Flyer Berliner Lektionen 2011|12 - Berliner Festspiele

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Flyer Berliner Lektionen 2011|12 - Berliner Festspiele

Foto: gettyimages | Andreas Rentz

26.02.

Sonntag

2012

11:30 h Renaissance-Theater

The internet,

the worldstream,

& the death and rebirth

of the university

Vortrag mit Simultanübersetzung

Einführung: Manfred Lahnstein

David Gelernter

David Gelernter ist Zukunftsforscher – der Zukunft des Menschen

und der Technologie. Weil letztere unser Leben immer mehr be -

stimmt, ist ihre Entwicklung und die des Lebens in Ge sell schaften

untrennbar verbunden. Gelernters Idee, Computer parallel zusammenarbeiten

zu lassen (parallel computing), machte ihn 1991 zum

Vordenker des Internet. Er will den Computer stärker an die Funk -

tionsweise des menschlichen Gehirns anpassen – und nicht umgekehrt.

In seinen Augen behindern herkömmliche Desktop-Computer

das Informationszeitalter eher, als dass sie es befördern: Sie haben

unser Wissen über die Welt nicht vermehrt, sondern nur die

Informationen über ihr Funktionieren. »In der Zukunft werden wir deshalb

mit ›Cyberkörpern‹ verbunden sein, die im Computerkosmos treiben

– der auch als ›Schwarm‹ oder ›Cybersphäre‹ bezeichnet wird.«

Diesem ›Schwarm‹ können wir uns an verschiedenen Orten durch

Chipkarten Zugang verschaffen. Diese Vision aus dem Jahre 2000

findet man heute in den Social Media und der ›Cloud‹ verwirklicht. Es

ist eine von Gelernters zentralen Ideen, dass je weniger das Medium

bemerkbar ist, es desto mehr seinem, unserem Zweck dienen kann.

»In der Zukunft werden wir jede Menge Technik haben, und das

Schönste daran wird sein, dass wir nicht mehr an die Technik denken

müssen. Dankbar und erleichtert werden wir dann zu den Dingen

zurückkehren, die wirklich zählen.« Aber was ist es, das wirklich zählt?

Der Amerikaner David Gelernter (*1955) studierte Judaistik und In -

for matik an der Yale University, wo er heute Computerwissenschaft

lehrt. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher zur Informatik, zum Juden -

tum und Schöpfer von Romanen und Malerei. Er wurde 1993 bei

ei nem Briefbomben-Anschlag des ›Unabombers‹ Kaczynski verletzt.

Foto: Alex Vanhee

11.03.

Sonntag

2012

11:30 h Haus der Berliner Festspiele

[Achtung: anderer Veranstaltungsort]

Wer sind wir, wenn

wir hören?

Nachdenken über Klang,

Musik, Interpretation.

Eine Konzertrede

Einführung und eine Rede zum

Abschied der Berliner Lektionen:

Manfred Lahnstein

Jos van Immerseel

Das, was wir für »klassische Musik« halten, unterliegt Vor aus set -

zungen der Musikpraxis des 19. und 20. Jahrhunderts. Musik klang

jedoch noch bis vor 80 Jahren ganz anders als heute. Instrumente

haben sich verändert, ebenso wie Größen von Ensembles, Gefühl

für Geschwindigkeiten, Tonhöhen usw. Der belgische Dirigent und

Pia nist Jos van Immerseel (*1945) führt mit seinem 1987 gegründeten

Orchester Anima Eterna Brugge Werke so auf, wie die Kom -

ponisten sie im Ohr hatten. Mit historischen Instrumenten, in der

Spielpraxis der Zeit, flankiert mit Erkenntnissen von Musikgeschichte

und Instrumentenkunde. Dies als weltfernes Spezialistentum zu be -

zeichnen, ginge ganz an der Sache vorbei, denn Instrumente früherer

Zeiten waren noch nicht standardisiert. Von Epoche zu Epoche, von

Land zu Land und Erbauer zu Erbauer klangen sie ganz unterschiedlich.

Und in dieser Unter schiedlichkeit prägten sie die Komponisten.

Intention dieser hi sto risch aufgeklärten Musizierpraxis ist es, den

Klang erfahrbar zu ma chen, für den ein Komponist tatsächlich ge -

schrieben hat. Die Ergebnisse sind überraschend und neu, denn die

Werke entfalten in diesen Aufführungen ihre ganze Individualität, Kraft

und Charak teristik. Sie erhalten einen Farbenreichtum, eigenartige

Transparenz, beglückende Materialität. Seit Hörer, Konzert veran stal -

ter und Platten labels das erkannt haben, ist Jos van Immerseel in den

Konzert sälen dieser Welt unterwegs, sei es mit seinem Orchester

oder solistisch als Pianist. Sein Musizieren provoziert auch die Frage:

Wodurch ist unser Hören geprägt? Wo sind wir, wenn wir hören?

Jos van Immerseel besitzt eine große, wertvolle Sammlung histo -

rischer Flügel. Zum Finale der Berliner Lektionen bringt er drei seiner

Instrumente auf die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele.

anfangen und aufhören

Zum Finale der Berliner Lektionen

Als im Jahr 1987 die Bertelsmann-Stiftung und die Berliner Festspiele

die Berliner Lektionen begründeten, dachte niemand daran, sie länger

als eine Saison laufen zu lassen. Sie waren ein Geschenk zum 750.

Geburtstag der Stadt und sollten auch nicht mehr sein. Seitdem sind

25 Jahre vergangen. Die Berliner Lektionen, veranstaltet im schönen,

intimen Saal des Renaissance-Theaters, haben über diesen Zeitraum

hinweg das geistige Leben der Stadt geprägt. Sie haben wichtige

Fragen zur Zukunft der Stadt, zur neuen Rolle Berlins als Kulturmetro -

pole zwischen Ost und West und neu-alte Hauptstadt aufgeworfen. Sie

haben zur Selbstverständigung Berlins entscheidende Impulse gegeben

und den Berlinern die Begegnung mit Persönlichkeiten geschenkt,

die für die Stadt große Bedeutung hatten. In den letzten Jahren, als

Berlin stärker über den eigenen Tellerrand hinausblicken konnte, wurden

sie ein Forum der Debatte über einige der wichtigsten philosophischen,

politischen, künstlerischen und historischen Fragen unserer

Zeit.

Wir meinen, dass es neben dem Glück des Beginns und dem Mut,

etwas Gutes auf die Beine zu stellen, auch eine Tugend des Aufhörens

geben muss. 25 Jahre nach dem Anfang der Berliner Lektionen ist

dafür jetzt – auch mit dem anstehenden künstlerischen Leitungs -

wechsel bei den Berliner Festspielen – ein guter Zeitpunkt. Um für

etwas Neues Platz zu schaffen. Deshalb haben wir diese abschließende

»silberne« Saison mit dem Motto »anfangen und aufhören« überschrieben.

Anfang alles Denkens und Handelns ist das Fragen – eine

Tugend beinahe aller unserer Gäste. Am Ende aber steht das Aufhören.

Wir meinen es im doppelten Sinne als Hören auf etwas und als

aufhören mit etwas. Denn in der abschließenden Lektion mit Jos van

Immerseel verbindet sich das Hören mit dem Reflektieren über

Geschichte und Gegenwart und die Rolle der Künste im Leben der

Menschen.

Die Berliner Festspiele und die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Buce -

rius – seit 2004 Partner der Berliner Festspiele – danken einander

für die schöne freundschaftliche Zu sammenarbeit. Beide gemeinsam

aber danken wir Ihnen, dem Berliner Publikum, für den Zuspruch, die

Begeisterung, die Kritik und die immer überwältigende Resonanz über

die gesamte Laufzeit der Berliner Lektionen hinweg.

Ort

Eintritt

Vorverkauf

Tageskasse

Information

Leitung

berliner

lektionen

Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100

[Ecke Hardenbergstraße], 10623 Berlin

Am 11. März 2012:

Haus der Berliner Festspiele | Schaperstraße 24

Euro 10,– | ermäßigt: Euro 7,50 an der Tageskasse

Abonnement sämtlicher Lektionen Euro 48,– | erm. Euro 36,–

Internet | www.berlinerfestspiele.de

Kasse im Haus der Berliner Festspiele | Schaperstraße 24

Mo–Sa 14–18 Uhr | Tel. (030) 254 89 100

Kasse Renaissance-Theater | Knesebeckstraße 100

Mo–Fr ab 10.30 Uhr, Sa ab 10 Uhr, So ab 13 Uhr

jeweils bis 1 Stunde vor Beginn | Tel. (030) 312 42 02

1 Stunde vor Beginn im Renaissance-Theater

bzw. Haus der Berliner Festspiele ( am 11.03.2012)

Berliner Festspiele

Tel. (030) 254 89100 | www.berlinerfestspiele.de

facebook.com/berlinerfestspiele

twitter.com/blnfestspiele

ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Tel. (040) 41 33 66 | www.zeit-stiftung.de

Henrik Adler, Berliner Festspiele

Frauke Hamann, ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Eine Veranstaltungsreihe der Berliner Festspiele und der

ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius im Renaissance-

Theater Berlin

2011.12

berliner

lektionen

anfangen und aufhören

Anne Will

Rüdiger Safranski

Karl-Heinz Brodbeck

Jakob Augstein

Hans Joachim Schellnhuber

Gabor Steingart

Manfred Lahnstein

Jesper Juul

David Gelernter

Jos van Immerseel


Foto: Wolfgang Borrs

23. 10.

Sonntag

2011

11:30 h Renaissance-Theater

Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Fragen sind Anfänge. Geboren aus einer Irritation, Lücke oder

Fremdheit. Gute Fragen schaffen Raum für das Neue. Fragen können

Werkzeuge für ein Gespräch sein, sie können zu Denkbewegungen,

zum Austausch von Informationen und Argumenten führen. Ob sie routinierte

Sprechweisen, Kommunikationsrituale und Aneinander-Vor -

beireden aufbrechen können, hängt von der Kunst des Fragenstellens

ab. Worin sie besteht, lohnt die Debatte: Wie ereignet sich im Wechsel

von Fragen und Antworten oder unterschiedlicher Auffassungen und

Argumente ein neuer Gedanke, wie entsteht Verständnis für andere

Positionen und Perspektiven? Fast schon inflationär werden in TV-Talk-

Runden und einer Fülle publizierter Interviews aktuelle gesellschaft -

liche Probleme erörtert. Aber handelt es sich nicht vielmehr um

Inszenierungen von Gesprächen? Experten stehen öffentlich Rede und

Antwort, Millionen Zuschauer sehen das. Doch hören sie dem vielen

Reden auch wirklich zu? Verändern Diskussionen und Kontroversen die

Standpunkte, brechen sie eingefahrene Denk- und Sichtweisen tatsächlich

auf, oder bestätigen sie nur die einmal errichteten Fronten?

Wie also entstehen Denkbewegungen? Und wie überwinden wir die

Kluft zwischen Denken und Handeln?

Anne Will (*1966) ist Reporterin und Hörfunk- sowie Fernseh mode -

ratorin. 1999 war sie erste Moderatorin der ARD-Sportschau. Sechs

Jahre moderierte sie dann die Tagesthemen und erhielt dafür mehrere

Auszeichnungen. Von 2007 bis Mitte 2011 leitete sie am Sonntag -

abend ihre eigene Talk-Show, die durch ihre besondere Art zu fragen

zur erfolgreichsten Gesprächsrunde im deutschen Fernsehen wurde.

Seit Herbst 2011 läuft die Sendung, die sie mit ihrer eigenen Firma produziert,

jeden Mittwochabend.

Foto: Christian Ditsch

Die Kunst des Fragens

Einführung: Joachim Sartorius

Anne Will

Rüdiger Safranski

Karl-Heinz Brodbeck

Moderation:

Jakob Augstein

Prof. Dr. Rüdiger Safranski (*1945) ist Philosoph und Schriftsteller.

Anstoß seines Denkens, von dem er sagt, es gelte dem Bemühen, »in

säkularisierter Zeit den Absturz in Banalität« zu verhindern, sind die

großen Themen der Philosophie: die Wahrheit, das Böse, die Freiheit.

Er schrieb viel gerühmte Biografien u.a. über Arthur Schopenhauer

(1987) und Friedrich Schiller (2004), außerdem u.a. den Essayband

Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch? (2003) und Studien,

u. a. zur deutschen Romantik (2007). Safranski moderiert seit 2002

mit dem Philosophen Peter Sloterdijk im ZDF das Kultur gespräch

Philo sophi sches Quartett.

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck (*1948) ist Professor für Volks wirt -

schafts lehre, Kreativitätsforscher und Philosoph. Er problematisiert die

ethischen Grundlagen der Ökonomie und forscht zu sozialen und philosophischen

Implikationen von Wirtschaft. Dabei führt er eine buddhis -

tische Betrachtungsweise ein. Er postuliert, dass nicht wenige, sondern

wir alle es sind, die durch unsere Gier die Wirtschaft »machen«. Er

schrieb Werke zu Geldwirtschaft und Wirtschaftsethik. Zentrum seiner

philosophischen Arbeit sind erkenntnistheoretische Probleme und ihre

zirkuläre soziale Vermittlung.

Der Journalist Jakob Augstein (*1967) ist Verleger und Herausgeber

der Wochenzeitung Freitag. Er war lange Jahre bei der Süddeutschen

Zeitung u.a. als Chef der Berlin-Seiten und schrieb für DIE ZEIT.

Für Spiegel online schreibt er die Kolumne S.P.O.N. – Im Zweifel links,

und führt seit Anfang 2011 wöchentlich das politische Streitgespräch

Augstein und Blome mit Nikolaus Blome auf Phoenix. Als stellvertretender

Vorstandsvorsitzender betreut er die journalistischen Aktivitäten

der Rudolf Augstein Stiftung.

Foto: DBU Portrait

13.11.

Sonntag

2011 Sonntag

2011 Sonntag

2012

11:30 h Renaissance-Theater

11:30 h Renaissance-Theater

11:30 h Renaissance-Theater

Der tragische Triumph–

Das Leben eines Klimafolgenforschers

Einführung: Manfred Lahnstein

Hans Joachim

Schellnhuber

Klima sei »eines der kompliziertesten und überraschendsten Sys -

teme überhaupt«, erklärt Hans Joachim Schellnhuber. Der Potsdamer

Klima folgenforscher informiert und berät als Sachverständiger

Politik in Richtung auf ein Umdenken unserer Ressourcennutzung. Er

sieht viele Alternativen zur »technikverliebten Bequemlich keitsgesell -

schaft«: »Alle erfordern jedoch nicht die Reform, sondern die baldige

Überwindung des fossilnuklearen Komplexes. Die rücksichtslose

Suche nach Ersatz für fossile Energien wird die langfristigen Ver -

knappungs- und Verteuerungstendenzen nicht eliminieren können.«

Schellnhuber schlägt einen Gesellschaftsvertrag für das 21. Jahr -

hundert vor, um einen Übergang zur Nachhaltigkeit, ein Vorwärts zur

Natur im Sinne echten Fortschritts zu leisten. Doch inwiefern finden

Alternativszenarien überhaupt politisch und gesellschaftlich Gehör?

Welche Rolle spielt die wissenschaftliche Expertise bei der politischen

Willensbildung?

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber (*1950) ist Gründungsdirektor

des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Dieses weltweit einzige

Institut seiner Art erforscht fachübergreifend mögliche ökologische,

ökonomische und soziale Auswirkungen des globalen Klima -

wandels. Der Physiker und Mathematiker lehrt zudem Theoretische

Physik an der Universität Potsdam. Er gehört seit 1992 dem Wissen -

schaftlichen Beirat der Bundesregierung »Globale Umwelt verän de -

rungen« an und ist derzeit dessen Vorsitzender. Er war wissenschaftlicher

Chefberater der Bundesregierung während der deut schen

EU-Präsidentschaft und des G8-Vorsitzes 2007. Neben zahlreichen

fachwissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte Schellnhuber

(zusammen mit Stefan Rahmstorf) Der Klimawandel (2006).

Foto: Martin Simon

27.11.

Primat der Politik über die Wirtschaft

Gabor Steingart im Gespräch

mit Manfred Lahnstein

Gabor Steingart

Gabor Steingart ist überzeugt, dass wir Zeugen eines Zeitenwandels

sind. Der Aggregatzustand der Gesellschaft wechsle von fest zu flüssig

– Verlass sei nur noch darauf, dass auf nichts Verlass ist. In seinem

jüngsten Buch Das Ende der Normalität. Nachruf auf unser Leben,

wie es bisher war (2011) erläutert Steingart das derzeitige Welt -

finanz beben und analysiert, wie die Staaten es zu beherrschen versuchen.

Die beobachtbare »Verstaatlichung der Unvernunft« verhöhnt

die Erwartung der Bürger: Im Glauben an den »Primat der Politik« hatten

sie erwartet, dass die Politik eine Finanzkrise verhindern kann. Sie

erleben nun aber, dass die Politik »die Krise selbst nach Kräften befördert«

und der »Finanzindustrie einen ungehinderten Zugriff auf die

Gelder der Steuerzahler« verschafft hat. Angela Merkel sprach im Mai

2010 von einem Kampf der Politik mit den Märkten und versicherte:

»Ich bin fest entschlossen, diesen Kampf zu gewinnen«. Kann die

Politik ihren Primat über die Wirtschaft gewinnen oder ist sie hilfloser

Zuschauer entfesselter Märkte? Werden politische Interventions–

versuche mit immer neuen Spekulationen beantwortet?

Der Jour nalist und Wirtschaftspublizist Gabor Steingart (*1961) war

Reporter bei der Wirtschafts woche. Nach 20 Jahren beim Spiegel,

u. a. als Leiter des Hauptstadt-Büros und Washington-Korrespon -

dent, ist er seit 2010 Chefredakteur vom Handelsblatt. Steingart

veröffentlichte u.a. Welt krieg um Wohlstand. Wie Macht und Reich -

tum neu verteilt werden (2006) und Die Machtfrage. Ansichten eines

Nichtwählers (2009).

Prof. Dres. h.c. Manfred Lahnstein ist Kuratoriumsvorsitzender der

ZEIT-Stiftung. Er war Bundesfinanzminister und im Vorstand des

Bertelsmann-Konzerns und lehrt Kultur- und Medienmanagement an

der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.

Foto: Vanja Vucovic

29.01.

Was ist das Sein der Kinder in der Welt?

Einführung: Manfred Lahnstein

Jesper Juul

Soll man die Kinder bedauern, oder beneiden, heute Kind zu sein? Nie

war die Freiheit zu persönlicher Entfaltung größer als heute, nie größer

aber auch der Leistungsdruck. Zwischen dauerhaft enttäuschenden

PISA-Studien, Berichten über jugendliche Koma säufer und allgemeiner

Verunsicherung der Eltern ist das Kind ein Problem fall

geworden, dessen Lösung von größter gesellschaftlicher Be deutung

ist. Doch worin liegt sie – in altbekannter Strenge, oder dem Wegfall

jeglicher Erziehung? Weder, noch – ist Jesper Juuls Antwort. Kinder

seien von Geburt an sozial und emotional kompetent, aber sie bedürften

der Hilfe der Eltern in ihrer Entwicklung.1979 gründete er das

Kempler Instituttet für Familien therapie. 2007 kam Familylab hinzu,

eine international tätige Elternberatung.

Jesper Juul (*1948) hat zahlreiche Ratgeber publiziert, beispielsweise

Das kompetente Kind und Elterncoaching und schreibt regelmäßig

für skandinavische und deutsche Printmedien. Seine Theorien

begründen einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Familie,

Kin dern, Jugendlichen und Erwachsenen. Ausgangsbasis für jede

Eltern-Kind-Beziehung ist für ihn die Gleichwürdigkeit des Kindes,

die Selbstverantwortung und der Raum zur kindlichen Mit be stim -

mung. Herausfinden, wer das Kind ist, das sei eine wichtige Aufgabe

der Eltern. Über die Zukunft unserer Gesellschaften entscheidet, so

Juul, die Fähigkeit von Eltern, Verantwortung für das eigene Handeln

und die Beziehung zwischen sich und dem Kind zu übernehmen. Als

Familienwerkstatt legt er seinen Ansatz aus, als Raum zum Experi -

mentieren und gegenseitigen Kennenlernen. Damit möchte Juul eine

Kindererziehung ermöglichen, deren Ziel die seelische und soziale

Gesundheit des Kindes ist. »Sie müssen ihr Sein in der Welt

aus drücken können«, ist Juuls These, um ihr Kindsein zu meistern.

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