Im Bann der Gezeiten - Marina.ch

marina.online.ch

Im Bann der Gezeiten - Marina.ch

Im Bann der Gezeiten

Eine Seereise von Saint Malo nach Jersey, Guernsey und Alderney ist eine

navigatorische Herausforderung. Wer der eigenwilligen See erliegt, kann sich

ihr genauso wenig entziehen, wie der Ebbe und der Flut, die in diesem Revier

alles beherrschen.

Joel Tribhout / DPPI


Ob ein schmuckes Beizli oder

frische Austern aus Cancale –

zwischen der Bretagne und den

Kanalinseln gibt es vielerlei zu

entdecken und zu probieren.

TexT unD FoTos: barbara sIegrIsT

«Wo nur liegt diese verflixte Tonne?» Der navigator

sucht mit dem Fernglas den Horizont ab, verschwindet

im niedergang, beugt sich über die seekarte, kommt

wieder ins Cockpit. Draussen taucht die tief stehende

sonne Wasser und Himmel in ein leuchtendes Farbenmeer.

Die segelyacht saphir rauscht unter vier beaufort

vor dem Wind richtung saint Malo, unterstützt

von zwei Knoten strom. Der navigator ist gefordert.

Zum studieren bleibt keine Zeit, bereits tauchen die

ersten Fahrwassertonnen des Chenal de la grande

Porte, der Westeinfahrt nach saint Malo auf. Überall

durchbrechen Felsspitzen das schäumende Wasser. Die

segelyacht ist nicht allein, hinter ihr folgen boote und

weiter nördlich leuchten die segel einer Yacht, die saint

Malo durch den Chenal de la Petite Porte ansteuert.

Die Wassertiefe beträgt laut Karte keine zehn Meter,

die Pierres des Portes, die gleich backbord passiert werden,

sind elf Meter über Kartennull. Doch jetzt sind die

Felsen kaum zu sehen, die Flut steigt. In zwei stunden,

bei Hochwasser, wird die Tiefe 12,65 Meter betragen.

Die segelyacht würde mit ihren 1,80 Metern Tiefgang

darüber schrammen.

Der navigator sucht die rote Fahrwassertonne,

dahinter den Turm der Pierres des Portes und gleich

dahinter die grüne Fahrwassertonne des Chenal de

la Petite Porte. nun kann er sich orientieren, weiss,

wo sich die Yacht befindet. Doch bereits muss er

voraus denken. Der grand Jardin, der Leuchtturm

mit dem roten Hut vor der Insel Cézembre, ist der

chste anhaltspunkt. er weist den steuermann

darauf hin. Dieser darf aber nicht direkt darauf

zusteuern, er muss vorhalten, damit die starke

strömung ihn nicht vom Kurs abbringt. Die ganze

Crew ist an Deck, beobachtet gespannt die see, ist

fasziniert, wie die Yachten über die glitzernden

Wellen tanzen, seezeichen und Felsen umfahrend.

Immer wieder taucht eine wespenartige Kardinaltonne

auf, die mit ihren schwarzen oder gelben

streifen den Weg um das Hindernis weist.

Die Flut bestimmt

nach dem grand Jardin wird die navigation einfacher.

eine Leitlinie führt direkt in den Hafen. auf 128,6 grad

gepeilt liegen die Leuchttürme Phare des bas sablons

und Phare de la balue direkt hintereinander. Hat man

diese «alignements» oder «Leading Lines» erst einmal

ausgemacht, heisst es nur noch Kurs halten. ausser

Leuchttürmen bilden auch Kirchtürme, sonstige

Türme zu Land oder im Wasser, wie auch weiss

angemalte Felsspitzen orientierungspunkte. so

erreicht die saphir eine halbe stunde später den Hafen,

streicht die segel, startet den Motor und fährt über die

schwelle in den Yachthafen bas sablons. Von hier aus

ist sie vor zwei Wochen ausgelaufen. Die abendliche

einfahrt ist nur noch das Dessert am ende einer

faszinierenden reise unter dem Diktat der gezeiten.

begonnen hatte die Flut an einem frühen sonntagmorgen.

Zu Hause würde man um diese Zeit noch

schlafen. Im gezeiten revier der bretagne aber muss

man sich nach der Flut richten. bereits am Vorabend

werden nicht nur die route, sondern auch die Zeiten

genau besprochen. Der Wetterbericht verspricht leichten

nordwestwind. Hochwasser ist in saint Malo um

zehn uhr morgens. Die schwelle in st. Helier auf der

Kanalinsel Jersey, dem Tagesziel, ist von halb zehn uhr

abends bis halb ein uhr nachts passierbar. aber aufgepasst:

Zwischen Frankreich und england besteht eine

Zeitverschiebung. Die französische Zeit geht eine stunde

vor. an diese umrechnung musste skipper Hans Werner

die Crew in den nächsten zwei Wochen noch öfter

erinnern. nächste etappe der Vorbereitung gilt der

strömungskarte. Zu welcher stunde, bezogen auf das

Hochwasser von saint Malo, fliesst der strom wohin

und wie stark? Da in diesen gewässern immer starke

strömungen fliessen, die sich in springzeiten noch

verstärken, und die mit Flut und ebbe die richtung

wechseln, darf keine seereise ohne einbezug des stroms

geplant werden. In aller regel segelt man immer mit

dem strom ans Ziel. aufgrund aller Vorgaben empfiehlt

Hans Werner als erfahrener bretagne-segler, an diesem

ersten Tag zwischen den Chausey Inseln und dem

Plateau des Minquiers nach Jersey zu segeln. Die Crew

wird mit einer leichten brise und sonnenschein belohnt.

gemütliches blauwassersegeln wäre da andernorts

angesagt, nicht ganz in der bretagne. Die gezeitenunterschiede

betragen hier bis zu 13 Meter. Das Meer

ist gespickt mit Felsen, die je nach Wassertiefe

problemlos überfahren werden können, oder aber aus

den Wellen ragen. am gefährlichsten sind sie, wenn sie

unsichtbar dicht unter der Wasseroberfläche lauern.

eine Fülle von seezeichen erleichtert die navigation, der

ungeübte segler allerdings findet manchmal vor lauter

seezeichen dasjenige nicht, das er so dringend zur

orientierung sucht. Trotz gPs versucht die Crew, die im

b-schein erlernte navigation anzuwenden und sich an

den seezeichen orientierend zu koppeln. Das Fernglas

ist dabei unerlässlich – und glücklich, wer gute sicht

hat. oft heisst es im seewetterbericht «brûmes» oder

«fog patches» und dann findet sich die Yacht urplötzlich

im dichtesten nebel, der sich genauso plötzlich wieder

verzieht. unterwegs nach Jersey ist vor allem das Plateau

des Minquiers heimtückisch, weil seine Kartentiefe nur

ganz wenige Meter über Kartennull liegt. Die Crew sieht

von weitem gerade mal die spitzchen und achtet sorgfältig

auf die strömung, damit die saphir auch ja Kurs

hält. nach 50 Meilen und zehn stunden läuft die

segelyacht in den Hafen von st. Helier ein. es ist Mitte

august und damit Hochsaison. Die Yachten liegen

nebeneinander zusammengebunden am Warteponton

im Vorhafen. Die saphir gesellt sich zu ihnen. es dauert

noch fast drei stunden, bis das Wasser so hoch ist, dass

die schiffe über die schwelle in den Hafen einlaufen

können. Die Crew kocht nach dem obligaten ankertrunk

das abendessen. sie wird noch öfter selber kochen.

Wieder eine Folge der gezeiten, die nicht immer pünktlich

zum Dinner Hochwasser haben.

Jersey Cream und Apfelbrandy

Die Crew will sich die Insel Jersey ansehen. Die

Hauptstadt st. Helier ist belebt und geschäftig. ab

busbahnhof fahren mehrere busse über die Insel, so

dass man sich einen ausflug aussuchen kann. achtung,

es herrscht Links-Verkehr. Die Crew-Mitglieder fallen

immer wieder darauf herein und schauen beim Überqueren

der strasse zuerst links statt rechts. auf Jersey

wird mit dem Jerseypfund bezahlt. es entspricht

einem englischen Pfund, wird aber nur auf den

Kanalinseln akzeptiert. englisches Pfund wird überall

angenommen, euros seltener. Jersey ist grün, auf den

Weiden grasen die Kühe und überall wird für Jersey

Cream geworben, einem fetten feinen rahm, der für

Toffees genauso gebraucht wird, wie für die scones

zum Fünf uhr Tee. Im norden der Insel gibt es gar ein

kleines Weingut, das La Mare Wine estate. Die

besitzer bieten Führungen an und stellen nebst Wein

auch apfelbrandy und schokolade her. Wer nicht im

Hafen von st. Helier anlegen will, kann in der saint

aubin bay östlich des Hafens vor anker gehen. Das

wird die Crew auf dem rückweg zum Festland tun,

denn vor anker kann man unabhängig von den

gezeiten segel setzen, beispielsweise morgens um

5 uhr an einem sonntag.

Doch bevor es soweit ist, segelt die saphir zwanzig

Meilen nordwestwärts nach guernsey, wo sie in

st. Peter Port übernachtet. eine Lagebesprechung

spätabends mit seewetterbericht, strömungskarte

und Whiskeyglas ergibt, dass man anderntags weiter

nach alderney segelt und guernsey auf dem rückweg

nochmals ansteuert. alderney ist die wilde, die

unbekannte, die Vogelinsel, die zwanzig seemeilen

Zu den Spezialitäten zählen

neben den Austern auch

Galettes und Crêpes. Dazu wird

bretonischer Apfelwein,

sogenannter Cidre getrunken.

72 seaside marina.ch november 09

73


© www.kohlikarto.ch

Plymouth Poole

Brighton

Lands End

Torbay

BournePortsmouthmouth Penzance

Is. of Scilly

Lizard Point

Falmouth

C. de la Hague

Guernsey

Kanal Inseln

(GB) Jersey Cherbourg

Lyme B.

Dover

Calais

Hastings

Ä r m e l k a n a l

Boulognesur-Mer

Abbeville

Baie de la Dieppe

Seine

Le Havre Fécamp

Golfe de St-Malo

Deauville

Amiens

I. d’Ouessant

Saint-Lô

Moirlaix Granville Caen Rouen

Brest St-Brieuc

St-Malo N o r m a n d i e

Pt.du Raz

Quimper

B r e t a g n e

Loirent

Vannes

Belle-Ile

St-Nazaire

nordöstlich von guernsey und zehn seemeilen vom

Cap de la Hague entfernt liegt. Man hat zwei

Möglichkeiten die braye bay im norden anzusteuern.

Man fährt östlich der Insel durch «das race». Der

strömungsatlas weist hier beeindruckend dicke Pfeile

auf. «Zeitfenster für die Passage eine halbe stunde»,

sagt Hans Werner, «sonst rauscht es ab nach

Cherbourg». Die navigatorin des Tages zögert. sie

schaut sich den «swinge» an, die westliche anfahrt

nach alderney. beim studium der strömungskarte

und der Felsen auf der Karte wird ihr bang. «swinge

– auf gar keinen Fall.» sie rechnet und schlägt vor:

«abfahrt 10 uhr, ankunft 15.30 uhr, Weg 27 seemeilen,

strom in Wegrichtung, Halbwindkurs». Dann

legt sie sich beruhigt schlafen.

Swingend nach Alderney

am nächsten Tag läuft alles wie geplant – vorerst.

Doch die saphir ist zu schnell unterwegs. Das race

zur falschen Zeit könnte zum Höllenritt an den

falschen ort werden. Die saphir segelt flott voran. Die

navigatorin schwitzt vor den see- und strömungskarten.

Dann der entscheid. «Wir nehmen die Passage

durch den swinge, denn zu dieser stunde herrscht

dort kaum strömung.» alderney ist im nebel sichtbar,

davor einige Felsen. Den Pierre au Vraic muss man

unbedingt im auge behalten. Die navigatorin nimmt

das gPs zu Hilfe, die saphir darf nicht unter 2 grad

15 Minuten West laufen, um nicht zu nah ans Land

zu kommen. Da plötzlich wirft Hans Werner den

Motor an und gibt backbord schub. «Legerwall», sein

Kommentar. Das heisst: Die navigatorin hat die

strömung falsch eingeschätzt. am abend wird sie

überdies feststellen, dass sie eine stunde zu früh

unterwegs war, weil sie die falsche Zeit als

rechnungsgrundlage angenommen hatte. Die reise

wird nur dreieinhalb stunden dauern und über

15,7 seemeilen führen.

Rennes

Nantes Angers

Loire

Le Mans

Str. of Dover

Seine

PARIS

Orléans

seaside marina@marina-online.ch • www.marina-online.ch

Tel. 031 301 00 31 • Tel. Abodienst: 031 300 62 56

an bord ist 12.30 uhr, die saphir nimmt Kurs auf den

swinge. Das Wasser köchelt, blubbert, spritzt, als ob

unten auf dem grund der Teufel eine Party schmeisst.

Die saphir bockt und schlingert. backbord folgt ihr ein

segler, dem ergeht es nicht besser. steuerbord achtern

folgt ein Frachter, gross und schwer stampft er durch

das gewühl von Wellen und stromschnellen. nach

einer halben stunde taucht die braye bucht auf. Der

Leuchtturm dahinter blinkt auch tagsüber, da hier oft

nebel herrscht. noch einmal ein Kabbelwasser, dann

gleitet die Yacht ins ruhigere Hafenwasser. Hier liegen

die gästeyachten an bojen. Der Weg an Land mit dem

Dinghi dauert, vor allem bei gegenstrom, lange.

alderley gefällt der Crew, und dass sie den swinge

passiert hat, lässt sie wie kleine Cap Horniers fühlen.

nach dem ankertrunk und dem beschluss, dass erst am

chsten nachmittag um 16 uhr zurückgesegelt wird,

ist Zeit für eine kleine Pause an bord oder an Land. Über

Kanal 37 kann ein Wassertaxi gerufen werden, das einen

bequem für 1,50 guernseypfund an Land oder zurück

zum boot bringt. Der lange sandstrand der braye bucht

hat puderweichen sand, einige Touristen baden. beim

nahen Hotel zeichnet ein Mann die aussicht – Postkartenidylle.

etwas verschlafen, rau aber einladend wirkt

die Insel. Papageientaucher, «Puffins» in englisch, sind

hier im sommer zu gast und ganze Tölpelgruppen

fliegen der Küste entlang. st. anne, die kleine stadt,

erreicht man in wenigen Minuten zu Fuss. Die Hauptstrasse

hat einige nette Läden, kaum jemand kann der

Verlockung widerstehen, ein paar souvenirs zu kaufen

und Postkarten zu schreiben. Die briefmarken sind nur

auf alderney und guernsey gültig und wunderschön

illustriert. Im supermarkt erhält man alderney Jogurt

und am Hafen im Laden für bootszubehör steht gross

dutyfree und man erhält in einem gewirr von Kleidern,

Tampen und Flaggen auch genau den schäkel, der einem

vor zwei stunden ins Meer gefallen ist.

Blühende Gärten auf Guernsey

Doch auch guernsey ist ein besuch wert. Die Crew

verbringt hier wie geplant einen Tag. st. Peter Port ist

eine schmucke kleine Hauptstadt mit schönen Läden.

Das busnetz ist auch auf guernsey gut ausgebaut. eine

Inselrundfahrt zeigt blühende gepflegte gärten, grüne

Wiesen und herausgeputzte kleine Häuser. auffallend

auf allen drei Kanalinseln und auch in saint Malo sind

die bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Die Inseln

erlebten eine lange deutsche besatzungszeit. Heute

erinnern Museen und gedenktafeln daran. auch die

Leuchttürme wurden im Krieg zerstört, sind inzwischen

aber wieder aufgebaut worden. so auch der roches

Douvres, der die saphir auf ihrem rückweg an die

französische Küste von weitem grüsst. er ist der am

weitesten von der Küste entfernte Leuchtturm Frankreichs

und steht auf einem gefährlichen Felsplateau,

74 marina.ch november 09

75

benoit stichelbaut / DPPI

das die schiffe tunlichst meiden. Die saphir fährt im

Morgengrauen in gebührendem abstand an ihm vorbei.

sie steuert Lézardrieux an, einen Hafen im Fluss

Trieux, der von engländern und Franzosen, die von den

Inseln kommen, gern angelaufen wird. Im Dorf gibt es

eine kleine Crêperie, die avel-Mor, mit deliziösen

Crêpes und galettes. auf der Fahrt zurück nach saint

Malo steuert die saphir noch Paimpol und für einen

badehalt die Ile bréhat an. beides bretonische Perlen,

die man nicht auslassen darf. Die Ile bréhat zeichnet

sich durch hunderte von kleinen buchten aus. Die Crew

hat sich die Pause und das bad verdient, denn die

Hinfahrt durch die strömung, über die untiefen und

durch den seezeichenwald erforderte Konzentration.

Hilfreich ist immer wieder eine «Clearing Line» zu setzen,

eine Peilung über zwei seezeichen, ähnlich einer Leitlinie,

mit der man die gefährliche Versetzung durch den strom

prüfen und korrigieren kann.

Paimpol, das früher ausschliesslich vom Fischfang

gelebt hat, fasziniert, weil sich hinter dem segelboot

die schleuse schliesst und dann einer badewanne

gleich das Wasser abgelassen wird. spaziert man bei

niedrigwasser vor die schleuse, liegt das Meer kilometerweit

weg, die Fahrwasserzeichen bewachen das

rinnsal des ausgebaggerten Kanals. Die schleuse ist

zweieinhalb stunden vor und nach Hochwasser

geöffnet. Das heisst aber noch nicht, dass auch unter

jedem Kiel solange genügend Wasser ist. segelyachten

mit Tiefgang sind auch hier auf einen guten rechner

am navigationstisch angewiesen. beim ankertrunk

bedankt sich die Crew nicht mit einem bier, sondern

echt bretonisch mit einem Cidre.

Drei gute grünDe für Die Bretagne

Skipper Hans Werner segelt seit zehn Jahren jährlich bis zu sieben Wochen in

der Bretagne. Er ist Segellehrer und B-Schein-Instruktor. «Einmal Bretagne immer

wieder – oder nie mehr», sagt er. Dass es ihn immer wieder in die Bretagne zieht,

hat drei Gründe: Die navigatorische Herausforderung, die faszinierende Land-

schaft und das bekömmliche Essen in den Restaurants – sofern man denn die

richtigen kennt.

marina@marina-online.ch • www.marina-online.ch

Tel. 031 301 00 31 • Tel. Abodienst: 031 300 62 56

benoit stichelbaut / DPPI

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine