eine Ikone des Gen-Zeitalters - Diskurs Festival

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eine Ikone des Gen-Zeitalters - Diskurs Festival

Aufgepumpt mit Hoffnung:

In England wurde das weltgrößte Gewächshaus eröffnet -

eine Ikone des Gen-Zeitalters

Hanno Rauterberg

in: Die Zeit Nr. 33 vom 22.03.2001 Seite 59

Manchmal kommt es vor, dass aus dem Weltraum ein Raum von Welt wird. Am

vorigen Wochenende zum Beispiel wurden in Cornwall, dem südwestlichsten Zipfel

der britischen Insel, acht riesige Gewächshäuser feierlich eröffnet, die man ähnlich

rund 30 Jahren zuvor schon einmal hatte bestaunen können.

Damals allerdings noch im All - und in Breitwandformat. Silent Running hieß der Film

und zeigte die Gattung Mensch, wie sie unter diese Megakapseln flüchtete, nachdem

ein Nuklearkrieg im Jahr 2008 die Erde unbewohnbar gemacht hatte.

Dem Cornwall des Jahres 2001 sind solche Schreckensvisionen fremd, die

futuristische Ästhetik der Großkuppeln aber heißt man herzlich willkommen.

Denn auch hier wird eine Art Überlebensstrategie erprobt, zusammen mit Avocados

und Bananen soll das Zukunftsbild einer Welt heranreifen, in der die Grenzen

zwischen Natur und Mensch verschwinden. Bereits der Name des Riesenparks ist

Programm: Eden Project.

Lange hatten Nicholas Grimshaw und seine Kollegen nach der richtigen

architektonischen Chiffre gesucht, nach einem Symbol, das sich einprägen und von

einem besseren Morgen künden würde. Erst versuchten sie es mit einer

schlangenförmigen Konstruktion, die sie bereits für ihren berühmten Anbau des

Waterloo-Bahnhofs verwendet hatten. Dann aber verfielen sie auf Silent Running,

wohl auch deshalb, weil der Ort, an dem die Gewächshäuser entstehen sollten,

damals noch aussah wie eine Mondlandschaft. Ein Tagebau hatte sich mitten in die

wogende Landschaft Cornwalls gefressen und einen 60 Meter tiefen Krater

hinterlassen. Die Natur war nur noch Ruine.

Natur ist nicht mehr natürlich, Technik nicht mehr technisch

Dort erheben sich nun die acht Blasenhäuser, die so groß sind, dass man 35

Fußballfelder mit ihnen überdecken könnte. Um selbst Urwaldriesen eine Unterkunft

zu bieten, treiben die Kuppeln in weite Höhen hinauf - und doch sieht man sie

zunächst gar nicht, so weit unten liegen sie im Kessel. Erst wenn man an


wuchernden Hecken vorbeigefahren ist und die Bergkuppe hinter sich hat, tauchen

sie plötzlich auf. Das Auge wandert über die fremdartigen Körper, ohne richtig zu

verstehen, wie groß diese eigentlich sind. Nur wer den Hang hinabgeht, begreift

allmählich, dass die Gewächshäuser, zur Kette gereiht, das Tal in s-förmigem

Schlenker durchziehen, die schrattigen Steilwände des einstigen Tagebaus teils

überfangend. Es ist eine weiche, anschmiegsame Architektur, die dem Boden halb zu

entwachsen scheint und doch kühl und technizistisch wirkt. Eine Stahlkonstruktion

zergliedert die Oberfläche in lauter Sechsecke, zwischen die mächtige Luftkissen aus

Plastikfolie eingespannt sind. Diese milchige Haut lässt mehr Sonne hindurch als

Glas, isoliert besser und ist leichter - sodass Grimshaw ein Gewächshaus von 110

Meter Breite und 50 Meter Höhe bauen konnte, ohne nur eine Stütze zu verwenden.

Ein gewaltiger Himmel öffnet sich jedem, der das Tropenreich betritt, denn die

Kuppeln überspannen nicht nur Palmen, Balsa- und Gummibäume, sondern auch

eine steil ansteigende Bergwelt, in der man umherwandern und schwitzend die

Serpentinen emporklettern kann, bis man schließlich über den Wipfeln steht, eine

erhabene Aussicht genießt und sich staunend über dieses Wunder einer

Wiederbelebung freuen kann. Mehr als eine Viertel Milliarde Mark hat diese

Landschaft in der Landschaft umgerechnet gekostet, mehr als 750 000 Besucher im

Jahr werden erwartet. Und man darf sicher sein: Sie kommen.

Schon vor der Eröffnung hatte es rund 500 000 Menschen ins entlegene Cornwall

gelockt, nur um die Baustelle zu besichtigen. Eine äußerst erstaunliche Begeisterung,

denn fantastische Palmenhäuser, großartige Glasarchitekturen und überbordende

Landschaftsparks gibt es schließlich viele in England. Außer durch seine Größe

unterscheidet sich das Eden Project von anderen Großgärten einzig durch seine

Ambivalenz, durch die Verknüpfung von Futurismus und Ursprünglichkeit, von

schroffen Klippen und satter Dschungelpracht. Und es ist wohl diese Harmonie in

Disharmonie, die das neue Paradies so populär macht.

Wer heute den Krater von Cornwall hinabsteigt, der findet sich wieder in einer

Zwitterwelt, in der die Technik nicht mehr nur technisch und die Natur nicht mehr

natürlich ist - so als sei hier der erste Garten des Genzeitalters entstanden. So wie

der klassische englische Garten des 18. Jahrhunderts versuchte, die gegebene und

die menschengemachte Landschaft in lieblicher Eintracht zu verbinden, so glaubt

auch das neue Paradies zu Cornwall an die Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Doch

werden hier die Gegensätze nicht besänftigt, sondern verbünden sich in offenem

Kontrast.

Diese eigentümliche Zusammenkunft beginnt bereits im Eingangsgebäude, das sich

bananenförmig an den oberen Rand des Kraterhanges schmiegt. Während das Dach

metallisch blinkt und an einen Flugzeugflügel erinnert, wurde die Mauer darunter aus

einem rötlichen Lehm gestampft, der ganz in der Nähe gefunden worden war: Die

High-Tech-Architektur und ihre virtuose Maschinenästhetik, die Grimshaw ebenso

wie seine Kollegen Foster oder Rogers zu ihrem Markenzeichen gemacht haben,


asiert hier also im wörtlichen Sinne auf einer Low-Tech-Bauweise - ohne dass man

dies als skurrilen Widerspruch empfinden würde.

Ganz selbstverständlich scheint es in diesem Garten Eden zu sein, dass die

Landschaft bei aller Üppigkeit nicht schön, nicht geglättet ist. Bewusst wird auf alle

Kulissen verzichtet. Vor den elegant geschwungenen Gewächshäusern etwa stehen

monströse Heizaggregate herum, hässlich wie Stromkästen. Und auch im Inneren

der Kapseln wird die Technik nicht kaschiert, hier ragen Belüftungsstutzen wie

überdimensionale Auspuffrohre in die tropische Pflanzenwelt hinein. Selbst der

Wasserfall prasselt nicht von einem Felsen herab, sondern rauscht von einer

stählernen Rutsche herunter.

Zwitterwesen einer genialischen Ingenieurkunst

Merkwürdig hybrid wirkt auch der lang gestreckte Verbindungsbau, der sich zwischen

die Treibhauskuppeln legt und die tropische und die mediterrane Klimazone

verbindet. Mit einem Grasdach ist dieses niedrige Gebäude überfangen, und

zumindest auf den ersten Blick will das satte Grün dieser Wiese nicht zum bläulichen

Grau der Gewächshausfolien passen: Ökologie und Plastikkult prallen aufeinander.

Und doch gelingt es dem organoiden Bauensemble auf eigentümliche Weise, die

beiden Prinzipien miteinander zu vereinbaren - so als gebe es gar keinen

Widerspruch. Vielleicht liegt es daran, dass die Riesenkuppeln ja ebenfalls vom

Wechselspiel aus Natur und Technik leben. Sie sehen aus wie Pollen, die man ins

Unendliche vergrößert hat, und sind zugleich Meisterwerke einer genialischen

Ingenieurkunst.

Makro- und Mikrowelt geraten in diesen Bauten durcheinander, was eigentlich klein

ist, wird groß, und was groß ist, findet sich wieder im Kleinen. Selbst die Schrauben

und Bolzen sind mit so viel Aufwand gestaltet, dass sie aussehen wie die

Samenkapseln und Dolden auf Fotografien von Karl Bloßfeldt.

Die Kuppelbauten glichen lebenden Organismen, sagt Grimshaw.

Er sieht in ihnen selbstständige Wesen, die ihrer eigenen Logik folgten. Damit verklärt

er die Gestaltungsgeschichte seiner Gewächshäuser zu einem evolutionären, quasi

natürlichen Akt, so als sei der Entwurf unausweichlich und jede Alternative von

vornherein ausgeschlossen gewesen. Das mag man als Architektenpoesie abtun.

Doch würde man damit verkennen, dass es dem gesamten Eden Project um

ebendiese Verklärung geht, um die Beschwörung des Unausweichlichen. Die

Zwitterwesen werden hier zum alternativlosen Ideal erkoren. Nicht nur das

Technische wird naturalisiert, auch das Natürliche wird menschlich.

Allein exotische Büsche, Bäume und Blumenrabatten zu zeigen, das hält Tim Smit,

der große Impresario und Spiritus Rector des neuen Paradieses, denn auch für

langweilig. Stattdessen möchte er ein "großes Theater der Pflanzen" aufführen, die

Natur soll zu uns sprechen. Wie kleiden uns die Pflanzen, wie ernähren sie uns, wie


helfen sie uns bei Krankheiten, wie inspirieren sie die Künstler? Das sind die Fragen,

die Smits Garten Eden stellen und beantworten will, um unser aller Abhängigkeit von

der Natur aufzuzeigen. Doch nicht den Respekt vor der Schöpfung will Smit schulen,

seine Sicht auf die Pflanzenwelt ist vor allem vom Zwecke diktiert. "Pflanzen

schenken uns die Hoffnung auf ausreichende Ernährung, auf saubere Technik und

eine verbesserte Gesundheit", schreibt er im Eden-Touristenführer. Die Natur als

Natur hingegen findet kein Interesse - erst wenn sie für den Menschen wichtig wird,

beginnt sie zu sein.

Wohl auch deshalb wurden für das Gartenprojekt zahlreiche Künstler gewonnen, die

mit Skulpturen und Bildern, mit Anspielungen auf die Antike oder mit mythischen

"Tunneln des Versprechens" versuchen sollen, die Botschaften der Schöpfung lesbar

und für uns brauchbar zu machen. Wo in den klassischen Gärten die Natur immer

das große, unerreichbare Vorbild der Künste war, wird hier die Kunst zum

Dolmetscher der Natur.

Der Homo sapiens steht also im Mittelpunkt - und die Umwelt folglich am Rande, trotz

aller Nachhaltigkeitsrhetorik. Dreizehn Millionen Liter Trinkwasser wird man jährlich

verbrauchen - der Strom für die Energie fressenden Treibhäuser kommt weder aus

Windkraft- noch aus Solaranlagen, einen regelmäßigen Buspendelverkehr zu den

Bahnhöfen und Ortschaften der Umgebung gibt es nicht. Und auf den Toiletten

hängen elektrische Händetrockner der Marke Worlddryer, versehen mit dem Hinweis:

"Diese Geräte verhindern, dass Bäume zu Papierhandtüchern werden."

Muss man sich über so viel Naivität und Ignoranz wundern? Eher kann man sie als

Hinweis verstehen, dass es Smit und seinen Kollegen weder um den Schutz des

Bestehenden noch um die Rückkehr zu etwas Ursprünglichem geht.

Stattdessen pumpen sie ihre Gewächshausblasen voll mit Optimismus, verkünden

eine unbeschwerte Zukunft und erneuern den Glauben an das Machbare. Das

Paradies ist kein göttliches Geschenk, so erzählt es uns der neue Garten Eden, es ist

das Ergebnis menschlicher Arbeit und technischer Finesse. Das Paradies ist nicht Ort

der Unschuld, sondern Ort der Macht, nicht zur Umkehr werden wir aufgerufen,

sondern zum Weiter-so! Das gentechnische Zeitalter lockt, und es wird Cornwall, eine

der ärmsten Regionen Europas, zum "Seattle des 21. Jahrhunderts verwandeln" -

das ist die eigentliche Mission des Tim Smit.

Als Ikone dieser Verheißung eignet sich Grimshaws biomorphe Architektur bestens.

Sie ist ebenfalls tief geprägt von der Vorstellung, man müsse die Welt erst

beherrschen, um sie retten zu können. Überdeutlich bedienen sich die Kuppelbauten

bei den utopischen Entwürfen, die vor drei, vier Jahrzehnten von Buckminster Fuller

und Archigram entwickelt worden waren. Damals hatte man noch nicht die Technik,

um die Maschinenträume einer aufblasbaren, alles überspannenden Architektur auch

zu bauen. Damals gab es diese Raumwelten nur in Weltraumfilmen. Erst jetzt wird

diese Zukunft von gestern gegenwärtig.

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