Krankenhäuser in christlicher Trägerschaft: quo vadis?

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Krankenhäuser in christlicher Trägerschaft: quo vadis?

Krankenhäuser in christlicher

Trägerschaft: quo vadis?

SOEST. Auch wenn Hospitäler als Institutionen ursprünglich eine „Christliche

Erfindung“ waren, befinden sich in der heutigen Zeit christliche Krankenhäuser

immer wieder in Rechtfertigungsnot. „Im immer härter werdenden Wettbewerb des

Gesundheitsmarktes sind private Klinikbetreiber besser gerüstet“, lautet eine der

Thesen. Eine hochtechnisierte Medizin und der stetige Fortschritt in der Pflege seien

schließlich keine Strukturen, die der christlichen Basis der Nächstenliebe

entsprechen, so eine weitere Aussage. „Medizin und Menschlichkeit – dies sollte im

Umfeld des Patrokli-Doms aber doch durchaus zusammenfinden“, stellte der Arzt

und Medizinhistoriker Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt in einem Vortrag

dagegen. Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der

Unvisität zu Köln war Festredner beim Dreikönigsempfang der Hospitalvereinigung

Hellweg in Soest. Anlass für den Empfang, zu dem die Geschäftsführung Vertreter

der Kirchengemeinden, Aufsichtsratsmitglieder und alle Chefärzte der Krankenhaus-

Holding eingeladen hatte, war die offiziellen Amtseinführung der neuen Chefärzte der

Abteilungen für Thoraxchirurgie, Dr. Dietrich Stockhausen, Gefäßchirurgie, Dr.

Kristian Nietschmann, und Innere Medizin, Privatdozent Dr. Markus Flesch am

Soester Marienkrankenhaus.

Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu

Köln beschäftigt sich seit Jahren mit Vergangenheit und Zukunft des Krankenhauses

in christlicher Trägerschaft. Und er sieht eine wechselvolle Geschichte, eine

schwierige Positionierung, aber gerade für die christlichen Häuser eine ganz

deutliche Profilierungschance im heutigen Gesundheitswesen. Sie lautet: „Jeder

Mensch erlebt Krankheit subjektiv. Und gerade dabei ist die menschliche Zuwendung

aus einer christlichen Grundhaltung heraus unverzichtbar.“


Rückblende: Gerade die Kirche war es, die bereits im 4. Jahrhundert Hospitäler als

Einrichtungen gründete, in denen Arme und Kranke aufgenommen und gepflegt

wurden. „Hospitäler übernahmen bereits damals die Aufgaben von Großfamilien. Die

Idee der gelebten Caritas war geboren“, schildert Prof. Bergdolt. Bis weit in das 19.

Jahrhundert hinein, setzte sich diese Tradition fort. Viele Gründungen von modernen

Krankenhäusern fanden gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt.

Auch das Marienkrankenhaus Soest wurde vom damaligen Probst Nübel der

katholischen Patrokligemeinde initiiert. Durch ihn und aktive Christen der Gemeinde

sowie die unglaublich tatkräftige Hilfe der Barmherzigen Schwestern der hl. Vincenz

von Paul aus Paderborn begann die inzwischen über 150-jährige überaus

erfolgreiche Geschichte des Soester Marienkrankenhauses. Doch nicht zu

vergessen: Schon damals wurden kirchliche Krankenhäuser von führenden

medizinischen Köpfen Deutschlands an staatlichen und städtischen

Krankenanstalten als überholt und rückständig karikiert. Immerhin waren es aber die

kirchlichen Krankenhäuser, die der meist armen Bevölkerung einen Zugang zur

modernen Medizin boten.

„Im Mittelpunkt heutiger Diskussionen um eine moderne, hochtechnisierte

Patientenversorgung unter ökonomisch gesetzten Rahmenbedingungen scheinen

allerdings die Themen Medizin und Menschlichkeit wie eine Dichotomie, also ein

unüberwindlicher Gegensatz.“ Prof. Bergdolt formuliert scharf, dass

selbstverständlich auch christliche Krankenhäuser sich den Anforderungen nach

Spitzenmedizin, Qualität, Modernität und Wirtschaftlichkeit stellen müssen. „Im

übrigen: Sparsamkeit war im guten Sinne immer schon eine christliche Tugend.“

Aber genauso geradlinig stellt er die Frage: „Ist gute Medizin nur Diagnostik und

Therapie? Kann der Patient ausschließlich als Kunde betrachtet werden?“

Als klare Gegenthese stehen christliche Krankenhäuser hier bewusst und

selbstbewusst in für eine andere Grundhaltung. Gesundheit ist keine Ware, Ärzte

sind keine Anbieter, Kranke und Schwerstkranke können nicht immer frei und selbst

entscheiden, wo und wie sie sich behandeln lassen. Im Hinblick auf die Ärzte weist

Bergdolt auf Untersuchungen hin, wonach die Zufriedenheit mit dem Beruf gerade

dann sinkt, wenn wirtschaftliche Zwänge zu sehr ärztliche Entscheidungen


estimmen. Dies sei ein langfristiger Nachteil für viele private Anbieter von

Krankenhausleistungen. Christliche, gemeinnützige Krankenhäuser können diesem

Umstand Rechnung tragen, indem sie Fallzahlen und Erlöse nicht zur obersten

Behandlungsmaxime werden lassen. Insbesondere die Mitarbeiter in christlichen

Krankenhäusern seien dann ein Garant dafür, dass in den Patienten mehr gesehen

wird, als nur ein Behandlungsfall. „Man spricht und agiert von Mensch zu Mensch

aus einer christlichen Haltung heraus. Und das ist die Zukunft“, so Prof. Bergdolt. „Ich

bin mir sicher, dass bald mehr und mehr nach christlichen Krankenhäusern gerufen

wird.“

Der neue Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, Privatdozent Dr. Flesch, griff

diese Idee in seiner Antrittsrede auf. Für Ärzte und Pflegende sei es wichtig zu

erleben, dass Gemeindemitglieder als ehrenamtliche Mitarbeiter und häufige

Besucher im Krankenhaus ständig präsent sind. Sie seien nicht nur eine wertvolle

Hilfe bei der täglichen Arbeit um das Wohl des Patienten, sondern sie erinnerten

daran, in wessen Auftrag die Mitarbeiter des Krankenhauses ihren Dienst ausübten.

Für den Arzt im christlichen Krankenhaus ging es um mehr als um Organmedizin auf

Spitzenniveau. Neben dieser Grundvoraussetzung für modernes ärztliches Handeln

sei es vielmehr Verpflichtung der Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft, dem

ganzen Menschen mit Leib und Seele gerecht zu werden. So würde man sich auch

im Wettbewerb mit öffentlichen und privaten Krankenhäusern dauerhaft behaupten

können. In der anschließenden Diskussion waren sich die Teilnehmer des

Dreikönigstreffens einig, dass eine stärkere Rückbesinnung auf die christlichen

Wurzeln und eine bewusste Herausstellung christlicher Werte und Handlungsmotive

wichtiger Baustein bei der Weiterentwicklung der Hospitalvereinigung Hellweg ist.

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