Stadtöffentlichkeit und leerer Raum - Bauwelt

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Stadtöffentlichkeit und leerer Raum - Bauwelt

Leere war in China immer etwas, das

durch Mauern auszuschließen war.

Eine Folge von Toren, die Dämonen

und anderen widrigen Kräften den

Eingang verwehrten, filterte die Leere.

So konnte in Peking nie so etwas wie

eine Folge von privaten, halböffentlichen

und öffentlichen Räumen entstehen,

wie wir sie aus europäischen

Städten kennen. Einzig der Platz des

Himmlischen Friedens bildet, in Umkehrung

der städtebaulichen Tradition,

wie China sie kennt, mit seiner

immensen Leere einen zentralen Ort,

der ganz und gar dem Volk zugedacht

ist. Hier soll es feiern, hier wird es

aber auch von der Staatsmacht in seine

Grenzen verwiesen. Die angelegte

Leere ist eben nicht dazu geeignet,

Dämonen auszuschließen.

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Eduard Kögel

Stadtöffentlichkeit und leerer Raum

April 1865: „Ich glaubte im Inneren der Stadt

Wunderdingen zu begegnen, aber ich hatte

mich schrecklich getäuscht.“ Erwartungsvoll

hatte sich Heinrich Schliemann der „großartigen

und gewaltigen“ Stadtmauer von Peking

genähert und wurde gewaltig enttäuscht. Wunderdinge

begegneten Schliemann später in

Troja, aber in Peking fand er nur Worte des

Erschreckens über den Zustand der Straßen,

der Häuser und der öffentlichen Erscheinung

im Allgemeinen. Die Stadtmauer beeindruckte

ihn, aber das was er innerhalb fand, „einstöckige

armselige Hütten“, entsprach in keiner

Weise seinen Erwartungen an eine prunkvolle

Hauptstadt.

August 1923. „Peking ist keine romantische

Traumwelt, kein Feenmärchen, sondern eine

sehr irdische, staubige und schmutzige Stadt,

ein Dorf, ausgebreitet über ein ungeheueres

Terrain, eine Million Menschen in niedrigen

Hütten.“ Doch nach einigen Tagen in der Stadt

ändert der dänische Architekt Steen Eiler Rasmussen

sein Meinung und präzisiert: „Dass

die Stadt aus lauter kleinen einförmigen Häusern

besteht, die überall nach dem gleichen

Schema geformt im kleinen die Grundsätze

des Stadtplans wiederholen, wird von der bewundernden

Erkenntnis abgelöst, dass man es

hier erreicht hat, alle die verschiedenen Funktionen

einer Stadt zu ordnen, so dass jede den

richtigen Platz und genügend Spielraum bekommt.“

Neben den funktionalen Aspekten der

vorindustriellen Stadtgestalt befasst er sich

mit dem Raumbegriff, der sich von der europäischen

Vorstellung gerade im Bereich der Abgrenzung

zwischen öffentlich und privat stark

unterscheidet. Die traditionellen, nach außen

abgeschlossenen Hofhäuser bieten Sicherheit

gegen unsichtbare Gefahren, denn: „außerhalb

der Hausmauern liegt der große, unendliche

Raum, wo der kalte Wind heulend umherschweift“,

und „wäre da eine Öffnung gerade

heraus in die Umwelt, so würde man ahnen,

selbst wenn man ihr den Rücken kehrte,

wie der böse leere Raum hereinsickert und

alle Sicherheit verjagt.“

September 1956: „Peking ist eine der schönsten

Städte der Welt.“ So beginnt der Bericht, den

Margarete Schütte-Lihotzky nach ihrer Reise

durch China in Wien veröffentlichte. Sie versucht

ihre These damit zu begründen, dass

„die Stadttore die höchsten Gebäude der größten

Gartenstadt der Welt“ sind. „Die Chinesen

haben höchste Erfurcht vor ihren alten Bauwerken.

Kein einziges wertvolles Baudenkmal

wurde abgerissen.“ Weiter merkt sie an, dass

die Fachgemeinde der Architekten über den

Umgang mit dem Bestand innerhalb der Stadtmauer

streitet. Aber sie sei mit ihnen im Konsens

darüber, dass die „Flachbaustadt nicht

zerstört“ werden darf. Sie berichtet von Stimmen

der Warnung, „nicht phantastischen Zukunftsprojekten

nachzujagen, denn man könne

in Kürze den Charakter chinesischer Städte

nicht ändern.“

Mai 1981: „Ist dies eine Supermacht, die die

Welt herausfordern kann?“, fragt der Schriftsteller

Stephen Spender, der zusammen mit

dem Maler David Hockney in Peking ankommt.

Der „kleine Provinzflughafen, ohne die international

üblichen Empfangswerbungen und

mit wenigen Fluggästen“, ist nicht dazu angetan,

die beiden Reisenden zu beeindrucken.

Das Bild der Stadt wird dominiert von den

„drei Millionen Fahrrädern; Autos sind nicht

im Straßenbild zu sehen“. Von offiziellen Begleitern

gelenkt, erscheint ihnen die Stadt

schrecklich langweilig. „Bereits um acht Uhr

am Abend bleibt nichts als das einfache Hotelbett.“

Sommer 2008. Peking ist Austragungsort der

Olympischen Spiele. Dafür geht die Stadt heute

durch die dramatischste Veränderung ihrer

Geschichte. Neue Prachtbauten mit ausländischen

Stararchitekten entstehen, und Bauprojekte

werden nur noch genehmigt, wenn sie bis

zum Jahr 2008 auch abgeschlossen sind. Neben

den Olympischen Spielen werden jedoch neue

Anforderungen an die Großstadt gestellt. Erst

kürzlich wurde nachgewiesen, dass die drei

Metropolenregionen, Peking und die Bohai-

Bucht, Shanghai und das Yangzi-Delta und Guangzhou

mit dem Perlfluss-Delta, zusammen

37 Prozent des chinesischen Brutto-Inland-Produktes

(BIP) hervorbringen. Im internationalen

Vergleich mit den USA und Japan müssten

sie allerdings 65 Prozent des BIP produzieren,

um damit als globale Zentren zu bestehen,

doch es gibt Stimmen innerhalb der chinesischen

Führung, die mit einer punktuellen Entwicklung

der Metropolenregionen den Druck

vom Hinterland nehmen wollen. Damit hoffen

die Planer eine gleichmäßigere Entwicklung

der kleineren Städte und der Landstädte zu erreichen.

Denn dort soll nach dem Willen des

Bauministeriums in den nächsten Jahren vor

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allem in Städte mit 200.000-500.000 Einwohnern

investiert werden, um den Immigrationsdruck

von den Großstädten zu nehmen. Das

produktive Wachstum der Metropolenregionen

soll das verlangsamte Wachstum des Hinterlandes

stützen und zur Verringerung der Kluft

zwischen Stadt und Land beitragen. In der realen

Entwicklung laufen die Planziele jedoch

immer schneller aus dem Ruder. Für Peking

wurde die Bevölkerungszahl von 14 Millionen,

die für das Jahr 2040 prognostiziert war, schon

im Jahre 2003 erreicht. Eine Entwicklungsplanung

sieht bis 2020 18 Millionen Einwohner

vor. Um dem zu begegnen sollen elf neue Satellitenstädte

mit eigenem Versorgungskern um

die jetzige Stadt entstehen.

Die städtebauliche Struktur von Peking hat

sich in den letzten fünfzig Jahren in zwei typologischen

Schüben erheblich verändert. Der

erste Umbruch erfolgte in den 1950er Jahren,

als die Gliederung der Gesellschaft in Arbeitseinheiten

sich auf die Stadtgestalt auswirkte.

Die zu den neuen Industriestandorten gruppierten

Wohneinheiten in drei- bis siebengeschossiger

Bauweise erzeugten zwischen den

fünfziger und siebziger Jahren autonome Stadtbausteine,

in denen die sozialen Unterschiede

durch die Zugehörigkeit zur Arbeitseinheit

nivelliert wurden. Die Verantwortung für die

Wohnraumversorgung lag in den Händen der

einzelnen Arbeitseinheiten, die sich durch die

Verstaatlichung von Grund und Boden ohne

kommerziellen Druck entwickeln konnten. Das

Ziel, Stadt und Land anzugleichen, führte zu

einer kontinuierlichen Suburbanisierung mit

hoher Dichte. Dann kamen die von politischer

Willkür und Chaos gekennzeichneten sechziger

und siebziger Jahre, die eine erhebliche informelle

Verdichtung der Altbauquartiere mit

sich brachten. Eine Familie in einem einzigen

Raum war oft die Regel. Zu dem daraus resultierenden

sozialen Druck kamen die technischen

Mängel. Kleine Zubauten in den Höfen

und Gärten wurden mit einfachsten Mitteln

und ohne jegliche technische Unterstützung

ausgeführt. Die Infrastruktur in diesen Quartieren

ist bis heute problematisch. So gibt es

oft nur einen Wasserhahn im Hof und eine öffentliche

Toilettenanlage in der Gasse. Diese

verdichteten Altbauquartiere werden heute von

alten Menschen und von ländlichen Zuwanderern

bewohnt, die vor allem die billige Miete

dort hält.

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„Die armseligen Hütten,“ die Schliemann sah,

bestehen also immer noch und verstecken sich

hinter den Mauern der Hutong-Gassen. Legt

man die Maßstäbe der UN für die Ver- und Entsorgung

städtischer Strukturen mit Wasser

zugrunde, so sind weite Teile der noch vorhandenen

„Flachbaustadt“ als Slums zu definieren.

Der in den fünfziger Jahren von dem Architekturhistoriker

Liang Sicheng (1901–1972)

und seinen Kollegen ausgearbeitete Vorschlag,

neben der alten Stadt eine neue zu gründen,

wurde damals abgelehnt. Der Charakter der

flachen Stadt aber löste sich in der Folge allmählich

auf. Die „Ehrfurcht vor dem historischen

Erbe“, die Grete Schütte-Lihotzky beobachtet

zu haben glaubte, ist seit Anfang der

sechziger Jahre rapide geschwunden. Waren

es zwischen den fünfziger und achtziger Jahren

vor allem ideologische Barrieren, die den

Erhalt der alten flächigen Stadt verhinderten,

so waren es seit den achtziger Jahren mehr

und mehr wirtschaftliche Aspekte, die solche

Ambitionen zu widerlegen suchten. Die noch

vorhandenen Quartiere der „horizontalen Gartenstadt“

lassen sich durch die kommerzielle

Verwertung des Bodens in der inneren Stadt

immer schwerer schützen. Die Verwaltung hat

dem Druck der Wirtschaft nur ideelle Werte

entgegenzusetzen. Zwar klagt die Politik von

Zeit zu Zeit über den Verlust an Identität in

den historischen Quartieren, aber einen nachhaltig

wirksamen Schutz für dieselben konnte

sie bislang nicht erreichen. Das Dilemma ist

groß: Wenn die alten Hofhäuser saniert werden,

steigen die Quadratmeterpreise ins Unermessliche

und die jetzigen Bewohner werden

durch den Kostendruck vertrieben.

Der zweite typologische Umbruch wurde durch

die Liberalisierung der Bodenpolitik und die

Kommerzialisierung des Wohnungsmarkts

schrittweise vollzogen. Die neuen Wohnquartiere,

die am Stadtrand entstehen, sind als Eigentum

konzipiert und ziehen vor allem junge

Familien sowie den dynamischen Mittelstand

an. Dort hat sich die Stadt aufgrund der gewaltigen

Flächenausdehnungen erheblich verändert.

Weder die typologische Ordnung noch die

stadträumliche Qualität der Altstadt mit ihrer

Unterscheidung zwischen Innen und Außen

lassen sich in den Hochhausquartieren am

Stadtrand wiederfinden. In den neuen Quartieren

entsteht eine abgeschirmte Teilöffentlichkeit,

die sich über das Einkommen definiert.

Die Freiräume sind gärtnerisch angelegt und

trotz des allsommerlichen Wassermangels vorbildlich

gepflegt. Die zwei oder drei Eingänge

zum Quartier werden von privaten Wachdiensten

gesichert, die jeden missliebigen Besucher

abwehren. Das Repräsentationsbedürfnis der

neuen Mittelschicht und die ungebändigte Kreativität

der Architekten führen zum Wohnen

im Themenpark. Die halböffentlichen Räume

sind zum Statussymbol geworden und stellen

einen hohen wirtschaftlichen, jedoch nur geringen

gesellschaftlichen Wert dar. Die „kleinteilige

Ordnung der Funktionen“, von der Rasmussen

sprach, ist einer radikalen funktionalen

Trennung gewichen.

Die „großartige und gewaltige“ Stadtmauer, die

von Schliemann und Schütte-Lihotzky bewundert

wurde, verschwand Ende der fünfziger

Jahre und wurde durch einen Autobahnring –

die 2. Ringstraße – ersetzt. Das von dem Architekturhistoriker

Liang Sicheng damals vorgeschlagene

Freiraumsystem auf der Mauer sollte

den notorischen Mangel an öffentlichem Raum

in der Stadt ausgleichen und gleichzeitig das

Monument der Mauer in eine neue Nutzung

überführen. Erst kürzlich ist der letzte Kilometer

der alten Stadtmauer an der Südwestecke

der ehemaligen Tatarenstadt, hinter dem Pekinger

Bahnhof, vom jungen Architekturbüro

„standardarchitecture“ in einen öffentlichen

Park integriert worden. Die Konservierung

der geschundenen Mauer, die in den sechziger

und siebziger Jahren auch als Steinbruch für

informelle Einbauten in traditionellen Hofhäusern

diente, ist ein später und schwacher Trost.

Die von Schütte-Lihotzky beschworene Fachgemeinde

konnte sich weder beim Erhalt der

Mauer noch beim Erhalt der „Flachbaustadt“

durchsetzen.

Der Reformer Liang Qiqao (1873–1929) beklagte

zu Anfang des 20. Jahrhunderts, dass es in China

weder eine Renaissance noch eine Aufklärung

gegeben habe, Strömungen, die in Europa

als Grundlage einer modernen Gesellschaft

unverzichtbar waren und deren Verständnis

von Öffentlichkeit geprägt haben. Vergleichbare

Entwicklungen gab es in China nicht. Das

kaiserliche China war absolutistisch, das republikanische

zwischen 1911 und 1949 von Krieg

und Bürgerkrieg zerrüttet, und zwischen 1949

und 1976 bestimmte die Parteiideologie, was

Öffentlichkeit zu sein habe. Danach setzte sich

eine kommerziell gefärbte Vorstellung von Öf-

Der Bühnenbildner und Dramaturg

Zen Li, der in ganz China und überall

auf der Welt arbeitet, hält seit Jahren

mit seiner Plattenkamera die Leere,

die Tristesse und die Maßstabslosigkeit

der großen Neubauquartiere

in seiner Heimatstadt Peking fest.

Mit ausgeprägter formaler Strenge

begleiten seine Fotos kongenial den

Text von Eduard Kögel und fügen eine

ganz spezielle Facette hinzu: Mit

dem unablässigen Bau von Megablöcken,

schier endlosen Zeilen und

plumpen postmodernen Türmen verschwindet

die letzte bauliche Hinterlassenschaft

der Industriestadt Peking;

die Schornsteine der längst geschlossenen

staatlichen Fabriken,

die einst der Stolz der jungen Volksrepublik

waren und als Symbol

wirtschaftlichen und gesellschaftlichen

Fortschritts gefeiert wurden.

Fotos: Zen Li, Peking

StadtBauwelt 165 | 31


fentlichkeit durch, die nur punktuell von politischen

Aktionen unzufriedener Bevölkerungsgruppen

gestört wird. Die Entwicklung des öffentlichen

Raumes ist bis heute von dem von

Rasmussen 1923 benannten Umstand bestimmt,

dass zwischen Innen und Außen traditionell

stark unterschieden wird. „Innen“ ist angefüllt

mit einem Beziehungsnetz zwischen verwandten

oder gleichgesinnten Gruppen, während

„Außen“ traditionell schlicht die „Leere“

herrscht. Zur Öffentlichkeit gehört nicht nur

der Raum, zu ihr gehören auch gesellschaftliche

Gruppen, die diesem Raum eine Bedeutung

geben. Hierin unterscheidet sich das chinesische

Stadtverständnis bis heute wesentlich

vom westlichen Modell der öffentlichen

Sache.

In der Altstadt von Peking ist der öffentliche

Raum geprägt durch ein organisches Straßenraster,

in dem Sackgassen zu den einzelnen

Wohnquartieren führen. Dieses Netzwerk an

Gassen und Straßen verbindet sich rund um

die Verbotene Stadt zu einem feingliedrigen

System, in dem sehr genau zwischen den Funktionen

unterschieden wurde. Heute wird dieses

feingliedrige System durch die großen, bis

zu siebzig Meter breiten, Nord-Süd- und West-

Ost-Straßen überlagert. Öffentliche Plätze in

einem abendländischen Sinn gab es aber auch

in der historischen Stadt nicht. Die absolute

Macht des Himmelssohns, die keine bürgerliche

Kraft zuließ, verhinderte jede Form der

gesellschaftlichen Balance. Im Grunde genommen

ist das bis heute so geblieben; denn in

manchen Aspekten hat die Kommunistische

Partei die Rolle der absolutistischen Herrscher

übernommen. Freie Meinungsäußerung in der

Öffentlichkeit ist jedenfalls bis heute im Konzept

der Führung nicht vorgesehen.

Bei den Studentenunruhen von 1919, die als

Folge der Versailler Friedenskonferenz ausgebrochen

waren (aus chinesischer Sicht ging

es vor allem gegen die Forderung Japans zur

Übernahme der ehemals deutschen Kolonie

in Qingdao), artikulierte sich in Peking zum

ersten Mal eine gesellschaftliche Gruppe auf

dem Platz des Himmlischen Friedens, der bis

1911 als Vorplatz der Verbotenen Stadt genutzt

worden war. 1949 rief Mao Zedong auf diesem

Platz den Sieg der kommunistischen Bewegung

aus, und 1989 sammelten sich hier die

Studenten zu ihren Demonstrationen gegen

die politische Führung. Der Platz des Himmli-

schen Friedens wurde durch den Bau der Großen

Halle des Volkes, des Revolutionsmuseums,

des Mausoleums für Mao Zedong, aber

auch durch die verschiedenen politischen Aktionen

zu einer symbolischen Mitte der Volksrepublik.

Während in politischer Hinsicht der öffentliche

Raum noch immer einer starken Kontrolle unterliegt,

haben sich die Orte, an denen Öffentlichkeit

durch Kommerz hergestellt wird, in

den letzten Jahren erheblich gewandelt. Einkaufsstraßen

wie die Wangfujing wurden für

den immer stärker werdenden Autoverkehr gesperrt.

Während David Hockney und Stephen

Spender vor 25 Jahren vor allem Fahrräder und

nächtliche Langeweile sahen, wird der Stadtraum

Pekings heute Tag und Nacht von Autos

dominiert. Im letzten Entwicklungsplan von

Peking war vorgesehen, dass die Zahl der privaten

Fahrzeuge bis 2010 auf 1,3 Millionen ansteigen

sollte. Mitte 2004 wurden 2,2 Millionen

erreicht, und für die Zukunft sind weitere starke

Zuwächse zu erwarten.

In der Wangfujing – östlich der Verbotenen

Stadt – reihen sich mehrgeschossige Shopping-

Malls entlang einer Fußgängerzone auf. Fünfbis

achtgeschossige Konsumpaläste zitieren in

ihrer architektonischen Symbolik sowohl die

internationale Kommerzarchitektur als auch

traditionelle Vorbilder. Die Fußgängerzone

wird penibel sauber gehalten und ist für den

kurzzeitigen Aufenthalt zwischen den Besuchen

in den einzelnen Malls konzipiert. Ein domestizierter

Nachtmarkt in der Seitenstraße

bringt am Abend für einige Stunden Leben in

eine dann für Autos gesperrte Querstraße.

Der Xidan-Kultur-Platz an der Kreuzung zwischen

Xidan- und Changan-Straße, westlich

der Verbotenen Stadt, ist das Gegenstück zur

Wangfujing. Umgeben ist der Platz an allen

Seiten von Straßen, die von acht- bis zehngeschossigen

Geschäftsbauten gesäumt sind.

Der Platz selbst ist ebenerdig und mit einer

viergeschossigen Shopping-Mall mit Tiefgarage

untergraben. Obwohl sie von oben durch einen

Glaskegel bis auf die unterste Ebene belichtet

ist, funktioniert die Mall recht schlecht.

Die Nutzungsmischung mit einem öffentlichen

Schwimmbad, Eisbahn und einem Busbahnhof

konnte nicht helfen, die unterirdische

Konzeption mit kommerziellem Erfolg zu

beglücken. Offenbar ist es in Peking genauso

schwierig wie anderswo auf der Welt, die

Menschen zum Konsum unter die Erde zu locken.

Der oberirdische Platz ist dekorativ gestaltet

und in seiner Nutzungsmöglichkeit genau

geregelt.

Zu einem bedeutungsvollen Stadtraum, in dem

kommerzielle, kulturelle und politische Sphären

miteinander existieren, ist der Weg noch

weit und bedarf einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Ob Peking im Sommer 2008

eine der „schönsten Städte der Welt“ sein wird,

ob neue „Wunderdinge“ entstehen oder ob Bewohner

und Besucher „schrecklich enttäuscht“

eine „sehr irdische, staubige und schmutzige

Stadt“ sehen werden, bleibt abzuwarten. Aber

dass sich in Peking eine „Supermacht“ präsentieren

wird und dem Besucher auch „nach acht

Uhr am Abend“ mehr bleibt als das „einfache

Hotelbett“, ist sicher.

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