Auf Wiedersehen,Josia!

schwengeler

Auf Wiedersehen,Josia!

Lieber Herr, ...

Nach dem positiven Schwangerschaftsbescheid.

April 06

Ich danke Dir! Ich danke Dir tausend Mal, Vater!

Wie wunderbar, ich bin schwanger. Du traust es mir

tatsächlich zu, ein zweites Kind zu haben. Damit

hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Was für ein

unverdientes Geschenk, dieses Überraschungskind.

Du bist einfach wunderbar, Herr! Ich lobe und preise

Dich, Jesus!

Befund «Nackenfalte» in der 13. Schwangerschaftswoche.

Dies deutet auf eine mögliche genetische Anomalie.

Juni 06

Ach Herr, was hat mein Kleines? Was ist mit meinem

Kind? Was hat diese Nackenfalte zu bedeuten? Ist es

behindert? Aber wie, wie stark? Ist es entstellt? – Ich

habe Angst. Oh bitte, bitte Herr, segne mein Kind. Ich

möchte es so annehmen, wie Du es mir schenkst, aber

bitte hilf mir dabei! Bitte lass nicht zu, dass es leiden

muss.

Weitere Ultraschalluntersuchung in der 30. Schwangerschaftswoche.

Sept. 06

Herr, ich danke Dir. Danke für diesen Ultraschall,

danke für diesen lieben, geduldigen und gewissenhaften

Arzt, der zu uns steht und uns ermutigt. Ich

habe mein Baby gesehen. Alles ist dran, Hände, Füsse,

es hat ein Gesicht. Ich hatte solche Angst, dass es missgebildet

sein könnte. Es hat mich angelächelt. Ich liebe

mein Kind jetzt schon. Danke Herr, danke für dieses

Wunder!

16 ethos 7 I 2007

Nach nur drei Monaten mussten sich Barbara und Marc

Schmed von ihrem geliebten Sohn Josia verabschieden.

Barbara hat ihre Gebete tagebuchartig aufgeschrieben.

Auf Wiedersehen,

Josia!

Kurz nach der Geburt von Josia Gabriel durch Kaiserschnitt.

6. Dez. 06, 8.45 Uhr

Herr, was für ein hübsches Kind! Wie bist Du doch

wunderbar, Herr! Ich danke Dir! Ich danke Dir für

meinen süssen, kleinen Josia.

Am Geburtstag, nach einem plötzlichen Sauerstoffmangel von

Josia, nach dem Entscheid des zuständigen Arztes, unser Kind

auf die Kinderintensivstation zu verlegen.

6. Dez. 06, 18.00 Uhr

Herr, Herr, ich habe solche Angst! Was ist mit Josia?

Wann kommt endlich dieser Helikopter? Bitte lass es

nichts Schlimmes sein! Bitte beschütze meinen lieben,

kleinen Josia! Herr, bitte!!!

Nach ein paar Tagen Beobachtung auf der Intensivstation und

nach erfreulichen Resultaten bei den organischen Screenings.

12. Dez. 06

Herr, danke, dass alles in Ordnung ist. Danke, dass es

ihm so gut geht und er wieder bei mir sein darf. Danke,

dass Du ihn beschützt hast, und danke, dass wir bald

nach Hause dürfen. Bitte segne mein Kind!

Nach sehr guter Entwicklung von Josia während den ersten

Wochen trotz des Down-Syndroms.

Jan. 07

Oh, lieber Herr, wie bin ich stolz, dass Du mir dieses

wunderbare Kind geschenkt hast! Ich danke Dir, dass

Du mir zutraust, ein Kind mit Down-Syndrom zu haben.

Welch verantwortungsvolle Aufgabe. Welch tolle

Möglichkeit, Zeugnis zu geben für Dich und Deine

Liebe. Herr, Du hast bestimmt Grosses vor mit Josia!

Bitte Herr, segne mein Kind!


Nach unruhiger Nacht am Morgen beim Kinderarzt in Ilanz.

7. März 07, 10.30 Uhr

Oh, Herr, was ist mit Josia? Was hat er? Warum diese

Aufregung? Bitte beschütze ihn und lass ihn schnell

wieder gesund werden, bitte Herr!

Josia wird mit der Rega ins Kantonsspital nach Chur verlegt.

Bei unserer Ankunft auf der Kinderintensivstation erleben

wir die Ärzte bei ihren letzten vergeblichen Reanimationsversuchen.

7. März 07, 12.00 Uhr

Tot? Neiiiiiin!!! Josia, mein Baby! Nein, Herr, nein!

Herr, bitte nicht, tu doch ein Wunder! Herr, bitte!

Diagnose: eine aggressive Hirnhautentzündung, die unter

anderem wegen Josias Trisomie 21 und des damit schwächeren

Immunsystems sich leichter ausbreiten konnte.

7. März 07, 14.00 Uhr

Herr, warum hast Du das getan? WARUM? Was habe

ich getan, dass Du mich dermassen hart züchtigen

musst? War ich zu stolz? Zu sicher, zu überheblich?

Warum hast Du nicht mich genommen? Warum ausgerechnet

Josia? Mein Baby!

Herr, ich will sterben! Ich kann nicht mehr, was soll

ich denn noch hier?

Nach einem Nachmittag des Abschiednehmens im Spital und

nach einer aufgewühlten Nacht.

8. März 07

Bitte Herr, schenke mir Kraft! Hilf mir, diesen Deinen

Weg anzunehmen, auch wenn er so ganz anders ist, als

ich gedacht habe. Und, bitte Herr, drücke meinen Josia

ganz fest, und sag ihm, dass ich ihn liebe! Habe ich

mich jetzt versündigt? Dann verzeih mir bitte! Aber

die Sehnsucht bringt mich noch um den Verstand.

Nach Tagen der Trauer.

11. März 07

Herr, wann hört dieser unerträgliche Schmerz endlich

auf? Kann man an zerbrochenem Herzen wirklich sterben?

Dann will ich jetzt sterben, bitte lass mich!

Beerdigungstag von Josia.

14. März 07

Herr, ich kann und will es einfach nicht annehmen!

Ich bin nicht einverstanden! Ich will mein Baby zurück!

Warum tust Du mir das an? Bin ich nicht gut

genug für dieses Kind? Bin ich als Mutter zu schwach,

traust Du es mir also doch nicht zu? Warum lässt Du

zu, dass andere Frauen ihr Kind im Mutterleib ermorden,

und meinen Josia, den ich von Anfang an geliebt

habe, nimmst Du mir weg? Habe ich versagt? Herr, es

tut so weh! Ich halte das nicht aus! Diese Last ist zu

schwer für mich.

ethos 7 I 2007 17

VERLUST


Einen Monat nach Josias Tod.

7. April 07

Herr, bitte hilf mir, gehorsam zu sein. Bitte trage mich

und lass mich nicht los. Ich danke Dir für die Zeit

mit Josia. Trockne Du meine Tränen! Hilf mir, diese

schwere Last zu tragen. Danke für meinen lieben

Mann, danke für Nathanael. Danke auch für die

lieben Verwandten und Freunde, die für uns da sind

und für uns beten. Danke für unsere Gemeinde,

die uns trägt. Bitte segne Du sie alle ganz reich!

18 ethos 7 I 2007

Lieber Josia

Wir sind traurig, dass du gehen musstest, so früh, so

unverhofft, so schnell. Wie werden wir dich vermissen.

Unser Herz droht zu zerspringen, dass wir dich nie mehr

in den Armen halten können. Unser einziger Trost ist,

dass du jetzt in den Armen unseres Herrn Jesus bist.

Es fällt uns schwer, dich wieder an deinen Schöpfer

zurück zu geben. Wir können es nur wie Hiob aus der

Bibel sagen: «Der Herr hat gegeben und der Herr hat

genommen, der Name des Herrn sei gepriesen» (Hiob 1,21).

Aber wir sind dankbar für die Zeit, die wir mit dir erleben

durften. Es war eine wunderschöne Zeit.

Wir haben uns gefreut auf viele Jahre mit dir, mit dir

herumzutollen, mit dir zu reden, dein spezielles Wesen

verstehen zu lernen, dich zu fördern, dich zu lieben.

So abrupt fand dieser Wunsch ein Ende. Gott bestimmt

die Zeit, obwohl wir manches jetzt einfach nicht verstehen

können. Es wird aber eine Zeit geben, wenn wir bei Ihm

sein werden, da werden wir es begreifen. Wir vertrauen

Ihm, dass Er «nie einen Fehler macht».

Uns bleibt nur noch zu sagen: Auf Wiedersehen, Josia!

Wir lieben dich!

Kein Anschluss unter dieser Nummer?

s gibt sie noch, die Männer und Frauen, die kein Tele-

E fon besitzen. Ich kenne einige von ihnen. Heute habe ich

beobachtet, wie aus dem Neubaugebiet eine Telefonzelle abtransportiert

wurde. Überflüssig geworden im Handy-Zeitalter.

Veraltet. Zu teuer.

Was aber, wenn einer, der weder Festanschluss noch Handy

besitzt, dringend den Arzt anrufen muss? Ob es die guten, alten

Nachbarn noch gibt, bei denen er schnell mal telefonieren

darf?

Ich erinnere mich an unsere Suche nach einem Telefon im

Urlaubsort. Und die Frage, ob der, den ich anrufen möchte, zu

dieser Zeit erreichbar ist. Oder die Computerstimme, die mir

mitteilt: «Kein Anschluss unter dieser Nummer.»

Nur gut, dass ich kein Telefon brauche, wenn ich mit dem

mächtigsten Herrn der Welt sprechen will! Gott ist immer

und überall erreichbar. Ich muss nicht erst in die Kirche gehen,

um zu beten. Ich brauche keine teuren Handygebühren

zu bezahlen. Ich kann mit ihm reden, «wie mir der Schnabel

gewachsen ist». Egal, ob es ein kurzes Stossgebet zwischen-

Deine Mama, dein Papa, dein Bruder Nathanael ■

durch oder ein langer, sorgenschwerer Bericht ist – er hört

mich. Er achtet auf meine Klage und er vernimmt meine Bitten.

Gott hört, auch wenn er nicht immer erhört. Denn er hat

den grösseren Überblick und er weiss, was herauskäme, wenn

er all meine Bitten in Erfüllung gehen liesse.

Jede Mutter, jeder Vater kann von vielen Wünschen seines

Sprösslings erzählen, die unerfüllt bleiben müssen. Wir Eltern

wissen: Manches würde unseren Kindern schaden, wenn wir

es ihnen gewährten.

Manchmal verstehe ich Gott nicht und denke: Da müsste

er doch helfen! Er, der ein Gott der Liebe ist, müsste er da

nicht eingreifen? Doch nichts geschieht. Dann kann ich ihm

nur vertrauen und mich erinnern an die vielen Male, wo er

meine Gebete erhört hat. Glaube ich, dass er es richtig macht?

Eines Tages werde ich wissen, warum.

Jesus sagt: «An jenem Tag (an dem Tag, an dem ich wiederkomme)

werdet ihr mich nichts mehr fragen» (Joh. 16,23). ■

Anneli Klipphahn

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