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ätselhaft genug vorkommt“. 1 Und man könnte die Frage noch eine Stufe weiter forcieren: Wie

schafft es das Sehen oder besser das Gesehene zur Handlung zu werden? Oder um einen

größeren Projektfokus zu benennen: Es geht mir im Anschluss an die Frage „How to do things

with words“ um die Frage „How to do things with pictures”?

Diese Frage wird heute aber nicht im Zentrum meines Sprechens stehen – sie wird in ihrer

fundamentalen Art auch sicherlich nicht durch mich beantwortet werden können. Es soll heute

vielmehr im Rückgriff auf das Bild um die Frage gehen, wie das Sichtbare – und eventuell

Evidente – zur Sprache und zur Handlung wird?

Dazu muss aber der Begriff des Evidenten, des Augenscheinlichen, selbst zunächst geklärt

werden. Evidenz scheint eine der Medienfunktionalismen zu sein, die die Sprechweise populärer,

aktueller und kommonsensueller Mediensysteme gewährleistet. Wie aber überhaupt wird Wissen

zu Bild? Wie wird Wissen visuell artikulierbar? Aus welchem metaphorischen, symbolischen oder

diskursiven System artikuliert sich ein Bild und wie wird es als Sprache kommunikabel und damit

zur der Handlung? Ist das Evidente eine Form der Wissensartikulation?

Maßgeblich durch die Arbeiten Tom Holerts 2 lassen sich auf dieser Ebene der Medienanalyse

Figuren der Evidenz charakterisieren. Strukturfunktional oder medienpolitisch ließe sich

sicherlich aus der aktuellen Diskussion um diesen Begriff eine Art von ad-hoc Definition finden.

Evidenz wäre so verstanden eine Art von

Zeigehandlung, die mediengestützt (wenn

nicht gar medienspezifisch) eine Art von

Wahrheitsbeweis mit dem Medium im

Medium herstellt.

Am Beispiel Rudolf Scharpings lässt sich

dies exemplarisch gebündelt darstellen. Hier

wird das hochgehaltene Foto zum Werkzeug

der Evidenzerzeugung, indem auf eine

„Selbsterklärende Kraft des Bildes“

verwiesen wird, in dem eine bestimmte

Materialität benutzt wird, um eine

Authentizitätsstrategie herzustellen. Eine spezifische „Offensichtlichkeit“ scheint auf einer

Degradation des Sichtbaren zu beruhen und diese einstmalige Sichtbarkeit durch bildlose, blinde

Bilder zu ersetzen. Ein Imperativ des „Überzeugen statt Bezeugen“ erzeugt den „Imperativ des

Sichtbaren“: „geglaubt wird nur was gesehen wird“ 3

Evidenz könnte also verstanden werden als eine Geste des „Hochhaltens von blinden

Bildern“ um vorgebliche Wahrheitsbeweise zu erzeugen. Evidenz also als eine Art von

Überzeugungsarbeit. Es muss kaum darauf hingewiesen werden, dass ein wissenschaftliches

Argumentieren (nicht zuletzt ein Argumentieren am Bild wie im Moment vorgeführt) selbst

gerade genau dasselbe tut.

Und somit degradiert sich der definitorische Versuch als tautologisch. Die Zeigehandlung am

Beweisbild ist als eine tradierte Rhetorik erkennbar, die jedem symbolischen Ausdruckssystem

innewohnt. Um nun im Verlauf meiner Ausführungen vielleicht doch noch zu einer anderen

These zu gelangen, wie sich die Figur des Evidenten im Medium umreißen lässt, möchte ich

einen anderen Weg gehen. Dazu aber ist ein Umweg nötig, ein Umweg über die Frage, wie das

Fernsehen sich artikuliert, wie es „spricht“. Im Vorgriff will ich Ihnen nun den Abstract meiner

These liefern: Ich möchte vorschlagen, dass die Sprachform des technischen Bildmediums neben

1 Ludwig Wittgenstein (1977 [1958]) Philosophische Untersuchungen II. In: ders. „Philosophische

Untersuchungen“, hrg. von Anscombe / Wright / Rhees, Frankfurt/M., S. 340.

2 bspw. Holert, Tom (2002): Evidenz-Effekt. Überzeugungsarbeit in der visuellen Kultur der Gegenwart. In:

Matthias Bickenbach / Axel Fliethmann (Hg.): „Korrespondenzen. Visuelle Kulturen zwischen Früher

Neuzeit und Gegenwart“, Reihe Mediologie Bd.4, Köln, S. 198-225; ders. (2002): Visuelle Kultur,

Repräsentationskritik und Politik der Sichtbarkeit. In: ders. (Hg.): "Imagineering. Visuelle Kultur und

Politik der Sichtbarkeit", Jahresring 47: Jahrbuch für Moderne Kunst, Köln. Oktagon.

3 Alle Zitate: Tom Holert in: Bickenbach „Korrespondenzen“ (vgl. Anm.2).

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