interessiert hauptsächlich die

Entwicklung einer Person, ihre Verhaltensweise.

Ich möchte ein Psychogramm erstellen.

Aber der Mord ist das Sahnehäubchen

obendrauf.

Sie lächeln – so schlimm ist es also doch

nicht, eine Figur umzubringen.

Es macht mir Spass. Und es tut mir leid.

In Ihren letzten beiden Büchern gibt es auch

gar keine richtigen Morde, sondern eher

Unfälle oder Missgeschicke mit tödlichen

Folgen. Trotzdem gelten Sie weiterhin als

Krimiautorin. In welche Schublade gehören

Sie tatsächlich?

Ich habe nichts dagegen, als Krimiautorin

zu gelten, denn es ist mir eigentlich egal,

wo man mich hinsteckt. Ich sehe mich

nicht in einer Schublade, sondern bin wohl

eine ganze Kommode.

Aber warum schreiben Sie nicht einfach

einmal einen schönen Liebesroman, bei

dem niemand stirbt?

Die Liebe kommt in meinen Romanen ja

immer vor, sie ist eine sehr starke Emotion

und liefert gute Motive. Aber einen reinen

Liebesroman? Ich bin nun einmal nicht die

Pilcher, ich kann nur so schreiben, wie ich

es kann.

Interview

Als Leserin und Leser tendiert man dazu,

Werke autobiografisch zu lesen. Ihr neuester

Roman «Ehrenwort» handelt vom

Greis Willy Knobel, der von der Familie

seines Sohnes aufgenommen wird, damit er

die letzten Lebenstage nicht im Heim verbringen

muss. Sie selber haben Ihre Mutter

ebenfalls bei sich aufgenommen und bis

zu ihrem Tod gepflegt – sie starb mit 106

Jahren. Wie viel von Ihrer Mutter steckt in

Willy Knobel?

Natürlich verwende ich eigene Erfahrungen,

das machen alle Schriftsteller. Zu viele Parallelen

sollte man dennoch nicht in meine

Bücher hineinlesen. Meine Mutter war sehr

zurückhaltend, was man von Willy Knobel

nun wirklich nicht behaupten kann. Aber

selbstverständlich kenne ich die ambivalenten

Gefühle, die man hat, wenn man einen

Elternteil pflegt. Ich habe meine Mutter sehr

geliebt, aber manchmal hatte ich auch genug

von der Situation – so, wie eine Mutter

auch einmal genug hat von ihrem Kind.

Als Sie Ihre Mutter pflegten, dachten Sie

da schon: Das könnte einmal ein Stoff für

einen Roman werden?

Nein, nie. Es vergingen ja auch zwei Jahre

nach dem Tod meiner Mutter, ehe ich

die Arbeit an «Ehrenwort» aufnahm. Ich

brauchte diese Zeit.

Wie finden Sie Ihre Stoffe? Wie gehen Sie

vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen?

Alles beginnt mit einer wochenlangen

Schwangerschaft, in der ich mich frage:

Über wen will ich schreiben? In dieser frühen

Phase geht es nicht um eine Handlung,

sondern nur um die Menschen, die mich

interessieren. Bei meinem letzten Buch

«Kuckuckskind» interessierte mich zum

Beispiel eine Frau mit Depressionen und

einem unerfüllten Kinderwunsch. Dann

kommen nach und nach weitere Personen

hinzu – etwa eine Kollegin, die gleichzeitig

die Konkurrentin der Hauptfigur ist. Ich

versuche dann, wie eine Schauspielerin in

diese Rolle hineinzuschlüpfen und sie nachzuempfinden.

Zu diesem Zeitpunkt machen Sie sich noch

keine Gedanken über die Handlung?

Nein. Aber wenn ich die Personen im Griff

habe, hetze ich sie aufeinander – und gucke

mal, was dabei herauskommt. Dass es

zwischen diesen Leuten nicht gut ausgehen

kann, ist ja klar. (Fortsetzung Seite 20)

books – September 2010 – 17


Paris. In einem Labor wird ein

Wissenschaftler grausam hingerichtet.

Uganda. In einem Krankenhaus

sterben Menschen an einer rätselhaften

Gehirnkrankheit.

Rouen. Im Gefängnis sagt eine

Umweltaktivistin eine schreckliche

Katastrophe voraus.

All dies ist erst der Anfang eines

Geschehens, das das Leben auf der

Erde für immer verändern soll ...

ISBN 978-3-404-16411-0 | sFr. 15,90


ACHTUNG!

www.luebbe.de


Interview

Ingrid Noll

Ingrid Noll kam am 29. September 1935 in

Shanghai zur Welt; ihr Vater arbeitete in China

als Arzt. 1949 musste die Familie das Reich

der Mitte verlassen und kehrte nach Deutschland

zurück. Ingrid Noll besuchte eine katholische

Mädchenschule in Bad Godesberg und

machte 1954 das Abitur. Anschliessend studierte

sie Germanistik und Kunstgeschichte.

Sie brach die Studien aber ab, um mit dem

Arzt Peter Gullatz eine Familie zu gründen.

Das Paar, das seit 1959 verheiratet ist und in

Weinheim bei Heidelberg lebt, hat drei Kinder

und vier Enkelkinder.

20 – books – September 2010

© Heiner H. Schmitt Jr.

Jahrzehntelang kümmerte sich Ingrid Noll um

den Haushalt und half in der Praxis ihres Mannes

mit – «ich tippte Rechnungen, Arztberichte

und Gutachten». Als die Kinder das Haus verlassen

hatten, schrieb Ingrid Noll ihren Roman-

Erstling «Der Hahn ist tot»; da war sie bereits

54 Jahre alt. Das Buch wurde ein riesiger Überraschungserfolg.

Heute gilt Ingrid Noll als erfolgreichste

deutsche Krimi-Autorin.

Die Handlung ergibt sich einfach von

selbst?

Manchmal stockt der Fluss natürlich, dann

hole ich Dinge nach, die ich schon längst

hätte tun sollen – die Gardinen waschen

oder so. Ich habe glücklicherweise keinen

Druck. Mein Vorteil besteht darin, dass ich

die Idee im Unterbewusstsein weiterarbeiten

lassen kann. Irgendwann entsteht ein

roter Faden. Wenn ich ihn habe, beginne

ich mit dem Schreiben; die einzelnen Szenen

entwickle ich dann am Computer.

«Ich kriege keinen

Nobelpreis und

schwebe nicht in den

höchsten Sphären.

Was ich produziere,

ist Unterhaltung,

und damit bin ich

sehr zufrieden.»

Ihren ersten Roman, «Der Hahn ist tot»,

schrieben Sie ursprünglich in die ungenutzten

Schulhefte Ihrer Kinder. Hat der

Computer Ihr Schreiben verändert?

Ja, er hat vieles vereinfacht. Ich habe zum

Beispiel oft Probleme mit den Namen. Einmal

merkte ich etwas spät, dass ich einer

Frau den Namen meiner Cousine gegeben

hatte. Die wäre tödlich beleidigt gewesen –

am Computer konnte ich den Namen mit der

Suchfunktion ganz einfach ersetzen. Dank

des Computers kann ich alles herumschieben,

und ein Rechtschreibeprogramm ist

natürlich etwas Wunderbares. Ausserdem

bin ich froh, dass ich im Internet recherchieren

kann. In «Ladylike» beschrieb ich, wie

Lore und Anneliese von einer Heidelberger

Brücke ins Wasser springen. Früher hätte

ich nach Heidelberg fahren müssen, um

nachzuschauen, ob das überhaupt geht –

jetzt kann ich das auf einen Klick nachprüfen.

Solche Sachen müssen stimmen,

sonst kriegt man sofort Leserbriefe.

Wie intensiv schreiben Sie, wenn Sie an

einem Roman arbeiten?

Vormittags etwa zwei Stunden, manchmal

auch noch am Nachmittag. Länger hat keinen

Zweck bei mir, ich muss viel nachden-

ken über alles. Und wie gesagt, ich bin ja

nie unter Druck. Ich muss nicht schreiben.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Werken?

Ach, ich kenne meine Grenzen. Ich kriege

keinen Nobelpreis und schwebe nicht in

den höchsten Sphären. Was ich produziere,

ist Unterhaltung, und damit bin ich sehr

zufrieden.

Gibt es kein Bedauern über diese Grenzen?

Ich bin alt genug, um zu wissen: Es hilft

nichts, wenn man lamentiert. Ich kann nun

einmal nur so schreiben, wie ich bin.

Gibt es ein Buch, auf das Sie besonders

stolz sind – Ihr Lieblingswerk?

Mein erstes Buch war für mich ein Meilenstein.

Bei vielen Autoren ist der Erstling

ja besonders geglückt, denn da kann man

ganz viel rauslassen, was einen schon lange

beschäftigt hat.

Ist für Sie das Schreiben seither schwieriger

oder einfacher geworden?

Einfacher, weil ich mehr Lebenserfahrung

habe – und schwieriger, weil ich lahmer geworden

bin. Vieles, was mich früher überhaupt

nicht anstrengte, macht mich heute

richtig fertig. Aber alles in allem ist Schreiben

für mich noch immer ein Luxus.

Sie haben einmal gesagt, Sie schrieben nicht

mit Herzblut, sondern mit leidenschaftlichem

Vergnügen. Wo liegt der Unterschied?

Es wäre lächerlich, wenn ich sagen würde:

Das habe ich mit Herzblut geschrieben,

hier steckt mein Innerstes drin. Mein Herzblut

fliesst nicht wie Tinte. Ich habe beim

Schreiben vor allem viel Spass – ausser vielleicht,

wenn ich einen Menschen beseitigen

muss. Ich glaube, dieser Spass dringt auch

durch, denn bei vielen Lesungen lacht das

Publikum.

Wer ist eigentlich Ihr Publikum?

Das sind sehr unterschiedliche Leute – vom

16-jährigen Mädchen bis zur älteren Dame,

auch beruflich sind sie über das ganze Spektrum

verteilt. Allerdings sind die Frauen bei

meinen Lesungen deutlich in der Überzahl;

die Belletristik ist ja fest in Frauenhand.

Meistens sind auch Ihre Hauptfiguren weib-

lich.

Schreibe ich in der Ich-Form, fällt es mir

leichter, in eine weibliche Seele hineinzu-


schlüpfen. Die Männer sind dann oft das

Opfer, das sterben muss. Das hat mir auch

schon den Vorwurf eingebracht, ich sei eine

Männerhasserin, was natürlich Quatsch ist.

Ich bin sogar schon gefragt worden, ob mein

Mann vor mir zittere.

Und?

Zittern nicht alle Männer vor ihren Frauen?

Wir liegen da sicher in der Norm.

«Zuerst hatte ich mir

ein richtiges Pseudonym

überlegt: Charlotte

Katzenmeier.

Aber mein Verleger

meinte, ich wolle als

Autorin doch ernst

genommen werden,

und mit einem solchen

Namen sei das

unmöglich.»

In einem Interview haben Sie einmal gesagt,

Ihr Mann sei Ihr erster Leser. Wie

würde er sich verhalten, wenn ihm ein Text

überhaupt nicht gefiele?

Er ist vorsichtig mit Kritik, aber ich glaube

nicht, dass er einen Text von mir überhaupt

nicht mag. Wir sind schon so lange

ein Team, da ist man nicht mehr so konträr.

Ich bin jedenfalls dankbar, wenn er mich

auf Dinge hinweist, die verbesserungswürdig

sind. Vor allem mit der Technik habe

ich es nicht so.

Sie sind seit 50 Jahren mit Ihrem Mann

verheiratet. Darin unterscheiden Sie sich

von den Frauen in Ihren Büchern – die haben

in der Regel keine glückliche Hand bei

der Wahl ihrer Männer. Warum?

Weil sie schwierige Menschen sind – und

schwierige Menschen geraten eher an andere

Problemfälle.

Wie kamen Sie eigentlich zum Schreiben?

Schreiben und Lesen waren von Anfang an

meine Freunde – und Mathe war mein

Feind. Wie viele andere Kinder schrieb

auch ich als kleines Mädchen Geschichten.

Als ich selber Kinder hatte, schrieb ich vor

allem Briefe. Dann zogen die Kinder aus

und ich dachte: Jetzt probier ich mal aus,

ob ich einen fiktiven Text schreiben kann.

Zuerst verfasste ich Kindergeschichten,

die teilweise veröffentlicht wurden. «Der

Hahn ist tot» war dann das erste richtige

Buch, das ich schrieb.

Darin geht es um die alleinstehende Rosemarie

Hirte. Sie verliebt sich – und räumt

alle Hindernisse beiseite, die ihr Glück gefährden

könnten. Woher nahmen Sie die

Idee zu diesem Buch?

Bei einem Treffen meiner Schulklasse fiel

mir auf, dass es zwei Gruppen gab: die kinderlosen

erfolgreichen Karrierefrauen und

die Mütter. Beide waren neidisch aufeinander.

Damals fragte ich mich: Was wäre aus

mir geworden, wenn ich seinerzeit nicht geheiratet

hätte? Wäre ich dann zufriedener?

Oder hätte ich auch eine solche Torschlusspanik

wie Rosemarie? Diese Überlegungen

standen am Anfang von «Der Hahn ist

tot».

Schon Ihren Erstling veröffentlichten Sie

unter Ihrem Mädchennamen. Warum haben

Sie nicht Ihren offiziellen Nachnamen

Gullatz verwendet?

Der ist ein bisschen komplizierter, und ich

wollte meine Familie aus allem heraushalten.

Zuerst hatte ich mir übrigens ein richtiges

Pseudonym überlegt: Charlotte Katzenmeier.

Den Vornamen wählte ich, weil

er leicht literarisch klingt, den Nachnamen

entdeckte ich in einer Todesanzeige. Ich

fand ihn richtig bodenständig, und diese

Kombination gefiel mir. Aber mein Verleger

meinte, ich wolle als Autorin doch ernst

genommen werden, und mit einem solchen

Namen sei das unmöglich.

Dieser Verleger war Daniel Keel vom Diogenes-Verlag

in Zürich. Wie kam es dazu,

dass er bis heute Ihre Bücher veröffentlicht?

Ich sandte das Manuskript von «Der Hahn

ist tot» an einen einzigen Verlag – meinen

Lieblingsverlag Diogenes. Ich war zu faul

und wohl auch zu geizig, um viele Kopien

herumzuschicken. Eine Lektorin las das

Manuskript, rief mich an und fragte mich,

was ich bisher veröffentlicht hätte. Ich sagte,

dies hier sei mein erster Roman. Sie war

erstaunt und fand, der Text sei absolut professionell

geschrieben, sie werde ihn dem

Interview

Praktische Führer

66 smarte Geheimtipps

NEU

Claus Schweitzer

Smart Basics Engadin

einfach clever reisen

essen · trinken · erleben ·erholen

ISBN 978-3-85932-650-7

CHF 25.90

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Jochen Ihle

Wanderwege

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Erholung auf 22 Pfaden zum Baden

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Luc Hagmann

Wanderungen im

Weinland Schweiz

Auf 25 Routen durch reizvolle

Reblandschaften

ISBN 978-3-85932-649-1

CHF 33.90

books – September 2010 – 21

www.werdverlag.ch


Verleger weitergeben. Zehn Tage später

rief mich Daniel Keel an und wollte alles

von mir wissen. Seither ist er mein Verleger.

Das heisst: Sie mussten nie die Ochsentour

machen, die am Anfang der meisten

Schriftsteller-Karrieren steht?

Ich hatte riesiges Glück!

Seither haben Sie acht weitere Romane und

viele Erzählungen veröffentlicht. Auffallend

ist, dass die Täterinnen in den meisten

Geschichten unentdeckt bleiben und für

ihre Morde nicht zur Rechenschaft gezogen

werden. Interessiert Sie Gerechtigkeit nicht?

Mich interessiert die Strafe nicht besonders,

die Strafverfolgung ist ja auch nie das

Thema meiner Bücher. Die Zukunft der Täterinnen

kann sich jeder selber ausmalen.

Ausserdem bestrafen sich die Täterinnen

oft selbst durch ihr rabiates Vorgehen – wie

Rosemarie Hirte, deren Liebster am Ende

im Rollstuhl sitzt.

Der Tod kommt bei Ihnen manchmal eher

als Ulk denn als dunkle Bedrohung daher.

Küchenpsychologisch könnte man das so

interpretieren: Sie geben dem Tod ein leichtes

Gepräge, weil Sie ihn in Wirklichkeit

fürchten.

Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber ich

fürchte mich vor Schmerzen und vor langer

Leidenszeit. Nun gut, ein bisschen leben will

ich natürlich schon noch.

Sie werden am 29. September 75 Jahre alt.

Wie stark beschäftigt Sie das Älterwerden?

Ich finde es erstaunlich, dass das Leben

immer schneller verläuft. Erst geht es sehr

langsam den Berg hinauf, dann beginnt das

Rad zu rollen und gewinnt immer mehr an

Fahrt. Ich spüre auch, dass die Sinnesorgane

nachlassen. Das halte ich aber für normal

– vielen geht es viel schlechter als mir.

Wenn man mit Ihnen spricht, gewinnt man

den Eindruck, Sie hätten ein sehr sonniges

Gemüt ...

Ich bin nicht immer zufrieden mit allem,

aber ich habe wohl schon ein wohltemperiertes

Temperament. Ich gräme mich nicht

jahrelang über Dinge, die ich nicht ändern

kann. Und Fragen wie «Was wäre, wenn

Sie bereits früher geschrieben hätten» mag

ich überhaupt nicht. Man kann das Rad

nicht zurückdrehen und soll nicht hadern

mit dem, was vorbei ist!

22 – books – September 2010

Wir sitzen in Ihrem schönen Garten in

einem Einfamilienhaus-Quartier. Wissen

Ihre Nachbarn eigentlich, wer Sie sind?

Die meisten schon, aber es kümmert sie

nicht besonders. Man darf nie vergessen,

dass es viele Leute gibt, die sich überhaupt

nicht für Bücher interessieren. Wenn ich

mit den Enkelkindern auf den Spielplatz

gehe, werde ich jedenfalls nie um Autogramme

angegangen.

«Ich habe ein wohltemperiertesTemperament.

Ich gräme

mich nicht jahrelang

über Dinge, die ich

nicht ändern kann.»

Ehrenwort

336 Seiten

CHF 39.90

Diogenes

Die Romane von Ingrid Noll

Der Hahn ist tot (1991)

265 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Die Häupter meiner Lieben

(1993)

279 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Die Apothekerin (1994)

248 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Kalt ist der Abendhauch

(1996)

245 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Röslein rot (1998)

272 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Selige Witwen (2001)

269 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Rabenbrüder (2003)

288 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Ladylike (2006)

336 Seiten

CHF 18.90

Diogenes

Kuckuckskind (2008)

352 Seiten

CHF 18.90

Diogenes


Endlich!

Ildikó von Kürthy

40 und zufrieden sein – das ist für eine Frau zu viel verlangt. Ich habe

versehentlich die Wahrheit über meine Ehe herausgefunden: Ich werde

betrogen! Ich brauche ein neues Ego. Ich beschatte meinen Mann, schlafe

mit einem fremden Mann, besuche das Seminar «Nackt besser aussehen».

Ich lege mir sogar einen Personal

Trainer zu, denn ich will eine Frau werden,

die man nicht betrügt. Ich will meinen

Mann und mein Leben zurück! Aber

mein Personal Trainer meint: «Wahrheit

oder Glück, du kriegst niemals beides.»

Und was bekomme ich zum Schluss?

Genau das, was ich mir schon immer

hätte wünschen sollen. Endlich!

Ein schlauer Frauenroman der Bestsellerautorin

Ildikó von Kürthy.

320 Seiten

CHF 28.90

Wunderlich

ISBN 978-3-8052-0898-7

Zehn

Franka Potente

Was wird, wenn die schwangere Ikuko die Einzige in ihrer Familie ist, die

sich eine Tochter wünscht? Wo endet es, wenn sich Miyu, die heimlich in

einem Nachtclub tanzt, in einen schüchternen Polizisten verliebt? Was ist

mit dem Stolz einer Zeichnerin oder dem peinlichen Missgeschick eines

jungen Ehepaars?

Die bekannte deutsche Schauspielerin

Franka Potente gibt in ihren Kurzgeschichten

einen erstaunlichen Einblick

in die japanische Kultur und eröffnet einen

Zugang zu den Menschen, denen

sie im Land des Lächelns begegnet ist.

Und sie lässt den Leser auf bestechende

Weise an den Empfindungen und Gedanken

ihrer unverwechselbaren Figuren

teilhaben.

168 Seiten

CHF 26.90

Piper

ISBN 978-3-492-05423-2

Buchtipps

Der Pilot: Die Weisheit

wartet über den Wolken

Richard Bach

Jamie Forbes ist begeisterter Flieger und Fluglehrer. Doch ihn erwartet

auf einem Überführungsflug eine Herausforderung, die für ihn nur schwer

zu meistern ist. Per Funk kommt er in Kontakt mit Maria, deren Mann

soeben einen Herzinfarkt erlitten hat –

über den Wolken! Maria kann selbst nicht

fliegen, und so muss Jamie sie per Funk

anleiten, damit sie das Flugzeug sicher

zu Boden bringt. Der Zwischenfall ist

gleichzeitig auch ein Wendepunkt in Jamies

Leben, denn von nun an beginnt für

den Piloten eine poetische Flugreise zu

einem höheren Selbst.

Der neue spirituelle Roman des Autors

von «Die Möwe Jonathan».

192 Seiten

CHF 29.90

Allegria

ISBN 978-3-7934-2195-5

Shake Your Life

Ralph Goldschmidt

Work-Life-Balance ist das Zauberwort der modernen Gesellschaft. Aber

die Forderung nach Ausgeglichenheit kann auch viel Stress mit sich bringen

– schliesslich will man in allen Bereichen top sein, ob im Sport, im

Beruf, im Bett oder als Eltern. Es muss doch möglich sein, trotz allem die

Leichtigkeit des Seins zu bewahren! Das

ist das Thema in der Jangada Bar, wo

Barmixer Hans seinen Gästen in sieben

frechen Geschichten sieben Prinzipien

für mehr Leistungskraft und Lebensglück

vermittelt. Mit den sieben hochprozentigen

und süffigen Cocktails erfährt der

Leser auch, wie er seinen individuellen

Lebensstil finden und dabei scheinbare

Gegensätze integrieren kann.

224 Seiten

CHF 44.90

GABAL

ISBN 978-3-86936-107-9

books – September 2010 – 23


Interaktive Bücher

Der letzte

Tabubruch

Sie leiden, wenn ein Buch zu Boden

fällt und sich dabei sichtbar verletzt?

Oder wenn jemand eine Notiz in Ihr

Buch gekritzelt hat? Höchste Zeit,

dass Sie sich abhärten. Die richtige

Medizin ist in diesem Fall eine Reihe

von neuen Büchern, die Ihre Aktivität

fordern – und zuweilen auch Ihre Brutalität.

Text: Marius Leutenegger

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir:

Während ich überhaupt keine Hemmungen

habe, jede Woche einen dicken Haufen Magazine

und Zeitungen zu verschnüren und

ins Altpapier zu schmeissen, bringe ich es

nicht fertig, Bücher als Abfall zu betrachten.

Eine Zeitschrift und ein Buch bestehen

zwar beide aus Papier, doch während

erstere das Zerfallsdatum quasi schon im

Namen trägt, hat sich letzteres den Nimbus

des Beständigen und Hochwertigen

erhalten. Dabei wird es diesem Nimbus

oft genug nicht gerecht. Vermutlich gibt

es sogar wesentlich mehr schlechte Bücher

als schlechte Zeitschriften – bei jährlich

100‘000 deutschsprachigen Novitäten auf

dem Buchmarkt ist das keine mutige Behauptung.

Und trotzdem: Auch den grössten

Mist trage ich lieber ins Brockenhaus

als auf den Müll, wenn er zwischen zwei

Mach dieses Buch fertig

Keri Smith

192 Seiten

CHF 17.90

Kunstmann

24 – books – September 2010

KeinBuch

Keri Smith

176 Seiten

CHF 16.90

mixtvision

Buchdeckeln vor sich hindampft.

Diese Beisshemmung erkläre ich mir küchenpsychologisch

mit der kulturellen Bedeutung

von Büchern: Diese waren einst

nicht nur extrem teuer, sondern auch die

exklusiven Träger des Wissens dieser Welt.

Am Anfang war das Wort, und während

langer Zeit gab es keinen anderen Worttresor

als das Buch. Ihm musste man daher

grösste Sorge tragen, sollte es mit der Welt

irgendwie vorwärts gehen.

Offenbar hat sich das alles auf meine Gene

ausgewirkt, denn schon als Kind vermied

ich es tunlichst, einem Buch ein Eselsohr zu

verpassen. Ich weiss zwar bis heute nicht,

was ein Falz mit den Ohren eines Esels zu

tun hat, aber ich fand den Namen schon

passend: Wer ein Buch schändet, ist ein

Esel, dem die Ohren langgezogen gehören!

Walls

Sherwood Forlee

160 Seiten

CHF 18.90

Hoffmann und Campe

«Vergiss alles, was du über den Umgang

mit Büchern gelernt hast»

Doch dann kam ES. Dieses schwarze

Büchlein, das aussieht wie ein Moleskine

vom Warenposten. «Mach dieses Buch

fertig», rief es mir vom Büchertisch im

Kramhof entgegen. Untertitel: «Erschaffen

ist Zerstören.» Ich wandte mich selbstverständlich

angewidert von diesem «Werk»

der US-amerikanischen Grafikerin Keri

Smith ab. Während eines Aufenthalts in

New York begegnete ich dem sinistren

Buch allerdings wieder: «Wreck this journal»,

schrie es da. Ich fragte die Buchhändlerin,

ob sich etwas derart Unanständiges

in den stets korrekten USA überhaupt

verkaufen liesse. Sie lächelte mich so charmant

an, wie das Buchhändlerinnen in diesem

Land zu tun pflegen: «Ja, grossartig!»

Zurück in der Schweiz konnte ich mich

Das Telefon-Kritzel-Buch

Andrew Pinder

168 Seiten

CHF 18.90

Knesebeck

Kritzelblock für Pendler

80 Seiten

CHF 9.90

Carlsen


dann nicht mehr zurückhalten: Ich erstand

mir die sündige Publikation. Sie empfing

mich auf Seite 4 mit einer Warnung: «Bei

der Arbeit an diesem Buch machst du dich

möglicherweise schmutzig.» Iiiek! Schnell

umblättern – und lesen: «Vergiss alles, was

du über den Umgang mit Büchern gelernt

hast.» Man solle das Buch einfach irgendwo

aufschlagen und die Anleitung befolgen,

wurde einem da geraten.

Viva la Revolución!

Nun, ich gebe es zu: Ich tat fortan alles,

was dieses Buch von mir verlangte. Wirklich

alles. Es begann mit «Bohre mit einem

Bleistift Löcher in diese Seite» – das verlangte

zwar viel Überwindung, doch das

Gefühl, wenn der Stift durch das weiche

Papier drang, erwies sich als erstaunlich

angenehm. «Schütte, kleckere, tropfe, spucke,

schmiere deinen Kaffee genau hier

hin», hiess es andernorts. Wozu sollte ich

so etwas tun? Ich tat’s, heimlich und etwas

verschämt. Dann kamen die ganz harten

Sachen. «Breche den Buchrücken», «Setze

diese Seite in Brand», «Reisse diese Seite

raus, stecke sie in deine Hosentasche, wasche

sie mit, klebe sie wieder hier ein». Ich

tat’s, ich tat’s, ich werde es tun. Denn nach

der ersten Überwindung machte das alles

plötzlich viel Spass. Auch das lässt sich laienpsychologisch

deuten: Ein Blatt Papier

verbrennen ist nicht lustig oder besonders

spannend – aber eine Seite eines Buchs anzünden,

das ist eine echte Revolution, ein

Tabubruch, ein Befreiungsschlag! Ich fühlte

mich wie Daniel Cohn-Bendit im Sommer

68. Was sonst gibt einem heute noch ein

solches Gefühl, jetzt, wo jeder Banker ein

Fussball-Fan und selbst manche Bundesrats-Gattin

tätowiert ist?

Wie jede Revolution hat sich übrigens auch

jene von «Mach dieses Buch fertig» als Gesellschaftsereignis

erwiesen. Das Internet

ist voll von Blogs und Websites, auf denen

meine Mitrevolutionäre ihre manchmal

überraschend schön gestalteten, oft aber

ganz einfach übel zugerichteten Bücher

präsentieren (siehe zum Beispiel www.freeblog.in/WtJBlog/).

Man ist wahrlich nicht

allein, wenn man einem Buch Ungutes tut.

Das Malbuch für Paare

Claire Faÿ

64 Seiten

CHF 15.90

Blanvalet

Mein Buch für das Leben

Yvonne Niewerth

240 Seiten

CHF 26.90

Sanssouci

Zumal es, wie immer bei Bestsellern, mittlerweile

eine ganze Reihe ähnlicher Werke

gibt. Sehr «schön» ist zum Beispiel auch

«KeinBuch» von Sebastian Zembol, dem

nach dem grossen Durchbruch – sprich der

grossen Zerstörung – «KeinBuch2» folgte.

Die beiden Bände schreien ebenfalls nach

möglichst mieser Behandlung und eignen

sich offenbar sogar für Golfspiele mit überreifen

Tomaten (siehe www.keinewebsite.

de).

«Ein Blatt Papier verbrennen ist nicht

lustig oder besonders spannend – aber

eine Seite eines Buchs anzünden, das

ist eine echte Revolution, ein

Tabubruch, ein Befreiungsschlag!»

Sudeln ist nicht schön, aber irgendwie

schon

Seit ich «Mach dieses Buch fertig» regelmässig

fertig mache, habe ich zwar noch

immer nicht aufgehört, Bücher zu lieben

und sie meistens so sorgfältig wie Wertpapiere

zu behandeln – aber ich habe entdeckt,

dass man mit ihnen noch ganz viel

anderes tun kann, als zu ihnen lieb zu sein.

Man kann sie zum Beispiel vollsudeln mit

Notizen. «Walls» von Sherwood Forlee

ist ein hübsches Fotobuch, das nichts als

Mauern aus der ganzen Welt zeigt – und

diese Mauern darf man jetzt vollkritzeln,

als wäre man ein Graffiti-Strolch. Man

kann zwar meistens nicht genau lesen, was

man auf die bunten Seiten hingeschmiert

hat, aber was ist schon eine saubere Notiz

gegen das Gefühl, so richtig über die Stränge

zu schlagen und ein wilder Kerl zu sein!

Noch einfacher ist das Sudeln beim «Telefon-Kritzel-Buch»

von Andrew Pinder.

Vielleicht gehören Sie auch zu jener Sorte

Mensch, die beim Telefonieren ständig

Kunst produzieren muss; Konrad Lorenz

hätte das wohl als Übersprungshandlung

bezeichnet. Weil der ehemalige Archäologe

Pinder offenbar viel Verständnis für dieses

Fragebuch

Mikael Krogerus und

Roman Tschäppeler,

175 Seiten

CHF 28.90

Kein & Aber

Bücher über Männer

obskure Verhalten hat, bietet er das ideale

Umfeld für Telefonkritzeleien: rund 200

halbfertige Vorlagen, die Lust machen, sie

so schnell wie möglich zu ergänzen oder zu

versauen. Der Kreativität werden hier nicht

nur keine Grenzen gesetzt – ihr werden

vielmehr ganze Stadtteile geöffnet. Gleiches

gilt auch für die Serie der «Kritzelblöcke»

(fürs Studium, fürs Büro, fürs den Ruhestand,

für die Reise, für Pendler und so weiter)

aus dem Carlsen-Verlag. Diese Bücher

zerstört man zwar nicht, sie verlangen

von Ihnen aber, dass Sie sich als Co-Autor

schuldig machen: Verbinden Sie Punkte,

malen Sie aus, was Ihnen passt, fassen Sie

Ihre Wut über Kollegen, Chef und Chefin

in derbste Zeichnungen!

Stilles Lesen war einmal – jetzt wird

mitgearbeitet

«Interaktivität» – sie ist im Internet-Zeitalter

das Mass aller Dinge. Da kann es nicht

erstaunen, dass sie jetzt auch allmählich den

Buchmarkt erobert und wir in immer mehr

Büchern aktiv mitarbeiten dürfen. In ihrem

jüngsten Roman «Möchtegern» hat die

Autorin Milena Moser einige Seiten weiss

gelassen, damit die Lesenden ihre eigenen

Reime auf die Geschichte niederschreiben

können. Das ist zwar sehr nett von Frau

Moser, überfordert aber vermutlich einige

der heutigen Interaktiven – die sind es

sich schliesslich vor allem gewohnt, einen

Link oder ein paar Kästchen anzuklicken.

Zu diesem Verhalten passen die Bücher

der französischen Nachwuchs-Grafikerin

Claire Faÿ hervorragend. Da wird man

jederzeit angeleitet, was zu tun ist. «Das

Malbuch für Paare» bietet einem die richtige

Plattform, seinen Gefühlen mal richtig

Luft zu machen: Die Ideen zum Ausmalen,

Zeichnen, Ausschneiden, Zerknüllen und

Zerreissen dienen dem Frustabbau oder

können die Vermittlung von Liebesgefühlen

erleichtern. Claire Faÿ bietet übrigens Hilfe

zur Selbsthilfe in jeder Lebenslage: Von ihr

stammen auch «Das Malbuch für alle, denen

zum Aussteigen das Geld fehlt» (also

für praktisch alle) und «Das Malbuch für

alle, die sich im Büro langweilen» (dito).

Es ist klar, dass sich diese Bände – wie alle

Tagebuch (rot):

Wie war dein Tag?

Doro Ottermann

208 Seiten

CHF 17.90

Droemer Knaur

books – September 2010 – 25


Interaktive Bücher

hier vorgestellten – auch hervorragend als

Geschenk eignen.

«Die Fragen, die man beantworten

darf/kann/soll, animieren zu derart

persönlichen Stellungnahmen, dass man

diesem Buch eigentlich ein dickes Vorhängeschloss

wünschte.»

Tagebuch für Schreibfaule

«Mach dieses Buch fertig» oder «Das Malbuch

für Paare» werden durch den individuellen

Gebrauch erst richtig flott. Ähnliche

Bücher erhalten durch die persönliche

Nutzung sogar den Charakter regelrechter

Visitenkarten. Das gilt zum Beispiel für

«Mein Buch für das Leben» von Yvonne

Niewerth. Laut Werbung handelt es sich

hier um ein «Eintragebuch» – was es doch

nicht alles gibt! Leserin und Leser werden

aufgefordert, ihre Wünsche, Absichten

und Meinungen festzuhalten. Die Fragen,

die man beantworten darf/kann/soll, animieren

zu derart persönlichen Stellungnahmen,

dass man diesem Buch eigentlich

ein dickes Vorhängeschloss wünschte. Das

gilt auch für das schön gemachte «Fragebuch»

von Mikael Krogerus und Roman

Tschäppeler, das im Stile des legendären

Fragebogens von Max Frisch die Lesenden

zum Kern ihrer Gedanken führt.

Doch was ist, wenn man gar nicht so viel

nachdenken und arbeiten mag, aber den-

Parks_books:Layout 1 03.08.2010 17:09 Uhr Seite 1

26 – books – September 2010

368 Seiten, gebunden mit Schutz umschlag

CHF 38,90; ISBN 978-3-88897-680-3

noch ein ganz persönliches Buch haben

will? Dann gibt es zum Glück noch immer

das «Tagebuch: Wie war dein Tag?» – eine

Chronik für ganz Schnelle und Schreibfaule.

Die Autorin Doro Ottermann hat ein

Multiple-Choice-Verfahren entwickelt, mit

dem man den Alltag in Sekundenschnelle

erfassen kann. Aufklappen, ankreuzen, zuklappen,

fertig. So schreibt man heute Tagebuch.

Und wenn die Kreuzchen-Analyse

Ihres Tags ergibt, dass es Ihnen eigentlich

ganz dreckig geht, dann ist es vielleicht

höchste Zeit für ein entspannendes kleines

Buch-Massaker – und damit beginnt unsere

Geschichte wieder von vorn.

»In unserer von billigen

Selbstenthüllungen und

Quacksalber-Ratgebern

dominierten Welt ist

dieses Buch das einzig

Wahre!«

will self, the times

Tim Parks’ persönlichstes Buch:

eine Krankheitsgeschichte mit

»happy end«, klug und unglaublich

unterhaltsam. Die meisten von uns

werden irgendwann krank; aber nur

wenige können darüber mit solch

einer brillanten Intelligenz erzählen

wie Tim Parks.

Mehr unter: www.tim-parks.com

Ein Klassiker und sein Nachfolger

für Kinder

ml. Mitmachbücher treten heute in auffallend

grosser Zahl auf – doch es gibt sie

schon länger. Einer der Ahnherren des Genres

dürfte der 1972 erschienene Band «Die

Kronenklauer» der beiden Satiriker Friedrich

Karl Waechter und Bernd Eilert sein. Die berühmten

Vertreter der so genannten «Neuen

Frankfurter Schule» laden Kinder mit ihrem

übermütigen Buch in eine fröhlich-verkehrte

Welt ein – und fordern die kleinen Lesenden

zum Falzen, Raten, Reimen, Puzzlen,

Malen oder Singen auf. Zudem dürfen die

Buben und Mädchen «Die Kronenklauer»

mit der Schere traktieren. In der Nachfolge

zu diesem Klassiker steht das soeben erschienene

«Kinder Künstler Mitmach Buch».

Es ähnelt in der Machart sehr «Mach dieses

Buch fertig», ist aber durch und durch Kindgerecht

und besonders liebevoll. Die schönste

Doppelseite: Links darf man «Kritzel krakeln»,

recht «Kraken kritzeln».

Die Kronenklauer

Friedrich Karl Waechter,

Bernd Eilert

188 Seiten

CHF 34.90

Diogenes

Kinder Künstler Mitmach

Buch

Labor Ateliergemeinschaft

Ca. 200 Seiten

CHF 16.90

Beltz & Gelberg

verlag antje

kunstmann

www.kunstmann.de


Ehrenwort

Ingrid Noll

Drei Generationen unter einem Dach: Da ist Ärger vorprogrammiert. Das

merken auch Harald und Petra, als sie Haralds hochbetagten Vater Willy

zur Pflege bei sich aufnehmen. Es soll ja nicht mehr lange mit ihm gehen,

sagen die Ärzte. Doch Student Max schafft es, den Grossvater wieder

aufzupäppeln und gleichzeitig das

Leben der Eltern in den Grundfesten zu

erschüttern. Während Harald und Petra

überlegen, wie sie den Störenfried Willy

möglichst elegant wieder loswerden,

bandelt Max mit der Pflegerin Jenny an.

Er weiss jedoch nicht, dass sie ein dunkles

Geheimnis hat ...

Eine bitterböse Kriminalkomödie, in der

Ingrid Noll zeigt, dass es weder heile

noch heilige Familien gibt.

336 Seiten

CHF 39.90

Diogenes

ISBN 978-3-257-06760-6

Die Perspektive des

Gärtners Håkan Nesser

Vor vierzehn Monaten verschwand die vierjährige Tochter von Erik und

Winnie Steinbeck spurlos. Es gibt keinen Erpresserbrief, keine Hinweise

auf den Täter. Um Abstand zu gewinnen, beschliessen die beiden,

nach New York zu ziehen. Anfangs scheint dies die rettende Idee: Winnie

beginnt wieder zu malen, Erik geht jeden

Tag in die Bibliothek, um zu schreiben.

Doch dann behauptet Winnie zu wissen,

dass Tochter Sara noch lebt. Sie

malt sogar ein Bild der Entführung –

aber ohne das Gesicht des Entführers.

Als Erik entdeckt, dass Winnie heimlich

aus dem Haus geht, wenn er nicht da ist,

wird ihm langsam klar, dass sie ihm nicht

die ganze Wahrheit über sich und ihre

Vergangenheit erzählt hat.

320 Seiten

CHF 34.90

btb

ISBN 978-3-442-75173-0

Sechseläuten

Michael Theurillat

Buchtipps

Ein Mord am Zürcher Sechseläuten ruft Kommissar Eschenbach auf den

Plan. Die Spur führt den Ermittler zum Weltfussballverband FIFA, wo die

Ermordete im Sekretariat gearbeitet hat. Doch dort scheint sich niemand

für den Fall zu interessieren. Leider schweigt auch der Junge, den man

neben der Leiche fand. Als er endlich

zu reden beginnt, werden die Rätsel nur

noch grösser, denn er spricht die Sprache

der Jenischen. Eschenbach muss

sich plötzlich mit alten Akten der Pro Juventute

befassen. Bald entdeckt er eine

hoch geheime Liste, auf der Namen von

Kindern verzeichnet sind – von jenischen

Kindern, die bis 1972 aus ihren Familien

«entfernt» worden waren ...

326 Seiten

CHF 17.90

List

ISBN 978-3-548-60944-7

Entsetzen

Karin Slaughter

Als Abigail Campano nach Hause kommt, erwartet sie das nackte Grauen:

Glasscherben auf dem Boden, ein blutiger Fussabdruck, ein Mann,

der sich über den leblosen Körper ihrer Tochter beugt. Abigail stürzt sich

auf den Unbekannten, ringt ihn nieder und erwürgt ihn in einem erbitterten

Kampf auf Leben und Tod. Erst dann

sieht sie, dass das tote Mädchen nicht

ihre Tochter Emma ist, sondern deren

beste Freundin Kayla. Sie wurde brutal

erschlagen, ihr Körper ist mit Prellungen

und Bisswunden übersät. Doch wo ist

Emma? Special Agent Will Trent macht

Abigail wenig Hoffnung, das Mädchen

lebend wiederzufinden.

Der zweite Fall für Will Trent, diesmal

ermittelt er mit seiner neuen Partnerin

Faith Mitchell.

512 Seiten

CHF 34.90

Blanvalet

ISBN 978-3-7645-0344-4

books – September 2010 – 27


Mein Buch

«Nicht schöngefärbt»

Wir möchten von Orell-Füssli-Kundinnen

und -Kunden wissen: Welches ist

Ihr liebstes Buch? Heute antwortet

Kathi Menziger aus Zürich. Sie ehrt

heimisches Schaffen.

Aufzeichnung: Susanne Loacker

Kathi Menziger ist diplomierte Architektin

ETH und betreibt zusammen mit ihrem

Mann ein eigenes Architekturbüro. Die

46-jährige Mutter zweier Buben wohnt

am Stadtrand von Zürich und

liest fast täglich – am liebsten

am Abend vor dem Einschlafen

oder im Sommer

in der Badi. «Lesen ist

für mich entspannend»,

sagt sie, «dabei muss es

nicht immer hochstehende

Literatur sein. Es gibt

viele Bücher, die ich zur

Unterhaltung lese und dann

bald wieder vergesse – sie sind

sozusagen nicht nachhaltig. Bei diesen Büchern

ist mir die Geschichte wichtiger als

die Sprache.»

Es gibt aber auch viele Bücher, die Kathi

Menziger mehrmals liest. «Bei Büchern,

die ich mehr als einmal lese oder zumindest

gern wieder einmal lesen würde, sind mir

sowohl die Sprache als auch die Geschich-

te wichtig», sagt sie. Im Moment gehören

Jane Austen, «Jim Knopf» – den sie auch

ihren Buben vorgelesen hat – und «Wassermusik»

von T.C. Boyle zu ihren Lieblingen.

Auf die sprichwörtliche einsame Insel

nähme sie aber drei andere Bücher mit:

«Den ‚Brockhaus’, ‚Tristram Shandy‘ von

Laurence Stern, weil dies der nächste Titel

auf meiner Leseliste ist, und dann ‚Melnitz‘

von Charles Lewinksy.»

Diesen letzten Titel würde die Architektin

denn auch als ihr Lieblingsbuch

bezeichnen. In diesem

Roman erzählt der Zürcher

Autor Charles Lewinsky

die Geschichte der jüdischen

Familie Meijer vor

dem Hintergrund der geschichtlichen

Ereignisse in

der Schweiz zwischen 1871

und 1945. «Ich mag Bücher,

die mehrere Generationen umspannen»,

erklärt Kathi Menziger.

«Das Buch gefällt mir sprachlich, ausserdem

spielt es in einer Gegend, die ich kenne:

Als Kind war ich oft im Aargau in den

Ferien.» Auch die Personen der Geschichte

machen Kathi Menziger Eindruck, vor

allem die Adoptivtocher Chanele Meijer:

«Die Figuren sind spannend, nicht einfach

schöngefärbt.»

Biographien, 28 – books Romane, – September Erzählungen, 2010 Gedichte, Ratgeber, Sachbücher u.a.

Kurze Beiträge passen vielleicht in unsere hochwertigen Anthologien.

Neben «Melnitz» hat Kathi Menziger bisher

keine Bücher von Charles Lewinsky gelesen,

obwohl ihr sein Stil sowohl inhaltlich

als auch sprachlich sehr gefällt.

Bücher kauft Kathi Menziger am liebsten

im Geschäft. «Dort kann ich ein Buch in

die Hand nehmen, darin blättern und lesen.

Online bestelle ich auch, dann aber gezielt,

zum Beispiel aufgrund einer Empfehlung

von Freunden oder der Presse. Müsste ich

mich für eine Variante entschieden, würde

ich immer das Fachgeschäft bevorzugen.»

Melnitz

Charles Lewinsky

772 Seiten

CHF 19.90

dtv

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Aus dem

Schatten

des Wahnsinns

Argentinien feiert sein zweihundertjähriges

Jubiläum – und ist diesjähriger

Ehrengast an der Frankfurter

Buchmesse. Aus diesem Anlass stellt

«books» einige der vielen Neuerscheinungen

aus dem Land der Gauchos

vor.

Text: Benjamin Gygax

Die Frankfurter Buchmesse hat eine Liste mit

über 100 deutschsprachigen Neuerscheinungen

aus Argentinien zusammengestellt. Sie

zeugen vom regen literarischen Schaffen im

südamerikanischen Land. Kaum ein Buch ist

der Staatsgründung gewidmet, die sich 2010

jährt. Viel öfter beschäftigt die Autorinnen

und Autoren des Landes dagegen die bleierne

Zeit der Militärdiktatur. Sie begann 1976, als

die Militärs mit einem Putsch die Macht im

krisengeschüttelten Land übernahmen. Unter

dem euphemistischen Titel «Prozess der Nationalen

Reorganisation» errichtete die Militärjunta

der «Monteneros» eine konservative

Diktatur und tötete in ihrem «schmutzigen

Krieg» gegen oppositionelle Guerilleros etwa

2300 Menschen, bis zu 30’000 weitere verschwanden

für immer. 1983 brach die argentinische

Militärdiktatur unter der Last einer

Wirtschaftskrise und des verlorenen Falklandkriegs

zusammen.

«Nationale Reorganisation» als

kollektives Trauma

Das Schicksal der «Desaparecidos», der vielen

Verschwundenen, verfolgt Argentinien

bis heute. Sinnlich und berührend umkreist

der kürzlich mit 76 Jahren verstorbene Altmeister

Tomás Eloy Martínez das Thema

in seinem letzten Werk «Purgatorio». Das

Purgatorium oder Fegefeuer ist nach katholischem

Glauben jener Ort, wo die Unreinen

bis zur Aufnahme in den Himmel geläutert

werden. Die Qual der Verstorbenen besteht

darin, dass sie zwar die Gegenwart und Liebe

Gottes spüren, sich dieser Liebe aber wegen

ihrer Sünden nicht würdig fühlen. Martínez

schildert eine irdische Form des Fegefeuers:

Emilias Ehemann verschwindet kurz nach

der Hochzeit in einem Polizeigefängnis. Zeugen

berichten später von seinem Tod, doch

Emilia wird ihr Leben lang auf der Suche

nach ihrem Símon von Ort zu Ort getrieben.

Nach Jahrzehnten glaubt sie, ihm in New

Jersey wieder zu begegnen.

Verschwinden, um aufzufallen?

Der vielschichtige Roman ist eine scharfe politische

Abrechnung mit der argentinischen

Diktatur und zugleich eine herzzerreissende

Geschichte über eine Familie, über unerfüllte

Liebe und übers Älterwerden. «Vielen Leuten

ist jedes Mittel recht, um aufzufallen,

und sie verschwinden einzig und allein, da-

Saison

mit man sie nicht vergisst», kommentiert der

Aal – gemeint ist Militärdiktator Videla – Símons

Verschwinden. Damit verdreht er das

Schicksal der Desaparecidos grotesk – und

spricht doch etwas Wahres aus. Emilia bleibt

gefangen in der gemeinsamen Vergangenheit

mit Símon, weil ihr die Wahrheit und ein Abschied

verwehrt bleiben.

Ähnliche Themen berührt auch «Die blinde

Küste» von Carlos María Domínguez. In

poetischer Sprache beschreibt er das Aufeinandertreffen

des 50-jährigen Arturo Balz mit

der jungen Tramperin Camboya. Sie tasten

sich im Gespräch an eine Vergangenheit heran,

die beide verbindet.

Schreiben im Exil und gegen das

Vergessen

Die argentinische Literatur versteht sich

zwar als Teil des gemeinsamen mittel- und

südamerikanischen kulturellen Erbes. Das

Einwanderungsland hat aber traditionell

eine enge Bindung zu Europa – vor allem zu

Frankreich. Weil viele Autoren während der

Diktatur im französischen Exil lebten, sind

die Bezüge noch stärker geworden. Auch

Laura Alcoba floh mit ihrer Mutter im Al-

books – September 2010 – 29


Saison

ter von zehn Jahren vor der Diktatur nach

Paris. In ihrem kurzen biografischen Roman

«Das Kaninchenhaus» schildert sie das Leben

im Untergrund aus der Perspektive des

Mädchens. Lange hatte Laura Alcoba die

Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit

gescheut und aufs Alter verschoben. Doch

plötzlich hielt sie das Warten nicht mehr

aus. «Ich werde von diesem argentinischen

Wahnsinn schreiben und von den Menschen,

die durch seine Gewalt zerstört worden

sind», schreibt Alcoba. Sie schildert ihre

Erinnerungen so lakonisch wie eindringlich:

die Besuche bei ihrem Vater im Gefängnis,

das konspirative Leben im Untergrund, das

Ringen um einen normalen Kinderalltag,

das tragische Ende ihrer Schicksalsgefährten.

Die Erzählung des kleinen Mädchens zeigt

drastisch, wie schnell Kinder sich an so unmenschliche

Lebensbedingungen anpassen –

und wie sehr sie gleichzeitig damit überfordert

sind.

Generation ohne Eltern

«76» nennt Félix Bruzzone seine zweite

grössere Publikation nach dem viel beachteten

Erstling «Los topos». Der karge Titel be-

zieht sich zugleich auf das Datum der Machtergreifung

und das Geburtsjahr des Autors.

Félix Bruzzone steht für eine Generation von

jungen Argentiniern, die ohne Eltern aufgewachsen

sind; auch die Eltern des Primarlehrers

und Literaturwissenschaftlers sind «Verschwundene».

In «76» verbindet Bruzzone

acht Erzählungen. Präzis und eindrücklich,

aber unprätentiös schildert er Kindheitserinnerungen,

Anekdoten aus der Jugend und

Alltagsszenen. Sie handeln von Kindern, ihren

Grosseltern, von Jugendfreunden oder

Lastwagenfahrern – und eines verbindet sie

alle: Mütter und Väter fehlen. So spannt

Félix Bruzzone unaufdringlich die tragische

Vergangenheit als gemeinsamen Hintergrund

für seine Geschichten auf.

Die Vergangenheit als Thriller

Zur gleichen jungen Generation wie Alcoba

und Bruzzone gehört auch Marcelo Figueras.

Er nähert sich der Vergangenheit jedoch

viel unbeschwerter an. Schon nach wenigen

Seiten wird offensichtlich, dass der Verfasser

von «Der Spion der Zeit» auch als Drehbuchautor

arbeitet. Wenn sich in der fiktiven

ehemaligen Militärdiktatur Trinidad ein

NEU

Weggesperrt —

Warum Tausende in der Schweiz

unschuldig hinter Gittern sassen

144 Seiten, 1. Auflage September 2010

«Argentinische Literatur

lässt sich nicht

auf Vergangenheitsbewältigungreduzieren,

doch die Vergangenheit

durchzieht

die meisten Veröffentlichungen.»

Beobachter-Buchverlag, Postfach, 8021, Zürich

www.beobachter.ch/buchshop

30 Auch – books in Ihrer – September Buchhandlung 2010 erhältlich! Wissen, was wichtig ist.

Täter grausam an den fünf Generälen rächt,

klingt diese Idee ein bisschen nach «Inglorious

Basterds»; und das Vorgehen des Täters

erinnert an den düsteren Thriller «Seven».

Kommissar Van Upp, die Hauptfigur des

Buchs, verbrachte die Zeit der Diktatur in

einer psychiatrischen Klinik. Der scharfsinnige

Shakespeare-Liebhaber wird jetzt zwar

als Sonderling argwöhnisch beäugt, dafür

hat ihm der Klinikaufenthalt das gefährliche

Lavieren zwischen den Erwartungen der

Machthaber und seinem Gewissen erspart.

Als Van Upp zum Chefermittler im Mordfall

Soeben erschienen!

Unschuldig hinter Gittern

Wer nicht «recht tat», wurde eingesperrt —

ohne Gerichtsurteil. Das neue Beobachter-Werk

folgt den Spuren der administrativ Versorgten.

«Weggesperrt» schildert eindrücklich, warum

unschuldige junge Menschen in der Schweiz

wie Straftäter behandelt wurden. Beobachter-

Redaktor Dominique Strebel bringt Licht in ein

dunkles Kapitel Schweizer Geschichte.


zweier Junta-Mitglieder gemacht wird, weiss

niemand so richtig, ob man ihm wegen seiner

sicheren Spürnase vertraut oder ob er schon

mal als Sündenbock für erfolglose Ermittlungen

in Position gebracht wird. Figueras

verbindet seinen scharfen Blick auf die politische

Geschichte Argentiniens mit packenden

Charakterisierungen und unterhält auf kluge

Weise.

Sich erinnern, um zu vergessen

Argentinische Literatur lässt sich sicher nicht

auf Vergangenheitsbewältigung reduzieren;

und wer bei argentinischen Autorinnen und

Autoren andere Themen als die Militärdiktatur

sucht, wird sie finden. Doch die Vergangenheit

durchzieht die meisten Veröffentlichungen

der Literaturschaffenden aus dem

lateinamerikanischen Land. Laura Alcoba

bringt ihr persönliches Motiv dafür in der

Einleitung zum «Kaninchenhaus» auf den

Punkt: «Wenn ich jetzt mein Gedächtnis

anstrenge, um vom Argentinien der Monteneros

zu sprechen, von der Diktatur und

dem Terror, und das alles aus der Sicht eines

Kindes, dann geht es mir weniger darum,

mich zu erinnern, als herauszufinden, ob ich

danach anfangen kann zu vergessen.» Damit

dürfte sie auch für viele andere sprechen.

Purgatorio

Tomás Eloy Martínez

297 Seiten

CHF 31.90

S. Fischer

Die blinde Küste

Carlos María Domínguez

137 Seiten

CHF 25.90

Suhrkamp

Das Kaninchenhaus

Laura Alcoba

118 Seiten

CHF 25.90

Insel

76

Felix Bruzzone

160 Seiten

CHF 25.90

Berenberg

Der Spion der Zeit

Marcelo Figueras

281 Seiten

CHF 29.90

Nagel & Kimche

Die Liste der 100 Neuerscheinungen aus Argentinien

kann herunter geladen werden unter www.buchmesse.de/ehrengast.

Facetten von Argentinien

bgy. Wer Argentinien nicht nur aus Büchern erfahren

will, sondern eine Reise dorthin plant,

dem sei die «Gebrauchsanweisung für Argentinien»

von Christian Thiele empfohlen. Wie

alle Bücher aus dieser Reihe bietet auch jenes

über Argentinien keine konkreten Reiseinformationen,

sondern vielfältige Eindrücke: aus

der Weite Patagoniens, aus der Pampa oder

der Metropole Buenos Aires, zum lateinamerikanischen

Temperament und zu europäischen

Einflüssen. Thiele berichtet über Maradona,

über den Grabwächter von Evita Perón, einen

Rinderauktionator und eine jener bekannten

Mütter vom Plaza de Mayo, die unermüdlich

nach dem Verbleib ihrer verschwundenen Söhne

fragen. Die Schilderungen sind so vielseitig

und lebendig, dass sie bestens auf einen Besuch

des Landes vorbereiten – und auch jene

unterhalten, die jetzt nicht nach Argentinien

reisen können.

Gebrauchsanweisung

Argentinien

Christian Thiele

224 Seiten

CHF 24.90

Piper

Saison

books – September 2010 – 31


Orell Füssli

«Wir wollen die

Kunden gezielter

ansprechen»

Die Orell Füssli Holding hat seit Mai dieses Jahres einen neuen CEO: Michel

Kunz. Der 51-Jährige war zuvor Konzernleiter der Post. Im Gespräch mit books

verrät er, was die Kundinnen und Kunden der Orell-Füssli-Buchhandlungen von

ihm erwarten dürfen.

Interview: Marius Leutenegger und Benjamin Gygax

books: Michel Kunz, in wenigen Wort: Wer

sind Sie?

Michel Kunz: Nun, ich bin ein sehr aktiver

Mensch. Meist habe ich zu wenig Zeit

für meine Interessen und muss deshalb Prioritäten

setzen; dann bin ich vor allem in

der Natur, als Ausgleich zu meiner Bürotätigkeit.

Sie waren Chef der Post, eines Unternehmens

mit 58‘000 Mitarbeitenden. Jetzt

sind Sie Chef der Orell Füssli Holding mit

rund 1100 Mitarbeitenden. Was hat Sie an

der neuen Aufgabe gereizt?

Die Grösse eines Unternehmens ist natürlich

nicht das einzige Kriterium, wie spannend

eine Arbeit ist. Meine unternehmerische

Verantwortung bei Orell Füssli ergibt

einen grösseren Handlungsspielraum, als

dies bei der Post der Fall war.

Spielt es für einen Manager überhaupt eine

Rolle, in welcher Branche er tätig ist?

Ich bin überzeugt: Man muss an der Branche,

in der man arbeitet, Freude haben. Es

braucht eine gewisse Affinität. Bei mir ist sie

hinsichtlich Buchhandel auf jeden Fall gegeben:

Ich lese viel und gehe gern und oft in

Buchhandlungen, um ein wenig zu stöbern.

Weiss ich hingegen genau, was ich will,

bestelle ich den Titel häufig im Internet.

Was lesen Sie am liebsten?

Bücher müssen mir einen Mehrwert bringen.

Bei Sachbüchern besteht er in Wissen,

bei Romanen in der Unterhaltung. Seit ich

bei Orell Füssli arbeite, lese ich vor allem

Bücher, die wir selbst verlegen. Jetzt habe

ich gerade mit «Eudora» von Urs Jäggi be-

32 – books – September 2010

gonnen, das mir gut gefällt. Ausserdem interessieren

mich Sachbücher, im Moment

vor allem solche über die Entstehung der

Erde und den Klimawandel.

Werden Sie als CEO auch Einfluss nehmen

auf das Programm des Orell-Füssli-Verlags –

und Bücher zu Ihren Lieblingsthemen vorschlagen?

Ich gehe davon aus, dass mir eine gewisse

Einflussnahme zugestanden wird. Als CEO

erhalte ich ja auch viele Anfragen von Autoren.

Die Titel müssten natürlich ins Programm

passen.

«Bücher werden auch

künftig primär in

gedruckter Form verlangt

werden – aber

wir werden sie in

zunehmendem Mass

auch digital anbieten.»

Wofür steht Orell Füssli?

Ich habe mich umgehört: Die Marke Orell

Füssli ist sehr positiv besetzt. Es gibt aber

grosse regionale Unterschiede. In Bern

wird Orell Füssli vor allem als Druckerei

des Schweizer Geldes wahrgenommen, in

Zürich bringt man das Unternehmen vorwiegend

mit dem Buchhandel und dem

Verlag in Verbindung. Gewisse Aktivitäten

von uns sind in der Schweiz kaum bekannt

– etwa unsere Division Atlantic Zeiser, die

weltweit industrielle Anlagen und Technologien

zur digitalen Kodierung und Beschriftung

liefert.

Ist die starke Diversifizierung der Orell-

Füssli-Gruppe – vom Buchverlag über den

Buchhandel und den Sicherheitsdruck bis

zu den Industrietätigkeiten mit Atlantic

Zeiser – eigentlich ein Vor- oder ein Nachteil?

Analysten schätzen dieses Modell nicht

sehr, weil es die Bewertung der Zukunftsaussichten

unseres Unternehmens erschwert.

Ich finde unsere Diversifizierung

aber gut, wir sind damit breit abgestützt

und verteilen die Risiken. In der aktuellen

Wirtschaftsflaute ist es dem Buchhandel

zum Beispiel immer noch recht gut gegangen.

Was ist von Ihnen als CEO der Orell Füssli

Holding zu erwarten?

Ich bin wohl Ingenieur, handle aber als

Unternehmer, der alle wesentlichen Geschäftstätigkeiten

weiterentwickeln wird.

Der Buchhandel hat für Orell Füssli auch

in Zukunft eine sehr grosse Bedeutung.

Der Buchhandel steht allerdings vor gewaltigen

Umwälzungen: Die digitale Revolution

verändert das Verhalten der Kundinnen

und Kunden, es gibt klare Konzentrationstendenzen.

Auf die Fragen, die diese Umwälzungen

aufwerfen, müssen wir natürlich passende

Antworten finden. Dank meinen früheren

Tätigkeiten bei der Post habe ich viel Erfahrung

mit der Logistik – mit Einkauf und

Warenflüssen. Ich denke, in diesen Bereichen

gibt es bei uns ein gewisses Optimierungspotenzial,

das uns auch im Preiswettbewerb

nützt. Ein sehr wichtiges Thema ist

der Zugewinn des Internets als Verkaufskanal

auf Kosten des Flächenbuchhandels;

damit beschäftige ich mich intensiv.

Welche Zukunft erwarten Sie?

Bei der Post hörten wir schon vor zehn

Jahren, die Zeit des Briefs sei vorbei, die

elektronische Post werde unsere Dienstleistungen

obsolet machen. Tatsächlich

hat sich viel verändert – aber nicht in dem

Ausmass, das man erwartete. Auch bei den

Zeitungen spricht man schon lange davon,

sie würden verschwinden, doch sie existie-


en noch immer. Diese beiden Fälle zeigen

mir, dass es kein «Entweder-oder» gibt,

sondern ein «Sowohl-als-auch». Bücher

werden auch künftig in gedruckter Form

verlangt werden – aber wir werden sie in

zunehmendem Mass auch digital anbieten.

In fünf bis zehn Jahren werden Autorinnen

und Autoren wohl auch multimediale Bücher

verfassen, Lesetexte zum Beispiel mit

Videos anreichen und so weiter. Ich denke,

der neue iPad wird die Welt der eReader

nicht nur auf den Kopf stellen, sondern

auch massgeblich erweitern.

Zu welchen Strategien führt diese Entwicklung

bei Orell Füssli?

Wir bauen unser digitales Angebot aus. Gemeinsam

mit den grossen Medienhäusern

der Schweiz und mit der Swisscom sind wir

dabei, einen digitalen Kiosk zu entwickeln;

der Internetauftritt der Orell-Füssli-Buchhandlungen

wird stark weiterentwickelt,

damit die Kundinnen und Kunden mehr

Nutzen davon haben.

Was bedeutet die Entwicklung fürs Filialnetz?

Die Statistik zeigt: Wer eine Buchhandlung

betritt, gibt im Laden etwa gleich viel

Geld aus wie früher. Das Problem ist also

die Besucherfrequenz: Wie bringen wir

genügend Kundinnen und Kunden in den

Laden? Rentabel betreiben kann man eine

Buchhandlung eigentlich nur an einer Fre-

quenzlage. Doch gute Lagen werden immer

teurer, die Mieten sind in den letzten Jahren

exponentiell gestiegen. Daher sind wir stärker

als früher zu Reaktionen gezwungen,

wenn es irgendwo nicht so gut läuft.

«In Luzern würden

wir gern einen guten

Standort finden.»

Gibt es umgekehrt Pläne, das Filialnetz zu

erweitern?

In Luzern würden wir gern einen guten

Standort finden. Und selbstverständlich

prüfen wir Möglichkeiten, bestehende Anbieter

an guten Lagen zu übernehmen –

denn mit solchen Übernahmen haben wir

eigentlich nie negative Überraschungen

erlebt.

Werden die Kundinnen und Kunden der

Orell-Füssli-Filialen überhaupt spüren,

dass die Holding einen neuen CEO hat?

Was ich auf jeden Fall fördern werde, ist die

individuelle Kundenansprache mit Marketingmassnahmen.

Wir wollen unsere Kunden

gezielt auf neue Angebote aufmerksam

machen, die ihren Interessen entsprechen.

Die Holding, die Sie jetzt leiten, geht zurück

auf eine Zürcher Druckerei mit Jahr-

Der neue CEO von

Orell Füssli

Orell Füssli

Michel Kunz studierte an der ETH Zürich Elektrotechnik

und besitzt den Master in Business

Administration. Er arbeitete bei der damaligen

BBC, bei Schweizer Electronics und bei

Ascom. National bekannt machte ihn seine

Tätigkeit bei der Post: Er war Leiter Systementwicklung

bei PostFinance, Leiter der Informatik

der Post, Leiter der PaketPost, Leiter

Post Logistics und PostMail. 2009 war er als

Nachfolger von Ulrich Gygi acht Monate lang

Konzernleiter der Post; ein Zerwürfnis mit dem

(inzwischen ausgewechselten) VR-Präsidenten

führte zu seiner Absetzung. Michel Kunz lebt in

der Nähe von Bern, ist verheiratet und Vater

zweier erwachsener Töchter. Als seine Hobbys

bezeichnet er Wandern, Fitness und die Natur.

gang 1519. Was bedeutet es, einem so alten

Unternehmen vorzustehen?

Ein Manager hat immer nur eine Verantwortung

auf Zeit. Es wäre daher völlig

falsch, etwas zu zerschlagen, was seit Jahren

aufgebaut wurde, nur weil man sich

profilieren will. Ich plane keine Abenteuer,

jeder Schritt muss wohlüberlegt erfolgen.

books – September 2010 – 33


Fantastisch!

Ein junge Orell-Füssli-Mitarbeiterin

präsentiert Neuerscheinungen und

Geheimtipps aus dem Fantasy-Genre:

Bücher für alle, die sich gern in fremde

Welten entführen lassen.

Aufzeichnung: Marius Leutenegger

«Noch ist die Vampir-Welle in der Fantasy-

Welt nicht abgeflaut – und bereits kündigt

sich die nächste Welle an: Sie beschert uns

Engel als Hauptfiguren. Ein eindrücklicher

Vertreter des neuen Trends ist ‚Engelsnacht‘

von Lauren Kate. Der Roman handelt von

der 17-jährigen Luce, die in eine Erziehungsanstalt

eingewiesen wird. Sie ist eigentlich ein

braves Mädchen, aber sie wurde für einen

Brand an ihrer früheren Schule verantwortlich

gemacht. Als sie in die Erziehungsanstalt

kommt, ist Luce sehr verunsichert – kein

Wunder, viele der Kinder und Jugendlichen

werden von den Lehrern regelrecht gequält.

Allmählich lernt sie aber neue Freundinnen

kennen. Und schliesslich begegnet sie Daniel,

einem umwerfenden, geheimnisvollen

34 – books – September 2010

Jungen. Er hält sich allerdings auf auffällige

Weise von ihr fern. Im Laufe der Geschichte

gerät Luce immer wieder in gefährliche Situationen,

in denen ihr Daniel aus der Patsche

hilft. Schliesslich beginnt Luce nachzuforschen,

was mit Daniel nicht stimmt; bei der

letzten Rettung hatte sie nämlich das Gefühl,

er flöge mit ihr durch die Luft. Schliesslich

kommt es zum grossen, actiongeladenen Finale

– und zu einer mehr als überraschenden

Auflösung.

Ich habe in letzter Zeit viele Bücher über

Engel gelesen, die meisten davon fand ich

seicht und nichtssagend. ‚Engelsnacht‘ gefiel

mir hingegen sehr: Das Buch ist spannend

geschrieben, man kann die Handlung nicht

ständig erahnen, die Personenbeschreibungen

finde ich sehr einfühlsam. Die Atmosphäre

ist allerdings recht düster und zuweilen

hoffnungslos, das muss man natürlich

mögen, damit einem das Buch gefällt. Interessant

finde ich, dass Engel in vielen Fantasy-

Büchern ähnlich dargestellt werden wie Vampire:

als Wesen, die eben auch nur Menschen

sind. Während die Vampire aber durch gute

Seiten überraschen, zeigen die Engel jetzt

einige schwierige Charakterzüge. Die Fantasy-Engel

sind übrigens gleich wie die biblischen

Engel. ‚Engelsnacht’ ist dennoch kein

religiöses Buch, auch wenn sich die Autorin

gelegentlich auf biblische Engelsgeschichten

bezieht. Ich bin überzeugt, dass dieses Erstlingswerk

der New Yorkerin Lauren Kate ein

grosser Erfolg wird – und dass die Fortsetzung

nicht lange auf sich warten lässt.

Keinen zweiten Band wird es vom nächsten

Buch geben, das ich Ihnen ans Herz lege: ‚Urbat

– Die dunkle Gabe’ von Bree Despain

ist eine abgeschlossene Geschichte. Die

16-jährige Grace Divine, Tochter eines Dorfpastors,

führt ein ganz normales Leben in

einer typischen US-amerikanischen Vorstadt.

Eines Tages kommt sie in die Schule – und

begegnet Daniel. Ja, die beiden männlichen

Hauptfiguren meiner Empfehlungen heissen

genau gleich. Dieser Daniel hier war die erste

grosse Liebe von Grace. Rückblende: Man

erfährt, dass Daniel einst der Nachbarsjunge


Katharina Iten

Katharina Iten, 23, arbeitet am Kundendienst

bei Orell Füssli Kramhof an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Sie lebt in Dübendorf. Fantasy-

Bücher liebt sie, weil «die Geschichten in einer

anderen Welt spielen, aber meistens sehr

realistisch klingen – und weil sie fast immer

ein Happyend haben». Darüber hinaus ist sie

süchtig nach Filmen und TV-Serien. «Als ich

die letzte Staffel von ‚Veronica Mars’ in die

Hände bekam, hatte ich nachher viereckige

Augen», erinnert sich die ehemalige Eiskunstläuferin.

von Graces Familie war und von seinem Vater

ständig misshandelt wurde. Er verbrachte

viel Zeit mit Graces Familie und freundete

sich mit ihrem Bruder Jude an. Als Daniel

schliesslich bei Graces Familie einzog, veränderte

sich sein Charakter, er verlor immer

häufiger die Kontrolle über sich selbst. Eines

Nachts lag dann Jude blutüberströmt auf der

Veranda – und Daniel war verschwunden.

Jude erfährt, dass Daniel wieder aufgetaucht

ist. Er nimmt seiner Schwester das Versprechen

ab, dass sie sich nicht mit Daniel trifft.

Sie verspricht es, spürt aber, dass sie noch

immer in Daniel verliebt ist und dass sie ihr

Versprechen nicht wird halten können. Dann

geschehen seltsame Dinge. Eine alte Dame

wird tot auf der Veranda aufgefunden; sie

weist Bissspuren auf, als wäre sie von einem

wilden Tier angeknabbert worden. Und dann

wird auch noch der kleinere Bruder von Grace

aus seinem Kinderzimmer entführt. Grace

wendet sich an Daniel und geht mit ihm in

den nächtlichen Wald, um den kleinen Bruder

zu suchen. Dort merkt sie, dass Daniel

die Witterung des Buben aufnimmt ...

Mehr möchte ich nicht verraten. Nur so viel:

Es geht um eine grosse Liebe, um einen bösen

Fluch, um Erlösung – und, Sie haben es

vielleicht gemerkt, um Werwölfe. Als Leserin

oder Leser erkennt man den Dreh der Geschichte

lange nicht, man wird regelrecht auf

die Folter gespannt. Mit hat der Gegensatz

zwischen der unschuldigen und naiven Grace

und dem verzweifelten Daniel gut gefallen.

Überhaupt sind die Beziehungen zwischen

den Figuren interessant: Da gibt es eine neurotische

Mutter, einen sehr verschlossenen

Bruder und einen immer nur positiven und

sehr religiösen Vater. Die Geschichte wird

flüssig erzählt; viele Fantasy-Romane weisen

ja gewisse Durststrecken auf, bei denen

man etwas durchhalten muss, aber ‚Urbat’

ist von vorn bis hinten spannend. Ich denke

allerdings, dass sich dieses Buch eher für ein

weibliches Publikum eignet, denn im Zentrum

steht die scheinbar unerreichbare und

auf jeden Fall gefährliche Liebe zwischen

Grace und Daniel. Das Buch wird gleichzeitig

in 13 Ländern veröffentlicht und stark

beworben – man kann davon ausgehen, dass

es den Erfolg erzielt, den es auch verdient.

Kommen wir noch zu zwei nicht ganz neuen

Empfehlungen. ‚Silberlicht’ von Laura

Withcomb lässt sich nicht so leicht zusammenfassen.

Die Hauptfigur Helen ist seit 130

Jahren tot; bei ihrem Tod war sie um die 20

Jahre alt. Jetzt schwebt sie als Lichtgestalt

durch die Welt und fungiert als Muse; momentan

hat sie sich an einen Lehrer gehängt.

In dessen Schule lernt sie den Schüler James

kennen, der sie zu sehen scheint. Es stellt sich

heraus, dass auch er eine Lichtgestalt ist. Ihm

ist es gelungen, den Körper eines Jungen zu

nutzen, dessen Seele sich verabschiedet hat.

Auch Helen findet einen Körper, in dem sie

wieder richtig leben und lieben kann. Doch

dann erkennen die beiden Lichtgestalten,

dass sie die ursprünglichen Besitzer ihrer

Körper retten müssen. Das alles klingt jetzt

vielleicht alles ein wenig verwirrend, das

Buch ist aber wunderschön geschrieben, fein

und gemächlich wie ein guter Traum. Es gibt

kaum Action, aber sehr viele Stellen, an denen

ich gedacht habe: Ja, genau so ist es, genau

so fühlt es sich an!

Die ‚Biss’-Romane von Stephenie Meyer haben

unzählige Nachahmer gefunden. Wussten

Sie aber, dass die Serie auch so etwas wie

einen Vorgänger hat? Laurell K. Hamilton

brachte noch vor ‚Biss’ die Anita-Blake-Serie

Fantastisch!

auf den Markt, die erste grosse Vampirserie.

Der erste Band heisst ‚Bittersüsse Tode’.

Erstmals begegnen wir der Hauptfigur Anita

Blake. Die junge, gutaussehende und knallharte

Frau ist eine so genannte Animatorin

– sie erweckt Tote vorübergehend, damit

die Verstorbenen zum Beispiel noch einmal

sagen können, wie man ihr Testament interpretieren

soll. Im Nebenjob ist Anita Blake

Vampirhenkerin und hilft der Polizei, übernatürliche

Verbrechen aufzudecken. Im ersten

Band wird sie vom Obervampir von St.

Louis engagiert, eine Reihe von mysteriösen

Mordfällen an Vampiren aufzuklären. Natürlich

löst Anita Blake den Fall – mit spitzer

Zunge und vielen guten Sprüchen. Das Buch

ist sehr rasant und witzig geschrieben. In den

USA hat Laurell K. Hamilton damit einen

riesigen Erfolg erzielt – inzwischen liegen bereits

acht Anita-Blake-Romane vor. Sie alle

bieten beste Unterhaltung!»

Engelsnacht

Lauren Kate

446 Seiten

CHF 31.90

Bertelsmann

Urbat – Die dunkle Gabe

Bree Despain

Bree Despain

431 Seiten

CHF 26.90

Aufbau

Silberlicht

Laura Withcomb

310 Seiten

CHF 24.90

Droemer Knaur

Bittersüsse Tode

Laurell K. Hamilton

397 Seiten

CHF 13.90

Lübbe

books – September 2010 – 35


Fantastisch!

Junge Mitarbeitende von Orell Füssli geben weitere Tipps:

Janine Dübendorfer, 17, arbeitet im ersten

Lehrjahr in der Filiale Zürich-Bellevue. Sie

lebt in Zürich und liest regelmässig Fantasy-

Bücher, weil «mir erfundene Welten und Geschöpfe

Abwechslung zum Alltag bieten». Ihr

Tipp: «Gegen das Sommerlicht» von Melissa

Marr. «Seit ihrer Geburt besitzt Ashlyn die

Gabe, Elfen zu sehen, die sich frei unter den

Menschen bewegen. Als sich ein Elf plötzlich

für sie zu interessieren scheint, kriegt sie es

mit der Angst zu tun – zumal es sich bei ihm

erst noch um den Sommerkönig handelt. Er

umwirbt sie mit allen Mitteln und verspricht

ihr ein Leben als Königin. Nur sie allein könne

die Welt vor der eisigen Wut der Winterkönigin

retten. Ashlyn spürt die drohende Gefahr,

doch es ist schon zu spät, um sich noch aus

der Affäre ziehen zu können ... Die Autorin

Melissa Marr versteht es, die Realität mit der

Fantasie zu vermischen – am Ende glaubt

man selbst, von unsichtbaren Elfen umgeben

zu sein!»

Gegen das Sommerlicht

Melissa Marr

346 Seiten

CHF 17.90

Carlsen

36 – books – September 2010

Fernando Obieta, 20, hat gerade seine Buchhändler-Lehre

abgeschlossen. Als Kind bekam

er von seinem Vater die Science-fiction-

Romane von Isaac Asimov vorgesetzt. Er

empfiehlt daher für einmal einen Sciencefiction-Titel:

«Das Orakel vom Berge» von

Philip K. Dick. «Der Autor ist eine sehr interessante

Figur: Er schrieb fast nur für die

Schublade und wurde erst nach seinem Tod

1982 zu einem der wichtigsten Science-fiction-

Schriftsteller; auf seinen Büchern basieren zum

Beispiel die Filme ‚Blade Runner’, ‚Total Recall’

und ‚Minority Report’. ‚Das Orakel vom Berge’

ist ein Was-wäre-wenn-Roman: Die Deutschen

und die Japaner haben den Zweiten Weltkrieg

gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt.

Die vier Hauptfiguren versuchen nun, den Dritten

Weltkrieg zu verhindern. Das alles ist sehr

düster – und sehr faszinierend. Die Lesenden

werden dazu animiert, über ihre eigenes Verständnis

von richtig oder falsch nachzudenken.»

Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick

348 Seiten

CHF 18.90

Heyne

Amos König, 18, arbeitet im zweiten Lehrjahr in

der Filiale Kramhof Zürich. Er ist ein enthusiastischer

Leser fantastischer Geschichten. Sein

aktueller Tipp: «Der Elbenschlächter» von

Jens Schumacher und Jens Lossau. «Mord

im Fantasyland! Wenn die Stadtwache in Nophelet

nicht mehr weiter weiss, dann kommen

die Ermittler des IAIT – des Instituts für angewandte

investigative Thaumaturgie. Sie sind

sozusagen die CSI der viktorianisch-fantastisch

anmutenden Stadt. Im Fokus des Buchs

steht das Ermittlerduo Hippolit und Jorge. Die

beiden könnten ungleicher nicht sein. Hippolit

ist ein altehrwürdiger Meister der Magie,

der schon arkane Verbrechen löste, als Jorge

noch in den Windeln steckte. Die fehlende

Erfahrung in der hohen Kunst der Thaumaturgie

macht Jorge aber durch sein ‚Feingefühl’

vor Ort wett; er ist sozusagen der ‚Hutch’ des

Duos und provoziert aus investigativen Gründen

auch mal eine Kneipenschlägerei. Wer

etwas Neues ausprobieren möchte und sich

von einer fantastischen Multikulti-Metropole

samt Vampyrghettos, Elbenstrichern und sozialen

Unruhen in den Zwergenminen nicht

abschrecken lässt, bekommt mit dem ‚Elbenschlächter’

eine erfrischend dreckige, doch

humorvolle Alternative.»

Der Elbenschlächter

Jens Schumacher, Jens Lossau

315 Seiten

CHF 19.90

Egmont


Sax

Adolf Muschg

Die drei jungen Rechtsanwälte, die in die Dachwohnung im Haus «zum

eisernen Zeit» in Münsterburg einziehen, scheinen regelrechte Magneten

für Wiedergänger zu sein. Das beginnt mit dem Freiherrn von Sax und

seiner tödlichen Schädelwunde und endet mit ... ja, noch nicht einmal

mit dem Gespenst des Kommunismus

und den bösen Geistern des 19. und

20. Jahrhunderts. Und dann ist da auch

noch die berühmteste Minnehandschrift

des Mittelalters, die der Freiherr einst

als Kriegsbeute mitgehen liess. Die

Handschrift lebt: Wer sie öffnet, wird mit

Haut und Haar hineingezogen.

Spannend, hoch erotisch und visionär:

das Leseabenteuer einer Geisterbeschwörung

à la Adolf Muschg.

459 Seiten

CHF 35.90

C.H. Beck

ISBN 978-3-406-60517-8

Fillory – Die Zauberer

Lev Grossman

Quentin Coldwater steht kurz vor dem Abschluss der Highschool. Er ist

hochintelligent, aber vom Alltag gelangweilt. Deshalb flüchtet er sich am

liebsten in die fantastischen Romane rund um das magische Land Fillory.

Und plötzlich findet er sich in einem geheimen College ausserhalb von

New York wieder; sein Verständnis von

Realität und Fantasie wird auf den Kopf

gestellt. Er beginnt, moderne Zauberei

zu studieren, schliesst Freundschaften

– und findet heraus, dass es Fillory

tatsächlich gibt. Allerdings ist das magische

Land düsterer, als er es sich vorstellte.

Und die Reise dorthin, die Quentin

und seine neuen Freunde machen,

gerät zu einem gefährlichen Abenteuer.

624 Seiten

CHF 31.90

Fischer FJB

ISBN 978-3-8414-2100-5

Buchtipps

Das Haus zur besonderen

Verwendung John Boyne

Russland 1915: Der Bauernjunge Georgi verhindert in einem Dorf ein Attentat

auf ein Mitglied der Zarenfamilie. Als Dank beruft ihn Zar Nikolaus II.

nach Sankt Petersburg und macht ihn zum Leibwächter seines Sohnes.

Schutzperson und Leibwächter werden schon bald Freunde. Die Zarentochter

Anastasia hingegen wird mehr

als nur ein Freund: Georgi verliebt sich

in sie, wohl wissend, dass diese Liebe

verboten ist. Doch dann erhebt sich das

Volk, und Russland gerät in den Sog der

Revolution. Anastasia und die Zarenfamilie

werden an einen geheimen Ort

verschleppt – ins «Haus zur besonderen

Verwendung».

Der Nachfolgeroman zum Bestseller

«Der Junge im gestreiften Pyjama».

560 Seiten

CHF 42.90

Arche Literatur Verlag

ISBN 978-3-7160-2642-7

Schuld

Ferdinand von Schirach

Neue Fälle aus der Praxis des Strafverteidigers von Schirach: Ein Mann

bekommt zu Weihnachten neue Zähne statt Gefängnis; ein Junge wird

im Namen der Illuminaten fast zu Tode gefoltert; die neun Biedermänner

einer Blaskapelle zerstören das Leben eines Mädchens, und keiner von

ihnen muss dafür büssen. Mit bohrender

Intensität und seiner unvergleichlichen

knappen Sprache stellt der Autor

Ferdinand von Schirach die ewige Frage

nach Gut und Böse, Schuld und Unschuld.

Niemals aufdringlich, aber sehr

bestimmt beschäftigt sich von Schirach

mit der moralischen Verantwortung von

uns allen.

Das Nachfolgewerk von «Verbrechen»,

gespickt mit schier unglaublichen Geschichten.

208 Seiten

CHF 28.90

Piper

ISBN 978-3-492-05422-5

books – September 2010 – 37


Kaffeepause

2 Frauen

und

3 Bücher

Was machen zwei Buchhändlerinnen

in der Kaffee pause? Sie trinken Kaffee

– und plaudern über Bücher. books hat

sich im «Starbucks» der Filiale Bellevue

zu den Orell-Füssli-Mitarbeiterinnen

Patrizia Melaugh und Barbara Imboden

gesetzt.

Aufzeichnung: Marius Leutenegger

books: Barbara, du wolltest heute über

«Ruhestörung» des US-Amerikaners Richard

Yates reden. Worum geht’s?

Barbara Imboden (B.I.): Das Buch spielt

in den 1960er-Jahren und erzählt vom

erfolgreichen Geschäftsmann John Wilder,

der einen Zusammenbruch erleidet:

Er kehrt zurück von einer Geschäftsreise,

ruft aus einer Bar seine Frau an und teilt

ihr mit, er könne nicht nach Hause kommen.

Wilder ist sturzbetrunken und fürchtet,

er werde seine Frau umbringen. Sein

bester Freund spürt ihn auf und bringt ihn

in eine psychiatrische Klinik. Wilder wird

in die schlimmste geschlossene Abteilung

gesteckt und kommt erst nach fünf Tagen

wieder raus. Die Ärzte raten ihm, den Alkoholkonsum

zu drosseln, doch Wilder

38 – books – September 2010

säuft weiter. Er tut so, als träfe er sich mit

den Anonymen Alkoholikern, stattdessen

geht er in die Bar oder zu seiner Geliebten.

Diese Geliebte verfällt dann auf die Idee,

einen Film über Wilders Tage in der Psychiatrie

zu drehen. Eine Studentengruppe

nimmt sich dieses Projekts an, aber die

Sache kommt nie richtig in die Gänge. Am

Ende zerbricht Wilder am Alkoholkonsum

und wird wieder psychotisch.

Patrizia Melaugh (P.M.): Das ist eine

furchtbare Geschichte! Sie beschreibt den

Abstieg eines Alkoholikers und zeigt auf,

wie er sein Leben zerstört.

B.I.: Das ist typisch Yates.

P.M: Der Autor, der 1982 starb, wird heute

ja richtig hochgejubelt. Seine Bücher erscheinen

nach und nach auch auf Deutsch.

Ich habe noch nichts anderes von ihm gelesen,

aber ich hoffe, dass die anderen Bücher

etwas weniger deprimierend sind.

B.I.: Die anderen Romane sind fast noch

schlimmer. Man hat bei Yates immer das

Gefühl, das Leben der Figuren komme jetzt

wieder ins Gleichgewicht – doch dann wird

alles nur noch grässlicher.

P.M: Eines hat mich irritiert: Yates beschreibt

zwar genau, was geschieht, aber

seine Hauptfigur macht sich überhaupt kei-

ne Gedanken zu den Vorgängen. Nie fragt

sich Wilder zum Beispiel, was aus seiner

Frau wird, die er verlassen hat.

B.I.: Das interessiert ihn halt nicht. Er hat

zu jung und ohne grosse Gefühle geheiratet

und sich immer mehr genervt über sie.

Mir als Leserin ging sie mit der Zeit mit

ihrem Kontrollbedürfnis auch ziemlich auf

die Nerven.

P.M: Aber mich hätte es interessiert, was

aus ihr wird! Ich erfahre nichts über das

Innenleben der Figur, das ganze Buch ist in

einem derart nüchternen Ton geschrieben.

books: Barbara, du hast dieses Buch für

das heutige Treffen ausgesucht. Patrizia

scheint davon nicht so angetan. Was hat

dir denn gefallen an «Ruhestörung»?

B.I.: Yates ist mein Lieblingsautor. Sprachlich

gehört er zu den ganz Grossen. Ich

habe die Bücher satt, in denen es immer

um das Innenleben der Figuren geht. Yates

kümmert sich nicht darum, er erzählt einfach

eine Geschichte – und seine Stärke ist

eben, dass er nur durch reines Erzählen das

Innenleben übermitteln kann. Das ist genau

das, was mich an ihm fasziniert: Ohne

viele Worte kann er aufzeigen, wie sich diese

Menschen fühlen.

P.M: Ich mag es auch, wenn in einem Buch

nicht zu viel geredet wird, wenn man allein

durch die Handlung erkennt, was in den

Personen vorgeht. Doch hier habe ich die

Erzählweise flach gefunden, die Dinge erklären

sich nicht von selbst. Mir hat eine

Ebene gefehlt.

B.I.: Bei Yates steht sehr viel zwischen den

Zeilen. Ich kenne keinen Autor, der das

Abgründige so gut erfasst wie er. Faszinierend

finde ich, was zurück bleibt, wenn

man Yates gelesen hat: Es beschäftigt einen

wirklich. Und das geht ja nicht nur mir

so. Ich habe dieses Buch schon fünf Kundinnen

und Kunden empfohlen, die Yates

zuvor nicht kannten – und sie alle waren

begeistert.

books: Warum ist das Buch eigentlich erst

jetzt auf Deutsch erhältlich? Geschrieben

wurde es ja bereits 1975 ...

B.I.: Es spielt in den 1960er-Jahren, und

das interessierte die Menschen damals

wohl nicht besonders – daher war das

Buch auch nicht erfolgreich. Spätestens seit

der Verfilmung seines Romans «Zeiten des

Aufruhrs» ist das Interesse an Richard Yates

aber riesig.


Patrizia Melaugh (rechts), 58, lebt in Schaffhausen und arbeitet in der Abteilung Belletristik der Filiale

Kramhof. Sie mag vor allem Bücher aus dem englischen Sprachraum. Ihre zwei Kinder sind bereits

erwachsen.

books: Für wen eignet sich «Ruhestörung»?

B.I.: Für alle literarisch Interessierten. Ich

empfehle Yates, wenn jemand ein Buch

mit guter Sprache sucht und auch einen

etwas düstereren Text mag. Bis jetzt habe

ich noch nie eine negative Rückmeldung

erhalten.

P.M.: Wenn die Begeisterung so gross ist,

muss mir wohl etwas verborgen geblieben

sein. Dieses Buch hilft mir jedenfalls nicht,

die Menschheit besser zu verstehen. Ich erfahre

nichts Neues.

B.I.: Aber Yates beschreibt die grauenhafte

Situation, in der ein Mensch stecken kann,

doch so eindrücklich!

P.M.: Mich hat einfach irritiert, dass sich

diese Hauptfigur so wenig Gedanken

macht.

books: Es ist anzunehmen, dass dir «Brooklyn»

des Iren Colm Tóibín besser gefallen

hat – du hast dieses Buch für unsere Runde

empfohlen.

P.M.: Tatsächlich: «Brooklyn» finde ich eines

der besten Bücher der letzten Jahre. Es

spielt im Irland der 1950er-Jahre. Die junge

Eilis, die mit ihrer Mutter und ihrer älteren

Schwester zusammenlebt, findet daheim

keine Arbeit. Ein Pfarrer, der in den USA

tätig ist, kommt auf Besuch und meint, in

Amerika würde Eilis sofort angestellt. Die

Schwester und der Pfarrer leiten darauf

alles in die Wege, damit Eilis in die USA

gehen kann – ob sie auch gehen will, wird

nicht gefragt. Eilis landet in Brooklyn und

findet eine Anstellung in einem Warenhaus,

hat aber starkes Heimweh. Der Pfarrer rät

ihr, einen Abendkurs in Buchhaltung zu

machen, damit sich ihre Berufschancen

verbessern und sie nicht ständig allein daheim

sitzt. Tatsächlich gewöhnt sich Eilis

allmählich ans Leben in New York. Dann

lernt sie einen jungen Mann kennen. Ihrer

Gefühle ihm gegenüber ist sie sich allerdings

nicht so sicher. Liebt sie ihn? Aus

familiären Gründen muss sie wieder nach

Irland zurückkehren. Eilis ist eine anständige

junge Frau, die alles richtig machen

möchte. Sie hört nicht auf sich selbst und

beugt sich ständig äusserem Druck – das

hat natürlich viel mit der Zeit zu tun, in

der sie lebt.

books: Mehr über die Handlung sollten wir

nicht verraten. Wie fandest du denn dieses

Buch, Barbara?

B.I.: Mir war es etwas zu absehbar. Man

kann dieses Buch sicher vielen empfehlen,

es bietet gute Unterhaltung, man kann es

regelrecht verschlingen – aber mir steckt

am Ende einfach zu wenig drin. Ich habe

immer auf etwas gewartet, das nie kam.

P.M.: Für mich war es viel mehr als nur Unterhaltung,

es wirft zum Beispiel die Frage

auf, wie wichtige Entscheidungen im Leben

getroffen werden. Es hat mich überrascht,

dass sich ein männlicher Autor so gut in

eine junge Frau in den 1950er-Jahren ein-

Ruhestörung

Richard Yates

315 Seiten

CHF 34.90

Dva

Brooklyn

Colm Tóibín

304 Seiten

CHF 33.90

Hanser

Sommerlügen

Bernhard Schlink

288 Seiten

CHF 32.90

Diogenes

Kaffeepause

fühlen kann. Alles ist sehr subtil beschrieben:

Wie Eilis nach Brooklyn kommt, sich

fremd fühlt, nicht weiss, zu welcher Gruppe

sie gehört. Oder die inneren Konflikte,

die sie wegen des jungen Mannes durchlebt:

Er ist ihr sympathisch, aber sie weiss

nicht, ob das genug ist für ein gemeinsames

Leben. Mir gefiel natürlich auch das Irische

an diesem Roman, weil ich das kenne. Ja,

für mich ist «Brooklyn» eines dieser ganz

kostbaren Bücher, die für immer in meinem

Büchergestell bleiben dürfen.

books: Hat diese Begeisterung vielleicht

auch damit zu tun, dass es dir leicht fällt,

dich mit Eilis zu identifizieren – leichter als

mit John Wilder?

P.M.: Vielleicht schon, ich kann mir diese

Frau sehr gut vorstellen.

B.I.: Das ist mir ähnlich ergangen. Trotzdem

war ich nicht so begeistert. Ich bin

aber sicher, dass dieses Buch gut ankommen

wird – solche Frauenschicksale interessieren

viele Leute.

books: Als drittes Buch für unser heutige

Kaffeepause haben wir «Sommerlügen»

von Bernhard Schlink gewählt – eine

Sammlung von Erzählungen

P.M.: Auch dieses Buch hat mir sehr gut gefallen.

Der Band enthält sieben Erzählungen,

in denen es eigentlich immer um zwischenmenschliche

Beziehungen geht: um

die Beziehung eines Paars, zwischen Sohn

books – September 2010 – 39


Kaffeepause

Barbara Imboden, 25,lebt in Luzern und arbeitet in der Abteilung Belletristik der Filiale Bellevue. Sie

liest selber viel Belletristik, Krimis und Bücher über den Zweiten Weltkrieg.

und Vater, zwischen einer Mutter und ihren

Kindern. Alle diese Beziehungen kamen

mir vor wie ein Tanz, bei dem die Partner

leicht aus dem Gleichschritt geraten sind.

Als ich das Buch zu lesen begann, fand ich

sofort: Das ist toll! Erzählungen mag ich

eigentlich sonst nicht so sehr, sie haben

immer etwas Flüchtiges, oft kann ich mich

schon bald nicht mehr an die einzelnen Geschichten

erinnern.

B.I.: Die Qualität der Geschichten ist allerdings

recht unterschiedlich. Die ersten

beiden Geschichten fand ich ausgezeichnet,

später musste ich mich auch einmal durchkämpfen.

Ich war schon vom letzten Buch

von Bernhard Schlink, der zuvor mit «Der

40 – books – September 2010

ihnen den

weltbesten

kaffee

zu servieren ist unsere leidenschaft

seit

1971

Eine Empfehlung der Starbucks Coffeehouses in den

Orell Füssli Buchhandlungen im Westside (Bern),

im Kramhof und am Stadelhofen (Zürich).

Vorleser» einen riesigen Hit gelandet hatte,

etwas enttäuscht – auch das war mir zu

langatmig.

P.M.: Mir gefällt «Sommerlügen», weil ich

Geschichten mag, die sich mit der Frage

beschäftigen: Warum handeln Menschen

auf diese Weise? Ich will verstehen, warum

Menschen etwas auf eine bestimmte Art

tun. Das, was mir bei «Ruhestörung» gefehlt

hat, bekomme ich hier. Die erste Geschichte

...

B.I.: ... die ist wirklich super ...

P.M.: ... handelt von einem Mann, der in

den Ferien eine Frau kennen lernt. Sofort

entwickelt sich zwischen den beiden eine

nahe Beziehung – so schnell, dass sich der

Mann gar nicht richtig überlegen kann, ob

er sein bisheriges Leben wirklich aufgeben

will. Der innere Zwiespalt ist sehr gut beschrieben.

books: Warum legt Schlink einen Erzählband

vor – und keinen Roman? Fehlt ihm

die Idee für eine ganz grosse Geschichte?

B.I.: Das müsste man ihn natürlich selber

fragen, aber ich hatte eher den Eindruck,

dass er zu viele Ideen hat. Einige Geschichten

hätten sich leicht zu einem Roman ausbauen

lassen. Erzählungen lassen sich zwar

etwas schwerer verkaufen als Romane,

aber eigentlich ist das eine tolle Form: Man

kann das Buch auch einmal weglegen – und

dann wieder hervor nehmen, um die nächste

Geschichte zu lesen.

books: Wem würdet ihr dieses Buch empfehlen?

B.I.: Man muss es wohl kaum empfehlen –

ein neuer Schlink verkauft sich von allein!

P.M.: Ich würde es jemandem anbieten, der

gute Erzählungen sucht.

B.I.: Auf jeden Fall. Oder wenn jemand ein

Geschenk braucht. Mit diesem Buch kann

man nichts falsch machen!

Caramel

maCChiato

hausgemacht mit unserem

100% Fairtrade zertifizierten

Espresso Roast.

© 2010 Starbucks Coffee Company. All rights reserved. Printed in Germany.


Der Sinn des Gebens

Stefan Klein

Den Egoisten gehört die Welt? Von wegen! Neueste wissenschaftliche

Befunde beweisen das Gegenteil. Bestsellerautor Stefan Klein zieht

einen faszinierenden Querschnitt durch die aktuellen Ergebnisse der

Hirnforschung und der Genetik, der Wirtschaftswissenschaften und der

Sozialpsychologie. Er stellt dar, warum

menschliches Miteinander und das

Wohlergehen anderer zu unseren tiefsten

Bedürfnissen gehören. Und er zeigt

ebenso anschaulich wie fundiert, warum

selbstlose Menschen zufriedener,

erfolgreicher und gesünder sind - und

sogar länger leben! Ein Buch, das unser

Denken und Handeln grundsätzlich verändern

wird.

336 Seiten

CHF 29.90

S. Fischer

ISBN 978-3-10-039614-3

Die Enden der Welt

Roger Willemsen

Auf fünf Erdteilen war Roger Willemsen unterwegs, um seine ganz persönlichen

Enden der Welt zu finden. Manchmal waren es die großen geographischen:

das Kap von Südafrika, Patagonien, der Himalaja, die Südseeinseln

von Tonga, der Nordpol. Manchmal waren es aber auch ganz

einzigartige, individuelle Endpunkte:

eine Bahnstation in Birma, ein Bett in

Minsk, ein Fresko des Jüngsten Gerichts

in Orvieto, eine Behörde im kriegszerrütteten

Kongo. Immer aber geht es in

diesen grandiosen literarischen Reisebildern

auch um ein Enden in anderem

Sinn: um ein Ende der Liebe und des

Begehrens, der Illusionen, der Ordnung

und Verständigung. Um das Ende des

Lebens – und um den Neubeginn.

544 Seiten

CHF 35.90

S. Fischer

ISBN 978-3-10-092104-8

Buchtipps

Die einfachen Dinge. Worauf

es im Leben ankommt

Judith Giovannelli-Blocher

Soziale Verantwortung, Rücksicht, Fairness, Mitleid, Solidarität – alle

diese grundlegenden Werte scheinen der modernen Gesellschaft mehr

und mehr abhanden zu kommen. Judith Giovannelli-Blocher zeigt, wie

die eigene Lebenserfahrung dabei helfen

kann, gegenüber dieser sozial erkaltenden

Welt Zuversicht und Gelassenheit

zu entwickeln. Trotz aller Zumutungen,

die tagtäglich auf einen einprasseln.

In einfachen, verständlichen Geschichten

erzählt sie von Freundschaft

und Familiensinn, von Verantwortung

und der Fähigkeit, das Leben in die eigenen

Hände zu nehmen. Aber sie handeln

auch von der Verunsicherung, die

wir alle bei der Begegnung mit Fremden

verspüren.

Ein Ratgeber, der Mut macht.

176 Seiten

CHF 27.90

Nagel & Kimche Verlag

ISBN 978-3-312-00459-1

Cantinetta Antinori –

Zu Tisch in der Toskana

Allegra Antinori, Herbert Lehmann, Carmen Wieser

Die Toskana ist ein Paradies für Feinschmecker. Seit 26 Generationen

bauen die Marchesi Antinori hier ihre weltberühmten Weine an. Der

Stammsitz der Familie, ein malerischer Renaissance-Palazzo im Herzen

von Florenz, beherbergt auch die

berühmte Cantinetta Antinori. Dort können

Gäste aus aller Welt die authentische

Küche der Toskana erleben; sie ist

einfach und unverfälscht, kommt ohne

schwere Saucen oder übertriebene

Gewürze aus und lässt den Eigengeschmack

der Zutaten optimal zur Geltung

kommen. Das vorliegende Buch

verrät die besten Rezepte, saisonal

ausgewählt und lustvoll präsentiert. Natürlich

dürfen die passenden Weintipps

nicht fehlen. Buon appetito!

208 Seiten

CHF 52.00

Brandstätter

ISBN 978-3-85033-451-8

books – September 2010 – 41


Kochbücher

Den Sommer verlängern

Der Sommer ist vorbei – und damit

auch die Ferienzeit. Kulinarisch kann

man sich aber die Sommer- und Feriengefühle

erhalten.

Text: Benjamin Gygax

Die Koffer sind wieder im Estrich verstaut,

die Pullover liegen im Schrank jetzt etwas

weiter vorn und die Sonnenbrille gehört

nicht mehr zur täglichen Ausstattung.

Wer sich die unbeschwerte Sommerlaune

und seine Ferienerinnerungen erhalten

will, kann von Zeit zu Zeit Musik aus der

Reisedestination auflegen – oder zu einem

Kochbuch mit Rezepten aus fernen Ländern

greifen. Einige Neuerscheinungen sind

ganz besonders dazu geeignet, Feriengefühle

zu erhalten. Sie führen kreuz und quer

durch Asien und seine vielseitige Küche

– zum Beispiel «Currys, Currys, Currys»

von Madhur Jaffrey. Die Kochbuchautorin

und Schauspielerin gilt als Grande

Dame der indischen Küche. Sie hat 225

gut nachzukochende Rezepte für Currys

zusammengestellt, diesmal aber nicht ausschliesslich

aus Indien, sondern aus Indien,

Indonesien, Thailand, Japan, Vietnam,

Pakistan und sogar aus Südafrika, Kenia

und Trinidad. Das Buch zeigt eindrücklich,

wie vielseitig Currys sind – und wie beliebt

rund um den Globus.

Ebenfalls in ganz Asien mag man Nudelgerichte.

Sie werden zum Frühstück, zu Mittag

und Abend gegessen oder als kleiner Snack

vor dem Schlafengehen. Der Autor von

«Noodles» heisst Vatcharin Bhumichitr,

lebt seit über 30 Jahren in England und

hat sich als Koch und Autor über die thailändische

Küche einen klingenden Namen

geschaffen. Bhumichitr präsentiert 100 Rezepte,

die ihm besonders gefallen: Eier- und

Reisnudeln, chinesische Wan Tan, Soba-

und Udon-Nudeln aus Japan, koreanische

Süsskartoffelnudeln und thailändische Vermicelli

aus Reismehl.

42 – books – September 2010

Drei weitere Bücher sind jeweils einen

Land und seiner Küche gewidmet. Der Autor

und Fotograf Thomas Ruhl reiste während

vieler Jahre durch China. Der Name

seines Buchs «Chinatown» bezeichnet die

quirligen chinesischen Viertel in allen Städten

der Welt. Sie sind bunt, laut und voller

exotischer Düfte und Genüsse. Das Kochbuch

ist wunderschön produziert, stellt typische

chinesische Produkte vor und geht

der Frage nach, wie sich asiatische und

europäische Küche gegenseitig beeinflussthaben.

Wer immer dachte, chinesisch zu kochen sei

kompliziert, kann sich jetzt vom alltagstauglichen

Kochbuch der Chinesin Ching-

He Huang umstimmen lassen. In «Chinesisch

kochen ganz easy» präsentiert

sie 97 Rezepte, die auch Anfängern sicher

gelingen. Ein Einführungskapitel in die chinesischen

Kochtechniken und ein ausführliches

Glossar helfen zusätzlich. Huangs

frische, leichte und blitzschnelle chinesische

Alltagsküche reicht von Klassikern

wie Schweinefleisch süss-sauer oder Poulet

mit Cashewnüssen bis hin zu neuen Kreationen

wie scharfes Pfefferhuhn oder Rindfleisch

nach Chongqing-Art. Die Rezepte

werden mit 165 Fotos illustriert.

«Wer immer dachte,

chinesisch zu kochen

sei kompliziert, kann

sich jetzt umstimmen

lassen.»

Das letzte Buch, das wir Ihnen hier empfehlen,

führt nach Japan. Zwar sind Sushi bei

uns inzwischen sehr beliebt und beinahe an

jedem Wurststand zu haben, aber damit ist

die japanische Küche längst nicht ausgereizt.

Der Schweizer Fotograf Sylvan Mül-

ler machte sich auf eine Entdeckungsreise

durch die Küchen Japans. Seine wichtigsten

Begleiter: kleine Zettelchen mit phonetisch

geschriebenen Fragen. «Was ist es, was ich

da esse?», «Kann ich mit dem Koch sprechen?»

oder «Wie wird dieses Gericht zubereitet?».

So ausgerüstet trat Müller seine

Odyssee durch die japanische Gastronomie

an, ohne Route, Restaurantauswahl oder

Köche vorher festzulegen. In seinem Buch

«Japan – Kochreisefotobuch» erzählt er

mit über 300 wunderschönen Fotografien

und vielen Rezepten von seiner Reise.

Currys, Currys, Currys

Madhur Jaffrey

352 Seiten

CHF 31.90

Christian

Noodles

Vacharin Bhumichitr

176 Seiten

CHF 31.90

Styria

Chinatown

Thomas Ruhl

309 Seiten

CHF 102.–

Fackelträger/Port Culinaire

Chinesisch kochen ganz easy

Ching-He Huang

240 Seiten

CHF 37.90

Dorling Kindersley

Japan Kochreisefotobuch

Sylvan Müller

240 Seiten

CHF 70.–

AT


yaki

Fleischbällchen vom Huhn

(Rezept aus: «Japan – Kochreisefotobuch» von Sylvan Müller)

Für 8 Stück:

200 g gehacktes Pouletfleisch vom Oberschenkel

½ TL Salz

3 EL Lauch, fein gehackt

2 EL Ingwer, fein gehackt

2 TL Sake

1 kleines Ei

Pfeffer

1 TL helle Sojasauce

1 EL Mais- oder Kartoffelstärke

1 EL Sesamöl

2 EL Sake

2 EL Mirin

3 EL gehackte Minze

grob gemahlener Pfeffer

Vermengen Sie in einer Schüssel das Pouletfleisch

mit dem Salz, dem Lauch, dem Ingwer

und dem Sake.

Berrühren Sie das Ei mit etwas Pfeffer und der

Sojasauce und geben Sie es zur Fleisch mischung.

Mischen Sie die Stärke unter und

kneten Sie alles gut durch.

Nun formen Sie die Fleischmischung zu acht

Bällchen. Braten Sie diese in etwas Sesamöl

von allen Seiten gut an.

In einer zweiten Pfanne erhitzen Sie nun

Sake, Mirin und die Sojasauce und begiessen

die Fleischbällchen damit. Drehen Sie die

Fleischbällchen kurz in der Sauce und lassen

Sie diese ein wenig eindicken.

Servieren Sie die Fleischbällchen garniert mit

gehackter Minze und grob gemahlenem Pfeffer.

Sachiko garniert die Klösschen mit Kinomeblättern.

Das sind die hellgrünen Blättchen

einer Rautenart, deren Früchte man zum Szechuanpfeffer

verarbeitet. Kinomeblätter sind

in Japan sehr beliebt, schmecken pfeffrig und

ein wenig nach Minze sowie Zitrone. Frisch gehackte

Pfefferminze und ein wenig grob gemahlener

schwarzer Pfeffer sind ein guter

Ersatz.

12.7.2010 11:56:49 Uhr

»Unabhängig

von Ort und Zeit –

dieser Roman packt

einen einfach überall.

Ein Buch wie Kino,

reingehen, hinsetzen und

mittendrin sein.«

Christine Westermann,

WDR 2

432 Seiten, gebunden

mit Schutzumschlag und Lesebändchen,

CHF 31,90; ISBN 978-3-86648-131-2

www.rubinrotesherz.de; www.mare.de

mare

books – September 2010 – 43


DVD

1

5

44 – books – September Mai 2010

2010

2

6

3

7

4

8


Prince of Persia

Fantasy

Verfilmung des erfolgreichen

Computerspiels: Im Persien des 6.

Jahrhunderts erwachen Legenden

zum Leben. Die Vorsehung führt

Prinz Dastan und Prinzessin Tamina

zusammen. Sie kämpfen gemeinsam

gegen das Böse. Ein sagenumwobener

Dolch, der Dastan

in die Hände fällt, könnte alle Wünsche

erfüllen – denn der Besitzer

der Waffe kann den magischen

Sand der Zeit freisetzen, die Zeit

zurückdrehen und die Welt beherrschen.

Natürlich wollen auch

dunkle Mächte die Waffe haben ...

CHF 33.90

Ab 12 Jahren

EAN 8717418276577

Blu-Ray: 8717418276584

Nine

Drama

Der italienische Filmregisseur Guido

Contini (Daniel Day-Lewis) steckt in

einer Midlife-Krise. Seine Nerven

leiden ebenso wie seine Kreativität,

und das Geflecht aus Affären,

Leidenschaft und Streitereien mit

den Frauen seines Leben wird immer

undurchdringlicher. So steht

er bald zwischen seiner Ehefrau,

seiner Geliebten (Penélope Cruz),

einer Modejournalistin, einer Muse

(Nicole Kidman) und seiner toten

Mutter (Sophia Loren). Musical frei

nach Fellinis «Otto e mezzo».

CHF 31.90

Ab 6 Jahren

EAN 7613059303775

Blu-Ray: 7613059305403

Lila, Lila

Komödie

Der Erfolgsroman «Lila, Lila» von

David Kern stürmt die Bestsellerlisten.

Der unscheinbare Kellner

ist aber gar nicht der Autor des

Buchs; er hat das Manuskript im

Nachttisch eines Trödlers gefunden.

Da David aber die schöne

Marie für sich erobern will, gibt

er den Text kurzerhand als seinen

eigenen aus. Die beiden werden

tatsächlich ein Paar, doch bei einer

Autogrammstunde taucht der

wahre Autor des Buchs auf ... Verfilmung

des Bestsellers von Martin

Suter.

CHF 29.90

Ab 6 Jahren

EAN 5051890015808

Blu-Ray: 5051890017086

Der letzte

Weynfeldt

CHF 33.90

Keine Altersbeschränkung

EAN 7611719445100

A Serious Man

Komödie

In meinem

Himmel

CHF 28.90

Ab 12 Jahren

EAN 4047553500720

Blu-Ray: 4047553250083

Zweiohrküken

Komödie

1 2 3 4

Der

Ghostwriter

Drama

Drama

5 6 7 Musikfilm

8

Adrian Weynfeldt hat mit der Liebe

abgeschlossen. Eines Abends

jedoch bringt ihn eine junge Frau

dazu, sie mit zu sich nach Hause

zu nehmen. Am nächsten Morgen

findet Weynfeldt sie an der Balkonbrüstung

– und kann sie gerade

noch vom Sprung abhalten. Von

nun an macht die Frau Adrian für ihr

Leben verantwortlich und nötigt ihn

immer wieder, sie aus Schwierigkeiten

zu befreien. Weynfeldts Leben

gerät langsam aus den Fugen.

Nach dem Buch von Martin Suter.

Eigentlich lebt Larry Gopnik ein beschauliches

Leben in einer kleinen

jüdischen Gemeinde im Mittleren

Westen der USA. Aber plötzlich

fällt seine ganze Existenz aus dem

gewohnten Rahmen: Seine Frau

verlangt die Scheidung, sein Sohn

schwänzt die Schule, seine Tochter

bestiehlt ihn, sein psychisch labiler

Bruder nistet sich bei ihm ein,

und seine Karriere gerät ins Trudeln.

Also beschliesst Larry, Hilfe

bei einem Rabbi zu suchen. Rabenschwarze

Komödie der Coen-

Brüder.

CHF 27.90

Ab 12 Jahren

EAN 0886974461593

Blu-Ray: 886976870997

Als Susie Salmon ermordet wurde,

hatte sie ihr ganzes Leben noch

vor sich – denn sie war erst 14

Jahre alt. Jetzt existiert sie in einer

seltsamen, wundervollen Zwischenwelt.

Von dort aus versucht

sie, ihrem Vater bei der Suche

nach ihrem Mörder zu helfen und

ihre Familie zu schützen. Nur dann

kann sie für immer gehen. Ein ergreifender,

hoffnungsvoller Film

über die versöhnende Kraft der

Liebe, von Oscar-Preisträger Peter

Jackson mit viel Fingerspitzengefühl

umgesetzt.

Ludo (Til Schweiger) und Anna

(Nora Tschirner) aus «Keinohrhasen»

sind wieder da! Nach zwei

Liebesjahren ist bei ihnen der

graue Alltag eingekehrt. Dann trifft

Ludo eine alte Flamme wieder.

Das weckt in Anna das Feuer der

Eifersucht – zu Recht. Doch Ludo

wehrt sich dagegen, kontrolliert zu

werden, und verlangt seinen Freiraum.

Als jedoch plötzlich Annas

Ex-Freund auftaucht, der Frauenversteher

Ralf, gefällt Ludo der

neu gewonnene Freiraum gar nicht

mehr so gut ...

CHF 27.90

Ab 12 Jahren

EAN 5051890013316

Blu-Ray: 5051890013330

Ein namenloser Ghostwriter (Ewan

McGregor) soll die Memoiren des

ehemaligen Premierministers Lang

(Pierce Brosnan) schreiben. Ein

gut bezahlter Job, weshalb sich

der «Ghost» auf den Weg zu der

Insel macht, wo Lang mit Frau

und Beratern lebt. Dort findet er

das Skript seines Vorgängers, der

auf der Insel ums Leben gekommen

ist. Und schon bald schwebt

auch der «Ghost» durch seine Ermittlungen

in Lebensgefahr. Roman

Polanskis spannende Verfilmung

des Robert-Harris-Romans

«Ghost».

CHF 29.90

Ab 12 Jahren

EAN 4006680051116

Blu-Ray: 4006680051123

books – September 2010 – 45


Die Fremde

Drama

Die 25-jährige Umay ist mit ihrem

Sohn Cem aus einem unglücklichen

Eheleben in Istanbul nach

Berlin zu ihrer Familie entflohen.

Blut ist dicker als alle gesellschaftlichen

Zwänge, hofft sie – und irrt

sich. Schon bald merkt sie, dass

die Familie die traditionellen Konventionen

nicht einfach über Bord

werfen kann und an den Herausforderungen

zu zerbrechen droht.

Als die Familie schliesslich Cem

zu seinem Vater nach Istanbul

zurückschicken will, flieht Umay

erneut.

CHF 33.90

Ab 12 Jahren

EAN 7611719457103

1

46 – books – September 2010

Ein Prophet

Drama

Der arabischstämmige Malik ist

19 Jahre alt, als er zu sechs Jahren

Zuchthaus verurteilt wird. Im

Gefängnis ist er auf sich allein gestellt.

Der Anführer einer Gang der

korsischen Mafia, die den Knast

kontrolliert, zwingt ihn, sich im

Drogenhandel zu betätigen und einen

ersten Mord zu begehen. Mit

der Zeit steigt Malik in der Gefängnishierarchie

auf und baut seinen

eigenen Drogenring auf. «Ein Prophet»

war 2010 für den Oscar für

den besten fremdsprachigen Film

nominiert.

CHF 29.90

Ab 16 Jahren

EAN 7611372641291

Blu-Ray: 7611372740031

Plastic Planet

Dokumentation

Wir sind Kinder des Plastikzeitalters

– aber wussten Sie auch,

dass Sie Plastik im Blut haben?

Regisseur Werner Boote zeigt,

dass Plastik zu einer globalen Bedrohung

geworden ist. Mit seiner

Reise von amerikanischen Implantate-Kliniken

über indische Mülldeponien

zu verschmutzten Stränden

in Japan stellt er Fragen, die uns

alle angehen: Warum ändern wir

unser Konsumverhalten nicht? Warum

reagiert die Industrie nicht auf

die Gefahren? Wer ist verantwortlich

für die Müllberge?

CHF 33.90

Ab 12 Jahren

EAN 7611719444103

The Last Giants

Dokumentation

1 2 3 4

2

3

In der Strasse von Gibraltar leben

mehr verschiedene Walarten als irgendwo

sonst auf diesem Planeten.

Doch die Strasse von Gibraltar

ist auch die am meisten befahrene

Wasserstrasse der Welt – das

gefährdet die riesigen Säugetiere

existentiell. Die ehemalige Modeschöpferin

Katharina Heyer veranstaltet

Fahrten zur Beobachtung

der Meeressäuger und sammelt

dadurch Geld für den Schutz der

bedrohten Tiere. Ihr Ziel: ein Walhospital.

Beeindruckende Bilder

faszinierender Tiere.

CHF 28.90

Ab 6 Jahren

EAN 4260181986135

4


«Ein Scheidungsratgeber

– sofort !»

Egal, welche Filiale von Orell Füssli Sie telefonisch kontaktieren möchten: Ihr

Anruf wird immer vom Kundenservicecenter an der Zürcher Dietzingerstrasse

entgegen genommen. Als einziges Unternehmen im Schweizer Buchhandel betreibt

Orell Füssli ein eigenes Callcenter. Es sichert die Erreichbarkeit, verkürzt

Wartezeiten – und garantiert erstklassige Beratung

Text und Bilder: Marius Leutenegger

Zeynep Sayin, Leiterin des Kundenservicecenters

von Orell Füssli: «Wir beantworten

jede Woche rund 2500 Anrufe.»

Einst riefen die Kunden mit ihren vielfältigen

Anliegen direkt in die Filialen von Orell

Füssli an. Dort nahm eine Mitarbeiterin

oder ein Mitarbeiter den Anruf entgegen;

das ging so lange gut, wie die Anzahl der

Anrufe gering blieb. Doch mit der Zeit klingelten

die Telefone in den Filialen derart

häufig, dass die Wartezeiten für die Anrufenden

immer länger wurden. Als erstes

– und bislang einziges – Unternehmen

seiner Branche entschied sich Orell Füssli

schliesslich, unter der Nummer 0848 849

848 ein Callcenter einzurichten und sämtliche

Anrufe an alle Filialen hierher umzuleiten.

Heute arbeiten im Kundenservicecenter

an der Zürcher Dietzingerstrasse

zwölf Frauen und drei Männer. Geleitet

wird das Center seit Sommer 2009 von

Zeynep Sayin. Die muntere Germanistin

rutschte nach ihrem Studium eher zufällig

in die Callcenter-Branche. Im Gegensatz zu

ihr absolvierten die meisten ihrer Mitarbeitenden

eine Lehre im Buchhandel. «Das ist

auch wichtig», sagt Zeynep Sayin. «Wir

wollen einen hochwertigen Kundenservice

anbieten.» Die Callcenter-Fachfrau staunte

bei ihrem Stellenantritt, wie viel Zeit Orell

Füssli den Mitarbeitenden für die Beratung

einräumt. «Üblicherweise geht es in einem

Callcenter um möglichst schnelle Abfertigung,

um Quantität – bei uns steht aber die

Beratungsqualität im Vordergrund.» Ein

durchschnittliches Telefongespräch dauere

bei ihnen rund dreieinhalb Minuten, «und

das ist für ein Callcenter schon sehr, sehr,

sehr, sehr, SEHR lang!»

Bewährter Service – ohne

Wartezeiten

Die Atmosphäre im Kundenservicecenter

ist denn auch vielmehr von Ruhe geprägt

als von jener Hektik, die man in einem

Callcenter eigentlich erwarten würde. Die

Mitarbeitenden des Kundenservicecenters

nehmen sich für alle Anrufenden Zeit: Für

die Kundin, die ein seltenes Buch über eine

noch seltenere Hunderasse sucht; für den

älteren Herrn, der gestern seinen Stock in

einer Filiale verlor; und für die Dame, die

einfach nicht klar kommt mit dem Bestellformular

auf www.books.ch. Schon seit

einiger Zeit am Draht ist jetzt auch jene

Kundin, die für ihren Sohn ein Buch über

Weisskopfadler sucht. Die Mitarbeiterin

des Servicecenters macht ihr ein paar Empfehlungen

– und rät ihr letztlich doch, in

eine Filiale zu gehen, um sich die verschiedenen

Titel anzusehen. Solche Anrufe seien

eher selten, sagt Zeynep Sayin. «Man ruft

bei uns nicht an, um zu stöbern – die meisten

wissen genau, was sie wollen.»

Viele Anrufende stammen aus einer Region,

in der Orell Füssli keine Filiale betreibt

– sie möchten aber dennoch nicht auf den

Service von Orell Füssli verzichten. Ein

anderes Segment der Anrufenden bilden

ältere Leute, die schlecht zu Fuss sind und

auch nicht per Internet bestellen können.

Und dann gibt es noch jene Kundinnen und

Orell Füssli

Kunden, die sich nur kurz darüber informieren

wollen, ob ein gewünschtes Buch

in einer bestimmten Filiale vorhanden ist.

Dass sie in ein Callcenter anrufen und nicht

direkt in die Filiale, würden sie in der Regel

nicht merken, sagt Zeynep Sayin. «Es

kann allerdings vorkommen, dass jemand

erzählt: ‚Ich habe gestern bei Ihnen dieses

rote Buch gesehen, im Regal gleich neben

dem Eingang. Kann man es mir zur Seite

legen?’» Man kann – in solchen Fällen

schliessen sich die Mitarbeitenden des Callcenters

umgehend mit der entsprechenden

Filiale kurz.

Offene Leitung für Sonderwünsche

Rund 2500 Anrufe nimmt das Callcenter

jede Woche entgegen. Im Gegensatz

zur Situation in den Filialen läuft hier zu

Wochenbeginn am meisten; die Kundinnen

und Kunden sind am Wochenende in

einer Zeitung auf ein Buch gestossen, das

sie interessiert, oder sie haben ihre Rechnung

kontrolliert und jetzt eine Frage dazu.

Längst nicht immer geht es in den Anrufen

um Buchbestellungen. «Einmal verlangte

ein Herr, wir sollten ihm ein französisches

Sprichwort auf deutsch übersetzen!», erinnert

sich Zeynep Sayin. Solche Aufgaben

fallen allerdings nicht in den Aufgabenbereich

des Kundenservicecenters von Orell

Füssli. Die langjährige Mitarbeiterin Romana

Künzler erinnert sich an einen anderen

Fall von Lebenshilfe: «Im Hintergrund

hörte ich eine Frau schreien. Und ein Mann

brüllte ins Telefon, er brauche jetzt sofort

einen Scheidungsratgeber, SOFORT!, und

zwar per Express.» Dem Anliegen wurde

umgehend entsprochen.

Die Fachfrauen und -männer des Callcenters

nehmen sich viel Zeit für die Kundinnen

und Kunden.

books – September 2010 – 47


Veranstaltungen

Veranstaltungen von Orell Füssli

Lesung von John Irving: «Letzte

Nacht in Twisted River»

in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus

Zürich

Samstag, 18. September 2010, 20 h

Schauspielhaus Zürich Pfauen,

Rämistrasse 34, 8001 Zürich

Enjoy @ The Bookshop

Taste and buy delicious British Cheese

Samstag, 18. September 2010, ab 11 h

Samstag, 16. Oktober 2010, ab 11 h

Samstag, 20. November 2010, ab 11 h

Orell Füssli The Bookshop,

Bahnhofstrasse 70, 8001 Zürich

Inside Orell Füssli Luzern

Neustadt INSIDE: Die Läden der Luzerner Neustadt

haben bis 20 Uhr geöffnet. Auf geführten

Touren kann man hinter die Kulissen verschiedener

den schauen.

Samstag, 18. September 2010, 16 bis 20 h

Orell Füssli Luzern,

Frankenstrasse 7-9, 6003 Luzern

Doppellesung von Beat Sterchi

und Pedro Lenz: «Ging, Gang,

Gäng» und «Der Goalie bin ig»

in Zusammenarbeit mit der Kellerbühne

St. Gallen

Montag, 20. September 2010, 19 h

Kellerbühne,

St.Georgen-Str. 3, 9000 St.Gallen

Lesung von Rolf Lappert: «Auf

den Inseln des letzten Lichts»

in Zusammenarbeit mit dem Kaufleuten

Dienstag, 21. September 2010, 20 h

Kaufleuten,

Pelikanplatz 18, 8001 Zürich

Mehr Veranstaltungen und Informationen finden Sie auf www.books.ch/veranstaltungen

48 – books – September 2010

books – September 2010 – 48

Zirkusluft mit Animator

Stefan Burri

Jongliere mit Bällen und Keulen, balanciern

auf dem Rola-Rola

Nur mit Voranmeldung: 0848 849 848,

orders@books.ch

Mittwoch, 22. September 2010, 15 und 16 h

Orell Füssli Westside,

Gilberte-de-Courgenay-Platz 4, 3027 Bern

Buchvernissage mit dem

Winterthurer Therapeuten

Hanspeter Ruch: «Burnout –

Aus der Erschöpfung in die

Kraft»

Mittwoch, 22. September 2010, 19 h

Orell Füssli Winterthur,

Marktgasse 3, 8400 Winterthur

Gespräch mit Barbara Bosshard:

«Den Himmel berühren»

Moderation: Röbi Koller

Donnerstag, 23. September 2010, 20.30 h

Orell Füssli Kramhof,

Füsslistrasse 4, 8022 Zürich

Autumnal stories with

Naomi Steinberg

Donnerstag, 23. September 2010, 19 h

Orell Füssli The Bookshop,

Bahnhofstrasse 70, 8001 Zürich

Lesung von Ian McEwan:

«Solar»

in Zusammenarbeit mit dem Kaufleuten

Dienstag, 12. Oktober 2010, 20 h

Kaufleuten,

Pelikanplatz 18, 8001 Zürich

Hommage an Erika Burkart

in Zusammenarbeit mit der Kellerbühne

St. Gallen: Charles Linsmayer, Hans J. Ammmann

und Ariane Gafron stellen zu Bildern von

Hansueli Trachsel Erika Burkarts letzten Gedichband

«Das späte Erkennen der Zeichen» vor.

Montag, 18. Oktober 2010, 20 h

Kellerbühne St. Gallen,

St. Georgen-Strasse 3, 9000 St. Gallen

Märlistunden

für Kinder ab 3 Jahren

Samstag, 25. September 2010, 11 h

Samstag, 30. Oktober 2010, 11 h

Orell Füssli Luzern,

Frankenstrasse 7-9, 6003 Luzern

Samstag, 29. September 2010, 14 h

Samstag, 6. November 2010, 14 h

Orell Füssli Kramhof,

Füsslistrasse 4, 8022 Zürich

Samstag, 25. September 2010, 10.30 h

Samstag, 30. Oktober 10.30 h

Orell Füssli Frauenfeld,

Bahnhofstrasse 70/72, 8500 Frauenfeld

Join Dave to an hour full of stories,

fun and activities.

Samstag, 2. Oktober 2010, 10 h

Samstag, 6. November 2010, 10 h

Orell Füssli The Bookshop,

Bahnhofstrasse 70, 8001 Zürich

Lesung von Felicitas Mayall:

«Die Stunde der Zikade

Donnerstag, 21. Oktober 2010, 21 h

Orell Füssli am Bellevue,

Theaterstrasse 8, 8001 Zürich

Lesung von Matthias

Binswanger: «Sinnlose

Wettbewerbe»

Mittwoch, 27. Oktober 2010, 20 h

Rösslitor Bücher,

Multergasse 1-3, 9001 St. Gallen

Vernissage mit Leonor Gnos:

«Nelly N.»

Freitag, 5. November 2010, 18.30 h

Orell Füssli Luzern,

Frankenstrasse 7-9, 6003 Luzern

Literaturcafé: Buchhändlerinnen

vom Rösslitor stellen

Neuerscheinungen vor

Montag, 8. November 2010, 19 h

Rösslitor Bücher,

Multergasse 1-3, 9001 St. Gallen



Das Literatur-Kreuzworträtsel

Unter den richtigen Lösungen verlosen wir Bücher-Gutscheine:

1. Preis: Fr. 200.–, 2. Preis: Fr. 100.–, 3. Preis: Fr. 50.–, 4. bis 10. Preis: je Fr. 20.–

Lösungswort:

Bis am 15. November 2010 in einer der Orell-Füssli-Filialen in Zürich, Bern, Luzern,

Winterthur, Frauenfeld oder bei Rösslitor Bücher in St. Gallen abgeben oder per E-Mail

an: books@books.ch. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt.

Vorname / Name

Adresse

PLZ / Ort

E-Mail

Wettbewerb

books – September 2010 – 49


Kolumne

Es ist jedes Mal anders: «Fünfunddreissig»,

meinen Erstling, schrieb ich frisch von der

Leber weg. Ich hatte nicht einmal die Vorstellung,

dass das Buch je gedruckt würde.

Beim zweiten Roman schwirrte immerhin

eine vage Idee im Kopf herum, wie die Geschichte

laufen soll. «Himmelreich», das

dritte Buch, war eine Impulshandlung – und

entstand hauptsächlich im Starbucks in den

USA. «Wer bin ich?», die 777 Fragen, formulierte

ich in Paris, schlendernd, mit dem

Diktaphon in der Hand. «Turbulenzen»

entstand im Kloster Einsiedeln, in meiner

Zelle, zwischen den Gebetszeiten.

Und bei «Massimo Marini»? Hier wollte

ich eine Figur schaffen, die der Leser nie

mehr vergisst. Und ich wollte diesen Massimo

von seiner Kindheit bis zum reifen Alter

Schritt um Schritt entwickeln: seine schüch-

ternen Anfänge, seine Höhenflüge, seine

Dummheiten, seine Glanzlichter, die grosse

Liebe, an der sein Leben zerbricht. Ausserdem

sollte das Buch, das ich im Kopf hatte,

ein Krimi werden. Als Milieu hatte ich mir

die Schweiz vorgenommen, und ins Zentrum

stellte ich, symbolisch für die Einwanderer

aus Italien, den Mythos Gotthard.

Technisch und stilistisch sollte der Roman

anspruchsvoll sein – ein Roman, wie ich ihn

eben selbst gern lesen würde.

Der Respekt vor diesem Vorhaben war so

gross, dass ich mich eine Weile lang mit

allem Möglichen beschäftigte, um ja nicht

beginnen zu müssen. Mir wurde bange,

wenn ich nur schon an den leeren Computerbildschirm

dachte. Schliesslich zwang ich

mich, den Roman anzupacken, in dem ich

mir eine Frist setzte.

Also fing ich an. Wie ein Architekt. Ich

bestellte eine riesige Wandtafel, die ich in

meinem Schreibzimmer montierte. Dort

zeichnete ich die verschiedenen Stränge der

Geschichte mit Filzstift auf. Ich radierte

aus. Zeichnete von neuem. Löschte wieder.

Wochenlang so. Ich entwickelte die Cha-

50 – books – September 2010

raktere, schrieb Biographien, als hätten sich

die Figuren bei mir persönlich zu bewerben.

Ich wollte genau wissen, mit wem ich es zu

tun hatte. Zwei Mal fuhr ich an die Stollenbrust

des Gotthardbasistunnels, dort,

wo gebohrt wird. Ich interviewte Mineure,

Fremdarbeiter und Bauunternehmer und

sprach mit dem Leiter der Fremdenpolizei

des Kantons Luzern, um die 1960er- und

1970er-Jahre, die Jugendzeit meines Helden,

genau einzufangen.

Schliesslich notierte ich alle Szenen stichwortartig

auf Kärtchen und legte diese

auf dem Fussboden aus. Ich veränderte

die Reihenfolge unendliche Male. So viele

Karteikarten lagen auf dem Boden, dass

ich es kaum mehr von der Tür zu meinem

Schreibtisch schaffte, ohne auf die eine oder

andere Szene zu trampen. Zwei Monate

Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen in

books, wie sie schreiben.

Heute: Rolf Dobelli

waren vergangen. Ich kam mir wie ein Idiot

vor – zwei Monate, und noch immer keinen

einzigen Satz geschrieben!

Doch dann, eines Tages, stimmte die Geschichte,

und ich konnte mit dem Schreiben

loslegen. Ich pickte die schwierigste Szene

heraus und schrieb sie. Dann die zweitschwierigste.

Und so weiter. Bis plötzlich,

magisch, der ganze Roman geschrieben

war.

Und nun ist er da: «Massimo Marini». Erst

jetzt kann ich ihn loslassen, diesen Mann,

mit dem ich unzählige Stunden gerungen

habe, diesen Mann, der mir ans Herz gewachsen

ist.

Rolf Dobelli, 44, lebt in Luzern. Der Mitgründer

von getAbstract, dem weltweit führenden

Anbieter von Buchzusammenfassungen,

begann erst vor neun Jahren mit

dem literarischen Schreiben. Sein sechstes

Buch erscheint am 28. September 2010:

Massimo Marini

384 Seiten

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