Voll im Wind - Bürstner
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REPORT | <strong>Bürstner</strong> <strong>im</strong> <strong>Wind</strong>kanal<br />
Heck-Meck: seitlich eine Abrisskante,<br />
drunter eine Wanne – Heck des Aero-Van.<br />
Föhn-Frisur: Bei Tempo 60 brist es schon heftig. Perfekt:<br />
Luftströmung über der Dachnase des Teilintegrierten.<br />
Probe-Fahrt: Das Hymer IDC überprüft nacheinander<br />
unterschiedliche Formen des Frontspoilers.<br />
Anstoß erregt: Der cw-Wert von 0,25 entspricht dem der weltbesten Autos, übertrifft die Erwartungen – Grund genug für einen Abschluss-Schluck.<br />
ben Zent<strong>im</strong>eter weniger Höhe<br />
stehen dem Reisemobil gut und<br />
senken den Verbrauch.<br />
Der cw-Wert ist nur die halbe<br />
Wahrheit, Reisemobile stemmen<br />
breitschultrige Aufbauten<br />
gegen den <strong>Wind</strong>. Erst bei der<br />
Multiplikation von cw-Wert<br />
und Querschnittsfläche (Fachbezeichnung<br />
„A“) wird ein<br />
Schuh draus. Deshalb heißt das<br />
Ziel an diesem Tag, zugunsten<br />
des Spritverbrauchs einen Luft-<br />
widerstand von cw x A von 1,4<br />
zu erreichen. Damit würde der<br />
Aero-Van etwa 30 Prozent<br />
günstiger durch den <strong>Wind</strong> huschen<br />
als übliche Teilintegrierte.<br />
Die zwei, drei Liter Minderverbrauch,<br />
sie sind drin.<br />
Tomforde ist wichtig, dass<br />
trotzdem keine Wohnqualität<br />
verloren geht. Mit Innenmaßen<br />
von 2,18 Meter Breite und 1,95<br />
Meter Höhe sowie steil aufragenden<br />
Seitenwänden erreicht<br />
der Aero-Van <strong>Voll</strong>format.<br />
Tags zuvor hat man <strong>im</strong><br />
<strong>Wind</strong>kanal mit dem Feinschliff<br />
begonnen. Per Laser haben<br />
Mercedes-Fachleute zunächst<br />
die Stirnfläche vermessen, exakt<br />
5,6789 Quadratmeter. Der<br />
cw-Wert der ersten Messung<br />
beträgt 0,2841. Macht einen<br />
Luftwiderstandswert von 1,6.<br />
Gut, doch nicht gut genug.<br />
Von Hause aus bringt der<br />
Aero-Van gute Voraussetzungen<br />
für pr<strong>im</strong>a Werte mit, die<br />
ersten 90 Prozent der günstigen<br />
Aerodynamik. Auch fängt man<br />
nicht bei null an, dem Test<br />
gingen Berechnungen am Computer<br />
voraus.<br />
Die Dachmütze über der<br />
Frontscheibe erzeugt ein Luftpolster,<br />
über das der Fahrtwind<br />
sanft hinwegstreicht. Der schnittigen<br />
Haube über dem Fahrerhaus<br />
sieht man <strong>Wind</strong>schlüpfigkeit<br />
an. Hinten wird der Fahrtwind<br />
von Dachkanten bis zur<br />
ausgeprägten Abrisskante geführt.<br />
Das Heck ist seitlich<br />
■ DER DREH MIT DER DEICHSEL<br />
Der Aero-Van gilt für <strong>Bürstner</strong> als<br />
Technologieträger, man kann’s<br />
wörtlich nehmen. So hat sich das<br />
Hymer IDC als Basis der Garage<br />
etwas einfallen lassen: Anstelle<br />
gabelförmiger Längsträger bildet<br />
eine umgedrehte Anhängerdeichsel<br />
die Rahmenverlängerung. Das hat<br />
einen doppelten Reiz: Links und<br />
eingezogen und mündet in<br />
scharfen Kanten. Seitenschürzen<br />
und eine Wanne unter dem<br />
Heck unterstützen die Stromform.<br />
Die Wände sind glatt wie<br />
ein Babypopo, keine Klappe,<br />
keine Fuge stört.<br />
Mit Tempo 130 bläst der Sturm<br />
<strong>im</strong> <strong>Wind</strong>kanal aus einer Öffnung<br />
mit 8,5 Meter Durchmesser,<br />
für einen schnittigen Teilintegrierten<br />
eine angemessene<br />
Geschwindigkeit. Zwischendrin<br />
zieht sich der Designer eine Jacke<br />
an, greift zur Rauchsonde,<br />
hält sie ans Reisemobil. Der<br />
Rauch würde <strong>im</strong> <strong>Wind</strong> an neuralgischen<br />
Punkten störende<br />
Verwirbelungen zeigen. Die<br />
Messingenieure nehmen die<br />
<strong>Wind</strong>geschwindigkeit auf 60<br />
km/h zurück. Auch das reicht<br />
für eine verwuschelte Föhnfrisur,<br />
ist nichts für Brillenträger.<br />
Wie opt<strong>im</strong>iert man ein Reisemobil<br />
auf der Jagd nach cw-<br />
Rekorden? Zuerst weicht der<br />
Heckspoiler, er erhöht den<br />
Querschnitt. Der Boden erhält<br />
eine Abdeckung, der Stoßfänger<br />
einen Spoiler. In mehreren<br />
Versuchen findet man die beste<br />
Bugform, sie lenkt den Fahrtwind<br />
um die Radaufhängung.<br />
Abdeckungen auf den Türen<br />
dagegen stellen sich als nutzlos<br />
heraus, weg damit. Die Schirmmütze<br />
unter der Frontscheibe<br />
erhält einen Kragen, die seitliche<br />
Anformung wird mittels<br />
Klebeband opt<strong>im</strong>iert.<br />
Die Fachleute überprüfen<br />
verschiedene Dachhauben, mal<br />
mit und mal ohne Spoiler davor<br />
und dahinter, auch kombiniert.<br />
Try and error heißt das Motto,<br />
Versuch und Irrtum führen zum<br />
Ziel. Das haben in diesem <strong>Wind</strong>kanal<br />
schon Bobfahrer und Skirennläufer<br />
erfahren, ebenso ungezählte<br />
Autoentwickler.<br />
www.promobil.de<br />
rechts der spitz zulaufenden Träger<br />
lassen sich in Wannen Fahrräder<br />
einstellen, das soll rund zwölf<br />
Zent<strong>im</strong>eter Höhe sparen. Gleichzeitig<br />
will man dank der Konstruktion<br />
auf gewichtige Zusatzkomponenten<br />
für eine optionale Anhängekupplung<br />
verzichten. Die findige<br />
Idee ist zum Patent angemeldet.<br />
Die Experten haben das Reisemobil<br />
zuvor aufs zulässige<br />
Gesamtgewicht beladen. Und<br />
dann mit unterschiedlicher Stellung<br />
der Federn den Anströmwinkel<br />
verändert. „Das hat<br />
was gebracht“, so Johann Tomforde.<br />
Der passende Winkel<br />
bleibt Betriebsgehe<strong>im</strong>nis. <strong>Bürstner</strong><br />
wird ihn be<strong>im</strong> Serienmodell<br />
dank Luftfeder an der Hinterachse<br />
einstellen.<br />
Nach An- und Umbau verzieht<br />
sich das Team in den Kontrollraum.<br />
Dort überwachen<br />
Mercedes-Spezialisten den Ablauf,<br />
werfen für jede Messung<br />
die zwei Motoren des <strong>Wind</strong>kanals<br />
an. Sie entfachen zusammen<br />
mit 6800 PS den <strong>Wind</strong>. Sekunden<br />
später purzeln Zahlenkolonnen<br />
über einen Bildschirm.<br />
Man n<strong>im</strong>mt’s sehr genau, auch<br />
wenn Angaben von Zehntausendsteln<br />
be<strong>im</strong> cw-Wert <strong>im</strong> Toleranzbereich<br />
liegen.<br />
Nach 40 Messungen in zwei Tagen<br />
zieht ein breites Lächeln<br />
über Tomfordes Gesicht: Der<br />
cw-Wert erreicht eine Angabe<br />
knapp unter 0,25. Damit ist das<br />
Reisemobil auf dem Niveau der<br />
weltbesten Serienautos angelangt.<br />
Macht multipliziert mit<br />
der Querschnittsfläche einen<br />
Luftwiderstandswert von etwas<br />
weniger als 1,4 – geschafft.<br />
„Wir haben mehr erreicht<br />
als erwartet“, freut sich der Designer.<br />
Künftige Besitzer des<br />
<strong>Bürstner</strong> Aero-Van werden das<br />
Ergebnis bei jedem Tankstopp<br />
nachmessen können. Im <strong>Wind</strong>kanal<br />
stößt man auf das Top-<br />
Ergebnis an. Dank der hermetisch<br />
abgeriegelten Halle 125/1<br />
auf dem Mercedes-Werksgelände<br />
sieht’s ja keiner.<br />
Text: Randolf Unruh<br />
Fotos: Werk<br />
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