Viel Sonne und einige Sünden - marina.ch - das nautische Magazin ...

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Viel Sonne und einige Sünden

Der Luganer See ist weit verzweigt und bis zu 288 Meter tief. Seine Lage und die spektakuläre Umgebung sind

reich an Geschichte und Geschichten zu Kunst und Kultur. Immer im Vordergrund steht Kulinarisches: Es gibt

allein auf Schweizer Seite des Sees 37 Restaurants mit Bootsanlegestelle.

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Extreme am Luganer See: Der

Sonnenkönig Monte Brè und

der Damm bei Melide.

TexT und FoTos: chrisTian dick

eines sei gleich vorweg genommen: George clooney

trinkt seinen kaffee nicht am Luganer see. das

anwesen des hollywood-stars liegt ein paar kilometer

weiter östlich in Menaggio an einem anderen der

fünf oberitalienischen seen, dem comer see. Was

nicht heissen soll, dass der Luganer see keine Prominenz

aus dem showbusiness zu bieten hat: Paola und

kurt Felix oder Peter kraus sind zwar keine Weltstars,

aber immerhin. und: reichtum verlangt ja nicht

zwingend nach Prominenz, ist aber unabdingbare

Voraussetzung für jene, die am ceresio ein Grundstück

oder auch nur eine Wohnung mit seeanstoss

haben oder gerne hätten.

ceresio? Ja, so hiess der see im sottoceneri ursprünglich,

was im Tessiner dialekt soviel wie «see der

kirschbäume» bedeutet. das tönt sehr schön und ist

es auch: auf knapp 49 Quadratkilometern, davon 63

Prozent zur schweiz und 37 Prozent zu italien gehörend.

eingebettet in eine spektakuläre Berglandschaft

leuchtet, glänzt und blendet das seeufer in einer

prachtvollen Mischung aus Palmen, Zitruskulturen,

Zypressen und mehr oder weniger prunkvollen,

mitunter auch protzigen Gebäuden. der Monte Brè

mit dem gleichnamigen dörfchen Brè (300 einwohner),

welcher zusammen mit dem gegenüber

liegenden san salvatore die Bucht von Lugano

begrenzt, gilt als sonnenreichster Berg der schweiz

und ist somit auch könig der sonnenstube Tessin.

die umwerfende schönheit und das Wohlfühl-klima

sind längst nicht alle reize, die der ceresio zu bieten

hat. der see und seine umgebung haben viel historisches

und noch mehr Geschichten zu erzählen, so

dass es schwer fällt, einen anfang geschweige denn

ein ende zu finden. Wo die sonne scheint, gibt es

natürlich auch schatten, der nicht unerwähnt bleiben

soll. Wir rollen das Feld von hinten beziehungsweise

von osten auf und beginnen mit der eher düsteren

seite – nicht nur bezüglich sonneneinstrahlung.

Die Schande von Bissone

nicht genug damit, dass Bissone einen Gegenpol

zum Monte Brè bildet und morgens lange im schatten

liegt. das dorf, das sich gerade noch in sichtweite

des Bergkönigs befindet, ist ebenfalls

schweizer rekordhalter – jedoch nicht bezüglich

sonnenstunden, sondern in sachen dezibel. Bissone

gilt als Lärm belastetster ort der schweiz. kein

Wunder: sowohl autobahn als auch eisenbahnlinie

führen – buchstäblich – mitten durch den ort!

schandtaten der Verkehrspolitik, die bis auf das

ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen und nun mit

gehörigem aufwand so weit als möglich wieder gut

gemacht werden sollen.

doch eins nach dem andern: Bis ende des vorletzten

Jahrhunderts war der ceresio noch ein see. die

handelswege nach italien führten bis Morcote und

von dort über den see nach Porto ceresio. es scheint,

als habe der damalige reichtum des wichtigen Grenzhafens

bis heute überlebt und sei selbst den Blumenkästen

an der kleinen seepromenade noch anzusehen.

so oder so: Morcote ist nicht nur vom Wasser aus

betrachtet der wohl schönst gelegene ort am see,

sondern bestätigt den eindruck, ein schmuckes dorf

zu sein, auch beim Landgang ohne einschränkung. die

botanischen anlagen des Parco scherrer funktionieren

quasi als sahnehäubchen. dass sich heiraten im

respektablen Gemeindehaus am see nach wie vor

grosser Beliebtheit erfreut, ist auch keine Überraschung.

einziger Wermutstropfen in der paradiesischen

idylle Morcotes sind die meist ausgelasteten

auto-Parkplätze direkt am seeufer. doch das soll sich

ändern: Geplant ist ein unterwasser-Parkhaus, kosten

über 20 Millionen Franken.

Womit wir wieder bei der Verkehrspolitik wären und

nach Melide zurückkehren. die aufschüttung des

damms nach Bissone hat seinerzeit aus einem see

praktisch zwei gemacht. immerhin blieb die

durchfahrt vom einen zum andern seeteil sowohl

für kurs- als auch für Privatschiffe gewährleistet.

keine selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt,

wie skrupellos mit dem dorf Bissone umgegangen

worden ist. dem zweigeteilten «24-stunden-Lärmdorf»

soll nun geholfen werden. Bundesrat Moritz

Leuenberger hat persönlich augenschein genommen.

das Projekt, autobahn und eisenbahn in eine

Tunnelhülle zu kleiden, ist konkret. Bis sich Bissones

einwohner wieder frei und einigermassen in ruhe in

ihrem dorf bewegen können, wird es aber noch eine

geraume Weile dauern.

Die Seilbahn zum Sighignola

eine andere, eher amüsante sünde der – diesmal italienischen

– Verkehrsplanung dürfte noch viel länger auf

Wiedergutmachung warten. ende der 60er Jahre sollte

eine Gondelbahn von der italienischen enklave campione

hinauf auf den 1314 Meter hohen sighignola gebaut

werden. die schweizer boten als spezialisten auf

dem Gebiet des seilbahnbaus ihre hilfe an. es ist heute

nicht mehr ganz klar, ob und wenn ja in welcher Form

sie dann tatsächlich am Projekt beteiligt waren. Talstation,

Masten und Bergstation wurden errichtet. als

dann die seile gespannt werden sollten, stellte man mit

erstaunen fest, dass die Gondeln teilweise den Boden

und Felswände berührt hätten. 40 Jahre später führt

noch immer keine seilbahn von campione auf den

sighignola, aber die ruinen der Tal- und Bergstation

stehen noch unverändert. immerhin sind sie nicht ganz

Dolce vita in Lugano: beim

Springbrunnen, auf der Piazza

Riforma in der Via Nassa.

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© www.kohlikarto.ch

Typische Merkmale der

schönsten Orte am See: In

Gandria gehören Fahnen

geschmückte Balkone zum

Erscheinungsbild, in Morcote

sind es die Lauben mit reichhaltigem

touristischem Angebot.

In Lugano ist es nebst

vielem anderen, aber nicht zuletzt

der Circolo Velico Lago di

Lugano mit seiner Flotte.



























L a g o d i L u g a n o



















zwecklos: Vögel nutzen sie in scharen als Versammlungsplatz

und raststätte.

Wenige hundert Meter von der Talstation entfernt

steht das architektonische Gegenstück: der mondäne

Protz des neuen casinos von campione. dort treffen

sich Menschen in scharen, was nicht selbstverständlich

ist. immerhin weist das Tessin mit campione,

Lugano und Mendrisio eine enorm hohe spielcasinodichte

auf. irgendwie komisch, dass in diesem

Zusammenhang völlig spontan der Gedanke an das

Wort «Mafia» aufkommt.

Vielleicht ja nur, weil zehn Bootsminuten weiter nordwärts

direkt am see und an der Grenze zwischen der

schweiz und italien in cantine di Gandria das Zollmuseum

steht – in unwegsamem Gebiet nur zu Fuss

oder per schiff (kursschiffe machen hier halt) erreichbar.

das Gebäude ist nach ausführlicher renovation

unter anleitung des schweizerischen Landesmuseums

in Zürich 1978 dem Publikum zugänglich gemacht worden.

die dortige ausstellung zeigt als hauptthema die

Blütezeit des schmuggels. als grösste attraktion

präsentiert das Museum ein motorisiertes untersee-

Boot, Marke eigenbau, Modell «open air». als der

Benützer, dessen kopf aus dem Wasser ragte, gefasst

wurde, hatte er eine Tonne salami an Bord.

Die Küche und der Merlot

Wenn wir schon bei Booten und beim essen angelangt

sind, ist der Moment gekommen, sich von

sünde und schmach – egal ob unter oder über Wasser

– zu verabschieden und sich dem Genuss zuzuwenden.

unweit des Museo doganale liegen drei der

offiziell aufgeführten 37 schweizer restaurants mit

Bootsanlegestelle: die Grotti descanso, dei Pescatori

und Teresa, die allesamt über eine prächtige aussicht

auf die Bucht von Lugano verfügen und nur per

Privatboot zu erreichen sind. ob pesce in carpione

(egli in essig-Wein-Marinade mit kapern) oder spezzatino

di manzo con la polenta (rindsragout mit

Polenta): Bezüglich essen sollte nicht unerwähnt

bleiben, dass es die typische Tessiner küche eigentlich

nicht gibt, sondern dass sie es im Verlauf der Zeit

fertig gebracht hat, aus vorzugsweise frischen, lokalen

Produkten eine raffinierte kombination italienischer

und nördlicher einflüsse hervorzuzaubern.

«unverfälscht» regional ist hingegen der Wein: der

Merlot del Ticino hat sowohl rot als auch weiss weit

über die kantonsgrenze hinaus Berühmtheit erlangt.

Gegenüber den Grotti liegt mit dem einstigen Fischerdorf

Gandria, das im gleichen atemzug mit Morcote

zu den schmuckstücken am Lago di Lugano zu zählen

ist. schon die uferfront Gandrias ist dank ihren –

reich an Fresken und Wappen – verzierten Balkonen

und zahlreichen restaurantanschriften ein äusserst

reizvoller anblick. ein streifzug durch die schmalen

Gassen und über steile Treppen bestätigt wie bei

Morcote: das innenleben Gandrias wird dem ausseneindruck

vollauf gerecht.

Segeln vor Lugano

Weiter gehts via castagnola in die Bucht von Lugano.

die strecke ist auch für einen längeren spaziergang

am wunderschönen uferweg zu empfehlen. Über die

Metropole am see brauchen nicht viele weitere Worte

verloren zu werden. sie spricht für sich. und sie

widerspricht mit dem circolo Velico Lago di Lugano

(cVLL) der Behauptung, der ceresio sei zum segeln

nicht besonders geeignet. segeln gehört vor Lugano

zum alltagsgeschehen und präsentiert sich auch

immer wieder in Form spektakulärer regatten – nicht

zuletzt sorgte der ishares cup im letzten Frühling für

einiges aufsehen.

die entwicklung des 1967 in agnuzzo gegründeten

cVLL zeigt die Bedeutung des segelsports am Luganer

see. schon zwei Jahre später zog der klub nach

Melide um, ehe er sich 1975 an der Flussmündung des

cassarate in Lugano niederliess. Mit unterstützung

der stadt erfolgten die 2006 abgeschlossenen umbauarbeiten,

welche dem cVLL ein neues klubgebäude

mit einer modernen anlage bescherte, die sich

sehen lassen kann. eine der hauptaktivitäten des

mittlerweile 600 Mitglieder starken klubs ist die

segelschule, die pro saison über 400 kinder und

Jugendliche in die Geheimnisse des segelns einweiht.

der cVLL ist nicht nur dafür eine gute anlaufstation,

sondern auch für jene, die ihr ins südtessin getrailertes

Boot einwassern möchten. Viele Möglichkeiten

dafür gibt es auf schweizer seite nicht. die Zahl der

häfen (Lugano, Melide und neu arbostora) und

Kein favore für die villa favorita

Der wohl ausgiebigste Privatbesitz am Lago di Lugano steht am Stadtrand Luga-

nos in Castagnola. Fast ein Kilometer des Seeufers gehört zum Anwesen der Villa

Favorita mit Park, Museum und mehreren Nebengebäuden. Die 1687 erbaute Villa

gelangte 1932 in den Besitz von Heinrich Thyssen. Der deutsche Unternehmer

brachte seine reichhaltige Kunstsammlung mit an den Luganer See. Nach seinem

Tod im Jahr 1947 führte sie dessen Sohn Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza de

Kászon weiter und baute sie aus. 1993 jedoch verkaufte Thyssen, damals in fünfter

Ehe mit María del Carmen Rosario Cervera Fernández de la Guerra, die Kunstsammlung

an Spanien. Nach Thyssens Tod im Jahr 2002 schrieb seine Witwe die Residenz

zum Verkauf aus. Zuvor hatte sie Pläne zum Umbau in eine moderne Luxusresidenz

verworfen. Die Stadt Lugano und der Kanton Tessin verhandelten – nicht

zuletzt auf Initiative des Heimatschutzes – mit der Besitzerin über eine Übernahme

der Liegenschaft, ohne dass es zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen wäre.

Die Schweizerische Gesellschaft für Kulturgüterschutz verlieh einem Projekt zur

Erhaltung von Villa und Grundstück den Förderpreis, zur Umsetzung kam aber

auch dieses nicht. Von aussen betrachtet sieht das Grundstück nach wie vor gepflegt

aus, die unklare Zukunft tut der Villa Favorita allerdings keinen favore.


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nadir sutter


Attraktionen am Ufer: die

Kirche Madonna dei Ghirli in

Campione und das Ristorante

della Torre in Morcote.

Liegeplätze ist gering – nicht zuletzt, weil die Mehrheit

des ufers am ceresio in Privatbesitz ist. und: es

ist ausgesprochen schwierig, beim schifffahrtsamt in

Bellinzona einen antrag auf eine Bootsplaquette für

den Lago di Lugano durchzubringen. erforderlich ist

dafür nämlich der nachweis eines Liegeplatzes, wovon

– wie erwähnt – praktisch keine verfügbar sind.

der Fisch beisst sich hier also praktisch in die Flosse.

nun, das hat auch Vorteile: der Luganer see ist kaum

je überfüllt. die Bedingungen erklären auch, warum

es nur vier schweizer Werften gibt: die drei Mitglieder

des schweizerischen Bootbauer-Verbands nautica’s

sagl in Bioggio und Lugano, nc nautica caslano im

selbigen ort und cantiere nautico Prosperi in Gandria

sowie cantiere nautico raimondi in Brusino.

dass der ceresio sauber ist, hat mit dem nicht übermässigen

seeverkehr jedoch nur am rande zu tun.

nach der krise in den 70er Jahren, die zu einem allgemeinen

Badeverbot und innerhalb von drei Jahren zu

einem einbruch des Tourismus um 25 Prozent geführt

hatte, ist nach umfassenden sanierungen (kläranlagen

usw.) das Baden im see seit 1996 wieder überall möglich

– bei einhaltung der strengen eu-Vorschriften.

Heimat grosser Literatur

erfreuliches lässt sich von der düsteren seite des sees

doch noch berichten. auf der rückfahrt von Lugano

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richtung seedamm sticht vor campione neben casino

und seilbahn-ruine noch etwas anderes ins auge: eine

anlegestelle, von der zwei symmetrisch angelegte Treppen

hinauf zu der kleinen Wallfahrtskirche Madonna

dei Ghirli führen – das see nächste von zahlreichen Beispielen

für kunstgeschichte pur. es existieren über den

Bau dokumente, die bis ins Jahr 674 zurückreichen. die

kirche ist eine wahre Fundgrube an Freskenmalerei,

insbesondere aus dem 14. und 15. Jahrhundert. die

Legende besagt, dass die über den see ragende Felswand

am nordrand von campione so überhängend steil

ist, weil die Freskenschüler sie nach und nach abtrugen,

die schieferplatten in den see fallen liessen und sie von

dort aus zur Madonna dei Ghirli transportierten.

die Geschichte spannt auch einen Bogen zur eingangs

erwähnten Prominenz. der Luganer see kann sich immerhin

rühmen, zweite heimat eines grossen schriftstellers

gewesen zu sein: hermann hesse hauste von

1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1962 über dem see

auf der colina d’oro in Montagnola und liegt auf dem

Friedhof Gentilino begraben. ein Wanderweg «auf

den spuren hermann hesses» sowie das kleine

Museum in Montagnola erinnern an den nobelpreisträger,

dessen Werke in über 50 sprachen übersetzt

worden sind. dass George clooney diesen status je

erreichen wird, ist nicht anzunehmen. aber der hebt

ja seine Tasse sowieso am comer see.

infobox

Melide. Die Parkanlage Swissminiatur zeigt die wichtigsten

Ortschaften und Bauten der Schweiz.

Meride auf dem Monte San Giorgio am südlichen Ende

des Sees besitzt den Status Unseco-Weltnaturerbe. Es

wurden dort 200 Millionen Jahre alte Versteinerungen

von Fischen und wirbellosen Tieren entdeckt, die aus

der Zeit stammen, als jenes Gebiet ein rund 100 Meter

tiefes Meeresbecken in einer subtropischen Region

bildete. Einige Fossilien sind im winzigen Museum von

Meride zu sehen – das Gros befindet sich im Paläontologischen

Museum von Zürich.

Ponte Tresa an der Grenze zum gleichnamigen italienischen

Ort ist mit 0,28 km2 Fläche die kleinste Gemeinde

der Schweiz.

San Salvatore. Das Vis-à-vis des Monte Brè gilt als einer

jener Berge mit den häufigsten Blitzeinschlägen.

Die dort errichtete Blitzforschungsstation führte insbesondere

in den 50er bis 70er Jahren intensive Blitzmessungen

durch. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse

bilden noch heute weltweit die Basis für

Blitzschutzvorschriften.

Weitere Informationen: www.lugano-tourism.ch

www.cvll.ch, www.tessingehtaus.ch

marina.ch

Ralligweg 10

3012 Bern

Tel. 031 301 00 31

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