Kreuz und Quer

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Der Mann bewegt sich mit großer Bedächtigkeit.

Die einen würden vielleicht sagen „ganz

schön lässig“, die anderen eher „ziemlich vornehm“.

Günther-Maria Halmer selbst würde

vermutlich sagen, dass er sich da noch gar

keine Gedanken drüber gemacht hat, dass

er eben laufen würde, wie er nun mal läuft.

Obwohl er wahrscheinlich schon Wert darauf

legt, nicht für einen älteren, knochensteifen

Herren gehalten zu werden. Worauf man ja

vielleicht kommen könnte, wenn man liest,

dass der Mime Anfang Januar seinen 70. Geburtstag

gefeiert hat. Was so auch schon nicht

ganz richtig ist, denn einen richtigen Grund

zum Feiern sieht Halmer mit seinem leichten

Hang zum Grübeln und Granteln in so einem

Geburtstag nun auch nicht. Man müsse sich

vielmehr darüber im Klaren sein, dass die

Zukunft mit Siebzig deutlich kürzer würde.

„Eintritt ins Greisenalter“ nennt er den Tag,

der bestenfalls geeignet sei, einem die Endlichkeit

seines Daseins vor Augen zu führen.

Man stelle sich plötzlich ganz andere Fragen

und man würde zum Beispiel auch zeitliche

Einordnungen ganz anders vornehmen. „Wenn

die heute im Fernsehen über die olympischen

Spiele 2022 in Irgendwo sprechen, dann weiß

ich nicht, ob mich das überhaupt noch interessieren

sollte.“

„Ich lehne jede Form von

Künstlichkeit komplett ab!“

Skilaufen hat der Vater verboten,

weil ein Beinbruch von den

Vokabeln abgelenkt hätte:

Günther-Maria Halmer

Ansonsten meldet der Mime jedoch eine geistige

und vor allem auch körperliche Frische,

die ihn und den Gesprächspartner den runden

Geburtstag ohnehin vergessen lassen. Und alles

ohne Sport? Nur mit dem Geheimnis der

Langsamkeit? „Von wegen, ich versuche schon

den körperlichen Verfall aktiv zu beeinflussen,

gehe drei bis vier Mal – je nach zeitlicher

Möglichkeit – in der Woche zur Fitness. Das

brauche ich schon, um mich wohlzufühlen.“

Und das Ganze übrigens ohne Tabletten, denn

„ich lehne jede Form von Künstlichkeit eigentlich

ab.“ Überhaupt sei er gegen alles, was

gestylt ist. Er liebe zum Beispiel englische

Gärten, „weil die nämlich so wachsen, wie

sie wachsen.“ Was übrigens auch für seinen

persönlichen Kopfschmuck gelte. „Das ist ja

keine Frisur, das sind einfach meine irgendwohin

wachsenden Haare.“

„Da waren plötzlich Leute,

die waren so wie ich!“

Überhaupt darf im Leben des Günther-Maria

Halmer nichts wirklich reglementiert sein.

„Wenn’s richtig ist, wird’s schon dahin führen,

wo es richtig ist.“ Heute weiß er das, in der

Jugend sah die Sache da schon anders aus.

Die ersten Halmer-Jahre waren offensichtlich

geprägt von gewaltigen Selbstzweifeln. Der

Beim Streit mit Ann-Kathrin Kramer geht es G.H. Halmer nicht nur um den Dackel.

Aber auch um den Dackel.

PROMINENTE IN DER FREIZEIT

Zwei schauspielerische Lieblinge vor der Kamera:

Günther-Maria Halmer und Helmut Zierl.

Vater, ein Jurist, hatte wohl eine klassischbürgerliche

Ausbildungs- und Berufslaufbahn

für den Jungen vorgesehen. Das deckte sich

aber nun so gar nicht mit dessen Vorstellungen.

Zumal es in Leben und Schule auch

nicht rundläuft. Er verlässt die Schule ohne

Abschluss, geht frühzeitig zur Bundeswehr,

damit er wenigstens irgendetwas tut. Aber

auch das wird nichts. „Ich bin in 18 Monaten

noch nicht einmal Gefreiter geworden.“

Im Leben des inzwischen etwas über 20Jährigen

macht sich vermutlich Ratlosigkeit breit.

Er habe sich einfach wegsprengen müssen aus

dem alten Leben, aus der Umgebung seiner

Eltern. Günther-Maria Halmer geht nach Kanada.

„Da waren plötzlich Leute, die so waren

wie ich. Die haben frei gedacht, waren zornig.

Leute, die sich nichts sagen lassen wollten.

Sie waren freiheitsliebend. Und sie haben es

trotzdem zu etwas gebracht.“ Er arbeitet in

einem Asbest-Werk, sieben Tage die Woche.

Zum ersten Mal im Leben ist er so etwas wie

zufrieden.

Bei aller Zufriedenheit über seine neue Unabhängigkeit

weiß Halmer auch, dass das keine

endgültige Lebensbestimmung sein kann. Ein

Kumpel erzählt ihm von der Schauspielerei

und der Junge aus dem Dorf bei Rosenheim

fängt wieder Feuer. Er geht zurück nach

Deutschland, meldet sich an der Falckenberg-

Schule zur Prüfung an – und gehört zu den

Auserwählten. „Es war der glücklichste Moment

meines Lebens. Plötzlich habe ich die

Sonne gesehen.“

Und der Start einer höchst erstaunlichen Karriere.

Text: Thomas Reunert / Fotos: WDR

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