Jenseits der Konflikte

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Jenseits der Konflikte

Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

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© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

ISBN Print: 9783525563663 — ISBN E-Book: 9783647563644


Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Forschungen zur systematischen

und ökumenischen Theologie

Herausgegeben von

Christine Axt-Piscalar und Gunther Wenz

Band 133

Vandenhoeck & Ruprecht

© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

ISBN Print: 9783525563663 — ISBN E-Book: 9783647563644


Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Andreas Losch

Jenseits der Konflikte

Eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung

von Theologie und Naturwissenschaft

Vandenhoeck & Ruprecht

© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Meinen Eltern

und den Freunden,

die mein Interesse am Thema

geweckt haben

Mit 2 Abbildungen und einer Tabelle

Bibliografische Information der Deutschen Narionalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-525-56366-3

ISBN 978-3-647-56364-4 (E-Book)

© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U.S.A.

Internet: www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen

schriftlichen Einwilligung des Verlages. Printed in Germany.

Gesamtherstellung: hHubert & Co, Göttingen

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Inhalt

Vorwort ............................................................ 9

Einführung .......................................................... 13

1. Die Herausforderung ............................................. 21

1.1 Entmythologisierung ........................................ 23

1.2 Die Fälle Galilei und Darwin ................................. 29

1.3 Das Problem der Popularisierung ............................ 33

1.4 Wechselwirkungen .......................................... 35

1.5 Prägung der deutschsprachigen Theologie ..................... 37

1.6 Interkontinentale Differenzen ................................ 39

2. John Polkinghornes Ansatz einer Konsonanz der Disziplinen ........ 42

2.1 Die Entwicklung der Kerngedanken Polkinghornes ............ 42

2.1.1 Die ganze Welt ist Gottes Schöpfung .................... 44

2.1.2 Handlungsraum im »Chaos« ............................ 46

2.1.3 Die Fruchtbarkeit der Schönheit ........................ 47

2.1.4 Polkinghorne als Wissenschaftler-Theologe .............. 48

2.2 Polkinghornes Werke ....................................... 50

2.3 An Gott glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften ......... 52

2.3.1 Eine revidierte Natürliche Theologie ..................... 52

2.3.2 Wissenschaftstheorie als Metaphysik .................... 54

2.3.3 Geist und Materie und Gottes ganz spezielles Handeln .... 55

2.3.4 Das Wunder der Kenosis ............................... 56

2.4 Theologie und Naturwissenschaften .......................... 57

2.4.1 Die Natur als Ausgangspunkt ........................... 58

2.4.2 Am Ende Hoffnung . . . ................................. 59

2.4.3 Perspektiven des Dialogs ............................... 61

2.5 An den lebendigen Gott glauben ............................. 62

2.6 Inkarnation und Sakrament . ................................. 63

2.7 Fazit ....................................................... 66

3. Alternativen zum Konfliktmodell: Typologien der

Verhältnisbestimmung von Naturwissenschaften und Theologie ..... 70

3.1 Barbours Typologie ......................................... 70

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

6 Inhalt

3.1.1 Konflikt ............................................... 71

3.1.2 Unabhängigkeit ....................................... 73

3.1.3 Zwischenergebnis ...................................... 74

3.1.4 Dialog ................................................ 76

3.1.5 Integration ............................................ 78

3.2 Fazit zu Barbours Typologie ................................. 81

3.3 John Polkinghornes Rezeption ............................... 82

3.4 Ted Peters Typologie ........................................ 85

3.5 Fazit ....................................................... 87

4. Exkurs: Jürgen Hübners Typologie ................................. 91

4.1 Typ I: Biblizistische Auffassungen ............................ 93

4.2 Typ II: Interventionismus . . . ................................. 93

4.3 Typ III: Monistisch-idealistische Entwürfe .................... 94

4.4 Typ IV: Scheidung der Gebiete bei umfassender Funktion der

Religion bzw. theologisch-philosophischer Zusammenordnung . 95

4.5 Typ V: Verzicht auf systematische Kombination der

verschiedenen Erkenntnisweisen ............................. 96

4.6 Theologische Grundtendenzen ............................... 97

4.7 Zusammenfassung .......................................... 99

4.8 Weitere Entwicklungen in Hübners Denken ...................102

5. Von den Ursprüngen des Kritischen Realismus .....................105

5.1 Kant’sche Wurzeln ..........................................106

5.2 Der deutsche ›Kritische Realismus‹ ...........................107

5.3 Exkurs zum Kritischen Realismus bei Nicolai Hartmann .......109

5.4 American Critical Realism . . .................................110

5.5 Sind Neo-Realisten naiv? . . . .................................112

5.6 Barbours Einführung des Kritischen Realismus in das Gespräch

zwischen Naturwissenschaften und Theologie .................113

5.7 Peacockes Wertschätzung . . .................................117

5.8 Polkinghornes Paradigma . . .................................118

5.9 Exkurs zum Wissenschaftlichen Realismus ....................121

5.10 Kritischer wissenschaftlicher Realismus .......................123

5.11 Bhaskars Kritischer Realismus ...............................126

5.12 Eine Schichtenordnung der Wirklichkeit ......................129

5.13 Fazit .......................................................131

6. Der Kritische Realismus – eine nachhaltige Brücke zwischen

Naturwissenschaft und Religion? . .................................135

6.1 Modelle, Metaphern und Theorien ...........................136

6.2 Kritischer Realismus in der Theologie .........................138

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Inhalt 7

6.3 Sozial- und Geisteswissenschaften im Kritischen Realismus .....148

6.4 Barbours Verstärkung der Brücke ............................151

6.5 Kritik ......................................................154

6.6 Wie man die Brücke (nicht) bauen sollte ......................158

7. Exkurs: Die Bedeutung Michael Polanyis für das Gespräch von

Theologie und Naturwissenschaften ...............................166

7.1 Biographie .................................................166

7.2 »We know more than we can tell« ............................169

7.3 Polanyis glaubensbasiertes Programm in der Diskussion .......173

7.3.1 Fides quaerens intellectum ..............................173

7.3.2 Torrance: The Framework of Belief – Glaube als Rahmen . 176

7.3.3 Harry Proschs Zweifel . .................................178

7.4 Aufnahme seitens der Wissenschaftler-Theologen .............182

7.4.1 Ian G. Barbours Referenz und Polanyis Randbedingungen . 182

7.4.2 John C. Polkinghornes Verpflichtung ....................185

7.4.3 Arthur Peacockes Überzeugung .........................186

7.5 Fazit .......................................................189

8. Der theologische Vorrang der Zukunft vor der Gegenwart und der

Möglichkeit vor der Wirklichkeit . .................................191

8.1 Die Erfahrung der Zeit jenseits der ewigen Gegenwart ..........191

8.2 Reflexion: Möglichkeit und Wirklichkeit ......................201

8.3 Die Bedeutung der Zeit im Kritischen Realismus ...............206

8.4 Fazit .......................................................212

9. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit im Gestaltkreis Viktor von

Weizsäckers .....................................................214

9.1 Entwicklung des Gestaltkreiskonzeptes .......................214

9.2 Wissenschaftstheoretische Reflexion ..........................223

9.3 Theologische Reflexion ......................................229

9.4 Weiterführende Überlegungen ...............................232

10. Jenseits der Konflikte: eine Welt, aber mehr als Physik ...............235

10.1 Polanyis Glaube und Whiteheads Einfluss .....................236

10.2 Eine andere Sichtweise ......................................240

10.3 Die konstruktive Rolle des Subjektes im Prozess der

Wissenschaft ...............................................242

10.4 Konstruktivistische und weitere Herausforderungen ...........244

10.5 Doppelte Hermeneutik ......................................247

10.6 Geschaffen zur schöpferischen Kooperation ...................252

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

8 Inhalt

10.7 Die ethische Dimension .....................................255

10.8 Jenseits unserer Grenzen .....................................257

10.9 Konsequenzen ..............................................260

Literatur ............................................................263

Quellen .............................................................263

Sekundärliteratur ....................................................263

Abbildungsnachweis .................................................276

Personenregister .....................................................277

Sachregister .........................................................281

Bibelstellenregister ...................................................285

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Vorwort

»Des vielen Büchermachens ist kein Ende«, sagt schon der Prediger (Pre

12,12) und in den letzten Jahren scheint dies besonders für den Bereich Naturwissenschaften

und Theologie zu gelten. Konnte man 1987 noch in einem

Buch die Bibliographie zu dem Themenfeld zusammenfassen, 1 ist die internationale

Literatur zum Thema heute unüberschaubar geworden und ihre Katalogisierung

würde wohl ein eigenes Forschungsprojekt und mehrere Bände

beanspruchen. Wozu dann noch ein weiteres Buch, kann man sich fragen.

Positiv gewendet indiziert die Fülle der Literatur natürlich einen wachsenden

Forschungsbereich. Angesichts der zunehmenden Diversifizierung und

Spezialisierung der Wissenschaften ist der Dialog zwischen den einzelnen

Fachdisziplinen umso bedeutsamer. Aber kann man denn Theologie und

Naturwissenschaften vergleichen, haben sie nicht mit völlig unterschiedlichen

Wirklichkeitsbereichen zu tun? Hier beginnt die Diskussion.

Dieses Buch will einen Querschnitt durch den Themenbereich darstellen,

der sich insbesondere dem noch recht spärlichen Austausch zwischen den

angelsächsischen und kontinentaleuropäischen Diskussionen widmet. Es

konnte zwar naturgemäß nur ein kleiner Teil der vorhandenen Literatur

berücksichtigt werden, aber ich hoffe doch, dies ist so gelungen, dass es

exemplarisch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Rezeptionskreisen

deutlich macht. Ich muss im vornherein bei allen Autoren um

Nachsicht bitten, die hier keine Erwähnung finden. Vielleicht habe ich Ihr

Buch sogar angeschafft und gelesen, doch keinen zwingenden Bezug erkannt,

und das Machen dieses Buchs musste auch einmal ein Ende finden. Ich habe

aber durchaus eine eigene kleine Bibliothek zur Thematik aufgebaut, deren

Grundstock die großzügige Bücherstiftung von Herrn Neuhaus aus meiner

Vikariatsgemeinde gelegt hat. Bei der Anschaffung von englischsprachiger

Literatur hat mich auch die Evangelische Kirche im Rheinland unterstützt.

Der am Thema allgemein interessierte Leser wird vor allem in den Eingangskapiteln

Material finden, das es zu lesen lohnt, während die hinteren

Kapitel dann immer spezieller werden und verstärkt meinen Beitrag zur wissenschaftlichen

Diskussion der erkenntnistheoretischen Paradigmen des

Gesprächs darstellen.

1 Hübner, Dialog.

Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

10 Vorwort

Bei den eigenen Übersetzungen von englischen Zitaten wird jeweils der Originaltext

– um dem wissenschaftlich Arbeitenden das Auffinden der Stelle zu

erleichtern – in einer Fußnote wiedergegeben.

Die Arbeit wurde von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhruniversität

Bochum als Dissertation angenommen. Gedankt sei an erster Stelle

meinem Doktorvater Prof. Dr. Christian Link, dessen Vertrauen ich die Möglichkeit

verdanke, diese Arbeit abliefern zu können. Kaum weniger bin ich

Prof. Dr. Traugott Jähnichen zu Dank verpflichtet, der sich bereit erklärt hat,

das Koreferat zu dieser Arbeit zu übernehmen. Danken will ich auch Prof. Dr.

Dr. Michael Welker, der es war, der mich an das Themenfeld herangeführt

hat, und Rev. Dr. John Polkinghorne, K.B.E., F.R.S., der in den Anfängen meiner

Arbeit das Projekt wohlwollend begleitet hat. Für seine Unterstützung und

Diskussionsbereitschaft sei insbesondere Prof. Dr. Robert John Russell

gedankt, und ich möchte in diesem Kontext die große Gastfreundschaft des

Center for Theology and the Natural Sciences (CTNS) in Berkeley, USA, nicht

unerwähnt lassen, an dem ich mich im Laufe der Erstellung dieser Arbeit zwei

Mal aufgehalten habe. Prof. Dr. Dr. Christian Berg ist es gewesen, der mir den

ersten Aufenthalt dort als ERASTIN-Stipendiat ermöglicht hat. Meinen Forscherkollegen,

die ich im Rahmen des ERASTIN-Programms getroffen habe,

Prof. Dr. Knut-Willy Saether und Rev. Marty Miller-Maddox, sei für den

fruchtbaren und spannenden Austausch in der Frühphase des Projekts

gedankt.

Wertvolle Hinweise zu einzelnen Kapiteln verdanke ich außerdem Prof. Dr.

Ian Barbour, Prof. Dr. Jürgen Hübner, Rev. Dr. Arthur Peacocke, M.B.E., und

nicht zuletzt Prof. Dr. Niels Henrik Gregersen, der mich auch sehr freundlich

in Kopenhagen willkommen geheißen hat. Das Buch basiert im Kern auf einer

Reihe bereits veröffentlichter Aufsätze, die aber nicht unverbunden nebeneinander

stehen, sondern von vorneherein für diese Arbeit geschrieben worden

sind. 2 Für die Genehmigung, auf diese Weise wesentliche Promotionsergebnisse

vorzuveröffentlichen, sei noch einmal Prof. Dr. Link gedankt. Gleichzeitig

möchte ich die jeweiligen Herausgeber erwähnen, die das Erscheinen der

betreffenden Artikel und ihre Verwendung in dieser Arbeit möglich gemacht

haben: Prof. Dr. Ted Peters und Prof. Dr. Robert John Russell als Herausgeber

von Theology & Science, Prof. Dr. Ulrich Beuttler und Prof. Dr. Martin Rothgangel

als Herausgeber des Jahrbuches Glaube und Wissen der Karl Heim

Gesellschaft, Dr. Frank Vogelsang und Dr. Hubert Meisinger als Herausgeber

der ESSSAT Tagungsbände in der Reihe Begegnungen der Evangelischen Aka-

2 Kap. 2 wurde in einer um einiges kürzeren Fassung unter www.polkinghorne.de, Rubrik

»Rezension« veröffentlicht. Kap. 3 liegt Losch, Was steckt dahinter, zugrunde, Kap. 5 Losch,

Origins, Kap. 6 Losch, Critical Realism, Kap. 7 Losch, Bedeutung, Kap. 8.1 ist auf Grundlage

von Losch, Erfahrung der Zeit, erstellt worden, Kap. 9.1 und 9.2 basieren auf Losch, Wahrnehmung,

und Kap. 10 auf Losch, World/Welt.

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Vorwort 11

demie im Rheinland und Anna Seemüller, Tanja Gabriele Baudson und Martin

Dresler für die Aufnahme meiner Ausführungen in den Dokumentationsband

der MinD-Akademie 2008.

Dem CTNS und Taylor & Francis Ltd ist für die Abdruckerlaubnis der

Übersetzung meiner in Theology & Science erschienen Aufsätze zu danken, auf

denen Kapitel 5, 6 und Teile von Kapitel 10 beruhen. Dem Peter Lang Verlag

sei für die Abdruckerlaubnis meiner Aufsätze gedankt, auf denen Kapitel 7

und ebenfalls Teile von Kapitel 10 beruhen.

Für die Aufnahme in die Reihe »Forschungen zur systematischen und ökumenischen

Theologie« danke ich den Herausgebern der Reihe, Prof. Dr. Christine

Axt-Piscalar und Prof. Dr.Dr. h.c. Gunther Wenz. Druckkostenzuschüsse,

die das Erscheinen der Arbeit in dieser Reihe möglich gemacht haben, haben

die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche in Deutschland,

der Evangelische Kirchenkreis Duisburg und nicht zuletzt meine Eltern

gewährt. Meinen herzlichen Dank dafür!

Der European Society for the Study of Science and Theology (ESSSAT) sei

für die Ermutigung gedankt, die ich 2006 in schwieriger Zeit durch Verleihung

des Student Prize erhalten habe. Ebenso sei der John Templeton Foundation

für die Genehmigung eines Forschungsprojektes zum Kritischen Realismus

Dank gezollt, von dem diese Arbeit in hohem Maße profitiert hat. Es ist keineswegs

selbstverständlich, als Einzelperson und noch ohne Promotion eine

solch profunde Unterstützung von dieser Seite zu erfahren.

Hilfe beim Korrekturlesen und bei der stilistischen Überarbeitung der

Arbeit habe ich von Dr. Sascha Flüchter, OStR Lars Schnor, Dr. Frank Vogelsang

und Dr. Roland Jesseit erfahren, wobei letzterer auch stets ein wertvoller

Gesprächspartner von physikalischer Seite gewesen ist.

Abschließend bedanke ich mich beim Gesprächskreis für Theologie und

Naturwissenschaften an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, dem

ich seit unserer dreijährigen Förderung durch das Metanexus Institut als

Geschäftsführer dienen darf, und in dessen abwechslungsreichem Programm

auch die in dieser Arbeit vorgestellten Thesen eine Rolle gespielt haben.

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ISBN Print: 9783525563663 — ISBN E-Book: 9783647563644


Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Einführung

Theologie und Naturwissenschaften erscheinen oft, besonders in der medialen

Öffentlichkeit, als ein unüberwindbarer Gegensatz. Besonders die Fälle Galilei

und Darwin werden genannt, um daran das Rückzugsgefecht der Kirche

gegenüber einer triumphierenden Wissenschaft zu demonstrieren. In dieser

Arbeit beleuchte ich diesen Konflikt auf dem Stand der heutigen Geschichtswissenschaft

und decke ihn als modernen Mythos auf. Als Gegenpol zum Konfliktmodell

wird der Ansatz des Cambridger Physikers und Priesters John C.

Polkinghorne präsentiert, der von einer Konsonanz (Übereinstimmung) der

Disziplinen ausgeht. Es wird der Frage nachgegangen, welche Alternativen es

insgesamt jenseits der Konflikte gibt. Dazu wird das übersichtliche Einteilungsmodell

Ian G. Barbours (ebenfalls Physiker und Theologe) vorgestellt,

der als Verhältnisbestimmungen von Theologie und Naturwissenschaften

neben dem Konflikt auch ein unabhängiges Nebeneinander, einen Dialog oder

eine Integration der beiden Disziplinen als Möglichkeiten ansieht. Ein Exkurs

vergleicht diese für den angelsächsischen Sprachraum typische Einteilung mit

der kontinentaleuropäisch orientierten Typologie von Jürgen Hübner. Was

diese unterschiedlichen geographischen Verwurzelungen für eine inhaltliche

Bedeutung haben, das wird im Laufe der Arbeit deutlich werden.

Mit der Annahme von Alternativen zum Konflikt ist schon viel gewonnen.

Die Arbeit bleibt aber nicht bei einer bloßen Wiedergabe der Einteilung Barbours

stehen, sondern fragt weiter, worauf diese einflussreiche Einteilung und

ihre Derivate beruhen. Sie kommt zu dem Schluss, dass ein sogenannter »Kritischer

Realismus« die Grundlage für die Einteilung darstellt. Demnach ist es

tatsächlich die Welt, die von den Naturwissenschaften entdeckt wird, ihre Forschungsergebnisse

sind keine reine Konstruktion des menschlichen Geistes.

»Kritisch« ist der Realismus aber insofern, als der menschliche Geist in der

Forschung durchaus nicht unbeteiligt ist, wie besonders neuere Wissenschaftstheoretiker

wie Thomas Kuhn und Michael Polanyi gezeigt haben. Gleiches

soll für die Theologie gelten: auch sie hat es mit der Wirklichkeit, in diesem

Falle Gottes, zu tun, aber natürlich ist bei dessen »Erforschung« auch der

menschliche Geist im Spiel. Die Bibel ist ernst, aber nicht wörtlich zu nehmen.

Die Arbeit fragt damit nach der jeweiligen Definition und Bedeutung des Kritischen

Realismus in Wissenschaft, Philosophie und Theologie. Anschließend

sollen zwei prominente deutschsprachige Ansätze zum Dialog zwischen Theologie

und Naturwissenschaften dargestellt und mit dem angelsächsischen

Modell auf Basis dieses Kritischen Realismus verglichen werden: die Zeittheorie

des Physikers A.M.K. Müller und das Gestaltkreiskonzept des Arztphiloso-

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14 Einführung

phen Viktor von Weizsäcker. Das Fazit am Schluss der Arbeit integriert die

verschiedenen Modelle in einem eigenen Vorschlag für das Gespräch der Disziplinen.

Die Arbeit stößt in eine Forschungslücke, die darin besteht, dass der sehr

umfassende angelsächsische Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften

im deutschsprachigen Raum bislang noch zu wenig rezipiert worden

ist. 1 Insbesondere das Paradigma dieses Dialogs – der »Kritische Realismus« –

wurde kaum untersucht oder zum deutschsprachigen Modell in Beziehung

gesetzt. Ausgangsthese der Arbeit ist die Überlegung, dass der genannte Kritische

Realismus, wie er dem angelsächsischen Gespräch zwischen Naturwissenschaften

und Theologie zugrunde liegt, einiger Modifizierungen bedarf, um

wesentliche Anliegen der deutschsprachigen Diskussion aufnehmen zu können.

Ihm ist gewiss darin zuzustimmen, dass man heutzutage keinen naiven

Realismus mehr vertreten kann, der die Rolle des Subjektes im Forschungsprozess

ignoriert. Der Ansatz des Kritischen Realismus ist jedoch sehr von einer

naturwissenschaftlichen Rationalität geprägt und ignoriert mit der ihm

zugrunde legenden These eines durchgängigen Spektrums der Wissenschaften

die exemplarisch von Dilthey herausgearbeiteten Eigenheiten der Geisteswissenschaften.

Der Konstruktiv-Kritische Realismus, den ich vorschlagen

möchte, sieht die Rolle des Subjektes nicht nur »kritisch«, sondern besonders

in Bezug auf die Geisteswissenschaften als wesentlich konstruktiver an als es

im Kritischen Realismus berücksichtigt wird. Das hat Auswirkungen auf das

Verständnis der Theologie, der unabhängig davon jedoch auch ein Eigenraum

zuzugestehen ist.

Der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie ist zwar auch in

der deutschsprachigen Theologie ein klassisches Thema, aber eines, das einen

neuen Ansatz braucht. Sigurd Martin Daecke hat auf die Unterschiede zwischen

der angelsächsischen und kontinentaleuropäischen Literatur verwiesen: 2

Während in der deutschsprachigen Literatur eine »indifferentistische« Sicht,

ein Modell der Unabhängigkeit der beiden Disziplinen weit verbreitet ist, steht

dem in der angelsächsischen Literatur meist eine ganzheitliche Betrachtungsweise

gegenüber. Gott und Natur werden als eine Einheit gesehen und die

»Eine Welt« wird betont. Der Unterschied zwischen den beiden Ansätzen

wurde auch damit beschrieben, dass im angelsächsischen Bereich oft eine realistische

Epistemologie dominiert, während man sich im kontinentaleuropäischen

Bereich der nominalistischen Herausforderung der neuzeitlichen Wissenschaft

zu stellen versucht. 3 Die Frage, die dahinter steht, ist die: Spiegeln

1 Arbeiten zu angelsächsischen Autoren bieten derzeit Achtner, Physik; Predel, Sakrament;

Dinter, Glauben; Berg, Theologie; Steinke, Polkinghorne.

2 Daecke, Literatur.

3 Link, Wahrnehmung.

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Einführung 15

die Erkenntnisse der Naturwissenschaften die Welt wieder, so wie sie wirklich

beschaffen ist (Realismus) oder beschränken sie sich auf die Beschreibung von

Kausalketten, ohne damit eine Aussage über die Welt, wie sie im Innersten

beschaffen ist, zu machen (Nominalismus)? Ich denke, dass es sich dabei nicht

um einen unbedingten Gegensatz handeln muss, wie ich im Laufe der Arbeit

erläutern werde.

Das hier durchaus Arbeit vonnöten ist, kann man exemplarisch an dem

ansonsten sehr ansprechenden deutschsprachigen Werk von Guy Marcel Clicqué

festmachen, das resümiert, dass es bereits ein Gewinn für das Gespräch

von Theologie und Naturwissenschaft anzusehen sei, wenn es auf Grundlage

der wissenschaftstheoretischen Reflexionen von »Fleck, Polanyi und Kuhn«

geführt werde, »was gegenwärtig aber leider noch nicht der Fall ist«. 4 Tatsächlich

stellen Polanyi und Kuhn aber bereits für Ian Barbours Issues in Science

and Religion 5 wesentliche Gewährsleute dar, und Polanyi ist außerdem für

Arthur Peacocke und John Polkinghorne von hoher Bedeutung. Die sich

daraus ergebende differenziertere Sicht von Naturwissenschaft ermöglicht die

Annahme einer engeren Verwandtschaft zur Theologie, die alle drei genannten

»Wissenschaftler-Theologen« (Barbour, Peacocke, Polkinghorne) so sehen.

Dies führt in Folge dann zu einer Betonung der Nähe der Disziplinen in einem

kritisch-realistischen Modell. Hat der deutschsprachige Dialog diese wissenschaftstheoretisch

reflektierte Sicht der Naturwissenschaften bereits nachvollzogen?

Oder geht er in seiner Betonung der Unabhängigkeit der Disziplinen

noch von einem (damals notwendigen) Kontrastmodell von Naturwissenschaften

und Theologie aus dem 19.Jahrhundert aus? Umgekehrt muss man

an den angelsächsischen Dialog die Frage stellen, ob er nicht auch etwas vorschnell

eine Nähe der Disziplinen postuliert und der qualitative Unterschied

zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verwässert wird, und zwar zu Lasten

der Eigenständigkeit der geisteswissenschaftlichen und insbesondere der

theologischen Rationalität.

Die Darstellung beginnt in Kapitel 1 mit einer Kritik an der medial weit verbreiteten

(und in neuerer Zeit wieder durch Richard Dawkins vertretenen 6 )

Anschauung eines Konflikts zwischen Theologie und Naturwissenschaften

(Fälle Galilei, Darwin) und der Idee, dass der Fortschritt der Wissenschaften

die Religion zum Rückzug zwinge. Historisch waren die Bestseller von John

William Draper 7 und Andrew Dickson White 8 prägend für diese Sicht eines

Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glaube. Das Kapitel wird sich mit

Inhalt und Intention dieser Schriften kritisch auseinandersetzen. Es soll auch

4 Clicqué, Differenz, 41.

5 Barbour, Issues.

6 Dawkins, Gotteswahn, das Gegenbuch dazu McGrath, Atheismus.

7 Draper, Geschichte.

8 White, Geschichte.

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

16 Einführung

um die Problematik der medialen Darstellung des Themas gehen und der Art

und Weise, wie es in zeitgenössischen populärwissenschaftlichen Werken

(vornehmlich in deren ›letzten Kapiteln‹) dargestellt wird. Beispielhaft sei hier

Stephen Hawkings Kurze Geschichte der Zeit 9 genannt. Sein jüngst erschienener

Großer Entwurf 10 bleibt dabei ganz auf der zuvor gezeichneten Linie.

Dem setzt die Arbeit als ersten Kontrastpunkt in Kapitel 2 das Modell einer

Konsonanz der beiden Disziplinen, wie es der Cambridger Physiker und Theologe

John C. Polkinghorne vertritt 11 , entgegen. Behauptet dessen früherer Kollege

Hawking, mit einer GUT (Grand Unifying Theory) könne man die

Gedanken Gottes erkennen, sieht Polkinghorne die Physik hier an ihren Grenzen

und die Theologie als eigentliche GUT an. Es ist zu fragen, wie weit Polkinghornes

Gedanken hier nicht zu stark apologetisch geprägt sind. John Polkinghornes

Werk wurde bereits wiederholt einer Betrachtung unterzogen, 12

allerdings liegen seit der Dissertation Dinters zahlreiche neuere Publikationen

Polkinghornes vor, und Steinkes Arbeit beschränkt sich auf eine philosophische

Einordnung des Ansatzes Polkinghornes. Es soll ein kurzer Überblick

über Polkinghornes Positionen als exemplarische Darstellung einer typisch

angelsächsischen Position geboten werden, die dann konstruktiv-kritisch

bewertet werden kann.

Welche weiteren Alternativen zum Konfliktmodell es gibt, fragt Kapitel 3.

Äußerst einflussreich in der Beschreibung dieser Alternativen war die Typologie

Ian Barbours, auf die sich auch Polkinghorne bezieht. Demnach sind als

Typen Konflikt, Unabhängigkeit, Dialog und Integration zu unterscheiden.

Das Konfliktmodell ist in dieser Arbeit bereits im ersten Kapitel kritisch hinterfragt

worden und wird von Barbour auch eher der Vollständigkeit halber

erwähnt. Im Blick auf den amerikanischen Kontext muss man vielleicht darauf

hinweisen, dass auch von christlicher Seite teilweise ein Konfliktmodell vertreten

wird, wenn man an die Kreationismus-Debatte, jüngst um die Frage nach

»Intelligent Design« erweitert, denkt. 13 Demgegenüber stellt ein Unabhängig-

9 Hawking, Zeit.

10 Hawking/Mlodinow, Entwurf.

11 Er ist allerdings nicht der Erfinder der »Konsonanz«-Hypothese im Gespräch von Theologie

und Naturwissenschaften, vgl. Kap. 3.5.

12 Dinter, Glauben; Steinke, Polkinghorne.

13 Diese Debatte hier darzustellen würde m.E. vom roten Faden dieser Arbeit ablenken.

Ggf. wäre es möglich, sie als Anwendungsfall der in diesem Buch erarbeiteten Grundlagen zu

analysieren, ein Projekt, dem ich mich gerne in der Zukunft annehmen werde; an dieser Stelle

sei nur auf passende Literatur verwiesen. Eine leicht verständliche, theologisch zwar laienhafte,

aber eindeutig gegen den Kreationismus gerichtete Arbeit, die mich zu meinem Vorteil in meiner

Jugend beeinflusst hat, ist Berry, Adam. Von biologisch informierter Seite setzt sich auch

Hemminger, Evolution, kritisch mit dem Kreationismus auseinander. Einen Forschungsüberblick

anlässlich des Darwinjahrs bietet Beuttler, Kommentar. Zur Person und Rezeption Darwins

liefert Engels, Darwin, reiches Material. Theologisch durchgearbeitet und aufbereitet wird

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Andreas Losch, Jenseits der Konflikte

Einführung 17

keitsmodell schon einen wesentlichen Fortschritt dar. Im deutschsprachigen

Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften ist im Gefolge des nachhaltigen

Einflusses u.a. der Theologie Karl Barths dieses »schiedlich-friedliche«

Unabhängigkeitsmodell noch dominant, während im angelsächsischen

wissenschaftlichen Diskurs ein Dialogansatz bzw. sogar ein Integrationsmodell

vorherrschen. Allerdings ist zu fragen, ob ein Integrationsmodell nicht auch

zu weit führt und zu einer Assimilation der Theologie an die Naturwissenschaften

verleitet. Es ist weiterhin kritisch zu untersuchen, von welchem Paradigma

aus die Typologie Barbours entworfen worden ist und ob es im deutschsprachigen

Kontext möglich ist, die Voraussetzungen dieses Paradigmas zu

teilen.

Erkenntnisse dazu soll in Kapitel 4 ein Exkurs mit einem Vergleich mit der

deutschsprachigen Typologie Jürgen Hübners liefern, die auf dem jeweiligen

Verhältnis zur Evolutionstheorie beruht. Hübner unterscheidet dabei fünf

Typen. Der Exkurs fragt nach den philosophischen und theologischen Prämissen

des Hübnerschen Modells und nach der weiteren Entwicklung seines Denkens.

In wie weit lassen sich an Barbours und Hübners Modell typische Merkmale

der jeweiligen Traditionen erkennen?

Typisch für Barbours Modell ist sein »Kritischer Realismus« als Hintergrund

der Überlegungen. Es ist daher in Kapitel 5 zu fragen, wo dieser Kritische

Realismus, den auch John Polkinghorne und Arthur Peacocke vertreten,

herkommt. Kritische Realismen sind in der Philosophie mehrfach verfochten

worden, im deutschsprachigen Bereich u.a. von Wundt, Külpe und Hartmann,

im englischsprachigen Bereich u.a. von Sellars, Lonergan und Niiniluoto. Wie

hängen diese kritischen Realismen zusammen (falls sie in Beziehung zueinander

stehen)? Ist Barbour die Quelle des Kritischen Realismus im Gespräch zwischen

Naturwissenschaft und Theologie, oder von welchen Traditionen wurde

er selbst beeinflusst? Es ist nach dem Ursprung des Kritischen Realismus zu

fragen und sein erstes Auftauchen bei Barbour zu analysieren. Eine Berücksichtigung

der gesamten Realismus-Debatte würde sicher zu weit führen, so

dass die Arbeit sich auf eine Durchsicht der kritischen Realismen beschränkt.

Beschäftigt sich dieses Kapitel zunächst nur mit dem Kritischen Realismus

in Naturwissenschaften und Philosophie, beschäftigt sich Kapitel 6 dann mit

dem für das angelsächsische Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften

typischen Auftreten dieser Konzeption auch in der Theologie. Wie

wird diese Parallelität eines Kritischen Realismus in Naturwissenschaft und

Theologie dargestellt und begründet? Es ist zu vermuten, dass der vom Kritischen

Realismus postulierten Parallelität der Erkenntnis in Naturwissenschaft

die Diskussion in Kessler, Evolution. Ein bekannter Vertreter einer theistischen Evolution ist

Collins, Gene. Schönborn, Ziel, macht deutlich, dass auch der Wiener Kardinal trotz seiner verfänglichen

Äußerungen in der New York Times den Kreationismus ablehnt.

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18 Einführung

und Theologie die These eines kontinuierlichen Spektrums der Wissenschaften

zugrunde liegt, welche der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition

widerspricht. Um dem Unterschied in der Erkenntnis von Natur- und Geisteswissenschaften

gerecht zu werden, wird eine Modifikation des Kritischen Realismus

zum »Konstruktiv-Kritischen Realismus« vorgeschlagen.

Ein Exkurs zur Philosophie Michael Polanyis (Kapitel 7) wird dem Rezeptionsdefizit

dieses originellen Chemikers und Wissenschaftsphilosophen im

deutschsprachigen Bereich gerecht. Die Forderung Clicqués nach einer noch

ausstehenden Diskussion seiner Positionen im Gespräch von Theologie und

Naturwissenschaften macht auf den deutschen Sprachraum bezogen ja durchaus

Sinn. Daneben ist Michael Polanyi für Polkinghorne der Vertreter des Kritischen

Realismus par excellence, weswegen im Exkurs genau untersucht werden

soll, ob dieser Gebrauch der Philosophie Polanyis als Gewährsmann des

Kritischen Realismus gerechtfertigt ist. »Wir wissen mehr als wir zu sagen wissen«.

Diese zentrale These Polanyis soll in ihrer Bedeutung für die Wissenschaftstheorie

und das Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften

dargestellt werden. Dass nach Polanyi zu jedem Wissenserwerb ein stillschweigender

und leidenschaftlicher Beitrag der Person, die zu wissen

wünscht, gehört, macht verständlich, warum er als Gewährsmann des Kritischen

Realismus herangezogen worden ist: im Gegensatz zum naiven Realismus

weiß der Kritische Realismus ja um die Bedeutung des Subjektes im Forschungsprozess.

Polanyis objektorientierte Unterscheidung von Verifikation

und Validation von Wissen berücksichtigt der Kritische Realismus allerdings

nicht, ein weiterer Grund, ihn so zu modifizieren, dass er dem Unterschied

Rechnung tragen kann.

Der Schlussteil der Arbeit vergleicht die Idee eines Kritischen Realismus mit

den Grundannahmen und wesentlichen Themen des deutschsprachigen

Gesprächs zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Ein Thema in Kapitel 8

ist die Auseinandersetzung um ein angemessenes Zeitverständnis, wie es von

A.M.K. Müller im Anschluss an Carl Friedrich von Weizsäcker und Georg

Picht entwickelt worden ist. Dieses konvergiert mit Eberhard Jüngels Betonung

der Möglichkeit vor der Wirklichkeit. Es ist zu fragen, wie sich Müllers

Zeitverständnis zum Kritischen Realismus verhält und wie die Autoren, die

diesen unterstützen, mit dem Thema Zeit umgehen.

Abschließend soll diskutiert werden, ob der Kritische Realismus zu Viktor

von Weizsäckers Einblicken in die Einheit von Wahrnehmung und Bewegung

in Beziehung gesetzt werden kann (Kapitel 9). Lebendes zu erforschen heißt

demnach sich am Leben zu beteiligen, wesentlich ist hier die Einführung des

Subjektes in den Erkenntnisprozess. Dies korreliert mit der Einsicht meines

Konstruktiv-Kritischen Realismus, nachdem das Subjekt nicht nur im Forschungsprozess

eine Rolle spielt, sondern mehr noch die Wirklichkeit im

Zusammenspiel mit den Forschern konstruktiv gestaltet werden muss. Das

Modell Viktor von Weizsäckers wurde als den Gegensatz zwischen Nominalis-

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mus und Realismus überwindender Ansatz eingebracht, und eben deswegen

ist es als möglicher Lösungsansatz für die eingangs dargestellte Problematik zu

diskutieren. Auch wenn die Gegensätze nicht so scharf ausfallen sollten, wie

bislang angenommen, ist doch eine die angelsächsische und deutschsprachige

Tradition vermittelnde Position zu suchen.

Dies soll im Fazit in Kapitel 10 dann ausführlich versucht werden. Das Kapitel

wird die Ausgangsthese entfalten, nach der der Kritische Realismus zum

Konstruktiv-Kritischen Realismus modifiziert werden muss, um das Werden

der Welt als Schöpfung erkenntnistheoretisch einzuholen und der Verantwortung

des Menschen in der Gestaltung der Welt gerecht zu werden. Dabei soll

auch das im angelsächsischen Raum ebenfalls sehr verbreitete Modell Philipp

Hefners, 14 den Menschen als »geschaffenen Mit-Schöpfer« zu betrachten, kritisch

bewertet werden. Letztlich geht es auch um die Positionierung der Theologie

im andauernden Gespräch mit den Naturwissenschaften.

14 Hefner, Human Factor; Hefner, Created Co-Creator.

Einführung 19

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1. Die Herausforderung

Der Physiker Stephen Hawking ist im Begriff, die Formel zu finden, die das Universum

erklärt. 1

Wenn wir eine vollständige Theorie entdecken, welche die Quantenmechanik

mit der allgemeinen Relativitätstheorie verbindet, dann werden sich alle – Philosophen,

Naturwissenschaftler und Laien – mit der Frage auseinandersetzen

können, warum es uns und das Universum gibt. Dies meint der weltbekannte

Physiker Stephen W. Hawking und fährt fort: »Wenn wir die Antwort auf

diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft

– denn dann würden wir wahrhaftig die Gedanken Gottes kennen.« 2

Diese gewagte Zuspitzung des Gedankengangs von Hawkings Kurzer

Geschichte der Zeit hat Geschichte gemacht. Warum? Weil die Kosmologie an

sich dermaßen spannend ist? Oder weil hier eine Provokation ausgesprochen

ist, die auf Antwort wartet? Eine Antwort im Sinne Hawkings hat der Physiker

Paul Davies gegeben:

Es mag seltsam erscheinen, aber meiner Auffassung nach bietet die Naturwissenschaft

einen sichereren Weg zu Gott als die Religion. Ob unsere Antworten richtig oder falsch

sind, die Naturwissenschaft hat mittlerweile den Punkt erreicht, von dem aus religiöse

Fragen auf wissenschaftlich haltbare Weise untersucht werden können. Das deutet an,

wie weitreichend die Folgen der modernen Physik sind. 3

Auch Davies erzielt große Auflagen mit seinen populärwissenschaftlichen

Darstellungen. Geschickt hat er mit seinem Buchtitel The Mind of God an den

Erfolg Hawkings angeschlossen. 4 Haben die großartigen Erfolge der Physik

Philosophie und Theologie überflüssig gemacht? Das ist die provozierende

Frage, die hinter solchen Äußerungen von Physikern steht.

Was ist der Hintergrund solcher Äußerungen? Nach einer weit verbreiteten

Auffassung, die sich auch in diesen Aussagen widerspiegelt, waren Menschen

früherer Zeiten tendenziell religiös und haben die Umwelt daher auch in reli-

1 Klappentext des Verlags zu Hawking, Zeit.

2 Hawking, Zeit, 218, kursiv vom Vf. neu übersetzt nach Hawking, Time, 185.

3 Davies, Gott, 15. Ähnlich Frank Tipler: »Die Zeit ist gekommen, die Theologie in der Physik

aufgehen, den Himmel ebenso wirklich werden zu lassen wie ein Elektron«. (Tipler, Physik,

19.) 4 Davies, Mind. Die Verbindung wird im englischen Original dadurch besonders deutlich,

dass Hawkings bekannter Buchschluss S.7 als einleitendes Motto zitiert wird.

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22 1. Die Herausforderung

giösen Termini beschrieben. Mit dem Kommen der modernen Wissenschaft

jedoch wurde die natürliche Welt viel besser verstanden, so dass wissenschaftliche

Erklärungen die religiösen Erklärungen zunehmend ersetzten. Natürlich

erregte sich die Kirche über solche Entwicklungen und tat ihr Bestes, das neue

Wissen zu ersticken, doch im Laufe der Zeit eroberte die neue Wissenschaft

das intellektuelle Leben der westlichen Welt und ließ den Theologen keine

andere Rolle übrig, als Rückzugsgefechte zu fechten, in denen sie gelegentlich

neuere Entwicklungen attackierten. 5

Persönlich erinnere ich mich noch sehr gut an meinen Geschichtslehrer, der

eine Spirale an die Tafel zeichnete und mit dem Fortschreiten der Spiralwindungen

den Fortschritt der Wissenschaft und die Verdrängung der religiösen

Naturerklärung demonstrierte. Klassisches Beispiel war ihm die naturwissenschaftliche

Erkenntnis, dass ein Blitz nicht Ergebnis göttlichen Zorns, sondern

Folge einer elektrischen Entladung ist. Naturwissenschaftlicher Sachverstand

ersetzt religiösen Aberglauben, das war und ist kurz gefasst die These der

Moderne. Personifiziert wird sie in den Fällen Galileis und Darwins, und

scheinbar ja auch zu recht: 1992 musste der Papst die Verurteilung Galileis

offiziell widerrufen, wie der Spiegel zu berichten wusste. 6 Mit der Evolutionstheorie

tut sich der Vatikan noch schwerer. Erst 1996 wurde sie dahingehend

anerkannt, dass es sich wohl doch um mehr als eine bloße Hypothese handeln

müsse. 7 Und musste nicht bereits Kolumbus gegen mittelalterliche Kirchenvertreter

kämpfen, die nicht glauben wollten, dass die Erde keine Scheibe ist? 8

Jedes Kind kann im Schulbuch lesen: »Im Mittelalter galt die Erde für die

meisten Menschen im Abendland als eine kreisrunde Scheibe ... Das Weltmeer,

so glaubte man, umgab alles Land wie eine unüberwindliche

Schranke«. 9

Man kann folgern, Freud habe vollkommen Recht, wenn er im Anschluss

an Feuerbach festhält, religiöse Lehren seien

5 Alexander, Matrix, 30

6 Spiegel 46/1992, 282.

7 Liegt die Betonung in Humani Generis darauf, es handele sich bei der Evolutionstheorie

um eine Hypothese, nicht um eine bewiesene Tatsache (Papst Pius XII., Humani Generis, 37),

besagt erst eine Stellungnahme Papst Johannes Pauls II. aus dem Jahre 1996, dass Evolution

wohl doch mehr als eine Hypothese sei: »Almost half a century after the publication of the

Encyclical, new knowledge leads us to the realization that evolution is more than a hypothesis«

– auch wenn man seines Erachtens von mehreren existierenden Evolutionstheorien auf verschiedenen

philosophischen Grundlagen sprechen sollte (Papst Johannes Paul II., Evolution,

150f). Die Position Benedikts XVI., die vielen als ein Rückschritt dahinter erscheint, ist vielleicht

etwas differenzierter als angenommen (vgl. Horn/Wiedenhofer, Schöpfung), obwohl der

Verweis auf ein kreationistisches Lehrbuch seitens dieses Papstes sicher keine glückliche Wahl

darstellt (Horn/Wiedenhofer, Schöpfung, 18).

8 Alexander, Matrix, 23.

9 Busley/Bahl, Spiegel, 164.

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sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten,

an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch

zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man

sie – mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede – den

Wahnideen vergleichen kann. 10

Die Lage scheint düster für eine im finsteren Mittelalter verhaftete Theologie.

Wie soll sie auf die provozierende These vom hoffnungslosen Rückzugsgefecht

der Religion und ihrer zunehmenden Ersetzung durch exakte Wissenschaft

antworten?

1.1 Entmythologisierung

Die Antwort Rudolf Bultmanns fiel eindeutig aus:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen

moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die

Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine

Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des

christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart

unverständlich und unmöglich macht. 11

»Soll also die Verkündigung des Neuen Testaments ihre Gültigkeit behalten,

so gibt es gar keinen anderen Weg, als sie zu entmythologisieren«, d.h. existential

zu interpretieren. 12

Es ist eine These dieser Arbeit, dass vor einem solchen Unternehmen allerdings

der Mythos der Moderne einer »Entmythologisierung« zu unterziehen

ist. Ist das Weltbild des Neuen Testaments auch ein mythisches, so ist sein

eigentlicher Sinn doch niemals gewesen, ein objektives Weltbild zu geben –

das weiß auch Bultmann, darauf basierend argumentiert er ja gerade. 13 Damit

stellt sich die Frage, ob das dreistöckige Weltbild, wie es Bultmann beschreibt,

jemals von einem ernst zu nehmenden Lehrer der Christenheit im objektiven

Sinne vertreten worden ist. 14

Kritische Geister mögen einwenden, dass doch erst durch Kolumbus’ Unternehmung

der Glauben an eine Scheibenerde überwunden worden sei. Tatsächlich

aber ist diese Behauptung eine verbreitete moderne Legende und stellt bei

Lichte betrachtet eine ziemlich späte Erfindung dar. In Wirklichkeit war die

Kugelgestalt der Erde zentraler Bestandteil der aristotelischen Lehranschauun-

10 Freud, Illusion, 111.

11 Bultmann, Mythologie, 16.

12 Ebd. 22.29.

13 Ebd. 22.

14 Vgl. J.B. Russell, Flat Earth, 44.

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1.1 Entmythologisierung 23

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24 1. Die Herausforderung

gen des Mittelalters 15 – eine Einsicht, die allerdings in Widerspruch zu der bis

heute weit verbreiteten Annahme eines ›finsteren Mittelalters‹ steht. 16 Doch

woher rührt dieser verbreitete neuzeitliche Fehlglaube? Wenn wir dieser Frage

nachgehen, kommen wir dem Mythos der Moderne auf die Spur.

Die Ansicht, im Mittelalter sei die Erde für eine Scheibe gehalten worden, 17

wird in den Vereinigten Staaten in den meisten Schulbüchern erst nach 1880

erwähnt. Dies kann ein Hinweis auf den Ursprung dieser Legende sein. Was

war geschehen? In das Jahr 1874 fällt die Veröffentlichung von John William

Drapers äußerst einflussreicher, vielfach übersetzter und hohe Auflagen erzielenden

History of the Conflict between Religion and Science. 18 Insbesondere

dieses Buch war es, das in gebildeten Kreisen den Eindruck fixierte, dass »Wissenschaft«

für Freiheit und Fortschritt gegen Aberglauben und Repression der

»Religion« stehe. 19 Der primäre Gegner war für Draper dabei insbesondere die

katholische Kirche in Gestalt von Pius IX. Wenn Draper vom Christentum

spricht »so ist im allgemeinen die römische Kirche darunter zu verstehen«. 20

Der Verfasser prognostiziert eine bevorstehende Krise aufgrund der »politischen

Suprematie«, welche das Papsttum seiner Zeit beanspruchte. Die kulturelle

Auseinandersetzung seiner Zeit wird zum Kampf zwischen dem Fortschritt

der Zivilisation und der machtbesessenen rückständigen Kirche stilisiert.

»So haben wir den Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, der nur

eine Fortsetzung des Streites ist, welcher anfing, sobald das Christenthum

zuerst zu politischer Macht gelangte«. 21 Es kann angesichts dieser Überzeugung

nicht verwundern, dass die Auseinandersetzung mit dem Credo des Ersten

Vatikanischen Konzils sogar Gliederungsmittel von Drapers Werk ist. 22

Die Veröffentlichung seiner deutschen Übersetzung fällt in die Zeit des Kulturkampfes,

die von Draper prognostizierte Krise nimmt also ihren Lauf. Der

deutsche Herausgeber merkt dazu an: »Dass seitdem die preussische Regierung

in voller Uebereinstimmung mit der grossen Mehrzahl des Volks auf

dem betretenen Wege ruhig aber rüstig fortgeschritten ist, wird dem deutschen

Leser nicht unbekannt sein«. 23

Draper nun behauptet im Rahmen seiner Abhandlung, dass die Kenntnis

von der Kugelgestalt der Erde durch die Schriften der »mohammedanischen

Astronomen und Philosophen« im westlichen Europa überall in Umlauf

15 Ebd. 2.

16 Ebd. 28.

17 Ebd. 29.90 Anm. 84.

18 Dt. Geschichte der Conflicte zwischen Religion und Wissenschaft (1875).

19 J.B. Russell, Flat Earth, 38.

20 Draper, Geschichte, x.

21 Ebd. v-vi.

22 Ebd. xii.

23 Ebd. xvi.

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gekommen war, »die Theologen aber, wie nicht anders zu erwarten, erklärten

sich missbilligend dagegen.« 24 So bezeichneten seiner Darstellung nach »die

spanischen Kleriker« Kolumbus’ Vorhaben als »ein irreligiöses, und das Concil

von Salamanca sprach den Bannfluch darüber aus«. 25

Bei Untersuchung der Quellenlage muss allerdings festgestellt werden, dass

die Konfrontation Kolumbus’ mit dem spanischen Klerus tatsächlich nur eine

dramaturgische Erfindung eines Romanautors ist. Washington Irvings History

of the Life and Voyages of Christopher Columbus, in der dieses »Konzil« (allerdings

auch nur in Form einer Beratung von Kolumbus’ Antrag im Dominikanerkloster)

erstmalig Erwähnung findet, stellt eine durchaus gelungene

Mischung von Fakt und Fiktion dar – die Konferenz von Salamanca gehört

dabei jedoch zu letzterem. Obwohl die Virtualität der doch so berühmten

Konferenzen in Salamanca in der neueren Geschichtsforschung längst bekannt

ist, 26 versichert noch eine 1984 in der DDR erschienene Neuauflage der deutschen

Übersetzung von Irvings Geschichte in einer Fußnote, Irving habe

»während seiner diplomatischen Tätigkeit in Spanien die Urkunden über die

Vorgänge an der Universität Salamanca gesichtet und urteilt aus einer gründlichen

Kenntnis der verfügbaren Quellen«. 27 Mit den Einsichten der neueren

Geschichtsforschung entfällt jedoch jede Quellengrundlage für die weit verbreitete

Anschauung, Kolumbus habe bei seinem Reisevorhaben vor allem

gegen die Kirche kämpfen müssen, weil diese angenommen habe, die Erde sei

eben flach und nicht zu umrunden. Für Draper aber war ja von den Theologen

»nichts anderes zu erwarten«, 28 und so machte ihn seine Ausgangsthese vom

grundsätzlichen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion blind für eine

genauere Untersuchung der historischen Wahrheit.

Während Drapers Werk sich im Geiste des Kulturkampfes insbesondere

gegen die katholische Kirche richtete, dehnte Andrew Dickson Whites History

of the Warfare of Science with Theology in Christendom 29 1896 den Kampf der

Aufklärung auf die ganze Christenheit aus. Historisch erklärt sich dies daher,

dass Whites Gegner bei der Errichtung der ersten amerikanischen nichtkonfessionellen

Universität (der Cornell-Universität) Protestanten waren. 30 Entsprechend

fällt Whites ›Würdigung‹ derselben in seiner Darstellung aus:

Luther, Melanchthon und Calvin beharrten streng bei dem genauen Schriftbuchstaben.

Selbst Zwingli […] blieb eng an die niedere Vorstellung gebunden und hielt sich an die

Meinung der Kirchenväter, dass ein großes Firmament oder Stockwerk Himmel und Erde

24 Ebd. 162.

25 Ebd. 163.

26 J.B. Russell, Flat Earth, 51 ff.

27 Irving, Columbus, 28.

28 Ebd. 162.

29 Dt. Geschichte der Fehde zwischen Wissenschaft und Theologie in der Christenheit (1911).

30 J.B. Russell, Flat Earth, 42.

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1.1 Entmythologisierung 25

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