Der Genfersee (PDF, 1.28 MB) - marina.ch - das nautische Magazin ...

marina.online.ch

Der Genfersee (PDF, 1.28 MB) - marina.ch - das nautische Magazin ...

76

lakeside

Der Genfersee -

Vivre lémanique

Als Kulisse die Savoyer und Schweizer Alpen, das Klima schon fast mediterran,

am Ufer Kultur und Reben: Die welsche Riviera ist ein ebenso vielseitiges wie

windsicheres Revier. Ein Gewässer mit Geschichte.

lakeside

77

ST/swiss-image.ch


Montreux: Kleiner Hafen

fernab des Musikgeschehens.

Rebberge am Schweizer Ufer:

Der Mensch lebt nicht vom

Wasser allein.

TexT und FoToS: daniel B. PeTerlunger

im regenfeuchten Morgenlicht bei Morges schimmert

hinter den Hafenmolen aus dem 17. Jahrhundert eine

zauberhaft silbrige Platte: der genfersee, le lac léman,

wie man ihn hier nennt. die sanfte Hügelzunge

hinter Morges ist wegen ihrer Weine weit über die

region hinaus bekannt. la Côte, die mit reben überzogene

Welle, ist gespickt mit kleinen Städtchen wie

Chigny, Féchy, Begnins und Bursins. Hier ist auch der

Malakoff zu Hause – kein russe, sondern ein Käsekrapfen,

den man mit einem glas Wein geniesst. ein

echter russe hingegen, der Komponist igor Strawinsky,

hat bei Morges gelebt und sich von der

gegend inspirieren lassen, gesegelt hat er nicht.

da, endlich trifft der «Morgien» ein – nein, kein Wein,

sondern ein lokalwind. Mit ihm gehts los, auf einen

See hinaus, der dank seiner Winde aus verschiedensten

richtungen ein ideales Segelrevier abgibt. der

Spinnaker zieht uns richtung Montreux. Steuerbords

ragen die hohen Zacken der alpen und die französischen

Savoyer Berge in den Himmel. dunkle Wälder

krallen sich an steile Felswände. erst jetzt, vom

Wasser aus, wird die Schweizer Seite im norden in

ihrer ganzen grösse erkennbar: ein Panorama aus terrassierten

rebhängen bildet eine prächtige Kulisse für

den ersten Schlag. dieses fruchtbare gebiet östlich

von lausanne, das lavaux, liefert seit 900 Jahren

Wein – den Mönchen der region sei dank. die reiche

ernte dieses Südhangs musste vor herumziehendem

gesindel geschützt werden, und so entstanden

die markanten Türme von Marsens und grandvaux

sowie das Schloss lutry. Sie beherrschen das Bild der

region und können als navigationshilfe dienen – wie

früher, in der «Vor-gPS-Zeit», als man gewöhnlich

seinen augen und dem gespür vertraute. Man schaute

übers Wasser und übers land. der genfersee animiert

zur sinnlichen navigation.

lausanne liegt bald achteraus und Vevey, wo einst

Charlie Chalin wohnte, querab. auf dem dach eines

Bürogebäudes am ufer flattert eine riesige Schweizer

Fahne: Hier hat nestlé seinen Hauptsitz. in dieser

ST/swiss-image.ch

verträumten gegend würde man ihn nicht unbedingt

erwarten.

Liebe und Jazz am See

Wir legen in Montreux an – im ehemaligen Wallfahrtsort

der literaturfreunde, die auf den Spuren von

Jean Jacques rousseaus roman «la nouvelle Héloise»

wandelten. die Wallfahrer wollten selber sehen, wo

sich die Hauptfiguren Julie und St-Preux geliebt hatten

– so begann der Tourismus. europas noblesse des

19. Jahrhunderts stieg in den luxusherbergen im französischen

rivierastil ab. doch erst das Jazz-Festival

machte Montreux weltberühmt. Während des Festivals

im Juli ist der ort überfüllt und die Chance grösser,

von einer mit Musikern gefüllten luxuslimousine

überfahren zu werden, als in der langen Bucht – die

sich zum Schloss Chillon schwingt – auf grund zu

laufen.

nach einer ruhigen nacht im westlich der Stadt gelegenen

Hafen segeln wir weiter. Wir lassen den Palais

oriental, ein restaurant mit arabesken Stukkaturen

und schönen Fayencen, wo manchmal eine Bauchtänzerin

auftritt, am ufer zurück und nehmen Kurs auf

das bekannteste Postkartenmotiv der region: Schloss

Chillon. lord Byron, der dem Schloss einen roman

widmete, soll der erste gewesen sein, der mit einer

aus england mitgebrachten Yacht den lac léman im

Sommer 1816 segelnd erkundete. der See hatte schon

immer bekannte Menschen angezogen, die entweder

landschaftliche Schönheit suchten, politisches asyl

oder die inspirierende atmosphäre der riviera des

léman. alexandre dumas, Fjodor dostojewskij, leo

78 lakeside marina.ch mai 07 mai 07 marina.ch

lakeside 79

ST/swiss-image.ch

ST/swiss-image.ch

Tolstoj, anton Tschechov, georges Simenon, audrey

Hepburn – alle lebten hier, in schönen Häusern mit Blick

auf den See, und genossen das «Vivre lémanique».

Wind und Wasser

auf dem Haut lac, dem oberen Teil des Sees, wo sich

das Wasser der rhone nach einem langen Weg von

den gletschern hinab in einem vier Kilometer breiten

delta in den See ergiesst, hat das Segeln seine Tücken.

Beim Talausgang, wo steile Felswände den See flankieren,

bläst manchmal ein böiger Wind, der den Haut

lac zum Kochen bringt. der warme Föhn, der ungebremst

durch die Talpforte stürzt, hat schon manchen

Segler in Bedrängnis gebracht. Zum glück gibts gute

Häfen in der nähe. Kommt man von Montreux, liegt

die Zuflucht am rande des rhône-deltas bei Bouveret.

oder man segelt mit den ersten Böen gleich weiter bis

nach Frankreich. nach Meillerie etwa, dort gibt es einen

geeigneten Hafen. neben französischen dauerliegern

findet man meistens Platz. So auch im Port Martin,

dem nächsten kleinen Hafen, dessen einfahrt im

Westen liegt – also ideal bei Föhn. doch die meisten

Segler zieht es weiter in den Westen, in die gegend

mit den grossen namen: evian-les-Bains oder Thonon-les

Bains.

uns treibt eine starke Bise. Hier, auf der französischen

Seite des Sees, wo der Wind fast im rechten Winkel

auftrifft, hat sich im laufe des Tages eine lange Welle

aufgebaut. Sie gischtet über die groben Steinquader

des befestigten ufers. der eigentlich kurze Schlag nach

evian-les-Bains, berühmt geworden durch das Mineralwasser,

wird zu einer feuchten angelegenheit. der

Casino-Besuch muss hart erarbeitet werden. die ausgedehnten

Hafenanlagen des Städtchens bieten alles,

was ein Segler braucht. doch der ort ist auch eine

touristische Hochburg. Vor lauter Wellness-

angeboten könnte man bei Windstille das Segeln glatt

vergessen. Zum glück gibts an der Seepromenade eine

erinnerungsstütze, ein restaurant mit dem namen «la

Croisière», genau übersetzt: die erkundungsfahrt zu

land oder zu Wasser. also weiter. Wir warten auf

Wind. aber bitte nicht zuviel. denn was hier zwar selten,

dann aber umso heftiger und mit dem klangvollen

namen «Bornan» die Berge hinunter tobt, ist bis zu

120 Stundenkilometer schnell.

der Séchard aus nordost kommt uns gelegen. Wir hätten

auch den rebat genommen, ein Bergwind von angenehmer

Stärke. oder den Vent oder den Vent Blanc,

falls sie aus Südwest und West kommend, sich bis hier

durchgesetzt hätten. aber mit dem Séchard gehts bequem

quer über den See, über die nasse grenze zwischen

Frankreich und der Schweiz, ans liebliche ufer

zwischen St. Prex und allaman. Hier finden sich wieder

kleine Buchten und malerische Städtchen, die zum

Verweilen und geruhsamen Wandersegeln einladen.

Schloss Chillon: Das Gefängnis

der Herzöge von Savoyen.

Lutry: Freie Sicht auf die

Savoyer Berge.


Am 16. Juni ist es wieder

soweit: Start zur Bol d’Or

Mirabaud 2007.

80

lakeside

Alte Sitten, neue Schiffe

St. Prex ist ein kleines mittelalterliches Städtchen, das

die damalige Struktur weitgehend bewahrt hat. das

schöne Stadttor mit dem Pechnasen-erker erinnert

daran, wie früher unwillkommene Besucher unbürokratisch

abgewiesen wurden: man goss ihnen heisses

Pech auf die Köpfe. ein früher rege praktizierter

Brauch, der sich glücklicherweise nicht bis zum heutigen

Tag gehalten hat. Später wies man unerwünschte

per dekret ab. als Monsieur Voltaire im

Schloss von allaman, das nur einen Katzensprung von

St. Prex enfernt liegt, wohnen wollte, widersetzten

sich die Herren von Bern seinem ansinnen mit der

Begründung, er habe gott gelästert.

Wir nähern uns dem ende des grand lacs, der grossen

freien Seefläche zwischen dem Haut lac und dem

Petit lac, dem schmalen Seeteil bei genf. runde Türmen

zieren das Schloss von rolle, das im gelben

abendlicht die atmosphäre vergangener Zeiten erahnen

lässt. Bei näherer Betrachtung eröffnet sich ein

für Segler interessantes detail: die nach osten und

nordosten gerichteten Schiessscharten sind mit Fenstern

verschlossen. Vor ein paar Jahren noch waren

sie zugemauert – als Schutz gegen jenen Wind, der

unser antrieb ist.

das detail zeigt: der lac léman ist ein relativ windsicheres

revier. das beweist auch der gut gefüllte regatta-Kalender.

doch während der Wochentage hat

man den See fast für sich alleine. die regatten finden

wie überall an den Wochenenden statt. und auch

dann herrscht auf dem 72 Kilometer langen See kein

Platzmangel. Mit einer ausnahme: Wenn im Sommer

die Bol d’or, die grösste Binnenregatta europas statt-

rolex/Carlo Borlenghi

findet, starten in genf bis zu 600 Segelschiffe – ein

heikles gedränge. Für die Mehrrümpfer wird dieses

Jahr zum ersten Mal eine zweite Startlinie in 400 Metern

entfernung zur traditionellen linie ausgelegt. Zusätzlich

soll eine «verkehrstrennende» Boje am anfang

des regatta-Parcours für mehr Sicherheit sorgen.

am fantastischen Spektakel ändert sich nichts – besonders

bei Westwind, wenn hunderte von farbigen

Spinnakern vom Petit lac auf den grand lac drängen.

Seit 2004 segelt jeweils eine relativ neue Klasse

der schwarzen Karbon-High-Tech-renner vorneweg:

die décision 35, ein Meisterstück des regionalen

Bootsbaus, der seit alinghis america’s Cup-Sieg einen

fulminanten aufschwung erlebt.

Segeln hat hier Tradition. Schon im 17. Jahrhundert

trugen zweimastige Barken, die zuvor als Kriegsschiffe

gedient hatten, schwere lasten über den See. Mit

ihren riesigen lateinersegeln fuhren sie am liebsten

Vorwind im Schmetterlingsstil. Wir tun es ihnen

gleich. Steuerbord voraus liegt nyon. das imposante

Schloss der ehemaligen römischen garnisonsstadt

thront über dem Städtchen und der rue du lac, wo

das Musée du léman liegt. das Museum bietet einen

guten einblick in die regionale geschichte des Segelns,

des Schiffsbaus und seiner Verknüpfung mit der

europäischen Politik.

E

marina.ch mai 07 mai 07 marina.ch

rolex/daniel Forster rolex/Carlo Borlenghi

marina.ch

Ralligweg 10

3012 Bern

Tel: 031 301 00 31

marina@marina-online.ch

www.marina-online.ch

Tel Abodienst: 031 300 63 43


82

lakeside marina.ch mai 07

rolex/Carlo Borlenghi

Fast lautlos ziehen wir südwärts in den Petit lac. Vor

5000 Jahren als Pfahlbausiedlung gegründet, danach

römisches geneva, später Sitz der Burgunderkönige

und bischöfliches Fürstentum wurde genf dank

reformator Jean Calvin «protestantisches rom» und

zu der internationalen Metropole, wie wir sie heute

kennen. der erste Segelclub der Schweiz, die Sociéte

nautique de genève, gründete sich hier 1872 als weltweit

65. Verein seiner art. alinghi machte ihn weltbekannt.

das offizielle genf, das anfänglich zögerlich

aufs alinghi-Fieber reagierte, sprang nach dem

america’s Cup-Sieg auf die Welle der Begeisterung

auf, die durchs land schwappte. die genfer Verwaltung

taufte über nacht – ein Vorgang der

normalerweise einige Zeit beansprucht – die Strasse

beim Clubareal auf den edlen namen «esplanade

alinghi».

in genf verlässt die rhône die Schweiz und fliesst

weiter bis ins Mittelmeer. obwohl der See hier in der

region mit vier Kilometern Breite tatsächlich klein und

schmal ist, lässt sich noch keine Strömung feststellen.

Kurz vor der Stadt, wo sich an klaren Tagen die

ufer zum greifen nahe kommen, kann man ungestört

in die Pärke, Villen und Schlösser gucken. der voyeuristische

ausguck über die reling lohnt sich, denn die

Wohnsitze des alten adels und die herrlich gelegenen

Villen der allerreichsten dieser Welt kreieren eine

locker besiedelte goldküste.

Vor lauter Staunen sollte man nicht vergessen, dass

sich am Seeausgang eine niedrige Brücke über die

rhone spannt. doch die Chance, verträumt mit

halbem Wind segelnd in die Mont Blanc-Brücke zu

knallen, ist gering. denn der Jet d’eau, der 130 Meter

hohe Wasserstrahl, das Wahrzeichen von genf,

verspritzt sein Wasser weiträumig. Spätestens diese

kalte dusche weckt einen aus den Träumen. Zurück

an die arbeit. Fender hervorholen, leinen bereitlegen,

Motor starten, Segel runter. die Sonne geht unter:

anlegen unter alpenglühen.

am anfang der Croisière, vor scheinbar ewig langer

Zeit, hatte eine Kioskverkäuferin in Morges gesagt:

«der lac léman ist mehr als ein See. er ist eine Quelle

– eine Quelle der inspiration und der erholung.»

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine