Hintergrund: Das Ruhrgebiet im Wandel der Zeit

media1.roadkast.com

Hintergrund: Das Ruhrgebiet im Wandel der Zeit

Hintergrund: Das Ruhrgebiet im Wandel der Zeit

Das "Niemandsland" wird befreit

Das römische Colosseum in Xanten am Niederrhein; Rechte:

WDR

• Bischof Liudger gründete die Abtei in Werden; Rechte:

WDR/Verkehrsamt Essen

Vor dem industriellen Zeitalter ist das Ruhrgebiet eine historisch eher unbedeutende Region. Die

Römer zeigen nach ihrer Niederlage in der Varusschlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 nach

Christus nur noch wenig Interesse an der wald- und sumpfreichen Gegend. Sie ziehen sich lieber

in ihre angestammten Gebiete westlich des Rheins zurück.

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Imperiums im 5. Jahrhundert nach Christus streiten

sich lange Zeit Sachsen und Franken um die Vorherrschaft im heutigen Ruhrgebiet. Doch erst

Karl der Große kann mit Einnahme der Hohensyburg gegen Ende des 8. Jahrhunderts die Sachsen

endgültig zu besiegen. In der Folgezeit lässt er in regelmäßigem Abstand befestigte Königshöfe,

die so genannten Karlshöfe, errichten oder schon vorhandene Burgen ausbauen. Die

bedeutendsten Höfe entstehen in Duisburg, Essen, Recklinghausen, Bochum und Dortmund. Um

die heidnische Bevölkerung zu missionieren, lässt Karl der Große auch zahlreiche Klöster

gründen. Dem 796 vom späteren Bischof Liudger gegründeten Kloster Werden fällt dabei eine

zentrale Rolle zu: Hier werden die Missionare ausgebildet.

Landwirtschaft, Handwerk und Handel

• Von einer Stadtmauer umgeben: Duisburg im 16.Jh.; Rechte:

akg

• Im 17. Jahrhundert war Dortmund immer noch klein; Rechte:

akg

In den folgenden Jahrhunderten verläuft die Entwicklung des Ruhrgebiets sehr langsam. Die

Städte, die sich meist um die alten Königshöfe gruppieren, wachsen nur bescheiden. Nur wenige

1


Hundert oder Tausend Menschen wohnen in kleinen Fachwerkhäusern und bestreiten ihren

Unterhalt hauptsächlich mit Handwerksarbeiten, die sie an die umliegende bäuerliche

Bevölkerung verkaufen. Die landwirtschaftlich geprägten Gebiete sind durchzogen von einem

engmaschigen Netz kleiner bäuerlicher Siedlungen und Höfe. Die ländliche Bevölkerung lebt in

so genannten Einhäusern, in denen Vieh, Ernte und Familie gemeinsam untergebracht werden

können.

Einige Städte am Hellweg, einer Handelsstraße, die vom Rhein zur Weser und zur Elbe führt,

erwerben sich durch Handelsbeziehungen einen bescheidenen Reichtum. Hierzu gehören

insbesondere Duisburg, Essen, Wattenscheid, Bochum, Dortmund und Unna. Eine weitere

Stadtreihe mit Wesel, Dorsten, Haltern, Lünen, Werne und Hamm entsteht im Mittelalter in der

nördlicher gelegenen Lippezone. Im 14. Jahrhundert schließen sich fast alle Städte dem

Hansebund an und können in der Folgezeit von den weit reichenden Handelsbeziehungen

profitieren. Zwischen der Hellweg- und der Lippezone gibt es jedoch keine nennenswerten

Siedlungen. Das Gebiet um die Emscher besteht zu dieser Zeit noch aus sumpfigen Weiden und

einigen bedeutungslosen Dörfern.

Das schwarze Gold

Ins Mittelalter fällt auch die Entdeckung eines Rohstoffes, der die gesamte Region fortan prägen

wird: die Steinkohle. Urkundlich bezeugt ist der Abbau von Kohle erstmals Ende des 13.

Jahrhunderts.

Der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet hat in seiner Anfangszeit einen besonderen Vorteil: Im

Gegensatz zu vielen anderen Regionen reichen die Flöze an den Anhöhen des Ruhrufers bis nahe

an die Erdoberfläche und können so problemlos abgebaut werden.Die frühen Bergmänner treiben

zunächst waagerechte Stollen in die Erde. Wenn einer dieser Stollen mit Grundwasser

vollgelaufen ist, wird ein nächster aufgemacht. Im 15. und 16. Jahrhundert wird die Technik so

verbessert, dass auch senkrechte oder leicht geneigte Stollen in den Berg getrieben werden

können, die dann länger in Betrieb bleiben können.

Viele Jahrhunderte ist der Kohlebergbau reine Hand- und Pferdearbeit. Es gibt zwar Hunderte

von Schächten, meist arbeiten aber nur eine Handvoll Menschen in ihnen. 1754 werden

beispielsweise im märkischen Raum 116 Zechen gezählt, es arbeiten jedoch nur insgesamt 688

Bergleute darin.

Die meisten Bergleute arbeiten nur saisonal in der Grube. Im Winter wird Kohle abgebaut, im

Sommer zusammen mit der Familie Landwirtschaft betrieben. Sie leben meist in kleinen

Bergmannskotten mit Küche, Kammern und Viehstall unter einem Dach.

Verkauft wird die abgebaute Kohle ausschließlich in der Region. Sie dient der ärmeren

Bevölkerung als Brennmaterial und heizt die Schmiedebetriebe im Bergischen Land und

Siegerland an.

2


• Der frühe Steinkohlebergbau war eine mühsame Arbeit, Rechte:

akg

• Ein alter Bergmannskotten in der Nähe von Hattingen; Rechte:

dpa

Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte

Das Ruhrgebiet braucht Unmengen an Arbeitern; Rechte: akg

• Rauchende Schornsteine prägen das Stadtbild von Essen um

1850; Rechte: akg

• Die Krupp-Werke in Essen kurz vor dem Ersten

Weltkrieg; Rechte: akg

Mit der Schiffbarmachung der Ruhr werden gegen Ende des 18. Jahrhunderts erste überregionale

Märkte erschlossen. Durch Umladen der Fracht in Ruhrort oder Mülheim auf größere Schiffe

erreicht die Kohle aus dem Ruhrgebiet über den Rhein die Schweiz und die Niederlande. Mit

Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt im Jahre 1765 beginnt der industrielle

Aufschwung im Ruhrgebiet. Es werden technische Verfahren entwickelt, wie Grubenwasser

leichter abzupumpen ist und wie man Gesteinsschichten durchbohren kann, um an tiefer liegende

3


Kohleschichten zu gelangen. Mitte des 19. Jahrhunderts steigt der Bedarf an Stahl enorm. Die

expandierenden Industriezweige des Eisenbahn- und Schiffsbaus benötigen Unmengen davon. Da

für die Stahlgewinnung sehr viel Kohle gebraucht wird, siedeln sich die Eisenhütten vorwiegend

in der Nähe der Zechen an.

Die steigende Produktion zieht neue Arbeitskräfte an. Die kommen zunächst aus dem

Münsterland, Ostwestfalen und Hessen. Doch das reicht nicht aus. Die großen Industriebetriebe

wie Thyssen, Krupp oder Klöckner holen Arbeitskräfte aus Polen und Ostpreußen an die Ruhr.

Geworben wird mit einem deutlich höheren Lohn als in der Heimatregion und einer werkseigenen

Wohnung mit kleinem Stall und Garten. Unmengen von Menschen folgen den Angeboten. Kurz

vor dem Ersten Weltkrieg hat die Bevölkerungsentwicklung bedenkliche Ausmaße angenommen:

Lebten 1826 gerade einmal 5000 Menschen in Duisburg, sind es 1910 schon knapp 230.000.

Allein im letzten Vorkriegsjahr 1913 strömen mehr als 400.000 Menschen ins Ruhrgebiet.

Planlose Stadtentwicklung, Kriege und Zerstörung

• Die Zechen entstehen oft auf der "grünen" Wiese;

Rechte: WDR/Concordia

• Ungeplante, schmucklose Arbeitersiedlung in Bochum-Werne;

Rechte: dpa

• Nach Kriegsende liegt das Ruhrgebiet in Schutt und Asche;

Rechte: dpa

Mit einem derart rasanten Bevölkerungswachstum kann keine Stadtplanung mehr mithalten. Fast

alle Bauwerke und Siedlungen werden ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet "wild"

gebaut. Die Bergwerke stehen dort, wo die Kohle am günstigsten gefördert werden kann, die

Stahlwerke entstehen an den Punkten, die am verkehrsgünstigsten liegen. Viele Werkssiedlungen

werden in direkter Nähe zum Betrieb gebaut. In der Emscherzone entstehen auf der "grünen

Wiese" ganz neue Ortskerne. Manche Städte versuchen dem ein wenig Struktur zu geben, indem

sie an die alten Kerne neue schachbrettartige Siedlungen anschließen. Viele der ehemals weit

voneinander entfernt liegenden Städte wachsen in dieser Zeit zusammen und geben dem

Ruhrgebiet den Charakter einer einzigen großen Stadt.

4


Der Erste Weltkrieg stoppt die rasante Entwicklung erst einmal. In den ersten Jahren nach

Kriegsende stagniert die Wirtschaft zunächst. Die Region erfährt jedoch einen weiteren

Bevölkerungszuwachs von Flüchtlingen aus Gebieten, die im Krieg verloren wurden. Nach einem

kurzen wirtschaftlichen Aufschwung Mitte der 20er Jahre trifft die Weltwirtschaftskrise 1929 das

Ruhrgebiet besonders hart. Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Depression sind die

Folgen. Während des Zweiten Weltkriegs ist das Ruhrgebiet erneut die Waffenschmiede der

Nation. Hitler lässt Hunderttausende von Fremdarbeitern unter teilweise katastrophalen

Bedingungen in den Bergwerken und Eisenhütten schuften. Gegen Ende des Krieges wird die

Region bevorzugtes Ziel alliierter Luftangriffe. 1945 liegt fast das gesamte Ruhrgebiet in Schutt

und Asche. Lebten vor dem Krieg noch gut 4,3 Millionen Menschen hier, sind es bei Kriegsende

nur noch knapp zwei Millionen.

Wiederaufbau und Wirtschaftskrisen

• In den 60er Jahren geht es den Kumpeln nicht mehr gut;

Rechte: dpa

• Stahlkrise in Duisburg-Rheinhausen 1987; Rechte: dpa

Der Wiederaufbau der Industrieanlagen erfolgt mit enormer Geschwindigkeit und Energie.

Binnen weniger Jahre ist fast die gesamte Vorkriegsstruktur wieder hergestellt. Das Ruhrgebiet

wird zum Wirtschaftsmotor für die junge Bundesrepublik. Die Fabriken und Wohnsiedlungen

werden an den alten Standorten wieder aufgebaut, Zeit für neue Konzepte gibt es nicht. Die

Menschen strömen wieder zurück ins Ruhrgebiet. Zunächst sind es Soldaten, Kriegsgefangene

und Deportierte. Später müssen wieder Fremdarbeiter für die boomende Wirtschaft angeworben

werden. Als in Deutschland nicht mehr ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, holt man

Gastarbeiter aus Südeuropa an die Ruhr. Ende der 50er Jahre leben bereits wieder 5,7 Millionen

Menschen im Ruhrgebiet, so viel wie nie zuvor.

Zur gleichen Zeit setzt jedoch die erste Wirtschaftskrise ein. Öl aus dem Nahen Osten verdrängt

die Kohle aus vielen angestammten Absatzgebieten. Erste Zechenstilllegungen und Entlassungen

sind die Folge. Mitte der 70er Jahre gerät auch die Stahlindustrie in eine schwere Krise. Die

Stahlerzeugung ist in Deutschland zu teuer geworden, andere Länder bieten den begehrten

Baustoff viel günstiger an. Innerhalb weniger Jahrzehnte verliert das Ruhrgebiet seine beiden

großen wirtschaftlichen Standbeine. Der Zusammenbruch dieser beiden Wirtschaftszweige

beschäftigt die Region bis heute.

5


Hintergrund: Das Ruhrgebiet heute

Wirtschaft

• Ergebnis des Strukturwandels: Das CentrO in Oberhausen;

Rechte: dpa

Das Ruhrgebiet, ein Eldorado für Gewerbegebiete; Rechte: dpa

• Technologiezentrum der FernUni Hagen; Rechte: WDR/Paul

Eckenroth

Die Zeiten, in denen die Wirtschaft des Ruhrgebiets vom Steinkohlebergbau und der

Stahlindustrie geprägt wurde, sind endgültig vorbei. In den wenig übrig gebliebenen Zechen

arbeiten nur noch ein paar Tausend Bergleute. 2018 stellen Bund und Land ihre Subventionen für

den Bergbau ein, die traditionsreiche Ära der Kohle im Ruhrgebiet neigt sich damit dem Ende zu.

Schon in den 60er und 70er Jahren mussten die beiden großen Wirtschaftszweige massive

Arbeitsplatzverluste hinnehmen, die weder ein anderer Industriezweig noch der

Dienstleistungssektor auffangen konnten. In fast allen Ruhrgebietsstädten bewegt sich die

Arbeitslosenquote seitdem im zweistelligen Bereich.

Mittlerweile macht der Dienstleistungssektor mit mehr als zwei Dritteln der Beschäftigten den

höchsten Anteil im Ruhrgebiet aus. Die Gesundheitswirtschaft spielt hierbei eine bedeutende

Rolle, mittlerweile arbeiten in diesem Bereich deutlich mehr Menschen als in der

Montanindustrie. Viele Gemeinden versuchen, ihre Angebote im Dienstleistungsbereich

auszuweiten. Nirgendwo sonst in Europa gibt es so ein engmaschiges Netz an großangelegten

Einkaufszentren, die kaufkräftiges Klientel auch außerhalb des Ruhrgebiets anziehen sollen. Auf

alten Industriebrachen entstehen in jeder Stadt kleinere Gewerbeparks. Die Betriebe in den Parks

profitieren hauptsächlich von verkehrsgünstigen Anbindungen im Ruhrgebiet. Städte wie

Dortmund und Essen versuchen sich als überregional bekannte Messestädte zu profilieren. Hinzu

kommt der bereits in den 80er Jahren forcierte Bau von Technologie- und Gründerzentren (TGZ).

In diesen Zentren werden innovative Produkte der Hochtechnologie entwickelt, die dem

Ruhrgebiet ein neues Image als zukunftsorientierte Region verschaffen sollen. All diese

Maßnahmen und Bemühungen konnten bisher jedoch nicht die hohen Arbeitsplatzverluste des

Bergbaus und der Montanindustrie ausgleichen.

6


Verkehr

• Der Duisburger Binnenhafen ist der größte der Welt; Rechte:

WDR/Stadt Duisburg

• Der Rhein-Herne-Kanal bei Oberhausen; Rechte: mauritius

• Wohnen an der Autobahn: Die A 40 in Essen; Rechte:

WDR/ZB

Keine Region in Europa ist von so einem dichten Verkehrsnetz durchzogen wie das Ruhrgebiet.

Die gesamte Verkehrsstruktur stammt aus der Zeit, als die Güter der Schwerindustrie und des

Bergbaus schnell und kostengünstig abtransportiert werden mussten. Ein dichtes Netz an Kanälen

und Häfen sorgt immer noch für einen regen Güterverkehr durch Transport- und Lastkähne. Der

Hafen von Duisburg ist der größte Binnenhafen der Welt und einer der größten

Warenumschlagplätze Europas. Auch das Schienennetz im Ruhrgebiet ist vorbildlich ausgebaut.

Als Schnittpunkt des Personen- und Güterverkehrs existieren zahlreiche große

Verschiebebahnhöfe und Intercity-Haltepunkte. Dazu ist fast jede Stadt im Ruhrgebiet durch das

dichte Netz des S-Bahn- und Nahverkehrs schnell und problemlos zu erreichen.

Das Autobahnnetz stammt aus einer Zeit, in der eine autogerechte Stadt propagiert wurde und

jeder Ort sowohl in der Stadt als auch im gesamten Ruhrgebiet schnell mit dem Fahrzeug

erreichbar sein sollte. So durchzieht ein dichtes Netz aus Autobahnen in Nord-Süd- und Ost-

West-Richtung das Ruhrgebiet. Diese sind gerade zu den Stoßzeiten des Berufsverkehrs aufgrund

des gestiegenen Verkehrsaufkommens meist hoffnungslos überlastet. Ein mehrspuriger Ausbau

ist häufig aus Platzmangel nicht möglich. Bestes Beispiel hierfür ist die A 40, die sich mitten

durch Essens Innenstadt zieht. Die Bebauung ist oftmals so nah an der Bahn, dass eine

Erweiterung der Trasse nicht in Betracht kommt.

7


Siedlungsstruktur

• Eine typische Trabantensiedlung der 70er Jahre; Rechte: ddp

• Arbeiterhäuser auf der Essener Margarethenhöhe; Rechte: akg

• Gartenstadt Schüngelberg in Gelsenkirchen; Rechte:

WDR/version

Viele Städte im Ruhrgebiet haben immer noch mit den Bausünden aus der Nachkriegszeit

beziehungsweise den 60er und 70er Jahren zu kämpfen. Nach den Zerstörungen im Zweiten

Weltkrieg müssen die Städte rasch wieder aufgebaut werden, um der ins Ruhrgebiet

zurückkehrenden Bevölkerung ausreichend Wohnraum zu verschaffen. Die Vorkriegsstruktur

wird wieder aufgegriffen, auf den zerstörten Siedlungsbereichen entstehen zweckdienliche und

nüchterne Wohnbauten. In den 60er und 70er Jahren fällt die wenige übrig gebliebene

gründerzeitliche Bausubstanz der Idee einer autogerechten Stadt zum Opfer. Ganze Straßenzüge

werden niedergerissen, um breiten Einfall- und Ringstraßen Platz zu machen. Ganze

Hochhauskomplexe werden aus dem Boden gestampft, die später oftmals zu sozialen

Brennpunkten verkommen.

Erst in den 80er Jahren setzt langsam ein Umdenken ein. Die schlechte Wohnqualität und hohe

Umweltbelastungen hatten bereits seit den 60er Jahren zu einer Abwanderungswelle aus den

Städten geführt. Stadtsanierungskonzepte setzen seit diesem Zeitpunkt vermehrt auf

Verbesserungen des Wohnumfeldes sowie Verkehrsberuhigung in Wohnquartieren und

Innenstädten. Statt groß angelegter Bauprojekte werden seitdem Einzelobjekte saniert und die

Baulücken aufgefüllt. Dazu kommt die schrittweise Sanierung der alten Arbeitersiedlungen, die

als Wohnraum immer beliebter werden. Auf alten Industrie- und Zechenbrachen entstehen

qualitativ hochwertige, häufig an ökologischen Standards ausgerichtete Wohnsiedlungen, die die

Bevölkerung sehr gut annimmt. Die Abwanderungswelle aus den Kernbereichen des Ruhrgebiets

konnte so erfolgreich aufgehalten werden.

8


Bildung und Kultur

• Die Bochumer Universität war die erste im Ruhrgebiet; Rechte:

WDR/Stadt Bochum

Das Aalto-Theater in Essen; Rechte: WDR/Christopher C.

Franken

• Industriekultur im Landschaftspark Duisburg; Rechte:

WDR/Klaus Küpper

Lange Zeit hatte das Ruhrgebiet einzig und allein die Aufgabe, die Grundstoffe für die

industrielle Entwicklung bereit zu stellen. Erst mit der Kohlekrise Ende der 50er Jahre setzt ein

Umdenken ein. Innerhalb kürzester Zeit entstehen ab den 60er Jahren in Bochum, Dortmund,

Essen, Duisburg und Hagen fünf Universitäten. Später gesellt sich noch die private Universität

Witten/Herdecke dazu. Dazu kommen acht Fachhochschulen, die Folkwang-Hochschule für

Musik, Theater und Tanz sowie je drei forschungsnahe Fraunhofer- und Max-Planck-Institute.

Mit weit mehr als 150.000 eingeschriebenen Studenten ist das Ruhrgebiet mittlerweile zur

dichtesten Hochschullandschaft Europas geworden.

Auch im kulturellen Bereich hat das Ruhrgebiet in den letzten Jahrzehnten eine enorme

Entwicklung vollzogen. Heutzutage gibt es in der Region ein dichtes Netz an kommunalen

Theatern und Opernhäusern. Dazu kommen zahlreiche kleine Theatergruppen auf mehr als 150

freien Bühnen. Große Festivals wie die "Ruhrfestspiele" in Recklinghausen, das "Theaterfestival

Ruhr" oder die "Ruhr-Triennale" machen das Ruhrgebiet weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Eine herausragende Leistung in der kulturellen Entwicklung hat die "Internationale

Bauausstellung Emscher-Park (IBA)" vollbracht. Einer der Schwerpunkte dieses auf zehn Jahre

angelegten Projektes war die Restaurierung alter Industriedenkmäler und -brachen, um sie einer

neuen, kulturellen Nutzung zuzuführen. Die Bauwerke der dabei entstandenen "Route der

Industriekultur" sind zu bemerkenswerten touristischen Highlights geworden, die große

Besucherströme anziehen. Einen weiteren kulturellen Schub bekommt die Region durch die

Ernennung von Essen zur "Kulturhauptstadt Europas 2010".

9


Natur und Naherholung

• Idylle am Kemnader Stausee; Rechte: Tobias Aufmkolk

• Der Westfalenpark in Dortmund; Rechte: WDR/Christopher C.

Franken

In vielen Teilen Deutschlands besteht häufig noch die Ansicht, das Ruhrgebiet sei eine einzige

große und graue Industrielandschaft. Doch es gibt in der Region mehr grüne Flächen, als man

gemeinhin annimmt. Um die ungeordnete Siedlungsentwicklung und das Zusammenwachsen der

Städte zu stoppen, wurde bereits in den 60er Jahren das Konzept der regionalen Grünzüge

entwickelt. Diese Grünzüge ziehen sich in Nord-Süd-Richtung durch das gesamte Ruhrgebiet und

trennen die Städte durch einen durchschnittlich zwei Kilometer breiten Korridor voneinander. Die

Flächen in den Grünzügen werden hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt und dürfen nicht

großflächig neu besiedelt werden. Sie dienen als Naherholungsgebiet für die Bevölkerung und als

grüner Puffer zwischen den einzelnen Siedlungsgebieten.

Mit knapp 18 Prozent Waldfläche ist das Ruhrgebiet mehr bewaldet, als manch andere deutsche

Großstadt. Es gibt in der Region mehr als 80 Naherholungswälder, die alle innerhalb von 30

Gehminuten von einem Siedlungsbereich aus zu erreichen sind. Dazu kommen über 4000

öffentliche Park- und Grünanlagen innerhalb der Städte, die ebenfalls zur Naherholung gedacht

sind. Stauseen, wie der Kemnader See in Bochum oder der Baldeney-See in Essen, dienen nicht

nur der Wasserwirtschaft, sondern sind auch stark besuchte Wassersport- und Ausflugsziele. Ein

weiteres Highlight ist die ebenfalls im Zuge der IBA entstandene "Route der Industrienatur". Hier

werden alte Industriedenkmäler und -brachen vollkommen der Natur überlassen. Auf einigen

Flächen haben sich wieder Pflanzen angesiedelt, die im Ruhrgebiet schon verschwunden waren.

http://www.planet-schule.de/wissenspool/orte-des-erinnerns/inhalt/hintergrund.html

10

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine