Forschungsbericht 2003 - Fachhochschule Nordwestschweiz

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Forschungsbericht 2003 - Fachhochschule Nordwestschweiz

Bedeutung des Whistle-Blowing

Für die betroffenen Unternehmen waren

die Auswirkungen in beiden Fälle sehr

gross. Der Schaden beschränkte sich – insbesondere

bei der Affäre Meili – nicht nur

auf die verpfi ffenen Unternehmen, sondern

erstreckt sich auf die ganze Gesellschaft

und Wirtschaft.

Obwohl es noch eine Vielzahl bedeutender

Schweizer Fälle gibt, zum Beispiel die

Zürcher Klärschlamm-Affäre, Meier 19

oder den Berner Finanzskandal, erschöpft

sich die Thematik nicht in der Schilderung

spektakulärer Einzelereignisse, die

in Whistle-Blowing in der Öffentlichkeit

gipfeln.

Bis eine Person mit ihrer Überzeugung und

ihren Informationen an die Öffentlichkeit

geht, durchläuft sie einen Bewusstseinsprozess,

in dessen Verlauf sie mit ethisch

relevanten Entscheidungen konfrontiert

wird. Im betreffenden Unternehmen werden

auf der anderen Seite Informationen

berücksichtigt oder nicht berücksichtigt

und Entscheide gefällt, welche für das Ergebnis

ebenfalls verantwortlich sind.

Aktualität

Gegenwärtig ist festzustellen, dass sich

die Unternehmensstrukturen sehr stark

fl exibilisieren und zum Teil sogar aufl ösen.

Beispiele dafür sind das Outsourcing, die

Kombination von kleinen und mittleren

Unternehmen zu grossen, kompetenten

und teilweise virtuellen Organisationen.

Gleichzeitig steigt die durchschnittliche

Wertschöpfung und Verantwortung der

Arbeitnehmer in fl acheren Hierarchien.

Damit werden immer mehr Mitarbeitende

mit ethischen Grundsatzfragen konfrontiert.

Diese Entwicklung wird durch den

technologischen Fortschritt verstärkt. Die

zunehmende Automation oder neue Technologien

wie beispielsweise die Gentechnologie

führen dazu, dass die Entscheide

der einzelnen Mitarbeitenden oder Organisationseinheiten

immer grössere Folgen

für das Unternehmen, aber auch die Gesellschaft

haben, die von den Betreffenden

abzuwägen sind. Es ist somit zu erwarten,

dass die Fälle in denen Mitarbeitende zwischen

den Interessen der Unternehmen und

denen der Gesellschaft abzuwägen haben,

zunehmen werden.

[1] Vgl. z.B. OR Art. 321a Abs. 1 «Der Arbeitnehmer hat [...] die

berechtigten Interessen des Arbeitgebers in guten Treuen zu

wahren.» Sowie Art. 321a, Abs. 4 «Der Arbeitnehmer darf geheim

zu haltende Tatsachen [...] nicht verwerten oder anderen mitteilen;

auch nach dessen Beendigung [...]» und Art. 14 Abs. 1 des

Mitwirkungsgesetzes: «Die Mitglieder der Arbeitnehmervertretung

sind über betriebliche Angelegenheiten[...] zur Verschwiegenheit

gegenüber betriebsfremden Personen verpfl ichtet [...]»

Publikationen

Adams, S. (1984): Hoffmann La Roche gegen Adams. Zürich:

Unionsverlag.

Near, J.P., Dworkin, T.M. & Miceli, M.P. (1993): Explaining

the Whistle-Blowing Process: Suggestions from Power Theory

and Justice

Theory. Organization Science 3: 393–411.

Schwarb, M. (1998): Ich verpfeife meine Firma... Einführung in

das Whistle-Blowing. Oltner Forschungsberichte Nr. 1. Olten:

Fachhochschule Nordwestschweiz Solothurn.

Forschungsfragen

Whistle-Blowing hat eine grosse gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Als Forschungsgebiet

geht es dabei nicht vorrangig um den Akt des Whistle-Blowing an und für sich,

sondern um den Prozess, der zu diesem Verhalten führt oder führen kann.

Im Rahmen eines Forschungsvorhabens der Fachhochschule Nordwestschweiz Solothurn wird

dieses Phänomen und seine Bestimmungsfaktoren gegenwärtig erforscht. Die Forschungsergebnisse

sollen es ermöglichen, Regeln zu entwickeln, die helfen sollen, Unternehmen als auch die

Gesellschaft vor unnötigem Schaden zu bewahren.

Zu diesem Zweck werden seit drei Jahren in einer Längsschnittstudie die neuen Fachhochschulstudierenden,

welche in der Regel bereits über einige Jahre Berufserfahrung verfügen, zu ihren

Einstellungen und Erfahrungen befragt. Erste zuverlässige Ergebnisse werden in ein bis zwei

Jahren publizierbar sein.

Ausserdem unterstützt der Autor fachlich die gegenwärtigen Bestrebungen, auf politischem Weg

einen gesetzlichen Schutz von Whistle-Blowern zu erreichen.

Mensch, Gesellschaft, Organisation & Arbeitsgesellschaft

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