entwicklung, pädagogische innovationen, und forschu - Calico

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entwicklung, pädagogische innovationen, und forschu - Calico

WISSENSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN IM

COMPUTERUNTERSTÜTZTEN SPRACHUNTERRICHT:

ENTWICKLUNG, PÄDAGOGISCHE INNOVATIONEN,

UND FORSCHUNG

Gemeinsame Grundsatzerklärungen von CALICO, EUROCALL, und IALLT,

verfasst im Rahmen eines Forschungsseminars an der Universität Essen,

Deutschland, vom 30. April bis 1. Mai 1999

SINN UND ZWECK DIESES DOKUMENTS

Computerunterstützter Sprachunterricht, im anglo-amerikanischen Sprachraum als

“Computer Assisted Language Learning” (CALL) bezeichnet, ist ein relativ neues und

sich schnell entwickelndes, akademisches Feld, das die Rolle der Informations- und

Kommunikationstechnologien in den Bereichen Spracherwerb und Sprachunterricht

erforscht. Es bietet die Grundlage für hochaktuelles, innovatives, und äußerst kreatives

Denken und wissenschaftliches Arbeiten. Wegen der Vielfältigkeit und der dynamischen

Entwicklungen in diesem Arbeitsbereich, der die Entstehung neuer theoretischer,

methodologischer, und Lernpardigmen einschließt, sind tieferes Verständnis und

besondere Kenntnisse erforderlich, um die Qualität und Gründlichkeit solcher

wissenschaftlichen Aktivitäten einschätzen zu können. Dieses Papier richtet sich an

Hochschulinstitute und sonstige akademische Einrichtungen, an wissenschaftliche

Vereinigungen und Entscheidungsorgane. Ziel ist es einerseits, ein besseres Verständnis

der Bandbreite und der Variabilität von CALL zu ermitteln und andererseits einen

Rahmen und nützliche Hinweise für die Berurteilung von Entwicklungen, pädagogischen

Innovationen, und Forschungsprojekten von CALL zur Verfügung zu stellen.

EINLEITUNG

Es liegt in der Natur des Computerunterstützten Sprachunterrichts, daß er multidisziplinär

ist. Er basiert auf Forschungsergebnissen in den Bereichen von Zweitspracherwerb

(Second Language Acquisition, SLA), Soziologie, Linguistik, Psychologie,

Kognitionswissenschaft (Cognitive Science), Landeskunde (Cultural Studies) und

Maschinelle Sprachverarbeitung (Natural Language Processing, NLP) in Bezug auf die

Zweitsprachpädagogik, und es verbindet diese Disziplinen mit technologiebezogenen

Gebieten, z. Bsp. Informatik, Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence, AI), und

Medien- und Kommunikations-wissenschaften. Bei der Integration dieser Disziplinen

verlangt die Arbeit im Bereich des Computerunterstützten Sprachunterrichts, CALL, eine

große Vielfalt komplexer Aktivitäten und Entwicklunginitiativen, pädagogische

Innovationen und Forschung. Wie aus der wachsenden Technologiepräsenz auf

professsionellen Konferenzen und Publikationen sichtbar wird, erkennen Wissenschaftler

aus den Bereichen des Sprachunterrichts und der Angewandten Linguistik den Wert der

Arbeiten in CALL an, und sie benutzen die Ergebnisse der CALL Forschung und der

päagogischen Innovationen, um die Forschung in ihren eigenen Gebieten zu fördern.


In der Anfangszeit des CALL schränkte die Computerhardware die pädagogischen

Möglichkeiten ein. Heutzutage nutzen CALL Aktivitäten die verbesserte Technologie, um

interaktive, virtuelle Lernwelten zu gestalten, und sie liefern eine effektive Unterstützung

zum Erwerb der Hör-, Sprech-, Lese-, und Schreibfähigkeiten. Schnelle Netzwerke

ermöglichen den Zugang zu authentischen, landeskundlichen Materialien und verbinden

die Lerner mit Sprechern aus aller Welt. Wenn diese neuen Technologien in eine

pädagogische Planung eingebunden werden, erweitern sich die Lernmöglichkeiten über

den Rahmen des bisher Möglichen. CALL Forscher untersuchen und bewerten diese

neuen Unterrichtsmöglichkeiten um festzulegen, wie diese Möglichkeiten am besten in

eine effektive Pädagogik integriert werden können. Sie erforschen ebenfalls, was uns

diese neuen Unterrichtsansätze über den Spracherwerbprozeß sagen können.

AKADEMISCHE RICHTLINIEN IN CALL

Wissenschaftliches Arbeiten in CALL umfaßt die Entwicklung von virtuellen Lernwelten,

pädagogischen Innovationen, und Forschung über Lehr- und Lernmethoden und

Zweitspracherwerb. CALL Forscher können sich auf ein oder mehrere Gebiete

spezialisieren, während sie sich mit der systematischen Erforschung beschäftigen, um

neue Information zu suchen, neue Theorien hervorzubringen oder zu revidieren, und um

neue Lernwerkzeuge zu entwickeln. Mit Blick auf die Bedürfnisse und Ziele eines

Projekts oder einer Institution können pädagogische, finanzielle oder studentische

Bedürfnisse die Suche nach neuen auf Technologie basierenden Materialien und

verbesserten Unterrichtsansätzen vorantreiben. Die Entwicklung solcher CALL Lösungen

führt zu neuen praktischen Anwendungen und zu zusätzlicher Forschung. Erfolg (oder

Mißerfolg) in diesem Zyklus ermöglicht ein besseres Verständnis von CALL und

entwickelt neue Theorien für den Zweitspracherwerb (SLA). Bei der Festlegung von

Kriterien für akademische Richtlinien, Bewertung, Anerkennung, und Belohnung muß

Arbeit in CALL in einem multidisziplinären Kontext analysiert und in Bezug auf

Entwicklung, pädagogische Innovationen und Forschung bewertet werden.

Entwicklungen

CALL Forscher, die in der Software-Entwicklung arbeiten, sind mit vielfältigen

komplexen Aufgaben beschäftigt. Sie entwickeln Autoren-Werkzeuge und Programme

für Sprachlehrer, damit diese neue interaktive Unterrichtsmaterialien herstellen können.

Sie entwickeln hochwertige Multimediainhalte, indem sie einschlägige Dokumente

erforschen und zusammentragen, und indem sie neue landeskundliche Materialien für

gedruckte und audiovisuelle Medien entwickeln. Sie entwerfen und programmieren auch

interaktive virtuelle Lernwelten, was eine Kombination aus komplexen technischen

Fähigkeiten und Fachwissen in Design und Pädagogik erfordert. Recht häufig basieren

Entwicklungsprojekte auf vorheriger Forschung und/oder schließen neue

Forschungspläne ein, in denen die Materialien mit Lernern getestet werden und in denen

die daraus resultierenden Daten in den Entwicklungsprozeß selbst integriert werden.


Pädagogische Innovationen

Pädagogische Arbeit in CALL bedeutet typischerweise, daß man bereits vorhandene

Materialien übernimmt und an die Bedürfnisse eines speziellen Kurses oder eines

speziellen Unterrichtsprogramms anpaßt. Standardsoftware kann selten unverändert

eingesetzt werden. Im Normalfall sind erhebliche Anpassungen und Ergänzungen

erforderlich, um die Technologie in den Lehrplan in einer Weise zu integrieren, die die

Lernmöglichkeiten und den Sprachgebrauch maximieren. Deshalb erfordern

pädagogische Innovationen von den Lehrkräften heutzutage nicht nur, daß sie

pädagogisch kompetent sind, sondern auch, daß sie darüber Bescheid wissen, was sich

auf dem Gebiet der technologischen Entwicklung tut und wie die neuesten Geräte als

Lehr- und Lernwerkzeuge eingesetzt werden können. Eine andere wichtige Möglichkeit,

Technologie in leistungsfähige virtuelle Lernwelten zu intergrieren, ist es, dem

Lernenden selbst die kreativen Softwarewerkzeuge in die Hand zu geben, und Lehrpläne

zu entwickeln, die die Kreativität des Lernenden in effektive Sprachlernaktivitäten

lenken. Unter der fachkundigen Führung einer Lehrkraft können Lerner wertvolles

Sprachtraining erhalten, indem sie landeskundliche Webseiten erstellen, Videoprojekte

entwerfen, und mit Lernern in anderen Städten und Ländern Kontakt aufnehmen in auf

dem Internet basierenden, mehrbenutzerfähigen, und interaktiv-virtuellen Welten. In eben

diesen pädagogisch innovativen virtuellen Welten ermitteln Forscher, wie auf

Technologie basierendes Lernen den Prozeß des Spracherwerbs beeinflußt.

Forschung

Die Forschung im Bereich von CALL weitet sich kontinuierlich in neue

Forschungsbereiche aus, stützt sich dabei auf Theorien aus verwandten Bereichen, und

erstellt ihre eigenen theoretischen und methodologischen Paradigmen. Die Terminologie

ist vereinheitlicht worden, Referenzpunkte etabliert, und die Forschung wird in eine

bedeutsame Anzahl von CALL Untergruppen organisiert. CALL Forschung kann sich auf

qualitative Studien wie zum Beispiel die Beschreibung von neuen virtuellen Lernwelten

beziehen, auf die Antworten der Studenten um die Benutzeroberfläche zu

programmieren, auf Reaktionen für diverse Formen der Informationsdarstellung, und auf

die Erfassung der Verhaltensmuster der Studenten innerhalb dieser virtuellen Lernwelten.

Sie kann sich auch auf quantitative Studien beziehen, wie zum Beispiel das Testen des

Erwerbs von phonologischen und syntaktischen Elementen, die systematische

Erforschung psycholinguistischer und soziolinguistischer Variablen, sowie ihr Einfluß

auf das Lernen mit Technologie, und auf die statistische Analyse der Effektivität

alternativer Unterrichtsstrategien.

Auf Technologie basierende Spracherunterrichtsmaterialien können den

Forschungsaspekten des Spracherwerbs ein höherwertiges Umfeld zur Verfügung stellen.

Zum Beispiel könnte eine CALL Forschungsstudie eine Hypothese, die von der

Forschung des Zweitspracherwerbs (SLA) erbracht wurde, entweder bestätigt oder

widerlegt werden. Die Prozeßorientierung eines Großteils der aktuellen SLA Forschung

kann in bedeutenem Maße von der Datensammlung und Datenanalyse profitieren, die aus

den CALL Materialien über das Benutzerverhalten von Studenten gesammelt wird.


Studien, die den Lernvorgang der Studenten mit diesen Materialien untersuchen, leisten

unserem Fachwissen über den Zweitspracherwerb (SLA) und die Entwicklung der CALL

Theorie selbst einen Beitrag, das heißt, das Verstehen, auf welche Art der Gebrauch von

Technologie den Lernprozeß beeinflußt.

ZUSAMMENFASSUNG

CALL stützt sich auf empirische und theoretische Arbeiten in vielen Fachgebieten und

bringt wesentliche Forschungsergebnisse ein, neue Perspektiven, und eine gründlichere

Einsicht in die Eigenart des Sprachlernens und der Interaktion von Mensch und

Technologie. CALL produziert auch Softwarewerkzeuge, Lernmaterialen, und

pädagogische Ansätze mit unmittelbarem Nutzen und bereichert damit die

Sprachlernprogramme. Hauptziel praktisch jeder Bildungsinstitution ist es, den Einsatz

computerunterstützter Lernsysteme zu erhöhen. Dennoch haben nur wenige Institutionen

brauchbare Kriterien für die Beurteilung solcher Lernsystem entwickelt oder Richtlinien

für die genaue Bewertung und Belohnung derjenigen formuliert, deren Beiträge unser

Verständnis dieses Wissensgebiets avancieren. Die Bewertung pädagogischer

Innovationen, Entwicklung, und Forschung in CALL kann auf

Einschätzungsmechanismen basieren, die so objektiv sind wie die aus anderen

Forschungsgebieten. Solch eine Einschätzung setzt ein Verständnis der besonderen

Herausforderungen von CALL voraus, das immer noch nicht weitverbreitet in

Sprachabteilungen und akademischen Institutionen vorhanden ist. Effektive

Bewertungssysteme müssen sich auf aktuelles, organisiertes, und nachweisbares Wissen

nationaler und internationaler Experten auf diesem Wissensgebiet stützen.

Referenzen zu Dokumenten, Organisationen, und Experten auf diesem Fachgebiet, und

zu letztendlich modellhaften Einschätzungssystemen können bei führenden

Organsationen wie EuroCALL, www.eurocall.org, Computer Assisted Language

Instruction Consortium (CALICO), calico.org, und International Association for

Language Learning Technology (IALL), iallt.org, bezogen werden.

Ratifiziert von der CALICO Mitgliedschaft am 16. März 2001

Dieses Dokument wurde von Olaf Böhlke (Creighton University) mit Hilfe von Burkhard

Leuschner, Klaus Roesener, Ruth Sanders und Bernhard Szeifert übersetzt.

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