segeln mit magie - Background Tours

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Kenia

segeln mit magie

Kenia ist zu Recht bekannt als Safari- und Badeparadies. Weniger bekannt ist: man kann da

auch Segeln. Und zwar stilecht mit einer Dau, dem einzigartigen Schiffstyp, der an der Küste

Ostafrikas verbreitet ist. Einmal im Jahr findet zudem im Unesco-Weltkulturerbe-Hafenstädtchen

Lamu eine Dau-Regatta statt, bei der spezielle Regeln gelten und Magie im Spiel ist.

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TexT und FoTos : daniel B. PeTerlunger

Wenn Hassan (46) mit den augen blinzelt, ist nicht

immer klar, ob aus schalk oder wegen der gleissenden

sonne. Mit sonorer stimme und ganz langsam erklärt

er jetzt der deckhand, wie man prüft, ob der anker

hält, der aufs Kommando von Kapitän shaibu (40)

fiel. Hassan spricht ein melodiöses suaheli und

englisch. auf der rückseite seines orangefarbigen

T-shirts steht geschrieben: «swalihina dhow revival

Project lamu-Kenya». auf dieser dau befinden wir

uns. Mit einer länge von 17 Metern bei 5,5 Metern

Breite ist sie die grösste im revier. es ist ein schwieriges

gewässer aus labyrinthischen, von Mangroven

gesäumten und mit sandbänken gespickten Wasserstrassen,

starken strömungen und weissen sandstränden.

davor liegt der indische ozean, der von

Kenias ostküste bis ins ferne indien reicht. Weit weg

im süden – unsichtbar – liegt Mombasa.

die sonne versinkt glutrot im Festland, der Wind ist

angenehm warm, das Bier schön kühl und aus der Pantry

wehen aromatische düfte aufs deck – segeln ist

schön! auch wenn wir bloss drei, vier Knoten erreichen.

am Himmel knipsen sich unzählige sterne an und in

südlicher richtung schimmern weiche Wolken

orange-gelb: dort liegt das kleine Hafenstädtchen

lamu. dort ist unsere schöne dau entstanden, mit

der wir jetzt vor anker liegen.

diesem an der ostafrikanischen Küste weit verbreiteten

schiffstyp setzt die Konkurrenz zu – motorgetriebene

Frachtschiffe aus stahl. um das handwerkliche

Können, das für den Bau einer dau nötig ist,

zu erhalten und zu fördern, gründete die norwegische

Firma Basecamp explorer in lamu eine Boots-

bauschule. denn die Firma hatte als ergänzung zu

ihren im inland betriebenen safari-Camps eine für

Badeausflüge geeignete dau gesucht. und ein Wrack

gefunden. ein schiff, das einst bis nach Tansania

gesegelt war und nun an einem strand verrottete. das

war 2003. ein Jahr später begann die renovation unter

der leitung des hoch angesehenen, aber sehr alten

Bootsbauers Bilal, der so sein dau-Wissen an die

nächste generation weitergeben konnte. Familienväter

fanden dabei arbeit, Junge konnten ihre handwerklichen

Fähigkeiten entwickeln. ein Projekt, das gemeinsam

mit dem national Museum of Kenya, der unesco

und der norwegischen strømme-stiftung realisiert und

2007 zum abschluss kam. das mit allen annehmlichkeiten

ausgestattete schiff lässt sich für ein- oder

mehrtägige Fahrten zu den riffen (schnorcheln) und

weissen sandstränden der umgebung buchen.

Die Dau-Klassen

der Zugang zu tropischen, hochwertigen Harthölzern

hatte den schiffsbau an afrikas ostküste seit mehr

als 2000 Jahren ermöglicht – vom einbaukanu bis

zur dau. doch an Hartholz fehlt es heute.

einflüsse aus Malaysia, indien, Portugal und arabien

führten letztlich zu den verschiedenen dau-Formen,

wie sie heute vom oman bis nach Mosambik anzutreffen

sind. insbesondere das dreiecksegel, das mit

einer langen, oft zwei- oder mehrteiligen spiere an

einem relativ kurzen Mast befestigt ist, stammt von

den arabern. es ist ein simples rigg, mit dem sich

jedoch eine Wende etwas aufwendig gestaltet. die

grössten daus in Kenia, die Jahzis, mit bis zu 20 Meter

Bootslänge, steilem steven und nur zwei Meter

Tiefgang, wie unsere swalihina, segelten über 1000

seemeilen offenes Meer – bis zur arabischen Halbinsel.

Eine Dau zu bauen ist

Handwerkskunst, sie zu

segeln ist Handarbeit.

An Bord gibt es keine

Winschen, nur Blöcke.

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Werften am Strand. Ohne

Elektrizität wird gebohrt,

geschliffen und genäht. Für

Materialtransporte kommen

Esel zum Einsatz.

sie transportierten tonnenweise güter, etwa elfenbein

oder gewürze aus Zanzibar oder Tansania. oder bis zu

100 Menschen, meist sklaven. die kleinere dau, die

Mashua, wird noch heute zum Fischfang mit netzen

oder für den Transport von Kleingütern benutzt. Mit

ihren maximal 10 Metern länge und niedrigem Freibord

dient sie zudem heute auch als Fähre entlang der

Küste. und als regatta-Boot, doch davon später. die

Boutre und die Bote sind ähnlich lange daus, besitzen

jedoch ein höheres Freibord und werden vor allem in

den rauen gewässern im norden Madagaskars und im

süden Mosambiks benutzt. insgesamt gibt es mehr als

zwanzig verschiedene dautypen.

Lamu

unter Maschine schippern wir durch einen Mangroven-Kanal.

Wir haben zwei Meter Tiefgang, der

Kanal ist drei Meter tief – bei Flut. Wir müssen uns

beeilen. Mehrere kleine daus kreuzen unseren Kurs,

segelnd. sie besitzen keine Maschine. Zu teuer. die

von afrikanischem improvisationstalent über Wasser

und zusammen gehaltenen schiffe haben Mangrovenholz

geladen. Zwei, drei Tage lang klappern sie die

Küste ab, schlagen Holz und kürzen es auf die hier

handelsübliche länge von 12 Fuss. dafür gibts pro

stück 200 kenianische schilling oder etwa 2.60

schweizerfranken. Wenig geld für viel arbeit. da hat

es Hassan, der auf der swalihina als Bordingenieur

arbeitet, ein Job, den er zuvor jahrelang auf griechischen

Frachtern ausübte, besser. unser Kapitän

shaibu ist seit zwanzig Jahren mit Fracht-daus

unterwegs. als es dunkel wird schaltet er die radaranlage

nicht ein. «ich kenne die ecke», schmunzelt er.

Beide sind in lamu aufgewachsen, diesem einzigartigen

unesco-Weltkulturerbe. das afrikanischorientalisch

anmutende Hafenstädtchen mit seinen

engen, malerischen gassen und der langen seepromenade

liegt auf einer insel im labyrinth der

Mangroven. Hier gibts nur ein paar autos, dafür umso

mehr esel – Transportesel. Wenn einer mal krank

wird, so darf er ins «The donkey sanctuary», ins

eselheim, wo man ihn wieder aufpäppelt.

direkt am Wasser liegen auch kleine Werften, die

reparaturen ausführen oder von Zeit zu Zeit eine

dau bauen. «Werft» ist ein grosses Wort: die Firmen

bestehen aus einem mit Palmwedeln gedeckten

unterstand auf sand. Hier wird ausschliesslich mit

Handbohrer und Hackbeil gearbeitet.

Knapp 200 daus gibt es im raum lamu. einige sind

von tropischen insekten löchrig geknabberte Wracks,

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die sich knapp über Wasser halten, andere sind liebevoll

gepflegte und schön bunt angemalte schiffe. Vor

allem unter den daus der acht-Meter-Klasse, den

Mashuas, sind einige ganz gut in schuss. sie sind es,

die einmal im Jahr gegeneinander segeln, ende

november, während der «Cultural days». die Vorbereitungen

zur grossen regatta sind bereits voll im

gang. Beim segelmacher am strand ist gerade ein

neues Tuch in arbeit, mehrere Helfer nähen die lieken.

der segelmacher hatte zuvor kleine Holzstöcke in den

Boden gerammt und dazwischen die Baumwollbahnen

gespannt. aus erfahrung weiss er, wie die

Markierungen zu platzieren sind, um jenes Profil zu

produzieren, dass dem dausegel seine unvergleichliche

eleganz verleiht.

Segelzauber

acht Personen sind beim mehrtägigen Matchrace an

Bord erlaubt. aber hier weiss jeder, dass auf Hocham-Wind-Kursen,

beim ausreiten ohne Trapezdrähte,

immer mit Verlusten zu rechnen ist: regelmässig

fallen segler ins warme Meer. also nimmt man

zwei Männer als reserve mit. das ist allgemein

akzeptiert. Völlig normal ist auch, dass auf den letzten

paar hundert Metern vor dem Ziel bis auf den

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steuernden Kapitän und ein Crewmitglied alle

anderen Männer über Bord hechten – um die dau zu

erleichtern und den sieg zu sichern. das tun alle.

Viel wichtiger jedoch sind die geheimen regatta-

Vorbereitungen: nur sie werden, so die auffassung in

lamu, über sieg oder niederlage entscheiden. «drei

oder spätestens zwei Wochen vor dem start muss

das Boot von einem Witchdoctor behandelt werden»,

weiss aba, den ich im städtchen treffe. er wird an der

regatta teilnehmen und erklärt den einsatz eines

«Witchdoctors», eines Hexers oder Zauberers, mit

einer selbstverständlichkeit, als würde er einen

schnellen unterwasseranstrich empfehlen. «die besten

Witchdoctors kommen aus unserem südlichen

nachbarland Tansania», weiss aba. «Klar, hier in Kenia

haben wir auch welche, aber die magischen Kräfte der

tansa nischen sind stärker. das zeigt sich immer wieder.»

sie kosten natürlich auch mehr: die anreisekos-

Karte «Afrika Grundkarte» Format: 6,5 cm x 6,5 cm hoch Kohli Kartografie

ten, unterkunft und Verpflegung müssen vom schiffseigner

übernommen werden. dazu das Honorar.

Zusätzlich erhält der Witchdoctor im erfolgsfall die

Hälfte des Preisgeldes. Berühmte – oder besonders

clevere? – Zauberer kassieren einen anteil im Voraus.

«aber es lohnt sich», meint aba. «auch wenn stellenweise

absolut kein Wind bläst, Magie garantiert

trotzdem eine schnelle Fahrt. dazu bereitet der

Zauberer ein magisches stäbchen vor, mit dem man

sanft aufs Wasser klopft und schon ist der Privatwind

da!» Tolle sache.

das stäbchen kann aber noch viel mehr: «liegt man

in einem Kopf-an-Kopf-rennen, dann zerbricht man

das stäbchen, ohne dass der gegner es sieht. in den

nächsten sekunden wird auf dem schiff des Konkurrenten

eine spiere oder der Mast brechen.» aba

lächelt wissend. einige Zauberer sollen auch eine geheimnisvolle

Flasche im angebot haben, in der ein

geist steckt. ihn lässt man bei Bedarf raus. sofort

wird er das gegnerische Boot behindern und das

eigene beschleunigen. laut aba sind solche Flaschen

aber relativ teuer.

nebst weiteren magischen regatta-Hilfsmitteln ist der

folgende, fiese Zaubertrick beliebt: der Witchdoctor

fokussiert während der regatta seinen geist solange

auf die Pinne des direkten gegners, bis sie brandheiss

ist, der steuermann sie schreiend loslässt und das

schiff vom Kurs abkommt. aba erzählts begeistert.

ich wende ein, dass man also gar kein guter segler

sein müsse, um zu gewinnen, dass es reiche, einen

starken Zauberer zu engagieren. aba entgegnet ganz

entrüstet: «nein, im gegenteil! Man muss sehr gut

segeln, damit die andern nicht merken, dass man

einen guten Zauberer zur Hand hat.»

am nächsten Tag frage ich swalihina-ingenieur

Hassan, was er von den regatta-Zaubereien hält.

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Sudan

Uganda

Victoriasee

Kisumu

Tansania

KENIA

Nakuru

Nairobi

Äthiopien

Malindi

Lamu

Mombasa

Somalia

Lamu aus der Luft: Eine

Insel im Labyrinth der

Seestrassen und Mangroven.

Das Eselheim (Mitte links).


Das Segel gesetzt, die Flut

kann kommen, das Training

fürs grosse Rennen beginnt

(oben links).

Renn-Dau (unten rechts).

Meine Frage löst bei einigen anwesenden Crewmitgliedern

besorgtes stirnrunzeln aus: Was wird der

angesehene ingenieur antworten? Wird er eine alte

kenianische Tradition verleugnen? oder sogar weitere

geheimnisse ausplaudern? Hassan: «ich glaube nicht

richtig daran, obwohl die meisten leute davon überzeugt

sind. ich sage: nimm einfach ein etwas grösseres

segel und hänge alle anderen ab!» Jetzt hat

Hassan wieder diesen schalk in den augen. und wir

ahnen, weshalb er gemeinsam mit dem Kapitän der

swalihina schon vier Mal mit einer renn-dau das für

hiesige Verhältnisse stattliche Preisgeld von 150 000

schilling (2000 Franken) gewonnen hat.

ich werde wiederkommen, irgendwann, und diese

regatta mitverfolgen. genau beobachten, wer hier

mit Flaschen und stäbchen hantiert. oder vom ufer

aus auf Pinnen starrt. oder, wie aba sagte, einen

r iesigen Manta ins regattafeld zaubert, auf dessen

rücken dann eine dau als erste ins Ziel schwebt.

das will ich sehen.

TIppS UNd INfoS:

Anreise: Mit Swiss Direktflug nach Nairobi, mit Safarilink ab Wilson Airport Nairobi nach

Lamu (www.flysafarilink.com).

Gute Reisezeit: Juli bis Oktober. April und Mai wegen Regenzeit ungeeignet, November manchmal

etwas Regen.

Tipp: Die Firma Basecamp Explorer betreibt nicht nur die Swalihina, sondern im Inland, beim

Masai Mara Naturschutzgebiet, zwei ökologisch vorbildlich geführte Safari-Camps: Sonnenenergie

für Strom und Heisswasser, Abwasserreinigung und Kompostieranlage, Recycling.

Die Camps gewannen die höchsten Eco-Tourism-Auszeichnungen und werden ausschliesslich

von einheimischen Masai geführt.

Reiseanbieter: Für Dau-Segeln und Safaris – Background Tours, 3001 Bern, Tel. 031 313 00 22,

www.background.ch

Die Reise wurde unterstützt von Background Tours

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