Leseprobe - Rudolf Steiner Verlag

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Leseprobe - Rudolf Steiner Verlag

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Repressalien und Verfolgung –

Leidenszeit des Prager Judentums

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begann sich die

Lage der Judengemeinde allmählich wieder zu verschlech -

tern. Zwar verlieh ihnen der verhältnismäßig tolerante

und aufgeschlossene Kaiser Ferdinand III. 8 noch die in

der Altneusynagoge aufbewahrte große Fahne mit Wappen

für ihre Verdienste bei der Verteidigung der Altstadt

gegen die Schweden sowie das Recht auf einen eigenen

Markt (sogenannter Tandelmarkt), doch nahm unter seinem

Nachfolger Leopold I. der Druck auf die Juden durch

neue Ausweisungsverfügungen oder auch -drohungen

zum Zwecke der Verhinderung neuer beziehungsweise

Eindämmung bestehender jüdischer Siedlungen in Böhmen

wieder zu. Außerdem versetzten die Pestepidemie

1680 und der Großbrand von 1689, der fast das ganze

Getto vernichtete, der jüdischen Gemeinde schwere

Schläge. Diese hatte ohnehin schon unter den Drangsalierungen

der missionseifrigen Jesuiten, denen jedes Mittel

recht war, zu leiden. Die Beschuldigung eines Juden

durch die Jesuiten, das Kruzifix auf der Karlsbrücke beleidigt

zu haben (die offensichtlich derart fadenscheinig

war, dass er «nur» mit einer hohen Geldstrafe davonkam;

S. 140), und die Affäre um den Juden knaben Simon Abeles

(S. 166) stellen in diesem Zusammenhang lediglich

spektakuläre Höhepunkte dar.

Damit nicht genug, wurde die Prager Judengemeinde

auch von internen Auseinandersetzungen um die «falschen

Messiasse» Sabbatai Zewi und Nehemia Chajon erschüttert.

9 Zewi (1626–1676) trat zuerst in seiner Heimatstadt

Smyrna (Izmir) vor den Glaubensgenossen als

der erwartete Messias auf und konnte vor allem im Osten,

aber auch in ganz Europa zahlreiche Anhänger gewinnen.

Prag war sogar in gewissem Ausmaß eine Hochburg

des «Sabbatianismus». Sabbatai Zewis Erfolg wurde

Betraum der Altneu-Synagoge (linke Seite). Die rote

Standarte über dem Bima, die neben dem Davidstern

einen Schwedenhut aufweist, wurde der jüdischen Bevölkerung

1648 von Ferdinand III. für ihre Verdienste bei der

Verteidigung der Altstadt gegen die Schweden verliehen.

R e p r e s s a l i e n u n d V e r f o l g u n g

begünstigt durch die schrecklichen Pogrome in der Ukraine

und in Polen während des Kosakenaufstands, denen

Hunderttausende Juden zum Opfer fielen. Denn gemäß

der Überlieferung soll der Messias nach Leiden und Verfolgungen

auftreten. Die Lage beruhigte sich erst wieder,

als der Übertritt Zewis zum Islam bekannt wurde. Nehemia

Chajon war dagegen in den Worten Kischs ein «Aben-

teurer, Narr oder Schwindler auf eigene Faust», der im

Gegensatz zu Zewi jedoch in Prag selbst auftrat und hier

als ein «jüdischer Cagliostro» für Aufsehen und Verwirrung

sorgte.

Doch blieb dies letztlich eine vorübergehende Erscheinung,

und die glanzvolle Reihe bedeutender Gelehrter

konnte sich weiter fortsetzen, vor allem mit dem aus

Worms gebürtigen David Oppenheim (1664–1736), der

1702 Oberrabbiner in Prag wurde. Das von seinem Onkel

Samuel Oppenheimer ererbte bedeutende Vermögen

(dieser hatte Kaiser Leopold gegen hohe Zinsen große

Summen für den Krieg gegen die Türken geliehen – und

zurückerhalten) verwendete er für den Aufbau seiner

umfangreichen hebräischen Bibliothek, die zuletzt etwa

6000 bis 7000 gedruckte Bücher und rund 1000 Handschriften

umfasste. Aufgrund der Schikanen durch die

Jesuiten (verweigerte Druckerlaubnis hebräischer Bücher,

auch bei Neuauflagen bereits erlaubter, vor allem

aber Konfiskationen; Oppenheim war selbst in einen

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Salomo Jehuda Rapoport,

der letzte namhafte Oberrabbiner

Prags, verkörpert

in einem Porträt von Antonín

Machek den Typus des

gelehrten Juden (links).


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J u d e n s t a d t

langwierigen Prozess mit den Jesuiten verwickelt) ließ

er seine Bibliothek nach Hannover bringen, von wo sie

später über Hamburg schließlich 1829 nach Oxford in

die Bodleian-Bibliothek gelangte.

Sein Grabstein auf dem Friedhof im Getto rühmt

seine Gelehrsamkeit: «Viele Schüler erzog er, unendlich

ist die Menge der von ihm geschaffenen Werke, Erklärungen

zum Talmud und seinen Kommentaren, und Ausdeutungen

der ganzen Thora [...] wer vermag so wie er Weisung

zu erteilen / einzig in seiner Zeit / der die Fülle des

Schrifttums in sich barg [...] zum Himmel stieg er empor

auf den Stufen des Hauses des Herrn / vergönnt sei ihm

zu schauen des Ewigen Schöne und zu verweilen im Palaste

des Herrn.»

Die Regierungszeiten Karls VI. (1711–1740) und vor

allem seiner Tochter Maria Theresia (reg. 1740–1780)

waren eine harte Zeit für die Prager Juden. Durch die

Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Unruhe versetzt

– Anfang des 18. Jahrhunderts war die Einwohnerzahl

des Gettos praktisch genauso hoch wie die der wesentlich

größeren Altstadt, nämlich rund elfeinhalbtausend –,

versuchte man zunächst die Anzahl der jüdischen Familien

mit Aufenthaltsrecht (ein «Bürgerrecht» gab es ja damals

noch nicht für sie) durch das sogenannte «Familialpatent»

zu begrenzen. Dies bedeutete in der Praxis, dass

nur der älteste Sohn einer Familie eine Heiratserlaubnis

bekam. Den übrigen Söhnen blieb, wenn sie nicht ledig

bleiben wollten (nach jüdischer Sitte jedoch im Grunde

eine Unmöglichkeit), nur die Auswanderung.

Diese Regelung blieb bis 1848 in Kraft. Die fortdauernde

antijüdische Propaganda seitens der Jesuiten und

die gezielten Gerüchte, die Juden hätten bei der vorübergehenden

Besetzung Prags durch die Preußen diese unterstützt,

veranlassten die Kaiserin darüber hinaus zu

ihrer berüchtigten, gegen den Widerstand von Adel und

Magistrat durchgesetzten Ausweisungsverfügung vom

Dezember 1744. So musste bereits Ende Januar 1745,

mitten im Winter, die gesamte jüdische Bevölkerung

Prags die Stadt verlassen. Doch der dadurch entstandene

verheerende finanzielle Schaden, den die Böhmische

Kammer der Kaiserin vorrechnete, veranlasste diese,

ihren Erlass vier Jahre später zurückzunehmen – vor-

läufig für zehn Jahre und gegen eine zusätzliche Steuer

von jährlich 300 000 Gulden.

Im Herbst 1748 kehrten die jüdischen Familien in ein

vollkommen verwüstetes Getto zurück, das 1754 kurz

nach Beginn der Aufbauarbeiten erneut niederbrannte.

Diesem verheerenden Brand fielen außer zahlreichen

Wohnhäusern vier Synagogen zum Opfer, darunter die

altehrwürdige Alte und die Maisel-Synagoge, ferner Rathaus,

Spital und Waisenhaus. Der Wiederaufbau dauerte

über ein Jahrzehnt.

Aufgeklärtes Judentum zwischen Assimilation

und Zionismus

Der letzte bedeutende Oberrabbiner Prags im

18. Jahrhundert und als Talmudlehrer eine europaweite

Kapazität war Ezechiel Landau (1713–1793). Zugleich

war er der letzte Vertreter der orthodoxen Tradition,

denn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte

sich auch in der Prager Judengemeinde, die mehr und

mehr einem kabbalistisch-mystischen Pietismus verfallen

war (Kisch spricht gar von einem «Hexenkessel des

religiösen Okkultismus»), der große Umbruch bemerkbar,

der fast das gesamte europäisch-jüdische Geistesleben

in jener Zeit erfasste. Ausgehend von den Berliner

Reformkreisen um Moses Mendelssohn verbreiteten

sich die Ideen der Aufklärung – und diese verlangten

die Reform des religiösen Lebens und des Schulwesens

(zum Beispiel deren Öffnung auch für Frauen), Assimilation

an die nichtjüdische Gesellschaft und Öffnung für

das allgemeine Geistesleben, insbesondere für deutsche

Literatur und Philosophie, auch die Gründung von Zeitschriften.

Entscheidend gefördert und zum Teil erst ermöglicht

wurde diese Öffnung nach außen in der Habsburgermonarchie

durch die Toleranzpatente Kaiser Josephs II. von

1781, welche den Juden zwar noch keine volle Emanzipation,

doch bedeutende Erleichterungen brachten – wie

der Wegfall der diskriminierenden Kleidungsvorschriften,

die Eindämmung der Bevormundung durch die Kirche

(der Jesuitenorden war bereits seit 1773 aufgehoben)

oder die Öffnung der Gymnasien und Universitäten für

jüdische Mitbürger. «Das große Bildungsstreben unter


den Juden ließ ihre Zahl an Gymnasien und Universitäten

rasch ansteigen, sodass ein ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung

weit übersteigender Prozentsatz junger

Juden eine qualifizierte Ausbildung erwarb» 10 und damit

auch ein sozialer Aufstieg erfolgte.

Dies hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

den – in den folgenden Jahrzehnten noch deutlich

zunehmenden – merklichen Einfluss einer liberalen,

wohlhabenden und gebildeten Judenschaft in den

Bereichen Wirtschaft und Kultur zur Folge. 1848 fielen

die Mauern des Gettos, und die Juden erlangten die volle

Gleichberechtigung als Untertanen der Habsburgermonarchie

mit allen bürgerlichen Rechten wie die übri-

Der Umstand, dass eine zunehmende Bevölkerung

auf einem unerbittlich eng begrenzten Raum leben musste,

hatte eine im Laufe der Jahrhunderte immer dichtere

und verschachteltere Bebauung zur Folge, die zudem

durch Erbteilung in immer kleinere Besitztümer und Anrechte

zersplittert wurde. «Es war nicht möglich, außerhalb

des Gettos Grundbesitz zu erwerben; daher war das

Interesse an Grund- oder Hausbesitz außerordentlich

groß. Die Folge davon war die Realerbteilung von Häusern

und deren Fortschritt zu geradezu lächerlich kleinen

Teilen. Zu Beginn der Assanierung gab es 128 Häuser,

die in – sozusagen – Besitzparzellen aufgeteilt waren. Die

Aufteilung ging von wenigen Anteilen bis zu solchen, die

Prager Judenstadt vor der Assanierung Ende des 19. Jahrhunderts: Maiselgasse mit Jüdischem Rathaus (links),

Dreibrunnenplatz (Mitte) und Neue Poststraße (rechts).

ge Bevölkerung. Im Jahr 1861 wurde schließlich mit dem

Juristen Wolfgang Wessely der erste Jude ordentlicher

Professor an der Karlsuniversität, und zu Beginn des

20. Jahrhunderts betrug der Gesamtanteil jüdischer Studenten

an den beiden Universitäten rund 25 Prozent.

Letzter namhafter Oberrabbiner Prags war Salomo

Jehuda Rapoport (1790–1867), der als Begründer der

modernen Judaistik gelten kann und mit dem «die Metamorphose

des alten jüdischen Prag in das moderne

vollzogen» wurde. 11 Er hinterließ der jüdischen Gemeinde

circa 3000 Bücher und Handschriften, die den Grundstock

der bis heute bestehenden öffentlichen jüdischen

Bibliothek Prags bildeten.

R e p r e s s a l i e n u n d V e r f o l g u n g · A u f g e k l ä r t e s J u d e n t u m

wiederum unter vielen Besitzern geteilt waren. Sie umfassten

Einzelanteile an einem Haus, etwa eine Kammer,

einen Anteil am Flur oder Treppe und so weiter, und diese

Anteile gehörten 20 bis 30 Besitzern.» 12

Das Ergebnis war das schließlich sagenumwobene

labyrinthische Prager Getto, dessen Ende mit dem Toleranzpatent

Josephs II. eingeläutet wurde. Juden konnten

ihren Wohnsitz nun frei innerhalb der Stadt wählen, und

wer es vermochte, verließ das seit Mitte des 19. Jahrhundert

offiziell «Josefstadt» benannte Viertel. Zurück blieb

außer den Hütern der altehrwürdigen jüdischen Stätten

die ärmere, in jeder Hinsicht unbewegliche Schicht. Ihr

zuseiten nistete sich vor allem in den letzten Jahrzehnten

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J u d e n s t a d t

des 19. Jahrhunderts mehr und mehr die Prager Halbwelt

ein, sodass das labyrinthische, kaum zu durchdringende

Areal zunehmend zu einem einzigartigen, pittoresken,

schwer verrufenen Spelunken- und Rotlichtbezirk

verkam. Die sozialen und vor allem hygienischen Verhältnisse

waren schließlich derart untragbar geworden, dass

das ganze Viertel – es gab noch keine unesco-Liste des

Weltkulturerbes – am Ende des 19. Jahrhunderts kurzerhand

abgerissen wurde. Übrig blieben nur einige Synagogen,

das jüdische Rathaus und der größere Teil des

berühmten uralten Friedhofs. Auf dem freien Grund wurden

nun neue, von großzügigen Neubauten mit zum Teil

prachtvollen Fassaden gesäumte Straßen angelegt, vor

allem der damals sehr moderne, «weltstädtische» Boulevard

der Pariser Straße, welcher vom Altstädter Ring geradewegs

zur Moldau und zur Svatopluk-Brücke (Niklasbrücke)

führt.

Derjenige Teil der jüdischen Bevölkerung, der sich

seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – aus Wahlverwandtschaft

oder Karrieregründen – der deutschen Sprache

und Kultur zugewandt hatte, geriet bald in den Sog des

in eben jener Zeit beginnenden tschechisch-deutschen

Nationalitätenkonflikts. Um 1900 lebten rund 25 000

Juden in Prag, davon sprachen 14 000 tschechisch und

11 000 deutsch. Diesen standen circa 10 000 nichtjüdische

Deutsche zur Seite und 415 000 Tschechen. «Die Söhne

der letzten Generation fanden in Prag eine immer dramatischer

abbröckelnde deutsche Insel vor, die von der rasch

wachsenden nüchternen Hauptstadt eines tschechischen

Böhmens vollkommen verdrängt zu werden drohte: Gaben

im Jahre 1860 noch 50 Prozent der Prager Bevölkerung

die deutsche Nationalität an, waren es 1880 nur

noch 15 Prozent, 1890 zwölf Prozent, 1900 ganze sieben

Prozent. Sie wurden in eine anachronistische, im Zeitalter

der immer aggressiver um sich schlagenden Radikalismen

an bürgerlichen Idealen alter Prägung festhaltende liberale

Enklave hineingeboren. Die Väter dieser Juden glaubten

noch fest an die selbst erarbeitete soziale Stellung und

die eigene Assimilation und wurden doch von außen immer

wieder an ihre jüdische Wurzeln erinnert.» 13

Trotz ihrer zahlenmäßig deutlichen Unterlegenheit

hatten die Deutschen – Juden oder nicht – einen unver-

hältnismäßig großen Anteil an Schlüsselpositionen in

Wirtschaft und Verwaltung inne. So richtete sich der

zunehmend sich verschärfende Kampf gegen diese Zustände

vonseiten radikaler tschechischer Kreise auch gegen

die Juden, die zudem wegen ihrer besonderen Treue

zu Kaiser und Habsburger Monarchie verdächtig waren.

«Der Jude als deutscher Jude war ein Schreckgespenst,

das den tschechischen Antisemitismus kräftig förderte.»

14 Daneben existierte ein Antisemitismus gewisser

deutscher Kreise, vor allem unter den großenteils aus

dem Sudetenland stammenden Studenten.

Bald nach der Jahrhundertwende hielt auch der Zionismus,

jene von Theodor Herzl begründete anti-assimilatorische

jüdische Sammlungsbewegung mit dem Ziel

einer jüdischen Wiederbesiedelung Palästinas, in Prag

Einzug. Treibende Kraft war der zionistische Studentenverein

Bar Kochba mit der Zeitschrift Selbstwehr. Prominente

Vertreter des Prager Zionismus waren unter anderem

Hugo Bergmann und Max Brod. In den Jahren 1909

bis 1911 hielt Martin Buber in Prag seine einflussreichen

Drei Reden über das Judentum.

Doch gab es innerhalb der jüdischen Bevölkerung

höchst unterschiedliche Haltungen. «Bereits um 1910

bildeten sich in Prag alle denkbaren Positionen der Beziehung

zu eigenen jüdischen Wurzeln heraus, von einer

assimilatorischen Haltung, die sich nur durch das ‹jüdische

Temperament› verriet, über konsequente Ablehnung

des eigenen Judentums, den jüdischen Selbsthass

weiningerscher Prägung, zum aktiven Zionismus und

zum Interesse an der Welt der Orthodoxie und des Ostjudentums.

Alle diese Positionen bildeten in der ersten

Tschechoslowakischen Republik das typische Mosaik des

jüdischen Prags außerhalb des Gettos, dem die Prager

Literatur ein Denkmal baute.» 15

Hans Kohn blickte als Redakteur der zionistischen

Zeitschrift Selbstwehr auf die Einstellung seiner Generation

um die Jahrhundertwende zurück: «Das Judentum

war uns fremd, kaum eine ferne Legende. Juden,

die nicht böhmische oder, im besten Falle, Wiener Juden

waren, uns unbekannt. Wir waren vollkommen assimiliert

an die deutsche Kultur jener Tage oder an den Ausschnitt,

der unserem jüdischen Temperament nahe lag:


an den Logos- und den Diederichs-Verlag, an die Wiener

süddeutsch-jüdische Mischkultur, an Dehmel und Rilke

und Hofmannsthal, an die jüngste Lyrik, die damals in

einer Reihe von Zeitschriften ihr schnell verblühendes

Dasein führte: Und diese Zeitschriften lagen alle im Café

Arco aus. Die Assimilation war für uns wie für alle eine

Wirklichkeit, der Zionismus nur eine Geste oder ein Programm,

das Judentum eine traditionell oder freudig bejahte

Tatsache, noch nicht einmal ein Problem.» 16

Judenhass und Genozid im 20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg, dem Sturz der Habsburgermonarchie

und der Errichtung der Tschechoslowakischen

Republik entlud sich, nachdem es bereits 1897 zu

antideutschen und antijüdischen Ausschreitungen gekommen

war, 17 erneut der tschechische Volkszorn insbesondere

gegen die jüdische Bevölkerung, die man zunehmend

mit der deutschen gleichsetzte.

«Das internationale Judentum wurde in erster Linie

für den Krieg und vor allem für die erniedrigenden und

finanziell lähmenden Bedingungen, zu denen der Frieden

ausgehandelt wurde, verantwortlich gemacht. Einige

tschechische Zeitungen gingen so weit, darauf zu dringen,

das gesamte deutsche Eigentum zu konfiszieren und

‹alle jüdischen und halbjüdischen Führer [...] im wahrsten

Sinne des Wortes zu zerstampfen›. Am 16. November

1920 fiel der Mob in das jüdische Viertel von Prag ein

und stürmte das alte Rathaus.» 18

Franz Kafka schrieb in jenen Tagen an Milena Jesenská:

«Die ganzen Nachmittage bin ich jetzt auf den Gassen

und bade im Judenhass. ‹Prašivé plemeno› [räudige Rasse]

habe ich jetzt einmal die Juden nennen hören. Ist es

nicht das Selbstverständliche, dass man von dort weggeht,

wo man gehasst wird (Zionismus oder Volksgefühl

ist dafür gar nicht nötig)? Das Heldentum, das darin besteht

doch zu bleiben, ist jenes der Schaben, die auch

nicht aus dem Badezimmer auszurotten sind.»

Zwar konnten diese von radikalen Extremisten angefachten

Exzesse, die für das tschechische Volk im Ganzen

keineswegs typisch waren, bald eingedämmt werden.

Doch wuchs im benachbarten Deutschland eine viel größere,

die eigentliche, tödliche Gefahr heran: Im selben

A u f g e k l ä r t e s J u d e n t u m · J u d e n h a s s u n d G e n o z i d i m 2 0 . J a h r h u n d e r t

Jahr 1920 wurde dort die nsdap gegründet und damit

der unaufhaltsame Aufstieg Adolf Hitlers eingeleitet,

zu dessen Wahnideen von Beginn an die Ausrottung der

«jüdischen Rasse» gehörte. Nachdem beim Münchner

Abkommen vom September 1938 England und Frankreich

die letzte Chance vertan hatten, Hitlers Imperialismus

entgegenzutreten, und dann die deutsche Wehrmacht

im März 1939 die Tschechoslowakische Republik

überfallen hatte, brach für all jene Juden, die nicht

rechtzeitig geflohen waren, und das war der ganz überwiegende

Teil, eine kaum vorstellbare Schreckenszeit

herein. Wie im Deutschen Reich und im «angeschlossenen»

Österreich wurden die meisten Juden in die Konzentrationslager

von Auschwitz, Ravensbrück oder (die

Künstler) zunächst nach Theresienstadt deportiert, wo

fast alle gezielt getötet wurden oder aufgrund der Haftbedingungen

umkamen.

Das unfassbare Geschehen kommentierte der Schriftsteller

Oskar Wiener mit den Worten: «Es ist unglaublich.

Ich habe immer Deutschland aufrichtig geliebt und jetzt

muss ich so elend enden.» Max Brod geht auf das Thema

aus der abgeklärteren Position seiner im Alter erschienenen

Lebenserinnerungen ein: «Die große Begeisterung der

Juden für deutsches Wesen, deutsche Kultur, Philosophie,

Dichtung, ihr Patriotismus (zum Beispiel während des

Ersten Weltkrieges) ist noch in allgemeiner Erinnerung,

und die dann später eingetretene Kultur-Nacht periode

bekam ihre schmerzlichsten Akzente dadurch, dass sich

die Juden keiner Schuld bewusst waren, dass sie sich gegen

das plötzliche grausame Ausgeschlossensein aus der

deutschen Welt innerlich sträubten, und zwar aus Liebe

sträubten. Dass zu all dem Monströsen, das sie zu erleiden

hatten, auch noch das Unglück enttäuschter Wahlverbundenheit

trat, bezeichnet die Höhe des Leids.»

77 297 vernichtete Menschenleben sind namentlich

an den Wänden der Pinkas-Synagoge dokumentiert. Die

wenigen Überlebenden begannen nach dem Zweiten Weltkrieg

erneut ein bescheidenes Gemeindeleben, das bis

heute fortbesteht. Doch waren durchaus nicht alle Rückkehrwilligen

willkommen. «Die tschechischen Juden

deutscher Sprache waren, sofern sie den Gaskammern

der Nazis entkamen, in alle Winde verstreut. Wer zurück-

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kehren wollte, wurde – in Übereinstimmung mit Beneš –

behandelt wie die Deutschen im Lande. Beneš erklärte

1945, dass die Juden willige Werkzeuge der Deutschen

gewesen seien und dass sie, um gleichberechtigt zu sein,

für die Befreiung gekämpft haben müssten. Die deutschsprachigen

Juden mussten um die tschechoslowakische

Staatsbürgerschaft neu ansuchen. Sie bekamen ‹deutsche›

Lebensmittelrationen und mussten Abzeichen tragen,

die sie als Deutsche identifizierten. Die in der Tschechoslowakei

geborene Germanistik-Professorin Wilma

Abeles Iggers aus dem amerikanischen Buffalo schreibt in

ihrem Buch Die Juden in Böhmen und Mähren: ‹Juden, die

vor dem Krieg in deutschen oder ungarischen Turnvereinen

organisatorisch tätig waren, waren von den Staatsbürgerschaftsrechten

ausgeschlossen. Ausgeschlossen

waren ferner auch Juden, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg

zur jüdischen Nationalität bekannt hatten.›» 19

Dass immerhin die Gebäude und Einrichtungen trotz

des Naziterrors gegen die jüdische Bevölkerung erhalten

geblieben sind, verdankt sich dem offenbar auf Hitler

selbst zurückgehenden perversen Plan, in Prag ein «Museum

einer ausgestorbenen Rasse» einzurichten. Zu diesem

Zweck wurden hier auch sämtliche Kultgegenstände

aus den zerstörten Synagogen des übrigen Landes zusammengeführt.

Der größte Teil der jüdischen Einrichtungen Prags

ist heute Bestandteil des Jüdischen Museums, und die

Reste der «Judenstadt» gehören zu den größten Touristenattraktionen

Prags. Doch die große, jahrhundertealte

Geschichte einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden

Europas ist offenbar unwiederbringlich zu Ende. Damit

ist auch ein Teil der Identität Europas verloren gegangen,

woran das klarsichtige Wort des tschechischen

Schriftstellers Milan Kundera erinnert: «Die Juden waren

im 20. Jahrhundert das wichtigste weltbürgerliche Element,

sie waren die Initiatoren Mitteleuropas.»

Unter dem Dach der Altneu-Synagoge (rechts) soll Rabbi

Löw den «entseelten» Körper des Golem eingeschlossen

haben. – Die Thorarollen werden im steinernen Schrein an

der Ostwand des Betraums aufbewahrt (linke Seite).

J u d e n h a s s u n d G e n o z i d i m 2 0 . J a h r h u n d e r t · A l t n e u - S y n a g o g e

Die Altneu-Synagoge, auch Altneuschul genannt, 20 hat

als eines der ehrwürdigsten Gebäude der Stadt auch ihre

eigenen Legenden. So sollen nach der Zerstörung des

Tempels zu Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n. Chr.

einige Steine von Engeln nach Prag gebracht worden sein,

die dann in die Grundmauern dieses Bethauses eingefügt

wurden. Deshalb konnte dem Bau, der stets von Engeln

beschützt blieb, auch keiner der oft verheerenden Brände

des Gettos etwas anhaben.

Aber ganz so alt sind Prag und die Synagoge nun

doch nicht, denn die Historiker sagen, dass das Gottes-

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J u d e n s t a d t

haus um 1270 von den französischen, an der Zisterzienser

gotik geschulten Baumeistern des unweit gelegenen

Agnes-Klosters zeitgleich mit diesem errichtet

wurde. Da bereits eine «Altschul» existierte, nannte man

diese die «Neuschul». Als dann im 16. Jahrhundert zwei

weitere Bethäuser gebaut wurden, bürgerte sich für die

bisherige «Neuschul» die Bezeichnung «Altneuschul»

beziehungsweise Altneu-Synagoge ein.

Der eigentliche Betraum ist später an drei Seiten von

Anbauten umgeben worden: einem Eingangsraum und

– aus dem 17. Jahrhundert – zwei Frauenemporen. Über

dem Eingang zum Innenraum zeigt das Relief des Türbogenfeldes

ein schönes symbolisches Lebensbaummotiv

in Form einer sich verzweigenden Weinranke mit zahlreichen

Blättern und zwölf Wurzeln, den Symbolen der

zwölf Stämme des Volkes Israel.

Die zwei massiven Säulen des zweischiffigen Innenraums

tragen die sechs Felder des hohen gotischen

Kreuzrippen-Gewölbes. Ob die nur hier vorkommende,

jeweils zur Wandmitte verlaufende höchst ungewöhnliche

fünfte Kreuzrippe tatsächlich dadurch begründet ist,

dass man hier die Kreuzform vermeiden wollte, ist nicht


eindeutig geklärt. Der zwischen den zwei Säulen durch

Holzschranken und einem schmiedeeisernen Gitter (aus

dem 15. Jahrhundert) ausgesparte Raum, das sogenannte

Bimah oder Almemor, dient zum Vorlesen aus der

Thora-Rolle, worauf das Pult hinweist. Um dieses Bimah

sowie entlang der Wände bieten alte hölzerne Sitze den

älteren Gemeindemitgliedern eine Sitzgelegenheit während

der Gottesdienste. Die freskierten Inschriften an

den Wänden sind den Psalmen, Prophetenbüchern und

dem Talmud entnommen.

Eine große rote Standarte in der Mitte des Raumes,

die neben dem Davidsstern den Schwedenhut zeigt,

wurde den Prager Juden von Kaiser Ferdinand III. für

ihre Verdienste bei der Verteidigung der Prager Altstadt

gegen die Schweden 1648 verliehen. In Prag kam das

bereits in der griechischen und jüdischen Antike bekannte

und im Mittelalter als Talisman gebräuchliche Sechseck-Symbol

des sogenannten «Davidssterns» ab dem

16. Jahrhundert als Erkennungszeichen der jüdischen

Gemeinde beziehungsweise des Judentums in Gebrauch;

von hier aus breitete es sich in ganz Europa und weltweit

aus, bis es schließlich in die Nationalflagge des Staates

Israel Eingang fand.

An der Ostwand wird in einem von einem Vorhang

verdeckten und mit zwei Metalltüren verschlossenen steinernen

Thoraschrein (Aron ha-Kodesch) die Thorarolle

aufbewahrt, welche in hebräischer Handschrift die fünf

Bücher Moses enthält. Davor befindet sich eine kleine

vertiefte Stelle, von der aus der Vorbeter beziehungsweise

Vorsänger (Kantor) den jeweiligen Bibeltext vorträgt, gemäß

dem Psalm 130: Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir. Ein

kleiner Fensterschlitz über dem Thoraschrein diente einst

dazu, in der Abenddämmerung den ersten Stern auszumachen.

Denn erst wenn dieser sichtbar ist (zumindest

bei klarem Wetter), kann der Gottesdienst beginnen –

Altneu-Synagoge: Vorraum (links unten), Tympanon mit

Lebensbaummotiv in Form einer sich verzweigenden Weinranke

(links oben) und Lesepult vor dem Thora­Schrein

(rechts).

A l t n e u - S y n a g o g e · J ü d i s c h e r F r i e d h o f

falls mindestens zehn über dreizehnjährige männliche

Besucher beisammen sind. Ein siebenarmiger Leuchter

(Menorah) und ein «ewiges Licht» vervollständigen die

notwendige Ausstattung des nach wie vor genutzten

Bethauses.

Nach der Zerstörung der romanischen Synagoge in

Worms durch die Nationalsozialisten ist die Prager Altneu-Synagoge

die älteste erhaltene in Europa.

Auch hinter der auffallend hohen, aus Ziegelsteinen

gemauerten Giebelwand aus dem 15. Jahrhundert ist

eine bekannte Prager Sage angesiedelt, soll doch dort,

auf dem nur von außen zugänglichen Dachboden, seit

den Tagen des Hohen Rabbi Löw der «entseelte» Lehmkörper

des Golem liegen. Der Rabbi habe für alle Zeiten

das ausdrückliche Verbot erlassen, dass jemals wieder ein

Mensch den Dachboden betrete. Egon Erwin Kisch hat

sich nach vielen Mühen dennoch die Erlaubnis verschafft

und ist die (einst auf behördliche Anweisung an der Außenmauer

angebrachten) Eisensprossen hinaufgeklettert

... Über diese spektakuläre Aktion berichtet er in seiner

Reportage Dem Golem auf der Spur. Červená 2

Jüdischer Friedhof · Der romantisch anmutende Friedhof

des ehemaligen Gettos, heute eine der wichtigsten

Touristenattraktionen Prags, ist das Ergebnis peinlichsten

Platzmangels. Ohne die Möglichkeit der Ausbreitung

bei steigender Zahl der Gettobewohner, konnte die Erweiterung

nur in senkrechter Richtung erfolgen. Immer

wieder musste neue Erde aufgeschüttet werden, um die

Toten wirklich «beerdigen» zu können. So wuchs die Begräbnisstätte,

von den Juden Beth Chaim, Haus des Lebens,

genannt, im Laufe der Jahrhunderte stetig in die

Höhe (auch weil nach jüdischem Glauben die Auflassung

von Gräbern nicht gestattet ist) mitsamt den Grabsteinen,

die immer wieder mit nach oben versetzt wurden,

und es bildete sich die charakteristische, von hohen Bäumen

und Holunderbüschen beschattete Hügellandschaft

aus mit den rund zwölftausend Grabsteinen unterschied-

licher Größe und Form – der älteste erhaltene von 1439,

der jüngste von 1787. Die Zahl der hier ruhenden Toten

ist allerdings viel höher, schätzungsweise sind es zwanzigtausend.

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J u d e n s t a d t

Die hebräischen Inschriften der Grabsteine nennen

den Namen des hier Bestatteten, den seines Vaters, bei

Frauen auch den des Ehemanns, ferner das Datum von

Tod und Bestattung. Oft ist ein bildliches Namenssymbol

beigefügt, etwa Hirsch, Wolf, Karpfen, Fuchs, Bär,

Hahn oder auch Berufssymbole wie Mörser für den Apotheker,

Pinzette für den Arzt, Schere für den Schneider;

einem Gelehrten wird dagegen nicht selten eine Krone

verliehen. Die Weintraube weist auf einen Angehörigen

des israelitischen Stammes Juda, während der Krug den

Nachkommen der Leviten zugehörig ist, die die Aufgabe

hatten, vor dem Gottesdienst den Priestern die Hände

zu waschen. Die im Segensgestus erhobenen Hände sind

dem Priestergeschlecht der Kohanim vorbehalten, von

dem sich die Namen Cohen und Kohn herleiten.

Darüber hinaus findet sich auf den Grabsteinen in

der Regel eine allgemeine, aber oft poetische Formel wie

«Seine Seele ging von dannen in Heiligkeit und Reinheit»,

«Ihre Seelen stiegen empor in die Wohnsitze der Höhen»

oder «Seine Seele kehrte zurück zum Herrn». Zuletzt

findet sich in der Regel noch eine – oft schmeichelhafte

– Bemerkung über die guten Eigenschaften des Dahingegangenen:

«Im Himmel beliebt und den Menschen

ein Schmuck», «Seine Hände streckte er den Armen ent-

gegen» oder einfach «Wer zählt seine Vorzüge auf?». Bei

Frauen heißt es dagegen beispielsweise «Eine Frau weisen

Herzens», «Almosen gab sie im Verborgenen» oder einfach

nur «Die Liebliche».

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam die repräsentative

Grabtumba auf, die sich nur wenige leisten konnten.

Die älteste ist jene des Mordechai Maisel (gestorben

1601), doch das bekannteste aller Grabmäler des Friedhofs

ist natürlich jenes des Hohen Rabbi Löw, in dem auch

seine Frau ruht. In der ausführlichen Grabschrift, die jeweils

die Hälfte der Vorder- und Rückseite der Tumba bedeckt,

werden seine Verdienste gebührend gewürdigt:

«Rabbi Jehuda, Sohn des Bezalel / Der Löwe, gewaltig

bei den Oberen und Unteren / er drang ein mit Erlaubnis

und ohne solche / jeden Paradiesesgarten betrat

und durchschritt er unversehrt / weiser war er als jeder,

der die Lehre empfängt und deutet / nichts ließ er unbeachtet

/ Kleines und Großes sammelte und vereinte er

/ Werke verfasste er ohne Ende / und den Ertrag seines

Feldes / wahren mehr als fünfzehn Werke / eine anmutige

Perlenschnur seiner Wangen / schriftliche Lehre und

Überlieferung vereinte er im Bausch seines Gewandes /

in jeglicher Wissenschaft und Erkenntnis war seine Hand

erhoben / den Kindern seiner Zeit bot er das Brot der Er-


habenen / in der Beantwortung der Fragen siegreich und

treffend / in der Eröffnung neuer Erkenntnisse in allen

sechs Ordnungen / des Talmud, der Erklärung Raschis

und der Tossafisten zeigen sie seine Gewalt / in Erörterungen

seltenen Scharfsinns / für die, die Erkenntnis

Gottes und der Menschen fördern / die Augen der Hebräer

erleuchtete er / und darüber hinaus, dass seine Weisheit

mächtig war unter den Mächtigen / lehrte er nach

Einsicht die Eifrigen und Bedächtigen / mit Überlegung

und Untersuchung traf er vielfache Verordnungen, zum

Schutze biblischer und rabbinischer Bestimmungen / die

Worte der Weisheit wie Zeltpflöcke / und so ordnete er

das Lager von der Stadt für spätere Geschlechter / Wehe,

der Fromme! Wehe, der Demütige / so rufen sie sich gegenseitig

an.»

Die jeweils andere Hälfte ist dem Lobpreis seiner Frau

vorbehalten: «Ein wackeres Weib, die Krone ihres Gatten,

sein Herz vertraute auf sie bei Zerstreuung und Verbindung

/ lieblich waren ihre Werke wie Räucherwerk / unter

den Frauen der Gezelte ist sie gesegnet in Herrlichkeit

/ wie bei Sara und Riwka umzog sich für sie der Him-

mel mit Wolken / auf der Zubereitung ihres Teiges ruhte

der Segen / von Sabbat zu Sabbat brannte ihr Licht / wie

Lea und Rachel war sie des Hauses Wurzel / zum Dienste

J ü d i s c h e r F r i e d h o f

und zur Bemühung für den, der den Himmel mit dem

Spann errechnete.»

Alle diese Grabinschriften sind in ihrer Gesamtheit

eine bedeutende Geschichtsquelle. «Sie enthalten eine

ganze Reihe von Wörtern und Wendungen, die sonst nirgends

belegt sind und die Grundlage für das Studium der

hebräischen Sprache in einer Zeitspanne von vier Jahrhunderten

bildeten.» 21 Es existieren von allen diesen Tausenden

von Inschriften handschriftliche Kopien, die im

jüdischen Archiv aufbewahrt werden.

Blumen als Grabschmuck sind auf jüdischen Friedhöfen

unbekannt, aber es fallen einem hier auf etlichen

Grabsteinen oder -tumben, besonders jener des Rabbi

Löw, einzelne oder gar Häufchen kleiner Steine auf. Was

es damit für eine Bewandtnis hat, erzählt der vielbewanderte

Egon Erwin Kisch:

«Vor Jahrtausenden hatte man über die Gräber derer,

die auf der Wanderung Israels durch die Sahara tot

245

Rund zwölftausend Grabsteine aus vier Jahrhunderten von unterschiedlichster

Größe und Form bedecken die von Bäumen und Büschen beschattete

Hügellandschaft des Jüdischen Friedhofs. Aus ihrer namenlosen Vielzahl

ragt die Grabtumba des Rabbi Löw hervor (linke Seite, rechts).


246

J u d e n s t a d t

niedergebrochen waren, Steine gewälzt, damit es Geiern

und Hyänen nicht gar zu leicht werde, den Leichnam aus

dem Wüstensand zu scharren; jedes Nachzüglers fromme

Pflicht war es, auf gleiche Weise den Toten vor dem

Raubtier zu schützen. Durch die Unendlichkeit der Zeitalter

hatte sich diese Maßnahme als Brauch erhalten, hier

ist diese Jahrtausende alte Sitte seit fünf Jahrhunderten

noch in Geltung, aus dem Mittelalter kann ein Steinchen

stammen, das neben einem von heute Morgen liegt.» 22

Die besondere «magische» Atmosphäre des Friedhofs,

für den Prager Willy Haas «der schönste und geheim-

nisvollste der Welt», inspirierte, was kaum verwundert,

nicht wenige Dichter und Schriftsteller. Schönstes Beispiel

ist wohl die 1863 erschienene Erzählung Holunderblüte

von Wilhelm Raabe, Frucht seines Pragbesuchs vier

Jahre zuvor. Diese anmutige, in ihrem Ausgang aber doch

molldunkle Geschichte von der Begegnung eines Studenten

mit einem jungen Mädchen aus dem Getto, einer Art

jüdischer Mignon, auf dem alten Friedhof und ihrer folgenden

zart-schwebenden Freundschaft beschwört die

geheimnisvoll-poetische Atmosphäre ihres Schauplatzes

um die Mitte des 19. Jahrhunderts herauf. Nachdem der

Erzähler durch «das namenlose Gewirr von Gassen und

Gässchen» und «die abscheulichsten Winkel, Gassen und

Durchgänge» des alten Gettos, gar «durch das schmutzigste

Labyrinth, welches die menschliche Phantasie sich

vorstellen kann» endlich «zu der Pforte, welche in das

schauerliche, oft beschriebene Reich des tausendjährigen

Staubes führt», gefunden hat, ist er – zunächst – allein

auf dem Friedhof:

«Ich sah die unzähligen aneinandergeschichteten

Steintafeln und die uralten Holunder, welche ihre knorrigen

Äste drumschlingen und drüberbreiten. Ich wandelte

in den engen Gängen und sah die Krüge von Levi,

die Hände Aarons und die Trauben Israels. Zum Zeichen

meiner Achtung legte ich, wie die andern, ein Steinchen

auf das Grab des Hohen Rabbi Jehuda Löw ben Bezalel.

Dann saß ich nieder auf einem schwarzen Steine aus dem

vierzehnten Jahrhundert, und der Schauer des Ortes

kam in vollstem Maße über mich.

Seit tausend Jahren hatten sie hier die Toten des

Volkes Gottes zusammengedrängt, wie sie die Lebenden

eingeschlossen hatten in die engen Mauern des Getto. Die

Sonne schien wohl, und es war Frühling, und von Zeit zu

Zeit bewegte ein frischer Windhauch die Holunderzweige

und -blüten, dass sie leise über den Gräbern rauschten

und die Luft mit süßem Duft füllten; aber das Atmen wur-

Grabtumba des Rabbi Löw auf dem Jüdischen Friedhof.

Uhren des Jüdischen Rathauses mit hebräischen und

lateinischen Ziffern (rechte Seite).


de mir doch immer schwerer, und sie nennen diesen Ort

Beth-Chaim, das Haus des Lebens?!

Aus dem schwarzen, feuchten, modrigen Boden, der

so viele arg geplagte, misshandelte, verachtete, angstgeschlagene

Generationen lebendiger Wesen verschlungen

hatte, in welchem Leben auf Leben versunken war wie in

einem grundlosen, gefräßigen Sumpf, – aus diesem Boden

stieg ein Hauch der Verwesung auf, erstickender als

von einer unbeerdigten Walstatt, gespenstisch genug, um

allen Sonnenglanz und allen Frühlingshauch und allen

Blütenduft zunichte zu machen.

Ich habe schon erzählt, dass ich in dieser Zeit meines

Lebens ein toller, wilder Geselle war; aber das Gefühl,

welches mich an dieser Stelle erfasste, enthielt die Bürgschaft

dafür, dass ich noch ernst genug werden könne.

Immer tiefer sank mir die Stirn herab, als ich plötzlich

dicht neben mir – über mir ein kindlich helles Lachen

hörte, welches ich schon einmal vernommen hatte. Dieses

Mal erschreckte es mich fast, und als ich schnell aufsah,

erblickte ich ein liebliches Bild. In dem Gezweig

eines der niedern Holunderbüsche, die, wie schon gesagt,

das ganze Totenfeld überziehen, – mitten in den

Blüten, auf einem der wunderlichen, knorrigen Äste,

welche die Pracht und Kraft des Frühlings so reich mit

Grün und Blumen umwunden hatte, saß das neckische

Kind, welches mir vorhin so schlecht den Weg hierher

gewiesen hatte, und schelmisch lächelte es herab auf den

deutschen Studenten. Als ich aber die Hand nach dem

Spuk ausstreckte, da war er blitzschnell verschwunden,

und einen Augenblick später sah das lachende bräunliche

Gesicht, umgeben von schwarzem Gelock, um das

Grab des Hohen Rabbi, als wolle es mich von neuem verlocken,

und zwar zu einer Jagd über den alten Totenort.

Aber dieses Mal ließ ich mich nicht verleiten; denn ich

wusste klar, dass es mir doch nichts nutzen würde, wenn

ich dem Ding nachspränge. In die Erde, in den schwarzen

Boden hätte es sich verloren, oder, noch wahrscheinlicher,

in die Holunderblüten über den Gräbern wäre es

verschwunden. Wie angewurzelt stand ich auf meinen

Füßen und traute dem hellen Tag, der glänzenden Mittagsstunde

nicht im mindesten.»

Else Lasker-Schüler ließ sich während ihres Prag-

Aufenthalts 1915 zu einem Gedicht inspirieren:

Der alte Tempel in Prag

Tausend Jahre zählt der Tempel schon in Prag;

Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag

Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.

Der zerborstene Synagogenstern erwacht,

Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glücksstern über Böhmens Judenstadt,

Ganz aus Gold, wie nur der Himmel Sterne hat.

Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

J ü d i s c h e r F r i e d h o f

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