Imperialismus und Erster Weltkrieg - C.C. Buchner

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Imperialismus und Erster Weltkrieg - C.C. Buchner

Imperialismus und

Erster Weltkrieg

Kaiser Wilhelm II. verabschiedet Soldaten,

die in China kämpfen sollen.

Foto, vom 27. Juli 1900 aus Bremerhaven.

162


„Pardon wird nicht gegeben!“

„Wenigstens das!“ Reichskanzler Gustav Adolf zu Hohenlohe-

Schillingsfürst legte die Zeitungen, die ihm sein Sekretär vorgelegt

hatte, mit einem leisen Seufzer, aber doch etwas beruhigt

auf den Schreibtisch zurück.

Eigentlich hatte er auch im Ausland dieselbe Empörung befürchtet

wie bei den Liberalen und Sozialdemokraten in

Deutschland. Von ihnen war nichts anderes zu erwarten, aber

er musste zugeben: Die Rede Kaiser Wilhelms II. war wirklich undiplomatisch

gewesen. Und dabei hatten er und alle anderen,

die es gut mit Seiner Majestät meinten, ihn dringend um Mäßigung

gebeten, ja geradezu angefl eht, auf seine Worte zu achten.

Aber nein! Alles lief ab wie immer in letzter Zeit: Als der Kaiser

vor den Soldaten stand, die er nach China verabschieden

sollte, konnte er der Versuchung auch hier nicht widerstehen,

große und markige Worte an sie zu richten. Richtig in Rage hatte

er sich geredet und dabei jede Zurückhaltung verloren. Die

deutschen Soldaten sollten in China die Ermordung des deutschen

Gesandten in Peking durch einen chinesischen Soldaten

blutig rächen und so die Ehre des Deutschen Reiches wiederherstellen.

Dabei sollten sie wüten wie einst die Hunnen während

der Völkerwanderung. Das Ganze gipfelte in den schlimmsten

Sätzen: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht

gemacht!“ Selbst diejenigen, die den Kaiser immer entschuldigten,

meinten, dass er sich und dem Deutschen Reich damit

schweren Schaden zugefügt habe.

„Mein Gott, natürlich müssen wir verhindern, dass die Chinesen

uns den Zugang zu ihren Häfen verwehren!“, dachte der Reichskanzler.

„Schließlich geht es um unsere Handelsinteressen. Und

die sind berechtigt. Warum sollten wir China den Russen, Briten,

Japanern und Amerikanern allein überlassen? Es schadet überhaupt

nicht, den anderen Staaten zu zeigen, dass sich das Deutsche

Reich wehren kann und sich auch wehren wird. Aber muss

es gleich so drastisch sein?“

Je länger sich der Kanzler mit der „Hunnen-Rede“ beschäftigte,

wie alle Welt sie bereits nannte, desto besorgter wurde er: Zwar

stand in der englischen Zeitung Daily Telegraph, die Worte des

Kaisers seien „vielleicht die einzige Formel ..., die Asiaten verstehen“,

und im Übrigen habe Großbritannien in Indien nicht anders

gehandelt! Die russischen Zeitungen sahen im Vorgehen

des Deutschen Reiches auch nichts anderes als „ein richtiges

und gesundes Urteil über den grausamen Feind“. Aber all das

änderte nichts daran, dass beide Staaten das Deutsche Reich

schon seit Jahren als Konkurrenten um Kolonien und Stützpunkte

in Übersee betrachteten. Die unbedachten Äußerungen

Seiner Majestät bestärkten sie nur darin, das Deutsche Reich als

lästigen „Störenfried“ und „Säbelrassler“ abzustempeln, vielleicht

sogar als einen gefährlichen Kriegstreiber. Welche Folgen

das haben konnte, war klar. Freunde und Verbündete machte

man sich so jedenfalls nicht!

Dieter Brückner

Geschichte erzählt

163


Einblick –

Orientierung gewinnen

Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1900 seine

„Hunnen-Rede“ hielt (siehe Seite 163), war der Wettlauf

der europäischen Großmächte um Kolonien in Übersee

fast abgeschlossen – es gab kaum noch begehrte Gebiete

in Übersee.

Nach 1815 hatte Europa eine lange Friedenszeit erlebt.

Ende des 19. Jh. wuchsen die Spannungen zwischen dem

Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Russland, Großbritannien

und Frankreich in Afrika, Asien und auf dem

Balkan. Die Unruhen in China, die der Rede Wilhelms II.

vorausgingen, reihten sich ein in viele Krisen und Konfl

ikte, die 1914 zum Krieg zwischen den europäischen

Großmächten führten. Als 1917 auch die USA eingriffen,

weitete er sich zum Weltkrieg aus.

Der Erste Weltkrieg entwickelte sich zum mörderischsten

Krieg, den es bisher gegeben hatte. Sein Verlauf löste in

einigen Krieg führenden Staaten Veränderungen aus –

besonders weitreichend waren sie in Russland, wo nach

1917 eine kommunistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

eingeführt wurde.

Um die Entwicklungen und Ereignisse zu verstehen, beschäftigst

du dich im folgenden Kapitel u. a. mit folgenden

Fragen:

– Was wird unter „Imperialismus“ verstanden und aus

welchen Gründen strebten die europäischen Großmächte

nach Kolonien?

– Welche Folgen hatten ihre Eroberungen für die von

ihnen beherrschten Gebiete?

– Wie verschlechterten sich durch den Wettlauf um Kolonien

die Beziehungen der Großmächte untereinander?

– Wie veränderte sich die deutsche Außenpolitik unter

Kaiser Wilhelm II.?

– Weshalb führte die Politik der europäischen Großmächte

im Jahr 1914 in den Krieg?

– Warum wurde der Krieg zum Weltkrieg und welche Opfer

wurden Soldaten und Zivilbevölkerung abverlangt?

– Warum wird 1917 als „Epochenjahr“ bezeichnet?

– Unter welchen Voraussetzungen endete der Krieg für

das Deutsche Reich?

164 Einblick

1 Britischer Kolonialbeamter in Indien.

Foto um 1870.

Die britischen Beamten in Indien umgaben sich meist mit einer

aufwändigen Dienerschaft. Ein Grundsatz britischer Selbstdarstellung

lautete: „Das Prestige des weißen Mannes muss hochstehen,

wenn eine Handvoll Weißer für Kontrolle und Lenkung

von Millionen verantwortlich sein soll.“

2 Werbung für Kolonialwaren.

Anzeige aus der Zeitschrift „Kolonie und Heimat“, 1907.

Am Ende des Kapitels kannst du die Folgen des Imperialismus

beschreiben, dich kritisch mit der Formulierung

auseinandersetzen, dass Kriege „ausbrechen“ und erste

Antworten auf die Frage geben, warum einige Historiker

heute den Ersten Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20.

Jahrhunderts“ bezeichnen.

1871: Das Deutsche Kaiser-

reich wird nach drei Kriegen

gegründet; die „zweite Welle“

der Industrialisierung beginnt

ab 1879: Bismarck schließt

Bündnisse mit Österreich,

Russland und Italien, um

Frankreich zu isolieren

1888: Wilhelm II. wird

Deutscher Kaiser

1890: Bismarck tritt als

Reichskanzler zurück

1875

D A S I M P E R I A L E

1850 1860 1870 1880 1890


3 „Imperial

Federation

Map of the

World.“

Beilage der

Zeitung

„The Graphic“

vom 24. Juli

1886.

Das Bild zeigt

das britische

Weltreich mit

seinen Schifffahrts

linien.

Eine kleine eingefügte

Karte

verdeutlicht die

Gebietsgewinne

seit 1786,

Statistiken

geben zusätzlich

Auskunft

über Geografi e,

Bevölkerung

und Handel.

4 Kampfgelände von Armentières (Frankreich).

Foto vom April 1918.

1914: Der Erste

Weltkrieg

beginnt

(1. August)

Z E I T A L T E R

1914

1900 1910

um 1910: Das Deutsche

Reich ist außenpolitisch

isoliert

1918: Die Oberste Heeresleitung

des Deutschen Reiches fordert

Waffenstillstandsverhandlungen

und politische Reformen (29. Sept.)

1918: In Berlin wird am 9. November

die Republik ausgerufen

1918: Der Erste Weltkrieg endet

für Deutschland (11. November)

1920

1917: Am 6. April treten

die USA in den Krieg ein

1917: In Russland wird im Februar eine

Republik ausgerufen, acht Monate später

übernehmen die Bolschewiki die Macht

mit Gewalt (Oktoberrevolution)

5 Verdun-Gedenkstätte.

Foto von 1985.

Bei Verdun starben etwa 700 000 Menschen.

In dem zwischen 1920 und 1932 errichteten

Beinhaus von Douaumont (franz. Ossuaire de

Douaumont) werden die Knochen von über

130 000 unbekannten deutschen und französischen

Soldaten aufbewahrt.

Orientierung gewinnen 165

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