Der Zufluchtsort

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Der Zufluchtsort

DOSSIER ARMUT

Menschen, denen niemand mehr helfen kann oder will, finden im Sune-Egge in Zürich Hilfe.

Das Spital Sune-Egge in Zürich ist eine

Fachklinik für Sozialmedizin und Abhängigkeitserkrankungen.

Das Akut-Spital

gehört zu den Sozialwerken Sieber. Gegründet

wurde es, als die Not der offenen

Drogenszene in Zürich nicht mehr übersehen

werden konnte.

Der Sune-Egge besteht nun seit 20

Jahren, hat zwei Stationen und 30 Betten.

70 Personen arbeiten im Haus. Rund

die Hälfte aller Patienten sind HIV-positiv.

70 % sind psychisch krank. 80 % haben

Hepatitis C. Alle leiden an einer oder mehreren

Suchtkrankheiten.

Die Patienten im Sune-Egge haben vieles

gemeinsam: Sie stehen am Rande der

Gesellschaft und haben in irgendeiner

Form Missbrauch oder Ausgestossensein

erlebt. Ein Teil dieser Menschen hat den

Lebensstil selbst gewählt, selbst verschuldet.

Jetzt sind sie alle stigmatisiert, abgestempelt,

häufig obdachlos, ohne Arbeit,

drogenabhängig. Sie kommen nicht mehr

10 ethos DOSSIER ARMUT

selbst aus ihrer Situation heraus. Ausser

ihrer Sucht haben sie nichts mehr – und

haben will sie keiner. Ihr körperlicher und

psychischer Zustand ist oft erbärmlich.

Wer den Sune-Egge aufsucht, kommt

aus dem Strassenmilieu, aus dem illegalen

Drogenhandel oder aus der Prostitution.

Es ist schwierig zu sagen, was zuerst

war – das Elend, das sie umgab und zur

Betäubung geführt hat, oder der Einstieg

in die Sucht, der zum Elend führte. In jedem

Fall ist der Sune-Egge die letzte Möglichkeit,

Hilfe zu bekommen. Hier werden

sie aufgenommen und behandelt. Christoph

Kassel, Leiter im Sune-Egge: «Bei unseren

Patienten ist so viel Vertrauen zerstört,

dass es bereits ein Erfolg ist, wenn

jemand freiwillig an die Türe kommt und

Der Zufluc

sagt: ‹Hilf mir.›» Die Menschen, denen im

Sune-Egge geholfen wird, stehen am untersten

Ende der sozialen Leiter. Ihr Leben

ist kaum noch entwicklungsfähig. Symptomatisch

für die Befindlichkeit vieler ist

der Ausspruch einer inzwischen verstorbenen

Patientin: «Das Einzige, was mir

wirklich Spass macht und Freude gibt, ist

es, mir einen Schuss zu geben.»

Der Sune-Egge ist kein Sterbehospiz.

Die Menschen halten sich hier auch nicht

für den Rest ihres Lebens auf. Trotzdem

gibt es Patienten, die hier sterben.

Ermutigend, dass es doch immer wieder

Einzelne gibt, die es nach dem Aufenthalt

im Sune-Egge schaffen, wieder selbstorganisiert

zu leben, mit einer eigenen

Wohnadresse, einer gewissen Betreuung

Wer den Sune-Egge aufsucht, kommt aus dem Strassenmilieu,

aus dem illegalen Drogenhandel oder aus der Prostitution.


htsort

und einem eigenen Beziehungsumfeld.

In diesem Sinne gibt es Heilungschancen

und Perspektiven.

«Ein Teil unserer Leute schafft das

aber nicht», sagt Christoph Kassel.

«Deshalb sehen wir unseren Auftrag

darin, die Beziehung zu ihnen so aufrechtzuerhalten,

dass ihnen der Zugang

zur Hilfe im Spital immer möglich

ist.»

Bei vielen Patienten im Sune-Egge

ist die Droge das Einzige, was ihnen

für kurze Zeit Befriedigung verschafft.

Auch im Alter, trotz Demenzerscheinungen,

ist das Verlangen nach dem

Suchtmittel tief verankert. Aussteiger

erleben immer wieder Abstürze. Sie

rennen weg aus der Sune-Egge-Klinik,

um sich neuen Stoff zu besorgen. Doch

die Mitarbeiter im Sune-Egge haben

sich entschieden, sie nicht aufzugeben

und ihnen immer wieder zu helfen. ■

I Gisela Bührer-Dinkel

«Mehrfach arm»

Christoph Kassel, Leiter der Sune-Egge-Klinik, über seinen

Einsatz für Menschen, die niemand mehr haben will.

ethos: Herr Kassel, was für Menschen

finden in der Sune-Egge-Klinik Aufnahme?

Christoph Kassel: Häufig befinden sich

unsere Patienten aufgrund ihrer Suchtprobleme

in äusserst schwierigen gesundheitlichen

Situationen. Viele sind

obdach- oder wohnungslos. Bei uns bekommen

alle medizinische oder pflegerische

Unterstützung.

Wie kommen diese Menschen zu

Ihnen – werden sie auf der Strasse

aufgesucht, kommen sie freiwillig,

werden sie von Sozialämtern überwiesen?

Unser Spital macht keine aufsuchende

Gassenarbeit, aber es gibt Zuweisungen

von anderen Arbeitszweigen der Sozialwerke

Sieber, vom Ambulatorium

des stadtärztlichen Dienstes oder anderen

Spitälern. Der Sune-Egge verfügt

ihres Lebens sind auf die Sucht ausgerichtet.

Deshalb können sie die potentielle

Spannbreite ihres Lebens nicht leben.

Und sie müssen angesichts ihrer

Sucht und deren gesellschaftlicher Ächtung

um ihre Menschenwürde und ihren

Selbstwert kämpfen. Unsere Patienten

leiden auch an der Armut der Beziehungsfähigkeit

in unserer Gesellschaft.

Unter den Menschen, die in der Sune-

Egge-Klinik Zuflucht gefunden haben,

sind Alkoholiker und Drogensüchtige,

also Personen, die ihr Leben zerstört

haben. Ist es richtig, öffentliche

Gelder und Spenden für Menschen

einzusetzen, die einen destruktiven

Lebensstil gewählt haben?

Die Ursache der Situation kann nicht der

Grund sein zur Behandlung, bzw. Nicht-

Behandlung, zumal wir nur in den seltensten

Fällen von «Selbstschuld» reden

«Wir alle wissen, dass wir aus Gnade gerettet sind,

nicht aufgrund unserer vermeintlich weniger grossen Schuld.»

auch über eine eigene Praxis. Dort werden

Menschen begleitet, die regelmässig

HIV-Medikamente oder Methadon einnehmen.

Durch die kontinuierliche Begleitung

erkennen wir, wenn jemand stationär

behandelt werden muss.

Würden Sie Ihre Patienten als «arm»

bezeichnen?

Ja, unsere Patienten sind in mehrerer

Hinsicht arm. Viele sind materiell arm.

Sie sind sozial isoliert, d. h. sie funktionieren

– wenn überhaupt – nur innerhalb

ihres Sucht-Umfelds. Viele Dinge

D O S S I E R A R M U T

können. Es ist ein christlicher Imperativ,

Menschen in Not zu helfen.

Es gibt Menschen, die sehr viel Leid

ertragen können, andere suchen die Betäubung.

Der erste Schritt in die Sucht

mag aus eigenem Verschulden geschehen.

Aber die Sucht hat eine Eigendynamik,

der kaum jemand ohne weiteres

gewachsen ist. Als Erstes geht der freie

Wille verloren. Wer einmal in der Sucht

steckt, kommt in der Regel alleine nicht

mehr heraus, sowohl gesellschaftlich wie

auch persönlich.

Die meisten Abhängigen wollen nicht

ethos DOSSIER ARMUT 11


mehr so leben. Deshalb ist es zwingend

richtig, Geld für diese Menschen einzusetzen

und mit ihnen Wege aus ihrer

Not zu suchen. Wenn man ihre Elendsgeschichten

hört, kann man sogar verstehen,

dass sich diese Menschen betäuben.

Es ist zwar der falsche Weg, aber

menschlich nachvollziehbar.

Die Vorstellungen von Sucht sind

häufig ungenau bis falsch und dasselbe

gilt für die Frage nach der Schuld in diesem

Bereich. Wir alle wissen, dass wir

aus Gnade gerettet sind, nicht aufgrund

unserer vermeintlich weniger grossen

Schuld. Würde Gott mit uns nach unserer

Schuld verfahren, hätten wir ein unlösbares

Problem.

Was ist Ihre persönliche Motivation,

in der Sune-Egge-Klinik zu arbeiten?

Steht Ihr Engagement in einem Zusammenhang

mit Ihrer christlichen

Überzeugung und dem biblischen

Wort?

Ja, ich habe eine christliche Überzeugung,

die auf der Bibel basiert. Die Leute

am Rand der Gesellschaft sind mir besonders

ans Herz gewachsen. Der christliche

Auftrag für mich ist die Nächstenliebe.

Biblischer Rat, wie zum Beispiel

in Matthäus 7, Vers 12, ist mir wichtig:

«Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute

tun, das tut auch ihr ihnen.» In diesem

Geist will ich dienen.

Ist es Ihnen ein Anliegen, Ihren

Patienten auch in deren geistlichen

Armut zu helfen?

Der Sune-Egge wurde von Ernst Sieber

angesichts der Not der damaligen offenen

Drogenszene mit einem seelsorger-

Zur Person

Christoph Kassel, 46, verheiratet, eine

Tochter, leitet die Klinik Sune-Egge, ist

Mitglied der Geschäftsleitung der Sozialwerke

Sieber und Mitglied einer

Evangelisch-methodistischen Kirche.

12 ethos DOSSIER ARMUT

«Ja, Menschen können hier zu Jesus finden.»

lichen und diakonischen Grundauftrag

gegründet. Das ist bis heute wesentlich.

Dazu gehört das Bewusstsein, dass wir

den geistlichen Bedürfnissen unserer Patienten

Rechnung tragen. Wir arbeiten

bewusst mit Seelsorgern zusammen und

es gibt regelmässig Andachten im Haus.

Manchmal öffnen äussere Einschränkungen

den Weg zu einer Ent-

scheidung für ein Leben mit Jesus.

Machen Sie diese Erfahrung auch im

Sune-Egge?

Ich bin erst ein gutes halbes Jahr Leiter

vom Sune-Egge-Spital. In diesen ver-

gangenen sechs Monaten habe ich zwar

keine klassische Bekehrung erlebt, aber

viele Momente, in denen Gott und Jesus

zu einem Thema wurden, in denen darüber

nachgedacht und gestritten wurde.

Ja, Menschen können hier zu Jesus

finden. Aber das Individuelle, das, was

zwischen dem Menschen und Jesus passiert,

entzieht sich unserer Beurteilung,

und das ist auch gut so.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

I Gisela Bührer-Dinkel

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