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das singuläre technische Bild, das ja durchaus Aussagecharakter hat, vorgeblich an

Überzeugungskraft. Hierin verlieren die Bilder ihre intuitive Verständlichkeit und werden zur

Sprachform oder präziser: zur Bildrhetorik. Verkürzt könnte man sagen, dass in der allgemeinen

Wahrnehmung die Sprachlichkeit des Bilds deswegen nicht wahrgenommen wird, weil das Bild

sich zu „primitiv artikuliert“.

Meine These aber ist nun, dass hinter dem vorgeblichen „Lallen und Stammeln“ des

technischen Bildes ein hochgradig aufgeladenes und vor allem an die Diskurse rückgekoppeltes

Artikulationssystem wirkt, das nicht abbildend und nicht ikonisch agiert. Wie lässt sich dies aber

analytisch und theoretisch anpacken? Wie lässt sich die Rückbindung von Film und

intersubjektivem Sprachdiskurs konstruieren ohne wieder in die Falle der (Film-)Semiotik

zurückzufallen?

Die „Lösung“ eines solchen Problems liegt meines Erachtens in der Weiterführung der

ideologiekritischen Variante der Apparatustheorie der 70er. 12 Hier tauchte ja schon die Frage auf,

wie es das technisch hergestellte Bild des Kinos schafft mit der Realität verwechselt zu werden,

ein Fenster zur Welt zu öffnen und dabei vor allem seine Gemachtheit zu verschleiern. Hartmut

Winkler hat in seiner Lesweise 13 dieser Auseinandersetzung, die „Lücken“ der Apparatustheorie

in der Erklärung der Herstellung der Transparenzordnung dahingehend ergänzt, als Transparenz

eben nicht nur apparativ, sondern auch symbolisch (im Sinne der Referenz) hergestellt wird.

Jenseits des dort verhandelten Problemfeldes geht es Winkler hier auch um die Frage, wie eine

symbolische Theorie des technischen Bildes dazu verwendet werden kann den ideologiekritischen

Ansatz um das Sprachlich-Symbolische zu ergänzen. Den etwas fruchtlosen Versuchen der

Filmsemiotik stellt Winkler einen „gröber geschnitzten“ Ansatz gegenüber, der sich maßgeblich

an der Gestalttheorie orientiert, der dabei aber die Probleme der frühen Filmsemiotik - also

beispielweise das singuläre Bildzeichen zu identifizieren - den Ansatz gegenüber stellt, quasi ad

hoc die Sprachlichkeit des Bildes zu unterstellen und eher nach Fragen der Instantiierung und

Dynamisierung dieser sprachliche Zeichen zu fragen. Der Ausweg hierbei ist es, nicht nach dem

Bildzeichen zu fragen, sondern – im Rückgriff auf die Gestalttheorie – nach den distinkten

Bildgestalten. Ich möchte sie hier nicht mit den Auseinandersetzungen zum Gestaltbegriff

langweilen. Kurz gesagt: die chronotope und distinkte Gestalt selbst wird zum Zeichenäquivalent,

also zum distinkten Moment der Analyse erklärt.

Gestalten bauen sich auf in der wiederholten Wahrnehmung. Jede wahrgenommenen Gestalt

trifft auf den Resonanzboden bereits wahrgenommener Gestalten und Konzepte . So schlicht

konturiert entsteht ein Mechanismus der Konventionalisierung durch Wiederholung von

Bildgestalten als symbolische Ordnung des technischen Bildes. Bis hierhin aber kaum Neues.

Denn Überlegungen, die Wiederholung selbst zum Einübungsplatz des Zeichens zu machen, sind

nun wahrlich nicht neu. Verwiesen sei hier beispielsweise auf die Arbeiten Edgar Morins oder

Nelson Goodmanns, 14 mithilfe deren sich verargumentieren lässt, dass der Mechanismus der

Zeichengenese auf faktischer Wiederholung gegründet ist. Das Klischee, die Wiederholung ist

bei Morin somit der Preis, den das Medium technisches Bild „bezahlen“ muss, um lesbar zu sein.

Die maßgebliche Frage ist doch vielmehr, wie diese subjektive Theorie der Wahrnehmung

intersubjektiv gemacht werden kann; wo ist die Verbindung zwischen der individuellen

Wahrnehmung der Bildgestalt oder der Bildmetapher und der verallgemeinerbaren

Wahrnehmung - und damit natürlich auch: der ideologischen Wahrnehmung? Und hier greift die

12

exemplarisch: Baudry, Jean-Louis (1994): Das Dispositiv: Metapsychologische Betrachtungen des

Realitätseindrucks. In: „Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“, hrg. von Margarete

Mitscherlich, Jg.48, Heft 11, Nov. ; Comolli, Jean-Louis (1986): Technique and Ideology: Camera,

Perspective, Depth of Field (Part 3 and 4). In: Phillip Rosen (Hg.): "Narrative, Apparatus, Ideology", New

York.

13

Winkler, Hartmut (1992): Der filmische Raum und sein Zuschauer. `Apparatus´ - Semantik – Ideologie.

Heidelberg

14

Morin, Edgar. (1958) Der Mensch und das Kino. Stuttgart; Nelson Goodman (1990): Weisen der

Welterzeugung, Frankfurt/M..

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