KINDELSBERG- TURM - Ferndorf

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KINDELSBERG- TURM - Ferndorf

Festschrift des SGV-Bezirk Siegerland

100 Jahre

KINDELSBERG-

TURM


Ein herzliches Dankschön

allen Helfern und Sponsoren,

die zum Gelingen der Festschrift

und der Jahrhundertfeier beitragen !

SGV-Bezirk Siegerland


100 Jahre Kindelsbergturm

100 Jahre

Kindelsbergturm

Festschrift zum Jubiläum

am 17. Mai 2007

Christi Himmelfahrt

herausgegeben vom SGV-Bezirk Siegerland

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INHALTSVERZEICHNIS

Grußworte

„Das Fräulein vom Kindelsberg“ Seite 8

von Jung-Stilling gebildete oder überlieferte Sage

Wie der Kindelsberg in das Wappen Seite 9

der Krombacher Brauerei kam

Franz-J. Weihrauch

Der Kindelsberg Seite 14

aus der Märchen- und Sagenwelt der Gebrüder Grimm

Die Ersterwähnung des Namens Kindelsberg in spätmittel- Seite 15

alterlichen Aufzeichnungen der Kölner Erzbischöfe

Dieter Tröps

Der Kindelsberg - Bergmassiv und Wallburg Seite 18

Erhard Krämer

100 Jahre Aussichtsturm auf dem Kindelsberg Seite 33

Dietmar Stahlschmidt

Kaiserlinde erhielt Windeln Seite 66

Alfred Becker und Martin Sorg

Qualitätswanderweg „Kindelsbergpfad“ Seite 72

Rudolf Schmidt und Katrin Stein

Lehrpfad „Waldschäden“ Seite 76

Werner Schäfer

Panoramatafeln auf dem Turm Seite 78

SGV-Bezirk Siegerland

Impressum:

© Copyright 2006

Das Copyright der Beiträge liegt bei den Autoren.

Herausgeber: SGV-Bezirk Siegerland

Satz und Layout: Katrin Stein, Kreuztal-Ferndorf

Titelbild: Reinhard Becker, Kreuztal-Ferndorf

Druck: Vorländer GmbH & Co. KG, Siegen

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Sehr geehrte Damen und Herren,

am 29. Oktober 1904 tagte in einer Gaststätte

in ‚Creuzthal‘ ein ganz besonderer Ausschuss.

Die Männer, die sich dort versammelten, hatten

den Plan, auf einer der höchsten Erhebungen des

Rothaargebirges einen Turm zu errichten. Am

Himmelfahrtstag des Jahres 1907 war es dann

so weit. Die weithin über die Höhen des Siegerund

Sauerlandes sichtbare Landmarke konnte

eingeweiht werden.

Seitdem hat ein stetiger Strom von Wanderern und Ausfl üglern den

Aussichtsturm auf dem Kindelsberg besucht. Von der Besucherplattform

kann der Blick weit über die Heimat hinaus in alle Himmelsrichtungen

schweifen. Im Westen erkennt man an klaren Tagen sogar die ferne Kette

des Siebengebirges.

Die Krombacher Brauerei, zu Füßen des Kindelsbergs, hat eine enge

Verbindung zum Kindelsbergturm. Bereits kurz nach der Erbauung wurde

der Turm zum Wahrzeichen der Brauerei. Bis auf den heutigen Tag ist

er im Wappen des Krombacher Marken-Logos präsent. Auch haben sich

ungezählte Wanderer in der Gaststätte am Kindelsbergturm an einem

frisch gezapften Krombacher Pils erfreut. Gerne habe ich daher dem

Wunsch des SGV entsprochen, mich als Schirmherr der Jubiläums-Feierlichkeiten

zur Verfügung zu stellen.

100 Jahre Kindelsbergturm - das ist wahrlich ein Grund zum Feiern, denn

soviel Kontinuität und Beständigkeit sind in der heutigen Zeit nicht mehr

selbstverständlich. Im meiner Funktion als Schirmherr spreche ich dem

SGV daher meinen herzlichen Glückwunsch aus, zugleich verbunden mit

den besten Wünschen für die Zukunft.

Zur Eröffnung 1907 gab es ein großes Volksfest - und das wird diesmal

nicht anders sein. Den rührigen und engagierten ehrenamtlichen Helferinnen

und Helfern des SGV wünsche ich viel Erfolg und Tatkraft bei

der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung am Fuße des

Kindelsbergturms.

Friedrich Schadeberg

Schirmherr

100 Jahre Kindelsbergturm

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Grußwort

zum 100-jährigen Bestehen

des Kindelsbergturms

Liebe Wanderfreundinnen,

liebe Wanderfreunde!

Der Kindelsbergturm in der SGV-Region Siegerland/Wittgenstein blickt im

Mai 2007 auf seine nunmehr 100-jährige Geschichte zurück. Zu diesem

Jubiläum darf ich der gesamten Region im Namen unseres Hauptvereins und

auch ganz persönlich die herzlichsten Glückwünsche übermitteln.

Wer hätte bei der Grundsteinlegung am Himmelfahrtstag 1906 erahnen können,

welche Bedeutung der Kindelsbergturm über die Zeit hinweg für den SGV und

die gesamte Region haben wird. Eingeweiht wurde der Turm in einer offi ziellen

Feierstunde am 26.05.1907. Seit nunmehr 100 Jahren können Wanderer

und Gäste vom Kindelsbergturm aus die herrliche Aussicht über einen besonders

schönen Teil unserer Heimat genießen. Alle Wirren der Zeit und damals

kaum vorstellbare politische Veränderungen hat der Turm überdauert.

Aber nicht nur die Zeiten haben sich geändert. Auch an diesem mit einer

Höhe von 22 m weithin sichtbaren Turm auf dem Kindelsberg mussten im

Laufe der Jahre einige Veränderungen vorgenommen werden. Nicht nur witterungsbedingt

wurden einige Renovierungs- und Umbaumaßnahmen erforderlich.

Stets gab es ein vielfältiges Aufgabenbündel, dem sich heute wie damals

SGVer freudig und aus Liebe zum historischen Kindelsbergturm widmen.

Auch künftig wird es, dessen sind wir gewiss, immer wieder Menschen geben,

die sich mit der Natur verbunden fühlen und in Besinnung auf die Heimat

sowie auf die geschichtliche und kulturelle Entwicklung dieses Turms Verantwortung

für sein weiteres Fortbestehen übernehmen.

Das Jubiläum wird im Mai 2007 gefeiert. Auch an diesem Festtage wandern wir

nach kurzer Rückbesinnung frohen Mutes und voller Zuversicht als fröhliche

SGVer in die Zukunft hinein. Dazu rufen wir Ihnen, den Wanderfreundinnen

und Wanderfreunden der SGV-Region Siegerland/Wittgenstein von Herzen

unseren Wandergruß zu:

„Frisch auf !“

Hermann-Josef Goebel Hugo Hafer

Vizepräsident Stellv. Vors. Bezirk Siegerland e.V.


Der Aussichtsturm auf dem Kindelsberg blickt auf

100 Jahre zurück - zu diesem ebenso bedeutenden

wie historischen Jubiläum gratuliere ich, auch im

Namen von Rat und Verwaltung der Stadt Kreuztal,

recht herzlich.

Der Kindelsberg mit Aussichtsturm - das Wahrzeichen der Stadt Kreuztal, welches

in der Namensgebung der Stadt im Jahre 1969 mit „Kreuztal - junge

Stadt am Kindelsberg“ entsprechende Würdigung fand, ist jedoch viel mehr

als „nur“ das Wahrzeichen und ein besonderes Attraktivitätsmerkmal von

Kreuztal. Denn der Kindelsberg ist weit über die Grenzen von Kreuztal und

dem Siegerland hinaus bekannt. Das Stadtgebiet wird landschaftlich durch

das Kindelsbergmassiv mit seinen drei Erhebungen „Hoher Wald“, „Martinshardt“

und „Kindelsberg“ geformt. Dies wäre an sich nichts Besonderes, wenn

vor nunmehr 100 Jahren nicht der 22 m hohe und damit von weitem sichtbare

Aussichtsturm des Sauerländischen Gebirgsvereins gebaut worden wäre.

Den „Männern der ersten Stunde“ aus den SGV-Abteilungen Siegen, Geisweid,

Krombach und Hilchenbach, die von 1905 bis 1907 in mühevoller und

kräftezehrender Arbeit dieses Bauwerk auf dem Kindelsberg errichtet haben,

gebührt daher bis heute unser aller Dank und Anerkennung. Denn dieser

Turm, und später ergänzend dazu die bewirtschaftete Raststätte im rustikalen

Blockhausstil, ist ein zu jeder Jahreszeit beliebtes Wander- und Ausfl ugsziel.

Darüber hinaus ist es ein historisches, lebendiges, von Tradition und dem Sinn

für ein großes Gemeinschaftsgefühl geprägtes Stück Siegerländer Geschichte,

noch dazu von Sagen und Legenden umwoben. Dies lässt sich auf eindrucksvolle

und anschauliche Art und Weise der Chronik entnehmen, die zum

75-jährigen Bestehen des Kindelsbergturmes herausgegeben worden ist.

Nach nunmehr weiteren 25 Jahren ist erneut eine Festschrift zum 100-jährigen

Jubiläum erstellt worden, so dass wir uns über die Fortsetzung dieser spannenden

und interessanten Zeitreise durch ein ganzes Jahrhundert freuen können.

Ich danke dem SGV-Bezirk Siegerland für seinen Einsatz rund um den Erhalt

dieses Kreuztaler Wahrzeichens und wünsche Ihnen für die Ausrichtung der

Jubiläumsfeierlichkeiten viel Erfolg!

Rudolf Biermann

Bürgermeister

Grußwort

100 Jahre Kindelsbergturm

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Liebe Leserin, lieber Leser,

vor einhundert Jahren wurde von den SGV Abteilungen Krombach, Siegen,

Geisweid und Hilchenbach gemeinsam ein Turm errichtet, der dem nördlichen

Siegerland ein besonderes Gepräge geben sollte:

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Der Kindelsberg-Turm.

Heute ist der Turm weit über die Grenzen des Siegerlandes hinaus bekannt

- als Wahrzeichen der Nachbarstadt Kreuztal und als beliebtes Ausfl ugsziel.

Letzteres verdankt der Kindelsbergturm auch der Tatsache, dass viele Wanderstrecken

den Kindelsberg berühren.

Obwohl der „Turm“ nicht auf Hilchenbacher Gebiet steht, wurde die Einweihung

in der Chronik des SGV Hilchenbach doch besonders erwähnt. Dies

untermauert, dass der Turm auch für Hilchenbach eine große Bedeutung hat;

ist er doch Ziel ungezählter Ausfl üge der Hilchenbacher Bevölkerung.

In der Hoffnung, dass dies so bleiben möge, schließe ich mit dem Wunsch,

dass der Kindelsberg-Turm noch viele Jahre dem Siegerland erhalten bleibt.

Hans-Peter Hasenstab

Bürgermeister der Stadt Hilchenbach


Liebe Leserin, liebe Leser,

vor 100 Jahren wurde vom Sauerländer Gebirgsverein

der am 618 m hohen Kindelsberg gelegene

Aussichtsturm errichtet. Seitdem haben viele tausend

Menschen auf dem 22 m hohen Turm die

wundervolle Aussicht über Kreuztal und darüber

hinaus genossen. Die Begründer des Kindelsbergturms

hatten schon damals verstanden, worum es

bei der lokalen Werbung unter anderem geht:

Unsere Region muss mit unverkennbaren Merkmalen

in Verbindung gebracht werden. Dieses Ziel

wurde in der Vergangenheit auch von der Stadt Kreuztal, dem Kreis Siegen-

Wittgenstein und der Stadt Siegen unterstützt. Heute ist der Turm untrennbar

mit der Region verbunden.

Im Laufe der Geschichte sind am Turm, der heute unter Denkmalschutz

steht, einige bauliche Veränderungen vorgenommen worden. So wurde beispielsweise

in den 1980er Jahren die offene Aussichtsplattform auf der Spitze

durch einen kleinen, geschlossenen Rundgang ersetzt. Bei optimalen Wetterbedingungen

ist es möglich, von dort aus das Siebengebirge bei Bonn zu

sehen. All dies wäre ohne den engagierten Einsatz des SGV, der sich auch um

die Pfl ege und Instandhaltung des Turms kümmert, nicht möglich gewesen.

Ich danke dem SGV für dieses Engagement und hoffe, dass er sich auch in

der Zukunft für die Erhaltung des Kindelsbergturms einsetzen wird.

Der Turm ist nicht nur regionales Wahrzeichen, sondern auch Bestandteil

mancher Sage. Außerdem sind hier Zeugen des Bergbaus in Siegen-Wittgenstein

zu fi nden. Einer Sage nach soll an der Stelle, wo der Turm steht, einstmals

eine Ritterburg - die Kindelsburg - gestanden haben. Auf dem Berg selbst sind

heute allerdings nur noch letzte Spuren einer Wallanlage zu fi nden. Zudem gab

es zwischen dem Kindelsberg und dem benachbarten Hohen Wald früher eine

mittelalterliche Siedlung, die „Bergbauwüstung Altenberg“, wie Ausgrabungen

aus den 70er und 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts belegen.

Ich wünsche dem SGV, allen Förderern und Gästen schöne Festtage sowie den

Leserinnen und Lesern der Festschrift viele neue Einblicke in die Geschichte

eines der bedeutendsten Wahrzeichen der Region, des Kindelsbergturms.

Paul Breuer

Landrat

100 Jahre Kindelsbergturm

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„Das Fräulein vom Kindelsberg“

Zu Kindelsberg auf dem hohen Schloß

steht eine alte Linde.

Von vielen Ästen kraus und groß,

sie saust am kühl‘gen Winde.

Da steht ein Stein, ist breit, ist groß,

gar nah an dieser Linde,

ist grau und rauh von altem Moos,

steht fest im kühl‘gen Winde.

Da schläft eine Jungfrau den traurigen Schlaf,

die treu war ihrem Ritter,

das war von der Mark ein edler Graf,

ihr wurde das Leben bitter.

Er war mit dem Bruder ins weite Land

zur Ritterfehde gegangen,

er gab der Jungfrau die eiserne Hand,

sie weinte mit Verlangen.

Die Zeit, die war nun lang vorbei,

der Graf kam immer nicht wieder,

mit Sorg‘ und Tränen mancherlei

saß sie bei der Linde nieder.

Da kam der junge Rittersmann

auf seinem schwarzen Pferde,

der sprach die Jungfrau freundlich an,

ihr Herze er stolz begehrte.

Die Jungfrau sprach: Du kannst mich nie

zu deinem Weiblein haben,

wenn‘s dürr ist, das grüne Lindlein hie,

dann will ich dein Herze laben.

Die Linde war noch jung und schlank,

der Ritter sucht‘ im Lande

ein‘ dürre Lind‘ so groß, so lang,

bis er sie endlich fande.

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Er ging wohl in dem Mondenschein,

grub aus die grüne Linde.

Und setzt die dürre dahinein,

belegt‘s mit Rasen geschwinde.

Die Jungfrau stand des Morgens auf,

am Fenster war‘s so lichte.

Des Lindleins Schatten spielt‘ nicht drauf,

schwarz ward‘s ihr vor dem Gesichte.

Die Jungfrau lief zur Linde hin,

setzt‘ sich mit Weinen nieder,

der Ritter kam mit stolzem Sinn,

begehrt ihr Herze wieder.

Die Jungfrau sprach in großer Not:

Ich kann dich nimmer lieben !

Der stolze Ritter stach sie tot,

das tät den Graf betrüben.

Der Graf kam noch denselben Tag,

er sah mit traurigem Mute,

wie da bei dürrer Linde lag

die Jungfrau in rotem Blute.

Er machte da ein tiefes Grab,

der Braut zum Ruhebette,

und sucht‘ eine Linde bergauf und -ab,

die setzt‘ er an die Stätte.

Und einen großen Stein dazu,

der stehet noch im Winde,

da schläft die Jungfrau in guter Ruh,

im Schatten der grünen Linde.

von Johann Heinrich Jung (1740-1817)

- genannt Jung-Stilling -

überlieferte oder gebildete Sage


Wie der Kindelsbergturm in das

Wappen der Krombacher

Brauerei kam

von Franz-J. Weihrauch

Im Zuge der Industriellen Revolution

stieg der Durst der Arbeiterklassen

im Siegerland; nicht umsonst gab es

um 1830 über 50 Brauereien im heu-

tigen Kreisgebiet. Die Krombacher

Brauerei wird erstmalig 1803 urkundlich

erwähnt, ihre Ursprünge reichen

wahrscheinlich jedoch viel weiter

zurück. Schnell entwickelte sich die

ehemalige Hausbrauerei am Standort in

‚Crombach‘ zu einer der größten Brauereien

im Siegerland. Und sie war zu

Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine

der modernsten Brauereien der Region,

ausgestattet mit Dampfmaschinen zur

Energiegewinnung und modernen Sud-

und Gäranlagen. Der Jahresausstoß

betrug in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

ca. 35.000 Hektoliter.

Um 1900 fand dabei eine

charakteristische Entwicklung

statt, die auf die Vermarktung

des Bieres große Auswirkungen

haben sollte. Im Übergang

von der Subsistenzwirtschaft

zur Konsumgüterwarenproduktion,

die auf massenhafte

Kaufkraft berechnet war, standen

nämlich die Verbraucher

einer ständig steigenden Zahl

von Waren und Produkten

Anzeige der Hasbrauerei in der

Siegener Zeitung im April 1901.

100 Jahre Kindelsbergturm

gegenüber. Um eine bessere Wiedererkennung

und stärkere Bindung des

Verbrauchers an das jeweilige Produkt

zu schaffen, gingen die Warenproduzenten

im Umkehrschluss dazu über,

ihre Waren als ‚Marke‘ zu kennzeichnen

und auszuloben. Die Brauwirtschaft

im damaligen Deutschen Reich

und auch im Siegerland machte hier

keine Ausnahme.

Seit ca. 1890 gibt es das „hochfeine

Krombacher Pilsener“, das in vielen

Anzeigen ausgelobt wird, so z.B. in

der Siegener Zeitung. Ein Briefbogen

aus dem Jahre 1905 zeigt eine Fabrikansicht.

Ein Markenzeichen, oder, wie

wir heute sagen würden, ein Marken-

Logo, fehlt jedoch.

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„Neue Untersuchung des Crombacher

Pilsener Bieres im Januar 1908. Hasbrauerei

Aktiengesellschaft Crombach

i. Westf.“ (Rückseite).

Zum ersten Mal taucht ein derartiges

Marken-Logo in der kleinen Werbebroschüre

auf, die im Jahre 1908

Krombacher Pils dem Pilsener Urquell

gegenüberstellt. Dieses vierseitige

Faltblatt verglich Krombacher Pils

mit dem ‚Original-Pils‘ aus Tschechien

mit dem Ziel, die Vorzüge des

Siegerländer Bieres hervorzuheben.

In unserem Zusammenhang ist wichtig,

dass hier zum ersten Mal der

Begriff „Fabrik-Marke“ auftaucht -

ein Hinweis darauf, dass die Brauer

aus Krombach erkannt hatten, dass

es von entscheidender Bedeutung ist,

das Profi l der Brauerei in der

Öffentlichkeit stärker und deutlicher

zu akzentuieren.

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Bei der Auswahl des neuen ‚Wahr‘zeichens

der Brauerei wird unmittelbar

deutlich, dass man damals intuitiv

die richtige Verbraucheransprache

getroffen hat. Ein Markenzeichen - so

die Theorie - soll beim Konsumenten

nicht nur Wiedererkennung, sondern

auch positive Assoziationen im Hinblick

auf das beworbene Produkt hervorrufen,

um ihn dazu zu bewegen,

das Produkt zu erwerben und ihm

auch weiterhin treu zu bleiben.

Was machen die Brauer aus Krombach?

Sie gehen äußerst geschickt vor

und wählen von der Bildsprache her

(später auch semantisch) die Kategorie

„Heimat“ als Bezugspunkt für die Verbraucher.

Der Konsument bekommt

ein hochkarätig emotional besetztes

Identifi kationsangebot: Produkt und

Region verschmelzen miteinander. So

lieb und teuer wie dem Verbraucher

die eigene Heimat ist, so unverzichtbar

ist auch das Bier, das eben aus

dieser Heimatregion kommt. An dieser

Mechanik hat sich im Grunde bis zum

heutigen Tag nichts geändert.

Das Wahrzeichen, das die Brauerei

wählt, ist bezeichnenderweise der

Kindelsbergturm, der 1907 errichtet

wurde. Der Bezug ist gegeben: die

Brauerei liegt am Fuße des Kindelsbergs,

und so lag es nahe, die hoch

aufragende Landmarke zum Wahrzeichen

der Brauerei zu küren. Eine

ganze Zeit lang - in den 20er und 30er

Jahren des 20. Jahrhunderts - bezeichnete

man das Bier aus Krombach auch

als „Kindelsbergbräu“.


Das sollte sich später

grundlegend ändern als

„Krombacher Pils“ ein

feststehender Begriff

wurde. Der Kindelsbergturm

dagegen ist jedoch

seit dieser Zeit - seit dem

Jahre 1908 - aus der Geschichte

der Krombacher

Brauerei nicht mehr wegzudenken.

Vergleicht man die beim

Reichspatentamt in Berlin

eingetragene Fabrik-

Marke und eine Postkarte von 1906,

so stellt man fest, dass die Brauer aus

Krombach sich nicht an die Realität

des tatsächlich gebauten Turmes gehalten

haben, sondern bei den Entwicklung

des eigenen Marken-Logos

lieber auf einen früheren Entwurf

zurückgegriffen haben. Ein kurzer

Blick genügt, um zu sehen, dass die

neue Fabrik-Marke mit der Entwurfsskizze

fast völlig identisch ist.

Dieser Entwurf zum Turm stammt

vom Krombacher Bauunternehmer E.

W. Burbach (s. Artikel von D. Stahlschmidt,

S.33 ff in dieser Broschüre).

Er ist auf der Karte rechts am Rande

der Abbildung genannt. Wir wissen,

dass schließlich der Plan von Baurat

Scheppig zur Ausführung kam. Burbach

jedoch hat für seine nicht realisierten

Entwürfe, so wie es die

neue ‚Fabrik-Marke‘ der Krom-bacher

Brauerei beweist, eine Verwendung

gefunden, an die bis dahin keiner

dachte. Dass er allerdings weitere

mögliche Verwendungen im Auge

hatte bzw. dem unautorisierten Ge-

100 Jahre Kindelsbergturm

Brauerei-Ansicht von 1923.

brauch seines Entwurfes entgegenwirken

wollte, zeigt der Schriftzug links

unten. Hier weist Burbach auf seine

Copyright-Rechte hin, indem er seiner

Turmskizze schlicht die Worte „Nachbilden

verboten“ hinzufügt.

Postkarte mit dem Entwurf von

E. W. Burbach aus dem Jahre 1906.

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Postkarte vom Kindelsbergturm mit

Kaiserlinde um 1908.

Es ist anzunehmen, dass der damalige

Brauereidirektor Eberhardt mit

Burbach eine Übereinkunft zwecks

Überlassung des nicht zum Zuge

gekommenen Entwurfes getroffen hat;

belegen kann man dies jedoch nicht.

1907 steht zwar der Kindelsbergturm

nach den Entwürfen des Siegener

Konkurrenten an seinem Platz, ein

Jahr später aber tritt auch Burbachs

Skizze wieder in die Öffentlichkeit.

Bei der dürftigen Materiallage ergibt

es sich, dass das nächste Dokument,

das auf eine juristisch geschützte

Krombacher Marke hinweist, erst

wieder im Jahre 1923 auftaucht. Es

lässt sich zweifelsfrei zuordnen, da

im Briefkopf maschinenschriftlich

das Datum der Korrespondenz eingedruckt

ist. Gegenüber der Fabrik-

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Schutzmarke 1923 - in den Briefkopf des

offi ziellen Geschäftspapiers integriert.

Marke von 1908 lassen sich einige

gravierende Änderungen feststellen:

Was die Abbildung des Wahrzeichens

angeht, so hat man in der Brauerei den

ursprünglichen Burbachschen Entwurf

fallen gelassen und nun eine Skizze

des tatsächlich realisierten Turmbaus

auf dem Kindelsberg verwendet. Selbst

die Schutzhütte ist auf der Darstellung

erkennbar. Das „Frisch auf“-

Motto der SGV-Wanderer, eingerahmt

in Eichenblätter, wird beibehalten.

Diese Darstellung erfährt in den folgenden

Jahrzehnten nur noch wenige

Änderungen wie man an einer Darstellung

aus den 50er Jahren sehen

kann. Hier erkennen wir eine deutlich

symmetrische Ausrichtung sowie den

Drang zu einer stärkeren Stilisierung.

Eine dramatische Modernisierung des

Markenzeichens setzt dagegen zu Anfang

der 70er Jahre ein. Dies hat seine

Ursache im Aufstieg von Krombacher


Krombacher Logo 1959.

Pils zu einer nationalen Premium-Pilsmarke.

Der Kindelsbergsturm fi ndet

sich auf einem nunmehr zweigeteilten

Logo im oberen Teil wieder - nämlich

in seinem damals modernen Gewand

als Sendeturm. Der untere Teil des

neuen Wappens wird durch einen symbolisierten

Wasserlauf und die roten,

erzführenden Gesteinsschichten des

Rothaargebirges ausgefüllt.

Wenn auch dieses Wappen mittlerweile

wieder viele Aktualisierungen

erfahren hat, so prangt es bis auf

den heutigen Tag auf Hunderttausenden

von Bierfl aschen, die täglich die

Krombacher Brauerei verlassen.

Alle Abbildungen und Informationen aus

dem Archiv der Krombacher Brauerei.

100 Jahre Kindelsbergturm

Oben: Anzeige Krombacher Pils 1973.

Unten: Krombacher Logo 2006.

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Der Kindelsberg

aus der Märchen- und Sagenwelt

der Gebrüder Grimm

Hinter dem Geißenberg in Westfalen ragt ein hoher Berg mit dreien Köpfen

hervor, davon heißt der mittelste noch der Kindelsberg. Dort stand vor

langen Zeiten ein Schloss, das den gleichen Namen führte, und in dem

Schloss wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten sie

ein sehr schönes Silberbergwerk, davon wurden sie stockreich, und von

dem Reichtum wurden sie so übermütig, dass sie sich silberne Kegel machten,

und wenn sie spielten, so warfen sie diese Kegel mit silbernen Kugeln.

Der Übermut ging aber noch weiter, denn sie ließen sich große Kuchen von

Semmelmehl wie Kutschenräder backen, machten mitten Löcher darein

und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende Sünde,

denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott ward es endlich

auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloss und

sagte an, dass sie alle binnen dreien Tagen sterben müssten, und zum Wahrzeichen

gab er ihnen, dass diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen

würde. Das traf auch ein, aber niemand kehrte sich daran als der jüngste

Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar schöne

Jungfrau war. Diese beteten Tag und Nacht. Die andern starben an der Pest,

aber diese beiden blieben am Leben. Nun aber war auf dem Geißenberg

ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes schwarzes Pferd

und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er war ein gottloser

Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter gewann die schöne

Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur Ehe haben, sie schlug

es ihm aber beständig ab, weil sie einem jungen Grafen von der Mark verlobt

war, der mit ihrem Bruder in den Krieg gezogen war und dem sie treu

bleiben wollte. Als aber der Graf immer nicht aus dem Krieg zurückkam

und der Ritter mit dem schwarzen Pferd sehr um sie warb, so sagte sie endlich:

„Wenn die grüne Linde hier vor meinem Fenster wird dürr sein, so

will ich dir gewogen werden.“ Der Ritter mit dem schwarzen Pferd suchte

so lange in dem Lande, bis er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne,

und in einer Nacht bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre

dafür hin. Als nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war‘s so hell vor

ihrem Fenster, da lief sie hin und sah erschrocken, dass eine dürre Linde da

stand. Weinend setzte sie sich unter die Linde, und als der Ritter nun kam

und ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Not: „Ich kann dich nimmermehr

lieben.“ Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach sie

tot. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein Grab

und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu sehen ist.


Die Ersterwähnung des Namens

Kindelsberg in spätmittelalterlichen

Aufzeichnungen der

Kölner Erzbischöfe

Bei der Suche nach einer Burg oder

Wallanlage auf dem Kindelsberg und

deren Altersbestimmung sind bisher

einige Untersuchungen, deren Ergebnisse

zeitlich nicht eindeutig einzuordnen

waren, durchgeführt worden (siehe

dazu den Aufsatz von Erhard Krämer

auf S. 18 in dieser Festschrift).

Philipp R. Hömberg vom Westfälischen

Museum für Archäologie,

(Außenstelle Olpe) ordnet 1998, nach

einer Untersuchung der Anlage im

Jahre 1993, den Kindelsberg als eine

frühe kölnische Burg des Hohen

Mittelalters zur Durchsetzung erzbischöfl

icher Herrschaftsrechte im

nördlichen Siegerland ein. Diese These

Hömbergs wird durch eine kürzlich

aufgefundene Eintragung in einer

Archivalie der Kölner Erzbischöfe

unterstützt.

Im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv

Düsseldorf befi ndet sich

ein Kopialbuch, auch als Kartular

bezeichnet, das einen Überblick über

Besitztümer der Kölner Erzbischöfe

vom ersten Viertel bis zur Mitte des

14. Jahrhunderts vermittelt, darunter

auch ihre Besitzungen im südlichen

Westfalen im „offi ciu waldenburg“

(bei Olpe und Attendorn im Amt

Waldenburg gelegen), „menden“ und

„segen“ (Siegen) betreffend.

100 Jahre Kindelsbergturm

von Dieter Tröps

Auf den Seiten 44-46 dieser handschriftlichen,

in Latein verfassten Aufzeichnungen

der Kölner Erzbischöfe,

fi nden wir die hier besonders interessierenden

Besitztitel der Erzbischöfe

im Siegerland, darunter in den Pfarreien

Hilchenbach („parochia heilchenbach“),

Krombach, (Cru(m)pach) und

Ferndorf, das in dieser Aufzeichnung

sowohl als „berentref“ als auch als

„verentreff“ bezeichnet wird.

Desweiteren werden das „castru heilmbach“

(Schloß oder Burg Hilchenbach),

die Ortschaften Stöcken („in Stochen“),

Merklinghausen („merkelnhusen“), Im

Bruch („in der Broiche“) und Ernsdorf

(„Ernsbachstrop“) genannt. Erwähnt

sind auch die abgabepfl ichtigen Einwohner

„Gerlach in dem Broiche“ (im

Bruch bei Ernsdorf), „Sifridus zu der

Widenhube“ (Hof Weiden - heute Fellinghausen

- ehemals Kirchspiel Ferndorf)

und die Adligen „Gobelinus van

der hesen“ (Gobelinus von der Hees),

die Ritter Eberhard und Heinrich Kolbe

von Wilnsdorf sowie der Ritter Fredericus

Daub im Freiengrund.

Zur genaueren zeitlichen Einordnung

dieser Aufzeichnungen können wir

die Erwähnungen der o.g. Adligen

in weiteren Urkunden heranziehen.

Heinrich Kolbe wird von 1337 bis

1347 erwähnt. Der Ritter Gobelinus

15


von der Hees fi ndet Erwähnung in

Urkunden von 1329 bis 1350.

Am Ende der Eintragungen fi nden

wir neben weiteren Besitztümern der

Erzbischöfe in Siegen, Oberholzklau,

Oberfi schbach, Mittelhees, Meiswinkel

und Plittershagen auch den Hinweis

auf kurkölner Rechte auf dem

Kindelsberg. Nach genaueren Untersuchungen

der handschriftlichen Eintragungen

lautet der den Kindelsberg

betreffende lateinische Eintrag in

diesem Kopialbuch „Nemus de

Kindelsberg“, was soviel bedeutet

wie „der Wald am Kindelsberg“.

16

Da von einer Burganlage oder einem

sonstigen Gebäude am Kindelsberg in

dieser Aufzeichnung nicht die Rede

ist, können wir davon ausgehen, dass

vorherige, im Hohen Mittelalter von

Bedeutung gewesene Verteidigungsanlagen

nicht mehr bestanden haben und

bereits verfallen waren. Das unterstützt

die Erkenntnisse Philipp Hömbergs,

dass die auf dem Kindelsberg vorhandenen

Mauerreste einer Wallanlage in

die Zeit des Hohen Mittelalters (11./12.

Jahrhundert) einzuordnen sind. Wie

wir aus den Aufzeichnungen in diesem

Kurkölner Kartular erfahren, war in

der Zeit zwischen 1340 und 1350 für

den Kölner Erzbischof lediglich noch

der Waldbesitz auf dem Kindelsberg

von Interesse.

Mit dem Auffi nden dieser über 650

Jahre alten Eintragung im Kurkölner

Kartular ist hiermit der älteste schriftliche

Nachweis des Kindelsbergs

gelungen.

Quelle: Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Kurköln,

Kartular 2 (coreaceus minor) S. 44-46

Wallkrone am Kindelsberg in den 1970er Jahren (Foto: Slg. Dieter Wörster)


100 Jahre Kindelsbergturm

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Der Kindelsberg

Bergmassiv und Wallburg von Erhard Krämer

Wanderziel und Aussichtsturm

Namensdeutungen

Steinzeitfunde

Geologische Strukturen und Bergbau

Der Kindelsberg - eine Zufl uchtsstätte ?

Kelten im Siegerland ?

Grabungen 1933

Weitere Auswertung und die Sondage 1989

Das Alter der Wallanlage

Resümee

Das Jahrhundertjubiläum der „Einweihung“

des Kindesbergturms im Jahr

1907 gibt Veranlassung die heute noch

erkennbare Wallanlage zu würdigen.

Dabei spielen naturgemäß die Fragen

der Namensgebung des Kindelsberges

und die nach Entstehung und Alter

der Wallanlage eine besondere Rolle.

Generationen von Forschern haben sich

bereits mit diesen Fragen beschäftigt,

ohne dass bisher eindeutige, wissen-

schaftlich abgesicherte Antworten

gegeben werden konnten. Dazu hätte

es wohl noch deutlich umfangreicherer

systematischer Grabungen bedurft.

Vielleicht sollte auch weiter nach

schriftlichen Quellen gesucht werden,

sofern eine hochmittelalterliche Burggründung

in Betracht kommt, selbst

wenn diese Anlage nicht über einige

Anfänge hinauskam. Dabei sollte nicht

verkannt werden, dass es im Siegerland

durchaus Kleinburgen gibt, zu

18

denen keine urkundlichen Nachrichten

vorliegen.

Natürlich kann dieser Bericht nur

über den derzeitigen Wissensstand

berichten, auf Widersprüche hinweisen

und Fragen stellen. Der Kindelsberg

scheint mir für unsere Region zu

bedeutend und im Bewusstsein der

Bevölkerung emotional zu wichtig zu

sein, als dass man es bei den jetzigen

Unklarheiten belassen könnte.

Der Kindelsberg ist der topografi sche

Mittelpunkt der heutigen Stadt Kreuztal,

dem früheren Amt Ferndorf. Am

Osthang liegt die Ferndorfer Gemarkung

mit der Flur „Hohlbusch“. Im

Süd-Südwesten liegt die ehemalige

Gemarkung Ernsdorf, die Turm und

Wallanlage einschließt. Der Norden

gehört zu Littfeld. Waldeigentümer

sind in Ferndorf und Kreuztal die

Haubergsgenossenschaften, der Littfelder

Teil ist Keppeler Stiftswald.


Wanderziel und Aussichtsturm

Es ist verständlich, dass der hochauf-

ragende Kindelsberg, seit dem 19.

Jahrhundert ein beliebtes Wander-

und Ausfl ugsziel mit eindrucksvoller

Fernsicht - bei günstigem Wetter bis

zum Siebengebirge - der Bevölkerung

immer ein prägendes Heimatsymbol

war. Auf dem Kindelsberg fanden viele

Sänger- und Turnfeste statt. Auch

war er ein guter Nährboden für allerlei

Sagenbildungen, was besonders auf

die Ringwallanlage aus grauer Vorzeit

zurückzuführen ist, deren ursprüngliche

Bedeutung man wohl mehr

erahnte als kannte. Aus alten Bruchsteinmauern

und Erdwällen wurde eine

Ritterburg, manche glaubten sogar

römische Wallanlagen zu erkennen (so

in einem Bericht des Hilchenbacher

Amtmanns Diesterweg an die preußische

Regierung 1815) [1]. Schließlich

wurden noch die alten Kelten bemüht.

Auf einer großen, 1981 am Turm angebrachten

Tafel, wird nicht nur auf

einen keltischen Ringwall aus der Zeit

um 500 v. Chr. hingewiesen, es wird

sogar noch ein angeblich über Jahr-

100 Jahre Kindelsbergturm

Blick auf Ferndorf - im Januar 2006

(Foto: Albrecht Rath)

hunderte besuchter Wallfahrtsort zur

„Kindesverehrung“ (vom Namen Kindelsberg

hergeleitet) postuliert.

Die erste bisher bekannte schriftliche

Erwähnung des Kindelsberges stammt

aus Ferndorfer Kirchspielsrechnungen

von 1663 („Kinnelsberge“) [2]. In

einer kolorierten Handzeichnung von

C. Kraphiel aus dem Jahr 1764 wird der

„Gindels Berg“ gar als mehrtürmige

Ritterburg gezeigt.

Eine Ruine auf dem Kindelsberg, wie sie sich C. Kraphiel 1764 vorstellte. Ausschnitt aus

einer farbigen Vorlage im kgl. Hausarchiv Den Haag (aus: Scholl, Burgen [13])

19


Namensdeutungen

Die Deutung des Namens „Kindelsberg“

ist schwierig und m.E. bisher

nicht gelungen. Mundartlich heißt es

„Kingelschbrich“, es soll früher auch

„Kingerschbrich“ geheißen haben.

Der zweite Wortteil „Berg“ (vgl.

Mölmerich = Mühlberg) ist klar. Es

ist denkbar, dass in der hochdeutschen

Form „Kindels-“ das Wort

„Kind“ steckt, dessen Mehrzahl aber

auf „nordsiegerländisch“ „Kinger“

heißt. Möglicherweise verbirgt sich

jedoch noch etwas ganz anderes im

ersten Namensteil.

Die Deutung Kingel gleich „Kringel“

(= Ring) klingt vielleicht einleuchtend

und wurde hin und wieder von

Volksschullehren und anderen angeboten

(so Philipp R. Hömberg,

Münster 1998 und lt. Böttger bei

Heinzerling um 1890). Sie ist aber

Wallmauer auf der Südostseite in den

1950er Jahren (Foto: Slg. Günter Weller)

20

für den Kenner unserer Mundart

quasi eine Unmöglichkeit, da ein

solch markantes „R“ sprachlich weder

verschluckt noch gar ausdrücklich

weggelassen werden kann.

Einfacher verhält es sich da bei der

Martinshardt, die mundartlich früher

„Merdenshard“ genannt wurde. In der

„Einschreibung der Haubergstücke“

1718 heißt es „Merdens Haard“ - nach

Merten (Hochdeutsch: Martin). Also

der Bergwald, der steile Berghang

des Martin oder der Mertens. Auch

in der „Kartenaufnahme der Rheinlande

durch Tranchot und v. Müffl ing

1803-1820“ heißt es Mertenshart

(Nachdruck Landesvermessungsamt

NRW 1978). Im 17. und 18. Jahrhundert

wohnte in Ferndorf und Ernsdorf

die Familie Merten.

Steinzeitlicher Setzkeil - 1968 im Ferndorfer

Zitzenbachtal gefunden (Heimatmuseum

Ferndorf, Foto: Katrin Stein)


Steinzeitfunde

Die ältesten, allerdings spärlichen

Funde unserer Region stammen aus der

Jungsteinzeit, dem Neolithikum (5.500

bis 2.700 v. Chr.). Man vermutet, dass

die jungsteinzeitlichen Siedler Hirten

waren, die von der Waldviehzucht

lebten. Es wird eine dünne und nur

vorübergehende Besiedlung unserer

Region angenommen [3]. Im Umfeld

des Kindelsberges wurden gefunden:

* ein 8,5 cm langes Steinbeil aus

olivinfreiem Basalt, gefunden 1933

am Südwesthang des Kindelsberges

in 380 m über NN,

* ein 15,4 cm langes Steinbeil aus

Quarzit, gefunden 1934 in der Flur

„Lange Wiese“ nördlich Krombach

in 320 m über NN,

Geologische Strukturen und Bergbau

Kindelsberg (618 m), Martinshardt

(616 m) und Hoher Wald (655 m) bilden

den Gebirgsstock „Müsener Horst“,

der sich weithin sichtbar als westlicher

Ausläufer des Rothaargebirges

erhebt. Geologisch gesehen gehört

das Massiv zum „Unterdevon“, bestehend

aus Tonschiefer, Grauwacken

und Sandstein mit Quarziten in den

Gipfellagen. Die Gesteine entstanden

vor rund 400 Mio. Jahren im „Erdaltertum“

durch Ablagerung von Schlamm

und Sand im allmählich absinkenden

Meeresbecken. In der nachfolgenden

Karbonzeit (vor über 200 Mio. Jahren)

wurden die Gesteinsschichten durch

vulkanisch bedingte Erdfaltungen zum

100 Jahre Kindelsbergturm

* eine 12,8 cm lange Arbeitsaxt aus

Grauwackenschiefer, gefunden auf

der Grube „Brüche“ in 390 m

über NN, ein Funddatum ist nicht

bekannt,

* eine 10,7 cm lange Arbeitsaxt aus

Grauwacke, von einem Bergmann

gefunden bei der Grube „Wilder

Mann“, 490 m über NN, leider auch

ohne Funddatum,

* ferner 1968 im auslaufenden Tal

der am Kindelsberg entspringenden

Zitzenbach ein kleiner durchbohrter

„Setzkeil“ aus erzreichem Hornblendeschiefer,

der zum Holzklaftern

benutzt wurde. Er befi ndet sich

im Ferndorfer Heimatmuseum.

Hochgebirge aufgerichtet, das in den

folgenden Jahrmillionen durch Wasser

und Wind, Sonne und Frost zum

Mittelgebirge abgetragen wurde. In

„Aufschiebungen“ (ältere Schichten

schoben sich über jüngere) entstanden

Gebirgsspalten, sog. „Störungen“, als

Aufstiegswege für metallhaltige Lösungen,

aus denen sich im Lauf der

Zeiten Metallzonen unterschiedlichster

Stärke bildeten. Die zahlreichen

Erze wie Eisenspat, Blei, Kupfer, Zink

und Silber wurden schon in vor- und

frühgeschichtlicher Zeit abgebaut [4].

Im Kindelsbergbereich fi nden sich

zahlreiche Spuren eisenzeitlichen und

mittelalterlichen Bergbaus. Vermutlich

21


ab dem 5. Jh. v. Chr. waren es wohl

der keltischen Völkerfamilie zugerechnete

Gruppen, die zu Tage tretende

Erzlager abbauten und in einfachen

Schmelzöfen Eisen und sonstige Metalle

gewannen. Im Müsener Bergbaurevier,

zu dem u.a. Kindelsberg

und Martinshardt gehören, wird auf

Grund von noch vorhandenen Pingen

und kleinen Schächten ein bedeutender

Tagebau nachgewiesen. Hier sind

besonders die „Müsener Klippen“ zu

nennen, stehen gebliebene Felsen aus

erzfreiem („tauben“) Gestein mittelalterlichen

Bergbaus im Tagebau. Ab

dem 12. Jh. trieb man Stollen in die

Berge und teufte Schächte in die

Gruben. Die früheste schriftliche Nachricht

vom Bergbau an der Martinshardt

stammt aus dem Jahr 1313 [4+5].

Von besonderer Bedeutung für die

Geschichte des mittelalterlichen Bergbaus

im „Müsener Revier“ sind die

Ausgrabungen einer Bergbausiedlung

auf dem Altenberg von 1970 bis

1980 durch Archäologen aus Münster

und vom Deutschen Bergbaumuseum

Bochum [6]. Die Grabungsstätte liegt

auf der Höhe zwischen Kindelsberg

und Ziegenberg (486 m) und 1,5 km

nordöstlich der Kindelsbergkuppe am

Weg zwischen Müsen und Littfeld.

Die Bergbausiedlung wird auf Grund

vieler Funde auf das 13. Jh. datiert

und bestand wohl nur etwa 100 Jahre.

Gegenüber der Martinshardt mit dem

bekannten „Stahlberger Stock“ (Spateisensteinlager)

war der Kindelsberg

als Bergbaugebiet weniger bedeutend.

Hier war die „Silberart“ auf Littfelder

Seite mit dem ab 1850 über 1,5 km

22

Die Grube Silberart mit ihren acht Stollen

unterquert den ganzen Kindelsberg von

Littfeld bis zur Waldesruh in Ferndorf

(Abb. Mathias Döring [4])

langen und südlich der Waldesruh

endenden „Tiefen Kindelsberger Stollen“

die wichtigste Grube. Sie hatte

schließlich eine Tiefe von über 300 m.

Die Förderung wurde 1901 eingestellt,


weil die Erzvorräte erschöpft waren.

Ferner ist noch das kleine Bergwerk

„Gottessegen“ auf der Ferndorfer Seite

des Kindelsberges zu erwähnen, das

aber nicht rentabel war. Sein Stollen-

mundloch bei der „Waldesruh“ ist

erhalten. Hier beginnt das „Gottessegener

Seifen“, ein Nebenquellbach

der Zitzenbach. Eine Nebengrube der

„Silberart“ ist die „Ernsdorfer Zeche“,

Der Kindelsberg eine Zufl uchtsstätte ?

Schon in ältesten Zeiten haben die

Menschen bei Bedrohungen durch

feindliche Scharen die Wälder aufgesucht,

um sich zu verstecken und sich

dann, wenn möglich, durch Schaffung

möglichst sturmsicherer Zufl uchtsorte

günstige Bedingungen zur Verteidigung

zu schaffen. Dazu eigneten sich

besonders hohe Berge, die einerseits

Weitsicht zum Erkennen von Angreifern

boten, andererseits durch Aufschüttung

hoher Wälle den von unten

angreifenden Feind von oben herab

abzuwehren ermöglichten. Um bei

kürzestem Wallumfang einen größtmöglichen

Innenraum zu erreichen,

Kelten im Siegerland ?

Anfang der 1930er Jahre wurden auf

Anregung von Hermann Böttger [9]

die Wallburgen bei Aue, Laasphe,

Obernau und der „Burggraben“ bei

Niedernetphen untersucht. 1933 folgte

der Kindelsberg, die kleinste dieser

Anlagen. Böttger hielt diese zusammen

mit den großen Wallburgen bei

Rittershausen im Dietzhölztal und der

100 Jahre Kindelsbergturm

deren Mundloch am Weiher nördlich

der Waldesruh liegt [7].

Die neuzeitliche Grube Altenberg,

nahe der gleichnamigen Bergbauwüstung

am Südhang des Ziegenberges,

war von etwa 1551 bis 1914 in Betrieb.

Sie kann allerdings wegen ihrer Entfernung

nur bedingt dem Revier des

Kindelsbergs zugerechnet werden.

wählte man naturgemäß die Kreisform.

Man erhielt den Ringwall. Solche

Fliehburgen wurden, wie Ausgrabungen

zeigten, sowohl in „vorgeschichtlicher“

Zeit als auch im Mittelalter

errichtet, darüber hinaus noch vereinzelt

bis in die Zeit des dreißigjährigen

Krieges. Um das Alter einer Wallburg

zu bestimmen, ist es erforderlich,

bestimmbare Funde auszugraben, zu

sichern und sachgerecht auszuwerten.

Die Wälle wurden aus zunächst unbehauenen,

später auch zugerichteten

Steinen erbaut, zu besserem Halt mit

Erde bedeckt und auch mit Holz und

Strauchwerk verankert [8].

Alten Burg bei Netphen-Afholderbach

für einen vermutlich durch „keltische

Eindringlinge“ planmäßig angelegten

Festungsgürtel um das erzreiche Siegerland

[10]. Die „Frühe La-Tène-Zeit“

rechnet etwa ab 450 v. Chr. und folgt

der Frühen Eisenzeit (ca. 750-450 v.

Chr.), auch „Hallstattzeit“ genannt. In

der nach den Bodenfunden in Hall-

23


statt (Österreich) benannten Zeit kann

von einer hohen keltischen Kultur

in Mitteleuropa gesprochen werden,

die besonders auch durch Grabfunde

belegt wird. Allerdings müssen es

nicht zwingend immer Kelten sein, die

diese Kultur trugen, es können durchaus

auch andere, mit der keltischen

Kultur verbundene Stämme sein.

Das Siegerland war wohl nördliches

Grenzland des auch in Mitteleuropa

ausgedehnten keltischen Siedlungsgebietes.

Die Forschung nimmt an, dass

seit Mitte des 2. Jhds. v. Chr. aus Norddeutschland

einwandernde Germanen

die Kelten, oft mit Gewalt, verdrängten

[11]. Es ist auch eine Verschmelzung

beider Völkerschaften durch „Aufsaugen“

der Unterlegenen durch die

Sieger möglich, die dann die Kultur

der Kelten erbten. Hierfür spricht im

Siegerland der Erhalt alter Flussnamen

mit keltischem Namensbestandteil. Ein

keltischer Ursprung der Kindelsberg-

Grabungen 1933

Vor näherer Betrachtung des Grabungsberichtes

des Bodenforschers

Heinz Behaghel aus dem Jahr 1933 ist

zum Vergleich noch auf die großen

„Keltenburgen“ bei Rittershausen und

die Alte Burg einzugehen. Die „Ley-

Burg“ bei Rittershausen, auf der 516m

hohen Ley gelegen, besteht aus mächtigen,

drei Meter dicken Wällen. Die

innere ovale Hauptanlage hat eine

Länge von 320 m sowie eine Breite von

ca. 240 m und ist von einem zweiten

Wall umgeben. Zahlreiche Boden-

24

anlage wird allerdings von der neueren

Forschung angezweifelt, wie noch auszuführen

ist.

Die von 2000 bis 2003 durchgeführten

Ausgrabungen [12] auf der Kalteiche

bei Haiger lieferten bemerkenswerte

Ergebnisse. Neben mittelalterlichen

Verhüttungsplätzen aus dem 11. bis

13. Jh. fand man in bewaldeter Höhen-

lage zwischen 470 und 530 m über NN

(vergleichbar der Höhenlage der Bergbausiedlung

Altenberg), vor allem eisenzeitliche

Siedlungsreste, Verhüttungs-

plätze und Teile eines Gräberfeldes

(Grabhügel der späten Hallstattzeit

und einen Grabgarten der späten La-

Tène-Zeit), die auf Grund ihrer Anlage

und Funde eindeutig der keltischen

Siedlungs- und Kulturgefügeperiode

zuzurechnen sind. Die Erhaltung der

Höhenbefestigungen und der anderen

Befunde im dünn besiedelten Mittelgebirge

sind den besonderen Bedingungen

des Waldes zu verdanken.

funde lassen angeblich auf eine Ent-

stehungszeit nach 500 v. Chr. schliessen.

Bei der Wallburg auf der 634 m

hohen Kuppe des Berges „Alte Burg“

ist der äußere Wall 1.100 m und der

innere 680 m lang. Die Errichtung der

Wehranlage wird in die Zeit um 200

v. Chr. datiert [13]. Demgegenüber

hat die Anlage auf dem Kindelsberg

nur einen Umfang von 270 m, eine

Länge von 120 m und eine Breite von

ca. 60 m und somit eine Fläche von

einem halben Hektar.


Ende 1933 veröffentlichte Heinz Behaghel

einen Artikel „Die Ausgrabungen

auf dem Kindelsberg“ [14], auf den

im Folgenden Bezug genommen wird.

Dieser Aufsatz wurde seitdem bei

Aussagen über die Wallanlage immer

wieder herangezogen und dabei unterschiedlich,

wenn nicht widersprüchlich

interpretiert. Behaghel, damals ein

23 Jahre alter Student, hatte die von

Böttger veranlassten Grabungen im

Mai und September 1933 geleitet.

Grundriss der mittelalterlichen Wallanlage. Aufnahme durch das Westf. Museum für

Archäologie in Münster (Aus: Hömberg, Der Kindelsberg [17])

100 Jahre Kindelsbergturm

Mitglieder des „Freiwilligen Arbeitsdienstes“

aus dem Stahlberglager

unterstützten ihn dabei tatkräftig.

Hintergrund dieser Untersuchungen

waren ferner Anregungen von Pfarrer

Heider aus Müsen und Amtsbürgermeister

Richter von Keppel. In einer

Zeit größter Arbeitslosigkeit sollte zur

Förderung des Fremdenverkehrs der

Wall in seiner ursprünglichen Gestalt

wieder aufgebaut, im Sattel gegen den

Birkhahn ein Rasthaus errichtet und

25


equem zu befahrende Zufahrtswege

angelegt werden. Vor dem zumindest

teilweisen Abbruch der Wallanlagen

war natürlich eine wissenschaftliche

Untersuchung notwendig.

Als Behaghel mit seinen Arbeiten

begann, befand sich der Untersuchungsort

schon nicht mehr im

ursprünglichen Zustand. Durch den

Bau eines Turnplatzes in den 1880er

Jahren (s.S. 34 in dieser Festschrift)

war die gesamte West- und Nordwestseite

des Walles beeinträchtigt

worden. Zudem ist anzunehmen, dass

durch unqualifi zierte „Schatzsucher“

Schäden und Beeinträchtigungen entstanden

sind. Es ist schon als ein besonderer

Glücksfall anzusehen, dass

es nicht zur völligen Zerstörung der

Anlage kam. Nach Behaghel bestand

vom äußeren Wallfuß bis zur Wallkrone

noch ein Höhenunterschied von

26

etwa vier Metern. Dem Wall vorgelagert

war im Nordosten und im

Südwesten ein fl acher Graben, vermutlich

ohne „fortifi katorische“ Bedeutung

für das Befestigungswerk.

Auf einer Länge von 10 Metern wurden

der Rasen und eine dünne Humusschicht

von der äußeren Wallböschung

abgetragen. Darunter befand sich eine

„wirre Lage von Steinen“, die als

„Wallrutsch“ entfernt wurde. Nach

weiteren Abräumungen fand man am

Außenhang, zwei Meter vor der heutigen

Wallkrone, eine als Fundament

der Wallmauer anzusehende mauerartige

Steinsetzung, nämlich eine Trokkenmauer

mit vier bis fünf in Lehm

verlegten Bruchsteinlagen. Das Innere

des Walles bestand aus Bergschotter

(Stein- und Lehmschutt). Den hinteren

Abschluss bildete wieder eine Trockenmauer,

die bis zu einer Höhe von einem

Links: Blick von innen in die Trockenmauer

auf der Westseite. Unter der Mauer ist die

Steinschuttschicht zu sehen, darunter der

anstehende Faulschiefer.

Rechts: Blick von oben auf die Trockenmauer.

Erkennbar sind rechts und links

die sauber gesetzten Schalen der Mauer

und die dazwischenliegende Stein-Lehm-

Schicht (Füllung).

(Aus: Hömberg, Der Kindelsberg [17])


Meter freigelegt wurde. Die Untersuchung

ergab, dass das Fundament der

äußeren Stirnmauer zum Teil aus zentnerschweren

Bruchsteinen bestand.

Die Pionierarbeit Behaghels zeitigte

nach seinen Worten im Wesentlichen

folgende Ergebnisse: Ein möglicher

Angreifer sah über einer steilen

Böschung auf eine 1,5 bis 2 Meter hohe

Bruchsteinmauer. Zur Verstärkung war

der Raum zwischen ihr und dem zur

Burgmitte gelegenen Hang mit Erde

aufgefüllt worden, die von hinten durch

eine weitere Trockenmauer gestützt

wurde. Die Wallkrone sei mit einer Art

Pfl aster abgedeckt gewesen, darüber

vermutete er eine glatt abschließende

Mauer als Brustwehr.

Behaghel stellte dann Möglichkeiten

eines Zuganges zur Burg mit je einem

Nord- und einem Südtor vor. Er nahm

noch einen tiefer gelegen, zweiten

Außenwall an, „der durch jahrhundertealte

Haubergarbeit verschliffen

wurde“. Auch glaubt er, in etwa 50

Meter Abstand parallel zum Wall eine

Terrasse zu erkennen.

Links: Wallmauer mit dem vermuteten Tor

auf der Südseite um 1952 (Foto: Günter

Koch). Rechts: Die Krone der Wallanlage

im Jahr 1967 (Foto: Gerhard Bald)

100 Jahre Kindelsbergturm

Im Inneren des Burgringes fanden sich

in einer mit Holzkohle untermischten

Schicht 12 Pfostenlöcher und eine

50 cm in den Fels eingetiefte, mit

Erde gefüllte Grube mit einem Durchmesser

von ca. 2,50 m. Er nahm an,

dass es sich hier um einen Unterkunftsraum

für eine kleine, vielleicht

ständig anwesende Wachmannschaft

gehandelt haben könnte.

Obwohl keine weiteren Funde gemacht

wurden und das Innere „für

den Daueraufenthalt größerer Volksmassen

ungeeignet“ war, glaubte

Behaghel, dem Stand der damaligen

Forschung entsprechend und vielleicht

damals auch erwünscht, dass „der

Kindelsberg in das System der Wallburgen

hineingehört, das um 500 v.

Chr. zum Schutze des erzreichen Siegerlandes,

wahrscheinlich von Kelten,

gegen die Germanen errichtet wurde“.

Diese These wurde von Irle 1963 als

Feststellung übernommen [15], von

Scholl 1971 jedoch „mit einiger Wahrscheinlichkeit“

anzunehmen bezeichnet

und mit Fragezeichen versehen

[16]. Nach Höhe und Mächtigkeit des

Berges und dem Sichtkontakt zur

„Alten Burg“ könnte sich diese Meinung

allerdings anbieten.

27


Weitere Auswertung und die Sondage von 1989

Im Jahre 1998 erschien eine vom Landschaftsverband

Westfalen-Lippe herausgegebene

Ausarbeitung von Philipp

R. Hömberg [17] auf der Basis von

bislang nicht veröffentlichen Unterlagen

Behagels aus dem Archiv der

Altertumskommission in Münster.

Danach befanden sich etwa zwei Meter

vor der heutigen Wallkrone Reste

einer bis zu drei Meter breiten Trokkenmauer

als Bestandteil der ehemaligen

Wallfront. Diese bestand aus

je einer Innen- und Außenschale aus

„sorgfältig in Lehm verlegten Steinen“.

Während die innere Schale noch eine

Höhe von etwa einem Meter erreichte,

bestand die Außenschale noch aus

drei Steinschichten (gegenüber vier

bis fünf Lagen im Bericht Behaghels).

Die Zwischenräume der zweischaligen

Mauer waren mit Lehm- und Steinschutt

gefüllt. Zwischen der Trockenmauer

und dem Graben befand sich

ein eingeebneter Streifen von 0,5 bis

1,5 m Breite („Berme“). Im Burginneren

fand man Holzkohlenreste und

rot gebrannten Lehm, vermutlich die

Reste eines verbrannten Holzbaus. Die

in den Fels eingeschlagene Vertiefung

Das Alter der Wallanlage

Wie schon viele zuvor, stellt auch

Hömberg die Frage nach dem Alter

der Wallanlage auf dem Kindelsberg.

Da bei den verschiedenen Grabungen

keinerlei Funde gemacht wurden, die

hierüber hätten Auskunft geben

28

von 35 cm mit einem Durchmesser

von 2,5 m deutet Hömberg als Grubenhaus.

Die Ausgrabungen ließen

ferner ein etwa zwei Meter breites

Kastentor in der Südmauer (Richtung

Kreuztal) erkennen.

Im Zusammenhang mit technischen

Modernisierungsarbeiten beim Bau

einer neuen Wasserversorgungsleitung

wurde um 1998 an der Westseite der

Bergkuppe zu archäologischen Untersuchungen

ein etwa 17 m langer Suchschnitt

angelegt. Dabei fand man nur

25 cm unter der Oberfl äche des jetzigen

Spielplatzes die obersten Lager

der inneren „Mauerschale“ einer Trokkenmauer,

die in etwa der 1933 untersuchten

Mauer der Ostseite entsprach.

Das bedeutet, dass die Westseite durch

die Anlage des Spielplatzes nicht

so stark zerstört war, wie zunächst

befürchtet wurde. Gleichzeitig konnte

beim Aushub einer Baugrube zwischen

Turm und Gaststätte festgestellt

werden, dass der anstehende Faulschiefer

direkt unter der Oberfl äche

beginnt. Allerdings sind mögliche

alte Siedlungsreste wohl durch die

moderne Bebauung zerstört worden.

können, und bis heute keine historischen

schriftlichen Quellen über die

Kindelsberganlage vorhanden sind,

könnten Vergleiche mit ähnlichen

Burgen der Umgebung Anhaltspunkte

geben. Erschwerend bei der Antwort


ist, dass einige der von Böttger und

Behaghel genannten Anlagen der

„eisenzeitlichen Burgenkette“ zwar

der vorrömischen Eisenzeit, andere

jedoch dem Früh- oder gar dem Hochmittelalter

zuzurechnen sind. Auch

Vergleiche mit anderen Burgen der

Region (Burbach, Hohenseelbachskopf)

führen nicht weiter, da keine

defi nitiven Übereinstimmungen festzustellen

sind. Die geringe Größe und

die in Lehm verlegten Trockenmauern

sprechen nach Hömberg eindeutig

gegen eine eisenzeitliche (z.B. keltische)

Burg auf dem Kindelsberg.

Dann weist er auf eine zweite Burgbauperiode

Westfalens vom 8. bis 10.

Jahrhundert hin, die in Zusammenhang

mit den fränkisch-sächsischen

Auseinandersetzungen zu sehen sind.

Auch hier seien Übereinstimmungen

mit dem Kindelsberg nicht erkennbar.

Andere Ringwälle wie z.B. der Burggraben

bei Netphen gehören einem

jüngeren Abschnitt des Frühmittelalters

an. Hömberg führt aus, dass es

durchaus auch in größerem Umfang

Ringwälle (Erdwerke) aus hochmittelalterlichen

und späteren Zeiten gibt,

von denen keine historischen schriftlichen

Quellen bekannt, die aber durch

zufällige Funde bestimmbar sind.

Neben anderen Burganlagen werden

auch Wälle und Gräben im Zusammenhang

mit der Ginsburg genannt.

Aus den großen Übereinstimmungen

mit dieser Gruppe schließt Hömberg

auf eine mögliche Datierung des Kindelsberges

ins Hohe Mittelalter. Im

letzten Satz kommt unvermittelt ein

Lösungsvorschlag:

100 Jahre Kindelsbergturm

Die Kindelsberganlage sei möglicherweise

eine frühe kölnische Burg zur

Durchsetzung erzbischöfl icher Herrschaftsrechte

im nördlichen Sieger-

land gegen den Grafen von Siegen(!)-

Nassau. Diese Hypothese wird jedoch

nicht weiter begründet. Noch 1993

hatte Hömberg vorsichtig ausgeführt:

„Der Ringwall wird meist der vorrömischen

Eisenzeit zugeschrieben,

doch sprechen Wallaufbau, Tore und

Mauertechnik eher für eine jüngere

Datierung“.

Es wird jedoch seit einigen Jahren für

denkbar gehalten, dass eine mittelalterliche

Burg auf dem Kindelsberg

zeitnah zur Anlage der Bergbausiedung

auf dem Altenberg zu Beginn

des 13. Jahrhunderts und zu deren

Schutz errichtet wurde [18]. Die

Bergspitze liegt allerdings ca. 1,5 km

südwestlich der Bergbauwüstung

Altenberg und ist etwa 130 m höher.

Nach dem derzeitigen Stand der Forschung

hat der Kindelsberg wohl

keine keltische Fliehburg getragen.

Die geringe Größe und der fehlende

äußere Wallring (von Behaghel vermutet,

aber nicht nachgewiesen)

führen zu dieser Annahme. Auf dem

Kindelsberg befand sich wahrscheinlich

eine mittelalterliche Burganlage.

In diesem Zusammenhang ergibt sich

eine Reihe von Fragen.

a) Was war vorher? Haben Kelten

und Germanen den Kindelsberg übersehen?

Könnte die ursprüngliche Anlage

zeitlich auch in die Jahre der

Auseinandersetzung zwischen Franken

und Sachsen gehören, auch wenn

bisher noch kein Material gefunden

29


wurde, das in die karolingische Zeit

zu datieren wäre [19]?

b) Falls das Erzstift Köln die hochmittelalterliche

Anlage als Grenzsicherung

gegen Nassau errichten ließ, ist es denkbar,

dass in Archiven einer so bedeutenden

Territorialmacht keine schriftlichen

Belege vorhanden sind [20]?

c) Zum Kern einer mittelalterlichen

Burg gehörte normaler Weise ein Bergfried

[21]. Warum wurden keine Reste

davon gefunden? Es ist jedoch zu

bedenken, dass bei Kleinburgen oft

kein Bergfried vorhanden war.

d) Wie stand es um die Wasserversorgung?

Für einen Brunnen gibt es keine

Hinweise [22].

e) Wäre es nicht auch möglich, dass

hochmittelalterliche Erbauer auf Ringwallanlagen

der Jüngeren Eisenzeit

eine Burg errichten wollten, wie es für

die Ginsburg angenommen wird [23]?

Resümee

Leider ist die Wallanlage immer nur

punktuell und nie umfassend ausgegraben

und untersucht worden. Bei

anderen vergleichbaren Objekten in

unserer Region konnte durch viel Idealismus

und fi nanzielle Unterstützung

der öffentlichen Hand Erstaunliches

geleistet werden. Es sei hier an die

Grabungs- und Restaurierungsarbeiten

an der Ginsburg erinnert.

f) Wie ist es zu erklären, dass die Forschung

nach all den Jahren fl eißiger

Arbeit noch keine eindeutige Antwort

über Ursprung und Alter der Wallanlage

zeitigen kann? Immerhin handelt

es sich um eine mögliche Zeitspanne

von 1.500 Jahren (von 400-500 v. Chr.

bis Anfang des 14. Jahrhunderts).

Im Jahr 2006 entdeckte Herr Dieter

Tröps im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf

Aufzeichnungen über den Besitz der

Kölner Erzbischöfe aus der Zeit etwa

1337-1347 (s.S. 15 dieser Festschrift).

Hier wird auch der Kindelsberger

Wald genannt. Herrn Archivar Tröps

gebührt großer Dank für seine Arbeit,

durch die die Ersterwähnung des

Kindelsberges nun ca. 320 Jahre früher

angesetzt werden kann als bisher.

Dies zeigt, dass noch nicht alle Archive

voll ausgewertet wurden und Überraschungen

immer noch möglich sind.

Ist es utopisch, für den Kindelsberg,

Wahrzeichen der Stadt Kreuztal und

hiesiger Unternehmen, vielleicht aus

Anlass des Turmjubiläums, Ähnliches

zu erhoffen? Die noch immer bestehenden

Unklarheiten zum Ursprung

des Kindelsberges befriedigen nicht.

Ergreift jemand die Innitiative, Kommune,

Wirtschaft, Verbände oder/und

idealistische Heimatfreunde?

Anmerkung der Redaktion. Vergleiche auch: Krombach, Geschichte eines Siegerländer

Dorfes - Andreas Bingener: Die territoriale Entwicklung im nördlichen Siegerland

unter den Erzbischöfen von Köln, S. 32ff, Verlag die Wielandschmiede, 2001

... Die Bauarbeiten sind aber nicht beendet worden und die Anlage kam daher nicht

über gewisse Anfänge hinaus. Vermutlich wurde die Befestigung zum Schutz der

Besitzungen des Erzstiftes im nördlichen Siegerland überfl üssig, als der Kölner Erzbischof

Engelbert I. von Berg im Jahre 1224 eine Übereinkunft mit Heinrich II. Graf

30

zu Nassau über die Teilung von Burg und Stadt Siegen erzielen konnte. ...


Anmerkungen

Ich danke den Herren Dr. Helmut Busch und

Dr. Bernd D. Plaum (beide Siegen) für ihre

wertvollen Anregungen und Hinweise.

In den ersten beiden Kapiteln gekürzter, geringfügig

geänderter Nachdruch aus: Siegerland,

Band 83, Heft 1

[1] Scholl Gerhard, 600 Jahre Ernsdorf-Creutztal,

Bilder und Fakten aus seiner Vergangenheit,

Hg. CVJM Kreuztal, Vortrag

25.9.1969, Archiv Ev. Kirchengemeinde

Ferndorf C 1, S. 7. Zum Thema Wallringe

vgl. in gleicher Schrift S. 6 u. 7.

[2] Irle Lothar, Ferndorf - Ein Siegerländer

Dorfbuch, Ferndorf 1963, S. 383

[3] Beck Hans, Die jungsteinzeitlichen Funde

des Siegerlandes, in: Siegerland 32, 1955,

S. 71-81. Frank, Thomas, Die Steinzeiten,

in: Der Kreis Siegen-Wittgenstein, Führer

zu arch. Denkmälern in Deutschland, Bd

25, Stuttgart 1993, S. 41 f., fortan Der Kreis.

[4] Döring Mathias, Eisen und Silber - Wasser

und Wald, Kreuztal 1999, S. 13. u. 24 f.

[5] Thünker, Michael, Geologie und Böden -

Geologischer Bau und Lagerstätten, S. 15,

in: Der Kreis (wie Anm. 3).

[6] Lobbedey Uwe, Zeitstellung, Struktur und

Bedeutung der Bergbausiedlung Altenberg,

in: Claus Dahm, Uwe Lobbedey, Georg

Weisgerber (Hrsg.) Der Altenberg, Bergwerk

und Siedlung aus dem 13. Jh., 2

Bde., Bonn 1998, Bd.1, S. 21-31, fortan Altenberg.

Lobbedey Uwe, Die Bergbauwüstung

Altenberg, in: Der Kreis (wie Anm. 3), S.

129 f. Bingener, Andreas, Der mittelalterliche

Bergbau im Siegerland, in: Siegerland

82, 2005, S. 106 f..

[7] Döring (wie Anm. 4), S. 19 f.

[8] August von Cohausen, Die Befestigungsweisen

der Vorzeit und des Mittelalters,

Wiesbaden 1898, Neudruck Würzburg

1996, S. 5 f., fortan Cohausen. Der Königliche

Konservator der Altertümer im

preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden

(Nassau) Ingenieur-Oberst von Cohausen

(1812-1894) war viele Jahre in Pionierarbeit

als Ausgräber, Beschreiber und

Zeichner vorgeschichtlicher und mittelalterlicher

Befestigungswerke tätig. Kuckenburg,

Martin, Die Kelten in Mitteleuropa,

Stuttgart 2004, S. 107 f., fortan Kukkenburg,

Die Kelten. Ein gutes Beispiel

ist die Fluchtburg Finsterohr im Main-

Taunuskreis, vermutl. 2. oder 1. Jh. V. Chr.

[9] Böttger Hermann, in: Von Kindelsberg und

Martinshardt, h. v. Ev. Pfarramt Müsen,

Müsen 1927, S. 137 f.; ferner Siedlungsgeschichte

des Siegerlandes, Siegerländer

Beiträge zur Geschichte und Landeskunde

Heft 4, Siegen 1951, S. 16 f.

100 Jahre Kindelsbergturm

[10] Behaghel Heinz, Die Ausgrabungen auf

dem Kindelsberg, in: Heimatland - Beilage

zur Siegener Zeitung 9, Siegen 1933,

S. 139-142.

[11] Kuckenburg, Die Kelten (wie Anm. 8), S.

40 f. u. S. 40 f. u. S. 63 f, S. 101. Die

nach dem Fundplatz La Tène am Neuenburger

See (Schweiz) benannte Kulturperiode

beginnt etwa um 450 v. Chr. und

endet um die Zeitenwende.

[12] Verse, Frank, Archäologie auf Bergeshöhen

- Die Ausgrabungen auf der Kalteiche,

in: Siegener Beiträge 9, 2004, S. 9-26.

[13] Scholl Gerhard, Von Burgen und Schlössern

im Siegerland, Kreuztal 1971, S. 14.

Kruse, Hans, Das Siegerland und seine

Nachbargebiete in ihrer landes-, kultur-

und wirtschaftsgeschichtlichen Verbundenheit,

in: Siegerland 1941, S. 20 f.

[14] Behaghel (wie Anm. 10).

[15] Irle (wie Anm. 2), S. 383.

[16] Scholl (wie Anm. 13), S. 13 f.

[17] Hömberg Philipp R., Der Kindelsberg -

Stadt Kreuztal, Heft Nr. 13 der Reihe

Frühe Burgen in Westfalen, Hg. Altertumskommission

für Westfalen, Landschaftsverband

Westfalen-Lippe, Münster

1998. Diese Schrift ist auch Grundlage

der folgenden Ausführungen: Hömberg

Philipp R., Die Frühgeschichte S. 65 f., in:

Der Kreis (wie Anm. 3) und Der Kindelsberg

S. 139-141. Der Grabungstechniker

vom Westfälischen Museum für

Archäologie Matthias Delvart zum Alter

der Anlage: „Sie kann von 500 vor, aber

auch von 500 oder 1000 nach Chr. stammen“

(Siegener Zeitung 9. 9. 1989).

[18] Bingener (wie Anm. 6), S. 106 f.

[19] Petri Franz, Das Siegerland, Geschichte,

Struktur u. Funktionen, Münster 1955, S. 12.

Büttner, Heinrich, Christentum u. Franken

im Siegerland u. Westerwald in der Karolingerzeit,

in: Siegerland Band 32, 1955, S.1-8.

Philipp R. Hömberg, Die Frühgeschichte, S.

66, in: Der Kreis (wie Anm. 3).

[20] Das Nebeneinander der Erzbischöfe von

Köln und der Grafen von Nassau im

13. und frühen 14. Jahrhundert analysiert

Peter Johanek in seinem Beitrag „Die

Bergbausiedlung Altenberg - herrschaftliche

Verhältnisse im 13. Jahrhundert“ in

Altenberg (wie Anm. 6) Bd. 1, S. 15-20.

[21] Cohausen (wie Anm. 8), S. 148-150.

[22] Inzwischen wird das Wasser aus einem

Stollen der ehemaligen Grube „Gottessegen“

bei der Waldesruh zum Turm

gepumpt. Der Kindelsberg, Sage und

Wirklichkeit, Text von Dr. Wilhelm Müller

- Müsen, hg. v. SGV-Bezirk Siegerland

zum 75-jährigen Bestehen des Kindelsberg-Turmes,

Kreuztal 1982 S. 33-37.

[23] Scholl (wie Anm. 13), S. 13

31


100 Jahre Aussichtsturm

auf dem Kindelsberg

1893 - erste Turmbaugedanken

Zahlreiche konkrete Planungen seit 1904

Grundsteinlegung am 24. Mai 1906

Einweihungsfeier am 26. Mai 1907

Erneuerung der „Laterne“ 1929 und 1981

Erste Pläne für ein Rasthaus 1930

Drohender Verfall des Turms nach 1945

Neue Pläne für ein Rasthaus 1948

Einweihung des Rasthauses am 30. August 1953

Die Turmwirte

Der Turm im Dienste der Post

Bau einer Zufahrtstraße 1958

Erweiterung des Rasthauses 1968

Nicht realisierte Baupläne

Strom und Wasserversorgung in 618 m Höhe

Das Bedeutung der vier Wappen

Ende des 18. Jahrhunderts entstanden

in Deutschland die ersten Aussichtstürme,

deren Gestalt zunächst an mittelalterliche

Warten erinnerten. Später gab

es auch einfache Holz- und Eisenkonstruktionen.

Eine starke „Seh-Sucht“

und das Verlangen nach ungezähmter

Natur löste zu der Zeit einen regelrechten

„Aussichtsturm-Boom“ aus.

Auch der erstärkte Patriotismus nach

dem Sieg im Deutsch-Französischen

Krieg 1870/71 und die Gründung des

Kaiserreiches Deutschland förderten

diese Bewegung. Es entstanden damals

imposante Denkmäler, die nicht nur

100 Jahre Kindelsbergturm

von Dietmar Stahlschmidt

der Aussicht dienten, sondern auch

an die großen Tage der deutschen

Geschichte erinnern sollten, wie die

Kaiser-Wilhelm- und Bismarcktürme

[1].

Auch im Siegerland entstanden damals

einige Aussichtstürme und -kanzeln.

So wurde 1888 der Gilbergturm bei

Siegen-Eiserfeld errichtet, 1892 folgte

der Gillerturm in Hilchenbach-Lützel

und 1896 der Rabenhainturm bei Siegen-Volnsberg.

Von dieser Euphorie

waren jedoch nicht alle begeistert,

wie ein Bericht im Sauerländischen

Gebirgsboten [2] von 1905 belegt:

33


Die erste Anregung für einen Aussichtsturm

auf dem Kindelsberg kam

1893 vom Vorsitzenden der SGV-Abteilung

Krombach, Hermann Hambloch

[3-1906]. Anfangs waren noch andere

Standorte im Gespräch, wie Mühlberg,

Martinshardt und Hoher Wald.

Der 618 m hohe Kindelsberg war

schon im 19. Jahrhundert ein beliebtes

Ausfl ugziel und Ort für Veranstaltungen.

So fanden dort mehrere Sängerund

Turnfeste statt und seit den 1880er

Jahren gab es sogar einen Tanzplatz.

Zunächst blieb es jedoch nur bei

gedanklichen Plänen und erst im

Jahre 1904 wurde von den SGV-

Abteilungen Geisweid, Hilchenbach,

34

„Mit der sehr heiklen Frage der

Aussichtstürme werden wir uns noch

mehrfach zu beschäftigen haben.

Das eine hat sich indessen schon

jetzt unliebsam bemerkbar gemacht,

dass nämlich auf keinem Gebiete der

Landschaftsentstellung so schwere

Sünden aufzuzählen sind, als auf

diesem. Man sollte wirklich die

Augen offen halten und bei jeder

beabsichtigten Neuschöpfung die

Notwendigkeit und die etwaige Wirkung

eingehend prüfen.

Sind wir auf der einen Seite eifrig

bestrebt, den schlichten Charakter

unserer Landschaft mit ihren Bauten

zu erhalten, so können wir auf der

anderen Seite unmöglich tatenlos

zusehen, wie durch aufdringliche,

1893 - erste Turmbaugedanken

jeder inneren und äußeren Notwendigkeit

baren, Baulust diese Schlichtheit

gestört wird.

In den meisten Fällen handelt es

sich nur um die Befriedigung eines

persönlichen oder örtlichen Ehrgeizes

und um die Erschließung von Einnahmequellen,

die sich mehr oder

minder auf Erwerbung von Schankgerechtigkeiten

gründen und nur wenigen

zu gute kommen. Wir haben

angesichts der Turmseuche, die zur

Zeit in Deutschland grassiert, in

jedem Einzelfalle die Notwendigkeit

eines Aussichtsturmes zu prüfen,

wenn wir unsere Aufgaben nicht auf

die Erhaltung beschränken, sondern

auch auf die Verhütung ausdehnen

wollen.“

Grundriss des Ringwalls mit einem nach

Nordwesten liegenden Turnplatz - um 1900

entstanden [4]

Krombach und Siegen ein Ausschuss

gegründet, der sich für die Realisierung

einsetzte. Den Vorsitz übernahm

der Lehrer Hellmann aus Eichen.


Zahlreiche konkrete Planungen seit 1904

Am 29. Oktober 1904 war die erste Sitzung

des Turmausschusses im Gasthof

Kaletsch (heute Kreuztaler Hof) in

Kreuztal. Hier legte der Bauunternehmer

Eduard Burbach aus Krombach

den ersten Plan vor. Die Versammlung

sprach sich für einen mindestens

20 m hohen Turm aus Bruchsteinen

mit einer kleinen Schutzhütte und darunter

liegendem Keller aus. Gedacht

war an ein achteckiges Aussichtszimmer

mit vielen Fenstern und einem

Schieferdach. Martin Roedig, ein Mitglied

des Ausschusses, bevorzugte eine

Konstruktion aus Eisen und verhandelte

darüber mit der Firma Heinrich

Stähler, während Wilhelm Münker sich

beim „Schwäbischen Albverein“ über

einen Holzturm informieren wollte.

Bei der nächsten Sitzung einen Monat

später stellte sich die Frage, wie das

Projekt überhaupt zu fi nanzieren sei,

und der Hauptverein in Arnsberg

wurde um einen Zuschuss von rund

2.500 Mark gebeten. Eduard Burbach

legte einen neuen Entwurf vor und

wurde beauftragt, einen Finanzierungsplan

zu erarbeiten.

Im Januar 1905 verwarf man die Holzturmvariante,

denn man hatte erfahren,

dass die Lebensdauer höchstens

30-40 Jahre betrage. Ende März war

eine Ortsbesichtigung auf dem Kindelsberg

mit dem Grundstücksbesitzer

Heinrich Dresler. Neben der Klärung

des Turmstandorts stellte man fest,

dass die inzwischen 27 Jahre alte

„Kaiserlinde“ noch gesund war.

100 Jahre Kindelsbergturm

Bei der nächsten Versammlung im

Gasthof Heimbach in Siegen wurde

entschieden, einen aus Steinen gemauerten

Turm zu errichten. Eduard Burbach

sollte seine Pläne nochmals so

ändern, dass die Baukosten nicht höher

als 9.000 Mark lägen. Außerdem sollte

er Schürfarbeiten durchführen, da in

der Nähe des geplanten Standortes

Steine vermutet wurden, die als Baumaterial

verwendet werden könnten.

Als am 8. April 1905 der SGV-Hauptverein

in Hagen tagte und 2.500 Mark

für den Bau des Turmes bewilligte,

beschloss der Turmausschuss, einen

weiteren Antrag beim Kreis Siegen in

Höhe von 1.000 Mark zu stellen.

Erster Entwurf eines Turms auf dem

Kindelsberg von Eduard Burbach aus

Krombach - Vorbild war der Bergfried

einer mittelalterlichen Burg (Postkarte

von 1905 - Slg. Dieter Wörster)

35


Entwurf von Baurat Scheppig aus dem Bauschein vom 16. September 1905 [5]

36


Da die Schürfstelle noch nicht festlag,

schlug Friedrich Kraus, als Vertreter

von Heinrich Dresler, einen

Ortstermin in der Nähe des geplanten

Turmes vor. Nach Abschluss der

Schürfarbeiten - es stellte sich später

heraus, dass kein geeignetes Steinmaterial

zu fi nden war - sollte die

Ausschreibung der Bauarbeiten in

allen Zeitungen des Siegerlandes ver-

öffentlicht werden, und Burbach

wurde beauftragt, 1.000 Ansichtskarten

von seinem Entwurf zu bestellen.

Offensichtlich waren jedoch nicht alle

Beteiligten mit den Bauplänen einverstanden,

denn am 29. April 1905 empfahl

Pastor Achenbach aus Siegen,

sich bei der Turmform auf die historische,

gerundete Form der Wallanlage

am Kindelsberg zu beziehen. Die

Versammlung kam überein, dass ein

runder Turm wohl am eindrucksvollsten

sei. Es wurde ein engerer Bauausschuss

gewählt und das Projekt

fortan „Kindelsbergturm“ genannt.

Für die weitere Finanzierung wurden

ausgewählte Männer damit beauftragt,

Baugelder einzusammeln.

Der Turmausschuss entschied am 3.

Mai 1905, unbedingt noch ein Feuerbecken

auf der Turmspitze anzulegen.

Architekt Mucke aus Hagen, ein Mitglied

des Ausschusses, gab die Anregung,

im Schaftbereich einen runden

Querschnitt zu wählen, um die Standfestigkeit

des Mauerwerks zu verbessern.

Alle Bemühungen, die Wünsche

Muckes zu befriedigten, scheiterten

jedoch. Er stieg aus dem Projekt aus

und lehnte sogar das ganze Ausschreibungsverfahren

ab.

100 Jahre Kindelsbergturm

Die Vertreter der SGV-Abteilungen

Siegen und Geisweid bekamen nach

diesem Vorfall den Auftrag, die neue

Projektierung und die entgültige Bauleitung

an den Siegener Stadtbaurat

Scheppig mit folgenden Festlegungen

zu übertragen: Die Mindesthöhe des

Turmes bis zur obersten Plattform

müsse 22 m betragen (bei Burbach

waren es nur 17,50 m) und die Baukosten

dürften nicht über 10.000 Mark

liegen. Damit waren die zahlreichen

Entwürfe von Eduard Burbach und

die bereits fertig gedruckten Ansichtskarten

für die Mülltonne bestimmt.

Die neuen Pläne von Baurat Scheppig

wurden am 22. August 1905 auf einer

Sitzung des Bauausschusses in Siegen

vorgestellt und genehmigt. Man kam

überein, die Grundstücksverhandlungen

mit dem Eigentümer Heinrich

Dresler zum Abschluss zu bringen

und danach die Ausschreibung in

allen Zeitungen zu veröffentlichen.

Es gingen jedoch nur zwei Angebote

der Maurermeister Karl Klein aus

Dillnhütten und Heinrich Schneider

aus Dahlbruch ein.

Trotz der zahlreichen (vermutlich

unentgeldlichen) Arbeiten, die man

Eduard Burbach bereits zugemutet

hatte, entschied der Bauausschuss am

13. September 1905, den Bauunternehmer

noch nachträglich um die

Abgabe eines Angebotes zu bitten.

Mit Kosten von 7.350 Mark für die

Maurerarbeiten war es das günstigste

Angebot, so dass Burbach den Auftrag

erhielt und bereits drei Tage später

aufgefordert wurde, schnellstmöglich

mit den Bauarbeiten zu beginnen.

37


Grundsteinlegung am 24. Mai 1906

Noch niemals vorher hat wohl der

sagenumworbene Kindelsberg soviele

Menschen auf seinem Gipfel gesehen,

wie am gestrigen Himmelfahrtstage,

als es galt, den Grundstein zu dem

Aussichtsturm zu legen, der nun bald

aus luftiger Bergeshöhe den Wanderer

grüßen und anlocken wird. Aus

allen Teilen des Kreises strömten

bei dem herrlichen Maiwetter die

Menschen herbei, und namentlich

die verschiedenen Abteilungen des

Sauerländischen Gebirgsvereins, die

ja auch allen Grund hatten, das

freudige Ereignis zu würdigen, strebten

mit zahlreicher Beteiligung dem

Berge zu. Auch die Abteilung Welschenennest

war mit zahlreichen

Mitgliedern vertreten. Besonderer

Beachtung erfreute sich die Abteilung

Müsen, die mit einer Musikkapelle

an der Spitze erschien.

Vor dem letzten Aufstieg auf der

Burgholdinghausener Seite war Sammelpunkt,

von hier aus gingen die

verschiedenen Abteilungen unter Vorantritt

der Musik geschlossen zum

Gipfel, wo kurze Rast gemacht wurde.

Herr Wirt Katz aus Krombach hatte

für Verpfl egung reichlich Sorge getragen,

seine Getränke und Speisen

fanden auch lebhaften Absatz.

Nach einer kleinen Stärkung begab

man sich zu der Stelle, wo der Turm

errichtet werden soll, sie wurde durch

die schon etwa einen Meter hohe Fundamentmauer

angezeigt, in die der

Grundstein versenkt werden sollte.

Zu Beginn der Feier sprach Herr

Ingenieur Cupey, Geisweid, einen von

38

Fräulein Johanna Baltz gedichteten

schönen Prolog, worauf Herr Amtsgerichtsrat

Münter, Siegen, das Wort

zur Festrede ergriff. Der Redner

führte in seiner längeren poetischen

Ansprache aus, dass der künftige

Bau, der sich auf dem Kindelsberge

erheben würde in erster Linie der

Ermöglichung eines reinen Naturgenusses

dienen solle. Der Kindelsberg

sei ein Punkt nicht nur hervorragender

landschaftlicher Schönheit,

deren gäbe es viele, sein Wert

gewinne dadurch, dass das Land,

das zu seinen Füßen liegt, unser

Heimatland sei. Es sei ein Punkt, wo

Vergangenheit und Gegenwart sich

einander die Hand reichen. ....

Dann wurde eine kupferne von

Herrn Juwelier Roedig in Siegen

gravierte Tafel nebst anderem

Beiwerk in den Grundstein eingemauert,

worauf die Herren der

Bauleitung, die Vertreter der vier

Abteilungen des SGV, welche den

Bau übernommen, sowie der

Bezirksvorsitzende die üblichen drei

Hammerschläge taten, dann ereichte

der feierliche Akt nach einem Schlusswort

des Herrn Lehrers Hellmann

(Vorsitzender der Abteilung Krombach)

und dem gemeinsamen Gesang

des Liedes „Der Mai ist gekommen“

sein Ende.

Mit einer kleinen Nachfeier im Beinhauerschen

Saale in Kreuzthal, zu

der sich noch viele SGV Mitglieder

nebst ihren Damen eingefunden

hatten, wurde der Tag beschlossen.

SZ vom 25.05.1906


Die feierliche Grundsteinlegung, die

zunächst noch im Oktober stattfi nden

sollte, wurde auf Mitte Mai 1906 verschoben.

Man hatte nämlich inzwischen

festgestellt, dass das Guthaben

von 8.500 Mark zur Finanzierung der

Bauarbeiten nicht ausreichen würde,

und man genötigt war, die Sammlung

des Baugeldes auch bei auswärtigen

Siegerländern fortzusetzen.

Die Grundsteinlegung fand, auf Vorschlag

von Baurat Scheppig, an Himmelfahrt,

dem 24. Mai 1906 statt.

Die Bauarbeiten waren nicht nur anstrengend,

sondern auch gefährlich.

Auf primitiven Gerüsten baute man

den Turm in die Höhe. Die Steine

wurden in dem nahe gelegenen Stein-

bruch im Gebiet „Hohenstein“ auf

Littfelder Seite beim Bergbaustollen

„Quecksilberart“ abgebaut und per

Hand auf kleine, von Ochsen gezogene

Karren verladen, und über schlechte

Waldwege zur Baustelle gebracht. Die

Zugtiere blieben während der gesamten

Bauzeit auf dem Kindelsberg,

während die Arbeiter morgens bei

Wind und Wetter den Berg bestiegen

und abends den Heimweg ins Tal

antraten [3-1953].

Auf der Sammel- und Bauausschusssitzung

am 16. Juli 1906 wurde erstmals

Kritik am Ablauf der Bauarbeiten

laut. Herr Kurth beklagte, dass die

Maurerarbeiten zu langsam verliefen

und erst zwei Metern über den Sockel

hinaus seien. Bemängelt wurde auch

die schlechte Lagerung des Baumaterials.

Daneben wurde mitgeteilt,

dass die Arbeiten zur Errichtung der

100 Jahre Kindelsbergturm

Die in den Schlusstein versenkte

Platte trägt die Inschrift:

Der Kindelsbergturm wurde im

Jahre 1906 nach dem Entwurf des

Stadtbaurats Scheppig in Siegen

von Maurermeister Burbach in

Crombach erbaut. Der 22 Meter

hoch in Mauerwerk aufgeführte

Turm trägt oben eine Laterne mit

Feuerschale. Der Ausschuss für

den Turmbau bestand aus: Ing.

Cupey, Amtmann Ebberg, Otto

Eberhardt, Eduard Giesler, Regierungsrat

Grauhan, Apotheker Irle,

Direktor Klaus Leuckel, Wilhelm

Münker, Martin Roedig, Julius

Stahlschmidt. Die Grundsteinlegung

fand am 24. Mai 1906

statt. Die Festrede hielt Gerichtsrat

Münter. Im September 1906 soll

der Aussichtsturm vollendet sein

und seiner Bestimmung übergeben

werden. Der 1903 verstorbene 1.

Vorsitzende der Abteilung Crombach,

Hermann Hambloch, gab

1893 die erste Anregung zum Bau

des Kindelsbergturmes.

„Laterne“ an die Fa. Hinderthür aus

Siegen vergeben worden seien, die auch

die Kupferbekleidungen liefern werde.

Es folgte der Vorschlag, eine Stiftertafel

anzubringen, um die Förderer

des Turmgedankens, Hellman, Dresler

u.a., gebührend zu ehren. Es wurde

außerdem noch festgelegt, in 14 m

Höhe einen Balkon zu errichten und

an den vier Strebepfeilern Wappen der

Abteilungen, auf deren Initiative der

Turm errichtet wurde, anzubringen.

Das Ergebnis der Sammelaktion belief

sich inzwischen auf 11.400 Mark.

39


Dieser Betrag war jedoch bei weitem

noch nicht ausreichend und der Turmausschuss

stellte am 4. Oktober 1906

fest, dass allein der nackte Turm

etwa 12.000 Mark kosten werde. Die

geplante Veranda und die Schutzhütte

am Turmfuß wurden zusätzlich mit

4.000 Mark kalkuliert. Man kam

daher überein, nochmals in Siegen

und Weidenau Geld zu sammeln.

Die Erdarbeiten in der weiteren Umgebung

und die Anschaffung der

Feuerschale wurden zurückgestellt

und es sollten zunächst auch nur

die Fundamente von Schutzhütte und

Veranda hergestellt werden.

Ein halbes Jahr später, im April 1907,

teilte der Bau- und Finanzausschuss

mit, dass für die anstehenden Arbeiten

noch immer 2.500 Mark fehlten und

noch 500 Mark für bereits fertiggestellte

Arbeiten zu begleichen wären.

Einweihungsfeier am 26. Mai 1907

SZ vom 27.05.1907

Eine solche Menschenmenge hat

der Kindelsberg wohl noch nie auf

seinem sagenumwobenen Gipfel

gesehen wie gestern, wo es galt,

den von der Siegener, Geisweider,

Krombacher und Hilchenbacher

Abteilung des SGV gemeinsam

errichteten Aussichtsturm einzuweihen,

der gleichzeitig auch als Leuchtund

Feuerturm dienen soll, um an

patriotischen Gedenktagen aus der

noch anzubringenden Feuerpfanne

weithin sichtbare Flammen zum

Himmel emporlodern zu lassen.

40

Kindelsbergturm im Rohbau 1906 mit

einem einfachen Gerüst und einer Ochsenkarre

zum Transport von Baumaterial

und Wasser (Foto: Ernst Rothenberg)

Wie groß die Beteiligung an der

Feier war, mag daraus hervorgehen,

dass der in Siegen 1.40 Uhr

abgelassene Sonderzug und der kurz

darauf abfahrende fahrplanmäßige

Personenzug nicht imstande waren,

die Menschenmenge zu fassen, und

wer den Kindelsberg schon früher

bestiegen hatte, sah von allen Seiten

die Menschen in Scharen dem Gipfel

zustreben. Allzu leicht war der

Aufstieg bei dem heißen schwülen

Wetter nicht, und man war froh, dass

man nach Vergießung unzähliger


Schweißtropfen endlich den Gipfel

erreicht hatte, wo ein frischer Wind

die ersehnte Abkühlung brachte. Von

der Müsener, Littfelder, Krombacher

und Ferndorfer Seite nahten Trupp

auf Trupp, und schier endlos schien

der Strom der Menschen sich auszudehnen,

als die Abteilung Siegen

des SGV mit einer Musikkappelle

an der Spitze den Berg emporstieg.

Am Ziele angekommen, begann ein

wahrer Sturm auf die hier und

da errichteten Schankstellen und

Verkaufsstände für Esswaren, für

die reichlich gesorgt war. Die Hasbrauerei

in Krombach führte bei

dieser Gelegenheit einen neuen Stoff,

ihr sogenanntes Kindelsbergbräu, in

vorzüglicher Weise ein.

Nachdem Durst und Hunger gestillt,

wandte man sich der Besichtigung

des Turmes zu. Dicht bei der Linde,

die in dankbarer Erinnerung an

die Errettung Kaiser Wilhelm I.

aus Mörderhänden von patriotisch

gesinnten Siegerländern gepfl anzt

wurde, erhebt sich der aus Bruchsteinen

aufgeführte, schlanke Bau,

bis zu einer Höhe von 22 Metern

emporragend.

Ein überdeckter Rundgang nebst

kleinem Aufenthaltsraum für die Touristen

umgibt ihn am Fuße und

eine bequem zu ersteigende Treppe

führt zur Höhe, von der sich dem

Zuschauer ein Rundbild eröffnet, wie

es weit und breit nicht seinesgleichen

hat. Weht dem Beschauer oben der

Wind allzu sehr, so hat er Gelegenheit,

sich das Landschaftsbild etwas

tiefer im Turminnern durch Glasscheiben

zu betrachten.

100 Jahre Kindelsbergturm

Der Turm ist bekanntlich nach den

Plänen des Herrn Stadtbaurats

Scheppig aus Siegen errichtet, der

auch in dankenswerter Weise den

Bau leitete. Doch nicht allzu lange

konnte man sich der Beschauung des

Turmes widmen und seiner Bewunderung

über das in allen Teilen

gelungene Bauwerk Ausdruck geben,

denn schon verkündete ein Trompetensignal,

dass die Feier der Einweihung

beginnen sollte. An der oben

erwähnten Linde war eine kleine

Tribüne errichtet, von der Fräulein

Giesler aus Kreuzthal zunächst

einen von Fräulein Ewald in Hagen

gedichteten schönen Prolog in ausbruchsvoller

Weise und mit weit vernehmbarer

Stimme vortrug. Nach

einem Chorlied durch die vereinigten

Männergesangvereine aus

dem Amte Ferndorf unter Leitung

des Herrn Lehrers a. D. Becker

aus Ernsdorf nahm Herr Amtmann

Ebberg von Kreuzthal im Namen

des Bauausschusses zur Errichtung

des Turmes das Wort, um zunächst

den Erschienenen ein herzliches

Glückauf als Willkommgruß zu

entbieten. Er erwähnte dann die

Geschichte des Turmbaues und wies

darauf hin, wie der verstorbene Herr

Hermann Hambloch aus Krombach

schon früher sich um die Errichtung

eines Aussichtsturmes auf dem

Kindelsberg bemüht habe, weshalb

heute sein Name in Ehren genannt

werden müsse. Sei die Errichtung

eines solchen Bauwerks schon unter

gewöhnlichen Umständen mit

großen Geldopfern verknüpft, so

erst auf dem Gipfel eines schwer

zugänglichen Berges. Doch hätten

die vier Abteilungen des SGV mutig

41


das Werk begonnen, wenn sie auch

nicht in der Lage gewesen seien,

die Baukosten aus eigenen Mitteln

zu decken und deshalb sich andere

Quellen erschließen mussten. Der

Hauptverein des SGV, der Kreis

und die Stadt Siegen stifteten namhafte

Summen und Herr Rittergutsbesitzer

Dresler in Kreuzthal

habe das Baugelände kostenlos zur

Verfügung gestellt. Diesen und allen

anderen, die nach ihrem Können

und Vermögen zur Errichtung des

Turmes beitrugen, gebühre herzlicher

Dank, der aber in besonderer

Weise auch Herrn Baurat Scheppig

als Schöpfer des Baues gelte.

Nun stand der Turm also in voller

Größe da. Die Feuerschale, von der

Stadt Siegen gestiftet, war inzwischen

angebracht worden, und der Besucher-

andrang übertraf die Erwartungen bei

weitem. Seit der Einweihung waren

bis Ende Oktober 1907 rund 4.000

Turmkarten zum Preis von 20 Pfennigen

verkauft worden, Besucher an

Werktagen nicht gezählt [2-1907].

42

... Reicher Beifall folgte dieser Ansprache,

an die sich der gemeinsame

Gesang des Liedes „Der Mai ist

gekommen“ schloss. Nach weiteren

Liedervorträgen der Gesangsvereine,

des Siegener und des Hilchenbacher

Musikvereins unter Leitung des Herrn

Musikdirektors Werner aus Siegen,

war die schöne Feier beendet.

In Kreuzthal fanden in den Lokalen

von Kaletsch und Beinhauer Nachfeiern

statt, die beide von den Mitgliedern

der SGV-Vereine und ihren

Angehörigen gut besucht waren und

bei denen eine recht gehobene Stimmung

herrschte.

Theatervorführung

mit einem Modell des

Turms bei der Nachfeier

in Kreuztal am

26. Mai 1907 (Foto:

Slg. Günter Weller)

Weniger günstig bestellt war es aber

immer noch um die Baukosten, die

inzwischen 16.943,63 Mark betrugen.

Davon waren nämlich erst 14.000

Mark gedeckt, wie Baurat Scheppig

bei einer Sitzung im September 1907

in Kreuztal mitteilte. Die fehlenden

3.000 Mark konnten zunächst durch

Bürgschaften der Ausschuss-Mitglieder

bei der Sparkasse geliehen werden.


Oben: Nummerierte Postkarte als Eintrittskarte

zum Turmaufstieg von 1907.

Rechts: Postkarte von 1923

(Beide Slg. Dieter Wörster)

Beim Kreis Siegen beantragte man

nochmals von 1.000 Mark. Es war

nämlich noch zusätzlich geplant, in

der Nähe des Turmes eine Abort-

anlage (Toilettenhäuschen) zu errichten,

und einen Ofen, ein Fremdenbuch,

einen Ansichtskartenstempel sowie

eine sichere Sammelbüchse für die

Besucher an Werktagen anzuschaffen.

Außerdem sollte der Turm das ganze

Jahr über geöffnet sein und Sonntags

bewirtschaftet werden. Die Beteiligten

hofften, der Turm werde ein Wanderziel

ersten Ranges, und dass auch im

Winter Wanderer kommen würden.

100 Jahre Kindelsbergturm

1910 musste die Holzverschalung

des verglasten Aussichtsraum, der

„Laterne“, erneuert werden, nachdem

ein Freudenfeuer in der Feuerpfanne

auf das Holzwerk übergegriffen war.

Es stellte sich heraus, dass die

kupferne Pfanne undicht war. Bei der

Montage hatte man die riesige Schale,

in der am Geburtstag des Kaisers oder

am Sedanstag Teer oder Öl weithin

sichtbar verbrannt wurde, nämlich in

sieben Stücke zerlegen müssen und

auf der Turmspitze wieder zusammengenietet.

Die Reparatur kostete

400-500 Mark [6].

Mittlerweile hatte sich herausgestellt,

dass die Kosten des Turmbaus deutlich

höher lagen als ursprünglich kalkuliert.

Die Ausgaben beliefen sich

auf 21.329,92 Mark, davon allein

18.457,44 Mark für den Turm.

43


44

Die Mitglieder der SGV-Abteilungen

Geisweid, Hilchenbach, Krombach,

Müsen, Siegen und Weidenau wurden

verpfl ichtet, je 20 Pfennig in die

Turmkasse einzuzahlen. Erst fünf

Jahre später, am 20. September 1915,

konnte der Turmausschuss die frohe

Botschaft verkünden, dass man nun

endlich schuldenfrei war.

Die Obhut des Turms ging an die

SGV-Abteilung Krombach. Deren

Vorsitzender, Amtmann Ebberg, wurde

auch zum Vorsitzenden des Turmausschusses

bestimmt. Alle Unterlagen

des Turmbaus wurden dem Archiv

der Siegerländer Bücherei in Kreuztal

übergeben [5].

Turm mit der Schutzhütte um 1910-1915

(Foto: Slg. Gerhard Bald)

Erneuerung der „Laterne“ 1929 und 1981

Die Freude über den Turm sollte nicht

sehr lange währen. Schon 1929 stellte

man fest, dass die „Laterne“ durch

Witterungsfl üsse stark gelitten hatte.

Am 10. November 1929 waren sich

die Mitglieder und der Vorsitzende

des SGV-Bezirks Siegerland, Amtsgerichtsrat

Schneider darüber einig,

dass unbedingt ewas getan werden

müsse. Es sollten Kostenvoranschläge

für eine Sanierung eingeholt werden.

Ungeklärt war damals auch immer

noch, wem das Grundstück, auf dem

der Turm mittlerweile stand, gehöre.

Turm mit der neuen „Laterne“ in den

1930er Jahren (Foto: unbekannt)


Am 20. Februar 1930 wurde bei

einer Sitzung im Krombacher Gasthof

Hambloch mitgeteilt, dass die ein-

gegangen Sanierungsangebote nicht

brauchbar seien. Daraufhin sah Amts-

gerichtsrat Schneider die vollständige

Änderung der geplanten Baumaßnahme

vor. Die Plattform sollte nun

ganz beseitigt werden und stattdessen

eine neue achteckige „Laterne“

angebracht werden.

Der Turm bekam schließlich eine neue

runde „Laterne“ aus Beton, die von

der Firma Katz aus Krombach für

6.000 Mark gebaut wurde [5].

50 Jahre später war auch die zweite

„Laterne“ inzwischen so baufällig,

dass sie vollständig erneuert werden

musste. Ende September 1981 wurden

Turmrundgang und Antennenanlagen

abmontiert und kurz darauf die neue

„Laterne“ mit Hilfe eines Schwerlastkrans

aufgesetzt. Sie hatte ein

Gewicht von 23 Tonnen und bestand

aus Fertigbetonteilen.

Bei diesen Baumaßnahmen wurde

auch der Turmrundgang erneuert und

die Antenne mit den Fernsehumsetzern.

Die Baukosten lagen bei rd.

500.000 DM, wovon 70.000 DM vom

SGV zu tragen waren. Die Deutsche

Bundespost hatte die restliche Summe

zu zahlen.

Im Frühjahr 1982 wurde der Turm

dann wieder für die Öffentlichkeit

freigegeben [3-1981 und 1982].

Demontage der „alten Laterne“ und die

„neue Laterne“ im Herbst 1981 (Fotos:

Slg. Dieter Wörster und Günter Weller)

100 Jahre Kindelsbergturm

45


Erste Pläne für ein Rasthaus 1930

1930 wollte der Kreuztaler Verkehrs-

verein den Kindelsbergturm attraktiver

gestalten. Der neu errichtete

Aussichtsturm „Hohe Bracht“ bei

Altenhundem hatte es den Mitgliedern

angetan und ganz besonders das abgerundete

Gaststättengebäude, dass bis

zu 500 Besucher aufnehmen konnte

[7]. Was auf der „Hohen Bracht“ realisiert

worden war, müsse doch auch

auf dem Kindelsberg möglich sein,

und die Gemeinden rund um den

Berg könnten von einem Tourismusmagneten

sehr profi tieren, war die

übereinstimmende Meinung.

Am 28. August 1933 beriet man unter

Vorsitz von Amtsbürgermeister Dr.

Moning über das Vorhaben. Der in

Ferndorf wohnende Architekt Karl

Meckel, ein Mitglied des Verkehrsvereins,

entwarf ein dreigeschossiges

Ansichten der Entwürfe von Karl Meckel

von Dezember 1933 und Januar 1938 [8]

46

Begleitschreiben von Karl Meckel

... Die Ausführung könnte entweder

massiv in Bruchsteinen, die an Ort

und Stelle zu brechen wären, oder

in Fachwerk beiderseits mit Leichtbauplatten

bekleidet und verputzt,

oder in ausgemauertem Fachwerk

außen verschindelt, oder in reinem

Holzbau erfolgen. ....

Die Gemeinden „rund um den Kindelsberg“

denke ich mit als Träger

des Unternehmens und für die

Finanzierung Anteilscheine auszugeben

in verschiedenen Preislagen,

die niedrig verzinst und gelegentlich

ausgelost werden. Außerdem sollen

alle Firmen des Siegerlandes Baustoffe

umsonst zur Verfügung stellen.

Der Arbeitsdienst wäre ebenfalls

einzuspannen für die Autostraße,

Parkplatz und alle Erdbewegungen.

... Möge das Jahr 1934 die

Ausführung bringen. Ich bin bereit,

mich restlos dafür einzusetzen.


Entwurf Karl Meckel von Dezember 1938 - Perspektive der größeren Variante [8]

Gebäude in zwei unterschiedlichen

Größen mit Baukosten von 35-39.000

RM. Dies war jedoch deutlich zu teuer

und Meckel musste seine Pläne auf

zwei Stockwerke reduzieren.

Anfang 1934 holte Meckel detaillierte

Angebote von Handwerksbetrieben

aus Krombach, Kreuztal und

Ferndorf ein, mit dem Ergebnis, dass

sich die Baukosten auf 29.832 RM

summierten. Hierbei schlugen die

außergewöhnlich hohen Transportkosten

ganz besonders zu Buche.

Der SGV stand den Plänen skeptisch

gegenüber. Zum einem hielt man

die Finanzierung für nicht gesichert

und wollte den Bezirk Siegerland,

als Eigentümer des Turmes, nicht

100 Jahre Kindelsbergturm

nochmals fi nanziell belasten und zum

anderen befürchtete man, dass durch

den Bau von Straße und Gaststätte den

Wanderern die Stille der unberührten

Natur für immer genommen werde.

Einige Jahre später machte der Verkehrsverein

einen erneuten Anlauf

und Architekt Meckel präsentierte im

Januar 1939 abermals überarbeitete

Entwürfe. Auf der Bezirkstagung des

SGV im Mai 1939 trug Dr. Moning

nochmals die Argumente für den Bau

einer Gaststätte vor.

Die anhaltenden Bedenken des SGV

und der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges

im September ließen dann

jedoch weitere Debatten zu diesem

Thema nicht mehr zu.

47


Drohender Verfall des Turms nach 1945

Kleinere Schäden hatten sich im Laufe

der Zeit vergrößert, da im Zweiten Weltkrieg

keine Reparaturen ausgeführt

worden waren und die Wehrmacht den

Turm für ihre Zwecke rücksichtslos

benutzt hatte. Zwar wurde 1947 das

Schutzgeländer der obersten Plattform

repariert und am Turmeingang eine

neue Eisentür eingebaut, jedoch war

eine Generalüberholung des Turmes

unbedingt notwendig.

Eingang zu Turm und Schutzhütte in den

1930er Jahren (Foto: Slg. Günter Weller)

Neue Pläne für ein Rasthaus 1948

Im Dezember 1948 erörterte man die

Idee, die inzwischen übel zugerichtete

Schutzhütte zu erweitern und ihr den

Charakter einer attraktiven Raststätte

48

Um das stolze Wahrzeichen des Siegerlandes

der Nachwelt zu erhalten,

versammelten sich am 5. Dezember

1948 alle „rund um den Kindelsberg“

beheimateten SGV-Abteilungen im

Hotel Münker in Kreuztal, um nach

Mitteln und Wegen gegen den weiteren

Verfall des Turmes zu suchen. Ein

neuer Bauausschuss, unter Vorsitz von

Karl Klein aus der Abteilung Krombach,

wurde gewählt. Man inspizierte

den Turm und nahm dabei alle feststellbaren

Schäden auf.

für Wanderer zu geben. Heinrich Beier

aus der SGV Abteilung Kreuztal/Ferndorf

erhielt den Auftrag, einen Bauplan

mit Kostenvoranschlag anzufertigen.


Am 12. Februar 1949 wurde erstmals

über seinen Entwurf gesprochen. Vorgesehen

war ein verputzter Rundbau

aus Hohlblocksteinen mit einem Sockel

aus Bruchsteinen. Dem geplanten Ausbau

des Dachgeschosses mit Schlafräumen

wurde nicht zugestimmt.

Zur Deckung der Baukosten sollten

wie schon zuvor Haussammlungen im

Kreis Siegen durchgeführt werden, insbesondere

bei heimischen Geschäften

und Industriebetrieben. Im Mai 1949

waren 5.638 DM zusammen, was die

Erwartungen aber nicht erfüllte. Der

Bauunternehmer Hoffmann aus Eichen

hatte nämlich auf Grundlage der Pläne

von Heinrich Beier einen Kostenvoranschlag

über 35.000 DM vorgelegt.

Beier überarbeitete die Pläne, doch

das Geld reichte auch dafür noch

nicht. So erhielt dann der Bauunter-

nehmer Hoffmann den Auftrag, eine

neue Zeichnung zu erstellen. Das

Bauamt Kreuztal fühlte sich dabei

jedoch übergangen und verwarf die

Pläne. Daraufhin nahm der Turmbausschuss

Kontakt mit Kreisbaurat

Simony auf, und auch dieser arbeitete

im September 1950 einen Entwurf

aus. An der Westseite des Turmes

war ein großer, offener Unterbau mit

Abortanlage vorgesehen und darüber

eine Fachwerkkonstruktion mit Holzverschalung.

Mit der Begründung, dass auch für

diesen Vorschlag die Herstellungskosten

zu hoch seien, verwarf man

jedoch auch diese Pläne und wandte

sich schließlich an den Architekten

Richard Schumacher aus Littfeld. Auf

100 Jahre Kindelsbergturm

der Sitzung am 19. März 1951 stellte

Schumacher sein Konzept vor. Das

geplante Gebäude im Blockhausstil

mit Bruchsteinsockel fand die volle

Zustimmung der Versammelten.

Die Forstbehörde und die Haubergsgenossenschaften

von Kreuztal und

Ernsdorf erhoben jedoch unerwartet

Einspruch, da sie von dem zu erwartenden

Wanderzustrom Waldschäden

befürchteten. Auch die Jagdpächter

wiesen auf eine Beeinträchtigung des

Wildbestandes hin.

Aus diesem Grunde fand am 7. April

1951 eine Besprechung im Landratsgebäude

in Siegen statt. Neben Heinrich

Schürmann und Robert Schleifenbaum

vom Turmbauausschuss, waren

Landrat Büttner, Oberkreisdirektor Dr.

Moning, Amtsdirektor Sonntag, die

beiden Haubergsvorsteher Schäfer und

Bub, sowie von der Forstbehörde Sorg

und Nölting anwesend. Die Bedenken

der Forstbehörde konnten entkräftet

werden, jedoch die Argumente der

Haubergsvorsteher entbehrten jeder

sachlichen Grundlage, waren sie doch

der Meinung, dass der Alkoholaus-

schank und Übernachtungsmöglichkeiten

auf dem Kindelsberg zur Entsittlichung

der Jugend führen werde.

Die Finanzierung bereitete nach wie

vor große Probleme, denn sowohl der

Hauptverein des SGV als auch der

Kreis Siegen hatten ihre jeweils

zugesagten 1.000 Mark noch nicht

gezahlt. Die Werbeaktion bei der heimischen

Industrie war kein großer

Erfolg gewesen, so dass sie wiederholt

werden musste. Dabei wurden über

49


700 Firmen angeschrieben. Außerdem

sollte nochmals und stärkter geworben

werden, um auch dem letzten Heimatfreund

klar zu machen, wie ernst

die Lage war.

Trotz aller Widrigkeiten wurden die

Bauarbeiten Ende April 1951 begonnen.

Die Baumaterialien mussten mit

Schleppern über die Waldwege zur

Baustelle gebracht werden. Weder

moderne Baumaschinen noch große

Lastwagen konnten dabei eingesetzt

werden, da es noch keine Straße gab.

An Stelle der Schutzhütte wurde nun

das 11,00 x 6,50 m große Rasthaus

gebaut. Der baufällige Balkon am

Turm wurde abgebrochen und nicht

erneuert. Die Maurerarbeiten führte

das Bauunternehmen Hoffmann aus

Eichen aus und die Zimmerei Kolb aus

Ferndorf errichtete das Blockhaus. Das

Eichener Walzwerk lieferte kostenlos

die Bleche zur Dachdeckung von Rasthaus

und Turmrundgang. Die Handwerker

bezogen eine Baracke und

blieben während der Bauzeit auf dem

Kindelsberg, um sich die täglichen

Märsche zu ersparen. Am 13. Juli 1951

wurde unter großer Beteiligung der

Bevölkerung das Richtfest gefeiert.

Leider musste man feststellen, dass

auch die zweite Werbeaktion wenig

Resonanz hatte. Diesmal waren lediglich

3.000 DM eingegangen. Vom

Kultusministeriums standen noch

zugesagte 1.000 DM aus. Die SGV

Mitglieder wurden erneut um Spenden

gebeten. Als der SGV-Hauptverein

der Bitte um fi nanzielle Unterstützung

nicht entsprach, war man so verbit-

50

tert, dass sogar über einen Austritt

des Siegerlandes nachgedacht wurde.

Schließlich bot jedoch der Kreisausschuss

seine Hilfe an.

Am 30. Mai 1952 fand in Krombach

eine Sitzung statt, bei der es wieder um

Geld ging. Die Firmen Kolb und Hoffmann

hatten zusammen noch 5.413,93

DM zu bekommen, es standen aber

nur noch 700 DM zu Verfügung.

Also sollte nochmals eine Haussammlung

erfolgen und geklärt

werden, wo das Geld vom Kreis

blieb. Dr. Guthmann, der Vorsitzende

des SGV-Hauptvereins, sagte

überraschenderweise Unterstützung

in Höhe von 2.000 DM zu. Mangels

Geld sollten jedoch vorerst keine Bauaufträge

mehr vergeben werden, so

dass der Innenausbau ruhte.

Die schon lange offene Frage, wer

Eigentümer des Turmgrundstücks sei,

konnte geklärt werden: Es war die

SGV-Abteilung Siegen.

Da das Geld des Kreises zu lange auf

sich warten ließ, nahm man schließlich

bei der Krombacher Brauerei ein Darlehen

in Höhe von 3.000 DM auf.

Mitte Juli 1953 bewilligte der Kreisausschuss

5.000 DM und das Amt

Ferndorf gab 2.000 DM. Der Innenausbau

war nun gesichert und das

Mobiliar für die Einrichtung konnte

bei der Burbacher Stuhlfabrik bestellt

werden. Anstelle der Übernachtungsräume

für Wanderer im Dachgeschoss,

wurde eine 2-Zimmerwohnung für den

Turmwirt errichtet.

Die Gesamtbaukosten lagen schließlich

bei rund 88.000 DM.


Einweihung des Rasthauses am 30. August 1953

Am 30. August 1953 war es soweit.

Das neue Rasthaus wurde eingeweiht.

Architekt Schumacher dankte allen

am Bau Beteiligten und besonders den

Handwerkern für ihren Einsatz unter

Verzicht auf einen Teil ihres Lohns.

Der SGV-Bezirksvorsitzende Dr. Irle

nahm den Schlüssel des Hauses ent-

gegen und sprach sich ganz besonders

dafür aus, dass das Blockhaus

eine Raststätte in der Stille der Natur

und keine Gaststätte in üblichem Sinn

sein solle. Die zukünftige Hauptaufgabe

des SGV liege vor allem

darin, die Jugend in das Reich der

Naturschönheiten zu führen, damit

sie dort Kraft schöpfen und innerlich

erstarken könne. Der Vorsitzende der

SGV-Abteilung Krombach, Bürger-

Der Silberglanz eines Spätsommertages

lag über der Bergwelt des

Siegerlandes, als gestern Nachmittag

Wanderfreunde in großer Zahl dem

Gipfel des Kindelsberges zustrebten,

um der Feier des Sauerländischen

Gebirgsvereins zur Einweihung des

neuerbauten Rasthauses am Fuße

des Kindelsbergturmes beizuwohnen.

Nicht nur die Jugend war von

nah und fern auf Schusters Rappen

gekommen, sondern vor allem auch

die alten, hochbetagten Getreuen

des SGV, die seit Jahrzehnten mit

Leib und Seele der Wanderbewegung

zugehören und in glühender

Liebe zu ihrer Siegerländer Heimat

bis in die Gegenwart hinein ihre

100 Jahre Kindelsbergturm

meister Burbach, übernahm den

Schlüssel mit dem Versprechen, dass

Haus in diesem Sinne zu verwalten

und Wanderfreund Wilhelm Münker

sprach von den Idealen der SGV-Bewegung.

Er wandte sich mit Nachdruck

gegen das Vordringen des Motors auf

Wanderwegen und die Auswüchse der

Reklame. Seine Botschaft war:

Locket die Wanderer in Feld und Flur,

führet die Menschen zurück zur Natur!

Die Einweihungsfeier wurde vom

Musikverein Müsen, der MGV „Eintracht“

Krombach und der Musikgruppe

Oberfi schbach begleitet und

klang mit dem gemeinsam gesungenen

Deutschlandlied aus:

Bannerträger geblieben sind. Mit

dem ehrwürdigen „Bergfrieder“

Jakob Henrich und Wanderfreund

Wilhelm Münker, dem Mitbe-

gründer des Jugendherbergwerkes

und der Naturschutzbewegung,

fanden sich viele andere Veteranen

des SGV mit dessen junger Mannschaft

zu einer Feier auf dem Kindelsberg

zusammen, durch die ein

unter mancherlei Schwierigkeiten

vollendetes Werk gekrönt wurde -

ein Bauwerk, das allzeit Kunde

geben wird von dem Opfergeist

der Gemeinschaft seiner Träger in

harter Nachkriegszeit.

SZ vom 31.08.1953

51


Oben: Raststätte mit Turm um 1955

Unten: Männer der ersten Stunde 1957 (Fotos: Slg. Günter Weller)

52


Die Turmwirte

Der Turm wurde anfangs von ehrenamtlich

tätigen Personen betreut. Ihre

Aufgabe war es, nicht nur das Umfeld

in Ordnung zu halten, sondern auch

an Sonn- und Feiertagen die Wanderer

mit dem Ausschank von Getränken in

der Schutzhütte zu versorgen. Zwar

konnte mit dem Verkauf von ein paar

Flaschen Bier oder Schnäpsen kein

größes Geschäft gemacht werden,

jedoch war so mancher, der von Littfeld,

Krombach, Ferndorf oder Müsen

den steilen Weg zum Gipfel geschafft

hatte, dankbar dafür, sich ein wenig

erfrischen zu können. Die Getränke

wurden im Turm unter der Wendel-

treppe in einer kühlen, abschließbaren

Kammer gelagert.

1907 übernahm zunächst August Dittmann

aus Krombach diese Aufgabe

und von 1910 bis 1942 Emil Schöler.

Bis 1953 folgte Turmwirt Oskar Röcher

aus Eichen. Mangels Übernachtungsmöglichkeiten,

mussten die Wirte bei

jeder Witterung zum Turm hinauf

bzw. ins Tal hinabsteigen [6].

Nach der Einweihung des neuen Rasthauses

am 30. August 1953, übernahm

die Tochter vom Oskar Röcher, Berta

Edelhoff, mit ihrem Mann Herbert die

Turmbewirtschaftung. 1963 wollte der

SGV-Bezirk Siegerland die Raststätte

nicht mehr in eigener Regie betreiben

und der Wirtschaftsbetrieb wurde an

die Krombacher Brauerei vermietet. Im

Oktober 1963 fand unter dem Pächter

Erich Bäcker die Wiedereröffnung statt.

Zwei Jahre später lösten ihn Willi und

100 Jahre Kindelsbergturm

Hanni Kiel ab. Das Pachtverhältnis

endete am 31. Dezember 1970. Eine

3-monatige Zwischenzeit überbrückte

Erich Merte und am 1.April 1971 über-

nahmen die neuen Pächter Karl-Heinz

und Rosemarie Palauschek die Gastronomie,

die sie 35 Jahre lang leiteten.

Neu im Team der Kindelsbergraststätte

sind seit November 2006 Willi

und Natascha Münker (geb. Palauschek),

die die Geschäftsleitung übernommen

haben. Ansonsten bleibt

jedoch alles weitgehend wie zuvor.

Die Raststätte am Kindelsbergturm

war in der Vergangenheit und ist auch

heutzutage ein sehr beliebtes Ausfl

ugsziel, das von vielen Besuchern

der näheren und weiteren Umgebung

regelmäßig erwandert oder angefahren

wird.

Willi und Natascha Münker, Karl-Heinz

und Rosemarie Palauschek - im Oktober

2006 (Foto: Willi Münker)

53


Kindelsberg-Team und Einblicke in die Kindelsberg-Raststätte (Fotos: Katrin Stein)

54


Der Turm im Dienste der Post

Eine neue Ära für den Turm begann

kurz nach der Einweihung des Rasthauses

1953, als die Deutsche Bundespost

mit dem Plan an den SGV-Bezirk

Siegerland herantrat, den Aussichtsturm

zu einer Richtfunkrelaisstation

für den Telefonverkehr auszubauen.

In den SGV-Abteilungen wurde dies

lebhaft diskutiert. Viele der alten

Wanderfreunde hatten Bedenken, das

Gebäude „aus der Hand“ zu geben.

Sie befürchteten eine Zweckentfremdung

und Verschandelung durch die

Umbauten. Andere jedoch erkannten,

dass ein Vertrag mit der Post die

fi nanziellen Sorgen um die Erhaltung

des Wahrzeichens für absehbare Zeit

lösen würde [6].

Langwierige Verhandlungen zwischen

der Oberpostdirektion Dortmund,

dem Fernmeldeamt Siegen und der

Turmkommission führten schließlich

zu einvernehmlichen Plänen und die

Post erklärte sich bereit, auch die

Kosten zur Erneuerung und Vergrößerung

der oberen Plattform zu

übernehmen. Im Juli 1956 wurde

ein langfristiger Vertrag geschlossen,

womit der Bestand des Turms auf

absehbare Zeit gesichert war.

Anfang Dezember 1956 begannen die

Bauarbeiten trotz des hereinbrechenden

Winters. Da immer noch keine

befestigte Zufahrtsstraße existierte,

mussten die Einzelteile, die zum Teil

ein Gewicht von 3 Tonnen hatten,

mit Schleppern über unwegsame

Waldwege zum Turm heraufgebracht

100 Jahre Kindelsbergturm

werden. Ein großes Problem war auch

die fehlende Stromversorgung, denn

zum Betrieb der Relaisstation war

eine 10.000 Volt Leitung erforderlich.

Dies konnte aber durch großzügige

Unterstützung des Elektrizitätswerks

Siegerland (EWS) und des Kreises

Siegen gelöst werden. Die Stahlkonstruktion

mit einem Gesamtgewicht

von 20 Tonnen wurde von der Siegener

A.G. Geisweid (SAG) hergestellt.

Die Arbeiten kamen gut voran und

am 12. Januar 1957 wurde in Anwesenheit

der Herren von der Post, des

Kreises Siegen, des Amtes Ferndorf

und des SGV das Richtfest gefeiert.

Im März 1957 ging die Richtfunkrelaisstation

in Betrieb [3-1957].

Nun konnten Selbstwählfernverbindungen

verstärkt ausgebaut werden.

Die Linie Siegen-Düsseldorf verlief

über die Stationen auf Kindelsberg

und Ölberg im Siebengebirge. Um

den Kindelsberg erreichen zu können,

musste auf dem Fernmeldeamt Siegen

(heute Museum für Gegenwartskunst)

ein zehn Meter hoher Mast mit Parabolspiegel

errichtet werden.

Im August 1958 errichtete die Post

am Fuße des Turms ein Betriebs-

gebäude für die Unterbringung von

Richtfunkgeräten. Die alten Räumlichkeiten

im Turmrundgang waren hierfür

nicht mehr groß genug. Der Bau

wurde mit Natursteinen verkleidet und

passte sich dem Charakter des Turmes

an. Das Flachdach wurde als Terrasse

genutzt [3-1958].

55


Eine zweite Richtfunkstrecke zwischen

Siegen und Dortmund entstand

1959. Sie führte vom Fernmeldeamt

Siegen zum Kindelsberg, weiter über

Nordhelle bis zum Fernmelde- und

Aussichtsturm „Florian“ in Dortmund

[3-1959]. Der Kindelsberg war der erste

Fernsehumsetzer im Versorgungsbereich

der Kreise Siegen, Wittgenstein

und Olpe [9]. Außerdem wurden noch

Sendeanlagen für den Rundfunk und

die Deutsche Bundesbahn installiert.

Im Laufe der Zeit waren die technischen

Anlagen immer wieder modernisiert

worden. Durch den Bau einer Anlage

auf der Eisernhardt bei Siegen war der

Kindelsberg als Richtfunkrelaisstation

jedoch bedeutungslos geworden.

Für das erste Mobilfunknetz (A-Netz)

wurde dann eine Funkstation eingerichtet,

die später auch für das C-Netz

56

und als Rundfunkempfangsstelle mit

AM TV Richtfunk für das Kabelnetz

in Kreuztal und Müsen genutzt wurde.

Bis heute werden vom Turm die

WDR Hörfunkprogramme 1-4 sowie

das ZDF und WDR Fernsehen gesendet.

Neben Anlagen der Deutschen

Bahn AG und Mannesmann Mobilfunk

wird er als Funkfeststation für

T-Mobil D1, den digitalen Richtfunk

und als Relaisstelle für Zubringerleitungen

mehrerer T-Mobil Funkfeststationen

genutzt.

Zur Verbesserung des Empfangs baute

der WDR im Herbst 1995 unterhalb

des Kindelsbergs einen 72 m hohen

Funkturm mit einem zweigeschossigen

Betriebsgebäude. Im März 1996

ging die neue Anlage in Betrieb und

sendet das WDR Hörfunkprogramm 5

und das ARD Fernsehen [9].

Links: Raststätte mit Turm um 1964

(Foto: Karl Friedrich)

Rechts: Der neue Funkturm im Jahr 2006

(Foto: Albrecht Rath)


Das neue Aussehen des Turmes

erfreute jedoch nicht alle, was ein

Leserbrief in der Siegener Zeitung vom

1. Juni 1957 zum Ausdruck bringt.

Leiden eines Turmes

„Auf dem Kindelsberg stand ein

hoher, schlanker Turm und sein Blick

schwebte frei über die Berge und die

Wolken. Da kamen Menschen, die

sahen den Turm und sprachen: „Seht

doch, wie kahl er ist! Wir wollen

ihn schmücken!“ Sie legten ihm

zuerst einen dicken, schweren Gürtel

um den Leib und steckten allerlei

Zierstücke daran, die wie riesige,

rötliche Blumen aussahen.

Der Turm schien sich anfangs über

die kostbare Gabe zu freuen, doch

bald kamen ihm Zweifel, ob der

Ring seinem Wuchs auch angemessen

wäre, und er sah ein wenig misstrauisch

auf die Spender hinab. Die

aber setzten ihm dazu einen vornehmen

Hut mit breitem Rand auf, der

die gleichen runden Blüten trug wie

der Gürtel und noch ein paar zierliche

Federn dabei. Der Turm wäre durch

diesen stolzen Putz versöhnt gewesen,

wenn er nicht zu einem Vogel

aufgeblickt hätte, der gerade über

seinen Kopf wegfl og. Jetzt merkte er,

dass die neue Würde ihn ein großes

Stück Himmel kostete und er wurde

unwillig über die Gäste.

Aber sie hatten ihm noch mehr zu verehren.

„Nun auch etwas Nützliches!“

meinten sie. „Er wird in seinen Jahren

nicht mehr gut sehen können: eine

Brille muss er haben!“ - „Wer weiß“,

dachte der Turm, „ob sie nicht recht

haben?“, war‘s zufrieden, als man

sich beim letzten Dämmerlicht um

100 Jahre Kindelsbergturm

seine Augen bemühte und schloss sie

für die Nacht getrost zu. Doch als

er sie beim ersten Drosselruf erwartungsvoll

aufschlug, entsetzt erstarrte

er da: in Stücke zerschnitten war das

Land, der Himmel in eckigen Kästen

zerteilt, schwarze Ritzen durch Wälder

und Wolken, verzweifelt presste er

die Lider wieder zusammen. „Das

hätten sie mir nicht antun dürfen!“

Und er wurde zornig auf die Besucher

von gestern, die nun in glücklichen

Schlummer lagen, lächelnd in Gedanken

an ihre schönen Gaben, den

Gürtel, den Hut und besonders die

vorzügliche Brille aus dicht gefügten,

dauerhaften Drahtmaschen.

Weil der Turm aber sein Geschick

nicht ändern konnte, schmolz sein

Zorn in Schwermut. Er wusste nicht,

wozu er noch auf dem Berg stand und

wäre am liebsten umgefallen, um im

dunklen Walde zu liegen, wo das Licht

ihn nicht mehr durch die Gitterstäbe

träfe. Doch er war zu fest am Boden

angewachsen und so blinzelt er seitdem

nur noch ab und zu durch die

traurigen Augenlider und zählt die

grämlichen Tage.

Neulich fand ein Freund ihn in seinem

Unglück. Der wollte ihm gern helfen.

Aber er kann nichts tun, als den

anderen Freunden des Turms diese

Leiden berichten und hoffen, dass die

großherzigen Spender bald ein Einsehen

haben und wenigstens das ungeschickteste

Geschenk, die Drahtbrille,

ohne Groll zurücknehmen. Die anderen

Zierden wird er dann in Geduld

tragen, denn er ist nicht eitel, aber

die Freiheit seiner Augen geht ihm

über alles, dem Turm auf dem Kindelsberg,

für den er hier spricht.“

57


Bau einer Zufahrtstraße 1958

Zur Unterhaltung der Richtfunkstation

hatte die Deutsche Post großes

Interesse am Bau einer Straße, die

auch mit schweren Messfahrzeugen

befahrbar war [3-1958].

1958 realisierte das Amt Ferndorf

mit dem Kreis Siegen und der Post

eine drei Kilometer lange Straße von

„Remmidemmi“ am Kindelsberg

Ehedem war der Kindelsberg in

seiner ganzen beachtlichen Höhe von

618 Metern eine Hochburg der Wanderfreunde.

... Aber die „Nebenwirkungen“ ließen

nicht lange auf sich warten. Übel

Nummer 1: Zu jeder Tages- und

Nachtzeit brausen wildgewordene

Mopedfahrer, aber auch Auto- und

Motorradbesitzer mit ihren Fahrzeugen

über die ansonsten so stillen und

vor allem nicht öffentlichen Wege

rund um den Turm. Übel Nummer

2: Nachdem die anfangs so zünftige

Raststätte schon seit längerem durch

den Pächter mit dem Dekor von

Coca-Reklamen und ähnlichen Kinkerlitzchen

verbrämt worden war,

Die Situation veranlasste den SGV-

Bezirksvorsitzenden Dr. Lothar Irle

eine gesonderte Sitzung im November

1960 einzuberufen, an der auch der

Pächter der Raststätte, Herbert Edelhoff,

teilnahm. Dieser erläuterte, wie

schwierig es sei, den Turm zu unterhalten

und die Raststätte im Sinne

des SGV zu führen. Besonders bei

Massenanstürmen an Festtagen oder

58

Littfeld bis zum Kindelsbergturm

mit einem Parkplatz auf dem Sattel

zwischen Birkhahn und Kindelsberg.

Nun konnte der Turm also auch per

Auto angesteuert werden, was dazu

führte, dass die Zahl der Besucher

deutlich stieg. Diese Entwicklung

wurde schon bald kritisiert wie ein

Leserbrief dokumentiert:

ist jetzt in dem Blockhaus eine in

allen Regenbogenfarben leuchtende

„Musicbox“ aufgestellt worden, aus

der beileibe keine Wanderlieder

tönen. Übel Nummer 3: Immer

häufi ger hört man Klagen über eine

Art von Feiern in dem Lokal, die man

nur mit dem volkstümlichen Wort

„Remmidemmi“ umschreiben kann.

Die Folgen sind unterschiedlich.

Echte Wanderenthusiasten meiden

seit längerem die Stätte des

Halbstarkentums. Die Gemeinde

Littfeld hat bisher offenbar vergeblich

gegen das quäkende „corpus

delicti“ protestiert. Der SGV, so

hört man, will bald was unternehmen.

Na, hoffentlich!

SZ vom 23.09.1960

bei Schulwanderungen sei es problemtisch,

Raststätte und Umgebung sauber

zu halten und die Kundschaft zufrieden

zu stellen. Auch betonte er, dass es

keine feuchtfröhlichen Feste gebe und

keine anstößigen Musikstücke in der

Musikbox seien. Edelhoffs Vorschlag,

die Raststätte zu einer Gaststätte

umzubauen, erhielt keine Antwort,

denn hier lag der Kern des Problems:


Der Aufenthaltsraum am Turm war

nämlich weder eine Hütte im Sinne

des Alpenvereins mit einem fest

verpfl ichteten Hüttenwart noch eine

Gaststätte, die nach ökonomischen

Gesichtspunkten bewirtschaftet wurde.

Es wurde darüber diskutiert, ob eine

Befahrung des Weges von Littfeld

zum Parkplatz unterhalb des Turmes

gestattet werden solle und wie man zu

dem geplanten Straßenausbau stehe.

Erweiterung des Rasthauses 1968

Der Besucherandrang wurde jedoch

stetig größer und so kam es immer

öfter vor, dass unangemeldete Gäste

abgewiesen werden mussten oder vor

verschlossenen Türen standen.

1967 beauftragte man den Architekten

Walter Jung aus Littfeld mit der Ausarbeitung

von Plänen für eine sinnvolle

Erweiterung. Auf der Jahreshauptversammlung

im März 1968 bewilligte

der SGV-Bezirk Siegerland die Pläne

von Jung und Statiker Dieter Bur-

100 Jahre Kindelsbergturm

Das Amt Ferndorf beabsichtigte

damals nämlich, den Weg als zweispurige

Kreisstraße auszubauen und

sie in Ferndorf oder in Müsen enden zu

lassen. Während einige für die Sperrung

der Straße waren, sprachen sich

andere dafür aus, den Kraftverkehr bis

zum Parkplatz generell zuzulassen und

sich nicht gegen einen zwangsläufi ge

Entwicklung zu stemmen. Die Sitzung

endete ohne Beschluß [SZ Nov. 1960].

Parkplatz am Kindelsberg (Foto: Dietmar Stahlschmidt)

bach aus Krombach. Vorgesehen war

ein zweigeschossiges Gebäude quer

zum bestehenden Rasthaus in Massivbauweise

mit einer Holzverschalung

ähnlich wie am Altbau und einem

Giebel in Bruchsteinmauerwerk.

Neben einer großzügigen Erweiterung

des Gastraums, sollte die Küche in

den Neubau vorlegt werden, und im

Keller war eine moderne Toilettenund

Heizungsanlage geplant [3-1968].

59


Von der Eröffnungsfeier am 28. August 1969 berichtete die Siegener Zeitung:

„Ein dichter Nebelschleier verhängte

gestern morgen den Blick der Festgäste,

die sich sehr zahlreich zur

Einweihungsfeier des Erweiterungsbaues

der Kindelsbergraststätte eingefunden

hatten. Aus der Rasthütte

vergangener Tage ist ein schmucker

Berggasthof geworden. Die Zeit ist

vorbei, in der die SGV-Raststätte

Besucher abweisen musste, weil die

Platzverhältnisse nicht ausreichten.

... Wie Bürgermeister Neef in seinem

Grußwort betonte, habe die bürgerschaftliche

Initiative einen bedeutenden

Markstein in der Entwicklung

des Fremdenverkehrs „Rund um den

Kindelsberg“ geschaffen.

Zunächst begrüßte der Bezirksvorsitzende

des SGV, Engels, die Ehrengäste,

unter ihnen der Bundestagsabgeordnete

Botho Prinz zu Sayn-Witt-

60

Im Spätsommer begannen die Bauarbeiten.

Die Littfelder Firmen Gebr.

Reimann und Robert Bald erhielten

den Zuschlag für die Rohbau- und

Zimmerarbeiten [6]. Das Richtfest

wurde am 14. Oktober 1968 gefeiert.

Das Dachgeschoss wurde erweitert,

so dass dort eine vollständige Wohnung

eingerichtet werden konnte. Den

Innenausbau führte die Schreinerei

Schleifenbaum aus Littfeld aus.

Im Gastraum zwischen dem Alt- und

Neubau sind noch heute zwei Fenster

des ersten Rasthauses zu erkennen.

Der Kindelsbergturm mit Gaststätte in

den 1970er Jahren (Foto: Karl Friedrich

- Slg. Günter Weller)

genstein, Frau Edith Langer (MdL),

Bürgermeister Vitt (MdL), Kreisdirektor

Forster, Stadtdirektor Röller,

Superintendent Dilthey, sowie Vertreter

der Forstverwaltung, des Hau-

bergsvereins, des Krombacher Verkehrsvereins

und Mitglieder des

Hotels- und Gaststättenverbandes

und der Turmkommission. Sie alle

gingen in einem Grußwort auf die

geleistete Arbeit ein und zeigten sich

begeistert über die rustikale Raumausstattung.

...

Im Anschluss an die Grußworte über-

reichte Bezirksvorsitzender Engels

zwei Hauptakteuren des Kindels-

bergs, den Wanderfreunden Robert

Schleifenbaum und Heinrich Schmidt,

für ihre langjährige Verdienste je

einen Haubergsknipp mit Lohschäler

und einen Mäckes. ...


Nicht realisierte Baupläne

Der Gedanke, die Raststätte nochmals

zu vergrößern und einen Hotelbetrieb

einzurichten, wurde nicht verwirklicht.

Der SGV wollte nämlich kein Nobelhotel,

sondern eine rustikale Raststätte

für Wanderer und Ausfl ügler, die ihre

Beine nicht nur zum Gasgeben, sondern

noch zum Laufen zu gebrauchen

wussten und denen das Rauschen der

Wälder und der weite Blick über die

Gipfel der Berge noch ein Sonntagserlebnis

war [6]. Hergestellt wurde

lediglich noch 1990 ein Küchen- und

1996 ein Terrassenanbau.

100 Jahre Kindelsbergturm

Auch das vom Krombacher Verkehrsverein

geplante Skigebiet auf dem Kindelsberg,

mit Talstation in der Nähe

des Sägewerks Bald in Littfeld und

Bergstation zwischen Parkplatz und

Turm wurde nicht realisiert.

Ski- und Sessellift hätten eine Länge

von 1,2 km gehabt, und bei guten

Schneeverhältnissen wäre am Nordosthang

eine Abfahrt von über 2 km

Länge entstanden. Die Kosten für

dieses Projekt lagen jedoch zwischen

650 und 700.000 DM [3-1970].

Strom und Wasserversorgung in 618 m Höhe

Seit der Eröffnung des Turmes 1907

gab es lange Zeit weder Strom noch

Trinkwasser. Als das Rasthaus am

30. August 1953 seiner Bestimmung

übergeben wurde, bekam es vermutlich

einen Stromanschluss. Das Wasser

wurde jedoch weiterhin von naheliegenden

Quellen hinaufgetragen. Sie

lagen etwa 300 m unterhalb auf Littfelder

Seite und bei der „Waldesruh“

auf Ferndorfer Seite. Es wurde jedoch

zunehmend problematisch, eine ständig

wachsende Gastronomie ohne Trinkwasseranschluss

zu betreiben [6].

Im „Ernsdorfer Stollen“ an der „Waldesruh“

war gutes Wasser entdeckt

worden, das genutzt werden konnte.

Nach einigem Hin und Her zwischen

der Bergbauverwaltung, der Gemeinde

Ferndorf und den Eigentümern der

„Waldesruh“, ging dort im November

1955 die erste Pumpe hinter einer neu

erbauten Staumauer mit einer 375 m

langen Druckleitung bis zum Turm in

Betrieb. Dadurch war nicht nur die

Wasserversorgung der Raststätte gesichert,

sondern auch die neue Toilettenanlage

[3-1955].

Als die Zufl üsse aus dem Stollen für

die Versorgung des vergrößerten Gasthauses

nicht mehr ausreichten, musste

man zusätzlich auf das Wasser der

kleinen Grube „Gottessegen“ an der

„Waldesruh“ zurückgreifen. Arthur

Crevecoeur aus Ferndorf hatte die

Zufl üsse aus dem Stollen jahrzehntelang

gemessen und eine Menge von

fast 10 m³ täglich bzw. 3.600 m³ pro

Jahr festgestellt. Ab Juli 1970 wurde

die Grube von Arthur und Rolf Crevecoeur

mit ihren Helfern aufgewältigt,

aber erst im August 1975 konnte das

20 m tiefe Gesenk im hinteren Teil des

Stollens leer gepumpt werden.

61


„Grube Gottessegen“ an der Waldesruh

im Jahr 2006 (Foto: Dietmar Stahlschmidt)

Im Oktober 1976 baute der SGV

mit vielen Helfern die Wasserleitung

zum „Ernsdorfer Stollen“, die Mitte

Februar 1977 fertiggestellt wurde. Im

März ging die neue Tauchpumpe dann

in Betrieb. 1996 beschädigten Einbrecher

sie so stark, dass sie ersetzt

werden musste [10].

Nun galt es, auch endlich das Entsorgungsproblem

zu lösen, denn nach

unzureichender Klärung versickerten

die Abwässer in den unterhalb liegenden

Waldstücken - eine Zumutung

für die Waldbesitzer und zunehmende

Gefährdung der Umwelt. Der Turmausschuss

beriet 1982 über den Bau

einer modernen Kläranlage. Man holte

sich Rat bei Fachleuten und beriet über

die Kostenvoranschläge einschlägiger

Firmen; wollte und konnte man doch

nicht noch mehr Schulden machen.

62

Die erst kürzlich erneuerte „Laterne“

hatte 70.000 DM gekostet und das

Darlehen dafür war noch nicht abgetragen.

Es musste jedoch eine Lösung

gefunden werden, die der geltenden

Abwasserverordnung entsprach. Zunächst

war von einer mechanischen

Kläranlage für ca. 15.000 DM die

Rede, doch schließlich wurde 1984

eine vollbiologische Kleinkläranlage

gebaut, die 49.500 DM kostete. Die

Stadt Kreuztal und die Krombacher

Brauerei gaben Bauzuschüsse von je

10.000 DM [3-1985].

Schon wenige Jahre später stellte sich

heraus, dass die Kläranlage wegen

der gestiegenen Besucherzahlen und

bei gleichzeitig nicht kontinuierlichem

Abwasseranfall zunehmend mit Problemen

arbeitete. Nach eingehender

Prüfung und in Abstimmung mit

den zuständigen Fachbehörden wurde

vereinbart, einen Anschluss an die

städtische Abwasserleitung in der

„Dallnstraße“ in Ferndorf herzustel-

len. SGV, Untere Landschaftsbehörde

und die Waldgenossenschaften legten

eine Trasse durch das Gelände der

Haubergsgenossenschaften Ferndorf

und Kreuztal fest.

Die Arbeiten wurden Anfang 1992

von der Fa. Hagen & Co. aus Siegen

durchgeführt. An den Baukosten von

etwa 150.000 DM beteiligte sich die

Stadt Kreuztal mit rd. 50.000 DM.

Das Abwasser wird seitdem in einem

Schacht gesammelt, einer Pumpstation

zugeführt und danach in einer

2.150 m langen Druckleitung bis zum

städtischen Kanal geleitet [3-1992].


Das Geheimnis der vier Wappen

Nur wenige kannten bislang die vier

Reliefplatten aus Tuffstein mit der

Darstellung von Stadtwappen an den

Strebepfeilern des Kindelsbergturms.

Sie waren 1906 auf Anregung des

Siegener Stadtbaurats Scheppig angebracht

worden. Es handelt sich um

die Wappen der Städte Siegen und

Hilchenbach und der damals noch

selbstständigen Gemeinden Krombach

und Geisweid. Aus diesen vier Ortschaften

kamen die SGV-Abteilungen,

die den Bau des Turms maßgeblich

vorangetrieben haben.

Im Laufe der Zeit waren die Platten so

stark verwittert, dass sie im Jahr 2006

komplett restauriert werden mussten.

Die Kosten von 6.745 € trugen der

SGV-Bezirk Siegerland (rd. 50 %),

die Stadt Kreuztal, das Westfälische

Amt für Denkmalpfl ege und das Land

Nordrhein-Westfalen [11/3-2006].

Das Wappen der Gemeinde Geisweid

zeigt einen Luppenschmied mit Zange.

Das alte Hilchenbacher Stadtwappen

mit dem heiligen Vitus, der wachend

zwischen zwei gezinnten Türmen auf

einer Mauer steht und eine Kirchen-

fahne hält. Seit 1911 trägt das Hilchenbacher

Wappen einen goldenen Wolf

auf blauem Grund [12].

Von oben: Restauratoren unter Leitung von

Dipl. Restauratorin Karen Keller aus Köln

beim Einbau der Hilchenbacher Reliefplatte,

und die Platten mit den Wappen von

Geisweid und Hilchenbach - im August

2006 (Fotos: Dietmar Stahlschmidt)

100 Jahre Kindelsbergturm

63


Die restaurierte Reliefplatte mit dem

Wappen von Krombach (Foto: Dietmar

Stahlschmidt) und eine Abbildung des

Siegener Wappens [14]

64

Das Krombacher Wappen trägt noch

heute eine Glocke. Dabei soll es sich

zum einem um eine „Gnadenglocke“

handeln, die laut Sage von einem

Schweinehirten am Fuße des Kindelsberges

gefunden wurde, und zum

anderen steht die Glocke symbolisch

für das Jahr 1000. Es ist überliefert,

dass Krombach damals eine Glocke

mit den Buchstaben A und M besaß,

was „Anno Millesimo“ (= im Jahre

1000) bedeutet [13]. Das Wappen am

Turm trägt nur das M und ist wahrscheinlich

eine künstlerische Interpretation

von Sage und Wirklichkeit.

Vom Wappen der Stadt Siegen ist am

Turm nicht mehr viel zu erkennen,

und eine Sanierung war wegen dem

Anschluss des Vordachs an dieser

Stelle nicht möglich. Daher ist das

Siegener Wappen hier in anderer

Form abgebildet. Dargestellt ist die

jahrhundertelange Doppelherrschaft

in Siegen mit dem Erzbischof von

Kurköln und dem Nassauischen

Löwen [14].


Literatur

[1] KLEINMANNS Joachim: Schau ins

Land - Aussichtstürme, Jonas Verlag,

Marburg 1999

[2] Sauerländischer Gebirgsbote:

„Der Kampf gegen Aussichtstürme“,

Jg. XIII Nr. 5, Mai 1905;

„Der Kindelsbergturm“, 1907

[3] Archiv der Siegener Zeitung (SZ):

* Bau des Turmes

25.05.1906, 19.07.1906, 27.05.1907

* Nicht veröffentlichter Bericht über den

Kindelsbergturm vom Baubeginn bis

zur Jetztzeit - 10.04.1953

* Bau der Raststätte

14.07.1951, 31.08.1953

* Richtfunkrelaisstation

1957: 09.01., 14.01., 01.06., 13.06.;

06.08.1958, 17.01.1959

* Bau der Zufahrtstraße

26.02.1958, 22.10.1960, 22.11.1960

* Erweiterung der Raststätte

1968: 26.03., 28.05., 15.10.;

20.08. u. 29.08.1969

* „Wintersportparadies am Kindelsberg

mit Sessellift“ - 21.08.1970

* Erneuerung der „Laterne“

01.10. u. 08.10.1981, 09.02.1982

* Ver- und Entsorgung der Raststätte

10.11.1955, 06.04.1985, 10.10.1992

* Bau des WDR-Sendemast

13.05., 21.11. u. 24.11.1995

* „Steinerne Zeugen wieder ansehnlich“

14.11.2006

[4] Frühe Burgen in Westfalen, Heft 13,

Der Kindelsberg, Hrsg.: Altertumskomission

für Westfalen, Münster 1998

[5] Archiv der Stadt Kreuztal:

Protokolle des Turmausschusses zur

Errichtung des Kindelsbergturmes von

1904-1930, Ges. Werke vom Kindelsberg

von Erich Schmidt, Ordner 36

100 Jahre Kindelsbergturm

[6] Der Kindelsberg - Sage und Wirklichkeit.

Ein Rückblick auf die Geschichte

des Berges und Turmes von Dr. Wilhelm

Müller, Müsen. Hrsg. SGV-

Bezirk Siegerland zum 75-jährigen

Bestehen des Kindelsbergturmes,

Kreuztal 1982

[7] TRÖPS Dieter: Festschrift zum

50-jährigen Bestehen des Aussichtsturms

auf der Hohen Bracht, Schriftenreihe

des Kreises Olpe, Heft 1, Olpe

1980

[8] Unterlagen des Architekten Karl Meckel

zum Bau einer Gaststätte auf dem

Kindelsberg 1933 u. 1938 - zur Verfügung

gestellt von Wolfgang Meckel

[9] WILTRAUT Horst: Nicht öffentlicher

Entwurf über die Funktechniken der

Deutschen Bundespost und der Deutschen

Telekom AG (heute T-Com) auf

dem Kindelsberg

[10] Aufzeichnungen im Hüttenbuch der

Waldesruh und mündliche Angaben

von Rolf Creveceur 2006

[11] KELLER Karen, Dipl. Restauratorin:

Restaurationsbericht, Köln 09.08.2006

[12] Archiv der Stadt Hilchenbach:

Bericht: „Wappen der Stadt Hilchenbach

mit Wappenbeschreibung“.

[13] ENGELBERT Hermann: Hinterhüttsche

Chronik: „Die sprechende Glocke

vom Kindelsberg. Eine Legende“

Kreuztal 1994

[14] WEBER Friedrich Dr.: Stadtführer

Siegen, Hrsg.: Gesellschaft für Stadtmarketing

Siegen e.V., Siegen 2002

65


Kaiserlinde erhielt Windeln

Auf der Kuppe des Kindelsberges in

618 m ü.NN steht etwa 8 Meter nordöstlich

des Kindelsbergturmes eine

Sommerlinde. Sie wurde 1878 aus

Anlass eines misslungenen Attentates

auf Kaiser Wilhelm I. gepfl anzt und

„Kaiserlinde“ genannt [1]. Vermutlich

wird man damals, um eine sofortige

optische Wirkung zu erzielen, eine

wenigstens 5-jährige Pfl anze verwendet

haben. Im Spätsommer 2006 wäre

die Linde danach 134 Jahre alt.

66

von Alfred Becker und Martin Sorg

Die Wuchsbedingungen sind offensichtlich

nicht sehr gut, denn die Linde

weist derzeit mit nur 12,2 m eine für

ihr Alter ungewöhnlich geringe Höhe

auf. Selbst auf schlechten Standorten

sollte eine 130 Jahre alte Linde nämlich

eine Mindesthöhe von 24 m haben

[2]. Dagegen liegt der Durchmesser

in Brusthöhe mit 49 cm deutlich über

dem erwarteten mittleren Durchmesser

von 30 cm eines gleich alten Lindenbestandes.

In den Jahren vor 2004

kränkelte die Linde zusehens.

Sie hatte immer

weniger Feinreisig, entsprechend

eine schüttere,

sehr transparente Krone

und wies mehrere Stammwunden

auf, die zum Teil

bereits mit Epiphyten, wie

z.B. Ahornkeimlingen, besiedelt

waren.

Daher machte man sich in

der SGV-Abteilung Ferndorf-Kreuztal

zunehmend

Sorgen um die Kaiserlinde

und erkundigte sich nach

den Ursachen der Erkran-

kung und Schwäche sowie

nach möglichen Therapiemaßnahmen.

Die Kaiserlinde

Mitte Mai 2004


Schadensursache

Eine Besichtigung im Frühjahr 2004

ergab, dass die Hauptursache der Wachs-

tumsschwäche wie auch der Degenerationserscheinungen

im Kleinstandort

der Linde zu suchen ist. Insbesondere

ist es die Kuppenlage und das harte,

sehr nährstoffarme, kaum verwitterte

Ausgangsgestein („Gedinne“ = quarzitischer

Sandstein) mit wenig Lehmanteilen

und sehr geringer Wasserkapazität

[3]. Bezeichnenderweise musste das

zum Bau des Kindelsbergturmes benötigte

Wasser mit Ochsenkarren auf

den Berg geschafft werden [4].

Die Folgen dieser klein-

standörtlichen Verhältnisse

sind Wasserstress und

Nährstoffmangel für den

Baum, zumindest in den

Trockenperioden des Sommers.

Hinzu kommen wahrscheinlich

Kälteschäden

durch trocken-kalte Winde

oder Strahlungsfröste im

Winter sowie Ast- und

Kronenbrüche infolge von

Raureif, Eisanhang und

Schneelast. So bleibt es

schließlich nicht aus, dass

sich parasitische Organis-

men auf den geschwächten

Baum stürzen.

Die Kaiserlinde

am 23. Juli 2006

100 Jahre Kindelsbergturm

Die geringe Baumhöhe ist in erster

Linie eine Folge der geringen Leistungskraft

des Standortes. Zusätzlich

kann eine periodische Kürzung der

Baumlänge durch Kronenbrüche

infolge Reif- und Eis-Anhangs, möglicherweise

auch eine - durch Menschen

veranlasste - Kürzung zwecks Sanierung

vorangegangener Kronenbrüche

mit ursächlich sein.

Dieser Befund wurde Prof. Dr. Lelley

von der Gesellschaft für angewandte

Mykologie und Umweltstudien sowie

einem Sachverständigen für Mykorrhiza-Anwendung,

Dr. Kutscheid, beide

67


in Krefeld, vorgetragen. Es war klar,

dass die widrigen Standortverhältnisse,

insbesondere das Risiko von Winter-

schäden, kaum nachhaltig geändert

werden konnten. Aber eine allgemeine

Kräftigung des Baumes sollte helfen,

entstandene Schäden schnell und dauerhaft

zu regenerieren.

Therapie

Dr. Kutscheid empfahl ein ganzes

Paket von Maßnahmen zur Verbesserung

der bodenkundlichen Verhältnisse

des Standortes und zur physiologischen

Stützung der schwächelnden Linde:

Durch Einbringen von Humat in den

Oberboden im Umkreis der Linde

sollte die Nährstoff- und Wasserversorgung

des Baumes verbessert werden.

Das Eingraben von „Stockosorb“ sollte

ebenfalls eine bessere Wasserversorgung

gewährleisten. Es handelt sich

dabei um eine organische Kohlenstoff-

Verbindung, die ein Vielfaches ihres

Volumens an Wasser speichern und in

Trockenzeiten wieder abgeben kann.

Außerdem wurden der Linde zwei

Mykorrhiza-Impfungen verordnet. Als

Mykorrhiza bezeichnet man die innige

Verbindung von Pilzfäden mit Pfl anzenwurzeln,

die für beide Partner

nützlich ist. Man nennt solche Verbindungen

zum beiderseitigen Vorteil auch

„Symbiosen“. Der Vorteil für die Pilze

liegt in der Versorgung mit Zucker

durch die Pfl anzen, z. B auch Bäume;

der Vorteil der Bäume besteht darin,

dass der Pilzpartner mit seinem ausge-

dehnten Pilzfäden-System hervorragend

zur Wasser- und Nährstoff-Ver-

68

sorgung beiträgt, für die Bäume giftige

Substanzen ausfi ltriert und parasitische

Organismen abwehrt [5]. Man unterscheidet

zwischen Ektomykorrhiza und

Endomykorrhiza. Bei ersterer umspinnen

Pilzfäden die Feinstwurzeln der

Bäume und dringen nur wenig in die

Wurzelrinde ein. Bei der Endomykorrhiza

dringen die Pilzfäden tief in die

Wurzelzellen der Wirtspfl anzen ein und

sorgen dort für einen Stoffaustausch.

Die einzelnen Baumarten bevorzugen

bestimmte Pilz- und Mykorrhiza-Arten.

Unter den Pilzarten gibt es besonders

leistungsfähige und verträgliche Rassen

oder Stämme. Diese werden inzwischen

künstlich kultiviert und mit unterschiedlichen

Methoden an die Wurzeln

von Partnerpfl anzen angeimpft.

Die Sanierung erkrankter Waldbestände

durch Mykorrhiza wurde in den

1980er und 90er Jahren im Auftrag

des Umweltministeriums in Düsseldorf

erfolgreich erprobt [6]. Im Siegerland

wurde die ca. 650 Jahre alte Bäreneiche

bei Niederholzklau, die nach

einem Blitzschlag erheblich erkrankt

war, u.a. durch Mykorrhiza-Impfung

sichtbar saniert [7].

Auf diesen Erfahrungen aufbauend,

wurde auch für die Linde am Kindelsberg

eine Mykorrhiza-Behandlung

empfohlen, und zwar mit einem

selektierten Ektomykorrhiza-Stamm

für Laubbäume und mit einem ausgewählten

Endomykorhiza-Stamm.

Die Fa. Kutscheid lieferte alle benötigten

Materialien, die von der SGV-

Kreisgruppe bezahlte wurden. Am 18.

Mai 2004 führten Mitglieder der SGV-


Abteilung Ferndorf-Kreuztal die Impfungen

unter Leitung von Karl-Heinz

Spies durch.

Die Kaiserlinde ist von einem kreisförmigen,

schmiedeeisernen Schutzzaun

von 4 m Durchmesser und 2,85 m

Höhe umgeben. Innerhalb des Zaunes

ist der Boden offen und locker (Baumscheibe).

Ein 20-30 cm breiter Ring

außerhalb ist ebenfalls unbefestigt. Die

weitere Umgebung ist mit Asphalt versiegelt.

Etwa 5 m östlich der Linde

beginnt unbefestigter Waldboden.

Der Ring schien für die Impfungen

besonders geeignet zu sein, da hier die

meisten Feinwurzeln der Linde vermutet

wurden. Tatsächlich wurden bei vorsichtiger

Anlage von 12 ca. 10 cm tiefen

Löchern Feinwurzeln freigelegt und je

zur Hälfte mit 125 ml Endo- bzw. Ektomykorrhiza-Impfstoff

bedeckt. Weitere

19, ebenso tiefe, Löcher wurden mit

je 0,8 l einer Mischung aus 1 Teil

Stockosorb und 30 Teilen Torf verfüllt.

Auf der Baumscheibe wurden weitere

20 Löcher mit einer Stockosorb-Torf-

Mischung versehen. Hier wurden auch

Reste der Mykorrhiza-Impfstoffe ausgestreut

und eingearbeitet. Im nahe

gelegenen Waldboden wurden weitere

3 Löcher von 15 cm Tiefe mit je 0,8

l Stockosorb-Mischung versorgt. Alle

Schürfstellen wurden mit insgesamt 12

Gießkannen (ca.120 l) einer Mischung

von je 40 ml Humat und 10 l Wasser

getränkt und abschließend mit anstehendem

Boden verfüllt. Der Kindelsberg-

Wirt wurde gebeten, die Baumscheibe

und den Ring in den nächsten Monaten

von Zeit zu Zeit kräftig zu wässern.

100 Jahre Kindelsbergturm

Schematischer Lageplan der Kaiserlinde.

Der Erfolg der Maßnahmen war jedoch

keineswegs sicher. Einige Jahre zuvor

hatte nämlich eine Impfung mit Bärentrauben-Mykorhiza-„Depotpfl

anzen“

wenig oder gar keine Wirkung gezeigt.

Daher wurde vorsorglich, für den Fall

des Ablebens der Kaiser- linde, etwa

16,5 m südöstlich des Baumes eine

vierjährige, ca. 1,3 m hohe Sommerlinde

gepfl anzt und mit Impfstoff und

Stockosorb-Mischung versorgt.

Ausheben der Impfl öcher

69


Einpfl anzen der „Ersatzlinde“

Erfolge

Im Laufe des Sommers 2004 zeigte

sich die wasserspeichernde Wirkung

des Stockosorb zunächst auf unangenehme

Art und Weise. An den Impfstellen

quoll eine weißliche, glibberige

Masse aus dem Boden, die beim

Kindelsberg-Wirt und seinen Gästen

für Aufregung sorgte. Der Verfasser

versicherte daraufhin die Unschädlichkeit

des Präparates und empfahl,

die Stellen mit Torfmull abzudecken.

Dies war offensichtlich erfolgreich.

Später berichtete Dr. Kutscheid, dass

es sich bei dem Präparat Stockosorb

um ein ähnliches Substrat handele, wie

es auch in Einmal-Windeln verwendet

wird, um möglichst viel Flüssigkeit

zu binden. Die Kaiserlinde war also

-unbewusst- „gewindelt“ worden.

70

Wie erfolgreich das „Windeln“ jedoch

war, zeigte sich im Sommer 2006.

Trotz erheblicher Niederschlagsdefi -

zite in den Monaten Juni und Juli (70

bzw. 71% des Normalniederschlages)

[8], die zu deutlichen Trockenschäden

hätten führen müssen, schien die Linde

voll belaubt und überwiegend satt

grün. Lediglich 5-10 % der Blätter,

konzentriert auf einzelne Zweigsysteme,

wiesen Vergilbungserscheinungen

auf, vermutlich durch vorzeitiges

Trockenheits-Altern.

Ein auffälliger Trockenast ragte nach

Südsüdosten; er war aber schon 2004

vorhanden. Bei einer Besichtigung am

29. September 2006 zeigte sich, dass

die Linde inzwischen etwa 30 % ihres

Sommerlaubes abgeworfen hatte, eine

für diese Jahreszeit bei Linden nicht

ungewöhnliche Rate. Es zeigte sich

auch, erst durch den Laubverlust sichtbar

werdend, dass inzwischen große

Mengen gesunden Feinreisigs gebildet

worden waren. Ein Zeichen für

die gesteigerte Vitalität des Baumes.

Außerdem war auffällig, dass die

Belaubung auf der dem Wetter

abgewandten Seite der Kronenhälfte

deutlich dichter war, als auf der

südwestlichen Kronenseite.

Es ist, bei allem Vorbehalt, festzustellen,

dass die im Jahr 2004 durchgeführten

Maßnahmen und die seitdem

auch regelmäßig durchgeführte

Bewässerung wohl erfolgreich waren.

Der Gesundheitszustand der Kaiserlinde

hat sich nicht weiter verschlechtert.

Im Gegenteil, er ist sogar deutlich

verbessert.


Blick auf die Krone der Kaiserlinde Ende

September 2006 - zu sehen sind große

Mengen gesunden Feinreisigs

Sollte sich dieser Trend auch im

Jubiläumsjahr 2007 fortsetzen, kann

dann wohl von einem vollen Erfolg

gesprochen werden.

Schließlich bleibt zu empfehlen, die

Kaiserlinde noch von einigem Ballast

zu befreien. Gemeint sind die toten

Teile älterer Äste, die für den Baum

wertlos sind. Dagegen haben die

stammnahen, lebenden Teile solcher

Äste große Mengen gesunden Feinreisigs

gebildet und damit den Aufbau

einer im Ganzen gesunden

Ersatzkrone begonnen.

Alle Abbildungen von Alfred Becker.

100 Jahre Kindelsbergturm

Literatur:

[1] KRÄMER, Erhard: Der Kindelsberg,

Bergmassiv und Wallburg, Siegerland,

Blätter des Siegerländer Heimat- und

Geschichtsvereins e.V., Bd. 83/ Heft 1,

2006, S. 3-12

[2] LANDESANSTALT für Ökologie, Landschaftsentwicklung

und Forstplanung

NRW, Hrsg.: Hilfstafeln für die Forsteinrichtung,

zusammengestellt für den

Gebrauch im Land NRW, 2. erw. Aufl .,

1980, S. 3 i.Vbdg. m. Seiten 32-36

[3] GEOLOGISCHES LANDESAMT

NRW: Geologische Karte von Nordrhein-Westfalen

[4] DEUTSCHES JUGENDHERBERGS-

WERK, Hrsg.: Weg-Weiser und Wanderer,

Wilhelm Münker, ein Leben für

Heimat, Umwelt und Jugend, Detmold,

Druck d. Vorländer, Siegen, 1989

[5] CETTO, Bruno: Die Mykorrhiza, Symbiose

zwischen Baum und Pilz in den

Wäldern, in: Der große Pilzführer,

Bd. 1, S. 14-22, BLV-Verlag, München,

Bern, Wien,1977

[6] HILBER, O. u. LELLEY, J.: Versuche

der Aktivierung und Revitalisierung

erkrankter Waldbestände durch Mykorrhiza-Impfung.

Abschlußbericht zum

Forschungsvorhaben des Ministeriums

für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft

des Landes NRW, 1992

[7] HILBER, O. u. WÜSTENHÖFER, B.:

Re-vitalisierung eines Fichtenbestandes

durch Mykorrhizapilze, Allgemeine

Forst-Zeitschrift,1992, 8, 370-371

[8] BECKER, Alfred; IRLE, Arnold und

LELLEY, Jan: Vitalisierungsversuche an

einer alten Eiche, in: Bäume als Zeitzeugen,

dargestellt an ausgewählten

Beispielen im Siegerland, Heft 3 der

Schriftenreihe der Landesforstverwaltung

NRW, Düsseldorf, 1996

[9] BECKER, Alfred; IRLE, Arnold und

LELLEY, Jan: Vitalisierungsversuch an

einer alten erkrankten Eiche, Allgemeine

Forst-Zeitschrift 5, 1999, S. 259-262

[10] KUTSCHEID, fernmdl. Mitt. 2006

[11] ANONYMUS, Witterungsberichte des

Forschungsinstituts Wasser und Umwelt

der Universität Siegen, Siegener Zeitung

vom 12.07.2006, S.4 u. 07.08.2006, S.4

71


Qualitätswanderweg „Kindelsbergpfad“

Das Erlebnis naturnaher Elemente und weiter Ausblicke

Aufgrund des großen Erfolgs der wandertouristischen Leitmarke „Rothaarsteig“

regte der Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein im Jahr 2003 eine „Qualitätsoffensive

Wandern“ an. Die Kommunen wurden aufgerufen, hierfür das vorhan-

dene heimische Wanderwegenetz unter touristischen Aspekten zu modernisieren.

In Kooperation mit der Stadt Hilchenbach, dem SGV (Sauerländischen Gebirgsverein),

den Waldbesitzern, der Jägerschaft, dem Forstamt Hilchenbach und der

Unteren Landschaftsbehörde wurde unter Regie der Stadt Kreuztal ein ca. 15 km

langer Wanderweg festgelegt, der den Kriterien eines „Premiumwanderweges“

nach dem Deutschen Wandersiegel standhält.

Die wichtigsten Stationen

Ausgangspunkt: Parkplatz der „Bernhard-Weiss-Klinik“ in Kredenbach

1 „Am Weinberg“. Weg durch Wiesen (Ruhebänke) mit Blick auf Kredenbach

und Dahlbruch.

2 „Loher Weiher“. Einstieg in den Wald auf einem schmalen Pfad, vorbei an

tiefen Gräben und den drei Weihern im Naturschutzgebiet „Loher Tal“, danach

weiter durch einen Fichten- und Buchenbestand mit Naturverjüngung.

3 Steinbruch „Am Witschenberg“. Weg bis an die Felder und Wiesen mit

Blick auf Dahlbruch und Müsen, weiter durch einen Fichtenbestand auf dem

Grenzdamm zwischen Müsen und Kredenbach.

4 „Grube Brüche“ mit Stollenmundloch „Untere Brüche“ (großer Rastplatz).

Auf schmalem Pfad durch Hauberg vorbei an den „Müsener Kampen“.

5 „Waldpark Brombach“ mit Sitzgruppen und Naturspringbrunnen. Weiter

auf einem breiten, wassergebundenen, beleuchteten Weg.

6 „Feldmanns Tannen“ (Ruhebank) mit Blick auf Müsen, Ginsburg und

Oberste Henn. Weiter auf ansteigendem Weg durch hohen Fichtenbestand.

7 Grubengelände „Wilder Mann“ (ehemaliges Gasthaus, Stollenmundloch).

Weg über ehemalige Abraumhalden und Anbindung an den Grubenlehrpfad.

8 Grube Stahlberg mit „Pingenfeld Stahlberger Stock“ (Müsener Klippen).

Von dort auf schmalen Pfaden bergauf.

72

von Rudolf Schmidt

und Katrin Stein


9 Blick auf „Grube St. Friedrich“

10 Blick auf „Grube Jungfer“. Weiter durch einen lichten Fichtenhochwald.

11 Martinshardt, 616 m ü. NN (Gipfelkreuz mit Buch). Weiter durch Nieder-

Hochwaldfi chten auf dem „Rippenweg“ (starke Wurzeln kreuzen den Weg)

und durch einen Fichten-Lärchenbestand.

12 Birkhahn, 604,5 m ü. NN. Weiter zum Parkplatz Kindelsberg mit „Trippler-

Quelle“ und Anbindung an den Waldschadenslehrpfad.

13 Kindelsbergturm, 618 m ü. NN (Raststätte und Aussichtsturm mit Rundumblick,

historische Wallanlage). Weg bergab Richtung Kreuztal.

14 Blick nach Ferndorf, Kredenbach, Kreuztal und ins Hütten- und Heestal.

Vorbei an „Hoffi nanns-Hütte“ (ehemals „Römmelches Hütte“).

15 „Waldesruh-Hütten“ und Stollenmundloch „Grube Gottessegen“ (Teichanlage

mit Bruchwald). Vorbei an der „Wilhelmsruh“ und weiter bergab.

16 Stollenmundloch „Grube Strumpf“

17 „Grube Glücksanfang“ (Reste des oberen Stollen)

18 „Rötsche Glücksanfang“

19 Stollenmundloch „Grube Jungermann“ (Winterquartier für Fledermäuse)

20 „Sonnenberger Rötsche“ (wertvolle Lebensräume auf Abraumgelände)

21 „Grube Kuhlenberg“

22 Ausläufer „Pingenfeld Abraham“. Abwärts auf schmalem Pfad.

23 „Martinshütte“ und Stollenmundloch „Grube Friedrichshoffnung“ mit

Quelle und Teich. Weiter auf breitem, ebenem Weg.

24 „Theodora-Hütte“ mit Stollenmundloch „Grube Theodora“

25 Quelle „Jungbrunnen“

26 Blick auf das Naturfreibad Zitzenbach

27 Steinbruch mit „Steinbruch Hütte“ (oberhalb). An der dicken Eiche vorbei

auf einem ebenerdigen Weg bis an die Felder und Wiesen.

28 „Schafstall“ / „Auf dem Scheidt“. Weg entlang des Waldrandes zurück

zum Ausgangspunkt mit Sicht auf Kredenbach.

100 Jahre Kindelsbergturm

73


gestrichelte Linie rund um

den Kindelsberg:

Lehrpfad „Waldschäden“

74


100 Jahre Kindelsbergturm

75


Lehrpfad „Waldschäden“

Der Lehrpfad „Waldschäden“ wurde

1994 mit Unterstützung der Waldbesitzer,

der Stadt Kreuztal, der Volksbank

Littfeld, der Fa. JH Kurth, der Werkstatt

des Kirchenkreises Siegen, des

Forstamtes Siegen-Nord, der BUND

Kreisgruppe und der SGV-Abteilung

Ferndorf-Kreuztal eingerichtet. Die

Lehrtafeln wurden von Klaus Tillmanns

gestaltet und werden von der Abteilung

Ferndorf-Kreuztal instand gehalten.

Ausgangs- und Endpunkt des gut 3 km

langen Rundweges (Wanderweg A 8)

liegen am Wanderparkplatz unterhalb

des Kindelsbergturms. Für die Informationen

und Beobachtungen rechnet

man mit einer Gehzeit von ca. 1 h. Der

Rundweg, der in einer Höhenlage zwischen

550 und 600 m verläuft, führt

durch abwechslungsreiche Wälder und

Parkplatz am Kindelsberg mit Wanderkarten

des SGV (Foto: Katrin Stein).

76

von Werner Schäfer

bietet reizvolle Aussichten ins Ferndorf-

und Littfetal und auch darüber

hinaus.

11 Informationstafeln erklären die Ur-

sachen des Waldsterbens, Krankheitsbilder

bei Fichten, Buchen und Eichen,

und weisen auf mögliche Maßnahmen

gegen das Waldsterben hin. Insbesondere

die Tafeln über Fichten, Eichen und

Buchen haben einen direkten Bezug zu

den links und rechts des Weges erkennbaren

Schäden an älteren Bäumen.

Dem Besucher soll damit ermöglicht

werden, auf seinem weiteren Weg

solche Schäden selbst zu erkennen.

Die Forstwirtschaft kann mit ihren Mitteln

keine direkte Maßnahmen gegen

diese Schäden durchführen. Düngungsmaßnahmen

zur Bodenverbesserung

kommen für viele Bestände bereits zu

spät. Auch waldbauliche Maßnahmen

scheiden zum Teil aus, weil bereits

fast alle Baumarten mehr oder weniger

stark erkrankt sind.

Eine Verringerung der Schadstoffemissionen

ist das einzig verfügbare

Mittel. Abgasreinigung und moderne

Verbrennungstechniken für Feuerungsanlagen,

Energieeinsparung durch bessere

Ausnutzung in der Energieumwandlung

und der Austausch fossiler

Brennstoffe durch umweltfreundlichere

Energien (Sonne, Wind und Wasser)

wären hierfür einige realisierbare

Möglichkeiten.


Warum ein Lehrpfad „Waldschäden“ ?

Unser Wald stirbt langsam und lautlos. Sein Siechtum erstreckt sich über

Jahre, oft Jahrzehnte. Dabei leiden die betroffenen Bäume des Waldes stumm.

Außerdem erscheint der Wald meist auf den ersten Blick grün und gesund.

Erst bei näherem Hinsehen lassen sich deutliche Schäden erkennen. Nur so

ist zu erklären, daß das Waldsterben nach anfänglicher Betroffenheit in den

80er Jahren heute aus den SchIagzeilen der Medien verschwunden ist, obwohl

insgesamt in den letzten 10 Jahren (Stand 1994) eine deutliche Verschlechterung

des Waldzustandes stattgefunden hat. Diesem schnellen Vergessen soll

der Lehrpfad „Waldschäden‘ entgegenwirken.

Auszug aus der Einführungstafel

Durch sparsamen Umgang mit der

Energie in den Bereichen Verkehr,

Haushalt, am Arbeitsplatz und auch

in der Freizeit helfen wir dem noch

lebenden Wald, helfen wir dem neu

gepfl anzten Baum und tragen dazu bei,

seine Zukunft als grünes Element in

Nadelverlust (Lamettaeffekt) an Fichten-

Althölzern 1983 (Foto: Kurt Görzel)

Auszug aus: Waldlehrpfad und Lehrpfad Waldschäden, in: Ferndorfer Dorfchronik, Bd. 2,

Hrsg. Verein zur Pfl ege der Dorfgemeinschaft in Ferndorf, 2004

100 Jahre Kindelsbergturm

unserer Gesellschaft zu sichern und mit

seinem vielfältigen Nutzen zukünftigen

Generationen zu erhalten.

Wir alle sind dazu aufgerufen und jeder

sollte den ersten Schritt unternehmen,

denn die Lage ist ernst.

Borkenkäfer Befall an Fichten-Althölzern

1983 (Foto: Alfred Becker)

77


Panoramatafeln

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Blick nach Nord-Osten

Blick nach Norden

Blick nach Nord-Westen


Fotos: Reinhard Becker

Druck: DIAS Werbung

100 Jahre Kindelsbergturm

auf dem Turm

Blick nach Westen

Blick nach Süden

Blick nach Osten

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