Die Wirkung von Ecstasy Langzeitfolgen - Ethos

schwengeler

Die Wirkung von Ecstasy Langzeitfolgen - Ethos

«Nach ’ner halben Stunde:

PENG! Es fuhr ein.

Wir gingen auf die Tanzfläche,

die Schwarzlichttücher

fingen noch mehr an

zu leuchten, die ganzen

anderen Leute waren

genauso drauf wie wir und

alle waren irgendwie seelenverwandt,

unglaublich!

Mit geschlossenen Augen

am Tanzen, und dann fing

alles an zu schweben.

Surreal – nur noch am

Bewegen und BIG SMILING

= happy!!!!!!!»

17-jähriges Mädchen über ihre

erste Ecstasy-Erfahrung

CAROLE HUBER

12 ethos 2 I 2007

Wie im Himme

«Einfach unbeschreiblich, das Gefühl, das dich erfasst, wenn die Pille zum

ersten Mal einfährt!» Christina war 16, als sie anfing, Drogen zu nehmen.

«Zuerst Zigaretten und Alkohol, bald kam Haschisch dazu», erzählt

die sympathische junge Frau. «Ich hab zwei Brüder», erklärt sie, «die

haben auch gefeiert. Zuerst wollten sie nicht, dass ich Ecstasy nehme.

Aber letztlich konnten sie mich nicht davon abhalten, es auszuprobieren.»

Abheben mit guter Musik, Licht, Rhythmus und entsprechendem Outfit:

Das sind die Komponenten, die für viele junge Menschen eine gute

Techno-Party ausmachen. Doch für die meisten reicht das nicht aus. Damit

die Fete ein richtiges Erlebnis wird, gehören Drogen dazu: Ecstasy (XTC)

ist auf Techno-Partys besonders beliebt, weil es durch seine aufputschende

Wirkung einen wahren Tanzmarathon ermöglicht. Weiter hat man Spass,

kommt mit jedem glänzend aus, hat immer was zu erzählen und andauernde

intensive Glücksgefühle. Christina beschreibt es so: «Man kann

gut tanzen, man hat die Leute um sich herum lieb, man könnte die ganze

Welt umarmen ...!»


l ...!?

Was ist Ecstasy?

Die Substanz, die dies im Gehirn bewirkt,

wird in Labors vollsynthetisch hergestellt,

weshalb Ecstasy auch als «Designerdroge»

bezeichnet wird. Ecstasy ist kein einzelner

Stoff, sondern setzt sich normalerweise

aus verschiedenen Substanzen zusammen.

Die chemische Bezeichnung

des Hauptbestandteils lautet MDMA

(Methylen-Dioxy-N-Methamphetamin),

verwandte Stoffe sind MDEA, MDBD

und BDB. Ecstasy wird in Form von Tabletten,

Kapseln, Pulver oder Kristallen

geschluckt und hat einen leicht bitteren

Geschmack. Als Abkömmling der aufputschenden

Amphetamine wirkt die Droge

anregend: Der Konsument wird unruhig,

überwach, überaktiv. Die Körpertemperatur

steigt, die Muskelspannung ist erhöht,

die Reflexe sind gesteigert. Gleichzeitig

ist der Stoff mit dem Halluzinogen

Meskalin verwandt, was Wahrnehmungsveränderungen

zur Folge hat: Die Eindrücke

von Sehen, Hören und Tasten werden

verstärkt, verzerrt oder auf völlig ungewohnte,

«abnormale» Weise wahrgenommen.

Ecstasy wirkt deshalb anregend, halluzinogen

und entspannend zugleich.

«Auf einmal empfindest du alles ganz anders»,

erklärt Erwin, der auch lange in

dieser Szene lebte. «Deinen Körper, deine

Wahrnehmung, dich selbst ...»

«Etwa eine halbe Stunde, bevor du den

Effekt willst, wirfst du eine Pille ein», erklärt

Christina. Die akute Wirkung von

Ecstasy beruht auf einer starken Ausschüttung

von Serotonin, einem wichtigen

Hirn-Botenstoff. Der Wirkungseintritt

erfolgt in der Regel 20–60 Minuten

nach der Einnahme. Zwei Stunden später

ist die stärkste Wirkung erreicht, nach

weiteren zwei Stunden nimmt sie wieder

ab.

Wenn Szene und Alltag

verschmelzen

Inzwischen verbrachte Christina alle

Wochenenden an Partys, von Montag

bis Freitag ging sie zur Schule. Wie viele

andere dieser Szene lebte sie von Event

zu Event. Drogen wurden auch unter

der Woche konsumiert. «Wir haben in

den Pausen gekifft und auch Ecstasy genommen»,

erinnert sie sich. «Die Lehrer,

die merkten das schon. Aber was wollten

die denn machen?!» Weil ihre Noten sich

erheblich verschlechterten und sie sich

oft «affig» benahm, suchte der Klassenlehrer

schliesslich mit ihr eine Drogenberatung

auf. Das Gespräch endete in

einem Deal: «Ich willigte ein, eine Therapie

zu machen, dafür würde ich meinen

Abschluss bekommen.» Tatsächlich

zog Christina die Entgiftung durch, hielt

es aber nur vier Monate aus. Das Mädchen

sehnte sich nach ihren Kollegen,

den Partys, den Drogen, mit denen sie

ihre Gefühlswelt beeinflussen konnte –

und fuhr fort, sich mit Hilfe dieser Substanzen

aufzuputschen, einzulullen, zuzudröhnen.

Ein illegaler Zusatzverdienst

Christina begann zwei Ausbildungen,

doch aufgrund ihres Drogenkonsums

ging es beide Male schief. Als dann einige

ihrer alten Kumpels aus dem Knast

entlassen wurden, machten sie ihr einen

Vorschlag: «Willst du etwas Geld verdienen?»,

fragten sie. «Wir besorgen dir Ecstasy,

Amphetamine und Haschisch, und

du bringst es unter die Leute.» Christina,

die über gute Verbindungen in der Partyszene

verfügte und als Arbeitslose natürlich

an einer Verdienstmöglichkeit

interessiert war, willigte in die illegale

Tätigkeit ein. «Das Geschäft gefiel mir

ganz gut», erzählt sie, zumal sie die Drogen

problemlos losbekam: «Während der

Woche hatte ich nun eine Beschäftigung,

am Wochenende konnte ich feiern und

für mich selbst hatte ich jederzeit genügend

Stoff zur Verfügung.»

Schlank, schön und sexy

Als Dealerin bekam Christina einen Einblick

in die Bedürfnisse ihrer Kunden.

«Viele Mädchen holten das Zeug, um

abzunehmen», berichtet sie. Ecstasy

wirkt aber nicht nur stark appetithemmend,

sondern vermittelt auch das Gefühl,

schön und sexy zu sein, etwas, was

gerade für das weibliche Geschlecht sehr

verlockend ist. «Man bewegt sich schon

anders, man redet anders, lächelt anders

... Gerade für Mädchen, die Komplexe

haben, ist diese Wirkung äusserst attraktiv.»

Auf die Aussage angesprochen, auf

den Partys gehe es um platonische Liebe

und Harmonie, nicht aber um Erotik,

schüttelt Christina den Kopf: «Sex spielt

auch eine grosse Rolle, auf jeden Fall.»

Gerade weil die Hemmungen wegfallen

und man jedes Gefühl viel intensiver

wahrnimmt, gehe es nach einer Party oft

«zur Sache».

ethos 2 I 2007 13

ECSTASY


Weil Ecstasy aus illegalen Labors kommt, wird manchmal auf dem Schwarzmarkt

alles andere verkauft, nur kein MDMA.

Desorientiert, depressiv

und dumm

Regelmässig auftretende, unangenehme

Effekte der Droge sind: Störung der Ich-

Abgrenzung, Rastlosigkeit, Konzentrationsstörungen,

eingeschränktes Urteilsvermögen

und Wahrnehmungsstörungen

des Gehörs und des Sehens. «Einmal fanden

wir nach einer Party den Weg nach

Hause nicht mehr», berichtet Christina.

Statt auf der Autobahn die richtige Ausfahrt

zu nehmen, fuhren sie und ihre Kollegen

mehrere Kilometer weiter, bis sie es

schliesslich bemerkten und umkehrten.

«Auf Droge war es lustig und erschreckend

zugleich, den Heimweg nicht zu

finden», erinnert sie sich.

Lässt die Wirkung der Droge nach,

kommt es häufig zu Kopfschmerzen,

Angstzuständen, depressiven Verstimmungen,

was die Konsumenten oft mit

der Einnahme anderer Drogen abzuschwächen

versuchen. Auch motorische

Störungen wie ein unsicherer Gang,

verschwommenes Sehen und Zähneknirschen

gehören zu den Folgen des Ecstasy-

Konsums.

14 ethos 2 I 2007

Christina ist dankbar, überhaupt klar

denken zu können. In Chat-Foren warnen

Konsumenten andere gerade auch

in dieser Hinsicht. So schreibt einer: «Ich

finde, man sollte das Ganze nicht zu locker

sehen. Ich bin seit über zwei Jahren

am Feiern. Habe krasse Zeiten durch, mit

bis zu 14 Teilen die Nacht. Und jetzt ist

mein Kurzzeitgedächtnis irgendwie hin.

Es kommt immer wieder vor, dass ich

über irgendwas nachdenke und dann mit

einmal voll den Faden verliere. Das ist so,

als würde ich den Resetknopf an meinem

PC drücken und alles ist weg. Das ist im

Alltag manchmal echt sehr belastend.»

Unberechenbar und gefährlich

Eine grosse Gefahr besteht darin, dass

der Konsument nie weiss, was die Pillen

und Kapseln denn nun wirklich enthalten.

Man hört von Rattengift, das schon

beigemischt wurde, oder Atropin. Je nach

Zusammensetzung variieren die Pillen

in Stärke und Wirkung. Wer Ecstasy

schluckt, hat also nie eine genaue Vorstellung

davon, was ihn erwartet. Monika

beispielsweise erzählt, dass sie nach einer

neuen Pille «E» einmal meinte, der ganze

Rücken stehe in Flammen. Durch nichts

war dieses schreckliche Gefühl zu beseitigen,

bis endlich die Wirkung der Droge

nachliess. «Es war ein richtiger Albtraum»,

erinnert sie sich. Wahre Horrortrips sind

also durchaus möglich.

Obwohl die Konsumenten meinen, die

Kontrolle über die Droge zu haben, handelt

es sich bei Ecstasy um eine alles andere

als harmlose Substanz: Die Droge reduziert

unter anderem das Durstgefühl.

Wenn dann stundenlang bei hohen Temperaturen

getanzt und zu wenig Flüssigkeit

aufgenommen wird, reagiert manch

ein Körper überfordert: Krampfzustände,

Leber- und Nierenversagen und Herz-

Kreislauf-Störungen sind nur einige der

möglichen Komplikationen. Christina erzählt

von einer Party-Freundin, die aufgrund

ihres Ecstasy-Konsums gestorben

war. «Sie hinterliess einen siebenjährigen

Sohn ...» Im Rückblick findet Christina

das schockierend. «Aber damals hatte

dieses tragische Ereignis auf unser Verhalten

keinerlei Auswirkungen.» Die Droge

wurde weiter konsumiert im Glauben,

man hätte alles im Griff. «Im Kopf geht

durch die Droge so vieles kaputt», sagt

Christina ernst.

«Ich wollte eigentlich

immer

aufhören. Aber

jedes Mal, wenn ich

keine Drogen intus

hatte, verspürte ich schmerzlich

und übermächtig Einsamkeit

und Leere. Alles war so sinnlos.

Warum sollte ich arbeiten, essen,

warum überhaupt leben? Da ich

auf diese Fragen keine Antwort

hatte, beschloss ich, weiter zu feiern.

So machte ich mir die Birne

einfach wieder zu und fertig ...»

Christina, 23


Die Wirkung von Ecstasy

➜ stimulierend, aufputschend

➜ Kommunikationsbereitschaft wird gefördert

➜ akustische, visuelle und den Tastsinn betreffende Sinneswahrnehmungen

werden verstärkt (halluzinogene Wirkung)

➜ «Herzöffner»: Ecstasy wird als «Wir-Droge» bezeichnet, es kann das

Gefühl von «Glück», «Verliebtsein», «Warmherzigkeit» vermitteln, nach

dem Motto: «Wir sind alle eine grosse Familie.»

➜ Warnsignale des Körpers werden unterdrückt: Bei körperlichen Belastungen

(z. B. bei Techno-Events) kann sich der Körper extrem erhitzen und aust

rocknen, die Atmungs- und Herzfrequenz kann stark ansteigen.

➜ Ausschüttung von Serotonin, Folge: Nach Abfall der Wirkung können

Depressionen auftreten.

Quelle: http://www.drogenberatung-wuerzburg.de

Langzeitfolgen

Bei Dauerkonsum, vor allem in hohen

Dosierungen, Gefahr von:

➜ Schlaflosigkeit

➜ Unruhe, Angst

➜ Psychotische Symptome,

Depressionen

➜ Grosse Wahrscheinlichkeit einer

Beeinträchtigung des zentralen

Nervensystems, bzw. des Gehirns

Quelle:

http://www.drogenberatungwuerzburg.de

Woher kommt

bloss diese Energie?

MDMA schaltet im Hirn die

Warnsignale des Körpers und des

Verstands ab. Man nimmt Schmerzen,

Erschöpfung, Durst, Hunger

und Schlafbedürfnis nicht mehr

oder nur eingeschränkt wahr. Man

nimmt Gefahren und Bedrohungen

nicht mehr wahr. Die Fähigkeit,

vernünftige Entscheidungen zu

treffen, ist erheblich herabgesetzt.

Ecstasy bewirkt kein erweitertes

Bewusstsein, sondern schränkt es

im Gegenteil erheblich ein. Sobald

die körperlichen Alarmanlagen

abgestellt sind, kann der Raubbau

am gesamten Organismus beginnen.

Nur so wird «Durchtanzen»

überhaupt möglich. Ecstasy verleiht

also nicht etwa Energie, wie

manche meinen, sondern nimmt

sie weg, was zu erheblichen gesundheitlichen

Problemen führen

kann.

Quelle: www.ecstasy-info.de

Aus einem

Internet-Forum:

Seit 2 wochen ist eine menge

pep mit rattengift auf dem markt!

hatte schon bei 4 dealer ver -

un reinigte wahre bokommen!

Bitte seit achtsamer!

merkmale!

– ist nicht so weis (eher gräulich)

– hat einen brennenter geschmack

auf der zunge

– hat nicht für das anphetamin

typischen syntetischen duft

(eher honig, mellasse ähnlich)

ethos 2 I 2007 15

ECSTASY


Gefangen!

«Ecstasy macht nicht süchtig! Es bewirkt

einfach, dass du eine super Party erlebst»,

versuchen Leute der Szene die Droge zu

verharmlosen. Auch hier sind Insider

und Fachleute anderer Meinung: Es besteht

zwar keine körperliche Abhängigkeit

in dem Sinn, dass der Körper protestiert,

wenn eine bestimmte Substanz

nicht mehr zugeführt wird. Doch um die

gewünschte Wirkung zu erzielen, benötigt

man eine immer etwas grössere Dosis.

Christina fing mit einer halben Tablette

an und nahm am Schluss bis zu 15

Stück pro Feier!

Psychisch ist aber sehr wohl eine Abhängigkeit

festzustellen. Stimmungsschwankungen

und der starke Wunsch

nach der Droge lassen die Konsumenten

immer häufiger nach den farbigen Pillen

greifen. Ohne Ecstasy scheint es gar nicht

mehr möglich, richtig gut drauf zu sein.

Christina beschreibt es so: «Durch die

Droge erlebst du solche Glücksgefühle,

dass du denkst, du bist im Himmel. Wenn

du einmal eine solche Erfahrung gemacht

hast, dann willst du das immer wieder,

immer wieder ...»

Auf frischer Tat ...

Gute zwei Jahre handelte Christina mit

Drogen, bis sie schliesslich erwischt wurde.

Bei der Polizei war sie längst bekannt,

man konnte ihr aber nichts nachweisen.

«Ich lebte auch äusserst vorsichtig», erzählt

sie. «Alle zwei Monate wechselte

ich die Wohnung, damit ich nicht dingfest

gemacht werden konnte. Inzwischen

hatte sie zuerst LSD, dann Heroin zu ihrer

Lieblingsdroge gemacht. Ecstasy kam

nur noch ab und zu zum Einsatz. Durch

ihren Zwillingsbruder, der unter Drogen

ihren Aufenthaltsort bekannt gegeben

hatte, wurde Christina schliesslich verhaftet.

«Ich wurde für zwei Wochen in die

Jugendarrestanstalt gesteckt», berichtet

sie und meint: «Der Aufenthalt dort hat

mir eigentlich gut getan. Nachdem man

den Entzug durchgestanden hat, hat man

wieder einmal einen genügend klaren

16 ethos 2 I 2007

Kopf, um wirklich nachzudenken.» Einige

Zeit davor hatte Christina angefangen,

sich einzeln die Haare auszureissen.

Der Schmerz – durch die Drogen noch

verstärkt – gab ihr eine gewisse Befriedigung.

Inzwischen hatte sie anstelle ihrer

schönen langen Haare eine grässliche

«Der Aufenthalt im Knast hat

mir eigentlich gut getan.»

Christina

Glatze. Bisher war ihr das egal. Aber nun –

bei klarem Verstand – schämte sie sich zutiefst,

konnte aber gleichzeitig nicht von

diesem zwanghaften Verhalten lassen.

Eigentlich wollte Christina ihr Leben

ändern. Ihr Vater bot ihr sogar Hilfe an.

Aber die junge Frau getraute sich nicht

mehr nach Hause. «Meine Mutter war

psychisch bereits am Ende. Drei Kinder –

und alle nahmen Drogen ...»

So zog es sie nach ihrer Entlassung wie

selbstverständlich wieder in ihr altes Umfeld.

«Ich freute mich auf meine Freunde

...» Die Ernüchterung kam sofort. «Das

ganze Geld, der ganze Restbestand an

Drogen war weg. Die hatten mich beklaut

bis zum bitteren Ende!» Christina

war enttäuscht, verbittert und zornig. Sie

fasste einen Entschluss: «Okay, ich organisiere

noch ein grosses Ding, um möglichst

viel Geld zu machen – dann hör ich

definitiv auf.»

«Nebenwirkungen? Nach einem Party-Wochenende findet

man nicht mehr in den Alltag rein. Durch diese Glücksgefühle,

die man sonst nicht erlebt, erscheint alles ätzend. Man kennt

nun eine Möglichkeit, voll abzuheben, und wartet nur auf eins:

die nächste Gelegenheit ...» Erwin, 33


Guten Tag

Ich habe einen Freund, der in den letzten

Monaten völlig in die Techno-Szene abgetaucht

ist. Grosse Sorgen macht mir sein

Drogenkonsum. Neben Cannabis und Speed

konsumiert er vor allem Ecstasy. Er sagt zwar,

er wolle aufhören, aber dann geht er doch

auf die nächste Party. Ich finde, er hat sich

sehr verändert. Er ist nicht nur dünner

geworden, sondern findet alles langweilig und

doof, was ohne Drogen läuft. Was kann ich

tun, um ihm zu helfen? Steven H.

Lieber Steven,

auf jeden Fall solltest du mit ihm im Gespräch bleiben. Denn oft

passiert genau das, was du beschreibst: Alle Kontakte ausserhalb

der Szene brechen ab. Der Konsum von Cannabis, Speed, Ecstasy

und Co. ist für manche eine vorübergehende Lebensperiode, andere

gehen seelisch und körperlich daran zugrunde.

Aus einem Internet-Forum:

Hab sehr früh angefangen zu kiffen … und hab

leider bis vor kurzem viel zu viel geraucht und auch

andere sachen konsumiert … seit fast einem jahr nehm

ich auch ab und zu extasy, speed, koks usw. …

bisher hatte ich vielleicht höchstens 5 mal extasy

konsumiert über einen langen zeitraum … dann bemerkte

ich aber, dass diese droge viel mehr meine

welt war als der langweilige speed ... also fing ich an,

wie ein wahnsinniger teile zu fressen … innerhalb

von 2 wochen kam ich auf bis zu 5 e-teilen an einem

wochenendstag … unter der woche waren es so 2

oder 3 pro nachmittag …

bis vor ein paar tagen dachte ich noch, ich hab alles

unter kontrolle … dann passierte alles ziemlich schnell

… genauer genommen an einem tag … plötzlich hatte

ich einen riesenstreit mit meinem besten freund ... wir

waren einen tag unterwegs und ich hatte keine teile

gefressen … ohne, dass ich es wirklich gewollt hätte,

benahm ich mich echt voll daneben ....

der beste freund, den ich überhaupt irgendwo finden

Solange der Einzelne die Droge als faszinierend erlebt, ist er schwer

für einen Ausstieg zu gewinnen. Mit der Zeit stellen sich aber die

Negativfolgen ein: Versagen und Lustlosigkeit im Alltagsleben, Beziehungsleere,

psychotische Zustände, Stress mit der Polizei und

anderes. Dann fehlt dem Betroffenen die Perspektive für ein alternatives

Leben ohne Drogen.

Offen über Sucht reden (nicht diskutieren), auf Hilfeangebote hinweisen,

ein Freund bleiben und als Christ überzeugend leben – das

sind unsere Chancen.

Wer helfen will, der sollte im Kopf behalten: Drogenabhängigkeit

ist nicht zuerst ein körperliches, sondern ein seelisches Problem.

Der Süchtige bewältigt die Begegnung mit der Wirklichkeit nicht

mehr und bleibt deshalb an die Droge gebunden. Dagegen können

wir ihm helfen, wenn wir ihn freundschaftlich begleiten.

Und: Der Ausstieg aus der Drogenszene erfolgt ganz oder gar nicht.

Der teilweise Drogenverzicht gelingt den Betroffenen nicht – höchstens

ein Umstieg auf andere Drogen. Deshalb muss es unser Ziel

bleiben, den Betroffenen für einen völligen Neuanfang zu gewinnen.

Das gelingt in der Regel nicht ohne Ortswechsel und auch

nicht ohne eine tragende Gemeinschaft.

Achim Halfmann, Geschäftsführer der Gefährdetenhilfe,

hat schon viele Süchtige beim Ausstieg

aus den Drogen begleitet.

konnte, machte mir klar, dass ich mich verändert hatte

und lehnte meine entschuldigung für mein verhalten

ab … zurecht, es gab nichts, wofür ich mich entschuldigen

hätte können, ich hatte mich einfach nur verändert

… ich war unausgeglichen ohne ende … die ca. 100

pillen der letzten wochen schlugen mir wahnsinnig auf

meine psyche … und vor allem hatte ich die fähigkeit

verloren, ohne extasy spass zu haben …

Momentan ist die stimmung noch etwas komisch …

weder ich noch er will, dass die freundschaft kaputtgeht

… aber extasy hat viel an mir verändert … ich

werde versuchen, dass es wieder so wird wie früher

… hab jetzt 4 tage nichts mehr genommen, es geht mir

nicht besonders aber … ich hab kein bock mehr darauf

… aber vielleicht ist diese einsicht jetzt schon ein

bisschen zu spät … ich habe mich durch drogen verändert

und das find ich sehr traurig … ich mein, ich

bin verdammte 16 Jahre alt …

daniel

ethos 2 I 2007 17

ECSTASY


Die Razzia

Doch ihre Rechnung ging nicht auf. Gerade

als sie für ein Wochenende die Drogen

für ihre Kunden abwog und vorbereitete,

wurde sie von der Polizei überrascht.

Wieder kam Christina in Haft. Zwar versuchte

sie, sich rauszureden, aber die Tatsache,

dass man grosse Mengen Drogen

bei ihr gefunden hatte, sprach gegen sie.

Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sich auf

vier Jahre Knast gefasst machen musste.

Zuerst verbrachte Christina zwei Wochen

auf der Krankenstation, «wegen

dem Entzug und weil ich auch ein bisschen

verwirrt war im Kopf und komisches

Zeug geredet hab». Als sie dann auf die

normale Station wechseln konnte, geriet

sie in ein schlimmes Tief. Nun setzten

infolge des Entzugs Depressionen ein.

Angst, Schrecken, Schlaflosigkeit wechselten

einander ab. «Ich wünschte mir eigentlich

nur noch, tot zu sein.»

Und Gott?!

Christina hatte immer geglaubt, dass es

einen Gott gibt, «aber ich wollte mein

Leben halt so leben, wie ich wollte», erklärt

sie. Durch ihre Horrorvisionen und

Albträume war sie überzeugt, dass es eine

unsichtbare Welt mit guten und bösen

Mächten gibt. In ihrer Not begann sie

schliesslich, Gott um Hilfe anzurufen. In

der Gefängnis-Bibliothek besorgte sie sich

eine Bibel und bekundete Interesse, sich

regelmässig mit dem Pfarrer der Anstalt

zu treffen. «Ihm hab ich berichtet, was in

meinem Kopf vor sich geht ... und er hat

mir viel von Jesus erzählt. Auch haben wir

viel gebetet», erinnert sie sich. «So habe

ich mich auf Jesus eingelassen.» Und tatsächlich

– Er schenkte Veränderung! Die

Angstzustände blieben immer öfter aus,

und sie wurde auch ihre selbstzerstörerischen

Zwänge los.

Wie durch ein Wunder wurde Christina

bereits nach sechs Monaten aus dem

Gefängnis entlassen. Zuerst unternahm

sie eine lange Reise mit ihrem Vater, der

inzwischen auch zum lebendigen Glauben

an Jesus gekommen war. Wieder zu-

18 ethos 2 I 2007

rück in ihrem Heimatort sah sie die Leute,

die sie einmal als ihre Freunde betrachtet

hatte. «Das war echt krass. Nun erkannte

ich, was ich bisher nie erfasst hatte: wie

kaputt diese Leute eigentlich waren. Sie

feiern und feiern, und kommen in ihrem

Leben keinen Schritt weiter – im Gegenteil,

sie zerstören sich selbst!»

Diese Begegnungen übten auf Christina

eine heilsam abschreckende Wirkung

aus. Es verstärkte ihren Entschluss,

ein neues Leben zu beginnen. Aber das

ist leichter gesagt als getan, gerade wenn

man auf alle die Menschen verzichten

soll, die man bisher zu seinen Freunden

zählte. «Man kommt da nicht einfach

raus», erklärt Christina. «Oft wird gesagt:

‹Ach komm, hör doch einfach auf mit

den Drogen!›. Aber du kennst die Leute,

du hast da immer gelebt, du kommst da

nicht einfach so raus!»

Neubeginn

Christina war sich bewusst, dass sie ein

ganz neues Leben, einen ganz neuen

Freundeskreis brauchte. Und sie wollte

unbedingt mit Menschen zusammenleben,

die Jesus ebenfalls liebten. Als ihr

deshalb jemand von der Gefährdetenhilfe

erzählte, war ihr Interesse sofort geweckt.

Spontan meldete sie sich für ein Vorstellungsgespräch

und zog schon bald darauf

in eine der Wohngruppen ein.

Inzwischen lebt sie mehr als ein Jahr

dort und will demnächst eine Ausbildung

als Verkäuferin beginnen. In ihrer

«Familie» fühlt sie sich zu Hause. Vor

allem am Anfang kam es häufig vor, dass

die Gefühle verrückt spielten. «Man erinnert

sich zurück, sehnt sich in Krisenzeiten

wieder nach dem Kick», meint sie.

«Aber Jesus hilft hier wirklich weiter. Er

füllt die Leere, er gibt Sinn, aber auch

Kraft, an sich zu arbeiten.» Natürlich ist

es nicht immer einfach, besonders wenn

man während sieben Jahren ein total anderes

Leben gelebt hat. «Man schämt sich

für viele Sachen, die man verpasst hat.

Das reicht von Schulwissen bis zu Anstandsregeln

bei Tisch.» Doch Christina

ist dankbar für alle Unterstützung, die

sie in der Gefährdetenhilfe erfahren darf.

«Die Leute hier meinen es ehrlich mit mir

und jeder ist bereit, mit mir zu kämpfen.

Das ist wirklich schön», meint sie.

«Du fühlst dich wie im Himmel!»,

hatte Christina ihre Erfahrung

mit Ecstasy beschrieben. Doch

was ist das für ein Himmel, der

Körper und Seele zerstört? Was

ist das für eine künstliche Liebe

und Harmonie, wenn nachher

nur Depression und Einsamkeit

folgen? Pillen und Kapseln erzeugen

eine schillernde Scheinwelt,

die aber immer wieder zusammenbricht

und einen Scherbenhaufen

hinterlässt.

Davon könnte die Betroffene Beispiel

um Beispiel erzählen. Umso dankbarer

ist sie, den gefunden zu haben, der Erfüllung

schenkt – ganz in der Realität und

ganz ohne chemische Substanzen. «Jesus

hat mich verändert. Er füllt jede Lücke!»,

bezeugt Christina und ihr Kollege Erwin

fügt hinzu: «Stimmt. Er ist echt und erlebbar.

Ich bin wirklich froh, ihn kennen

zu dürfen. Denn ohne ihn würde ich wohl

bis heute weiterfeiern, in meiner rosaroten

Welt ...» ■

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