WiMa special 2/04

lemmens

WiMa special 2/04

special

Wissenschafts

management

Z E I T S C H R I F T F Ü R I N N O V A T I O N

Ist der Weg von der Tradition in die Moderne

wirklich so steinig oder muss er nur konsequent

beschritten werden? In Zeiten der Globalisierung

ist es mit gegenseitiger Schuldzuweisung allein

jedenfalls nicht getan. Vielmehr gilt es, Chancen

zu erkennen, Perspektiven aufzuzeigen und

Handlungsspielräume sinnvoll zu nutzen. Die

Universität Mainz hat sich auf den Weg gemacht,

um ihre Strukturen in Lehre und Studium an die

Bedingungen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Der Reformprozess ist zwar noch nicht beendet,

aber schon weit vorangeschritten.

6. Jahrgang · Heft 2

Einzelpreis: 2,50 €


EDITORIAL

Den Klimawandel aktiv

mitgestalten

Klimatisch betrachtet liegt Deutschland in der „gemäßigten Zone“. Das

bedeutet milde Winter und feuchte Sommer, also mäßiges Wetter. Das

Barometer befindet sich in ständigem Auf und Ab, stabile Großwetterlagen

sind selten und das wochenlange Sommerhoch mit Dauersonne

die Ausnahme.

Seit kurzem bietet nun die Wochenzeitung DIE ZEIT gemeinsam mit

dem Fernsehsender 3sat Lesern und Zuschauern einen Wetterbericht

der besonderen Art: das Bildungsbarometer. Analog zum etablierten

ZDF-Politbarometer sollen Trends, Meinungen und Wünsche der Bevölkerung

zu bildungspolitischen Fragen erhoben und vierteljährlich publiziert

werden. Die ersten Daten stehen jetzt im Internet. Da verwundert es wenig, dass die Befragten

in erster Linie der Politik die Schuld an der Bildungsmisere geben oder dass sie das Bildungssystem

insgesamt für nur „schwach befriedigend“ halten. Hier bestätigt sich – wie auch in vielen

anderen Problemstellungen unserer Gesellschaft: Schuldzuweisungen und Systemkritik sind schnell

bei der Hand. Außen vor bleiben die individuellen Handlungsspielräume zur Mitgestaltung und die

damit verbundene Eigenverantwortung. Doch das sind keine neuen Erkenntnisse, das Bildungsbarometer

ist keine Innovation.

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat in den vergangenen Jahren einen umfassenden

Modernisierungsprozess begonnen, um den veränderten Bedingungen in Studium und Lehre

gerecht zu werden: mit großem Erfolg. Im Jahre 2002 wurde sie unter anderem deswegen vom

Centrum für Hochschulentwicklung als best practice-Hochschule ausgezeichnet (Wissenschaftsmanagement

berichtete).

Das aktuelle Special unserer Zeitschrift gibt einen umfassenden Überblick über Studium und Lehre

an der Universität Mainz. Dazu gehört unter anderem der Umgang mit unverändert steigenden

Studierendenzahlen (S. 2), die Umsetzung der Bologna-Deklaration in der Form gestufter Studiengänge

(S. 8) oder die Einführung von Qualitätssicherungssystemen (S. 17). Nicht weniger anregend

ist ein Blick auf die zunehmende internationale Verflechtung der Hochschule (S. 26) und ihre rasante

Entwicklung hin zu einer dynamischen Serviceeinrichtung (S. 29).

Sind die deutschen Hochschulen Opfer der Großwetterlage in einer „gemäßigten Zone“? Das Beispiel

der Universität Mainz zeigt, wie sich (Bildungs-)Klima aktiv gestalten lässt.

Dr. Felix Grützner

Chefredakteur Wissenschaftsmanagement

Editorial special 1

6. Jahrgang 2004 · Heft 2 · Einzelpreis: 2,50 €

2 Überblick:

Innovation in Zeiten der Überlast

6 Evaluation:

Die Universität Mainz im Spiegel

des CHE-Hochschulrankings

8 Perspektiven:

universitas semper reformanda

12 Qualitätssicherung:

Akkreditierung neuer Studiengänge

15 Reformprozess:

In zwei Stufen zum Staatsexamen

17 Mainzer Modell:

Hochschulevaluation ernst genommen

18 Studierenden-Befragung:

Eine Evaluation studentischer Lehrevaluationen

20 E-Learning:

„Ferne Nähe“: Moderne Lehrmethoden

in einem Überlastfach

22 Qualifizierungsprogramme:

Lehren lernen

24 Auswahlrecht:

Hochschulrahmengesetz

special

25 Reform:

Korrelation zwischen Abiturnote

und Studienerfolg

26 Profilbildung:

Going global

29 Leitbild:

Erst die Vorschrift, dann der Kunde?

30 Dienstleistung:

Kurze Wege statt langer Warteschlangen

32 Sozialwesen:

Studierendenwerk Mainz

33 Wettbewerb:

Mehr als Mensa und Studentenbude

35 Interview:

Studienkonten: Pro und Contra

37 Impressum

wissenschaftsmanagement special 2/2004


2 special Einführung

ÜBERBLICK

Innovation in Zeiten der Überlast

Studium und Lehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die nach dem berühmtesten Sohn der Stadt benannte Johannes Gutenberg-Universität Mainz zählt zu den größten Bildungsstätten der Bundesrepublik.

Studium und Lehre an der Johannes Gutenberg-Universität

Mainz sind seit mehreren

Jahren gekennzeichnet durch einen außerordentlichen

Anstieg sowohl der Bewerbungs-

als auch der Einschreibezahlen:

Waren im Sommersemester 2001 insgesamt

27.558 Studierende eingeschrieben, ist die

Zahl der Immatrikulierten im Sommersemester

2004 um fast 7.000 Studierende auf

34.488 angestiegen, eine Steigerung um 25

Prozent. Beschränkt man die Betrachtung

auf die Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit,

wird das Ausmaß des Zuwachses

(+ 28%) noch deutlicher. Ausgelegt auf

eine Kapazität von knapp 18.000 Studierenden

(studienplatzbezogene Zielzahl) befinden

sich gegenüber dem Jahr 2001 mit

18.400 zur Zeit rund 24.500 Studierende

innerhalb der Regelstudienzeit.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Während die Zahl der Erstsemester-Studierenden

bis zum Jahr 2000 leicht rückläufig war, ist deren

Zahl innerhalb der zurückliegenden drei Jahre

deutlich um rund 2.000 von 6.138 im Jahr 2001

auf über 8.000 (+ 30%) im Jahr 2004 gestiegen.

Lediglich die Einführung zusätzlicher Zulassungsbeschränkungen

verhindert, dass diese Zahl noch

höher liegt und viele Fächer damit handlungsunfähig

machen würde. Die Dramatik der aktuellen

Situation zeigt sich deutlicher noch in der Entwicklung

der Bewerbungszahlen um einen Studienplatz.

Deren Zahl hat sich innerhalb der vergangenen

drei Jahre fast verdreifacht: 6.600

Bewerbungen im Jahr 2001 stehen über 18.000

Bewerbungen im Jahr 2004 gegenüber. Da in

Folge der verstärkten Nachfrage immer mehr

Fächer die Grenzen ihrer Kapazität erreicht

haben, musste die Zahl der Zugangsbeschränkungen

in den letzten Jahren kontinuierlich

erhöht werden. So bestanden im Wintersemester

2004/2005 für insgesamt 30 Fächer Kapazitätshöchstgrenzen.

Das ist zwar „nur“ ein Drittel aller

an der Universität Mainz angebotenen Fächer,

das eigentliche Problem für die Studieninteressierten

besteht aber darin, dass es gerade die

nachfrageintensiven Fächer sind, zu denen der

Zugang immer schwieriger wird. Im Bewerbungsverfahren

für das Wintersemester

2004/2005 standen den knapp 2.500 Zulassungsanträgen

für einen freien Studiengang

mehr als 9.000 Anträge im Bereich der zulassungsbeschränkten

Studiengänge gegenüber.

Dementsprechend stiegen die für eine Zulassung

erforderlichen Werte (Notendurchschnitt bzw.

Wartezeit) deutlich an.

Hinter all diesen Zahlen verbirgt sich ein Problem,

das unter bildungspolitischer Perspektive

zum Handeln zwingt: Um das gewünschte Studium

aufnehmen zu können, müssen Schülerinnen

und Schüler immer länger warten. 15 Semester

Wartezeit, das sind fast acht Jahre, die ein Abiturient

„überbrücken“ muss. Sofern er nicht vorher

schon aufgegeben und eine andere Richtung

gewählt hat, die seinen Neigungen und Interessen

weniger oder vielleicht auch gar nicht entspricht

– mit all den negativen Folgen für die

berufliche Tätigkeit –, ist aus dem 19-jährigen

Studienanfänger ein 27-Jähriger geworden, der

erstmals das Hochschulstudium aufnehmen


kann. Und er ist frühestens mit 32 Jahren fertig

für den Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Aber nicht nur die Studienbewerberinnen und

-bewerber stellt dieser drastische Nachfrageanstieg

vor ernsthafte Probleme, auch die Studierendenverwaltung

der Universität sieht sich auf

Grund der Gesamtentwicklung vor extreme Anforderungen

gestellt, die – neben dem verstärkten

Engagement der beteiligten Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter – nur durch verstärkten DV-Einsatz

(z.B. Einrichten der online-Bewerbung über

Internet) sowie die Bereitstellung zusätzlicher,

ungeplanter Ressourcen bewältigt werden kann.

In dem betrachteten Dreijahreszeitraum (2001

bis 2004) sind die der Universität Mainz zur Verfügung

stehenden Ressourcen nicht entsprechend

mitgewachsen, in den Kernbereichen von

Studium und Lehre waren die Mittel sogar rückläufig.

So wurde im Jahr 2002 das Tutorenprogramm

des Landes, das sich nach Anfangsschwierigkeiten

gut etabliert hatte, ersatzlos

gestrichen. Die Universität bemüht sich seitdem

zwar, dieses Programm aus verfügbaren Restmitteln

partiell weiterzuführen, eine längerfristige

Perspektive ist damit aber nicht gegeben. Am

härtesten trifft die Hochschule der unzureichende

Bedarfsdeckungsgrad im Stellenbereich. Trotz

drastischen Anstiegs der Studierendenzahlen

zwingt die schwierige Finanzsituation des Landes

Wissenschaft und Verwaltung zu Stellenbesetzungssperren

von bis zu einem Jahr.

Aus den Personalengpässen ergeben sich in

didaktischer und lernpsychologischer Hinsicht

inakzeptable Betreuungsrelationen. Einführende

Proseminare müssen nach den Vorgaben des

Personalbemessungskonzepts (PBK) mit einer

Teilnehmerzahl von mindestens 60 Studierenden

durchgeführt werden; faktisch sind es häufig

sogar 90 bis 120 Studierende, die in die Kurse

aufgenommen werden müssen, um der Nachfrage

zu entsprechen. „Akademische Lehre“ im

eigentlichen Sinne kann unter solchen Verhältnissen

kaum stattfinden, eine individuelle Betreuung

der Studierenden ist in solchen Fällen auf Ausnahmen

begrenzt.

Schwerpunkte der Entwicklung

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz engagiert

sich seit vielen Jahren gezielt auf dem Gebiet

der Reform von Studium und Lehre. Reform-

Einführung special 3

Finanzierung von Forschung und Lehre

an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Das Land Rheinland-Pfalz ist als rechtlicher

Träger der Universität Mainz auch deren

Hauptgeldgeber: Im Jahr 2004 betrug der Landeszuschuss

zum Haushalt unserer Universität

(ohne Klinikum) knapp 170 Millionen

Euro für den laufenden Aufwand. Für Forschung

und Lehre in der Medizin hat das

Land weitere rund 54 Millionen Euro bereitgestellt,

die dem Klinikum für dessen Leistungen für den Fachbereich erstattet werden.

Eine wichtige Finanzierungsquelle für die Forschungsarbeit der Universität (inklusive

Klinikum) sind Drittmittel von cirka 58 Millionen Euro, von denen etwa 80 Prozent

von öffentlichen Geldgebern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder Ministerien

fließen.

Wichtig für die Universität ist die zentrale Finanzierung von Forschungszentren und

anderen wissenschaftlichen Aktivitäten durch das Wissenschaftsministerium im

Umfang von drei Millionen Euro. Erträge von Stiftungen zugunsten der Universität

sowie eigene Einnahmen tragen cirka sieben Millionen Euro bei. Investitionsvorhaben

in Form von großen Bauunterhaltungs- und Baumaßnahmen sowie Großgerätebeschaffungen

erfolgen aus dem Bauhaushalt des Landes Rheinland-Pfalz bzw. in einer

Mischfinanzierung zwischen Land, Universität und Bund mit jährlich schwankenden

Beträgen. Forschung und Lehre werden damit zu 80 Prozent vom Land und zu 20

Prozent von Dritten finanziert. 72 Prozent Personalaufwand stehen 22 Prozent Sachaufwand

und sechs Prozent Investitionsausgaben gegenüber.

Die Zuteilung der Personalstellen und der Sachmittel auf Fachbereiche erfolgt auf

der Basis des Personalbemessungskonzepts (PBK) und des Mittelbemessungsmodells

(MBM), denen belastungsbezogene (Zahl der Studierenden, der Wissenschaftler)

und leistungsbezogene (Zahl der Absolventen, der Promotionen, der Habilitationen,

der Drittmittel) Parameter zu Grunde liegen.

Bei der Verfügbarkeit über die Finanzen strebt die Universität Mainz seit mehreren

Jahren eine dezentrale Struktur an. Der Personalaufwand wird überwiegend schon

heute in Form von Personalbudgets auf die Fachbereiche und Zentralen Einrichtungen

(z.B. Universitätsbibliothek, Zentrum für Datenverarbeitung, Verwaltung) verteilt

und in deren Verantwortung bewirtschaftet. Ein großer Teil der Sachmittel, der direkt

für Lehre und Forschung zur Verfügung steht, wird ebenfalls in Form von Budgets zugewiesen.

Alle Sachmittel, die der Aufrechterhaltung der Infrastruktur der Universität

dienen, werden von der Zentralen Verwaltung bewirtschaftet. Über die Mittel für

größere Baumaßnahmen verfügt der Landesbau-Betreuungsbetrieb (LBB).

Begleitet wird die Dezentralisierung der Bewirtschaftung der Personal- und Sachmittel

von der Einführung des Kaufmännischen und der Einführung der Kosten- und

Leistungsrechnung mit Hilfe der Software M1 der Firma MACH.

Ziel der Universität in den nächsten Jahren ist eine deutliche Steigerung der Finanzautonomie.

Dies bedeutet, dass wir für die Universität vom Land einen Globalhaushalt

erhalten und diesen unter Zusammenführung der jetzigen Budgets für Personalund

Sachmittel zu großen Teilen an die dezentralen Einheiten weitergeben werden.

Die Verwendung wird mit einem umfassenden Berichtswesen dokumentiert und kontrolliert

und dem Land gegenüber nachgewiesen.

Götz Scholz ist Kanzler der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


4 special Einführung

Die Universität Mainz engagiert sich seit Jahren gezielt für die Reform von Studium und Lehre.

prozesse wurden sowohl im Bereich der Studienstruktur

und der curricularen Gestaltung als auch

auf dem Gebiet der begleitenden Qualitätssicherung

und -entwicklung initiiert bzw. etabliert.

Zum Teil folgen die Maßnahmen der Gesamtentwicklung

im deutschen Hochschulsystem,

teils hat die Universität aber auch früh eigene

Schwerpunkte gesetzt. In allen ihren Handlungen

verfolgt die Universität letztlich immer das Ziel,

Studium und Lehre an der Johannes Gutenberg-

Universität Mainz dahingehend weiterzuentwickeln,

dass die Absolventinnen und Absolventen

der Universität wissenschaftlich, methodisch

und fachlich bestmöglich vorbereitet, engagiert

und motiviert im nationalen wie internationalen

Berufsfeld tätig werden können und zugleich

gerüstet sind für eine permanente wissenschaftliche

Weiterbildung.

Nachfolgend werden zentrale Schwerpunkte der

Gesamtentwicklung kurz skizziert. Weitere Informationen

finden sich in den anschließenden Einzelbeiträgen.

Maßgeblich unterstützt durch den Bologna-Prozess

steht die Einführung von gestuften Studiengängen

mit den Abschlüssen von Bachelor und

Master und damit zusammenhängend die Modularisierung

von Studiengängen sowie die flächendeckende

Einrichtung eines Leistungspunktesystems

seit längerem im Zentrum des Handelns.

Dieser Prozess muss jetzt beschleunigt werden,

um das in der Bologna-Deklaration vereinbarte

Ziel zu erreichen.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Einen speziellen Teilbereich dieser grundlegenden

Strukturreform bildet die Umsetzung der im Jahr

2003 beschlossenen umfassenden Reform der

Lehrerausbildung in Rheinland-Pfalz. So müssen

die Inhalte einer zeitgemäßen LehrerInnenausbildung

in einem landesweiten Abstimmungsprozess

für alle einzelnen Fächer in ein Bachelorund

Masterkonzept transformiert werden. Bereits

ab 2005 wird an der Universität ein Lehrerbildungszentrum

eingerichtet; ebenso werden die

grundsätzlich überarbeiteten „Bildungswissenschaften“

zum nächstmöglichen Zeitpunkt das

herkömmliche erziehungswissenschaftliche

Begleitstudium ersetzen.

Eine mit dieser grundlegenden Reform der Studienstruktur

im Zusammenhang stehende Herausforderung

stellt die Aufgabe dar, in das Studium

und die Lehre konsequent die „internationale

Perspektive“ einzubeziehen. Absolventinnen und

Absolventen von Hochschulstudiengängen müssen

heute möglichst rasch dazu in der Lage sein,

auch in europäischen bzw. übereuropäischen

Bezügen beruflich tätig zu sein. Die Universitäten

stehen in der Pflicht, hierauf in angemessener

Weise vorzubereiten. Um dahingehend Fortschritte

zu erzielen, wurde bereits vor mehreren Jahren

ein eigenes Projekt eingerichtet, das die Entwicklungsarbeiten

maßgeblich unterstützt.

Schwerpunkt der Universität Mainz ist zudem der

Ausbau der Wissenschaftlichen Weiterbildung.

Weiterbildung muss in zunehmendem Maße als

integraler Bestandteil eines Hochschulstudiums

verstanden werden, das sich nicht allein auf das

Erststudium beschränkt. Wer langfristig erfolgreich

beruflich tätig sein möchte, muss die Bereitschaft

und die Fähigkeit zum anspruchsvollen

lebenslangen Lernen mitbringen – und die Hochschulen

müssen entsprechende Angebote bereitstellen.

Dadurch, dass spezielle Inhalte in nachfolgende

Weiterbildungsstudiengänge verankert

werden, kann vielfach das Erststudium nicht nur

ergänzt, sondern sogar spürbar entlastet werden.

Inzwischen sind neben einer nachhaltigen Ausweitung

des Angebots von Weiterbildungsprojekten

drei sehr erfolgreiche weiterbildende Masterstudiengänge

im Bereich der Wirtschaftswissenschaften,

des Medienrechts sowie der Epidemiologie

an der Universität Mainz installiert worden.

Bereits seit rund zehn Jahren engagiert sich die

Universität Mainz gezielt auf dem Gebiet der Evaluation

im Bereich von Studium und Lehre. Erstmals

1996 fand eine Evaluation in Politikwissenschaft

und in der Mathematik statt. Seit dieser

Zeit wurde das Verfahren nicht nur weiterentwickelt,

sondern auch auf weite Teile der Universität

ausgedehnt. Nach anfänglich erheblicher

Skepsis sind Evaluationen inzwischen in den

Fächern und Fachbereichen als Qualitätssicherungsmaßnahme

weitgehend akzeptiert. Mit der

seit 2004 dauerhaften Einrichtung des „Zentrums

für Qualitätssicherung und -entwicklung“ (ZQ) als

zentrale Einrichtung der Universität ist die Grundlage

für die Verstetigung und professionelle Weiterentwicklung

dieser für die Hochschule zentralen

Aufgabe geschaffen worden.

Noch keineswegs in derselben Weise akzeptiert

ist die seit einiger Zeit verbindliche Akkreditierung

von neu eingerichteten Studiengängen. Im

Prinzip stellt dieses Verfahren ein partiell dem

Evaluationsverfahren vergleichbares System der

eigenverantwortlichen Qualitätssicherung durch

Fachwissenschaftler dar, das die Universität

Mainz grundsätzlich befürwortet und aktiv unterstützt.

Auf der Grundlage der Akkreditierung von

insgesamt 15 Studiengängen an der Universität

Mainz ist derzeit allerdings zu bilanzieren, dass

bezüglich der konkreten Durchführung noch

erheblicher Weiterentwicklungsbedarf besteht. An

diesem Prozess ist die Universität aktiv beteiligt.

Neben diesen eher von außen auf die Hochschule

zukommenden Reformerfordernissen sieht die


Johannes Gutenberg-Universität Mainz eine

wichtige Aufgabe in der Professionalisierung speziell

des wissenschaftlichen Nachwuchses auf

dem Gebiet des Lehrens und des Wissenschaftsmanagements.

Herausforderungen

Dass die Johannes Gutenberg-Universität Mainz

trotz der eingangs beschriebenen schwierigen

Rahmenbedingungen die genannten Reformmaßnahmen

eingeleitet und konsequent unterstützt

hat, belegt zweifelsohne die große Initiativ- und

Handlungskraft der Hochschule – und zugleich,

dass sie bereit und in der Lage ist, die Verantwortung

für die ihr gewährte Freiheit in Forschung

und Lehre zu übernehmen.

Hier spielt der Reformprozess, das so genannte

„Neue Steuerungsmodell der Johannes Gutenberg-Universität

Mainz“, die entscheidende Rolle.

Seit knapp sechs Jahren werden in inzwischen

weit über 30 Einzelprojekten die zentralen Aufgabenfelder

der Universität konsequent neu ausgerichtet.

Die Bandbreite reicht hierbei von der konsensualen

Erarbeitung eines Leitbilds über die

Entwicklung eines längerfristigen Strategiekonzepts

bis hin zur Einführung eines kaufmännischen

Rechnungswesens unter dem Prinzip der

Kosten-Leistungs-Rechnung. Die Universität wird

hierbei von Anfang an von der Unternehmensberatung

Horváth & Partners in kompetenter Weise

unterstützt und aktiv bei der Durchführung der

Prozesse begleitet.

Anzeige

Zunehmend in den Fokus rückt auch die angemessene

Förderung der besonders leistungsfähigen

Studierenden. Durchaus im Interesse der

Wissenschaft selbst sollten die Hochschulen

durch eine Differenzierung der Eingangsvoraussetzungen

zu einem Hochschulstudium beziehungsweise

entsprechende Modifikationen der

Studienstruktur die Voraussetzungen dafür schaffen,

dass hochbegabte Schülerinnen und Schüler

frühzeitig mit dem wissenschaftlichen Studium

beginnen und Studierende, die sich durch besondere

wissenschaftliche Leistungen auszeichnen,

ihr Studium intensivieren und nachhaltig

beschleunigen können. Hierbei gilt es allerdings,

die Balance zu finden zwischen der Erfüllung des

Grundauftrags der Universität für alle, die einen

Hochschulabschluss anstreben, und einer nachhaltigen

Förderung besonders Begabter.

Unbeschadet aller kritischen Bemerkungen hat

sich in den zurückliegenden Jahren ein öffentliches

Ranking der Leistungen der Hochschulen

etabliert. Allen voran sind hier zu nennen die alljährlichen

Untersuchungen des Centrums für

Hochschulentwicklung (CHE). Inzwischen ist eine

große Anzahl von Fächern und Studiengängen

dieser Bewertung teilweise zum wiederholten

Male unterzogen worden. Für die Universität

Mainz zeigt sich hierbei, dass sie – von wenigen

Einzelfällen abgesehen – meist nur einen Platz

im Mittelfeld einnimmt; und leider werden auch

Studiengänge aufgeführt, in denen die Bewertung

Einführung special 5

unterdurchschnittlich ist. Sicherlich hängen diese

Ergebnisse partiell mit den spezifischen Problemen

einer großen Universität zusammen, die gar

nicht oder nur ansatzweise von den Fächern und

Fachbereichen beeinflusst werden können. Auch

schlagen sich Ausstattungsprobleme (PC-Pools,

Bibliothek) in einer Weise in den Bewertungsergebnissen

nieder, die dem eigentlichen Aspekt

der Qualität der Lehre nicht adäquat ist. Bei allen

methodischen Bedenken, die man speziell aus

wissenschaftlicher Sicht gegenüber den derzeit

praktizierten Verfahren haben darf, sollten diese

Rankings aber doch immer wieder Anlass dafür

bieten, im intensiven Dialog zwischen allen Beteiligten

– den Lehrenden, den Studierenden sowie

den Absolventinnen und Absolventen – Schwachpunkte

in Studium und Lehre ausfindig zu

machen und durch gemeinsam vereinbarte Maßnahmen

zu verbessern. Ein Schritt hierzu sind die

vom Senat beschlossenen Leitlinien zur Sicherung

der Qualität in der Lehre.

Dr. Bernhard Einig

ist Leiter der Abteilung „Studium und Lehre“

der Universität Mainz.

Prof. Dr. Jürgen Oldenstein

ist Vizepräsident für Studium und Lehre

der Universität Mainz.

Univ.-Prof. Dr. med. Jörg Michaelis

ist Präsident der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


6 special Einführung

EVALUATION

Die Universität Mainz im Spiegel

des CHE-Hochschulrankings

Weitere Schritte auf dem Reformweg sind notwendig

Seit 1998 veröffentlicht das CHE Centrum für Hochschulentwicklung alljährlich „Das Hochschulranking“. Mittlerweile werden über 30 verschiedene

Fächer jeweils zeitversetzt in einem Drei-Jahres-Turnus untersucht, im letzten Jahr die Geistes- und Ingenieurwissenschaften, in

diesem Jahr (2004) die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie erstmals auch die Medienwissenschaften. Die Ergebnisse werden

jeweils im Frühjahr des folgenden Jahres in einem Sonderheft und im Internet veröffentlicht. Der Vergleich der Hochschulen geschieht

beim CHE-Ranking fächerweise. Auch werden keine einzelnen Rangplätze vergeben, vielmehr werden die Hochschulen hinsichtlich einer Vielzahl

von fachspezifischen Kriterien jeweils der Spitzen-, Mittel- oder Schlussgruppe zugeordnet.

Die Johannes Gutenberg-Universität ist mit 17

Fächern aus den Fächergruppen Naturwissenschaften,

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

sowie den Sprach- und Kulturwissenschaften

vertreten. Das Ranking umfasst

sowohl studentische Bewertungen des Studiums

und seiner Rahmenbedingungen als auch

Fakten zu Forschungsleistungen. Hier soll es

ausschließlich um die Bewertung von Studium

und Lehre gehen.

Bewertungen der Studierenden

In der nebenstehenden Grafik sind für die Universität

Mainz einige zentrale Studierenden-

Urteile 1) aus dem CHE-Hochschulranking zu

24 verschiedenen Studiengängen 2) aus den

17 an der Universität Mainz untersuchten

Fächern abgebildet: Das Gesamturteil (Zufriedenheit

mit den Studienbedingungen insgesamt)

sowie Urteile der Studierenden über die

Studienorganisation, die Betreuung durch Lehrende,

den Kontakt zu Lehrenden und anderen

Studierenden sowie Urteile über die Räume

und die Bibliothek 3). Dargestellt ist jeweils die

Ranggruppenzuordnung. Grün steht für eine

überdurchschnittlich gute Bewertung („Spitzengruppe“),

gelb für durchschnittliches Abschneiden

(„Mittelgruppe“) und rot für eine unterdurchschnittlich

gute Bewertung („Schlussgruppe“).

Insgesamt verteilen sich die Werte für die Universität

Mainz über alle drei Ranggruppen,

wobei Werte in der Mittelgruppe (gelb) domi-

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin

Biologie

Chemie

Humanmedizin

Mathematik Diplom

Physik

Pharmazie

Zahnmedizin

Lehramt

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

BWL

Jura

Politikwissenschaft

Soziologie Diplom/Magister

VWL

Sprach- und Kulturwissenschaften, Psychologie

Anglistik/Amerikanistik Amerikanistik (Magister)

Anglistik (Magister)

Lehramt

Erziehungswissenschaft Diplom

Magister

Germanistik Lehramt

Magister

Geschichte Lehramt

Psychologie

Mittlere und Neuere G.

Gesamturteil

Studierende

Studienorganisation

Betreuung

durch Lehrende

Kontakt

zu Lehrenden

Kontakt

zu Studierenden

Räume

Bibliotheken


Insbesondere die Mainzer Mathematikstudenten sind mit den Studienbedingungen an ihrer Universität sehr

zufrieden.

nieren. Besonders gute Bewertungen der Studierenden

erhielten die Fächer Mathematik und

Anglistik. Insbesondere unter den Lehramtstudierenden

in der Mathematik herrscht eine

hohe Zufriedenheit mit der Studienorganisation,

der Betreuung und den Kontakten sowohl

zu Lehrenden als auch untereinander. Somit

fällt auch das Gesamturteil sehr positiv aus.

Auffällige Häufungen von Werten in der Schlussgruppe

sind dagegen in den Fächern Humanmedizin

sowie in der BWL zu finden. In der

Medizin werden lediglich die Räume durchschnittlich

beurteilt, in der BWL als weiterer

Ausstattungsindikator auch die Bibliothek.

Sowohl in der Human- und Zahnmedizin als

auch in den Sprach- und Kulturwissenschaften

mit Ausnahme der Anglistik/Amerikanistik sind

weiterhin die unterdurchschnittlichen Bewertungen

der Bibliothek auffällig.

Studiendauer

Ein weiteres Bewertungskriterium aus dem

Ranking ist die mittlere Studiendauer 4), also

die Zeit, nach der die Hälfte der Absolventen ihr

Studium abgeschlossen hat. Hier schneiden die

verschiedenen Studiengänge der Universität

Mainz ausnahmslos in der Mittel- bzw. Schlussgruppe

ab, das heißt, in keinem der untersuchten

Fächer ist die Studiendauer in Mainz

besonders kurz.

Bei der Interpretation dieser Daten ist zu bedenken,

dass die Ranggruppeneinteilung wie

bei den Urteilen auch bei diesem Kriterium für

die einzelnen Fächer separat vorgenommen

wird, so dass die für das Erreichen bestimmter

Ranggruppen notwendigen Werte unterschied-

Einführung special 7

Biologie 11,4

Chemie 10,6

Mathematik 12,0

Physik 11,9

Pharmazie 9,2

Jura 9,9

Politikwissenschaft 13,6

Soziologie Magister 16,3

Anglistik/Amerikanistik Amerikanistik 11,8

Anglistik 13,0

Erziehungswissenschaft Diplom 11,6

Magister 11,6

Psychologie 12,9

lich sind. So liegt die Universität Mainz beispielsweise

in Pharmazie und Jura mit weniger

als zehn Semestern schon in der Schlussgruppe,

während in der Mathematik mit zwölf

Semestern noch die Mittelgruppe erreicht wird.

Die größten „Sorgenkinder“ sind hier offensichtlich

die Magister-Studiengänge Soziologie,

Politikwissenschaft und Anglistik sowie der

Diplom-Studiengang Psychologie. In Pharmazie

und Jura liegt die Mittlere Studiendauer „nur“

ein bzw. zwei Semester über der Regelstudienzeit.

Insgesamt hat die Johannes Gutenberg-Universität

also noch einige Aufgaben zu bewältigen.

Die Universität hat jedoch in der Vergangenheit

bewiesen, dass sie die notwendigen Reformschritte

anzugehen vermag, wofür sie vom CHE

im Jahr 2002 als best practice-Hochschule

ausgezeichnet wurde. Man darf gespannt sein,

ob sich die Früchte dieser Arbeit schon im

kommenden Frühjahr abzeichnen, wenn die

neuen Ranking-Daten für die Rechts-, Wirtschafts-

und Sozialwissenschaften veröffentlicht

werden.

Cort-Denis Hachmeister ist Mitarbeiter

am Centrum für Hochschulentwicklung.

Mittlere Studiendauer (Median)

1) Für das Ranking werden pro Studiengang mit Unterstützung der Immatrikulationsämter bis zu 300 Studierende aus

dem 5.-12. Semester angeschrieben, von denen im Schnitt rund 30% ihren Fragebogen zurücksenden.

2) Dargestellt werden nur diejenigen Studiengänge, für die Daten vorlagen.

3) Mit Ausnahme des Gesamturteils und des Urteils über den Kontakt zu Lehrenden wurden jeweils Indexwerte aus

verschiedenen Teilfragen gebildet, beim „Kontakt zu anderen Studierenden“ beispielsweise ein Indexwert aus der

„Zusammenarbeit mit anderen Studierenden“ und den „Kontakten zu anderen Studierenden“.

4) Dargestellt werden nur die Studiengänge, für die Daten vorlagen.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


8 special Reform der Studienstruktur

PERSPEKTIVEN

universitas semper reformanda

Die Umgestaltung der Studienstruktur an der Universität Mainz

Durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge werden die Studierenden besser auf die

Anforderung der internationalen Arbeitsmärkte vorbereitet.

Mit der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung am 19. Juni 1999 leiteten die Kultur- und Wissenschaftsminister

von 29 europäischen Staaten einen Reformprozess ein, der das deutsche Hochschulsystem

nachhaltig verändern wird. Die Unterzeichnerstaaten, deren Anzahl inzwischen auf 40 angewachsen

ist, verpflichten sich in diesem Dokument zur Schaffung eines einheitlichen Bildungsraums

in Europa. Der entsprechende „Umbau“ soll bis spätestens 2009 abgeschlossen sein.

Das Kernstück der damit angestoßenen Reform

bilden die Einrichtung eines zweistufigen Studiensystems

(„undergraduate“ und „graduate“), die

Einführung eines Systems leicht verständlicher

und vergleichbarer Hochschulabschlüsse (Bachelor

und Master) sowie die Etablierung eines einheitlichen

Leistungspunktesystems (ECTS).

Durch eine Reihe von Gesetzesänderungen ist inzwischen

der rechtliche Rahmen geschaffen worden,

diesen Verpflichtungen nachzukommen. Auf

der Grundlage der 6. Änderungsnovelle des Hochschulrahmengesetzes

vom 8. August 2002 ermöglicht

das Hochschulgesetz vom 21. Juli 2003

grundsätzlich die Einrichtung von Bachelor- und

Masterstudiengängen (§ 19 Abs. 4 HochSchG) in

Rheinland-Pfalz. Das Ministerium für Wissenschaft,

Weiterbildung, Forschung und Kultur hat mit

Schreiben vom 28. Oktober 2003 die Hochschulen

des Landes darum gebeten, die Bemühungen bei

der Etablierung des gestuften Studiensystems zu

verstärken. Neue Diplomstudiengänge sollten

daher „generell nicht mehr eingeführt werden“.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Gestufte Studiengänge an der Uni Mainz

An der Universität Mainz hatten Beratungen über

gestufte Studiengänge bereits im Jahr 1998 eingesetzt.

Auf der Grundlage eines umfangreichen

Anhörungsverfahrens der Fachbereiche und zentralen

Einrichtungen der Universität verabschiedete

der Senat am 14. April 2000 eine „Rahmenempfehlung

zur Differenzierung der Studienstruktur

durch Einführung von Bachelor- und Masterstudiengänge“.

In dieser Empfehlung betont das Gremium

die Notwendigkeit, zusätzlich zu den bestehenden

Studiengängen dort, wo ein erkennbarer

Bedarf besteht, berufsfeldorientierte Bachelor- und

Masterstudiengänge einzurichten.

Schon ein Jahr zuvor hatte der Senat der Einrichtung

eines Bachelorstudiengangs („Informatik“)

sowie eines Masterstudiengangs („Chemistry of

Materials“) zugestimmt. Ein Jahr später folgte der

Bachelorstudiengang „Musical Arts“, der in Zusammenarbeit

mit dem Peter-Cornelius-Konservatorium

der Stadt Mainz konzipiert und durchgeführt

wird. Wieder ein Jahr später wurde mit dem

„Executive Master of Business Administrations“

(EMBA) der erste Weiterbildungsmaster an der

Universität Mainz etabliert.

Inzwischen gibt es an der Universität Mainz vier

Bachelor- und fünf Masterstudiengänge sowie drei

Weiterbildungs-Master im aktiven Studienbetrieb;

sechs weitere Bachelor- bzw. Masterstudiengänge

befinden sich derzeit noch in der Akkreditierung

oder haben diese inzwischen erfolgreich abgeschlossen,

so dass sie im Sommersemester 2005

beginnen können.

Von einer „flächendeckenden“ Einführung von gestuften

Studiengängen ist die Johannnes Gutenberg-Universität

Mainz damit allerdings noch weit

entfernt. Von den ca. 34.000 Studierenden im Wintersemester

sind lediglich 623 Studierende in

Bachelor- oder Masterstudiengängen eingeschrieben.

Dennoch: Seit dem Sommer 2003 ist eindeutig

ein Umschwung zu beobachten. Immer mehr

Fächer und Fachbereiche befassen sich konkret

mit entsprechenden Strukturüberlegungen und

beginnen, die erforderlichen curricularen Zusammenhänge

zu erarbeiten. Ausschlaggebend hierfür

war vor allem der Beschluss des Landes Rheinland-Pfalz,

das Lehramtsstudium auf ein gestuftes

Studiensystem umzustellen. Viele Fächer haben

wohl in diesem Zusammenhang erkannt, dass es

nicht möglich sein wird, parallel hierzu weiterhin

an den herkömmlichen Abschlüssen festzuhalten.

Mit dem Entschluss des Fachbereichs Mathematik

und Informatik sowie der Deutschen Philologie,

den Diplom- bzw. Magisterstudiengang aufzugeben

und zum nächstmöglichen Zeitpunkt Bachelor-

und Masterstudiengänge einzurichten, haben

zwei Fächer mit hoher Studierendenzahl ein wichtiges

Signal für die weitere Entwicklung gesetzt,

dem inzwischen zahlreiche weitere Fächer folgen.

Es ist daher absehbar, dass in drei bis vier Jahren

voraussichtlich mehr als die Hälfte der Studiengänge

an der Universität Mainz in den neuen

Strukturen verlaufen. In welcher Weise sich das

auch auf die staatlichen Studiengänge (Rechts-


wissenschaften, Pharmazie, Zahnmedizin, Medizin)

auswirken wird, ist derzeit nicht abzusehen. Grundsätzlich

gilt allerdings auch hier, dass es gewichtige

Gründe gibt, die für eine Strukturreform auch

bei den Staatsexamens-Studiengängen sprechen.

Darüber hinaus steht auch der Staat in der Pflicht

zur Umsetzung der Bologna-Deklaration.

Risiken und Chancen

Die Diskussion über Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit

dieser wohl tiefgreifendsten Studienstrukturreform

in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

ist zwar deutlich leiser geworden, aber noch

keineswegs verstummt. Was bringt es, so fragen

Kritiker beispielsweise, unbekannte Studienabschlüsse,

deren Qualität niemand kennt, in

Deutschland einzuführen und dafür die bewährten

Diplom- und Magisterabschlüsse aufzugeben?

Und, so wird befürchtet, führen nicht die auf drei

Jahre reduzierten Bachelorstudiengänge zu einem

unvertretbaren Niveauverlust, zu einer Entwissenschaftlichung

des universitären Studiums?

Es ist nicht leicht, sich mit dieser Kritik auseinander

zu setzen, denn in der Tat kann derzeit noch

niemand sagen, wie dieser Umbauprozess ausgehen

wird. Speziell die finanziellen Engpässe des

Landes, die die Hochschule zu massiven Einsparungen

zwingen, beeinträchtigen den Reformprozess

erheblich. In einer Phase, in der Stellen

bis zu einem Jahr nicht wiederbesetzt werden

können und Lehrveranstaltungen mit Gruppengrößen

von 60 Teilnehmern und mehr zum Standard

geworden sind, ist es kaum noch möglich,

zusätzliche Lehrveranstaltungen für die neuen

Studiengänge anzubieten, die sich ja zudem deutlich

von den bisherigen Studiengängen unterscheiden

müssen. Und das Argument, dass dann eben

die „alten“ Studiengänge zeitgleich eingestellt

werden müssten, trifft nicht den Kern des Problems:

Selbst dann muss doch für mehrere Jahre

sichergestellt werden, dass die in den „alten“ Studiengängen

eingeschriebenen Studierenden ordnungsgemäß

ihren Abschluss machen können.

Außerdem wird – zu Recht – erwartet, dass die

Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen

zu einer qualitativen Verbesserung des Studiums

an den deutschen Hochschulen führt. Hierbei

spielt die Verbesserung der Betreuungsrelation

eine ganz entscheidende Rolle. Wenn man etwas

vom angelsächsischen Studiensystem lernen

kann, dann ist es doch das, dass der unmittelbare

Reform der Studienstruktur special 9

Schnell, praxisnah, international:

Bachelorstudiengang Musik

Mehr berufspraktische Ausbildungsinhalte, Differenzierung der Studienstruktur,

internationale Anschlussfähigkeit der Studienabschlüsse – am Fachbereich Musik der

Johannes Gutenberg-Universität bestehen günstige Rahmenbedingungen für entsprechende

Reformen in Studium und Lehre, denn in Rheinland-Pfalz ist die Ausbildung

des künstlerischen und musikpädagogischen Nachwuchses in die Universität integriert

(im Gegensatz zur Einrichtung selbstständiger Musikhochschulen). Dies ermöglicht

eine Zusammenführung von künstlerischer Praxis, Forschung und Lehre, die es so

andernorts nicht gibt. Auch bei der Planung des internationalen Studiengangs „Bachelor

of Musical Arts“ wurde dieses in Deutschland einmalige Profilmerkmal genutzt: Der

dreijährige Studiengang kombiniert eine künstlerisch-pädagogische Ausbildung – entweder

in der Studienrichtung Elementare Musikpädagogik oder in der Studienrichtung

Jazz und Popularmusik – mit einer Qualifikation in beruflichen Praxisfeldern:

Sonderpädagogik

Interkulturelle

Früherziehung

Verwaltungslehre

Elementare Jazz und

Wahl

Musikpädagogik Popularmusik

Wahl

Eignungsprüfung

Wahl

Studiomusik

Jugendarbeit

Ziel ist es, die Berufsfähigkeit der Absolventen in traditionellen Berufsfeldern wie

kommunale und private Musikschulen oder Freier Musiker zu garantieren, darüber

hinaus aber durch das breite Studienangebot neue Arbeitsmöglichkeiten zu erschließen,

beispielsweise in Kindergärten und -tagesstätten, Kulturzentren, Verwaltungseinrichtungen,

im Konzertmanagement, in Musical-Produktionen, Tonstudios,

Soziokulturellen Projekten oder in der Jugendarbeit. Die Ausbildungskooperation mit

dem städtischen Peter-Cornelius-Konservatorium gewährleistet eine hohe Praxisausrichtung:

Schon früh können Studierende Erfahrungen zum Beispiel im Berufsfeld

der elementaren Musikpädagogik sammeln. Praktika in Kinderbetreuungseinrichtungen,

in Tonstudios, bei Hörfunksendern oder Musikveranstaltern sind für alle Studierenden

fest im Curriculum verankert. Ein weiteres Merkmal ist die internationale Orientierung:

Ausländische Gastdozentinnen und -dozenten, Unterrichtsangebote in

englischer Sprache sowie der international anerkannte Abschluss erhöhen die Attraktivität

des Studiums in Mainz auch für ausländische Studierende und ergänzen die

fachliche Ausbildung um eine internationale Dimension.

Als bundesweit erster künstlerischer Bachelorstudiengang wurde der „Bachelor

of Musical Arts“ zum Wintersemester 2000/2001 eingerichtet und drei Jahre lang vom

Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen seines Programms

„Internationale Studiengänge“ gefördert. Inzwischen wurde der Studiengang von der

Agentur AQAS akkreditiert. Das Interesse an diesem Studienangebot ist erfreulich

hoch: Anfragen kommen aus aller Welt, und jedes Jahr melden sich zwischen 70 und

90 deutsche und internationale Bewerberinnen und Bewerber zur Eignungsprüfung

an. Rund ein Zehntel schafft diese Hürde. Mittlerweile haben die ersten Absolventinnen

und Absolventen des Bachelorstudiengangs Musik den Berufseinstieg geschafft.

Dr. Kristina Pfarr koordiniert den Bachelorstudiengang Musik

der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


10 special Reform der Studienstruktur

Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden

wesentlich zu einem intensiveren, raschen und

erfolgreichen Studium beiträgt.

Ein Zweites muss in diesem Zusammenhang

betont werden: Die Hochschulen und hier in

erster Linie die Fachvertreterinnen und Fachvertreter

haben es in der Hand, für den von ihnen

selbst immer wieder beschworenen wissenschaftlichen

Standard ihrer Bachelor- und

Masterstudiengänge zu sorgen. Aus strukturellen

Veränderungen ergibt sich noch kein Verlust

an Wissenschaftlichkeit. „Wissenschaftlichkeit“

ist weder an die Länge eines Studiums gebunden

noch an dessen Aufbau. Wissenschaftlichkeit

muss die Lehre und das Studium vom

ersten Fachsemester an prägen. Und hierfür

tragen die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer

selbst die Verantwortung.

Auch ist es keineswegs so, dass die Fachkompetenz

unter der zeitlichen Stufung der Studiengänge

leidet. Die Studienvolumina, das heißt

die insgesamt zur Verfügung stehenden Lehrund

Studienzeiten, bleiben insgesamt vollständig

erhalten, ja in einer Vielzahl von Fällen

erhöht sich das Studienvolumen sogar. Es wird

lediglich anders verteilt, und es sind stellenweise

andere, nämlich relevantere Inhalte erforderlich,

was aber eher eine Intensivierung der

Fachkompetenz denn deren Verlust bedeutet.

Wo liegen die Chancen der gestuften

Studiengänge?

Für jeden, der sich intensiver mit unseren Studienangeboten

befasst, steht inzwischen außer Frage,

dass in einer sehr großen Zahl der Studiengänge

der curriculare Aufbau sowie die angebotenen

Lehrinhalte dringend auf ihre Qualität, ihre Aktualität

sowie ihren Anforderungsumfang hin überprüft

werden müssen. Das Spektrum reicht von

fachlichen und quantitativen Überforderungen

einerseits über intransparente Leistungsanforderungen

und fehlende Kohärenz der Lehrveranstaltungen

bis hin zu stellenweise chronischer Unterforderung

der Studierenden. Wesentliche Voraussetzung

für eine erfolgreiche und vertretbare

Umstrukturierung ist daher, dass sich die Verantwortlichen

im Vorfeld auf einen offenen Diskurs

über Stärken und Schwächen ihres aktuellen Studienangebots

einlassen. Dass Gutes und Bewährtes

der traditionellen Studiengänge übernommen

wissenschaftsmanagement special 2/2004

und gegebenenfalls sogar ausgebaut werden

kann, ist selbstverständlich.

Im Zusammenhang mit den Planungen ist es

sachlich unverzichtbar, die unmittelbar Betroffenen

– also die Studierenden und vor allem die Absolventinnen

und Absolventen – ebenfalls einzubeziehen.

Genauso ist es dringend angeraten, sich im

Vorfeld mit Vertreterinnen und Vertretern der beruflichen

Praxis in Verbindung zu setzen, um auch

deren Perspektive in die weiteren Beratungen zu

integrieren. Hierbei geht es keineswegs darum,

dass diese bestimmen, wie das Studium an der

Universität zukünftig aussehen soll. Aber angesichts

des Auftrags der Universität wäre es unvertretbar,

diesen Blickwinkel aus prinzipiellen Erwägungen

heraus auszuschließen.

Eine besondere Bedeutung kommt bei der Neustrukturierung

der Studiengänge der Trans- und

Interdisziplinarität zu. In einer Gesellschaft, in der

Fragestellungen und Probleme sich immer komplexer

darstellen und häufig nur noch in vernetzter

Arbeit verschiedener Teams erfolgreich gelöst

werden können, behindert eine disziplinäre Einengung

die Erarbeitung sachgerechter und nachhaltiger

Lösungen. Wo es also in der Lehre gelingt,

Möglichkeiten der fächerübergreifenden Lehre und

des fächerübergreifenden, integrierten Studiums

zu schaffen und fest curricular zu verankern, wird

sich das unmittelbar positiv für Absolventinnen

und Absolventen (und übrigens auch auf die Forschung)

auswirken. Wohlgemerkt: Es geht keineswegs

um die Auflösung der Disziplinarität des Studiums.

Intendiert ist vielmehr, die Fachdisziplin

zum Ausgangspunkt des fächerübergreifenden

wissenschaftlichen Dialogs zu machen, der es den

Studierenden ermöglicht, zu lernen, wie man als

Fachmann bzw. als Fachfrau mit komplexen Fragestellungen

umgeht. Dieses Überschreiten der

Grenzen der eigenen Disziplin sollte im Curriculum

der neuen Studiengänge fest verankert sein – und

die Lehrenden müssen es aktiv vormachen.

Ein weiterer Aspekt verbindet sich mit der Einführung

von Bachelor- und Masterstudiengängen:

Es muss wohl kaum noch betont werden, dass

erfolgreich Berufstätige heute mobil sein und internationale

Kompetenzen besitzen müssen. Zumindest

die Ansätze dafür zu schaffen, dass sich

die Absolventinnen und Absolventen der Universität

im internationalen Kontext bewähren und

auszeichnen, ist Pflichtaufgabe einer wissenschaftlichen

Hochschule. Dies betrifft nicht nur das

Bestreben, die Voraussetzungen für möglichst

viele Studierende zu schaffen, mindestens ein Studiensemester

im Ausland zu verbringen. Gegenwärtig

kann dies leider auf Grund des rudimentären

Stipendienwesens nur in Form einer Empfehlung

geschehen. Die deutliche Unterstützung

des Landes im Rahmen des Studienkontensystems,

die jedes Auslandsstudium von der Regelabbuchung

freistellt, zeigt, in welche Richtung

weiter zu denken ist. Der Auftrag zu einer Erhöhung

der internationalen Kompetenz beinhaltet

ferner, dass es zukünftig selbstverständlicher

Standard sein muss, Lehrveranstaltungen (auch

Pflichtlehrveranstaltungen) in einer gängigen

Fremdsprache abzuhalten.

Aber damit ist dem Aspekt der „Internationalisierung“

noch nicht hinreichend Rechnung getragen.

Ganz wesentlich ist, dass auch die Inhalte der

Lehre und des Studiums „internationalisiert“ werden.

Das bedeutet, der Blick der Lehrenden und

der Studierenden muss sich weit über Mainz und

Deutschland hinaus erstrecken und Entwicklungen

und Ergebnisse in Wissenschaft, Wirtschaft und

Gesellschaft in Europa und im internationalen Ausland

in die Lehre und das Studium integrieren.

Wenn die Universität, wenn die Fächer und ihre

Fachvertreter/innen diese Chancen ergreifen, die

sich mit der anstehenden Reform der Studienstruktur

bietet, besteht die Möglichkeit, das in den

zurückliegenden Jahrzehnten sukzessive überladene,

vielfach nur unzureichend auf die einzelnen

Lehrinhalte abgestimmte und in der Regel wenig

auf das primäre Studienziel eines „berufsqualifizierenden

Abschlusses“ ausgerichtete Universitätsstudium

durch differenzierte, schrittweise

aufeinander aufbauende und auf ein bestimmtes

berufliches Feld hin ausgerichtetes wissenschaftliches

und durchaus auch an die aktive Forschung

heranführendes Lehrangebot („curriculum“) abzulösen.

Davon profitieren nicht nur die Studierenden,

sondern zugleich wird die Universität Mainz

im Wettbewerb der Hochschulen um die besten

Studierenden gestärkt, und auch die Forschung

wird daraus dauerhaft profitieren können.

Dr. Bernhard Einig ist Leiter der Abteilung

„Studium und Lehre“ der Universität Mainz.


Der Masterstudiengang „Chemistry of Materials“

Der starke Rückgang der Chemieabsolventen

Ende der neunziger Jahre hatte zur

Folge, dass der Anteil ausländischer Doktoranden

im Fach Chemie der Universität

Mainz stetig gestiegen ist. Auf diese zunehmende

Internationalisierung des Promotionsstudiums

war der Fachbereich

nicht gut vorbereitet, so dass zunehmend

Diskussionsbedarf entstand bezüglich formaler

Zulassungskriterien. Die direkten Betreuer

ausländischer Doktoranden sahen

sich mit teilweise extrem unterschiedlicher

Qualifikation ihrer Schützlinge konfrontiert,

die – wenn überhaupt – nur über aufwändige

individuelle (weil englischsprachige)

Fortbildungsmaßnahmen dem durchschnittlichen

Standard deutscher Absolventen

angeglichen werden konnte. Deshalb

entstand die Idee, einen rein englischsprachigen

Masterstudiengang „Chemistry

of Materials“ einzurichten, der zwei Ziele

hatte:

1. Ausländische und inländische Studierende

sollen innerhalb von zwei Jahren mit

anspruchsvoller Lehre auf ein hohes Ausbildungsniveau

auf dem Gebiet der Materialwissenschaften

gebracht werden.

2. Es sollten durch einen attraktiven

Studiengang die besten ausländischen

und inländischen Studienbewerber rekrutiert

werden, weil auf dem Gebiet der Materialwissenschaft

der Fachbereich Chemie

zusammen mit dem Max-Planck-Institut

für Polymerforschung eine internationale

Spitzenstellung einnimmt.

Der vor diesem Hintergrund vom Fachbereich

Chemie und Pharmazie konzipierte

Masterstudiengang wurde im Juli 1999

durch den Senat der Universität als erster

Masterstudiengang der Hochschule überhaupt

eingerichtet. Verlief dieser Prozess

noch vergleichsweise rasch, gestaltete

sich die nachfolgende Akkreditierung des

Studiengangs für einen aktiven Wissenschaftler

ausgesprochen „fragwürdig“,

weil dominiert von Bürokratie, Formalismus

und nahezu unerträglicher Langatmigkeit.

Auch waren den Mitarbeitern der

Agentur sowie den Gutachtern vielfach die

Rahmenbedingungen für einen Masterstudiengang

nicht klar, so dass sich das Fach

wiederholt mit sachfremden Argumenten

konfrontiert sah. Die drohende Ablehnung

konnte nur durch massive Intervention ver-

Reform der Studienstruktur special 11

hindert werden. Knapp zwei Jahre nach

der Einrichtung erfolgte schließlich doch

die Akkreditierung; der Studienbetrieb

konnte im Sommersemester 2002 aufgenommen

werden.

Die praktische Durchführung des Masterstudiengangs

verlief zunächst sehr erfolgreich:

Zu jedem Zulassungstermin erhielten

wir zwischen 50 und 70 Bewerbungen,

aus denen nach sorgfältiger Auswahl 5 bis

10 Studierende pro Jahr zugelassen werden

konnten. Trotz der stark unterschiedlichen

Vorbildung der Teilnehmer gelang es

durch den weit überdurchschnittlichen

Lerneifer der durchweg sehr begabten

Studierenden und aufgrund des großen

Einsatzes der beteiligten Dozenten (es hat

Spaß gemacht, so engagierte Studierende

zu unterrichten), binnen 2 bis 3 Semester

einen sehr hohen Ausbildungsstand der

Studierenden bezüglich der theoretischen

Fachkenntnisse zu erzielen, der dem eines

überdurchschnittlichen Mainzer Diplomchemikers

ebenbürtig ist.

Auf der praktischen Seite sind allerdings

deutliche Abstriche zu machen: So lässt

sich mit lediglich 3 bis 4 Praktikum-Modulen

von jeweils 3 bis 4 Wochen Dauer bei

weitem nicht das Niveau eines Diplomchemikers

erreichen, zumal die praktischen

Vorkenntnisse der ausländischen Bachelor-

Absolventen äußerst unbefriedigend waren.

Die bisherigen Erfahrungen mit dem

Masterstudiengang sind grundsätzlich

positiv: Von den insgesamt 14 aufgenommenen

Studierenden haben bereits zwei

Studenten das Studium in der Regelstudienzeit

(vier Semester) abgeschlossen, acht

weitere werden das Studium demnächst

erfolgreich abschließen (davon sechs in

der Regelstudienzeit) und nur drei haben

bisher das Studium abgebrochen.

Trotz dieses grundsätzlichen Erfolgs

wurden ab dem Wintersemester 2003/

2004 keine neuen Studierenden mehr zugelassen.

Die Gründe dafür sind vielschichtig,

nur drei seien hier genannt:

1. Trotz massiver Bemühungen ist es

nicht gelungen, die Zahl der Studierenden

signifikant zu erhöhen, so dass der Lehraufwand

für nur 5 bis 10 Studienanfänger

pro Semester zu hoch wurde. Die Ursache

dafür liegt darin, dass die meisten der ausländischen

Studierenden aus Entwick-

lungs- oder Schwellenländern kommen

und nur selten ein Studium in Deutschland

selbst finanzieren können. Die zur Verfügung

stehenden Stipendien reichen leider

nicht aus, um die Annahmequote signifikant

zu erhöhen. Enttäuschend ist zudem,

dass kaum Bewerbungen aus Europa und

insbesondere Deutschland eingegangen

sind.

2. Solange nicht hinreichend fachrelevante

Bachelorstudiengänge eingeführt

sind, die einen nachfolgenden Master

„speisen“, ist die Einführung eines quasi

„in der Luft hängenden“ Masterstudiengangs

höchst problematisch. Es wäre

wünschenswert, wenn in einer Übergangsphase

qualifizierte Studierende aus

einem Diplomstudiengang nach ihrem Vordiplom

(zuzüglich zwei Semester) in den

Masterstudiengang wechseln könnten.

3. Aufgrund der gerade wieder „explodierenden“

Studienanfängerzahlen in

den Diplomstudiengängen der Chemie ist

die zusätzliche Durchführung des Masterstudiengangs

nicht mehr möglich. Dem

Fachbereich Chemie wurden zu Zeiten geringerer

Studierendenzahlen etliche Stellen

gekürzt, die nun nicht wieder erhöht werden,

obwohl die Zahl der Studienanfänger

in den letzten beiden Jahren auf Rekordhöhe

geschnellt ist. Die Unterfinanzierung

der Hochschulen nimmt dramatische Ausmaße

an, so dass für Sonderleistungen

wie die Durchführung von Masterstudiengängen

die Luft einfach zu dünn geworden

ist.

Fazit: Um die Einrichtung von internationalen

Masterstudiengängen zu ermöglichen,

müssen die Rahmenbedingungen an

den Hochschulen deutlich verbessert werden.

Zudem ist es zwingend erforderlich,

die Bürokratie im Zusammenhang mit der

Einführung neuer Studiengänge drastisch

zu reduzieren und auf die wesentlichen,

die eigentliche Qualität von Studium und

Lehre betreffenden Faktoren zu konzentrieren.

Univ.-Prof. Dr. Manfred Schmidt forscht

und lehrt am Institut für Physikalische

Chemie der Universität Mainz.

HD Dr. Wolfgang Schärtl forscht

und lehrt am Institut für Physikalische

Chemie der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


12 special Reform der Studienstruktur

QUALITÄTSSICHERUNG

Akkreditierung neuer Studiengänge

Gute Ideen versus langwierige Antragsverfahren

Im letzten Sommer erfolgreich akkrediertert: der Studiengang „Computational Science – Rechnergestützte Naturwissenschaften“.

Mit der Einführung der gestuften Bachelorund

Masterstudiengänge hat ein neues

Qualitätssicherungssystem in Studium und

Lehre an deutschen Hochschulen Einzug

gehalten: Die Akkreditierung soll feststellen,

ob ein Studiengang fachlich-inhaltlich

und im Hinblick auf seine Berufsrelevanz

bestimmten Mindestanforderungen genügt.

Bislang oblag es den Wissenschaftsministerien

der Länder, einen Studiengang

im Rahmen des staatlichen Genehmigungsverfahrens

auf bestimmte fachspezifische

Kriterien anhand von bundesweit geltenden

Rahmenordnungen zu überprüfen.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen

wurde 1998 durch Beschluss

der Kultusministerkonferenz ein länderübergreifender

Akkreditierungsrat mit Vertreterinnen

und Vertretern der Länder, der Hochschulen,

der Studierenden und der Berufspraxis eingerichtet.

Primäre Aufgabe dieses Gremiums

ist die Formulierung von Leitprinzipien für die

Akkreditierungsverfahren sowie die Begutachtung

und Akkreditierung von Agenturen, die

ihrerseits die einzelnen Studiengänge akkreditieren.

Sechs Akkreditierungsagenturen in unterschiedlicher

Trägerschaft sind derzeit berechtigt,

das Qualitätssiegel des Akkreditierungsrates

für neue Studiengänge zu vergeben.

Grundsätzlich steht die Akkreditierung unter

der Prämisse, Qualität zu sichern, Studierbarkeit

nachzuweisen, Vielfalt zu ermöglichen und

Transparenz zu schaffen. Im Begutachtungsverfahren

eines Studiengangs werden Aspekte

wie Studienstruktur und -inhalte, Berufsbefähigung

der Absolventinnen und Absolventen, personelles

Potenzial und die materielle Ausstattung

beurteilt. Entscheidend ist dabei die Mitwirkung

externer Gutachter aus Wissenschaft,

Akkreditierung von Studiengängen:

Ablaufschema

Voranfrage der Hochschule bei

der gewählten Akkreditierungsagentur

Erstellen des Antrags und Vertragsabschluss

Selbstdokumentation zu Konzeption und Struktur

des zu akkreditierenden Studiengangs

Eröffnung des Akkreditierungsverfahrens

durch die Akkreditierungskommission der

beauftragten Agentur

Begutachtung und Vor-Ort-Begehung

durch externe Gutachter

Empfehlung der Gutachter

Bericht an die Hochschule mit Möglichkeit

der Stellungnahme

Entscheidung der

Akkreditierungskommission:

Akkreditierung Akkreditierung

mit Auflagen

Keine

Akkreditierung

Mitteilung an die Hochschule und den Akkreditierungsrat,

Veröffentlichung der Ergebnisse


eruflicher Praxis und Studium. Am Ende eines

Akkreditierungsverfahrens kann die uneingeschränkte

oder die konditionale (mit Auflagen

verbundene) Akkreditierung sowie die Ablehnung

des Studiengangs stehen. Die Akkreditierung

eines Studiengangs wird zeitlich befristet

ausgesprochen. Danach ist eine Re-Akkreditierung

erforderlich. Die Ergebnisse werden im

Anschluss an das Verfahren veröffentlicht.

Von 1.284 Bachelor- und 1.180 Masterstudiengängen

(Quelle: Hochschulkompass der HKR

vom 13. Oktober 2004) an deutschen Hochschulen

sind 666 Studiengänge (Quelle: Akkreditierungsrat)

akkreditiert. An der Johannes

Gutenberg-Universität Mainz sind bisher 15

Bachelor- und Masterstudiengänge, größtenteils

mit Auflagen, erfolgreich akkreditiert worden.

Zwei Masterstudiengänge durchlaufen

gegenwärtig ein Akkreditierungsverfahren. Eine

weitere Akkreditierung wurde während des

Verfahrens zurückgestellt.

Von der Antragstellung durch die Universität bis

hin zum Abschluss der Akkreditierung sind

dabei Verfahrenszeiten zwischen 5 und 17

Monaten vergangen. Durch die Vielzahl laufender

Akkreditierungsverfahren scheint die

Arbeitsbelastung der Akkreditierungsagenturen

derart angestiegen zu sein, dass zwischen den

offiziell genannten Verfahrenszeiten von etwa

sechs Monaten und den tatsächlichen Bearbeitungszeiten

ein erheblicher Unterschied

besteht. Da die Umstellung der Studienstruktur

von Diplom- und Magisterstudiengängen (rund

10.000 Studiengänge) auf das gestufte Bachelor-

und Mastersystem erst am Anfang steht,

wird sich diese Situation zukünftig noch verschärfen.

Dass es bei aller Kritik an der Verfahrensdauer

aber auch schneller gehen kann,

zeigt die jüngste Akkreditierung der Bachelorund

Masterstudiengänge des Fachbereichs

Mathematik und Informatik: Durch eine enge

Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für

Qualitätssicherung und -entwicklung der Universität

und der Akkreditierungsagentur konnte

das Verfahren innerhalb von fünf Monaten

abgeschlossen werden.

Fazit: Auch wenn langwierige und zunehmend

„überbürokratisierte“ Antragsverfahren bei den

Studiengangsverantwortlichen zu Recht auf

Reform der Studienstruktur special 13

Akkreditierte Studiengänge an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bachelorstudiengänge Abschluss Agentur Akkr.Datum

Archäologie Bachelor of Arts ZEvA 14.10.2003

Informatik Bachelor of Science ZEvA 23.04.2001

Mathematik Bachelor of Science AQAS 30.08.2004

Molekulare Biologie Bachelor of Science ZEvA 12.12.2002

Musik Bachelor of Arts AQAS 30.08.2004

Masterstudiengänge

Biomedizin Master of Science ZEvA 12.12.2002

Chemistry of Materials Master of Science Akkreditierungsrat 29.01.2001

Computational Science – Master of Science AQAS 30.08.2004

Rechnergestützte Naturwissenschaften

Executive Master of Business Master of Business ZEvA 04.10.2001

Administration Administration

Informatik mit interdisziplinärem Master of Science AQAS 30.08.2004

Schwerpunkt Mathematik

Journalismus Master of Arts ZEvA 17.02.2004

Mathematik Master of Science AQAS 30.08.2004

Mathematik mit Schwerpunkt Informatik Master of Science AQAS 30.08.2004

Medienrecht Master of Laws ZEvA 01.08.2003

Voice Master of Arts AQAS 30.08.2004

Unverständnis stoßen, ist die Grundidee der

Akkreditierung als einem peer-gestützten Qualitätssicherungsverfahren

bei der Einrichtung

neuer Studiengänge nach wie vor positiv hervorzuheben.

Dennoch ergibt sich aus den bisherigen

Erfahrungen die Notwendigkeit, das

Verfahren weitgehend zu überarbeiten. Tatsache

ist, dass entgegen der Behauptungen die

erforderlichen wissenschaftlichen Standards

zumeist nicht existieren. Damit fehlt aber das

entscheidende Beurteilungskriterium. In Folge

dessen treten vielfach formale Aspekte in den

Vordergrund und dominieren das Verfahren.

Zudem verlängert die geringe Anzahl autorisierter

Agenturen die Zeit bis zum Abschluss

des Verfahrens häufig so lange, dass zwischen

der Einrichtung des Studiengangs und der Aufnahme

des Studienbetriebs mehr als ein Jahr

liegt. Auch klagen die Fächer und Fachbereiche

häufig über eine nur mangelhafte Betreuung

durch die Agenturen bei der Erstellung der

umfangreichen Antragsunterlagen, was zu

erheblichen Mehrbelastungen bei den verantwortlichen

Fachvertreterinnen und -vertretern

sowie zu weiteren Verzögerungen führt.

Aufgabe der Hochschulen muss es daher sein,

jetzt mit ihrer gesammelten Kompetenz auf

eine Weiterentwicklung des Akkreditierungssystems

als einem wirkungsvollen Element der

Qualitätssicherung in Studium und Lehre hinzuwirken.

Dr. Barbara Blachnik leitet das Referat

„Studien- und Prüfungswesen“ der

Zentralen Verwaltung der Universität Mainz.

Dr. Bernhard Einig leitet die Abteilung

„Studium und Lehre“ der Zentralen

Verwaltung der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


14 special Reform der Studienstruktur

Über weite Strecken völlig unverständlich

Erfahrungen bei der Akkreditierung des Masterstudiengangs Journalismus

Im Februar dieses Jahres wurde der

Masterstudiengang Journalismus von der

Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur

Hannover (ZEvA) akkreditiert.

Dabei hat diese Akkreditierung mit

zum Teil konfusen Hinweisen und unverständlichen

Auflagen inhaltlich zu keiner

Verbesserung des Studiengangs geführt.

Weiteres Fazit des langwierigen Verfahrens:

Ohnehin knappe Arbeitskapazität

wurde in erheblichem Umfang vergeudet.

Wie grau ist doch manche Theorie,

wenn es um die Akkreditierung geht. Hier

sollen nach den Vorstellungen von Kultusministerkonferenz

(KMK) und Hochschulrektorenkonferenz

(HRK) fachlich-inhaltliche

Mindeststandards für Bachelor-,

Master- und Weiterbildungsprogramme

auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt

geprüft werden. Mehr noch: Die Akkreditierung

soll Transparenz und Qualität der

Leistungen und Angebote sicherstellen.

Soweit das Soll.

Im Ist hat im Wintersemester 2002/2003

der Masterstudiengang Journalismus den

alten Aufbaustudiengang Journalistik am

Journalistischen Seminar abgelöst. Der

neue Master wurde dabei auf eine solide

Grundlage gestellt: Die Mainzer Journalistenausbildung

hatte sich seit ihrer Gründung

im Jahre 1978 mit inzwischen weit

über 500 Absolventen in den Redaktionen

von Presse, Hörfunk, Fernsehen und Internet

am Markt fest etabliert. Sie sollte mit

dem Masterstudiengang noch besser werden.

Dementsprechend wurde das Lehr-

wissenschaftsmanagement special 2/2004

angebot an die Erfordernisse der veränderten

journalistischen Praxis angepasst,

breiter ausgelegt sowie stärker wissenschaftlich

und interdisziplinär ausgerichtet.

Parallel zur Einführung im Winter 2002

hatte die Universität Mitte Dezember bei

der Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur

Hannover (ZEvA) die Akkreditierung

des Masterstudiengangs beantragt.

Diesem Antrag waren sechs Monate

intensiver Vorbereitung vorausgegangen,

weil sehr detaillierte Angaben über die

Institution und das Studienprogramm

sowie die diversen Ordnungen, Beschlüsse

und Stellungnahmen zusammengestellt

werden mussten. Mehr noch: Jede einzelne

Lehrveranstaltung musste in einem

Modulhandbuch inhaltlich ausführlich beschrieben

werden. Diese Beschreibung

umfasste auch den erforderlichen Arbeitsaufwand

der Studierenden und die jeweiligen

Prüfungsleistungen.

Das Verfahren nahm einen bürokratischen

Gang: Die Universität sicherte die Übernahme

der Kosten zu – und die Agentur prüfte

die Antragsunterlagen. Dann benannte die

Akkreditierungskommission die Gutachter,

wobei sie dem Vorschlag der Universität

folgte. Im Mai 2003 besuchte die Mehrheit

der Gutachter die Universität Mainz. Sie

führte eine Reihe intensiver Gespräche mit

Vertretern der Universitätsleitung und des

Fachbereichs, mit den Programmverantwortlichen,

mit Lehrenden und mit Studierenden

des alten Aufbaustudiengangs und

des neuen Masterstudiengangs. Der Stand

nach den Gesprächsrunden: Rundum große

Zufriedenheit.

Erst ein halbes Jahr später, im November

2003, legte die ZEvA den Entwurf ihres

Berichtes vor, ein zu Papier gebrachtes

Koordinationschaos. Der Referent hatte

versucht, jede Meinung jedes Gutachters

zu jedem Punkt zu berücksichtigen und

seine eigene Meinung einfließen zu lassen.

Dieser Versuch war ihm geglückt, womit

der Berichtsentwurf prompt eine Vielzahl

widersprüchlicher Aussagen und Einschätzungen

enthielt, systematisch gleichzeitig

in mehrere Richtungen zielte und

über weite Strecken völlig unverständlich

war. Nachdem das Journalistische Seminar

mit Unterstützung der Universitätsleitung

diesem Entwurf widersprochen hatte,

setzte auf mehreren Ebenen eine Art Abstimmungsprozess

ein, der als Versuch

der Chaosbeseitigung auf dem kleinsten

soeben noch akzeptablen Nenner charakterisiert

werden kann. Im Ergebnis wurde

das Studium zugunsten der Masterarbeit

um zwei Projekte und ein mehrwöchiges

Praktikum abgespeckt; eine Veränderung,

über deren Sinn mit Blick auf den Arbeitsmarkt

durchaus gestritten werden kann.

Der Studiengang erhielt aber auch Auflagen,

über deren Inhalt die Antragsteller

noch heute rätseln und die trotz mehrfacher

Nachfrage von der Agentur auch

nicht erklärt wurden. Die Aussichten sind

damit schlecht. Der Masterstudiengang

Journalismus wurde zwar im Februar 2004

von der Ständigen Akkreditierungskommission

der ZEvA akkreditiert, der Akkreditierungsprozess

wird aber erst dann abgeschlossen

sein, wenn die Erfüllung genau

dieser Auflagen von der Geschäftsstelle

der Agentur bestätigt wird.

Univ.-Prof. Dr. Volker Wolf

forscht und lehrt am Journalistischen

Seminar der Universität Mainz.

Dr. Thomas Hartmann

forscht und lehrt am Journalistischen

Seminar der Universität Mainz.


Reform der Studienstruktur special 15

REFORMPROZESS

In zwei Stufen zum Staatsexamen

Neuordnung des Lehramtsstudiums in Rheinland-Pfalz

Die Ergebnisse der PISA-Studie erschütterten

das deutsche Schulsystem und rüttelten die

Verantwortlichen wach, endlich schon länger

erkannte Probleme anzugehen. Zu den Ursachen

der schlechten Ergebnisse zählte auch

ein nicht mehr zeitgemäßes Ausbildungskonzept

für die angehenden Lehrerinnen und

Lehrer.

Mit dem politischen Rückenwind der PISA-Studie

entschloss sich die rheinland-pfälzische Landesregierung,

das Ausbildungskonzept der Lehramtsstudiengänge

von Grund auf zu reformieren.

Fünf Felder wurden dabei besonders in den Blick

genommen:

■ Stärkere Orientierung des Lehramtsstudiums

hin auf das zukünftige Berufsfeld „Schule“

■ Erhöhung der Vermittlungskompetenz

■ Einführung verbindlicher Kerncurricula für die

einzelnen Fächer, um die Beliebigkeit der

Lehrinhalte zu verhindern

■ Früherer Kontakt mit der Schulpraxis im Rahmen

der Lehramtsausbildung

■ Verkürzung der zu langen Ausbildungszeiten

durch ein strukturierteres Lehramtsstudium

Um deutliche Verbesserungen auf diesen Feldern

zu erreichen, entschloss man sich, Lehramts-,

Bachelor- und Masterstudiengänge an Stelle der

bisherigen Staatsexamensstudiengänge einzuführen.

Dies ergibt insofern Sinn, als gemäß der

Bologna-Deklaration alle Studiengänge auf das

Bachelor- und Mastersystem umgestellt werden

sollen. Unter Ressourcengesichtspunkten ist es

sinnvoller, sämtliche Studiengänge eines Faches

in einer vergleichbaren Systematik anzubieten,

weil dann Angebote in allen Studiengängen

genutzt werden können.

Das Land hat das Ziel gesetzt, dass die neuen

Lehramts-Bachelor- und Masterstudiengänge

verbindlich bis zum Sommersemester 2008 einzuführen

sind.

Die Qualität der Lehrerausbildung soll an den rheinland-pfälzischen Hochschulen deutlich verbessert werden.

Die Diskussion um die Einführung der neuen

Lehramtsstudiengänge wurde innerhalb unserer

Universität im Jahre 2002 bisweilen recht heftig

geführt. Dieser im Endeffekt konstruktive Prozess

führte dazu, dass die Mainzer Universität ein

kompetentes Thesenpapier zur Lehramtsreform

vorlegen konnte, dessen wesentliche Punkte Eingang

in die endgültige Fassung des neuen dualen

Studien- und Ausbildungskonzeptes für das Lehramt

gefunden haben.

Die entscheidenden Veränderungen der neuen

Lehramtsstudiengänge im Vergleich zur heutigen

Situation stellen sich wie folgt dar:

■ Der Studiengang ist gestuft und konsekutiv

aufgebaut – sechs Semester Bachelor

(120 SWS) und vier Semester Master

(80 SWS) für Lehramt an Gymnasien.

■ Die verbesserte Struktur ergibt sich durch

die Modularisierung.

■ Die Referendariatszeit wird etwa um die Hälfte

verkürzt. Ein Teil der praktischen Ausbildungs-

anteile wird vom ersten Semester an in das

Hochschulstudium integriert.

■ Orientierende (an verschiedenen Schularten)

und vertiefende Praktika sind Gegenstand des

Bachelorstudiengangs. Fachpraktika (ein Tag

pro Woche während der Vorlesungszeit) sind

während der Masterphase abzuleisten.

■ Die Bildungswissenschaften mit pädagogischen,

sozialwissenschaftlichen und

psychologischen Anteilen werden verstärkt:

Die fachwissenschaftlichen Anteile, inklusive

Fachdidaktik, werden gegenüber dem bisherigen

Studium leicht erhöht.

■ Zur Koordination und zur Wahrnehmung der

Verantwortung für die fachübergreifenden

Lehramtsstudiengänge und deren Verbindung

mit der berufspraktischen Ausbildung richtet

jede Universität ein Lehrerbildungszentrum

ein, das als wissenschaftliche Einrichtung zu

konzipieren ist. Zu den Aufgaben gehört die

Abstimmung mit den Studienseminaren und

wissenschaftsmanagement special 2/2004


www.beaufort8.com

16 special Reform der Studienstruktur

den Schulen, weswegen Vertreter dieser Einrichtungen

ebenso wie Vertreter des staatlichen

Prüfungsamtes und der Lehrerfort- und

Weiterbildung stimmberechtigt in diesem

Gremium mitwirken. Damit gibt es erstmals in

einem universitären Gremium stimmberechtigte

Mitglieder, die nicht Mitglieder der Universität

sind.

Der bisher erreichte Stand der Reform kann wie

folgt skizziert werden: Die Entwicklung des Kerncurriculums

Bildungswissenschaften ist abgeschlossen.

Ab dem Sommersemester 2005 sind die

curricularen Standards der Bildungswissenschaften

für alle Lehramtsstudiengänge verbindlich.

Derzeit werden für alle Lehramtsstudiengänge

Standards entwickelt (Abschluss 2005), die mit

Einführung der neuen Lehramtsstudiengänge

(Bachelor/Master) spätestens 2008 verbindlich

werden. Die neuen Studiengänge können landesweit

auch schon vor diesem Zeitpunkt eingerichtet

werden.

Die Verordnung zur Einrichtung der Lehrerbildungszentren

wurde im September 2004 veröffentlicht.

Im ersten Drittel des Wintersemesters

2004/2005 kann sich das Zentrum konstituieren

und strukturieren, um spätestens zu Beginn des

Jahres 2005 seine Arbeit aufzunehmen. Zu den

vordringlichen Aufgaben wird die Integration und

Koordination des neuen bildungswissenschaftlichen

Curriculums in die bestehenden Staatsexamensstudiengänge

(Lehramt) gehören.

Die Organisation der Schulpraktika wird ebenfalls

zu den ersten Aufgaben des Lehrerbildungszentrums

gehören, da auch diese schon vor der endgültigen

Einführung der neuen Lehramtsstudiengänge

modifiziert werden sollen. Hier fällt noch

eine Menge Abstimmungsarbeit zwischen den

beteiligten Institutionen Schule, Studienseminare

und Universität an.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass

sich der Reformprozess der neuen Lehramtsstudiengänge

auf einem guten Weg befindet. Ob

die neuen Studiengänge erfolgreicher als die

Staatsexamensstudiengänge sein werden, hängt

von der guten Zusammenarbeit aller Mitwirkenden

ab.

Die aktuellen Diskussionen um die Inhalte der

Kerncurricula verdeutlichen aber schon jetzt,

dass von allen Beteiligten sehr konstruktiv und

sachbezogen gearbeitet wird. Unter diesem

Aspekt sehe ich der Weiterentwicklung des

Reformprozesses Lehramt recht hoffnungsfroh

entgegen, unter anderem auch deshalb, weil sich

die inneruniversitäre Diskussion, die zu Beginn

starke emotionale Akzente aufwies, beruhigt hat

und derzeit intensiv die Chancen auslotet, die die

Reform für die Ausbildung unserer Kinder bietet.

Prof. Dr. Jürgen Oldenstein

ist Vizepräsident für

„Studium und Lehre“ der Universität Mainz.

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MAINZER MODELL

Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität special 17

Hochschulevaluation ernst genommen

Das Instrument der Qualitäts- und Organisationsentwicklung gewinnt an Akzeptanz

Der Begriff der Evaluation vereint sehr unterschiedliche

Vorstellungen, die zwischen, aber

auch innerhalb einzelner Anwendungsfelder

variieren. Evaluation im Gesundheitsbereich, in

Schulen, der Verwaltung, der Industrie und

Hochschulen – um nur einige Gebiete zu nennen

– verfolgen zum Teil sehr unterschiedliche

Zielsetzungen und weichen dementsprechend

häufig im Hinblick auf die methodische Herangehensweise

voneinander ab.

In den Hochschulen selbst lassen sich Differenzierungen

derart beobachten, dass unter dem Begriff

der Evaluation sowohl Veranstaltungsbefragungen

als auch solche Verfahren summiert werden, die

stärker auf die Fächer, Fachbereiche bzw. Studiengänge

abstellen. Betrachtet man wiederum die

internationale Entwicklung im Bereich der Hochschulevaluation,

zeigen sich weitere begriffliche

Differenzierungen. So ist etwa in den USA der

Begriff der Evaluation wesentlich auf die Durchführung

von Veranstaltungsbefragungen begrenzt,

während jener der Akkreditierung – anders als in

Deutschland – sich auf die gesamte Universität als

Institution bezieht.

Die Geschichte der Hochschulevaluation in

Deutschland ist, abgesehen von der bereits längeren

Tradition der Evaluation im Bereich der Forschungsförderung,

vergleichsweise jung. Sie ist

geprägt von den Erfahrungen der deutschen Wiedervereinigung

und verbunden mit der „Abwicklung“

einzelner Institute, was für die Evaluation

über lange Jahre insofern prägend war, als ihr

das Attribut eines Legitimationsinstrumentes zum

Abbau von Ressourcen anhaftete. Dieser Eindruck

konnte in den vergangenen Jahren revidiert werden.

Hochschulevaluation genießt eine wachsende

Akzeptanz, und es besteht weitgehender Konsens

darin, sie als Instrument der Qualitäts- und

Organisationsentwicklung zu verstehen, wenn

auch die konkrete Ausgestaltung der Verfahren

zwischen einzelnen Bundesländern und Hochschulen

variiert.

Das „Mainzer Modell“ richtet bei der Evaluation von

Studiengängen ein Hauptaugenmerk auch auf die

jeweiligen Forschungsleistungen.

An der Universität Mainz wird die Evaluation von

Fächern und Fachbereichen bereits seit vielen

Jahren vom Zentrum für Qualitätssicherung und

-entwicklung (ZQ) durchgeführt. Beginnend mit

einem Modellversuch in den Fächern Mathematik

und Politik in Kooperation mit dem Hochschul-

Informations-System (HIS) im Jahr 1996 wurden

in den vergangenen Jahren sukzessive Fächer und

Fachbereiche evaluiert. Gleichzeitig wurde das

zweistufige Verfahren der internen und externen

Evaluation (peer-review) weiterentwickelt zum

„Mainzer Modell der Evaluation“, das besondere

Prämissen im Hinblick auf die Gewichtung einzelner

Verfahrensschritte und die Gegenstände der

Evaluation setzt.

Die Evaluation gliedert sich in drei Phasen: An die

interne Evaluation, in der auf Grundlage von quantitativen

und qualitativen Daten ein Evaluationsbericht

in Kooperation zwischen Fach und ZQ erstellt

wird, schließt sich die externe Evaluation an, die

auf der Basis dieses Berichtes eine Begutachtung

durch Fachkollegen anderer Hochschulen vorsieht.

Das externe Gutachten sowie der interne Evaluationsbericht

wiederum sind die Basis für eine Zielvereinbarung

zwischen Fach, Fachbereich und

Hochschulleitung über einzuleitende Maßnahmen

und etwaigen Unterstützungsbedarf. Während

diese Verfahrensschritte in deutschen Hochschulen

mehr und mehr zum Standard werden, unterscheidet

sich die Evaluation nach dem Mainzer

Modell bezüglich der expliziten Berücksichtigung

der Forschungsleistungen sowie der spezifischen

Ausgestaltung der internen Evaluation. Ersterem

entspricht die Auffassung, dass Studium und

Lehre nicht ohne eine angemessene Forschungsanbindung

gedacht und strukturiert werden sollten.

So wäre beispielsweise die Entwicklung neuer

Studienschwerpunkte ohne eine angemessene

Berücksichtigung der Forschungspotenziale nicht

sinnvoll. Im Hinblick auf die interne Evaluation

unterscheidet sich die Evaluation nach dem Mainzer

Modell vor allem darin, dass auf unterschiedliche

Formen von Daten Bezug genommen wird. Im

Mittelpunkt stehen hierbei vom ZQ moderierte

Gruppen- und Einzelgespräche mit Studierenden,

Lehrbeauftragten, nichtwissenschaftlichen und

wissenschaftlichen Mitarbeitern, Drittmittelbediensteten

und Professoren, die sich Fragen der Organisation

von Forschung und Lehre annehmen. Aufgrund

der bekanntermaßen schwierigen Gewinnung

repräsentativer Daten im Bereich der

Hochschulevaluation kommt hierbei ein kumulatives

Gesprächsverfahren zum Einsatz, in dem die

gewonnenen Ergebnisse in die jeweils nachfolgenden

Gespräche einfließen, so eine Kommentierung

erfahren und gegebenenfalls revidiert oder modifiziert

werden können.

Das Evaluationsverfahren nach dem Mainzer

Modell hat sich in den vergangenen Jahren vielfach

bewährt. Ausdruck dessen ist unter anderem,

dass das ZQ als Geschäftsstelle des Hochschulevaluierungsverbundes

Süd-West, dem zur Zeit

13 Hochschulen aus Rheinland-Pfalz, Hessen und

dem Saarland angehören, dieses Modell auch an

anderen Hochschulen mit Erfolg praktiziert.

Dr. Uwe Schmidt leitet das

„Zentrum für Qualitätssicherung und

-entwicklung (ZQ)“ der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


18 special Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität

Das Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung

Mit der Einrichtung des Zentrums für Qualitätssicherung

und -entwicklung (ZQ) im

Jahre 1999 hat die Johannes Gutenberg-

Universität Mainz ihre Bemühungen um

die Qualitätssicherung in einer deutschlandweit

bislang einzigartigen Form institutionalisiert.

Das ZQ ist eine zentrale Einrichtung

der Universität, die zum einen

den Fächern und Fachbereichen im Hinblick

auf die Unterstützung bei QualitätsundOrganisationsentwicklungsprozessen,

zum anderen der Hochschulleitung

beratend verpflichtet ist.

Wesentliche Aufgabe des ZQ ist die Evaluation

von Fächern und Fachbereichen.

Das Mainzer Modell der Evaluation zeichnet

sich dadurch aus, dass es alle Felder

von Studium und Lehre sowie relevante

STUDIERENDEN-BEFRAGUNG

Eine Evaluation studentischer

Lehrevaluationen

„Bewertung der Bewertungen“ sorgfältig analysieren

Im Zeichen gestiegener Aufmerksamkeit für

die Qualität der Lehre wurde im Fachbereich

Physik vom Wintersemester 2001/2002 bis

zum Sommersemester 2004, gefördert durch

die Universität, ein Projekt zur Untersuchung

von Korrelationen in studentischen Lehrevaluationen

durchgeführt.

Für dieses Projekt wurde ein sehr umfangreicher

Fragebogen entwickelt, der neben den standardmäßigen

Qualitätsmerkmalen von Vorlesungen

auch die schulische Vorbildung (bei den Anfangs-

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Aspekte der Forschung und der Organisation

umfasst. Ein besonderer Schwerpunkt

liegt darüber hinaus auf dem Prozess

der internen Evaluation, der über

den bewertenden Charakter von Evaluation

hinaus den Fächern die Möglichkeit

eines Monitoring hinsichtlich ihrer Stärken

und Schwächen bietet. Gekoppelt ist

dieses Verfahren an die Vereinbarung verbindlicher

Ziele zwischen Fächern, Fachbereichen

und Hochschulleitung. Die Arbeit

des ZQ erstreckt sich auch auf die

Durchführung von Programmevaluationen

im Sinne von Wirkungsforschung. Gegenstand

dieser Evaluationen sind vornehmlich

Modellprojekte aus dem Bildungsbereich.

Zudem führt ZQ Projekte im Bereich

der empirischen Hochschul- und Bildungsforschung

durch, so unter anderem

zu Fragen der Studien- und Leistungsmotivation.

Als besonderes Profil von ZQ kann herausgestellt

werden, dass

■ ZQ in erster Linie zur Unterstützung

der Fächer und Fachbereiche im Hinblick

auf vielschichtige Reorganisa-

semestern), Studienfinanzierung und allgemeine

Arbeitsintensität (auch in der vorlesungsfreien Zeit)

abfragt. Es liegen nunmehr die Befragungen zu

110 Vorlesungen vor.

Wegen der Rückwirkung studentischer Evaluationen

auf die Lehre ist es von großer Bedeutung,

diese Rückkopplung unter Kontrolle zu behalten.

Eine besondere Gefahr besteht darin, dass sich die

Lehrenden zur Erzielung guter Noten durch die

Studierenden auf sekundäre Qualitätsmerkmale

zurückziehen, insbesondere wenn derartige

tionsprozesse in Forschung, Studium

und Lehre zur Verfügung steht,

■ insofern wissenschaftlich orientiert ist,

als neben eigenen Forschungsprojekten

der Bezug zur aktuellen nationalen

und internationalen Fachdiskussion in

Fragen der Qualitätssicherung und

Förderung des wissenschaftlichen

Nachwuchses konstitutiv für die jeweiligen

Tätigkeitsfelder ist,

■ die unterschiedlichen Arbeitsgebiete

differenzierte Perspektiven und Zugänge

erlauben, um die Situation in Forschung

und Lehre angemessen darzustellen,

■ neben dieser Perspektivenvielfalt unterschiedliche

methodische Zugänge

gewählt werden, um den komplexen

und zum Teil ambivalenten Ansprüchen,

denen Universitäten ausgesetzt

sind, gerecht werden zu können.

Dr. Uwe Schmidt leitet das „Zentrum für

Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ)“

der Universität Mainz.

Bewertungen zur Grundlage von besoldungsrelevanten

Leistungsbewertungen gemacht werden.

Es ist daher von großer Bedeutung, solche Evaluationen

selbst wieder einer Evaluation zu unterziehen.

In dieser kurzen Mitteilung sollen nur beispielhaft

und kurz zwei Punkte angesprochen

werden, nämlich der Zusammenhang zwischen

Bewertung und Teilnehmerzahl sowie zwischen

Bewertung und Anforderung an die Studierenden.

Die Korrelation zwischen der Bewertung der Vorlesungen

und der Teilnehmerzahl (ausgefüllte Frage-


ögen) ist in Abbildung 1 dargestellt. Neben der

breiten Streuung der Bewertungen ist ein „oberer

Rand“ erkennbar, der sich so interpretieren lässt,

dass die Bewertung mit zunehmender Hörerzahl

schlechter ausfällt. Wenn hier auch noch Fragen

offen sind (die Hörerzahl korreliert z.B. mit der

Semesterzahl der Studierenden sowie mit Experiment/Theorie),

ist eine solche Korrelation so zu

werten, dass ein Dozent mit einer Hörerschaft von

100 bei einer Bewertung mit 11.9 die gleiche

Leistung erbringt wie ein anderer, der bei zehn

Hörern mit 14.5 bewertet wird.

Man wird den Bereich zwischen den beiden Kurven

in Abbildung 1 als besonders erfolgreiche

Lehre werten können (wobei natürlich die Wahl

des Abstandes von -1.0 diskussionsbedürftig ist).

Bei einer Lehrveranstaltung wie der Vorlesung

kann nicht erwartet werden, dass der Stoff von

den Studierenden allein durch das Hören der Vorlesung

wirklich verarbeitet wird. Es ist daher ein

inhärentes Element dieses Typs von Lehrveranstaltung,

dass sich die Studierenden in Eigenarbeit

weitergehend mit dem vorgetragenen Stoff auseinandersetzen.

In der Tat darf die Vorlesung, um

ihrem Anspruch auf Anregung zu Eigenarbeit (der

einen ganz wesentlichen Teil der Ausbildung zu

einem akademischen Beruf ausmacht) gerecht zu

werden, keine Unterhaltungsveranstaltung sein,

vielmehr muss sie den Hörer an die Grenze seines

derzeitigen Verständnisses und darüber hinaus

führen. Entsprechend werden die Studierenden

eine Vorlesung als anstrengend erfahren, was

leicht als Frustration erlebt wird. Diese muss

jemand, der erfolgreich studieren will, aushalten

können, ja, er muss sie als wichtigen Bestandteil

des akademischen Studiums akzeptieren. Daher

wurde in dem Fragebogen die folgende, im Weiteren

kurz als „Forderung“ bezeichnete Frage

gestellt:

„Mit der Zielsetzung, durch Forderung zu fördern,

mutet eine akademische Lehrveranstaltung den

Teilnehmern in nicht unerheblichem Maß (durch

Eigenarbeit zu behebende) Frustrationen zu. Halten

Sie das Maß, das Ihnen in dieser Vorlesung

zugemutet wurde, für angemessen?“

Zu viel an Zumutung [15] ....

gerade richtig [08] ....

zu wenig an Zumutung [00]

Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität special 19

Gesamtbewertung der Versorgung

14

12

10

8

6

4

2

Text ??? Text ??? Text ???

Abb. 1: Bewertung der Vorlesungen aufgetragen über der Teilnehmerzahl. Die Vorlesungen für experimentelle

und theoretische Physik sowie für Meteorologie sind durch verschiedene Symbole dargestellt. Die obere Kurve

zeigt den oberen Rand dieser Verteilung, die untere ist dagegen um -1.0 versetzt.

Gesamtbewertung der Versorgung

14

12

10

8

6

4

2

Text ??? Text ??? Text ???

Abb. 2: Gesamtbewertung der einzelnen Vorlesungen aufgetragen über der „Forderung“. Die beiden Geraden

zeigen die oberen Ränder dieser Verteilungen für die Vorlesungen in theoretischer bzw. experimenteller Physik.

In Abbildung 2 ist die Bewertung über der Forderung

aufgetragen, wieder mit unterschiedlichen

Symbolen für die drei Bereiche. Die beiden Geraden

zeigen die oberen Ränder für die Vorlesungen

in theoretischer und in experimenteller Physik.

Deutlich ist eine Verschiebung dieser beiden

Bereiche gegeneinander zu erkennen (die

meteorologischen Vorlesungen liegen dazwischen).

Offenbar wird eine experimentelle Vorlesung,

die die Studierenden in gleicher Weise fordert,

schlechter bewertet als eine theoretische.

Vermutlich hängt dies mit der Erwartungshaltung

der Studierenden zusammen: In den experimentellen

Vorlesungen erwarten sie eine geringere Beanspruchung

als in den theoretischen und kreiden es

entsprechend den Dozenten an, wenn es auch

hier einer erheblichen geistigen Anstrengung

bedarf, den weiteren Ausbau des physikalischen

Gedankengebäudes zu verstehen. – Es wäre fatal,

wenn zur Erzielung guter Bewertungen der angesprochene

Aspekt der „Förderung durch Forderung“

Schaden nähme.

Die beiden angesprochenen Gesichtspunkte verdeutlichen,

dass es einer sorgfältigen „Bewertung

der Bewertungen“ bedarf, bevor aus ihnen Schlussfolgerungen

gezogen werden, sei es im Hinblick

auf eine Änderung des Lehrverhaltens, sei es für

eine Entscheidung in Besoldungsfragen („Bezahlung

nach Leistung“).

Univ.-Prof. Dr. Jörg Friedrich forscht

und lehrt am Institut für Kernphysik

der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


20 special Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität

E-LEARNING

„Ferne Nähe“: Moderne Methoden

in einem Überlastfach

Von Gutenbergs Buchdruck zu den multimedialen Lernmedien

Am Institut für Buchwissenschaft ist der Umgang mit Neuen Medien ein entscheidendes Merkmal des Studiums.

Die Zeitgenossen Gutenbergs bemängelten,

dass durch die Bereitstellung von Schulbüchern

das Auswendiglernen der Texte

und die Diktate in den Vorlesungen nun entfielen

und dass damit ein wesentlicher

Lerneffekt verloren ginge. Das Buch wurde

im wissenschaftlichen Unterricht für die

Studierenden zunächst nicht nur als eine

Lernerleichterung, sondern auch als ein

didaktischer Verlust empfunden, da die

Gedächtnisleistung der Studierenden

spürbar nachlasse.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Da sich das Institut für Buchwissenschaft besonders

mit Fragen von Medienumbrüchen beschäftigt

(in Krisensituationen kristallisieren sich die

grundsätzlichen Fragen besonders deutlich heraus),

liegt es nahe, nicht nur den Wechsel von

der Handschrift zum Buchdruck oder von der

schriftorientierten zu einer bildorientierten Information

im 20. Jahrhundert zu thematisieren,

sondern auch die Fragen des Medienumbruchs

im Computerzeitalter der Gegenwart.

Aus diesem Grunde war es im Überlastfach

Buchwissenschaft (740 Studierende bei zwei

Professoren und drei akademischen Mitarbeitern)

naheliegend, sich bei der Sorge um die Beratung

und Betreuung der großen Zahl der Studierenden

auch mit den Möglichkeiten computergestützter

Lernprogramme zu beschäftigen. In verschiedenen

Lehrveranstaltungen und Magisterarbeiten

wurde in den letzten Jahren das Wechselverhältnis

vom elektronischen Publizieren und vom

elektronischen Lernen diskutiert und analysiert.

Eine jüngst erhobene Untersuchung in der Magisterarbeit

von Sabrina Gab (2004) zeigt, dass

über 90 Prozent der Buchwissenschaft-Studierenden

einen kontinuierlichen Zugang zu einem

PC haben und weit über die Hälfte regelmäßig im

Internet recherchiert. In der Befragung zeigten

sich über 75 Prozent aufgeschlossen für

E-Learning-Programme.

Die Homepage als Erstinformation

Die Lehrenden tragen diesem Wunsch Rechnung,

indem die unterschiedlichen elektronischen Vermittlungsformen

in die Lehre Einzug gehalten

haben. Dazu gehört seit acht Jahren die Bereitstellung

eines elektronischen Schwarzen Brettes

in Form einer täglich (!) aktualisierten Homepage.

Die Studierenden erfahren dort nicht nur das

jeweilige Vorlesungsprogramm, sondern auch die

aktuellen Sprechstundenzeiten, Hinweise auf

Gastvorträge und auf besonders wichtige Ereignisse

des Faches (wie z.B. im Moment Hintergrundinformationen

zum erschreckenden Brand

der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek in Weimar

mit weiterführenden Links zur Bucherhaltung,

Papierrestauration etc.). Der tägliche Blick auf die

Homepage wurde daher für die Studierenden

selbstverständlich. Die Homepage bietet gleichzeitig

eine Brücke zu den E-Mail-Sprechstunden

der Lehrenden, die es ermöglichen, Routineanfragen

auf diesem sehr kurzen Wege zu erledigen.

Über die Homepage stehen darüber hinaus Vorlesungsskripte,

Literaturlisten oder auch ganze

PowerPoint-Präsentationen thematisch gebündelt

zur Verfügung (und die FAQ können von den

Sprechstunden auf diese Information verlagert

werden und damit dort Platz schaffen für intensive

Prüfungsberatung etc.) Mit zwei E-Learning-

Programmen werden zur Zeit Fragen der Allgemeinen

Typographie („Welche Schriftart für

welche Texte?“) und der alltäglichen Studienberatung

(„Wie schreibe ich eine Hausarbeit“)

erläutert und interaktiv (über die Homepage bzw.

eine CD-ROM) zur Verfügung gestellt.


Lehrveranstaltungen mit elektronischer

Dokumenten-Unterstützung

Um die unterschiedlichen Text-, Bild-, Video- und

akustischen Medien sinnvoll miteinander zu vernetzen,

wird seit Jahren mit PowerPoint-Präsentationen

in den Vorlesungen gearbeitet und in

propädeutischen Seminaren Rhetorik ebenso

gelehrt wie das PowerPoint-Programm.

Eine weitere Arbeitserleichterung und ein damit

verbundener Rückgang der Kopiermengen besteht

in der Bereitstellung von Seminarteilnehmerlisten,

Literaturlisten, Dokumenten und

Papers im von der ZDV bereit gehaltenen Programm

„Reader+“. Es zeigt sich, dass vor allen

Dingen diese Informationsbereitstellung von den

Lehrenden und Studierenden besonders gerne

genutzt wird, während die Chatroom-Möglichkeiten

weniger in Anspruch genommen werden,

was mit dem erheblichen Zeitaufwand des Chattens

für Studierende und vor allen Dingen auch

für Lehrende zusammenhängt.

Digitalisierung von Quellen und

Forschungsliteratur

Die Lehrenden des Instituts stellen auch die

wichtigsten Dokumente des Faches elektronisch

zur Verfügung; so wurde unter anderem gemeinsam

mit der Göttinger Staats- und Universitätsbibliothek

die Gutenberg-Bibel von 1454 digitalisiert

und im Internet (www.gutenbergdigital.de)

und über zwei CD-ROMs bereitgestellt. Ein damit

Unser Service für Studierende

Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität special 21

verbundener Zusatznutzen ermöglicht es zum

Beispiel, verschiedene Übersetzungen der lateinischen

Vulgata einzusehen, kunsthistorische Analysen

der Buchmalerei vorzunehmen, wobei nicht

nur Zoomfunktionen die Initialen in großer Deutlichkeit

zeigen, sondern auch das Vorlagenbuch

der Buchmaler gleich mit eingescannt wurde;

historische Dokumente zu Gutenberg und seiner

Zeit erleichtern die Analyse. Aber auch die wissenschaftlichen

Fachbücher wurden digitalisiert,

wiederum unterstützt durch ein DFG-Projekt digitalisierte

die Göttinger SuUB die seit 1926 erschienenen

Gutenberg-Jahrbücher, die vom Institutsleiter

im Auftrag der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft

herausgegeben werden. Somit

ist sowohl eine der wichtigsten Quellen als auch

das bedeutendste wissenschaftliche Jahrbuch

elektronisch recherchierbar.

In den einführenden Proseminaren werden in

enger Zusammenarbeit mit der Mainzer Universitätsbibliothek

verpflichtende Kurse zur Internet-

Buch- und Zeitschriftenrecherche angeboten.

Dieses Angebot sollte nach den Aussagen unserer

Teilnehmer für alle Studierenden bereitstehen,

ebenso selbstverständlich wie bisher der Umgang

mit gedruckten Bibliographien, Bibliothekskatalogen

etc. gelehrt wurde.

Persönliche Betreuung

Diese neuen Möglichkeiten können helfen, auch

in einem überfüllten Fach die Bereitstellung des

Wissens praktikabler, zeitsparender und mit

Zusatzinformationen zu ermöglichen. Wichtigster

Punkt der Lehre bleibt jedoch die Seminardiskussion,

die anschauliche Erläuterung im rhetorisch

ausgefeilten Vortrag und die Betreuung in reichlich

dimensionierten Sprechstunden. Um auch

Examenskurse für dreißig, vierzig Mitglieder oder

eine große Schar von Doktoranden sinnvoll

gestalten zu können, wurden diese Oberseminare

auf die Freitagnachmittage als Blocksitzungen

verlegt, zudem außerhalb der Universität in

Tagungsräume (z.B. der katholischen Akademie

Erbacher Hof), um die Studierenden in einer Kongress-Atmosphäre

auf künftige professionelle

Auftritte vorzubereiten, aber auch um genügend

Zeit zu haben, um in den Kaffeepausen, bei

Essen und Roundtable-Gesprächen trotz der

hohen Anzahl der Studierenden eine persönliche

Gesprächsatmosphäre zu garantieren.

„Ferne Nähe“, die Möglichkeiten elektronischer

Bereitstellung und intensiver Betreuung sind

somit zwei Seiten einer Medaille, die auch in

stark nachgefragten Fächern eine qualitätsvolle

Lehre und eine erfolgreiche fachwissenschaftliche

Vermittlung ermöglichen.

Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel

leitet das Institut für Buchwissenschaft

der Universität Mainz.

Studentenhaus, Staudigerweg 21, 55128 Mainz, Tel. 06131/39-24910, www.studentenwerk-mainz.de

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Förderung von Kulturaktivitäten

wissenschaftsmanagement special 2/2004


22 special Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität

QUALIFIZIERUNGSPROGRAMME

Lehren lernen

Weiterbildungsworkshops für junge Wissenschaftler

Die Förderung des wissenschaftlichen

Nachwuchses ist eine Aufgabe, die jede

Universität zu erfüllen hat und die durch

das Landeshochschulgesetz gefordert wird.

Traditionell kommen Universitäten dieser Aufgabe

nach, indem sie Qualifikationsstellen bereitstellen,

die Möglichkeiten zur Promotion und Habilitation

bieten und betreuen sowie junge Forscher bei

Antragstellung zur Forschungsförderung unterstützen.

Dabei ist der größte Teil dieser Aufgaben an

die Fachbereiche und Fächer bzw. an die Betreuerin

oder den Betreuer delegiert. Ein Teil des wissenschaftlichen

Nachwuchses ist über Beschäftigungsverhältnisse

an die Universität gebunden,

ein anderer Teil, vor allem Doktorandinnen

und Doktoranden in den Geisteswissenschaften,

promoviert mit Hilfe von Stipendien oder mit eigenen

Mitteln und hält nur lockeren Kontakt zur

Universität.

Sowohl in der Promotions- als auch in der Habilitationsphase

qualifiziert die Universität diese Personen

vor allem hinsichtlich der Forschung in dem

gewählten Fach. Was die klassische Universität

nur sehr selten leistet, ist die Vermittlung von weiteren

Kompetenzen, die sowohl für die wissenschaftliche

Karriere als auch für die berufliche

Praxis zentral sind. So findet in der Regel weder

eine systematische Einführung in die Aufgaben der

akademischen Lehre noch in die Aufgaben der

Selbstverwaltung, der Personalführung, der Teamarbeit

oder der Hochschulpolitik statt.

An diesen Defiziten setzt die Arbeit der Koordinierungsstelle

an. In einzelnen Programmen, die in

Zusammenarbeit mit Fächern bzw. mit den Zielgruppen

entwickelt wurden, werden den Angehörigen

des wissenschaftlichen Nachwuchses Möglichkeiten

der Weiterqualifikation, des interkollegialen

Austauschs und der Beratung geboten. Die

Qualifikation für die Lehre nimmt dabei einen gewichtigen

Raum ein. Die Besonderheit der Mainzer

Programme besteht jedoch darin, dieses hoch-

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Beim Präsentationstraining bereiten sich die Nachwuchswissenschaftler/innen auf ihre Lehrveranstaltungen vor.

schuldidaktische Feld mit Angeboten zu anderen

notwendigen Kompetenzen zu verbinden.

Kern des Angebotes sind drei Programme: „Auf

dem Weg zur Professur“, ein zweisemestriges

Programm für Habilitandinnen und Habilitanden

sowie Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren

aller Fächer, „Rhetorik und Didaktik in der medizinischen

Lehre“, ein Seminar, das regelmäßig für

die Habilitandinnen und Habilitanden des Fachbereichs

Medizin angeboten wird, sowie „Promovieren

in Mainz“, ein ebenfalls zweisemestriges Programm

für Doktorandinnen und Doktoranden der

Geistes- und Sozialwissenschaften. Hinzu kommen

Beiträge zu den Studienprogrammen von internationalen

Graduiertenkollegs (PhD-Programme).

Die Koordinierungsstelle wirkt zudem an der

Evaluierung der Juniorprofessuren mit und berät

diese vor allem in Fragen der Lehre.

Inhaltliche Schwerpunkte der Angebote sind zum

einen lehrbezogene Themen wie Seminararchitektur,

Präsentationen in der Lehre und bei Tagungen,

Atmen – Sprechen – Körpersprache, schwierige

Situationen in der Lehre, Prüfungen, Medieneinsatz,

etc. Hinzu kommen im Falle der Postdocs

Themen wie Bewerbung und Berufung, Führung

im Arbeitskontext, Fragen guter wissenschaftlicher

Praxis, aber auch Probleme des Personalbemes-

sungskonzeptes ... Bei den Promovierenden sind

es eher Themen zur Arbeitsorganisation, zum Zeitund

Selbstmanagement, zu Publikationsstrategien

oder auch zu den beruflichen Perspektiven nach

der Dissertation. Bei all diesen Themen wirken

zentrale Funktionsträger der Hochschule mit, wie

der Kanzler der Universität, die Leiterin der Haushaltsabteilung,

der Ombudsmann oder der Forschungsreferent.

Zwischen 25 und 45 Nachwuchswissenschaftlerinnen

und -wissenschaftler nehmen regelmäßig

an den Workshops teil; sie sind Beleg sowohl für

den vorhandenen Bedarf als auch für die hohe Akzeptanz

der Programme. Insbesondere der fachund

berufsbezogene interkollegiale Austausch mit

Kolleginnen und Kollegen, gerade über die Disziplingrenzen

hinweg, wird von den meisten sehr

geschätzt. Damit leistet die Förderung des wissenschaftlichen

Nachwuchses neben der inhaltlichen

Qualifikation einen Beitrag zur inhaltlichen und

sozialen Integration der durch hochspezialisierte

Disziplinen gekennzeichneten Universität.

PD Dr. Manfred Herzer leitet die

„Koordinierungsstelle zur Förderung

des wissenschaftlichen Nachwuchses“

der Universität Mainz.


Beim Denken zusehen

Während meines Studiums bin ich aus

all jenen Vorlesungen und Seminaren

beseelt und klüger herausgegangen, in

denen man den Eindruck bekam, dass

der Lehrende über ein Thema sprach, mit

dem er selbst noch nicht an ein Ende

gekommen war. Echte Fragen und wirkliche

Suche nach Antworten, Neugier und

Offenheit sind die wichtigsten Eigenschaften

eines guten Lehrers. Im unmittelbaren

Nachvollzug solch sichtbarer Denkbewegungen

lernen Studierende mehr als

durch das Lesen eines Buches oder den

einsamen Gebrauch multimedialer Lernmedien,

und darum muss es gehen: Der

Weg zur Universität, in die Gemeinschaft

der Lehrenden und Lernenden – diese

beiden Gruppen sind niemals scharf zu

trennen – liegt im besten Sinne abseits der

ausgetretenen Pfade und bequemen

Ergebnisse. Doch ist intensives Forschen

und Lehren mit den heutigen Verhältnissen

an den überlaufenen Universitäten

überhaupt noch zu vereinbaren?

Ich habe bei einem der beliebtesten

Hochschullehrer seiner Generation studiert,

immer im vollen Hörsaal, im ausgebuchten

Seminar, zwischen wartenden

Studierendenscharen vor der Sprechstunde:

Eine von vielen. Doch trotz des jahrzehntelang

ungebrochenen Andrangs

nahm mein Professor jeden Einzelnen

unter den Vielen wahr und ernst. In den

Lehrveranstaltungen argumentierte er aus

Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität special 23

Leidenschaft für sein Thema, und es war

kaum möglich, davon nicht angesteckt zu

werden. Zu den Besonderheiten des

Unterrichts gehörte auch, dass dieser

Literaturwissenschaftler seine Arbeitstechniken

offen zeigte, somit echte Hilfestellungen

für das eigene, noch ein wenig

holprige wissenschaftliche Arbeiten gab.

Bei allem wissenschaftlichen Forscherdrang

und der methodischen Redlichkeit

gerieten die Studierenden, die in verschiedenen

Erkenntnisprozessen und Lebensphasen

steckten, niemals in Vergessenheit.

Hätte es zu seinen aktiven Zeiten

einen Lehrpreis gegeben, so wäre er an

meinen Lehrer und späteren Doktorvater

vergeben worden.

Die Frage nach den Kriterien einer guten

Lehre in Zeiten der Finanzkrise und der

schlechten Ausstattung lenkt den Blick

auf eine kritische Stelle des überlasteten

Systems. Gute Lehre ist das Ergebnis

einer persönlichen Energie des Lehrenden,

die sich gleichermaßen aus wirklichem

Interesse an Menschen wie an wissenschaftlichen

Gegenständen speist. In

welcher Weise diese Energie dann in der

Lehrveranstaltung zu Tage tritt, ist das

Ergebnis unterschiedlicher didaktischer

Schulen. Hier dürfen und sollen verschiedene

Modelle Gültigkeit für sich beanspruchen,

deren Fundament allerdings

übereinstimmen muss: im offenen Gespräch,

gestützt durch eine transparente

Lehrende aus Leidenschaft garantieren engagierte Studierende – trotz überfüllter Hörsäle und Seminare.

Methodik, im Bemühen um größtmögliche

Verständlichkeit bei wissenschaftlicher

Genauigkeit, im Wechselspiel von kritischer

Distanz und anerkennender Auseinandersetzung,

in profunder Kenntnis des

Stoffs sowie der engen Verzahnung von

Forschung und Lehre. Doch die gegenwärtige

Situation an der Hochschule stellt

bei weitem mehr als „nur“ intellektuelle,

didaktische und neuerdings unternehmerische

Anforderungen an die Dozenten.

Diese müssen mit der Mentalität und der

Kondition eines Marathonläufers an den

Start gehen und sollen auch dann noch

die volle Aufmerksamkeit für ihre Umgebung

aufbringen, wenn sie bereits im anaeroben

Bereich laufen. Conditio sine qua

non für eine gute Lehre und gleichermaßen

für eine gute Forschung an der

Hochschule ist neben all den bereits

genannten Aspekten in vernünftiger Rücksichtnahme

auf die Leistungsfähigkeit des

menschlichen Organismus eine effiziente

Verwaltung, ein Abbau bürokratischer

Belastung zugunsten eines modernen

Dienstleistungssystems, das Wissenschaftler

ihren eigentlichen Aufgaben in

Lehre und Forschung nachgehen lässt.

In Erinnerung an Dieter Kafitz

Dr. Susanne Marschall forscht und

lehrt am Institut für Filmwissenschaft

der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


24 special Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität

Berufsziel „Arzt“: Auf 190 Medizin-Studienplätze an

der Universität Mainz kamen zuletzt 1.210 Bewerber.

Unter Beachtung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates

hat der Deutsche Bundestag

am 9. Juli 2004 das 7. Änderungsgesetz zum

Hochschulrahmengesetz beschlossen. Hierdurch

wird das Selbstauswahlrecht der Hochschulen

deutlich ausgeweitet. Zugleich soll

aber auch den „besten“ Abiturienten die Möglichkeit

eingeräumt werden, sich „ihre“ Hochschule

selbst aussuchen zu können.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

AUSWAHLRECHT

Hochschulrahmengesetz

Was bedeutet die 7. HRG-Novelle für die Universität Mainz?

Diese Neuregelung wird voraussichtlich erstmals

zum Wintersemester 2005/2006 greifen. Sie beeindruckt

durch ihre Klarheit und führt hoffentlich

zu einem vernünftigen Ausgleich widerstreitender

Interessen: Bedeutung des Abiturs und Selbstbestimmungsrecht

der Studienbewerber auf der

einen und Anspruch auf Selbstauswahl und Profilbildung

der Hochschulen auf der anderen Seite.

Hier soll dieser begrüßenswerte Ansatz nicht in

Frage gestellt oder beschädigt, sondern lediglich

auf mögliche Konsequenzen beispielhaft am

Studiengang Medizin hingewiesen werden.

Zunächst einmal werden 20 Prozent der Studienplätze

an die Abiturbesten vergeben. Verglichen

mit dem bisherigen Recht, wonach 25 Prozent der

in den ZVS-Quoten ausgewählten besten Bewerber

nach Abiturdurchschnittsnote verteilt wurden

(„Turboquote“), bedeutet dies eine Reduktion um

ein Fünftel. Wenn bislang noch jemand mit seinem

ersten Ortswunsch bei einer Durchschnittsnote

von 1,2 nach Mainz gelangen konnte, wird dies

zukünftig nicht mehr reichen.

Sodann werden Bewerber für weitere 20 Prozent

der Studienplätze nach Wartezeit ausgewählt.

Auch hier ist eine Reduktion um fünf Prozentpunkte

gegenüber der gegenwärtigen Rechtslage festzustellen.

Bei Wartezeiten von acht Halbjahren ist

dies nicht unerheblich. Ein deutlicher Anstieg der

Wartezeit ist zu erwarten, und zwar umso mehr,

als auch Bewerber mit einem Zulassungsanspruch

aus einer Zulassung nach altem Recht (z.B. Wehrpflichtige)

in dieser Quote berücksichtigt werden

müssen. Insoweit handelt es sich um ein bundesweit

auftretendes Problem. Das spezielle Problem

für den Standort Mainz könnte aber darin bestehen,

dass alle sozialen, familiären, gesundheitlichen

Interessen, die bisher in etwa 48 Prozent

aller Zulassungen eine Rolle spielten (die in ZVS-

Quoten Ausgewählten [76 %] wurden zu drei Viertel

nach Sozialkriterien verteilt), nun nur noch in

der Härte- und Wartezeitquote berücksichtigt werden

können. Bislang konnte unter diesem Aspekt

unter den 1.210 Bewerbern für die 190 Studien-

plätze noch berücksichtigt werden, wer Mainz an

erster Stelle genannt und ohne weitere nachgewiesene

besondere Bindung eine Abiturdurchschnittsnote

von 1,3 erreicht hatte. Anders ausgedrückt:

Alle Heimschläfer im „Hotel Mama“ konnten

noch berücksichtigt werden. Entweder muss

sich diese Klientel zukünftig im Hochschulauswahlverfahren

in Mainz gut aufstellen oder etliche

Jahre Wartezeit in Kauf nehmen.

Zu guter Letzt werden 60 Prozent der Studienplätze

durch die Hochschulen selbst vergeben. Nach

welchen Kriterien die Universität Mainz entscheiden

darf, hängt vom rheinland-pfälzischen Landesrecht

ab, dessen Einzelheiten noch nicht bekannt

sind. Nach einer Modellrechnung der ZVS ist

mit bis zu 5.000 Bewerbern zu rechnen, die am

Hochschulauswahlverfahren im Studiengang Medizin

in Mainz zu beteiligen sind. Es liegt auf der

Hand, dass hier zunächst (Vor-) Auswahlkriterien

zur Anwendung kommen müssen, die einem solchen

Massenverfahren gewachsen sind. Tests

werden zum Wintersemester 2005/2006 noch

nicht entwickelt sein, Einzelnoten lassen sich nicht

ohne weiteres aus dem Abiturzeugnis entnehmen.

Die Angaben zu einer Berufsausbildung oder

einem Berufsabschluss müssen pro Bewerber von

der Hochschule erfasst werden. Folglich wird man

die großen Fallzahlen über die Kriterien „Durchschnittsnote“

oder „Ortspräferenz“ herunterbrechen

müssen, bevor man sich einer Restmenge in

Auswahlgesprächen annehmen kann. Insoweit ist

die Spannweite der Vergabe von Bestnoten in den

einzelnen Bundesländern beachtlich, weil in diesem

Verfahrensabschnitt das Korrektiv der Landesquotenbildung

nicht möglich ist. Hier sind

Wettbewerbsverzerrungen nicht ausgeschlossen.

Fazit: Das neue Verfahren wird noch einige Überraschungen

bereithalten, ist es aber wert, verfeinert

zu werden, insbesondere durch die Entwicklung

(ergänzender) fachspezifischer Testverfahren.

Dr. Ulf Bade ist Direktor der „Zentralstelle für

die Vergabe von Studienplätzen (ZVS)“.


Studium und Lehre unter den Bedingungen einer Großuniversität special 25

REFORM

Korrelation zwischen Abiturnote

und Studienerfolg

Zur Einführung neuer Auswahlverfahren in zulassungsbeschränkten Studiengängen

Durch die 7. Änderung des Hochschulrahmengesetzes

wird zum Wintersemester 2005/2006

ein neues Vergabeverfahren für die bundesweit

zulassungsbeschränkten Studiengänge

(Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie,

Zahnmedizin) eingeführt. Die Neuregelung

schreibt die Vergabe von 60 Prozent der verfügbaren

Studienplätze durch ein hochschuleigenes

Auswahlverfahren vor.

Bezüglich der möglichen Kriterien im Rahmen der

hochschuleigenen Auswahlverfahren folgt der Gesetzgeber

weitgehend den „Empfehlungen zur Reform

des Hochschulzugangs“ des Wissenschaftsrats

vom Januar 2004. Neben dem Abitur, das

weiterhin eine „maßgebliche Rolle“ spielen soll,

werden gewichtete Einzelfachnoten, fachspezifische

Studierfähigkeitstests, eine einschlägige

Berufsausbildung, Auswahlgespräche oder eine

Kombination dieser Kriterien vorgegeben; das jeweilige

Länderrecht kann in diesem Rahmen weitere

Verfahren vorsehen. Die Novelle des HRG

kann daher auch zum Anlass genommen werden,

neue Auswahlverfahren für die universitätsintern

zulassungsbeschränkten Studiengänge einzuführen.

Empirische Studien aus den letzten Jahren, die

sich mit der Validität einzelner Auswahlverfahren

beschäftigen, untersuchen in diesem Rahmen den

Zusammenhang zwischen dem für die Auswahl

herangezogenen Kriterium und dem Studienerfolg,

operationalisiert beispielsweise durch den Erfolg in

der Zwischenprüfung. Ausweislich einer ganzen

Reihe empirischer Befunde, die sich auf Fächer

wie Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, aber

auch Medizin und geisteswissenschaftliche Studiengänge

beziehen, ist die Abiturdurchschnittsnote

derzeit der beste Prädiktor des Studienerfolgs. Es

werden mittlere Korrelationen berichtet, für einzelne

Fächer, wie z.B. die Wirtschaftswissenschaften,

ist sie auch noch etwas höher. Dies gilt trotz der

mangelnden Vergleichbarkeit der Bedingungen,

Abiturfachnoten lassen kaum Rückschlüsse auf den späteren Studienerfolg zu. Eine beschränkte Aussagekraft

hat allenfalls die Mathematiknote.

unter denen die Noten entstanden sind (Rahmenbedingungen

des Abiturs in den einzelnen Bundesländern,

verschiedene Fächerkombinationen,

unterschiedliche Benotungspraxis etc.).

Die Korrelation zwischen gewichteten Einzelfachnoten

und dem Studienerfolg ist dagegen weitaus

weniger deutlich; am ehesten scheint noch die

Mathematiknote geeignet, den Studienerfolg vorherzusagen.

Größeren Erfolg wiesen diejenigen

Studierenden auf, deren schulische Leistungskurse

einen engen inhaltlichen Bezug zum

gewählten Studienfach hatten.

Der Zusammenhang zwischen studienfeldbezogenen

Leistungstests und dem Studienerfolg ist im

Zusammenhang mit dem in den Jahren 1986 bis

1997 praktizierten „Besonderen Auswahlverfahren“

für die medizinischen Studienplätze empirisch

relativ gut untersucht. Der Einsatz eines solchen

Testverfahrens kann – vor allem in Kombination

mit der Abiturnote – durchaus zu einer

verbesserten Vorhersage des Studienerfolgs

führen. Zu bedenken sind hierbei allerdings die

hohen Kosten für die Testentwicklung sowie der

hohe organisatorische und personelle Aufwand bei

der Testdurchführung.

Die prognostische Validität von Auswahlgesprächen

in Bezug auf den Studienerfolg ist angesichts

der empirischen Befundlage als relativ gering ein-

zuschätzen; eine Erhöhung der Vorhersagegenauigkeit

lässt sich nur durch eine detaillierte Strukturierung

entsprechender Gesprächsleitfäden und

Schulung der Interviewer/innen erzielen. Ein möglicher

Vorteil dieser Verfahren dürfte indessen

darin bestehen, dass sie Gelegenheit bieten, Fehlvorstellungen

der Bewerber/innen über das Studienfach

zu korrigieren. Auch soll eine stärkere

Identifikation mit dem angestrebten Studienfach

bzw. der Hochschule erreicht werden können.

Fazit: Nach den beschriebenen empirischen Befunden

müssten für ein Auswahlverfahren, das zu

validen Ergebnissen führt, mehrere Kriterien herangezogen

werden – beispielsweise wäre eine

Kombination aus Abiturdurchschnittsnote, studiengangspezifischem

Test und dem Ergebnis eines

Auswahlgesprächs denkbar. Hierzu wäre ein erster

notwendiger Schritt die Erstellung detaillierter Anforderungsprofile

der einzelnen Fächer, um danach

die jeweils angemessenen Auswahlverfahren zu

definieren.

Die derzeitige Herausforderung an die Hochschulen

besteht somit darin, unter den gegebenen

Rahmenbedingungen eingeschränkter finanzieller

Mittel und großen Zeitdrucks ein valides, faires

und zugleich ökonomisch machbares Verfahren zu

etablieren.

Beate Lipps ist Studienberaterin

an der Universität Mainz.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


26 special Internationalisierung

PROFILBILDUNG

Going global

Internationalisierung in Studium und Lehre

Wer heute ein Hochschulstudium beginnt, knüpft daran zunehmend die Erwartung, mit den erworbenen Qualifikationen später einmal nicht nur

im Heimatland, sondern auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt bestehen zu können. Die Hochschulen ihrerseits müssen sich mehr und

mehr dem nationalen und internationalen Wettbewerb um „die besten Köpfe“ stellen. Eine internationale Ausrichtung ist daher ein wichtiger

Strategiebaustein für die Konkurrenzfähigkeit der Hochschulen und des Bildungsstandortes Deutschland insgesamt. Die Johannes Gutenberg-

Universität Mainz zeigt bereits ein ausgeprägtes internationales Profil und hat dessen Weiterentwicklung in ihrem Strategiekonzept verankert.

Das Projekt „Internationalisierung“ wurde 2002 im Rahmen des Neuen Steuerungsmodells eingerichtet.

Das internationale Profil der Johannes Gutenberg-

Universität Mainz in Studium und Lehre

■ Zahlreiche Kooperationen: Vereinbarungen über wissenschaftliche

Zusammenarbeit mit mehr als 250 Hochschulen weltweit

■ Hohe Mobilität von Lehrenden und Lernenden: im SOKRATES/ERASMUS-

Programm bundesweit Rang vier im Bereich Studierende und Rang sechs im

Bereich Dozierende (2002/2003)

■ Konsolidierter Anteil ausländischer Studierender, wachsender Anteil

ausländischer Wissenschaftler/innen an der Universität: jeweils 14 Prozent

(2003)

■ Zunehmend auslandsorientierte Studienangebote, darunter integrierte

Studiengänge (Doppeldiplomstudiengänge) in geisteswissenschaftlichen

Fächern, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Kooperation mit

ausländischen Partnerhochschulen,

Bachelorstudiengänge, konsekutive

und weiterbildende Masterstudiengänge,

Internationale Graduiertenkollegs

■ Vielfältiges Angebot international ausgerichteter Zusatzqualifikationen:

Deutsch als Fremdsprache, Sprachandragogik, Migration and Political Integration

in Europe (EUROMIR), Russische Sprache und Kultur, Polonicum,

Japan-Studien

■ Umfangreiches Sprachlehrangebot im Fremdsprachenzentrum

(2003: 160 Kurse einschließlich Deutsch als Fremdsprache)

■ Mehrere Internationale Sommerschulen, z.B. 2004 neu in den Fachbereichen

Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft sowie Musik

■ Traditionsreicher Internationaler Sommerkurs für Deutschlernende aus

aller Welt, dieses Jahr erstmals auch ein Internationaler Herbstkurs

■ Derzeit Einführung eines Leistungspunktesystems auf der Grundlage

des ECTS für alle Studiengänge

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Internationalisierung ist im Verständnis der Universität

Mainz eine Querschnittsaufgabe, die

Studium, Lehre, Forschung, Weiterbildung und

Administration umfasst. Für den Bereich Studium

und Lehre sind insbesondere folgende Teilziele

des Internationalisierungsprozesses im

Strategiekonzept formuliert worden:

■ Auf- und Ausbau international ausgerichteter

grundständiger und postgradualer Studiengänge,

auch Doktorandenprogramme und

Weiterbildungsangebote

■ Ausbau integrierter Studiengänge (Studiengänge

mit Doppelabschluss in Kooperation

mit ausländischen Partnerhochschulen)

■ Weitere Steigerung der Mobilität von

Studierenden und Lehrenden

■ Verbesserung der Fremdsprachenkompetenz

von Studierenden, Lehrenden und Verwaltungspersonal.

Dabei gibt es zahlreiche Schnittstellen zu weiteren

strategischen Zielen der Universität. In diesen

Kontext gehören insbesondere die Schaffung

international kompatibler Studienstrukturen

und anschlussfähiger Abschlüsse sowie die

Einführung von Systemen zur gegenseitigen

Anerkennung und zum Transfer von Studienleistungen

(„Bologna-Prozess“). Entsprechend vielfältig

sind auch die Ansatzpunkte für die Projektarbeit.

Nach einer eher analytisch geprägten

Phase der Bestandsaufnahme und Strategieentwicklung

steht derzeit die Konzeption und

Umsetzung von Teilprojekten und einzelnen

Maßnahmen im Vordergrund.


Beispiele aus der Projektarbeit

Wer in seinem eigenen Fach an international

orientierten Reformmaßnahmen in Studium und

Lehre beteiligt ist, hat vermutlich schon die

Erfahrung gemacht, dass die notwendigen Informationen

zwar einzeln greifbar sind, jedoch

nicht im Zusammenhang zur Verfügung stehen.

Das Online-Handbuch „Studienreform und Internationalisierung“

(s. Kasten) führt einschlägige

Informationen, Dokumente und praktische

Handreichungen mit Bezug zur Universität

Mainz zusammen. In zweiter Linie geht es auch

darum, die Akteure in den verschiedenen Bereichen

der Universität stärker zu vernetzen.

Oft sind es schon kleinere Maßnahmen, die aus

Kundensicht deutliche Verbesserungen bewirken.

Ein Beispiel ist die Übersetzung von Informationen

zu allen Studienfächern der Universität

ins Englische. Interessierte aus dem Ausland

können nun via Internet auf grundlegende Informationen

und Daten zu jedem Studienfach der

Johannes Gutenberg-Universität zugreifen.

Internationalisierung special 27

Die Universität Mainz arbeitet verstärkt an ihrem internationalen Profil: 14 Prozent aller Studierenden kommen aus dem Ausland – Tendenz steigend.

Teilprojekt: Online-Handbuch

„Studienreform und Internationalisierung“

■ Informations- und Serviceangebot an den Schnittstellen von

Internationalisierung und Studienstrukturreform

■ Themen: Einführung, Akkreditierung, Bachelor- und Masterstudiengänge,

Bologna-Prozess, Diploma Supplement, Internationalisierung von Studiengängen,

Leistungspunktesystem, Modularisierung, Qualitätssicherung in

Studium und Lehre, Reform der Doktorandenausbildung

■ Zu jedem Stichwort:

Überblick und weiterführende

Informationen,

gesetzliche Rahmenbedingungen,

Sachstand

an der Universität Mainz,

Checklisten,

Vorlagen und andere

Arbeitshilfen, Links

und Downloads,

Ansprechpartner/in

http://www.uni-mainz.de/studium/6905.php

wissenschaftsmanagement special 2/2004


28 special Internationalisierung

Im engeren Bereich von Studium und Lehre

wurden mehrere Teilprojekte unterschiedlicher

Größenordnung angestoßen. Einige Beispiele:

■ Prüfungsordnungen der Universität Mainz

sollen künftig eine Option auf Englisch als

Unterrichts- und Prüfungssprache enthalten.

Ein entsprechender Senatsbeschluss wird

derzeit vorbereitet.

■ In Zusammenarbeit mit dem Projekt Internationalisierung

hat der Fachbereich Musik in

diesem Jahr eine Internationale Sommerschule

für Sänger und Instrumentalisten eingerichtet.

Singing Summer bringt exzellente

junge Künstlerinnen und Künstler mit international

renommierten Mentoren in einer konzentrierten

Kursatmosphäre zusammen.

Höhepunkt und Abschluss sind Konzerte,

in denen die klingenden Arbeitsergebnisse

präsentiert werden.

■ Die Projektgruppe arbeitet an einer Restrukturierung

der außercurricularen Fremdsprachenangebote

der Universität (s. Kasten).

Teilprojekt: Restrukturierung der außercurricularen Fremdsprachenangebote

Ausgangslage:

■ Heterogene Zielgruppen: deutsche und ausländische

Studierende, Gastdozenten, Personal, …

■ Zahlreiche Handlungsfelder im Bereich der Sprachenausbildung

■ Unterschiedliche interne Anbieter

■ Erreichen und Überschreiten der Kapazitätsgrenze

des Fremdsprachenzentrums

Bisherige Maßnahmen:

■ Einrichtung einer Arbeitsgruppe innerhalb der

Projektgruppe

■ Erarbeitung einer Übersicht der an anderen Hochschulen

bestehenden organisatorischen Modelle der Fremdsprachenausbildung

wissenschaftsmanagement special 2/2004

■ Im Studienkolleg werden ausländische Studienbewerber

ohne hinreichende Hochschulzugangsberechtigung

auf die so genannte Feststellungsprüfung

vorbereitet; erst danach

nehmen sie ihr eigentliches Fachstudium auf.

Das neue rheinland-pfälzische Hochschulgesetz

sieht die Integration dieser Einrichtung in

die Universität vor. Eine neu gegründete

AG Studienkolleg begleitet und unterstützt

diesen Prozess; hier müssen nicht nur Haushaltsangelegenheiten

und personalrechtliche

Fragen mit den zuständigen Landesministerien

geklärt, sondern auch inhaltliche Aspekte

diskutiert werden: Wie kann die Integration

des Studienkollegs als Zentrale Einrichtung

der Johannes Gutenberg-Universität dazu

beitragen, den Studienerfolg ausländischer

Studierender nachhaltig zu fördern?

Demnächst auf der Agenda

In nächster Zeit beschäftigt sich die Projektgruppe

mit der Frage, ob und ggf. unter welchen

Bedingungen im Rahmen des rheinland-pfälzischen

Studienkontenmodells ein Bonus für Aus-

■ Auswertung der Anmeldungen zu den Sprachkursen des

Fremdsprachenzentrums (WS 2003/2004): Nachfrage- und

Auslastungsstrukturen, Vorbildung und Motive

■ Universitätsweite Erhebung zu Sprachlehrveranstaltungen

(WS 2003/2004): Bestehende curriculare und extracurriculare

Angebote, personelle und organisatorische Rahmenbedingungen

des Unterrichts

■ Pilotprojekt: Integration eines Fremdsprachenmoduls in

zwei Masterstudiengänge des Fachbereichs Musik

(Prinzip: Deutsch für ausländische Studierende, Englisch,

Französisch oder Russisch für deutsche Studierende,

Italienisch für alle)

Aktueller Stand:

landsaufenthalte gewährt werden kann. Ein

geplantes Pilotprojekt am Forschungs- und

Lehrbereich Sprachen Nordeuropas und des

Baltikums dreht sich um Studienangebote für

internationale Studierende. Ziel ist die Entwicklung

und Erprobung eines kompakten Pakets

interdisziplinärer, inhaltlich kohärenter und zertifizierter

Studienmodule, die einen akademischen

„Zwischenstopp“ in Mainz besonders

attraktiv machen.

Unterschiedliche Handlungsfelder, unterschiedliche

Komplexität, unterschiedliche Umsetzungszeiträume:

Die skizzierten Beispiele illustrieren

die Bandbreite der einzelnen Maßnahmen und

Teilprojekte, die hier auf den Weg gebracht wurden.

Gemeinsam ist ihnen der Leitgedanke,

Studium und Lehre an der Johannes Gutenberg-

Universität um internationale Dimensionen zu

bereichern, von denen deutsche und ausländische

Universitätsangehörige profitieren.

Dr. Kristina Pfarr leitet das Projekt

„Internationalisierung“ der Universität Mainz.

Vorlage einer zweigleisigen Angebotsstruktur: Fremdsprachenzentrum

nimmt universitäre Kernaufgaben wahr, Teilauslagerung

anderer Aufgaben


Studierende als Kundinnen und Kunden zu

betrachten, ist für Universitäten immer noch

keine Selbstverständlichkeit. Die Herausforderungen

der vergangenen Jahre, unter

anderem der Wettbewerb um die Studierenden

und Forschenden, haben auch in der

Verwaltung der Johannes Gutenberg-Universität

Mainz zu einem Umdenken geführt.

Vor allem vom Leitbildprozess sind wichtige

Impulse ausgegangen.

Der im Rahmen des Neuen Steuerungsmodells

durchgeführte Leitbildprozess hat wesentlich

zur Klärung unseres Selbstverständnisses beigetragen.

Er förderte offen zu Tage, dass innerhalb

der Zentralen Verwaltung zwei Handlungsorientierungen

nebeneinander bestanden: eine

„klassisch behördliche“ und eine moderne,

Service orientierte.

Im „behördlichen“ Verständnis wird die Verwaltung

als Kontroll- und Prüfinstanz betrachtet,

die unter Betonung des fachlichen Know-hows

und der Fehlerlosigkeit des Verwaltungshandelns

über die Anliegen der „Antragsteller“

– dem Gleichbehandlungsgrundsatz folgend –

entscheidet. Die Normbindung des Verwaltungshandelns

war aus Sicht der klassisch-

Studierendenadministration und -services special 29

LEITBILD

Erst die Vorschrift, dann der Kunde?

Von der hoheitlichen Behörde zur modernen Serviceeinrichtung

Das ausgebaute elektronische Serviceangebot ersetzt das aufwändige Ausfüllen und Versenden von Formularen und Anträgen.

„Behördliches“ Verständnis:

Äußerungen von MitarbeiterInnen

zu Beginn des Leitbildprozesses

behördlichen Position mit dem Kunden- und

Dienstleistungsbegriff unvereinbar.

„In erster Linie muss ich mich an die

Vorschriften halten. Dann kommt der Kunde.“

Im Leitbildprozess gelang es, gegenüber dieser

alten – von einer Minderheit vertretenen – Verwaltungsperspektive

eine neue Zielvorstellung

unseres Handelns zu entwickeln. Danach versteht

sich die Verwaltung als Anbieter von Services

für Fachbereiche und Studierende. Gutes

Verwaltungshandeln bemisst sich an der optimalen

Information und Beratung der Kundinnen

und Kunden sowie an einer engagierten und

effizienten Interessenswahrnehmung. Hierzu

gehört, den „Einzelfall“ zu betrachten und den

Handlungs- und Ermessensspielraum flexibel

im Sinne der Kunden auszunutzen.

Mit der Verabschiedung des „Leitbildes für die

Zentrale Verwaltung“ im Jahr 2001 stand das

Ziel fest. Wie aber dieses Ziel erreichen?

Eine Reihe von Projekten und Maßnahmen sind

in den letzten Jahren im Rahmen des Neuen

Steuerungsmodells gestartet worden, um mehr

Dienstleistungs- und Kundenorientierung zu

erreichen. So wurden beispielsweise auf der

„Es ist eine Selbstverständlichkeit, freundlich

zu sein. Allerdings liegen die fachlichen

Kompetenzen an erster Stelle."

Grundlage von Geschäftsprozessanalysen Organisationsstrukturen

verändert und Aufgaben

gebündelt; Struktur und Angebot der Zentralen

Verwaltung wurden stärker auf die Perspektive

und Bedürfnisse des Kunden abgestimmt. Der

Vorteil für die Studierenden: besserer, da integrierter

Service und nicht zuletzt eine Verkürzung

der Verwaltungswege. Darüber hinaus

wurde das Serviceangebot insbesondere unter

Nutzung der neuen IT-Technologien weiterentwickelt.

Wo es geht, ersetzen Online-Services

das aufwändige Ausfüllen und Versenden von

Formularen und Anträgen. Durch die Integration

der Abteilungen „Studium und Lehre“ und „Studierendensekretariat“

ist ein Bereich „Studierendenservice“

entstanden, in dem alle zentralen

Dienstleistungen für Studierende in einer Verwaltungseinheit

zusammengefasst worden sind.

„Ein Kunde ist jemand, der beim Bäcker

einkauft, aber ich ‚verkaufe’ keine Studienplätze

an Kunden.“

Auch drei Jahre nach seiner Verabschiedung

können wir (noch) nicht sagen, dass das Leitbild

vollständig „umgesetzt“ ist. Vielleicht ist

aber gerade dies ein Qualitätsmerkmal der

Mainzer Reformen, denn: Das Gute ist der

Feind des Besseren!

Felicia Lauer/Thomas Vogt, Projektleitung

des Neuen Steuerungsmodells

wissenschaftsmanagement special 2/2004


30 special Studierendenadministration und -services

DIENSTLEISTUNG

Kurze Wege statt langer

Warteschlangen

Das Projekt „Studierendenservice“ der Universität Mainz

Modell der künftigen Verwaltungs- und Anlaufstelle für Studierende: Das Studierenden Service-Center.

Zu Beginn des Projekts Studierendenservice im Jahr 2001 boten in der Zentralen Verwaltung

der Universität Mainz sieben verschiedene Einrichtungen zu uneineitlichen Sprechzeiten

unterschiedliche Dienstleistungen für deutsche und ausländische Studierende sowie Studieninteressierte

an. Die Ratsuchenden wussten oftmals nicht, an wen sie sich mit ihrem Anliegen

wenden müssen und wurden deshalb häufig von einer Stelle zur nächsten verwiesen.

Zwei Befragungen unter Studierenden und Studieninteressierten

zeigten, dass beide Gruppen

unzufrieden mit dem Umfang der Sprechzeiten,

den Wartezeiten insbesondere in den Phasen

vor Bewerbungsschluss, der Bearbeitungsdauer

von Anträgen und der räumlichen Situation

innerhalb der Einrichtungen waren. Eine Messung

aller eingehenden Telefonate machte nicht

nur deutlich, wie immens die Nachfrage nach

telefonischen Auskünften ist, sondern offenbarte

auch, dass im Durchschnitt nur ein Drittel aller

Anrufe entgegengenommen werden konnte.

Vor diesem Hintergrund zielt das Projekt Studierendenservice

auf die Verbesserung des Informations-,

Service- und Beratungsangebots für

Studierende und Studieninteressierte. Dies wird

erreicht durch

wissenschaftsmanagement special 2/2004

■ Restrukturierung des Informations- und Beratungsbereichs,

insbesondere die konsequente

Trennung von Standardinformationen

einerseits und Experteninformationen sowie

Beratung andererseits

■ Optimierung von Verwaltungsprozessen und

■ Etablierung von drei Dienstleistungsportalen.

Die Befragung von Studieninteressierten hatte

ergeben, dass diese im Durchschnitt 2,4 verschiedene

Wege nutzen, um Informationen und

Beratung zum Studium an der Universität Mainz

zu erhalten. Für die grundlegende Verbesserung

des Informations-, Service- und Beratungsangebots

wäre es folglich nicht ausreichend gewesen,

nur einen Informationsweg, beispielsweise

das Internetangebot, auszubauen. Stattdessen

wurden alle Informationswege (persönlich, telefonisch,

schriftlich sowie online) in das Konzept

einbezogen. Die drei Dienstleistungsportale

Customer Care-Center, Internet und Studierenden

Service-Center bündeln bestimmte Dienstleistungen

der beteiligten Einrichtungen Studierendensekretariat,

Zentrale Studienberatung,

Abteilung Internationales (Incoming und Outgoing),

Amt für Ausbildungsförderung sowie Förderungs-

und Sozialberatung. So sind beispielsweise

über jedes Portal Standardinformationen

zu Studienangebot, Bewerbung für Ausländer/innen

und Deutsche, Zulassung und Studienfinanzierung

erhältlich:

1. Die Mitarbeiter/innen des Customer Care-

Centers (Telefon-Hotline) beantworten freundlich

und kompetent telefonische Anfragen

und senden auf Wunsch Informationsmaterial

zu. Die Bearbeitung von Standardanfragen,

die per Mail, Post oder Fax eingehen, wird

künftig auch zu diesem Portal gehören. Die

Hotline des Customer Care-Centers ist im Juli

2002 als die erste ihrer Art an einer deut-


schen Hochschule eingerichtet worden. Die

telefonische Erreichbarkeit hat sich seither

enorm verbessert (siehe Grafik). Etwa 90 Prozent

der angenommenen Anrufe können

direkt beantwortet werden, die restlichen

werden zu den Expertinnen und Experten in

den beteiligten Einrichtungen durchgestellt.

2. Das völlig neu gestaltete Internet-Portal bietet

umfassende Informationen an, die nicht mehr

nach Einrichtungen strukturiert sind, sondern

nach den Anliegen der Kundinnen und Kunden.

Informationsmaterial und Anträge stehen

zum Download zur Verfügung. Transaktionen

wie z.B. die Online-Bewerbung bieten mehr

Komfort für die Kundinnen und Kunden und

erleichtern zugleich die Durchführung von

Verwaltungsverfahren. Das Internet-Portal

wurde im Oktober 2003 implementiert, seit

Dezember des gleichen Jahres ist die Online-

Bewerbung möglich.

3. Das Studierenden Service-Center ist konzipiert

nach dem Vorbild der Bürgerbüros, die

bereits in vielen Kommunalverwaltungen eingerichtet

wurden. Das Center wird die zentrale

Anlaufstelle der Verwaltung für Studieninteres-

Studierenden Service Center

(Campus)

■ umfassende Informationen u.a.

zu Studienangebot, Bewerbung/

Zulassung, Studienfinanzierung

■ Abgabe von Anträgen, die nicht

direkt bearbeitet werden können

■ z.T. direkte Bearbeitung von

Anträgen

■ Möglichkeit der Selbstinformation

■ allgemeine Studienberatung

persönlich

Studierendenadministration und -services special 31

sierte und Studierende darstellen. Künftig

werden an einem „Infodesk“ umfassende

Standardauskünfte, Informationsmaterialien

und Anträge erhältlich sein. Ist für die Klärung

eines Anliegens weitergehendes Expertenwissen

erforderlich, kann ein Antrag direkt bearbeitet

werden, oder ist eine allgemeine Studienberatung

gewünscht, werden die Kundinnen

und Kunden an die richtigen Ansprechpartner/

innen im „Back Office“ des Service-Center

weiter vermittelt. In einem Selbstinformationsbereich

werden Computerterminals, z.B. für

das Ausfüllen der Online-Bewerbung oder für

die Information über das Studienangebot, zur

Verfügung stehen. Das Studierenden Service-

Center soll nach umfangreichen Umbaumaßnahmen

im Mai 2005 eröffnet werden.

Durch die aufgezeigten Veränderungen konnte

der Service für Studierende und Studieninteressierte

bereits enorm verbessert werden. Dennoch

besteht weiterhin Optimierungsbedarf: Die

Einführung von Studienkonten, ein zunehmender

Anteil zulassungsbeschränkter Studiengänge

und die Implementierung neuer Auswahlverfahren

führen zu stark steigenden Anforderungen

Studierendenservice

Internet-Portal

und Self Service

■ umfassende Informationen u.a.

zu Studienangebot, Bewerbung/

Zulassung, Studienfinanzierung,

Studium im Ausland

■ anliegenzentrieter Aufbau

■ komfortable Abfragemöglichkeiten

■ Download von Formularen

■ Transaktionen

(z.B. Online-Bewerbung)

In- und ausländische Studierende und Studieninteressierte

an kundenfreundliche Verwaltungsabläufe und

zu höherer Nachfrage nach Information und

Beratung.

Das Projekt Studierendenservice der Universität

Mainz hat bundesweit große Beachtung gefunden.

Insbesondere die Hotline ist zum Vorbild für

eine ganze Reihe anderer Hochschulen avanciert.

Zu den bisher erzielten Ergebnissen haben

viele Erfolgsfaktoren beigetragen. Dazu gehören

die Einbettung in den gesamtuniversitären

Reformprozess ebenso wie zahlreiche Kooperationen

mit Abteilungen der Verwaltung und

anderen Einrichtungen der Universität. Entscheidend

jedoch war und ist natürlich auch weiterhin

das klare Bekenntnis der Hochschulleitung

zum Studierendenservice als einem zentralen

und prioritären Punkt in der Entwicklung der

Universität Mainz und damit verbunden die

Bereitstellung der benötigten Personal- und

Sachmittel.

Tanja Meyer ist Studienberaterin

und Mitarbeiterin im Projekt

„Studierendenservice“ der Universität Mainz.

Customer

Care Center

■ umfassende Informationen u.a.

zu Studienangebot, Bewerbung/

Zulassung, Studienfinanzierung,

Studium im Ausland

■ Bestellservice für Informationsmaterial

und Anträge

■ Beantwortung schriftlicher

Anfragen: Post, E-Mail, Fax

online Telefon/Post/E-Mail/Fax

wissenschaftsmanagement special 2/2004


32 special Studierendenadministration und -services

SOZIALWESEN

Studierendenwerk Mainz

Dienstleister im Lebensraum Hochschule

Die Studierendenwerke sind Dienstleister im

Lebensraum Hochschule und nehmen einen

umfassenden Sozialauftrag wahr. Dieser

besteht in der sozialen Betreuung sowie der

wirtschaftlichen und kulturellen Förderung der

Studierenden.

Der Auftrag der Studierendenwerke lässt sich

anhand einiger Leitsätze charakterisieren:

■ Wir schaffen die sozialen Rahmenbedingungen

für ein zügiges, kostengünstiges und erfolgreiches

Studium. Als soziale Dienstleister stellen

wir die Studierenden als Kunden und Partner in

den Mittelpunkt unseres Handelns.

■ Wir orientieren unsere Angebote an den Bedürfnissen

unserer Studierenden. Um dies zu

gewährleisten, pflegen wir mit den Studierenden

einen ständigen Dialog, der von Transparenz,

Fairness und Solidarität geprägt ist.

■ Die Studierenden sind im erheblichen Umfang

institutionell in unsere Entscheidungsgremien

eingebunden. Dies ist umso mehr gerechtfertigt,

als die Studierenden in zunehmendem

Maße über ihre Sozialbeiträge die Studierendenwerke

finanzieren und sich die Länder

immer stärker zurückziehen.

■ Wenn wir vor diesem Hintergrund als Non Profit-Unternehmen

unsere Leistungen auch weiterhin

zu sozialverträglichen Preisen anbieten

wollen, müssen wir noch wirtschaftlicher,

umweltorientierter und kostenbewusster arbeiten

und alles tun, um die Zufriedenheit der Studierenden

mit „ihrem” Studierendenwerk zu

verstärken.

Solche Leitsätze sind schnell formuliert, sie in die

Tat umzusetzen ist jedoch gerade vor dem Hintergrund

der sich dauernd verändernden Rahmenbedingungen

eine ständige Herausforderung.

So stehen wir in unserem Kernbereich „Mensen“

seit geraumer Zeit unter einem großen Kostendruck.

Während die anderen Bereiche (Cafeterien,

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Das Studierendenwerk Mainz koordiniert in den nächsten zwei bis drei Jahren den Bau von bis zu 1.500 neuen

Wohnungen.

Wohnheime, Soziale Dienste) kostendeckend zu

betreiben sind, erhalten wir für die Mensen traditionell

einen Landeszuschuss, der in den letzten

Jahren immer kleiner geworden ist. Der daraufhin

betriebene Personalabbau lässt mittlerweile Weiterungen

nicht mehr zu. Unsere Hoffnungen setzen

wir jetzt auf Einsparungen im Energiekostenbereich.

Derzeit sind wir damit befasst, ein Verfahren

zum Abschluss eines Energiesparcontractings einzuleiten.

Vor großen Herausforderungen stehen wir auch

bei dem Thema Wohnraumversorgung der Mainzer

Studierenden. In den vergangenen 25 Jahren hat

sich die Mainzer Studierendenschaft auf jetzt rund

35.000 verdoppelt. Parallel dazu haben sich die

Mieten so verteuert, dass Mainz sich bundesweit

im Spitzenfeld befindet. Obwohl wir in diesem

Zeitraum den Bestand an Wohnheimplätzen verdoppelt

haben, fehlen 2.000 bis 2.500 Einheiten

zu sozial verträglichen Mieten. AStA, Studierendenwerk

und Universitätsleitung haben im letzten

Herbst in einer groß angelegten Kampagne auf

diese Situation aufmerksam gemacht, und es

zeichnet sich ab, dass in den nächsten zwei bis

drei Jahren 1.300 bis 1.500 neue Wohneinheiten

unter unserer Regie entstehen werden, was einen

großen Schritt nach vorne bedeuten und den

Hochschulstandort Mainz deutlich aufwerten

würde.

Da die Beratung in sozialen und insbesondere

finanziellen Fragen in Zukunft einen immer größeren

Stellenwert im Serviceangebot eines Studierendenwerks

einnehmen wird, haben wir uns

außerdem entschlossen, unsere bisherigen Angebote

zu bündeln und zu optimieren. Wir planen die

Errichtung eines Sachbereichs Soziale Dienste, in

dem die Sozialberatung, die Darlehens- und

Zuschusskassen, die Privatzimmervermittlung und

die Ausgabe der Internationalen Ausweise zusammengefasst

werden. Dieser Sachbereich wird für

die Studierenden über einen „Info-Point” an zentraler

Stelle des Studierendenhauses zugänglich

und damit als neuer Aufgabenschwerpunkt auch

nach außen hin sichtbar sein.

Helmut Klemm ist Geschäftsführer

des Studierendenwerks Mainz.


Studierende sind die größte und gewichtigste

Kundengruppe einer Hochschule. Neben

dem fachlichen Angebot und seiner Qualität

für die Studierenden werden in Zukunft

auch die studierendenbezogenen Dienstleistungen

(Student Services) über das Profil

und damit die Wettbewerbsposition einer

Hochschule entscheiden. Deshalb, so die

These, sollten die Hochschulen zukünftig

auch die Verantwortung für diese Dienstleistungen

übernehmen können.

Aus Sicht der Hochschule müssen die Student

Services an der Nachfrage ausgerichtet sein,

sie müssen sich darüber hinaus durch Kontinuität

und Qualität auszeichnen. Sie sollten

durch Studierende bezahlbar, müssen aber aus

Sicht der Kostenträger auch finanzierbar sein.

Grundsätzlich können diese Services von der

Hochschule, vom Studierendenwerk oder von

Dritten bereitgestellt werden. Die Frage, wer

welche studierendenbezogenen Dienstleistungen

anbietet, sollte unter Beachtung der „Kernkompetenz“

der jeweiligen Einrichtung und

unter Konkurrenzbedingungen entschieden

werden.

Auf der Basis dieser grundsätzlichen Anforderungen

können folgende Thesen für die

zukünftige Organisation und Gestaltung von

Student Services formuliert werden:

Studierendenadministration und -services special 33

WETTBEWERB

Mehr als Mensa und Studentenbude

„Student Services“ – eine Zukunftsaufgabe für Studierendenwerke und Hochschulen

Auch an einer Hochschule gilt: Der Kunde ist König.

■ Da die Attraktion einer Hochschule auch

durch die Student Services mitbestimmt

wird, sollte diese auch die Verantwortung für

das Angebot übernehmen. Damit gehört die

Verfügungsgewalt über alle Mittel, mit denen

solche Dienste bereitgestellt werden, in die

Hand der Hochschule. Die staatlichen

Zuweisungen an die Studierendenwerke und

die Sozialbeiträge der Studierenden sollten

daher dem Wirtschaftsplan der Hochschule

zugeführt werden.

■ Die Hochschule steuert zur Erreichung ihrer

studierendenbezogenen Ziele den Einsatz

dieser Mittel, indem sie Dienstleistungen für

Studierende in dem Umfang und der Qualität

selbst bereitstellt oder „einkauft“, wie sie es

zum Erreichen ihrer Ziele für richtig hält.

Denn sie weiß am besten, welche Leistungen

Studierende im Wettbewerb zwischen

Hochschulen überzeugen und welche zum

Studienerfolg beitragen. Die fachliche Ausrichtung

der Hochschule, die vorhandene

wissenschaftsmanagement special 2/2004


34 special Studierendenadministration und -services

Noch fließt ein Großteil der staatlichen Zuschüsse an

die Studierendenwerke in die Subventionierung des

Mensaessens.

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Infrastruktur, die Lage in der Region und das

gesellschaftliche Umfeld bestimmen das

Angebot mit und werden zu Differenzierungen

der Student Services an den Hochschulen

führen.

■ Studierendenwerke als wesentliche Anbieter

solcher Services müssen sich daher stärker

an dem Strategiekonzept der Hochschulen

orientieren und hieraus ihre Angebote ableiten.

■ Die Hochschule wird sich als „Auftraggeber“

bei der Auswahl des „Auftragnehmers“ in

erster Linie nach den Kernkompetenzen und

den Preisen der Anbieter richten. Studierendenwerke

könnten sich dann nicht mehr als

„Monopolisten“ studentischer Dienstleistungen

begreifen, sie wären dann gleichberechtigte

Anbieter wie private Dritte. Es ist davon

auszugehen, dass sich Wettbewerb in diesem

Bereich leistungssteigernd und kostensenkend

auswirken würde, wobei private

Anbieter keinen Nachteil durch subventionierte

Konkurrenz haben dürften.

■ Eine stärkere Konzentration auf das „Kerngeschäft“

der beteiligten Institutionen würde

nicht nur zu einer Bündelung von Ressourcen

führen; es würde auch Dopplungen in der

Angebotsstruktur abbauen und die Wirtschaftlichkeit

der Student Services erhöhen.

Studierendenwerke sollten sich daher auf

ihre Stärken – Wohnheime und Mensen –

konzentrieren. Alle studiumsnahen Leistungen

wie Studienberatung, Einschreibung

etc., aber auch Rechtsberatung, Sozialberatung,

Arbeitsvermittlung und psychotherapeutische

Hilfe sind hingegen in der Hand

der Universität oder einschlägiger (auch

privater) Institutionen richtig aufgehoben.

■ Die überwiegende bis ausschließliche Verwendung

des staatlichen Zuschusses an die

Studierendenwerke zur Subventionierung

des Mensaessens ist nicht mehr zeitgemäß.

Eine sinnvollere Verwendung stellten beispielsweise

umfassende Betreuungsangebote

für ausländische Studierende, Kinderbetreuungsaktivitäten

für Studentinnen oder

Zuschüsse in Examenssituationen dar.

Angesichts eines zunehmenden Rückzugs des

Staates aus seinen finanziellen Verpflichtungen

gegenüber den Studierendenwerken erscheint

die Finanzverantwortung der Hochschulen für

Student Services Erfolg versprechender als die

der Studierendenwerke: Zum einen ist ihre Verhandlungsmacht

gegenüber dem Staat größer,

zum anderen können die Hochschulen durchaus

entscheiden, zusätzlich zu den staatlichen

Zuschüssen eigene Mittel für als wichtig

erachtete Dienstleistungen einzusetzen.

Diese Ausführungen übersehen nicht, dass

schon heute viele Studierendenwerke in Zusammenarbeit

mit den Hochschulen qualitativ

hochwertige Dienstleistungen für Studierende

und zur Zufriedenheit ihrer Kundinnen und

Kunden erbringen. Die Thesen sollen jedoch die

ordnungspolitische Notwendigkeit einer Neuausrichtung

der Zuständigkeit für Student Services

in Zeiten von Globalhaushalt und gesamtuniversitärer

Strategie begründen, deren

Umsetzung behutsam und schrittweise – auch

orientiert am Entwicklungsstand der jeweiligen

Hochschulen – betrieben werden muss.

Götz Scholz ist Kanzler

der Universität Mainz.


Studienkonten special 35

INTERVIEW

Studienkonten: Pro und Contra

„Wir haben das Beste vom Schlechten bekommen“

Ab dem Wintersemester 2004/2005 erhalten alle Studierenden in Rheinland-Pfalz ein

Studienkonto mit einem Studienguthaben von 200 Semesterwochenstunden – das so

genannte Generalkonto. Was spricht dafür, was spricht dagegen? Fragen dazu beantworten

aus ihrer jeweiligen Sicht der rheinland-pfälzische Minister für Wissenschaft,

Weiterbildung, Forschung und Kultur, Professor Jürgen Zöllner, und der AStA-Vorsitzende

der Universität Mainz, Dirk Starke.

Gelten Studienkonten eher als Anreizmodell oder Abschreckungsinstrument?

Zöllner: Studienkonten setzen positive Anreize für Studierende und

Hochschulen. Sie unterscheiden sich damit von Studiengebühren. Ein

Beispiel: Mit so genannten Langzeitgebühren will man „Trödlern“

Beine machen. Das Studienkonto dagegen belohnt Studierende für ein

zügiges Studium, indem Restguthaben für kostenfreie Weiterbildungsoder

Zweitstudien genutzt werden können.

Prof. Jürgen Zöllner Dirk Starke

Starke: Das Studienkontenmodell ist beides: Es ist ein Abschreckungsinstrument,

da viele Studierende ihr Studium unter anderen Voraussetzungen

aufgenommen haben. Außerdem trägt der „Hickhack“ in der Umsetzung des

Modells nicht gerade zu seiner Akzeptanz bei. Es ist erschreckend, wie viele

Fragen noch nicht geklärt sind. Man muss aber fairerweise sagen, dass wir –

sozusagen in der Wahl zwischen Pest und Cholera – das Beste vom Schlechten

bekommen haben. Andere Bundesländer sind wesentlich restriktiver vorgegangen.

Anreizeffekte sind mit der Nutzung des Restguthabens verbunden.

Positiv ist auch, dass über die Gewährung von Bonusguthaben die Pflege von

Angehörigen, Kindererziehung, Krankheit und Behinderung sowie die Mitarbeit

in studentischen Gremien anerkannt werden.

Worin liegen aus Ihrer Sicht die Stärken bzw. Schwächen des Studienkontenmodells?

Zöllner: Studienkonten tragen zur Lösung der wesentlichen Probleme an

den Hochschulen bei. Sie schaffen hochschulinterne Anreizstrukturen, beispielsweise

zur Förderung einer effektiven Studienorganisation oder zum

Ausbau der wissenschaftlichen Weiterbildung. Sie schaffen Finanzsicherheit

bei der Ressourcenausstattung der Hochschulen. Den Studierenden

geben sie Anreize, ihr Studium zügig abzuschließen, um das Restguthaben

nutzen zu können.

Starke: Das Modell bestraft die Fleißigen: Studierenden, die mehr lernen

wollen und ein Doppelstudium betreiben, wird das 1,25-fache abgebucht.

Bildungspolitisch richtig wäre es, für ein Doppelstudium einen Bonus zu

geben. Zu den Schwächen des Studienkontenmodells zählen wir auch, dass

seine administrative Umsetzung offenbar nicht angemessen vorbereitet

worden ist. Dementsprechend hakt es in der Umsetzung, was z.B. die langen

Bearbeitungszeiten belegen. Überhaupt sind der hohe Verwaltungsaufwand

und die -kosten gravierende Nachteile des Modells.

Glauben Sie, dass das Modell langfristig zu einer Verbesserung der Studienbedingungen führt?

Zöllner: Davon bin ich überzeugt. Das Studienkonten-Modell wird bei uns mit

der Hochschulfinanzierung gekoppelt und damit erhebliche Steuerungswirkungen

entfalten. Auf Seiten der Hochschulen ist es von Vorteil, das Erststudium

zu optimieren und gleichzeitig verstärkt gebührenpflichtige Weiterbildungsangebote

anzubieten. In der Summe erhalten Hochschulen die beste Finanzierung

bei kurzen Studienzeiten und attraktiven Weiterbildungsangeboten.

Starke: Nein, davon ist nicht auszugehen. Im Gegenteil: Studierende werden

nun massiv in die Kurse reindrängen, um innerhalb der gesetzten Frist

gebührenfrei studieren zu können. Waren die Studienbedingungen schon

vorher problematisch, so werden sie jetzt noch schlimmer.

wissenschaftsmanagement special 2/2004


36 special Studienkonten

Wird das Modell aus Ihrer Sicht zu einer Verkürzung der Studienzeiten führen?

Zöllner: Das Studienkonto ermöglicht gesellschaftlich gewünschte oder

individuell notwendige Lebensentwürfe junger Menschen, wie die Vereinbarkeit

von Familie/Beruf/Studium, da es sehr großzügig bemessen ist. Mit

den Bonusguthaben wird darüber hinaus die Möglichkeit eröffnet, besondere

Umstände im individuellen Studienverlauf von Studierenden zu berücksichtigen.

Die Hochschulen können auf Antrag nach sozialen Kriterien oder

nach Leistungskriterien zusätzliche Studienguthaben gewähren. Selbstverständlich

beinhaltet das Studienkonten-Modell auch Härtefallregelungen.

Nicht vergessen werden darf, dass es den Studierenden beispielsweise

auch eine Orientierungsphase von zwei Semestern einräumt. Bei einem

Wechsel bis zum Beginn des dritten Hochschulsemesters erhalten Studierende

ein neues, unbelastetes Studienkonto.

Zöllner: Lange Studienzeiten dürfen nicht einseitig den Studierenden angelastet

werden. Schlechte Betreuung, unzureichend abgestimmte Studieninhalte

und mangelnde Studienorganisation sind auf Seiten der Hochschule zu

verbuchen. Die Hochschulen brauchen deshalb einen nachhaltigen Anreiz

zur Förderung einer effektiven Studienorganisation. Aber auch die Studierenden

brauchen Anreize. Je zügiger das Erststudium absolviert wurde,

desto höher ist bei unseren Studienkonten das Guthaben für das spätere

Weiterbildungs- oder das Zweitstudium. Das Studienkonto stellt quasi „Freikarten“

für postgraduale Studien bereit. Und wer lässt schon gerne „Freikarten“

verfallen?

wissenschaftsmanagement special 2/2004

Starke: Auch davon ist nicht auszugehen: Die Gründe, die zu einer Verlängerung

des Studiums führen, gelten nach wie vor; Studierende werden also z.B.

weiter neben ihrem Studium jobben. Die durchschnittliche Studiendauer beträgt

heute fächerübergreifend zwischen 12 und 13 Semester. Damit befindet

sich der überwiegende Teil der Studierenden immer noch innerhalb der „gebührenfreien“

Zeit. Die Studienzeiten werden vielleicht leicht sinken, aber

nicht gravierend. Denn der Anreiz relativiert sich, wenn man bedenkt, dass

das Restguthaben ja nur in Rheinland-Pfalz genutzt werden kann. Man sollte

auch den Sinn des Studienkontenmodells hinterfragen: In drei Jahren, so

meine Prognose, wird es keine Gebührenzahler mehr geben, da sich die Studierenden

umgestellt haben werden.

Aus meiner Sicht wären kürzere Studienzeiten durch andere Maßnahmen

besser zu erreichen: z.B. durch angemessene Seminargrößen, durch ein breiteres

Angebot an Veranstaltungen, den Abbau von Wartelisten usw. Beispielsweise

landen Studienanfänger in der Amerikanistik in ihrem ersten Semester

heute sofort auf der Warteliste und können die gewünschten Veranstaltungen

gar nicht besuchen.Wenn Studienzeiten gekürzt werden sollen, ist also zu fordern,

dass die Landesregierung die Universität besser finanziell unterstützt.

Trägt das Modell der sozialen Situation von Studierenden hinreichend Rechnung?

Warum ist das Studienkonten-Modell aus Ihrer Sicht der Einführung von

Studiengebühren überlegen?

Zöllner: Ganz einfach: Alle Beteuerungen, Studiengebühren ab dem ersten

Semester könnten eingeführt werden, ohne eine abschreckende Wirkung zu

entfalten, halte ich für unseriös. Wir haben uns in Rheinland-Pfalz für einen

intelligenten Weg entschieden: Das Studienkontenmodell setzt wichtige Anreize,

ohne abschreckende Wirkung zu entfalten.

Starke: Pflege von Angehörigen, Krankheit, Behinderung und Kindererziehung

sind tatsächlich im Modell berücksichtigt. Trotzdem ist das Modell aus

unserer Sicht nicht akzeptabel: Sozial schwache Familien fallen komplett

raus, denn wer sein Studium vollständig aus eigenen Kräften finanzieren

muss, für den reicht die 1,75-fache Regelstudienzeit einfach nicht aus. Die

Konsequenzen sind klar: Es werden zukünftig noch weniger Kinder aus sozial

schwachen Familien studieren können.

Starke: Die Studienkonten sind definitiv der Vorläufer von Studiengebühren.

Mittelfristig werden Studiengebühren erlaubt und auch in Rheinland-Pfalz

eingeführt. Wir sollten uns deshalb jetzt schon Gedanken um

ein Stipendienwesen machen, damit wir nicht auf „amerikanische Verhältnisse“

zusteuern und Absolventen mit einem Schuldenberg in ihr

Berufsleben starten.


Koordinierender Herausgeber: Dr. Markus Lemmens

Redaktion:

Bruni Köppen

Felicia Lauer

Thomas Vogt

Geschäftsführende Herausgeber der Zeitschrift

Prof. Dr. Jürgen Blum, Prof. Dr. Péter Horváth,

Dr. Markus Lemmens, Prof. Dr. Detlef Müller-Böling,

Dr. Johannes Neyses

Herausgeberbeirat der Zeitschrift

Prof. Dr. Cornelius Herstatt,

Technische Universität Hamburg-Harburg

Prof. Dr. Karl Heinrich Oppenländer

Prof. Dr. Werner Popp, Institut für internationales

Impressum 6. Jahrgang 2004

Innovationsmanagement, Universität Bern

Prof. Dr. Hanns H. Seidler, Technische Universtität Darmstad

Dr. Horst Soboll, DaimlerChrysler AG, Stuttgart

Prof. Dr.-Ing. Hartmut Weule, Institut für Werkzeugmaschinen

und Betriebstechnik, Universität Karlsruhe

Prof. Dr. Frank Ziegele, Centrum für Hochschulentwicklung,

Gütersloh, und Fachhochschule Osnabrück

Verlag, Konzeption und Anzeigen

Lemmens Verlags- & Mediengesellschaft mbH

Matthias-Grünewald-Straße 1-3, D-53175 Bonn

Telefon: +49-(0)2 28/42137-0/Telefax: -29

E-Mail: info@lemmens.de

Internet: www.lemmens.de

Titelbild: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

special

Fotos: Grützner (S. 1), Lichtenscheidt (S. 4), Ausserhofer

(S. 23), PhotoDisc (S. 24), Universität Mainz (S. 2, 3, 7, 8, 12, 14,

15, 17, 18, 20, 22, 25, 27, 29, 30, 32, 33, 34, 35)

Copyright

Nachdruck sowie Wiedergabe in jeder Form von Text- und Bildmaterial,

auch auszugsweise, wird nach Rücksprache mit dem

Verlag gerne genehmigt.

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im Preis inbegriffen

Herstellung Courir-Druck GmbH, Bonn

ISSN 0947-9546

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