Afghanistan –

schwengeler

Afghanistan –

REPORTAGE

Neugierige Kinderaugen beobachten

meine fettigen Hände. Verzweifelt

balanciere ich mit den Fingern den

heissen Reis vom Tablett in den Mund

und wieder fällt mir mehr als die Hälfte

auf das dastarkhaan (das «Tisch»-Tuch

auf dem Boden) und ich höre ein leises

Kichern von gegenüber, das aber sofort

verstummt: Mein Gastvater weist seinen

Sohn mit einem scharfen Blick zurecht

und reicht mir höflich einen Löffel. Aus

dem alten Fernseher plätschert eine indische

Seifenoper. Das Gerät läuft, wie ich

bald lerne, jeden dritten Abend nämlich

immer dann, wenn Strom fliesst. Mein

6 ethos 8 I 2010

erster Abend in meinem neuen Zuhause.

Wer sind die Menschen am Hindukusch?

Was haben sie durchgemacht? Wie kann

ich ihnen nahe kommen, sie verstehen

lernen, ihnen gar helfen? Das waren die

Fragen, die mich vor meiner Ankunft beschäftigten.

Nach dem Abitur ging ich im

Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres

zu der schwedischen Entwicklungshilfe-Organisation

«Operation Mercy».

In Afghanistan war ich verantwortlich

für deren Öffentlichkeitsarbeit, besuchte

Projekte, fotografierte, verfasste Berichte

und Broschüren.

Hier kleide ich mich in shalwar qa-

Wie leben die Menschen

in Kabul? Kabul? Wie Wie kann man

sich ihnen nähern, ihnen

gar helfen?

Afghanistan

mis einen weiten Hosenanzug mache

einen respektvollen Bogen um die

Frauen, übe mich in Persisch, das man

hier spricht, und in höflicher Zurückhaltung.

Kurz: Ich versuche mich anzupassen.

Im kalten Winter schippe ich Schnee

vom Lehmdach. Damit es innen warm

wird, muss Feuer im Ofen knistern. Wasser

zum Duschen pumpe ich aus dem

Brunnen im Garten, und das alles braucht

seine Zeit. Internet gibt es über Satellit

nur im Büro und auch dort nur mit häufigen

Unterbrechungen.

«Geduld ist bitter, aber ihre Frucht

ist süss», lautet ein afghanisches Sprich-


ohne kugelsichere Weste

wort. Ich lerne es, mir dies zu Herzen zu

nehmen.Bevor wir etwa mit den Arbeiten

eines Wasserprojekts beginnen können,

ist Geduld und Ausdauer gefragt.

Wenn man, wie wir, keine Bestechungsgelder

zahlt, braucht es lange, bis ein Projekt

genehmigt wird. Es ist nicht damit getan,

dass Ausländer kommen und ein paar

Brunnen graben. Gerade die Dorfgemeinschaft,

glauben wir, muss aktiv beteiligt

werden, die Verantwortung sollte bei ihr

selbst liegen. Sie muss sich mit dem Projekt

identifizieren, darauf aufpassen und

Wartungen später selbst übernehmen.

Nach einer langen Reise mit Bus, rus-

sischem Jeep und schliesslich über die

Berge auf einem Eselsrücken erreiche

ich mit zwei Ingenieuren und einem afghanischen

Mitarbeiter ein kleines Bergdorf

mit 200 Familien. «Kharedschie!»

Ausländer, rufen uns die Kinder freudig

zu. Als ich mich auf engem Raum mit

bärtigen Dorfältesten wiederfinde, merke

ich: Der Persischunterricht und das viele

Üben in der Kabuler Gastfamilie haben

sich gelohnt; die Begrüssungsfloskeln

sage ich schon fast so gebetsmühlenartig

auf wie mein Gegenüber. Den ostdeutschen

Piloten eines Mig-Kampfflugzeugs

ausgenommen, den sie vor Jahrzehnten

«Hier kleide

ich mich in einen

weiten Hosenanzug,

mache einen respektvollen

Bogen um die Frauen, übe mich

in Persisch und in höflicher

Zurückhaltung. Kurz: Ich versu-

che mich anzupassen.»

ethos 8 I 2010 7


nach dem Einfall der Sowjets abschossen,

hatten sie noch noch nie Ausländerbesuch.

Und doch: «Deutsche und Afghanen

sind Brüder», versichert versichert mir mir ein weissweissbärtiger Dorfältester, reicht reicht mir ein ein paar

Mandeln und giesst mir grünen Tee ein.

Noch zwei Mal fährt er mit dem Löffel in

die Zuckerschale, als ich längst dankend

abwehre, und erzählt blumig und ausufernd

seine Geschichte der Arier. Die

Kurzfassung: Einst gab es zwei Brüder,

der eine ging nach Westen und gründete

Deutschland, der andere blieb in Afghanistan.

8 ethos 8 I 2010

Die Legende dieser merkwürdigen

deutsch-afghanischen Verwandtschaft

kann einem öfter in dieser Weltregion

begegnen, manchmal auch in makabrer

Version mir zum Beispiel in der Grenz-Grenzstadt

Peshawar, als ich eine Fahrerlaubnis

für den Khyber-Pass einhole. Mit teigigen

Händen ergreift der Büroleiter meine

rechte Hand und begleitet mich zur Tür:

«Es war mir eine Ehre, in meinem Büro

Besuch von einem Nachfahren Adolf Hitlers

zu bekommen.»

Die Menschen in den Dörfern sehnen

sich nach Fortschritt und Frieden. Von

Gayle Williams, eine Physiotherapeutin aus Südafrika,

die mit behinderten Kindern arbeitet, wird eines Morgens

auf offener Strasse erschossen.

Dürre und Armut heimgesucht, leben

viele von ihnen in Angst vor dem Terror

der Taliban. Aber ihre Polizisten können

sie kaum schützen, denn sie sind schlecht

ausgebildet; für Hilfe verlangen sie oft Bestechungsgelder

und in den Dörfern wird

ihnen die Vergewaltigung von Mädchen

nachgesagt.

Beim Besuch der alten Kabuler Stadtmauer

am frühen Morgen treffe ich einige

Polizisten: einfache junge Männer, kaum

einer von ihnen kann lesen und schreiben.

Die Workshops der Bundeswehr scheinen

daran nicht viel geändert zu haben. Die


Polizisten sollen die Stadt vor den Taliban

schützen, die öfter wahllos einzelne

Raketen auf die Stadt abgefeuert

haben bisher ist ihnen hier jedoch

noch keiner begegnet. Vier Wochen

lang sind die Ordnungshüter

hier im Dienst, nachts

schlafen sie meist in

kleinen Holzbaracken

und schiebenabwechselnd

Wache.

Wenn sie

w e n i g e r

Afghanische Christen im Exil

bitten um Hilfe

Mit einem dramatischen Appell haben sich

150 im indischen Exil lebende Christen aus

Afghanistan in Neu-Delhi an die Öffentlichkeit

gewandt: Sie bitten um Hilfe, um

die Christenverfolgung in ihrem Heimatland

zu beenden. Wenn ein Muslim Christ

werde, erwarte ihn die Todesstrafe, heisst

es in einem Offenen Brief der «Afghanischen

Christlichen Gemeinde». Man verstehe

nicht, dass «die ganze Welt und besonders

die weltweite Kirche ruhig bleibt

und die Augen verschliesst». Tausende ihrer

Brüder und Schwestern lebten ständig

in Todesangst, bedroht von der Todesstrafe;

sie würden gefoltert, verfolgt und als Kriminelle

verunglimpft.

Die Unterzeichner rufen die Christen

weltweit dazu auf, bei ihren Regierungen

dafür einzutreten, dass in Afghanistan Gerechtigkeit,

Frieden und Religionsfreiheit

verwirklicht werden. An die Regierungen

des Westens wird appelliert, im Namen der

verfolgten Christen bei der Führung in Afghanistan

vorstellig zu werden. Die muslimischen

Regierungen in aller Welt werden

aufgefordert, ihre christlichen Minderheiten

auch Konvertiten zu schützen.

Anfang Juni hatte der stellvertretende

Parlamentspräsident Abdul Satter Khowasi

(Kabul) nach einem Fernsehbeitrag

über die Taufe eines Konvertiten die Festnahme

und öffentliche Hinrichtung von

Personen gefordert, die vom Islam zum

Christentum übertreten. Ein Abgeordneter

erklärte, dass die Ermordung von Christen,

die zuvor Muslime waren, kein Verbrechen

sei. Bei einer Demonstration an

der Universität von Kabul sprachen Studenten

Todesdrohungen aus und forderten

die Ausweisung von Ausländern, die

beim Missionieren erwischt würden. In einer

hitzigen Parlamentsdebatte wurde die

Bevölkerung aufgerufen, Christen zu denunzieren.

Etliche waren daraufhin untergetaucht,

andere aus dem Land geflohen.

Von den 28,4 Millionen Einwohnern Afghanistans

sind 99,9 Prozent Muslime. Hinzu

kommen etwa 15 000 Hindus und wenige

Sikhs, deren Religionen staatlich anerkannt

sind. Über die Zahl der Christen ist nichts

bekannt.

idea

ethos 8 I 2010 9


10 ethos 8 I 2010

Glück haben, zwischen Felsen in schmutzigen

Decken.

Aminullah fröstelt es, er hat die letzte

Nachtwache und schaut gespannt gespannt auf die die

kürzer kürzer werdenden Schatten der Berge,

die Kabul Kabul umgeben. In wenigen wenigen Minuten

werden die warmen Sonnenstrahlen

auch uns erreichen. Von hier oben betrachtettrachtet

gleicht Kabul einem Meer einstöckiger

Lehmhäuser, das an die steilen

Berghänge brandet. Aus den ehemals

800 800 000 Einwohnern sind in den vergangenen

Jahren mit den aus Pakistan und

Iran zurückgekehrten Flüchtlingen mindestens

drei Millionen Einwohner geworden,

manche sagen sogar sechs.

Trotzdem wirkt Kabul immer noch

wie ein grosses grosses Dorf: Dorf: keine Kanalisation,tion,

kaum mehrstöckige Gebäude, auf auf

den den grösstenteils grösstenteils ungeteerten Strassen

verkaufen bärtige Männer auf auf HolzkarHolzkarren Importware aus Pakistan und Iran

oder bieten in Lehmöfen frisch gebackegebacke- nes Fladenbrot an. Aminullah, einer der

Polizisten, ruft mich zum Frühstück und

teilt mit mir ein vertrocknetes Fladenbrot

und vergammelte Eier, die er aus einem

schwarzen Plastiksack auspackt. Mich

wundert nicht, dass diese Männer so ausgemergelt

sind. Er erzählt mir, dass seine

Cousine, die er heiraten wollte, von ihrem

Vater schon einem anderen versprochen

wurde. Aminullahs Sold von umgerechnet

50 Euro reicht weder, um die

teuren Mieten in Kabul zu bezahlen, noch

um eine Familie zu versorgen. Resigniert

gibt er 200 Afghanis (ungefähr drei Euro)

dem Haschischdealer, der einmal die Woche

die kleine Truppe aufsucht.

Drogen werden immer mehr zum internen

Problem Afghanistans. 90 Prozent

des Opiums der Welt kommt aus Afghanistan.

Auch wenn die Isaf es geschafft hat,

den Anbau zurückzudrängen, nimmt die

Nachfrage im Inland rapide zu. Ahmad

ist einer der Abnehmer. Ich finde ihn in

Ahmad braucht bereits dreimal Heroin am Tag. Er teilt das Schicksal

mit 90 000 anderen Drogenabhängigen in Kabul.


der Ruine des russischen Kulturzentrums.

Der Boden ist übersät mit Fäkalien, Spritzen

und Plastiktüten. Früher im Exil im

Iran, zerfrassen ihn die Erinnerungen an

die Heimat. Er griff zur Nadel und kam

bald ins Gefängnis von Teheran. «Das war

die Hölle. Aber hier in Kabul ist das auch

kein Leben», sagt er tonlos.

Als Tagelöhner wartet er täglich am

Strassenrand auf Arbeit, und nur 80 Cent

kostet der Schuss Heroin. Ahmad braucht

bereits drei am Tag. Er teilt das Schicksal

mit 90 000 anderen Drogenabhängigen

in Kabul. Genaue Statistiken fehlen, doch

laut Doktor Parez, dem Leiter des Nejat

Centers, einem der wenigen Entzugszentren

in Kabul, greifen fünf Prozent der Bevölkerung

regelmässig zu Heroin, Opium,

Haschisch und anderen Drogen. «Aus Pakistan

und Iran kommen grosse Flüchtlingsströme,

viele kehren als Abhängige

zurück», berichtet Parez, «aber auch die

hohe Arbeitslosigkeit von mehr als 40

Prozent, Traumata und Perspektivlosigkeit

sind verantwortlich.»

Täglich bekommen wir in der Hilfsorganisation

Sicherheitswarnungen.

Dennoch versuchen wir, uns so frei wie

möglich zu bewegen, um ein Zeichen zu

setzen. Taliban sind mir selbst nie begegnet,

nur indirekt: Gayle Williams, eine

Physiotherapeutin aus Südafrika, die mit

behinderten Kindern arbeitet, eine gute

Freundin, wird eines Morgens auf offener

Strasse erschossen. Später bekennen

sich die Taliban zur Tat. Für uns und viele

afghanische Freunde war es ein Schock.

Dass wir uns dennoch nicht abschotteten

hinter Stacheldraht und hohen Mauern,

machte vielen Afghanen auch Mut. Hoffnung

und Kraft gab mir vor allem mein

christlicher Glaube. Im täglichen Leben

die Afghanen so zu lieben, wie auch

ich mich von Gott geliebt weiss, ist mein

Ziel. Und diese Liebe und Respekt schaffen

Vertrauen. Denn nachhaltige Veränderung

braucht mehr als ein ausgeklügeltes

Programm und ein grosses Budget.

Eines Nachmittags sitze ich nach geta-

ner Arbeit in einer Teestube in Kabul. Gepanzerte

UN-Jeeps mit getönten Scheiben

fahren vorbei, als ich einen älteren

Mann bemerke, der mich beobachtet. Er

setzt sich zu mir auf den Teppich und wir

trinken schwarzen Tee aus kleinen Gläsern.

Erstaunt, einen Westler zu treffen,

der noch dazu seine Sprache spricht, stellt

er schliesslich fest: «Du bist ein Ausländer

zum Anfassen.» Und nach einer kurzen

Pause: «... einer von uns.» n

I Lukas Augustin

Der Autor arbeitete im Rahmen eines freiwilligen

sozialen Jahres für die schwedische Entwicklungshilfe-Organisation

«Operation Mercy» in Afghanistan.

Inzwischen studiert er Literaturwissenschaften,

Orientalistik und Islamwissenschaften.

www.lukasaugustin.de

ethos 8 I 2010 11

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine